Der Sohn (Herzl)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Theodor Herzl
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Sohn
Untertitel:
aus: Philosophische Erzählungen, S. 111–120
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1890
Erscheinungsdatum: 1900
Verlag: Gebrüder Paetel
Drucker: G. Bernstein
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ÖNB-ANNO und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Herzl-Erzählungen.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[111]
Der Sohn.
1890.


[113] Sterbendes Nachmittagslicht im Marmorsaale des Schwurgerichtes. Die Köpfe der Zuschauer in den hinteren Reihen versinken allmählich in der raschen Dämmerung dieses Wintertages. Nur die in den vorderen Bänken kann der Angeklagte noch von seinem Platze aus unterscheiden. Da sitzen sie, müßig und lernbegierig, die aufgestützte Hand hinterm Ohre, die Stammgäste dieses Lokals: kommende Cridatare, beschäftigungslose Advokaten. Und mitten unter ihnen Einer, dessen blasse Züge der Angeklagte so gut kennt: sein Sohn … Weiterhin die Journalisten, blasirt und hastig; tief auf ihr Papier gebeugt, raffen sie Anmerkungen zusammen für das Morgenblatt. Der Angeklagte ist so stumpf durch die zweitägige Verhandlung, in der aller Unrath, alles heimliche Ungemach seines Privatlebens aufgerührt worden, daß er bloß fortwährend mit einem thörichten Drange kämpft, aufzustehen und den Vorsitzenden um Licht zu bitten für die armen Schreiber, die sich dort die Augen verderben. Warum man eigentlich die Gasflammen noch nicht angezündet hat? Ach so, um den Redner nicht zu unterbrechen. Der Staatsanwalt hat das Wort.

Er hat es schon seit anderthalb Stunden. Er gießt die volle Schale der landläufigen Moral über das Haupt des Schuldigen aus. Man lebt nicht über seine Verhältnisse! Man treibt keinen Aufwand, wenn man schon zahlungsunfähig ist! Man fährt nicht in der Equipage, während die ahnungslosen Gläubiger zerknirscht zu Fuße [114] gehen! Man unterschlägt nicht die anvertrauten Gelder von Wittwen und Waisen! Und jahrelang hat das dreiste Spiel gedauert! Jahrelang hat sich der Angeklagte den Schein des aufrechten Mannes gegeben, hat er vorzügliche Ehrenstellen bekleidet, seinen Mitbürgern die Achtung abgelistet, den Stachel des Neides tief in das Herz der Besitzlosen gebohrt. Sein Gauklerwagen in der Mitte des Fahrweges, wo nur schuldenfreie Karossen rollen durften – wenn überhaupt … Und vom einzelnen Falle schwingt sich der Redner zu den bekannten allgemeinen Betrachtungen auf, indes der Vertheidiger sich vorläufig kampfesfroh die Manschetten zurechtzupft. Auch dieser führt eine nicht unbedeutende Klinge. Die Blößen, die sich sein verehrter Gegner und glänzender Vorredner gibt, erspäht der Vertheidiger und wird sie in dieser ritterlichen Wortfehde wohl verwerthen. Auch er wird sich vom einzelnen Fall in unerwarteter Weise aufschwingen zu den allgemeinen Betrachtungen, natürlich von einer andern Seite. Denn zu den allgemeinen Betrachtungen gelangt man von den verschiedensten Seiten.

Der Staatsanwalt schließt. Bei dem reuigen, vollen Geständnisse des Angeklagten – wie späterhin auszuführen, der einzige Milderungsgrund – sei der gerechte Schuldspruch unbedingt zu erwarten. Redner hoffe auf Einhelligkeit im Verdikte der Geschworenen, als eine glänzende Genugthuung für die frech beleidigte öffentliche Moral. Beifall im Zuschauerraume. Der Vorsitzende rügt diese Ausschreitung und verkündet eine kurze Pause. Der Angeklagte erhält von seinem Nachbar, dem Justizsoldaten, einen Wink, aufzustehen. Beim Hinausgehen lächelt er in den Zuschauerraum, was von strengeren Beobachtern als Roheit und Verhärtung ausgelegt wird. Aber er hat [115] nur seinem Sohne zugelächelt, um ihm tröstend anzudeuten, daß dies Alles nicht schmerze.

Nach der Pause. Die Gasluster strahlen jetzt. Ah! Alles erscheint wieder, erfrischt wie nach dem Zwischenakt im Theater. Auch der Angeklagte fühlt sich wohler. Der Kopfschmerz, der ihn vorhin bedrückte, wie eine bleierne Haube, ist nun ein wenig gelüftet.

„Herr Vertheidiger, Sie haben das Wort!“

Bevor der aber der präsidialen Einladung entspricht, wartet er kunstvoll ein Weilchen. Gänzliche Stille muß eingetreten sein, damit keines seiner kostbaren Worte unter den Tisch falle. Namentlich für den Anfang hat er einige delikate Spitzen, reizende Sächelchen für Feinschmecker – die gröberen und darum der Wirkung sicheren werden weise für den Schluß gespart: allerhand Sentimentalitäten, gerichtshöfische Lyrik, der Griff nach der Thränendrüse. Eine Reklame, wie dieser Prozeß, kommt nicht bald wieder.

„Meine Herren Geschworenen!“

Der Angeklagte lauscht anfangs den glatten, sorgsam gesteigerten Sätzen. Aber sämmtliche Thatsachen hat er in den letzten zwei Tagen so oft erwähnen gehört, daß sie ihm allmählich gleichgültig wurden und fremd, in demselben Maße, wie sie den Herrn Geschwornen nach und nach vertraut sind. Auch erkennt er wahrhaftig sein Schicksal nicht in dieser doch so meisterhaften Darstellung. Es fehlen entscheidende Züge, die freilich auch in den Prozeßakten nicht vorkamen. Und eine leise Betäubung überwältigt ihn, eine angenehme Müdigkeit. Es ist ihm zu Muthe wie dem Verirrten im tiefen Schnee, wenn der kritische Augenblick der Schlafsucht eintritt. Er träumelt verloren vor sich hin. So würde er sprechen, wenn nicht die Scham ihn abhielt.

Meine Herren Geschwornen!

[116] Kennen Sie meinen Sohn? Dort sitzt er, ein lieber Junge – er hat sich natürlich der Aussage entschlagen. Und was hätte er auch aussagen können? Er wußte ja von nichts. Obwohl er, nur er daran schuld ist, daß ich jetzt neben dem Herrn Justizsoldaten vor Ihnen sitze.

O, Sie mißverstehen mich, meine Herren Geschwornen. Er ist tadellos, wohlgerathen und brav, brav! Wenn Einer von Ihnen auch dem innerlichen Census entspricht und ein Gerechter von mildem Sinn ist, ein barmherziger Gerechter, so wünsch’ ich ihm einen solchen Sohn.

Er hat mir Freude gemacht von seinem ersten Tage an, und nur ein einziges Mal weh gethan. Das erzähle ich Ihnen gleich. Es ist der Grund, warum ich hier sitze.

Als er mir geboren wurde, da war die Welt plötzlich so voll … Sie wissen, ich bin aus gutem Hause, habe eine sorgfältige Erziehung genossen und meine Jugend flott verbracht. In die Ehe zog ich ebenfalls tändelnd ein. Gesicherte Verhältnisse, die alte Firma, die ich übernahm – wo soll da der Ernst herkommen? Das Hauswesen wurde auf großem Fuß eingerichtet. Das ist der Aufwand, den mir der Staatsanwalt vorwirft. Aber dieser Aufwand war lange Zeit berechtigt, und als er es nicht mehr war, durfte ich ihn nicht aufgeben, ohne mich selber aufzugeben. Der Rock war nicht zu weit, nur der Leib magerte unversehens ab.

Und doch kam mir der Ernst – von meinem Sohn. Noch als er in der Wiege lag, heilte er mich von allerlei spöttischen und leichtfertigen Anschauungen, die ich vor ihm gehabt. Die Kinder sind unsere größten Lehrmeister. Er lehrte mich eine sinnvolle Liebe zum Leben. Denn mein Leben war er, meine unbegrenzbare Fortsetzung, die Bürgschaft, daß ich immer unter der Sonne wandeln würde, [117] als mein Sohn, mein Enkel, immer jung, immer schön und stark, in zunehmender Veredlung … So geht’s ja jedem Vater. Auch erwähne ich dieses Wohlbekannte, Selbstverständliche nur darum, weil bei mir die Liebe zum Sohn einen nervösen Zug hatte. Ich war vom ersten Tage an in ihn verliebt, leidenschaftlich, närrisch. Ich hatte sozusagen die Monomanie des Sohnes.

Das Wunderbare ist, daß ich ihn dabei doch nicht verzog. Freilich, er ist so gut veranlagt. Er hat ein so treues, standhaftes Herz, Instinkt für alles Hohe und Mitleid für alles Elend. Gar manche Lehre der Menschlichkeit verdankte ich seinem stammelnden Kindesmund. Und mit seinen unverdorbenen Augen gewöhnte ich mich, die köstlich verjüngte Welt anzuschauen. So wurde ich auch im andern Sinne mit dem Erscheinen meines Sohnes neugeboren … Auf den ersten Jahren liegt für mich noch jetzt der blonde Glanz seiner Locken. Was waren das für unvergeßliche Spazierritte rund um das Zimmer. Ich das Pferd und er mit Hü und Hott und Händeklatschen der Reiter. Dann wuchsen wir heran und lernten. Ich mit ihm. Ich hatte den Ehrgeiz, mich von ihm im Wissen nicht überflügeln zu lassen. So wurden die alten Kenntnisse aufgefrischt, aber den Schulplunder ersparte ich uns. Mein Haus wurde nicht unnütz gequält, saß nie in einem Pferch mit anderen mißhandelten Kindern. Zusammen machten wir die homerischen Kämpfe durch, lasen die Anabasis, und als wir mit den Rückkehrenden das Meer, das Meer wiedersahen, überflog uns beide ein gleicher Schauer der Rührung. Und die Erkenntniß der Naturkräfte! Was war in diesen Lehren während meiner Abwesenheit hinzugewachsen! Um wieviel weiter war die Welt geworden, seit ich die Schulbücher meiner Jugend zugeklappt hatte! … [118] Verzeihen Sie, das gehört eigentlich nicht zur Sache. Ich will nur sagen, daß ich der Spielkamerad und der Mitschüler meines Sohnes gewesen. Als er zur Reife kam, wurde ich sein Freund. Er hat nie ein Geheimniß vor mir gehabt, ich hatte keines vor ihm – mit Ausnahme der letzten Zeit. Von meinen Betrügereien hatte er keine Ahnung, er wußte lediglich, daß ich Sorgen und Kämpfe habe … Wie er an mir hing und hängt! Sehen Sie, dort sitzt er seit dem Beginn der Verhandlung, regungslos. Höchstens, daß er mir manchmal zulächelt. Ich soll den Freund an meiner Seite wissen. Obwohl sein Herz stärker blutet, als meines …

Ja, wie ich also dazu kam, ein Verbrechen aus Gewinnsucht zu begehen? Vor Allem: die Thatsachen, die Ihnen der Herr Staatsanwalt vortrug, sind sämmtlich richtig. Ich war seit länger als drei Jahren passiv und wußte es. Ich habe betrogen und große Summen veruntreut. Meine Herren Geschwornen! In Fällen wie der meinige handelt es sich bloß um die erste Lüge. Das Andere folgt von selbst, man hat nicht mehr die Willensfreiheit. Man ist im Sumpf, und je heftiger man sich anstrengt, hinauszugelangen, desto tiefer sinkt man ein … Wie bin ich nun zum ersten Fehler getrieben worden? Das Kohlenbergwerk, von dem Ihnen alles Nöthige bekannt ist, verschlang bedeutende Kapitalien und gab nichts wieder. Mein Kredit war überdies angespannt. Doch war meine Lage durchaus nicht bedenklich. Da begab es sich, daß ich für eine ganz kurze Zeit – zwei Tage – fünfzigtausend Gulden brauchte. In zwei Tagen hatte ich fällige Wechselforderungen in der gleichen Höhe. Um nun nicht erst borgen zu müssen, entnahm ich das Geld einem der bei mir liegenden Depots. Das war nicht korrekt, geschah [119] aber nicht in verbrecherischer Absicht. Ich konnte ja mit Bestimmtheit auf die Einlösung der Wechsel rechnen … Sie wurden nicht eingelöst. Mein Schuldner, ein scheinbar solider Mann, brach jäh zusammen. Das Schlimmste dabei, daß sich sofort Gerüchte verbreiteten, ich sei schwer mitgenommen. Das vernichtete meinen Kredit. Unter solchen Umständen war es mir für den Augenblick vollkommen unmöglich, das Depot wieder herzustellen. Hätte ich das gekonnt, ich würde ohne Zögern meinen Konkurs angemeldet haben.

Acht Tage lang suchte ich erfolglos alle Mittel und Wege, um den Riß zu verstopfen. Andere Forderungen traten an mich heran. Da sah ich ein, daß mir nichts Anderes übrig blieb, als eine Pistolenkugel, wenn ich meinem Sohne keinen besudelten Namen hinterlassen wollte. Nach meinem Tode würde meine Handlungsweise milder beurtheilt werden. Bei der Konkurserklärung mußte die Veruntreuung aufkommen, der von mir ernannte Verlassenschaftspfleger konnte hingegen das Depot leicht ergänzen.

Das Alles hatte ich mir in leidlicher Ruhe ausgedacht, geordnet, aufgeschrieben. Es kam der letzte Abend, an dem ich es vollbringen wollte. Wir waren allein bei Tische, mein Sohn, meine Frau, meine Tochter. Die Zeit über war ich verdrossen und aufgeregt gewesen – was ich den Meinigen mit Geschäftssorgen erklärte – jetzt war die Feierabend-Stimmung da. Abschied nehmen! Ich kann sagen, daß ich es muthig that. Ich scherzte mit Frau und Tochter, mit meiner Tochter, die eben lieblich im Aufblühen war. Gerade jetzt bedurfte sie meiner mehr als je, fand ich. Fand auch, daß ich sie bisher immer vernachlässigt hatte. Nun, ich hinterließ ihr einen starken Schützer: meinen Hans! Erst zwanzigjährig, war er doch schon ein [120] Mann … Ich scherzte, wie gesagt, mit Frau und Tochter – ihn konnte ich nicht anschauen. Wenn ich hinsah, verdunkelte sich mir der Blick.

Dann sagte ich ihnen gelassen gute Nacht! Ich küßte, wie gewöhnlich, Frau und Tochter auf die Stirne. Nur bei meinem Sohne war ich für einen Augenblick schwach. Ich gab ihm einen langen, langen Kuß. Er sah mich forschend an. Ich weiß jetzt, daß dieser Kuß mein Verräther war … Ich ging auf mein Zimmer. Ich wollte nur noch warten, bis sie alle schliefen. Da lag schon der Revolver bereit … Meine Thür wurde plötzlich aufgerissen – er war es: Hans! Mit einem Blick übersah er die Sachlage. Ich wollte mich auf den Revolver stürzen – er war schneller. Er stieß mich zurück, daß ich taumelte. Und da stand er schon, durch den Tisch gedeckt, und hatte den Revolver in der Hand.

„Gieb her!“ schrie ich.

„Nein! Du willst Dich tödten!“

„Gieb her! … Ja, wenn Du es wissen willst. Ich muß. Ich kann nicht anders.“ Und wollte mich nähern.

„Nicht einen Schritt, Vater!“ Dabei setzte er sich die Mündung an die Schläfe. „Wenn Du einen Schritt machst, drücke ich los.“

Und in dieser gräßlichen Situation begannen wir zu unterhandeln. Er verlangte mein Ehrenwort, daß ich nicht Hand an mich legen werde. Sonst tödte er sich augenblicklich. Er wollte den Vater nicht verlieren … Nun, meine Herren Geschwornen, hätte ich meinen Sohn, einen solchen Sohn in den Tod schicken sollen? Wenn ich ihm auch gleich nachgefolgt wäre … Ich gab ihm mein Ehrenwort, zu leben. Ich lebe. Ich sitze jetzt da. Sprechen Sie mich schuldig!