Die Gartenlaube (1854)/Heft 1

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
>>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1854) 001.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

Inhaltsverzeichnis

[1]

No. 1. 1854.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.

Wöchentlich 1 bis 1 1/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 10 Ngr. zu beziehen.

Katharina.

Auf Kamtschatka’s wilder Steppe
An dem eiserstarrten See,
Schreibt ein greiser Hochverräther
Seinen Namen in den Schnee.

Katharina ist der Name,
Der in seinem Herzen lebt
Und der Liebe grünen Epheu
In sein ödes Dasein webt.

Katharina ist die Rose,
Die Kamtschatka selbst verschönt,
Die mit Gott und seinem Kaiser,
Mit dem Schicksal ihn versöhnt.

Katharina ist die Taube,
Die den grünen Oelzweig bringt
In die Arche seines Herzens,
Das aus Lust und Leid zerspringt.

Katharina ist die Harfe,
Die zu ihm herüberklingt
Und ihm tausend süße Grüße
Aus der fernen Heimath bringt.

Katharina ist die Perle,
Die sein Aug’ in Thränen hüllt,
Katharina ist die Thräne,
Die mit Sehnsucht ihn erfüllt.

Dankbar gräbt er diesen Namen
In den eiserstarrten Schnee;
Jubelnd sproßt in seinem Innern
Liebeslust und Heimathsweh.
 O-r.




Zwei Verzweifelte.
Von Ludwig Storch.

Mitternacht war vorüber. Die Laternen auf der Blackfriarsbrücke in London leuchteten nur noch einzelnen Fußgängern. Von der City her schritt ein junger Mann hastig der Mitte der Brücke zu, von Southwark her schlich ein bejahrter Mann ihm entgegen. Noch stießen sie nicht zusammen, als der Letztere sich vom Wege rechts ab nach der Brüstung wandte und die augenscheinlichsten Anstalten traf, sich über dieselbe in die Themse hinabzustürzen. Der junge Mann war ihm gefolgt, und hielt ihn plötzlich zurück.

„Herr, ich glaube Sie wollen sich ersäufen?“

„Ihr Glaube ist richtig, Herr; aber was geht das Sie an?“

„Allerdings nicht das Mindeste. Ich wollte Sie nur um die Gefälligkeit bitten, noch einige Augenblicke zu verziehen und mir zu erlauben, die Partie mitzumachen. Lassen Sie uns einander fest umarmen und so vereint den Luft- und Wassersprung machen. Die Aussicht, mich mit einem mir blutfremden Manne, den ich in diesem Augenblick hier in derselben Absicht getroffen, die auch mich hierher geführt hat, zusammen zu expediren, ist zu pikant für mich, als daß ich Sie nicht bitten sollte, sich mit mir zu dem angegebenen Zwecke zu verbinden. Wahrlich, Herr, seid lange ist mir nichts so reizend vorgekommen; und ich hätte nicht geglaubt, daß mir in der Todesstunde noch so etwas Angenehmes widerfahren könne. Schlagen Sie ein, Herr; ich habe seit Jahren keine Bitte mehr an ein menschliches Wesen gestellt; verweigern Sie mir also die Erfüllung dieser einzigen und letzten nicht. [2] Auch kann ich mich nicht erinnern, jemals so viele Worte gemacht zu haben, als in dieser Minute.“

Damit hielt er dem Andern die Hand hin. Dieser gab denn auch die seinige, und der junge Mann fuhr in einer Art muthiger Begeisterung fort: „Also fest umschlungen, Arm in Arm! Und nun kurzen Prozeß! Es ist mir recht wohl, zuletzt noch ein paar Augenblicke an einem Menschenherzen zu liegen. Ich frage nicht, ob Du auch ein Schuft bist. Hinab!“

Der ältere Mann, der erst so große Eile gehabt hatte, in die kalten Fluthen der Themse unterzutauchen, legte jetzt der Eile des Jüngern einen Zügel an, indem er dessen Hand festhielt und ihn zurückzog. „Halt, Herr!“ sagte er, indem sein lebensmüdes Auge in den Zügen seines Gegenübers zu forschen bemüht war, so viel der ungewisse Schein der nächsten Laterne erlaubte, „Sie sind noch so jung, und wollen schon freiwillig aus dem Leben gehen. Ich fürchte, Sie übereilen sich. Für einen Mann in Ihren Jahren bietet das Leben noch tausend schöne Fernsichten und reizende Genüsse.“

„Ja Moder und Gestank, Lug und Trug, Nichtswürdigkeit und Verworfenheit. Kommen Sie und machen wir der Sache ein Ende!“

„So jung Sie sind, Sie haben schon sehr schlimme Erfahrungen gemacht, und scheinen alle Kreaturen, welche die menschliche Gestalt tragen, für Otterngezücht zu halten.“

„Ottern sind edle Geschöpfe gegen den Menschen; denn sie folgen ihrem Naturtrieb; sie sind keine Heuchler, welche die Tugend im Munde führen und das Laster im Herzen.“

„Sie thun mir leid; denn in der That es giebt viele ehrenwerthe Ausnahmen von der von Ihnen aufgestellten Regel.“

„Hahaha! Ausnahmen!“ lachte der junge Mann bitter und höhnisch. „Ich habe keine gefunden.“

„Dann darf ich Ihnen wenigstens den, wenn auch armseligen Trost geben, daß Sie in dieser ernsten Stunde eine solche gefunden haben. So sehr auch das Lügen den meisten Menschen zur Gewohnheit geworden ist, in der Todesstunde, gegenüber der ernsten und stummen Ewigkeit, pflegen die Wenigsten zu lügen. Ich aber habe mein Leben lang nicht gelogen und möchte um keinen Preis der Welt mit einer Lüge auf den Lippen die dunkle Straße wandeln. Wenn ich Ihnen also sage: ich bin kein Schuft, für den Sie auch mich zu halten scheinen, sondern ein ganz ehrlicher und braver Mann, so ist das die lautere Wahrheit.“

„Wirklich? Das ist interessant! So müßte ich den einzigen ehrlichen Menschen, der mir vorgekommen, gerade auf diesem letzten Wege kennen lernen, um mit ihm gemeinschaftlich der Welt Valet zu sagen.“

„Lassen Sie mich allein gehen und bleiben Sie. Es giebt noch mehr, noch viel ehrliche und brave Menschen, die Ihnen ein nüchternes, einfaches, thätiges Leben mit Lust und Schönheit würzen können. Suchen Sie sie nur, Sie werden sie gewiß finden.“

„Nun den ersten hätt’ ich ja schon gefunden. Aber wenn sich Ihnen das Leben von so paradiesischer Seite präsentirt hat, warum wollen Sie es denn gleich mir von sich werfen?“

„Weil ich ein alter blutarmer und dabei kranker und schwacher Mann bin, der nicht im Stande ist, etwas zu verdienen und es nicht länger mit ansehen kann, daß sein einziges Kind, ein Engel von Tochter, sich Tag und Nacht todtarbeitet, um mich alten unbrauchbaren elenden Menschen zu ernähren, ja mir sogar noch manche kleine Freude zu machen. Nein, Herr, das länger zu ertragen, müßte ich ein Unmensch, ein Barbar sein.“

„Was, Herr!“ rief der Andere wie erschrocken. „Sie haben eine einzige Tochter, die sich für Sie aufopfert?“

„O und mit welcher Geduld, mit welcher Milde, mit welcher Liebe, mit welcher Ausdauer thut sie es! Ich sehe sie dahin welken unter Arbeit und Entbehrung und keine Klage entschlüpft ihren bleichen Lippen. Sie arbeitet und hungert und hat immer ein Wort der Liebe, ein seliges Lächeln für mich.“

„Herr, und Sie wollen sich umbringen? Sind Sie des Teufels?“

„Kann ich den Engel langsam ermorden? Das wühlt mir wie ein Schwert in der Seele,“ weinte und schluchzte der alte Mann.

„Herr, Sie müssen mit mir eine Flasche Wein dort in der Taberne trinken und mir dabei Ihr Schicksal erzählen. Wenn’s Ihnen recht ist, will ich dagegen mit dem meinigen aufwarten. Im Voraus sag’ ich Ihnen, Sie brauchen nicht da hinab zu springen; denn ich bin ein reicher, ein sehr reicher Mann, und wenn Alles sich so verhält, wie Sie mir angedeutet haben, so braucht Ihre Tochter nicht mehr zu arbeiten, und Sie sollen Beide nicht hungern.“

Der weinende Mann ließ sich fortziehen. Sie traten zusammen in die Schenkstube. Bald standen volle Gläser vor ihnen, und sie betrachteten einander näher beim hellen Lampenlichte.

„Mein Schicksal ist bald erzählt,“ nahm der Alte gefaßt und vom Feuer des Weins angenehm erregt, das Wort. „Ich bin Kaufmann, aber das Glück war mir nicht hold; ich hatte kein eignes Vermögen und liebte ein armes Mädchen. Aus diesen Gründen brachte ich es niemals zu einem eignen Geschäfte, sondern diente in verschiedenen Häusern als Commis und Buchhalter, bis man mich nicht mehr brauchen konnte oder vielmehr wollte und jüngere Kräfte den meinigen vorzog. So beschränkt meine Verhältnisse waren, so schön und glücklich war mein Familienleben. Mein Weib war ein Engel an Liebe, Güte und Sanftmuth, fromm und gottesfürchtig, thätig und treu, und sie hat ihre einzige Tochter wiederum zu solch einem Engel erzogen. Aber durch Krankheit und Alter bin ich endlich der härtesten Noth verfallen, und mein Gewissen giebt es nicht zu, daß das beste Kind auf Erden sich für mich alten unbrauchbaren Menschen opfert. Ich kann ja unmöglich mehr lange zu leben haben, und so wird mir Gott verzeihen, wenn ich selbst ein paar Dutzend Tage oder Wochen abstreiche, um wenigstens Gesundheit und Leben meiner Betty zu erhalten.“

„Alter, Sie sind ein glücklicher Mann,“ rief der Jüngere. „Mir ist noch kein so Glücklicher vorgekommen. Was Sie Ihr Unglück nennen, das ist Lapperei. Dem ist jetzt schon gründlich und für immer abgeholfen. Ich werde Sie morgen früh durch ein Testament zu meinem Erben einsetzen, und den Sprung von der Brücke noch um einen Tag verschieben. Erst will ich Ihre Betty kennen lernen, um doch einem Menschenkinde, das den Namen Mensch verdient, in’s Auge geschaut zu haben, eh’ ich zu den Todten gehe.“

„Aber, Herr, was hat Sie so unglücklich bei dieser Jugend gemacht?“ rief der alte Mann voll Mitleid und Jammer.

„Ich glaube der Reichthum meines Vaters. Ich bin der einzige Sohn eines der ersten Handlungskäufer Londons, und auch ich bin Kaufmann, wie Sie. Wenn ich Ihnen meinen Namen nenne, werden Sie ihn kennen und von der Wahrheit meiner Angabe überzeugt sein. Mein Vater starb vor fünf Jahren und hinterließ mir ein ungeheures Vermögen. Von Stund’ an bin ich von allen Menschen, die mit mir in Berührung kamen, belogen, betrogen, hintergangen und bestohlen worden. Ich war ein unschuldiges Kind an Glauben und Vertrauen; ich war in der Erziehung nicht verdorben worden und hatte von meiner guten Mutter das weiche, liebedürftige Herz geerbt. Ich wollte mit edlen, guten Menschen im Bund der Liebe und Freundschaft leben; ich fand heuchlerische Schurken, Falschmünzer der Gesinnung, ohne andern Zweck, als mir Geld abzunehmen und sich auf meine Kosten vergnügte Tage zu machen. Freunde, oder vielmehr Schufte, die ich für Freunde hielt und denen ich mein ganzes Herz hingab, verriethen und verlachten mich als einen guten dummen Jungen, aber mein Auge schärfte sich mit der Zeit und mein Herz sog sich voll Mißtrauen. Ich durchschaute endlich alle Betrüger. Ich verlobte mich mit einer reichen Erbin, im Besitz der höchsten Bildung unsrer Zeit; ich schwärmte für sie in kindischer Begeistrung. Ihre Liebe sollte mir alles Andere ersetzen. Bald erkannt’ ich sie als eine eitle stolze Närrin, die mich zu ihrem Sklaven machen und alle Männer an ihren Triumphwagen spannen wollte. Ich brach mit ihr und wählte ein reizendes armes Kind, ein süßes unschuldiges Täubchen, das der Engel meines Lebens werden sollte. Juchhe! Ich überraschte sie in den Armen eines andern, von ihr geliebten Jünglings. Mir hatte sie Liebe gelogen, um eine reiche Frau zu werden. Ich stürzte mich in Genüsse, ich ging auf Reisen: überall dasselbe moralische Elend. Zuletzt wurde mir das Leben zum fürchterlichsten Ekel. Wir begegneten uns, als ich der jämmerlichen Posse ein schnelles Ende machen wollte.“

„Armer junger Mann!“ sagte der Alte mit einer Thräne des Mitgefühls im Auge. „Wie sehr bedaure ich Sie! Ja ich armer Mann bin glücklicher gewesen als Sie. Ich hatte ein Weib und eine Tochter, die rein und tugendhaft aus Gottes Hand hervorgingen. [3] Die Eine ist eben so wieder zu ihm zurückgekehrt, die zweite wird es. Ich kenne meine Betty. Sie wird ihre Tugend und ihren Edelsinn bewahren. Sie kann gar nicht anders.“

„Hört, Alter, gebt mir Eure Adresse und erlaubt mir, daß ich morgen Eure Tochter aufsuche. Ich muß mich selbst von Eurer Behauptung überzeugen. Aber auch Euer Ehrenwort müßt Ihr mir geben, Eurem Kinde mit keinem Worte, keiner Miene, keinem Blick zu verrathen oder anzudeuten, daß ich ein reicher Mann bin.“

Der Alte reichte die Hand hin: „Ich gebe mein Ehrenwort. Es liegt mir selbst daran, Sie zu überzeugen, daß ich die Wahrheit gesprochen. Ich heiße John Smid und meine Wohnung ist auf diesem Zettel verzeichnet.“ Damit zog er ein Blatt Papier aus der Tasche und händigte es dem Andern ein.

„Und ich heiße Lewis Stauton und bin der Sohn und Erbe von Andrew Stauton. Hier ist eine Hundertpfundnote mit der Bedingung, daß Sie in diesem Hause bleiben, bis ich Sie morgen abhole. – Knabe! Ein Zimmer mit einem guten Bett für diesen Herrn! – Sie bedürfen der Ruhe, Mr. Smid. Gute Nacht! Morgen sehen Sie mich in einer andern Gestalt. Aber in welcher auch, vergessen Sie Ihr Ehrenwort nicht.“

Der Alte machte eine Geberde des Staunens über den gehörten Namen und des freudigen Schreckens über die Banknote; aber eh’ er sich zu fassen vermochte, war sein neuer Bekannter zur Thür hinaus, und der Aufwärter leuchtete ihm in ein Zimmer vor, in dessen Bette er bald den schnellen Wechsel seines Geschicks vergessen hatte.


In einem armselig ausmöblirten, aber sehr reinen und fast zierlich aufgeputzten Dachstübchen in einem der hohen, schwarzgeräucherten Häuser in einer engen und dunkeln Nebengasse der City saß ein sehr hübsches blondes Mädchen von ohngefähr zwanzig Jahren und nähete feines Weißzeug. Wahrlich ihr ganzer Anzug war nur wenige Schillinge werth, aber er war so rein, so nett und saß ihr so trefflich, als wenn er eben so viele Pfunde gekostet hätte. Ihre hellblonden Locken umrahmten ein Gesichtchen voll süßen Seelenfriedens, in welchem ein paar Augen von reinster Himmelsbläue und von reinster Himmelsunschuld sanft leuchteten. Ueberall in ihr, an ihr, um und neben ihr der Geist der Ordnung, der Züchtigkeit, der Sitte und der Reinheit. Die Züge waren so blaß, so zart und so fein, wie die einer Fürstin. Und doch war das Auge übernächtig und voll Unruhe, und dann und wann löste sich ein banger Seufzer aus dieser jungfräulichen Brust los. Endlich hörte sie Schritte auf der Stiege, und ihr Gesicht verklärte sich schnell; sie horchte; aufsteigende Zweifel schatteten sich in ihren reinen Zügen ab. Es klopfte an der Thür, und sie erbebte. Kaum vermochte sie die Einladung zum Eintreten auszusprechen. Ein junger Mann in einem abgetragenen und ausgebesserten Anzug schritt, sich linkisch und demüthig verbeugend, über die Schwelle. „Um Verzeihung, wohnt hier Mr. John Smid?“

„So ist’s, Herr. Was wünschen Sie von ihm?“

„So sind Sie seine Tochter Miß Betty?“

„Ich bin’s.“

„Zu Ihnen wollt’ ich gerade; denn von Ihrem Vater komme ich her.“

„Um Gotteswillen, wo ist er? Was ist mit ihm geschehen? Es ist ihm ein Unglück begegnet, denn noch niemals ist er Nachts aus dem Hause geblieben.“

„Allerdings ein kleines Unglück –“

„O mein armer, armer Vater! Was werd’ ich hören müssen.“

Der junge Mann betrachtete die sichtbaren Zeichen ihrer Seelenangst in ihren Zügen mit großer Theilnahme und sah sich auch im Zimmer um. „Erschrecken Sie nicht, liebes Kind; mit dem Unglück hat’s nichts auf sich. Ein alter Bekannter hat ihn gestern Abend getroffen und in eine Taberne gezogen. Da haben sich die beiden Herrn fest gezecht. Der Andre hat sich spitzbübischer Weise aus dem Staube gemacht, Ihr Vater aber ist als ehrlicher Mann geblieben und muß nun als Faustpfand sitzen, bis die Schuld bezahlt ist, wenn er nicht in’s Gefängniß wandern will. Sonst ist er frisch und gesund.“

„Mein Vater! Mein lieber Vater darf nicht in das Gefängniß!“ sagte das Mädchen ängstlich. „Können Sie mir angeben, wie viel seine Schuld beträgt?“

„Zwölf Schillinge.“

„Ach, mein Herr, ich habe nur drei Schillinge in meinem Besitz. Aber ich will schnell zu Miß White laufen und sie sehr bitten, daß sie mir neun Schillinge auf meine Arbeit vorstreckt.“

„Wer ist Miß White?“

„Die Putzhändlerin, die mir Arbeit giebt.“

„Wenn Miß White aber Ihre Bitte nicht erfüllt, was dann?“

Das Mädchen brach in Thränen aus. „Ach Gott,“ schluchzte sie, „ich fürchte selbst, sie thut es nicht; denn ich bin ihr schon sechs Schillinge schuldig, und sie ist eine harte Frau.“

„Wofür haben Sie diese Schuld gemacht?“

Sie zögerte erröthend mit der Antwort.

„Sie dürfen sich mir anvertrauen; ich nehme den herzlichsten Antheil an Ihrem Schicksal und wollte nur, ich könnte Ihnen helfen. Aber ich bin selbst ein armer Schreiber. Wozu haben Sie die sechs Schillinge geborgt?“

„Mein Vater ist gar schwach und bedarf der Stärkung. Ich habe ihm zuweilen ein halbes Hühnchen in der Brühe gekauft oder ein Beefsteak.“

„Unter solchen Umständen wird Miß White nichts mehr borgen. Sechs Schillinge will ich Ihnen geben, aber das ist auch Alles, was ich besitze. Haben Sie keinen werthvollen Gegenstand, den wir versetzen könnten?“

„Ich habe nichts, gar nichts als das Gebetbuch meiner verstorbenen Mutter. Sie hat mich sterbend beschworen, mich nie davon zu trennen, und es ist mir nichts heiliger, als ihr Andenken und mein ihr gegebenes Versprechen, aber ich gebe es gern hin für meinen Vater.“ Zitternd holte sie das Buch herbei. „Ach, mein Herr, in mancher stillen Nacht habe ich auf die leeren Blätter hinten im Gebetbuch meine geheimsten Gedanken niedergeschrieben. Es darf Niemand erfahren, daß ich die Schreiberin bin. Wollen Sie mir das versprechen?“

„Gewíß, gute Miß. Sein Sie außer Sorgen. Es soll kein Mißbrauch mit ihrem Heiligthum getrieben werden. Nun machen Sie sich fertig; wir wollen gehen.“

Während sie in die Kammer schlüpfte, schlug Stauton das Buch auf und las die frommen Herzensergüsse des Mädchens. Seine Augen leuchteten und füllten sich mit Thränen der Rührung und Wonne. Sie kam und hatte ein sehr geringes Tuch umgeschlagen, aber als sie auf der Straße so neben ihm hinschritt in ihrer unbewußten Würde, betrachtete er sie mit Blicken der Ehrfurcht und Bewunderung.

Miß White gab den neuen Vorschuß nicht, versicherte aber dem Begleiter des Mädchens, Betty sei ein Engel. Das war ihm aus diesem Munde lieber als das Geld aus dieser Hand. Er versetzte also auf dem Wege das Buch bei einem Trödler, und die zwölf Schillinge kamen zusammen. Betty hatte eine große Freude darüber.

„Wovon wollen Sie aber heute und morgen leben, Miß, wenn Sie all Ihre Baarschaft weggeben?“

„Ich weiß es nicht, aber Gott wird helfen,“ versetzte sie vertrauensvoll. „Ich werde die Nächte hindurch arbeiten.“

„Ja, Gott wird weiter helfen!“ rief er und hätte sich durch seine Bewegung fast verrathen.

Stauton ging erst allein in die Taberne und auf das Zimmer des alten Smid, um ihn mit wenig Worten in seiner Rolle zu instruiren. Dann holte er Betty herbei. Welch ein himmlischer Genuß für ihn, als das süße Kind dem Vater weinend um den Hals faßte, küßte und an ihr Herz drückte. „Ach, mein Vater, mein Vater, welche schreckliche Nacht hab’ ich verlebt, voll Angst und Kummer um Dich! Doch still davon! Gelobt sei Gott, daß ich Dich gesund ’wieder habe.“ Und nun lachte und jubelte sie.

Dann löste sie den theuern Mann ein und führte ihn im Triumphe davon.

Stauton begleitete sie und meinte, er habe noch ein paar Schillinge aufgetrieben; sie solle ein Mittagsessen besorgen. Nun die frohe Geschäftigkeit, das flinke heitre Wesen, die süße Anspruchslosigkeit des herrlichen Kindes! Der junge Mann hätte vor ihr niederfallen und ihr die Füße küssen mögen.

Stauton ging spät Abends und dachte nicht mehr an den Sprung von der Blackfriarsbrücke. Er kam alle Abende „um seinen angeblichen kleinen Verdienst mit der Familie zu verzehren.“

Nach vierzehn Tagen sagte er Abends beim Scheiden: „Miß [4] Betty, wollen Sie meine Frau werden? Ich bin zwar nur ein armer Schreiber, aber ich habe ein redlichen Herz.“

Sie schlug die Augen erröthend nieder.

„Kannst Du mich lieben, Kind?“ fragte er mit überwallendem Gefühl.

Sie nickte stumm und reichte ihm die Hand. Er küßte diese Hand und sagte: „Ich liebe Dich unaussprechlich. Du hast mir das Leben gerettet.“

Wenige Tage später in der Morgenfrühe ging das Pärchen, einfach aber anständig gekleidet, und vom alten Smid begleitet, nach der nächsten Kirche, wo es still getraut wurde. Wonnebebend schloß Stauton sein Weibchen an das Herz und küßte sie auf die Stirne. Vor der Kirche hielt ein prächtiger Stadtwagen. Der gallonirte Diener öffnete ehrerbietig den Schlag. „Hinein!“ rief der glückliche Gatte der ihn mit stumm fragendem Staunen anblickenden jungen Frau zu. Eh’ sie sich’s versah, saßen sie alle drei in der Kutsche, die im Fluge davon fuhr. Vor einem hohen prächtigen Hause in Westminster hielt sie. Reich gekleidete Dienerschaft hob sie heraus und führte sie in glänzend decorirte Zimmer. „Hier ist Eure Herrin!“ sagte Stauton zu der Dienerschaft. „Bezeigt ihr Eure Ehrfurcht und erfüllt ihre Befehle. –

„Mein holdes süßes Kind, ich bin Lewis Stauton, einer der reichsten Männer dieser reichen Stadt. Dieses Haus ist Dein Eigenthum, diese Diener und Dienerinnen sind die Deinigen. Ich habe die Bürgschaft von Dir in der Hand, daß der Reichthum Dein reines Kindesherz nicht verderben wird. Hier ist sie, das Gebetbuch Deiner Mutter. Sieh, was Du hineingeschrieben:

„Und wenn Du mir alle Schätze der Welt gäbest, mein Gott, ich würde Deine demüthige Magd bleiben. Denn was ist Gold vor Dir, der Du auf die Herzen siehst? Dein ist mein Herz und soll es bleiben.“

„Gott und Dein, mein Lewis,“ flüsterte Betty und sank sanft erröthend an seine Brust.

„Hurrah, der Sprung von der Blackfriarsbrücke!“ rief Stauton seelenvergnügt und umarmte seinen Schwiegervater.




Der alte Herr.
Er war ein geborner großer Mensch, ein Mann aus dem Ganzen.
Goethe über den „alten Herrn.“ 

So nannten ihn in seinen späteren Tagen vertraulich unter sich die ihn liebten, und außer den Schlechten, die ihn zu fürchten hatten, liebten ihn Alle.

Seinen Namen, liebe Leser, habt Ihr oft nennen gehört, – das Gute aber, was er gewirkt, ist in seiner vollen Bedeutung Wenigen bekannt. Ihr Alle genießt es mit. Laßt Euch eine kleine Skizze seines Wesens und Wirkens gefallen. – Der Beschreibung seines Aeußern überhebt mich das treue Bild, das hier vor Euch steht. Außer bei festlichen Gelegenheiten ging oder fuhr oder ritt der alte Herr nie anders einher, als in dieser einfachen Kleidung.

Die Geschichte nennt ihn Großherzog Karl August von Weimar, die Literaturhistorie den „Dichterfürsten,“ das Volk, das ihn noch jetzt wie einen Vater liebt und ehrt, den „alten Herrn.“ –

Als er in dem alten Schloß zu Weimar auf unserm wirren Planeten ankam, schrieb man den 3. September 1757. Das war für die Menschwerdung eines Fürstenkindes eine einigermaßen hindernißliche Zeit. Da wuchsen die Prinzleins noch in dem festen Glauben auf, nur Fürsten und Adel seien Menschen, und diesen zum Nutzen und Vergnügen laufe das übrige Volk in Städten und Dörfern herum, wie Hirsche, Hasen, wilde Schweine in Wäldern und Feldern. Zehn Jahre erst war der gute alte Dessauer todt, der als hoffnungsvoller Prinz schon in blinder Eifersucht einen unschuldigen Verwandten seiner nachherigen Frau Gemahlin Liebden, der Apothekerstochter Fehse, vor deren Augen niederstach, ohne daß im ganzen heiligen römischen Reiche ein Hahn danach gekräht hätte. Der gute alte Dessauer, der alle Menschen, die nicht im Soldatenrocke staken, gründlich verachtete, dessen höchster Genuß blutiges Schlachtengemetzel war. Karl August verlor schon im zweiten Jahre seines Lebens den Vater, Ernst August Konstantin. Aber seine Mutter war die geistreiche und aufgeklärte Fürstin Amalie, der edle Graf Görz sein Erzieher, Wieland sein Lehrer. Unter den Einflüssen dieser ausgezeichneten Geister wuchs er gedeihlich empor. Als er in seinem vierzehnten Jahre Friedrich dem Großen in Braunschweig vorgestellt wurde, äußerte dieser tiefblickende Menschenkenner, er habe noch nie einen jungen Menschen – er sagte nicht Prinzen – von diesem Alter gesehen, der zu so großen Hoffnungen berechtige. Diese Worte sprach ein König, der jedem Preußen erlaubte, „nach seiner Façon selig zu werden.“

Karl August hatte einen jüngern Bruder, Konstantin: dieser starb im Jünglingsalter, und gehört nicht in meine Skizze. Mit beiden hatten Mutter und Erzieher wohl zuweilen ihre Noth. Beide Prinzen waren Wildfänge, die, von üppiger Jugendfülle überströmend, manchen tollen Streich begingen. Doch mußte sich Karl August bald ein wenig zu fassen suchen. Denn schon 1774, in seinem siebzehnten Jahre, wurde er von Kaiser Joseph für majorenn[WS 1] erklärt, und trat bald darauf die Regierung des Landes an.

Der junge Herzog war ein zwiefaches Wesen. Kräftig und gewandt in allen ritterlichen Künsten, die er leidenschaftlich trieb, umfaßte er mit gleicher Liebe die ernstesten Studien. Heute auf feurigem Rosse dem Hirsche nachjagend, gleich einem englischen Sportsman über Hecken und Gräben setzend, saß er morgen anhaltend über belehrenden Büchern und sammelte sich Schätze des Wissens. Sein philosophischer Geist kam bald zu der Einsicht, daß der Stand des Menschen an sich nichts sei, als ein günstiger oder ungünstiger Zufall. Er fühlte, daß der Mensch allein geadelt werden könne durch höhere Bildung. Daraus entstand zunächst eine gründliche Verachtung aller Hofetikette. Die „spanischen Stiefeln“ nannte er sie, in die er nicht kriechen wolle. Daher die Einfachheit und Ungezwungenheit seines ganzen Wesens und Behabens. „Ich habe mit ihm gesprochen wie mit einem Menschen,“ erzählte ein Bürger treuherzig, als er von ihm kam, und der sonderbare Ausdruck sagt nicht uneben, wie Karl August schon damals seinem Völkchen erschien. Das war aber zu jener Zeit eine ungewohnte Erscheinung. Die Höfe bis zu den kleinsten herab spielten alle noch Ludwig XIV. Auch Weimar war ein kleines Versailles.

Außer den höhern Hofchargen krabbelten Mohren, Haiducken, Laufer, Jäger, Husaren, Pagen u. s. w. in buntem Gewirr durch die Vorzimmer. Karl August nannte sie „die Hofmenagerie.“ Er ließ sie aus Pietät für seine Mutter, später für seine Gemahlin, fortvegetiren, nahm aber selbst keine Notiz von dem Zeug. Zu Pferde, einen Reitknecht hinter sich, oder auf einer kleinen Droschke mit einem Lakai auf dem Hintersitz, in derselben einfachen Kleidung, wie wir ihn hier auf dem Bilde sehen, und nie ohne die Cigarre im Munde ritt oder fuhr er aus oder machte er größere Reisen.

Die Art, wie Karl August mit Goethe bekannt geworden, kennzeichnet sein Wesen besonders.

Wieland war der Erste, der unter Amalien’s Regierung den Reigen der großen Geister eröffnete, der später das kleine Weimar so groß machte. Man war mit Recht stolz auf seinen Besitz und er war das gehätschelte Schooßkind des Hofes und der Stadt.

Da flatterte von dem bekannten frechen Blatt: „Götter, Helden und Wieland“ auch ein Exemplar nach Weimar. Wieland’s Alceste wurde darin mit beißendem Spott gegeißelt. Wäre das Ding ein bloßes Pasquill gewesen, man hätte es verziehen. Bosheit ohne Geist verletzt nicht. Aber es waren Lessing’sche Schläge darin, Gründe, die wie spitze Dolche in das Bewußtsein fuhren; man konnte die Wahrheit nicht wegläugnen, und das schmerzte. Alles was von Bildung in Weimar lebte, war auf’s Aeußerste empört über den unerwarteten Blitz, der auf das ruhmgekrönte Haupt des verehrten Dichters geschleudert worden. – Wer ist der Verfasser? fragte man erbittert überall. Ein junger Mensch, in Frankfurt am Main lebend, bekam man endlich heraus. Goethe [5] soll er heißen. Aus gutem Hause, aber ein Nichtsnutz, der beschäftigungslos herumvagirt.

Auf Einen nur hatte das Schriftchen anders gewirkt, auf Karl August. Nicht daß er sich über den rücksichtslosen Angriff auf den von ihm hochverehrten Dichter und Lehrer gefreut hätte, aber er erkannte in dem jungen Mann einen kühnen, scharfen, vorurtheilslosen Geist, von dem Bedeutendes zu erwarten. Nach einem solchen sehnte er sich. Die Reise nach Darmstadt zu seiner hohen Braut führte Karl August über Frankfurt. Knebel, der nebst dem jüngern Prinzen Konstantin den Herzog begleitete, wurde zu dem jungen Bären geschickt, um ihn zu einer Unterredung nach Mainz einzuladen.

Die Gartenlaube (1854) b 005.jpg

Der alte Herr.

Man weiß von Goethe selbst, daß seine Freunde und namentlich sein Vater, ihn vor dieser Zusammenkunft warnten; man fürchtete irgend eine Demüthigung für den Angriff auf Wieland. Aber Goethe ließ sich nicht abhalten. Die Zusammenkunft fand Statt, und von diesem Momente datirt sich jenes seltene Verhältniß zwischen einem Fürsten und einem Bürgerlichen, jene Freundschaft, die ein ganzes Menschenalter hindurch bestand, und auf die Bildung der Nation so heilsamen Einfluß übte. Viel in geistiger Hinsicht hat Karl August Goethe zu verdanken, mehr vielleicht ist Goethe und die Welt Karl August schuldig geworden.

Karl August hob durch und mit Goethe den ganzen Gelehrten-Stand, und verschaffte ihm durch seine Anerkennung eine bis [6] dahin in Deutschland unerhörte Schätzung. Ein Fürst wählte einen Bürgerlichen, seines Geistes wegen zu seinem vorzüglichsten Umgange, er schloß ein inniges Freundschaftsbündniß mit ihm auf Du und Du, er verlieh ihm Aemter und Würden bis zum Minister hinauf und verschaffte ihm endlich den Adel. Was er dem Einen erzeugte, das warf seine Glorie auf den ganzen Stand, er hob das Vertrauen begabter Geister, eröffnete ihnen ungewöhnliche Aussichten und trieb sie an, durch edles Bemühen, sich solcher Schätzung würdig zu zeigen. Die Secte der liederlichen Genie’s unter den Künstlern, Dichtern und Gelehrten ging freilich nicht aus, so wenig wie das Unkraut je von der Erde verschwinden wird, aber man betrachtete ihre Verderbniß nicht mehr als eine von dem Genie unzertrennliche Eigenschaft, man machte Unterschiede zwischen ordentlichen und unordentlichen Geistern der Art, man achtete die Einen, und verachtete die Andern, und Jedem geschah sein Recht.

Als Goethe in Weimar ankam, begann ein seltsames Treiben. Bald stürzten sich die beiden jungen Titanen rücksichtslos in die wildesten Strudel materieller Genüsse, schweiften Tage und Nächte zu Pferde im Lande herum, trieben auf den Rittergütern der Edelleute die tollsten Streiche, nicht fragend, ob des Sommers Hochsonne auf sie sengend herabbrannte, oder kalte Herbstschauer und Aequinoctialstürme sie umtobten, oder zur Winterzeit ihnen der Hauch vor dem Munde zu Eis gefror. – Dann wieder lebten sie eine Zeit lang wie griechische Weltweise, saßen Tage und Nächte hindurch in traulichen Gesprächen, und brüteten gemeinschaftlich über den schwersten Problemen. Sie konnten es so treiben, denn sie hatten Leiber von Eisen und Geister, die einer ungeheuern Ausdauer fähig waren. Karl August gewöhnte sich so an Goethe, daß ihm, wo er nicht war, ein Theil seines Selbst fehlte. Auf dem Zimmer, im Walde, auf der Jagd, im Krieg, auf Reisen, überall wollte er ihn um sich haben; Goethe erwiederte die Anhänglichkeit und folgte seinem fürstlichen Freunde mit Lust. Das gab nun freilich für Hof und Stadt großen Scandal. Die adeligen Herren erbosten sich über den frechen Frankfurter, der ganz ungenirt mit ihnen umging, denn Goethe war gegen diese Art, wo er ihre Abneigung bemerkte, rücksichtslos stolz. Er hielt einen Frankfurter Republikaner und Patriziersohn um keinen Deut geringer, als einen Thüringer Adeligen, ohne seine Geistesüberlegenheit dabei in Anschlag zu bringen, und er gab sich gar keine Mühe, seine Ansichten diplomatisch zu verhüllen. Dem Herzog war das Recht. Einen solchen Menschen wollte er, einen, von dem er ungeheuchelte Freundschaft und die größte Freimüthigkeit zu erwarten hatte und erhielt.

Mit den zunehmenden Jahren legte sich der etwas zu geniale Sturmdrang Beider, und nun trat in voller Abklärung, wie die Sonne aus verhüllendem Gewölke, was die Natur, oder der Weltgeist mit Karl August beabsichtigt hatte. Er wurde, was damals nur wie Hohn gegen das Volk klang, im vollsten Sinne des Worts: ein Landesvater. Seine ungemeine geistige Sorgsamkeit, die schwellende Fülle seiner Gedanken, die rein menschliche Gesinnung, die wahre ungeheuchelte Menschenliebe, der stählerne Character traten völlig ausgebildet hervor, er war fertig „Eine Fürstenseele, so wie ich nie eine sah,“ schreibt Dalberg an einen Freund.

Karl August, der erste Fürst in Deutschland, welcher seinem Volke und zwar freiwillig eine Constitution verlieh, und sie ehrlich hielt, war selbstständig durchaus, er prüfte, untersuchte, leitete Alles selbst, wie ein tüchtiger Fabrikherr, der sein ausgebreitetes Geschäft selbst dirigirt. Er vermochte das trotz der mancherlei Abhaltungen, Jagden, Reisen, Feldzüge, zu denen ihn Neigung und Pflicht riefen, denn er konnte es nachholen durch anhaltendes Arbeiten, und begünstigt durch die Schnelligkeit seines Geistes, womit er die verschiedensten Dinge übersah, begriff und beurtheilte.

Landeskultur, Gewerbe, Ackerbau, Künste, Wissenschaften, Militair, Justiz, Polizei, Volksunterricht u. s. w., alles wußte er in’s Auge zu fassen, über alles ließ er sich vortragen, urtheilte darüber, entschied und wachte, daß seine Entscheidungen auch richtig und vollständig ausgeführt wurden, daß keine Eigenmächtigkeit, keine Ungerechtigkeit der Subalternen sich einschlich. Nichts, was auf Menschenwohl und Fortschritt der Menschheit zur Humanität in materieller und geistiger Hinsicht Einfluß äußern konnte, ließ Karl August ohne lebhaftes Interesse. Und nichts, was speciell in beiden Punkten seinem Volke zum Vortheil gereichen konnte, ließ er außer Acht. So weit es seine Mittel zuließen, rief er es gewiß in’s Leben.

Daß seine Befehle in ihrer ganzen Tragweite prompt ausgeführt wurden, wußte er auf seine eigenthümliche Weise wohl zu erfahren. Nicht mit Gefolge und im besternten Fracke, sondern allein und ohne vorherige Anmeldung besuchte er einzelne Bürger und Handwerker seiner Residenz, von derem hellen Verstand und Wahrheitsliebe er sich überzeugt hatte. Eine Cigarre rauchend und gemüthlich mit ihnen plaudernd, frug er diese dabei aus über die nächsten Bedürfnisse des Volkes, besprach mit ihnen die neuesten Bestrebungen auf dem Gebiete der Oekonomie und Maschinenkunde, forschte nach dem Benehmen dieses und jenes Beamten und ging auf alle Verhältnisse des bürgerlichen Lebens wie ein alter Freund ein. Diese Männer hatten dann jeder Zeit freien Zutritt im Schloß und zwar im gewöhnlichen Anzuge, nicht in der vorgeschriebenen Audienzkleidung: schwarzem Frack und weißen Handschuhen. Wurde in der Nähe von Weimar eine Jagd abgehalten, so wurden diese seine bürgerlichen Freunde zum großen Verdruß manches Hofherrn ebenfalls eingeladen und dann trank er, wenn der Wind recht eisig pfiff, oft mit ihnen aus einer Flasche.

Einer seiner Lieblinge war der Bäckermeister Christian Rückolt, ein sehr verständiger, praktischer und erfahrener Kopf, ein offener und ehrlicher Charakter, der mit seiner Meinung niemals hinterm Berge hielt. Auch dem Großherzog gegenüber genirte er sich nicht, und was ihm nicht gefiel, sagte er ihm offen und ohne Hehl. „Königliche Hoheit,“ sagte er dann in seinem ächt weimarischen Idiom, „das is nischt; das hat irgend so ein Dummkopp ausgeheckt, der nischt versteht,“ und wenn er dann durch Gründe den alten Herrn überzeugt hatte, nickte dieser gewöhnlich freundlich und meinte, Abschied nehmend: „Gott – Rückolt, Ihr habt Recht!“

Das Volk wußte es auch recht wohl, daß seinem Fürsten der ärmste Bauer so viel werth war, wie der reichste Edelmann im Lande und deshalb liebte und verehrte es ihn, trotzdem er dann und wann etwas leicht mit dem Gelde umging, wenn es galt, Kunst und Wissenschaft zu unterstützen. Noch mehr aber ward er von der deutschen akademischen Jugend geliebt. Es ist bekannt, daß ihn die damalige Demagogie zum deutschen Kaiser ausersehen, als den Würdigsten von Allen. Wenn auch der alte Herr darüber lachte, so blieb er doch stets nachsichtig gegen alle ihre Streiche, wenn sie aus nichts als jugendlichem Uebermuthe entsprungen. „Hab ich doch in meiner Jugend selbst tolle Streiche genug gemacht und bin nicht besser gewesen,“ äußerte er einmal, als man ihn bei einem gewissen Falle zur strengen Ahndung veranlassen wollte. Eben so mild benahm er sich bei den demagogischen Geschichten in den 20ger Jahren. Es wurde ihm von den auswärtigen Höfen arg zugesetzt. Aber er ließ durchschlüpfen, wo es immer möglich war. Das wußten die Bursche, und doch ließen sie ihn leben in ihren Commercen.

Eines Tages stößt ein alter Jäger in dem Lichtenhainer Forste auf einen Jenaer Studenten, der mit Jagdtasche und Büchse frisch und fröhlich dem edlen Waidwerke nachgeht. Auf die Frage: „was er hier mache?“ giebt er die lakonische Antwort: „Ich jage.“ „Und wer seid Ihr?“ poltert der Alte barsch. „Ich bin der Herzog von Lichtenhain,“ antwortet der Student mit einer hohen Miene (bekanntlich wird der Präses bei den Jenaer Studentencommercen Herzog von Lichtenhain titulirt) und geht gravitätisch von dannen, während der alte Mann ihm verdutzt nachschaut. Kopfschüttelnd geht er nach Hause, setzt einen Bericht über den Vorfall auf, und sendet ihn nach Weimar mit der Bemerkung, daß er einen Herzog von Lichtenhain nicht kenne. Die Sache wird dem Herzog vorgetragen. Dieser lachte, daß ihm die Thränen von den Backen fielen und ließ später dem alten Förster antworten: „Serenissimus wisse allerdings, daß in Jena Herzöge von Lichtenhain residirten, ihre Herrschaften aber lägen nicht in seinem Lande. Es solle zwar dem jetzigen die Jagd auf weimarischem Gebiete für diesmal nachgesehen werden, doch sei dem Herrn zu eröffnen, daß, wenn er inskünftige wieder Lust zum edlen Waidwerke verspürte, er es in höchst seinen eignen Wäldern treiben sollte, widrigenfalls das Carcer ihm sicher sein werde.“ – Man kann denken, welches Gaudium dieses Rescript den Studenten machte.

(Schluß folgt.)
[7]
Lebens- und Verkehrsbilder aus London.
Von Heinrich Beta in London.


Was die Schaufenster sind. – Folgen der Schlacht von Waterloo. – Blücher’s Urtheil über London. – Heller Tag bei Nacht. – Ein Prachtladen. – Vor funfzig Jahren und jetzt. – Die Kosten eines Gewölbes und das Budget eines deutschen Fürstenthums. – Gaunerei in Läden. Die Schattenseiten eines freien Handels und Wandels.

Schaufenster und Läden sind Titelblätter und Inhaltsverzeichnisse einer ganzen Cultur. In London, wo die Blüthen und Früchte der Cultur aller Nationen der Erde am Dichtesten zusammenströmen, vertreten sie, wie eine immerwährende, erweiterte Ausstellung die höchste Gesammt-Civilisation der Erde. Man braucht nicht in Bibliotheken und Museen diese Bücher durchzustudiren, nicht Reisen um die Erde zu machen, um die Welt kennen zu lernen und Weisheit zu sammeln; wer diese offenen Bücher in verständlicher Sprache und redenden Bildern zu lesen und sehen versteht, weiß bald in der ganzen Welt Bescheid. Welche Wunder des Fleißes und der Geschicklichkeit, der Entdeckung und Erfindung, der Kunst und Wissenschaft, des Wohlstandes und Reichthums, des Muthes und der Kühnheit, der Arbeit und Ausdauer, von Gefahren und Erfolgen. Was auch die Kunst Rühmliches, die Wissenschaft Stolzes schuf, das Schaufenster stellt es offen hin vor alle Welt. Im Schaufenster zu prangen, ist die höchste Spitze des Ruhms und des Lohnes, den ein Unternehmen, ein Verdienst erreichen kann. Für das Schaufenster, für den Ladenbesitzer pflügt das Schiff des Meeres den Ocean und „das Schiff der Wüste“, das Kameel die Sandmeere Afrika’s; für das Schaufenster steigt die Wissenschaft über die Wolken und die Industrie in die Schachten; der indische Taucher holt ihm Perlen aus dem Meeresgrunde und der Mexikaner Erze aus ungeheuren Klüften; für den Ladenbesitzer ächzt und kämpft die Dampfmaschine athemlos über Fluthen und Gebirge, für ihn ist der Blitz des Zeus Briefträger und die Sonne des Himmels Lithograph geworden. Das Schaufenster und der Laden zeigen allen Ständen und Klassen, ohne Ansehen der Person, in der gefälligsten, verständlichsten Form, was die einzelnen Arbeitsklassen, was eine Nation, was die Welt werth ist, was sie gethan hat, thut, will und kann, um es der Menschheit bequem, angenehm und „comfortable“ auf der Erde zu machen. Sie zeigen mit einem Blicke, auf einem einzigen Spaziergange, wie weit es der Mensch in Ueberwindung der Natur, in Vergeistigung, Veredelung und Schönheit ihrer rohen Kräfte und Materialien gebracht hat.

Die Engländer waren von jeher am Liebsten Handelsleute und Krämer, doch erst der neuern und neuesten Zeit, welche Waaren, Geschmack und Geschick vom Continente dazu herüberschaffte, blieb es vorbehalten, eine ganz neue Wissenschaft und Kunst des Ladenhandels auszubilden. Das neue Laden-London entstand erst nach der Schlacht bei Waterloo, nach Erfindung der Gasbeleuchtung und der Spiegelscheiben und mit dem Fortschreiten auf der Bahn des Freihandels. Die deutschen und französischen Kunst-Industrie-Schöpfungen findet man am Schönsten und Massenhaftesten in London. Von ihnen lernten die Engländer Geschmack, mit ihnen machten sie Geld genug, um ihnen geschmackvolle, prächtige Tempel zu bauen.

Wer Cheapside, Strand, Oxfort- oder Regentstreet seit 30 Jahren heute wieder zum ersten Male sähe, würde keinen einzigen Vergleichspunkt mehr herausfinden. Man stelle den Vergleich bei „Lichte“ an. Damals schmuzige, löcherige, lebens- und taschengefährliche Straßen, aus deren spärlichen, schmuzigen Schaufenstern einige kurzsichtige Oellampen oder Talglichter sich vergebens anstrengten, nur die Finsterniß etwas sichtbar zu machen; die Ladenthür geschlossen und nur vorsichtig auf besonderes Klingeln geöffnet. Alles todt und trübe, nur Leben in den knarrenden, quiekenden Ungeheuern von Schilden und Symbolen, die im Winde oben geisterhaft auf das trübe Licht herabdrohten. So sah’s noch aus in dem Jahre, als bei Waterloo gefochten ward, so sah es Blücher, der beim ersten Anblick London’s ausrief,: „Jott, wat eene prächtige Stadt vor’s Plündern!“

Und jetzt? Jetzt verkündet die sinkende Sonne den anbrechenden Tag. Solch ein Licht, wie die Gasflammen der großen Klein-Industrie bis in die engsten Straßenwinkel verbreiten, gelingt der Sonne in London nicht am heitersten Sommertage. Breite, fließende Ströme des Lichts lodern oft hundertweise in den engsten Straßen und züngeln und flimmern um solche Massen aufgebauter und aufgeschichteter Vorräthe aller möglichen Art und Abkunft herum, daß man glaubt, selbst London könne dies nicht Alles vertilgen. Nur eine große unsichtbare Krystall-Wand trennt den barfüßigen, zerlumpten Kreuzfeger, der die Straßenübergänge kehrt, von den kostbarsten Schätzen dahinter, und er würde sich wenigstens die Nase an den Spiegelscheiben platt drücken, wenn nicht massive Metall-Barren ihm ein ehrerbietiges Halt zuriefen.

In Fleetstreet ist jetzt ein Rahmen- und Spiegelladen vollendet worden, dessen zwei untere Stockwerke von Spiegelscheiben bestehen, welche je nur Eine Scheibe bilden. Gehen wir in einen dieser Prachtläden, so sieht man nach Oben und in der Perspektive oft kein Ende. Ueber den Galerien oben wölben sich Himmelslichter (Fenster im Dache oben) und an den Zahltischen hin haben wir schon 80 Diener auf einmal beschäftigt gesehen. In Tottenham Court Road sind in einem Schnittwaarengeschäfte über 200 Diener beschäftigt. Am Eingange empfängt uns ein Ceremonienmeister mit weißem Halstuche und ganz neuen Handschuhen und führt uns in dem Labyrinthe von Waaren just zu dem Orte, wo wir für 1 Schilling 6 C. oder 2 Schilling 101/2 C. ein Paar Handschuhe und das Kupfer in einem eleganten Enveloppe zurück bekommen, damit wir unsere Finger nicht durch Berührung des gemeinen Metalles zu entweihen brauchen. Auf dem Wege in diesem Laden treten wir geisterhaft, ungehört auf die weiche, bunte Wiese eines Teppichs, dessen zarte Halme bei jedem Tritte einsinken, wie junges Gras, und unser eigenes Bild begleitet uns oft von beiden Seiten und wundert sich aus den großen Spiegeln heraus über unsere Thorheit, daß wir hier beim Kauf von ein Paar Handschuhen alle diese Pracht mit bezahlen helfen. Warum gehen wir nicht in eine, oft dicht angrenzende, wohlfeile Gegend? Wir können’s, nur der Mann und die Frau und die Tochter der hohen Gesellschaft, welche mit Pferden und gepuderten Dienern vorfahren, können und dürfen es nicht und wollen es nicht: sie wollen den Vorzug haben, den doppelten Preis für Alles zu zahlen, um selbst im öffentlichen Laden mit keinem Menschen ohne Geburt und Geld zusammen zu treffen.

Noch vor 50 Jahren waren die meisten Läden kleine, gemüthliche Kramläden, die ihren Mann ernährten und beschäftigten und nicht mehr, und dabei betrug die Zahl derselben kaum den vierten Theil. Jetzt sind viele in Regent-, Oxford-, Fleetstreet, St. Paul Church Yard u. s. w. jeder eine Welt, eine kleine Stadt für sich. Mancher einzige Laden ernährt 100 Familien in ihren eigenen Häusern draußen vor der Stadt, von wo die Diener Morgens hereingefahren kommen. Ein einziger Theeladen in Ludgatehill schickt alle Morgen 20 beladene Wagen hinweg, lauter Pfunde, Viertelpfunde, sogar Lothe, die den Kunden alle einzeln vor’s Haus gefahren und fein gepackt überliefert werden. Manch einzelner Laden füllt 5 – 6 Häuser neben und hinter einander und der Eigenthümer hat noch andere Geschäfte in andern Stadttheilen und 50 – 60 – 100 in andern Städten Englands. Solcher Gliederungen einzelner Detailgeschäfte durch das ganze Land, oft mit Filialen in den Colonien und in Amerika oder China giebt’s in großer Menge. Ein Laden in Lombardstreet mit lauter chinesischen Artikeln beschäftigt in Kanton Hunderte von Menschen für seine alleinige Rechnung. Der Unterschied zwischen Engros- und Detailgeschäft, einst so scharf geschieden und durch besondere Gesetze getrennt gehalten, verschwindet in diesen Tagen mit zunehmender Geschwindigkeit. Schon die große Firma „Dombey und Sohn“ vereinigte Beides. Eben so übermächtigen die großen Detailgeschäfte zusehends die Reste kleiner Kramläden, die mit eigenem Fleiße und Capitale sich zu nähren suchen. Das mächtige Capital tritt auch hier immer gewaltiger in Association auf, und Beschaffung von Rohmaterialen, drei- bis zehnfache Veredelung und Verarbeitung derselben und deren Verkauf [8] im Ganzen und Einzelnen wird oft von einer einzigen Capitalisten-Gesellschaft betrieben. Die Brauer von London lassen Dreiviertel der Bierlokale auf eigne Rechnung betreiben, außerdem gehört ihnen schon eine ganz große Zeitung, der Morning-Advertiser.

Diese monopolisirende Macht des associirten Capitals erklärt zum großen Theile das Zusammensinken der vielen Mittelleute und deren massenhafte Auswanderung, eben so das gewaltige Fieber der Arbeitseinstellungen. Es ist ein Bürgerkrieg des Arbeits-Capitals mit dem associirten und monopolisirten des Geldes und Credites.

Gegen die vereinigte Macht des Detail- und Engros-Geschäfts giebt es keine Macht mehr, weil sich in ihnen der Gewinn beider Geschäftsarten ohne Mittelspersonen vereinigt. Dem Käufer kommt dies einstweilen zu Gute, denn er hat blos einen Profit zu zahlen. Freilich, wenn sich das Monopol erst seiner bewußt wird, schröpft es die Leute in der Regel um so ärger. Dabei ist die Ladenmiethe mit jedem Jahre so bedeutend gestiegen, daß der Käufer mit jedem Schritte in ein solches Geschäft bedeutend dazu beitragen muß. Mancher Laden in London kostet mehr, als das ganze Budget eines deutschen Fürstenthums austrägt. Er kostet täglich mehr, als den ganzen Jahrgehalt eines gut situirten Schulmeisters. Um in einen guten Laden nur hineinzukommen, sind schon 2000 Pfund oder 14000 Thaler bezahlt worden. Ich denke hier an ein ganz bestimmtes Beispiel: es war ein bloßer Bilderladen. Aber bei aller Theurung und den massenhaften Abgaben, die auf Häusern und Läden liegen, steigt doch der Begehr und Preis letzterer seit 20 Jahren ununterbrochen fort, weil die Vortheile vielleicht noch im höhern Grade steigen, als der Preis und die darauf ruhenden Kosten – denn der Londoner Ladenbesitzer wohnt nicht nur mitten unter 21/2 Millionen Menschen, die alle gern kaufen, sondern auch in der Stadt, wo für alle Welt gekauft und gearbeitet wird und die ganze Aristokratie Englands mit ihren Millionen alle Jahre 5–6 Monate wohnt und halb England zu Wasser und zu Lande herbeieilt, um hier einzukaufen. So strömt ein ununterbrochener Fluß baaren Geldes stets über seinen Zahltisch: er giebt und bekommt keinen Credit. In der Provinz hat der Ladenbesitzer bestimmte Kunden, die bald Credit verlangen und haben müssen und von denen alle Jahre so und so viel durchgehen. Das kennt man in Londoner Läden nicht. Immer mit einer Hand das Geld, mit der andern die Waare. Blos Bäcker, Fleischer und Schneider geben gut situirten Familien Credit, außerdem die großen Detail-Geschäfte für die Aristokratie in Regent- und New-Bondstreet u. s. w., welche warten müssen, bis es dem Lord oder der Lady einfällt, nach der Rechnung zu fragen. Auf die geringste Mahnung würde die ganze „Klike“ wegbleiben. Wer’s da aushalten kann, ist in 7–10 Jahren ein gemachter Mann. Die kleineren Capitalisten gehen dabei natürlich zu Grunde. Oft hat schon Dieser und Jener einen Schein-Bankerott gemacht und seine schweren Aristokratie-Rechnungen einem Freunde zum Einkassieren übergeben, um selbst nicht zu mahnen.

Im Ganzen strömen aber immer fremde Leute in den Läden aus und ein, die stets baar bezahlen.

Mit der Wohlthat, keine Kunden, also auch keine schlechten auf Rechnung, sondern immer mit Fremden gegen baar zu thun zu haben, hängt freilich auch ein nicht unbedeutender Uebelstand zusammen. Es bilden sich in verschiedenen Hauptverkehrsstraßen Banden von Gaunern mit Läden, in denen nach den Anzeigen in den Zeitungen ganz besondere, unerhörte, kostbare Dinge, besonders für das schöne Geschlecht, zu haben sind. Eva’s Geschlecht ist neugierig. So nimmt manche Lady ihren Muff und ihren Hut und sucht den Laden auf. Hier wird ihr auf die mannichfaltigste Weise das Geld abgeschwindelt, wenn sie nicht gradezu beraubt wird. Wälder giebt’s nicht mehr für Räuber; so setzen sie sich in Läden oder wohl gar in große Kutschen und treiben ihr Geschäft unter gebildeten Menschen, oft in den besten Zirkeln. Ich kann hier die Gaunereien in und mit Läden nicht detailiren. Deren Art und Geschäft ist Legion. Nur der Curiosität wegen, daß sich unlängst ein Laden blos damit abgab, den Damen, die als Kunden herbeikamen, die Muffs wegzunehmen und sie in’s Schaufenster zum wohlfeilen Verkauf auszuhängen. Solche Gaunerstreiche passiren natürlich immer unter vier Augen. Das Gesetz kann ihnen nicht beikommen. Und wenn sie an einem Ende der Stadt entlarvt sind, setzen sie sich am andern Ende unter anderm Namen und so fort. London besteht aus 30–40 Städten. Sie werden reich, ehe sie überall entlarvt sind. Die verschienen Klassen der Gesellschaft stehen nicht in der geringsten Verbindung, so daß, wenn 100 Leute in der Tausendpfundklasse betrogen sind, noch alle Hundert in der Funfzehnhundertschicht übrig bleiben. Das Pfennig- und Gimpel-Fang-System hat hier auch bessere Gimpel und Gelegenheiten, als in den Hauptstädten anderer großen Länder. Die einzelnen abgeschlossenen Kasten Englands sind im Ganzen viel bornirter, als die mehr durcheinander fließenden Gesellschaften in Paris oder Berlin. Die Massen sind dabei fabelhaft leicht- und abergläubisch. Ein Mann, der einmal ankündigte, wer ihm 5 Schillinge einschicke, könne sich dadurch eine Leibrente von 100 Pfund sichern, bekam von der Post in Geld-Aufträgen über 800 Pfund ausgezahlt, wie wenigstens in den Hansehold-words versichert wird.

Das sind die Schattenseiten eines großen, freien, uncontrollirten Handels und Wandels. Unter strenger polizeilicher und gewerberäthlicher Aufsicht würde vielleicht die Gaunerei nicht so großartig betrieben werden, dann aber auch nicht Industrie, Handel und Wandel. Gegen Betrug kann und muß sich Jeder selbst schützen. „Niemand wird betrogen, Jeder betrügt sich selbst.“ Die Betrogenen sind Schuld, daß es Betrüger giebt. Vor den Folgen der Beschränkung, des Zwanges, der Gewerbegesetze kann sich Niemand schützen; deshalb haben sich die Engländer alle diese väterliche Fürsorge vom Halse geschafft und sind dadurch die Kassirer, Wechsler, Schiffer, Käufer und Verkäufer der ganzen civilisirten Erde geworden. Kein Volk hat solche Titelblätter und Inhaltsverzeichnisse, keins solchen Inhalt.




Gesundheits-Regeln.
Das Herz und sein Herzeleid.

Herz! mein Herz! was soll dein Schlagen? Was Dir frommt, das will Dir’s sagen. Denn dem Herzen, als dem Mittelpunkte des Lebens, wird mit Hülfe einer Menge von elektrischen Telegraphen (d. s. Nerven) Alles mitgetheilt, was im Körper und Geiste des Menschen Gutes oder Böses vorgeht und durch Klopfen giebt dann das Herz zu erkennen, daß es die Mittheilung in Empfang genommen. Mit dem letzten Herzschlage hört auch alles Thun und Treiben im Körper auf, und durch die Steigerung in der Dauer, Heftigkeit und Häufigkeit des Klopfens kündigt sich der Grad der natürlichen oder widernatürlichen Anregung irgend eines Körpertheiles an. Legt man das Ohr da an die Brust, wo der Herzschlag zu fühlen ist, so hört man, ob im Innern des Herzens die verschiedenen Kammern gehörig aufgethan und geschlossen werden. Denn 4 Kammern oder Höhlen (c. e. h. k.) besitzt das fleischige Herz (s. Gartenlaube No. 9 v. J.), von denen die beiden obern, dünnwandigen und mit einem blinden Anhange (Herzohr n. o.) versehenen, die rechte und linke Vorkammer (c. h. ) heißen, während die beiden untern, welche sehr dicke, muskulöse Wände besitzen, rechte und linke Herzkammer (e. k.) genannt werden. Die Vorkammern sind die Sammlungsapparate und Zubringer des Blutes für die Herzkammern, diese letzteren treiben dann vermöge ihrer kräftigen Zusammenziehung das Blut in die großen Pulsadern, und zwar wird dasselbe durch die rechte Herzkammer in die Lungenschlagader (f.), durch die linke Herzkammer in die große Körperpulsader (l.) getrieben. Bei der gleichzeitigen Zusammenziehung beider Herzkammern drängt sich das kürzer und kugliger werdende Herz stärker gegen die Brustwand an und dies bewirkt den Herzschlag, Herzstoß, Herzpuls oder das Herzpochen.

Verfolgen wir den Lauf des Blutes durch das Herz, [9] so nimmt derselbe folgenden Weg: das Blut, welches die Ernährung des Körpers besorgt hatte und dabei schlechter, dunkler, besonders reicher an Kohlensäure und Wasser geworden war, kehrt aus den Haargefäßen aller Körpertheile durch die Blutadern zum Herz zurück und ergießt sich hier aus der obern (a) und untern (b) Hohlader in die rechte Vorkammer (c), tritt sodann aus dieser durch eine längliche Oeffnung (die rechte Vorhof-Herzkammermündung (d) herab in die rechte Herzkammer (e) und wird von letzterer durch die Lungenpulsader (f) in die Lunge geschafft, wo es sich eines Theiles seiner Kohlensäure und seines Wassers entledigt (Stoffe, die wir deshalb fortwährend ausathmen müssen), dafür aber Sauerstoff (Lebensluft) aus der eingeathmeten atmosphärischen Luft aufnimmt. Auf diese Weise wird das Blut in den Lungen gereinigt (s. Gartenlaube Nr. 16 v. J.) und aus dunkelrothem in hellrothes umgewandelt. Dieses verbesserte Blut kehrt nun aus der Lunge zum Herzen zurück und zwar zur linken Hälfte desselben, fließt durch die 4 Lungenblutadern (g) in die linke Vorkammer (h) ein, aus dieser durch die linke Vorhof-Herzkammermündung (i) herab in die linke Herzkammer (k) und wird von letzterer in die große Körperschlagader (Aorta l) getrieben, um durch die Verzweigungen dieser den Haargefäßen aller Theile des Körpers zugeführt zu werden, von wo dann wieder der Rücklauf des Blutes zum Herzen beginnt. – Damit nun der Blutlauf durch das Herz stets in der gehörigen Ordnung und Richtung vor sich gehen kann, muß ebensowohl die Oeffnung, welche aus einer Vorkammer in die Herzkammer, (die Vorhof-Herzkammermündung d. i.) als auch die, welche aus einer Herzkammer in die Pulsader führt, (diese Oeffnungen müssen ferner aber auch durch Vorrichtungen, welche man Klappen (d. f. i. m.) nennt, hinreichend verschlossen werden können, um das Rückwärtsfließen des Blutes (z. B. aus einer Herzkammer in die Vorkammer, aus einer Pulsader in die Herzkammer) zu verhindern. Leider finden sich nicht selten entweder diese Oeffnungen im Herzen widernatürlich verengt, oder die Klappen zum Schließen der Oeffnungen unfähig. Solche krankhafte Zustände, die sich fast stets durch widernatürliches Herzpochen andeuten, bezeichnet man als organische Herzkrankheiten oder Herzfehler; sie sind unheilbar. Das was man im Herzen hört, wenn man dasselbe behorcht, sind 4 Töne (2 rechts und 2 links), welche hinter einander durch das Anprallen des Blutes an die geschlossenen Klappen, zuerst an die Klappe der Vorhofs-Herzkammermündung und dann an die der Pulsadermündungen erzeugt werden. Anstatt dieser Töne, von denen der erste (welcher gleichzeitig mit dem Herzschlage wahrgenommen wird) länger als der zweite ist, hört man blasende, kratzende, knarrende oder schnurrende Geräusche, sobald eine der Klappen nicht gehörig mehr schließt, oder eine der Oeffnungen zu eng wird. Deshalb ist auch der Arzt im Stande, aber freilich nur wenn er das Behorchen der Brust ordentlich versteht, die einzelnen Herzkrankheiten mit ziemlicher Sicherheit zu erkennen, und hat er sie erkannt, dem Patienten wenn auch keine Heilung doch Linderung zu schaffen und einen Rath zu geben, welcher die Verschlimmerung des Uebels und den Tod weiter hinausrückt.

Der Herzschlag, welcher auch die Ursache des Pulses der Schlagadern ist und bei gesunden Erwachsenen gegen 70 bis 75 mal in einer Minute erfolgt, wird zunächst zwar vom Fleische des Herzens veranlaßt, aber dieses muß immer erst durch die Herznerven zur Zusammenziehung angeregt werden. Diese Letzteren wurzeln nun im Gehirn und im Rückenmarke und stehen hier mit allen übrigen Nerven des Körpers in mehr oder weniger genauem Zusammenhange, so daß jede stärkere Reizung eines Nerven, an was immer für einer Stelle des Körpers und aus was immer für einer Ursache, sich im Gehirn oder Rückenmarke den Herznerven mittheilen und stärkeres und beschleunigtes Herzklopfen veranlassen kann. So ist das Fieber (aber nicht etwa das kalte Fieber), was sich eben durch ein, längere Zeit anhaltendes und häufigeres Klopfen des Herzens und der Pulsadern zu erkennen giebt, nichts als eine krankhafte Erscheinung, die einer großen Anzahl der verschiedenartigsten Krankheiten zukommen kann und dem Arzte blos andeutet, daß irgendwo im Körper irgend ein Leiden seinen Sitz aufgeschlagen hat. Nur wenn ein stärkeres und häufigeres Herzklopfen gar nicht wieder verschwinden will oder sofort bei körperlichen und gemüthlichen Bewegungen in bedeutenderem Grade eintritt, ist die Furcht vor einem Herzfehler gegründet. Daß man fast alle guten und schlechten Leidenschaften in das Herz anstatt in das Gehirn, wo sie doch ihren Ursprung haben, verlegt und daß man deshalb von einem guten und bösen, traurigen und liebenden, muthigen und furchtsamen Herzen spricht, kommt daher weil alle Leidenschaften vom Gehirn aus durch die von hier zum Herzen führenden Nerven deutlicher wahrnehmbares Herzklopfen veranlassen. Uebrigens erzeugen auch starke und anhaltende körperliche Anstrengungen, vorzugsweise mit den Armen, sowie Spirituosa, ein stärkeres Herzklopfen. Kurz, jedes starke Herzpochen deutet an, daß im Körper nicht Alles in Ruhe und Ordnung ist. Recht leicht kann aber die stärkere und häufigere Zusammenziehung des Herzens, welche eben das Klopfen veranlaßt, eine Unordnung im Blutlaufe nach sich ziehen und die Ursache zu Entzündungen, Blutungen, Schlagfluß u. s. w. werden.

Das von vorn geöffnete Herz.

Die Gartenlaube (1854) b 009.jpg

a) Obere Hohlader. b) Untere Hohlader. c) Rechte Vorkammer. d) Rechte Vorhofs-Kammermündung (mit der dreizipfligen Klappe). e) Rechte Herzkammer. f) Lungenpulsader (mit 3 halbmondförmigen Klappen am Eingange). g) Lungenblutadern. h) Linker Vorhof. i) Linke Vorhofs-Kammermündung (mit der zweizipfligen Klappe). k) Linke Herzkammer. l) Große Körperpulsader mit m) 3 halbmondförmigen Klappen am Eingange. n) Rechtes und o) linkes Herzohr

Ja, kehrt das Herzpochen sehr oft wieder oder wird es längere Zeit unterhalten, dann kann das Herz allmälig um Vieles fleischiger und größer (überernährt) werden, das stärkere Klopfen desselben wird dann bleibend und Brustbeschwerden der mannigfachsten Art und Heftigkeit finden sich ein, bis endlich das zu Tode gejagte Herz still steht. Umgekehrt könnte aber auch ein Herz, was nie zum stärkern Klopfen veranlaßt wird, allmälig matt und kraftlos werden und dann dem Blutlaufe durch den Körper nicht gehörig vorstehen.

Darum wahre Dein Herz! Nur wenn es dem Rechte und der Wahrheit, der Freundschaft oder der Liebe gilt, dann wehre seinem belebenden Klopfen nicht, sonst aber meide, was Dir anhaltend starkes Herzpochen macht, damit sich keine Herzvergrößerung einstelle. Um aber von den Herzfehlern, welche die Klappen und Oeffnungen im Innern des Herzens befallen, befreit zu bleiben, muß man stärkere Erkältungen der Haut, besonders nach Erhitzung, zu vermeiden suchen, weil sich neben sogenannten rheumatischen, durch Verkühlung entstandenen und mit Fieber verbundener Schmerzen (Entzündungen) in den Gelenken gar oft Herzentzündung einfindet und diese letztere dann jene unheilbaren Herzfehler nach sich zieht. Wie oft ist nicht schon die falsche Ansicht über Abhärtung und der Glaube, daß man sich bei kalter feuchter Luft [10] nicht durch warme Bekleidung verweichlichen müsse, die Ursache jahrelanger Herzensqual geworden. Ein vernünftiger Mensch sucht sich allerdings nach und nach durch Gewöhnung an Kälte für den Einfluß einer kalten Temperatur weniger empfänglich zu machen, aber stets muß auch ein Abgehärteter, wenn er seine Gesundheit lieb hat, bei erhitzter und feuchter Haut die schnelle Abkühlung vermeiden. Die große Mehrzahl der jetzigen Menschen, mit deren Herzen es überhaupt nicht besonders aussieht, gehören deshalb bei uns zu Lande in wollene Unterjäckchen und warme Strümpfe, wenn sie nicht in ihren besten Jahren schon in das Lied einstimmen wollen:

Herz! mein Herz! warum so traurig
Und was soll dein Ach und Weh?

(B.) 




Nordamerika, sein Land und seine Zustände.
I.
St. Louis.

Was immer man auch über Amerika sagen mag, Das ist nicht zu läugnen, die Union offenbart als Reich im Innern wie nach Außen eine Lebenskraft und ein Gedeihen, wie es die Geschichte bisher in keinem Staate, weder des Alterthums noch der neuern Zeit, in gleichem Maaße erblickt hat. Den großen Einfluß, den in den jüngsten Tagen Amerika faktisch auf Europa schon ausübt, und der sich nothwendig mit jedem Tage noch steigern muß, macht es uns zur Pflicht, das Land und seine Zustände genau kennen zu lernen, das einst über unsere Zukunft das allein entscheidende Wort aussprechen wird. Wir haben Veranstaltung getroffen, daß schon in den nächsten Wochen uns regelmäßige Originalberichte aus einigen der größten Städte der Freistaaten zugehen, und beginnen indeß unsere Rundschau mit einer vorläufig kurzen Beschreibung und Abbildung einer Mississippistadt.

Die Gartenlaube (1854) b 010.jpg

St. Louis.

St. Louis, auf dem linken Ufer des Mississippi, 300 Meilen oberhalb New-Orleans, jetzt eine der bedeutendsten Handelsstädte Amerika’s, liefert wie viele andere Orte dieses Landes den Beweis, daß dort Alles mit einer fieberhaften Schnelligkeit vorwärts und zur größtmöglichsten Vollendung drängt. Im Jahre 1763 jagten dort noch die wilden Indianer die Raubthiere des Landes mit Pfeil und Bogen, kein Acker war urbar, keine Axt in diese undurchdringlichen Wälder gedrungen. Erst zwei Jahre später wagte ein französischer Colonist, Namens Laclade, der Gründer von St. Louis, an der Stelle des jetzigen alten Marktplatzes, die ersten Blockhäuser aufzuschlagen, zu denen sich bald noch mehrere gesellten, so daß schon im Jahre 1780 zum Schutz derselben ein Fort errichtet werden mußte. Bis zum Jahre 1803 unter spanischer Oberherrschaft, die wahrlich nicht geeignet war, Bildung und [11] Intelligenz aufkommen zu lassen, war St. Louis eigentlich nicht mehr, als ein indianischer Handelsposten, dessen Einwohnerschaft meist aus Abenteurern bestand.

Erst vom Jahre 1820, als der Staat Missouri in die Union aufgenommen ward, datirt sich der Aufschwung dieser Stadt. Bis dahin hatte St. Louis noch kein Dampfschiff gesehen. Eine Schiffsreise von New-Orleans nach St. Louis, die jetzt ein gutes Dampfschiff in 4 Tagen zurücklegt, kostete damals 31/2 Monat Zeit und selbst das erste Dampfschiff im Jahre 1820 kam erst nach 18 Tagen in St. Louis an. Mit dem Eintreffen der ersten Dampfschiffe hob sich die Bedeutung der Stadt mit jedem Tage und derselbe Ort, der im Jahre 1825 kaum 10.000 Einwohner zählte, hat jetzt deren 112.000, und wie lange noch und die 200.000 sind voll. Vierhundert Dampfschiffe befahren jetzt schon den Mississippi, dessen Thalgründe sich mit jedem Jahre in wahrhaft fabelhafter Schnelligkeit mehr und mehr cultiviren.

Für uns hat St. Louis noch das besondere Interesse, daß dort vorzugsweise das deutsche Element am meisten vertreten ist. Unter den 112.000 Einwohnern sind 36.000 Deutsche, 8000 Franzosen, 10.000 verschiedene Nationalitäten, die Uebrigen eingeborne Amerikaner. Zwei deutsche Zeitungen erscheinen dort und so groß ist bereits der Einfluß unserer Landsleute, daß selbst deutsche Sitten und Gebräuche von den übrigen Bewohnern angenommen werden, während sich in andern Städten die Deutschen fast ihres Mutterlandes und ihrer Sprache schämen.

Seit dem furchtbaren Brande im Jahre 1819, der 640 Häuser, 20 Dampfschiffe und Güter im Werthe von 6 Millionen Dollars zerstörte, ist St. Louis und zwar in 18 Monaten prächtiger als je wieder aufgebaut und jetzt eine der blühendsten Städte Amerika’s. Man nennt sie mit Recht die „Königin des Westens.“ Zahlreiche Kirchen und öffentliche Gebäude im großartigsten Styl zieren die schönbepflanzten Plätze der Stadt, die mit jeder Woche an Ausdehnung zunimmt. Ihr Handel mit Bauholz, Tabak, Hanf, Mehl, Blei etc. ist sehr bedeutend, ein Hauptumstand aber, dem St. Louis seinen blühenden Zustand verdankt, ist der, daß die großen von New-Orleans kommenden Dampfschiffe nicht weiter hinauf, noch die den obern Mississippi befahrenden nicht weiter hinunter gehen, als bis nach St. Louis, so daß diese Stadt das Hauptdepot für alle Erzeugnisse des ungeheuren Mississippithales wird. Ihre Bedeutung wird eine noch größere werden, wenn die große Bahn nach Kalifornien fertig sein wird, die St. Louis ebenfalls berühren soll.




Blätter und Blüthen.

Jagd in Amerika. Keines der wilden Thiere in Amerika springt rascher und keine wilde Bestie greift so kühn und verwegen den Menschen an wie der Panther, wenn er gedrängt wird, und er ist nicht minder kühn und entschlossen gegen andere Thiere, wenn er auf Beute ausgeht; aber es geht ihm eine Eigenthümlichkeit oder Untugend ab, wodurch sowohl der Puma-Löwe als auch der Löwe von Afrika sich auszeichnet – das heißt, er schleicht nie den Fußstapfen des Menschen nach. Wenn er plötzlich einem Menschen begegnet, so wird er sich gewöhnlich, wenn die Begegnung nicht eine ganz nahe ist, in den Wald zurückziehen; sobald er aber sieht, daß ihm der Rückzug abgeschnitten ist oder daß er von einem Hunde verfolgt wird, dann macht er durch mehre furchtbare Sprünge einen entschlossenen wüthenden Angriff. Der „Rastro“ oder die Spur, welche der Panther zurückläßt, ist fast ganz wie die des Puma-Löwen; aber es giebt einen kleinen Unterschied, an welchem das Auge des geübten Jägers – aber auch nur eines solchen – erkennt, welches Thier diesen Pfad gegangen ist. Der Panther – und hier muß ich einfügen, daß ich mir erlaube, die Wörter Panther und Tiger als gleichbedeutend zu brauchen – setzt seinen Fuß flach auf den Boden und hebt ihn so gleichmäßig wieder empor, daß auf nassem Boden oder im Sande ein vollständiger Abdruck zurückbleibt; aber der Puma, der im Verhältniß zu seiner Größe eine größere Pfote hat, wirft mit dem Ballen des Fußes, indem er ihn erhebt, hinten etwas Sand oder Erde aus, und so unbedeutend der Unterschied dem Anscheine nach auch sein mag, so ist er doch für den verfolgenden Jäger von großer Wichtigkeit, da sich die beiden Thiere auch in ihren Gewohnheiten sehr von einander unterscheiden.

Der Panther richtet unter Rindern und Pferden, welche im Walde herum streifen, unberechenbaren Schaden an, vorzüglich aber unter den jungen Thieren; alte Stiere und selbst Kühe gewinnen ihm jedoch zuweilen den Sieg ab.

Ein Stier, der einem meiner Bekannten gehörte, hatte so viele Kühe durchbohrt, daß man ihn endlich mit dem Lasso einfing und seine Hörner abstumpfte, damit er fernerhin kein Unheil anstiften könnte. Einige Wochen später wurde auf der Savanna eine Kuh von einem Panther getödtet und der zertretene Boden sowie der entsetzlich zerrissene Kopf und Hals desselben Stieres bewiesen deutlich, daß er für jene Kuh den Kampf gewagt hatte. Man fing ihn ein, versah seine Wunden mit den nöthigen Pflastern und gab seinen Hörnern eine sehr scharfe Spitze; hierauf entließ man ihn wieder in die Savanna, wo noch immer die todte Kuh lag, von welcher man während des Tages die wilden Hunde und Geier verscheucht hatte. „Wohlan, Don Jorge,“ sprach mein Bekannter und zog eine altmodische Uhr heraus, die ungefähr fünfzehn Schillinge werth war – „ich wette diese kostbare Uhr gegen tausend Dollars“ – offenbar schätzte er seine Uhr auf tausend Dollars – „daß es heute Nacht einen Kampf giebt.“ Natürlich ging ich auf die Wette nicht ein, aber der Panther kehrte allerdings, wie man erwartet hatte, bei Anbruch der Nacht zu seinem Schmause zurück und es mußte ein wüthender Kampf zwischen ihm und dem Stiere stattgefunden haben, denn man fand am nächsten Morgen neben der todten Kuh einen sehr großen todten Tiger, der vielfach durchbohrt war. Ein großer Theil dieser Wunden mußte ihm nach seiner Tödtung beigebracht worden sein, denn die Wuth des Stieres hatte sich bei Tagesanbruch noch keineswegs vermindert. Der Sieger kehrte von Zeit zu Zeit immer wieder zu dem gefallenen Feinde zurück und durchbohrte und stieß ihn in verzweifelter Wuth aufs Neue mit seinen Hörnern. Aber auch der Stier war mit neuen Wunden bedeckt; man durfte es jedoch nicht wagen, sich ihm zu nähern, und erst als er nach dem Flusse ging, um sich zu erfrischen, was ihm sehr nöthig war, konnte man ihm den Lasso überwerfen und seine Wunden schließen, was größtentheils durch Zunähen geschehen mußte. Der Stier behielt jedoch eine so große Vorliebe für den Gebrauch seiner Hörner, daß sie ihm leider bald wieder abgestumpft werden mußten.

Die Pantherjäger jagen gewöhnlich paarweise und einer von ihnen ist mit zwei aus hartem Holze gefertigten Speeren bewaffnet, die scharf gespitzt, zuweilen auch mit eisernen Spitzen versehen sind. Einer dieser Speere ist ungefähr zehn Fuß lang, der andere ungefähr drei Fuß kürzer; doch werden beide dicht zusammengehalten, damit der kürzere den längeren ersetze, im Fall dieser abgebrochen wird. Der andere Jäger führt entweder Bogen und Pfeil oder irgend eine Feuerwaffe, da aber Schießgewehre überhaupt selten sind, so bedient man sich auf dieser Jagd meistentheils nur der Bogen und der Pfeile. Wenn der Panther sich auf einen Baum geflüchtet, oder in die Enge getrieben, Halt gemacht hat, nähert sich der Mann mit den Speeren und läßt sich auf ein Knie nieder, indem er die beiden Speere fest anlegt, und ihre Spitzen gerade auf die Brust des zum Sprunge bereiten Thieres richtet. Der Mann mit dem Bogen oder der Flinte steht unmittelbar hinter ihm und schießt auf den Panther, sobald dieser den letzten Sprung thut. Zuweilen genügt der Schuß, das Thier zu Boden zu strecken, besonders wenn es in der Mitte des Kopfes oder am Halse getroffen wird; ist dies nicht der Fall, so stößt der Panther ein furchtbares Gebrüll aus und macht, einen wüthenden Sprung gegen seine Feinde. Hiermit beginnt der gefährlichere Theil des Kampfes. Springt der Panther, wie es gewöhnlich geschieht, mit weit ausgebreiteten Vorderbeinen, dann ist die Gefahr nicht sehr bedeutend, weil er sich dann an den großen und zuweilen auch zugleich an den kürzeren Speer spießt, so daß der Jäger ohne Furcht in seiner Nähe bleiben kann; springt er aber, was zuweilen selten vorkommt, mit enggeschlossenen oder gekreuzten Beinen, so zerbricht oder beseitigt er durch einen einzigen Schlag seiner Pfote die stärkste Lanze und in einem solchen Falle ist der Jäger allerdings einer bedeutenden Gefahr ausgesetzt. Das einzige Hülfsmittel bleibt nun der Kampf mit dem Messer oder irgend einer andern Waffe. Ein kurzer Bericht von einer dieser Jagden, die sich von den ostindischen Tigerjagden wesentlich unterscheiden, giebt vielleicht ein besseres Bild als jede allgemeine Bemerkung.

Man hatte ein Joch zahmer Ochsen mit einem aus Thierhaut gedrehten Stricke an den Hörnern zusammen gebunden und ihnen Raum genug zum Weiden gegeben. Früh am nächsten Morgen kam ein Indianer herein, um zu melden, daß die Ochsen verschwunden seien, daß an der Stelle, wo er die Spur gefunden, viel Blut liege und daß der „Rastro“ oder die Fährte so breit sei, wie der nahe Fluß.

Mein alter Freund, der Tigrero war zufällig in der Nähe. Er wurde herbeigerufen und um acht Ubr Morgens begann er, mit seinen Speeren bewaffnet und von zwei anderen Männern begleitet, von welchen der eine eine Doppelflinte, der andere ein einfaches Gewehr trug, die Verfolgung der Fährte, auf welcher einige kleine Hunde vorangingen. Die großen Hunde waren sämmtlich eingesperrt worden, da sie von keinem Nutzen sein konnten und jedenfalls getödtet worden wären.

Die Fährte war vier oder fünf Ellen breit und zeigte, einen steilen Abhang hinanführend, die Spuren eines heftigen Kampfes und auf dem Gipfel des Hügels, über welchem viele Geier sich drehten, fand man die beiden Ochsen, von welchen der eine todt, zerfleischt und zum Theil schon aufgezehrt, der andere aber noch unverletzt war, und das lebendige Thier war es wahrscheinlich gewesen, welches die Geier bis jetzt verhindert hatte, seinen todten Gefährten vollends zu verzehren. Von der Stelle, wo der Ochse getödtet worden war, bis zu dem Gipfel des Hügels mußte wenigstens eine Entfernung von einer Viertelstunde sein und dennoch war nur die Spur eines einzigen Panthers zu entdecken – große schwerfällige Fußstapfen; auf dem Gipfel des Berges zeigten sich noch zwei andere Spuren, die jedenfalls von dem Weibchen und dem Jungen oder „Cachorro“ wie man es nennt, herrührten. Welche erstaunliche Kraft mußte das Männchen angewendet haben, um den Ochsen, welchen es getödtet, und mit diesem zugleich dessen lebendigen Gefährten, welcher sich, wie die Spur zeigte, dem wilden Führer widersetzt hatte, einen so steilen Abhang hinanzuziehen.

Die kleinen Hunde wurden dann auf die Fährte gewiesen, die sie flink [12] und munter verfolgten; sie war zwar auf dem Sacate-Grase ziemlich deutlich sichtbar, würde sich aber ohne Hunde nicht so leicht haben verfolgen lassen. Nach einem halbstündigen Laufe erreichte man endlich den Fuß einer sandigen Höhe, wo die frische Spur nicht mehr zweifeln ließ, daß die vierfüßigen Räuber ganz in der Nähe waren. Die kleinen Hunde wurden in das Dickicht zurückgetrieben und zur Ruhe verwiesen, und die Jäger erstiegen hierauf so schnell wie möglich die Höhe. Auf dem Gipfel angelangt, sahen sie in einer Entfernung von ungefähr dreißig Schritten einen großen männlichen Panther, ein Weibchen und ein starkes Cachorro, die sich auf dem Sande herumwälzten und von ihrem blutigen Schmause reinigten.

Das Weibchen und das Junge flüchteten sich augenblicklich nach dem jenseitigen Dickicht, jeder der beiden mit Flinten bewaffneten Jäger feuerte auf das Weibchen, aber es verschwand in dem Gebüsche. Der männliche Panther benahm sich anders; er bot den Verfolgern die Stirne und ging ihnen wüthend brummend aber ruhig und entschlossen entgegen, bis ihm, als er ungefähr noch zehn Schritte von ihnen entfernt war, die Ladung des dritten Laufes in den Hals gefeuert wurde; aber der Schuß traf den Hals etwas zu nahe an der Brust, als daß er hätte eine augenblickliche Wirkung haben können, und der Panther, noch keineswegs entmuthigt, duckte sich plötzlich nieder und machte mit einem doppelten Gebrüll, das sich nicht recht beschreiben läßt, aber viel Ähnlichkeit mit zwei kurzen Donnerschlägen hat, einen furchtbaren Sprung. Er sprang, wie unter zehn seines Gleichen neun zu springen pflegen, mit weit geöffneten Vorderbeinen als hätte er etwas umfassen wollen, und fast in demselben Augenblicke drang die Lanze des Tigrero wenigstens vier Fuß tief in seinen Körper. Die Spitze hatte sich gerade in die Mitte der Brust gebohrt und den Panther vollkommen aufgespießt, aber mit einem einzigen Schlage seiner mächtigen Vorderpfote zerbrach er die Lanze dicht an seinem Körper so leicht, als wäre sie ein Strohhalm gewesen; da man ihn aber in seinem Sprunge aufgehalten hatte und die Jäger auf die Seite gesprungen waren, so konnten sie ihn jetzt mit ziemlicher Sicherheit beobachten, da er nicht im Stande war, sich umzuwenden und ihnen zu folgen. Er war keine zehn Ellen von den Jägern entfernt, welche die Gelegenheit benutzten, aufs Neue zu laden; aber seine Kraft war gebrochen und langsam und mit Mühe sich fortschleppend, suchte er den Schutz eines in der Mitte des Gipfels befindlichen Busches zu gewinnen, wo er sich sehr langsam und bedächtig niederlegte, denn jede Bewegung mußte ihm sehr großen Schmerz verursachen. Nachdem er sich jedoch vollständig unter dem Busche verborgen hatte, stieß er von Zeit zu Zeit ein eigenthümliches Geschrei aus, welches mit seinem gewöhnlichen Gebrüll keine Aehnlichkeit hatte, sondern, wie der alte Indianer sagte, ein Hülferuf war, durch welchen er sein Weibchen herbeirufen wollte; aber es kam nicht und aus gutem Grunde, denn hätte es seinen Hülferuf gehört, so würde es ohne Zweifel herbeigeeilt sein. Das Blut floß aus Maul und Nüstern des Panthers; sein Geschrei wurde schwächer und schwächer; er versuchte es, sich zu erheben, aber es gelang ihm nicht, seine Kraft war dahin, wenn auch das Leben noch einige Augenblicke ausdauerte, und endlich legte er seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten, stieß noch einige halberstickte Seufzer aus und hatte geendet. Sein erstarrender Körper hätte in dieser Lage ein schönes Modell für einen Bildhauer abgeben können.

Nachdem man dem gefallenen Panther einen zweiten Speer durch den Leib gestoßen hatte, wurden die kleinen Hunde herbeigerufen und auf die Fährte der Pantherin und des Jungen gewiesen; als man jedoch an den Eingang des Dickichts kam, sah man sie todt in dem Gebüsche liegen, sie war von einem der beiden Schüsse, die man auf sie abgefeuert hatte, tödtlich getroffen worden, wie eine dicht am Kopfe befindliche Halswunde zeigte, und hatte daher dem Hülferufe ihres Männchens allerdings nicht folgen können; wäre sie am Leben gewesen oder hätte sie nur eine schwere Wunde gehabt, so würde sie ihn nicht haben vergebens rufen lassen. Das Cachorro wurde bis zum Anbruch der Nacht gesucht, aber weder Hunde noch Jäger konnten seine Spur entdecken. Wahrscheinlich hatte es sich in einen hohlen Baum geflüchtet.




Ein Brief von Ida Pfeiffer aus Californien. Die berühmte, kühne Weltreisende, welche gewissermaßen in ihrer Person den kosmopolitischen Drang Deutschlands leibbaftig darstellt, hat ihrem nächsten Werke über Californien Privatbriefe vorausgeschickt, so auch folgenden an unsern berühmten Landsmann, Herrn A. Petermann in London, der uns zur Veröffentlichung zugegangen ist. Er kam in Herrn P.’s Hände am 22sten December und ist datirt:

St. Franzisko, 30. Oktober 1853. 

     Bester Herr Petermann!

Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, mich manch kleinen Augenblick mit Ihnen zu unterhalten. Aus den Zeitungen werden Sie zwar häufig ersehen, auf welchen Plätzen der Welt ich mich herumtreibe, aber das Wie? Warum? u. s. w. fällt dabei weg. Als ich London verließ, hatte ich den festen Entschluß, Australien zu besuchen. Ich war diesem Welttheile ziemlich nahe, als ich mich im Indischen Archipel herumbewegte, und dennoch kam ich nicht hin! Die Entdeckung des Goldes, der europäische Durst und Heißhunger danach waren Ursache, daß ich meinem Plane entsagte. Die Theuerung in diesem Lande stieg so ungeheuer, daß nur ein Goldsucher oder Millionair dahin wandern konnte, aber nicht Leute, deren Seckel mehr als bescheiden gefüllt und deren Streben nach Insecten und Reptilien geht. Ich mußte also diesem Wunsche entsagen und eine andere Fährte aufsuchen – und wo führte diese mich hin? – auch in ein so verwünschtes Goldland – das ist doch seltsam! Allein die Ueberfahrt kostete mich nichts, ein Amerikaner nahm mich umsonst mit. Wir hatten eine glückliche Fahrt – 79 Tage bis San Franzisko. Aber obgleich ich 60 Tage nichts als Himmel und Wasser gesehen, machte die Küste Californiens doch keinen freundlichen Eindruck auf mich: nichts als kahle Sandhügel, hier und da mageres Gebüsch, düstere Bäume mit dürren, kleinen, schmutzig-grünen Blättern. – Die Stadt St. Franzisko ist in ihrer Art ein Wunderwerk, aber nicht alle Wunderwerke sind reizend und bezaubernd. Die Stadt ist seit 5 Jahren 6 mal abgebrannt und wurde 1851 zweimal gänzlich in Asche gelegt – und beutzutage prangt sie mächtig, als hätte sie nie Feuer gesehen. Die steilsten Sandhügel tragen Häuser und Hütten bis in die höchsten Spitzen. Die Bucht wurde 1/2 Meile zurückgedrängt, mit Sand aufgefahren und so ein ebenes Fleckchen wenigstens für den Mittelpunkt der Stadt gewonnen. Da herrscht nun ein Leben, gleich dem in der City von London; da wird gefahren, geritten, gelaufen mit einer Hast, als gäb’ es kein Morgen mehr. Ueberall werden mit der größten Eile die prächtigsten Ziegelhäuser gebaut, so daß eine Straße nach 1 – 2 Monaten gar nicht wieder zu erkennen ist. Der Luxus in Einrichtung und Lebensweise ist so groß, wie nur immer in Paris und London; dabei herrscht aber ein Schmutz, eine Unsauberkeit auf den Straßen, daß selbst Constantinopel dagegen als Muster an Reinlichkeit aufgestellt werden kann. Ein Staub- und Sandlager von 1/2 Fuß Dicke deckt den Boden. Aller Unrath der Häuser wird auf die Straße geworfen. Kisten und Fässer, Reifen und Flaschen, Kleider, Wäsche, alte Schuhe, todte Hunde und Ratten liegen wie Kraut und Rüben durcheinander. Ein Gang durch die Stadt ist eine Buße, ein Gang außerhalb derselben Höllenpein. Ihr Fuß ermüdet im tiefen Sande, Ihr Auge in dem kahlen, leb- und laublosen Einerlei. Freilich die Bucht ist hübsch, sie bildet mannichfaltige Einschnitte in das Land, und der Hafen ist reich mit Fahrzeugen aller Nationen belebt. In der Regenzeit soll auch das Land eine ganz andere Gestalt annehmen; ein Ueberreichthum von Gras und Blumen bekleidet dann den nackten Sand. Leider werde ich es nicht in seinem Schmucke sehen, denn die Blüthezeit beginnt im December und ich will schon im November fort – nach Mexiko, der Stadt, vielleicht auch dem Lande, dann nach Vera-Cruz, Havannah, den vereinigten Staaten u. s. w. Ohne den Wasserfall von Niagara gesehen zu haben, kann ich nicht nach Europa kommen. O daß ich nur 10 Jahre jünger wäre, wie wollte ich meine Reisen noch mehr ausbreiten! Ueberall kommt man mir so hilfreich entgegen, daß ich wahrlich nicht viel brauche, um recht viel zu sehen. Schiffsgelegenheiten, sonst wahre Gelddiebe, bekomme ich meist umsonst, ebenso in den Städten oft auch freie Wohnung. – Von Californien habe ich noch die neu entstandenen Städte Sacramento und Marry’s Ville gesehen und auch Ausflüge in die Quarz-Minen und mehrere Goldgruben gemacht. An allen diesen Orten herrscht die größte Sicherheit des Eigenthums. Die Leute gehen an ihre Arbeit; kein Mensch wird zur Bewachung ihrer Zelte und Hütten zurückgelassen, und nie soll man von Entwendung des Goldes hören.

Nun Gott befohlen, vielleicht sehe ich Sie doch im nächsten Jahre.

Mit Achtung 
Ihre ergebene  
I. Pfeiffer. 




Höhere Industriestreiche. Unter den vielen Pastetenbäckerläden in London machte vor Kurzem besonders einer in der City gute Geschäfte, so daß, als der Besitzer starb, der gegenüberwohnende Bäcker um die Hand der Wittwe diesen blühenden Geschäfts anhielt. Sie gab ihm aber eine Kiepe d. h. einen Korb. Der Bäcker, statt in unglücklicher Liebe zu verschmachten, buk Rache d. h. er machte auch Pasteten und alle noch einmal so groß, als die der Wittwe gegenüber, so daß diese sehr bald bedeutend zurückkam. Der Bäcker buk mit Schaden, bis er das Geschäft der Wittwe todt gemacht haben würde, wie dies oft der Fall ist im concurrirenden Kapitalgeschäftskriege. Die mit unverkauften Pasteten beladene Wittwe bekam eines Tages Besuch von einem Freunde ihres Verstorbenen, dem sie bitterlich ihr Leid über den Bäcker gegenüber klagte. „Well, well, hm, hm!“ sagte der Gast, „ich denke, wir wollen dem Liebhaber drüben das Geschäft legen.“ – Eines Morgens nun, als der Laden des neuen Pastetenbäckers voll von Kunden war, kömmt ein schäbiges Subject herein, wirft zwei todte Katzen auf den Ladentisch und verschwindet wieder mit den Worten: „das ist nun die 35ste und 36ste diese Woche, macht zusammen 15 Schillinge. Sagen Sie dem Meister, morgen würde ich mir das Geld holen.“ Die Gäste stoben auseinander, übergaben sich und stürzten in einen benachbarten Branntweinstempel. Von diesem Augenblicke an ruhte ein Fluch auf den Pasteten des Rache-Bäckers und er kam nie wieder auf, wohl aber die Wittwe, die natürlich ihren Erretter heirathete.




Literarisches. Wie es im Buchhandel jetzt eine Masse Bücher giebt, die nur des hübschen Einbandes wegen gekauft werden, so giebt es wiederum andere, die bei gewissen Leuten um ihrer gewissen Richtung willen stets großen Anklang finden, einerlei ob diese Bücher literarischen Werth haben oder nicht. Ein Beispiel liefert der sentimental-frömmelnde Redwitz, der Dichter des Amaranth. Noch ehe sein neuestes Buch Siglinde erschienen war, sah sich der Verleger durch die einlaufenden festen Bestellungen gezwungen, mit der ersten kontraktlich auf 3000 Expl. festgestellten Auflage eine zweite ebenso starke im Druck aufzugeben und wie wir hören, ist auch diese zweite Auflage, jetzt 4 Wochen nach Erscheinen der ersten und zweiten, bereits ihrem Ende nahe. Das ist ein ungeheurer Erfolg, der mit den bekannten (besonders Berliner) Schwindelauflagen anderer deutscher Dichter in gar keinen Vergleich zu bringen ist. Und doch ist Publikum und Kritik darüber einig, daß diese Siglinde ein durchaus verfehltes Produkt sei, ohne dramatischen und poetischen Werth, eine Faselei, die nur bei Jenen Anklang findet, die kräftig-gesunde Speise nicht vertragen können.
E. K. 

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. volljährig, mündig