Deutscher Humor im Bilde

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Autor: unbekannt
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Titel: Deutscher Humor im Bilde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 717, 723–725
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Buchempfehlung zu Fritz Reuter’s „Olle Camellen“
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Die Gartenlaube (1866) b 717.jpg

Habermann am Sarge seiner Frau. (S. S. 724.)
Aus den Originalzeichnungen zu Reuter’s Werken von F. Hiddemann.

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Deutscher Humor im Bilde.


Wer ist der gelesenste der jetzt lebenden deutschen Schriftsteller? Wir glauben, die Antwort kann dreist lauten: Fritz Reuter, obschon seine Dichtungen in das Bereich des Dialekts gehören und somit gewissermaßen kein Zunftrecht besitzen in unserer Nationalliteratur. Alle Welt kennt Fritz Reuter, den großen mecklenburger Humoristen, kennt die volksthümlichen, wir sagen nicht zu viel, unsterblichen Gestalten, die er geschaffen, wenn auch nicht Jedermann im Stande ist, sich selbst in die Schönheiten seines Plattdeutsch zu vertiefen. Die Freunde der Gartenlaube haben ihn überdies im Geleite Ludwig Walesrode’s in seinem romantischen Tusculum am Fuße der Wartburg heimgesucht, sie werden daher mit besonders freudigem Interesse ein Unternehmen begrüßen, das Reuter’s gelungenste Dichtungen und lebensfrischeste Figuren unsern Herzen noch näher bringen soll und sicher an jedem häuslichen Heerde, namentlich in Norddeutschland, als willkommenster Gast einsprechen wird.

Auf Veranlassung desselben deutschen Buchhändlers – C. Grote in Berlin – aus dessen Verlag das neulich von uns erwähnte „Album deutscher Kunst und Dichtung“ von Fr. Bodenstedt hervorgegangen ist, hat ein Düsseldorfer Künstler, F. Hiddemann, auch ein Bekannter unserer Leser, einen Cyklus meisterhafter Bilder zu Reuter’s Werken gezeichnet, die binnen Kurzem in trefflichen Holzschnitten dem Publicum vorliegen werden. Wir sind in den Stand gesetzt, auch mit diesem Album unsere Leser durch zwei dem ersten Hefte, den Illustrationen zu „Ut mine Stromtid“, entnommene Proben bekannt zu machen, in welchen sich das innige, liebevolle Versenken des Künstlers in den verdolmetschten Poeten auf das Erfreulichste kund giebt. Zugleich fühlen wir uns gedrungen, dem Bestreben des Verlegers, nach andererseits gemachten wenig gelungenen Versuchen Fritz Reuter einmal durch eine Reihe wirklich gediegener Illustrationen die gebührende Ehre zu erweisen, unsere wärmste Anerkennung zu zollen.

Reuter’s Hauptwerk sind bekanntlich die „Olle Camellen“, das ist „Alte Camillen“,[WS 1] womit der Dichter wahrscheinlich alte Erinnerungen bezeichnen will und von denen bisher sechs Bände erschienen sind. Der erste Band enthält die beiden lustigen Geschichten „Woans ick tau ‘ne Fru kam“ und „Ut de Franzosentid“; der zweite die schon erwähnte Reminiscenz „Ut mine Festungstid“; der dritte bis fünfte „Ut mine Stromtid“; der sechste „Durchleuchtig“ ist Fritz Reuter’s erster großer Roman, und ganz in künstlerischer Objectivität gehalten.

„Ut mine Stromtid“, das heißt, aus der Zeit, da ich Landwirth war, weil man in Mecklenburg einen jungen angehenden Landwirth einen „Strömer“ nennt. Eigene Erlebnisse des [724] Verfassers liegen auch diesem Werke unzweifelhaft zu Grunde, wahrscheinlich ist er selber der Held des Romans, aber dennoch sind beide aus der Tiefe einer schwankenden Subjectivität zur Höhe einer plastischen Objectivität erhoben.

In der Zeit, als das Pfund Butter zwei Groschen und ein gemäßtet Schwein fünf Thaler preiste, also in dieser für den Landmann so ungünstigen Zeit hatte Herr Habermann, ein geborener Mecklenburger, im Vorpommerschen ein Gut in Pacht. Die Zeit war miserabel und das Pachtgeld hoch, also daß Herr Habermann trotz Fleiß und Geschicklichkeit in Concurs gerieth. Um das Maß seines Elends voll zu machen, legte sich zur selben Zeit seine Frau zum Sterben. Während die Leiche noch im offenem Sarge in der Kammer stand, tobte nebenan der Lärm der Auction, in welcher die letzten Ueberreste des Hausraths versteigert wurden – desselben Hausraths, der der Verstorbenen so theuer gewesen, an dem sie mit so vieler Zärtlichkeit gehangen und den sie trotz alledem weder ihrem Manne noch dem einzigen Kinde, das sie demselben zurückließ, einem fünfjährigen Töchter’chen, hatte erhalten können.

Mit dieser so einfachen, so ganz aus dem Leben gegriffenen und dabei so erschütternden Situation eröffnet sich der Roman.

„Habermann saß einsam im Garten, während drinnen im Hause auf den Rest seiner Habe geboten ward. Es war ein großer, breitschulteriger Mann mit dunkelblondem Haar, und was Arbeit aus dem Menschen machen kann, das hatte sie aus diesem Holz geschnitten und ein besseres hatte sie vermuthlich nirgendwo gefunden. ‚Arbeit‘, sagte sein ehrwürdiges Gesicht, – ‚Arbeit‘, sagten seine treuen Hände, die jetzt still in seinem Schooße lagen und ineinandergefaltet waren, wohl zum Beten! –

So saß Habermann vor seinem Herrgott da und seine Hände waren gefaltet und seine redlichen blauen Augen blickten nach oben, und es spiegelte sich ein noch schönerer Schein in ihnen, als von Gottes Sonne. – Da stellte sich ein Dirnlein zu ihm und legte ein Marienblümchen in seinen Schooß, und seine beiden Hände thaten sich auseinander und umschlossen das Kind. Es war sein Kind – und er stand auf von der Bank und nahm sein Kind auf den Arm und aus seinem Auge fiel Thräne um Thräne, und das Marienblümchen hatte er in der Hand und ging mit seinem Kinde den Steig entlang, den Garten abwärts.

Er ging in das Zimmer, wo seine Frau im Sarge lag. Er öffnete das Fenster und schaute hinaus in die Nacht, sie war ungewöhnlich dunkel für die Jahreszeit, kein Stern stand am Himmel. Alles war schwarz bezogen und warm und dunstig wehte eine leise Luft und seufzte in der Ferne. Vom Felde herüber schlug die Wichtel ihren Schlag und der Wachtelkönig rief seinen Regenruf und leise fielen die ersten Tropfen auf die durstige Erde und diese ließ zum Dank für die Gabe den schönsten Geruch aufsteigen, den der Ackersmann kennt, den Erdduft, in dem der Segen schlummert für alle Mühe und Arbeit. – Wie oft hatte dieser Duft ihm die Seele erfrischt und die Sorgen verjagt und die Hoffnung belebt auf ein gutes Jahr! – Nun war er die Sorgen los, aber die Freude auch; eine große Freude war ihm untergegangen und hatte alle die kleinen mit sich gerissen. Er machte das Fenster zu und als er sich umdrehte, stand sein kleines Töchterlein am Sarge und langte vergeblich nach dem stillen Antlitz, als wollte es dasselbe streicheln. Er hob das Kind höher, so daß es das Antlitz erreichen konnte, und die kleine Dirne streichelte und koste mit den warmen Händen und den warmen Liebesworten an ihrem stillen Mütterlein und an dem kalten Tod herum, und dann sah sie den Vater an mit ihren großen Augen, als wollte sie nach etwas Unbegreiflichem fragen, und stammelte: ‚Mutting, huh!‘ – ‚Ja,‘ sagte Habermann, ‚Mutting friert,‘ und die Thränen stürzten ihm aus den Augen und er setzte sich auf den Sarg und nahm sein Töchterlein auf den Schooß und weinte bitterlich. Und die Kleine fing ebenfalls an zu weinen und weinte sich satt und in den Schlaf; er lehnte sie sanft an sich und schlug den Rock warm um sie, und so saß er die Nacht hindurch und hielt eine treue Leichenwacht bei seiner Frau und seinem Glück.“

Das ist die Scene, welche unsere erste Abbildung (S. 717) in so ergreifender Weise vergegenwärtigt. Von Haus und Hof vertrieben, ist Habermann, nachdem er seine Frau in die stille Gruft gelegt hat, mit seiner kleinen Louise auf dem Arme zu seinem Schwager Jochen Nüßler gezogen. Der furchtbar heimgesuchte Mann glaubt der Ruhe zu bedürfen, und die wird er wohl in einem Hause finden, welchem ein Mann vorsteht, dessen Reden sich in den viel bedeutenden und darum immer von ihm gebrauchten Satz zusammenfassen: „Ja, das ist Alles so, wie das Leder ist.“ Bei Jochen Nüßler findet Habermann aber einen alten Freund, den Inspector Bräsig, der ihn viel zu gut kennt, um zu dulden, daß er seinen Gram und Groll an sich zehren lasse.

Wie Habermann der ernste, so ist Bräsig der komische, oder besser gesagt, der humoristische Held des Romans, und der Dichter entwirft von ihm folgende Zeichnung: „Er war ein kleiner Mann mit röthlichem Gesicht und stattlich rother Nase, die er ein wenig in die Luft hielt. Auf dem Kopfe hatte er eine viereckige Mütze, ohne eigentliche Farbe, aber vorn mit einer Troddel, auf dem Leibe einen grauleinenen Kittel mit langen Schößen, und die kurzen Beinchen, die höllisch auswärts standen und sich so anließen, als wären sie in den langen Oberleib verkehrt eingeschoben, steckten in einer kurzen, blaugestreiften Drillhose und in langen Stiefeln mit gelben Stulpen. Er war gerade nicht völlig, aber mager war er auch nicht, und man konnte sehen, daß er bereits anfing sich einen kleinen Bauch stehen zu lassen.“ Dies ist der Mann um den sich zwar die Handlung der Dichtung nicht gerade dreht, der aber doch in alle Verhältnisse eingreift und sie alle zum guten Ende führt. Herr Zacharias Bräsig ist ein Junggeselle, nicht aus Neigung, sondern aus harter Nothwendigkeit. Sein „gnädigster Herr Graf“ wollte keinen verheiratheten „Entspekter“ leiden, weshalb Zacharias, obgleich er „drei Brauten auf einmal“ hatte, schließlich nicht einmal eine „einzelne“ ehelichen konnte.

Bräsig bringt den Unglücklichen sofort wieder in eine Thätigkeit, die ihn seinem Brüten entreißt. In der ersten Scene gleich, die in Nüßler’s Hause spielt, wird der warmherzige und verständige Helfer in der Rolle vorgeführt, die er durch den ganzen Roman spielt. Lina und Minna, die beiden kleinen Töchter Nüßler’s, die einander so ähnlich sind wie zwei an einem Zweige gewachsene Aepfel, haben einen glücklichen Augenblick des Alleinseins dazu benutzt, sich mit des Großvaters Perrücke und der Großmutter Fladduse zu schmücken und nebenbei einen Topf zu zerbrechen. Minna beweint den Schaden mit heißen Thränen, aber Lina tröstet sie: „Laß nur sein, Minna, der Radmacher soll ihn wieder heil machen.“ Der Radmacher ist in Mecklenberg auf dem Lande ein Mann, der Alles kann. Wenn ein Hammel geschlachtet werden soll, so heißt es: „Ruft einmal den Radmacher.“ Wenn eine Fensterscheibe entzwei geschlagen ist, dann muß der Radmacher ein Bret vornageln, daß Wind und Wetter nicht ankommen kann. Hat sich ein alter Stuhl das Bein verrenkt, so ist er der Doctor; soll für ein Stück Vieh ein Pflaster gestrichen werden, ist er der Apotheker; kurz Alles muß er wieder heil machen, und darum dachte Lina als ein verständiges Mädchen gleich an den Radmacher.

Als die Schwestern auf den Hof treten, kommt ein kleiner Mann mit einem gerötheten Gesichte in’s Thor herein – Inspector Bräsig, wie wir dies auf unserm zweiten Bilde sehen. In seinem Messing – so heißt das Gemisch von Hochdeutsch und Plattdeutsch, von dem er Gebrauch macht – ruft er: „Gott Du bewohr uns! Wir seht Ihr aus? Was macht Ihr vor Mowemangs! Wo? Ihr habt jo woll die beiden ollen Großherrn ihren ganzen Suundagschen Zierrath auf den Kopp?“ Er nimmt ihnen den Kopfputz und hört, was mit den Topfscherben werden soll. „Wo?“ sagt er, „wo kann so ‘ne Dummheit in de Welt assistiren? Lining, Du bist die Aellst, ich hätte Dir for verständiger taxirt; un, Mining, laß das Weinen man sin, Du bist mein klein Pathchen, ich geb Dich zum Sommermark einen neuen Pott. Abersten nun, Allong mit Euch! in die Stube.“ Drinnen ist Niemand, weil Alles in’s Heu gefahren ist. Auch er sollte eigentlich nach seinem Heu sehen, „abersten,“ überlegt er sich, „das oll lütt Kropzeug hat die beiden Biester hier so zugericht’t, daß sie in Ungelegenheit kommen werden, wenn die beiden ollen Größings den Umstand zu sehen krigen; ich muß die beiden Creturen man en bitschen aufrepariren.“ Die Perrücke ist bald hergestellt; einen Taschenkamm trägt Bräsig immer bei sich, weil es auf seinem Kopfe etwas hell geworden ist und die Haare aus dem Nacken nach vorn gekämmt werden müssen. Die Haube macht ihm mehr Mühe. „Daß Du die Nas’ in’s Gesicht behältst! Lining, wie hast Du ihr zugericht’t! Ne richtige Fassong ist ja gar keine Menschen-Möglichkeit mehr.“

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Die Gartenlaube (1866) b 725.jpg

Bräsig, Lina und Minna.
Aus den Originalzeichnungen zu Reuter’s Werken von F. Hiddemann.

Eben ist er fertig geworden, als Habermann eintritt. „Kerl, Du büst en Schafskopp!“ Das ist Bräsig’s ganze Antwort auf das Geständniß des Freundes, daß er ruinirt sei und ihm die zweihundert Thaler, die er ihm schulde, nicht bezahlen könne. Dann hilft Bräsig durch Nachweis einer guten Stelle für Habermann und nun entwickelt sich die eigentliche Handlung des Romans, dessen Einleitung die in unseren Illustrationen dargestellten beiden Scenen entlehnt sind.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „Alte Camelien“ (korrigiert nach der Berichtigung auf S. 760.)