Der Schatz im Kirschauer Raubschlosse

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Der Schatz im Kirschauer Raubschlosse
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 272–275
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[272]
861) Der Schatz im Kirschauer Raubschlosse.
Scholz bei Klar a. a. O. S. 89. sq. Gräve S. 145. sq.

Südlich von Budissin, ohngefähr 2½ Stunde, liegt in reizender Gegend unfern des Dorfes Kirschau auf einer Anhöhe die Ruine der alten Raubburg Kirschau. Am Meisten tritt von den noch vorhandenen Mauerüberresten das Hauptthor nach der Burg hervor, dessen Höhe jetzt freilich kaum noch 4 Ellen beträgt, da die Schwelle wohl eben so tief mit Schutt bedeckt ist. In diesen Ruinen ist es zu Anfange des Frühjahres und Herbstes angeblich nicht ganz geheuer, denn man will zu dieser Zeit dumpfes Gewimmer, starkes Waffengeklirr, heftiges Kettengerassel, aber auch gellendes Gelächter, wilden Sang und lauten Becherklang hier gehört haben. Seltener ist aber etwas zu sehen gewesen, doch haben sich auch furchtbare vermummte Gestalten erblicken lassen, welche im Schlosse die Runde machten, und dann plötzlich wieder verschwanden. Mehr als dies Alles hat schon seit Jahrhunderten die Aufmerksamkeit manches Bewohners der Umgegend ein eiserner Kessel auf sich gezogen, welcher tief unter den Trümmern des alten Raubschlosses ruht, und einen unermeßlichen Reichthum an Gold und Edelsteinen birgt. Obgleich gedachter Schatzkessel von mächtigen Geistern bewacht wird, nämlich von einem schwarzen furchtbaren Ritter mit einem blutrothen Helmbusche auf dem Haupte und einem mächtigen, von Menschenblut rothgefärbtem Schwerte in der Hand, und von einem nimmerschlummernden Falken mit eisernem Schnabel und panzerfestem Gefieder angethan, so ist es doch nicht im Bereiche der Unmöglichkeit, ihn zu heben, und dann zu seinem Nutzen anzuwenden. Derjenige, welcher den Schatz heben will, muß in der Nacht vom 22. zum 23. Februar – Petri Stuhlfeier – geboren sein, am Tage Petri Kettenfeier oder den 1. August in drei auf einander folgenden Jahren das heilige Abendmahl genossen haben, und sich genau die Zauberformel merken, welche ihm in der heiligen Christnacht träumen wird. Dies ist aber noch nicht Alles. Der [273] vom Schicksal zur Erhebung des Schatzes Bestimmte hat nun in der Nacht von Petri Kettenfeier sich auf die oben angegebene Landstraße von Budissin hinter dem Dorfe Postwitz zu begeben, einen schwarzen Kater, eine schwarze Schlange und einen schwarzen Hahn allda zu schlachten, das Blut mit Bilsenkrautasche zu vermischen, sich damit Gesicht und Hände zu waschen, und dann dreimal die Zauberformel nach der Burgruine zu auszusprechen. Hierauf wird ein Wunder geschehen und Alles, was ihm befohlen wird, muß er verrichten, wenn er nicht den Schatz wieder verschwinden oder gar sich gemißhandelt oder verstümmelt sehen will.

Noch ist der Schatz nicht gehoben, trotzdem, daß zweimal Versuche dazu gemacht worden sind, die aber beide schlecht abliefen.

Im Jahre 1602 wagte es ein Bauer mit Hülfe seines Sohnes diesen Schatz zu heben, und begann auch die Beschwörung, welche nach Aussage seines Sohnes in so weit glückte, daß sich der Berg öffnete und der Kessel sichtbar wurde, allein da der gute Landmann von der Zauberformel etwas vergessen hatte, oder dieselbe nicht gehörig aussprach, erschien ein schwarzer furchtbarer Ritter mit blutrothem Helmbusche, Feuer flackerte aus der Erde und eine schauderhafte Stimme rief: „Wehe, wehe Dir und Deinen Thaten!“ Ein Donnerschlag erfolgte, der Schatz verschwand, der Sohn ergriff die Flucht, und den Vater fand man am andern Morgen mit umgedrehtem Halse und schwarzem Gesicht in dem sogenannten Schloßgarten entseelt liegen.

Im Jahre 1607 ward ein zweiter Versuch gemacht durch einen gewissen Karl Lende aus Budissin, einen jungen Mann, der auf leichte Weise zu Reichthum und Ansehen gelangen wollte. Allerdings war er erst 18 Jahre alt, allein da seine Geburt wirklich in der Nacht vom 22. zum 23. Februar erfolgt war, er auch in der letztvergangenen Christnacht die fragliche Zauberformel geträumt und sich wohl eingeprägt hatte, so ging er muthig ans Werk. Einen schwarzen Kater, eine schwarze Schlange und einen schwarzen Hahn hatte er [274] sich verschafft, und sich dazu blecherne Büchsen machen lassen, welche so eingerichtet waren, daß man die Thiere ohne Gefahr schnell tödten konnte. Vom Kirchhofe hatte er selbst sich Bilsenkraut mitgebracht und dieses gut getrocknet, so daß es an Ort und Stelle schnell in einer Blendlaterne zu Pulver gebrannt werden konnte. Mit der Nacht in den Ruinen angelangt, schlachtete er die Thiere, verbrannte in seiner Blendlaterne das getrocknete Bilsenkraut, mischte das Blut und die Asche wohl durch einander, und bestrich zitternd Gesicht und Hände. Glücklicher Weise verlieh ihm dieses seltsame Waschen eine wunderbare Kraft und Freudigkeit und alle Furcht zerrann, denn sonst wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, die Zauberformel fehlerfrei auszusprechen. Sobald das letzte Wort ausgesprochen war, sah er sich vor einer offenen Pforte. Er schritt hinein und war in einer von hellem Kerzenschein erleuchteten Höhle, in deren Mitte ein steinerner Tisch stand. Auf ihm lag ein blankes Schwert und neben diesem stand ein Helm mit schwarzen Federn verziert und stark vergoldetem Visir. Vor ihm aber stand plötzlich eine schöne Jungfrau mit glühenden Wangen und purpurnen Lippen. Ihr wallendes Haar von blonder Farbe zierte ein mit Edelsteinen reich ausgeschmücktes Diadem, um ihren zarten schneeweißen Hals perlte eine goldene Kette, und den schlanken Körper verhüllte ein langes schneeweißes Gewand. Schweigend trat sie zum Tische, nahm den Helm, überreichte ihn dem Jünglinge und als er ihn aufs Haupt gesetzt, reichte sie ihm auch das blanke Schwert und rief ihm freundlich zu: „folge mir nach!“

Dieselbe schritt nun durch einen sehr langen Gang, der endlich in einen von hohen Mauern umgebenen Schloßhof führte. Hier stand gegen das Schloß zu eine sehr lange steinerne Spitzsäule. „Rette mich“, rief bittend die Jungfrau, „schlage dreimal mit dem Schwerte an diese Säule, bekämpfe den darunter verbannten Ritter, und gieb dem auf dem eisernen Goldkessel sitzenden Falken das Blut der Person zu trinken, auf deren Arm er sich setzen wird.“ Ohne zu zögern schlug Karl dreimal an die steinerne Spitzsäule, daß laut das [275] Schwert erklang und helle Funken sprühte, die Säule stürzte in Stücke zusammen, ein großer eiserner Kessel mit eitel Gold und Edelsteinen gefüllt, ward sichtbar, vor ihm aber stand mit gezücktem Schwerte ein schwarzer furchtbarer Ritter, einen blutrothen Helm mit fliegenden Federn auf dem Haupte, um seine Schultern hing eine goldene Ritterkette, und auf dem strahlenden Schilde, der auf dem Kessel lag, saß der Falke und wetzte seinen eisernen Schnabel auf dem ehernen Gefieder. Karl schaute nach der Jungfrau, und indem er sein Schwert gegen den Ritter schwang, wähnte er seinen Gegner mit einem Schlage niederzustrecken, allein dieser ließ ebenfalls sein Schwert durch die Lüfte streichen, der Falke schoß pfeilschnell nach der Jungfrau hin und setzte sich auf ihren Arm. Als dies Karl sah, entfloh seinem Munde ein Angstschrei, das Schwert entsank seiner Hand, und ein zweiter Schwertstreich des schwarzen Ritters lähmte seinen Arm. Besinnungslos stürzte er nieder, als er aber wieder zum Bewußtsein kam, hörte er noch aus der Ferne den klagenden Gesang der Jungfrau, deren Blut er nicht hatte vergießen wollen, von dem Ritter, dem Schatze und dem Falken war jedoch keine Spur zu entdecken. Als aber die ersten Strahlen der Sonne die Gipfel der Berge erleuchteten, da verstummten auch die letzten Töne des Gesanges, er selbst aber ward nur durch seinen für immer gelähmten Arm daran erinnert, daß er nicht geträumt habe, da er jedoch die Zauberformel gänzlich vergessen hatte, konnte er sein Wagestück nicht noch einmal unternehmen.