Die Abbassiden − Prolog

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Textdaten
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Autor: August Graf von Platen
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Titel: Die Abbassiden − Prolog
Untertitel:
aus: Gesammelte Werke des Grafen August von Platen, Band 4 von 5
Herausgeber: Einführung von Karl Goedeke
Auflage:
Entstehungsdatum: 1828−1830
Erscheinungsdatum: 1847
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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[223]

 Prolog.


Ich möchte wieder wie ein junger Schwärmer
Auf meinem Pegasus ein bischen reiten,
Doch da die Zeit betrübter wird und ärmer,
So möcht’ ich fliehn in fabelhafte Zeiten:

5
Ich, der ich ehedem, an Jugend wärmer,

Herunterstieg in spröde Wirklichkeiten,
Und mit dem Unverstand begann zu turnen,
Der stelzenhaft gespreizt sich auf Cothurnen.

Ihr wendet weg von jenem Volk der Zwitter

10
Die müden Augen, und ich muß es preisen,

Und will, da Viele mich verschrien als bitter,
Euch meine Süßigkeit einmal beweisen:
Die Sonne bring’ ich nach dem Ungewitter,
Einladend euch, mit mir ein Stück zu reisen,

15
Ein Märchen aus dem Orient zu lesen,

Der meiner Jugend schon so lieb gewesen!

Und weil mir vorgeworfen ward, es wäre
Mein Vers zu gut für eure blöden Ohren,
Und allzukunstreich meine ganze Sphäre,

20
Weil euch der Wein behagt unausgegohren,

Den sonst ich gern wohl durch Gedanken kläre,
So hab’ ich dießmal ein Gewand erkohren,
Ganz schlicht und einfach und bequem zu fassen,
Das kaum verhüllt den Stoff in keusche Massen.

[224]

25
Auch mir zuweilen macht’s ein bischen Galle,

Daß ich so wenig noch gethan auf Erden,
Und wenn ich euch im Ganzen nicht gefalle,
So führ’ ich deßhalb keineswegs Beschwerden;
Doch wünscht’ ich manchmal, wie die Andern alle,

30
Zu euern Klassikern gezählt zu werden:

Die Ehre freilich ist ein bischen mager,
Denn wer in’s Horn bläst, heißt sogleich ein Schwager.

Drum hab’ ich euch dieß neue Lied gesponnen,
Das weder Zeit mir noch Kritik verheere;

35
Es ist, wofern mir unter wärmern Sonnen

Gereift ein Lorbeer, seine reifste Beere:
Im alten Siena hab’ ich’s ausgesonnen,
Und dann mit mir geschleppt an beide Meere,
Und schlepp’ ich’s weiter, bitt’ ich nicht zu staunen,

40
Denn häufig wechseln meine Reiselaunen.


Und weil so Mancherlei den Geist verführet,
So wechsl’ ich Aufenthalte gern und Ziele,
Und unter Welschlands Firmament gebühret
Ein bischen Trägheit, das bezeugen Viele:

45
Ich habe mehr gedacht als ausgeführet,

Und hätt’ ich alle jene Trauerspiele,
Zu denen ich den Plan gemacht, geschrieben,
Ich wäre nicht so unberühmt geblieben!

Nie kann der Mensch, wie viel er auch vollende,

50
Wie kühn er sei, sich zeigen als ein Ganzes,

Und was er ausführt, gleicht es nicht am Ende
Zerstreuten Blumen eines großen Kranzes?
Drum Heil den Dichtern, deren reicher Spende
Deutschland verdankt den Gipfel seines Glanzes,

55
Die nie mit Denken ihre Zeit verputzen,

Und statt des Geistes bloß die Federn nutzen!

[225]

Und will Begeistrung ihnen nicht erscheinen:
So hilft die Moccafrucht, so hilft die Rebe:
Vom Trunk erhitzt und auf gelähmten Beinen

60
Hält sich der deutsche Pindus in der Schwebe;

Ich zähle mich hingegen zu den kleinen
Poeten, der ich mäßig bin, und gebe
Mich ganz und gar für einen schlechten Prasser:
Auch misch’ ich täglich meinen Wein mit Wasser.

65
Drum konnt’ ich wenig eure Gunst gewinnen,

Entzünde nicht, da selbst ich nicht entzündet,
Da meine Musen, als Begleiterinnen
Des Wahren, nie dem Pöbel sich verbündet.
Es war ein allzu jugendlich Beginnen,

70
Daß ich, wie Joseph, meinen Traum verkündet;

Draus hat sich mir der Brüder Neid entsponnen,
Die gern mich würfen in den tiefsten Bronnen.

Doch bis hieher zu weit entferntem Strande
Kann Lieb’ und Haß den Dichter nicht beschreien!

75
Hier mag er weilen, unzerstreut vom Tande,

Vom bunten Wirrwarr deutscher Klatschereien;
Er konnte hier, in einem Zauberlande,
Die bange Brust von jedem Schmerz befreien:
Es steht bei dir, ihm vorzuziehn Lappalien,

80
Du nordisch Volk, ihn aber schützt Italien!


Deutschland verehrt zu vielerlei Pagoden,
Und Einer stets bekämpft des Andern Meinung:
Dieß trübe Chaos tausendfacher Moden,
In welchem Punkte fänd’ es je Vereinung?

85
Der Dichter steht auf einem solchen Boden

Gleich einer fremden sonderbar’n Erscheinung:
Er hört das wilde Heer von ferne wüten,
Erschrickt und flieht, und birgt sich unter Blüten.

[226]

Hier kann er froh sein und des Tags genießen,

90
Dort müßt’ er frieren, Buße thun und darben;

Hier kann Gesang am reinsten sich ergießen,
Denn welche Dichter lebten hier und starben!
Drum kann zu fliehn er sich noch nicht entschließen
Das Reich des stäten Lenzes und der Farben.

95
Indessen wünscht er sich geneigte Leser

Vom Strand der Donau bis zum Strand der Weser!

Zwar hie und da bewirkt er kein Behagen,
Weil ihn die Mandarine streng verbieten!
Doch, fürcht’ ich, wird sie Langeweile plagen,

100
Wenn sie die Welt zurückgeführt auf Nieten.

Auch läßt sich Wahrheit nicht so leicht verjagen:
Johannes Huß und andre Ketzer brieten,
Ihr Wort jedoch erklang von Ort zu Orte:
Welch eine Tugend ist die Kunst der Worte!

105
Zwar hier und da giebt’s keine Demagogen;

Doch Seelen giebt’s, durch Worte nicht erreichbar,
Mit siebenfachem Leder überzogen,
Dem Schild des Ajax im Homer vergleichbar.
Sie sind wie steile Klippen in den Wogen,

110
Auf ewig hart, auf ewig unerweichbar:

Es spritzt die Flut empor mit leisen Scherzen,
Und schmiegt sich an, als hätten Steine Herzen!

Doch nun erzähl’ ich, statt ein Grillenfänger
Zu scheinen euch und euch die Zeit zu rauben,

115
Wenn ihr mir anders noch ein Stündchen länger

Zuhören wollt und meinen Worten glauben,
Wenn anders je mich, wie Horaz den Sänger,
Als blondes Kind verliebte Turteltauben
Bestreut mit Lorbeer, den sie mit dem Schnabel

120
Für mich gepflückt im schönen Land der Fabel.