Die Gartenlaube (1856)/Heft 34

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[453]
Eine unenthüllte Begebenheit.
Erzählung’ von Heinrich Smidt.
(Aus einer gefundenen Mappe.)
(Schluß.)

Als am andern Morgen der Kommandeur das Halbdeck betrat, erschien der deutsche Kavalier und sagte: „Seit drei Tagen harre ich des versprochenen Bescheides. Ich will nicht länger warten.“

Der Offizier vom Dienst wollte Hand an den Rebellen legen, aber der Kapitän winkte demselben zurückzutreten und sprach:

„Herr Oberst –“

„So weiß man hier, wer ich bin?“

„Ich bitte Sie, Herr Oberst, mich gelassen anzuhören. Gewisses weiß ich von Ihrer Herkunft nicht, denn der einzige Beweis, Ihre Papiere, sind Ihnen nach Ihrer Aussage entwendet. Hören Sie mich also ruhig an; ich meine es gut mit Ihnen. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort zu schweigen, so sollen Sie die Kajüte neben der meinigen bewohnen und gehalten werden, wie mein erster Offizier. Für sieben Jahre sind Sie der ostindischen Kompagnie zum Dienst verfallen. Auf Sie wird es ankommen, ob Sie diese Zeit unter angenehmen Verhältnissen auf Java verbringen, oder am Bord eines Schiffes einrangirt werden wollen, wo ein schweres Loos Ihrer wartet.“

Der Oberst war sehr aufgeregt. Der Kommandeur bemerkte es und sagte:

„Es sei fern von mir, sogleich eine Antwort zu fordern. Wir haben hier auf offener See Zeit genug. Beziehen sie einstweilen die Ihnen zugetheilte Kajüte. Wir wollen für jetzt nicht mehr davon reden. Es wird am Bord heißen, ich habe Sie zu meinen Privatsekretair gemacht und weiter hat Keiner darein zu reden. Guten Morgen, Herr van Steen.“

Die Reise ward vollendet. Während derselben fiel nichts vor. Die Holländer sind schweigsam. Als es unter den Offizieren hieß, der bei Abreise gepreßte Deutsche heiße eigentlich Herr van Steen und derselbe werde Sekretair des Kommandeurs, mit Offiziersrang, nahmen sie es als eine vollendete Thatsache; rauchten mit ihm, tranken ihren Genever in seiner Gesellschaft und nannten ihn Mynheer. Als aber das Schiff vor Batavia ankerte, war der Oberst einer der Ersten, der dem Klima seine Schuld bezahlte. Vielfach hatte der Kommandeur sich darüber den Kopf zerbrochen, wie er die Pflicht der Menschlichkeit gegen den Obersten erfüllen könne, ohne sich selbst verantwortlich zu machen. Nun war er plötzlich jeder Sorge überhoben. Das böse Fieber warf den Obersten auf das Siechbette und bald lag er bewußtlos unter vielen Andern im Hospital. Unter denjenigen, die sich am meisten um ihn bekümmerten, war der Deckoffizier, der ihn in Holland gepreßt hatte. Er kam täglich mehrere Male und erkundigte sich nach dem Befinden des Kranken. Zugleich hatte er vertrauliche Besprechungen mit dem ersten Beamten des Hauses und sagte zu diesem: „wenn Ihr meint, daß es mit ihm doch vorbei ist, kann es nicht schaden, wenn wir es mit dem nächsten Schiffe, das in diesen Tagen absegeln soll, nach Europa melden. Ich weiß, daß man sich dort sehr um das Schicksal des Herrn van Steen kümmert und Ihr würdet Euch durch Euere Willfährigkeit der Familie dankbar verpflichten, die, dafür habe ich Beweise, eine Gefälligkeit nicht unerwiedert läßt.“

Der Beamte wechselte einen Blick des Einverständnisses mit dem Deckoffizier und als nach einigen Tagen eines der Ostindienfahrer nach dem Mutterlande absegelte, fand sich unter den für Deutschland bestimmten Briefen einer vor, der die Adresse des Herrn Theodor Steinau trug.


VI.

Vor einem der Thore der Hauptstadt lag, weitab vom Gewühl ein stilles Haus. Vor demselben befand sich ein wüster Hof. Hinter demselben ein mit dichtbelaubten Bäumen besetzter Platz. Das Ganze war mit einer hohen Mauer umgeben, über welche der Gipfel des niedrigen Hauses kaum hinausragte. Es sollte vor langen Jahren von einem vornehmen Sonderling erbaut sein. Derselbe habe dort, wie man meinte, als ein zweiter Blaubart gehaust. Noch Andere sprachen von einem geheimnißvollen Laboratorium, worin ein anderer Albert Thurneiser oder Böttcher die Herstellung edler Metalle versuchte.

Lange Zeit hatte das Haus leer gestanden und Keiner wußte genau, wer eigentlich der Eigenthümer sei. In den Tagen des Aufruhrs wurde es von der Volkspartei als Staatseigenthum in Anspruch genommen, und sollte zu einem Gefängniß für Vaterlandsverräther benutzt werden. Anfangs bekümmerten sich die Neugierigen sehr darum, wie denn alles Geheimnißvolle reizt. Als sich aber nichts dergleichen zeigte, schwand die Theilnahme, wie sie gekommen. Niemand ahnte, daß die Schwiegertochter des einst mächtigen Grafen von Steinau hier ein trauriges Dasein fristete.

Die junge, lebensmuthige Frau sah sich kaum noch ähnlich. Das Lächeln, durch welches sie alle Welt bezauberte, war entflohen, das Roth ihrer Wangen erloschen. Ihr Gesicht war bleich und in ihren Zügen wohnte ein tiefer Seelenschmerz. Aber dieser [454] Schmerz umgab sie mit einem Schimmer der Verklärung und gewann ihr blindlings die Herzen ihrer Untergebenen.

Theodor, durch sein schlaues und energisches Handeln zu Macht und Ansehn gelangt, hatte sich einen großen Theil der von steinau’schen Güter als Seitenverwandter dieses Hauses zu erstreiten gewußt. In allen Dingen stand er über Allen. Nur in Einem war er unbedingter Sklave und hätte sich rücksichtslos beherrschen lassen, wenn man es gewollt. So oft er es vermochte, eilte er nach jenem einsamen Hause, um Rosa zu sehen. Anfangs waren diese Besuche für die Unglückliche schrecklich. Aber ihm lag Alles daran, sie für seine stürmische Leidenschaft zu gewinnen. Er gab ihr die herrlichsten Versprechungen für die leiseste Hoffnung und brachte ihr ihren Sohn zurück. Der kleine Alexis durfte seine Mutter täglich ein paar Stunden besuchen. Ein alter Diener brachte ihn und holte ihn zu bestimmten Zeiten wieder. Das Glück der Mutter besänftigte den Zorn der Frau. Sie ward freundlicher gegen Theodor und dieser begann Hoffnung zu schöpfen. Seine Neigung war tiefer, als er selbst vielleicht wußte, und wunderbar ergriffen von der Anhänglichkeit dieses Mannes vermochte es Rosa über sich, ihn nach und nach mit weniger Widerwillen zu betrachten. Es entspann sich im Laufe der Zeit zwischen Beiden ein gesellschaftliches Verhältniß, das erträglich genannt werden konnte; ja, Rosa ertappte sich sogar einmal mit leichtem Erröthen über einer Empfindung, die ihr bisher unbekannt war, als Theodor, von unerwarteten Geschäften behindert, mehrere Tage nach einander nicht erschien. Die Qual einer endlosen Einsamkeit hatte sie dahin gebracht, sich an den Umgang des Mannes zu gewöhnen, der ihr Unglück in weit größerem Maße verschuldete, als sie selbst wußte.

Nur über einen Punkt durfte er nicht hinaus. Er versuchte es oft, auf eine innigere Verbindung hinzudeuten, aber sie wies jede Bewerbung mit den strengen Worten zurück, daß sie die Gattin des Obersten sei und keine Macht der Erde sie bewegen werde, ihm die Treue zu brechen.

So sprach sie auch eines Abends, als Theodor zum Abschied ihr die Versicherung seiner ewigen Liebe wiederholte. Bei früheren Anlässen war er dann im halben Zorn davon geeilt, jetzt blieb er stehen, sah sie fest an und sagte mit Nachdruck: „Und wenn Sie nicht seine Frau, sondern seine Wittwe wären? “

Sie schrie laut auf. Theodor reichte ihr den Arm und führte sie zum Sopha.

„Das räthselhafte Verschwinden des Obersten ist bekannt. Sie haben jede vernünftige Muthmaßung, daß er nicht mehr am Leben sei, mit Verachtung von sich gewiesen. Seit Stunden habe ich mehr als Vermuthungen. Mir ist bekannt, daß er nach Indien gegangen ist; der Himmel weiß aus welchem Grunde. Dort ist er schwer erkrankt. Machen Sie sich auf Alles gefaßt. Ich bin genöthigt, eine Reise zu unternehmen. Bei meiner Rückkehr werde ich Sie hoffentlich beruhigter wiederfinden.“

Er rief ihre Dienerin und entfernte sich eilend.

Drei Tage brachte sie in großer Aufregung zu. Seit sie diesen Kerker betrat, hörte sie das erste Wort von ihrem Gemahl, und es war ein so trostloses. Mit fieberhafter Erregung klammerte sie sich an die schwächste Hoffnung. Ihre Liebe zu dem theuern Freund war mit aller Stärke erwacht. Am Abend des vierten Tages brachte ihr der treue Hausdiener einen Brief. Es war der erste, den sie empfing. Mit zitternder Hand erbrach sie das Siegel. Theodor schrieb, daß er mit diesen Zeilen die Bestätigung seiner neulichen Mittheilung sende. Es war der von dem großen Hospital zu Batavia ausgestellte Schein, daß der Oberst Eugen, Graf von Steinau daselbst am klimatischen Fieber verstorben sei.

Nun verging eine geraume Zeit. Rosa hatte mindestens die äußere Haltung wieder gewonnen. Theodor kam endlich zurück und setzte seine Besuche in der gewohnten Weise fort. Von dem eben erwähnten Ereigniß war keine Rede. Nur als Rosa eines Abends mit betrübtem Zagen fragte, was in dieser Einsamkeit aus Alexis werden solle, antwortete er fest: das liege in ihrer Hand. Sie dürfe sich nur entschließen, seine Gattin zu werden, um alsbald in die Welt zurückzukehren und ihrem Sohne die Stellung zu bereiten, welche sie selbst als die wünschenswertheste bezeichnete. Da siegte die Mutterliebe über die Treue für den verlornen Gatten, und kaum hörbar sagte sie zu ihm: „Um seinetwillen bin ich die Euere. Sündige ich, so wird mich Gott um dieser Ursache willen milder strafen. Gönnt mir noch einige Zeit, um mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, einem Andern zu gehören.“

In gewohnter Einförmigkeit verstrichen die Tage. Da wollte es Rosa eines Abends bedünken, als vernehme sie einzelne Klänge einer Guitarre.

„Es ist nicht möglich!“ sagte sie zu sich selbst. „Die hohe Mauer, die mich von allen Seiten umschließt, die Wächter, die Niemandem gestatten – Unmöglich. – Täuschung! – Und doch! – da klingt es wieder.“

Sie trat dicht an das Fenster, das von außen mit hölzernen Läden verschlossen war. Die einzelnen Klänge wurden zur Melodie, zur Melodie eines Liedes, welches sie vor allen andern liebte, mit welchem sie den Geliebten jedes Mal empfing, wenn er in das Haus ihres Vaters kam.

Rosa war in der höchsten Aufregung. Seit sie in diesem Kerker lebte, war es ihr nicht eingefallen, zu singen. Jetzt fiel sie mit hellem Klange ein, bis die Musik plötzlich verstummte.

„Es war der erwachende Frühling, der mein Schicksal entscheidet,“ sagte sie zu sich selbst, und wich überrascht zurück, als zu dieser ungewohnten Stunde der alte Diener eintrat.

„Ich bin stets ein treuer Knecht der Grafen von Steinau gewesen,“ flüsterte er ihr zu, „und als ich ihm treulos ward, geschah es nur, um bei Euch zu bleiben. Er wußte darum. Faßt Euch, Herrin! Die Musik! Ach Gott, der Herr Oberst –“

„Eugen!“ schrie sie laut auf.

„Um Gotteswillen, kein lautes Wort! Wenn die Dienerin uns hörte, Alles wäre verloren. Ihr sollt ihn sehen. Gleich!“

Leise Schritte wurden gehört. Rosa schwankte der Thür zu.

Ein keuscher Schleier bedecke diese heilige Scene. Sie hatten sich wieder.

Der Oberst schied, um am nächsten Abend wiederzukehren.

Die Flucht aus dem Kerker ward zwischen Beiden verabredet; in einer lauen Frühlingsnacht ging sie vor sich. Mit seinem Weibe und seinem Kinde fuhr der Oberst im sausenden Galopp davon. Der alte Diener folgte ihnen. !

Drei Tage später erschien Theodor. Mit einem Blicke übersah er Alles. Gewohnt, entschlossen zu handeln, gab er sich keinem ohnmächtigen Zornausbruche hin. Es gelang ihm, die Flüchtlinge zu entdecken. Mit welchem Erfolge er gegen sie auftrat, ist bereits durch den „Pfarrer im Gebirge“ kund gethan. Nach einiger Zeit kehrte Theodor nach dem einsamen Hause zurück, nur von einer Dame begleitet, und bald herrschte hinter jenen Mauern dasselbe Schweigen wie vordem.

Aber jenseits der Mauer ward es desto lauter. Allgemeine Aufregung verursachte das Gerücht, daß der Oberst, welcher, gleich seinem Vater, des Landes verwiesen wurde, sich habe sehen lassen. Bald war es kein bloßes Gerücht mehr. Die Kunde trug sich von Mund zu Munde, daß der Oberst an der Spitze eines Komplottes stehe. Er sei das Haupt einer weitverzweigten Verschwörung, und von den Mitgliedern des geheimen Bundes zum Führer des neu zu gründenden Staates bestimmt.

Es gibt nichts so Unsinniges, das nicht bei der Menge Glauben findet; und diesmal sollte sich das Gerücht rechtfertigen. Der Oberst war, als er seine Pläne verrathen sah, entflohen, aber von der stets wachsamen Gerechtigkeit ereilt worden. Man brachte ihn gefanglich ein, und sofort wurde ihm der Prozeß gemacht. Die Verhandlungen fanden bei verschlossenen Thüren statt; das Urtheil der Richter schwankte. Der größte Theil derselben erkannte auf Todesstrafe; der Fürst milderte sie in lebenslängliches Gefängniß.

Rosa wußte nichts davon. Sie war schwer erkrankt. Im heißen Fieber rief sie nach Alexis, dem armen Knaben, der aus Schmerz über die Trennung von den Seinen die Sprache verlor, und in der einsamen Gebirgspfarre eine Freistatt fand.


VII.

Es war eine andere Zeit geworden. Die Eigenmächtigkeiten der neuen Gewalthaber riefen mehr Gegner in das Feld, als die früheren jemals besessen hatten. Nur weil Keiner an die Entschlossenheit der Freunde glaubte, gab er der eignen Zaghaftigkeit [455] vollen Raum. Man wollte nicht selbst beginnen, aber man war vollständig bereit, sich der Bewegung anzuschließen, wenn sie durch einen Dritten hervorgerufen würde. Noch war ein solcher Augenblick nicht gekommen, aber er bereitete sich in aller Stille vor, und Niemand wußte bestimmter, als Theodor Steinau selbst, daß der Tag nahe sei, wo er von dem Schauplatze seiner Macht herabsteigen müsse. Er bereitete Alles zu diesem Tage vor.

Alle, die dem Vaterlande nur dienen, um eignen Zwecken zu fröhnen, bereiten sich zeitig ein Asyl in der Fremde, dem sie zueilen, wenn das falsche Spiel vorüber ist, denn Untreue schlägt ihren eigenen Herrn. Auch Theodor Steinau hatte sich auf einen solchen Fall hinlänglich vorbereitet. Nur Eines bekümmerte ihn: daß er die Gegenstände seiner Rache zurücklassen mußte, ohne sie ganz hingeopfert zu haben. Der Oberst saß in seinem Gefängniß, ein schuldlos Verurtheilter, der vergebens auf seine Erlösung harrte. Rosa, von dem eigentlichen Schicksal ihres Gatten nichts ahnend, lebte wieder in dem einsamen Hause von störrischen Dienern umgeben, die all’ ihr Beginnen mit Argusaugen überwachten. Theodor kam ihr nicht mehr in den Weg. Sie schämte sich ihrer frühern Schwäche und ließ es ihm nach der abermaligen Trennung von ihrem Gatten doppelt fühlen. Seine Liebe zu ihr erlosch und machte einem finstern Hasse Platz. Er glaubte diesen nicht härter zeigen zu können, als sie über das Schicksal der Ihrigen stets in Ungewißheit zu lassen. Durch ihre Umgebung ließ er ihr dann und wann einzelne Worte zuflüstern, welche sie in einer steten Aufregung hielten, und wahrlich, dieser teuflische Plan gelang vollkommen. Rosa glich einem Schatten, der unhörbar durch die düstern Zimmer schwebte; kein Seufzer erleichterte die beklemmte Brust und nur ein Blick nach oben verrieth die Sehnsucht ihres Herzens mit den Lieben vereint zu werden, welche sie dort ihrer harrend wähnte.

Aber der Knabe, der kleine freundliche Alexis, der auf der Flucht seiner Eltern verloren ging, und dessen unbekanntes Schicksal ein stets nagender Wurm an dem Herzen seiner Mutter war? Theodor Steinau lag Alles daran, sich desselben zu bemächtigen, um einen Gegenstand seines Hasses mehr zu beherrschen. Eine gütige Vorsicht hielt schirmend die Hand über diesen Knaben, damit er in der einsamen Pfarre aufblühe. Mehrere Jahre waren mit vergeblichen Nachforschungen verstrichen, da gelang es einem der Spione, des kleinen Alexis Aufenthalt zu entdecken. Unerwartet fiel er über denselben her, verstreute seine Sachen an einem schroffen Felsabhange, damit man glaube, er sei dort verunglückt und brachte ihn seinem Gebieter. Theodor Steinau, erfreut, den letzten Sprößling des verhaßten Geschlechts seiner niederen Rache zu opfern, bestimmte ihm dasselbe Schicksal, was einst Richard III. über den jungen Clarence verhängte. Er warf ihn unter die Hefe des Volkes und ließ den Leuten, denen er übergeben wurde, andeuten, an einem Jungen, der nicht einmal sprechen könne, sei nichts zu verderben. Man möge ihn tüchtig arbeiten lassen und gut überwachen, damit er keine dummen Streiche begehe. So lebte der arme Alexis von gemeiner Arbeit niedergedrückt, auf das kümmerlichste genährt und gekleidet, ein freudenloses Dasein; seine Tage schlichen in schauriger Einförmigkeit vorüber, und nur wenn in einsamer Nacht der Schlaf ihn aufsuchte, oder wenn er verschickt wurde, um eine ihm aufgebürtete Last an einen bestimmten Ort zu bringen, oder eine solche heimzuholen, fühlte er sich frei und glücklich von seinen Peinigern fern zu sein.

So hatte er eines Morgens seine Bürde in einer fernen Vorstadt abgeworfen und ging leicht und heiter heim. Auf einem der vielen sonnigen Plätze ließ er sich ermüdet nieder und athmete frei auf. Es war ein lebhaftes Drängen um ihn her. Menschen schaarten sich zusammen, zogen weiter und machten Anderen Platz. Diese Bewegungen waren die Vorboten der größeren Ereignisse des Tages, an welchem der Tyrann gestürzt und Recht und Gerechtigkeit wieder zu Ehren kommen sollten. Alexis achtete nicht darauf. Er war innig froh, daß er zu dem blauen Himmel aufschauen und das Grün der Bäume rauschen hören konnte; er achtete nicht auf die vorüberrauschende Menge, und sah nicht den einzelnen Mann, der unfern von ihm stand und ihn mit großer Theilnahme betrachtete. Endlich trat dieser näher, legte die Hand auf die Schulter des Knaben und sah ihm fest in das Gesicht.

„Welche wunderbare Aehnlichkeit!“ sprach er vor sich hin. „Sollte es möglich sein? Wer bist Du, Knabe?“

Alexis sah zu ihm auf und schüttelte mit dem Kopf.

„Er ist stumm. Auch das trifft zu. Armes Kind! – Wie kommst Du hierher? Wenn Du es nicht sagen kannst, kannst Du es mir vielleicht ausschreiben?“

Ueber das Gesicht des Knaben flog ein rosiger Schimmer.

Dann ließ er das Haupt sinken und machte eine abwehrende Bewegung. Er mochte manche schwere Züchtigung erfahren haben, wenn er zeigen wollte, was er gelernt. Man hatte ihn gezwungen, es zu vergessen.

„Hast Du Niemand, der für Dich sorgt? – Nein? – Willst Dn mit mir kommen, so will ich es thun. Ich werde Dich gut halten und Dich lieb haben.“

Der Knabe sah den Fremden froh erwartend au. Dieser beugte sich zu ihm nieder.

„Ist das nicht der Maler Alexis Walter, von dem man seit einiger Zeit so viel Wesens macht?“ fragte ein Vorübergehender.

„Er ist es!“ lautete die Antwort. „Fällt Ihnen etwas auf?“

„Gewiß. Ich bemerke mit Erstaunen, welches Interesse er an den schmutzigen Jungen nimmt, der dort auf der Bank hockt.“

„Vielleicht ein Modell.“

„Warum nicht gar! Es ist aber wirklich merkwürdig! Lassen Sie uns doch näher gehen. Da stehen schon Mehrere und sehen der Scene zu.“

Mehrere Neugierige, die sich sammelten, stießen sich an: „Wie sonderbar! Hat man so etwas gesehn!“ sagte Einer.

„Sie sehen sich außerordentlich ähnlich!“ bemerkte der Zweite.

„Wie Vater und Sohn!“ sprach lächelnd ein Dritter.

„Oder eher wie ein älterer und ein jüngerer Bruder!“ entschied ein Vierter.

Alexis Walter hörte das Geflüster. Er zog daher den Knaben mit sich fort. Der Strom der Menge fluthete weiter. Zwei Menschen fanden sich, die sich im Leben nicht sahen und doch einander so nahe angehörten. Mit rührender Sorgfalt sorgte Alexis für den verwahrlosten Knaben. Aber das war ihm nicht genug; er wollte auch wissen, wie er in dies Elend gerieth. Bald wußte er Alles und furchtlos trat er bei dem Kerl ein, der bis daher der Büttel seines Neffen war. Dieser war anfangs grob und drohte mit Mord und Todtschlag, wenn man den Knaben nicht sofort wiederbringe; aber Alexis Walter setzte dem rohen Poltern unerschütterliche Kaltblütigkeit entgegen und der Mann, dem eine Ahnung kam, daß er zu einem Bubenstücke die Hand bot, wofür er dem Gesetz verfallen könne, wenn ein Umsturz der Dinge bevorstände, gab endlich nach und bekannte, wer ihm den Knaben übergeben und welche Anweisungen er empfangen habe.

„Theodor Steinau!“ Er wußte genug und kehrte mit dem Entschlusse heim, am Tage der allgemeinen Abrechnung auch für diese That Genugthuung zu fordern.

Und dieser Tag kam mit fliegender Eile. Oheim und Neffe erwarteten ihn mit Sehnsucht. Der Knabe hatte sich nicht sobald an ein menschliches Dasein gewöhnt, als seine gewaltsam unterdrückten Fähigkeiten sich unter der Vorsorge kenntnißreicher Meister rasch entfalteten.

Theodor Steinau spielte ein verzweifeltes Spiel; er verlor es Satz um Satz. Seine Mittel waren erschöpft; bald kämpfte er nur noch für seine Selbsterhaltung. Wenige seiner Treuen hielten bei ihm aus und von diesen Wenigen neigte sich auch schon Mancher der andern Partei zu, oder stand gar im Solde einer, der Gegner Steinau’s.

Einen derselben hatte Alexis Walter für sich zu gewinnen gewußt. Er erfuhr, daß Theodor Steinau, seine unhaltbare Stellung begreifend, am folgenden Tage die Hauptstadt verlassen werde, aber nicht, wie er gegen seine Freunde geäußert, ohne seinen Feinden den empfindlichsten Schlag beizubringen. Alexis Walter forschte genau nach. Mit Schmerz gedachte er des Bruders, der, um seiner Treue willen, mit allem festlichen Gepränge eines hohen Gerichtes wegen Hochverraths verurtheilt, noch immer in einem unbekannten Kerker schmachtete. Mit glühendem Eifer entfaltete er seine ganze Energie und schleuderte den Funken des Verdachtes in jene bewegliche Masse, von der man weiß, daß sie immer zündet.

Das Volk, nach dem Ausspruche des Dichters, „raschlodernd in seiner Liebe, wie in seinem Zorn“, horchte auf die einzelnen Stimmen, die zu ihm drangen. Immer mehr gewannen sie Platz [456] in der öffentlichen Meinung und mit lautem Geschrei sprengten endlich die Haufen auseinander.

„Oeffnet die Kerker!“ hieß es hier. „Schenkt den Schuldlosen die Freiheit wieder!“ hieß es dort. „Rettet! Rettet!“ hieß es überall, und einzelne Namen wurden genannt, mehr oder weniger von dem Beifall der Menge begleitet.

„Rettet! Rettet!“ rief es in einer Gruppe, an deren Spitze sich Alexis Walter gestellt hatte. „Rettet den Grafen Eugen von Steinau, den tapfern Reiteroberst! In jenem Thurm soll er schmachten. Nieder mit Denen, die sich widersetzen.“

Vor dem Drängen der Stürmenden brach die Pforte zusammen. Die Glut der Fackeln warf ein grelles Licht auf die feuchten Kerkerwände. Manches schuldlos schmachtende Opfer ward gefunden. Der Oberst war nicht darunter. Der Kerkermeister bekannte, daß man ihn in der vergangenen Nacht heimlich abholte.

„Er hat ihn mit sich geschleppt!“ hieß es in der Menge.

„Aber wohin?“

„Das weiß ich!“ rief eine helle Stimme. „Nur mir nach!“

Und rückwärts stürmte der Haufe, jenem geheimnißvollen Hause zu, welches abwärts von der Heerstraße lag, dessen dunkle Mauern manche geheimnißvolle That verdeckten.

Und dort stand auch in einem Gemache zur ebenen Erde die bleiche Rosa und sah hinaus in’s Freie. Es war seit Kurzem hier anders geworden; die Einsamkeit hatte aufgehört, Leute kamen und gingen; der dumpfe Lärmen draußen fand hier seinen Wiederhall. Theodor Steinau hatte hier seinen dauernden Wohnsitz genommen. Rosa ward in das offne Gemach zur ebenen Erde geführt, und harrte zitternd des ihr angekündigten großen Ereignisses. Da trat Theodor Steinau sehr aufgeregt ein: „Mein Spiel ist verloren, aber ich werfe es nicht weg, bis auch die letzte Karte ausgegeben ist. Mit Allen rechnete ich ab, nur mit Dir nicht. Nimm denn für alle Schmach, die ich von Dir erduldete, den Schlag, der Dich am härtesten treffen wird.“

Er führte Rosa gegen die offene Thür. Inmitten des Hofes war ein Schaffot erbaut, daneben stand der Henker mit gezogenem Schwerte. Bewaffnete führten einen Gefangenen hervor. Rosa war in der heftigsten Spannung.

Der stumme Alexis ward von dem allgemeinen Strome fortgerissen; er hörte, was geschah, er las die fliegenden Blätter, die man den Vorübergehenden zuwarf, die öffentlichen Anschläge, welche die Mauern bedeckten; er horchte auf die Stimmen Derer, die einander die Ereignisse des Augenblickes verkündeten, und folgte ihnen. Ohne auf den Weg zu achten, ging er hinaus zum Thor, und hielt, plötzlich ergriffen, seine Schritte an.

Seine Blicke fielen auf eine düstere Mauer, über welche hinweg das Dach eines Hauses ragte. An der einen Seite rauschten dichtbelaubte Bäume im Winde. Ihm war es, als ob eine Nebelwolke zerreiße und er einen Blick in das Unbegränzte thue. Welche wunderbare Gestalten! Die schöne junge Frau, die ihm in seinen Jugendträumen wie ein lichter Engel erschien, der bleiche Diener mit den Silberlocken, der hohe, kräftige Mann, mit dem Schwerte an der Seite, und der Wagen, der mit fliegender Eile vorüber sauste.

Er faßte sich an die Stirn, als könne er die Gedanken festhalten, die in ihm aufdämmerten. Unwillkürlich riß es ihn fort, der dunklen Mauer entgegen.

Durch eine enge Pforte trat er in den Hof. Der Wächter, an den er vorüberstreifte, drehte ihm den Rücken zu und deutete, zu seinem Nachbar gewendet, auf einen bestimmten Punkt. Unwillkürlich schaute Alexis dorthin, und das Blut stockte in den Adern; die Augen drängten sich aus ihren Höhlen; mit schlotternden Knieen drang er vorwärts. Das Herz pochte mit gewaltigen Schlägen. Sein Antlitz glühte.

Da stand sie vor ihm, die schöne, bleiche Frau, der Traum seiner Jugend. Sie stand, die Hände ringend, ein Bild des namenlosesten Jammers vor ihm.

In diesem Augenblicke traten die Bewaffneten auseinander und ein Mann ward sichtbar; bleich, eingefallen, barhäuptig, mit einem dürftigen Kittel bedeckt. Aber Alexis erkannte ihn doch. Es war derselbe Mann, der ihn in den Wagen hob und mit den zärtlichsten Namen begrüßte.

Die Frau schrie voll Entsetzen auf. Der Gefangene sah zu ihr auf und schwankte. Ein Mann, mit einem rothen Mantel bekleidet, trat vor. Eine düstere Gestalt stand unfern von dieser Gruppe mit übereinander geschlagenen Armen. Athemlose Stille rings umher.

Da drückte Alexis seine Hände gegen die heftig arbeitende Brust; alle seine Nerven spannten sich an; sein Mund öffnete sich; ein kreischender Ton drängte sich aus der Kehle hervor.

Die finstere Gestalt winkte und der Rothmantel enthüllte das blinkende Schwert. Aber ehe er es heben konnte, stand Alexis vor ihm und rief: „Halt! Halt!“

Alle sahen auf den Knaben. Rosa flog auf ihn zu und sank knieend bei ihm nieder.

„Mutter!“ schluchzte er krampfhaft und barg das Gesicht in ihrem Schooße.

Der finstere Mann herrschte seine Diener an, und befahl die Vollstreckung des Urtheils. Aber in diesem Augenblicke wirbelten die Trommeln, Trompeten schmetterten und an der Spitze eines bewaffneten Haufens stürmte Alexis Walter in den Hof.

Verschwunden waren Henker und Schaffot. Theodor Steinan ward ergriffen; Rosa aber hielt den wiedergefundenen Gatten fest umschlossen und an Beide schmiegte sich Alexis, der holde Knabe, dem einst das Entsetzen die Sprache raubte, die eine allbarmherzige Vorsicht ihm wieder gab, damit er seine Eltern errette.

Alexis Walter stand dieser schönen Gruppe nahe, und ein Gedanke, würdig seines edlen Meisters, dämmerte vor seiner Seele auf.




Des Kindes Bitte.

Du blicktest auf so wehmuthvoll,
Als ich dich jüngst gefangen,
Indeß im Walde frühlingsvoll
Der Vöglein Lieder klangen;
Ich wußte ja bis diesen Tag
Nicht, was ein Kerker sagen mag –
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Erst als ich durft’ zum Vater gehn,
Der Jahre lang gefangen,
Hab’ ich das Unrecht einzeseh’n,
Das ich an dir begangen. –
Geschwind d’rum auf das Thürelein!
Sollst wieder frei und glücklich sein.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Doch eh’ du eilst zum Waldesgrün,
Dein kleines Nest zu gründen,
Flieg’ nach dem Eisengitter hin,
Dem Vater zu verkünden:
Es grüße ihn sein Töchterlein,
Das denke Tag und Nacht nur sein.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Sag’ ihm, es bete früh und spat
Die Mutter mit den Kleinen
Zum lieben Gott um Trost und Rath
Zu enden unser Weinen;
Und daß er gebe unser Glück,
Uns unsern Vater bald zurück. –
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

[457]
Die Gartenlaube (1856) b 457.jpg

Vom Gitter flieg’ zum Königsschloß,
Pick’ an die Fensterscheiben,
Und laß von Leuten Klein und Groß
Dich eher nicht vertreiben,
Bis daß der Eine dich vernahm,
Der enden kann all’ unsern Gram.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

Er hat ein Herz, ein Vaterherz,
Ist glücklich in den Seinen!
Sing’ ihm von einer Mutter Schmerz,
Von armer Kinder Weinen;
Sing’ ihm, daß dich ein Kind gesandt,
Vertrauend seiner Vaterhand.
O flieg’, mein Vöglein, fliege.

Und schickt er voll Barmherzigkeit
Sein Gnadenwort hernieder,
Dann sing’ durch alle Himmel weit
Das schönste deiner Lieder: –
Das Lied vom armen Waisenkind,
Das seinen Vater wiederfind’t.
O flieg’, mein Vöglein, fliege!

[458]
Lebensbilder aus den südrussischen Steppen.

Nach furchtbarem Kampfe weichen endlich die kalten Nord- und Ostwinde den warmen Lüften, welche vom schwarzen Meere herauf über jenes Plateau wehen, welches in einer Höhe von etwa 150 Fuß sich wagerecht im Süden Rußlands ausbreitet und als Steppenland den Unterlauf der großen Ströme und das Ufer des schwarzen Meeres umsäumt. Tagereisen weit deckt schimmernder Schnee die baumlose Ebene, deren ertödtendes Einerlei der Bodengestalt noch durch die Einfarbigkeit der Bedeckung bis zum Unerträglichen gesteigert wird. Der Schnee fängt an eine dunkle Farbe anzunehmen, an den Hängen der meilenbreiten Stromthäler und noch mehr an dem Rand enger Thäler und tiefer Regenschluchten wird hier und da schon ein Streifen Rasen schneefrei; heimlich sickern stille Wasserfäden an den gewölbartigen Bodenanschwellungen herab, die wie ein Wellenschlag die Ebene auf weite Strecke und kaum merkliche Weise um einige Fuß steigen und sinken machen, und in den 100–110 Fuß tiefen Regenschluchten fängt es an, unter der Schneedecke unheimlich zu rauschen. Denn die Schneewasser, welche von dem steilen Rande niederrinnen, sammeln sich auf dem Boden der Schlucht zu einem Bache, unterhöhlen die Schneemasse, von welcher die Schlucht ganz ausgefüllt ist, und da mit jedem Tage die Wassermenge zunimmt, da kalte Regen auch von oben herab den Schnee aufzehren, so verwandelt sich die Schneeschlucht sehr bald in das Bett eines schäumenden Baches, der brausend die Steppe und die sanfteren Thalgehänge hinabtobt. Da plätschert, rieselt, braust und schäumt es auf der ganzen Steppe, wo an jeder Bodensenkung Wasser hinabgleitet; in die Schluchten stürzen sich zahllose Cascaden, indem aus Acker- und Regenfurchen die kleinen Schneewässerchen in die Schlucht fallen, deren Erdwände auflösen, tief einschneiden und dem Schneewasser eine schmutzige Farbe verleihen. Am lautesten rauscht das Wasser im Hauptthale des Flusses, der über seine Ufer tritt, durch die unabsehbaren Schilfwaldungen braust, durch die Gestrüpp- und Baumgruppen der Ufereinfassung schäumt, die Wölfe zur Flucht zwingt und die zahllosen Enten, Gänse und Pelikane aus dem Schilfdickicht heraustreibt.

Kaum ist indeß ein Theil des Schneewassers abgelaufen, so stürzt der Nordwind mit furchtbaren Schneewettern vom Eismeer und dem Uralgebirge herab, bedeckt die Ebenen, stopft die Bachrinnen, daß die Wasser stecken und die Cascaden verstummen, bis der Südwind mit Regenschauern den Feind angreift, den Schnee verzehrt und die Wasserbäche wieder belebt. Bei diesem Wechsel der Witterung verwandelt sich der fette Boden der Steppe in einen Brei, welcher die Steppe selbst ungangbar macht. Ungeduldig schauen Pferde und Rinder über die Bretterwand des unbedeckten Schuppens, in welchem sie den Winter hungernd und frierend hinbringen, verlangend strecken sie den Kopf mit weitgeöffneten Nüstern empor, um die Frühlingslüfte aufzufangen; der Wolf und Steppenhund zittern vor Frost in ihrer Höhle und die Zieselmaus wagt sich noch nicht heraus aus ihrer unterirdischen Wohnung. Kläglich schreit die Dohle, welche beim Ausflug mühsam mit dem Sturme ringt; noch ist es still auf der Steppe wie im Flußthal, denn das Brüllen und Brausen der Bäche verschlingt jeden Thierlaut. Im Mai endlich behauptet der Frühling die Oberhand, Schnee und Regenwasser sind verschwunden und der Schlammboden verwandelt sich in wenig Tagen in ein unabsehbares Blumenfeld, denn frisches Gras, hohes krautartiges Gestrüpp wechseln mit meilenlangen Beeten von Crocus, Reseda, Tulpen, Hyacinthen, Königskerzen, Disteln, Wermuth, Steinklee, Knoblauch, Weißdorn- und Hollunderhecken, aus denen von Tagereise zu Tagereise auch einmal ein verkrüppelter wilder Birn- oder Apfelbaum seine blätterarmen Zweige erhebt. Jetzt liegt die Ebene überschaubar da mit ihren langen Strecken, aus denen nur hier und da ein Mongolen- oder Todtenhügel, eine Windmühle oder eine Gruppe hausartiger Heuschober oder ein Steppendorf mit seinen niedrigen Häusern emporragen. Weit schaut man über das Grasmeer von einer Bodenwelle bis zur andern, die sich als schwarzer Rand am fernen Horizont hinzieht; da bemerkt man nicht die vielgetheilten Schluchten, welche die Ebene in ein System von Würfeln und domartiger Kuppen zertheilen und den Reisenden oft zu weiten Umwegen zwingen.

So prachtvoll der blumenreiche Frühling auch als Gesammtbild auf der Steppe erscheint, so hat er doch im Einzelnen etwas sehr Ermüdendes. Denn die Blumen und Kräuter erscheinen nicht gemischt, sondern eine einzige Art bedeckt in endloser Wiederholung meilenweite Strecken, und außerdem sind die Pflanzen verwildert, schießen strunkartig hoch auf und verholzen. Ein paar Meilen weit sieht man nichts als Wermuth und Wermuth, wieder ein paar Meilnn nichts als Wicken, auf welche Königskerzen folgen oder Steinklee; eine Station lang sieht man nichts als hochhalmiges Seidenkraut mit seinen Millionen nickenden Seidenbüschel, eines Mittagsschlafslänge Salbei und Lavendel, einen Horizontkreis voll Tulpen, ein Resedabart von zwei Meilen im Umkreis, ganze Thäler voll Kümmel und Krausemünze, unbegrenzte Hügelgewölbe mit Windhexe und sechs Tagereisen mit frischem, kurzstieligem Gras. Ueppig schießen diese Gewächse in Strunk und Zweige, nur das Gras bleibt kurzhalmig. Die Distel erreicht Höhe und Gestalt eines Kirschbaumes und bildet große Gehölze, zwischen denen sich die Wohnungen der Kosaken verlieren und die dem Reisenden jede Umsicht verwehren, denn der Kopf der Windhexe wächst bis zu einem Umfange von 12 Fuß und zu einer Höhe von 3 Fuß an; Wermuth und Königskerze bilden mannshohe Gebüsche, die Schafgarbe wird 4–6 Fuß hoch, der Stamm des wilden Klee verholzt, daß er als Spazierstock kann gebraucht werden, Wolfsmilch, Kohlrüben, Pastinaken gedeihen so mächtig, daß man sie nur vom Pferde oder Wagen herab übersehen kann, und da sie lose und locker neben einander wachsen, bilden sie unwegsames Gestrüpp.

Zwischen diesen Kräuterwäldern breiten sich unabsehbare Strecken kurzer Grasweide aus; dort wächst das breite Schweins- oder Bärenöhrchen mit den dicken von sammetartigem Filz überzogenen Blättern, welche von den Steppenbewohnern als Charpie benutzt werden, wachsen zwischen Ringel- und Mohnblumen gelber Hederich, süße Honigblumen und duftiger Balsam, riechender Knoblauch und Sellerie, weißer Kümmel und aromatische Salbei, rothe Immortellen und Quendel, Krausemünze und Lavendel, Wicken und Steinklee, so daß die Steppe mit ihren massenweis bei einander stehenden Blumen einerlei Art in den Farben eines unabsehbar breiten Regenbogens schimmert. Nun verläßt der in Schafpelz gekleidete Steppenbewohner seine Winterwohnung, die er halb in die Erde grub, freut sich des mattblauen Himmels, an welchem Gewitter blitzen und donnern, aber nur selten Regen geben, labt sich an der Blüthe des Schlehdorns, der in klafterhohen Hecken neben seiner Hütte zu stehen pflegt und seinem Hausgeflügel als Zuflucht gegen Habicht und Falken dient, schneidet sich vom Birnbaum den Peitschenstiel, wenn er mit schnellem Gespann die Steppe durchjagen will, bestreut mit duftendem Gras den Fußboden seiner Wohnung, schmückt mit ihm Spiegel und Wagen, bereitet sich aus Steppengewächsen die würzige Kräutersuppe, steckt dem Pferd einen Blumenbüschel hinter’s Ohr, hängt aromatische Pflanzen in Bündeln an der Zimmerdecke auf, nagelt ein Balsambouquet über die Thür, bekränzt mit Gras und Blumen die Heiligenbilder, befestigt rings an Wand und Hausgeräth kreuzweis Lavendel- und Balsamsträußchen, von denen er von Zeit zu Zeit einige Zweige abrupft, um sie zu kauen. Das Steppengras ist ja sein Erhalter und Ernährer, da es seine Heerde weidet, und bunte Steppenblumen flechtet seine Tochter sich täglich in’s dunkle Haar. Er hat ja nur die Steppe, die ihm alle Bedürfnisse befriedigen muß, von der ihm Alles lieb und werth ist. Der Birnbaum und der Mongolenhügel sind seine Wegweiser, an beide knüpfen sich seine Erinnerungen und Sagen, der Schlehdorn gibt ihm Blüthen und Früchte, gibt ihm den Stachel zum Ochsenstecken und die Zinken zu jener Egge, mit welcher er die Heuschrecken zerfleischt und zerstückelt, den Schlehdorn besingt er im Liede, das Steppengras feiert er im schwermüthigen Gesange; der Steppe verdankt er den Reichthum seiner Sprache, seine Beschäftigungen, seine Poesie, seine Existenz. An ihr Leben, an ihre Veränderungen knüpft er sein Leben, sein Denken und Dichten; mit Steppengras feiert er sein Pfingsten, seine Heiligthümer.

Mit dem Frühlinge erwacht auf der Steppe aber auch ein reiches Thierleben, welches sich hier in Freiheit entwickelt und tummelt, denn wenn auch des Morgens und Abends graue Nebel aus den feuchten Schluchten aufsteigen, so bleibt die Steppe [459] selbst voll ungetrübten Sonnenscheins, weben und spielen schimmernde Lichtwellen um die Krautblätter, fließen in zitterndem Wogenschlage über die grünen Grasebenen und reichen als duftiger Streifen weit hinaus über den Rand ferner Bodenhebungen. Jetzt huschen zierliche Erdhäschen durch das Krautgestrüpp, spielen und tändeln mit einander im Sonnenschein, jagen sich durch ihre Löcher in den Hängen der Thäler, die sie meilenweit unterhöhlt haben, lassen hier und dort ihr melancholisches Zirpen vernehmen, richten sich neugierig empor, wenn sie einen Menschen erblicken, fliehen, richten sich langsam von Neuem auf und schlüpfen behend in ihr Erdloch, wenn sie Gefahr sehen. Klagend wiegt sich der Kiebitz in Schwärmen über den Weiden, jagen silberweiße Falken; weiden auf kahlen Strichen Trappenhorden, die der listige Kosack nicht selten beschleicht, kreisen Adler in den Lüften, fliegen Geier nach gefallenen Steppenthieren, schreit der Wiedehopf, speist das Birkhuhn Wurzeln und Larven, ziehen Schwärme von wilden Tauben rauschend hin und wieder, denen Habicht und blutrothe Falken folgen, schleicht der Wolf den Heerden nach, wandert die numidische Jungfrau bedächtig durch das Gras, als ob sie die beiden Federlocken hinter dem Ohre zu verletzen und ihren Schwanenhals anzustrengen fürchte. Während die graugelbe Lerche in den Lüften schwebend singt, die Biene summend die Blumenfelder durchirrt, das Heimchen an sandiger Stelle zirpt und der Kiebitz wehklagt, tönt Tag und Nacht der schaurige Unkenruf aus allen feuchten Thälern, wimmelt es auf lockern Flächen von Kröten, in feuchten Niederungen von buntschillernden Eidechsen, in den Flußthälern von Schlangen. In den Flüssen grünen die meilenlangen und meilenbreiten Rohrwaldungen, zwischen denen sich die schmalen Wasserfäden der Flüsse hindurchwinden, und in dem Schilf lärmt und zwitschert es von Zeisigen, Staaren, Stieglitzen, schlägt die Drossel und die Nachtigall, schreit die Dohle, wimmert die Eule, schnattern zahllose Gänse und Enten, tummeln sich Pelikane in Heerden von mehreren Hunderten, heult der Wolf, schleicht die verwilderte Katze und der zottige mordgierige Steppenhund, über sie schießt der milchblaue Falke und schreckt die lärmende Gesellschaft in das Schilfdickicht, wohin es mit großem Geschrei flüchtet.

Kaum sprießt das junge Gras aus dem reichlich getränkten Boden, so verlassen auch die abgemagerten Steppenheerden die Winterschuppen, in denen sie die Winternächte und stürmischen Wintertage verbrachten. Mit ungeduldigem Getrampel erwartet die Roßheerde, die oft gegen 1000 Stück zählt, die freie Weide auf der offnen Steppe. Wiehernd und den Boden stampfend geht es hinaus auf die unabsehbaren Grasflächen. Wie trefflich mundet das junge Gras, wie wächst da den abgemagerten Rossen der Muth, wie toben sie bald in wilden Sprüngen auf und nieder, daß sie der Roßhirt mit der langen Peitsche kaum zusammen halten kann! Unstät umreitet er die Heerde und muß deshalb oft das Reitpferd wechseln, denn bald hat er weit abirrende Pferde heranzuholen, bald die Hengste auseinander zu bringen, wenn sie mit Gebiß und Vorderfuß schnaubend und schreiend um die Oberherrschaft und Rangordnung in der Heerde kämpfen. Noch mühevoller ist sein Amt des Nachts oder bei Sturmwetter, vor welchem die Heerde zuweilen in wilder Flucht auseinander stiebt. Der wettergebräunte, langbärtige Hirt verwildert bei seinen Pferden; Hitze, Kälte, Regenguß und Sturm muß er ertragen, denn sein haariger Lederwams und Lederbeinkleid, sein grauwollner Mantel mit der Kapuze schützen ihn nur nothdürftig. Sieh, wie trotzig er zu Roß sitzt, seine hohe Gestalt noch durch die hohe Mütze aus Lämmerfell vergrößert und mit den, dunkel blitzenden Auge die Heerde überschauend! Küche, Zelt, Kleiderschrank und Waffen trägt er stets bei sich, denn am Sattel hängt der lange Fangriemen und die Keule mit dem Eisenknopf, am Leibgurt das Wasserfaß, Tabaksbeutel, seine Arzneikästchen, der Brotsack und allerlei Schmucksachen; auf dem Roß schläft er und ißt er. Nur zuweilen besucht er nach einem scharfen Nachtritt einen Steppenkrug oder hält mit seinen Genossen auf einem Mongolenhügel eine Zusammenkunft, um mit ihnen einige Stunden zu verplaudern, Verabredungen zu treffen oder zu würfeln.

Die Sommermonate hindurch durchstreift der Roßhirt mit seiner Heerde die Steppe, langsamer durchzieht sie der Schafhirt, der von den Hunden, Gehülfen und dem Ochsenwagen mit Lebensmitteln und Pelzen erlegter Wölfe begleitet, die langöhrigen Thiere mit dem Fettschwanze oder Merinos von Weideplatz zu Weideplatz treibt, sie mit dem langen Hakenstock in Ordnung hält und Nachts mit den Wachen der Hunde und Gehülfen umstellt, damit der Wolf nicht eindringt. Des Abends melkt er die milchgebenden Schafmütter, während ein Gehülfe das Mahl bereitet und durch den lauten Schlag an den Kessel die Genossen zu Tische ruft. Auf andern Triften weidet der Rinderhirt seine hochbeinigen silbergrauen Rinder, die ihm zwar manche Ruhestunde erlauben, wenn sie wiederkäuend auf der Steppe rasten, aber ihm durch ihren Eigensinn und ihre Ungeduld manche Noth machen.

Kaum zwei Monate dauern diese Frühlingsfreuden, denn die Sonne brennt mit jedem Tage heißer hernieder und so oft sich auch Gewitterwolken sammeln, so läßt sie die aufsteigende Hitze doch nie in Regen sich entladen, sondern treibt sie sturmschnell nach dem Meere, wo das Wetter losbricht. Die Gräser wenden trocken, die Thiere müssen mühevoller nach frischerem Gras suchen, liegen während der Tageshitze am Boden oder stehen dicht gedrängt neben einander, um sich gegenseitig Schatten zu machen, indem sie durch Hin- und Herschaukeln des Kopfes sich Kühlung zu verschaffen suchen. Plötzlich brechen Streitigkeiten aus, wenn ein Thier das andre gestoßen hat, die ganze Heerde geräth in Aufruhr, den die Peitsche nur mit Mühe beschwichtigt. In der Dämmerung aber leuchten die gelbglänzenden Augen des Wolfes aus dem Steppengrase, in welches er sich geduckt hat, um ein von der Heerde abkommendes Thier zu überfallen, ihm mit einem Sprunge am Halse zu sitzen und mit einem Ruck die Gurgel auszureißen, daß es zappelnd zu Boden stürzt. Doch der wachsame Hengst hat den Feind bemerkt, er schnaubt pfeifend durch die Nüstern, stürmt auf den Feind ein, die ganze Heerde folgt ihm in geschlossener Kolonne, und der Wolf muß froh sein, wenn er den Wüthenden noch entrinnen kann. Sehr häufig werden die Heerden durch Wölfe allarmirt, zuweilen kommt es aber auch zu erbitterten Zweikämpfen, wenn zwei Roßheerden sich begegnen; denn sofort springen die Hengste vor, um sich zum Kampfe herauszufordern.

Ehe jedoch das Gras ganz abwelkt, bietet die Steppe noch ein andres Lebensbild; denn die menschenarme Steppe füllt sich plötzlich mit jubelnden, singenden Menschen. Sieh, von der Ukraine wie aus den Städten der Meeresküste jagen Leiterwagen voll Männer und Weiber in wildem Fluge durch die Steppe, daß der schwarze Staub in langen Wolken emporwirbelt. Es ist die Zeit der Heuernte, in welcher man viel rüstiger Hände bedarf, weshalb von allen Seiten her Arbeiter gedungen und in die Steppe geschafft werden. Von früh bis Abend klingt die Wiese nun wieder vom Gesang der Weiber, vom Rauschen des fallenden Grases und vom Gehämmer des Sensenschärfens, und des Abends sammeln sich malerische Gruppen um das dünne Kochfeuer. Männer schärfen Sensen, Andre ruhen in den Pelz gewickelt, Frauen und Mädchen singen und schwatzen, in der Ferne aber sieht man den hochbeladenen Heuwagen nach dem Platze fahren, wie die Heuschober nach Art der Häuser reihenweise aufgebaut und die Schoberdörfer mit Wall und Graben umgeben werden. Nicht minder lebhaft ist’s im Schilfwald geworden, da mit Schilf ein großer Handel getrieben wird, weil es als Hausdach und Hauswand dient, als Gartenzaun und Brennmaterial benutzt wird. Ganze Regimenter sendet die Krone zum Schilfschneiden, ganze Städte und Dörfer wandern aus; da werden Wege durch Sumpf und Fluß mittelst der Schilfbündel gebaut, da rauscht es von Sensenhieben, vom Jubel der Arbeiter, da schwirrt es von aufgescheuchten Enten, Gänsen und Pelikanen, da giebt es mitunter ein Wolftreiben, oder einen Jagdfang, bis nach wenigen Wochen der Erntejubel auf der Steppe und am Fluß verstummt, die Menschen verschwinden und den Heerden wie dem Wild freien Raum gewähren. Schweigend liegt die Steppe in der Sonnenglut; aus den Regenschluchten steigt ein glühendheißer Luftstrom, weite Risse klaffen auf am steinharten Boden, das Gras verdorrt. Teiche und Brunnen verdunsten, das Vieh magert ab und erträgt mit Ungeduld Hitze und Durst in schattenloser Steppe. Unaufhaltsam trabt die sonst so langsame Heerde dem Tränkplatz zu und tritt regelmäßige gradlinige Pfade aus; am Brunnen des Dorfes steht sogar eine Schutzwache. Schwarzer Staub steigt bei jedem Schritte empor und mehrt die Qualen der Hitze; das Gras zerfällt mürbe in Asche, die Luftspiegelung zeigt ihre trügerischen Wasser- und Baumlandschaften, träge liegen die Heerden den Tag über in der Sonne, verlieren den Appetit und die Lebenslust. Erst mit Anfang des Septembers [460] kühlt sich die Luft ab, Nachtthau und mitunter ein Regen erquicken die Pflanzen, die von Neuem grünen, die Heerden werden munterer, der Uebermuth der Steppenwildheit erwacht wieder in ihnen, und bald tönt die Steppe wieder vom Hufschlag flüchtiger Roßheerden, vom Brüllen und Blöken der Rinder und Merinos, vom Kläffen der Hunde, vom langgezogenen eintönigen Zuruf der Hirten, mit welchen sie sich und die Heerde leiten, von Vogelgeschrei, Thierkämpfen und Jagdlärm der Kosaken.

Doch die Tage werden kürzer, die kalten Nächte länger, und das freie Steppenleben geht zur Neige. Langsam treibt der Roßhirt seine schwer zu bändigende Heerde nach der Dreschtenne oder dem Roßmarkt, der Rinder- und Schafhirt die seinige nach dem Schlachthause. Sieh, dort ist der Dreschplatz von Leinen, Pfählen und Planken eingefaßt, sein Boden mit tausend Garben bedeckt. Der Hirt hält die Heerde beisammen, die scheuen Thiere drängen und stoßen einander, steigen empor, kreischen und schlagen aufeinander. Aber alle Gegenwehr ist vergeblich, die Hälfte der Heerde muß in die Tenne. Wild stürzt sie hinein, daß die Garben hoch auffliegen und die ausgetretenen Körner knisternd umherfliegen. Dadurch werden die Thiere noch scheuer, springen in tollen Sätzen die Tenne auf und nieder, indem sie einen Ausweg suchen, bis sie von Schweiß triefend herausgelassen werden, und die andre Hälfte der Heerde die Arbeit des Austretens vollenden muß. Aehnlich ergeht es den Rossen auf dem Markte, in dessen Umzäunung sie sich drängen und tummeln, während der Hirt mit der Schlinge dieses und jenes fängt, es durch einen Ruck zu Boden wirft und dem Käufer überliefert, der es zähmt. Viel ernster wird der Herbstschluß für die fetten Rinder und Schafe. Sobald diese in die Nähe der weiten Schlachthöfe gekommen sind, aus denen ihnen der faule Blutgeruch entgegen weht, sträuben sie sich, wollen nicht weiter, brüllen und stöhnen, und können nur durch List und Gewalt abtheilungsweise in den Hof gebracht werden. Hier befällt sie Zagen und Zittern, sie verschmähen das dargebotene Futter, hängen den Kopf in banger Todesangst und müssen mit Gewalt in den großen Schlachtsaal getrieben werden, wo ihnen die rohen Schlachtknechte mit schwerer Axt das Rückgrath zerschmettern, daß die Thiere unter unsäglichen Schmerzen verenden. Bis an die Knöchel waden die Schlächter mit den Stulpstiefeln in Blut, auf dem Hofe sammeln sich Blutlachen, schleppen Hunde, Geier, Raben, Seemöven sich mit Eingeweiden und Fleischresten umher und raucht es in den Talgsiedereien Tag und Nacht.

Aehnliche Schrecknisse erlebt das Wild der Steppe, denn der Herbst bringt die Steppenbrände, die absichtlich und unabsichtlich angelegt werden. Meilenweit ist die Steppe ein Feuermeer, welches den nächtlichen Himmel röthet. Knisternd und fußhoch züngelnd schreitet der Brand vor, hier schnell über dichtes Gras laufend, dort langsamer am holzigen Gestrüpp zehrend oder von einer Schlucht oder einem Wege aufgehalten. Funken fliegen empor, dort knistert die dürre Königskerze wie eine Rakete, hier zischt der seine Büschel des Seidenkrautes, und ein schwüler Gluthauch weht von der Flamme herüber. Da fliehen Wolf und Hund, Vogel und Amphibie, da stürzen Heerden in wildem Jagen davon und müssen sich oft durch einen kühnen Lauf durch’s Feuer retten. Noch grauenhafter wird der Brand, wenn ein Schilfwald brennt und ein Feuerstrom knisternd und prasselnd das Thal herabzieht. Wie schwirren da die Vogelschaaren schreiend empor, kommen Wölfe aus dem Dickicht geschossen und stürzt mancher fliehende Pelikan oder Hänfling in das Feuer! Nach dem Brande erscheinen endlich die Winterstürme und fegen die Steppe rein. Sie brechen das dürre Schilf, knicken der Windhexe den Kopf ab und treiben ihn hupfend wie einen Federball über die Steppe, bis er in ganzen Wolken in’s Meer fällt. Bald sinkt auch Schnee nieder und deckt die Steppe zu, so daß sich die Heerden ihr karges Futter unter dem Schnee hervorscharren müssen. Jetzt treibt sie der Hirt in die Umzäunung des Winterschuppens, der nur zum kleinsten Theil bedeckt ist. Frierend und hungernd drängen sich die Thiere an einander, um sich zu erwärmen, doch manches erliegt dem Klima und dem Mangel. Auf der Steppe aber treiben die rasenden Schneestürme ihr wildes Spiel, welches Denen Verderben bringt, die von ihnen überfallen werden.

Bei heiterem Himmel bricht der Schneesturm heulend herein und ras’t gewöhnlich drei Tage. Er hebt den lockern Schnee vom Boden auf, wirbelt ihn durcheinander und sendet dann zugleich aus schweren Wolken ein furchtbares Schneewetter herab, daß Erde und Himmel in wirbelnde Schneewogen aufgelöst scheinen. Da kann man kein Auge öffnen, keine Richtung finden, sondern wird vom Sturm willenlos fortgetrieben. Werden Heerden von ihm auf der Steppe überfallen, so sind sie fast immer verloren. Die Pferde stürzen wild auseinander, rennen unaufhaltsam davon, bis sie in eine Schneeschlucht fallen oder athemlos niederstürzen. Die Schafe drängen sich zu einem Keile zusammen und fliehen vor dem Winde her, die Rinder werden unruhig und laufen weg. Da giebt es kein Halten, denn der Hirt selbst kann sich kaum aufrecht erhalten und muß dem Sturm folgen. Wenn nicht der Zufall ihn und die Heerde rettet, so wird er mit ihr bis in’n Meer oder ein Flußthal getrieben und, wenn er vorher ermattet, vom Schnee begraben. Wolf, Hund und Geier finden im Frühjahr in allen Schluchten daher reiche Beute; denn die Kirgisen verloren z. B. 1827 durch einen solchen Sturm 1 Mill. Schafe, 280,000 Pferde, 30,000 Rinder und 10,000 Kameele. Drei bis vier Monatn beherrscht der Winter die Steppe; die Heerden magern ab und fressen einander oft die Haare ab; die schwachen Thiere erliegen, die Steppe ist unzugänglich, leblos wie ein Todtengewölbe und harrt des kommenden Frühjahrs. Diese Steppe ist aber auch der sicherste Schutz des Landes gegen das Eindringen der Feinde, die wegen Mangel und bei der Unwegsamkeit stets ihren Untergang finden müssen. Nur mit großen Verlusten kann ein Heer sie in Eilmärschen durchziehen, denn selbst die Handelsleute durchreisen sie nur in kleinen Gesellschaften und unter großen Entbehrungen und Mühseligkeiten.
Fr. Körner. 




Fabrikation der Anti-Phosphor-Reibzünder.

Um den vielen an mich ergangenen Anfragen über die Fabrikation der Anti-Phosphor-Reibzünder, über welche ich auf S. 378 in Nr. 28 der Gartenlaube einige Mittheilungen machte, zu genügen, theile ich hier das Resultat einiger Versuche mit, in der Hoffnung, denen, welche dieses empfehlenswerthe Zündmittel fabriziren wollen, damit wenigstens einige bestimmte Anhaltepunkte zu bieten. Zugleich halte ich eine Mittheilung über die Verhältnisse, unter welchen auch diese Hölzchen gefährlich werden können, nicht für überflüssig und empfehle dieselbe der Beachtung eines Jeden, der solche Hölzchen in Gebrauch nehmen will.

Es wird kaum nöthig sein zu bemerken, daß die einzelnen Hauptmanipulationen bei der Fabrikation der Anti-Phosphorhölzchen ganz dieselben wie bei der der gewöhnlichen Streichzündhölzchen sind; nur muß man für die Anti-Phosphorhölzchen zugleich eine besondere Streichmasse, deren Hauptbestandtheil amorpher Phosphor ist, herstellen und diese Masse, an der sich solche Hölzchen allein entzünden lassen, auf eine flache Unterlage von Papier, Holz oder Blech streichen, um auf diese Weise ein geeignetes Reibzeug zu erhalten.

Die auf den Maschinen zugeschnittenen Hölzchen werden an dem einen Ende zuerst mit einer dünnen Schicht einer leicht brennbaren Substanz überzogen, indem man sie entweder in geschmolzenen Schwefel eintaucht, oder wenn sie geruchlos brennen sollen, in geschmolzene Stearinsäure (die Masse der Stearinlichter), in geschmolzenes Wachs oder geschmolzenes Colophonium oder Mischungen der letzteren Substanzen. Um das Eintauchen bequem vornehmen zu können, bedient man sich einer sogenannten Klemme, d. h. man klemmt eine Quantität Hölzchen so zwischen dünne gefurchte Bretter ein, daß sie alle mit dem einen Ende gleich weit vorstehen. Nachdem dieser erste Ueberzug von Schwefel, Stearinsäure, Wachs oder Colophonium erkaltet ist, taucht man die Hölzchen auf gleiche Weise in die sogenannte Zündmasse ein, welche bei den Anti-Phosphorhölzchen keine Spur von Phosphor enthält, sondern nach folgendem ganz einfachem Verhältnisse bereitet werden kann. In einer Schale von Serpentin oder Porzellan zerreibt man erst 2 [461] bis 21/2 Gewichtstheile z. B. 2 Loth chlorsaures Kali mit wenig ziemlich dünnem Gummiwasser oder warmem Leimwasser sehr fein und fügt nun der breiigen Masse 1 Gewichtstheil also z. B. 1 Loth käufliches Spießglanzerz (Schwefelantimon), welches man vorher in einer andern Schale ziemlich fein zerrieben hat, zu, mischt nun beide Körper durch Umrühren mit einem Holzstäbchen oder vorsichtiges Zusammenreiben möglichst gut. Beim Eintauchen der Hölzchen in diese Zündmasse hat man nur darauf zu achten, daß nicht zu wenig davon, sondern ein ziemlich dickes Köpfchen an dem Ende einen jeden Hölzchens hängen bleibt. Dann läßt man die Hölzchen in der Klemme, die an luftigen Orten oder in warmen Räumen aufgehängt wird, vollständig trocknen.

Die Reibmasse für das Reibzeug, auf welchem die Hölzchen rasch aufgestrichen werden müssen, besteht nur aus amorphem Phosphor und Braunstein; sie wird bereitet, indem man 4, höchstens 6 Gewichtstheile Braunstein, der ziemlich fein zerrieben ist, in einer Schale mit wenig dünnem Gummiwasser anreibt, hierzu einen Theil pulverförmigen amorphen Phosphor setzt und das Ganze durch Reiben, was völlig gefahrlos ist, recht gut mischt. Die Mischung kann mit einem Pinsel sogleich auf Holz oder Pappe aufgetragen werden und das Reibzeug ist fertig. Um sie auf Blech aufzutragen, muß man das Blech erst mit einem Gemenge von Leinöl und Bleioxyd überziehen und den Ueberzug trocknen lassen.

Die Fabrikation der Anti-Phosphorhölzchen ist daher eine sehr einfache und gefahrlose; auch werden die Arbeiter nicht durch den schädlichen Phosphorgeruch belästigt, da der amorphe Phosphor ganz geruchlos ist. Uebrigens will ich nicht versäumen zu bemerken, daß der amorphe Phosphor, wie man ihn bei den Droguisten (in den Kräutergewölben) zu kaufen bekömmt, nicht immer ganz genau dieselbe Zündkraft besitzt. Man muß sich daher bei der Bereitung der Reibmasse hiernach richten und immer erst einige Proben im Kleinen anstellen. Erweist sich die Mischung von 6 Theilen Braunstein und 1 Theil amorphem Phosphor als zu schwach, so daß sich die Hölzchen beim Aufstreichen nicht immer und nicht rasch genug entzünden, so muß man das Verhältniß ändern und etwas weniger, also z. B. nur 4 Theile Braunstein auf 1 Theil amorphen Phosphor nehmen. Eine Mischung von 3 Theilen Braunstein auf 1 Theil amorphen Phosphor (hierunter sind stets Gewichtstheile gemeint) fand ich gewöhnlich zu stark; die Hölzchen entzünden sich nämlich an derselben allerdings sehr rasch und augenblicklich beim Aufstreichen, ja oft beim bloßen Aufdrücken auf ein damit bestrichenes Täfelchen, allein oft entzündet sich dabei die ganze auf dem Täfelchen befindliche Reibmasse und brennt ab, wie ich dies mehrmals bei den nürnberger Anti-Phosphorhölzchen gesehen habe. Einen sehr hemmenden Einfluß üben jedoch auch das Gummi und der Leim auf die Entzündbarkeit aus und man darf daher sowohl zu der Zündmasse der Hölzchen, wie zu der Masse des Reibzeuges nur so viel von diesen Klebmitteln nehmen, als gerade nothwendig ist, um die Masse haftend genug zu machen. Je mehr Gummi oder Leim man genommen hat, desto mehr amorphen Phosphor braucht man, um eine leichte Entzündbarkeit hervorzubringen.

Als Vorsichtsmaßregeln bei der Fabrikation oder bei der Benutzung dieser Hölzchen sind folgende Verhältnisse beachtenswerth: man hüte sich ja, den amorphen Phosphor besonders im trocknen Zustande mit dem chlorsauren Kali zusammenzubringen, weil hierbei der Phosphor mit blitzähnlicher Erscheinung abbrennt.

Die Gefahr für Entstehung von Feuersbrünsten, welche man durch Einführung der Anti-Phosphorhölzchen zu beseitigen hofft, wird nur dann ziemlich vollständig zu beseitigen sein, wenn die Reibmasse auf einem von den Hölzchen abgesonderten Reibzeuge, nicht wie es jetzt geschieht, auf jeder einzelnen Schachtel befestigt wird und man das Reibzeug so aufbewahrt oder so an die Wand hängt, daß Kinder nicht dazu kommen können. Denn ist die Reibmasse auf jeder einzelnen Schachtel, so bleibt die Feuergefährlichkeit ziemlich dieselbe; im Gegentheil, die Kinder werden diese Hölzchen noch viel lieber in Brand bringen wollen, weil sie, wenn sie sich entzünden mit lebhaftem Zischen und blendend weißer schöner Flamme abbrennen. Ist aber das Reibzeug gut verwahrt, so ist kein Unglück möglich. Wie sehr gefährlich diese Hölzchen werden können, beweist folgender Vorfall, der sich kürzlich in einem Verkaufslokale in Leipzig zugetragen hat. Ein junger Mann hatte eben mit Leim gearbeitet, die innere Fläche seiner Hand war noch klebrig; als er aufgefordert wird, einem Käufer die Anti-Phosphorhölzchen zu zeigen. Er öffnet eine rundgedrehte Schachtel so, daß der mit der Reibmasse bestrichene etwas gewölbte Deckel gerade gegen den klebrigen Theil der innern Handfläche angedrückt wurde und schüttet hierauf die Hölzchen aus der Schachtel auf dieselbe Hand heraus. Jedenfalls hatte sich etwas von der Reibmasse von dem Deckel gelöst und war an der Hand hängen geblieben; denn auf einmal entzündeten sich die Hölzchen, wobei die ganze innere Fläche der Hand schrecklich verbrannt wurde. Dieser einzige Fall spricht ebenfalls dafür, daß keine Reibmasse auf die Schachteln gestrichen werden darf, wenn nicht noch viele ähnliche und noch schlimmere Unglücksfälle durch solche Unvorsichtigkeit entstehen sollen.
Dr. H. Hirzel. 




Pariser Studentenleben.
Kulturgeschichtliche Skizze von Karl Wartenburg.

Die pariser Studenten haben, oberflächlich betrachtet, wenig mit ihren deutschen Commilitonen gemein. Es gibt unter ihnen weder Corpsburschen, noch Burschenschafter; sie tragen daher auch keine Bänder und Mützen mit den Verbindungsfarben, sie haben auch keinen „Landesvater“ im Hut oder Barett und auch jene altehrwürdige, auf allen deutschen Universitäten unter dem Namen „Comment“ wohlbekannte Observanz ist ihnen fremd. Vor H. Heine hatten die Franzosen fast gar keinen Begriff vom eigentlichen Wesen des deutschen Studententhums und die Enthüllungen, die ihnen der Dichter des Buchs der Lieder und der Reisebilder darüber machte, waren auch nicht besonders geeignet sie aufzuklären. Ihre, aus eigener Anschauung aber entsprungenen Schilderungen dieser echt deutschen Kulturerscheinung sind höchst wunderlicher Art und selbst ihre berühmten Schriftsteller haben das innere, charakteristische Wesen unseres deutschen, studentischen Lebens so wenig erkannt und es mit einer Naivetät dargestellt, die unwillkürlich ein Lächeln entlockt. Alexander Dumas selbst entwirft in einem seiner Romane: „Dieu dispose“ (Gott lenkt) eine Beschreibung deutschen, akademischen Lebens und Treibens, die wahrhaft ergötzlich-komischer Art ist, und wer jene Schilderung gelesen, wird sich nicht mehr darüber wundern, daß in Bezug auf die ars bibendi unsere Nachbarn jenseits des Rheins uns noch den Platz vor der rum- und grogtrinkenden Nation des lustigen Altenglands einräumen. Denn die Massen von Bier und Wein, welche Dumas in jenem Roman bei einem deutschen Studentencommers trinken läßt, wären hinreichend, um für einen Tag den Durst der ganzen Bevölkerung von Paris, die Garnison mit inbegriffen, zu löschen. Ein Bravourstück, welches Dumas in „Gott lenkt“ erzählt, wird zeigen, welche Fähigkeiten die Franzosen uns in dieser Hinsicht zutrauen.

Zwei alte Studenten – er nennt sie Trichter und Freßwanst – kehren von einem Ausflug nach der Stadt heim, verspüren aber unterwegs einen heftigen Durst. Nach einigem Suchen finden sie eine einzeln stehende Bauernschenke, am Neckar gelegen, in der sie jedoch nur die alte Wirthin zu Hause treffen, da der Mann nach der Stadt gegangen ist, um Kirschwasser, das ihm ausgegangen war, einzukaufen. Die beiden Musensöhne haben aber nun gerade ein Verlangen nach gebranntem Wasser und zum Glück entdeckt die Bäuerin in einem Wandschrankwinkel eine grüne, halbgefüllte Glasflasche, welche sie den Beiden kredenzt. Mit großem Behagen leeren diese denn auch die Bouteille und entfernen sich mit dem Versprechen wieder zu kommen, da sie noch nie einen so kräftigen Branntwein getrunken hätten. Als der Mann endlich heimkehrt, erzählt ihm die Frau den Vorfall, aber kaum hat er die Flasche erblickt, aus welcher die Beiden getrunken, so überzieht Leichenblässe sein Gesicht und tief erschrocken [462] stammelt er: „Weib! was hast Du gethan? Auf welchem Rain werden jetzt die Unglücklichen unter entsetzlichen Qualen ihren Geist aushauchen… Du hast einen Mord auf Deinem Gewissen – denn in der Flasche war Scheidewasser.“ Doch wer beschreibt sein Erstaunen und das seiner zitternden Ehehälfte, als in dem Augenblick die Todtgeglaubten, welche vor ungefähr einer Stunde eine halbe Flasche verdünnte Salpetersäure getrunken haben, gesund und munter mit dem Bemerken in die Stube traten, der Branntwein habe ihnen so geschmeckt, daß sie umgekehrt, um noch einige Gläschen, falls noch welcher vorhanden, zu trinken. Wenn A. Dumas diese Anekdote von den langbärtigen Bewohnern der Ukraine und den donischen Kosaken erzählt hätte, die bei ihrem Besuch in Deutschland Anno 1813 und 14 in einigen anatomischen Museen den Spiritus getrunken haben sollen, in welchem die Monstra u. s. w. aufbewahrt werden, so könnte man sich die Geschichte schon gefallen lassen, aber ein derartiges Kunststück von deutschen Studio’s ausführen zu lassen, dazu gehört eine Kühnheit der Erfindung und naive Dreistigkeit, wie sie nur dem Verfasser von Monte Christo eigen ist, der in seinen Romanen noch ganz andere Dinge möglich macht.

Doch wir wollten ja nicht von den Kunststücken des Herrn A. Dumas, sondern von den pariser Studenten erzählen, dieser immer heiteren und beweglichen Bevölkerung des Quartier latin, in dessen engen, schmalen Straßen und hohen fünf- bis sechsstöckigen Häusern diese wißbegierige Jugend Frankreichs hauset und sechs bis acht Semester ein Leben führt, welches zwischen den Hörsälen der Rechts- und medizinischen Schule, dem Prado, Ranelagh, der Chaumière und den Restaurationen vor den Barrieren oder den Weinschenken von Maison rouge, Bercy, Auteil, Belleville und Batignolles getheilt ist. Wenn übrigens hier von den pariser Studenten gesprochen wird, so kann man natürlich nur die des Rechts und der Medizin darunter verstehen, denn die katholischen Geistlichen Frankreichs werden meistens in den Seminarien gebildet und die protestantischen Studenten der Gottesgelehrsamkeit studiren in Straßburg. Es gibt zwar auf der Universität von Paris, die im Jahre 1200 ihre ersten Privilegien erhielt, fünf Fakultäten und darunter auch eine katholisch-theologische, deren berühmter Stifter Peter[WS 1] von Sorbonne[1] war, (daher der Name: die Sorbonne) allein unter den 7000 Studenten, welche nach den neuen statistischen Angaben die pariser Universität besuchen, bilden die der Rechts- und medizinischen Schule die überwiegende Mehrzahl.

Im Monat November finden die meisten Inscriptionen statt und wenn man sich in diesen Tagen in der Nähe der verschiedenen Bahnhöfe aufhält, so kann man eine Menge junger Leute bemerken, die eben aus den Waggons gestiegen sich mit etwas schüchternem, befangenem Wesen nach einem Fiaker umsehen, der sie und ihre kleinen mit Seehundsfell beschlagenen Koffer aufnehmen soll, um sie nach dem Stadttheil auf dem linken Seineufer, dem klassischen Viertel von Paris, dem Quartier latin zu fahren.

Diese verlegenen, rothwangigen Jünglinge mit dem leichten Flaum um Mund und Kinn, in dem bescheidenen, schülerhaften Anzug, die blöde und erröthend den Blick zu Boden schlagen, wenn sie ein Blitz aus schönen Frauenaugen streift, sind die neuen Jünger der Wissenschaft, die nach bestandener Maturitätsprüfung von den Gymnasien der Provinz nach Paris kommen, ganz betäubt von dem Eindruck, den die verführerische Hauptstadt beim ersten Tritt auf’s Pflaster auf sie ausübt. Aber sie sind noch nicht sechs Wochen in Paris und es ist mit ihnen eine Verwandlung vorgegangen, wie wir sie vollständiger kaum in den Metamorphosen[WS 2] des R. Ovidii Nasonis finden. Oder erkennt ihr, wenn ihr eines Montags oder Donnerstags durch die glänzend erleuchteten, von einer vergnügungslustigen Menge schöner junger Frauen und Männer erfüllten Räume des Prado, des Ball Mabille oder Ranelagh geht, in jenem jungen Mann mit dem dunklen Kinnbärtchen, den weiten, buntkarrirten Hosen und dem leichten kurzen Leibrock, der so herausfordernd und unter allgemeinem Beifall und trotz des um ihn herumlungernden Sergent de ville eine sehr an den Cancan streifende Contretour mit seinem vis-à-vis, einer allerliebsten brünetten Grisette im Rosakleid tanzt, erkennt ihr in ihm den jungen, blöden Ankömmling wieder, den ihr vor vielleicht sechs Wochen mit dem Reisesack in der Hand, im ehrsamen schwarzen, langen Rock, in der Nähe des Bahnhofs gesehen habt, wie er eben aus der Provinz kam? Die Grisette, mit welcher er den Contre tanzt, ist seine Frau, seine „femme“, deren Bekanntschaft er vielleicht acht Tage nach seiner Ankunft in Paris in irgend einem Theater zweiten Ranges oder auf einem Ballsaal vor den Barrieren gemacht hat. Es ist dies zwar etwas rasch gegangen – aber Paris ist wie Leipzig: „es bildet seine Leute.“ Es ist bekannt, daß die Grisette die unzertrennliche Begleiterin des pariser Studenten ist, und während der deutsche Student, kaum angelangt in der Musenstadt, eilt, sich in ein Corps oder eine burschenschaftliche Verbindung aufnehmen zu lassen und das dreifarbige Band um die Brust zu schlingen, tritt der pariser Student in Verbindung mit einer Grisette, die von nun an seine Leiden und Freuden, sogar sein Zimmer mit ihm theilt. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein über das Sittliche oder Unsittliche dieses Verhältnisses zu sprechen, aber soviel wollen wir wenigstens sagen, daß diese Verbindungen die leidenschaftliche Jugend wenigstens vor noch viel schlimmeren Verirrungen schützen. So leichtsinnig übrigens auch diese Grisetten des Quartier latin sind und so rasch sie auch den Gegenstand ihrer Neigung wechseln, so findet man doch unter ihnen hochherzige und ausopferungsfähige Mädchen, die mit ihren Geliebten nicht blos die Vergnügungen eines Carnevalsabends in der großen Oper oder die sommerlichen Spazierfahrten und Gänge nach Montmorency und dem Wald von Romainville theilen, sondern auch Mangel und Noth mit ihnen ertragen. Von vielen Beispielen nur eins, das mir in Paris erzählt wurde.

In dem sechsten Stockwerk des Hauses Nummer 32 der, unweit des College de France und der polytechnischen Schule, gelegenen Rue des Carmes, wohnte ein junger Mann, Student der Rechte im achten Semester und eine junge Blumenmacherin, Namens Clemence, die den ganzen Tag bei ihrer Arbeit sang und trällerte und glücklich war, wenn sie Sonntags mit Theodor, so hieß der Student, vor die Barriere gehen und dort unter schattigen Bäumen, auf grünem Rasen ein gedämpftes Kaninchen, Eierkuchen, gebackene Fische und Cotelettes essen, eine Flasche Macon trinken, Contre tanzen und den Abend im Gaite-Theater oder in einem Kaffeehause auf den elyseeischen Feldern beschließen konnte. Dies lustige Leben dauerte so lange als Herr Theodor Durand sen., der Vater des Studenten, welcher ein ehrbarer Krämer in der Stadt Auxerre, im Departement der Yonne war und mit Wachslichtern und Senf handelte, den monatlichen Wechsel schickte – es hörte aber plötzlich auf als Herr Theodor Durand jun. eines Abends, eben als er mit Clemence von einem Ball aus der Chaumière auf dem Boulevard Mont-Parnasse heimkehrte, vom Portier einen Brief mit dem runden, blauen Poststempel von Auxerre empfing, in welchem Herr Durand Vater schrieb: „er erwarte, daß der Herr Sohn, der nun schon sieben Semester in Paris sei, bis zum nächsten Semesterschluß das Examen bestehe, da er ihn noch bei Lebzeiten im Barreau (d. h. unter den Advokaten) sehen wolle, wozu aber, wenn es so fortgehe, wenig Aussicht vorhanden und wenn er, der Vater, auch so alt wie Methusalem würde. Inliegende Banknote von zweihundert Franken sei auch das Letzte, was der Herr Sohn von ihm vor bestandenem Examen zu erwarten habe, von diesem Geld möge er auch die Examenkosten bestreiten und nun, nachdem er, wie er erfahren, sich eine so ausgebreitete Kenntniß der Restaurationen von Paris erworben, sich eine gleich ausgebreitete Kenntniß des Code pénalund Code civil erwerben u. s. w.  u. s. w.“

Theodor begnügte sich, Clemence nur den interessantesten Inhalt des Briefes, d. h. die 200 Frankenbanknote zu zeigen und sie zu bitten, alles Nöthige für ein feines Frühstück zum nächsten Morgen bereit zu halten, da er mehrere gute Freunde zu sich bitten wolle. Nach dem Frühstück gab es Landparthien, Theater, den Circus auf den elyseeischen Feldern, in Versailles spielten die Fontainen und – ich glaube, es war gerade an dem Sonntag, wo die versailler Wasser sprangen – bald sprang auch Theodors letztes Fünffrankstück, und als er mit Clemence von Versailles nach Paris zurückgekehrt war, hatte er noch soviel, um bei einem Marchand de vin an der Barriere einen Litre blauen Wein zu bezahlen, d. h. zehn Sous. Derartige Verlegenheiten waren zwar früher auch vorgekommen, ohne daß dabei der Humor gelitten hätte, denn wozu wäre denn sonst die schöne Einrichtung – nicht des Credit mobilier, sondern des Credits bei den Wirthen, [463] zu welchen Theodor in solchen Zeiten seine Zuflucht nahm, aber dieses Mal war es doch etwas Anderes, da Papa wirklich Wort hielt und keinen Centime mehr schickte.

Der warme Sommer verstrich und der kühle Herbst und Winter kamen und in dem Zimmer des sechsten Stockwerks des Hauses Nr. 32 in der Rue des Carmes war es sehr kalt und die paar kleinen Holzscheite, welche in dem Kamin glimmten, konnten mit der geringen Wärme, die sie verbreiteten, kaum die erstarrten Finger Theodors und Clemence’s wärmen, welche letztere eben einen brillanten Blumenschmuck für die Toilette einer jungen, schönen Herzogin fertigte, während der erstere sich Excerpte aus den Pandekten und dem Code Napoleon machte und, da er gerade bei der Lehre von den Obligationen war, darüber nachdachte, ob er, der debitor, sich von seinen creditores, von welchen letzteren vorzüglich ein Speisewirth und ein Schneider sehr ungestüm wurden, durch ein Moratorium befreien solle, oder ob er sie durch eine cessio bonorum befriedigen – wobei freilich die Gläubiger am schlimmsten weggekommen wären – oder ob er gegen seine klagenden Gläubiger das beneficium competentiae geltend machen sollte. Theodor hatte nämlich eingesehen, daß sein Vater am Ende Recht habe und er sich einmal zum Examen bequemen müsse und arbeitete früh und spät, um das, was er des Prado und der Chaumière wegen versäumt hatte, wieder nachzuholen. Clemence aber arbeitete bis tief in die Nacht hinein, um das Geld zur Bestreitung ihrer kleinen Wirthschaft zu verdienen, da Herr Durand trotz aller Briefe unerbittlich blieb und keinen Sou schickte. Mit Hülfe des Mont de pieté, wie die Franzosen sehr euphemistisch das Leihhaus nennen, und Clemence’s erhöhtem Fleiß schlugen sich die beiden jungen Leute auch bis Ostern durch – aber Theodor wußte jetzt durchaus nicht, so sehr er sich den Kopf zerbrach, ein Mittel ausfindig zu machen, um die Kosten des Examens, welche sich auf ungefähr pränumerando zu zahlende 100 Fr. beliefen, aufzutreiben. Clemence sah die nachdenkliche, sorgenvolle Miene ihres Geliebten und seine Traurigkeit fiel ihr schwer auf’s Herz. Vergebens strengte sie ihren kleinen Kopf an, um zu entdecken, wie sie Theodor 100 Franken verschaffen könne, aber all’ ihr Sinnen blieb umsonst. Da fällt ihr, als sie sich in dem Modewaarenmagazine ihrer Prinzipalin befindet, um ihre Arbeit abzuliefern und neue zu holen, eine Nummer von „La Presse“ mit einer Ankündigung des Besitzers vom Hippodrom in die Hände. Als Clemence diese Anzeige gelesen, stößt sie einen leisen Freudenschrei aus und eilt dann spornstreichs zum Besitzer des Hippodrom.

„Mein Herr!“ redet sie ihn an, „ich habe Ihre Aufforderung gelesen und wünsche die Bedingungen zu hören.“

„Wie, Mademoiselle, Sie hätten den Muth?“

„Gewiß, mein Herr, wenn ich weiß, was ich dafür erhalte –“

„Zwanzig Franken für jede Vorstellung, wobei sie sich jedoch für wenigstens fünf Vorstellungen verbindlich machen müssen.“

„Wohlan! ich schlage ein; ich bin die Ihrige.“

Vier Tage später bewunderte Paris im Hippodrom einen aufsteigenden Luftballon, dessen Schiffchen die Gestalt eines Panthers hatte, auf welchem ein schönes junges Mädchen als Venus lag, umgeben von vier Amoretten, reizenden, jugendlichen Mädchengestalten. Diese Venus war Clemence, welche das gefährliche Kunststück gewagt, um die hundert Franken zu verdienen, welche sie für die fünf Vorstellungen erhielt und die sie Theodor, der nichts von der Sache wußte, zum Examen gab; aber die Aufregung und die Angst waren so stark gewesen, daß das arme Mädchen von einer tödtlichen Krankheit befallen und nur mit genauer Noth vom Tode errettet wurde. Die Geschichte ist nicht von mir erdichtet, sondern wurde mir so in Paris erzählt und später las ich sie sogar in den Feuilletons einiger pariser Blätter. Eine solche Handlung ist übrigens um so edelmüthiger, da diese Mädchen fast niemals hoffen dürfen die zukünftigen Frauen ihrer studentischen Geliebten zu werden, denn sobald die jungen Leute aufhören Akademiker zu sein, hören auch diese Verbindungen auf.

Bei all’ dem leichten Leben herrscht jedoch unter der studirenden Jugend von Paris ein gewisser hochherziger Geist, und obgleich durchaus keine Kopfhänger und Frömmler mit glattem Seraphsscheitel, hinter’s Ohr gestrichenem, langem Haar à la Puritaner und leise flüsternder Stimme von wohlgefälligem Wandel, Erbsünde, Versucher, Buße und Reue und Bruderliebe, haben sie doch bewiesen, daß sie, wenn es gilt – und das ist bei einem Manne die Hauptsache – Kopf und Herz auf der rechten Stelle haben.

Als im Anfange der dreißiger Jahre, kurz nach der Julirevolution, die Cholera zum ersten Mal auf ihrem Weltgange nach Paris kam und die Anhänger der vertriebenen Königsfamilie, insbesondere die legitimistischen Priester die Seuche als eine Strafe bezeichneten, die der Himmel über das aufrührerische Volk von Paris verhängt habe, weil es Karl X. vom Thron gestürzt; als unwissende oder schlechte Menschen von selbstsüchtigen Zwecken, oder finsteren Absichten geleitet von Brunnenvergiftungen und ähnlichen Verbrechen redeten, um dadurch Ausbrüche des wildesten Zornes, der Wuth und Zerstörung herbeizuführen, Scenen, wie sie nur das Mittelalter zur Zeit der Judenverfolgungen gesehen hat; als dunkle, düstere Prophezeihungen vom herannahenden, letzten Gericht die Gemüther der Schwachen ängstigten und schreckten, bleiches Entsetzen sich über einen Theil der Bevölkerung lagerte, während der andere, wie es immer bei solchen furchtbaren Epidemien der Fall, in toller Hast den Becher jeglicher Lust und wilden Sinnenrausches bis auf die Hefe leerte, um sich durch den Lärm wüster Orgien zu betäuben; als alle Fremden und Reichen die verpestete Stadt verließen, die Postanstalten und Messagerien nicht genug Wagen und Pferde schaffen konnten, um alle die Flüchtigen zu befördern und die Landstraßen nach den Provinzen mit Fuhrwerken aller Art bedeckt waren, um ihre Besitzer nach ihren Schlössern, Landgütern und Villa’s, überhaupt nur weg aus der vergifteten Luft von Paris zu bringen; als man die Kasernen zum Theil zu Spitälern umwandeln mußte, und kaum für schweres Geld Wärter für die Kranken finden konnte, die Aerzte aber unter der ungeheuern Anstrengung zu erliegen drohten, da erließ die medizinische Facultät und die Regierung einen Aufruf an die Studenten der medizinischen Schule, den Dienst bei den Kranken in den Choleraspitälern zu übernehmen, und den ältern Aerzten hilfreich zur Seite zu treten. Und schaarenweise drängte sich diese tapfere, wißbegierige Jngend herbei, um der tödtlichen Seuche ihre Opfer streitig zu machen, und da der rapide Charakter der Krankheit möglichst schnelle Hülfe und sorgfältige, ärztliche Ueberwachung der Leidenden erforderte, so schlugen je vier Mediziner in den Cholerasälen des Hotel de Dieu und der übrigen Lazarethe ihr Lager auf, und während zwei von ihnen fortwährend in dem Saal die Runde machten und die Kranken überwachten, schliefen die beiden Andern, bis die Reihe der Wache an sie kam, ebenso ruhig und sorglos unter den ächzenden und stöhnenden Kranken, wie in ihrem Stübchen des fünften oder sechsten Stockwerks in einem Hause der Rue de la Harpe oder St. Jacques. Hingebend und aufopfernd zeigten sie sich auch in den heißen Julitagen von 1830 und in den Februarkämpfen von 1848, wo sie mit Lebensgefahr die Verwundeten in den Straßen verbanden oder fliegende Ambulancen errichteten und die schwer Getroffenen in die Lazarethe geleiteten. Bei den Volksbewegungen in Paris spielen die Studenten der Rechts- und medizinischen Schule überhaupt eine bedeutende Rolle.

In der Führung der Waffen ist ihnen der deutsche Student übrigens durchschnittlich überlegen, da das Fechtbodenbesuchen von ihnen schon deshalb nicht so pünktlich geübt wird, weil es unter ihnen keine Verbindungen gibt, die wie bei uns, für ihre Mitglieder den Besuch des Fechtbodens zur statuarischen Vorschrift machen. Und während die deutschen Studenten – und wenn auch nicht Alle, doch wenigstens die Verbindungsleute – auf Korb- und Glockenschläger, krumme Säbel und Pariser sich „einpauken“, wie der technische Ausdruck heißt, so ist es bei jenen blos die letztgenannte Waffe, der dreischneidige Stoßdegen, den sie auf der Mensur gebrauchen. Sie schlagen sich deshalb auch meistens ohne Binden und Bandagen und nur um das rechte Handgelenk wird ein seidenes Tuch zum Schutz der Pulsader gewickelt. Wenn man in der Nähe des Waldes von Meudon, unweit des Teichs von Villebon, südwestlich von Paris oder unweit der Kalksteinbrüche des Montmartre ein paar Fiaker halten sieht, aus welchen vielleicht sechs Personen steigen, von denen einige etwas Glänzendes unter ihren Mänteln verbergen und die dann eine einsame, zwischen Gebüschen versteckte Stelle aufsuchen, so kann man annehmen, daß es pariser Studenten sind, die mit einander contrahirt haben, und hier die Sache abmachen wollen. In das Hölzchen von Boulogne gehen sie seltener; es ist dies der Ort, wo sich die aristokratischen Kavaliere das Blut abzapfen, und wo [464] zuweilen einige elegante Dandys, die sich bei einem Ball auf den Fuß getreten oder von denen der Eine die Dame des Andern mit dem Ellnbogen gestoßen, auf fünfzehn Schritt Barriere ein paar Kugeln wechseln, von denen die böse Welt behauptet, daß es nicht immer Bleikugeln, sondern auf Blei abgeriebene Korkkugeln sind, die allerdings metallischen Glanz dadurch gewinnen und, sobald man sie nicht in die Hand nimmt, für Bleikugeln angesehen werden können, sonst aber sehr harmloser Natur sind. Indessen hindert dies den Dandy nicht, auf dem Café de Paris oder im Café Tortoni, auf dem italienischen Boulevard, seinen Freunden auf ihr Befragen, wo er gewesen, mit einem geheimnißvollen Lächeln und martialischen Kräuseln des Schnurrbarts zu verstehen zu geben, daß er eine Spazierfahrt in’s Hölzchen gemacht, um mit einem Unverschämten einige Kugeln zu wechseln. – Ob nun von Kork oder Blei, darauf kommt am Ende nichts an, in Paris regiert der Schein ebenso und vielleicht noch mehr wie anderwärts. –




Blätter und Blüthen.

Schulen für die Natur. Auf der Insel Sicilien wächst eine Art Gras, welches im Herbste, wenn die Samenrispen desselben reif sind, ordentlich gemähet, in Garben gebunden und verbrannt wird, nicht damit es vernichtet werde, sondern Nahrung und Leben spende. Die Flamme läuft knisternd und knatternd rasch durch die leichten Bärte der Samenköpfe hin und läßt diese schwach geröstet, im Innern gesund übrig. In diesem Zustande wird der Same von der ländlichen Bevölkerung Siciliens mit großem Appetit und zu ihrem Gedeihen in großen Massen gegessen. Was die Sicilianer mit ihrem Grase oder „Heusamen“ thun, ließe sich auch mit andern Wiesenähren practiciren, nur daß letztere bei uns zu inhaltlos und kleinköpfig sind, um die Mühe zu bezahlen, womit wir dann den Pferden und Schafen das Futter vor der Nase verbrennen würden, um uns einige Körnchen aus der Asche herauszupicken. Trüge bei uns nur das Gras so große Köpfe, wie Mais oder blos wie Weizen und Gerste, würde das Viergroschenbrot überall für 6 Pfennige zu haben sein. In Zeiten der Noth haben übrigens nicht blos König Nebukadnezar, sondern ganze Völker Gras gefressen und sich so bis zur nächsten Ernte erhalten. Im Allgemeinen enthalten die Samenkörner des Grases dieselben nährenden Bestandtheile wie Korn und Weizen.

Der botanische Name den erwähnten sicilianischen Grases ist Aegilops oder Ziegenauge. Um das ganze mittelländische Meer herum wachsen drei Arten desselben, besonders auf den heißen, trockenen, sandigen Ebenen, selbst auf versengtem, vulkanischen Boden, zu dessen hungriger und verdursteter Unfähigkeit, zu athmen und zu leben, sie oft einen heiter wogenden, duftig erquickenden Gegensatz bilden. Die Aegilops ovata treibt sogar noch mit ihrem Boden und dessen völlig ausgeleerter Kasse Spott und zeigt, daß sie nicht nur sich selbst, sondern auch Schmarotzer ernähren kann. Sie läßt freiwillig aus ihrer Wurzel eine andere Art, die weizenartige Triticoides, hervorschießen, sich nähren, blühen und reifen. Ein merkwürdiger, harter, lustiger Proletarier dieses „Ziegenauge“ und ein Genie, dem so lange nur die Erziehung fehlte, um alle seine Tugenden zu entwickeln und zu verwerthen. Die Natur bedarf der Schule und Erziehung des Menschen; sie sehnt sich darnach. Es ist die Aufgabe und Sehnsucht aller ihrer Kinder, zu Menschen zu werden, die sie dann auch, wenn sie ihr Werk gethan haben, mit Liebe wieder in ihren Schooß aufnimmt, um sie tausendfach wiederzubeleben und an das schöne warme Sonnenlicht empor zu tragen.

H. Heine läßt einen Ritter am öden Meeresstrande entschlummern. Die Meeresgöttinnen und Strandnymphen stellen sich liebend und sehnsüchtig um ihn herum, betrachten und bewundern seine Schönheit, zupfen ihn am Barett, sogar am Barte, die eine zieht sogar sein Schwert heraus, und darauf gestützt, betrachtet und bewundert sie ihn mit besonderer Innigkeit und Hingebung, bis sie, ganz ihrem Herzen folgend, ohne Ziererei ausruft: „O wärst Du doch mein, o wie ich Dich liebe, Du holde Menschenblüthe!“

Um aus dieser poetischen Sphäre wieder in die Praxis und in unsern prosaischen Fall zurückzukehren, sehnt sich auch das Viehfutter Menschenfutter zu werden. Jeder will gern vorwärts und empor und einen bessern Titel, warum nicht auch das Gras? Es haben sich auch einige gute Erzieher und Lehrer für dasselbe gefunden, besonders für diese Aegilops, zunächst M. Fabre, ein gebildeter Pädagog des Grundes und Bodens zu Agde im südlichen Frankreich. Von der Thatsache ausgehend, daß Aegilops zu den Lieblingskindern der Ceres, den Cerealien gehöre, wie Korn und Weizen, nahm er Aegilops ovata in die Schule, um ihre nahrungsspendenden Neigungen und Fähigkeiten auszubilden. Im Jahre 1838 legte er die erste Schule an, ein Stück Boden, durch hohe Wände geschützt und in gehöriger Entfernung von andern Grasarten. Die gesäeten Pflanzen wuchsen bis 24 Zoll hoch und reiften im Juli des folgenden Jahres mit einem Ertrage von 5 zu 1. Im Naturzustande wächst die Pflanze höchstenn 9 Zoll hoch; ihre Stengel krümmen sich und bringt nur zwei Körnchen in jedem Aehrenkopfe zur Reife, oft nur eins. Die Stengel sind ungemein spröde und die reifen Aehren schwärzen sich und fallen ab, wie Blätter vom Baume. Auch in dieser Beziehung bemerkte Fabre schon an seiner ersten Ernte bedeutende Verbesserungen. Der Ertrag so gewonnener Saat war 1840 beinahe schon weizenartig, 1841 traten die Körner schon ganz wie kleiner Weizen auf, mit sehr abgekürzten Bärten. Im Jahre 1843 schossen die Stengel drei Fuß hoch und dabei stärker, als in jedem Jahre vorher; die Körner waren dicker und gehaltvoller. Ein Korn hatte 380, ein anderes sogar 440 Kinder zur Reife gebracht. Im Jahre 1845 erntete Fabre zum ersten Male ganz vollkommen Weizen aus den erzogenen „studirten“ Häuptern seines Grases. Die der Erde anvertrauten Kinder desselben bringen seitdem stets wieder ganz noblen Stoff zu dem feinsten Kuchen.

Wir haben hier eine der merkwürdigsten Phänomene von Naturerziehung vor uns. In sieben Jahren werden die inhaltarmen Graskörnchen zur Fülle und Noblesse des höchsten Adels unter den Cerealien erhoben. Blos der gewöhnliche Gymnasialcursus, der nach sieben Jahren erst ziemlich ungeschliffene Edelsteine von Füchsen und „Kümmeltürken“ an die Universitäten abliefert. Die fabre’sche Schule ist auch insofern interessant, als sie den Zweifel über den Ursprung unseres Weizens gelöst haben wird. Botaniker haben oft behauptet, unser Weizen sei einst ein armer, roher Bewohner heißer Ebenen Siciliens, Persiens und Babyloniens gewesen. Wir haben jetzt die Bestätigung. Wir brauchen keine ursprünglichen Varietäten mehr anzunehmen. Der Weizen ist ein erzogener, cultivirter Sohn der Wildniß und stammt aus dem niedern Volke, wie oft unser höchster Standes- und Geistesadel. In Frankreich gilt unter den gelehrten Agriculturisten schon allgemein die Theorie, daß alle Weizenarten Kinder des mittelländischen, sicilischen Aegilops seien.

Von 1845 an säete Fabre seine gebildeten Ziegenaugen in’s offene Feld und zwar zwischen Weinberge an Landstraßen hin, mit einem durchschnittlichen achtfachen Ertrage, ohne Verschlechterung und ohne irgend eine Neigung der Pflanze, in den rohen Naturzustand zurückzukehren. Die Stämme blieben stark und grade, die Aehren rund und bartlos, vollkommen mehlhaltig und gesund. Wer kann nach einem solchen Experimente noch behaupten, daß Bauern in der Schule nicht noch viel lernen könnten und müßten, damit wir alle gut und wohlfeil leben und die zerlumpte, bettelnde, verhungernde Noth mit dem Schrecklichsten des Lächerlichen, mit dem Lächerlichsten des Schrecklichen, der schandbarsten Satire auf unsere Civilisation, der Kartoffel-Revolution verschwinde? Der bärtige Weizen Egyptens läßt sich rasiren, sobald er in England einheimisch wird, und statt sich, wie die englischen Gentlemen vom reinsten Wasser, täglich zweimal zu rasiren, läßt er sich lieber gar keinen Bart mehr wachsen, um die so gesparte Kraft zu Mehl zu verwenden. Unter dem gemeinen Volke findet man die Sage, daß Weizen in nassen Jahren zu Riedgras werde. Das ist nicht wahr, aber richtig ist’s, daß, wenn man die gebildete Natur minder roh, tyrannisch oder gar nicht zu behandeln anfängt, sie in ihre Rohheit wieder zurückfällt, was auch Menschen nicht abwehren können, wenn Rohheit und Ungerechtigkeit das Scepter über ihnen schwingen.

Fabre hat seinen Bericht über die Gras-in-Weizen-Verwandlungsschule mit dem Rathe geschlossen, man solle den gewöhnlichen Weizen durchweg biennal, zweijährig, behandeln, d. h. im Herbste säen und im nächsten Frühherbste ernten. Diese Behandlung lohne mit reichlicherem Ertrage und besserer Qualität. Letzterer Rath ist durchaus Sache der Herren vom Fache und hängt wohl mehr vom Klima und Boden ab, so daß er hier gut und dort schlecht sein kann.

Wir begnügen uns mit dem Falle im Allgemeinen und seiner Moral. Natur und Menschen müssen gegenseitig bei einander in die Schule gehen.


Aus der Criminalstube!

Bei Ernst Keil in Leipzig ist so eben erschienen und in allen soliden Buchhandlungen zu haben:

Erinnerungen an das geheime Inquisitionsverfahren.
Strafrechtsfälle aus den Untersuchungsakten dargestellt von W. Th. Kritz, Criminalamtsaktuar in Leipzig.
1. Bdchn. geh. 10 Bogen 12 Ngr.

Diese Schrift, welche sich ebensowohl durch die Gründlichkeit ihrer juristischen Behandlung, wie durch gute Auswahl der betreffenden Fälle auszeichnet, wird von allen Juristen und überhaupt allen Freunden der „kriminalistischen Literatur“ mit großem Interesse gelesen werden. Das erste Bändchen enthält nur Leipziger Fälle: Auguste R–r. Mord. – E. R. Lorenz. Raubanfall und Mordversuch. – Die Ermordung der Wittwe Friese zu Leipzig.


Aus der Fremde Nr. 34 enthält:

Bericht der haytischen Minister über den Zustand des Landes. – Reiseabenteuer aus Tapajos. – In einer centralamerikanischen Silbergrube. Mit 2 Abbildungen. – Onkel Tom in seiner Heimath. – Aus allen Reichen: Drei große Unglücksfälle in Amerika in einem Tage. – Vulkanausbruch auf den Sandwichs. – Die größte Fabrik. – Allerlei Neues.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Um’s Jahr 1250

Anmerkungen (Wikisource)

  1. richtig ist wohl Robert de Sorbon, siehe Robert von Sorbon
  2. siehe Metamorphosen (Ovid)