Die Funkenburg zu Leipzig

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die Funkenburg zu Leipzig
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 365-366
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[365]
418) Die Funkenburg zu Leipzig.
Edm. v. Felsthal, a. a. O. S. 282 sq.

Die Funkenburg, bis auf die neueste Zeit der Lieblingsort der Gose-[1]Trinker, war vor Zeiten eine stattliche Ritterburg. Lange verlassen, verfallen und öde, nahm endlich ein Geistervolk von ihren Mauern Besitz, trug seine Schätze nach derselben und wachte darüber. Niemand kehrte mehr hier ein, nur in einem Winkel der Burg wohnte ein alter Ritter, still und eingezogen, von dem man nicht wußte, ob sie ihm gehöre oder ob er sich hier angesiedelt habe.

Einst ward ein Fürst aus Thüringen vom Unwetter genöthigt, auf dieser Burg eine Zuflucht zu suchen. Der alte Ritter empfing ihn, machte ihn aber mit den Geheimnissen seines Aufenthaltes bekannt und rieth ihm, sich anderwärts ein bequemeres Nachtlager zu suchen; doch der Fremde schützte Müdigkeit vor, behauptete, sich nicht vor Burggeistern zu fürchten, so daß Jener nachgab und auf ausdrückliches Verlangen ihm sein Lager im großen Burgsaale, welchen der Sage nach die Geister des Schlosses bewohnten, bereitete.

Der Prinz begab sich zur Ruhe. Doch beim Schlage der Mitternachtsglocke erwachte er. Er richtete sich empor. Die Lichter waren abgebrannt und flackerten nur noch wenig, der Mond fiel durch die Fensterscheiben in den Saal, er konnte jeden Gegenstand erkennen.

Die Glockenschläge verhallten. Da erhob sich ein Wehen und Sausen, das in Gepolter überging; beim Kamine regte es sich; jetzt stürzten allmälig ein Bein, ein Arm, ein Kopf und Leib herab, rollten weit im Gemach umher und bildeten sich zu einer vollkommenen Menschengestalt aus, die dann im Saale umherging. Von Neuem knisterte und knackerte es, [366] unzählige menschliche Gliedmaßen polterten aus dem Kamine herab, und fügten sich zu Gestalten zusammen, bis auf einmal der Saal gefüllt war. Nicht ohne Angst stand der Gast von seinem Ruhelager auf um zu sehen, was noch kommen werde, und blickte stumm auf die wunderbaren Erscheinungen hin. Alsbald bildete sich eine große Tafel inmitten des Gemachs, goldene Weingefäße, prachtvolle Pokale und Leuchter, nebst kostbaren Gerichten erschienen in einem Augenblicke darauf, und nachdem Alles geordnet war, nahete einer aus der Gesellschaft und lud den Fremden ein, Theil zu nehmen an dem festlichen Mahle. Mit Grauen folgte er der Einladung, ergriff den dargebotenen Becher um zu trinken, und stellte ihn zitternd wieder auf die Tafel hin. Das Entsetzen überlief ihn, er schlug ein Kreuz und rief den Namen Jesu, und plötzlich verlöschten die Lichter, es wurde dunkel und still im Saale, die ganze nächtliche Tafelgesellschaft war verschwunden. Bei Tagesanbruch stand aber die Festtafel noch im Saale mit allen ihren kostbaren Pokalen, Bechern und Tellern. Der Thüringer erkaufte die Burg, gelangte in den Besitz aller übrigen Schätze der Geister und hauste lange glücklich auf der Funkenburg.


  1. Ueber den Ursprung dieses Bieres s. Melissantes, Bergschlösser. S. 642 und meine Bierstudien (Dresden 1872) S. 31. 71.