Der trunkene Gott

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Autor: Conrad Ferdinand Meyer
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Titel: Der trunkene Gott
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 195–198.
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von H. Haessel
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
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[195]
 Der trunkene Gott.


Weiße Marmorstufen steigen
Durch der Gärten laub’ge Nacht,
Schlanke Palmenfächer neigen
In des Himmels blaue Pracht.

5
Ueber Tempeln, Hainen, Grüften

Zecht in abendweichen Lüften
Alexander’s Lieblingsschaar;
Daß der Erde Herr sich labe,
Bietet ihm ein schöner Knabe

10
Wein in goldner Schaale dar.


Kleitos neben Philipp’s Sohne
Furcht die Stirne kummervoll,
Der benarbte Macedone
Schlürft im Weine Zorn und Groll:

15
Er gedenkt der Heergenossen,

Die die erste Phalanx schlossen
In den Bergen kühl und fern –
Seinen dunkeln Muth zu kränken
Lüstet es den jungen Schenken

20
Lagernd an dem Knie des Herrn.


[196]
Die erhabne Stirn und Braue

Träumt den Zug ins Inderland,
Lauschend liest den Traum das schlaue

25
Kind, den Blick emporgewandt:

„Bacchus bist du, der belaubte,
Mit dem schwärmerischen Haupte,
Der ins Land der Sonne zieht!
Ohne Heer kannst du bezwingen,

30
Nur den Thyrsus darfst du schwingen,

Winke nur und Indien kniet!“

Finster grollt der tapfre Streiter:
Durch der Wüste heißen Sand?
Immer ferner, immer weiter?

35
Nach des Indus Fabelstrand?

Siegst du mit der Wimper Winken,
Warum fechten wir und sinken
Wir für dich? Zum Schein und Spott?
Lebende kannst du belohnen,

40
Deine todten Macedonen,

Wecke sie, bist du ein Gott!“

[197]
– „Welchen dampfenden Altares

Freust du auf der Erde dich?
Bist du die Gewalt des Ares,

45
Helmumflattert, fürchterlich?

Herr, bevor den niedern Thalen
Du dich nahtest ohne Strahlen,
Welches war dein himmlisch Amt?
Bist du Zeus? Bist du ein Andrer?

50
Bist du Helios, der Wandrer,

Dessen Stirne sonnig flammt?“ –

Traulich neigt der graue Fechter
Sich zum Ohr des Gottes hin,
Mit unseligem Gelächter

55
Rührt er an der Schulter ihn:

„Gast des Himmels, merklich sinken
Haupt und Schulter dir zur Linken[1],
Lastet dir der Erde Raub?

60
Macht der Knabe dich zum Gotte,

Dein Gebrechen schreit mit Spotte:
Alexander, du bist Staub!“

[198]
Eine tödtende Geberde!

Eines Gottes Rachewut!

65
Ein Erdolchter an der Erde!

Alter Treue strömend Blut!
Auf den Mörder, auf die Leiche
Starrt der Schenk, der schreckensbleiche:
Kranz und Wunde! Fest und Grab!

70
Stumme, steingewordne Zecher –

Hier ein herrenloser Becher,
Rollt die Stufen sacht herab …


  1. Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die schwächere linke.