Die Franke’schen Stiftungen in England

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Titel: Die Franke’schen Stiftungen in England
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 136–138
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Franke’schen Stiftungen in England.

In dem rauchigen Halle an der grünen Saale mit den reizenden Giebichensteiner Felsenpartien und den Wittekind-Bädern im Norden und der gemächlich düstern Rabeninsel im Süden und manchen Reizen ringsherum, mit seiner „Natur“ sogar im Innern, seiner alten Universität und seinen vielen honorigen Philistern, die den Studenten zu meiner Zeit ganze halbe Jahre lang und gelegentlich noch länger „pumpten“, dehnt sich auch auf einer südlichen Anhöhe der Vorstadt Glaucha eine geschlossene Doppelreihe von langen hohen Palästen aus mit drei großen, weiten Gärten, Parken, Spiel- und Turnplätzen auf der Südseite, die uns aber oft nicht weit genug waren, so daß wir manches liebe Mal mit katzenartiger List und Geschicklichkeit über die drei Jungen hohe Grenzmauer kletterten, um auf gefährlichen Umwegen nicht in’s Freie, sondern zum Conditor oder wohl gar zu einer „Stange Lagerbier“ und sonstigen Genüssen des Verbotenen zu gelangen. Wenn man eine hohe breite Dpppeltreppe hinauf durch das imposante Front- und Vordergebäude zwischen, der Apotheke und der Buchhandlung, dem „Klingelmann“ links (mit einer zu unserer Zeit sehr beliebten Obstfrau vor dessen Thür) und dem Nachtwächter rechts in den weiten, geraden „Vorderhof“ hineintritt auf die „breiten Steine“, wo damals nur die Primaner in den „Zwischenstunden“ und „vor dem Speisesaale“ auf- und abgingen, und jeder niedriger Sitzende unbarmherzig davon weg „gerempelt“ ward – welch’ ein heiterer, grandioser Anblick! Kein Königs- oder Kaiserschloß hat einen so heitern, luftigen Vorderhof. Und das Wasser, das stets oben rechts im „Röhrkasten“ rauscht und spät Abends im Mondschein beim ersten, verbotenen Schiller-Lesen oder den ersten Versuchen, ein erstes, aufkeimendes Ideal in Verse zu bringen, bei dem Genuß der grimmig verbotenen „Pfeife“ und sonstigen Allotriis gar hippokrenisch hereinklang, dieses Wasser war auch sehr gut zum gemeinen Trinken und zum verbotenen Kaffeekochen. Ja, es gab oft feierliche Gelegenheiten, wo wir dieses herrliche Wasser mit Rum und Zucker zu veredeln gedachten, wie wir uns überhaupt während der sieben Jahre unseres Lernens in diesen heitern weiten Stiftungen mit nichts so gern abgaben, als mit verbotenen Dingen. Auch erinnere ich mich kaum, daß wir uns sehr mit Lernen geplagt hätten. Aber endlich sprachen wir doch Latein wie Wasser, konnten den halben Homer auswendig, wußten in Athen und Rom Bescheid, wie in Halle, und kannten sogar die Stelle, wo der rührend beschriebene sterbende Hund des Odysseus gelegen, als er dem alten, edeln Herrn, nachdem er die Städte so vieler Menschen gesehen und ihren Sinn erkannt, die Hand leckte zum Willkommen auf seiner Insel Ithaka. Niemand erkannte ihn, selbst nicht seine treue Penelope, nur der alte treue Hund rafft sich noch einmal auf, nur er erkennt ihn, leckt ihm die Hand und stirbt.

Wo seid ihr geblieben, schöne, „pennalische“, jugendübermüthige Tage mit allen den vielen Namen, Zahlen, Sprachen und Hoffnungen, wo alle die jugendlichen Schaaren, die damals mit mir so lebenslustig auf- und abtollten? Aber die Franke’schen Stiftungen sind geblieben, die großartigste pädagogische Waisen- und Gvnmasialanstalt der Welt. Da steht der Stifter noch in Metall in der Mitte oben mit den beiden in der ganzen Welt auf den Köpfen der Gypsfigurenhändler umhergetragenen Waisenknaben, da steht er noch, nachdem ich ihn vor beinahe dreißig Jahren einweihen half. Neben mir stand bei der Einweihung ein eckiger, unbeholfener Junge, der immer nicht so recht hatte „mitmachen“ wollen, träumerisch vor sich hinging und weinend die Hände faltete, als der Director Niemeyer nach seiner Rede winkte, das Standbild Hermann Franke’s mit seinen beiden classischen Waisenknaben in seinen Stiftungen zu enthüllen. Einige hänselten ihn nachher damit, er kehrte ihnen aber stets den Rücken und ging seinen eigenen Weg weiter, mit diesem größten Helden des Glaubens, Hermann Franke, im Herzen, um seinen damals Wurzel schlagenden Entschluß, von demselben Franke’schen Capitale ähnliche Franke’sche Stiftungen aufzurichten, in England auszuführen.

Dieses Capital – es bestand bei Hermann Franke in sechzehn Groschen und Glauben, und bei Georg Müller, dem Hermann Franke Englands, in noch weniger Groschen – bedarf in unsern Tagen vielen „aufgeklärten“ Leuten gegenüber einer Art von Entschuldigung, wenn man etwas zu dessen Gunsten sagen will. Der Eine betet zu Brahma, der Andere zu Jehova, der Dritte zu Allah, der Vierte direct zur Sonne, Andere zu einem lieben himmlischen Vater, zur Jungfrau Maria u. s. w., noch Andere kommen mit einem Gott in ihrer eigenen Brust, mit ihrem ausgebildeten Ehrgefühl, mit Selbstachtung, mit Ideen von Menschenwürde, Humanität und Mitgefühl, mit dem Gedanken an die letzten Ermahnungen und Thränen einer edeln, unvergeßlich geliebten Mutter, der Liebe zu Weib und Kind u. s. w. aus.

Das sind Alles Religions- und Glaubensformen, die auf unsere Achtung Anspruch haben, wenn sie nur für die Gesammtheit der bürgerlichen Gesellschaft gute Früchte tragen, ohne daß wir nöthig haben, diese Formen als unsern Vorstellungen entsprechende, wahre, richtige anzuerkennen. Und wie die, welche die Gottessubstanz in Kraft, Stoff und Stoffwechsel auflösen, heut zu Tage wenigstens nicht mehr verbrannt werden, wollen wir auch die Streng-Gläubigen nicht mehr kreuzigen, und uns am allerwenigsten die Freude an Schöpfungen verderben, denen Tausende und aber Tausende ihre Erziehung, ihre classische und praktische Bildung, ihre Tüchtigkeit in diesem Leben voller Eisenbahnen, Telegraphen, Polizeivorschriften, Wechselrittern und Staatssupernumerarvicehämorrhoidarien verdanken, an solchen Schöpfungen, wie denen Hermann Franke’s und Georg Müller’s.

Es bedarf in unserm „aufgeklärten“ Jahrhundert wohl keiner besondern Versicherung und keines speciellen Nachweises mehr, daß sowohl der Erstee, wie der Letztere und Alle, die in Glaubensechtheit irgend einer Art – dies ist besonders Angesichts edeln weiblichen Geschlechts gesagt – Gutes und Schönes fühlen, denken und thun, auch in dieser Form ihre Stiftungen, Schöpfungen und Thaten wesentlich ihrer eigenen Energie und Ausdauer verdankten. Wir dürfen namentlich bei Beurtheilung Müller’s in England nicht vergessen, daß ungemein viel wohlthätige Stiftungen nur durch freiwillige Beiträge geschaffen und erhalten werden, insofern deren Stifter u. s. w. sich an die stereotypen Glaubensvorstellungen anlehnen. Wir haben Grund, zu glauben, daß G. Müller sich des energisch und ausdauernd verfolgten, edeln, praktischen Zweckes willen auf diese Vorstellungen stützte und daß ihm unter dieser Form die bedeutenden Summen für denselben freiwillig zuflossen.

Georg Müller, das ist der eckige, träumerische Junge, der vor beinahe 30 Jahren bei der Enthüllung des Franke’schen Denkmals betend, mit gefalteten Händen, weinend neben mir stand und dann (ich glaube 1830) nach England mitten unter Eisenbahnschwindel, Krämer- und Diplomatenpolitik hinüberging, um sich zunächst sein Herz beinahe zerbrechen zu lassen über das namenlose Elend und die Verwahrlosung, worin arme und verwaiste Kinder hier zu Tausenden aufwachsen oder noch öfter materiell und moralisch umkommen. „Dann erhob ich mich,“ sagt er in seinem jetzt erschienenen, merkwürdigen Berichte[1], „und begann den Gottesdienst, für verwaiste Kinder zu sorgen, denen Niemand Elternstelle vertritt, am 9. December 1835.“

Ohne Lebensmittel für sich selbst, miethete er ein Haus für solche Kinder in Wilsonstreet, London, dann vier Häuser neben einander für 120 bis 150 Waisen. Mancher muß sich Plagen, um [137] seine eignen Kinder halbwegs zu erziehen, Georg Müller, selbst für sich ohne Mittel, erzog und bildete zehn Jahre lang stets über hundert Waisen in seinen vier theuren Häusern in dem theuern London, ohne jemals um Unterstützung zu bitten. Letztere Bedingung brach er auch dann nie, wenn kein Dreier in den vier Häusern für das nächste Abendbrod der Heerde Kinder übrig war, wobei sie doch nie hungrig zu Bett gingen. Einige Auszüge aus seinem Naiven Berichte:

„Am 10. August 1844. In der größten Noth, kein Penny mehr zur Hand. Da erhielt ich eine Fünfpfundnote von einem Bruder in Hackney.“

„16. August 1845. Unsere Armuth ist außerordentlich groß. Es ist zehn Uhr und kein Penny für Mittagbrod. Ich dachte an einige Artikel, die ich versetzen oder verkaufen könnte für die Waisen, als einer der Arbeiter (Lehrer) mir ein Pfund gab. Aus den Büchsen der Häuser ergaben sich 1 Schilling 6 Pence, für gestrickte Sachen wurden zwei Schillinge 6 Pence bezahlt, und A. gab 2 Schillinge.“[2]

Solche Tagebuchs-Notizen finden wir in unzähliger Masse, und er machte nie Schulden, er bat nie um Beiträge und die Kinder gingen nie hungrig zu Bett.

Im Jahre 1845 dachte Georg Müller an Erbauung eines eigenen Waisenhauses für etwa 300 Kinder. „Ich dachte, das würde etwa 10,000 Pfund kosten, und am 4. November fing ich an, den Herrn um Mittel zu bitten. Am 10. December stellten sich von unbekannter Hand 1000 Pfund ein. Als dieses Geld kam, war ich so ruhig, als hätt’ ich eben einen Schilling erhalten, denn mein Herz sah sich nach Erhörungen um. So überraschte mich diese Schenkung nicht im Geringsten. Andere Gaben folgten, eine zweite von 1000 Pfund am 30. December, und da ich den Herrn nun gebeten, er möge mir vorangehen, folgte ich ihm, um eine Baustelle zu suchen.“[3]

Und nun denke man sich dieses seltsame Bild mitten in diesem Jahrhundert, mitten in diesem modernen England! Ein großer, eckiger, schwerfälliger Deutscher in schäbigem Schwarz durch die von Millionen Menschen und Tausenden von Fuhrwerken wimmelnde Stadt wandelnd mit der Vorstellung, daß Gott der Herr ihn persönlich zu einer Baustelle führe, wie er sie findet und sein Waisen-Asyl, seine Franke’schen Stiftungen richtig aufbaut! Und da steht es freudig durchwimmelt von eintausend gesunden, frischen, lachenden, rührigen, spielenden, lernenden und arbeitenden Kindern, die keine Noth, keinen grimmigen Waisenvater, wie sie Dickens so wahr und furchtbar schildert (in Oliver Twist), keinen Hunger, keinen Bakel, sondern nur Liebe und Freude und freie Arbeit kennen und in dem eckigen, gravitätischen Georg Vater und Mutter lieben und sich oft an ihn hängen, wie rothe, lachende, erste Herzkirschen an das Stück Holz, in welcher Form die Obstweiber gern die Erstlinge der, Kirschenernte verkaufen. Ist das nicht ein größeres Wunder, als Aladdin’s Palast? Mindestens ein größeres, als das grandiose Parlamentsgebäude an der Themse, das in allen Theilen zu groß und nur für das Unterhaus zu klein, zu dunkel und zu stickig und zugig zugleich ist, Millionen kostet und noch lange nicht fertig ist und jetzt an den Zinnen-Kanten mit einigen Fudern Gold beklebt wird.

Wir können dem deutschen Waisenvater englischer Kinder nicht auf Schritt und Tritt folgen, wie er hinter dem Herrn herwandelnd die Baustelle findet, das Asyl aufbaut und eben vergrößert. Nur noch einige Notizen.

Er fand die Stelle nahe bei Bristol in Aßley Down, einer der schönsten Vorstädte dieser rührigen, englischen Stadt, welche den besten englischen Tabak (Bristol Birds-Eye) fabricirt. Der erste Bau kostete 15,000 Pfund, also über 100,000 Thaler, die sich alle ungebeten einstellten. Er fing im Juli 1847 an und führte seine Kinder im Juni 1849 aus der rauchigen Wilsonstreet Londons in ihre sonnige, neue Heimath, ohne daß Jemand davon besonders Notiz nahm, während sonst fast alle wohlthätigen Institutionen vorher ausgeschrieen werden, als hätte die Henne das Ei schon gelegt, damit Geld gebettelt werden könne, ehe sie an die Machtthat denken. In einem großen Wohlthätigkeitsinstitute Londons fehlten neulich gleich 15,000 Pfund auf einmal; andere wurden entdeckt, die lange schon für Hunderte von armen Kindern gebettelt hatten und hernach gar kein einziges Kind aufweisen konnten.

Darüber ließen sich haarsträubende Thatsachen bändeweise zusammenstellen, aber ihr guten Deutschen drüben denkt immer, man wolle England damit schlecht machen und Euch den lieben einzigen „Anhaltepunkt“ für Eure Hoffnungen unter dem schwachen Arme wegschlagen was, abgesehen von der Wahrheit der Thatsachen, sehr gut wäre, da Ihr wirklich ohne englische Anhaltskrücke vortrefflich stehen und gehen könnt. Und wer’s noch nicht kann, ist ein Hypochonder und muß mit einer guten Parforcecur auf die Beine gebracht werden, wie Jener, der sich einbildete, er habe Beine von Glas, so daß er nicht eher probirte, selbst zu gehen, als bis man ihm das Bett unter den gläsernen Füßen tatsächlich wegbrannte. Dann aber konnte er auch plötzlich laufen, wie ’n Faßbinder.

Der Herr, welcher vor Georg Müller herschritt und ihm das „Wunder des Jahrhunderts“, wie es die Engländer nennen, aufbaute, war doch am Ende nur, rationalistisch und physiologisch genommen, eine ihm liebe und den Engländern imponirende Form für seine eigene deutsche Energie und Ehrlichkeit, sein schlichtes, fühlendes Herz und sein höchstes Erbarmen mit dem tiefsten Elend um ihn her. Er wandelte tapfer auf eigenen Füßen mit Glauben, Liebe, Hingebung, Leidenschaft, Ausdauer für sein edles Werk.

So ward er der Fels, an den sich die Engländer lehnten, wie überhaupt Engländer bald sich in die unabweisbare Nothwendigkeit werden fügen müssen, sich an deutsche Cultur, Ehrlichkeit, Sitte und Energie zu halten, um aus ihrem in der Ferne noch glänzenden Jammer heraus zu kommen, wie sich jetzt schon alle besseren, nobleren Elemente Englands, mit der Königsfamilie als Muster an der Spitze, aus ihrer Herrlichkeit in deutsche Sprache, Literatur, Sitte und Lebensweise flüchten. – Sie nähren sich von deutschem Marke, während einige Scribenten im Mutterlande sich einbilden, sie müßten auf alte, abgelegte Sachen Englands warten, ehe sie anständig auftreten könnten. Auch wir, so lange wir in England leben, müssen uns immer von deutschem Marke nähren, wenn wir nicht geistig verhungern wollen, so daß G. Kinkel, der seinen „Nimrod“ in England dichtete, die Sache mit den Worten trifft:

„Was wir im fremden Lande schaffen,
Es ward von Deinem Mark genährt,
Du schmiedest unsres Sieges Waffen
Auf Deinem ewig wachen Heerd.
Uns stärkt zur Abendfeierstunde
Des deutschen Freundes tiefes Wort,
Und hell aus unsrer Kinder Munde
Klingt deutsches Lied uns fort und fort.“

Und nun wieder zu unserem Ritter Georg. Etwa ein Jahr nach Vollendung des ersten Baues fing er an, Flügel zu bauen, um 1000 Kindern Obdach, Erziehung und Schule zu geben. Diese fing er mit Schillingen an. Anfangs 1856 hatte er über 23,000 Pfund verbaut und baar bezahlt. Vogel und Flügel sind jetzt schuldenfrei vollendet und von den 6000 Kindern Englands, die durchschnittlich stets in Gefängnissen leben, finden 1000 in Georg Müller ihren Vater, ihre Mutter, ihre Freiheit, ihre Tugend, ihre Zukunft wieder.

Müller hat im Ganzen für sein Werk 84,441 Pfund 6 Schillinge 3 1/4 Penny erhalten, ohne jemals um eine Gabe zu bitten. Im Uebrigen borgt und schenkt nicht so leicht ein anständiger Engländer einem Armen ein Stück Kupfer, während er allerdings leicht dahin zu bringen ist, Hunderte und Tausende für ostensible Zwecke mit hohen und seinem Namen in den Zeitungen zu zeichnen. Müller trug nie ein Geschenk mit Namen ein und bat nie um Beiträge. Aber da steht sein Werk, das „Wunder des Jahrhunderts!“ Welche Kraft, welche Siegesgewalt in diesem einfachen Helden! Da steht’s! Seht’ mal hinein! Kein Entrée, keine Bettelei, keine Büchsen, wie sonst in allen englischen Wohlthätigkeitsanstalten. [138] Da links 1000 Betten mit 1000 kleinen Commoden daneben, worin die Sonntagskleider glatt und reinlich liegen, dahinter die Spielsäle mit unzähligen deutschen Spielwaaren – ein Anblick, als wär’s eben Weihnachten; rechts der hohe, lustige, heitere Speisesaal, drüber drei Schulanstalten für Knaben, Mädchen und Kinder (die blos spielen, tanzen, singen u. s. w. nach Fröbel’s Princip), herrliche, herzige, rothbäckige Kinder ohne Spur den dem gedrückten, hungrigen „Waisenblick“ (Dickens), dahinter Bäckerei, Wasch- und Badeanstalten, Speise- und Vorrathskammern mit Mehl, Brod, Fleisch, Reis, Hafermehl u. s. w., wie für eine Armee, große Säle mit Kleidern und Schuhen, Seife, und Gefäßen, Vorräthe von Spielsachen, um die verbrauchten zu ersetzen, Lehrer-, Arbeiter-, Diener- und Ammenwohnungen, Arheitslocale zum Stricken, Sticken, Flicken, kindlichem Fabriciren und Manufacturiren – kurz eine fabelhafte, wirkliche, blühende Kinderwelt aus der tiefsten Hefe, aus Kerkern und Verwahrlosung – Alles geschaffen und erhalten und entwickelt und blühend und leuchtend durch Georg Müller aus Thüringen.


  1. „A Narrative of some of the Lord’s Dealings with George Muller.“ („Eine Erzählung von einigen Verhandlungen des Herrn mit Georg Müller.“) London: Nisbet and Co. – ein echter Tractätlein-Titel, hinter welchem aber nur schöne, edele Thaten des Erbarmens und praktischer Humanität aufblühen.
  2. Er wirthschaftete stets ökonomisch und ehrlich. Die Kinder arbeiteten und trugen bald bedeutend zur Selbsterhaltung des Instituts bei, wie wir aus unzähligen Tagebuchs-Notizen ersehen. Das erklärt auch vieles anscheinend Wunderbare.
  3. Alles dies hat in England, wie gesagt, nichts Wunderbares. Schenkungen, Beiträge und Vermächtnisse an wohlthätige Institute bis zu Tausenden von Pfunden kommen häufig vor. So oft Müller’s bald weit und breit bekanntes Unternehmen in Noth war, fanden sich denn auch immer bald größere, bald kleinere Beiträge. Er bat nie darum, aber durch seine Mitarbeiter wurden, wenn die Noth am größten, immer Mittheilungen gemacht, durch welche Herzen und Geld gerührt wurden.