Der Zauberring

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Textdaten
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Autor: Karl Spiegel
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Titel: Der Zauberring
Untertitel:
aus: Märchen aus Bayern, S. 4–7
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Selbstverlag des Vereins für bayrische Volkskunde und Mundartforschung
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Erscheinungsort: Würzburg
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Quelle: Commons
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5. Der Zauberring.
(Unterfranken: Birkenfeld b. Marktheidenfeld.)

Es war einmal ein Schneider. Der hatte hundert Kaufläden. Neunundneunzig davon vertrank er und den hundertsten verkaufte er. Für den Erlös kaufte er sich ein Schiff und Getreide. Weil sein Vater gestorben war, nahm er seine Mutter mit auf die Handelsfahrt. Sie fuhren mit dem Schiff voll Getreide den Fluß hinab und kamen so neben einem Gebüsch-Holz vorbei, und weil die Sonne so schön schien, landeten sie an und stiegen heraus. Als sie am Lande waren, kam ein Sturmwind und jagte das Schiff mitsamt dem Getreide in den Grund. [5] Der Schneider wollte nun den Platz etwas ansehen, ging in den Busch und fand darinnen einen Ring. Auf dem Ringe stand: Wer den Ring an den rechten Arm macht, kann alles heben. Den Ring steckte der Schneider an, ohne seiner Mutter etwas davon zu sagen. Von dem Platze führte ein Pfad bergan, den wollten sie gehen und sehen, wohin sie kämen. Der Schneider verlangte jetzt auch zu wissen, ob der Ring Kraft habe und sagte zu seiner Mutter, er wolle sie das Berglein hinauftragen. Sie sagte, sie könne auch gehen, aber er trug sie doch hinauf. Das kam ihm so leicht an, gerade, als wenn er eine Feder auf dem Arme hätte. Oben gingen sie den Pfad fort und kamen an eine Riesenburg. Darin waren zweihundert Riesen. Als sie in die Burg traten, hing ein Säbel da, auf dem stand: Wer diesen Säbel heben kann, kann alles tot schlagen. Der Schneider holte den Säbel herunter und schlug alle Riesen tot bis auf einen einzigen, den alten.

Der Schneider und seine Mutter blieben in der Riesenburg. Der Schneider ging ständig auf die Jagd und während dem wurde der Riese und seine Mutter miteinander bekannt. Darum hätten sie den Schneider gern weg haben mögen. Als der Schneider wieder einmal von der Jagd heimkam, stellte sich seine Mutter krank. Er fragte sie: „Mutter, was fehlt denn Euch?“ Die Mutter sagte: „Ich bin krank“. Jetzt fragte er den Riesen: „Ries, hast du meiner Mutter was getan?“ Dieser antwortete: „Nein“. Jetzt sprach die Mutter: „Wenn ich halt Aepfel hätte, würde ich vielleicht wieder gesund“. Der Schneider fragte den Riesen, wo es Aepfel gäbe. Da sagte dieser: „Zwei Stunden von hier sind vierhundert Riesen; die sind aber nocheinmal so stark als wir waren; die haben auch Aepfel“. Der Riese mußte ihm den Weg zeigen, der hinführte. Der Schneider nahm seinen Säbel mit und ging gegen die Riesenburg zu. Als er hinein kam, hieb er die Riesen zusammen. In der Burg stand ein Baum voller Aepfel. Auch eine Königstochter war da, die von den Riesen gefangen genommen worden war. Der Schneider riß den Baum aus, legte ihn auf die Achsel und setzte das Mädchen oben darauf.

Daheim gab der alte Riese acht, ob der Schneider komme oder nicht. Er sah zum Fenster hinaus, und als er den Schneider erblickte, sagte er zu dessen Mutter: „Er kommt wahrhaftig, hat den Baum auf der Achsel und noch oben darauf ein Mädchen sitzen.“ Als der Schneider hinein kam, sagte er zu seiner Mutter: „Da, Mutter, habe ich Aepfel, eßt Euch gesund daran!“ Er sagte auch, daß sie dem Mädchen ja nichts zu leid tun dürften, das er mitgebracht habe. Als er das Mädchen eine Zeit lang bei sich hatte, bis es wieder bei Kräften und gesund war, nahm er es mit hinaus auf die Jagd und führte es auf seinen Heimweg, den es einst hergekommen war. Die Königstochter gab ihm die besten Worte, er solle mit ihr gehen, sie wolle ihn heiraten, weil er ihr Retter gewesen sei und sie befreit habe. Er sagte aber bloß: „Einmal später“. Als der Schneider heimkam, stellte sich seine Mutter wieder krank. Er fragte, was ihr fehle. Sie antwortete, wenn sie Milch hätte, würde sie wieder gesund. Er fragte nun den Riesen, wo es Milch gäbe. Der sagte: [6] „Vier Stunden von da sind achthundert Riesen; das sind die allerstärksten, die es gibt. Die haben Milch“. – Der Schneider befahl, der Riese solle ein Geschirr holen. Der Riese ging hinaus und brachte einen Hafen. Der Schneider fragte, ob kein größeres Geschirr da sei. Der Riese antwortete: „Drunten im Stall ist eine Krippe.“ Der Riese mußte ihm die Krippe aufheben helfen, dann ging der Schneider mit der auf die Riesenburg zu. Als er hinkam, hatten die Riesen eine Schildwache dastehen. Diese fragte: „Was wollen Sie, gnädiger Herr Teufel?“ Da sagte der Schneider: „Ach was, auch noch ein Teufel, ich bin kein Teufel. Im Augenblicke muß die Krippe voll Milch sein!“ Da halfen sie geschwind zusammen und machten die Krippe voll Milch. Er trug sie heim und sagte: „Da, Mutter, eßt Euch gesund daran.“

Nach einiger Zeit ging seine Mutter einmal mit auf die Jagd. Draußen gab sie ihm sehr gute Worte, er solle ihr doch sagen, woher er so stark geworden sei. Da sagte er: „Mutter, wenn man neunundneunzig Kaufläden vertrinkt, ist man gewiß stark.“ Als beide heimkamen, fragte der Riese die Mutter, was er gesagt habe. Sie sprach, er habe gesagt: Wenn man neunundneunzig Kaufläden vertrinke, sei man gewiß stark. Der Riese aber meinte, davon sei er nicht so stark geworden. Nach etlicher Zeit ging die Mutter wieder mit ihrem Sohne auf die Jagd. Da gab sie ihm recht gute Worte – und er sagte es ihr: „Mutter, als unser Schiff unterging, fand ich da drinnen im Gebüsche den Ring, der macht mich so stark.“ Die Mutter ging heim und sagte zum Riesen: „Jetzt weiß ich’s.“

Als der Schneider von der Jagd heimgekehrt war, sich ins Bett legte und schlief, ging seine Mutter leis hinein und nahm den Ring, den er auf den Tisch gelegt hatte. Am anderen Tag sagte sie zum Schneider: „So, Hund, jetzt gehst mit mir!“ An der Straße, wo er die Königstochter nach ihrer Heimat zurecht wies, stach sie ihm die Augen aus und riß ihm die Fußsohlen auf.

Es kam aber ein Fuhrmann vorbei und nahm den Schneider mit in die Stadt, wo die Königstochter wohnte. Diese hatte ein Spital bauen lassen, wohin die einheimischen und fremden Kranken gebracht wurden. Alle Tage ging sie in das Spital und sah nach, was für Patienten da waren. Als der Schneider eingeliefert war, kam sie auch und fragte ihn, wie er denn so verunglückt sei. Er antwortete, sie solle acht Tage warten, bis die größten Schmerzen vorbei seien, dann wolle er es ihr sagen, wie es sich zugetragen habe. Nach acht Tagen kam die Königstochter wieder und nun erzählte der Schneider sein Schicksal. Die Königstochter teilte nun ihrem Vater mit, daß ihr Retter im Spitale liege, sagte, wie es ihm ergangen und daß sie ihn dennoch heiraten wolle. „Aber einen blinden Mann zum Regenten, das ist nichts!“ sagte der Vater. Er machte ein Schiff voll Geld, setzte seine Tochter und den Schneider darauf und jagte sie das Wasser hinein. Als sie an den Platz kamen, wo das Schiff des Schneiders unterging, landeten sie auch an, und als sie aus dem Schiffe waren, kam ein Sturmwind und jagte das Schiff in den Grund. Jetzt [7] standen sie im größten Jammer da. Auf einmal kam ein Hase daher gewackelt, als sei er auch blind. An dem Orte war aber ein Brünnlein, dahin ging der Hase, nahm seine Pfoten und wusch mit dem Wasser seine Augen. Darnach riß der Hase aus, so daß man daran merkte, daß er wieder sehen könne. Die Königstochter sagte darum zum Schneider, er solle auch zum Brünnlein und mit dem Wasser seine Augen auswaschen. Der Schneider aber traute ihr nicht ganz und meinte: „Ja, gelt du willst mich weg haben und hineinwerfen?“ „Nein, durchaus nicht! Gehe nur mit!“ sagte sie. Jetzt ging der Schneider mit, nahm seine Finger, tauchte sie in das Wasser, wusch seine Augen damit und sah dann wieder.

Sie gingen nun miteinander den Berg hinauf. Da kam ein Gewitter, das recht herabwarf, so daß ihre Kleider durch und durch weichten. Als sie beinahe den Berg droben waren, war da eine Felsenhöhle. Sie traten hinein. Innen brannte ein Feuer, daran trockneten sie sich. Es kam aber einer und fragte: „Schneider, wo meinst du, daß du bist?“ Der Schneider: „Ich bin halt in so einer Felsenhöhle“. Der andere: „Nein, du bist in der Hell. Warum bist du so dumm gewesen und hast deiner Mutter gesagt, wodurch du so stark geworden bist! Ich will dir dazu helfen, daß du deinen Ring wieder bekommst. Jetzt gehe hinaus; draußen steht ein Gaul. Du reitest hin an die Riesenburg und stellst dort den Gaul in den Stall. Deine Frau bleibt da, bis du wieder kommst. Du gehst in die Riesenburg und legst dich unter die Bettlade. Auf die Nacht werden deine Mutter und der Riese miteinander von der Jagd kommen, dann noch ein wenig Salat essen und sich hernach legen. Deine Mutter legt dabei den Ring auf den Tisch. Wenn sie beide schlafen, gehst du vor und holst ihn. Morgen früh kannst du dann sehen, wie sie zum Fenster hinausfliegen ohne Flügel“. – Der Schneider tat so, wie es ihm geheißen war. Früh vor Tags ging das Fenster auf, der Teufel kam und holte sie alle beide.

Dann setzte sich der Schneider wieder auf seinen Gaul und ritt zurück an die Felsenhöhle. Als er ankam, sagte der (Mann) dort: „Jetzt gehst du hinab, drunten stehen deine zwei Schiffe, das eine mit Geld, das andere mit Getreide, und fährst wieder gegen deine Heimat. Sei aber nicht mehr so dumm, daß du den Leuten sagst, durch was du stark bist.“ Der Schneider nahm seine Frau, seinen Ring und seinen Säbel mit und ging den Berg hinein. Als sie an das Wasser kamen, standen ihre zwei Schiffe wieder da. Sie fuhren dann gegen die Heimat zu. Der König aber wollte sie nicht mehr annehmen. Der Schneider aber fürchtete sich nicht und hieb des Königs Soldaten miteinander zusammen. Da hatte der König keine andere Wahl, er mußte sie annehmen.


Im Januar 1898 erzählt von Johann Lang, einem siebzigjährigen Greis zu Birkenfeld b. M. Er hörte das Märchen in seiner Jugend erzählen. Aufgeschrieben durch K. Spiegel, damals 2. Lehrer in Birkenfeld b. M. (Die hochdeutsche Übertragung der Erzählung schließt sich möglichst genau der Ausdrucksweise des Erzählers an.)