Die Gartenlaube (1854)/Heft 2

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[13]

No. 2. 1854.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.

Wöchentlich 1 bis 1 1/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 10 Ngr. zu beziehen.

Dreimal denselben Weg.

Ein frischer sonniger Julimorgen glänzt über den grünen baum- und buschreichen Gärten, welche die Stadt im weiten Umkreise auf Berghöhen und in Thalmulden umgeben. Auf einem Hügel, sanft ansteigend, liegt da auch der Garten mit der „Saat gesäet von Gott, am Tage der Ernte zu reifen.“ Ein junger Mann schreitet die Straße daher, welche von dem waldgekrönten Berge zur Stadt im Thale hinabführt. Er geht jenen träumerischen in sich selbst versunknen Schritt, eigenthümlich den Leuten, die sich nicht viel um die Außenwelt kümmern, höchstens ihre Schönheit auf sich einwirken lassen, von ihren häßlichen Erscheinungen aber kaum berührt werden. Man könnte ihn den Dichterschritt nennen. Die Erscheinung des jungen Fußgängers entspricht diesem Schritt vollkommen. Eine hohe schlanke Gestalt mit den edelsten Formen, der Antinouskopf von lichtbraunen Locken umflattert, ein träumerisches süßlächelndes Auge, das Antlitz ein Spiegel der reinsten Seelengüte, der schönsten Gefühle, der hochherzigsten Gesinnung. Die Rosen der Jugend blühen auf seinen Wangen; er kann kaum zwanzig Jahre alt sein, und doch hat sich schon so viel Ernst in diese Züge eingenistet. Er ist einfach, aber modern und sehr fein und propre gekleidet. Sein großes, braunes, tiefinniges und schwärmerisches Auge strahlt von der Fülle jungen Glücks; man sieht es ihm an, daß er sich in der ersten Frühe des köstlichen Tages eine ganze Tracht seliger Gefühle im reichen Bergwald geholt hat. So geht er heimwärts, still selig vor sich hinlächelnd, unverkennbar ein Dichter, ein glücklicher Dichter. Da begegnet ihm ein armseliger Leichenzug. Auf dem Armen-Leichenwagen der rohe Sarg, dürftig zugedeckt von einem dürftigen Leichentuche. Der Führer der trägen Pferde vorn, die Leichenfrau und ein junges Mädchen hinten, das war der ganze Conduct. Das Kind fiel dem jungen Poeten auf. Es konnte höchstens dreizehn Jahre alt sein, aber in seiner Gestalt lagen alle Keime einer ungewöhnlichen Schönheit; ein prächtiges, großes lebendiges Auge sprach blitzend von Ahnungen, die sich empor drängten, um zu Verständnissen zu werden; aus diesen zur Ausrundung sich emporringenden Formen verkündete sich ein starker und kühner Geist. Das Kind hatte ein verwaschnes Kattunkleidchen an, aber es schritt daher wie eine Fürstentochter. Das war etwas ganz Besonderes und Ursprüngliches. – Ueberrascht trat der junge Mann zu der Leichenfrau und fragte: wer hier begraben werde?

„Eine Schauspielerin,“ war die Antwort, „Madame Rosenthal. Sie ist vor vier Monaten hierher gekommen und hat ein Engagement gesucht, aber nicht gefunden, weil sie schon krank war. Sie ist an der Lungenschwindsucht gestorben, eine sehr hübsche und leidliche Frau, und hat nichts weiter hinterlassen, als ihr Töchterchen da, die Kleine.“

„Lebt der Vater des Kindes nicht mehr?“

„Wer kann’s wissen? Wie’s eben bei den Theaterleuten zugeht. Das arme liebe Geschöpf hat keinen Verwandten und Bekannten auf Gottes weiter Welt. Da steht sie wie sie ist, arm und verlassen und so hübsch und so gescheidt! Sie können’s kaum glauben, bester Herr! Daß sich Gott ihrer erbarme! Da könnten Sie sich einen Gotteslohn verdienen, wenn Sie Ihren Herrn Vater vermöchten, etwas für die arme Waise zu thun. Ich kenne Sie; Sie sind der junge Herr Bleimüller.“

Der junge Mann sah das Kind wieder an, dessen Antlitz von der Purpurröthe der Scham übergossen war und das Auge verlegen zu Boden schlug. Eine Fülle des schönsten dunkeln Haars wand sich in Geflechten um den edel geformten Kopf und fiel als Lockenschmuck in den Nacken. Das war eine Amorine, wie sie die üppigste Phantasie sich nicht reizender schaffen konnte. Er nahm ihre Hand und sagte leise: „Laßt uns gehen!“ Und so geleitete er die Leiche der armen Künstlerin schweigend und tief ergriffen zu Grabe.

Als der Sarg versenkt und mit Erde überschüttet wurde, weinte das Kind heftig und auch die Thränen des jungen Mannes flossen reichlich. Dann beteten sie still über dem geschlossnen Grabe.

„Willst Du mit mir gehen?“ fragte er das im Schmerz doppelt schöne Mädchen. „Ich will Dich in mein Vaterhaus führen und für Dich sorgen.“

Das Mädchen sah die Leichenfrau fragend an und diese trat mit ihr bei Seite und flüsterte: „An Dir hat Gott ein Wunder gethan, daß er uns den jungen Herrn entgegengeschickt hat. Er ist der einzige Sohn des steinreichen Banquiers Bleimüller am Altmarkt und ist auf der Universität. Geh, mein Kind, mit ihm. Nun ist Dein Glück gemacht. Ich gratulire Dir.“ Und sie nahm das Mädchen bei der Hand und führte es dem jungen Herrn Bleimüller zu. Mit einen Blicke seligster Empfindung nahm er sie in Empfang und wandelte mit ihr im freundlichen Gespräch nach der Stadt hinab.




„Wie ich es mir gedacht und Dir vorhergesagt habe, mein lieber Eduard,“ sagte eine vornehme Dame in feinster Morgentoilette, aus deren blassen, von Körper- und Seelenleiden zeugenden Zügen nicht nur die nächste Verwandtschaft des Bluts, sondern auch des Geistes und der Seele mit dem jungen Bleimüller sich kund that, zu diesem, der eben in den reich dekorirten Speisesalon [14] hereingetreten war, wo die servirte Tafel der Gäste harrte, „Dein Vater will durchaus das fremde Mädchen nicht im Hause dulden. Er ist sehr erbittert über Deine Großmuth, die er Leichtsinn nennt. Du kennst ihn ja und weißt wie unzufrieden er immer mit Dir und Deinen Handlungen ist. Du weißt auch, daß er den Groll nicht überwinden kann, daß Du gegen das Banquiergeschäft Widerwillen hast und poetische Studien treibst, mit welchen sich kein Geld gewinnen läßt. Du weißt das Alles, warum reizest Du seinen Zorn immer wieder von Neuem?“

Eduard sah so seelenvoll lächelnd zu der Dame empor und entgegnete: „Ich weiß es, liebe Mutter, aber ich denke nie zur rechten Zeit daran. Im entscheidenden Moment handle ich immer, wie’s mir das Herz eingiebt, und das ist gewiß jedesmal mit des Vaters Willen im Widerspruch!“

„Ach, ich kenne Dich ja!“ hauchte die Mutter ihm mit einem zärtlichen Kuß auf die hohe gedankenreiche Stirn. „Du müßtest nicht mein Kind und mir in allen Dingen so ähnlich sein, wenn Du anders thätest. Ich kenne das; denn es ergeht mir gerade so, und deshalb ist nie ein herzliches Einverständniß zwischen mir und Deinem Vater gewesen. Doch hat er wenigstens die Tugend, mir endlich nachzugeben, wenn ich beharrlich bin. Laß also den Sturm über Dich ergehen und gieb ihm gute Worte. Dann werden wir ja sehen, was für Deinen hübschen Schützling zu thun ist. Das verwaiste arme Kind macht übrigens keinen erhebenden, vielmehr einen beängstigenden Eindruck auf mich. Seine Schönheit kommt mir dämonisch vor; mir ist als drohe Dir oder mir Unglück von ihm.“

„Seltsam!“ sagte der Sohn. „Ich habe ein ähnliches dunkles Gefühl in Helenen’s Nähe, aber das darf mich nicht abhalten, ihr Wohlthäter zu werden. Sie hat auf Erden keinen Freund weiter als mich.“

„Mein edler Eduard.“

Ein sehr gewählt gekleideter Herr trat hastig herein und erwiederte die Grüße der beiden Anwesenden kurz und mürrisch; eine strenge, bornirte Physiognomie; ein Auge ohne Tiefe, eine Stirn ohne Schwung.

„Was sind das wieder für Streiche!“ redete er den jungen Mann zornig an. „Ein liederliches verlaufenes Komödiantenkind, eine junge Landstreicherin in mein Haus zu bringen! Wirst Du nie zu Verstand kommen? Ich fürchte, Du studirst Dich immer dümmer. Fort mit dem Pankert! Ich dulde das Mädchen nicht.“

„Mein Vater,“ sagte Eduard bittend, „ich fand das Kind arm und verlassen hinter der Leiche seiner Mutter. Es hat keinen Menschen auf der Welt. Was würden Sie gethan haben?“

„Dummheit! Wenn wir alle armen Verlassnen in unser Haus aufnehmen wollten, wir würden bald selbst keinen Platz darin haben. Wozu hat der Staat Armenhäuser? Ich zahle eine sehr hohe Armensteuer.“

„Sie haben Recht; aber ich bitte Sie um die einzige Vergünstigung, meinen kleinen Schützling nur einmal zu sehen. Mögen Sie dann selbst ihr Schicksal bestimmen.“

„Ich bitte Dich ebenfalls, lieber Bleimüller,“ nahm die Frau das Wort, „es könnte ja nichts Lächerlicheres geben, als glauben zu wollen, es käme Dir auf die wenigen Thaler an, welche das Mädchen kosten würde. Und überdies will sich ja Eduard die Gunst von Dir erbitten, ihre Erziehung aus seinen eignen Mitteln zu bestreiten. Es handelt sich also bei Dir nur um ihren Aufenthalt im Hause. So sieh sie Dir doch an. Du hast Dir ja stets eine Tochter gewünscht. Ich denke, die Kleine ist nicht unwürdig, die Stelle einer Tochter unsres Hauses einzunehmen.“

Der Hausherr brummte einige unverständliche Worte; die Mutter nickte dem Sohne lächelnd zu, der sich schnell entfernte. Einige Minuten später führte er seinen schönen Schützling herein. Sie war neu und sorgfältig gekleidet; ihre Toilette sehr nett. Mit großem Anstand verneigte sie sich, schritt stolz und anmuthig auf den sie überrascht anblickenden Hausherrn los, senkte ein Knie vor ihm, und hob die Hände bittend zu ihm empor. Aber sie that das Alles wie auf der Bühne. Keine Thräne stieg ihr in’s Auge.

„Aufstehn!“ befahl der Banquier.

„Wie alt?“

„Dreizehn Jahre.“

„Wie heißen?“

„Helene von Löbenstein.“

„Wer war Vater?“

„Oestreichischer Offizier.“

„Mutter?“

„Sie sagte mir oft, daß ihre Eltern sehr vornehme Leute gewesen, aber nie hat sie mir nähere Angaben darüber gemacht.“

„Johann, noch ein Couvert!“ befahl der Hausherr dem aufwartenden Diener.

„Sie bleibt!“ flüsterte die Mutter dem Sohne freundlich lächelnd zu und Eduard drückte ihr dankbar und mit verklärten Zügen die Hand.


2.

Sechs Jahre später an einem trüben Herbsttage bewegte sich ein imposanter Leichenzug aus der Stadt dem hohen Friedhofe zu. Trauermarschälle begleiteten den kostbaren Leichenwagen, auf welchem ein massiver polirter und mit Beschlägen versehener Sarg stand. Die Frau Geheime Finanzräthin von Bleimüller wurde begraben. Wieder folgte Eduard Bleimüller mit Helenen von Löbenstein dem Sarge, aber diesmal machte er den Weg in einem eleganten Stadtwagen, in welchem sich auch sein Vater befand. Der Finanzrath saß gleichgültig neben Helenen im Fond, welche eben so wenig Zeichen der Trauer und des Schmerzes an den Tag legte. Eduard hatte gegenüber Platz und weinte still. Er bemerkte es nicht, wie die Augen seines Vaters dann und wann mit einem seltsamen Ausdruck auf Helenen’s reizender Gestalt weilten. Wie üppig hatte sich die Schönheit dieses Mädchens entfaltet! Sie galt bei weitem für die reizendste Dame des ganzen Landes und Niemand machte ihr diesen Rang streitig. Aber sie war eine von jenen Schönheiten, welche gleichsam vernichtend auf alle Männer wirken. Bezaubernd, majestätisch, stolz, sich aller ihrer Vortheile bewußt und sie mit Berechnung benutzend, hochgebildet in allen Dingen, welche die Gesellschaft in den Kreis ihrer Bildung gezogen hat, mit ihren Augen alle Männerherzen in ihrer Nähe entzündend, blieb sie selbst kalt, ruhig und streng. Hundert Männer aus den vornehmen Ständen umschwärmten sie, keiner hatte noch auch nur den kleinsten Vortheil über sie errungen; ihr Hof war von ungeheurer Ausdehnung; sie blieb die stets einsame Königin der Feste. Die besten Partien würden sich für sie gefunden haben, wenn man gewußt hätte, ob sie Miterbin des Finanzraths sein werde. Niemand wußte etwas Näheres über ihr eigentliches Verhältniß zu dem reichen Hause, in welchem sie aufgewachsen war. Viele hielten sie für die Verlobte des Sohnes, der still seinen weitumfassenden Studien lebte. Helene selbst war viel zu stolz und abstoßend, um eine Vertraute zu haben. Heute im reichen Trauergewande glich sie der Königin der Nacht; ihre dämonische Schönheit war überwältigend.

Eduard weinte allein am Grabe der geliebten Mutter; er hatte in ihr sein Alles, seine einzige Freundin verloren. Wer verstand nun noch den stillen Schwärmer? wer hauchte ihm nun noch einen erfrischenden Kuß auf die heiße Stirn, wenn er aus den Dichtergärten des Orients mit Blüthen beladen zu ihr trat?

Als er heim kam, fand er einen versiegelten Brief auf seinem Schreibtisch, in dessen Überschrift er mit schmerzlicher Ueberraschung die Hand der Verstorbenen erkannte. Er erbrach ihn hastig und las:

„Mein theurer Sohn!

Wenn Du diese Zeilen durchliesest, bist Du von meinem Begräbniß zurückgekehrt; so hab’ ich’s angeordnet. Die Worte der Sterbenden machen tiefern Eindruck, als die der Lebenden, Die meinigen sollen Dich warnen vor – Helenen, sollen Dich beschwören, das Mädchen aus dem Hause zu entfernen, es sei auf welche Weise es wolle. Ich sehe in die Zukunft; die Ahnung, daß dieses Mädchen das Unglück unseres Hauses ist, steht klar vor meiner Seele. Laß Dich nicht von ihrer Schönheit bethören, mein Sohn; Du würdest als ihr Gatte der unglücklichste Mensch sein. Helene hat kein Herz; sie kann nicht Seele gegen Seele tauschen; denn die ihre ist starr und kalt; sie kann nicht weinen, denn sie fühlt nichts für Andre. Der Stolz ist das Element ihres Wesens; sie ist eine entsetzliche Egoistin. Ich habe sie in der letzten Zeit vielfach beobachtet und geprüft und bin mit Widerstreben zu der ausgesprochnen Ueberzeugung gelangt, aber ich wollte Dir durch Eröffnung derselben nicht weh thun, denn ich weiß, Du bist von

[15] den schimmernden Eigenschaften ihres Geistes und Körpers eingenommen; ich fürchte, Du liebst sie. Entferne sie, mein Sohn! Entferne sie schnell, wo es noch Zeit ist. Höre auf die Warnungsstimme der Frau, die Dich über Alles liebte und die jetzt gleichsam aus dem Grabe zu Dir spricht. Zum letzten Male auf Erden
Deine Mutter.“ 

Eduard küßte die Schriftzüge und schloß den Brief ein. Er fühlte plötzlich klar, was bis jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß die Mutter in Bezug auf seine Neigung zu Helenen Recht gehabt, aber gerade deshalb war er aber auch sogleich entschlossen, ihrer Warnung Folge zu geben. Tagelang war er in stiller Trauer und in tiefem Sinnen, wie er es anfangen sollte, den letzten Willen der theuern Verstorbenen auszuführen. Er wußte es nicht und fand es nicht, und verließ wochenlang sein einsames Zimmer nicht. Endlich überwältigte ihn eine seltsame Angst, und er ging mit dem Briefe zu seinem Vater und trug ihm den Befehl der Mutter vor.

„Helene bleibt im Hause,“ versetzte der Finanzrath kalt und kehrte ihm den Rücken.

Eduard lebte in seiner Weise fort. Er studirte die arabischen und persischen Dichter, die Sanskritschriften und war für die Welt todt. Er sah und hörte in seinem stillen Paradiese nicht, was draußen vorging. Die heilige Wissenschaft hatte die Mauern desselben gefeit. Wie groß war also sein Erstaunen, als er nach einem Spaziergang im jungen Frühlingsgrün eine Karte und ein Billet seines Vaters auf seinem Tische fand, und auf der erstern las: „Geheimer Finanzrath von Bleimüller und Helene von Löbenstein. Verlobte,“ und im Letztern: „Du wirst mich verbinden, wenn Du das Gartenhaus beziehst. Ohnedies sind Gartenhaus und Garten Dein Eigenthum als mütterliches Erbe.“

Am andern Tage zog Eduard aus. Er wollte seinem Vater einen Abschiedsbesuch machen und – wurde abgewiesen. In der Fülle der Reize, welche der Frühling verschwenderisch über den Park ausgegossen hatte, der sein Eigenthum war, und in seinen Büchern, fand er reichlich Entschädigung für den Umgang mit Menschen, die nichts mit ihm gemein hatten. Es wehte ihm wie ein Eishauch von ihnen entgegen. Wohl wußte er jetzt, daß er Helenen geliebt, aber er fühlte auch, daß die verklärte Mutter ihn von dieser aufkeimenden Leidenschaft geheilt hatte. Aus redlichem wohlwollenden Herzen wünschte er dem Brautpaare Glück und ließ die Dinge gehen, die er nicht ändern konnte.


3.

Fünfzehn Jahre sind vergangen. An einem Frühlingsmorgen, wie vor einundzwanzig Jahren zieht der Armenleichenwagen eine Menschenhülle nach der Ruhestätte. Die Todtenfrau, Eduard Bleimüller und ein dreizehnjähriges Mädchen sind wieder die alleinigen Begleiter, ganz so wie damals. Die Frau ist dieselbe; Eduard ist ein ernster Mann, dessen Auge vom Glanze der ewigen Jugend strahlt, welche die Wissenschaft einem edlen Herzen verleiht. Das Mädchen aber ist die Tochter jenes Mädchens, welches einst hinter dem Sarge ihrer Mutter ging. Auch diese geht hinter dem Sarge ihrer Mutter. Die Leiche der Frau von Bleimüller auf dem Armenwagen!

Zehn Jahre hat sie als Gattin des Geheimen Finanzraths und Banquiers in fürstlicher Pracht und Herrlichkeit gelebt. Sie hat es recht darauf angelegt, Fürstinnen in Luxus auszustechen. Sie hat alljährlich in den vorzüglichsten Bädern, sie hat in Paris und London, in Wien und Berlin die vornehmste Welt um sich versammelt und Männer zu ihren Füßen gesehen, die zu befehlen gewohnt waren. Ihren auf sie stolzen und eitlen Gatten hat sie zu allen Thorheiten verleitet; sie hat ihn so vollständig beherrscht, daß er ihr gegenüber keinen eignen Willen mehr hatte. Und er war so schwach, ihr den durch sie herbeigeführten Ruin seines Vermögens nicht eher einzugestehen, bis er ein Bettler war. Nun überhäufte sie ihn mit den bittersten Vorwürfen und Schmähungen. Der alte Mann verschwand spurlos; Niemand erfuhr, wohin er gekommen war. Die reizende Frau versank in ein Leben voll vornehmer Schande. Nach fünf Jahren war sie bis zur tiefsten Gemeinheit herabgesunken und starb elend als Bettlerin. Eins hatte sie stets hartnäckig abgelehnt: Unterstützung von Eduard.

Die Unglückliche hinterließ eine Tochter, über deren Abkunft seltsame Gerüchte gingen. –

„O, mein Herr Bleimüller!“ sagte die Leichenfrau bitter lächelnd, als er, der die nöthigen Begräbnißkosten erlegt hatte, zu ihr trat, um der Verstorbenen das Geleite zu geben und die Hand des Kindes faßte, wie er einst die der Mutter gefaßt hatte, „wer hätte denken sollen, als wir diesen Weg zusammen zum ersten Male gingen, daß es so mit der da kommen würde!“ Und sie deutete mit einer wegwerfenden Bewegung auf den Sarg vor ihnen.

„Das sind die menschlichen Geschicke!“ versetzte der Gelehrte mit seinem ruhigen klaren Lächeln.

„Was soll denn nun aus der Kleinen da werden?“ fragte die Leichenfrau weiter. „Die ist ja eben solch’ ein Bettelkind, wie ihre Mutter war.“

„Sie geht wieder mit mir, wie ihre Mutter mit mir ging; ich erziehe sie, wie ich jene erzog. Ich werde mich nie verheirathen; sie soll meine Tochter und Erbin werden.“

„Sind Sie denn kein gebranntes Kind, Herr Bleimüller?“

„Böse Erfahrungen sollen uns nie abhalten, das Gute zu thun.“

„Und man sagt: das Mädchen sei gar nicht Ihre Schwester.“

„Mag sie’s sein, oder nicht. Sie hat keinen Menschen als mich. Ihre Mutter war mir einst theuer; jetzt soll’s die Tochter sein.“

„Gott segne Sie, edelster Mann!“

Er warf eine Hand voll Erde auf den eingesenkten Sarg, zerdrückte eine Thräne im Auge und ging still selig lächelnd, ein Bild der bescheidenen Tugend, das Mädchen an der Hand führend, in seinen einsamen Musentempel zurück.




Ein Todtenkranz.

Fast jedes Volk hat einen Tag im Jahre, wo es die Gräber seiner geliebten Todten mit Blumen schmückt. Auch wir wollen heute einen Kranz noch auf das Grab eines Mannes werfen, den uns das scheidende Jahr ins dunkle Reich der Schatten entführte, einen Kranz auf ein Grab, dem alle Völker der Erde Kränze werfen sollten, denn Der, den es birgt, gehörte der ganzen Welt, der ganzen Menschheit an!

Er hieß Dominik Franz Arago!

Vielleicht habe ich einen, den Massen kaum oder nur wenig bekannten Namen genannt, und sicher weiß die große Mehrheit nicht, welcher Heiligenschein das Haupt des Dahingeschiedenen umstrahlt. Der große Haufen bewundert eben immer nur die Männer mehr, die unter Schwertergeklirr und Kanonengerassel einherschreiten, die ihm und der Civilisation Wunden schlagen; für die Heiligen der Wissenschaft aber, für die Träger der Civilisation und Cultur muß seinem Gedächtniß nachgeholfen werden. Arago war einer der Führer unter Denen, welche die neue Naturwissenschaft begründen halfen, und gerade dieses Gebiet des Wissens wird dem Volke erst in jüngster Zeit nach und nach zugänglich gemacht; die wissenschaftliche Welt wußte den großen Denker und Forscher schon längst zu ehren, allein sein Denken und Forschen kam aller Welt zu frommen, und indem er die Wissenschaften bereicherte, wußte Keiner so wie er die gewonnenen Resultate für die Wohlfahrt des Volks nützlich zu machen. Seine Leistungen als Astronom und Physiker, seine Arbeiten über Galvanismus und Magnetismus, seine Forschungen über die Polarisation des Lichts, seine Entdeckungen über den durch Rotation entwickelten Magnetismus wußte er selbst zu neuen mächtigen Hebeln für Handel und Seefahrt, Industrie und Landwirthschaft zu machen. In seiner Hand war die Wissenschaft nie eine todte.

Das Leben Arago’s blieb nicht frei von Stürmen. Geboren am 26. Februar 1768 zu Estagel, genoß er seine erste Bildung im Collège zu Perpignan, welche Stadt sich in spätern Jahren nicht [16] die Ehre nehmen ließ, ihn als ihren Vertreter in die Deputirtenkammer zu senden. Kaum siebzehn Jahre alt, verließ Arago 1803 das Collège, um nach einem glänzenden Examen in die polytechnische Schule zu Paris einzutreten, von welcher aus er bald darauf dem Bureau der geographischen und astronomischen Längenmessungen am Observatorium als Sekretair zugetheilt wurde. Auf Empfehlung des berühmten Monge beauftragte ihn 1806 Napoleon, mit Biot und den spanischen Commissairen Chaix und Rodrigues, die von Mechain und Delambre begonnenen Arbeiten zur Messung eines Meridians fortzusetzen. Arago begab sich zu diesem Zwecke nach dem südlichen Spanien und legte mit dieser gewaltigen Arbeit, welche dem metrischen System zur Basis dient, den ersten Stein zu seinem Ruhme.

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Dominik Franz Arago.

Der mittlerweile zwischen Frankreich und Spanien ausbrechende Krieg zog dem jungen Gelehrten eine Reihe mannigfacher Drangsale zu. Rings um ihn begann die Bevölkerung zu den Waffen zu greifen; er selbst wurde für einen Spion gehalten und mußte sich als Bauer verkleidet flüchten. Auf nichts weiter bedacht als auf die Rettung seiner Papiere und Instrumente, suchte er Schutz auf einem spanischen Schiffe, und läßt sich gern in die Citadelle von Belver bei Palma einsperren, nur um in Sicherheit seinen Arbeiten obliegen zu können. Von hier konnte sich Arago nach Algier begeben und bald darauf nach Marseille einschiffen. Das Fahrzeug, das ihn der Heimath zutrug, wurde jedoch unterwegs von einem spanischen Kaper genommen, und Arago auf die Pontons von Palamos gebracht, wo er die schwersten Arbeiten verrichten mußte. Der Verwendung des Dey’s von Algier verdankte er das Ende seiner Leiden. Wiederum schifft er sich nach Marseille ein, allein, unglücklich wie das erste Mal sieht er sich an die afrikanische Küste zurückgeworfen, kommt in Bugia an und muß, um Algier sicher erreichen zu können, den Weg dorthin als Beduine verkleidet machen. Nicht viel besser denn ein Sklave gehalten, verwendete der Dey den jungen französischen Gelehrten als Dolmetscher auf seinen Korsarenschiffen und erst den wiederholten Vorstellungen des französischen Consulats verdankte Arago 1809 seine Freiheit.

Bei seiner Rückkehr nach Frankreich fand der so hart Erprobte die gerechte Anerkennung für seine Arbeiten, seinen Muth und die überstandenen Beschwerden. Obwohl erst 23 Jahre alt, wurde er doch schon zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt und zum Professor an der polytechnischen Schule, deren warmer Vertheidiger er zu allen Zeiten war und wo er zwanzig Jahre lang lehrte. 1830 wurde er zum lebenslänglichen Sekretair der Akademie der Wissenschaften gewählt und bekleidete diesen hervorragenden Posten bis zu seinem Tode. Besonders war es das Observatorium, dessen er sich vorzugsweise annahm, und dabei mit allen bedeutendern auswärtigen Akademien Verbindungen anknüpfte. Alle gelehrten Gesellschaften der Welt rechneten es sich zur Ehre an, ihn zu ihren Mitgliedern zu zählen und mit allen Heroen der Wissenschaft stand er in innigstem Verkehr. Bei diesem unaufhörlichen Verkehr mit ihm mehr oder weniger ebenbürtigen Geistern, übersah er gleichwohl nicht, junge Talente zu ermuthigen, zu pflegen und zu beschützen, und die strebsame Jugend fand stets einen treuen Berather an ihm. Die Ergebnisse seiner Arbeiten hat Arago in einer Reihe von wissenschaftlichen Werken, Memoiren und Biographien berühmter Gelehrten niedergelegt, außerdem war es hauptsächlich das Jahrbuch des Bureau der Längenmessungen, das ihn literarisch beschäftigte und das er zu einem Werke von höchster [17] Bedeutung machte. In seinen Schriften wie in seinen Vorträgen war er ein Muster von Klarheit, Eleganz und Geistesschärfe.

Arago war nicht blos Gelehrter. Vom Jahre 1830 an findet man seinen Namen auch mit der politischen Geschichte Frankreichs eng verknüpft und seine Betheiligung an den Ereignissen trug nicht wenig dazu bei, seine kräftige Constitution zu untergraben. Ihn half der Parlamentarismus aufreiben, dem Ludwig Napoleon ein Ende machte. Als ich im Sommer 1839 nach Paris kam, brachten mich Verhältnisse, die hier unerwähnt bleiben können, mit den sogenannten Männern des National, zu denen Arago seinen politischen Ansichten nach gehörte, in nähere Berührung. Bei Garnier-Pagès, dem damaligen Führer der Opposition, vereinigten sich diese Männer zumeist im geselligen Verkehr. Man traf dort den strengen Dupont de l’Eure, den liebenswürdigen Lafitte, Bethmont, Jolly, den schweigsamen Raspail, den unerschütterlichen Marrast, die demokratischen Buchhändler Pagnerre und Degouve-Denunques, den gewandten Bastide, den feurigen Dupoty und manch Andern noch; auch Arago kam zum öftern. Bei ihm hatte die Natur für einen großen Geist die entsprechende Hülle gewählt. Man kann selten eine stattlichere Gestalt gesehen haben, selten edlere und ausdrucksvollere Gesichtszüge als die seinen; in seinem Mienenspiel und seinen Bewegungen prägte sich die ganze Gluth des Südens, der ihn geboren, aus. Seine biegsame und klangvolle Stimme steigerte sich, wenn es die Gelegenheit mit sich brachte, zu gewaltigem Umfange; so standen ihm alle natürlichen Gaben der Rede zu Gebote, und bei seinem reichen wechselnden Vortrage fand er stets, ob er nun als Professor, Akademiker oder Deputirter sprach, aufmerksame Ohren. Der Mathematiker ließ sich insofern nie in seinen Reden verkennen, als er immer klar und bestimmt war, und die verwickeltsten Fragen zu allgemeiner Verständlichkeit zu bringen wußte.

So eifrig sich Arago auch der politischen Fragen annahm, so war er doch als Mann der Wissenschaft ungleich größer, denn als Politiker. Man konnte dies recht deutlich in den Zusammenkünften bei Garnier-Pagès gewahren. Ich glaube, seine wissenschaftlichen Arbeiten nahmen ihn zu sehr in Anspruch, um daß er sich hinlänglich mit politischen Studien befassen konnte, Politik aber mußte er als Franzose treiben, denn außerhalb der Politik ist in Frankreich wenig Ruhm zu ernten, und Arago liebte den Ruhm leidenschaftlich. Um des Glanzes willen, der seinen Namen umgab, sah sich Arago mit an die Spitze der demokratischen Opposition gestellt, er war dabei einer ihrer taktvollsten Wortführer und gab sich in der Kammer nie eine Blöße. Mit den meisten Franzosen theilte Arago das Gelüste nach dem Rheine, als Frankreichs natürliche Grenze, er konnte über diesen Gegenstand sehr eifrig sprechen und als Deutscher mußte man sich ihm gegenüber erinnern, daß eben jeder Franzose zur Stunde noch an dem traurigen Ruhmesvermächtniß des Kaisers zehrt.

Einige Jahre später hörte ich Arago am Grabe Garnier-Pagès’ sprechen und bei solchen Gelegenheiten war sein Vortrag von hinreißender Gewalt. Ein anderes Mal hörte ich ihn in der Kammer, als die Befestigung der Hauptstadt verhandelt wurde; er wandte zwar vergeblich den ganzen Zauber seines Wortes auf, allein seine Rede war nichts destoweniger ein Meisterstück, das weit hinaus über die engen Räume der Kammer wirkte. Die Februarrevolution führte Arago in die provisorische Regierung, nach deren Rücktritt er so ziemlich von dem politischen Schauplatz verschwand. Ein Triumph war ihm noch vorbehalten. Als Ludwig Napoleon die höchste Gewalt an sich gerissen und von allen Besoldeten des Staats den Eid der Treue verlangte, verweigerte Arago diesen Eid. Da beugte sich die Gewalt vor der Wissenschaft. Der Kaiser erließ dem Akademiker den Eid, um nicht das Vaterland der kostbaren Dienste desselben zu berauben. Es wurde hier auf beiden Seiten ehrenhaft gehandelt.

Daß Arago’s Verdienste von Seiten der wissenschaftlichen Welt die gebührende Anerkennung fanden, wurde schon gesagt; in mehr volksthümlicher Weise wurde sie ihm dadurch zu Theil, daß als er 1834 Großbritannien besuchte, die Städte Edinburg und Glasgow sich beeilten, ihm das Ehrenbürgerrecht zu ertheilen. Ebenso ernannte ihn der verstorbene König von Preußen, bei Stiftung des Ordens pour le merite 1842, zum Ritter desselben.

Die reichen Schätze seines Wissens hat uns Arago in einem umfangreichen literarischen Nachlaß aufgespeichert, worunter sich nebst Anderm ein höchst gediegener Abriß über „populäre Astronomie“ befindet, welche den Namen des Gefeierten mit neuem Ruhme umgeben wird. Arago macht dadurch die Sternenwelt dem Volke zugänglich. Noch größeres Aufsehen werden seine „Studien über die berühmtesten Erfindungen“ erregen, ein Werk, worin Alles, was Kunst und Wissenschaft hervorgebracht, auf das Erschöpfendste und Volksthümlichste behandelt ist. So hilft er noch nach seinem Tode die Schranken niederreißen, welche das Volk von der Erkenntniß der Wahrheit trennen.

Die rastlose Thätigkeit, mit welcher Arago Tag wie Nacht seinen wissenschaftlichen Forschungen oblag, hatte in der letzten Zeit sein Augenlicht merklich geschwächt. Die bei der Akademie einlaufenden Manuskripte, Memoiren, Berichte, Briefe u. s. w. mußte er sich daher vorlesen lassen. Dann in der Sitzung ließ er sich nur jedes Mal den Namen des Verfassers nennen, und erstattete hierauf mit bewundernswürdigem Gedächtniß Bericht über den betreffenden Gegenstand, dabei keine Forschung der alten wie neuen Zeit außer Acht lassend.

So starb er, 67 Jahre alt, in voller Geistesfrische, und ärmer wurde die Welt um eine ihrer schönsten Zierden; zu ihren Unsterblichen zählt sie aber Ihn, der, um ganz groß zu sein, nur etwas weniger hätte Franzos sein müssen.




Der alte Herr.
(Schluß.)

Den glänzenden Kreis von Denkern und Dichtern, der Karl August umgab, kennt die Welt. Schiller, Goethe, Wieland, Herder, Knebel, Einsiedel, Musäus und einige Zeit auch Jean Paul waren seine Freunde und meist seine Tischgenossen. Wodurch fesselte er die erhabensten Geister deutscher Nation an sich? spendete er ihnen Schätze und Reichthümer? Nein, er konnte bei den beschränkten Mitteln seines Landes jene Männer nur mäßig bedenken. War der Ort ein kleines Naturparadies, das poetische Gemüther und kontemplative Geister unwiderstehlich anzuziehen vermochte? Nicht doch! Weimar war damals einem großen Dorf oder kleinen Landstädtchen ähnlicher als dem Bilde, das man sich von einer Herzoglichen Residenz machen mochte. Das Schloß, im Jahre 1774 durch einen furchtbaren Brand verheert, lag Jahrzehnte hindurch als wüster Trümmerhaufen da. Karl August residirte mit seiner Gemahlin und dem Hof in dem sogenannten Fürstenhause, einem wenig ansehnlichen und an Raum beschränkten Gebäude. Die Stadt hatte etwa 7000 Einwohner, sie war von einer halbverfallenen Festungsmauer mit alten Thürmen und übel duftenden Wassergräben umgeben. Durch dunkle feuchte Thore ging man hinaus in eine wenig anmuthige Gegend, oder trat man aus dieser herein, in einen Complex kleiner unansehnlicher, meist noch mit Schindeln gedeckter Häuser. An beiden Seiten, unmittelbar vor der Stadt lagen Reihen alter Scheunen, deren Strohdächer von Alter, Regen und Wetter grau geworden waren, und auf welchen mannigfaltige Moose wucherten. Nur einige Hauptstraßen waren gepflastert, die meisten Gassen und Gäßchen lebten noch im Urzustand, hüllten im Sommer die Wandelnden in dicke Staubwolken, verwandelten sich bei Regen und Thauwetter in Tümpel und Schmutzlachen. Auf einem mächtigen Kuhhorn blies des Mittags der Hirt durch das Städtchen, klatschte mit einer Peitsche, welche die ganze Gasse todtesgefährlich durchschwirrte, herum, worauf sich Thüren und Thore aufthaten, und die Rinder brüllend heraussprangen, daß man schnell retiriren mußte, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, aufgegabelt und in die Luft geschleudert zu werden.

Das ärmliche, dumpfe, düstere Bild ist jetzt verschwunden; aber damals war es so, wie ich beschrieben, und das konnte also jene Geister gewiß nicht für Weimar gewinnen, und sie [18] daselbst festhalten. Man denke sich aber in jenem düstern Aufenthalte die Dichter, Denker, in betreßten, langschößigen Röcken, kurzen, engen Beinkleidern, seidenen oder auch nur baumwollenen Strümpfen, gold- und silberbeschnallten Schnäbelschuhen, Perrücken, oder gepudertem Haar mit langen steifen Zöpfen, den kleinen dreieckigen Hut unter dem Arm, den Degen an der Seite, – man denke sich Goethe, Wieland, Herder, Schiller, Knebel, so durch die engen Straßen zur Mittagstafel nach Hof wandelnd. Dies alles konnte sinnliche Dichternaturen nicht anziehen. Was sie fesselte, war die wahre, ungeheuchelte Achtung, die Karl August ihnen zollte. Ihnen gegenüber war er nicht Herzog, war er ein weiser, liebevoller Mensch, mit warmem, wohlwollendem Freundesherzen. Er zog sie an, nicht um mit ihnen zu prunken, sondern seinem geistigen Bedürfniß Nahrung zu verschaffen. Die Gespräche, die er mit ihnen über die mannigfaltigsten Materien geführt, wären sie uns aufbewahrt, man würde erstaunen, was Alles in dem Kopf und Herzen dieses seltenen Fürsten gelebt.

So lieb und werth ihm aber von der Natur geadelte Menschen waren, mit so großer Aufrichtigkeit er sie seine Freunde nannte, so wußte er doch seine Fürstenwürde und seine Fürstenpflicht auch ihnen gegenüber zu bewahren. Durften sie als seine Freunde alles Gute von ihm erwarten, so wäre es ihnen doch unmöglich gewesen, auf diese Freundschaft und Vertraulichkeit hin irgend etwas bei ihm durchzusetzen, das mit seinen allgemeinen Pflichten für seine Unterthanen, oder mit seinen gefaßten Ueberzeugungen von der Nützlichkeit oder Nothwendigkeit einer Sache sich nicht hätte vereinigen wollen. Es mochte ihm das zuweilen peinlicher sein, als er sich merken ließ, aber er war in solchen Fällen weder durch rasche Angriffe zu überrumpeln, noch durch wiederholte Versuche weich und nachgiebig zu machen.

Mancherlei Noth in dieser Beziehung verursachte ihm besonders Herder. Dieser reizbare, starre, rechthaberische Kopf konnte seinen Gelehrtenstolz und seine hierarchische Herrschsucht nicht bemeistern; er wollte überall der Erste sein. Auch war er nicht frei von Neid. Daß er Goethe, den er in Straßburg als Student verehrend zu seinen Füßen gesehen, in Weimar nicht blos neben, sondern später sogar über sich sehen mußte, machte ihm oft böses Blut. So fehlte es Herder nicht an Conflikten mit Untergebenen, mit dem Publikum, mit Kollegen, Vorgesetzten, ja mit Karl August selbst. Dieser aber blieb sich gleich. Er war des großen Denkers Freund, gebot ihm indessen nöthigenfalls als Landesherr in einer Weise, die alle weitere Appellation kurz abschnitt. Es wären interessante Fälle zu erzählen, aber wir dürfen uns nicht in’s Einzelne einlassen, wenn aus der kurzen Skizze nicht ein Buch hervorwachsen soll.

Wie Karl August alle Arten von Dunkelmännern zuwider sein mußten, kann man sich von einem solchen aufgeklärten Geiste denken. Sie standen in gar schlimmem Ansehn bei ihm. Was sie unter dem Deckmantel der Religion seit Jahrhunderten ihres Vortheils wegen der wahnbefangenen Menschheit Uebles zugefügt, das konnte ihn, wenn die Rede darauf kam, in früheren Jahren namentlich, wo er sich noch rücksichtsloser seinem Temperamente überließ, in helle Zornesflammen auflodern machen. Redliche, von wahrhaft christlichem Geiste beseelte Diener der Kirche dagegen ehrte und achtete er aufrichtig, und es existiren viele Beispiele, daß er diese mit großer Auszeichnung behandelte. Ein Mann wie Röhr (der Generalsuperintendent) stand in hohem Ansehn bei ihm. Nur die Anmaßenden haßte er, und diese haßten ihn wieder, weil er ihre Macht nicht anerkennen und nicht fürchten wollte und wie sie mit heimlichem Ingrimm wohl erkannten, nicht zu fürchten brauchte. Denn er verdummte sein Völkchen nicht, er klärte es auf. Die Intriguen dieser Leute konnten daher Karl August nicht gefährlich werden; Hirtenbriefe, die allergehorsamst zum frechsten Ungehorsam gegen die Staatsgewalt aufreizten, hatte er nicht zu fürchten. Entschieden trat er dem geistlichen Hochmuthe entgegen, der unter der Maske christlicher Demuth hervorglitzerte. Da liefen, um ein Beispiel anzuführen, von dem Eisenacher Konsistorium einst Klagen über neologische, d. h. neuerungssüchtige Vorlesungen, die in Jena gehalten würden, an ihn ein. Es waren damit Paulus’ Vorlesungen über Dogmatik gemeint. Die geistlichen Herren erwarteten wenigstens eine demüthige Controverse des Landesherrn. Glaubt doch mancher Dorfpfarrer mit der höchsten weltlichen Macht gleich und gleich verhandeln zu dürfen. Und wird die Hierarchie doch heute noch von manchem mächtigen Fürsten durch Rücksichten und Nachsichten in diesem kitzelnden Glauben bestärkt.

Karl August verachtete diese Anmaßungen, und drückte das auf die fatalste Weise aus. Vergeblich warteten die gestrengen Herren in Eisenach auf Einstellung jener Vorlesungen oder wenigstens auf eine Entschuldigung des Herzogs. Es kam gar keine Antwort.

Eine Anecdote mag hier folgen, die den Charakter des alten Herrn näher beleuchtet.

Den Sommer über bewohnte Karl August das römische Haus im Park. Er hatte da nur einen Lieblingslakeien zur Bedienung, und einen Husaren für schnelle Aufträge nach der Stadt. Oft wandelte er mit der geliebten Cigarre im Munde in den schattigen Gängen herum, oder hing auf einer Bank unter der Colonade sitzend seinen Gedanken nach. An einem schönen Sommerabend geht ein junger Bürgersmann, Sattler seines Handwerks, in heiterer Bierlaune von dem nahen Dorfe Oberweimar nach Hause. Als er auf dem breiten Wege, der durch den Park nach der Stadt führt, in die Nähe des römischen Hauses kommt, sieht er am obersten Rande einer Treppe, die in die untern Theile des Gebäudes führt, seinen Freund, des Großherzogs Leiblakei, mit dem Rücken dem Wege zugekehrt, in einem Buche lesend, sitzen. Bei diesem Anblick wandelt den Spaßvogel die Lust an, einen Scherz auszuführen. Vorsichtig schleicht er heran, stellt sich seitwärts in gehörige Positur, holt aus, und zischend fährt sein Spazierrohr hernieder auf den breiten Rücken des in die Lektüre Vertieften.

Verwundert dreht sich der Getroffene um, und – wie vom Donner getroffen stürzt der Bürger auf die Knie mit hoch erhobenen flehend gefalteten Händen, rufend: „Gnade! Gnade! Königliche Hoheit!“

Es war der alte Herr, der Großherzog von Weimar, der den kräftigen Hieb empfangen. Die Verwechselung war in der Dämmerung leicht. Der Lakei hatte eine ähnliche Figur und trug dieselbe Kleidung wie sein Herr, Soldatenmütze, grüne Pikesche, graue lange Beinkleider.

Aus des alten Herrn Antlitz schoß im ersten Augenblick ein fürchterlicher Zornesblitz auf den Knieenden. Aber sogleich die unglückliche Verwechselung begreifend, dreht er sich ohne ein Wort zu sagen wieder um und fährt ruhig in seiner auf eine so unerwartete Weise unterbrochenen Lektüre fort.

Der zum Tode erschrockene Spaßmacher kriecht einige Schritte hinterwärts auf den Knieen fort, springt dann plötzlich wie ein angeschossener Eber auf und fort, kommt leichenblaß und verstört nach Hause, legt sich an allen Gliedern zitternd in’s Bett, zieht die Decke über sich, und bringt in Todesschweiß gebadet und von den furchtbarsten Vorstellungen gepeinigt eine fieberische Nacht zu.

Am andern Morgen, als der Lakei Karl August das Frühstück mit einer außergewöhnlichen Demuth servirt, fragt der Herzog ihn ruhig über dies und jenes Gewöhnliche. Endlich sagt er wie beiher: „Apropos! Du hättest mich beinah nicht lebend wieder gesehen. Gestern Abend wurde ein Mordanfall auf mich gemacht!“

„Ach! Königliche Hoheit,“ erwiedert der Lakei ängstlich aber mit Zornesröthe im Gesicht, und in seiner Kraftsprache, die der Herzog dem erprobten Diener nicht übel nahm, „Lassen Sie Gnade für Recht ergehen! Ich weiß wohl, der Ochse glaubte – Seine Mutter hat mich gegen Morgen herausgeklopft, er ist in Verzweiflung – er will fort.“

„Ich konnte mir’s denken, daß der Schlag Dir gegolten,“ sagte der Herzog.

„Ach ja, Königl. Hoheit, ein Scherz für mich.“

„Den Teufel auch,“ erwiederte der Herzog, „ein Scherz! Du kannst Dir gratuliren, daß Du ihm entgangen. Ich werde die Spur davon einige Zeit herumtragen!

„Heiliger Gott! das Vieh!“ fährt der Lakei heraus.

„Wer ist denn Dein geistreicher Freund?“ fragt Karl August etwas spöttisch.

„Die gutmüthigste, beste Seele von der Welt, Königl. Hoheit. Ein treuer Unterthan, ein friedlicher Bürger, ein guter Sohn, der seine alte Mutter ernährt und liebevoll pflegt, nur etwas plump, etwas ungehobelt. Der liebe Herr Gott muß ihn ganz und gar mit Blindheit geschlagen haben, daß er – – aber, nicht wahr, Königl. Hoheit verzeihen ihm?“

[19] „Was soll ich machen,“ erwiederte der alte Herr, „ich kann ihn doch nicht köpfen lassen! Geh und beruhige ihn, ich kann mir denken, daß er einige Angst hat. Sapperment! Hand an seinen Landesherrn zu legen. Sag ihm, ich verzeihe, er soll aber die Sache für sich behalten, wie Du auch. Es ist doch eine kitzliche Sache.“

Die Freude des unglücklichen Spaßvogel, als ihm der Lakei die Verzeihung des alten Herrn brachte, kann man sich denken.

Im Sommer 1828 fuhr Karl August nach Berlin, um eine neu angekommene Enkelin von sich zu sehen. Der Körper war alt und abgenutzt, sein Geist aber jung und regsam geblieben. Viele Jahre hatte er schon Alexander von Humboldt zu seinen besten Freunden gezählt, auch in Berlin wollte er ihn beständig um sich haben und „als sei eine solche Helligkeit, wie bei den erhabenen schneebedeckten Alpen, der Vorbote des scheidenden Lichtes“ – schreibt Humboldt darüber „nie habe ich den großen menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher, milder und an aller fernern Entwickelung des Volkslebens theilnehmender gesehen, als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.“ Diese geheimnißvolle Klarheit des Geistes bei so viel körperlicher Schwäche war für Humboldt ein schreckhaftes Phänomen, wenn man es als den Vorläufer der Endschaft des irdischen Daseins nimmt. Es ist aber auch, mit dem Blick nach oben das tröstlichste Phänomen, als freudige Aufregung des Geistes, wie man sie empfindet bei den nahen Vorbereitungen zu einer großen Reise, die wir aus einem beengten Zustand in ein freies Land empfinden.

Dieser Geist, der dem Laufe der irdischen Natur nach im besten Falle nur noch wenige Schritte von seinem Grabe entfernt war, benahm sich bei einem Frühstück in Potsdam, wo er mehrere Stunden mit Humboldt ganz allein saß, wie er sich in seiner wißbegierigsten Jugend benommen hatte. Er saß mit Humboldt auf dem Kanapee, trank und schlief abwechselnd, war heiter, aber sehr erschöpft. Und von was unterhielt er sich in den Intervallen zwischen Schlaf und Wachen? Mit den schwierigsten Fragen wendete er sich wissensdurstig, der einundsiebzigjährige, körperlich ganz hinfällige Greis, an Humboldt. Ueber Physik, Astronomie, Meteorologie und Geographie, über Durchsichtigkeit eines Kometensternes, über Mondatmosphäre, über die farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecken auf Temperatur, Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt innerer Erdwärme!

„Er schlief,“ schreibt Humboldt, „mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und fragte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich um Verzeihung bittend: „Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!“

Hört, liebe Leser, fast die letzten Worte, die er auf dieser Erde gesprochen, wie sie Humboldt in jenem Briefe aufbewahrt hat.

„Karl August klagte über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller freien Geistesregungen. „Dazu sind es unwahre Bursche,“ rief er aus, „die sich dadurch den Fürsten angenehm machen wollen, um Stellen und Bänder zu erhalten! Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben sie sich eingeschlichen.“ „Das ist eine menschenfreundliche Lehre“ (die christliche) sagte er; „aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultra’s.“

Auf der Rückreise von Berlin, in Gräditz bei Torgau, fiel Karl August, am Fenster stehend, seinem Kammerherrn sterbend in die Arme.

Das war ein Fürst, liebe Leser! Sein Land nimmt auf der Karte einen sehr kleinen Raum ein. Er konnte nicht, wie Philipp der Zweite, der Verdummer seiner Völker und Menschenlieferant für die Scheiterhaufen, sagen, daß in seinem Reiche die Sonne nie untergeht. Aber er ließ über seinem Ländchen eine geistige Sonne aufsteigen, die in majestätischer Pracht weithin über die Erde ihre leuchtenden Strahlen sandte und noch sendet. – Er hatte keine Armeen, mit denen er die Länder hätte überziehen und verheeren können, und doch wurde er einer der größten Eroberer, denn er gewann sich die ganze intelligente Welt. Seine Krieger waren jene großen Denker und Dichter, und ihre Waffen waren – Gedanken. Mit Gedanken wurde ein ununterbrochener Kampf auf Tod und Leben gegen alles geführt, was die Menschheit schändet, was die Völker in dummen Vorurtheilen fesseln und den Gang zur Humanität aufhalten will. Hat Karl August es nicht dahin bringen können, daß jeder Bauer des Sonntags ein Huhn im Topfe habe, seine Schuld ist’s nicht gewesen. Gethan hat er dafür, was ihm möglich. Ein Höherer als die Allerhöchsten auf dieser Erde scheint es nicht haben zu wollen. Warum, weiß er allein!




Das Wasser
in seiner Beziehung zum menschlichen Körper.

Das Wasser ist ein ebenso unentbehrlicher Stoff für alles Lebendige, wie die atmosphärische Luft (s. Gartenlaube Nr. 51 v. J.), aber eben so wenig wie diese ein Element, sondern ebenfalls ein zusammengesetzter Körper, und zwar aus zwei gasförmigen Grundstoffen, aus Wasserstoff und Sauerstoff (s. Gartenlaube Nr. 28 v. J.) zusammengesetzt. Es besteht nämlich das Wasser aus 8 Gewichtstheilen Sauerstoff und 1 Gewichtstheil Wasserstoff, oder aus 2 Raumtheilen Wasserstoff und 1 Raumtheil Sauerstoff. Die größte Menge des Wassers auf unserer Erde kommt als tropfbare Flüssigkeit in Seen, Flüssen, Quellen, Bächen u. s. w. vor, sodann findet es sich aber auch noch in fester Gestalt (als Schnee, Eis, Hagel) und in Luftform; denn als unsichtbares Wassergas und sichtbarer Wasserdunst (Nebel, Wolken) ist es überall in der Atmosphäre verbreitet. Aus dieser wird es, nachdem das Wassergas oder der Wasserdunst in Folge seiner Abkühlung in tropfbarflüssigen oder festeren Zustand versetzt worden, in der Form von Regen, Schnee, Thau u. s. w. auf die Erdoberfläche herabgeführt, um Quellen, Bäche und Ströme zu speisen, sowie Pflanzen, Thiere und Menschen zu tränken und sodann wiederum mittelst beständiger Verdunstungsprozesse von der Erde und ihren Bewohnern in den Luftkreis zurückzukehren, so daß auf diese Weise das Wasser in einem ewigen Kreislaufe zwischen Erde und Luftkreis begriffen ist. Es bildet übrigens das Wasser fast 3 Viertheile nicht nur jedes organischen Körpers, also von Pflanze, Thier und Mensch, sondern überhaupt der ganzen Erde.

Das Wasser übt ebensowohl vermöge seiner chemischen, sowie auch durch seine physikalischen Eigenschaften enormen Einfluß auf das Entstehen und Bestehen der Erde und ihrer Bewohner aus, denn es vermag nicht blos die meisten festen und luftförmigen Körper aufzulösen und dann das Aufgelöste unter gewissen Bedingungen wieder in seiner frühern Form auszuscheiden, sondern es ist auch im Stande, Stoffe von dem einen Orte wegzuwaschen und an einem andern aufzuschwemmen, sowie aufgelöste oder abgeriebene Stoffe aus der Tiefe der Erde an der Oberfläche derselben zu Tage zu bringen. Als Auflösungsmittel trägt es zur Beförderung aller chemischen Prozesse und ebenso zum richtigen Vonstattengehen des Stoffwechsels in den organischen Körpern bei, als Hauptbestandtheil organischer Substanzen dient es zur Erhaltung der nöthigen Eigenschaften und Kräfte derselben. – Eben wegen seiner Fähigkeit, die meisten Stoffe auflösen zu können, findet sich das Wasser nie rein in der Natur vor, sondern stets mit löslichen Substanzen vermischt. Am häufigsten ist das Wasser versetzt: mit atmosphärischer Luft und Kohlensäure, mit kohlensaurem, phosphorsaurem und schwefelsaurem Kalke und Talk, mit Kochsalz, Kieselerde und kohlensaurem Eisen. Es ändert sich natürlich die Zusammensetzung des Wassers nach der Verschiedenheit des Bodens, den es berührt, auch finden sich sehr oft organische, pflanzliche und thierische Stoffe darin vor. Von der Art und Menge dieser Bestandtheile des Wassers hängt nun wesentlich sein Geschmack, seine Farbe und seine Fähigkeit ab, ein passendes Getränk für uns abzugeben. Größerer Reichthum an dem einen oder dem andern mineralischen Bestandtheile oder Gase ertheilt dem Quellwasser den Namen eines Mineralwassers, und diese [20] Wässer, welche nach der größern oder geringern Tiefe, in welcher sie der Erdrinde entspringen, warm oder kalt zu Tage kommen, stellt man durch Kunst gerade so her, wie sie die Natur liefert. Die bekanntesten Mineralwässer sind: die moussirenden kohlensäurereichen Mineralwässer (auch Säuerlinge genannt), welche außerdem gewöhnlich noch reich sind entweder an kohlensaurem Natron (d. s. alkalische Säuerlinge, wie Selters, Salzbrunn, Pyrmont) oder an Eisen (d. s. kohlensäurehaltige Stahlwässer oder Sauerbrunnen, wie Spaa, Pyrmont), einige derselben sind warm (wie Karlsbad, Ems, Wiesbaden), andere kalt (wie Franzensbad, Pyrmont, Selters, Kissingen, Bilin, Marienbad); die zusammenziehend, tintenartig schmeckenden Stahl- oder Eisenwässer, unter denen Pyrmont und Spaa obenan stehen; die nach faulen Eiern riechenden Schwefelquellen, entweder warme (Aachen, Warmbrunn, Baden bei Wien) oder kalte (Neudorf, Weilbach, Bocklet, Doberan); die Salzwässer mit verschiedenem Gehalte an Bittersalz (d. s. Bitterwässer, wie Püllna, Saidschütz, Epsom), an kohlensaurem und schwefelsaurem Natron (wie Karlsbad, Franzensbad, Marienbad), an Kochsalz (Salinen) und Kalk.

Das Wasser, mit dem wir es im gewöhnlichen Leben zu thun haben, bezeichnet man als süße, salzige und stehende Gewässer. – Das süße Wasser, welches uns zum Getränke dient, kennen wir als Regen-, Quell-, Brunnen- und Flußwasser. Das Regenwasser ist zwar das reinste der süßen Gewässer und schmeckt deshalb eigenthümlich fade, enthält aber dennoch Spuren von Kohlensäure, Salzen (Kochsalz), Ammoniak und atmosphärischer Luft (die aber etwas reicher an Sauerstoff und ärmer an Stickstoff als die gewöhnliche Luft ist, weil sich der Sauerstoff leichter im Wasser löst als der Stickstoff). Daß nicht selten das Regenwasser noch mit Stoffen verunreinigt sein muß, welche sich in der Atmosphäre gerade aufhielten, ist natürlich. Dem geschmolzenen Schneewasser mangeln die Gase des Regenwassers; es soll, wie die kanadischen Jäger bezeugen, den Durst nicht zu löschen vermögen. – Das Quellwasser ist ursprünglich Regenwasser, welches durch die Erde filtrirt ist, aber an irgend einer abhängigen Stelle auf festem Grunde sich zu einem Strahl ansammelt und so an der Erdoberfläche wieder zum Vorschein kommt. Die Bestandtheile des Quellwassers sind nach dem Boden, welchen es durchdringt, sehr verschiedenartige; von Gasen enthält es Kohlensäure und atmosphärische Luft (von ersterer mehr, von letzterer weniger als das Regenwasser), von festen Substanzen gewöhnlich kohlensaure, schwefelsaure und salzsaure Erden und Alkalien (Kalk, Natron, Kochsalz) aufgelöst. Die Temperatur des Quellwassers, gewöhnlich 6–10°, hängt von der Wärme der Erdschichten ab, durch welche dasselbe emporsteigt, und richtet sich sonach hauptsächlich nach der Tiefe des Ursprungs der Quelle. – Das Brunnenwasser ist dem Quellwasser ziemlich ähnlich, allein weil es langsamer als dieses durch die Erde filtrirt, hat es einen größern Reichthum an erdigen Substanzen, besonders an kohlensaurem und schwefelsaurem Kalke, und dieser Reichthum ist um so größer, je mehr Kohlensäure darin vorhanden, welche die Auflöslichkeit des Kalkes befördert. Die Menge jener Kalksalze bedingt die Härte des Brunnen- und Quellwassers, welche sich recht gut dadurch mindern läßt, daß man durch Kochen die Kohlensäure austreibt, worauf sich ein großer Theil der Kalksalze ausscheidet (als Topf- oder Kesselstein anlegt). Hartes Wasser taugt übrigens seines Kalkgehaltes wegen weder zum Kochen (besonders der Hülsenfrüchte und des Fleisches), noch zum Kaffee-, Thee- und Malzaufguß, noch auch zum Waschen, Bleichen und Färben. Hierzu muß weiches Wasser verwendet werden, und ein solches ist das Regen-, Schnee- und Flußwasser. – Das Flußwasser, welches aus einer Vereinigung von Quell- und Regenwasser besteht, enthält außer den Stoffen dieser Wässer auch noch lösliche Bestandtheile des Flußbettes und muß deshalb in verschiedenen Flüssen sehr verschieden sein. Häufig ist das Flußwasser auch noch mit organischen Substanzen verunreinigt. Das Wasser der Landseen theilt im Allgemeinen die Eigenschaften des Flußwassers. – Zu den salzigen Gewässern gehört, abgesehen von den salzigen Mineralwässern, das Meer- oder Seewasser, welches etwa zwei Drittel unserer ganzen Erde einnimmt. Dasselbe zeichnet sich vor dem süßen Wasser durch seinen großen Salzgehalt aus, und dieser besteht vorzugsweise aus Kochsalz, Bitter- und Glaubersalz. An verschiedenen Stellen des Oceans ist dieser Salzgehalt verschieden, am größten im stillen Ocean, am geringsten an den Küsten des nördlichen Europa's, steigend nach den Wendekreisen zu. Zum Getränke für den Menschen ist das Meerwasser vollständig untauglich, doch läßt es sich durch Gefrieren, Destilliren und Filtriren ganz oder zu einem großen Theile von seinen Salzen befreien und dadurch trinkbar machen. Stets ist auch noch das Meerwasser dichter und schwerer, sowie wärmer als das süße Wasser; bemerkenswerth hierbei ist ferner, daß die Wärme in den obern Schichten des Wassers aller Meere immer, bei den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, so ziemlich auf demselben Stande bleibt. – Stehende Wässer, in Sümpfen, Gräben, Teichen, Lachen u. s. w., welche vorzüglich in warmer Jahreszeit in Folge der Fäulniß organischer Substanzen dem Menschen schädliche Gase (Kohlen-, Phosphor- und Schwefelwasserstoff) entwickeln, enthalten zu viel organische Substanzen und Fäulnißprodukte, als daß sie trinkbar sein könnten, jedoch lassen sie sich durch Kohlenpulver etwas verbessern.

Als Trinkwasser empfiehlt sich demnach am meisten das Quell- und Brunnenwasser, und dieses führt dem Körper nicht blos Wasser, sondern auch wichtige Kalksalze zu. An ein gutes trinkbares und gesundes Wasser sind aber folgende Anforderungen zu machen: es muß vollkommen klar und farblos, krystallhell sein und dies auch bei längerem Stehen an der Luft bleiben; es muß perlen, also Luft, zumal Kohlensäure enthalten; es muß völlig geruchlos sein und von reinem, erquickendem Geschmacke, ohne irgend welchem Beigeschmack; zur Sommerzeit muß es kalt, im Winter dagegen wärmer als die atmosphärische Luft sein. – Das Wasser, welches von uns getrunken wird, nimmt seinen Weg größtentheils schon vom Magen aus, in das Blut und wird dann von diesem an allen Punkten des Körpers in Verbindung mit andern Bestandtheilen des Blutes in so großer Menge abgesetzt, daß unser Körper einem mit Wasser getränkten Schwamme gleicht. Ueberflüssiges Wasser im Blute wird baldigst durch die Nieren und die Haut entfernt, so daß enorme Mengen Wassers und zwar bei magerer Kost getrunken werden müßten, wenn bedeutendere Störungen der Gesundheit eintreten sollten. Sehr häufig wird im Gegentheil der zu geringe Genuß von Wasser die Ursache von Krankheiten. Doch hiervon in einem spätern Aufsatze.
(B.) 


Der Montblanc und seine Besteigung.

An der Grenze von Wallis im Herzogthum Savoyen erhebt der König der europäischen Berge sein riesiges Haupt. Aus einer Reihe von Schneegebirgen, die selbst wieder auf dem Rücken von schwarzen Fichtenbergen liegen, aus ungeheuren Gletschern, die gleich gefrornen Strömen weite Klüfte ausfüllen und sich in’s Thal hinüberstrecken, steigt die höchste Spitze der Alpen, der weiße Berg, Montblanc, bis 14,760 Fuß über die Oberfläche des Meeres. Im Westen der gewaltigen Massen dieser Gebirgsstockes von Nordost gegen Südwest zieht sich 5–6 Stunden lang das sehr hoch gelegene Thal Chamouny[WS 1] hin. Kaum über ein Jahrhundert, daß diese wegelosen Gegenden bekannter geworden; ihre Bewohner genossen eines mehr als zweideutigen Rufes und hatten dem ganzen Gebirge den bedenklichen Namen der Montagnes maudites[WS 2] (verwünschtes Gebirge) verschafft. Zwei Engländer erschlossen 1741 das Thal; ein paar Jahrzehnte später hatte des berühmten Genfer Naturforschers Saussure Name auch Chamouny berühmt gemacht und heute ist das enge Thal einige Monate des Jahres hindurch der Sammelpunkt unzähliger Reisenden. Es wird südwestlich von der Hauptkette des Montblanc mit seinen gewaltigen Eisfeldern, nordwestlich von den Aiguilles rouges („Aiguilles“ heißen die wie Nadeln aufsteigenden Gebirgsspitzen) und dem Breven, nordöstlich vom Col de Balme begränzt. Tritt der Reisende von Wallis über den letztgenannten Berg in das Thal, so wird er von einem Anblicke überrascht, der selbst in diesem Lande alpinischer Größe noch etwas ganz überraschend Großartiges hat.

Vor ihm liegt die gewaltige Pyramide des Montblanc vom [21] Gipfel bis zur Sohle frei und unverhüllt, umgeben von den verschieden benannten Zacken und Nadeln grauer Felsenspitzen, die wieder durch gewaltige Gletscher getrennt sind, die ihre erstarrten Wogen in das grüne Thal der Arve hinabsenken; – ein überwältigender Eindruck! Denn dieser höchste Gipfel Europa’s, obgleich 6–7000 Fuß niedriger als der Chimborasso. steigt aus der Thalfläche von Chamouny höher empor als der Fuß des amerikanischen Bergriesen über seine nächste Umgebung, das Thal von Quito. Fast 12,000 Fuß erhebt sich der Montblanc über das Thal; diese ganze imposante Höhe mißt der Blick auf einmal. Ungefähr 7000 Fuß unter dem Gipfel[WS 3] ist der Berg beständig von Eis und Schnee bedeckt. Während das Thal unten in üppiger Vegetation grünt, sind die Seiten und Abhänge des Gebirgsstockes eine beträchtliche Strecke aufwärts mit dichten und finstern Wäldern bekleidet und höher noch mit dem Schimmel von Jahrhunderten.

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Der Montblanc vom Chamounythale aus.

Einen Weg auf die Spitze dieses in unvergänglicher Majestät weit hinaus glänzenden Berges zu finden, war lange ein Gegenstand des Ehrgeizes, sowohl der Anwohner wie für die Männer der Wissenschaft. Noch der junge Geschichtsschreiber der Schweiz, Johannes von Müller, konnte sagen: „Man weiß keinen Menschen, welcher den weißen Berg oder den Schreckhorn erstiegen hätte.“ Ein erster Versuch fand auf Veranlassung Saussure’s 1762 statt; er war wie mehrere folgende ohne Erfolg. Endlich fand 1785 Peter Balmat den einzigen Pfad, auf dem man zum Gipfel gelangen kann. Diese Entdeckung kam im nächsten Jahre Dr. Paccard aus Chamouny zu statten, der unter Leitung jenes Führers und Angesichts vieler Einwohner von Chamouny und der dortigen Fremden am 8. August wirklich den Gipfel erreichte. Ein Jahr darauf erstieg Saussure selbst den Berg und theilte der Welt eine genaue Erzählung aller Erscheinungen mit, welche er im Laufe des Unternehmens beobachtete. Bis zum Jahre 1812, wo ein Herr Rodez aus Hamburg den Gipfel erreichte, zählt man drei gelungene Versuche, bis 1827 sieben weitere, neben einem, welcher durch den Fall einer Lawine und den Verlust dreier Führer unterbrochen wurde, was um so mehr zu bedauern ist, da diese Reise von dem russischen Arzte Hamel unter Vorbereitungen zu mannigfachen wissenschaftlichen Versuchen begonnen worden war. Dr. Barry bestieg am 17. Sept. 1834, eine Woche später im Jahre, als irgend eine der vorhergehenden Besteigungen stattgefunden, den Berg, und noch einige Wochen später machte ein Franzose den Versuch. Graf Tilly, der im Mai desselben Jahres den Aetna bestiegen, hatte gehört, daß noch keiner seiner Landsleute die Besteigung unternommen, während bereits elf Engländern und mehreren Andern dies gelungen. Dies bestimmte ihn sofort, diesen scheinbaren Vorwurf auf dem hellen Ruhme seines Landes zu verwischen, und das Resultat war – Erfolg, auf Kosten seiner Füße, die er erfroren hatte. Im Jahre 1837 bestieg ein Engländer Atkins den Montblanc, wohl der jüngste der bisherigen Besteiger des höchsten europäischen Felsenhauptes, noch nicht 19 Jahre alt, mit einem Landsmann Pidwell und dem Schweden Hudzengen; bei dieser Gelegenheit kam auch der kleine Hund eines Führers auf den Gipfel, jedenfalls das erste Thier dieser Art, das den Montblanc bestieg. Aber auch weibliche Namen zeigt die Liste der Helden dieses kühnen Unternehmens. Ein Mädchen aus Chamouny hatte ihren Bräutigam und andere Chamounyarden begleitet und war bald gehend, bald getragen auf die Höhe des Berges gelangt, aber Marie du Montblanc, wie sie von da an hieß, sollte lange ohne Nachfolgerin bleiben. Da unternahm Mademoiselle d’Angeville aus dem Departement de l’Air am 3. Sept. 1838 das schwierige Wagstück, zu dem sich die 42 Jahre alte, feingebaute, indeß an starke Fußreisen in den Bergen ihrer Heimath gewöhnte Dame die Mittel erspart hatte. Unter großen Anstrengungen und Beschwerden erreichte sie glücklich die Höhe, wo die Freude des Sieges sie dem artigen Hauptführer einen Kuß bewilligen ließ, ihr aber noch die besondere Auszeichnung zu Theil wurde, noch höher als der Montblanc sich zu befinden, indem die Führer sie auf ihren Armen emporhoben. Die Heldin trank ein Glas Champagner auf die Gesundheit des Grafen von Paris.

Die Reise auf den Montblanc ist heut zu Tage weniger schwierig als vormals, wegen größerer Bekanntschaft mit dem Berge (obgleich Gletscher u. A. sich öfters ändern) und vielfacherer Erfahrungen, aber verhältnißmäßig kostspieliger geworden. Jeder Theilnehmer bedarf mindestens vier Führer, von denen der Hauptführer [22] einige hundert, jeder andere nicht unter 100 Franken erhält, so daß, einige Nebenkosten für Lebensmittel, Wein u. A. hinzugerechnet, die Kosten einer Montblancbesteigung für die Person 400 bis 500 Fr. kommen. Die Führer von Chamouny sind eine merkwürdig intelligente, scharfsinnige und unternehmende Menschenklasse. Einer, Namens Coutet, auch der Begleiter des Fräulein d’Angeville, wird von verschiedenen Reisenden als eine sehr geistvolle und in jeder Hinsicht achtungswerthe Persönlichkeit erwähnt. Die meisten der Chamounyführer sind stolz auf die Auszeichnung, den Montblanc erstiegen zu haben; aber bei der noch immer großen Gefahr des Unternehmens wenden ihre weiblichen Angehörigen allen ihren Einfluß an, um sie von der Uebernahme dieses Geschäftes abzuhalten. Die Rückkehr von dem Berge ist daher ein wahres Fest, mit Böllerschüssen und Gesang gefeiert, dem gewöhnlich andern Tages ein Mahl folgt, das den Führern gegeben wird. Bei demjenigen, das Fräulein von Angeville gab, nahm Marie du Montblanc die obere Stelle am Tische ein.

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Besteigung des Montblanc.

Um den Lesern eine möglichst anschauliche Schilderung von den Mühsalen und Gefahren einer Besteigung des höchsten europäischen Berges zu geben, folgen wir Mister John Auldjo vom Trinity-College in Cambridge, welcher die Reise im August 1827 unternahm und sie mit Karten und Zeichnungen publicirte. Sie giebt das klarste Bild, das wir kennen.

Als Mister Auldjo seine Wanderung begann, brachte er den ganzen Morgen mit dem Marsche durch den untern bewachsenen Theil des Berges hin. Bei der Annäherung an den Gletscher beim Beginne der obern und Schneeregion hielt er es für unmöglich, ihn zu betreten oder auf alle Fälle eine große Strecke längs ihm vorzugehen, wegen der auf einander gethürmten Massen von Eis und der tiefen und weiten Risse, die jeden Augenblick den eingeschlagenen Weg unterbrechen. „Hier,“ bemerkt der Reisende, „zeigt sich die Gewandtheit und Erfahrenheit des Führers; die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der er eine gangbare Stelle entdeckt, ist außerordentlich; er schlägt den Weg über Stellen ein, wo man es für unmöglich halten sollte, daß ein menschlicher Fuß sie betrete. Wir gingen längs der Trümmer unzähliger, seit langem aufgehäufter Lawinen, die einen meist unebenen und ermüdenden Fußpfad bildeten. Ein weites Schneefeld, hie und da mit Massen gebrochenen Eises bedeckt, trat uns entgegen; bald erhob ein schöner Thurm von dieser Masse seine bläuliche Form und schien der stolzen Felsenspitzen über ihm zu spotten; bald zeigte sich ein ungeheurer Block mit Zinnen, die nun eine Masse Schnees trugen, jetzt lange und klare Eiszacken, gleich einem Schlosse, auf dessen zerbrochenen Wällen der Epheu überhängend in seiner büschlichen Schönheit oder liegend in reicher und dunkler Fülle, von dem Stabe einer Fee in die prächtigschimmernde Materie verwandelt worden war, die ihn jetzt zusammensetzte.“

An diesen niedrigeren Theilen des Berges kommt die Hauptgefahr von der Lawine, die jedoch meist Nachmittags zu fallen pflegen, wenn die Sonne die ungeheuern Massen darüberliegenden Eises abgelöst hat. Eine gleiche Gefahr drohen die zahlreichen Risse und Spalten in dem weiten Eismantel des Montblanc. Gegen das Hinabstürzen in diese abschüssigen Oeffnungen sucht man sich dadurch zu schützen, daß je drei sich mittels eines Seiles verbinden. „Wir waren,“ erzählt Auldjo, „von zu Bergen aufgepfeilertem Eise, bei jedem Schritte von Spalten, und zur Hälfte in irgend einen tiefen Abgrund versunkenen Massen umringt; der Ueberrest, über uns sich erhebend, schien unserm Vorschreiten unübersteigliche Barrieren entgegenzuwerfen; doch fand sich eine Stelle, wo Stufen mit dem Beile eingehauen werden konnten; und wir gingen über diese Brücken, oft das Eis mit einer Hand ergreifend, während die andere mit dem Alpenstocke den Leib balancirte, der über einem Abgrunde hing, in den das Auge drang, ohne sein Ende zu finden. Manchmal mußten wir von einer Eisklippe zur andern klettern, ein andermal längs eines Felsengrates auf Händen und Knien rutschen, oft in einen tiefen Spalt auf der einen Seite hinabsteigen, um den schlüpfrigen Abhang auf der andern hinaufzuklettern. Man konnte nicht aufgeräumter als meine [23] Führer sein, die lachten, sangen und scherzten; aber wenn wir an solche Stellen kamen, war der strenge, ernste Blick, der die Stelle des Lächelns einnahm, ein sicheres Zeichen großer Gefahr; augenblicklich, sobald wir an ihr unversehrt vorbei waren, kehrte das Lächeln zurück… Eine breite Eismasse setzte sich jetzt unserm Vorschreiten entgegen: wir erklommen ihre Seiten und passirten sie. Sie bildete eine Brücke über einen Spalt von großer Weite, der außerdem unserer Expedition ein Ende gemacht haben würde. Nachdem wir uns eine Zeit lang zwischen Klüften und ungeheuren Felsspitzen gewunden hatten, kamen wir an den Rand eines andern Spaltes, über den wir nur Eine Brücke sehen konnten, die nicht von Eis, sondern nur von Schnee und so dünn war, daß es unmöglich schien, sich ihr anzuvertrauen. Ein Plan ward entworfen, der den Uebergang ermöglichte. Man legte die Stöcke darauf; die Mitte gab nach und fiel in den Abgrund, an jeder Seite blieb aber noch genug, um Anhaltpunkte für die Stöcke zu geben, von denen dann 9 eine schmale, freilich mit größter Vorsicht zu passirende Brücke bildeten.“ Ueber andere zu weiche oder zu breite Schneebrücken half man sich durch das Hinüberziehen der Einzelnen, nachdem es vorher einem starken Führer gelungen war, hinüberzukriechen.

Mit allen diesen Mühseligkeiten war indeß doch erst die Hälfte, wenn auch die etwas größere, des Weges auf den Berg zurückgelegt, und zwar bis zu zwei spitzen Felsengipfeln, die man die Grands und Petits Mulets nennt. Die ersteren bieten gewöhnlich den Reisenden während der ersten Nacht der Tour Obdach, manchmal auch während der zweiten, denn Auf- und Herabsteigen erfordert häufiger drei als zwei Tage. Auldjo und seine Begleiter fanden die Grands Mulets durch eine fürchterliche Spalte unmittelbar an ihnen fast unzugänglich. Auch ein ungemein hoher Eiswall mußte mittels in das Eis gehauener Stufen erstiegen und dann eine Zeit lang auf seiner engen Höhe, die allenthalben in unergründliche Abgründe abfiel, hingegangen werden. Hier gleitete Auldjo aus und rutschte hinab, so weit das Seil reichte, mit dem er an die Führer befestigt war. Erst dann zogen diese, selbst feststehend, den Reisenden, der nun selbst mithelfen konnte, wieder zu sich und in Sicherheit. Dies Verfahren ist einleuchtend. Hätten sie während seines Hinabgleitens versucht, ihn aufzuhalten, hätten Alle das Gleichgewicht verlieren und hinabstürzen können. So galt es vor Allem, daß die Führer selbst festen Fuß faßten, um dann den Hinabgeglittenen sicher emporziehen zu können. Der Platz für die nächtliche Ruhe der Reisenden ist ein Felsenriff in der Nähe des Gipfels der Grands Mulets. Gegen den Felsen gelehnte Stöcke bilden eine Art Zelt. Dr. Barry (der 1834 den Berg bestieg) fand die Luft hier 40° Fahrenheit warm, litt also nicht vor Kälte. Ueber die beispiellos großartige und eindrucksvolle Scenerie, welche Barry, als er um Mitternacht aus seinem Zelte trat, erblickte, äußert er sich in folgenden Worten: „Es war eine herrliche Nacht. Der Vollmond war über den Gipfel des Berges aufgestiegen und schien glänzend auf die glatte Oberfläche seiner schneeigen Decke. Die Führer schliefen. So, in mitternächtiger Stunde, auf einer Erhöhung von 10,000 Fuß, stand ich – allein: mein Ruheplatz eine Felsenspitze, die sich dunkel über die erstarrte Wüste aufthürmte, aus der sie isolirt sich erhob. Unter mir lagen in wildester Unordnung aufgepfeilert die colossalen Eismassen, die wir erklommen hatten und deren Gefahren wir kaum entgangen waren; ringsum und oberhalb war ein See schönen aber verrätherischen Schnees, dessen versteckte Gefahren wir noch zu überstehen hatten. Das Juragebirg und mancher unbekannte Gipfel des Schweizerlandes, in der Entfernung dunkel erscheinend, gaben mir einen Vorgeschmack der Aussicht von noch erhabeneren Regionen. Das Thal von Chamouny ruhte schlafend am Fuße des Berges; und nur gelegentlich von dem donnernden Falle einer Lawine unterbrochen, herrschte das tiefste Schweigen. Es schien das unermeßlichste, ernsteste, erhabenste Bild einer ruhenden Natur – jetzt auffahrend wie in einem Fiebertraum – dann wieder in die tiefste Ruhe versinkend.“

Zwischen den Grands Mulets und dem Fuße des ausdrücklich Montblanc genannten Gipfels geht der Weg im Zickzack längs einer weiten aufsteigenden Rinne, die durch drei Eisfelder unterbrochen ist, deren letztes und breitestes das Grand Plateau genannt wird. Dieser Theil des Wegs ist vielfach durch Spalten und die Trümmer von Lawinen unterbrochen, ungeheure Massen, die jedoch wie vorher, manchmal als Brücken über die Klüfte dienen. Mit dem Beile eingehauene Stufen, um Platz für Füße und Hände zu bekommen, müssen auch hier helfen. Auldjo und seine Gefährten nahmen ihr Frühstück an einer hohlen oder hängende Brücke von Schnee, die ihnen Schutz vor dem scharfen Wind gewährte, der über das Eis blies, deren Fall sie aber auch unrettbar in den nahen Abgrund gestürzt haben würde.

Etwas über dem großen Schneerücken des Grand Plateau beginnt der Reisende gewöhnlich großen Durst und große Trockenheit der Haut zu empfinden, während der Reflex der Sonnenstrahlen von dem glitzernden Schnee nur durch den Gebrauch grüner Brillen oder eines grünen Schleiers ertragen werden kann. Das Aufsteigen längs der obern Firsten bis zur Spitze ist äußerst schwierig, theils wegen der größern Steile, theils wegen natürlicher Erscheinungen. Die in dieser Höhe sehr dünne Atmosphäre erzeugt bei der geringsten Anstrengung Entkräftung und Athemlosigkeit. Man kann nur wenige Schritte auf einmal thun und diese werden immer weniger und langsamer. „Zwei oder drei tiefe Einathmungen,“ sagt Dr. Barry, „scheinen nach jedem Stillstande hinreichend, um mir das Weitergehen zu ermöglichen; aber bei dem Versuche fand ich, daß die Athemlosigkeit wie vorher zurückkehrte. Eine kleine Ohnmacht wandelte mich an, so daß ich mich für einige Minuten setzen mußte; als nach einem kleinen Schlucke Weines eine größere Anstrengung gemacht wurde, und wir endlich auf dem höchsten Gipfel standen.“ Mister Auldjo scheint in einem noch elenderen Zustande gewesen zu sein: er war erschöpft, äußerst ermüdet, dem Ersticken nahe von der Trockenheit seines Gaumens und der Athemschwierigkeit; sein Kopf brannte schmerzhaft; seine Augen schmerzten entzündlich; der Reflex des Schnee machte ihn fast blind und brannte und zog zugleich sein Gesicht in Blasen auf. Er wollte nicht weiter; aber seine Führer entschlossen sich, ihn hinaufzutragen, ehe sie ihn der Enttäuschung, vor dem Ziele zurückgewichen zu sein, aussetzen wollten.

Oben änderte sich dies. „Nach wenigen Minuten Ruhe auf dem Gipfel (der ein von Morgen gegen Abend sich erstreckender Grat ist, an der höchsten Stelle beinahe horizontal und so schmal, daß zwei Personen kaun nebeneinander gehen können) war alle Erschöpfung, Schwäche und Gleichgültigkeit gewichen; die Bergspitze war gewonnen – die Gefahren des Hinabsteigens wurden für einen Augenblick vergessen – und es geschah mit einem nie vorher gefühlten Freudenschauer, daß ich mich an die Betrachtung des Anblickes umher und unter mir machte. Der Gesichtskreis, obgleich durch Bergketten in verschiedenen Richtungen begränzt, umfaßt beinahe ganz Sardinien (Savoyen und Piemont), die westliche Hälfte der Schweiz, ein Drittel der Lombardei und ein Achtel von Frankreich – ja bis zu den Bergen Toskana’s reicht der Blick – Alles dies unter einem Himmel buchstäblich ohne eine Wolke.“ Saussure und Dr. Barry zündeten Feuer auf dem Gipfel des Montblanc an, da aber bei der äußersten Dünne der Luft, welcher der Sauerstoff fehlt, nur durch unablässigen Gebrauch von Blasbälgen unterhalten werden konnte. Der Siedpunkt des Wassers ward von Saussure auf dieser Höhe bei 187° Fahrenheit gefunden (45 Grad unter dem Punkt, auf dem es in der Ebene siedet). Die Dünne der Luft vermindert auch die Wirkungen des Schalles. Eine abgefeuerte Pistole knallt schwach, etwa wie eine Rakete, was theilweise auch von dem Mangel jeglichen Echo’s und des Abprallens von festen Gegenständen auf diesem so hohen Gipfel herrührt. Die feierliche Stille, welche herrscht, wird kaum durch die Stimme der mit einander Sprechenden unterbrochen, da ihr schwacher Ton mit Mühe gehört wird. Der Körper fühlt sich merklich leichter; Capitän Sherwill schildert dieses Gefühl in den Worten: „Es schien, als könnte ich die Klinge eines Messers unter die Sohle meiner Schuhe bringen oder zwischen sie und das Eis, auf dem ich stand.“ Sonne und Himmel bieten einen eigenthümlichen und herrlichen Anblick; die Farbe des einen ist das dunkelste, tiefste Blau, während die Sonnenscheibe äußerst schmal und von einer vollkommenen und glänzenden Weiße wurde. Dr. Barry erklärt diese Tiefbläue des Himmels aus der gleichzeitigen Aufnahme der Strahlen vom Schnee durch das Auge; nachdem er sich auf seinen Rücken gelegt und so jeden Einfluß des Schnees ausgeschlossen hatte, war die natürliche Farbe großentheils wieder hergestellt. Als Saussure den Berg bestieg, entdeckte man nahe am Gipfel zwei Schmetterlinge, eine kleine graue Phaläne und einen Myrtil, an den obersten Felsen kleine knotige Flechten; so [24] daß selbst auf diesen eisigen Höhen nicht alles Leben der treibenden Natur erstorben ist.

Der Rückweg vom Gipfel ist oft nicht weniger beschwerlich und erfordert wegen der Steilheit und des Zurückprallens der Sonnenstrahlen, welche die nahen Abgründe beleuchten, wegen großer Hitze, weicheren Schnees, in den man einsinkt, gleiche Vorsicht. Oft ist man genöthigt, scharf sein Ziel im Auge, Abhänge hinabzugleiten; ein Ueberschießen des Zieles kann Verderben bringen. Gewitterstürme und dichter Schneefall überraschen nicht selten die Heimkehrenden und machen die Lage noch bedenklicher, wenn die Spur des Heraufwegs dadurch verloren gehen sollte. Dann quälen Hagelschauer und Kälte, wie vorher Hitze. Genug, um auch die Unerschrockendsten beben zu machen. Mit Auldjo, dessen lebendige Beschreibung wir theilweise benutzt haben, wiederholte sich eine Scene, wie sie wohl aus der Schreckenszeit des französischen Rückzugs aus Rußland erzählt werden. Er war in einem solchen Hagel- und Schneesturme so erstarrt, daß ihn die Führer im Kreise umschlossen, mit ihren Körpern wärmten, ihre Jacken auf ihn deckten, seine Hände in ihren Busen wärmten, während Andere auf seinen Füßen lagen, und ihn so wieder in einen Zustand brachten, daß er weiter gehen konnte. Am Abend erreichte er Chamouny, von dem er nur 37 Stunden abwesend gewesen. Dieses „nur“ werden die Leser nun zu würdigen wissen, wenn sie nochmals die Mühen und Gefahren dieser Zeit an ihrem Geiste vorübergehen lassen. Und doch versichern Alle, welche diese Reise zurückgelegt, daß die Erhabenheit und Herrlichkeit Dessen, was sie gesehen, alle jene Mühseligkeiten überreichlich aufwiege!
Dr. L–n. 




Blätter und Blüthen.


Besuch bei A. v. Humboldt. Professor Silliman von der Universität Yale in Amerika hat eine interessante Reise durch Europa gemacht und beschrieben und dabei natürlich auch A. v. Humboldt besucht, welcher wohl noch von keinem wissenschaftlichen Manne der Welt, sobald es möglich war, unbesucht blieb. Wir kennen A. v. Humboldt bereits aus Nr. 37 der Gartenlaube v. J. und mögen deshalb ohne weitere Einleitung die Schilderung des Amerikaners übersehen. „Seine Wohnung in Berlin, versteckt in einem abgelegenen Theile der Stadt, ist ein einfaches Gebäude. Er ist selten zu Hause und würde es auch jetzt nicht gewesen sein, wäre der König nicht nach Königsberg gereist. Sonst wohnt er nämlich fast immer mit dem König in Potsdam, der ihn immer in seiner Nähe hält, sei es der Gesellschaft und Unterhaltung oder des Rathes wegen, den die Weisheit und Erfahrung vieler Jahre zu geben vermag. Wir gingen durch seine Bibliothek, welche eine große Räumlichkeit von allen Seiten füllt. Er kam uns aus seinem Privatzimmer sehr freundlich und mit der größten Unbefangenheit entgegen. Wir fühlten uns sofort ganz frei und leicht mit ihm. Sein ganzes heiteres Wesen drückt großes Wohlwollen aus, und aus dem Borne seinen unermeßlichen Wissens strömte ununterbrochen eine ganze Stunde lang ein Strom der anregendsten Mittheilungen; doch ging er dabei stets auf das Freundlichste auf alle unsere Fragen ein (Herr Silliman hatte seinen Sohn bei sich). Ihm stand das beste Englisch vollkommen zu Gebote und er sprach es sehr angenehm. Von diplomatischer und großmännischer Steifheit ist keine Spur bei ihm. Er ist so gesprächig und zugänglich, als hätte er nicht den geringsten Anspruch auf seine Größe. Seine stimme ist außerordentlich musikalisch; dabei ist er so lebhaft und liebenswürdig, daß man glaubt, er sei ein alter Freund. Seine Größe ist mittel, und die geringe Beugung in seiner Haltung läßt durchaus nicht den Achtziger vermuthen. Von der Stumpfheit hohen Alters keine Spur: seine Augen leuchten noch im Glanze der Kraft, seine Bewegungen sind leicht. Gesichtszüge und Umfang haben etwas Rundes, aber durchaus nichts Feistes. Das Haar ist dünn und schneeweiß, der Geist jung und ununterbrochen thätig, die Sprache brillant und häufig aufleuchtend in prächtigen Gedanken. Er schmeichelte uns wegen unserer Fortschritte in den Vereinigten Staaten, wie sich das besonders in dem „Amerikanischen Journal für Wissenschaft und Kunst“ zeige. Er zeigte sich mit allen unsern wissenschaftlichen Unternehmungen und Männern vollkommen vertraut und machte uns dann den von ihm schon vor 40 Jahren vorgeschlagenen Kanal durch den Isthmus von Darien zur Verbindung des stillen und atlantischen Meeres, auf einer Karte, die er ohne Brille gebrauchte, klar. Er führte uns rasch und sicher und leicht durch alle möglichen Gebiete des Wissens und zeigte sich auch politisch mit unsern Verhältnissen ganz vertraut. Humboldt, obgleich innig mit einem König verbunden, ist offenbar ein Freund menschlicher Freiheit und freut sich des Gedeihens unsres Landes. Er machte einige sehr treffende Bemerkungen über die Zustände Europa’s und die Unmöglichkeit, die Macht des Wissens und Willens, wenn sie eben vereinigt seien, durch physische Gewalt niederzuhalten. Zuletzt erzählte uns der 80 jährige Mann, daß die meisten seiner Arbeiten gemacht werden müßten, wenn junge Leute schliefen. Seine meiste Zeit werde vom König in Anspruch genommen. Er habe schon früh die Entdeckung gemacht, daß er mit vier Stunden Schlaf sehr gut auskomme. So läßt sich allerdings die ungeheuere Menge und Stoffhaltigkeit seiner litterarischen Arbeiten erklären, aber auch nur so.“




Musikalisches. Die Hausmusik hat Robert Schumann einen neuen Genre zu verdanken; er hat soeben in der Musikalienhandlung von Bartholf Senff in Leipzig drei Balladen herausgegeben für Deklamation mit Klavierbegleitung. Die Musik ist in Verbindung mit dem gesprochenen Worte ganz an ihrer Stelle und vermag zu einem schönen Gedichte und dessen richtigem Vortrage die Seelenstimmung des Zuhörers gar wirksam zu erhöhen. Vielleicht wird man also für die Folge nun bisweilen in Gesellschaft und Concert mit Accompagnement declamiren, wie man jetzt singt. Sei dem wie ihm wolle, diese Balladen müssen schon der Eigenthümlichkeit wegen Interesse einflößen. Nr. 1: „Schön Hedwig“ von Hebbel ist ein Gedicht inniger Freude und Ritterlichkeit. Schumann hat dazu eine Musik gesetzt, welche in dem kleinen Umfange von etwa hundert Tacten lauter Schönes enthält; überall ist vortrefflich Maaß gehalten. nirgends nimmt die Musik mehr Boden in Anspruch, als ihr zukommt; sie umdunkelt die Gruppen nicht, sie giebt ihnen Beleuchtung durch Töne. Nur sechs Seiten, aber eine schöne Gabe. Nr. 2: „Ballade vom Haideknaben“ von Hebbel und Nr. 3: „Die Flüchtlinge“, Ballade von Shelly, sind schaueriger Natur und besonders die letztere ein wild bewegtes Nachtstück. Mit doppelter Macht wird hier das Herz bewegt, wenn zu den düstern Gedichten Schumann’s charakteristisch schildernde Accorde und zuckende Rhythmen ertönen.




Der musikalische Bratspieß. Die merkwürdigste Vereinigung von Musik und Gesang findet man bei dem reichsten Herrn Treviso’s, dem Grafen de Castel Mario, und zwar in der Form eines Bratspießes, der zugleich 130 andere Röst- und Bratwerkzeuge dreht und dabei nach der Reihe [24?] Arien spielt. Jede Arie und jeder Theil derselben entspricht einem gewissen Maße der Zeit, welches die verschiedenen Bratensorten zum Garwerden gebrauchen, so daß der Koch bald weiß, bei welcher Arie Hammelkeule à l’Anglaise gut, bei welcher Geflügel à la Flamande u. s. w. Daß die Braten an Feuer in verschiedenen Tönen, Stoßseufzern und manchmal langen, schwitzenden Angsttönen Vocalmusik machen, wird hoffentlich allen unsern Lesern und Leserinnen bekannt sein. Man kann sich also denken, wie der reichste Herr von Treviso stets in einem Meere von Gesang, Musik und Düften schwebt und er stets genau weiß, wenn das Concert zu Ende sein und die Kunstthätigkeit des Kauens, Schluckens und Verdauens feierlich beginnen kann. Es muß sehr schön sein; wir Leser der Gartenlaube wollen aber vorläufig unser Fleisch noch in eigener Musik braten lassen und unsere Küche nicht zu aristokratischer Kochmusikdrehorgelspielerei herabwürdigen.




Tischverrücktheit. Der Jahresbericht des Irrenhauses von Ohio in Amerika weist sechsundzwanzig Personen nach, welche durch das geisterhafte Verrücken von Tischen in den Köpfen verrückt wurden. Wir könnten viel mehr solcher Tischverrückter außerhalb der Irrenhäuser nachweisen; doch scheinen die meisten wieder ohne Arzt, blos durch den Balsam der Alles lindernden Zeit, besser geworden zu sein. Die Tischverrücktheit und Geisterklopferei ging von einer jesuitischen Gaunerbande in Amerika aus, welche auf diese Weise ihren Zwecken, noch mehr aber ihren Taschen dienen wollte.




Heiraths-Gebräuche in Japan. Wenn eine Japanesin (sie sollen sehr schön sein) heirathen will, werden ihr erst mit einem ätzenden Mittel alle Zähne schwarz gebeizt. Die Angeschwärzte wird nie wieder weiß und zeigt so bei jedem Lächeln, daß sie verheirathet oder wenigstens Wittwe ist. Bei jeder Geburt eines Kindes wird ein Baum im Garten gepflanzt, der seine volle Größe bis zur Heirathszeit erreicht. Soll nun das Kind heirathen, wird der Baum umgehauen und von dessen Holz die nöthigen Meubles gemacht, so daß Mann und Frau ihren verarbeiteten Baum mit in die neue Wohnung bringen, um von hier aus wieder auf „grüne Zweige“ (wie in Japan die Kinder heißen) zu kommen.




Der schwerste Körper. Zu einer Gesellschaft, in der sich Benjamin Franklin befand, wurde einmal die Frage aufgeworfen: „welches der schwerste Körper sei?“ Der Eine rieth auf Blei, der Andere auf Quecksilber, der Dritte auf Gold, und Der, welcher es am Besten wußte, auf Platina. Man fragte endlich auch den berühmten nordamerikanischen Buchdrucker um seine Meinung. Dieser antwortete: wahrscheinlich die Luft. Man fand dieses sehr widersinnig – allein Franklin fuhr fort: „Es ist bekannt, daß die Schwere der Luft von ihrer Dichtigkeit abhängt, und ihre Dichtigkeit von dem Drucke, mit dem sie zusammengedrückt wird, da sie eine elastische Flüssigkeit ist. An der Erde wiegt ein Kubikfuß Luft 27/8 Loth, und auf dem Chimborasso nur noch 11/2 Loth. Wenn die Erde im Innern große Höhlen hat, so muß in diesen die Luft dichter und schwerer sein als auf der Oberfläche. In einer Tiefe von zwölf Meilen ist sie schon schwerer wie Quecksilber und dieses schwimmt auf der Luft. Noch einige Meilen tiefer ist sie dichter und schwerer als Gold, Platina und alle Körper, die wir kennen.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Chamonny
  2. Vorlage: mandites
  3. Vorlage: Gifel