Dichter und Königin

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Autor: E. D.
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Titel: Dichter und Königin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 271–272
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Begegnung zwischen Tennyson und Königin Victoria
„Enoch Arden“
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Dichter und Königin.


Seit Langem hat in England und Nordamerika keine Dichtung ein so großes Aufsehen erregt, wie die Fischer-Idylle „Enoch Arden“ des „lorbeergekrönten“ Poeten der Engländer. Ihr Erfolg ist etwa mit demjenigen zu vergleichen, welchen der Roman „Onkel Tom’s Hütte“ seiner Zeit hatte, und wenn man unlängst in den Zeitungen las: während der Pariser Ausstellung seien monatlich nicht weniger als fünftausend Exemplare der billigen, festländischen Gesammtausgabe Tennyson’s von Engländern daselbst gekauft worden, so giebt das nur einen schwachen Begriff von dem Absatz seiner Werke überhaupt, denn in Nordamerika allein, da hier keinerlei Beschränkungen dem Nachdruck entgegenstehen, ist dieser Absatz ein noch weit größerer gewesen.

Tennyson selbst gilt übrigens für keinen reichen Mann, weil er ungern fordert und feilscht. Dennoch kann es nicht fehlen, daß sich nachgerade, wie weiland beim König Midas, Alles, was er anrührt, in Gold verwandelt, denn jede periodische Zeitschrift möchte etwas von seinem Ruhme profitiren und bietet gern große Summen, um von dem häufig während langer Jahre durchaus verstummt Gewesenen nur irgend ein Gedicht zu erhalten. So liest man von zweitausend Pfund Sterling, also etwa dreizehntausend Thaler, welche die Zeitschrift Good Words (gute Worte) jüngst für zwölf „kleinere“ Gedichte Tennyson’s zahlte, und nicht minder von freiwilligen Honoraren, die Mssrs. Ticknor und Fields in Boston, die Herausgeber der bekannten Zeitschrift „Atlantic Monthly“, ihm für Benutzung seiner Gedichte übersandten.

Enoch Arden ist, wie man weiß, eine einfache Erzählung: Anna Lee wird schon als Kind von zwei Jugendfreunden, Philipp Ray und Enoch Arden, geliebt. Sie wählt den letztern zum Mann. In der Ehe stellt sich mancher Kummer ein, so daß Enoch den Antrag eines Schiffscapitäns, mit nach China zu segeln, annimmt, und sein Weib und zwei Kinder allein läßt. Als er nach jahrelanger Abwesenheit schiffbrüchig und elend wieder in die Heimath zurückkehrt, findet er seine Frau als die Gattin Philipp’s wieder. Nach langem Zaudern hat sie endlich dessen Werben nachgegeben, da man Enoch für todt halten muß. In einem Wirthshause erfährt dieser, was während seines Abseins vorgefallen. Er überzeugt sich mit den eigenen Augen von dem Glücke Anna’s – in hohem Edelmuthe beschließt er, es nicht zu stören, sondern zieht sich auf einen einsamen Felsen zurück, wo er von Fischfang kärglich sein Leben fristet. Erst auf dem Todesbette sendet er dem geliebten Weibe eine Locke seines Kindes wieder, die sie ihm beim Scheiden gab, und läßt sie die Wahrheit wissen.

Fälle, wie der in unserm Gedichte erzählte, haben sich, wie man versichert, auch an unserer Nordseeküste zu wiederholten Malen ereignet, und sie kommen unter der Schifferbevölkerung überhaupt nicht gar so selten vor. Richterliche Entscheidungen solcher Art sind jedenfalls auch vorzufinden. Es scheint sogar an unserer Nordküste nicht an Fällen zu mangeln, wo der zweite Gatte durch richterlichen Ausspruch, und sogar gegen den Wunsch des zurückgekehrten ersten Gatten seiner Rechte wieder entsetzt worden ist. Wenn ich nicht irre, könnten oldenburgische oder hannöversche Juristen interessante Dinge darüber berichten.

Für eine der fleißigsten Leserinnen Tennyson’s gilt die Königin Victoria, und es dauerte nicht lange, so war ihr zu Ohren gekommen, daß von den Feinden und Neidern Tennyson’s dessen neuestes Gedicht als unmoralisch und als eine Verherrlichung der wilden Ehe angeklagt werde. Sie wandte sich an einen hochgestellten Geistlichen und hörte von demselben, daß allerdings Doppelehen dieser Art etwas nicht Seltenes seien, daß die davon ohne ihre Schuld Betroffenen auch vielleicht am jüngsten Tage Vergebung zu hoffen hätten, – denn die Allgüte des Herrn des Himmels und der Erde kenne ja keine Grenzen – daß es aber eine bedenkliche moralische Verwirrung verrathe, wenn man Denjenigen in einer Art Glorie zeige, welcher dem Fortbestande einer solchen sündhaften Ehe Vorschub leiste. Dies thue Enoch. Statt sich bei seinem Weibe zu melden, um wieder in seine Rechte und Pflichten einzutreten, lege er sich hin und sterbe.

Die Königin fühlte sich nicht wenig beunruhigt. Sie wußte zwar, daß Tennyson’s Stellung zu dem höheren Klerus eine nicht eben günstige sei. Sein offenes Sendschreiben an einen abgesetzten Pfarrer Namens Maurice war ihm nicht vergessen worden. Aber seit dem Tode ihres Gemahls hatte die Königin sich gewöhnt, den Stimmen in ihrer Umgebung mehr, als ihrem eignen schlichten Urtheil, Bedeutung und Gewicht beizulegen, und so trug sie sich eine gute Weile mit unklaren Eindrücken über dies Gedicht, zu welchem sie keinen richtigen Standpunkt zu finden vermochte. Endlich glaubte sie auch nach anderer Seite hin noch sondiren zu müssen und gerieth an eine womöglich noch strenger urtheilende Persönlichkeit, allerdings, wie sich später herausstellte, gerade diejenige Dame, auf welche man Tennyson’s Jugendgedicht Lady Vere de Vere bezieht, welches bekanntlich die poetische Abfertigung einer hochadeligen Kokette ist, die ihre Netze vor Zeiten nach dem Jüngling ausgeworfen hatte.

Nach dieser zwiefachen Verurtheilung Enoch Arden’s, dessen Erfolge inzwischen in tausend Echos an ihr Ohr klangen, glaubte die Königin am Besten zu thun, wenn sie den Dichter selbst über den Gegenstand seine Meinung äußern ließ. Am selben Nachmittag dehnte sie also ihre gewöhnliche Spazierfahrt längs der Küste über ihr herkömmliches Ziel aus und ließ in westlicher Richtung immer weiter fahren. Osborne, die Residenz der Königin auf der Insel Wight, ist von Tennyson’s Wohnung, der ebenfalls auf der Insel lebt, eine hübsche Strecke entlegen, aber die ganze Insel bietet ja keine gar großen Entfernungen und die Wege sind vortrefflich chaussirt. Bald sah man also das von Fichtengruppen umstandene Haus des Dichters aus den frühlingsgrünen Büschen und Hecken herüberschimmern.

Die Königin hatte Niemand als zwei ihrer Töchter in ihrem Wagen mitgenommen. Als sie Tennyson’s Gestalt im Garten gewahrte – sein langes Haar und sein voller Bart ließen ihn nicht verkennen – überwies sie den kleinen Prinzessinnen, wie sie es bei Abstechern dieser Art wohl zu thun pflegt, Skizzenbuch und Botanisirtrommel und begab sich allein nach dem niedrigen Gartenthore, wohin Tennyson ihr schon entgegengeeilt war.

Sie wollte nicht eintreten, begann vielmehr sofort, indem sie ihn neben sich gehen ließ, den Gegenstand ihrer Beunruhigung ihm auseinander zu setzen, nicht ohne mit dem feinen Verständniß, das man der Königin Victoria nachrühmt, die mannigfachen Schönheiten des Gedichts einer ausführlichen Würdigung zu unterziehen. Und so ging es immer längs des hohen Weststrandes fort, tief unten die blaue See, auf welcher, wie die verwehten Blüthen eines Schlehdorns, weiße Segel sich winzig klein umhertrieben, während die nahen Hecken von dem Zwitschern des Rothkehlchens und des kleinen Zaunkönigs lustig erklangen und unzählige Möven die schroff abfallenden Klippen schreiend umkreisten.

Endlich gebot eine Bürde Reisig, welche quer vor den Wandelnden den Weg versperrte, ihrem Weitergehen ein Halt! Ein blondes blauäugiges Mädchen von zehn bis zwölf Jahren stand daneben, nicht wenig erschreckt, daß sie mit ihren Tragestricken zum Zusammenschnüren der Bürde nicht rascher fertig werde, denn die Königin war der kleinen Insulanerin natürlich keine Fremde, und den Richtweg über den Kirchhof, vor dessen Gatter die Bürde lag, völlig versperrt zu haben, das war doch um so unschicklicher, als die Hauptstraße wegen des tiefen Schmutzes gerade heute völlig unbenutzbar war.

Tennyson half der Kleinen denn die Bürde schnüren, die Königin gab ihr eine kleine Münze und ließ sich ihren Namen nennen – er hieß Anna – und dann ging es quer über den Kirchhof weiter.

„Ein liebes Gesicht!“ sagte die Königin, indem sie der mit dem Reisig von dannen Schwankenden nachblickte, und dann, [272] wie auf ihr Thema zurücklenkend setzte sie sinnend hinzu: „So etwa denke ich mir, Ihre Anna Lee, ich meine zur Zeit ihrer Spiele mit Enoch und Philipp, da wo sie, um den Zwist Beider zu schlichten, ihnen verspricht: sie wolle ja gern Beider kleines Weib sein.“

„Auch könnte ein Maler das Mädchen füglich als Modell dazu benutzen, Majestät,“ gab Tennyson zur Antwort.

Er war stehen geblieben, um die Königin an einer Regenlache vorüber zu lassen, und die hohe Frau, bei dem kleinen Wellengekräusel auf der Lache sich eines schönen Gleichnisses in Tennyson’s Königsidyllen erinnernd, citirte die betreffende Stelle Wort für Wort.

„Aber heißt das nicht Enoch?“ fragte die Königin, im Vorübergehen die Inschrift eines der grün bemoosten Leichensteine, welche rechts und links vom Wege lagen und standen, mit ihrem Blicke streifend und dann ihre Frage selber bejahend: „Freilich heißt es Enoch! Es ist doch eigen, wie uns plötzlich etwas bedeutend scheint, was wir vorher mit völliger Gleichgültigkeit betrachteten; so dieser Name z. B., den ich, wie oft! auf meinen Streifereien zwischen anderen Namen aus dem alten Testament von den Grabsteinen ablas, ohne mir je etwas dabei zu denken.“

Und dann weiter suchend, setzte sie hinzu: „Schade, daß Ihr Philipp hier nicht auch noch einen Namensvetter hat; die Sage würde sich desto eher zu Gunsten dieses Kirchhofes geschäftig erweisen und die Scene Ihres Gedichts, wer weiß, in den Schatten dieser Nußbäume verlegen! Aber was haben Sie mir auf alle meine Bedenken zu antworten, Mr. Tennyson?“

„Sehr wenig, Majestät.“

„Und zwar?“

„Daß es mir leid sein würde, Majestät, wenn jenes kleine Mädchen dort mit dem Makel unehelicher Abkunft behaftet wäre.“

„Welches kleine Mädchen?“

„Das eben dort hinter der Hollunderecke verschwindende, Majestät; ich meine die kleine blonde Reisigträgerin.“

„Und was hat jenes Mädchen mit Ihrem Gedichte zu thun?“

„So viel wie irgend möglich, denn wenn es nach dem Wunsche des Bischofs von N. gegangen wäre, so gälte die kleine Anna dort oben für ein in ungültiger Ehe erzeugtes Kind.“

Die Königin war stehen geblieben.

„Sie wollen doch nicht sagen, Mr. Tennyson,“ versetzte sie, „daß hier auf unserer kleinen Insel eine Geschichte wie Ihr Enoch Arden wirklich passirt sei?“

Und da Tennyson einen Augenblick schwieg, fuhr sie fort: „O, ich weiß, Sie geben ungern auf dergleichen Fragen Bescheid. Aber wirklich: Enoch Arden hätte hier gelebt? Läge wohl gar unter jenem Stein dort begraben?“

„Majestät,“ sagte Tennyson, „es giebt in den engsten und dürftigsten Verhältnissen gar manchen Zug des Heroismus, um welchen die Geschichtschreiber den stillen Beobachter des Volks beneiden könnten. Wohl dem, der für solche Züge ein einfältig kritikloses Verständniß hat; wohl dem, der sie im Liede wiedererzählen darf, ohne allzu viel an ihrer schlichten Ursprünglichkeit zu verderben; wohl dem vor Allen, dem das Lied sie nachrühmen kann! Sein Andenken streut himmlischen Samen aus.“

Die Königin war über den Rasen zu dem Grabsteine hinübergegangen und legte die Hand auf die bemooste Kante desselben. Sie stand eine lange Zeit schweigend da, den Blick auf die Stelle gerichtet, wo der Verschollene seinen Frieden gefunden hatte. Endlich sagte sie, indem sie sich wieder aufrichtete und zum Heimgang anschickte: „Gott lohne ihn! Er hat doch recht gehandelt.“
E. D.