Deutsche Bilder/Nr. 8. Der Salzburger Jammer

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Autor: Robert Keil
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Titel: Der Salzburger Jammer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, 28, S. 420–424, 440–443
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Deutsche Bilder.

Nr. 8. Der Salzburger Jammer.


Ueberblicken wir die historische Entwicklung der süddeutschen Zustände, so stoßen wir immer und immer wieder auf eine der traurigsten Erscheinungen. Pfäffische Verdummung des Volkes in Verbindung mit engherziger, egoistischer Politik der Höfe war es, was Jahrhunderte hindurch die biedersten, kernigsten, begabtesten deutschen Völkerstämme verhindert hat, den ihnen zukommenden

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Die Gartenlaube (1861) b 421.jpg

Der Schwur der Salzburger Protestanten in Schwarzach, am 5. August 1731.

[422] hohen Standpunkt in socialer, in religiöser und politischer Hinsicht zu erringen; jene Volks-Verdummung von Seiten eines egoistischen, herrschsüchtigen Klerus, religiöse Intoleranz und Fanatismus im Bunde mit antinationaler, perfider Politik ehrgeiziger und doch so schwacher Regenten und mit der unglückseligen Einmischung außerdeutscher Cabinete in die deutschen Verhältnisse, sie waren es, welche die heillose Verwüstung und Zerrüttung unseres Vaterlandes im siebzehnten Jahrhundert herbeiführten, sie waren es, die noch in der ersten Hälfte des vorigen, des achtzehnten Jahrhunderts in einem der schönsten Länder Süddeutschlands einen Act der Brutalität begingen, welcher in allen übrigen deutschen Gauen, ja auch im Auslande, in der ganzen civilisirten Welt einen Schrei des Entsetzens und das tiefste Mitleid hervorrief.

Ihr alle kennt es, das herrliche Land. Riesige Alpen erheben dort ihr Haupt, mit ewigem Schnee bedeckt, in die Wolken. Sie zeigen alle die großartigen Erscheinungen der Schweizeralpen, die hohen, im Sonnenlicht hell funkelnden und schimmernden Gletscher, die schaurigen, gähnenden Klüfte, die donnernden Schneelawinen; Waldströme brausen schäumend durch Felsen und stürzen sch endlich brüllend in die schwindelnde Tiefe nieder, daß es weithin donnert und das Echo es vielfach wiederhallt. Auf die trefflichen Almen der Berge treibt der Hirt die Heerde, deren harmonischem Geläute der ferne Wanderer mit Vergnügen lauscht. Es weht reine, frische Gebirgsluft. Die Thäler prangen mit üppig grünenden Wiesen und fruchtbarem Getreidelande. Klare Seeen dehnen sich aus, und fröhlicher Gesang schallt von den Kähnen. Wer kennt es nicht, das Land, welchem von Jahr zu Jahr mehr Fremde zum Vergnügen, zur Erholung von abspannenden Berufsgeschäften oder zur Ge­nesung von körperlichen und geistigen Leiden, alle zum frischen, freien, erquickenden Naturgenuß zuströmen, – das von der Natur mit tausend Reizen geschmückte Salzburg? Gegenwärtig zum größern Theile dem österreichischen Staate, zum kleinern dem König­reich Baiern angehörig, bildete es früher ein selbstständiges Erzbisthum und zwar nach dem westphälischen Frieden bis zum Jahre 1802, außer den drei geistlichen Kurfürstenthümern, das einzige Erzbisthum in Deutschland. Dort lebte zu Anfang das vorigen Jahrhunderts ein stilles, biederes, fleißiges Volk. Es bebaute die Felder und arbeitete in den Goldbergwerken, in den reichen Marmorbrüchen und in den weiten Salzwerken, in deren unterirdischen Kammern der Salzstein in so wundersamen Farben spielt. Doch bald genug sollte das größte Elend, das den Menschen überhaupt treffen kann, über diese friedlichen, braven Menschen hereinbrechen. Damals, als der geniale Mann von Wittenberg das Wort ausge­sprochen hatte, welches eine neue Gestaltung der kirchlichen Ver­hältnisse, ja eine ganze Welt von neuen Ideen hervorzurufen bestimmt war, damals war der Ruf von der neuen Lehre auch in die stillen Thäler Salzburgs (in welchen früher schon die Lehren der Hussteu Eingang gefunden hatten) gedrungen und hatte derselben zahlreiche geheime Anhänger gewonnen. Nicht ohne Einfluß war es, daß Luther's Gönner, der treffliche Generalvicar des Augustiner-Ordens, Johann von Staupitz, Hofprediger, dann Abt zu Salzburg wurde und durch ihn Briefe und Bücher des Reformators dahin kamen; bedeutender noch die Einwirkung seines Nachfolgers Paulus Speratus (von Spretten) und anderer lutherisch ge­sinnter Priester, die zum Theil als Märtyrer für ihre Ueberzeugung fielen. Die heimlichen und offenen Verfolgungen, welche die Lutherischen seit dem letzten Jahrzehnt des sechzehnten Jahrhunderts dort zu erdulden hatten, waren nicht im Stande gewesen, den Prote­stantismus zu unterdrücken, im Gegentheil hatte sich derselbe, sogar in der Hauptstadt Salzburg, im Sitze des mächtigen Erzbischofs selbst, immer mehr ausgebreitet. Die Pfaffen ahnten es und san­nen auf Mittel, das Unkraut auszurotten. Sie griffen zu einer Art geistiger Tortur; von jedem Salzburger forderten sie im Jahr 1684 einen Eid, daß er zur alleinseligmachenden katholischen Kirche sch bekenne und die Andersglaubenden verfluche. Tausende schwuren den Eid, aber die Tefferegger, die fast sämmtlich sch der neuen Lehre ergeben hatten, erklärten, daß sie ihn nicht schwören würden, und wurden zum Auswandern gezwungen, wobei sie diejenigen ihrer Kinder, die unter vierzehn Jahren waren, zurücklassen mußten! Jetzt glaubten die Pfaffen das Land von allen Ketzern gereinigt, aber der Funke, den sie für erloschen hielten, glomm im Stillen fort und zündete mehr und mehr. Gleich den ersten, ursprünglichen Anhängern des Christenthums während der Verfolgungen desselben hielten die Protestanten ihre frommen Andachtsübungen in heimlichem Versteck; im finsteren Walde versammelten sie sich Nachts in Höhlen, ließen sich von demjenigen unter ihnen, der noch a1s besten lesen konnte – denn die Pfaffen hatten das Volk weislich in die­ser Unwissenheit gelassen – aus der heiligen Schrift vorlesen und sangen geistliche Lieder, mit ängstlicher Sorglichkeit verbargen sie dann die Bibel wieder in einen hohlen Baum oder unter die Erde und schlichen in ihre Häuser zurück. Aeußerlich aber bekannten sie sich vorsichtiger Weise noch zur katholischen Kirche, wohnten dem Gottesdienste bei und nahmen das Abendmahl unter Einer Gestalt. So kam es, daß man ihnen, obgleich ihr Treiben allmählich ruchbar geworden, doch lange nachsah und wenigstens nicht Gewaltmaßregeln in Anwendung brachte. Da gelangte im Jahr 1727 der Erzbischof Leopold Anton Elentherius von Firmian zur Regierung, ein Mann, geschickter, eine Messe zu lesen, als Land und Leute zu regieren, ein überdies geldgieriger, vergnügungssüchtiger, dem Trunke ergebener Mann und ein so heftiger Feind der Protestanten, daß er einst die Aeußerung that: „Ich will nun einmal die Ketzer aus meinem Lande haben, sollten auch Dornen und Disteln auf den Aeckern wachsen.“ Meist lebte er auf dem Jagdschloß Cleßheim in vertrautem Umgang mit der Gräfin Arco, bei Jagden, Spielen, Schmaußereien und soll nur selten nüchtern anzutreffen gewesen sein. Diese Sinnesart wußten seine Räthe, vor allem der gewissen­lose Hofkanzler von Räll gar wohl zu nutzen, sie betrogen den leichtgläubigen, schwachen Mann und regierten das Land. Als „Bußprediger“ kamen die schlauen Jesuiten herbei, verfluchten auf den Kanzeln den lutherischen Glauben und führten den von Papst Benedict XIII. gebotenen Gruß ein: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Die Protestanten, die es für Sünde hielten, den Namen Christus immer im Munde zu führen, behielten ihren früheren herkömmlichen Gruß bei, und so hatten denn die Pfaffen das gewünschte Mittel gefunden, die Katholischen von den Lutherischen zu unterscheiden, und beobachteten die letzteren genau. Man durchsuchte ihre Woh­nungen, und wehe demjenigen, bei welchem man ein evangelisches Buch fand! Man stieß ihn in dunkle, abscheuliche Gefängnisse und quälte und marterte ihn mit Hunger und Durst. Ein dreiundachtzigjähriger, kranker Greis, bei dem man nichts weiter, als Arndt's „Paradiesgärtlein“ gefunden hatte, wurde, an den Füßen gefesselt, in einen jener elenden Kerker geworfen und erst, als sein Tod jeden Augenblick zu erwarten war, gegen eine Strafe von 100 Gulden freigelassen. Andere wurden auch mit Stockstreichen gezüchtigt und ihres ganzen Vermögens beraubt. War doch letzteres ein geheimes Hauptmotiv für den geldgierigen Erzbischof und seine Creaturen!

Aber alle diese Mißhandlungen, diese Strafen, welche darauf berechnet waren, die Protestanten mit Gewalt zum Papstthum zurückzuführen, verfehlten ihren Zweck; die Protestanten hielten an ihrem Glauben fest und ließen geduldig jene Martern über sich ergehen. Als jedoch die Bedrückungen ärger und ärger wurden, als unter denen, die man für Ketzer hielt, keine Vermählung mehr stattfinden durfte, als sogar ihre Todten nicht mehr in geweihter Erde begraben werden sollten: da erhoben sich endlich im Jahre 1731 die gemißhandelten Leute, schickten Boten an den Kaiser Karl VI. nach Wien und an das Corpus Evangelicorum nach Regensburg und baten um Gestattung freier Religionsübung oder doch ungehinderter Auswanderung. Die Armen! Als Rebellen wurden ihre Boten in Linz angehalten und in Fesseln dem Erz­bischof zurückgeschickt – was war auch anders von Karl VI., zu erwarten, dem Schwächling an Leib und Seele? – und ehe die schwerfällige, plumpe Maschine des Reichstages in Bewegung zu bringen war, verstrichen Wochen und Monate, und als nun endlich das Corpus Evangelicorum sich aufraffte und mit Vorstellungen an den Kaiser und an den Erzbischof wandte, konnte es weder bei dem Einen noch bei dem Andern etwas ausrichten. Das waren die Zustände im „heiligen römischen Reich deutscher Nation“!

Darauf ließ der Erzbischof durch Beamte nach der Zahl der Evangelischen forschen, und zwanzigtausend bekannten sich öffentlich zu Luther's Lehre. Sie verließen, als man diesen Glauben von den Kanzeln herab mit den ärgsten Verwünschungen verfluchte, die Kirchen und betraten sie, trotz den Drohungen der Obrigkeit, nie wieder. In ihren Häusern hielten sie Andachtsübungen und blieben, obgleich ihnen die Jesuiten mit den grellsten Farben die gräß­lichen weltlichen Strafen, den schrecklichen Zorn des Papstes und das fürchterliche Fegefeuer als gewisse Folgen ihrer Ketzerei vor­stellten, bei ihrem Glauben fest. Da aber alle Verständigen unter [423] ihnen einsahen, daß eine gemeinsame Berathung über ihre gegenwärtige Lage und Zukunft und gemeinsames Handeln nöthig sei, schrieb zu diesem Zwecke eine Gemeinde der andern und lud nach Schwarzach ein, das zum Versammlungsorte gewählt wurde. Am 5. August 1731 kamen dort über hundert erfahrene Männer, die Aeltesten der Gemeinden, zusammen.

Es war eine ernste, feierliche Stunde. Auf einem Tische, der noch heutiges Tages den Reisenden gezeigt wird, stand ein Salzfaß. Sie traten um den Tisch, nahmen etwas vom Salze mit benetztem Finger, verschluckten es und schwuren, eher Leib und Leben zu lassen, als von ihrem Glauben zu weichen. Zugleich verkannten sie nicht, daß ihnen daraus die Nothwendigkeit entstehen könne, Haus und Hof zu verlassen, und sandten daher einige aus ihrer Mitte fort, bei den protestantischen Mächten nachzufragen, wieviel diese wohl von ihnen bei sich aufnehmen möchten. – Da erhoben die Pfaffen über diese Vorgänge wüthendes Geschrei. Aufruhr, Rebellion war es in ihren Augen, und kein Mittel durfte unversucht bleiben, diese Widersetzlichkeit gegen alle geistliche und weltliche Auctorität zu ahnden. Waren nicht die Evangelischen jene „verfluchten Ketzer“, zu deren Bekehrung jedes Mittel, auch das verruchteste, anzuwenden erlaubt war? Sollte man nicht durch Verfolgung jener Ruchlosen, welche dem heiligen Vater ungehorsam zu sein wagten, dereinst die ewige Seligkeit um so gewisser erlangen? Kaiserliche Truppen rückten in Salzhurg ein, mit Gräuel begannen, welche den Scheußlichkeiten der bourbonischen Wirthschaft in Neapel nicht nachstehen. Man schlug viele der Evangelischen, selbst ehrwürdige Greise, in schwere Fesseln und warf sie in die häßlichen, feuchten Gefängnisse, aus denen manche nach monatelanger Qual als Krüppel hervorgingen. Die Soldaten hausten in rasendem Fanatismus und viehischer Rohheit auf das Fürchterlichste. Wie beim Plündern einer Stadt zur Zeit der dreißigjährigen Verwüstung Deutschlands hieben sie, schossen und stachen unter die Unglücklichen und raubten manchen die ganze, mit sauerem Schweiß erworbene Habe. Sie brachen Nachts in die Häuser, rissen die Evangelischen aus den Betten und schleppten sie halbnackt mit gefesselten Händen und verbundenen Augen in’s Gefängniß, in welchem sie viele Monate lagen und vor Kälte, Hunger und Durst fast umkamen; – ja ein Mann, welcher nichts verbrochen, als Andere belehrt, ihre Kinder getauft und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt ausgetheilt hatte, soll (nach der Versicherung Salzburger Emigranten) lebendig eingemauert worden sein.

Die Soldaten, welche in die Häuser der Evangelischen gelegt worden waren, um die letztern auf alle Weise zu quälen, kämen dieser Instruction getreulich nach und begingen namentlich auch gegen Frauen und Mädchen die gröbsten Brutalitäten. Am Schüppelhofe kroch eine reiche Bäuerin, welche man auch auf diese Weise bekehren wollte, in ihrer Angst in den brennenden Backofen und wurde zwar daraus gerettet, doch nur um in Folge der Brandwunden zwei Tage darauf ihren Geist aufzugeben. Vierleitner, ein Greis, wurde an den Füßen so hart gefesselt, daß der eine ganz unbrauchbar wurde, sein Sohn wurde an ihn geschlossen und so beide in eines der sogenannten Gefängnisse, d. h. in ein feuchtes, ungesundes, finsteres Loch, drei Mann tief unter der Erde geworfen, daß sie nicht neben, sondern über einander liegen mußten. Andere peitschte man mit dicken Ochsenziemern, daß das Blut den Rücken herabströmte, man fleckte ihre Hände und Füße in den Stock und fesselte sie mit Ketten so fest, daß sie gekrümmt und gebogen liegen mußten, man ließ sie in Hunger und Gestank fast verschmachten, und wenn sie um Gotteswillen baten, daß man ihnen nur soviel zukommen lassen möge, als man den Hunden zu geben pflege, antwortete man ihnen nur mit Schmähungen. Wozu auch Mitleid? sprach es doch ein Jesuit offen aus, daß alle die lutherischen Ketzer auf den Scheiterhaufen gehörten! –

Indem man Andere auf das Entsetzlichste prügelte, frug man sie zugleich höhnisch, ob die ketzerischen Protestanten, die Brandenburger, die Schweizer, der Schwede, der Engländer, der Däne und die Holländer nicht bald kommen und sie aus ihren Händen erretten würden. Die Beamten suchten die Evangelischen durch Drohungen, die Pfaffen suchten sie durch Ueberredung zu bekehren, man schreckte sie endlich durch seltsame Scheinexecutionen. Dreihundert Personen führte man eines Tages in einen Saal, der mit schwarzem Tuch behangen und dessen Boden mit Blut besprengt war. An einem Tisch befand sich der Scharfrichter mit dem Schwert und nicht weit davon ein katholischer Geistlicher, letzterer drohte ihnen, daß ihnen der Kopf solle abgeschlagen werden, wenn sie sich nicht sofort zum katholischen Glauben wieder bekennen wollten, hier sähen sie das Blut derjenigen, welche sich halsstarrig gezeigt halten; doch konnte er damit von allen dreihundert mehr nicht als – fünf zum Rücktritt bewegen. Man flocht auch ein ausgestopftes Menschenbild auf ein Rat und stellte es auf einem Berg oder einer Höhe so auf, daß evangelische Gefangene es aus ihrem Gefängniß sehen konnten. Dabei gingen die Gefangenwärter hin und wieder und flüsterten sich recht vernehmlich zu: „Ei seht, wie die sich martert, quält und nicht sterben kann, da sie sich doch noch zuvor bekehrt hat! Wie wird es erst diesen gehen, wenn sie daran kommen werden?“ Dann ging auch der Tortengräber sehr früh vor den Gefängnissen hin und her mit Schaufel mit Spaten, ein Stück rohes Fleisch (von geschlachtetem Vieh) auf dem Rücken, und äußerte sich gegen die Wache, als wenn er ihrer schon vorher mehrere begraben, auch noch mehrere würde einscharren müssen.

Man bemühte sich ferner, die Evangelischen von der Auswanderung dadurch abzuhalten, vielmehr zur katholischen Lehre dadurch zurückzuführen, daß man ihnen von ihren Glaubensbrüdern in der Ferne das abscheulichste Bild entwarf. Die Lutheraner, sagte man ihnen, seien Menschenfresser, sie würden vor ihren Thüren liegen müssen wie die Hunde, man würde ihnen die Köpfe abschlagen oder sie sonst auf grausame Art erwürgen. – Besonders war es der König von Preußen, vor welchem man ihnen Furcht einzuflößen suchte; von ihm logen die Einen, er locke sie nur zu ihrem Verderben heraus, verkaufe die Männer für je 200 Gulden und lasse die Weiber ersäufen. Andere, z. B. Geistliche und Beamte zu Hallein mit Glanneg, sagten später zu Evangelischen, die ihren ausgewanderten Brüdern zu folgen entschlossen waren: „sie sollten nur reisen, der Brandenburger habe schon Galgen gebaut, sie daran hängen zu lassen, die Vorigen wären alle schon gehängt.“ Andrerseits suchte man sie durch Versprechungen zu gewinnen; sie sollten künftig weniger Steuern geben mit ihre bisherigen Schulten ihnen erlassen sein, ja man wollte ihnen aufzuhelfen suchen, soweit es nur möglich sei, und dafür sollten sie nicht gezwungen sein, die Religion öffentlich abzuschwören, sondern sich nur äußerlich nicht mehr dazu bekennen. Doch Alles umsonst.

Der Commandant der Festung Salzburg ließ einige Maschinen anfertigen und in männliche mit weibliche Kleidung stecken. Dann rief er dem Scharfrichter zu: „er solle sich bereit halten, heute einem von den ketzerischen Hunden den Kopf abzuhauen mit ihn hernach zu vertheilen, morgen aber und in den folgenden Tagen würde eine noch schärfere Execution vor sich gehen und an einer großen Anzahl Ketzer vollzogen werten.“ Eine Weile später schrie er aus seinem Fenster so laut, daß die Gefangenen es hören konnten, dem Scharfrichter zu: „Wie ist die Execution abgelaufen?“ und erhielt die Antwort zugerufen: „Ihro Excellenz, alles sehr wohl.“ Dann ließ man die Maschine, nun ohne Kopf und in vier Theile zertheilt, an einem Stricke herunter, und zwar am Gefängnißloche vorbei, daß die Gefangenen es sehen konnten. Einige Zeit darauf stellte sich bei letzteren der Kerkermeister ein, erzählte den evangelischen Arrestanten, was für eine harte Execution geschehen sei, und meldete ihnen im Vertrauen, daß es ihnen nicht besser ergehen würde, wofern sie nicht ungesäumt von ihrem ketzerischen Glauben abständen, denn man hätte sich fest entschlossen, alle, die nicht zur katholischen Kirche zurückkehren wollten, auf gleiche Weise hinzurichten. Andere führte man einzeln auf blutbespritzte Plätze und sagte ihnen, daß dies hier das Blut ihrer Brüder sei, und daß sie dasselbe erfahren würden, wenn sie nicht zur römischen Kirche zurückkehrten. Doch nur Wenige fielen wieder ab, die Allermeisten erklärten mit edler Charakterstärke: wie ihre Mitbrüder gestorben seien, wollten auch sie sterben. Mit unerschütterlichem Muthe erwarteten die Evangelischen ihr Schicksal und wurden durch gewisse einzelne Vorfälle, die vielleicht mehr im frommen Aberglauben des Volkes, als in der Wirklichkeit begründet waren, in ihrer Festigkeit und Zuversicht noch mehr bestärkt. So pflegten die Pfaffen und Soldaten die weggenommenen Bibeln haufenweise zu verbrennen. Eine halbverbrannte Bibel der Art, welche ein Salzburger Emigrant von einem katholischen Bauer um eine Flinte eingetauscht hatte, kam später in den Besitz des Königs von Preußen, der sie zum Andenken in Berlin zurückbehielt.

Nun soll bei einem solchen Bibel-Brande ein Blatt aus dem Feuer geflogen und, wieder in das Feuer geworfen, nochmals unversehrt [424] herausgeflogen sein, bis es endlich zerrissen und mit Füßen getreten worden; auf dem Blatte aber – so erzählten die Auswanderer – hätten die Worte gestanden: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.

Den Vorschlag des Reichstags, eine Vocalcommission nach Salzburg zu schicken, verwarf der Kaiser, dagegen versprach der König von Preußen Friedrich Wilhelm I. den Salzburgischen Protestanten, von ihnen, wenn sie auswandern wollten, einige Tausend in sein Land aufzunehmen. Wie gern wären die Unglücklichen in ihrer Heimath, in ihren lieben Thälern und Bergen und in der gewohnten Häuslichkeit und Lebensweise geblieben, wenn man nur Religionsfreiheit gewährt hätte! aber wo hätte der blinde Fanatismus jemals das Wort, den Begriff Religionsfreiheit gekannt und verstanden? Am letzten October 1731 erließ der Erzbischof an alle Evangelische den Befehl, sein Land zu verlassen, und zwar die ganz Unbemittelten schon binnen acht Tagen, die Angesessenen binnen eines Monats, die mehr Bemittelten binnen zwei und drei Monaten. Wohl war im westphälischen Frieden die Zeit, welche den Emigranten zu gewähren sei, auf drei Jahre bestimmt, der Winter war vor der Thüre, schon herrschte grimmige Kälte, und so meinten die Protestanten, man werde sie doch nicht jetzt fortjagen, sondern wenigstens den Frühling erwarten; aber was kümmerten den Erzbischof und seine Räthe die Reichsgesetze? was der westphälische Religionsfriede, dessen Garantien im Laufe von fast hundert Jahren lange schon in Vergessenheit gerathen waren und von der plumpen, langsamen und mehr und mehr versallenren Reichsverwaltung nimmermehr thätig geschützt wurden? was kümmerte ihn, der in den Armen der Gräfin Areo bei Spiel und Trunk schwelgte, das Elend der Unglücklichen? waren es doch „verfluchte Ketzer“, die jedes Mitleides unwürdig waren! So wurden denn viele Evangelische plötzlich von Dragonern überfallen, vom Felde, aus dem Walde oder wo sie sich sonst befanden, unter Schmähungen fortgejagt und von ihren Weibern gerissen, von ihren Kindern, welche zum Theil nachher den Jesuiten zum Unterricht übergeben wurden. Man hörte nichts, als das Commando-Wort: „fort, fort, fort!“ Niemandem wurde vergönnt, etwas aus seinem Hause zu holen; nur was ein jeder eben am Leibe trug und bei sich hatte, durfte er mit nehmen. Die Männer wußten nicht, wo ihre Weiber geblieben waren, und diese nicht, wo sie jene aufsuchen sollten. So schleppte man sie fort nach Stadt Salzburg, dort sollten sie ihre Pässe empsangen und dann ungesäumt das Land verlassen. Mit Recht rügten daher die evangelischen Reichstags-Abgeordneten zu Regensburg und die dänische Regierung in Schreiben an den Salzburger Erzbischof, wie man „die Familien von einander separirt, die Hausväter und die Hausmütter ihrer nothdürftigen Ehehalten beraubt, schwache und der Eltern Obsicht und Vorsorge noch benöthigte, etwa 12 bis 13jährige Kinder von den Eltern in die weite Welt zum Lande hinausgejagt, andere fast wie das Vieh fortgetrieben, ihnen nicht einmal nach Hause zu gehen und ihre Kleider abzuholen gestattet, sie vielmehr bei der rauhesten, härtesten Winterzeit nackt und bloß aus dem Lande gejagt, den freiwillig zu emigriren Entschlossenen aber die Pässe versperrt und immerfort noch mehre in die härtesten Gefängnisse geworfen habe.“

Aber ebensowenig, wie die Erzählungen der Pfaffen von der Grausamkeit und Unbarmberzigkeit aller Lutheraner, waren jene Qualen und Mißbandlungen und die Beraubungen des größlen Theils ihres Vermögens im Stande, die Salzburger in ihrem Glauben, ihrem Muthe wankend zu machen. Standhaft verließen die ersten Züge, Kind und Greis, Mann und Weib, von Weihnachten an das Land. Noch einmal blickten sie nach den lieben heimathlichen Bergen, wo sie ihre Kindheit und Tugend verlebt, wo sie Freud und Leid erfahren hatten, riefen ihnen weinend das letzte Lebewohl zu und wanderten, bei der unerbittlichen Strenge eines harten Winters, hinaus in eine ungewisse, unbekannte Ferne.

[440] Der elende Zustand der ersten Züge der evangelischen Salzburger, die ja fast nur aus Unbemittelten bestanden, wird durch gleichzeitige Berichte aus Weilheim und Ulm, wohin sie sich wandten, in das klarste Licht gestellt. Von Weilheim schrieb man unter'm 26. December: „Gestern ist unser Landrichter nebst noch einigen andern hierzu Verordneten den emigrirenden Salzburgern auf hohe Verordnung entgegengeritten, um selbige weiter zu convoyiren. Es bestehen diese Leute aus 800 Personen, so aber in einem erbarmungs­würdigen Zustand, indem solche bei dieser miserablen Winterszeit vieles Ungemach, bald von Frost, bald von Regen und Schnee aus­zustehen haben. Ueber das alles so druckt selbige die Armuth so hart, daß, da sie in ihrem vorgestrigen Nachtquartier gelegen, deren [441] 17 nicht mehr als 16 Kreuzer verzehrt haben,“ nur von Ulm unter dem 17. Januar: „Hierbei melde in größter Wehmut, daß dieser Tage 260 arme, vertriebene Salzburger, worunter etliche 20 Weibspersonen waren, allhier ankamen, sehr elend bekleidet. Sie konnten ohne Mitleiden nicht angesehen werden. Man hat viel junge Leute, auch schwangere Frauen, ingleichen Krumme und Lahme, wie nicht weniger verschiedene angesessene Leute, die jedoch nicht viel Vermögen besessen, mit Gewalt, Schlägen und Stößen aus ihrer Arbeit und von ihren Verrichtungen weggerissen und wie das unvernünftige Vieh fortgetrieben, ohne daß ihnen erlaubt gewesen, etwas Kleider zur nöthigen Bedeckung des halbnackten Leibes mitzunehmen, oder nur eine wenige Zehrung. Bei 800 dergleichen arme Protestanten haben also ohne Verzug aus dem Lande gehen müssen, sind anbei von den Soldaten, welche auf selbige gehauen, gestochen und geschossen, auch Granaten unter sie geworfen, erbärmlich tractiret, dennoch auf den Grenzen wiederum angehalten und in Scheunen und Ställe eingesperrt worden, in welchen sie noch bei 16 Tagen aushalten und fast erkranken müssen. Ich kann mit Worten nicht beschreiben, mit was vor Mitleiden diese armen dürftigen Leute hier ausgenommen worden.“

Aber schmerzlicher noch, als Regen und Schnee, als Frost und Kälte, welche ihren Leib erstarren ließ, war so manchem Familienvater der Gedanke an die daheimgebliebenen Kinder. Waren auch manche Kinder beim Auswanderungszuge, so hatte man doch, wie bemerkt, in unmenschlicher Rücksichtslosigkeit manchem Vater das unmündige Kind vorenthalten, manche Eltern zum Lande hinausgetrieben, die Kinder dagegen in Klöster gesteckt und den Eltern nicht einmal erlaubt, von ihnen Abschied zu nehmen. Als z. B. Hans Hofer seine Curandin Anna Wolcher, ein Mädchen von vierzehn Jahren, mitnehmen wollte und sie schon auf seinem Wagen hatte, riß sie der Gerichtsdiener vom Wagen herunter und brachte sie zum Stadtrichter, und als zu diesem Hofer’s Sohn kam, um das Mädchen abzuholen, war ein Hieb mit dem spanischen Rohr in das Gesicht die ganze Antwort. Glücklicher waren die Eltern Balthasar Brandstädter’s in Goldegg, welcher eine gewisse Art Berühmtheit erlangte. Als der Vater für sich, für sein Weib und den zehnjährigen Balthasar einen Paß zur Auswanderung begehrte, riß man das Kind mit Gewalt vom Vater weg und sperrte es in eine drei Stock hoch gelegene Kammer. Vater und Mutter baten unter Thränen, daß man ihnen doch ihren Sohn verabfolgen lassen möge, wurden aber mit unbarmherzigen Schlägen fortgetrieben, und dem Knaben trotz seines Weinens, seines Schreiens die Kammer nicht geöffnet. Da sprang er aus dem hohen Kammerfenster herab auf die Straße, kam wohlbehalten unten an und eilte den Eltern nach, wanderte jedoch aus Vorsicht auf Umwegen allein aus Salzburg fort und allein durch Baiern, bis er sich mit seinen Eltern wieder vereinigen konnte. Ebenso flüchteten manche andere zurückgehaltene Kinder ihren Eltern nach. Noch auf dem Wege mussten sie von den Soldaten rohe Mißhandlungen erdulden und wurden von fanatischen Katholiken verspottet und geschmäht. Dagegen wurden sie von den Evangelischen mit offnen Armen empfangen.

In einigen baierischen Städten übertheuerte man ihnen nicht blos Fuhren und nothdürftige Kost und gab ihnen kaum gegen doppelte Zahlung ein elendes Nachtquartier, man suchte ihnen auch ihre Kinder des Nachts heimlich wegzunehmen, indem man ungescheut sagte, man müsse die unschuldigen Kinder zu retten suchen, wenn auch die Alten zum Teufel führen. In Augsburg ließ der katholische Rath vor den Salzburgern die Stadtthore schließen, in Donanwörth rief unter großem Lärm und Geschrei der Pöbel den Unglücklichen nach: „Die lutherischen Hunde wären werth, daß man sie auf dem Schellenberge verbrenne und an den Galgen hänge.“ Die Pfaffen in Erfurt predigten fleißig von „lutherischen Hunden“; der Pfaffe in Kleinnörtlingen ging noch weiter, er verbot seinen Zuhörern, diesen Leuten einen Trunk Wasser zu reichen, noch ihnen das geringste Gute zu erzeigen, da sie nur Ketzer und Hunde seien, und fand so gehorsame Pfarrkinder, daß sie – ähnlich wie im polnischen Städtchen Behrend, wo die Einwohner den Salzburgern keinen Bissen Brod geben wollten und sogar die Eimer von den Brunnen nahmen – den armen Vertriebenen nicht einmal für Geld einen Schluck Wasser verabreichten, bis sich die Juden ihrer erbarmten, sie zu ihren Brunnen führten, ihnen Gefäße reichten, um für sich und ihre Pferde Wasser zu schöpfen, und sie mit Brod, Bier und Geld beschenkten. Ja, als ein Haufen Salzburger Auswanderer zu Würzburg auf dem Main unter der großen steinernen Brücke wegfuhr, hatte sich auf letzterer ein fanatischer Volkshaufe versammelt und ließ mit den Schimpfworten: „Ihr ketzerischen Hunde, ihr verdammten Leute, Geschleckt des Lucifer!“ eine Menge Steine auf sie herunterfallen, von denen jedoch zum Glück Niemand weiter als ein Knabe verletzt wurde. Und wie die Geistlichen in Salzburg den Evangelischen nicht zugelassen hatten, ihre Todten auf den Kirchhöfen zu bestatten, wie dort beim Tode eines jungen Bauers der Pfaffe die empörende Erklärung abgegeben hatte: „man solle den Todten nur in den Mist hinein schmeißen, daß ihn die Schweine fräßen; eines besseren Begräbnisses sei er nicht würdig, denn er sei schon mit Leib und Seele zum Teufel in die Hölle gefahren und habe den Andern die Höll aufgesperrt, daß sie ihm nachfolgen könnten;“ und wie sich daher die Evangelischen genöthigt gesehen hatten, ihre Todten in den Gärten zu begraben: so verweigerte auch während der Auswanderung der Fanatismus an einigen katholischen Orten den Salzburgern ihre unterwegs verschiedenen Brüter auf eine christliche Weise zu bestatten, und nöthigte sie, dieselben auf dem Wege einzuscharren.

Doch – zur Ehre jener Zeit und des deutschen Volkes sei es gesagt – jene Ausgeburten fanatischen Glaubenseifers waren nur vereinzelte Ausnahmen, zahlreiche Katholiken zeigten dagegen theilnehmendes, menschliches Mitgefühl. Die schlichte Einfalt, die Biederkeit und Glaubensfestigkeit der unglücklichen Vertriebenen mußten imponiren, wie ein damaliger Bericht aus Augsburg meldet: „Der ungemeine Eifer, Begierde und Liebe dieser Leute zu den evangelischen Wahrheiten ist nicht zu beschreiben. Und ohngeachtet die wenigsten unter ihnen weder lesen noch schreiben können, so ist billig zu verwundern, daß sie dennoch einen völligen Begriff von der evangelischen Religion besitzen. In weltlichen Dingen scheinen sie ganz einfältig, sind mehrentheils lediges Standes und der harten Bauerarbeit gewohnt. Alles das Ihrige haben sie gutwillig verlassen, vertrauen ganz ungemein der göttlichen Vorsorge, und ist ihre größte Lust singen, beten und arbeiten. Sie leben ohne Bekümmerniß, sind gutes Muths und voller Freudigkeit, und lassen sich leiten wie die Lämmer.“

So erbarmten sich ihrer auch unter den Katholiken menschlich fühlende Herzen, und selbst arme Soldalen katholischen Glaubens schenkten ihnen in tiefem Mitleid nur in lauter Entrüstung über den Salzburger Tyrannen den ganzen empfangenen Sold. Die Juden und namentlich die Judenfrauen, eingedenk der schon von Moses gebotenen Pflichten gegen Fremde und Wanderer, blieben in edler Mildthätigkeit nicht zurück. Und von den Evangelien wurden die armen Salzburger Glaubensgenossen mit offenen Armen empfangen. Wer wollte sie alle verzeichnen, die Beweise der Menschlichkeit und Liebe, welche die Vertriebenen überall erhielten?! In den süddeutschen Städten, in den thüringischen und sächsischen Stätten, in Halberstadt, von dem unter den Emigranten ein alter Mann mit den naiven Worten Abschied nahm: „Ich werde nun bald sterben, will mich aber allemal freuen, so oft ich im Himmel einen Halberstädter antreffe,“ – in Potsdam, wo der preußische König ihnen zurief: „Ihr sollt es gut haben, Kinder! Ihr sollt es gut bei mir haben,“ – in Berlin, in Königsberg und andern nördlichnen Orten, überall dieselbe warme Sympathie, derselbe mildthätige Eifer für die Salzburger Auswanderer; den Preis von allen aber trug Leipzig davon, wo man sich um die Emigranten und deren Verpflegung förmlich riß, wo man von den höchsten bis zu den niedersten Ständen, ja selbst Knecht und Magd, Handwerksbursche und Soldat, Tagelöhner und Bettler sich beeiferten, die Unglücklichen zu beschenken, ja sogar arme Tagelöhner etliche Groschen borgten, nur um sie den Salzburgern geben zu können, und wo ihnen auf diese Weise an Kleidern, Waaren und baarer Unterstützung mehr als 20,O00 Thaler zugeflossen sein sollen.

Wenn man sie kommen sah in ihren ärmlichen Kleidern, die Bibeln und die kleinen Kinder tragend, hinter dem langen Zuge her das Gepäck auf 70 und mehr Wagen, worauf zugleich Alte, Kranke, Blinde, Lahme, Krüppel, hochschwangere Weiber, Kindbetterinnen und Kinder lagen, wurde man bewegt, ja zu Thränen gerührt, – waren es doch Glaubensgenossen, die um ihres Glaubens willen alles erduldet, alles verlassen hatten. Man küßte die Kinder, die in ihrer unschuldigen Unbefangenheit die Größe ihres Unglücks nicht verstanden, und führte die Greise und Schwachen bei der Hand. Man geleitete sie in feierlichem Zuge unter Gockengeläute und Absingung jener frommen Lieder in die Stadt, von denen sie schon in Salzburg bei ihren heimlichen Andachtsübungen [442] erquickt worden waren. Am meisten pflegten die Auswanderer ein von einem ehemaligen Salzburger Bergmann, dem schon 1686 seines Glaubens wegen aus Salzburg verjagten, durch seinen „evangelischen Sendbrief“ und andere Schriften bekannt gewordenen Joseph Schaitberger, gedichtetes Lied zu singen, das daher hier Platz finden mag:

Ich bin bin armer Exulant,
Also muß ich mich schreiben.
Man thut mich aus dem Vaterland
Um Gottes Wort vertreiben.

Doch weiß ich wohl. Herr Jesu mein,
Es ist Dir auch so gangen,
Jetzt soll ich Dein Nachfolger sein.
Mach’s, Herr, nach Dein’m Verlangen.

Ein Pilgrim bin ich auch nunmehr,
Muß reisen fremde Straßen;
Drum bitt’ ich Dich, mein Gott und Herr!
Du wollst mich nicht verlassen.

Ach steh mir bei, Du starker Gott!
Dir hab ich mich ergeben;
Verlaß mich nicht in meiner Noth,
Wenn’s kosten soll mein Leben.

Den Glauben hab ich frei bekannt,
Deß darf ich mich nicht schämen,
Ob man mich einen Ketzer nennt
Und thut mir’s Leben nehmen.

Ketten und Band war mir ein Ehr,
Um Jesu will’n zu dulden:
Denn dieses macht die Glaubenslehr,
Und nicht mein bös Verschulden.

Ob mir der Satan und die Welt
All mein Vermögen rauben,
Wenn ich nur diesen Schatz behalt,
Gott und den rechten Glauben.

Herr, wie Du willst, ich geb mich drein,
Bei Dir will ich verbleiben,
Ich will mich gern dem Willen Dein
Geduldig unterschreiben.

Muß ich gleich in das Elend fort,
So will ich mich nicht wehren,
Ich hoffe doch, Gott wird mir dort
Auch gute Freund’ bescheren.

Nun will ich fort in Gottes Nam’,
Allen ist mir genommen,
Doch weiß ich scheu, die Himmelskron’
Werd ich einmal bekommen.

So geh ich heut von meinem Haus,
Die Kinder muß ich lassen,
Mein Gott, das treibt mir Thränen aus,
Zu wandern fremde Straßen.

Ach führ mich, Gott, in eine Stadt,
Wo ich Dein Wort kann haben,
Damit will ich mich früh und spat
In meinem Herzen laben.

Soll ich in diesem Jammerthal
Noch lang in Armuth leben,
Gott wird mir dort im Himmels-Saat
Ein besser Wohnung geben.

Wer dieses Liedlein hat gemacht.
Der wird hier nicht genennet,
Des Papstes Lehr hat er veracht
Und Christum frei bekennet.

Man hielt mit ihnen in den Kirchen freien evangelischen Gottesdienst und theilte ihnen das Abendmahl unter beider Gestalt aus. Man bewirthete sie freundlich, beschenkte sie reichlich, begleitete sie wieder feierlich beim Abschied, und die Emigranten weinten Thränen der Dankbarkeit. Man schlug Münzen zum ewigen Gedächtniß der Begebenheit, man veranstaltete für die Unglücklichen Collecten, die ganz ansehnliche Summen ergaben. Nach einer Notiz aus jener Zeit brachte unter andern Dresden nicht weniger als 9676, Leipzig 26005, Frankfurt a. M. gegen 5000, Nürnberg über 6000, Wien 6000, Hamburg sogar über 24000 Thaler, Lübeck 12,134 Mark zusammen, aus Venedig kamen 311, sogar aus Smyrna 26 Gulden. Es flossen diese Gelder nach Regensbnrg in eine Kasse zur Unterstützung der vertriebenen Salzburger, welche bis auf 883,381 Gulden anwuchs; die kursächsische Collecte freilich soll nicht hierzu, sondern – zum Ausbau der Frauenkirche in Dresden mit verwandt worden sein!

Allgemein und groß war das Aufsehen, das die Grausamkeit, mit welcher der geistliche Tyrann in Salzburg gegen seine evangelischen Unterthanen verfuhr, in Deutschland und über die deutschen Grenzen hinaus machte. Der Reichstag that Vorstellungen, aber sie wurden nicht beachtet. England, Holland, Preußen, Dänemark und Schweren verwendeten sich für die Evangelischen – – Alles umsonst, die Unterhandlungen zogen sich hin, und unterdessen fuhr der gewissenlose Erzbischof fort, die noch zurückgebliebenen Protestanten zu quälen. Die genannten Staaten drohten mit Repressalien, drohten, gegen die Katholiken, die sich in ihrem Bereicke befänden, ebenso zu verfahren, sie zu vertreiben und ihr Hab und Gut einzuziehen, aber auch diese Drohungen waren erfolglos. – auch die Bemittelten mußten Salzburg verlassen, manche in schamloser Weise gemißhandelt und geschmäht. Ja, der Erzbischof brachte die geistige Tortur, welche die Tesseregger einst zum Auswandern genöthigt hatte, wieder in Anwendung: um sein Land von all dem verruchten Unkraut zu säubern, forderte er von allen seinen Unterthanen den Eid, daß der evangelische Glaube ein ketzerischer und verfluchter, dagegen der römisch-katholische der alleinseligmachende sei, da bekannten sich noch Viele öffentlich zur lutherischen Lehre und zogen aus ihrem Vaterhause, aus ihrer alten, lieben Heimath ihren Brüdern in die Ferne nach. Auch sie fanden bei ihren Glaubensgenossen dieselbe freundliche Aufnahme, und wie sich gewöhnlich erst im Unglück der Charakter wirklich edler Menschen in seiner wahren, ekeln Größe zeigt, so hat uns auch die Geschichte jener Tage eine nicht geringe Zahl edler Charakterzüge aufbewahrt.

Es gehört dahin auch jener Vorfall, der sich im Oettingen-Wallerstein’schen ereignet haben soll und der schönsten Dichtung unsers größten Dichters Veranlassung und Stoff gegeben hat. Dort in Altmühl (so berichteten die Emigranten, während freilich ein Ort dieses Namens vergeblich zu suchen ist) lebte ein „feiner und vermögender Bürger“ mit seinem Sohne. Oftmals schon hatte er den letztern zur Heirath ermahnt, doch umsonst. Als aber nun ein Zug Salzburger Auswanderer das Städtchen passirte, erblickte der Sohn unter ihnen ein Mädchen, das den tiefsten Eindruck auf ihn machte. Die von ihm eingezogenen Erkundigungen ergaben, daß sie von redlichen Eltern geboren, sich allezeit „wohl erhalten“ und nur des Glaubens willen dieselben verlasse habe. Da ging er hin zu seinem Vater, offenbarte ihm seine Neigung zu der Salzburgerin und bat um seine Einwilligung, mit der Drohung, daß er andernfalls sich niemals verehelichen werde. Erschrocken suchte der Vater, der wohl auf eine bemittelte, wohlhäbige Schwiegertochter gehofft hatte, ihm sein Vorhaben auszureden und ließ einen Prediger und andere Freunde rufen, um den Sohn auf andere Gedanken zu bringen. Als aber der Sohn entschieden bei seinem Entschlusse blieb und auch der Geistliche eine Fügung der Vorsehung darin zu erblicken glaubte, gaben denn alle zuletzt ihre Zustimmung. Der Sohn suchte das Mädchen auf und frug sie, wie es ihr hier im Lande gefalle, und als sie erwidert hatte: „Herr, ganz wohl!“ frug er sie weiter, ob sie wohl bei seinem Vater dienen wolle. Gern erklärte sie sich dazu bereit und theilte ihm mit, wie sie das Vieh füttern, die Kühe melken, das Feld bestellen und andere Hausarbeit verrichten könne. Da nahm er sie mit sich und stellte sie seinem Vater vor. Der Vater, der von jenem zum Schein geschlossenen Dienstverhältniß nichts wußte, frug die Salzburgerin, ob ihr denn sein Sohn gefalle und sie ihn heirathen wolle. Betroffen erwiderte sie: man solle sie nur nicht foppen, der Sohn habe für seinen Vater eine Magd verlangt, und wenn er sie haben wolle, werde sie ihm treu dienen. Als aber nun der Sohn ihr seine Neigung, sein Verlangen gestand, erklärte sie, daß, wenn es denn Ernst sein solle, sie es gar wohl zufrieden sei und ihn halten wolle wie ihr Auge im Kopfe, und nachdem ihr der Sohn ein Ehepfand gereicht, griff sie mit den Worten: „Sie müsse ihm doch wohl auch einen Mahlschatz geben,“ in den Busen und überreichte ihm ein Beutelchen mit Dukaten. –

Wer erkennt nicht sofort in dieser einfach rührenden Geschichte den Stoff jenes herrlichen Gedichts, das mit seinem Erscheinen im Jahre 1798 durch seine schlichte Einfachheit, seine reine Wahrheit, seine Wärme und Tiefe der Empfindung die Lieblingsdichtung des deutschen Volkes geworden und bis zum [443] heutigen Tage geblieben ist? Mit dem Takte des Genies erkannte Goethe in jenem alten einfachen Stoffe die poetischen Motive, und indem er dieselben dichterisch gestaltete und verarbeitete, neue poetische Momente hinzutrug, das Ganze mit den edelsten und doch naturwahrsten Gestalten aus dem schlichten, tüchtigen deutschen Bürgerleben belebte, und statt der Salzburger Emigrationsgeschichte die großartigen, welterschütternden Begebenheiten der französischen Revolution mit ihrem ethischen Aufschwung, aber auch ihrem furchtbaren Elend zum Hintergrund wählte, schuf er ein episches Gedicht, das ein Wilhelm von Humboldt für das die Schönheit der antiken Dicktungen mit den Vorzügen der modernen Poesie verbindende Dichtwerk, das ein Schiller für den Gipfel der neuern Dichtung, das der Engländer Lewes für das vollendetste unter allen Goetheschen Producten erklärt und hinsichtlich der Charakterzeichnung sogar den Shakespeare’schen Dramen zur Seite gestellt hat – sein unsterbliches Gedicht Hermann und Dorothea.

Die Emigranten, zusammen über 22,000 an Zahl, gingen theils nach Hannover oder Holland, theils nach Nord-Amerika, die meisten aber nach Preußen. Friedrich Wilhelm I. nahm über 20,000 in sein Land zuvorkommend auf, er that es als Schirmherr des Protestantismus, er wußte aber auch, was er an ihnen gewann, und es lag ihm daran, die durch den nordischen Krieg und durch Pest verödeten Gegenden Ostpreußens wieder zu bevölkern. Einige Zeit über ließ er jedem Mann vier, jeder Frau und jedem Mädchen drei, jedem Kinde zwei Groschen als Beitrag zu den Auswanderungs- und Reisekosten zahlen, indem er bemerkte: „Ich gebe es gern, Gott hat es mir ja gegeben, daß ich den armen Leuten Gutes thun soll.“ Er wies ihnen in Preußisch-Litthauen einen Landstrich an, wo sie beisammen leben sollten, und erleichterte ihnen die Ansiedelung. Noch unter dem 1. Septbr. 1732 schrieb er an den Grafen von Seckendorf: „Wenn noch 30,000 Salzburger kommen, ich Platz habe; und die Depense, unter uns gesagt, ist nit groß, und peuplire mein wüst Land.“ Die „Depense“ ihrer Aufnahme betrug mehr als zehn Tonnen Goldes, was war dies aber im Vergleich zu den glücklichen Folgen? Hatten sie noch Anfangs mit Schwierigkeiten aller Art zu kämpfen, hatten sie auch zu klagen, wie sich die Soldaten unterständen, die längsten Kerle unter ihnen zu werben und mit Gewalt zu Soldaten zu machen (die Potsdamer Leibgarde bedurfte ja Rekruten!), so lebten sie sich doch bald in die neue Heimath ein und brachten dem Lande als braves, biederes Volk durch ihren Fleiß reichen Segen. Hundert Jahre später, 1832, feierten ihre Nachkommen ein Fest dankbarer Erinnerung und setzten zu Gumbinnen dem König Friedrich Wilhelm I. ein Denkmal. Und in Salzburg? Was Schiller seinen Posa zu König Philipp sagen läßt:

      Schon flohen Tausende
Aus Ihren Ländern froh und arm. Der Bürger,
Den Sie verloren für den Glauben, war
Ihr edelster. Mit offnen Mutterarmen
Empfängt die Fliehenden Elisabeth,
Und furchtbar blüht durch Künste unsers Landes
Britannien. Verlassen von dem Fleiß
Der neuen Christen liegt Granada öde,
Und jauchzend sieht Europa seinen Feind
An selbstgeschlagnen Wunden sich verbluten –

man hätte es analog auch dem Erzbischof Eleutherius zurufen können. Nach glaubwürdigen Nachrichten sank die Einwohnerzahl, welche in ältern Zeiten sich wohl aus 250,000 belaufen, seit der Auswanderung der Protestanten auf 190,000 herab. Ein Reisender, der damals das Land besuchte, berichtete, es sähe dort aus, als wenn die Pest zwei Jahre daselbst gewüthet hätte.

Zu manchen Gegenden stand Dorf an Dorf leer und öde, kein Hirt trieb eine harmonisch läutende Heerde auf die Alm, kein Gesang fröhlicher, rüstiger Schnitter schallte von den Feldern, Alles leer, Alles wüst, Alles traurig. Der Wille des Erzbischofs, wie er ihn einst in roher Heftigkeit ausgesprochen hatte, war erfüllt; ja, er hatte nun keinen Ketzer in Salzburg mehr und empfing mit kindischer Eitelkeit zum Dank für die verdienstvolle That vom Papste den Titel „Hoheit“, aber das Land hatte seine besten, treuesten, fleißigsten Bewohner verloren, und auf den Aeckern wuchsen Dornen und Disteln!

Man schrieb damals 1731. Wohl haben wir seitdem keinen Act von solchem Fanatismus, von solcher Brutalität in Deutschland wieder erlebt; ja es hat sich in diesen Tagen die österreichische Regierung endlich genöthigt gesehen, für die Protestanten der deutsch-slavischen Kronländer einschließlich Tyrol die frühern Beschränkungen in Rücksicht auf Errichtung von Kirchen mit Thürmen, Glocken, Begehung von religiösen Feierlichkeiten, des Bezugs von Büchern und Schriften aufzuheben, ihnen die selbstständige Ordnung, Verwaltung und Leitung der kirchlichen Angelegenheiten zu gewähren und ihnen die vollste Freiheit des Glaubensbekenntnisses und den Vollgenuß der bürgerlichen Rechte zuzusichern. Aber man werfe einen Blick auf die jetzigen Zustände der Juden in dem größten Theile Deutschlands, auf die Herrschaft einer „Staats-Religion“, auf die heillosen, nur Unfrieden säenden, die Gemüther knechtenden, freiheitsfeindlichen Concordate, auf die Verhältnisse der Deutschkatkoliken und der freien Gemeinden, auf die Bevormundung der protestantischen wie der katholischen Kirchen-Gemeinden und selbst der Volksschule durch den Klerus, auf das Verkennen der von dem großen Criminalisten Feuerbach so treffend ausgesprochenen welthistorischen Wahrheit: „Die Wissenschaften gleichen den Seeen. Wenn sie stagnirend stille stehen und nicht ewige Fluth sie bewegt, dann verpesten sie die Luft und werden zum Aufenthalt des Ungeziefers, das im Moraste sich gefällt,“ auf die ebenso anmaßliche, als unverständige Forderung einer Umkehr der Wissenschaft, auf die neuesten Versuche, sogar die Philosophie unter die Controle kirchlicher Oberconsistorien zu stellen, auf den intoleranten Eifer lichtfeindlicher katholischer Kleriker und jener bekannten heuchlerischen, katholisirend-protestantischen Partei, und man wird zugeben müssen, daß wir bis zu einer wahren durchgreifenden Volksaufklärung in religiösen Dingen, bis zum wahren Verständniß, zur wahren Verwirklichung des Grundgedankens der erhabenen Religion der Liebe, bis zur vollkommenen Glaubensfreiheit und vollständigen Gleichstellung der Confessionen auch jetzt, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, noch einen weiten Weg zurückzulegen haben und bis dahin leider noch „gar Vieles faul ist im Staate Dänemark“.

Rob. Keil.