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Die Bank

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Das Ende aller Dinge W. Hogarth’s Zeichnungen, nach den Originalen in Stahl gestochen/Zweite Abtheilung (1840) von Franz Kottenkamp
Die Bank
Analyse der Schönheit. Zwei Blätter
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Die Bank.
Oder:
Charakterbilder, Carrikaturen und utrirte Zeichnungen.
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DIE BANK.

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Die Bank.
Oder:
Charakterbilder, Carrikaturen und utrirte Zeichnungen.
(The Bench, or character, caricature and outré.)




Hogarth wurde häufig von seinen Zeitgenossen als Künstler in Carrikaturen bezeichnet, bekanntlich der burlesken Malerei, womit die Engländer seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts die politischen Machthaber und überhaupt die jeweiligen Zeitverhältnisse zu verspotten pflegten. Die größere Menge legte ihm den Namen offenbar deßhalb bei, weil sie dergleichen Bilder oder Zeichnungen, die auf den Eindruck des Comischen berechnet waren, am meisten vor Augen hatte. Hogarth selbst lehnte jedoch den Namen zu verschiedenen Malen von sich ab, und ärgerte sich sogar, wenn man ihm denselben beilegte. Alle, welche das Eigenthümliche der Gattung zu erkennen wissen, werden ihm hierin recht geben. Der Carrikaturenzeichner pflegt die Gesichtszüge, wie die Körperformen, je nach seinem Zweck zu vergrößern oder zu verkleinern, [930] damit irgend eine Eigenthümlichkeit in’s Lächerliche gezogen wird. Hogarth aber gibt beide der Wirklichkeit gemäß, indem er bei seinen Figuren nur die Gemeinheiten und Sonderbarkeiten (whims) hervorhebt. – Hogarth’s Freund, Fielding, trat schon früher in dieser Hinsicht für ihn auf. Er schrieb in der Vorrede zu seinem Roman, Joseph Andrews: „Was die Carrikatur in der Malerei, ist das Burleske in schriftlicher Darstellung, und in derselben Art stehen Maler und Schriftsteller mit einander in Beziehung. – Wer den geistvollen Hogarth einen burlesken Maler nennen wollte, würde ihm nach meiner Meinung sehr wenig Ehre erweisen, denn sicherlich ist es leichter, und verdient auch bei Weitem weniger Bewunderung, wenn man einen Menschen mit einer Nase oder einem andern Gesichtszug von monströser Länge malt, oder ihn in einer absurden und monströsen Stellung darstellt, als wenn man die Affecte der Menschen auf der Leinwand ausdrückt. Man hielt es für einen großen Ruhm, welcher einem Maler ertheilt werden könnte, wenn man sagte, seine Figuren schienen zu athmen. Jedoch sicherlich verdient derselbe noch größeren Beifall, wenn seine Gestalten zu denken scheinen.“

Bald auch gab Hogarth selbst eine Darlegung der künstlerischen Stellung, die er einnehmen wollte, in seiner Art, d. h. mit dem Griffel. Als er die Modeheirath in Abdrücken herausgab, stellte er auf dem Subscriptionsschein ungefähr neunzig Profile in seiner Manier, als Charakterzeichnungen dar, setzte drei aus den Cartons von Raphael copirte Köpfe darunter und daneben drei Carrikaturen derselben Figuren, die er Ghezzo und Annibale Carraci in der Unterschrift zuschrieb; ferner eine Carrikatur von Leonardo da Vinci ohne Nase. Jene Profile, die als Muster-Studien Werth haben mögen, sind jedoch zu sehr zusammengehäuft und zu flüchtig hingeworfen, um Andern Interesse zu gewähren. Auch wird man mehrere Physionomien in Hogarth’s Blättern wieder erkennen. Eben so flüchtig und unvollständig ist der Unterschied zwischen Charakter und Carrikatur nachgewiesen. Der Künstler suchte später seinen Gedanken genauer durchzuführen, und gab vorliegendes Blatt 1758 heraus, worauf er jedoch nur die vier unteren Köpfe, als Repräsentanten der Charakter-Malerei [931] zeichnete. Dies schien ihm jedoch nicht genügend, so daß er bald darauf die Carrikatur und das Uebertriebene an denselben Köpfen durchführen wollte. Er begann zu graviren, vollendete jedoch weder das Blatt noch die Zeichnung vor seinem Tode, soll aber noch am Tage vor demselben daran gearbeitet haben. Es wurde gleich nach seinem Tode herausgegeben, und ist somit das letzte Werk seines Griffels, wie das „Ende aller Dinge“ die letzte Schöpfung seines Pinsels.

Unter den größeren Abdrücken, die gleich nach seinem Tode herauskamen, war folgende Erklärung abgedruckt, die von ihm selbst herrührte, und welche seine Ansicht über die von ihm geübte Kunst am besten darlegt:

Charakterbilder, Carrikaturen und utrirte Zeichnungen.

„Kaum gibt es zwei Dinge, die in höherem Grade verschieden sind, wie Charakterzeichnung und Carrikatur, nichts desto weniger werden sie gewöhnlich mit einander verwechselt, weßhalb folgende Erklärung von mir versucht wird:

Man hat immer zugestanden, sobald ein Charakter mit starken Zügen im lebendigen Gesicht sich ausgedrückt vorfinde, könne man denselben gleichsam als ein Register der Seele betrachten. Um ihn mit irgend einem Grade der Richtigkeit im Malen wiederzugeben, werden die äußersten Anstrengungen eines großen Meisters erfordert. Alles, was aber seit mehreren Jahren mit dem Namen „Carrikatur“ bezeichnet wird, entbehrt gänzlich, oder muß jedes Zuges entbehren, der eine Richtung zum guten Zeichnen offenbart. Man kann diese Gattung eine Art von Linien nennen, die eher durch die Hand des Zufalls, als der Geschicklichkeit gezogen werden. So wird man auch an dem ersten Gekritzel eines Kindes, welches nur die Idee eines Menschengesichts anzudeuten scheint, irgend eine Aehnlichkeit mit der einen oder andern Person entdecken, und sich öfter eine solche comische Aehnlichkeit bilden, wie sie die besten Carrikaturen unserer Zeiten kaum mit Absicht darzustellen vermögen, weil die Idee derselben Zeichner über die Gegenstände weit vollkommener sind, als die der Kinder, so daß sie irgend eine Manier im Zeichnen dabei anbringen. Die humoristische Wirkung der modischen Art im [932] Carrikiren hängt hauptsächlich von der Ueberraschung ab, daß wir eine Aehnlichkeit in Gegenständen entdecken, welche durch ihre Art gänzlich von einander verschieden sind. Hiebei gilt auch die Bemerkung, je mehr diese Gegenstände ihrer Natur nach Verschiedenheit zeigen, desto größer sei der Kunstwerth dieser Stücke. Als Beweis dieser Behauptung mag die bekannte Carrikatur eines gewissen italienischen Sängers gelten, welche beim ersten Anblick in die Augen fiel. Sie bestand allein aus einer geraden perpendiculären Linie, mit einem Punkte darüber. Was das französische Wort outré betrifft, so ist dies von dem vorhergehenden verschieden, und bezeichnet nichts anderes, als die übertriebene Außenlinie einer Figur, deren Theile sämmtlich in anderer Hinsicht ein vollkommenes und wahres Gemälde der Menschennatur bieten mögen. Man kann einen Riesen oder einen Zwerg einen utrirten Menschen nennen. Dieselbe Benennung paßt für einen Körpertheil, eine Nase, ein Bein, das größer oder kleiner wie nach Gebühr dargestellt ist. Diese Bedeutung hat allein dieses Wort, welches für Charakterzeichnung unrichtig gebraucht wird.“

Wie der Titel anzeigt, ist in den Charakterbildern die Richterbank (Bench) dargestellt. Die vier Figuren sind die Porträts der damaligen vier Richter in dem Hofe der Common pleas; die Hauptfigur ist der Lord Chief justice Willes, die übrigen Bathurst, Noel und Sir Edward Clive, Namen, welche den englischen Juristen noch immer bekannt sind. Sie sitzen da im Scharlachmantel und in der Perrücke mit colossalen Locken, welche zu den Abzeichen ihres hohen Amtes gehören, und die Hogarth in der Analysis of beauty mit der Löwenmähne vergleicht, indem er sonderbarerweise hinzufügt, sie ertheile dem Gesicht nicht allein den Ausdruck der Würde, sondern auch der Klugheit. – Für den Augenblick bekümmern sich jedoch die Herren sehr wenig um die Proceßverhandlung, die gerade im Gange ist. Der eine liest eine Zeitung, ein anderer, mit allem Selbstgefühl seiner Wichtigkeit, liest eine frühere Zeugenaussage, ein dritter ist so eben eingenickt, und ein vierter liegt im tiefen Schlaf, indem er wahrscheinlich die Rede des plädirenden Advocaten mit Schnarchen accompagnirt.