Der Räuber Matthes

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der Räuber Matthes
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 57-61
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[57]
16. Der Räuber Matthes.

Vor vielen Jahren wollte einmal ein Fuhrmann die große Steige bei Haigerloch im Hechinger Ländchen mit einem schwer beladenen Fuhrwagen hinauffahren; da stand plötzlich das ganze Fuhrwerk still als ob’s verhext wäre und kein Pferd wollte mehr anziehen. Der Fuhrmann versuchte es nun erst mit der Peitsche und schlug auf die Pferde los, um sie anzutreiben; aber es war umsonst. Dann betete er still; aber auch das half nichts. Endlich ward er zornig und fieng an zu wettern und zu fluchen, so arg er’s nur konnte. Darauf trat ein buckeliger Jäger zu ihm hin und sagte: „was gibst Du mir, wenn ich Dir helfe?“ – „Laß mal hören, was Du verlangst!“ sprach der Bauer. Da sagte der Jäger: „Du mußt mir Etwas versprechen, was Du daheim besitzest, ohne es zu wißen.“

Nun besann sich der Fuhrmann eine Weile und dachte: „Alles, was Werth hat in meinem Hause, das kenne ich ja; kenne ich etwas aber nicht, so hat’s auch keinen Werth für mich,“ und dann sprach er zu dem Jäger: „Du magst es meinetwegen nehmen; hilf mir jetzt nur, daß ich weiter fahren kann.“ Da ließ sich der Jäger mit einem Blutstropfen diese Zusage verschreiben und dann konnten die Pferde ganz bequem den Wagen hinaufziehen.

Als der Bauer nun wißen wollte, was der Jäger gemeint hatte, so sprach er: „Deine Frau trägt ein Kindlein unter ihrem Herzen, davon Du noch nichts weißt, und wenn das geboren ist, so gehört’s mein.“ Da wurde der Bauer [58] sehr traurig und verlangte die Unterschrift zurück; aber der Jäger lachte und machte daß er fortkam.

Seit der Zeit hatte der Bauer keine ruhige Stund’ mehr in seinem Hause; er seufzte und weinte, mochte weder eßen noch trinken und konnte bei Nacht kein Auge zuthun. Da drang seine Frau so lange in ihn, bis er ihr endlich Alles gestand und sagte, daß er das Kind, das sie bekommen werde, dem Teufel versprochen und verschrieben habe.

Da betete die Frau bei Tag und Nacht und weinte und jammerte; und als die Zeit nahe kam, wo sie ihr Kind gebären sollte, gieng sie zu einem geistlichen Herrn ins Kloster und klagte dem ihre Noth. Da behielt der Geistliche die Frau im Kloster und tröstete sie; und als sie hier einen Sohn geboren hatte, weihte sie ihn dem Dienste Gottes und seiner Kirche und ließ ihn zurück in dem Kloster.

Hier wurde der Knabe nun früh zu allem Guten angehalten, und war so fromm und brav, daß der Böse keine Gewalt über ihn hatte. Als er fünf Jahre alt war, lehrte man ihn ein Gebet, das mußte er alle Tage in der Kapelle der heiligen Jungfrau hersagen; und als er eben sein zehntes Jahr erreicht hatte, erschien ihm Maria und sprach zu ihm: „in zwei Jahren will ich Dir einen Stab geben, mit dem mußt Du in die Hölle wandern und Deinen Namen, der einem bösen Geiste verschrieben ist, zurückfordern.“

Nach dieser Zeit erschien ihm Maria noch öfters in der Kapelle und gab ihm gute Lehren und offenbarte ihm Mancherlei. Und als die zwei Jahr herum waren, brachte sie ihm den Stab, mit dem er seinen Namen aus der Hölle [59] holen sollte und beschrieb ihm genau alle Wege und Stege, die er zu gehen hatte, und sagte ihm, wie er mit dem Stabe an die drei Höllenthore klopfen müße und wie sie dann vor ihm aufspringen würden und wie er die Unterschrift seines Vaters von dem obersten der Teufel sich herausgeben laßen sollte. Das Alles merkte sich der Knabe wohl und trat gutes Muthes seine Reise an.

Wie er nun mutterseel allein durch einen großen Wald gieng, kam er zu einem Baume, der hieng ganz voll von blutrothen Aepfeln und daneben kniete ein alter Mann auf dem Stumpfe eines abgehauenen Baumes und rief den Knaben an und sprach zu ihm: „Wohin, mein Sohn?“ Sprach der Knabe: „Zur Hölle, um meinen Namen zurückzufordern.“ Sprach der Knieende: „Ach, ich warte schon lange darauf, daß Jemand zu mir kommt; vergiß doch nicht, Dich in der Hölle nach dem Bett des Räubers Matthes zu erkundigen, und gib mir auf dem Rückwege Nachricht, was Du davon erfahren hast!“ Das versprach ihm der Knabe und zog weiter und kam an das erste eiserne Höllenthor und klopfte mit seinem Stabe an dasselbe, daß es von selbst aufsprang. Da trat Lucifer, der Oberste der bösen Geister, hervor und fragte den Knaben, was er wolle? Und als der Knabe ihm sein Begehren gesagt, pfiff Lucifer, und alsbald erschien ein großer Haufen schwarzer Männlein, die fragte er, ob einer unter ihnen sei, der den Namen des Knaben habe? Nein, da war keiner, der ihn hatte.

Da zog der Knabe weiter bis an ein zweites Höllenthor, klopfte mit seinem Stabe an, daß es aufsprang, und [60] alsbald erschien auch Lucifer hier und fragte ihn, was er wolle? Und nachdem er es ihm gesagt, pfiff Lucifer abermals einen Haufen schwarzer Männlein zusammen und erkundigte sich nach dem Namen des Knaben; aber auch hier hatte ihn keiner.

So mußte er zum dritten Höllenthor eingehen, und nachdem Lucifer hier einen dritten Haufen armer Teufel herbeigepfiffen und befragt hatte, fand sich einer darunter, ein buckliger Jäger, der hatte die Handschrift mit dem Namen des Knaben. Da befahl ihm Lucifer, die Handschrift herauszugeben; er aber sprach: „es soll mich eher eine Krott (Kröte) freßen, eh’ ich das thue.“ Da drohte ihm Lucifer und sagte: „gibst Du nicht auf der Stelle den Namen heraus, so wirst Du in das Bett gelegt, das für den Räuber Matthes da steht!“ Und dabei zeigte er auf ein leeres Bett, das bestand aus nichts als aus Feuer und Flammen. Da gab der bucklige Jäger schnell die Unterschrift her, und als er die hatte, trat der Knabe unversehrt seine Rückreise an.

Unterwegs kam er auch wieder in den Wald und zu dem Baume, wo er den knieenden Mann auf der Hinreise gesehen hatte und traf ihn noch ebenso dort an. So wie der Greis den Jüngling erblickte, rief er ihm entgegen: „Hast Du das Bett des Räubers Matthes gesehen?“ – „Ja, sprach der Knabe, ich habe es gesehn und mich entsetzt; das Bett war lauter Feuer und eine Flamme schlug über der andern empor.“ – „Das wird mein Bett einmal werden!“ seufzte der Greis. – Der Jüngling aber sagte hierauf, Maria habe ihm in der Kapelle geoffenbart, daß [61] sogar der Räuber Matthes nicht verloren sein werde, wenn er ein aufrichtiges Bekenntnis ablege. Dann versprach ihm der Jüngling, daß er wieder zu ihm kommen wolle, sobald er Priester geworden sei. Das dauerte aber noch zwölf Jahre.

Nach dieser Zeit, als der junge Mann zum Priester geweiht war, machte er sich auf den Weg zu dem Greise, und traf ihn noch ebenso wie vor zwölf Jahren neben dem Apfelbaume auf einem abgehauenen Stumpf knieend, und forderte ihn auf, seine Sünden zu beichten. Da sprach der greise Räuber mit zitternder Stimme: „so viel blutrothe Aepfel auf dem Baume da sitzen, so viel himmelschreiende Mordthaten hab ich begangen. Gott sei mir armen Sünder gnädig!“ – Dann verhieß ihm der Priester, weil er so tiefe Reue zeigte, im Namen Gottes Vergebung, und nachdem er das heilige Abendmahl genoßen, sank er plötzlich zu einem rauchenden Aschenhaufen zusammen; aus der Asche aber stieg eine weiße Taube empor und flog gen Himmel, und das war die erlöste Seele des Räubers Matthes.

Anmerkung des Herausgebers

[303] 16. Der Räuber Matthes. Mündlich aus Rotenburg a. Neckar und aus Bühl. – In der Erzählung aus Bühl ist die Verschreibung des Kindes nicht motivirt; es heißt bloß: ein fremder Herr habe den Mann dazu genöthigt. Auch wird hier die Scene nicht an einen bestimmten Ort verlegt. – Ein verwandtes Märchen steht in Mone’s Anzeiger, 1837, S. 399. und ein walachisches in der Sammlung von Schott, Nr. 15, „der Versöhnungsbaum.“ Ferner gehört hieher der erste Theil des Märchens: „die eisernen Stiefel“ bei Wolf, S. 198. – Der Stab, den der Knabe bekommt, ist der Stab des Wunsches, (Wünschelrute) und mahnt an den goldenen Friedensstab Merkurs, an den Caduceus, und näher noch an unsere Springwurzel, vor der alle Schlößer und Thüren sich öffnen. Sonst verleiht Wuotan diese Wunschdinge. Aber auch die alte Frick (d. i. Frigga, Wuotans Gemahlin) hat in dem ersten Märchen in Kuhn’s Norddeutschen Sagen u. s. w. einen solchen Zauberstab. Statt ihrer wird in der christlichen Erzählung Maria genannt.