Deutsche Hausindustrie

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Reinhold Sigismund
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Deutsche Hausindustrie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 196–198
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[196]
Deutsche Hausindustrie.
1. Die Besenbinder.


Es ist ein längst allgemein anerkannter Satz, daß das deutsche Haus eine Hauptstätte heutiger Industrie ist und daß die Producte, welche in dem engen Stübchen des Dörflers oder der kleinen Mansarde des Städters das Licht der Welt erblicken, in vielen Fällen mit den glänzenderen Erzeugnissen stolzer Fabriken den Vergleich wagen dürfen. Um nun die Bekanntschaft mit diesen Producten der deutschen Hausindustrie größeren Kreisen zu vermitteln, eröffnet die Gartenlaube mit dem nachfolgenden Artikel eine Serie von Aufsätzen aus diesem Bereiche menschlicher Thätigkeit. In der Absicht vom Kleinen zum Größeren aufzusteigen, stellt sie gerade den allerunscheinbarsten Zweig der deutschen Hausindustrie an die Spitze dieser Serie – die Besenbinderei.


Unsere Vorfahren verbanden mit dem Worte Besen zweierlei Begriffe. Einmal war er ein Strafwerkzeug gleich unserer „Ruthe“, hieß als solcher auch besonders Staupbesen. Diesen meint das Sprüchwort: „Wer den Besen scheut, versäumt den Sohn.“ Besenmarkt hieß in alter Zeit der Platz, auf welchem die Verbrecher öffentlich gestäupt wurden. Anderntheils wurde mit dem Worte Besen dasselbe angedeutet, was wir noch heutigen Tages darunter verstehen. Er ist das Werkzeug der Reinlichkeit. Von ihm spricht in diesem Sinne das alte Wort: „Neue Besen kehren gut, aber die alten fegen das Haus rein.“

Da er meist in den Händen des weiblichen Geschlechtes, dem die Reinhaltung des Hauses obliegt, zu finden ist, ward er mit der Zeit als das Attribut der Weiblichkeit angesehen, ja sein Name wurde zuletzt dem weiblichen Wesen selbst beigelegt. Besonders verschmolz das Wort Besen und Frauenzimmer in der Studentensprache zu einem Begriffe. Ja der Bursch kommt gar nicht in Zweifel, wenn es heißt: „das ist ein flotter, ein strammer Besen.“ Er weiß, daß damit ein Mädchen, nicht aber ein wirklicher Besen gemeint ist.

Selbst unser großer Goethe eignete sich diesen Begriff in seinem Faust an, denn er läßt den Mephistopheles sprechen: „O weh mir! Welch ein dürrer Besen!“ Auch sonst hat er sich des Ausdrucks häufig bedient. Bekannt ist ja sein Zauberlehrling, in welchem der Besen eine so große Rolle spielt. Ebenso der Vers: „Die Hand, die Samstags ihren Besen führt, wird Sonntags dich am besten caressiren.“

Vom Volke wird der Besen freilich mehr den älteren Repräsentantinnen des weiblichen Geschlechts beigelegt, ist sogar der fast unzertrennliche Begleiter der Hexen, welche bekanntlich auch darauf nach dem Blocksberge reiten. Ja, es gilt der Glaube, daß über einen in den Weg gelegten Besen alle Diejenigen, welche Hexen sind, springen müssen. Nur Eine, welche keine Hexe ist, kann ihn aufheben.

Da der Besen in keinem geordneten Hauswesen fehlen darf und bei täglichem Gebrauche eine öftere Erneuerung nothwendig macht, so ist es begreiflich, daß dieses Werkzeug in großen Mengen geschaffen werden muß. Wenn wir uns nun hier mit den Verfertigern desselben beschäftigen, so sehen wir ab von Denen, welche die sogenannten Borstbesen mittelst Schweinsborsten herstellen. Wir haben nur die Besenbinder im Auge, welche ihre Materialien aus der Pflanzenwelt beziehen.

Die Besenbinderei ist in manchen Orten Thüringens ein Hauptindustriezweig, hauptsächlich zur Winterszeit, wo andere Erwerbsmittel fehlen. Es wird dieselbe besonders da betrieben, wo keine andere Industrie vorhanden ist und auch der Ackerbau wegen ungünstiger klimatischer Verhältnisse nicht genug abwirft, um die Einwohner zu ernähren.

Das Material, aus welchem in diesen thüringischen Ortschaften Besen gebunden werden, ist zum kleinen Theile Ginster und die daraus gefertigten Besen haben eine schöne grüne Farbe, zum größten Theile aber wird Birkenreis dazu verwendet. Da diese Pflanzen auf der Höhe des Thüringer Waldes nicht gedeihen, ist die Besenbinderei mehr in den niedriger gelegenen Ortschaften zu Hause; auf dem hohen Walde wird statt derselben die Schachtelmacherei betrieben, von der wir einmal später sprechen werden. Die Birkenreiser müssen im Spätherbst oder im Winter geschnitten werden, wo die Blätter abgefallen sind und die Saftcirculation, welche bei der Birke im Frühjahr und Sommer sehr stark ist, stockt. In früheren Zeiten wurden die [197] wenigsten Reiser von den Besenbindern angekauft, sondern sie nahmen dieselben eben, wo sie deren fanden. Expeditionen danach wurden deshalb, um unangenehmen und zudringlichen Fragen, woher das Reisig sei, möglichst zu entgehen, zur Nachtzeit unternommen, am liebsten mit dem Schlitten, wenn Schnee lag, da dieser weniger Geräusch verursacht, als der Schiebekarren. Daß es gebräuchlich gewesen sein mag, das Rad des Schiebekarrens mit Filz zu umgeben, um unnötiges Geräusch zu verhüten, ersehen wir aus der später zu besprechenden Besenbinderzunftordnung. Daß die Besitzer der Birkenhölzer nicht darüber entzückt gewesen sein mögen, wenn ihnen die Reiser gestohlen wurden, läßt sich denken. Im Anfange dieses Jahrhunderts gab ein zu Blankenburg lebender Pfarrer, welcher selbst Birkenhölzer am sogenannten Hainberge besaß, seinem Unwillen über das Reiserstehlen auf der Kanzel Ausdruck. Er fügte einer Predigt, welche er in dem benachbarten Wirbach, seiner Filiale, wo es viele Besenbinder gab, vorzutragen hatte, folgenden Vers an, der sich bis heute erhalten hat:

Wer in Wirbach sich will nähren,
Der muß suchen Heidelbeeren.
Kann er sich darein nicht finden,
Muß er lernen Besen binden.
Wer dazu besitzt kein Reis,
Stiehlt es im Hainberg. Kyrie Eleis’!

War der Zug in die Reiser geglückt und das damit beladene Fahrzeug wohlbehalten und ungesehen in das Haus gebracht, so begann man sofort aus dem angenehm duftenden Vorrathe die Besen zu verfertigen. Großer Instrumentenreichtum ist nicht dazu notwendig. Scharf schneidende Schnitzer und Klopfhölzer, welche letztere den Zweck haben die Besen damit fein, rund und zierlich zu klopfen, sind die ganzen Erfordernisse. Die Reiser werden sortirt und je nach ihrer Brauchbarkeit zurechtgelegt. Einige gehen durch den ganzen Besen und bilden den Stiel, an welchem die Rinde abgeschabt wird. In den kehrenden Theil aber wird ein aus kürzeren Reisern bestehender kleinerer Besen gesteckt und das Ganze durch zu Ringen in einander gedrehte Aestchen zusammengehalten. Als man die Reiser noch nicht zu kaufen pflegte, hatten die Besen einen sehr niedrigen Preis, jetzt wird das Stück mit vier bis fünf Kreuzern verkauft. Die Besitzer der Birkenhölzer üben jetzt strengere Polizei aus, so daß das Reiserstehlen nicht mehr so leicht ist, wie früher.

Die Birkenhölzer, meist an Berglehnen wachsend, werden jetzt, sobald sie das gehörige Alter erreicht haben, auctionsweise und zwar stehend verkauft und dann von den Besenbindern selbst abgeschnitten. Die Birke erlangt die geeignete Größe in einem Zeitraum von fünfzehn Jahren, und da die Stöcke immer wieder von selbst austreiben, also keine Kosten für Anpflanzungen in Anspruch genommen werden, so bildet ein solches Birkengehölz eine sicher wiederkehrende und angenehme Einnahme für den Besitzer. Nachdem die Birken abgehauen sind, werden die Aeste abgetrennt, die Stämmchen aber werden ganz gelassen und zu Faßreifen verwendet.

Es giebt Händler, welche die Besen von den Besenbindern aufkaufen und dann in Wagenladungen nach der nächst gelegenen größeren Stadt vertreiben. Viele Besenbinder schicken ihre Frauen mit der fertigen Waare in die benachbarten Städte, wo sie das für jeden Haushalt so notwendige Werkzeug in die Häuser verkaufen und ihre Bedürfnisse für das Gelöste eintauschen. Daß übrigens Niemand vom Besenbinden reich werden kann, wird Jeder begreiflich finden. Diejenigen, welche das Besenbinden betreiben, sind gewöhnlich die Aermsten im Orte. Doch wirft es wenigstens so viel ab, daß sie sich kümmerlich damit den Winter hindurch behelfen können. Kommt das Frühjahr heran, so kehren sie wieder zu ihrer gewöhnlichen Beschäftigung als Tagelöhner, Holzmacher und dergleichen zurück. Der dem thüringischen Volksstamm eigene leichte, zufriedene Sinn hat jedoch verstanden, dem Besenbinden eine heitere Seite abzugewinnen, trotzdem dasselbe nicht im Stande ist, Reichtümer zu verschaffen. In dem durch seine schöne Lage berühmten, von vielen Tausend Touristen besuchten, aber sehr armen Dörfchen Schwarzburg pflegten die Einwohner, meist arme Tagelöhner, da ihnen der sie rings umschließende fürstliche Thiergarten nicht gestattet, Ackerbau zu treiben, seit uralten Zeiten die Besenbinderei. Mit einem beneidenswerthen, heitern Humor hatten sie sich zu einer Innung mit Obermeistern, Meistern, Gesellen und Lehrlingen zusammengethan und Statuten entworfen, welche als Ironie auf das ganze Innungswesen gelten können. Sie führen den Titel:

„Erneuerte Ordnung, wie sich künftig alle ehrlichen Handwerksgenossen der weit und breit berühmten, sehr nützlichen Besenbinderzunft verhalten und für harter Strafe hüten und in Acht nehmen sollen.“

Sie beginnen folgendermaßen:

„Wir Endesunterschriebene Vorsteher der Stadt Birkenhausen (das heißt Schwarzburg) thun auf inständiges Angehn etlicher Meister des uralten Handwerks der Besenbinder kund und zu wissen, daß lange Jahre her sehr große Mißbräuche mit untergelaufen sein, sintemal ein Jeder, der in dieser Kunst ein wenig erfahren, darin arbeitet und einem anderen redlichen Meister, der seine Anlage auf seine Kunst gegeben, sein Stückchen Brod aus dem Munde genommen und entzogen wird. Solchem Uebel aber vorzukommen und abzuschaffen sind wir entschlossen, eine richtige Ordnung zu machen, wie alle jungen Meister inskünftige nach Handwerks Gebrauch und alter, wohl hergebrachter Gewohnheit sich zu verhalten haben. So ist denn auch für rathsam erachtet worden, daß alle Jahr auf Herrn Herrn Fastnacht Quartal gehalten und zwei Obermeister und zwei Beisitzer erwählet werden sollen; da denn ein jeder Meister verbunden wird, vier Groschen in die Handwerkslade zu erlegen, die Gesellen aber, wo es gebräuchlich ist, daß sie mit den Meistern zur Lade gehn, auch vier Groschen geben und sollen das Geld fein zu Rate halten, nicht versaufen oder verthun, sondern wo etwa verdorbene Meister und Gesellen müßig gehn und weder zu beißen, noch zu brechen haben, so sollen die Herren Obermeister und Beisitzer von dem Gelde ihnen etwas zur Steuer geben, damit das Armuth auch erhalten werde.“

Es folgen nun einundzwanzig Artikel, in denen bestimmt wird, daß die Besenbinder, wenn sie mit anderen Meistern auf großen Messen oder Jahrmärkten zusammenkommen, die Waare der Anderen nicht verachten oder tadeln sollen. Pfuscher und Störer in den Dorfschaften und umliegenden Kreisen sollen nicht gelitten werden, sondern soll denselben das Werkzeug durch den Gerichtsdiener weggenommen werden. Auch soll man dieselben gefangen setzen lassen und mit gebührender Strafe belegen, wovon die Hälfte der Stadt Birkenhausen, die andere Hälfte der Lade verfallen soll. Wer Meister werden will, soll im Beisein aller ehrlichen alten Meister sein Meisterstück, einen Besen, verfertigen. Ist das Meisterstück fertig und gut, wie es die Meister haben wollen, so wird er für zunftmäßig erkannt. Hat er aber Fehler gemacht, so soll er noch drei Jahre wandern, oder sich mit Geld loskaufen, wenn ihm die Meister günstig sind. Auch Bestimmungen darüber, was die Lehrlinge, wenn sie bei einem Meister lernen wollen, zu geben haben, finden sich darin. Sie sollen sieben Jahre lernen und nach bestandener Lehrzeit sieben Jahre wandern. Degen sollen nur die Meister tragen dürfen. Die Gesellen sollen nicht mit einem Jeden saufen, doppeln, oder spielen, da ihre Zunft uralt sei und Anderen weit vorgezogen werde, möge Letzteres auch glauben, wer da wolle. Originell sind die Bestimmungen, nach denen sich Keiner von dem Holzförster ertappen lassen soll, wenn er in den Wald Reiser schneiden geht, und daß sich Keiner gelüsten lassen soll, mit einem Schiebekarren, dessen Rad nicht mit Filz beschlagen ist, in das Holz zu fahren. – Den Schluß bildet der Vers:

Wer sich will in Birkenhausen nähren,
Der muß gehn nach Schwamm und Heidelbeeren.
Wenn er die nicht mehr kann finden,
Muß er lernen Besenbinden.
Und wenn er mit diesen auch verdirbt,
Kann er betteln gehen, bis er stirbt.

Daß Keiner in der That als Lehrling bei einem Meister das Besenbinden zu erlernen brauchte und erlernte, versteht sich wohl von selbst, da ein jeder im Stande ist, diese Kunst in einem Tage sich anzueignen. Am allerwenigsten aber brauchte ein Besenbinder auf die Wanderschaft zu gehen. Gleichwohl gab es Lehrbriefe und Wanderbücher für die Schwarzburger oder, wie sie sich nannten, Birkenhausener Besenbinder, ausgefertigt von dem ebenfalls fingirten fürstlichen Amte zu Birkengrün. In [198] einem solchen Wanderbuche, welches uns vorgelegen, waren auch allerlei scherzhafte Visa enthalten.

Wann diese humoristische Besenbinderzunft zu Schwarzburg gegründet und die oben erwähnte Ordnung entworfen worden ist, kann nicht nachgewiesen werden. Die Innungstage auf „Herrn Herrn Fastnacht“ wurden, wie sich alte Leute zu erinnern wissen, schon am Ende des vorigen Jahrhunderts abgehalten. Ein „Ehrbarer Lehrbrief“ eines Besenbinders, den wir eingesehen haben, ist aus dem Jahre 1798 datirt. Die Innungstage der Besenbinder waren Festtage für das ganze Dorf Schwarzburg und wurde der letzte im Jahre 1849 abgehalten. Sämmtliche Besenbinder zogen aus dem im Thale gelegenen Dorfe mit Musik nach dem Schloßberge hinauf in das dort befindliche Gasthaus. Voraus gingen die Obermeister mit Kronen aus Birkenreisern und Brillen von demselben Material. Dann folgten vier Meister, welche die mit Besenreisern umflochtene Innungslade auf Besen trugen. Jeder Innungsgenosse führte einen Besen. Im Gasthause angekommen, wurde zur Abhaltung der Zunftsitzung geschritten. Der Innungsschreiber verlas die Artikel der Zunftordnung, und Solche, welche Meister werden wollten, mußten ihr Meisterstück fertigen. Einer und der Andere kam wohl auch als wandernder Besenbinder aus der Fremde zugereist und mußte seine Kunstfertigkeit beweisen. Kurz, man suchte durch allerlei Schwänke, die oft derb genug ausfielen, die Heiterkeit der Anwesenden zu erregen und die nöthigen Geldmittel zu einem Trunke beizutreiben. Die Wohlhabenderen im Orte erkauften sich auch gern durch ein Geldgeschenk die Erlaubniß, dem originellen Feste beiwohnen zu dürfen. Ein Tanz beschloß endlich den großen Tag.

Wir hoffen hierdurch gezeigt zu haben, daß selbst ein so geringfügiger Gegenstand, wie der Besen ist, da er aus Menschenhand hervorgegangen, seine Geschichte hat, die der Beachtung werth ist. Wir wünschten nur, daß in jedem Stande und Gewerbe sich so viel fröhlicher Sinn, so viel gesunde Lebenslust fände wie bei den armen Besenbindern. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, daß die Hausfrauen die wenigen Kreuzer für die so nothwendigen Besen viel lieber zahlen, seit sie wissen, wie und von wem sie verfertigt werden.
R. Sigismund.