Die Gartenlaube (1856)/Heft 33

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[441]
Eine unenthüllte Begebenheit.
Erzählung’ von Heinrich Smidt.
(Aus einer gefundenen Mappe.)
(Fortsetzung.)

Der alte Bergheim war wie von Donner gerührt. Alle Luftschlösser stürzten mit einem Male zusammen und er sah sich einer trostlosen Zukunft gegenüber. Rosa, die gleich nach Theodors Abreise zu ihrem Vater zurückkehrte, durfte nicht in dessen Nähe kommen. Er hielt sie für die Anstifterin all’ dieses Unglücks. Der Oberst versuchte mehrere Male ihn zu sprechen, ward aber stets abgewiesen.

Da erschien Graf Eberhard, dem die Antwort des Sohnes zu lange ausblieb. Er kam zur guten Stunde. Sein Rang und sein Ansehen fielen bei dem alten Bergheim schwer in’s Gewicht und bald ließ er sich bestimmen, Rosa mit dem Obersten zu verloben. Er zog es vor, da ihm der dauernde Aufenthalt bei den Kindern nicht zusagte, gegen Auszahlung eines reichen Jahrgeldes seine Wohnung an einem entfernten Orte zu nehmen. Nun schienen alle Hindernisse beseitigt und man verabredete, daß Rosa mit ihrem Vater eine Reise nach der Residenz antreten sollte. Dort werde die Hochzeit feierlich vollzogen werden.

Süße Träume beglückten die Liebenden. Der Oberst wollte die voraussichtlich lange Muße den Friedens benutzen, und einen unbestimmten Urlaub erbitten. Unter seiner Führung sollte Rosa die ersten Eindrücke des großartigen Lebens der Residenz kennen lernen, dann wollten sie mit dem neu beginnenden Frühling in ländlicher Einsamkeit ihr Glück genießen.

Graf Eberhard bemühte sich unterdessen für seinen Sohn Alexis, der bedeutend jünger als der Oberst und fast noch ein Knabe war, einen geeigneten Lehrer zu finden. Alexis hatte ein auffallendes Talent für die edle Malerkunst gezeigt, und der Graf beschloß, ihm einen tüchtigen Meister zu geben. Da an dem Garnisonorte zugleich eine tüchtige Akademie war, hielt es nicht schwer, einen Künstler zu finden, der sich entschloß, für einige Zeit dem Haushalte des Grafen anzugehören, um auf dem alten Familienschlosse einige Bilder zu malen, und zugleich Alexis zu unterrichten. Die Reise nach der Residenz ward in der heitersten Stimmung angetreten. Es machte einen glücklichen Eindruck auf Alle, daß Herr von Bergheim, von einem heftigen Unwohlsein plötzlich befallen, nothgedrungen zurückbleiben mußte.

Auf seinem Schmerzenslager sich wälzend, lag er einsam da. Seine Freunde verließen ihn. Sie horchten lieber auf das Rasseln der Würfel und das Klingen der Gläser, als auf das Seufzen und Stöhnen des Kranken. Alles entbehrend, was einen Reiz für ihn haben konnte, lag er da, sein Geschick verwünschend und der Tyrannei eines mürrischen Dieners sich fluchend unterwerfend.

Plötzlich fuhr er auf. Theodor von Steinau war rasch eingetreten und stand vor ihm:

„Ich komme, meine Braut abzuholen,“ sagte dieser mit unterdrücktem Grimm. „Wo hast Du sie?“

„Sie ist nicht hier!“ entgegnete der Kranke stöhnend.

„Wo ist Rosa?“ rief er nochmals, sich nur mühsam bezwingend.

„Ich weiß es nicht!“ sagte er stotternd, in seinem Schmerze laut aufschreiend.

„Du lügst!“ rief Theodor. „Du hast sie an meinen Vetter, den schmachtenden Seladon in der Uniform verhandelt. Mir hast Du gestohlen was mein war, denn Du hattest sie mir verlobt, und der ganzen Sippschaft zum Trotz soll sie mir gehören. Bekenne, wo sie ist. Trotze nicht darauf, daß ich im Banne bin, und mich nur bei Nacht und Nebel herschleichen konnte. Ich bin erfinderisch zur Zeit der Noth, und wie ich den Weg hierher fand, finde ich ihn auch weiter. Darum bekenne! Wo ist Rosa?“

Der erschrockene Diener hatte sich Hülfe rufend entfernt. Draußen hielten Theodors Begleiter ihn fest. Der alte Bergheim blieb lange stumm; aber endlich vermochte er dem Drängen Theodors nicht zu widerstehen, und sagte ihm Alles. Mit einem lauten Fluche stürzte er hinaus.

Als der Diener nach einiger Zeit, der Haft ledig, bei seinem Herr wieder eintrat, fand er denselben in dem bedenklichsten Zustande. Er rief den Arzt herbei, der sich bald mit dem Ausspruche entfernte, daß hier nichts mehr zu hoffen sei. Am folgenden Morgen hatte Herr von Bergheim sein wüstes Dasein beschlossen.


III.

Das Hotel des Grafen Eberhard von Steinau, mit seinem schattigen Park und seinem duftenden Blumenparterre lag in dem schönsten Theile der Residenz. Hier begannen um diese Zeit die Tage der Lust und der Freude. Graf Eberhard, nur mit dem Glücke seiner Kinder beschäftigt, traf überall die zweckmäßigsten Einrichtungen. Rosa bewohnte mit den Damen, welche Graf Eberhard ihr zugesellte, einen Seitenflügel, bis die Wohnung im ersten Stocke, welche sie mit ihrem Gatten beziehen sollte, vollendet wäre. Der Oberst theilte seine Zeit zwischen der Geliebten und dem Vater und widmete Beiden seine zärtlichste Sorgfalt. Alexis zeichnete fleißig unter der Aufsicht seines lieben Meisters. Dieser las in den alten Familienchroniken, und forschte bei den alten Dienern des Hauses nach halbverschollenen Sagen und [442] Legenden, um Stoffe für die Bilder zu finden, womit er die stolzen Hallen des alten Stammschlosses schmücken sollte. Und war dann seine Seele von all’ den lieblichen Bildern erfüllt, ging er hinaus in die feierliche Stille des Parkes, um die einzelnen Gestalten, die vor ihm auftauchten, zu fesseln und zu einem lebensvollen Bilde zu vereinigen.

So war es an einem schönen Herbstabend. Der Mond schien hell und warf sein magisches Licht auf das buntgefärbte Laub. Da gewahrte er den Obersten mit seiner Braut im sinnigen Liebesgespräch lustwandeln. Indem er sich zurückzog, bemerkte er die düstere Gestalt eines Fremden, welche dem jungen Paare folgte. Aber der Fremde mußte ihn ebenfalls gesehen haben, denn alsbald war er verschwunden, und der Meister sah, von ferne folgend, das Brautpaar ungefährdet das Schloß erreichen. Der Fremde war im Park nicht zu finden. Dies Ereigniß hatte einen solchen Eindruck auf den Meister gemacht, daß er noch in selbiger Nacht die äußern Umrisse eines Bildes entwarf, das nachmals einen Theil der Halle auf dem von steinau’schen Herrensitze schmückte.

Der Hochzeitstag kam heran. Der Bund der Herzen ward am Altar geheiligt und die Gäste ergingen sich in heiterer Lust. Einschmeichelnde Melodien flogen durch den Saal und im wirbelnden Tanze flogen die Paare dahin. Der Oberst und Rosa standen seitwärts und die junge Gattin schien zu überlegen, ob sie den Wunsch des Gatten gewähren dürfe, der um die Blumen bat, welche ihre Brust schmückten, oder ob sie diese verweigern müsse, um sich als Herrin zu zeigen, die nicht nöthig habe, sich den Launen des gebietenden Eheherrn zu fügen. Aber indem sie noch sinnend dastand, hielt sie schon die schönste der Blumen in der Hand, um die Bitte des Geliebten auf das schönste zu erfüllen. Graf Eberhard stand seitwärts am Pfeiler und betrachtete seine Kinder mit dem gerechten Stolze eines Vaters, wenig achtend auf Alexis, der ihm eine Zeichnung brachte, die er morgen der lieben Rosa zum Geschenk darbringen und erst dem Vater zeigen wollte. Auch der wackere Meister war nicht weit und hatte bereits den Gedanken zu einem neuen Bilde empfangen, als er plötzlich in dem Gewühl eine Gestalt auftauchen sah, die dem Fremden, den er neulich im Park gefunden, auf ein Haar zu gleichen schien.

Das war kein Ungefähr. Der Meister ahnte irgend einen geheimnißvollen Zusammenhang. Er suchte in die Nähe des Fremden zu gelangen. Umsonst. Dieser hatte den Saal schon wieder verlassen.

Die Feste waren vorüber. Graf Eberhard begab sich auf sein fern am Meere liegendes Stammschloß. Der Meister folgte ihm dahin, um sein Werk sofort zu beginnen und Alexis ging an dessen Hand dem Traum einstiger hoher Künstlerschaft entgegen. Der Oberst und seine junge Gattin blieben in der Residenz.

Ein glückliches Jahr ging vorüber. Am Schlusse desselben legte der Oberst mit freudestrahlendem Gesicht einen Enkel in die Arme des Grafen. Die Fortdauer des so schön begonnenen Glückes schien für lange Zeit gesichert.

Mit dem Beginn des neuen Winters erschien Rosa an der Hand ihres Gatten wieder in der Gesellschaft. Die junge Mutter, strahlend in Anmuth und Schönheit, wurde von allen Seiten mit unerheuchelter Theilnahme begrüßt und Alle beeiferten sich, der jugendlichen Herrin eines erlauchten Geschlechtes ihre Huldigungen darzubringen.

Aber die Freude, die ihr so verführerisch entgegen lachte, währte nur kurze Zeit. Das Ungewitter, welches seit lange sich am Horizonte zusammenzog, brach endlich los. Den Meisten kam es unerwartet, sie konnten das schützende Dach nicht finden. Die Sturmglocken läuteten, die Trommeln wirbelten. „Feuer!“ hieß es dort, „Feuer!“ riefen sie hier. Das war kein zufälliges Zusammentreffen mehrerer Unglücksfälle. Das war ein vorher bedachtes Werk. Die allgemeine Verwirrung sollte den Rebellen die ersten Schritte erleichtern. Der Plan gelang. Ueberall wehten die Fahnen des Aufruhrs; seine wilden Lieder klangen bis in die entfernten Straßen. Wer sich gestern scheute, seine Unzufriedenheit laut auszusprechen, trat heute offen zu der Revolution über. Andere, die bis zur Stunde jeden Umsturz haßten, schlossen sich aus Furcht an. Die Hefe des Pöbels tobte mit wilder Siegesfreude in den Straßen und auf den Märkten, die noch nie eines solchen Anblickes Zeuge gewesen.

Und was in der Hauptstadt geschah, wiederholte sich im ganzen Lande. Die gesetzliche Gewalt, von der rohen Uebermacht erdrückt, lag ohnmächtig in Fesseln. Die Revolution behielt die Oberhand. Sie pflanzte ihre Banner auf und ihre Schreckensherrschaft begann. Alle, die es vermochten, wichen vor dem Ungeheuer zurück. Aus allen Thoren strömten die Vertriebenen in die Verbannung.

Die traurige Geschichte jener Tage wird hier nur berührt. Die Kunde von diesem Wechsel der Dinge gelangte auch endlich auf das entlegene Stammschloß des Grafen. Der Oberst sandte ihm die Botschaft und zugleich den Entschluß, vor dem Feinde nicht zu weichen, sondern ihm Widerstand zu leisten, so lange er es vermöge. Graf Eberhard rühmte den Muth des Sohnes und reiste sofort nach der Residenz, um gemeinschaftlich mit ihm zu handeln.

Er kam zu einem traurigen Anblick. Auf dem fürstlichen Schlosse hatte der Ausschuß für die allgemeine Wohlfahrt seinen Sitz aufgeschlagen und einer der einflußreichsten Mitglieder derselben war Theodor Steinau, wie er sich jetzt nannte. Sein Name stand unter den Dekreten, welche die allgemeine Ordnung der Dinge stürzten, und mit kaltem Hohn entwarf er die neuen Gesetze, durch welche der Staat der Zukunft regiert werden sollte.

Mit Energie arbeitete Graf Eberhard diesem Unheil entgegen. Er sammelte die Wenigen um sich, die auf dem Platze ausharrten und bewog viele, die in der ersten Bestürzung entflohen waren, zur Rückkehr. Die kleine Schaar der Treuen hielt fest aneinander; doch war sie nicht stark genug, um der immer mächtiger wogenden Brandung Trotz zu bieten. Sie ward gesprengt; die Hauptmitglieder gefangen gesetzt und als Volksverräther peinlich angeklagt.

In dem Hotel der Grafen von Steinau herrschte die größte Verwirrung. Bereits begannen die Diener, bis dahin der Herrschaft treu ergeben, zu schwanken und entfernten sich unter wichtigen Vorwänden. Als die Kommissarien des Volksausschusses erschienen, um den Obersten zu verhaften, war Niemand da, der ihm diesen drohenden Besuch meldete. Der alte Graf ward in gleicher Weise überrascht und bereits durch ein Seitenportal abgeführt. Als der junge Graf von seinem Weibe Abschied nahm und die Kommissarien fragte, ob er nicht vorher für die Sicherheit der verlassenen Frau sorgen dürfe, erhielt er keine Antwort. Rosa war in Verzweiflung. Vergebens bat sie, ihren Gatten begleiten zu dürfen, vergebens versuchte sie, ihm bis an die Thür seines Kerkers zu folgen. Als sie die Schwelle ihrer Wohnung überschreiten wollte, wurde sie von den dort aufgestellten Wächtern zurückgewiesen.

In wachsender Angst, weniger bekümmert um ihr eigenes Schicksal, als um das ihrer Lieben, irrte sie in den leeren Gemächern umher. Sie war allein mit ihrem Kummer und ihren Sorgen. Nein, nicht allein! Es klang, wie kräftiger Männerschritt. Den langen Corridor kam es herauf. Furchtsam blickte sie nach dem Eingange und laut schrie sie auf vor Entsetzen. Theodor Steinau stand vor ihr.

Mit einem höhnischen Lächeln stand er der unglücklichen Frau gegenüber, die verzweifelnd zu ihm aufschaute.

„Nun, gnädige Gräfin? Gefällt es Ihnen nicht, mich bei sich zu empfangen?“ sprach er mit schneidender Kälte. „Und ich komme doch nur, um die Pflichten eines besorgten Verwandten zu erfüllen.“

Rosa suchte sich zu fassen; sie drängte die Thränen, welche ihre Augen füllten, gewaltsam zurück und fragte:

„Was wollen Sie hier?“

„Ihnen den Schutz bieten, den Sie bedürfen, da Ihre bisherigen Beschützer weit von Ihnen sind und sobald nicht wiederkehren!“ antwortete Theodor kalt.

„Nicht wiederkehren?“ schrie sie auf.

„So sagte ich. Die Grafen von Steinau, des Verrathes überwiesen, sind auf Tod und Leben verklagt und keine Macht der Erde vermag sie zu retten.“

Rosa schwankte einem nahen Sessel zu. Ihre Augen schlossen, sich. Theodor eilte ihr zu Hülfe, sie fuhr bei seiner Berührung auf, als fühle sie den Biß einer giftigen Schlange. Theodor sah es mit verbissenem Aerger und sagte, einen Fluch zwischen den Zahnen murmelnd:

„Sie sind in diesem Palast sicher. Keiner wird es wagen, bis zu Ihnen zu dringen. Aber merken Sie es sich: Sie sind in diesem Palast auch mir sicher. Ich allein habe Zutritt zu demselben und meine Treuen werden mir den Schatz bewachen, den ich mir erobert habe.“

[443] Rosa sank händeringend in die Kniee. Theodor sah es und sagte achselzuckend: „Dieses Schauspiel macht so wenig Eindruck auf mich, als jedes andere. Die Qual, welche sie jetzt dulden, habe ich durch Sie zehnfach erlitten. Wir sind von dieser Seite quitt. Ich liebte Sie und wollte Sie besitzen; ich will es jetzt mehr als je. Betrachten Sie das Band, welches Sie an den Obersten knüpft, als gelöst; werden Sie die Meine und ich schwöre Ihnen, die Grafen von Steinau sollen ungefährdet entkommen.“

Rosa wandte sich mit den Zeichen der tiefsten Verachtung von ihm ab.

„Reizen Sie mich nicht!“ entgegnete Theodor scharf. „Es ist nicht wohlgethan. Sie hörten meinen Vorschlag; denken Sie darüber nach. In vier und zwanzig Stunden fordere ich eine Antwort. Das Leben dreier Grafen von Steinau hängt von Ihrem Ausspruche ab.“

Die junge Gräfin schrie laut auf: „Mein Kind! Mein Kind! Mein Alexis.“

Sie wollte das Gemach verlassen. Theodor vertrat ihr den Weg.

„Meinen Sie, daß ich Vater und Sohn gefangen nehmen und den Enkel in der Wiege vergessen würde? Drei Grafen von Steinau habe ich gesagt.“

„Erbarmen!“ rief Rosa und sank bewußtlos vor ihm nieder.

„Das Erbarmen muß von Ihnen ausgehen, schöne Rosa. Das Erbarmen mit Ihren Angehörigen und das Erbarmen mit meiner Liebe!“ sagte er mit kaltem Spotte. „Ihr Schicksal liegt in Ihrer Hand. Warum klagen Sie?“

Er entfernte sich, ohne Rosa weiter zu beachten, die ohnmächtig am Boden lag.


IV.

Eine lange Zeit verstrich. Die stürmischen Wogen beruhigten sich und kehrten allmälig in die alten Gränzen zurück; aber diese Gränzen hatten sich geändert. Eine neue Ordnung der Dinge war eingeführt. Die alten Herrscher kehrten heim, aber ihre alten Rechte waren verloren. Dasselbe Verhältniß vom kleinsten Grundbesitzer bis hinauf zum Thron. Es war ein Bau, der bei dem ersten Anblick imponirte; aber das kundige Auge entdeckte bald den morschen Grund und berechnete den Tag, an welchem ein neuer Zeitensturm das künstliche Gebäude in einen Trümmerhaufen verwandeln werde.

In dem Umsturz den Ganzen verlor sich das Einzelne; oft unbemerkt und ohne Spur. Manches edle Haupt war dem Tode oder dem Kerker verfallen. Die wenigen Freunde, welche in der Verwirrung entkamen, sahen mit Entsetzen das Haupt ihrer edelsten Führer von dem Schwerte des Damokles bedroht. Und wie wunderbar. Gerade diese traf ein mildes Urtheil. Man zog ihre Güter ein und verwies sie des Landes. Ja, es hieß sogar nach einiger Zeit, Graf Eberhard habe durch den Einfluß eines auswärtigen Hofes die Erlaubniß zu erwirken gewußt, sich nach dem Stammschlosse seines Hauses, welches als ein Zeichen der Zwingherrschaft von dem aufgeregten Volke großentheils zerstört worden, zu begeben. Dort lebe er in tiefer Einsamkeit und werde von Niemandem behelligt. Gewisses wußte Keiner.

Von dem Obersten ging gar keine Nachricht ein. Er sollte in die Armee eines fremden Staates getreten sein; aber bei näherer Nachfrage erwies sich das Gerücht als falsch. Nur Eines wußte man gewiß. Die Grafen von Steinau hatten, durch den Beistand eines treuen Dieners, einen großen Theil des reichen Familienschatzes gerettet. Einmal hieß es, der Oberst habe sich in dieser oder jener Maske über die Gränze des Landes bis in die Hauptstadt gewagt. Aber auch hierüber konnte Niemand gewisse Auskunft geben. Endlich verlor sich das allgemeine Interesse und nur wenig Befreundete dachten von Zeit zu Zeit an die theuern Verschollenen.

Unter diesen Wenigen war der Maler Alexis, der in großer Erregung von seinem Freunde schied. Durch die Erlebnisse in der Gebirgspfarre waren längst verschollene Bilder vor ihm aufgetaucht. Er erinnere sich vieler, nur halb enträthselter Begebenheiten, die, indem er darüber nachsann, stets eine andere Form annahmen und ihn durch ihren steten Wechsel mehr verwirrten, als aufklärten.

Alexis Walter, wie er sich nannte, hatte in der großen norddeutschen Handelsstadt seit einer Reihe von Jahren gelebt, und sich daselbst eine achtungswerthe Stellung geschaffen. Seine Kunst gewährte ihm die Mittel zur Unabhängigkeit. Er wußte, daß er der jüngere Sohn der erlauchten gräflich steinau’schen Familie sei, aber er war so lange Alexis Walter genannt, daß er nur selten seiner eigentlichen Herkunft sich erinnerte. Ueberhaupt hatte er wenig von den Vortheilen genossen, welche die Stellung des Hauses den Söhnen desselben gewährte. Als die verhängnisvolle politische Katastrophe hereinbrach und Graf Eberhard nach der Hauptstadt eilte, blieb Alexis mit seinem wackern Meister auf dem alten Stammschlosse zurück. Nur selten gelangte eine Kunde von den Ereignissen des Tages in diese Waldeinsamkeit, und noch seltner hielt es der Meister für gut, sie ihm mitzutheilen. Er wollte ihm seine Unbefangenheit erhalten, und es gelang ihm. Die edlen Geistesgaben des Knaben entfalteten sich täglich freier, und sorglich war der Meister bemüht, sie der Vollendung entgegen zu führen.

Da traf ein Brief den Grafen Eberhard ein. Er war schon auf dem Wege in sein Exil und in keiner Weise war es ihm möglich geworden, nach seinem Stammschlosse zu gelangen und seinen Sohn abzuholen. Nur nach vieler Mühe gelang es ihm, einen Boten zu finden, der den Brief überbrachte. Der Graf wies darin den Meister an, sich mit seinem Zögling an einen bestimmten Ort zu begeben, wo sie zusammentreffen wollten, sobald die Umstände dies irgend gestatteten. Der Meister leistete Folge; aber dies Zusammentreffen fand nicht statt. Es verging ein Jahr, ohne daß der Graf ein Lebenszeichen von sich gab. Da erhielt der Meister den Auftrag, in einer der Hauptkirchen der großen Handelsstadt die Decke zu malen, und alsbald reiste er mit seinem Zögling dahin ab. Ein paar Jahre vergingen im frischen, fröhlichen Schaffen, und das große Werk war noch lange nicht vollendet, als der Meister gefährlich erkrankte und starb. In den letzten Stunden hieß er seinen Schüler sich nahe zu ihm setzen. Er wollte ihm die Aufschlüsse geben, welche er ihm bis jetzt in bester Meinung vorenthielt. Aber die Kräfte versagten ihm und Alexis erfuhr wenige, haltlose Bruchstücke.

Walter nannte sich Alexis nach seinem Meister und Pflegevater. Vor den Leuten galt er für einen Sohn desselben. Alexis selbst hatte sich in diese Idee so hinein gelebt, daß ihn ein Schauer überlief, wenn er daran dachte, daß es doch eigentlich anders sei. Ihm war es lieb, daß er von seiner Herkunft so wenig wußte und nahm sich vor, an dies Wenige so selten als möglich zu denken. Nach dem Heimgange des Meisters hielt er es für eine Ehrenpflicht, das nachgelassene Werk desselben zu vollenden. Und als dies unter der allgemeinsten Anerkennung geschehen war, hatte er sich an diesem Orte so sehr eingelebt, daß er ihn nur verließ, wenn die schöne Sommerzeit alle Menschen, am meisten aber die Dichter und Künstler hinaustrieb in den grünen Wald und auf die majestätischen Berge.

Da begegnete ihm das Abenteuer in der Gebirgspfarre und hin war seine Unbefangenheit. Das Blut der Grafen von Steinau regte sich in ihm. Seine nächsten Angehörigen, von denen er von der frühesten Jugend auf getrennt war, die er bis auf die Erinnerung vergessen hatte, traten klar und deutlich aus dem Nebel der Vergangenheit in die helle Gegenwart. Er gedachte des Vaters mit dem majestätischen Blick und der königlichen Stirn; er sah sich seinem Bruder gegenüber, wie er ihn mit scheuer Bewunderung anstaunte, wenn er in der glänzenden Obersten-Uniform erschien, und sich mit einer wundersamen Mischung von Scheu und Vertraulichkeit an ihn schmiegte, so oft der Oberst ihn mit seiner hellklingenden Stimme zu sich rief. Und Rosa! die liebreizende Jungfrau, die ihn wie einen jüngern Bruder liebte, ihm die zärtlichsten Namen gab und stets etwas hatte, womit sie sein junges Herz erfreute.

„Wo sind sie hingerathen?“ sprach er zu sich selbst. „Was ist aus ihnen geworden? Leben sie, in der Welt umher verstreut, ein trauriges, verkümmertes Dasein? Oder hat Gott in seiner Barmherzigkeit sie heimberufen? Und wo sind ihre Gräber? Ich will, ich muß das wissen.“

Dieser Entschluß ward alsbald zur That. Alexis pilgerte nach der Residenz, wo die Grafen von Steinau eine so glänzende Rolle gespielt hatten. Die Auskunft, welche er hier erhielt, war unbedeutend. Man wußte nichts Bestimmtes. Der ehemalige Palast des Grafen war Staatseigenthum. In demselben befand [444] sich eine Industrie- und Gewerbehalle. Mit bange klopfendem Herzen betrat Alexis ihn. Diese Räume, einst der Wohnsitz der Macht und des Glanzes, waren jetzt ein Ablagerungsort für die Erzeugnisse der Eisenhämmer und der Weberstühle. Nirgend mehr ein Zeichen aristokratischer Herrlichkeit. Keine weiten Säle im steten Festschmuck prangend, oft Monate lang nicht benutzt, aber jeden Augenblick bereit, eine Schaar von Gästen mit allem Glänze würdig zu empfangen. Jetzt waren alle Gemächer einander gleich; jeder fußbreite Platz nach dem Richtmaaß gewissenhaft vertheilt. Alexis konnte hier nicht heimisch werden. Er verließ die Heimath seiner Vater mit noch bedrückterem Herzen, als er sie betreten hatte.

Weiter setzte der Wanderer den Fuß. Abwärts führten seine Schritte, dem Hügel am Meere zu, auf dessen Spitze das halb verfallene Stammschloß derer von Steinau lag. An einem trüben Abend, der mit seiner Stimmung harmonirte, langte Alexis bei den Wohnungen der Sassen, am Abhange des Hügels an. Hier begann der Schauplatz, auf welchem er einen großen Theil seiner Jugend verlebte und in dem Schooße der ursprünglichen Natur die ersten Weihen der Kunst empfing. Hier kannte er jeden Fußsteig. In jedem Busch, jedem hervorragenden Stein, glaubte er einen Bekannten zu begrüßen. Hätte er an diese oder jene Thür geklopft, öffnete ihm diese wohl ein Greis oder ein altes Mütterchen, die ihn mit dem Ausrufe empfing: „Grüß Gott, Junkherr!“ wie es ehedem geschehen. Aber jetzt trieb es ihn mächtig vorwärts, und er ließ nicht nach, bis er die Spitze des Hügels erreichte und vor der Pforte stand, durch die er so oft hinausgeschlüpft war in den frischen, grünen Wald.

Noch saß der große, eiserne Klopfhammer an derselben Stelle und als wartete der Pförtner seines Amtes wie sonst, schlug Alexis drei Mal mit dem wuchtigen Eisen gegen die metallene Platte, daß es weithin schallte. Aber wie erschrak er, als die Pforte sich geräuschlos öffnete und ein Mann mit einer brennenden Fackel erschien. Das volle Licht fiel auf das Gesicht dieses Mannes und Alexis glaubte, denselben irgendwo gesehen zu haben, könne er sich auch jetzt nicht gleich besinnen, wo? Der Alte aber sagte:

„Ihr bleibt lange aus, Samuel. Habt wohl den Doktor nicht gleich finden können? Beeilt Euch, Herr; es steht schlimm mit meinem Gebieter.“

Alexis war eingetreten und der Mann, ihn näher ansehend, sprach:

„Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?“

„Ein Reisender sucht auf dem Edelsitz der Hochgeborenen Grafen und Herren von Steinau das Gastrecht!“ entgegnete Alexis. „Sage mir, alter Mann, der Du mir wie eine Erscheinung aus früheren Tagen entgegen trittst, wer Du bist?“

Der Mann wurde durch den Ton dieser Stimme seltsam bewegt. Er hielt die Fackel von sich und ließ das volle Licht auf den Eintretenden fallen. Lange sah er ihn mit starren Augen an, dann aber rief er plötzlich unter einem Strom von Thränen:

„Es ist einer unserer Verlornen!“

„Und auch ich erkenne Dich nun“, sagte Alexis mit unbeschreiblicher Weichheit. „Warst Du nicht auf diesem Schlosse, als der fromme Meister Walter in der großen Halle malte und ich sein treuer Schüler war?“

„Ach Gott, er weiß das noch!“ rief der Diener mit zitternder Stimme. „O geschwind, geschwind, lieber Herr. Kommt mit nach der Halle, und Ihr werdet eine große Freude erleben. Und der alte Herr – ja, mein Söhnchen, er lebt noch, wenn auch sein Leben an einem seidnen Faden hängt. Ach! Er wird von Euch neues Leben empfangen, oder Ihr werdet ihm die Augen zudrücken. Das ist auch ein Trost. Meine Kniee schlagen aneinander. Ich kann nicht weiter.“

Der Alte vermochte kaum die Fackel zu halten. Alexis nahm sie ihm ab, faßte ihn kräftig unter den Arm und schritt der Halle zu. Der Diener aber sagte: „Tretet Ihr nicht zuerst ein. Er hätte den Tod davon, wenn er Euch so unvorbereitet sähe. Laßt mich gewähren, Herr; ich nehme mich schon zusammen.“

In der Halle glimmte das Feuer matt in dem Kamin. Der alte Graf saß in dem hohen Lehnsessel und sah in die verlöschende Glut, die sein bleiches Gesicht mit einem rosigen Schimmer übergoß.

„Bringst Du den Doktor, Anton?“ fragte er.

„Nein, Herr!“ entgegnete dieser.

„Ist auch unnütz, Anton. Hier ist keine Hülfe mehr; das letzte Sandkorn ist im Verrinnen. Wer schlug so laut an die Pforte?“

„Ein Fremder. Er bittet um die Gastfreundschaft der Grafen von Steinau.“

„Was ein armer Verbannter zu bieten hat, ist gern gewährt. Führe ihn her. Sagte er, wer er sei?“

„Er sagte es“, entgegnete Anton und sprudelte über. „Wenn Ihr wüßtet, wen ich Euch bringe. Ach, Herr . .. Hört…“

Und weiter ging es; ein Strom von Worten, über- und durcheinander, daß selbst Einer, der Alles im Voraus wußte, ihn nicht verstanden hätte, geschweige Jemand, dem Alles unbekannt ward.

Der Graf war nicht kräftig genug, seinen Redefluß zu unterbrechen und murmelte vor sich hin: „Der Alte spricht irre. Er weiß nicht, was er sagt.“

Da hielt es Alexis nicht länger zurück. Er trat rasch ein, kniete vor dem Grafen nieder und drückte dessen Hand an seine Lippen. Anton aber rief: „Er ist es! Alexis, unser Jüngster.“

Es dauerte lange, ehe sie sich faßten. Ein stetes Fragen und Antworten, ohne daß sie recht hörten, was sie sich sagten. Anton stand nahebei und konnte sich nicht satt fragen. Endlich aber lauerte er in einer fernen Ecke der Halle am Boden und sagte: „Ich will sie nur ansehen; nichts weiter.“

Der alte Graf war einen Augenblick wie vergnügt. Seine Augen strahlten, seine Wangen glühten. Freudenlose Tage der Verbannung hatte er überwunden. Endlich öffnete man ihm die Heimath; aber nur unter Bedingungen, die er nicht annehmen konnte. Ein einflußreicher Freund vermittelte, daß der Graf von Steinau sein altes Stammschloß bewohnen dürfe, und aus den Erträgnissen seiner eingezogenen Güter eine Jahresrente erhielt. Bedingung war, daß er sich auf das Gränzgebiet des Schlosses zu beschränken habe. Er erfüllte diese Bedingung nur zu wörtlich.

Allein mit seinem Gram lebte er innerhalb dieser Mauern. Umsonst waren die Erkundigungen, welche er nach Meister Walter und seinem jungen Sohn anstellte. Wenn der Meister jemals ein Zeichen hinterließ, wo er zu finden sei, war dieses Zeichen von einer dritten Hand vernichtet; vielleicht von derselben Hand, die sich nach dem Obersten und seinem schönen Weibe ausstreckte, denn auch diese blieben spurlos verschwunden.

„Ich schien einsam sterben zu sollen“, sagte der Graf erschöpft. „Und es wäre auch wohl in dieser Nacht geschehen, wenn mir nicht Gottes Barmherzigkeit Dich hieher gesandt hätte, damit ich eine geliebte Seele um mich habe. Nein, zwei! Den Anton darf ich nicht vergessen. Anton, Du alter treuer Diener. Treu wie Gold.“

Anton hörte es wohl in seiner Ecke, daß sein Herr ihn rief; aber er kam nicht, sondern hielt die Hand über die Augen und weinte still.

Schon dämmerte der Morgen durch die hohen Fenster herein. Der Graf hatte sich nicht von dem Sohne trennen wollen. Endlich gab er der beharrlichen Bitte nach und legte sich nieder. Alexis durfte ihn auch jetzt nicht verlassen.

Unterdessen hatte der Bote Samuel den Arzt gebracht, und dieser war um den Grafen bemüht. Er sagte dem Kranken einige tröstende Worte. Zu Alexis aber sprach er: „Wenn der Graf noch irgend etwas anzuordnen hat, lassen Sie es bald geschehen, es ist sonst zu spät.“

Die Stunde nahte, wo die sich für immer trennen sollten, die sich kaum gefunden hatten. Der Graf zog den Sohn zu sich nieder und flüsterte ihm zu:

„Der böse Theodor hat seinen Zweck doch nicht ganz erreicht. Er suchte mich einmal auf, als ich noch in der Verbannung war und sagte mir höhnend, ich hätte ihm sein Lebensglück geraubt, darum raube er mir das meine. Nie würde ich eines meiner Kinder wiedersehen. Und nun habe ich Dich doch und sterbe an Deinem Herzen. Gott segne Dich viel tausend Mal.“

Gegen Mittag war der Graf nicht mehr. Der Geistliche und der Richter des nächsten Ortes kamen. Sie waren von dem Verstorbenen längst für diesen Fall angewiesen. Man begrub ihn in aller Stille auf den, Kirchhofe des Ortes. Für seinen Anton hatte er treu gesorgt. Die Gemeinde erhielt die jährlichen Ersparnisse der gräflichen Rente, dafür war sie verpflichtet, den alten Diener bis an sein Ende zu pflegen. Er blieb auf dem Schlosse. Sein täglicher Gang war nach dem Grabe seines Herrn, daselbst

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Die Gartenlaube (1856) b 445.jpg

O’Donnell.

das Gebet zu sprechen. Alexis hatte ihn nicht bereden können, mit ihm zu gehen. Er wollte auch im Tode nicht von seinem Wohlthäter lassen.

Mit schwer belastetem Herzen rüstete sich Alexis zum Abschiede von der Burg seiner Ahnen. Sein Vater hatte ihm von dem Bruder wenig sagen können. Er wußte nur, daß der Oberst, voll Verzweiflung über den Verlust seiner Rosa, die er in dem Angriff des Pöbels auf den gräflich steinau’schen Palast umgekommen wähnte, nach Holland gegangen sei, um dort Dienste zu nehmen, bis eine bessere Zeit ihm die Rückkehr in das Vaterland gestattete. Seine Abreise war erwiesen. Ob er in Holland ankam, und dort auf eine freilich unbegreifliche Weise verschollen war? Oder ob er jenes Land gar nicht erreichte? Graf Eberhard hatte darüber nichts erfahren. Der Oberst blieb spurlos verschwunden.

Kurz vor seinem Scheiden stand Alexis in der Halle und [446] warf einen Abschiedsblick auf jene Wandbilder, die sein wackerer Meister malte, und die er von den ersten Umrissen an hatte entstehen sehen. In dem Anblick versunken, war es ihm, als ob sich alle die Seinen um ihn versammelten, als ob alle diese Gestalten Fleisch und Blut empfingen. Und wie er um sich schaute, bald bei Diesem, bald bei Jenem weilend, fielen seine Blicke auf die finstere Gestalt, die der Meister mit einem Anstrich dämonischer Kraft malte und die, gleich einem bösen Geiste, in diesen friedlichen Kreis trat. Alexis sah wie gebannt auf ihn und als falle plötzlich ein Strahl der Erkenntniß in seine Seele, rief er aus:

„Theodor Steinau! Sei Gott dir und mir gnädig, wenn jemals unsere Wege sich kreuzen!“

Und in großer Erregung verließ er die Halle, hinauswandernd in den grünen Wald.




V.

Der Schauplatz wechselt. Vom festen Lande geht es hinaus in die offene See. Ein stattlicher Dreimaster durchschneidet die Fluth des atlantischen Oceans. Seine Ausrüstung, halb Handelsschiff, halb Orlog, deutet auf einen Indienfahrer. Eine Flagge weht nicht auf offner See von der Gaffel, aber der breite Wimpel am großen Togg zeigt die niederländischen Farben.

In der zweiten Kajüte sitzen ein paar Deckoffiziere neben einander. Sie dampfen aus langen Pfeifen und sprechen der bauchigen Geneverkruke so fleißig zu, daß die Wirkung des Genusses sich bereits zu zeigen beginnt, denn die Schweigenden werden gesprächig. Der Eine legt die Hand auf den Arm des Andern und sagt:

„Nehmt Euch nur in Acht, daß er es nicht hört.“

„Und dann? Wem will er es ausplaudern? Sind Hunderte von Meilen bis zum nächsten Lande. Und auf Java kann er sprechen, so viel er will. Vom Bord kommt er nicht, ehe seine sieben Jahre um sind. Darauf schwöre ich.“

„Kannst Du wissen, was der Kommandeur im Sinne hat.“

„Denke, es seit gestern zu wissen. Der deutsche Muff hatte sich, trotz unserer Vorsicht, aus dem Quartier zu stehlen gewußt und steht mit einem Male auf dem Halbdeck vor dem Kommandeur. Hollah, Bursche, sagt dieser. Woher? Und warum betretet Ihr diesen Platz? Weil ich mit Euch zu reden habe? antwortet er und blitzt den Kommandeur mit seinen brennenden Augen an, daß diesem die Worte nicht von der Lippe wollen und er sich umdreht. Der Deutsche weicht nicht von der Stelle und als der Kommandeur befiehlt, er solle sich von dem Halbdeck scheeren, antwortet er mit lauter Stimme, er wolle nicht; denn er sei auch Offizier und höher im Range, als irgend einer am Bord. Hättest sehen sollen, wie das dem Kommandeur vor den Kopf fuhr. Mir juckte es in den Beinen, als ich das hörte, und die Arme streckten sich aus. Aber daß ich es sage, mir fehlte die Courage, ihn in das Quartier zurückzubringen. Er sagte weiter: wenn Ihr ein Mann von Ehre seid, so hört einen Edelmann aufmerksam an. Der Kommandeur trat nach diesen Worten zurück, winkte den Deutschen zu sich und sprach mit ihm lange Zeit. Als nichts mehr zu sagen war, ging der Kommandeur einige Male auf und ab und sagte: „Morgen!“ worauf Jener von selbst ruhig in sein Quartier ging. Nun mußte ich heran und ward in des Kommandeurs kleiner Kajüte scharf von ihm in das Gebet genommen, weil ich einen Edelmann preßte und ihn nicht laufen ließ, als ich meinen Irrthum merkte. Hielt die ganze Predigt tapfer aus; legte mir während derselben alles gehörig zurecht und sagte dann: das ist nichts, Myhnar. Da könnte Jeder Offizier sein wollen und Edelmann dazu. Wenn er sich im Wirthshause seine Papiere stehlen ließ, so ist das des Diebes Sache und geht uns nichts an. Ich bin Offizier bei dem Preßgang und wenn es am Bord an Mannschaft fehlt, nehme ich die Kerle, wo ich sie finde. Das ist eines Ostindienfahrers Recht. Wer sich zehn Gulden in die Tasche stecken läßt, wissentlich oder unwissentlich, der ist, so wie er den Fuß auf das Deck setzt, der Kompagnie auf sieben Jahre zum Dienst verpflichtet. Darauf habe ich meinen Eid geleistet. Das Alles sagte ich dem Kommandeuer in’s Gesicht, Maat, wie ich es jetzt Dir sage. Aber er war damit nicht zufrieden, und brummte zum Teufel holen. Ich hätte die Suppe eingerührt und solle mich nur in Acht nehmen, wenn wir in Batavia ankämen. Jetzt hatte er mich in der Klemme und ich mußte schon mit der Sprache heraus, darum sagte ich: Herr Kommandeur, ich habe Euch noch ein Wort zu sagen von dem Baron van Steen, der, wie Ihr wißt, ein rechter Mann im Lande ist und die ganzen Generalstaaten in der Tasche hat. Und der Baron hat gesagt, jener Mann wäre irgendwo im Wege und müsse fort, und er mache mich bei Verlust des Kopfes verantwortlich, daß er lange Zeit, am liebsten für immer, von Europa fern bleibe. Und diesen Brief sollte ich nur dem Schiffskommandanten geben, sobald die Sache zur Sprache käme, hat der Baron gesagt. Damit legte ich den Brief auf den Tisch und ging hinaus. Durch die Thürritze sah ich, wie der Kommandeur den Brief las, und ihn dann in’s Licht hielt und verbrannte. Es war dem Herrn vor den Kopf gefahren, denn er hatte dem Deutschen versprochen, wenn sich Alles so verhielte, wie er es geschildert, wolle er sich verbürgen, daß ihm volle Genugthuung werde und was noch sonst. Nun weiß ich zwar nicht, was in dem Briefe des Barons stand; aber der Kommandeur ließ den Deutschen nicht wieder vor sich und gab nur unter der Hand zu verstehen, daß man ihn ruhig gehen lassen, anständig beköstigen und nicht zum gemeinen Schiffsdienst verwenden solle.

Während der Unterhaltung der beiden Deckoffiziere war ein Dritter am Eingange der Kajüte erschienen. Er trug zwar nur die weite Jacke und die Orangemütze eines gewöhnlichen Matrosen, aber die ganze Haltung verrieth den vornehmen Aristokraten. Dieser lauschte dem Gespräche der beiden Männer und war offenbar unschlüssig, ob er sie ruhig bis zu Ende hören, oder dazwischen fahren, und ihnen das Bekenntniß des schändlichen Verrathes gewaltsam entreißen sollte. Aber die Vernunft bezwang die aufwallende Leidenschaft und er entfernte sich, als er sah, daß die beiden Kerle Miene machten, aufzubrechen. Es ward ihnen bei dem gegenseitigen Bericht ihrer Seelenverkauferei unheimlich und sie suchten mit einer Anwandelung von Furcht ihre Hängematten auf.

(Schluß folgt.)




O’Donnell.

Spanien hat wieder einmal eine königliche Revolution erlebt, die für den Augenblick zwar geglückt, deren Ende aber noch nicht abzusehen ist. Volk und Militär haben mit einer Erbitterung gegen einander gekämpft, wie niemals zuvor; in beiden Lagern, wenn auch augenblicklich weniger sichtbar, ist deshalb tödtlicher Haß geblieben und wartet der Zeit, wo er mit neuen Erfolgen oder rächend hervortreten kann. Die eine Hälfte, nicht zufrieden mit den schwer errungenen Erfolgen, schreitet im blinden Eifer auf dem Wege der Reaction fort, die wenigen Rechte des vielfach geknechteten Volkes mehr und mehr beschneidend und vernichtend, während die besiegte Hälfte zähneknirschend der Stunde entgegenarbeitet, in der die jetzigen Sieger in nothwendiger Folge ihrer eigenen traurigen Schöpfungen zum Rücktritt gezwungen werden. Daß dieser nicht ausbleiben wird, beweist die Stellung O’Donnell’s, des Siegers und augenblicklichen Diktators von Spanien, der in maßloser Verblendung sich zum Umsturz der Verfassung gebrauchen ließ und schon nächstens als ein nicht mehr brauchbares Werkzeug von der äußersten Reaktion bei Seite geworfen werden wird.

Da der eben genannte königliche Revolutionär zu erhöhter Bedeutung gelangt ist, so theilen wir nachfolgend die Hauptereignisse seines früheren Lebens mit. Leopold O’Donnell, zweiter Sohn des Grafen von Abispal, ist etwa fünfundvierzig Jahre alt. Einer seit Ende des vorigen Jahrhunderts in Spanien ansässigen irländischen Familie angehörig, war er zuerst Officier in der königlichen Garde. Als solcher begründete er sich durch Tapferkeit einen Ruf und stieg in dem Bürgerkriege, welcher der Ausschließung des Infanten Don Carlos vom spanischen Throne folgte, rasch zum Divisions-General empor. Während er auf Seiten der Königin Isabella stand, fochten die sämmtlichen übrigen Mitglieder seiner Familie für den Prätendenten, unter dessen Fahne zwei seiner Brüder getödtet wurden, einer vor den Thoren [447] von Pampeluna bei einer Kavallerie-Charge, der andere in den Straßen von Barcelona, wo er vom Volke massacrirt wurde. Mit dem Generalkommando betraut, schlug O’Donnell im Jahre 1839 den carlistischen Heerführer Cabrera bei dem Dorfe Lucena, wofür ihn die Regierung zum Grafen von Lucena erhob. Der Königin Christine leistete er 1840 bei Niederlegung der Regentschaft zu Valencia große Dienste. Seiner politischen Meinung nach den Moderados (Gemäßigte) angehörend, betheiligte er sich, als Espartero 1841 die Zügel der Gewalt ergriff, an der Verschwörung seiner Partei gegen den Letzteren und bemächtigte sich mit Hülfe einer von ihm gewonnenen Truppenabtheilung der Citadelle von Pampeluna, während Montes d’Oca, ein anderer Moderado-Chef, in Vittoria ein Pronunciamento hervorrief. Beide Unternehmungen schlugen aus Mangel an Sympathien fehl. Montes d’Oca wurde gefangen und erschossen, O’Donnell mußte in’s Ausland fliehen, von wo er erst nach dem Sturze des Siegesherzogs 1843 gleichwie Narvaez zurückkehren durfte, um dann vier Jahre lang als Generalkapitän in Cuba, der wichtigsten Kolonie Spaniens, ein strenges, aber blutiges Regiment zu führen, sich auch ein großes Vermögen zu erwerben. Seit seiner Rückkehr von dort saß er im Senate und begleitete unter Narvaez’ drittem Ministerium den wichtigen Posten eines Generaldirektors der Kavallerie. Von diesem unter dem Ministerium Bravo Murillo abgerufen, schloß er sich der Opposition an, welche namentlich unter Manuel de la Concha’s Leitung die auf eine Verfassungs-Revision zielenden Plane des Kabinetes durchkreuzte und vereitelte. Noch bedeutender trat er unter dem folgenden Ministerium im Senate auf, als es galt, seinen Freund und Waffenbruder Narvaez, den das Ministerium durch eine Sendung nach Wien aus Spanien entfernt und von der Theilnahme am Kampfe für die Verfassung abgehalten, in den Senat zurückzuführen. Sehr wichtig war auch sein Antrag wegen der Eisenbahnen, welcher gegen die von Bravo Murillo mit Verpfändung von Staatsgarantien eigenmächtig ertheilten Concessionen gerichtet, die Königin-Mutter anklagte und zu den heftigsten Debatten führte. Wegen seiner hartnäckigen Opposition gegen das Ministerium San Luis, als dieses den Senat umändern wollte, seiner Stelle als Generaldirector der Kavallerie entsetzt und aus Spanien nach den kanarischen Inseln verwiesen, hielt er sich doch heimlich vom Februar bis zum Ausbruche der Verschwörung in Madrid auf.

Er war der geheime Leiter des Militäraufstandes, welcher am 28. Juni 1854 in Madrid ausbrach und als dessen ostensibler Anführer General Dulce, Generaldirector der Reiterei, auftrat. Dieser Aufstand fand jedoch erst größeren Anklang, als Espartero durch eine am 18. Juli von Logrono aus erlassene Proclamation sich ihm anschloß; er gelangte erst zum vollständigen Siege, als neben dem Namen des bisherigen Hauptführers, des General O’Donnell, in erster Stelle der seines alten Gegners, Espartero’s, als eine Bürgschaft der Aussöhnung der Moderados mit den Progressisten (Fortschrittmänner) erschien. Am 28. Juli hielt Espartero seinen feierlichen Einzug in Madrid und bildete nun sofort ein Ministerium, in welchem alle die verschiedenen Fractionen, die an der Durchführung der neuesten Umwälzung Theil genommen hatten, vertreten waren. Er selbst übernahm das Präsidium, Santa Cruz, einer seiner persönlichen Anhänger, das Innere, O’Donnell den Krieg; die übrigen Portefeuilles wurden an Progressisten und an ein Mitglied der Linken vergeben. Eine der ersten Maßregeln des neuen Ministeriums war, die Gewalt der Junten (Rathsversammlung), welche überall an die Stelle der regelmäßig constituirten Behörden getreten waren, wenigstens insoweit einzuschränken, daß ihnen alle anderen als blos berathende Befugnisse abgesprochen wurden, und allmälig gelang es ihm, die meisten derselben aufzulösen. Um den vielfachen Anträgen auf Anklagen der Königin Christine vor den Cortes (Nationalversammlung) durch einen entscheidenden Schritt ein Ende zu machen, ließ das Ministerium die Königin am 28. August unter militärischer Bedeckung nach Portugal abreisen. Das gute Einvernehmen zwischen O’Donnell und Espartero fing damals schon an zu wanken, doch ward durch diese Coalition die politische Lage Spaniens zwei volle Jahre in der Schwebe erhalten.

Das Portefeuille des Krieges genügte O’Donnell nicht, sein Ehrgeiz strebte weiter. Er verband sich mit der bald wieder thätig gewordenen Hofpartei, deren Streben auf die Wiederherstellung des Absolutismus gerichtet war, und nachdem es ihm gelungen, Espartero zu stürzen und die übrigen Minister zum Austritt zu veranlassen, stellte er sich mit Genehmigung der Königin an die Spitze eines neuen Ministeriums, dessen erster Regierungsact die Beschränkung der Verfassung und Auflösung der Nationalgarde war. Die Cortes protestirten gegen die Absetzung Espartero’s und die Nationalgarde begann einen Kampf gegen die Truppen, der vorläufig also mit einer Niederlage der Aufständischen endete. Wer schließlich der Besiegte bleiben wird, das müssen die weiteren Ereignisse ergeben.




Der edle Wein.
Von Dr. H. Hirzel.
II. Der Uebergang des Traubensaftes in Wein.

Der Weinstock erzeugt in seinen Trauben keinen Wein, sondern den erwähnten angenehm süß schmeckenden, durchaus nicht berauschend wirkenden Saft, den man Most nennt. Der Most steht zum Weine in demselben Verhältnisse, wie die Bierwürze zum fertigen Biere. Es ist eine Flüssigkeit, welche nur unter gewissen Bedingungen, also durchaus nicht unter allen Umständen in Wein übergeht. Die Darstellung eines guten haltbaren Weines aus dem Safte der Trauben ist daher ein eigener Gewerbszweig, der wie jedes Gewerbe erlernt werden muß und durch die Versuche und Forschungen intelligenter Männer verbessert werden kann. Ein Sachkundiger wird aus ein und demselben Moste gewiß einen weit besseren Wein bereiten als ein Unkundiger. Warum sind die meisten italienischen Weine nicht haltbar? Weil man zuviel der sogenannten Natur überläßt oder mit anderen Worten, weil man den Most keltert und nun seinen Uebergang in Wein, anstatt vorsichtig zu leiten, dem Zufall anheim stellt. Die Bereitung eines guten und haltbaren Weines ist daher nicht so leicht und einfach wie man gewöhnlich glaubt und durch den Mangel an richtiger Kenntniß dieser Verhältnisse geht viel Wein verloren, der sonst mit Leichtigkeit gut erhalten werden könnte.Man wird es für unglaublich halten, daß, nachdem nun der Weinstock schon seit so vielen Jahrhunderten gebaut wurde, die Weinbereitung nicht überall die größte Vollkommenheit erlangt hat. Allein ein tief eingewurzeltes Vorurtheil hat sich in manchen Gegenden jeder Verbesserung so hemmend entgegengestellt, daß wissenschaftliche Belehrungen, praktische Erfahrungen, die sichtlichen Fortschritte benachbarter, dem Vorurtheil entzogener Länder, die bitterste Noth der Bewohner nicht hinreichten, dasselbe bis jetzt ganz zu überwinden. Die Bewohner jener Gegenden lassen sich durch einige kluge Leute (Weinhändler und Weinspeculanten), welche daraus den größten Vortheil ziehn, dazu verleiten, jenes Vorurtheil beizubehalten. Das Vorurtheil besteht aber in der total unrichtigen Ansicht, daß der Wein ein Naturprodukt sei, daß der Wein vom Schöpfer bereitet werde und daß daher die Menschen nicht unterstützend eingreifen dürften. Und doch weiß Jedermann, daß die Weintraube ebenso wenig Wein, als die Kartoffel Branntwein enthält; daß der Most eine vollständige Umwandlung erleiden muß, bevor er in Wein übergeht und daß seine Bestandtheile hierbei entweder zersetzt oder größtentheils ausgeschieden werden; daß also der Wein dem Moste nicht mehr gleich gestellt werden kann, obschon er von demselben abstammt. Wie mag man daher nur noch die Behauptung aufstellen, daß der Wein wachse und der Mensch nichts dabei thun könne und dürfe! Wer eine solche Meinung jetzt noch vertheidigen will und den Wein als Naturproduct betrachtet, der folgt entweder schlechten eigennützigen Plänen oder hat überhaupt keine klaren Begriffe von Natur und Naturprodukten, zu welchen letzteren allerdings der in den Traubenbeeren eingeschlossene Saft, aber nicht der Wein gehört.

Lassen wir den Traubensaft, gleichgültig ob rein, oder mit den Kämmen, Kernen und Beerenhüllen vermischt, stehn, so beginnen sehr bald die in ihm enthaltenen Stoffe gegenseitig auf einander einzuwirken. Zuerst treten die Eiweißkörper in Thätigkeit [448] und nehmen, wie man bestimmt nachgewiesen hat, etwas Sauerstoff auf, den sie aus der Luft anziehn, oxydiren sich also. Sie treten dann in Beziehung zu dem vorhandenen Gummi, wobei das letztere in Pflanzenfaser (Holzsubstanz) übergeht, welche sich zu einer dünnen, etwas Eiweisstoff umhüllenden Membran gruppirt. Der Traubensaft wird trüber, denn es entstehen auf die eben angedeutete Weise eine große Menge sehr kleiner, nur mit Hülfe des Mikroskopes sichtbarer Kügelchen. Diese Kügelchen zeigen den niedrigsten Grad von Lebenserscheinungen; sie sind kleine, der Klasse der Pilze (Gährungspilze) angehörige Pflänzchen, denen man den Namen Hefe gegeben hat. Die Hefebildung macht in wenigen Stunden große Fortschritte und fast alle Eiweißstoffe, sowie das Gummi, vielleicht auch etwas Zucker des Traubensaftes werden hierzu verwendet. Allein der von der Membran des Hefekügelchens eingeschlossene Eiweißstoff erleidet eine weitere Veränderung und tritt dann zum Theil durch die Poren der Membran wieder in die Flüssigkeit heraus. Auch hier zersetzt er sich fortwährend, kömmt mit dem Zucker des Saftes in Berührung und theilt diesem seinen Zustand mit, wirkt als Gährung erregendes Ferment auf ihn, so daß er zu Weingeist und Kohlensäuregas zerfällt. Wie von einem brausenden Sturme getrieben, pflanzt sich die Zersetzungsbewegung von einem Zuckertheilchen auf das andere über. Die Flüssigkeit geräth in die lebhafteste Bewegung; sie scheint zu kochen, sie schäumt und zischt. Von kleinen Gasbläschen getragen, steigen die Hefekügelchen geschäftig in die Höhe, geben an der Oberfläche das Gas ab und sinken, um mit neuer Ladung“ emporzusteigen.

Das ist ein Treiben und Leben,
Ein Sinken und Heben,
Daß nirgend auf Erden
Es toller sein kann.

Ungefähr 10–14 Tage dauert dieser lebhafte Kampf fort; dann tritt wenigstens scheinbare Ruhe ein. Die stürmische Gährung ist vorüber. Ihr folgt die stille Gährung oder Nachgährung. Die Schaumdecke verschwindet, das Blasenwerfen und Zischen wird immer schwächer, die Hefekügelchen, die sich größtentheils ihres Inhaltes entledigt haben, sinken, nebst einer großen Menge von sich ausscheidenden mineralischen Salzen und wirklichen Unreinigkeiten zu Boden und bilden einen schmutzigen schlammigen Satz, von welchem der entstandene Halbwein rasch auf neue Fässer abgezogen wird. Der Halbwein ist noch trübe, schmeckt weinig, sauer und scharf und wirkt nun schon berauschend. Er verändert sich aber fortwährend; denn durch die vorhandenen, aus den niedergefallenen Hefekügelchen ausgetretenen Eiweißstoffe werden immer mehr Zuckertheile zum Zerfallen in Kohlensäure und Weingeist angeregt. In dem Maaße, als sich aber mehr Weingeist bildet, werden andere Körper in der Flüssigkeit unlöslich; es entsteht daher ein neuer Bodensatz, der weniger Eiweißkörper und Hefetheilchen enthält als der erste, dagegen größtentheils aus dem sauren weinsteinsauren Kali, aus weinsteinsaurem Kalk, weinsteinsaurer Magnesia und bei rothen Weinen aus einem Theile des Farbstoffes und der Gerbsäure besteht und sich in Form einer festen krystallinischen Kruste, als sogenannter roher Weinstein ablagert. Die Flüssigkeit nimmt nun immer mehr den Charakter des Weines an; sie wird noch oft auf frische reine Fässer abgezogen, um zu vermeiden, daß die Bestandtheile des sich fortdauernd ablagernden Bodensatzes eine seiner Entwicklung nachtheilige Einwirkung ausüben; oft wird er auch durch Beimischung verschiedener Mittel rascher geklärt oder geschönt und dann in die Fässer zum Lagern gefüllt. Der junge Wein ist nun fertig und daher wollen wir zunächst einen kurzen Vergleich zwischen seinen Bestandtheilen mit denen des Traubensaftes entwerfen.

Wie im Traubensafte, so haben wir auch im Weine als Hauptmasse das Wasser, welches gleichsam das gemeinschaftliche Lösungsmittel aller Weinbestandtheile ist, dieselben zu einem Ganzen verknüpft. Wir finden in jedem Weine freie Säuren; Zucker, doch stets viel weniger als im Traubensafte; Weingeist; veränderte (oxydirte) Eiweißstoffe; eigenthümliche Riechstoffe; sogenannten Extractivstoff, der aber der Hauptsache nach aus Zucker, Gummi und veränderter Gerbsäure besteht; und Salze, doch ebenfalls in viel geringerer Menge als im Traubensafte. Die rothen Weine enthalten außerdem noch den blauen Farbstoff der Beerenhüllen, der durch die Säuren geröthet worden ist und mehr oder weniger Gerbsäure. – Die Säuren des Weines sind im Allgemeinen denen des Traubensaftes entsprechend. Ein saurer Most liefert daher auch einen sauren Wein und umgekehrt. Die Weinsteinsäure, welche, wie wir gesehen haben in größter Menge im Traubensafte vorkommt und vorzüglich den sauren Charakter desselben bedingt, verändert sich nämlich bei der richtig geleiteten Gährung des Mostes nicht oder nur wenig und findet sich daher ziemlich ihrer ganzen Menge nach auch im Weine. Nur während des langjährigen Lagerns der Weine scheint sie langsam mit dem Weingeist in Beziehung zu treten und in neue nicht saure, eigenthümliche Verbindungen überzugehen, daher alte Weine immer weniger sauer sind, als junge. Ein gewisser Säuregehalt gehört jedoch zu den wichtigsten Erfordernissen eines Weines und übt einen höchst wesentlichen Einfluß auf den Geschmack und die Eigenthümlichkeit desselben aus. Im Allgemeinen kann man sagen, daß ein Wein in je 1000 Theilen wenigstens 41/2 Theil, am besten 6 Thle., höchstens 7 Thle. freie Säuren enthalten muß und daß ein Wein von zu geringem Säuregehalt ebenso wenig gut schmeckt als ein zu Säure-reicher. Die Weine enthalten übrigens auch Säuren, die wir im frischen Traubensafte nicht finden, so namentlich die Essigsäure, welche bei einer zu lebhaften Gährung auf Kosten des Weingeistes entsteht, besonders wenn während der Gährung die Luft nicht möglichst abgehalten wird. Die Essigsäure ist in geringer Menge wohl in jedem Weine enthalten; doch wird sie der Haltbarkeit eines Weines gefährlich, weshalb man ihre Bildung möglichst zu vermeiden suchen muß; denn sie gehört durchaus nicht zu den nothwendigen Weinbestandtheilen. Die jungen Weine enthalten auch aufgelöste Kohlensäure, besonders wenn die Gährung bei niedriger Temperatur vor sich ging. Sie verdanken dieser schwachen Säure ihren prickelnden Geschmack und ihre Eigenschaft, beim Ausgießen zu perlen oder bei mehr Kohlensäure zu schäumen. Weine, welche noch Zucker und Eiweißstoffe enthalten, beginnen alle Frühjahre, sowie die wärmere Witterung eintritt, von Neuem zu gähren und Kohlensäure zu entwickeln; eine üble Eigenschaft, die leicht die Ursache zu ihrem zu Grundegehen werden kann. Sie wird vermieden, wenn man den Most in Räumen gähren läßt, deren Temperatur durch künstliches Heizen allmälig auf 20° R. (25° C.) gesteigert wird. Hierbei erlangt man zugleich auch den großen Vortheil, daß die Kohlensäure vollständiger aus dem Weine entweicht, überhaupt die Gährung ziemlich mit einem Male beendigt und daher der Wein in viel kürzerer Zeit völlig ausgebildet gewonnen wird. – Der Zuckergehalt des Weines ist sehr verschieden. In den sogenannten sauren oder trockenen Weinen findet man im Durchschnitt noch 2–5 Procent; in einzelnen Fällen jedoch kaum ein Procent oder bis 12 Procent. Der Zucker des Weines ist etwas verschieden von dem Traubenzucker des Mostes. Er wird daher gewöhnlich Schleimzucker genannt, weil er nicht krystallisiren kann. Jedenfalls ist er durch eine allmälige Umwandlung des Traubenzuckers entstanden, welcher während der Gährung nicht zersetzt worden ist. Jeder Wein muß wenigstens eine geringe Menge von Zucker enthalten. Die süßen oder Liqueurweine sind stets sehr reich an Zucker und enthalten bis zu 26 Procent davon. Die Ursache, daß bei manchen Weinen so viel Zucker unzersetzt geblieben ist, rührt theils von der Eigenthümlichkeit des Zuckers her, in concentrirter Auflösung weniger leicht zu gähren, als in verdünnter, theils von der Eigenschaft des Weingeistes, die Gährung aufzuheben, sobald sich eine gewisse größere Menge desselben in einer Flüssigkeit gebildet hat. Ist nun der Most sehr zuckerreich, so wird bei seiner Gährung bald so viel Weingeist gebildet, daß die Gährung nicht mehr fortschreiten kann und der viele Zucker selbst wirkt derselben entgegen. Unter solchen Umständen muß daher ein süßer Wein entstehen. – Der Weingeistgehalt des Weines ist von der größten Wichtigkeit und trägt sehr viel dazu bei, die Kraft, den Geschmack, die Haltbarkeit und die Wirkung eines Weines zu bedingen. Der Weingeist findet sich, wie wir schon mehrmals erwähnt haben, nie in dem frischen Traubensaft, sondern ist neben der Kohlensäure, die wegen ihres luftförmigen Zustandes entweichen muß, das Hauptproduct, in welches der Zucker bei der Gährung zerfällt. Seine Quantität hängt also hauptsächlich von der Menge des sich zersetzenden Zuckers ab und beträgt in den verschiedenen Weinen 7–20 Procent. Ein Wein von geringem Weingeistgehalt ist sehr zur Zersetzung geneigt, indem der Weingeist in, verdünnten Flüssigkeiten, besonders wenn die Luft zutreten kann, [449] sehr leicht und rasch in Essigsäure oder in schleimige, fade schmeckende Producte übergeht. Schwache Weine sind daher weit weniger haltbar als starke. Für deutsche und französische Weine ist ein Gehalt von 12–14 oder von wenigstens 11, höchstens 15 Procent Weingeist nothwendig. Weine, welche nur 7–9 Procent enthalten, sind schon sehr werthlos. Der reine Weingeist ist eine aus den drei Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehende, farblose, leicht bewegliche Flüssigkeit; er ist leicht entzündlich und verbrennt mit blaßblauer wenig leuchtender Flamme; er hält sich im reinen Zustande Jahre lang unzersetzt, läßt sich in jedem beliebigen Verhältnisse mit Wasser verdünnen und kann im verdünnten Zustande, wie schon bemerkt, leicht in Essigsäure übergehen. Der reine Weingeist, von den Chemikern auch Alkohol genannt, siedet bei 62 – 63° R. (781/2° C.), ist bedeutend leichter als Wasser, riecht angenehm weinig, erfrischend, schmeckt brennend-erwärmend und wirkt selbst in kleiner Menge innerlich genossen als heftiges Gift, indem er den zarten Schleimhäuten der Speiseröhre und des Magens das Wasser entzieht, so daß diese zusammenschrumpfen. Ist er dagegen mit einer hinreichenden Menge Wasser verdünnt, so kann er genossen werden und wirkt dann in mäßiger Quantität belebend und stärkend, in übermäßiger berauschend. Wir spüren diese Wirkungen beim Genusse aller sogenannten geistigen oder spirituösen Getränke, deren Hauptbestandtheil der Weingeist ist. Je mehr Weingeist daher ein Wein enthält, desto feuriger und berauschender wirkt er. Es ist natürlich in vielen Fällen von großer Wichtigkeit, den Weingeistgehalt eines Weines genau bestimmen zu können. Auch zu diesem Zwecke ist ein sehr sinnreicher Apparat zusammengestellt worden, dessen nähere Beschreibung wir ebenfalls in dem schon versprochenen Nachtrage geben wollen. – Wir finden ferner in den meisten Weinen noch sogenannte oxydirte Eiweißstoffe, das sind die Ueberreste der eiweißartigen Körper, die im Traubensafte enthalten waren, bei der Gährung desselben in die Hefekügelchen eintraten, während des Verlaufes der Gährung jedoch wieder durch die Wandungen der Hefezellen heraustraten, zum Theil mit anderen Stoffen niederfielen, zum Theil aber noch in dem jungen Weine aufgelöst blieben. Diese Ueberbleibsel der Eiweißstoffe sind dem Weine stets sehr gefährlich; sie wirken zwar weder verbessernd noch verschlechternd auf seinen Geschmack ein; allein sie sind immer noch zur weiteren Zersetzung fähig und im Stande ihre Zersetzungsbewegung auf die Weinbestandtheile überzutragen, was sie namentlich in schwachen Weinen leichter vermögen, als in starken. Der sorgsame Weinfabrikant sucht daher diese Stoffe möglichst vollständig aus dem Weine zu entfernen, was am besten durch eine rasch eingeleitete und durch erhöhte Temperatur zu vollständigem Ende gebrachte Gährung geschieht. – Die Riechstoffe des Weines sind, so wichtig sie dem Weinkenner erscheinen, doch zur Zeit noch nicht genügend bekannt. Alle aus Traubensaft bereiteten Weine enthalten eine sehr durchdringend und stark weinig riechende flüssige Substanz, das sogenannte Weinfuselöl oder Oenanthäther, welche sich neben dem Weingeist während der Gährung erzeugt und dem Weine den eigenthümlichen Weingeruch mittheilt, der besonders in geleerten Weinflaschen oder Weingläsern bemerkbar wird. Einige feine, sogenannte Bouquetweine enthalten außerdem noch sehr geringe Mengen von flüchtigeren wohlriechenden Stoffen, die sich aber erst während des mehrjährigen Lagerns in bemerklicherer Menge zu bilden scheinen und wahrscheinlich durch eine allmälige Einwirkung der Weinsteinsäure oder einer geringen Menge Fett auf den Weingeist oder durch Zersetzung des Oenanthäthers entstehen. Immerhin ist dieses Weinaroma für uns noch räthselhaft, weil die Bouquetweine verschiedener, oft kaum eine Stunde auseinander liegender Lagen ein deutlich verschiedenes Bouquet besitzen und weil ein Wein von einer bestimmten Lage jedes Jahr wieder das nämliche, ihm allein eigenthümliche Bouquet oder Aroma entwickelt. Es ist aber bis jetzt nicht gelungen, alle diese feinen Riechstoffe mit Bestimmtheit aus dem Weine abzuscheiden oder künstlich darzustellen. Vielleicht entspringt das Bouquet nur aus der jedem Weine eigenthümlichen Mischung seiner Bestandtheile. – Ferner sollen die Weine auch Extraktivstoffe enthalten. Extraktivstoffe nennt man in der Chemie gewöhnlich solche Pflanzenbestandtheile, die man noch nicht genauer kennt und die man darstellt, indem man die Pflanzen mit Wasser oder Weingeist auszieht und die erhaltenen Auszüge eindampft. Was nun die Extraktivstoffe der Weine betrifft, so hat man gefunden, daß wenn man einen Wein eindampft, eine extractartige zähe Masse zurückbleibt, welche aber nichts Anderes enthält, als die nicht flüchtigen, beim Eindampfen nicht entweichenden Bestandtheile des Weines, also die Weinsteinsäure, den Zucker, die Eiweißstoffe, Gummi, Gerbsäure in einem zersetzten, in eine sogenannte Humussubstanz umgewandelten Zustande, die Salze und bei den rothen Weinen auch durch das Eindampfen theilweise zersetzten Farbstoff. Andere Stoffe findet man nicht in dem Weinextract (bis zur Trockenheit eingedampften Weine), daher ist die Annahme eines besonderen Extraktivstoffes im Weine unrichtig. – Die Salze des Weines sind die nämlichen, wie die des Mostes, nur sind sie alle in viel geringerer Menge vorhanden und einige, besonders die phosphorsauren und schwefelsauren Salze, die weinsteinsaure Kalkerde und Magnesia haben sich während der Weinbildung ganz ausgeschieden. In einigen Weinen hat man dagegen eine geringe Menge von Ammoniaksalzen aufgefunden, was leicht erklärlich ist, da die Eiweißstoffe bei ihrer fortschreitenden Zersetzung schließlich in Ammoniak übergehen und man schon während der Gährung ganz bestimmt die Bildung von Ammoniak nachweisen kann. – Gewöhnlich nimmt man an, daß die Weine verschiedene Farbstoffe enthalten; doch hat Mulder ganz bestimmt nachgewiesen, daß in den sogenannten weißen Weinen und den bräunlich-gelblichen Liqueurweinen kein bestimmter Farbstoff enthalten ist, sondern daß die Färbung von etwas in einen braunen Humuskörper übergegangener Gerbsäure herrührt. Dagegen enthalten die sogenannten rothen Weine alle ein und denselben blauen Farbstoff, der wie wir schon gesehen haben, ursprünglich in den Hüllen der Beeren sitzt und nur dann in den Wein übergeht, wenn man diese Hüllen mit dem Safte, den sie einschließen, gähren läßt. Je länger man dieselben mit dem gährenden Safte in Berührung läßt, desto intensiver färbt sich der Wein. Der reine Farbstoff ist ein schönes blaues Pulver, ausgezeichnet durch seine große Empfindlichkeit gegen Säuren, welche ihn in einen rothen Körper umwandeln; durch laugenartige Substanzen z. B. durch Soda wird er erst dunkel schwärzlich-violett, später braun gefärbt. – Endlich haben wir noch die Gerbsäure als einen Bestandtheil fast aller, besonders aber der rothen, herben Weine zu erwähnen. Diese Säure macht die Weine sehr beständig, indem sie die zersetzende Wirkung der Eiweißkörper, die sie größtentheils aus dem Weine niederschlägt, verhindert. Sie selbst erhält sich übrigens im Weine auch nicht ganz unzersetzt und verwandelt sich allmälig in eine braune Substanz, welche der Humussäure, wie sie in der Ackererde und im Torfe gefunden wird, gleichkömmt.

Wir haben nun den Uebergang des Mostes in Wein verfolgt, die Bestandtheile des Weines ebenfalls ganz kurz berücksichtigt und gehen nun zu der Betrachtung der Mittel über, welche uns zu Gebote stehen, um auf naturgemäße Weise einen guten Wein, selbst aus nicht ganz reif gewordenen Trauben zu bereiten und zur Erläuterung des Unterschiedes, der zwischen Weinveredlung und Weinverfälschung gemacht werden muß.




Eine Fahrt mit dem alten Jahn.
Von Wilhelm Künstler. – (Schluß.)
Die Neuenburg und ihre lebendige Mauer. – Der Edelacker. – Schomburgk’s Geburtsstätte. – Weiberlist und Weibertreue. – Burgscheidungen, die Hofburg der thüringer Könige. – Der halbe König und sein Untergang. – Jahn’s Urtheil über das thüringer Königreich. – Ein Königshaus, nicht angefüllt mit Haß, Blut und Mord, sondern mit Wohlwollen, Treue und Liebe. – Graf von Schulenburg. – Jahn’s Abschied.

Nachdem wir auf der herrlichen „Umschau“ in Jahn’s Garten den Kaffee eingenommen, führte uns der Besitzer desselben nach dem Schlosse, d. h. nach der von Ludwig dem Salier oder, wir er später genannt wurde, von Ludwig dem Springer im [450] Jahre 1062 erbauten so sagenreichen Neuenburg. Dieses Schloß besteht aus mehren zu verschiedenen Zeiten aufgeführten Gebäuden, von denen nur noch die beim westlichen Eingänge dem 11. Jahrhundert angehören. Der Brunnen hat eine Tiefe von 400 Fuß. Die Schloßkapelle, eine jener so äußerst seltenen Doppelkapellen, hat zwei Geschosse über einander, von denen namentlich das obere wegen seiner schönen Säulenknäufe und Verzierungen der Bogengurte besondere Beachtung verdient. Der Schloßthurm, 147 Fuß hoch, gewährt eine schöne und ausgebreitete Aussicht. Im Fremdenbuche sagt Jahn am 5. Oktober 1828 hierüber Folgendes:

„Bei günstiger Witterung erkenne ich Fünfzigjähriger, mit unbewaffnetem Auge, vom Schloßthurme in der Rundsicht: den Petersberg, die Thürme von Halle, Landsberg, Merseburg, die Sternwarte von Leipzig, Lützen, Weißenfels, Hohen-Mölsen, die Gleitsburg, den Landgrafen und den Fuchsthurm bei Jena, den Ettersberg, Ausläufer der Finne, Burkertsrode – einen der hochliegendsten Orte im ebenen Thüringen – den Kyffhäuser und den Brocken.“

Die Neuenburg ist auch das bekannte Schloß, dessen Besitzer bei Anwesenheit des Kaisers Barbarossa, der den Mangel einer Mauer bedauerte, in einer Nacht die Burg durch seine Grafen, Edelleute und Knechte umstellen und so eine bewaffnete Mauer herstellen ließ, wie sie selbst der Kaiser nicht schöner und fester besaß.

Von dem Schlosse begaben wir uns nach dem berühmten Edelacker. Derselbe liegt nördlich von der Neuenburg, unweit der sogenannten Frankenstraße, und ist fünf Magdeburger Morgen und 38 Quadratruthen groß. Seinen Namen verdankt er folgender Begebenheit.

Als Ludwig der Eiserne durch die bekannten Mahnworte des rühlaer Schmieds: „Landgraf werde hart! Du unseliger Herr, was taugst Du den armen Leuten zu leben? Siehst Du nicht, wie Deine Räthe und Edelinge das Volk plagen und mähren Dir im Munde? Werde hart – werde hart“ wirklich ein strenger Herr geworden war und die gegen ihn empörten Edelleute bei Freiburg geschlagen hatte, bestrafte er sie folgendermaßen:

„Er nahm sie und führte sie zu Felde, und fand auf dem Acker einen Pflug; darin spannete er die ungehorsamen Edelleute je vier, riß mit ihnen eine Furche und die Diener hielten den Pflug. Er aber trieb mit der Geißel und hieb, daß sie sich beugeten und oft auf die Erde fielen. Wann dann eine Furche geahren war, sandte er vier andere ein und ahrete also einen ganzen Acker, gleich als mit Pferden; und ließ darnach den Acker mit großen Steinen zeichnen zu einem ewigen Gedächtniß. Und den Acker machte er frei, dergestalt, daß ein jeder Uebelthäter, wie groß er auch wäre, wenn er darauf käme, daselbst solle frei sein,[1] und wer diese Freiheit brechen würde, sollte den Hals verloren haben.“

Den Füllmund der Mauer, mit der der Edelacker einst umgeben gewesen, kann man noch heutigen Tages sehen.

Ludwig der Eiserne ist auch auf der Neuenburg gestorben (1172). Kurz vor seinem Tode entbot er seine gedemüthigten Vasallen zu sich und befahl ihnen, daß sie seinen Leichnam „mit aller Ehrwürdigkeit“ begraben und auf ihren „Hälsen“ von hier bis gen Reinhartsbrunn tragen sollten. Und als er gestorben war, erfüllten sie dies sein letztes Gebot wirklich; denn „sy sorchtin en mer, danne den tufil, – unde warin allis in den furchtin, ob her noch lebinde wäre.“

Von den Sehenswürdigkeiten, welche wir nun in der Stadt Freiburg selbst in Augenschein nahmen, nimmt die Annenkirche die erste Stelle ein. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert, hat die Form eines Kreuzes und ist mit drei Thürmen geschmückt. Auf der Ostseite befindet sich eine gewölbte doppelte Vorhalle. Nur der Chor ist im gothischen Style gehalten; die übrigen Parthien gehören der romanischen Bauschule an.

Die auf dem regelmäßigen und ziemlich geräumigen Marktplatze aufgestellte Bildsäule des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels und Querfurt hat nicht den geringsten künstlerischen Werth. Sie ist früher auf dem Schloßhofe, dann in einem Jagdschlößchen aufgestellt gewesen und schließlich von dem freiburger Stadtrathe um zwei Thaler und zwanzig Silbergroschen angekauft worden.

Herzog Christian hat noch bei seinen Lebzeiten diese seine Statue aufrichten lassen; sie ist eine der „Zierden,“ welcher eine im großen Saale der Neuenburg angebrachte Inschrift in folgender Weise gedenkt:

„Was die hohen Ahnen bauten,
Liebte Herzog Christian
Als ein Zweig der Sachsen-Rauten,
Dem dies Land ist unterthan.
D’rum hat er, was ihn ergötzet,
Hier zur Zierde hergesetzet. MDCCXIX.“

Nachdem wir hierauf den nahegelegenen dieckertschen Weinberg besucht, jenen überaus freundlichen Rebenhügel, von wo man vortreffliche – von Westen aus vielleicht die schönste Aussicht auf Naumburg hat, kehrten wir wieder nach der Stadt zurück, deren alte Ringmauern und Eckthürme ihr immer noch ein mittelalterliches Colorit verleihen. Jahn zeigte uns hier das Haus, in welchem einer der edelsten Söhne Thüringens – Schomburgk – dieser würdige Schüler Alexanders von Humboldt, das Licht der Welt erblickt hat.

Als jener berühmte Reisende und Naturforscher, Sir Robert Schomburgk, im Jahre 1815 – er war kurz zuvor von der Königin von England zum Baronet ernannt worden – seine Vaterstadt Freiburg besuchte, überreichte man ihm unter würdigen Feierlichkeiten das Diplom eines Ehrenbürgers. Ich war bei dem darauffolgenden Festmahle Tischnachbar von Jahn und notirte mir mit seiner Genehmigung die von ihm ausgebrachten Trinksprüche. Einer derselben lautete folgendermaßen:

„Die Schöpfung ist die älteste Offenbarung des Allwaltenden, eine Sternen-, Sonnen- und Weltenschrift. Darum Ehre der Naturwissenschaft! Ehre den Naturforschern, so uns vor Aberglauben und Unglauben schirmen! Die Naturforscher hoch!“

Nach Tische brachen wir von Freiburg auf und erreichten, geführt von unserm ortskundigen Wirthe, am linken Unstrutufer in etwa einer Stunde den der ehemaligen kaiserlichen Domaine Balgstedt gegenüber liegenden Rittersitz Zscheiplitz. Derselbe hieß in frühem Zeiten Weißenburg und war unter Anderm die Residenz des sächsischen Pfalzgrafen Friedrich III., zu dessen schöner Gemahlin Adelheid, eine geborene Markgräfin von Stade und Salzwedel, der bekannte Landgraf von Thüringen, Ludwig der Salier, eine eben so heftige als strafbare Liebe gefaßt hatte. Er fand bald Gehör, und die treulose Frau gab nun den Rath, ihr Buhle sollte am bestimmten Tage in dem dem Pfalzgrafen gehörigen Gehölz, genannt die „Reißen“ (unterm mönchenroder Felde), eine Jagd anstellen, unbegrüßt und unbefragt; sie wollte ihren Herrn reizen und bewegen, ihm die Jagd zu wehren; dann möchte er seines Vortheils ersehen. Ludwig ließ sich vom Teufel und der Frauen Schöne blenden und sagte zu. Als nun der mordliche Tag vorhanden war, richtete die Pfalzgräfin ein Bad zu, ließ ihren Herrn darin wohl pflegen und warten. Unterdessen kam Ludwig, ließ sein Hörnlein schallen und seine Hündlein bellen und jagte dem Pfalzgraf in dem Seinen, bis hart vor die Thür. Da lief Frau Adelheid heftig in das Bad zu Friedrichen, sprach: es jagen Dir ander Leut’ freventlich auf dem Deinen; das darfst Du nimmer gestatten, sondern mußt ernstlich halten über Deiner Herrschaft Freiheit. – Der Pfalzgraf fuhr auf aus dem Bad, fiel ungewappnet und ungerüstet, nur einen Mantel umgeworfen, auf seinen Hengst und da er den Landgrafen ersah, strafte er ihn mit harten Worten; doch der wandte sich und stach ihn mit einem Schweinspieß durch seinen Leib, daß er todt vom Pferde sank. – Frau Adelheid „rang“ – wie es in einem Volksliede aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts heißt –

„ihre weißen Hände,
Rauft aus ihr gelbweiß Haar,“

und geberdete sich gar kläglich. Demungeachtet führte sie Ludwig – noch ehe das Jahr um war – auf sein Schloß Schauenburg und nahm sie „zu einem ehelich Weib.“

Ein steinernes Kreuz mit der Inschrift:

„Hic comes cecidit Palatinus.
Hunc prostavit comes Ludovicus.
.“

bezeichnet noch jetzt die Mordstätte.

Die Freunde des Pfalzgrafen brachten über Ludwig bald nach seiner blutigen That die Reichsacht, nahmen ihn dann auf einer Reise nach Magdeburg gefangen und setzten ihn bei Halle auf die Burg Giebichenstein an der Saale unter strenge Obhut mehrer Wächter. Hier ward er über zwei Jahre festgehalten, bis wo es ihm endlich gelang, mit seinen Getreuen ein Verständniß anzuknüpfen. Diese sollten an einem bestimmten Tage mit Kähnen [451] um unter dem Giebichenstein erscheinen und am andern Ufer, im Dorfe Kröllwitz, sein Leibroß bereit halten. Zur verabredeten Zeit wagte er denn den gewaltigen Sprung aus dem Fenster der hohen Felsenburg hinab in die Saale. Und der gelang ihm: Ludwig entkam glücklich nach Sangerhausen und erhielt nun den Beinamen der Springer. Dr. Martin Luther erzählt diese Sage folgendermaßen: „Ludwig Springer, Landgraf zu Hessen und Thüringen, ist ein zorniger, heftiger Herr gewesen, der ward vom Bischofs zu Hall gesengklich auf dem Giebichensteine enthalten, daselbst ist er zum Fenster zum Schloß hinaus in die Sala gesprungen, Einen hohen Fels hinab, durchs Wasser geschwummen, und auf seinem Klöpper Schwan davon kommen und entronnen.“

Schloß Weißenburg ward späterhin von Frau Adelheid, als sie lebensmüde und bußfertig geworden, in ein Nonnenkloster umgewandelt. Sie nannte es „Supplicium“, d. i. Sühne. Aus Supplicium ist nun im Laufe der Zeit der Name Zscheiplitz entstanden.

Die Gartenlaube (1856) b 451.jpg

Scheidungen, die Hofburg der Thüringer Könige, mit Ansicht der alten Burg.

Von Zscheiplitz erreichten wir über Laucha, ein Städtchen mit alten Ringmauern und einer sehenswerthen Kirche, in etwa einer Stunde:

Burgscheidungen, an dessen Stelle einst die stolze Hofburg der thüringischen Könige von der lebensvollen Stadt „Schidingi“ in mächtigen Reihen umlagert ward. Hier war es auch, wo die Edelinge Thüringens in Schaaren zusammenströmten, um ihren geliebten König Hermannfried beglückwünschend zu begrüßen, als er an der Seite seiner jugendlichen Gemahlin Amalberga von seiner Brautfahrt wieder heimkehrte. Und weshalb hätten die Thüringer sich dieser Vermählung nicht freuen sollen? Ausgestattet mit allen Reizen, die nur ein Weib schmücken, war ja ihre Herrscherin auch die Nichte des Ostgothenkönigs Theodorich des Großen, und im Bündniß mit diesem so gewaltigen Fürsten glaubten sie sich fortan geschützt gegen die Macht der Franken und anderer feindlichen Nachbarn. Statt des gehofften Glückes aber brachte Amalberga, wie damalige Geschichtschreiben der Franken berichten – nur Unheil und Verderben – sowohl ihrem Eheherrn als auch dem ganzen Volke. So schön sie war, so stolz und herrschsüchtig zeigte sie sich bald. Sie konnte es nicht ertragen, daß ihr Gatte nur den dritten Theil des thüringischen Reiches besaß; denn das übrige Land gehörte seinen Brüdern Berthar und Balderich. Als nun einst Hermannfried aus einer Volksversammlung in seine Burg trat und sich zu Tische setzen wollte, hatte sie die Tafel nur halb decken lassen und ihm auf die Frage: was dies bedeute? geantwortet: „Einem nur halben Könige geziemt nicht, an einer ganz gedeckten Tafel zu speisen!“ Auf diese und ähnliche Weise reizte sie ihn so lange, bis er seinen Bruder Berthar erschlug und mit dem älteren, Balderich, um die Alleinherrschaft kämpfte, in welchem Kriege er von dem fränkischen Könige Theuderich von Austrasien gegen das Versprechen unterstützt ward, ihm die Hälfte der zu erobernden Länder zu überlassen. Als jedoch Balderich im Kampfe gefallen war (520), betrog Hermannfried seinen Bundesgenossen um seinen Lohn, so daß er nun das ganze Königreich seines verstorbenen Vaters (Basinus) besaß. Dieses aber erstreckte sich von der Donau bis weit über den Harz, ja früher bis an das baltische Meer, und von der Elbe bis zum westlichen Main und der Lahn. Theuderich wartete mit seiner Rache, bis der gefürchtete Ostgothenkönig Theodorich starb (528); dann aber brach er in Verbindung mit seinem Bruder, dem König Chlotar I., mit gewaltigen Heeresmassen über den Rhein nach Thüringen auf. Hermannfried lagerte mit seinen Schaaren an den Ronnebergen, in der Gegend vom heutigen Weißensee, als die Franken den Angriff begannen. Die Schlacht, bald in ein gegenseitiges Gemetzel übergehend, wüthete drei Tage lang, und die Leichen von Freund und Feind füllten endlich so das Bett der Unstrut, daß sie den Fluß dämmten und die Franken nun wie auf einer Brücke hinübergehen konnten. Hermannfried hatte ungeheure Verluste erlitten; aber erst am Abend des dritten Tages, als er noch [452] einmal, zwischen Liederstedt und Reinsdorf (dem Städtchen Nebra gegenüber), dem Feinde die Stirn geboten und immer neue Frankenschaaren heranzogen, warf er sich in seine Hofburg. Die Waffen, namentlich die gewichtigen Streitäxte[2]) seiner Thüringer, hatten unter den Feinden so gewüthet, daß diese, obgleich Sieger, sich genöthigt sahen, die Sachsen zum Antheil am Kampfe anzurufen. Bald rückten denn auch 9000 Mann dieser Hülfsvölker heran, geführt von Herzog Bärnward dem Askanier. Ihr Haar reichte bis auf den Schwertgriff herab und sie waren so große und stammhafte Leute, daß selbst ihren Bundesgenossen vor ihnen bange ward. Die Sachsen waren es denn auch, welche endlich – im October 528 – Schidingi, Stadt und Burg, erstürmten. Nachdem sie ihre ungeheure Beute in Sicherheit gebracht, zündeten sie den Ort an. Die Einwohner waren bereits größtentheils niedergeschlachtet.

Befand sich das thüringische Königspaar auch unter den Ermordeten?

Amalberga war mit dreien ihrer Kinder entflohen und erreichte glücklich Italien, wo sie ihr Bruder Theodat, König der Ostgothen, in Schutz nahm. Ihr Sohn Amelfried kämpfte später als Reiteranführer des oströmischen Kaisers Justinian mit Auszeichnung gegen die Gepiden und starb dann als der letzte männliche Sprosse seines erlauchten Geschlechtes im fernen Morgenlande. Seine Schwester Rotelinde wurde mit dem Longobardenkönig Audoin und seine andere Schwester Ranekunde mit dem König Walcho vermählt.

Hermannfried entkam ebenfalls. Als er jedoch auf eine „freundschaftliche Einladung“ Theuderich’s des Franken (im Jahre 531) nach Zülpich am Rhein ging, ließ ihn dieser dort bei einem Gange aus den Befestigungswerken der Stadt in den Wallgraben stürzen, so daß er elendiglich ertrinken mußte. Eine andere Sage, der auch Jahn Glauben schenkte, berichtet hingegen, daß der letzte Thüringerkönig nach dem Falle Schidingis im nahen Eichenhaine bei der Mündung der Hassel in die Unstrut auf sein Bitten von dem ihn begleitenden Waffenträger erstochen worden sei.

Mit der Schlacht an der Unstrut endigte das thüringische Königreich nach einer Dauer von hundert Jahren. Die Sachsen erhielten die Gaue zwischen der Unstrut und dem Harzgebirge (Nord-Thüringen), das eigentliche Thüringen ward fränkische Provinz, und in die noch wenig angebauten Lande zwischen der Saale und Elbe wanderten slavische Stämme ein. Die zerstörte Hauptstadt aber fiel an Bärnward den Askanier.

Als wir so die historischen Vorfälle durchsprachen, sagte Jahn unter Anderm – und der Ton seiner Stimme zeugte dabei von einer bei ihm seltenen, innigen Wehmuth: – „Ich liebe es sonst nicht, in fremden Zungen zu reden; aber so oft ich nach Burgscheidungen gekommen, so oft ist mir auch der Ausspruch entfahren: „Sic transit gloria mundi!“ Und nach einer Pause fuhr er fort: „Hermannfried mag den einen seiner Brüder erschlagen und gegen den andern in offner Feldschlacht gekämpft haben; aber die Beweggründe hiervon sind jedenfalls anderer Natur, als sie uns von seinen Widersachern, den fränkischen Geschichtsschreibern, namentlich von dem listigen Bischof von Tours, Gregorius, geschildert werden. Die Thüringer waren so recht geeignet, ein Dauer-Volk zu werden – und dazu wollte sie ihr unglücklicher König machen. Fränkische Federn haben ihn und die Seinen mit Unrecht angeschwärzt und mein Freund Luden spricht wahr, wenn er in seiner Geschichte des deutschen Volkes von dem thüringischen Königshause sagt: Es ist nicht angefüllt mit Haß, Blut und Mord, sondern mit Wohlwollen, Treue und Liebe. – Und nun erst die hochsinnige Amalberga! Wohl lebe ich des Glaubens, daß alles Böse, so in die Welt gekommen, entweder einen Pfaffen oder aber ein Weib zum Ursprunge gehabt; aber dieses Weib hat man verläumdet. Amalberga, unter den Augen ihres großen Ohms, Theodorich, herangewachsen, gebildet von dessen Geheimschreiher, dem vortrefflichen Cassiodor, sie, die Herzensfreundin der edlen und geistreichen ostgothischen Königstochter Amalasuntha – wie hätte sie hier in unserm traulichen Thüringen mit einem Male so umschlagen und Brudermord anstiften sollen?! – Ihr großer Ohm schreibt in einem Briefe an Hermannfried über sie unter Anderm Folgendes:

„Wir senden sie Dir als eine Zierde Deines Hofes, als eine Vermehrerin Deines Geschlechts, als eine treue Gehülfin Deiner Rathschläge, als eine liebliche Süßigkeit der Ehe, welche nicht nur die Last der Herrschaft mit Dir theilen, sondern auch Dein Volk durch bessern Unterricht bilden wird. Das glückliche Thüringen wird nun besitzen, was Italien gepflegt hat; denn gebildet in den Wissenschaften, und der feinen Sitten kundig, ist sie nicht allein durch ihre Abkunft eine Zierde, sondern auch durch ihre weibliche Würde: so daß Dein Vaterland nicht weniger hervorleuchten wird durch ihre edle Sitte, als durch seine Triumphe.“

Gegenwärtig ist Burgscheidungen nur ein mäßiges Dorf; doch hat es noch immer ein recht stattliches Schloß. Dasselbe liegt auf einem isolirten Berge hoch über der Unstrut und soll sein südlicher Theil, wie Jahn behauptete, ein Fragment der alten Königsburg sein. In der That zeugt dieser Theil, namentlich die steinerne Wendeltreppe, von einem alten Ursprunge und contrastirt in seiner Bauart gewaltig mit den übrigen Parthien, die erst in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und zwar von dem Reichsgrafen Johann Mathias von der Schulenburg im ächten Rokokostil erbaut worden sind. Ein äußerst geräumiger Saal wird außer vielen andern werthvollen Oelgemälden auch von dem Bilde dieses berühmten Feldherrn geziert. Als General-Feldzeugmeister der „erlauchten“ Republik Venedig kämpfte er auf der Insel Corfu gegen die Türken so glücklich, daß ihm noch bei seinen Lebzeiten dort zum Dank der Senat ein Standbild errichten ließ, das die Inschrift enthielt: „Christianae reipublicae fortissimo assertori.“ Auch war er es, der im Jahre 1704 durch die Art und Weise, wie er die sächsische Armee rettete, selbst dem so kriegskundigen Schwedenkönig Karl XII. Achtung abzwang, indem dieser gestand: „Heute hat mich der Schulenburg besiegt.“

Das Schloß ist mit herrlichen Parkanlagen umgeben und gewährt wundervolle Aussicht; denn die hier in mäandrischen Krümmungen sich hinschlängelnde Unstrut mit ihren schmucken Schifflein, die stattlichen Berge mit waldigem Haupt und Rebengewand, die üppigen Wiesen, geziert durch Gruppen schöner Obsthaine, die reichen Saatfelder und die unzähligen freundlichen Dörfer: – Alles dies macht diese Landschaft zu einer der schönsten in Thüringen.

Burgscheidungen, noch jetzt der gräflichen Familie Schulenburg gehörend, wurde im Jahre 952 von Kaiser Otto dem Großen, dem bekannten ritterlichen Herzog Hermann Billung als ein „Mark“ überlassen. Im Jahre 1320 kam es an einen gewissen Beringer, der sich von der Zeit an von Scheidingen nannte. Spätere Besitzer waren: die Herren von Wiehe, die Grafen von Hoym und der Feldmarschall von Flemming, von dem es dann in den Besitz der Familie Schulenburg überging. Derselben gehört auch das in der Nähe gelegene so freundliche Dorf Kirch-Scheidungen, woselbst im Jahre 1784 der bekannte Philolog und Griechenfreund Friedrich Wilhelm Thiersch geboren wurde.

„Nun aber müssen wir Sie Ihrem Schicksale überlassen“ – sagte Jahn zu meinem berliner Reisegefährten – „denn die Abenddämmerung tritt bereits ein. Wenn Sie nach Ihrem Sand-Jerusalem, Berlin, zurückgekehrt sein werden, können Sie bei Ihrem Hausnachbar nach rechts als mein außerordentlicher Botschafter auftreten. Dieser vornehme Bummler hat nämlich unter die Leute gebracht, ich läge immerwährend auf der Bärenhaut, weil mich das Zipperlein plage. Sagen Sie ihm, er solle sich um seine Vatermörder und nicht um mich bekümmern. Wie die Verfassung meiner paar Unterthanen beschaffen, das haben Sie die beiden Tage erfahren, namentlich heute, wo Sie mehr als ein Mal über meinen Turnerschritt geseufzet. Und nun wenden Sie sich dort süd-westlich nach dem Saubach-Thale: in ¾ Stunden können Sie – am Wasser aufwärts – ihr heutiges Ziel, Bibra, erreichen. Morgen besuchen Sie dann die Steinklebe, jenen hohen und schönbewaldeten Berg unterhalb Wendelstein, auf dem im Jahre 640 der Thüringerherzog Rudolf die Franken bis zur Vernichtung geschlagen. Möge unser herrliches Thüringen denn auch Ihre Seele erfrischen und der güldene Mund seiner Sagen Sie erquicken! Gut Heil!“ –

  1. Es kann nachgewiesen werden, daß dieser Acker noch lange Zeit nachher die Vorrechte einer „Freistatt“ genossen.
    Anmerk. d. Verf.
  2. Solcher Streitäxte hat man erst neuerdings wieder bei Burgscheidungen aufgefunden. Sie sind schwerer als die der andern deutschen Stämmen in Gebrauch gewesenen und unterscheiden sich außerdem auch durch ihre eigenthümliche Form. Man kann an ihnen nicht gut herausfinden, wie der Schaft befestigt gewesen sein mag.
    Anmerk. d. Verf.