Die Gartenlaube (1854)/Heft 7

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[67]

No. 7. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 1 bis 1 1/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 10 Ngr. zu beziehen.


Novelle von O. M.


„Ein für allemal sage ich Dir, es wird nie etwas daraus, François!“

„Aber Vater Meunier …“

„Schweig, Knabe, es bleibt dabei, meine Tochter soll niemals die Frau eines armen Schluckers werden, wie Du einer bist. Glaubst Du denn, François, ich habe mein ganzes Leben hindurch gearbeitet, um die sauer erworbenen Ersparnisse einem armen Teufel an den Kopf zu werfen, der meiner Tochter soviel wie nichts in’s Haus bringen kann? Richte Deine Augen anderswohin, mein Kind ist nicht für Dich!“

„Aber bedenkt doch, Herr Meunier, daß Ihr Euer Vermögen zum größten Theile meinem verstorbenen Vater zu danken habt, der Euch mit Rath und That unterstützt haben soll, wie man im ganzen Dorfe erzählt.“

„Nun hört aber Alles auf!“ rief hitzig Meunier. „Was weißt Du von meinen Spekulationen, Bursche, und von den Unterstützungen, die mir durch Deinen Vater geworden? Hätte derselbe das Seine zusammengehalten, wie ich es gethan, und nicht leichtsinnig sein Geld verliehen, vielleicht lebte er heute noch und wäre ein wohlhabender und angesehener Mann wie ich, der Maire Meunier von Carillon.“

„Ihr wollt Euch also nicht erweichen lassen, und mir Alice zur Frau geben? Wüßtet Ihr nur, wie ich sie liebe!“ rief François.

„Wahrhaftig! nun geht mir die Geduld aus. Entferne Dich, François! Mein Schwiegersohn wirst Du nie, es wäre denn, Du hättest zwölftausend Franken in der Tasche. Und höre, noch eins, treffe ich Dich wieder mit Alice allein, so kannst Du Dich auf eine Tracht Prügel gefaßt machen.“

Der arme François zerdrückte eine Thräne, die an seiner frischen Wange herablief, und schlich traurig davon. Die letzte Drohung des alten Maire schien jedoch wenig Eindruck auf den Verliebten gemacht zu haben, denn als die Dämmerung über die Gegend herniedersank, stieg François über Meunier's Gartenmauer und huschte in die von duftendem Jelängerjelieber umzogene Laube. Bald darauf schlüpfte eine weibliche Gestalt behend an dem Zaune dahin, und Alice stand vor dem armen François.

„Ich weiß Alles!“ weinte das Mädchen. „Der Vater ist böse auf Dich, François, und hat geschworen, Du sollest mich nie heimführen, denn Du seist ein armer Bursch, und hochmüthig dabei, als hättest Du das größte Gut in Carillon zum Eigenthum.“

„Es gab eine Zeit, wo mich Dein Vater lieb hatte, Alice. Weißt Du noch, wie er uns früher oft scherzhaft Mann und Frau nannte, und behauptete, wir paßten ganz trefflich zusammen? Das ist nun Alles vorüber, seit mein Vater gestorben ist und es sich gezeigt, daß er kein wohlhabender Mann war.“

„Und dann der alte, reiche Pächter Bissot! Seine Bewerbungen um meine Hand werden immer ernster, und der Vater begünstigt den zahnlosen Sünder und will, ich soll ihm Gehör schenken. Aber eher springe ich in den Fluß, als daß ich dem häßlichen Thiere zum Altar folge!“ rief Alice und stampfte dazu trotzig mit dem kleinen, hübschen Fuße.

„Mir ist ein Einfall gekommen, Herzblatt,“ sagte zärtlich der junge Bauer, indem er den Arm um die Geliebte schlang. „Was meinst Du, wenn ich nach Paris ginge und dort mein Glück versuchte. Zwölftausend Franken soll ich dem Vater ausweisen, dann will er uns zusammengeben; wer weiß, ob mir der liebe Gott nicht zu dem Gelde verhilft?“ –

„Zwölftausend Franken! Das ist eine große Summe,“ seufzte Alice.

„Es ist wahr,“ rief François, „aber bedenke, mein Herz, wie mancher arme Teufel schon in Paris sein Glück gemacht hat. Der Gedanke will mir nicht aus dem Kopfe, seit ich den Brief von meinem Onkel, dem Portier Brassin erhalten, worin er mich auffordert, nach der Hauptstadt zu kommen und als Garçon bei Madame Garnier in Dienst zu treten. Und höre, Alice, bin ich in drei Jahren noch immer der arme François, dann magst Du den alten häßlichen Bissot heirathen, ich aber will mich hinlegen und sterben.“ – Und François weinte bitterlich.

„Den Bissot heirathen?“ seufzte Alice, indem auch ihre Thränen flossen – „nein, mein François, das werde ich nie thun. Vertraue fest auf mein Herz wie ich auf das Deine, und will mein Vater mich nicht Dir zum Weibe geben, so gehe ich in ein Kloster.“

„Wir sind noch jung. Alice, ich bin zwanzig und Du siebzehn Jahre alt. Wir wollen Gott fleißig bitten, daß er uns glücklich mache – und bleiben wir einander nur treu, so wird vielleicht noch Alles gut!“ –

„Du willst also Garçon werden in dem Hotel?“ fragte Alice.

„Ja gewiß, das will ich! Den Herrn Pfarrer werde ich bitten, das kleine Vermögen, was aus dem Nachlasse meines Vaters mir geblieben, aufzubewahren, und dann werde ich unser liebes Dorf verlassen, um meinem Glück oder meinem Unstern entgegenzugehen. Du wirst mir treu bleiben, Alice, das weiß ich, denn Deine Liebe ist ja mein Leben, und der Gedanke, daß ich für Deinen Besitz mich mühe, soll mir eine Stärkung sein in allen trüben Stunden. Rechne auf keine Nachricht von mir, Alice, ehe die drei Jahre vorüber sind, dann aber will ich kommen, um Dir [68] zu sagen, ob Gott unser Gebet erhört, oder ob ich ein elender Mensch bleiben soll mein Leben lang!“

„Alice!“ erscholl die rauhe Stimme des Vaters vom Hofe her, und die Liebesleute fuhren auseinander.

Wenige Tage später wanderte François mit einem leichten Bündelchen auf dem Rücken nach dem Pfarrhause, um seinem alten, ehrwürdigen Lehrer Lebewohl zu sagen. Der Greis empfing den Jüngling mit freundlichem Händedruck.

„Du willst also unser stilles Dörfchen verlassen, mein Sohn, um anderswo Dein Glück zu versuchen?“ begann der alte Pfarrer. „Gott möge Dich leiten, daß die fromme Saat, welche ich in Dein reines, unverdorbenes Herz gestreut, nicht untergehe in dem wilden, lasterhaften Treiben der Hauptstadt. Habe immer Gott vor Augen und im Herzen und denke oft der Lehren, die ich Dir gegeben, so wirst Du ein guter Mensch bleiben. Dein kleines Vermögen, es besteht in etwa tausend Franken, werde ich übrigens treulich verwalten.“

„Noch eine Bitte habe ich auf dem Herzen, ehrwürdiger Herr!“ sagte traurig der Jüngling.

„Welche ist es, mein Sohn?“

„Ihr kennt ja meine Liebe zu Alice Meunier, sie ist Ursache, daß ich die Heimath verlasse, um einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen. Uebertragt die väterliche Freundschaft, welche Ihr mir stets gezeigt, auf die arme Alice, seid Ihr ein freundlicher Schützer und Rather, und wenn ich nach drei Jahren nicht wiederkehre, so tröstet das arme Kind,“ schluchzte François[1].

„Wohl kenne ich Deine tugendhafte Neigung,“ lächelte der Greis, „aber bedenke nur, mein Sohn, daß ein Jüngling von zwanzig Jahren sich mit dem Heirathen nicht zu übereilen braucht. Sei fleißig, sparsam und redlich, so wirst Du vielleicht in wenigen Jahren ein kleines Vermögen erworben haben, und trittst Du dann vor Alice’s Vater, so dürfte er eher Deinen Wünschen ein geneigtes Ohr leihen.“

„Aber Bissot, der alte, reiche Pächter, wirbt um Alice’s Hand!“ jammerte der junge Bauer.

„Ich glaube nicht, daß Meunier dem alten Manne seine blutjunge Tochter zum Weibe geben wird,“ tröstete der Pfarrer. „Und nun, François, ziehe mit Gott Deiner Bestimmung entgegen, sei fromm, redlich und fleißig, und möge Gottes Auge stets über Dich wachen!“

Weinend verließ François den ehrwürdigen Pfarrer, und wanderte aus dem traulichen Dörfchen, in dem er so lange glücklich gewesen war. Noch einmal blieb er stehen auf dem Hügel, welcher ihm die letzte Aussicht nach Carillon gewährte und bat Gott in brünstigem Gebete, ihm Alice’s Liebe zu erhalten, dann eilte er rasch auf der Landstraße dahin dem fernen Paris entgegen.

Nach einigen ermüdenden Tagereisen sah François eines Abends die ungeheure Hauptstadt vor sich, und blickte staunend auf das Häusermeer, welches vor ihm ausgebreitet lag. Er setzte sich unter einen kleinen Baum, zog seine Abendmahlzeit hervor und verzehrte sie frohen Herzens, denn das Ziel seiner Reise, die Quelle, aus der sein Glück fließen sollte, lag vor ihm.

„Da wäre ich denn angelangt, gesund und voller Hoffnung,“ rief er, „aber wie werde ich wieder von dannen ziehen? Glücklich und wohlhabend, oder arm und verachtet?“

„Das wird ganz von Dir abhängen, Bursche!“ sagte eine Stimme hinter François[2].

Ueberrascht wandte sich der junge Bauer, und sahe einen langen Mann, der wenige Schritte von ihm im Grase saß und ruhig seine Pfeife rauchte.

„Ihr habt mich belauscht, Herr?“

„Wenigstens habe ich gehört, was Du da vor Dich hinplaudertest,“ antwortete der Mann mit der Pfeife. „Du willst also Dein Glück machen in Paris. Bauer? Da mußt Du es gescheidt anfangen, denn glaube mir, die Stadt ist angefüllt mit den besten Kerlen, die aus gleicher Absicht nach Paris gekommen sind. Hast Du viel Geld mitgebracht?“

„Ich bin ein armer Teufel, Herr, meine ganze Baarschaft besteht in wenigen Franken.“

Der Fremde that einige mächtige Züge aus seiner Pfeife. „Es würde nicht übel für Dich sein, Bursche,“ begann er, „wenn Du einen Freund hättest, der Dich vorerst mit dem Treiben in Paris ein wenig bekannt machte. Ich interessire mich für Dich, Du bist ein hübscher, glatter Junge, und solche sind zu brauchen – vielleicht würde ich mich entschließen, Dich unter meine Leitung und Aufsicht zu nehmen.“

„Gott lohne es Euch, mein Herr, daß Ihr so viel Güte gegen einen armen Burschen hegt, aber wißt, ich habe einen Onkel in Paris, den Portier Brassin im Hotel der Madame Garnier, zu dem will ich, da er mich seiner Herrin als neuen Garçon empfohlen hat.“

„Den findest Du heute nicht mehr auf,“ sagte der Fremde, „ich kann Dir aber für diese Nacht eine Herberge vorschlagen, die ihresgleichen in Paris nicht hat. Du kannst da in lustiger Gesellschaft für ein Billiges leben, so lange es Dir gefällig ist.“

„Ihr seid sehr gütig, Herr!“

„Wenn Du es erlaubst, mein Sohn, so werde ich also in Deiner Begleitung nach der Stadt zurückkehren. Uebrigens erwähne ich noch, daß ich Sergeant Callier bin, ein alter Krieger, der nach der Schlacht bei Jena wegen schwerer Verwundung seinen Abschied nehmen mußte. Doch wird es Zeit, Bursche, daß wir aufbrechen!“

Die Beiden erhoben sich, und gingen nach der Stadt; der überglückliche François aber hielt es für ein höchst günstiges Zeichen, daß bei seinem Einzuge in dieselbe er schon einen Freund gefunden, der ihn mit Rath und That zu unterstützen versprochen hatte. Unterweges erzählte er daher dem alten Krieger alle die kleinen Leiden und Freuden seines Lebens, und verschwieg ihm auch seine Liebe zu Alice nicht.

„Das ist dummes Zeug,“ sagte der alte Soldat. „Ich wette, ehe Du einen Monat in der Stadt bist, hast Du das Dorfgänschen vergessen und küssest eine glatte Pariserin mit Locken und Federhut, o ich kenne das!“

„Was glaubt Ihr, Sergeant Callier?“ rief erröthend der Jüngling. „In meinem Leben wird es mir nicht einfallen, ein anderes Mädchen zu lieben als Alice Meunier!“

„Schon gut, Junge, aber jetzt laß uns links abschwenken, da kommen wir in die Straße Poissonniere, und nicht weit davon ist das Hotel meiner Freundin, der Madame Mabel, wo Du eine heitere, angenehme Gesellschaft kennen lernen sollst. Uebrigens rathe ich Dir, François, in Paris Dich über nichts zu wundern, oder Dein Erstaunen offen zu zeigen, sonst erkennt man in Dir sofort den unwissenden Bauer, und lacht Dich aus. Die Leute in großen Städten sind nun einmal anderen Schlages als Ihr beschränkten Landleute – und – vergiß ja diesen Rath nicht, mein Sohn, – wer unter Wölfen lebt, muß mit ihnen heulen!“

Der Sergeant war jetzt mit seinem jungen Begleiter in einer schmalen Gasse angelangt, deren unreinliche, baufällige Häuser von einem übelriechenden Dampfe umzogen waren, der aus den Fenstern und Essen verschiedener Garküchen hervordrang. Vor einer solchen blieb Callier stehen, und zog seinen Schützling hinter sich her auf die dunkle Hausflur. Stolpernd und um sich tappend erreichte das Paar endlich einen Hof, so klein, daß er zwischen den Gebäuden wie eine schmale Röhre sich hinaufzog, und von hier aus schob der Sergeant den Jüngling einige Stufen hinab in ein ziemlich großes Zimmer, welches durch das Licht einer Thranlampe matt erhellt war.

„Guten Abend, Mutter Mabel! Gebt mir ein Glas Genever und diesem kleinen Gelbschnabel hier auch eins, damit wir miteinander auf unsere glückliche Ankunft in Paris anstoßen können,“ rief der Sergeant einem alten, scheußlichen Weibe zu, die neben dem Kamine auf einem Bänkchen hockte.

„Was habt Ihr denn da für ein Bürschchen gefangen, Sergeant?“ erwiederte die Alte, indem sie aus einer großen steinernen Flasche den verlangten Branntwein in die Gläser goß.

„Es ist ein Bauernkind aus der Provinz, das seine Studien in Paris machen will. Mein Freund François wird einige Tage hier wohnen, Mutter Mabel, und ich hoffe, der junge Mann soll den vorzüglichen Ruf, welchen Euer Hotel in Paris genießt, vollständig gerechtfertigt finden.“

„Gewiß, Sergeant, er soll zufrieden sein! Nehmt Platz, meine Herren, und Ihr, junger Mann, mögt zur Aufbewahrung mir Euer Reisebündel übergeben.“

Der arglose François übergab seine Habseligkeiten der Mutter Mabel, die sich damit entfernte und bald darauf mit einigen Männern zurückkehrte, die den Sergeanten mit frohem Jubel begrüßten. wie einen Freund, der nach langer Abwesenheit wieder in den Kreis der Seinigen zurückkehrt. Der Sergeant warf ein Fünffrankenstück in Mabel’s Schoos und befahl ihr, die große Steinflasche [69] mit dem Genever auf den Tisch zu stellen, da er bei seiner glücklichen Rückkunft die alten Freunde zu bewirthen gedenke.

„Aber, wo sind Grace, Jeanette und die andern Kanaillen?“ rief einer der Männer.

„Sie putzen sich noch, Blutauge!“ antwortete Mutter Mabel.

„Nun trink, François,“ sagte der Sergeant, indem er dem Jünglinge ein Glas Branntwein hinschob. „Erinnere Dich, daß Du in Paris bist, wo man ungenirter lebt, als auf Euern Dörfern. Stoßt an, Ihr Herren! Auf das Wohl unseres jungen Freundes, eines wackern Oekonomen aus Cardenon!“

„Carillon!“ verbesserte François.

„Oder Carillon, es thut nichts nur Sache,“ fuhr der Sergeant fort. „Aber austrinken müßt Ihr allesamt, ein schlechter Kerl, wer nicht sein Glas leert!“

„Er lebe hoch!“ schrieen die Männer; „aus! aus!“

Mit Mühe trank François den Branntwein, er fühlte, wie ihm das starke Getränk nach dem Kopfe stieg, aber der Sergeant füllte ihm wiederum das geleerte Glas.

Während die Männer dem Genever zusprachen, öffnete sich eine Fallthüre, welche an der Decke der Stube angebracht war, eine Leiter wurde herabgelassen und drei Frauenzimmer, häßlich wie das Laster, stiegen in das Zimmer nieder, laut begrüßt von den zechenden Männern.

„Komm hierher, holde Grace!“ rief Blutauge. „Lange schon habe ich nach Dir geschmachtet, aber Mutter Mabel sagte, Du hättest den letzten Rausch noch nicht ausgeschlafen.“

„Ich danke für Deine Aufmerksamkeit, Blutauge,“ entgegnete das Mädchen, „aber ich werde mich jetzt zu dem kleinen, schüchternen Fremdling setzen, welcher heut zum erstenmale in unserem Hotel wohnt. Mache Platz, hübscher Junge, die schöne Grace will an Deiner Seite sitzen, und wenn Du mir gefällst und mich im Rausche nicht, zu sehr mißhandelst, will ich Dich zu meinem Geliebten erheben.“

„Ich danke Ihnen, Mademoiselle,“ antwortete François erschrocken, „ich habe bereits eine Geliebte, ein kleines, schönes Mädchen, Alice Meunier heißt sie.“

„Schäm Dich, hübscher Landmann, Du bist ungalant, und zur Strafe für Deine Grobheit sollst Du mir einen Kuß geben; vorher aber uns ein Glas Genever auf das Gedeihen unserer jungen Liebe trinken!“

Mit diesen Worten ergriff Grace ein gefülltes Glas und leerte es mit einem Zuge. Der Sergeant zwang François ein Gleiches zu thun.

„Ha, ha, Ihr seid lustige Leute, Ihr Pariser,“ lachte der halbtrunkene Jüngling, „wenn mich Alice hier sähe oder der Herr Pfarrer! – Grace, laß ab, Du beißt mich ja in die Wange!“

„Immer setze ihm zu, Grace, damit er das Heimweh verliert. Trinkt flott, Kinder, Mutter Mabel mag noch eine zweite Flasche bringen,“ rief der Sergeant. „Halloh, Todtengräber, auf Dein Wohl, alter Maulwurf!“ –

„Wir freuen uns herzlich, Sergeant, daß Du wieder da bist. „Wenn doch ein Wettersturm alle Galeeren zertrümmerte, die der Teufel selbst erfunden hat. Weißt Du noch, wie wir die kleine, alte Frau in der Straße Bissiere – – es war ein schönes Geschäft!“ –

„Halte Deinen Mund, Todtengräber – solche Dinge muß man vergessen. Aber trink doch, François, komm her, Alice soll leben, das schönste Mädchen in Carillon!“

„Ich thue Bescheid, Sergeant, sie mag leben, das süße Kind!“ erwiederte der berauschte François, sein Glas austrinkend. „Ach Grace, wie häßlich bist Du, bei Gott, eine wahre Nachteule!“ –

Eine fürchterliche Ohrfeige war Grace’s Antwort, in deren Folge der junge Landmann vom Stuhle fiel und unter den Tisch rollte. Die Gesellschaft lachte, und Grace, nachdem sie ihren unhöflichen Nachbar noch einige Fußtritte versetzt, nahm neben Blutauge Platz.

„Ist der Bauer fertig?“ fragte halblaut der Sergeant.

„Er ist toll und voll!“ sagte der Todtengräber.

„Gut, so laßt ihn ruhig liegen,“ fuhr der Sergeant fort, „ich brauche mich jetzt seinethalben nicht zu geniren. Ihr wißt also, meine Freunde, daß ich gestern Nacht frisch und gesund in Paris angekommen bin, nachdem ich mich aus dem hölzernen Palaste in Toulon ohne Erlaubniß meiner Hüter entfernt hatte. Es gehörte Entschlossenheit dazu, Kinder, aus dem Bagno zu entkommen – aber es gelang. Wir wollen nun unsere Arbeiten wieder gemeinschaftlich beginnen, und damit Ihr seht, daß ich noch der Alte bin, so werden wir schon morgen Nacht ein Geschäft machen. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen, ich habe blos noch einen kurzen Besuch zu thun, um mich von der Lebensweise eines reichen Dummkopfs zu unterrichten, und bald darauf können wir um Ducaten würfeln.“

„Du bist ein Juwel, Sergeant, und wir haben erst Deinen unersetzlichen Werth erkannt, als Du uns fehltest. Keine einzige Arbeit von Wichtigkeit kam zur Ausführung. Einige Uhren, seidene Tücher und magere Geldbörsen waren der Ertrag aller Bemühungen, so daß wir fast hungern mußten. Jetzt aber, wo der alte entschlossene Führer wieder an der Spitze steht, der wegen eines raschen Messerstichs oder der Anwendung einer guten Hanfschleife nicht große Bedenklichkeiten äußert, wird unser Geschäft wieder blühen, und unsere Finanzen werden eine günstige Umgestaltung erfahren,“ sagte der Todtengräber.

„Und wem werden wir einen Besuch abstatten, kommende Nacht?“ rief Blutauge.

„In der Straße St. Honorè wohnt ein alter, reicher Mann, einsam und zurückgezogen mit seinem Diener – aber der betrunkene Bauer da unterm Tische schläft doch auch wirklich?“ fragte der Sergeant.

„Er schläft süß!“ erwiederte Grace, indem sie François einen Fußtritt versetzte.

Der junge Bauer hatte zwar viel Branntwein getrunken, jedoch nicht soviel, daß er der Besinnung gänzlich beraubt gewesen wäre. Als ihn daher das aufgebrachte Mädchen mittelst einer heftigen Ohrfeige unter den Tisch warf, blieb er scheinbar vollkommen betrunken liegen, einmal um Grace’s ekelhaften Zärtlichkeiten auszuweichen, und dann auch um den Aufforderungen zum Trinken zu entgehen. Mit Entsetzen hörte er aus den Gesprächen der Gauner, in welche Gesellschaft er gerathen war, und einsehend, daß sein Leben von seiner Klugheit abhing, nahm er sich vor, die Rolle des Trunkenen fortzuspielen.

„Aber weshalb habt Ihr den Bauer hierhergebracht, Sergeant? Hat er Geld bei sich?“

„Das nicht, Blutauge, aber den Kerl können wir brauchen. Er soll als Kellner in dem Hotel der alten, reichen Madame Garnier angestellt werden. Können wir durch Wein und Mädchen den hübschen, unverdorbenen Jungen liederlich machen, wird er der Unsere, dann ist uns die schwere Geldcasse der alten Dame gewiß – bleibt er aber ein ehrlicher Bauerjunge, so werde ich, sein väterlicher Freund, bald Gelegenheit haben, das Haus und die Lebensweise der alten Garnier hinreichend kennen zu lernen, um die Dame der Sorge für ihre Reichthümer zu überheben. Mutter Mabel, ich mache Euch verantwortlich, daß nichts aus dem Bündel des Bauers entwendet werde, auch müßt Ihr ihm diese Nacht ein gutes Bett einräumen.“

„Alles wie Ihr wollt, Sergeant!“ krächzte die alte Wirthin.

„Nun hört also, Blutauge und Todtengräber, was ich für nächste Nacht bestimmt habe,“ fuhr der entsprungene Galeerensträfling fort. „Mit dem Schlage der Mitternacht seid Ihr in der Straße St. Honorè, vor dem Hause, welches mit der Nummer 27 bezeichnet ist. Ihr werdet auf unser bekanntes Zeichen herantreten und die Beute in Empfang nehmen, welche wir an einem Stricke aus dem Fenster herablassen. Während Leichenfinger und ich noch ein Weilchen in Kisten und Kästen herumstöbern, tragt Ihr das empfangene Gut zu Mutter Mabel. Das ist Euer Amt für die folgende Nacht; mit dem alten Herrn und seinem Diener werden der Leichenfinger und ich leicht fertig sein.“

„Dann wird aber der Leichenfinger einen größeren Antheil an der Beute haben, als wir!“ – brummte der Todtengräber.

„Allerdings,“ erwiederte der Sergeant, „dafür werden wir aber auch größere Gefahr ausstehen, denn ich glaube nicht, daß wir diesesmal ohne Schlinge und Messer fertig werden.“

„Der Sergeant hat Recht,“ rief Blutauge. „Was kommt es jetzt auf einige hundert Franken an, seit unser alter, kühner Führer zurückgekehrt ist. Die Zeit der Noth ist nun vorüber! Uebrigens braucht auch der Leichenfinger Geld, weil er eine seiner Töchter verheirathen will!“

„Versprichst Du mir eine neue Haube, Blutauge, wenn Ihr morgen glücklich seid?“ fragte Grace.

[70] „Die sollst Du haben, und die schönste obendrein, mein Engel! Aber wir vergessen ja zu trinken – füllt Alle die Gläser, es lebe unsere kühne lustige Zunft!“

Jetzt begann eine Orgie, welche die Feder nicht schildern kann, und die bis zum anbrechenden Morgen dauerte. François war ruhig auf seinem harten Lager geblieben und erst als die Wirthin der Diebsspelunke auf den hereinbrechenden Tag aufmerksam machte, faßte der Sergeant den Jüngling beim Arme, um ihn wach zu rütteln.

„Hoho! Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?“ rief François emporfahrend. „Wo bin ich denn? Auf den Dielen einer Stube – wie komme ich denn hierher?“

„Du hattest etwas zu tief in’s Glas geguckt, mein munterer Junge!“ lachte der Sergeant. „Na, das schadet nichts, bist ja ein Mann und ein hübscher obendrein!“

„Aber warum habt Ihr mich nicht zu Bett gebracht?“ sagte François. „Fürwahr, ich fühle meine Glieder kaum von dem harten Lager!“

„Dafür magst Du jetzt in’s Nest gehen, lustiger Gesell, und tüchtig ausschlafen. Nach einigen Stunden werde ich Dich aufwecken, um Dir Paris zu zeigen.“

„Wißt, Sergeant, mir wäre es lieber, ich könnte ein Stündchen in der frischen Morgenluft wandeln, hier ist es auch gar zu dumpf. Laßt mir das Haus öffnen, in einer Stunde bin ich wieder hier.“

„In Paris giebt es keine frische Morgenluft, mein Sohn. Lege Dich nur in’s Bett, und pflege einige Stunden der Ruhe, dann wollen wir einen Spaziergang machen und später bei Mutter Mabel zu Mittag speisen – ich habe die fette Gans schon gesehen, welche die ehrwürdige Frau heute auf die Tafel bringt!“

François wurde von Mutter Mabel in ein kleines Zimmer geführt, in dem ein Bett stand, und die Alte wünschte dem Jünglinge sanfte Ruhe, indem sie ihn zärtlich in die Wange knipp. François warf sich auf das Lager, aber kein Schlaf kam in seine Augen, das Verbrechen, welches in kommender Nacht begangen werden sollte, stand in schrecklichen Bildern vor seinem Geiste und er zerbrach sich den Kopf, was er beginnen solle, um die Raubmörder unschädlich zu machen. Daß der Sergeant ihn mißtrauisch beobachtete, hatte er wohl bemerkt, und ebenso war er überzeugt, daß ihn dieser auf einige Tage in der Spelunke festhalten und nicht aus den Augen lassen werde. Während er also sinnend auf dem Bette lag, fiel sein Blick aus ein breites Gesims, welches sich an der Wand hinzog, und mit alten Töpfen, Schachteln und sonstigem Geräthe bedeckt war, worunter sich auch ein zerbrochenes irdenes Schreibzeug befand. Hastig sprang François auf, nahm das Schreibzeug herab, erweichte durch einige Tropfen Wasser die vertrocknete Tinte und war so glücklich, nach einigem Suchen in einem alten Buche auch ein Blatt weißes Papier zu finden.

„Gott segne Dich, wackerer Pfarrherr, daß Du mich schreiben lehrtest!“ rief der Jüngling. „Durch diese Kunst werde ich mit des Himmels Hülfe im Stande sein, ein blutiges Verbrechen zu vereiteln und die Raubrotte in die Hände der Gerechtigkeit zu liefern.“ Dann schrieb er folgende Zeilen:

„In der heutigen Nacht werden Raubmörder in das Haus der Straße St. Honorè, welches die Nummer 27 trägt, einbrechen, um einen alten, reichen Herrn, der da allein mit seinem Diener wohnt, zu ermorden. Den Raub wollen sie um Mitternacht an einem Strick auf die Straße herablassen, wo ihn zwei Helfershelfer in Empfang nehmen und nach ihrer Diebshöhle bringen sollen.
François[3] Duprès aus Carillon,
zu erfragen im Hotel der Madame Garnier.“

François faltete das Papier, schob es in die Tasche, und nachdem er das Schreibzeug an seinen Ort gebracht, legte er sich vergnügt zur Ruhe und schlief sanft, bis er von dem Sergeanten geweckt wurde.

„Wach’ auf, Jüngelchen!“ rief der Gauner, „wir wollen einen kleinen Spaziergang machen, damit Du die Pariser Luft athmen lernst.“

„Wenn ich Euch bitten darf, Sergeant, so führt mich nach dem Hotel der Madame Garnier, ich habe große Sehnsucht, meinen Verwandten zu sehen,“ bat François.

„Dort sollst Du bald genug hinkommen, mein Sohn, aber ich habe Dich lieb gewonnen und wünsche Dir Gutes zu thun. Zweifle nicht, François, daß ich die ernstliche Absicht habe, Dich wohlhabend und glücklich zu machen, so daß Du vielleicht schon über’s Jahr Deine Alice heirathen kannst.“

„Ihr wollt mich glücklich und wohlhabend machen?“ fragte François, indem er den Sergeanten mit verstelltem Erstaunen anblickte.

„Warum nicht, Knabe? Ich kann mehr als Du glaubst. Willst Du mir in Allem, was ich Dir rathe, Folge leisten, so kannst Du sogar noch ein vornehmer Mann werden – doch davon reden wir später, jetzt folge mir, wir gehen nach der Straße St. Honorè, wo ich einen Auftrag zu besorgen habe.“

Das Aeußere des Sergeanten hatte sich seit gestern bedeutend verändert. Er trug eine schwarze, lockige Perrücke und über das Kinn herauf zog sich eine hohe Cravatte. Sein brauner Rock war mit goldübersponnenen Knöpfen besetzt und aus der Weste hing eine goldene Kette mit zwei großen Petschaften. In der rechten Hand führte der Gauner ein starkes, spanisches Rohr mit schwerem silbernen Knopfe.

An der Seite des Sergeanten durchwanderte François mehrere Straßen, bis ersterer vor einem Hause stehen blieb und die Klingel zog. Bald darauf tönte langsamer Fußtritt die Hausflur daher, und ein alter Diener öffnete die Thür. François bemerkte, daß das Haus die Nummer 27 trug; hier wohnten also die Opfer, welche in nächster Nacht unter den Händen der Raubmörder sterben sollten.

„Ist Herr d’Aligne zu sprechen?“ fragte der Gauner.

„Mein Herr ist ausgegangen, und überhaupt und selten des Vormittags in seiner Wohnung zu treffen. Wenn Sie mit ihm zu sprechen haben, werden Sie gut thun, des Abends herzukommen,“ antwortete der Diener.

„Das thut mir ungemein leid,“ sagte der Sergeant. „Ich habe Herrn d’Aligne eine höchst angenehme Botschaft zu bringen, von seiner Schwester in Poitiers, und glaube, es wird sehr spät werden, ehe ich Ihrem Herrn meinen Besuch abstatten kann. Wann pflegt Herr d’Aligne zur Ruhe zu gehen?“

„Bald nach zehn Uhr,“ erwiederte der Diener.

„Dann melden Sie meinen Besuch zwischen neun und zehn Uhr an, denn wie schon gesagt, ich brenne vor Verlangen, mich meines angenehmen Auftrags zu entledigen. Empfehlen Sie mich Ihrem Gebieter, mein Name ist Jean Mousson, Fabrikant aus Toulon!“

„Wie nanntet Ihr Euch dem Diener, Sergeant?“ fragte François, indem er dazu ein möglichst albernes Gesicht machte.

„Ich gab mir den Namen meiner Mutter, die eine Freundin des Herrn war, und so wird er gleich wissen, daß er einen erfreulichen Besuch zu erwartet hat.“

„Ha! sehen Sie, Sergeant, diesen herrlichen Laden mit den ausgewähltesten Delikatessen. Wer doch reich genug wäre, um sich hier einmal recht satt essen zu können!“

„Wir haben noch kein Frühstück genossen, François, laß uns hineingehen und iß, was Dir beliebt; natürlich als mein Gast. Unterwirf Dich meiner Leitung, und Du sollst bald Geld genug haben, um Dir täglich den Magen mit Delikatessen vollstopfen zu können. Folge mir, Knabe!“

Der listige François war entzückt. Er hatte zwei Offiziere in dem Laden bemerkt, und glaubte diesen sein Billet zustecken zu können. Der Sergeant verlangte eine Flasche Wein, und ließ das Beste auftragen, was da war.

„Iß mein Junge, es wird Dir schmecken!“ sagte der Sergeant, die Gläser füllend.

„Sieh da!“ rief einer der Offiziere, indem er seinen Kameraden ein Journal hinreichte, „da ist wieder ein Galeerensträfling, und zwar einer der gefährlichsten, entsprungen, nachdem er den Aufseher getödtet. Hier ist sein Signalement: Haar kurzgeschoren, Nase spitz, Gesicht hager, Statur lang, – na, der wird nicht weit kommen!“

François bemerkte, daß der Sergeant über die Aeußerung des Offiziers leicht erröthete und seinen Stuhl so rückte, daß er den beiden Soldaten den Rücken kehrte; alsdann aber fuhr er fort, behaglich zu speisen und rief nach einer zweiten Flasche. Als auch diese geleert war, zog der Gauner seine gefüllte Börse, und legte ein Goldstück auf den Tisch.

(Schluß folgt.)




[71]

Spiegelbilder aus Persien.

Persien, Rußland und England. – Der Empfang einer Gesandtschaft. – Ein Besuch im Harem. – Die persischen Houris. – Bartfärben der dortigen Dandy’s. – Treulosigkeit. – Die Soldateska. – Merkwürdiges Verbrecherasyl. – Ohren- und Nasenabschneiderei. – Ein grauenhafter Weingarten. – Der furchtbare Thurm.

Die Erschütterung, welche durch den Angriff Rußlands auf die Türkei in den Völkerverhältnissen des Ostens entstanden ist, hat die Aufmerksamkeit in jüngster Zeit auch auf Persien gelenkt, dessen man sonst kaum gedachte. Dieses einst so berühmte Land ist in so tiefes Verderben versunken, daß es an sich wenig Bedeutung mehr hat, aber seine Lage und sein Verhältniß zu den beiden Großmächten, welche ihre Grenzen bis an die seinen vorgeschoben haben, ertheilen ihm noch eine solche, und wenn es jetzt dazu käme, daß England und Rußland in einen Kampf um die Weltherrschaft geriethen, so würde Persien wahrscheinlich der entscheidende Schauplatz desselben werden. Es ist daher von Wichtigkeit und Interesse, die inneren Zustände dieses Landes zu kennen, um ermessen zu können, welcher von beiden Mächten es am sichersten zufallen würde und ob es seinerseits noch im Stande ist, ein Gewicht in die Waagschale dieses Kampfes zu legen. Unsre Kunde über dasselbe ist ziemlich dürftig. Zwei Jahrhunderte lang haben wir nur durch die Jesuiten, welche versuchten, ihrem Christenthum in demselben Bahn zu brechen, Nachricht über Persien erhalten. Seitdem sie vertrieben wurden, ist derselbe beinahe gestockt, denn die Engländer ließen sich nur den Handelsverkehr mit Persien, nicht die ethnologische Schilderung des Landes angelegen sein.

Die Gartenlaube (1854) b 071.jpg

Teheran, Hauptstadt von Persien.

Erst in jüngster Zeit haben wir durch zwei Pariser Künstler – der Maler Flandrin und der Architekt Costa – welche einer französischen Gesandtschaft beigegeben waren (1854) etwas genauere Mittheilungen über dieses Land erhalten und ihre Schilderungen und Forschungen verdienen unbedingt Berücksichtigung und Glauben, da sie (die Künstler) zwei Jahre lang Persien nach allen Seiten hin bereisten und gründlich kennen lernten.

Wir wollen versuchen, unsern Lesern den Hauptinhalt jener Forschungen mitzutheilen. Die Gesandtschaft wurde, als sie die Grenzen des Landes überschritten hatte und sich Tabriz näherte, mit allen Ehren empfangen. 5–600 Offiziere und Beamte, sowie die fremden Consuln ritten ihnen entgegen, und die Bevölkerung begrüßte sie auf’s Freundlichste. Es dauerte aber lange, bis sie der Gouverneur der Provinz, Karaman Mirza, der Bruder des Schachs empfing. Er war ein altgläubiger Muselmann, der sein Haus für befleckt hielt, wenn ein Christ in fränkischer Kleidung es betrat, und der französische Gesandte wollte sich nicht einmal dazu verstehen, die Stiefeln auszuziehen. Darüber wurden lange Unterhandlungen gepflogen und als der Prinz sah, daß mit dem stolzen Franzosen nichts anzufangen war, beschloß er endlich nachzugeben, aber ihn auch ebenso kurz abzufertigen. Der Palast, in den die Gesandtschaft geführt wurde, war prachtvoll, mit Spiegeln und Gemälden, welche Siegesthaten der Perser und Bildnisse Ghenkis Khans und Nadir Schachs darstellten, geschmückt. Der Prinz trug reiche goldne Epauletts, den Löwen- und Sonnenorden auf der Brust, einen goldnen mit Diamanten besetzten Gürtel um den Leib und Caschemirpantoffeln an den Füßen, saß aber unbeweglich auf dem Divan und machte kaum ein Zeichen, daß die Gesandtschaft sich setzen möge. Er sah nur auf die Stiefeln des Grafen de Sercey. Auch gegen die blumenreichsten Complimente des Dolmetschers blieb er ungerührt und antwortete nur kurz und einsilbig, so daß de Sercey sich gleich wieder empfahl.

Glücklicher Weise waren jedoch nicht alle Prinzen des königlichen Hauses so unzugänglich. Ein Oheim Karaman’s, Malek-Khassam-Mirza war ein Mann von Bildung und ein Freund der europäischen Kultur. Er kannte sechs Sprachen und unter diesen die französische. Er ließ es sich angelegen sein, die Fremden durch Jagd- und Lustpartien zu unterhalten, und namentlich gelang es Flandin vertraut mit ihm zu werden, weil er sich lebhaft für die Malerei interessirte. Die Perser verhalten sich gegen diese nicht feindselig wie die Türken. Als Schiiten sind sie nicht an den unbedingten [72] Gehorsam gegen den Koran gebunden, der es bekanntlich verbietet, das Bildniß eines Menschen abzunehmen, weil dieser sonst berechtigt sei, seine entwendete Seele von dem Maler zu verlangen. Die Perser haben selbst Maler, welche einzelne Gegenstände nach der Natur, sowie Arabesken recht gut ausführen und viel Sinn für Farbe zeigen. Die Perspektive ist ihnen jedoch noch unbekannt und wo diese zur Anwendung kommt, erscheinen ihre Bilder dem Europäer noch rein kindisch. Der europäisch gebildete Khassam hatte daher eine lebhafte Freude an Flandin’s Zeichnungen und suchte ihm alle mögliche Gelegenheit zu verschaffen, die Sitten und Trachten des Landes kennen zu lernen. Flandin erkühnte sich daher auch, ihn zu ersuchen, ihm dazu zu verhelfen, eine Frau in Haremskleidung zeichnen zu können. Der Prinz lächelte über diese Verwegenheit, sagte indessen nach einigem Bedenken auch dies zu. Mehrere Tage vergingen, ehe Flandin etwas Weiteres darüber erfuhr.

„Eines Abends,“ erzählt er darauf, „erhielt ich eine Botschaft von dem Prinzen, die mich einlud, mit ihm zu Nacht zu speisen. Sein Arzt, ein alter weißbärtiger Franke, dessen Kunst uns sehr zweifelhaft erschien, der aber ein guter Kerl war, der Vertraute des Prinzen, holte mich zu dem Stelldichein ab. Die Nacht war dunkel, ein Führer ging uns mit einer weißleinenen Laterne, in der eine große Kerze brannte, voran, und bewahrte uns damit vor den Schneehaufen, die auf der Straße lagen, zog uns aber freilich auch die wüthenden Hunde, die sich dort umhertrieben, auf den Hals. So gingen wir durch finstre einsame Straßen nach dem Theile der Stadt, welcher das Serail des Prinzen und die Baracken der Soldaten enthält. Statt durch das große Gitter zu gehn, bogen wir nach einem Hinterhofe ein, in dem Alles finster und still war. Dort löschte unser Führer das Licht aus, der Doktor gab mir ein Zeichen zum Folgen und klopfte an eine kleine Thür, die vorsichtig geöffnet wurde. Hier war Alles geheimnißvoll und vielleicht nicht ohne Gefahr. Diese verschwand jedoch in meinen Augen vor dem Reiz, den das Abenteuer gewährte. Wir gingen durch ein dunkles Zimmer und einen langen Gang, stiegen einige Stufen hinauf und durchschritten ein halb erleuchtetes Zimmer, in dem ich mehrere Gemälde unterschied, welche tanzende und spielende Frauen darstellten, Gegenstände, die ich noch nirgend gesehen. Daraus schloß ich, daß ich mich in dem Theil des Hauses befand, der sich sonst nie den Fremden öffnet, in dem Zenanah oder Frauengemächern. Mein Führer kannte den Weg genau und wir gelangten endlich an einen der großen Thürvorhänge, die Perdehs heißen und dieser öffnete sich plötzlich. Ich stand wie geblendet, denn Alles strahlte in dem geräumigen Saale von Licht, Gold, Spiegeln und Gemälden. In der Mitte desselben sah ich eine Schaar Frauen, die bei meinem Anblick erschreckt aufschrieen und ihr Gesicht verbargen. Prinz Malek-Khassam, den ich zuerst nicht sah, lag am andern Ende des Saales auf Teppichen und Kissen am Boden, und brach in ein lautes Gelächter aus, als er mein und der Weiber Erstaunen sah. Darauf lud er mich ein, näher zu treten und sagte mir, daß er mich in sein eignes Anderoun habe laden müssen, da ihm keine Verfügung über das eines Andern zu Gebote stände.“ –

Die Houris dieses irdischen Paradieses hatten sich jetzt von ihrem Schreck erholt und an dessen Stelle trat die Neugier. Während Flandin, sein liebenswürdiger Wirth, ein Verwandter desselben und der fränkische Doktor eine treffliche Abendmahlzeit verzehrten, wurde Musik gemacht und getanzt. Die Tänzerinnen hatten kleine, den Castagnetten gleichende Cymbeln von klangreichem Metall, die sie mit den Fingern schlugen und mit denen sie den Takt angaben. Anfangs schienen sie nur aus Gefälligkeit für ihren Herrn und Meister zu tanzen, allmälig wurden sie aber lebhafter und leidenschaftlicher, ihre Bewegungen wurden rascher und das Orchester, das aus zwei Tambourins, einer Mandoline und einer dreisaitigen von einem blinden Mann gespielten Geige bestand, nahm ein schnelleres Tempo an und spielte immer heftiger, bis die Tänzerinnen in eine Art nervösen Paroxismus fielen. Flandin konnte sie am besten beobachten, wenn sie vor Erschöpfung ausruhten. Nie hatte er hierzu wieder so gute Gelegenheit, als an diesem Abend, wo er sie ganz unverschleiert vor sich sah.

„Die persischen Frauen,“ sagt er, „haben einen sehr kleinen Mund, schöne Zähne, gut geschnittene Augen und ihre Züge sind meistentheils sanft und zart. Sie färben gewöhnlich die innere Seite des Augenlides schwarz und verlängern die schwarze Linie von den Lidern mit einem feinen Pinsel. Die elegantesten schminken sich roth und tragen Schönpflästerchen. Durchweg färben sie ihre Hände orange mit Henna, das zu dem Zweck aus Indien gebracht wird. Aehnlich sind die Sohlen ihrer Füße gefärbt, so daß sie wie ein Schuh aussehen. Die Nägel sind mit Carmin gemalt. Ihr Haar ist von Natur dunkelschwarz und sehr fein, um es aber noch schwärzer zu machen und recht glänzend zu erhalten, färben sie es von Zeit zu Zeit mit einer Mischung, welche diesem Zweck entspricht. Diese schwelgerischen Sitten beschränken sich nicht auf die Weiber, auch die Männer fröhnen ihnen. Auch sie bemalen Hände, Füße und Nägel. Außerdem bildet der Bart und besonders der Schnurrbart den Gegenstand sorgsamster Pflege. Die alten Leute tragen den Bart nie weiß. Die unteren Klassen färben ihn mit Henna, das ihm eine unangenehme Orange-Farbe giebt. Auch die, welche von Natur den schönsten schwarzen Bart haben, unterwerfen ihn alle vierzehn Tage einem ziemlichen Prozeß des Färbens, der beim Baden vollzogen wird, und bei dem der Bart alle möglichen Farben durchmachen muß, die ihm mit Henna, Indigo und Pomade beigebracht werden. Das Henna färbt ihn zuerst hellroth, dann macht der Indigo ihn dunkelgrün und nach vierundzwanzig Stunden wird er endlich blauschwarz. Zwei Stunden lang muß der Patient regungslos auf dem Rücken liegen, wenn der Indigoextract angewandt wird, während dieser zugleich die Haut heftig reizt. Der persische Dandy unterwirft sich dieser Plage aber ohne Murren. Ist das Wetter schön, so begiebt er sich darauf unter sein Zelt, um sich dem dolce far niente hinzugeben. Wie alle Orientalen liebt der Perser das Zeltleben. Sechs Monate hindurch ist es in Teberan unerträglich heiß und ungesund. Während dieser Zeit leben die Teheraneser in den benachbarten Bergen und Thälern, wo sie in köstlichen Gärten ihre Zelte aufschlagen. Da sitzen sie, rauchen, essen Wassermelonen und Gurken und plätschern mit den Händen im Wasser. Die Gärten sind voll der herrlichsten Früchte und in allen Zweigen singen die Vögel.“ Flandin rühmt besonders die schönen Granatäpfel, die 12–15 Zoll im Umfang haben und deren Saft die köstlichste Erquickung gewährt. Wenn er einen Schilling zahlte, konnte er mit seinem Gefolge in diesen Gärten so viel Früchte essen, wie er wollte.

Aus diesem Landleben und dieser vegetabilischen Kost der Perser entspringt aber keineswegs eine patriarchalische Sitteneinfalt. Sie sind vielmehr voll der größten Falschheit und Doppelzüngigkeit und sie besitzen die höchste Verstellungskunst. Diese nisten sich von früh an durch Beispiel und Erziehung so fest bei ihnen ein, daß sie lieber lügen, als Wahrheit sprechen, wenn auch gar nichts davon abhängt. Einschmeichelnd in ihren Manieren und verschwenderisch mit Versprechungen, sind sie voll Trugs und moralisch verderbt vom Wirbel bis zur Zehe. Wenn Xenophon die jetzigen Perser sähe, würde er sie für die größten Lügner unter der Sonne erklären. Man muß daher in dem Verkehr stets mit ihnen auf der Hut sein und darf ihren süßen Schmeicheleien nie trauen. Eins ihrer Sprichwörter sagt: „Höflichkeit ist eine Münze, die nicht den reich macht, der sie empfängt, sondern den, der sie ausgiebt.“ Nach dieser Vorschrift lächeln sie nie süßer, als wenn sie betrügen oder berauben wollen. Treulosigkeit ist bei ihnen die Regel, Ehrlichkeit eine Ausnahme. Nie erhält man in Persien, was geschuldet wird, zu rechter Zeit oder ganz. Der französische Gesandte hatte hierin sehr bald bittere Erfahrungen zu machen. Auf das Ersuchen des Schachs hatte die französische Regierung zwölf Offiziere zur Ausbildung der Armee nach Persien geschickt. De Sercey fand sie im größten Elende in Tabriz. Man hatte sie bei ihrer Ankunft sehr freundlich empfangen, aber weder angestellt noch bezahlt und auch de Sercey konnte für sie nur Versprechungen, nie Sold erhalten. Das Soldatsein besteht für die Perser nur in dem Stolziren mit Uniformen nach russischem Schnitt und lächerlichen Dekorationen. Dabei sind die meisten Offiziere wahre Kinder, vierzehn Jahr alte Knaben, die lange Säbel schleppen und beinahe in ihren weiten Beinkleidern und hohen Stiefeln versinken. Diese hatten daher das größte Interesse, das französische Exerciren zu hintertreiben, und da den Russen ebenfalls daran gelegen sein mußte, daß die Armee so schlecht blieb, wie sie war, so wurde nichts daraus.

Eine weitere löbliche Eigenschaft der Perser ist ihre Habsucht. Alle kamen in Tabriz zum Herrn de Sercey gelaufen und rühmten, was sie für den französischen Padischah gethan hätten, [73] das Ende ihrer Schmeicheleien bestand aber regelmäßig darin, daß sie Geschenke dafür erwarteten. Um sich Freunde zu verschaffen, mußte der Gesandte unablässig Uhren, Juwelen, Waffen, Seidenzeuge und Tuche verschenken. Das war in Persien hergebrachte Sitte.

In Teheran blieb die Gesandtschaft nur drei Wochen. Als der Schach nach Ispahan ging, folgte ihm de Sercey dahin. Obwohl Teheran die gewöhnliche Residenz des Schachs ist und als Hauptstadt angesehn wird, ist sie doch von geringerer Wichtigkeit als Ispahan und Tabriz. Der einzig interessante Theil der Stadt ist die Burg, die von befestigten Wällen umgeben und mit Zugbrücken versehen, den Palast des Schachs, die Wohnungen einiger Prinzen von Geblüt und Großwürdenträger des Hofes und die Quartiere der königlichen Garde enthält. Darin befindet sich ein großer Platz, der Schach-Platz genannt, der umwallt und mit Kanonen besetzt ist. In dessen Mitte sieht man eine Plattform von einer Elle Höhe und auf dieser eine ungeheuer große Kanone. „Zwischen den zerbrochenen Lafetten derselben sah ich eines Tages einen Mann, der Ali anrief und bettelte,“ erzählt Flandin. „Ich hörte, er sei ein Mörder, der sich hierher geflüchtet. Wer die Kanone erreicht, ist straflos, auch wenn er das größte Verbrechen begangen hat. Dort wartet er des Vorbeigehens des Schachs, der ihm die Begnadigung nicht versagen darf. Aehnliche Zufluchtsorte giebt es auch in den Moscheen. Die Straflosigkeit der Verbrecher hängt also nur von ihrer Schnelligkeit ab. Berücksichtigt man indessen die Grausamkeit, welche das persische Strafgesetz vorschreibt, so muß man gegen diese Asyl-Sitte Nachsicht üben. Das Strafgesetz ist ein Verzeichniß der barbarischsten Martern und alle Tage werden diese vollzogen.“ Flandin sah dies mehre Male. Ein Bäcker, der an dem Brot betrogen hatte, wurde in seinen Ofen geworfen, ein Schlächter mit den Ohren an seine Thür genagelt.

Ohren- und Nasenabschneiden gilt nur für geringe Strafe und Flandin hatte Mühe, diese Bestrafung abzuwehren, wenn er sich über einige Leute bei den Behörden zu beschweren hatte. Diese Gräuel erreichten aber erst in Ispahan ihren Gipfel. Der Schach brach dahin an der Spitze einer großen Truppenmasse auf, um einen Aufruhr zu unterdrücken, den der Führer der Mollahs, der persischen Aristokratie erregt hatte. Er war sehr reich und der Ehrgeiz trieb ihn dazu, sich die königliche Macht anzumaßen. Er hatte alle mögliche Räuber, Mörder und Bummler, die in Persien Lontis heißen, angeworben, diese hatten die nur schwache Garnison Ispahan’s vertrieben und seitdem dort lustig gelebt und alle möglichen Grausamkeiten begangen. Bei dem Nahen der königlichen Armee flohen die Meisten, Einige, die verwegener waren, blieben jedoch in der Stadt verborgen. Sie wurden jedoch entdeckt und Tausende, die ihre Opfer gewesen, kamen herbei, gegen sie zu zeugen. Die Weiber baten inständigst um die Erlaubniß, ihren Beleidigern Hände und Köpfe abschneiden zu dürfen. Dies wäre jedoch noch eine milde Strafe gegen die gewesen, welche über die Aermsten verhängt wurde. Einige wurden auf Bajonnette gespießt, andere bis an die Brust den Kopf nach unten in einer Reihe begraben. Die in der Luft schwebenden Beine waren zusammengebunden. Das nannte man einen Weingarten. Noch schrecklicher war einige Jahre vorher Manacteher Khan, ein Eunuch aus Georgien, als Gouverneur von Ispahan gegen Räuber verfahren. die im Gebirge gehaust hatten. Als er eine Anzahl von diesen gefangen genommen, ließ er in der Ebene von Schiraz nahe an den Thoren der Stadt einen Thurm mit so viel Nischen bauen, als Gefangene waren. Darin ließ er sie einmauern mit einer Oeffnung für ihre Gesichter, damit jeder Vorübergehende sie verschmachten sehen könne. Flandin sah noch die Reste ihrer Schädel. Man darf über diese Erscheinungen freilich nicht nach europäischem Maßstab urtheilen, bemerkt Flandin hierzu. Die barbarische Natur dieser asiatischen Racen macht auch strenge Strafweisen nöthig. Der Schrecken ist nöthig, um sie im Zaum zu halten. Die Strenge müßte nur nicht selbst in Barbarei ausarten und willkürlich ausgeübt werden. Wenn der Gerechtigkeit ein Opfer entgangen ist, wenn ein Paar Lontis in die Asyle entkommen sind, wird oft der erste beste andere Lonti genommen und hingerichtet.

(Schluß folgt.)




Populäre Chemie für das praktische Leben.

In Briefen von Johann Fausten dem Jüngeren.
Erster Brief.
Wissenschaft und Leben. – Reaction, Reagens. – Grenzen, bis zu denen hin der Chemiker Stoffe mit Sicherheit erkennt. – Einfluß dieser Operationen auf Leben und Industrie.

Die chemischen Vorgänge oder Prozesse sind so alt wie unsere Erde selbst. Bei der Bildung derselben spielten sie eine hervorragende Rolle, und selbst heute noch nimmt das kundige Auge überall an dem Erdkörper die Einwirkung der chemischen Thätigkeit wahr, wenngleich in einem um Vieles verringerten Grade. Wir wollen hier nur erinnern an das Verwittern, das Zerbröckeln der Gesteine durch die Einwirkung der in der atmosphärischen Luft enthaltenen Kohlensäure und des Wassers – ein ununterbrochen stattfindender Vorgang, der für das Gedeihen der gesammten Pflanzenwelt von der allergrößten Wichtigkeit ist – und an die Mineralquellen, in denen keine geheimnißvollen Kräfte walten, wie dies selbst heute noch vereinzelt von Badeärzten der alten Schule ausgesprochen wird. Nicht minder waltet der chemische Prozeß in der lebenden Natur. Hier tritt er uns überall entgegen, wohin wir auch die Blicke wenden mögen. Mit dem Keimen des Saamenkorns, mit dem ersten Athemzuge des Neugebornen beginnt die chemische Thätigkeit in der Pflanze, dem Thiere und in dem Menschen selbst. Während des Lebens steht sie hier zwar unter bis jetzt noch nicht erforschten Einflüssen, aber diese hemmen nicht, sondern regeln und ordnen nur. Mit dem Tode des Individuums aber hört die eingreifende Macht des geheimnißvollen Wirkens auf und der chemische Prozeß übt unumschränkt seine zerstörende, dabei zugleich aber stets wieder schaffende Kraft aus. Denn was einmal vorhanden ist, kann durch nichts vernichtet, sondern nur in seiner Form verändert werden; verschwindet es auch scheinbar, so ist es nichtsdestoweniger doch da, und der Chemiker vermag es sehr leicht unserem blöden Auge wieder vorzuführen. Der chemische Prozeß ist die Grundlage des ewigen Wechsels, der sich uns fortwährend in der Natur offenbart, er ist es, der unausgesetzt aus dem Zerstörten wieder neues Leben gedeihen läßt.

Chemische Operationen sind ferner ausgeführt worden seit der Zeit, wo der Mensch die Erde betrat, denn durch sie wird ein großer Theil unserer Bedürfnisse befriedigt. Sie waren es, welche dem ersten Jäger die Waffen, dem ersten Maler die Farben darreichten; das erste Kochgeschirr aus Thon war das Produkt einer chemischen Operation. Schon die heilige Schrift erzählt uns, daß der vorsündfluthliche Tubal-Kain geschickt war in der Anfertigung von Geräthschaften aus Eisen und Kupfer. Bei den alten Aegyptern herrschte eine für die damalige Zeit ungewöhnliche industrielle Thätigkeit, deren Grundlage chemische Kenntnisse ausmachten. Sie verstanden die Bereitung von Soda, Salmiak, Alaun und Kochsalz; sie fabricirten Farben mancherlei Art, und hatten nicht unbedeutende Kenntnisse in der Färberei der verschiedenen Stoffe. Essig und Seife waren ihnen bekannte Dinge, und vom Osiris heißt es sogar, daß er das Bier statt des Weines seinen Unterthanen anempfohlen habe. Das Glas ist nicht eine zufällige Erfindung der Phönizier, wie es gemeinhin die Mythe berichtet, sondern lange, bevor dieses Volk auf den Schauplatz der Geschichte trat, wurde Glas und zwar in seltener Schönheit in Aegypten hergestellt. Erst vor wenig Jahren hat uns die Wissenschaft das Geheimniß entdeckt – das der Erhaltung der Leichname vor der Fäulniß – in dessen Besitz sich die Aegypter bereits vor zwanzigtausend Jahren befanden, – ein solches Alter schreiben gründliche Forscher einzelnen Mumien zu.

Bei alledem aber ist das, was man heute unter Chemie versteht, doch erst eine Schöpfung der Neuzeit. Mit der Entdeckung [74] des Sauerstoffs durch Priestley und Scheele – 1774 – mehr noch durch die Forschungen des scharfsinnigen Lavoisier wurde dem rastlosen menschlichen Geiste eine neue Bahn gebrochen und seit dieser Zeit erst ist die Chemie eingetreten in die Reihe der Wissenschaften. Die meisten übrigen Zweige der gesammten Naturwissenschaften haben von dieser Zeit her neue belebende Kraft von der Chemie empfangen. „In diesem Zeichen wirst Du siegen,“ rief Lavoisier, als er die Waage, dieses einfache Instrument, von dessen Zunge man allein sagen kann, daß sie stets nur die Wahrheit verkünde, in die Wissenschaft einführte. Noch sind seitdem keine hundert Jahre verflossen, und diese kurze Zeit hat genügt, unsere gesammte Industrie umzugestalten, den Einfluß der Chemie auf das Leben als einen allgewaltigen darzuthun.

Um die kulturgeschichtliche Bedeutung der Chemie zu beweisen, bedarf es heute keiner Worte mehr. Als unumstößliche Wahrheit steht der Ausspruch von Berthollet fest: „Es existirt keine menschliche Beschäftigung, die sich nicht mit ihrem Lichte erleuchtet.“ Niemand kann sich jetzt ihrem Einflusse entziehen, ohne sich selbst in großen Schaden zu bringen. Leider aber ist diese Erkenntniß noch nicht in das Fleisch und Blut Aller übergegangen, selbst nicht bei denen, wo man es mit Recht fordern kann. Von der großen Menge wollen wir hier nicht reden, sondern nur von den Industriellen, die so gern ihre Bedeutung in den Vordergrund stellen. Wie traurig es hier bei allen Fortschritten aussieht, werden einige Belege genügen, in helles Licht zu setzen. Auf der letzten Industrieausstellung zu Breslau machte sich die Bezeichnung: „Rasenbleiche“ auf dem Linnen mit einer gewissen Absichtlichkeit sehr bemerklich; die Aussteller hatten hierbei nicht bedacht, daß sie sich im Jahre 1852 dadurch öffentlich ein Zeugniß ihrer geistigen Armuth ausstellten. Ohne die chemische Bleiche wäre die riesenmäßige Entfaltung der englischen Linnen- und Baumwollenindustrie Englands seit dem Anfange unseres Jahrhunderts gar nicht denkbar. Ganz England gewährte in der That keinen Raum, um alle Fabrikate an der Luft zu bleichen. Ist die Anwendung des Chlorkalkes bei uns in Mißkredit gekommen, so liegt die Schuld einzig nur an dem Mangel chemischer Kenntnisse bei denen, welche diese Operation ausführten. Als Schrötter vor wenigen Jahren eine leichte Methode auffand, den sogenannten amorphen Phosphor darzustellen, wußte bei uns Niemand damit etwas anzufangen, obgleich seine Vortheile im Vergleich zu dem gewöhnlichen auf der Hand lagen und die schrecklichen Krankheiten, denen diejenigen anheimfallen, die mit der Verarbeitung des Phosphors beschäftigt sind, gebieterisch Abhülfe forderten. Kaum aber war das neue Produkt der Wissenschaft auf der Ausstellung zu London bemerkt worden, so ergingen die vortheilhaftesten Anerbietungen an den Entdecker und heute haben wir den beschämenden Anblick, daß die Ergebnisse deutscher Wissenschaft unserem Vaterlande aus der Fremde zukommen. Gleich bei der Entdeckung des Paraffins im Jahre 1830 entgingen die schätzbaren Eigenschaften desselben für die künstliche Beleuchtung Reichenbach, dem Entdecker, nicht. Er sprach es öffentlich aus, daß das neue Produkt ein treffliches Material abgebe zur Darstellung von Kerzen. Mehr als zwanzig Jahre mußten erst vergehen, bevor dieser Gedanke Leben erhielt, und wieder war es England, welches unsern Kleinmüthigen beweisen mußte, daß deutsche Gedanken lebensfähig seien.

Solche Wahrnehmungen, die sich bis in’s Unendliche ausdehnen ließen, geben ein Recht den Eifer nach Erkenntniß der Natur, der sich heute in allen Schichten der Gesellschaft offenbart und unserer Zeit ein eigenthümliches Gepräge aufdrückt, durch welches sie sich von allen andern Epochen aufs Bestimmteste unterscheidet, für Strohfeuer zu deuten. Trotz alledem aber, eben weil sie die Schulen bloß legen, sind sie zugleich Aufforderungen an die Jünger der Wissenschaft, nicht müde zu werden in dem Predigen des Evangeliums der Neuzeit: geht auch nicht die ganze Saat auf, einzelne Körner finden doch hier und da einen fruchtbaren Boden. Dieser Gedanke kam auch mir bei der Durchsicht des ersten Jahrganges dieses vielgelesenen Blattes, als ich in ihm die Chemie nur äußerst schwach vertreten sah. Und so begrüße ich denn als neuer Mitarbeiter den Leser freundlichst. Ich bin überzeugt, daß er den Einfluß der Wissenschaft, als deren geringen Jünger ich mich ansehe, auf das Leben anerkennt und gerne meine Worte vernehmen wird. An Stoff fehlt es mir nicht, denn er ist unerschöpflich, und an dem guten Willen, soviel in meinen schwachen Kräften steht, mit beizutragen zu dem großen Bau der Zukunft, in die man sich oft aus der unerquicklichen Gegenwart flüchtet, auch nicht. Und so hoffe ich denn bald in dem weiten Kreise meiner Leser heimisch zu werden.

Für heute will ich Ihnen zwei Ausdrücke erklären, die für die Wissenschaft von der größten Bedeutung sind. Die Worte: Reaction und Reagens. Das erstere ist heut zu Tage einem jeden Munde mehr oder weniger geläufig, aber dennoch hat Niemand so viel mit der Reaction oder vielmehr mit Reactionen zu schaffen, wie gerade der Chemiker. Die Reactionen sind nämlich die Hauptstützen der analytischen Chemie, desjenigen Zweiges der Wissenschaft, der sich mit der Zerlegung der Körper beschäftigt. Sie ist es, welche uns nicht allein die Natur der Stoffe lehrt, die in einem bestimmten Körper vereinigt, sondern auch die Gewichtsverhältnisse, in denen sie mit einandern sind.

Die Bezeichnung „Reaction“ stammt aus dem Lateinischen; sie bedeutet: Rückwirkung, Gegenwirkung, gegenseitige Wirkung. Man hat daher darunter zu verstehen eine jede sinnlich wahrnehmbare Veränderung, die durch Aufeinanderwirken zweier oder mehrerer Körper entsteht. Derjenige Stoff nun, der diese Veränderung hervorbringt, heißt Reagens. In der analytischen Chemie hat dieses Wort aber noch eine speciellere Bedeutung. Reagentien sind hier solche Körper, die durch die bestimmte Veränderung, die sie und nur eben sie hervorrufen, auch bestimmte Stoffe mit unumstößlicher Gewißheit anzeigen. Sie sind es also, welche jeden Körper zwingen, seine ihm eigenthümliche Natur zu offenbaren und sich dadurch zu erkennen zu geben. So groß auch die Zahl der verschiedenen in der Natur vorkommenden Körper und die Zahl der Verbindungen dieser unter einander ist, so sind deren Eigenschaften wiederum so mannigfaltig, daß jeder Körper wenigstens eine besitzt, die nur ihm eigenthümlich und durch die er mit Sicherheit von dem Chemiker, eben mit Hülfe der Reagentien erkannt wird. Die Erscheinungen nun, welche dem Chemiker die Gegenwart gewisser Stoffe zu erkennen geben, gleichsam die Antworten auf seine Fragen, sind, wie wir aus folgenden Beispielen sehen werden, der mannigfaltigsten Art: Farbenveränderung, Trübung, Niederschlag, Aufbrausen, Lichtbildung, eigenthümliche Gerüche, Explosionen etc.

Ein jeder Leser wird wohl die Bemerkung gemacht haben, daß Anstriche mit weißer Oelfarbe im Laufe der Zeit gelb werden. Dem Chemiker sagt dies zweierlei: einmal daß die Farbe eine Bleiverbindung ist und dann, daß in dem Raume eine Schwefelwasserstoffentwickelung stattgefunden hat. Das Schwefelwasserstoffgas wirkt nämlich zersetzend auf die Bleiverbindung ein; der Schwefel verbindet sich mit dem Blei zu Schwefelblei, das eigentlich schwarz aussieht, hier aber durch den Ueberschuß der weißen Farbe zu gelb modificirt wird, während das Wasserstoffgas mit dem Sauerstoff aus dem Bleioxyd Wasser bildet. Die Thüre, oder vielmehr der Anstrich, ist hier also ein Reagens und zwar auf Schwefelwasserstoffgas, ein weit empfindlicheres als unsere Nase, die auch darauf reagirt, aber nur dann, wenn das besagte Gas in größerer Menge vorhanden ist, wo es sich durch einen abscheulichen Geruch nach faulen Eiern bemerkbar macht. – Rufen wir durch Zusatz von Aetzammoniak – bekannter unter dem Namen Salmiakgeist – in einer farblosen Flüssigkeit eine prächtig blaue Farbe hervor, so weiß der Chemiker mit Bestimmtheit, daß Kupfer zugegen ist. Halten wir einen glimmenden Spahn in ein mit Gas gefülltes Gefäß, und brennt er sogleich mit heller Flamme, so zeigt dies die Gegenwart des Sauerstoffs an. Schütten wir auf eine Substanz irgend eine Säure und erfolgt dann ein Aufbrausen, so erkennen wir daran das Vorhandensein der Kohlensäure, wenn nämlich das entweichende Gas in unserer Nase ein Prickeln hervorbringt, sonst aber keinen Geruch hat. Werfen wir einen Körper auf glühende Kohlen und verbreitet er einen Geruch nach Knoblauch, so haben wir Arsenik vor uns. Ist auch unsere Nase, wie wir gesehen haben, ein sehr unvollkommenes und unsicheres Reagens, auf die wir uns nicht immer verlassen können, so zeigt sie hier doch sehr kleine Spuren von Arsenik deutlich an.

Wir wollen diese Aufzählung nicht bis in’s Unendliche vermehren; wir werden noch oft Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Jetzt wollen wir wiederum an einigen Beispielen zeigen, bis auf welche Grenzen hin der Chemiker mit noch einiger Sicherheit die Anwesenheit bestimmter Stoffe anzugeben vermag. Wir wollen jedoch nicht verhehlen, daß in den Angaben hierüber von Seiten der verschiedenen Beobachter große Verschiedenheiten [75] sich bemerkbar machen, die aber hauptsächlich in der verschiedenen Ansicht über das, was noch als deutlich wahrnehmbar anzusehen ist, ihren Grund haben. Stärke färbt Jodlösungen, die nur 1/150’000 davon enthalten, sogleich violett; bei 1/550’000 Gehalt tritt nach mehreren Stunden noch eine rosa Färbung auf. Mit Lackmus – einer blauen Pflanzenfarbe – getränktes Papier zeigt durch seine augenblickliche Röthung noch 1/20’000 Schwefelsäure an, Chlorbarium 1/60’000 durch deutliche Fällung und 1/200’000 durch eine leichte Trübung nach zwanzig Minuten. Umgekehrt wird noch 1/400’000 Baryt durch Schwefelsäure markirt. Empfindlicher noch ist die Oxalsäure – Sauerkleesäure – als Reagens aus Kalk (1/800’000 nach funfzehn Minuten merkliche Trübung). Gleiche Empfindlichkeit zeigt das Chlor gegen Silber. Durch polirtes Eisen entdeckt man noch 1/156’000 Kupfer. Blei wird bei 350.000facher Verdünnung durch Schwefelwasserstoffgas noch geschwärzt. Weniger empfindlich sind die Reactionen auf Arsenik: bei 30,000facher Verdünnung durch Schwefelwasserstoffgas noch ein deutlicher Niederschlag (gelb), ebenso bei 36.000facher durch salpetersaures Silberoxyd (citronengelb) und bei 160,000facher durch schwefelsaures Kupferoxyd-Ammoniak (blaß bläulich-grün). Schwefelsaures Eisenoxydul – der bekannte grüne Vitriol – ertheilt einer Goldlösung mit 1/640’000 Gehalt noch eine merklich violette Farbe. Die äußerste Grenze repräsentirt das Eisen; bei einer 6,400,000fachen Verdünnung wird es fünf Minuten nach Zusatz von Gerbsäure durch eine merklich violette Färbung angezeigt. Mit Hülfe der Nitroprussidverbindungen – durch Einwirkung der Salpetersäure aus dem bekannten, vielfach in der Färberei gebrauchten gelben Blutlaugensalz oder blausauren Kali erhalten – vermögen wir die Gegenwart des Schwefels mit der entschiedensten Sicherheit in einem einzigen menschlichen Haar nachzuweisen. – Solchen Thatsachen gegenüber wird der Leser eine Bezeichnung – Schwarzkünstler – die dem Chemiker noch aus alter Zeit anklebt, erklärlich finden.

Die Wichtigkeit dieser Operationen für das Leben liegt auf der Hand. Sie sind es, mit deren Hülfe der Chemiker bei plötzlichen, verdächtigen Todesfällen aus den Organen der Verstorbenen die Gifte isolirt, dem Richter vor Augen legt und den Verbrecher der Strafe überliefert. Die Methode der Auffindung des Arseniks, des am häufigsten in Anwendung kommenden Giftes, ist so vereinfacht, daß es innerhalb weniger Stunden vor Augen der Richter aus den Eingeweiden dargestellt werden kann. Selbst nach vielen Jahren ist der Verbrecher nicht vor der Strafe sicher. Erst in unsern Tagen gelang es dem Medizinalrath Bley in Bernburg aus den Resten eines vor fast elf Jahren beerdigten Leichnams zehn Gran Arsenik darzustellen, – eine Menge, die ausreicht, um den stärksten Menschen zu tödten. Und in Folge dieses Resultates wurde die Urheberin der Vergiftung am 26. Mai 1853 von dem Schwurgericht in Magdeburg zum Tode verurtheilt.

Weiter haben diese Versuche, die vorerst nur zu wissenschaftlichen Zwecken angestellt worden, einen Weg aus den Laboratorien der Chemiker in das Leben wohl zu finden und sich zu verschaffen gewußt. Sie sind die Grundlage einer ausgedehnten Fabrikthätigkeit geworden. Man bedient sich ihrer bei der Darstellung sehr vieler Stoffe, die in der Natur mit anderen verbunden vorkommen und durch diese in ihren Wirkungen beeinträchtigt werden. Der Umstand, daß viele Reactionen in den schönsten Farben auftreten, hat zur fabrikmäßigen Darstellung eben dieser Farben Veranlassung gegeben. Ferner beruht ein großer Theil der Färberei auf ähnlichen Operationen. Nicht alle Farbestoffe gehen direkt eine Verbindung mit der Pflanzen- oder thierischen Faser, – der Baumwolle, dem Flachs, Hanf, der Wolle und Seide – ein. Solche, die dies nicht für sich allein thun, muß man durch Zwischenmittel, die an und für sich keine Farbe haben, wohl aber sich einerseits mit den Fasern, andererseits mit dem Farbstoff zu verbinden vermögen, auf der Faser befestigen. Oft färbt man auch auf die Art, daß man die Faser mit einer Substanz verbindet, die selbst keine Farbe besitzt oder wenigstens nicht die, welche verlangt wird und dann bringt man sie mit einer anderen zusammen, die zersetzend auf erstere einwirkt, so daß man nur durch die entstehende neue die gewünschte Farbe erzielt, die so direkt auf die Faser niedergeschlagen wird.




Etwas Naturgeschichte.

L’Esprit des Bêtes“ ist der Titel eines kürzlich erschienenen Buches, welches zu den merkwürdigsten Schriften über Naturgeschichte gehört. Es ist ein gewissenhafter und treuer Bericht über das Resultat der unausgesetzten Studien eines Mannes, welcher, nachdem er länger als dreißig Jahre in vertrautem Umgange mit den Thieren gelebt und viele frohe Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht hat, sich gedrungen fühlt, ihnen auf diese Weise öffentlich seine Achtung und Dankbarkeit zu bezeugen. Viele Schriftsteller haben das Thierreich beschrieben, aber keiner hat sie bis jetzt von dem speziellen Standpunkte ihrer moralischen und intellectuellen Aehnlichkeit mit dem Menschen betrachtet und in Folge dieses Mangels besitzen wir eine Menge Werke über Thierkunde, die dennoch unvollständig sind. Die Thiere, sagt Toussenel, der Verfasser dieses Buches, sind die Ebenbilder des Menschen, eben so wie der Mensch das Ebenbild Gottes ist. Nur die Dichter haben den eigentlichen Charakter der Thiere verstanden und sie dann und wann in angemessener Sprache reden lassen. Der Zweck des Autors ist daher, das Werk zu vervollständigen, welches die Poesie begonnen hat und dadurch eine ungeheuere Lücke in der Wissenschaft auszufüllen. Man wird leicht begreifen, daß Toussenel’s Werk eigentlich eine zoologische Metaphysik genannt werden könnte, das heißt er illustrirt den Menschen mit Hülfe der Thiere, eben so wie er die Thiere mit Hülfe des Menschen illustrirt. So lautet z. B. eins der Motti auf dem Titelblatte: „Das beste Element der Menschennatur ist das mit darin befindliche Stück Hund.“ – Sein Plan bei Besprechung der verschiedenen Thiere ist daher, in ihnen Aehnlichkeiten mit entsprechenden Menschenklassen zu finden und diese Gelegenheit zu benutzen, um eine Reihe satyrischer Bemerkungen zu machen, die oft ungemein treffend und witzig sind. Wir theilen nun Einiges von dem mit, was er über die verschiedenen Thiere sagt:

1. Der Maulwurf.

Virgil hat von dem Maulwurf eine sehr gute Definition gegeben, ohne es zu wissen: „Monstrum horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum.“ „Ein furchtbares, mißgestaltetes, colossales Ungeheuer mit schlechtem Augenlicht.“ Der Maulwurf ist in der That das ungeheuerlichste aller geschaffenen Wesen, er ist verhältnißmäßig in Bezug auf Muskelkraft das stärkste von allen vierfüßigen Thieren und von allen fleischfressenden das blutdürstigste. Er ist der Vorkämpfer aller andern und mit den Waffen des Krieges, der Arbeit und der Liebe am besten ausgerüstet. – Ich habe, sagt Toussenel, sehr viel von der Stärke des Elephanten reden hören, welcher auf seinem Rücken Thürme trägt, die mit Kriegern angefüllt sind. Ich habe geduldig lange Berichte über die Schnelligkeit der Bewegungen des Wallfisches angehört, welcher im Stande ist, in vierzehn Tagen um die ganze Erde herum zu schwimmen. Der bengalische Tiger ist mir als ein blutdürstiges Thier genannt worden, dessen Appetit nach Blut nicht so leicht zu befriedigen ist. Aber die Stärke des Elephanten und des Wallfisches ist Kinderei im Vergleich mit dem was der Maulwurf leistet. Der Schöpfer hat in die Bildung der Hand des Maulwurfes allein mehr künstlichen Mechanismus gelegt, als in die Skelette aller Land- oder Wasserriesen. Der bengalische Tiger ist eine Eidechse an Enthaltsamkeit und ein Lamm an Sanftmuth, wenn man ihn mit dem Maulwurfe vergleicht, denn der bengalische Tiger hat seine Klauen und Zähne noch nie gegen sein eigenes Fleisch und Blut gekehrt. Schicket eurem Freunde ein paar in einen Kasten gesperrte Tiger zum Geschenk; sie werden ohne Unfall oder Beschädigung an ihre Adresse gelangen. Man versetze zwei Maulwürfe in dieselbe Lage und sie werden einander zerrissen haben, ehe sie die erste Fütterungsstelle erreichen.

[76] Es ist eben keine sehr schwierige Aufgabe, sich entweder wie der Elephant auf der Oberfläche der Erde oder wie der Wallfisch im Wasser zu bewegen, in welchem man je nach der Zusammenziehung oder Ausdehnung der Lunge steigt oder fällt; man stecke aber einmal um des Versuchs willen einen Elephanten, oder einen Wallfisch fünfzig Fuß tief in die Erde und man wird dann sehen, was die Folge der verzweifeltsten Anstrengungen ist, welche der Elephant mit seinem Rüssel und der Wallfisch mit seinem Schwanze macht. Sie werden beide binnen wenigen Minuten sterben, weil sie keine Spitzhacken haben, um die Erde zu spalten und ihre Muskeln nicht stark genug sind, um die Erdmasse in die Höhe zu stoßen. Man gebe dem Maulwurf die Größe des Wallfisches oder auch nur die des Elephanten und er wird den ganzen Erdball durcheinander wühlen. – Die Kinnladen des Maulwurfs sind mit vierundvierzig Stück furchtbaren Zähnen bewaffnet. Seine Schnauze, das Anzeichen sinnlicher Leidenschaft, ist so unverhältnißmäßig groß, daß dadurch der Sinn des Gesichts – nach Toussenel’s Theorie zugleich der Sinn des Mitleids – fast vollständig unterdrückt wird. Der Maulwurf bewegt seinen Kopf und die pulverisirte Erde wird plötzlich in die Luft emporgeschleudert, gleich dem Wasser, welches aus den Nüstern des Wallfisches spritzt. Sein Magen ist ein immer brennender Ofen, in welchem die unverdaulichsten Dinge zusammenschrumpfen, schmelzen und verschwinden. Sein Hunger ist Wahnsinn, seine Liebe Epilepsie, seine ganze Existenz eine fortgesetzte blutige Orgie. Seine Anwandlungen von wahnsinnigem Hunger kehren drei bis vier Mal täglich wieder und ein zehnstündiges Fasten tödtet ihn. – Der Maulwurf schießt mit einem ungeheuern Sprung auf seine Beute zu, faßt sie unter dem Bauche, stößt seine lange Schnauze in ihre Eingeweide, erweitert die Wunde mit seinen Händen, um ganz in das Herz seines Schlachtopfers hinabzutauchen und das Blutbad mit allen Poren zu genießen. Jeder Mord, den er begeht, liefert ihm die Gelegenheit zu einer wollüstigen Ekstase. Ein hungriger Maulwurf sprang einmal einem jungen Mädchen an die Brust und riß ihr dieselbe von einander, ehe noch Jemand Zeit hatte, ihr zu Hülfe zu eilen. Wenn die Alten den Maulwurf gekannt hätten, so würden sie ihn höchst wahrscheinlich dem Priapus, dem Gott der Gärten, geweihet haben. Der Maulwurf bildet keine Ausnahme von dem Sprichwort, daß die Liebe blind sei.

Nach allem diesen ist es sehr freundlich von Herrn Toussenel, daß er uns durch die Bemerkung tröstet, ein Thier wie der Maulwurf könne nicht das Emblem irgend einer besonderen Menschenklasse sein. Der Maulwurf ist nicht das Emblem eines einzelnen Charakters, sondern einer ganzen socialen Periode, der Periode der noch in der Kindheit liegenden Industrie, der cyclopischen Periode, der schmerzlichsten und schwärzesten von allen. Der Maulwurf ist nicht das Symbol irgend eines einzelnen Lasters, sondern das Symbol aller. Er ist der vollständigste allegorische Ausdruck den absoluten Vorherrschens der thierischen Stärke vor der intellectuellen. Seine Haupteigenschaften stehen ihm auf der Schnauze geschrieben.

Der Maulwurf ist ein bis an den Rand gefülltes Gefäß der Unsauberkeit. Man nehme Blaubart, Ludwig XV., Messalinen und den Marquis de Sade zu gleichen Theilen, stoße sie in einem Mörser gut durcheinander, setze sie dann über das Feuer und lasse sie destilliren und man wird den Maulwurf erhalten. Der Titan, der den Pelion auf den Ossa thürmt, Enceladus, dessen Convulsion dem Aetna so furchtbar übel machen, daß er ganze Ströme brennender Lava ausspeit, sind der Maulwurf; das Geschöpf, welches Berg auf Berg häuft, welches fortwährend die Eingeweide des Bodens zerreißt und durch einander wirft und welchen die grüne Fläche der Wiesen durch eine Menge Erderuptionen entstellt, ist der Maulwurf. Der Maulwurf ist der einäugige Cyclop, der unterirdisch arbeitet, sich von warmem lebendigem Fleische nährt und jede Orgie als schal und abgeschmackt betrachtet, wenn nicht dabei Blut in Strömen fließt. Wo fänden wir daher ein Bild des Maulwurfs, wenn nicht in dem gräßlichen häßlichen Cyclopen?


2. Der Hamster, das Murmelthier und die Haselmaus.

Der Haushalt des Hamsters ist das vollkommene Bild der getrennten Wirthschaft und des herzlichen Einverständnisses, welches in der civilisirten Welt zwischen Mann und Frau sehr häufig besteht. Das Männchen und Weibchen vertragen sich anfangs ganz bewundernswürdig, so lange sie gemeinschaftlich das Publikum plündern. Nicht ein einziger Streit entsteht, bis der Augenblick kommt, wo die Beute getheilt werden soll. Das Männchen, welches die Dienste des Weibchens benutzt hat, um seine Vorrathskammer vollzustopfen – gerade so wie der rivilisirte Gatte die Mitgift seines Weibes zur Erweiterung seines Geschäfts verwendet – beginnt sofort mit Einbruch des Winters das Weibchen auf eine sehr knappe Ration zu setzen, worauf er sie unter irgend einem oder dem andern beleidigenden Vorwande aus der gemeinschastlichen Wohnung hinauszutreiben sucht. Madame aber, welche nicht blos ihr Recht kennt, sondern auch das Versteck, in welchem der gesammelte Schatz aufgehäuft liegt, verzichtet nicht so ohne Weiteres auf ihren Antheil. Obschon mit Gewalt zur Thür hinausgeworfen, höhlt sie einen Seitengang aus, auf welchem sie wieder zur Vorrathskammer gelangt, worauf sie dann den alten Geizhals tüchtig bemaust. Dabei aber bleibt sie nicht stehen, sie ruft den Beistand eines Egistheus herbei, mit welchem sie gemeinschaftlich den alten Agamemnon im Schlafe überfällt, erwürgt und aufzehrt, während er in Sicherheit auf seinen aufgehäuften Reichthümern zu schlummern wähnte. Denn es ist das sichere Loos des Hamsters, entweder von seiner Gemahlin oder seinem Geschäftscompagnon zerrissen zu werden, wenn er nicht gescheidt genug ist, die Initiative zu ergreifen.

Das Murmelthier hat den Kaminfeger gelehrt, zwischen zwei Felsenwänden oder in einem Schornsteine hinaufzuklettern. Es hat einen unangenehmen Geruch, welcher mit dem des Rußes viel Aehnlichkeit hat. Es ist das Emblem des armen stumpfsinnigen Gebirgsbewohners, der sich geduldig zu den widerlichsten Arbeiten hergiebt.

Die Haselmäuse sind die Embleme industrieller Schmarotzer, welche dreiviertel ihres Lebens mit Nichtsthun zubringen und sich für ihren Müßiggang dadurch entschädigen, daß sie von der Arbeit Anderer leben. Alle Haselmäuse verheirathen sich erst in spätern Jahren, eben so wie die Igel und andere ehrgeizige Leute, welche warten, bis sie etwas Ordentliches vor sich gebracht haben, um dann einen anständigen Haushalt etabliren zu können.


3. Die Fledermaus.

Der Name Fledermaus ist ein sehr unpassend gewählter, nicht blos im Deutschen, sondern auch in andern Sprachen, wie z. B. in der französischen, wo sie chauve-souris oder kahle Maus heißt und doch ist sie weder eine Maus noch kahl. Die Benennung, welche die Wissenschaft den Fledermäusen gegeben hat, nämlich Cheiropteren oder Handflügler ist auch nicht viel besser gewählt, denn die Fortbewegungsorgane dieser Thiere bestehen weder aus Händen noch aus Flügeln.

Die Fledermaus gehört zu den wenigen Thiergattungen, welche sich des gerade nicht beneidenswerthen Vorrechts erfreuen, auf den ersten Anblick eine tödtliche Antipathie einzuflößen und schwachnervigen Personen Ohnmachten zuzuziehen. Sie theilt diese traurige Eigenschaft mit der Kröte, dem Sinnbild des Bettlers, der Spinne, dem Sinnbild des Ladenkrämers, und der Natter, dem Sinnbild der Treulosigkeit. Und dennoch ist die Fledermaus nicht blos ein unschuldiges, sondern auch ein nützliches Thier. Sie setzt die Dienste fort, welche die Schwalbe leistet und die außerdem durch den Einbruch der Nacht unterbrochen werden würde, indem sie Jagd auf alle nächtlichen Insekten und Ungeziefer macht, welche die Menschen und ihre Obstbäume belästigen.

Die Fledermaus ist eine Chimäre, ein ungeheuerliches, unmögliches Wesen, ein Kobold der Nacht, der die Phantome einer kranken Einbildungskraft und die Ausgeburten eines durch Kasteiungen, Fasten und einsamer Betrachtungen verkalkten Gehirnes repräsentirt. Die Fledermaus ist ein thiergewordener Betrug; ebenso wie Talleyrand eine menschgewordene Lüge war. Der Charakter allgemeiner Anomalie und Ungeheuerlichkeit, den man an der Körperbildung der Fledermaus beobachtet, jene seltsamen Versetzungen der Sinne, welche dem häßlichen Thier die Fähigkeit verleihen, mit der Nase zu hören und mit den Ohren zu sehen, erklären sich durch die Verkehrung der Ideen und durch die intellectuellen Krankheiten, deren Symbol dieses wunderliche Thier ist. Ueberdies gesteht die Fledermaus ihre Mitschuld an dem Werke der Verdummung freimüthig selbst zu. Seit sechzig Jahrhunderten ist sie die treueste Bundesgenossin des Aberglaubens und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihre natürlichen Sympathien mit den Dunkelmännern gehen, weil der Sonnenschein sie blendet und weil sie [77] kein angezündetes Licht sehen kann, ohne den Wunsch zu empfinden, es auszublasen. Natürlich kann man dem armen Thiere diese Sympathien nicht zum Verbrechen anrechnen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Die Fledermaus schleppt sich bei Tage nur mühsam von der Stelle, sie fliegt nicht und geht nicht. Natürlich können Soldaten dieser Art nicht in dem Regiment des Fortschritts dienen.

Zur Entschuldigung des systematischen Obscurantismus der Fledermaus wie des Bären, – der ebenfalls kein großer Freund von Licht ist – muß jedoch ein lindernder Umstand von großer Bedeutung hier erwähnt werden. Die Kindheit der Welten war nämlich die Zeit, wo die Fledermäuse herrschten, ebenso wie die Kindheit des Menschengeschlechts die Blüthezeit der Elfen und Kobolde war. Die vorsündfluthliche Geschichte erzählt uns, daß die Fledermaus eins der vollendetsten der damals vorhandenen Thiere war und es scheint, daß in der guten alten Zeit der Schöpfung die Regionen der Luft ausschließlich zwei oder drei gigantischen Fledermäusen angehörten – einer Art Luftschiffen, deren häutige Segel von einer Spitze zur andern zehn bis zwölf Ellen maßen. Diese Muster-Fledermäuse – welche von den Gelehrten Pterodactylen genannt werden, um nicht das Wort Cheiropteren wieder zu gebrauchen, welches aber ganz dasselbe bedeutet – diese Fledermäuse theilten mit dem Bär den Genuß unumschränkter Tyrannei. Ich habe gehört, daß diese gräßlichen Vampyre sich kein Gewissen daraus machten, ein armes Megatherium oder Dinotherium im Schlafe zu überfallen und ihm eine Kleinigkeit von fünfzig Kannen Blut abzuzapfen.




Blätter und Blüthen.

Der Sanguiniker. Wie man vor einem Panorama mit Vergnügen die verschiedenartigsten Gegenden und Naturbilder betrachtet, so gewährt die Musterung der verschiedenen Menschennaturen ein interessantes Schauspiel. Es ist sehr unterhaltend und lehrreich, zu betrachten, wie die Natur die Menschen verschieden gebildet und ausgerüstet hat: den einen beweglich, heftig, energisch; – den andern besonnen, tiefsinnig und ernsthaft. Die Verschiedenartigkeit des Naturells kann man aber oft an den einfachsten Dingen und Vorfällen erkennen. So benehmen sich die Menschen z. B. bei Sterbe- und Trauerfällen sehr verschieden. Der eine still und tief ergriffen, der andere heftig bewegt; ein anderer kalt und theilnahmlos; wieder ein anderer nur äußerlich gerührt, indem er durch viele Worte und übertriebne Klagen das Fehlende zu ersetzen versucht. – Ebenso ist in der Liebe, bei unerwartetem Glück, bei den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens etc. das äußere Benehmen nicht selten der genaue Gradanzeiger des Temperaments. Wenn z. B. eine Thür nicht zugeht, weil die Feder im Schloß lahm ist und deshalb beim Zumachen die Klinke nicht greifen und einschnappen will, so wird der Eine, nach zwei oder drei vergeblich wiederholten Versuchen, die Thüre zuwerfen, daß sie in den Angeln bebt, ohne daß übrigens dadurch der Zweck besser erreicht würde; das ist der Choleriker. Ein Andrer wird die Sache fünf-, sechsmal probiren und mit Aerger und Verdruß immer noch einmal versuchen, – ohne aber nach dem Grund des Hindernisses zu forschen; er kann nicht begreifen, woher ihm diese Widerwärtigkeit erwächst, aber er vermag’s nicht zu ändern und nimmt sich’s ordentlich zu Herzen; das ist der Melancholiker. Ein Dritter, dem die ganze Geschichte sehr heiter vorkommt, wirft die Thür am Ende auch zu, doch ohne daß er’s ihr weiter nachträgt; das ist der Sanguiniker. An den, welcher bedächtig das Zumachen unzählige Mal wiederholt und forscht und sucht, weil er zu kleinlich ist, jedesmal neben die Scheibe schießt, erkennen wir den Phlegmatiker. Aber erst dem Fünften, dem Vernünftigen, gelingt es sogleich: er sieht mit einem Blick, wo der Fehler liegt, behält den Drücker in der Hand und läßt ihn in’s Schloß fallen; so, jetzt ist die Thür zu. Wer hat ihm das gelehrt? Niemand, es ist Naturgabe. Die Vernünftigkeit ist das fünfte Temperament, von dem wir noch öfter hören werden.

Nun vor Allem zur näheren Betrachtung des sanguinischen Temperaments.

Wenn in stiller Nacht die vollen, tiefen Töne der Nachtigall erschallen, oder an einem schönen Maitag hoch in der Luft die Lerche ihr Lied wirbelt, so daß aus der weiten Entfernung auch nicht eine Note dem lauschenden Ohr verloren geht; – so muß es uns befremden, wie aus solch kleinem Wesen eine Stimme hervordringen kann, die in gar keinem Verhältniß zu ihrem Gewicht und ihrer Körpergröße steht. Vergleichen wir damit die Schallweite der menschlichen Stimme, so hält auch die stärkste mit dem Gesang jener kleinen Vögel keinen Vergleich aus. Ein gewöhnlicher Sänger, der so stark und durchdringend wie eine Lerche singen könnte, würde, wenn er in Karlsruhe sänge, in Darmstadt gehört werden, was eine Entfernung von acht Meilen oder sechzehn Stunden ist. Ein besonders schwerer und wohlgenährter Sänger von 180 bis 200 Pfund Gewicht, könnte sich ungenirt auf den Straßburger Münster stellen und für alle Honoratioren der kleinen und großen Städte der Umgebung bis in die Gegend von Darmstadt ein Concert geben, ohne daß sich Jemand beschweren dürfte, als habe er’s nicht gut hören können. Die Lerche ist kaum zwei Loth schwer und ihre Stimme reicht fünf Minuten weit; also kann Jeder obige Angabe nachrechnen.

Diese merkwürdige Stimmkraft der Vögel muß uns auf die Frage bringen, welches Organ solche Gewalt der Töne hervorbringt. Dies thun die Athmungswerkzeuge. Ohne Lungen giebt es keine Stimme. Die Fische sind stumm; die mangelhaft entwickelten Lungen der Schlangen bringen nur einen zischenden Laut hervor. Der Vogel zeigt zwar nur eine kleine Lunge, allein indem Luftsäcke von hier aus zu den niedern Eingeweiden gehen, um auch diese im Sauerstoff der Luft zu baden und sogar die Knochen (wie z. B. der Oberarm), die mit der Lunge in Berührung stehen, mit Luft zu füllen; – so darf man wohl sagen, daß der Vogel fast ganz Lunge ist und daß er füglich Athmungsthier genannt werden kann. [4]

Kein Thier in der Schöpfung athmet so rasch als der Vogel, und keins verzehrt so viel Sauerstoff. Zwei Sperlinge verzehren unter einer Glasglocke in derselben Zeit ebenso viel Sauerstoff, als ein Kaninchen, das vierzigmal schwerer ist.

Dieser ungeheure Verbrauch von Sauerstoff macht, daß das Blut der Vögel dünner, hochrother und wärmer ist, als selbst das der Säugethiere. Der Puls des Vogels ist deshalb sehr schnell und gleicht dem eines fieberkranken Säugethieres.

Aber wozu hier so viel Naturgeschichte? Weil der Vogel das wahrhafte Bild des Sanguinikers ist.

Der gemeine Mann, welcher die Ähnlichkeit ganz richtig ahnt, ohne sich des Grundes bewußt zu sein, nennt einen lebhaften. leichtsinnigen, vom sanguinischen Temperament beherrschten Menschen einen „losen Vogel“ – „lockern Zeisig“ – „Fitt’ch“ (Fittig, Flügel). Die Hauptzüge des Sanguinikers haben mit dem Wesen des Vogels eine überraschende Ähnlichkeit: Flüchtigkeit, Unbeständigkeit, schneller Wechsel der Zustände, Oberflächlichkeit. Sanguinische Menschen haben, wie die Kinder, das Lachen und Weinen in einem Säckchen und lassen ernste Ermahnungen oder Warnungen zu einem Ohre hinein und zum andern wieder heraus gehen. Wenn ein Vogel heute seiner Brut beraubt wird, so klagt er in den traurigsten Tönen. Aber kaum ist ein Tag vorbei, so hat er Alles vergessen und baut von Neuem sein Nest, viellaicht an derselben Stelle, wo er seine Jungen verloren.

Sanguinische Menschen sind gewöhnlich heiter; nichts macht einen tiefen Eindruck auf sie. Sie haben wenig Anlage zu Gründlichkeit und Charakter; dagegen viel Phantasie und schöpferisches Talent. Wenn der Sanguiniker auf der einen Seite ein heiterer lebensfroher Mensch, ein liebenswürdiger Freund, ein Poet und Künstler werden kann, so kann auch dieses Temperament leichtsinnige, [78] liederliche Menschen, Vagabunden, Phantasten und ähnliche Vögel hervorbringen.

Aeußerlich soll der Sanguiniker zu erkennen sein an einer feinen Haut, die leicht erröthet und erbleicht, an großen, gewölbten, hasenähnlich vorspringenden Augen und einer lebhaften Mimik beim Sprechen. Bei Kindern verräth sich dieses Temperament leicht an der äußern Beweglichkeit, besonders an dem schnellen Wechsel der Empfindungen (Zürnen und Lachen), und an einer besonders regen Phantasie. Wie sanguinische Kinder zu behandeln seien, was zu wahren und auszubilden, wovor man sie zu behüten habe, gehört in ein späteres Kapitel.




Ein Neger-Denkmal. Einer uns gütigst mitgetheilten Zeitung von Rio-Janeiro entlehnen wir die Nachricht von der allgemeinen Begeisterung und Theilnahme, welche dort die aufopfernde Handlungsweise eines Negers, Namens Simon, bei dem Schiffbruch eines Küstendampfers, des „Pernambucano“, erregt hat. Dieses Dampfboot, von zweihundert Pferden Kraft, befand sich nämlich mit hundertundzwanzig Passagieren auf der Fahrt von Rio Grande do Sul nach Rio-Janeiro und gerieth bei einem heftigen Sturme auf ein Riff, an welchem es scheiterte. Vergebens war das Angstgeschrei der zahlreichen Frauen und Kinder, die sich auf dem geborstenen Schiff befanden. Dasselbe lag nicht weit von der Küste, aber in dem furchtbaren Sturme wagten es weder Schiffer noch Fischer, sich dem untergehenden Fahrzeuge zu nähern. Da warf Simon, der auch auf demselben war, ein langes Seil durch die Brandung nach dem etwa zweihundert Schritt entfernten Strande, wo das eine Ende befestigt wurde, während er das andere Ende des Seiles auf dem Schiffe selbst befestigte. Und nun belud er sich mit denen, die sich ihm zuerst anvertrauten, und brachte sie glücklich über das Seil an den Strand, Er kehrte stets zurück und belud sich von Neuem mit Menschen, die er zum Erstaunen der Küstenbewohner, von denen Keiner ihm nachzuahmen wagte, immer glücklich wieder absetzte. Er hatte bereits einige Mal die Passage hin und zurück gemacht, als das Seil in der Mitte durchriß und nunmehr seine Rückkehr nach dem Schiffe, das inzwischen in zwei Theile zerschellt war, unmöglich schien. Aber er ergriff die am Strande befestigt gewesene Hälfte des einzigen, ihm zur Verfügung stehenden Seiles, schwamm mit demselben gegen die Brandung an das Wrack und brachte den Verzweifelnden von Neuem Rettung, indem er hier die beiden Theile mit einander verband und das Ganze abermals nach der Küste warf. Noch dreizehn Mal machte er nun auf diese Weise den Weg an das Land, jedesmal mit einem oder mehreren Menschen beladen, die immer an seinen Körper angebunden wurden. Es befanden sich darunter eine Mutter mit sieben Kindern, ein Blinder und ein Invalide mit einem Stelzfuße. Die Anstrengung war so groß, daß er, nachdem er fünf Mal den Weg zurückgelegt an allen Sehnen zuckte. Man bedeutete ihm, daß er es nun nicht mehr würde durchsetzen können, aber er suchte sich dadurch zu stärken, daß er sich in den am Ufer liegenden Sand warf und seinen Körper, so wie seine Arme und Beine, dann wälzte. Diese Operation wiederholte er von Zeit zu Zeit, und dadurch will er sich, wie er behauptet, stets gehörig gestählt haben zu neuen übermenschlichen Anstrengungen. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, einem großen Theile der Passagiere, die einem unvermeidlichen Tode entgegensahen, das Leben zu retten. Von denen, die sich durch eigene Anstrengung retten wollten oder die von dem menschenfreundlichen Neger nicht zu erreichen waren, sind dreißig Personen in den Wellen untergegangen.

Schmachvoll für die weiße Strandbevölkerung ist, daß sie nicht allein zur Rettung von Menschenleben gar nichts that, sondern obendrein an den Geretteten das Strandrecht ausübte und sie, wo sie etwa einzeln angetroffen wurden, völlig ausplünderte. In der Hauptstadt von Santa Katharina, welches der dem Schauplatze dieses Ereignisses zunächst gelegene Ort ist, begnügte man sich, Seelenmessen für die Ertrunkenen zu lesen, während durchaus nichts zur Bergung des mit dem Dampfer untergegangenen, bedeutenden Staats- und Privateigenthums angeordnet wurde. Der Neger Simon hat inzwischen in Rio-Janeiro eine glänzende Genugthuung erhalten. Der Kaiser und die Kaiserin haben ihm persönlich gedankt und ihm eine schwere goldene Ehren-Denkmünze verliehen. Es ward in Rio eine Subscription eröffnet, und in wenigen Stunden war eine Summe von sechstausend Thalern für den edelmüthigen Simon unterzeichnet. Eine Ehre, die noch niemals einem Schwarzen zu Theil geworden, ist ihm zugedacht: die Kaufmannschaft von Rio hat nämlich beschlossen, eine Büste Simon’s anfertigen zu lassen und dieselbe im Börsengebäude, als Denkmal seiner That, aufstellen zu lassen. Die Yankees in den freien Staaten Amerika’s, die einen Schwarzen weder an ihre Börsen, noch an ihre Theater zulassen, könnten an diesem Vorgange der angeblich so unbarmherzigen Brasilianer ein Beispiel nehmen.

Simon ist in Afrika geboren und jetzt vierzig Jahre alt.
(Mgz. f. L.)




Ludwig Storch’s Gedichte finden täglich mehr Anerkennung. Die geachtetsten Organe der Oeffentlichkeit, wie Nationalzeitung, Frankfurter Journal, Modezeitung, Jahreszeiten, Illustrirte Zeitung etc. etc. sprachen sich mit großem Lobe darüber aus. Neuester Zeit hat auch Prutz – ein sonst sehr strenger Kritiker – in seinem „Deutschen Museum“ ein Urtheil darüber abgegeben. „Das Bedeutendste von allen, sagt er (er bespricht mehrere Gedichtsammlungen) ist das Buch eines Dichters, der sich bis dahin nur als fruchtbarer Romanschreiber gezeigt hat, während sein lyrisches Talent dem großen Publikum so gut wie unbekannt geblieben ist. Und doch weisen die eben erschienenen Gedichte von L. Storch dem Verfasser auch als Lyriker einen nicht unerheblichen Rang an. Ja, wir möchten behaupten, daß dieses Bändchen Gedichte das Beste ist, was er überhaupt geliefert hat, und daher auch seinen Namen am sichersten auf die Nachwelt bringen wird. Mit freudiger Ueberraschung finden wir hier alle Eigenschaften höherer Bildung und ernstern Kunststrebens, die der Romanschreiber Storch, der Industrie des Marktes verfallen, uns wohl dann und wann vermissen ließ. Am schwächsten sind die Liebeslieder, dagegen enthalten die Lieder und gemischten Lieder viel Vortreffliches. Ob der einfache Klang derselben freilich dem jetzigen Zeitgeschmack zusagen wird, wagen wir nicht zu entscheiden! Aber daß es wenigstens ein Klang ist voll Wahrheit und Wohllaut und poetischer Innigkeit, das können wir mit gutem Gewissen versichern. Möge denn das Publikum, dem der Romanschreiber Storch so manchen langen Abend so angenehm verkürzt hat, sich dem Lyriker Storch dafür dankbar erweisen. Der Lebensabend des Dichters ist, wie wir hören, vereinsamt und trüb, wie es deutschen Dichtern zu begegnen pflegt; möge denn wenigstens die freundliche Aufnahme, die diesem Büchlein, gleichsam seinem poetischen Testamente, wiederfährt, einen erheiternden Strahl in seine Einsamkeit werfen.“ –




Die unterirdische vorsündfluthliche Riesenstadt auf der Insel Martinique, von welcher Dieser und Jener wohl etwas gehört haben mag, wird von dem Engländer N. P. Willis in seinem Reisewerke: „Ein Gesundheits-Ausflug nach den Tropen“ („A Health-Trip to the Tropics““) so geschildert: „Daß diese Riesenhöhle ein Denkmal der Civilisation vor der biblischen Sündfluth sein müsse – eine Stadt von wirklichen Riesen bewohnt, welche plötzlich ein Erdbeben verschlang und die gegen die Gewalt der Fluth von einem ungeheuern Gebirgsdache, das der Zufall über sie warf, bis heute beschützt blieb, dazu wird sich die kühnste Phantasie nicht leicht verstehen, aber es ist doch so. Alles hat bestimmte architektonische Formen innerhalb. Es ist nicht eine unförmliche unterirdische Höhle, roh und schmutzig, sondern eine Folge ungeheuerer Hallen, Dome, Gänge und Plätze, Bogen und Straßen – alle unterhalb, unter furchtbaren Felsenmassen, aber alle zeugend von dem Plane und den Proportionen einer vorsündfluthlichen Riesenstadt. Es ist keine Höhle, es ist eine Stadt in Ruinen, eine Stadt, von welcher Leben, Sonne, Mond und Sterne weggenommen wurden, deren jüngster Tag gekommen und längst vergangen, und über welcher eine neue Welt erstand und alt ward. Durch welche merkwürdige Gesetze diese riesige, geheimnißvolle Architektur, diese majestätischen Dächer und Decken seit Jahrtausenden gehalten worden, ist noch bisher jedes Reisenden Wunder und Räthsel geblieben. Kein neuerer Baumeister könnte solche ungeheuere Bogen ziehen und stützen. Und Alles harmonirt so mit einander! Es ist Stil, Aesthetik, eine bestimmte Schule darin. Diese Säulen und Bogen, diese Galerien und Chöre haben so genaue Proportionen und werden so geheimnißvoll getragen. Straße auf Straße, Meile auf Meile (englische) dehnt sich aus und scheint zuweilen mitten im Baue vom jüngsten Gericht überrascht worden zu sein. Hier und da ist es, als baute man noch auf Ruinen von Hausgeräthen, die in uralter Verwesung noch nicht alle ihre Gestalt verloren haben. Man kann das Ganze ein Riesen-Herculanum und Pompeji nennen, zuerst von überstürzenden Gebirgen begraben und dann erstickt von der hereinstürzenden Fluth. Welcher Stoff für die Dichter des neuen Westens. Ihr Parnaß ist bereits ein Haus, großartig und reich meublirt. Es fehlen nur noch die Dichter hinein.“




Die Statuen der amerikanischen Weltausstellung. Das Ausstellungs-Comité von New-York hat sich nicht damit begnügt, den im dortigen Krystall-Palast aufgestellten Statuen Feigenblätter, zuerst von Metall und dann von Steinpappe, vorzuhängen, sondern ist in neuester Zeit noch einen Schritt weiter gegangen. Die „New-Yorker Staatszeitung“ sagt darüber Nachstehendes: „Eine andere ebenso lächerliche Anmaßung besteht darin, daß man die ganze Rückseite der Statuen mit grünen Schirmen bedeckte, so daß es nicht mehr möglich ist, die Kunstwerke (von welchen namentlich aus Italien einige meisterhafte Arbeiten hierher gekommen) in ihrer Vollständigkeit zu betrachten und in allen ihren Theilen zu prüfen. Damit erklärt man mehr als die Hälfte des menschlichen Körpers, mehr als die Hälfte des göttlichen Ebenbildes und Meisterstückes der Schöpfung für unsittlich und unschön oder der Betrachtung unwürdig und der Weltgeist hätte fast nöthig, sich bei dem leitenden Comité deshalb zu entschuldigen, daß er dem Menschen auch eine Avers-Seite gegeben.“




Schleiermachiana. Wie sehr Schleiermacher, jener scharfe Dialectiker, den Witz in seiner Gewalt hatte, mögen folgende beiden Anecdoten, die trotz ihrer Wahrheit und Trefflichkeit wenig bekannt sein dürften, beweisen. Ein Freund erzählte Schleiermacher, daß der Kirchenrath S. in Berlin, welcher bereits den preußischen Adlerorden habe, nun auch den russischen empfangen habe. „Das wundert mich gar nicht,“ erwiederte Schleiermacher ruhig, „denn wo das Aas ist, versammeln sich die Adler!“
– Einst saß er auf einem Balle, mit einem Freunde sich unterhaltend, auf einem Sopha im Nebenzimmer. Eine ihm bekannte junge Dame, welche sehr viel getanzt hatte, trat in das Zimmer und warf sich ganz erschöpft und in einer sehr freien Stellung auf das Sopha und rief: „Ach Gott, ich bin wie gekocht!“ – „und doch noch so roh, fügte Schleiermacher ruhig hinzu. – Schleiermacher predigte eine Zeit lang sonntäglich in dem Frühgottesdienste, und hatte immer zahlreiche Zuhörer. Er selbst sagte einst darüber, er habe dreierlei Zuhörer: Studenten, junge Mädchen und Soldaten. Die Studenten kämen seinetwegen, um die Predigt zu hören, die jungen Mädchen der Studenten wegen und die Soldaten der jungen Mädchen wegen. –





Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. WS: Vorlage: Francois
  2. WS: Vorlage: Francois
  3. WS: Vorlage: Francois
  4. Eine Gans, der man Nasenlöcher und Schnabel zubindet und den Oberarm durchsägt, athmet durch den Stummel desselben ebenso gut, als durch die Luftröhre.