Der Stechlin/Vierzigstes Kapitel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Neununddreißigstes Kapitel Der Stechlin Einundvierzigstes Kapitel »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
[469]
Verweile doch.
Tod. Begräbnis.
Neue Tage.
[471]
Vierzigstes Kapitel.


     Agnes, während oben die gereizte Scene zwischen Bruder und Schwester spielte, war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von Berlin, wo sie vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war. „Eins war da,“ sagte sie, „das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange, die war so dick wie ’n Bein.“

     „Aber hast du denn schon Beine gesehn?“ fragte die Pritzbur.

     „Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben… Und dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem ‚Tiergarten‘, aber in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie den ‚Zoologischen‘.“

     „Ja, davon hab’ ich auch schon gehört.“

     „Und in dem ‚Zoologischen‘, da war ein ganz kleiner See, noch viel kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei Vögel. Und einer, ganz wie ’n Storch, stand auf einem Bein.“

     Als die Mädchen das Wort „Storch“ hörten, kamen sie näher heran.

     „Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl mehrere Vögel, die waren viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel röter.“

     „Und thaten sie dir nichts?“

[472]      „Nein, sie thaten mir nichts. Bloß, wenn sie so ’ne Weile gestanden hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu Mutter: ‚Mutter, komm; der eine sieht mich immer so an.‘ Und da gingen wir an eine andere Stelle, wo der Bär war.“

     Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch die Mamsell freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die ihre Mutter, die Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die Höhe nahm, ganz so, wie sie’s in der Hasenhaide gesehen hatte.

     So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke: „Ja, gnäd’ger Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens, wenn sie so singt und tanzt, kucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll sie hier bleiben?“

     „Natürlich soll sie hier bleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch mal was andres sehn als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif wie ’ne Prinzeß, hab’ ich immer hingekuckt und ihr wohl ’ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln immer so hin und her gingen und der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was Hübsches hab’ ich nicht mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse Comtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?“

     Engelke griente.

     „Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal aufstehn und mir eine Tasse von dem[WS 1] Thee bringen, oder was ich sonst grade brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, [473] Engelke, das Leben is doch eigentlich schwer. Das heißt, wenn’s auf die Neige geht; vorher is es so weit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los; aber in Berlin, da ging es.“

     „Ja, gnäd’ger Herr. Aber nu kommt es.“

     „Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was gab es damals noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen ärgerlich, und mit alten Weibern muß man gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe so gern was Zierliches. Es is ein reizendes Kind.“

     „Ja, das is sie. Aber…“

     „Ach, laß die ‚abers‘. Du sagst, sie wird wie die Karline. Möglich is es. Aber vielleicht wird sie auch ’ne Nonne. Man kann nie wissen.“

* * *

     Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und strickte. Mal in der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er nach dem Kinde rufen wollen. Aber er stand wieder davon ab. „Das arme Kind, was soll ich ihm den Schlaf stören? Und helfen kann es mir doch nicht.“

     So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: „Engelke, das mit der Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. Sie sitzt da jeden Morgen und strickt. Das arme Wurm muß ja hier umkommen. Und alles bloß, weil ich alter Sünder ein freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr weiter. Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind thun können. Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?“

     „Ja, gnäd’ger Herr, da sind ja noch die vier Bände, die wir letzte Weihnachten bei Buchbinder Zippel [474] in Gransee haben einbinden lassen. Eigentlich war es bloß ’ne ‚Landwirtschaftliche Zeitung‘, und alle, die mal ’nen Preis gewonnen haben, die waren drin. Und Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm auch.“

     „Ja, ja, das is gut; das gieb ihr. Und brauchst ihr auch nich zu sagen, daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht keine.“

     Wirklich, die „Landwirtschaftliche Zeitung“ lag am andern Morgen da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres zu haben als ihr Strickzeug und die schönen Bilder ansehn zu können. Denn es waren auch Schlösser drin und kleine Teiche, drauf Schwäne fuhren, und auf einem Bilde, das eine Beilage war, waren sogar Husaren. Engelke brachte jeden Morgen einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die Lorenzen, um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre herübergeschickt hatte. „Die kann sich ja die Bilder mit ansehen,“ sagte Dubslav; „am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und vielleicht kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher erklären, und dann is es so gut wie ’ne Schulstunde.“

     Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden Kinder nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die Kleine sog jedes Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber hörte zu und wußte nicht, wem von beiden er ein größeres Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede, weil sie den wehmütigen Zauber all derer hatte, die früh abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib schien zu sagen: „Ich sterbe.“ Aber ihre Seele wußte nichts davon; die leuchtete und sagte: „ich lebe.“

* * *

     Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann sagte Dubslav: „Engelke, das Kind fängt heute [475] schon wieder von vorn an; es ist mit allen vier Bänden, so dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache; so weit sind wir nu schon. Übrigens ist mir was Gutes eingefallen: hol ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die stehn ja da bloß so ’rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt wird – was sie ‚ordnen‘ nennen –, dann kommt Kupperschmied Reuter aus Gransee und taxiert es auf fünfundsiebzig Pfennig.“

     „Aber, gnäd’ger Herr, uns’ Woldemar…“

     „Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich, und die Comtesse, seine junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und ich hab’ es auch nicht so schlimm gemeint; man red’t bloß so. Nur so viel is richtig: meine Sammlung oben is für Spinnweb und weiter nichts. Alles Sammeln ist überhaupt verrückt, und wenn Woldemar sich nich mehr drum kümmert, so is es eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand. Jeder hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring aber nich gleich alles ’runter. Nur die Mühle bring und den Dragoner.“

     Engelke gehorchte.

     Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für den Dragoner, der, als man ihn vor Jahr und Tag von seinem Zelliner Kirchturm heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut, blauer Rock, gelbe Hosen. Aber sehr bald hatte sich das Kind an der Buntheit des Dragoners sattgesehen, und nun kam statt seiner die Mühle an die Reihe. Die hielt länger vor. Meistens, – wenn sie nur überhaupt erst im Gange war, – brauchte das Kind bloß zu pusten, um die Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende Ton der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine [476] Lust und ein Entzücken. Es waren glückliche Tage für Agnes. Aber fast noch glücklichere für den Alten.

* * *

     Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohlthuend ihm seine Gegenwart war, so war es auf die Dauer doch nicht viel was andres, als ob ein Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig gezwitschert hätte. Sein Auge richtete sich gerne darauf, als aber eine Woche und dann eine zweite vorüber war, wurd’ ihm eine gewisse Verarmung fühlbar, und das so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die Tage zurückdachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher einen guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav zählte zu den Friedliebendsten von der Welt, aber er liebte doch andrerseits auch Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber als gar keine.

* * *

     Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich nach Menschen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn Besucher aus Näh’ oder Ferne sich einstellten.

     Eines Tages – es schummerte schon – erschien Krippenstapel. Er hatte seinen besten Rock angezogen und hielt ein übermaltes Gefäß, mit einem Deckel darauf, in seinem linken Arm.

     „Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß Sie mal nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ‚Chef‘ hat. Ich sage ‚Chef‘. Der Direktor sind [477] Sie ja selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch mit ’ner Urne. Hat gewiß ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder is es bloß ’ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden mir doch nich ’ne Krankensuppe gekocht haben?“

     „Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß nicht. Und doch is es einigermaßen so was. Es ist nämlich ’ne Wabe. Habe da heute mittag einen von meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die beste Wabe zu bringen. Es ist beinah’ so was wie der mittelalterliche Zehnte. Der Zehnte, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war eigentlich was Feineres als Geld.“

     „Find’ ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für so was Feines gar keinen Sinn mehr. Immer alles bar und nochmal bar. O, das gemeine Geld! Das heißt, wenn man keins hat; wenn man’s hat, ist es so weit ganz gut. Und daß Sie gleich an Ihren alten Patron – ein Wort, das übrigens vielleicht zu hoch gegriffen ist, und unser Verhältnis nicht recht ausdrückt, – gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich nicht übel nehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren „Patron“ nenne, so gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut mich aufrichtig. Aber ich werde mich wohl nicht drüber her machen dürfen. Immer heißt es: ‚das nicht‘. Erst hat mir Sponholz alles verboten und nu die Buschen, und so leb’ ich eigentlich bloß noch von Bärlapp und Katzenpfötchen.“

     „Am Ende geht es doch,“ sagte Krippenstapel. „Ich weiß wohl, in eine richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber der Honig macht vielleicht ’ne Ausnahme. Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat die ganze Heilkraft der Natur.“

     „Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?“

[478]      „Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwärmen und sammeln, und seh’ auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln. Da sind voran die Linden und Akazien und das Heidekraut. Nu, die sind die reine Unschuld; davon red’ ich gar nicht erst. Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie sich auf eine giftige Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen niederläßt. Und in jedem Venuswagen, besonders in dem roten (aber doch auch in dem blauen), sitzt viel Gift.“

     „Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt da die Biene?“

     „Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß die Heilkraft.“

     „Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre Verantwortung hin will ich mir den Honig auch schmecken lassen, und die Buschen muß sich drin finden und sich wohl oder übel zufrieden geben. Übrigens fällt mir bei der Alten natürlich auch das Kind ein. Da sitzt es am Fenster. Na, komm mal her, Agnes, und sage, daß du hier auch was lernst. Ich hab’ ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin, und seit vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und da lernt sie, glaub’ ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?“

     Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.

     „Und dann hab’ ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mühle gegeben. Also unsre besten Stücke, so viel ist richtig. Ich denke mir aber, mein Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein. Eigentlich is es doch besser, das Kind hat was davon als die Spinnen. Und was macht denn Ihr Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?“

     „Ja, Herr Major. Münzenfund.“

[479]      „Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgsthaler oder so was; Dreißigjähriger Krieg. Es war ja ’ne gräßliche Zeit. Aber daß sie damals aus Angst und Not so viel verbuddelt haben, das is doch auch wieder ein Segen. Is es denn viel?“

     „Wie man’s nehmen will, Herr Major; praktisch und profan angesehen ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen ist es allerdings viel. Nämlich drei römische Münzen, zwei von Diokletian und eine von Caracalla.“

     „Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der mit der Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende nicht so schlimm. Verfolgt wird immer. Und mitunter sind die Verfolgten obenauf.“

     Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß er den Honig herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich, seine leere Terrine vorsichtig im Arm.

Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Vorlage: dom