Der Stechlin/Einundvierzigstes Kapitel

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Einundvierzigstes Kapitel.


     Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein Geschenk aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm die alte treue Seele bringen konnte. Er bestand denn auch darauf (trotzdem Engelke, der ein Vorurteil gegen alles Süße hatte, dagegen war), daß ihm die Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch gestellt werde.

     „Siehst du, Engelke,“ sagte er nach einer Woche, „daß ich mich wieder wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man muß jedes Fisselchen mitessen, Wachs und alles, das hat er mir eigens gesagt. Das is grad’ so wie beim Apfel die Schale; das hat die Natur so gewollt und is ein Fingerzeig und muß respektiert werden.“

     „Ich bin aber doch für abschälen,“ sagte Engelke. „Wenn man so sieht, was mitunter alles dran ist…“

     „Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich bin noch ganz altmodisch. Und dann glaub’ ich nebenher wirklich, daß in dem Wachs die richtige ‚gesamte Heilkraft der Natur‘ steckt, fast noch mehr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt auch so furchtbar gebildet und hat so viele feine Wendungen, wie zum Beispiel die mit der ‚gesamten Heilkraft‘. Aber so fein wie du is er doch noch lange nicht, darauf will ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er sich keine Birne schält.“

[481]      In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, sich mehr und mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei mit all dem andern Zeug eigentlich hätte sparen können; „denn wenn alles drin ist, so ist doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch Fingerhut oder wie Sponholz sagt: ‚Die Digitalis‘.“ Engelke freilich wollte von diesen Sophistereien nichts wissen, sein Herr aber ließ sich durch solche Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: „Und dann, Engelke, macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine Sache kommt. Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen, und die Wabe kommt von Krippenstapel. Das heißt also, hinter der Wabe steht ein guter Geist, und hinter den Katzenpfötchen steht ein böser Geist. Und das kannst du mir glauben, an solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben, und wenn mir Lorenzen seine Patsche giebt, so ist das ganz was anders, wie wenn mir Koseleger seine Hand giebt. Koseleger hat solche weichen Finger und auf dem vierten einen großen Ring.“

     „Aber er is doch ein Superintendent.“

     „Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher. Und wenn es nach der Prinzessin geht, wird er Papst. Und dann wollen wir uns Ablaß bei ihm holen; aber viel geb’ ich nicht.“

* * *

     Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß Agnes wie gewöhnlich am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend, und so wenig sie davon verstand, so verstand sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist und ihre Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie hatte schon so vieles in ihrem Leben gehört und war wohl dazu bestimmt, noch viel, viel andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn [482] auch derselbe. Sie träumte bloß so hin, und daß sie dies Wesen hatte, das war es recht eigentlich, was den alten Herrn so an sie fesselte. Das Auge, womit sie die Menschen ansah, war anders als das der andern.

* * *

     Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen; ein heller Schein fiel von der Veranda her durch die Balkonthür und gab dem etwas dunklen Zimmer mehr Licht, als es für gewöhnlich zu haben pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung in Händen und schlug nach einem Brummer, der ihn immer und immer wieder umsummte. „Verdammte Bestie,“ und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen konnte, kam Engelke und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen dürfe.

     „Uncke, unser alter Unke?“

     „Ja, gnäd’ger Herr.“

     „Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder ’nen vernünftigen Menschen zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo: Demokratennest ausgenommen.“

     Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! Das war doch noch besser als ein Märchen „vom guten und bösen Geist.“

* * *

     Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, wie gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Thür blieb er stehen und grüßte militärisch. Dubslav[WS 1] aber rief ihm zu: „Nein, Uncke, nicht da. So weit reicht mein Ohr nicht und meine Stimme erst recht nicht. Und ich denke doch, Sie bringen was. Was Reguläres. Also ’ran hier. Und wenn [483] es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da.“

     Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl und sagte: „Herr Major wollen entschuldigen. Ich komme so bloß… Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzählt, und die alte Buschen hat mir erzählt…“

     „Ach so, von wegen meiner Füße.“

     „Zu Befehl, Herr Major.“

     „Ja, Uncke, wollte Gott es stünde besser. Immer denk’ ich, wenn wieder ein Neuer kommt, ‚nu wird es‘. Aber es will nicht mehr; es hilft immer bloß drei Tage. Die Buschen hilft nicht mehr, und Krippenstapel hilft nicht mehr, und Sponholz hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert so in der Welt ’rum. Bleibt also bloß noch der liebe Gott.“

     Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die seine respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum lieben Gott ausdrücken sollte. Dubslav sah es und erheiterte sich. Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort: „Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag miteinander gelebt. Denke gern daran zurück – sind noch einer von den alten. Und der Pyterke auch. Was macht er denn?“

     „Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,“ und dabei rückte er sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene Stattlichkeit seines Kollegen wenigstens andeuten wolle.

     Dubslav verstand es auch so und sagte: „Ja, der Pyterke; natürlich immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke ja, Sie müssen laufen wie ’n Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig, zu Pferde macht steif. Und macht auch faul. Und überhaupt, Gebrüder Beeneke is schon immer das Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeder will heutzutage hoch ’raus. Das is, was sie jetzt die ‚Signatur [484] der Zeit‘ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört, Uncke?“

     „Zu Befehl, Herr Major.“

     „Und die Sozialdemokratie will auch hoch ’raus und so zu Pferde sitzen wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das geht nicht gleich so. Gut Ding will Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden kann, reiten kann er noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn eigentlich? Ich meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr zufrieden mit ihm?“

     „Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm. Er wollte da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt. Und das is so dumm gewesen, daß es die andern geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet: ‚Torgelow, nu bist du still; so geht das hier nich‘.“

     „Ja,“ lachte Dubslav, „und wo der nu steht, da sollte ich eigentlich stehen. Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, daß er nichts kann. Und die andern auch. Und wenn sie’s alle gezeigt haben, na, dann sind wir vielleicht wieder dran und kommen noch mal oben auf, und jeder kriegt Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natürlich auch.“

     Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe.

     „…Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten ‚Ausbruch‘ verhüten und dafür sorgen, daß unsere Globsower zufrieden sind. Und wenn wir klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch, Uncke, daß es kleine Mittel giebt?“

     „Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel giebt es. Es hat’s schon.“

     „Und welche meinen Sie?“

[485]      „Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.“

     „Ja,“ lachte Dubslav, „so was hilft. Musik und ’nen Schottschen, dann sind die Mädchen zufrieden.“

     „Und,“ bestätigte Uncke, „wenn die Mädchens zufrieden sind, Herr Major, dann sind alle zufrieden.“

* * *

     Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht dazu, weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Von Besuchern wurde keiner mehr angenommen, und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er kam meist nur, wenn er gerufen wurde.

     „Sonderbar,“ sagte der Alte, während er in den Frühlingstag hinausblickte, „dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit, und is beinah’, als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was andres, und er weiß am Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab’ ich mich darüber gewundert, weil ich mir immer sagte: Ja, solch Talar- und Bäffchenmann, der muß es doch schließlich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt: ‚Nun gehet hin und lehret alle Heiden‘. Und wenn man das so hört, ja, da verlangt man denn auch, daß einer weiß, wie’s mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begiebt man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen: ‚Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten.‘ Der gute Sponholz, der nun wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus vorbei ist, war beinah’ so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß so. Seit beinah’ [486] zwanzig Jahren kenn’ ich ihn, und noch hat er mich nicht ein einziges Mal bemogelt. Und daß man das von einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre… ja, du lieber Himmel, wo soll es am Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat, das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ‚du sollst nicht‘. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen hätte.“

     Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. „Engelke, du könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen ’rüberschicken – ich ließ’ ihn bitten.“

     Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alten Seite.

     „Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und ich sehe wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie müssen nämlich wissen, daß ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen beschäftigt und Ihr Charakterbild, das ja auch schwankt wie so manch andres, nach Möglichkeit festgestellt habe. Würde mir das Sprechen wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer, ich wär’ imstande, gegen mich selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern, was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie wissen, ’ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern überhaupt, und Kortschädel, der sich im übrigen durch französische Vokabeln nicht auszeichnete, hat mich sogar einmal einen ‚Causeur‘ genannt. Aber freilich schon lange her, und jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus.“

     „Glaub’ ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen für den Ausnahmefall.“

[487]      „Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren. Haben Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich wieder dem armen Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist.“

     „Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch ein Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für ein freudiges ‚excelsior‘ ist, der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) von vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes höher gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer irgend ein Opfer, so heißt es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite werfe.“

     Dubslav lachte. „Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd. Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da war das Thema gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (denn weitab davon sind Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie’s wissen, ich hab’ auch mein Steckenpferd und das heißt: König und Kronprinz oder alte Zeit und neue Zeit. Und darüber hab’ ich seit lange mit Ihnen sprechen wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade bei mir: ‚Was du thun willst, thue bald.‘“

     Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: „Gewiß kommen andre Zeiten. Aber man muß mit der Frage, was kommt und was wird, nicht zu früh anfangen. Ich seh’ nicht ein, warum unser alter König von Thule hier nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten Trunk zu thun und den Becher dann in den Stechlin zu werfen, damit hat es noch gute Wege.“

     „Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da, mehr als zu viel. Und damit alles klappt und paßt, geh’ ich nun auch gerad’ ins Siebenundsechzigste, [488] und wenn ein richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch in Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben.“

     „Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes Leben gehabt.“

     „Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso denken. Und die bringen mich wieder auf mein Hauptthema.“

     „Und das lautet?“

     „Das lautet: ‚Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen.‘“

     „Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute…“

     „Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heuztutage aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzuschieben, kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und sagen: ‚Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‘ oder, was noch schlimmer ist: ‚Ja, ja, Jochem, wir wollen mal nachschlagen.‘“

     „Aber, Herr von Stechlin.“

     „Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen, es ist doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht, und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann fährt der Woldemar ’rum und erzählt überall, ‚Katzenstein sei der rechte Mann‘. Oder irgend ein andrer. Aber das ist Mus wie Mine; – verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball giebt, da will ich Ihnen [489] ganz genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von langer Hand her eine wahre Wut auf den alten Sachsenwalder hat, und eröffnet die Polonaise mit Armgard. Und dann ist da ein Professor, Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß, ob er die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen bringen will, und führt eine Adelige, mit kurzgeschnittenem Haar (die natürlich schriftstellert) zur Quadrille. Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und ein Portraitmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches Stück auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat. Und dann giebt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten, obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel und Liebknecht. Und dann sagt Woldemar: ‚Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‘ Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn herantritt und ihm sagt: ‚Ich bin überrascht, Herr von Stechlin, – ich glaubte den Grafen Schwerin hier zu finden,‘ dann sagt Woldemar: ‚Ich habe die Fühlung mit diesem Herrn verloren.‘“

[490]      Der Pastor lachte. „Und Sie wollen sterben. Wer so lange sprechen kann, der lebt noch zehn Jahr.“

     „Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so, oder kommt es nicht so?“

     „Nun, es kommt sicherlich nicht so.“

     „Sind Sie dessen sicher?“

     „Ganz sicher.“

     „Dann sagen Sie mir, wie es kommt, aber ehrlich.“

     „Nun, das kann ich leicht, und sie haben mir selber den Weg gewiesen, als Sie gleich anfangs von ‚König und Kronprinz‘ sprachen. Dieser Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen. Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgend einem ‚Kronprinzen‘ aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das, was man von ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen; in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als Neugestalter aufzutreten und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. ‚Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachen‘. Und nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein.“

     „Und so wird es Woldemar auch machen?“

     „So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken.“

     „Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues Christentum.“

     „Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber [491] wenn ich so sprach, dies neue Christentum ist gerade das alte.“

     „Glauben Sie das?“

     „Ich glaub’ es. Und was besser ist: ich fühl’ es.“

     „Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache; da will ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, daß das alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer-Damm und von Fehrbellin her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen, kommt es zu solcher Rückbekehrung, dann, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß nicht. Sonst erschein’ ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch.“

     Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. „Das alles, Herr von Stechlin[WS 2], kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht zukommt. Nicht ich werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine.“

     Der Alte lächelte. „Ja, ja.“

Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Vorlage: Dubslaw
  2. Vorlage: Sechlin