Die Fabrik baumwollener Waaren von C. G. Hoffmann in Neu-Gersdorf

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Titel: Die Fabrik baumwollener Waaren von C. G. Hoffmann in Neu-Gersdorf
Untertitel:
aus: Album der Sächsischen Industrie Band 1, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 1, Seite 45–46
Herausgeber: Louis Oeser
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Album der Sächsischen Industrie Band 1 0091.jpg

Baumwollenwaarenfabrik von C. G. Hoffmann in Neugersdorf.

[45]
Die Fabrik baumwollener Waaren von C. G. Hoffmann in Neu-Gersdorf.
(Mit Abbildung.)


Von Eibau wenden wir uns westlich nach dem eine Stunde von da entfernten belebten und gewerbfleißigen Gersdorf, welches sich so dicht an Böhmens Grenze anschließt, daß man aus seinen letzten Häusern mit wenig Schritten in das Nachbarland gelangen kann. Das Dorf wird von der Löbau-Rumburger Chaussee durchschnitten und ist bei seiner zum Theil hohen und freien Lage weithin sichtbar. Von Zittau ist es gegen vier Stunden und von Löbau drei Stunden entfernt; nach Rumburg, der nächsten böhmischen Stadt, gelangt man in einer Stunde.

Als einst im fünfzehnten Jahrhundert die Hussiten, aufgestachelt von fanatischer Wuth, von Böhmen aus über die umliegenden Länder gleich einem verheerenden, wilden Strom sich ergossen, traf auch Gersdorf der barbarischen Schaaren Grimm in solchem Maße, daß kein Stein auf dem andern blieb, und die wenigen Einwohner, welche ihr Leben vor dem Schwert der blutgierigen Feinde gerettet, es nicht wagten, nach der nun verödeten Stätte ihrer ehemaligen Wohnung zurückzukehren. Waldung überzog die Stelle, wo einst in friedlichen Hütten fleißige Menschen wohnten und auf fruchtbaren Feldern die goldnen Aehren schwankten; das Schloß lag in Ruinen, gleich der Kirche, in deren Trümmern wildes Gesträuch wucherte und Vögel nisteten. Man kannte in der Umgegend diese Stelle nur noch unter dem Namen: „der Wald, Giersdorf genannt“.

Von Böhmen aus war Gersdorf zerstört, von Böhmen her kamen wieder seine ersten Ansiedler. – Nachdem die Stätte fast zweihundert Jahre wüste gelegen, bauten sich hier böhmische Exulanten an; ein neuer Ort entstand, welcher sich durch die Thätigkeit seiner Bewohner mit jedem Jahr mehr hob und vergrößerte, so daß er jetzt zu den ansehnlichsten Dörfern unsers Vaterlandes zählt und in industrieller Hinsicht eine bedeutende Stelle einnimmt.

Das Dorf zerfällt in Alt- und Neu-Gersdorf; in letzterem, welches sich durch viele neue, geschmackvolle und zum Theil selbst großartige Gebäude auszeichnet, finden wir die, durch ihren hohen Dampfschlot schon von Ferne sich bemerklich machende Fabrik baumwollener Waaren von C. G. Hoffmann.

Die Gebäude dieses Etablissements bestehen in

einem Wohngebäude, in dem sich das Comptoir, Expeditionen für Weber und Treiber, so wie mehrere Lagerräume befinden;
einem 1853 in geschmackvollem Styl neu errichteten Hauptgebäude von 110 Ellen Länge, mit Maschinenhaus, Zwirnerei für farbige Garne, Holzraspel, Waarenlege- und Verpackzimmer, Maschinenschlosserei und ansehnlichen Lagerräumen; so wie auch noch Räumlichkeiten vorhanden sind, welche künftig mehrere zum Fabrikbetrieb erforderliche Maschinen aufnehmen werden;
zwei Färbereigebäuden mit Trockenstuben;
einem Nebengebäude, wo die Scheererei betrieben wird;
einem Kohlenschuppen, und außerdem noch
einigen Nebengebäuden mit Magazin für Farbewaaren, Stallungen u.s.w.

Hierzu gehören noch verschiedene andere Grundstücke.

[46] Die Fabrikation beschränkt sich auf baumwollene Rock- und Hosenstoffzeuge, und finden dieselben ihren Hauptabsatz in den Staaten des Zollvereins, in der Wallachei und der Moldau, sowie auf den Messen zu Leipzig und Frankfurt an der Oder.

Das Etablissement besitzt eine Dampfmaschine von zwanzig Pferdekraft zum Betriebe der Zwirnerei und Holzraspel, und es werden, inclusive der Fabrikarbeiter, Weber und Treiber, 1500 Menschen fortwährend beschäftigt.

Herr C. G. Hoffmann gründete vor fünf und zwanzig Jahren ohne alle und jede Mittel dieses Geschäft; durch des Gründers Ausdauer, Umsicht und Thätigkeit, welche später durch die heranwachsenden Söhne kräftige Unterstützung fand, vergrößerte es sich immer mehr, so daß es heute als eines der ersten derartigen Etablissements dasteht, seinen wohl erworbenen Ruf behauptend und seine Geschäftsverbindungen fortwährend erweiternd.

Besitzer sind außer dem Gründer, Herrn Carl Gottlieb Hoffmann, noch dessen Söhne: Wilhelm, Gotthold und Julius.

Wir werden später Gelegenheit nehmen, wieder nach Gersdorf zurückzukehren, um noch einige der bedeutendsten Etablissements näher zu besprechen und somit das Bild der Industrie dieser Gegend zu vervollständigen; jetzt aber, bevor wir von diesem Ort scheiden, finden wir uns zu der Bemerkung veranlaßt, daß das Hoffmannsche Etablissement in dieser, durch ihre industrielle Regsamkeit so ausgezeichneten Gegend, bis jetzt leider noch das einzige ist, welches ein Dampfwerk besitzt, obgleich die Dampfwerke jetzt bei dem beständigen Fortschritt der Industrie zum Bedürfniß geworden sind, will man der von Außen drohenden Concurrenz mit Erfolg widerstehen. Es hat dieser Umstand seinen Grund vorzüglich in der durch die enormen Transportkosten hervorgerufenen Vertheuerung des Feuerungsmaterials, da dasselbe aus einer Entfernung von mehreren Stunden herbeigeschafft werden muß. Würde aber die projektirte Zittau-Rumburg-Elbbahn, welche nach der stattgefundenen Vermessung Gersdorf berührt, realisirt, so wäre als gewiß vorauszusetzen, daß binnen kurzer Zeit viele Dampfwerke in dieser Gegend entstehen, sowie durch den erleichterten Verkehr die Industrie hier einen höheren Aufschwung nehmen und die Bahn die Quelle eines vermehrten Wohlstandes der ganzen Gegend werden würde. Für Gersdorf ist die Realisation dieses Projects von hoher Wichtigkeit, indem dieser bedeutende Ort der einzige der ganzen Gegend ist, welcher so gut wie gar keine Oekonomie besitzt und deshalb seinen Erwerb ausschließlich auf dem Wege der Industrie suchen muß, hierzu sind aber wieder zu Unternehmungen Kohlen unentbehrlich, indem Gersdorf zwar unfern der Spreequelle liegt, aber doch nur einen fast nur den Abfluß der Färbereien enthaltenen Dorfgraben besitzt, also jeder Wasserkraft entbehrt.