Die Gartenlaube (1856)/Heft 46

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[621]
Herr Klein.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)


Eins wollte sich der Geheimerath Fischer aber gar nicht ausreden lassen. Ueberall in den Gasthöfen und auf den Dampfschiffen begegnete man Reisenden, Herren wie Damen, mit schmalen Schultern, langen Hälsen, langen Gesichtern, langen Nasen, die Gesichter roth, die Nasen mit Rubinen besäet. Er sah ihnen jedes Mal mit Wehmuth nach.

„Schade, Schade,“ sagte er. „Wie doch der Schnaps den Menschen ruinirt. Diese Russen sind an sich ein so kräftiger Menschenschlag, und wie sehen sie aus!“

„Aber, Vater, das sind ja echt englische Gesichter, die der Porter geröthet hat.“

„Russische Schnapsgesichter, ich versichere Dich, Charlotte.“

„Aber, Vater, sehen Sie nur die langen, gebogenen Nasen. Die Russen haben dicke, aufgeworfene Stumpfnasen.“

„Das verstehst Du nicht, mein Kind. Es gibt zweierlei Arten von russischen Physiognomien; die eine mit den langen, die andere mit den dicken aufgeworfenen Nasen. Die Regimenter der Garde werden danach gesondert. In die einen kommen nur langnasige Leute, in die anderen nur stumpfnasige. Die letzteren heißen la garde aux nez retrousseé. Ich weiß das ganz genau. Diese letzteren müssen auch den Schnurrbart in die Höhe gewichst tragen, und wie in dem ganzen Regimente der eine Mann vollkommen wie der andere aussieht, so meint man, ein ganzes Regiment Meerkatzen vor sich zu haben. Die meinst Du; ich aber die anderen von der Sorte, die man hier sieht.“

„Aber, Vater –“

„Aber, Vater! Immer aber, Vater. Ich verbitte es mir. Dies weiß ich nur zu gewiß; ich kenne die Menschen.“

„Wenn der Vater auf Rußland kommt,“ sagte Fräulein Charlotte zu ihrer Schwester, „so duldet er gar keinen Widerspruch. Diese Engländer mit Russen zu verwechseln! Und jene häßlichen Judengesichter mit kastilischen Granden! Ach, wenn der Herr Boz-Dickens das gehört hätte, der in seinem englischen Hochmuthe meint, es gäbe nur zwei schöne Volksstämme auf der Erde, die Engländer und die Kastilier, nur wieder mit dem Unterschiede, daß in England die Schönheit sich in der ganzen Race erhalten habe, in Kastilien aber nur noch in einzelnen Familien fortlebe!“

Aber die in Hoffnung lebende und in Furcht schwebende Schwester erwiederte nur: „Ich bitte Dich, verdirb dem Vater die gute Laune nicht!“

Das wagte Fräulein Charlotte denn auch bei einer anderen Gelegenheit nicht, wie oft ihr das Herz bersten und der Kopf zerspringen wollte.

Zwischen Bingen und Mainz war auf einer Nebenstation eine einzelne Dame in das Dampfboot eingestiegen. Sie war zwar bescheiden, aber desto anständiger, und ganz wie eine Dame aus den höheren Ständen gekleidet. Sie war im mittleren Alter, vielleicht schon eine angehende Vierzigerin. Aber sie war noch sehr wohl erhalten. Ihr Teint war frisch und rein, wie Milch und Blut; ihr blaues Auge war zwar etwas fatiguirt, glänzte aber in einzelnen Augenblicken in einem wunderbaren Schmelz; in andern Augenblicken war dieses Auge freilich sehr bekümmert, aber darum nicht minder schön. Zu dem Alter paßten, und selbst zu dem bekümmerten Blicke, standen nicht schlecht die runden, etwas vollen Formen des Körpers, besonders ein paar schöne, schneeweiße, runde Arme, die aus den weiten Aermeln des schwarzseidenen Reisekleides mit unbewußter Koketterie hervorsahen und die Blicke fesselten und blendeten. Das Wesen der Dame war einfach, wie ihr Anzug. Ihr Benehmen war sicher, als wenn sie gewohnt sei, sich in der großen Welt zu bewegen, und hatte doch wieder eine gewisse Schüchternheit. Man mußte indes; nur zu gern geneigt sein, diese mit ihrem verkümmerten Blick in Verbindung zu bringen. Sie schien unglücklich zu sein.

Den Geheimerath Fischer zog ihr Anblick sofort an. Er mußte sie oft und viel ansehen, und wußte selbst nicht, warum. Aber er mußte sie nicht auf eine abstoßende, übelwollende Weise angesehen haben, denn nicht weit von Mainz trat die Dame, der seine Blicke nicht entgangen sein mochten, auf ihn zu, und sagte zu ihm:

„Mein Herr, Ihr würdiges Wesen flößt mir Vertrauen ein. Ueberdies sind ohne Zweifel diese beiden liebenswürdigen jungen Damen Ihre Töchter?“

Sie sprach mit einer Stimme, die so rein wie ihr Teint, und so schmelzend wie der Blick ihres Auges war.

„Unterthäniger,“ erwiederte der Geheimerath. „Gewiß; ich reise in Gesellschaft meiner beiden Tochter.“

„So darf eine Unglückliche eine Bitte an Sie wagen?“

Der Geheimerath zögerte doch mit einer Antwort. Die Dame aber fuhr mit ihrer schönen unglücklichen Stimme fort.

„Ich muß Ihnen mit völlig offenem Vertrauen entgegenkommen. Ich bin die Frau von Neetzow auf Sanden bei Lauenburg in Pommern.“

„Ah, wir sind also Landsleute, gnädige Frau!“

„Ich bin Wittwe und eine unglückliche Mutter.“

[622] „Wittwe?“

„Mein verstorbener Mann war Rittmeister; mein einziger Sohn wurde ebenfalls Soldat; er trat früh ein, ist jetzt Fähndrich, und steht seit einiger Zeit bei dem einunddreißigsten Regimente in Mainz. Er war so gut, so unverdorben; böses Beispiel verführte ihn bald. Er machte mir viele Sorgen. Seine Kameraden schrieben von ihm in die Heimat, daß er hier ein ausschweifenderes Leben führe, als je vorher. Sie begreifen das Mutterherz, mein Herr. Ich mußte selbst sehen, ihn beobachten, um danach weiter beschließen zu können, was zu seiner Rettung erforderlich ist.“

„Ich begreife vollkommen, gnädige Frau,“ sagte der teilnehmende Geheimerath. „Um ihn beobachten zu können, muß ihm meine Anwesenheit in Mainz vor der Hand ein Geheimniß bleiben.“

„Es ist sehr einleuchtend.“

„Zu demselben Zwecke nahe ich mich Ihnen mit einer Bitte.

Mein Name würde bekannt werden, in das Fremdenblatt kommen, wenn ich ihn im Gasthause abgeben müßte. Daher –. Aber darf ich vorher fragen, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen?“

„Ich bin der Geheimerath Fischer aus Berlin.“

„Ach, Herr Geheimerath, dann darf ich meine Bitte nicht wagen.“

Die Dame wurde sehr traurig.

„Sprechen Sie, meine gnädige Frau.“

„Wie dürfte ich, die Unbekannte, in die Familie eines so hochstehenden Mannes, wenn auch nur äußerlich, wenn auch nur dem Namen nach, mich eindrängen wollen?“

„Befehlen Sie, gnädige Frau,“ sagte der gutmüthige Geheimerath.

„Ich muß Ihnen vorher meinen Paß zeigen, damit nicht der geringste Zweifel –“

„Ich bitte, gnädige Frau. Sie würden mich beschämen. Unter keinen Umständen.“

Der Geheimerath wußte zu leben; die Dame gleichfalls. Sie stand davon ab, ihn zu beschämen.

„Wie gütig sind Sie, Herr Geheimerath. Ich darf also die Bitte an Sie richten, mich an Sie anschließen und als zu Ihrer Familie gehörig mit Ihnen in Ihren Gasthof in Mainz einkehren zu dürfen? Ich werde Sie nicht im geringsten weiter belästigen, aber zugleich einen Trost darin finden, Ihren liebenswürdigen Töchtern eine mütterliche Freundin zu sein.“

Sie sprach so unglücklich, sie blickte so schmelzend, ihr schöner runder Arm legte sich so sanft bittend auf den Arm des Geheimerathes.

„Es wird mir eine Freude sein, einer unglücklichen Mutter in Ausübung einer so schweren Pflicht behülflich sein zu können.“

„O, Sie edler Mann, wie soll ich Ihnen danken? Und darf ich bitten, mich zu Ihren Fräulein Töchtern zu führen?“

Die Fräulein Töchter saßen in der Nähe. Sie hatten fast jedes Wort hören können, besonders die aufmerksame jüngere Tochter. Warum hätte die unglückliche Mutter ihr Leiden vor den liebenswürdigen Töchtern des edlen Mannes verbergen sollen, dem sie ihr volles Zutrauen schenkte? Fräulein Charlotte's Herz wollte bersten; die ganze kleine Person wollte wenigstens – aufspringen. Aber sie durfte ja nicht einmal mehr: „Aber, Vater!“ sagen.

„Frau Baronin von Reetzow,“ stellte der Geheimerath die Dame seinen Töchtern vor.

„Nicht Baronin! Aber eine unglückliche Mutter, die sich glücklich schätzen wird, Ihnen, meine jungen Damen, wenn auch nur für einige Stunden, eine mütterliche Freundin zu sein. Darf ich um ihre Namen bitten?“

„Meine Schwester heißt Louise, und ich Charlotte,“ antwortete Fräulein Charlotte kurz, aber trotzig.

„O, ich werde Ihre Liebe gewinnen!“

Das Dampfboot hatte Mainz erreicht. Es legte an dem Landungsplatze an. Der Geheimerath führte die mütterliche Freundin seiner Töchter; es durchzuckte ihn elektrisch, als ihr schöner, weißer, runder Arm so mit völligem Vertrauen in dem seinigen lag.

„Ihr Paß, mein Herr!“ sagte höflich der Gensd’arm an der Landungsbrücke.

Der Geheimerath wies seinen Paß vor.

„Herr Geheimerath Fischer ans Berlin?“

„Wie Sie sehen.“

„Mit Familie?“

„So steht es auch im Paß.“

„Alle drei Damen?“

„Alle drei,“ antwortete der Geheimerath erröthend. Wem mochte das Erröthen gelten, dem Gewissen des alten Inquirenten, oder dem schönen Arme, den er so gewissenlos als zu seiner Familie gehörig erklärte?

„Aber der Paß enthält weder Zahl noch Signalement?“

Der Geheimerath wurde stolz. „Sie sehen, es ist ein Ministerialpaß; der enthält niemals solches Detail. Dafür wird er aber auch nur vertrauten Personen ertheilt.“

„Entschuldigen Sie; man muß seine Pflicht thun.“

Der Geheimerath passirte mit seiner Familie. Im Gasthofe zum „Römischen Kaiser“ schrieb der Geheimerath gleichfalls in das Fremdenbuch: „Geheimerath Fischer aus Berlin, mit Familie.“

Die Frau Baronin, die selbst keine Baronin sein wollte, hatte sich bald in ihre Stube zurückgezogen, und war dann ausgegangen.

Das Mutterherz ließ ihr keine Ruhe.

„Charlotte,“ sagte der Geheimerath zu seiner jüngsten Tochter, „warum bist Du so still?“ Die ältere Tochter fragte er nicht. Sie war immer still.

„Ich darf ja nicht mehr sprechen,“ antwortete Fräulein Charlotte.

„Was soll das nun wieder heißen?“

„Seit jenen langweiligen Engländern, die mit Gewalt Russen sein sollten –“

„Du willst mir also schon wieder widersprechen?“

„Ich darf ja nicht.“

„Wegen dieser unglücklichen Mutter?“

„Wer sagt Ihnen, daß sie das ist?“

„Sie selbst.“

„Wie mancher Inquisit hat Ihnen –“

„Schweig; ich kenne die Menschen. Ein alter Inquirent, wie ich, kann Wohl die Verbrecher von dem ehrlichen Manne unterscheiden.“

„Wir sprechen von einer Frau.“

„Auch Frauen, auch Frauen. Auch bei dieser. Welcher Anstand, welche edle Würde –

„Welche Aufrichtigkeit! So ohne Weiteres sich in eine völlig unbekannte Familie einzudrängen –“

„Sie entschuldigte sich ja. Sie ist so allein –“

„Warum reiset sie allein? Macht nicht schon das sie verdächtig? Nicht einmal ein Bedienter –“

„Das verstehst Du nicht. Sie will ihren Sohn überraschen, beobachten.“

„Aber, Vater, was hinderte sie der Bediente –“

„Schon wieder: aber, Vater! Ich sage Dir, es ist eine edle Unglückliche. Diese Anmuth, dieser Adel lügen nicht. – Warum antwortest Du mir nichts?“

„Ich darf Ihnen ja nicht widersprechen.“

„Zudem kommt sie mir so bekannt vor; ich muß sie schon irgendwo gesehen haben, und kann mich nur gar nicht besinnen, wo. Wahrscheinlich ist sie in Berlin bei Hofe gewesen. Ja, ja, so wird es sein. Diese Anmuth! Und die Neetzow’s sind eine angesehene Familie in Pommern. Mädchen, Du solltest Dich glücklich schätzen, in Gesellschaft einer so feinen, gebildeten Dame zu reisen.“

Der Abend neigte sich. Man ging auf die Schiffbrücke, den Sonnenuntergang zu sehen. Hier war es, wo die goldne Pracht des Abends und jener mythische Major das heute besonders für Glück empfängliche Her; des Geheimeraths völlig glücklich stimmte. Auch Fräulein Charlotte ließ ihren Unmuth fahren. Sie folgte träumend mit der träumenden Schwester den goldenen und purpurnen Wolken, die Glück verkündend, nach dem Süden hinzogen, nach der Schweiz hin.

Freilich später sollte sie der volle Unmuth wieder fassen. Die mütterliche Freundin war zum Abendessen zurückgekehrt. Sie war sehr still und traurig. Der zartfühlende Geheimerath wagte nicht, durch eine Frage, vielleicht unzart, ihr Herz zu berühren. Er sprach daher nur von seiner morgenden Weiterreise, und daß diese zunächst nach Wiesbaden gehe, wo er bis übermorgen, Sonntag, zu bleiben gedenke, um seinen Töchtern den Genuß eines Sonntagsbadelebens zu verschaffen.

Da bekamen die Augen der Dame wieder ihren schönsten rührenden Schmelz. Neben dem Dunkel des Unglücks leuchtete zugleich ein Strahl der Hoffnung darin.

[623] „Nach Wiesbaden reisen Sie, mein Herr?“

„Nach Wiesbaden, gnädige Frau.“

„O, mein Gott! Ich habe meinen Sohn hier nicht gefunden.

Er ist mit einem Bösewicht, seinem Verführer, in Wiesbaden; schon seit drei Tagen. Wie sollte ich allein ihm dahin folgen? Ohne Beistand? Ohne Schutz? O, mein edler Herr! Sie haben schon so viele Güte für mich gehabt. O, meine lieben, theuren Freundinnen, helfen Sie einer unglücklichen Mutter, Ihren braven Vater zu bitten.“

Aber es bedurfte der Bitten der lieben, theuren Freundinnen nicht. Sie hatte die Hand des Geheimeraths ergriffen und gedrückt.

„Es wird uns Allen eine große Freude sein, gnädige Frau, Sie noch langer in unserer Gesellschaft zu sehen.“

„Nein, das ist um aus der Haut zu fahren!“ rief es in Fräulein Charlotte.

Sie reisten am andern Tage zusammen nach Wiesbaden. Unterwegs zeigte die Dame sich wirklich als eine mütterliche Freundin der beiden Töchter des Geheimeraths.

„Sie nehmen mir eine Bemerkung nicht übel, mein edler Freund,“ sagte sie zu ihrem Beschützer.

„Wie könnte ich bei Ihrem Wohlwollen?“

„Ihre lieben Töchter gehen zu einfach. Ich ehre den einfachen Sinn; vielleicht haben auch die jungen Damen nicht gewußt, daß es gerade seit der vorigen Saison nicht mehr zum guten Ton gehört, in einfacher Reisetoilette zu erscheinen. Besonders die Engländerinnen haben diese gute Sitte verdrängt. Es ist das natürlich. Diese in Deutschland reisenden Engländerinnen gehören meist den Klassen an, die in ihrer Heimat eine gute Gesellschaft nie zu sehen bekommen: Schusters-, Schneiders- und Fleischerstöchter. Aber Sie haben Geld; und da putzt und bläset sich das denn auf, und die Französinnen und Deutschen machen es ihnen nach. Kurz, der frühere gute Ton ist einmal verdorben, und man muß mitmachen. Ich, eine Wittwe, eine unglückliche Mutter, kann mich zwar von solcher Mode emancipiren; aber solche junge, liebenswürdige Damen – Sie werden begreifen! Und ich werde in Wiesbaden um die Erlaubniß bitten, den feinen Geschmack der lieben Kinder in der Auswahl einer neuen Toilette bewundern zu dürfen.“

Der Herr Geheimerath begriff; um so weniger konnte er begreifen, daß seine Töchter nicht begriffen. Es handelte sich doch um ihre Toilette, und in Wiesbaden waren die elegantesten Läden und Magazine, die es gerade zu jener Zeit mit Gerson am Werder’schen Markte in Berlin aufnehmen konnten. Er ging so weit, dies selbst zuzugeben.

„Ich meinte, es ginge nichts über Berlin,“ erwiederte ihm Fräulein Charlotte.

„Eigentlich allerdings nicht. Allein wenn man alle diese eleganten Läden zusammen nimmt, so möchten sie doch gewissermaßen Gerson überbieten, obwohl Gerson sonst der erste Laden der Welt ist.“

„So warten wir, bis wir wieder in Berlin sind.“

„Aber, liebe Charlotte, dann ist ja der Zweck verfehlt. Ihr müßt doch auf der Reise anständig aussehen; und ich will es nun einmal, und wenn Ihr nicht mit wollt, so gehe ich mit der Frau von Neetzow allein und kaufe.“

Das wollte Fräulein Charlotte gar nicht. Sie hatte zwar noch eine List. „Lassen Sie uns wenigstens warten bis Frankfurt, Vater. Dort ist der Bundestag, dort müssen also noch großartigere Läden sein –“

„Ja, ja, wir haben selbst einen Gesandten da.“

„Also!“

Aber die Logik seiner Tochter wollte der Baronin gegenüber dem Geheimerath nicht einleuchten.

„Nein, nein, in Frankfurt ist doch auch viel Juden- und anderer Trödel. Wer weiß, was man dort findet. Hier sind nun einmal schöne Sachen.“

Die beiden Mädchen mußten mit ihm und der Baronin in einen der reichen, eleganten Läden gehen, die in der Badesaison zu Wiesbaden allerdings mit Gerson in Berlin wetteifern können. Die Baronin schien sie in den reichsten und elegantesten von allen geführt zu haben. Sie stellte sich auch an die Spitze des Nachfragens, des Auswählens und des Handelns. Sie war hier in der That ganz die mütterliche Freundin der beiden jungen Damen. Indeß waren beide junge Mädchen sehr enthaltsam, Fräulein Charlotte offenbar aus Trotz, und die stille Louise, weil ihre Schwester es war. Sie nahmen nur wenige und einfache Sachen, zum Aerger des Geheimeraths, aber unter fortwährendem Lobe der Baronin über die liebenswürdigste Bescheidenheit, die ihr noch nie vorgekommen sei.

Die Dame schien glücklich zu sein; aber nur für die halbe Stunde in dem Laden. Draußen sagte sie traurig: „Jetzt beginnen wieder die unglücklichen Sorgen der Mutter. Seien Sie glücklich unterdeß in diesem schönen Punkte der Natur und des Lebens. Ich suche meinen Sohn auf; ich muß ihn allein suchen.“

Sie verschwand in der Menge. Der Geheimerath sah ihr mit einem tiefen Seufzer nach, wie einer holden Erscheinung aus einer andern Welt, die plötzlich entzückt hat, aber auch eben so plötzlich wieder verschwindet.

„Wo ich sie nur schon gesehen habe?“ rief er träumend.

„Vielleicht in der Stadtvogtei,“ sagte boshaft Fräulein Charlotte.

Aber die beiden jungen Damen gaben sich ganz der schönen Natur und dem bewegten, ihnen völlig neuen Badeleben hin, und bekümmerten sich wenig mehr um die Baronin aus Lauenburg in Hinterpommern.

Sie sollten sich indeß doch bald darum bekümmern müssen.

Vater und Tochter saßen am Sonntag Nachmittag auf der schönen Terrasse vor dem Kurhause. Die Töchter waren glücklich, der Vater aber nicht. Die Baronin hatte sich nur auf wenige Augenblicke sehen lassen; sie war sehr verstimmt und traurig gewesen, und hatte ihren Sohn vergeblich gesucht. Sie hatte zwar von einem Trupp junger Kavaliere sprechen gehört, unter denen auch einige junge Herren von der Besatzung in Mainz seien, und die allerlei tolle Streiche und Debouchen machten. Die unglückliche Mutter konnte nicht zweifeln, daß ihr Sohn darunter sei; aber sie hatte ihn noch nicht zu Gesichte bekommen können, und mußte weiter suchen. Das hatte auch den Geheimerath verstimmt. Er ärgerte sich über Alles; er schimpfte über Alles, über die einfältigen Berge, das kleine Nest, den schlechten Kaffee, und daß nicht einmal Weißbier da war; endlich selbst über das bunte, bewegte, fröhliche Leben, in dem er mit seinen beiden Töchtern sich mitten innen befand.

„Und dabei die Schande,“ rief er, „so den Sonntag zu entheiligen. Selbst die Läden sind heute offen!“

Das war aber Fräulein Charlotte zu arg.

„Aber, Vater,“ rief sie, allem Verbot zum Trotz. „Was hätten Sie denn in diesem Augenblicke in Berlin? Selbst in Ihrem schönen Thiergarten? Alles still, züchtig und ehrbar. Wie die Lippen stumm, so müssen die Blicke niedergesenkt sein; kein Wagen darf schnell fahren, keine Musik darf laut werden –“

Zu dem Aerger des Geheimeraths gesellte sich ein anderes Gefühl.

„Und darüber lästerst Du, Mädchen? Ueber hohe polizeiliche Anordnungen?“

„Wir sind ja nicht in Preußen, Vater.“

Endlich schien er einmal wieder für die Logik seiner Tochter zugänglich zu sein. Er erwiederte seiner Tochter nichts; er hätte es auch nicht gekonnt, denn in demselben Augenblicke war Jemand an den Tisch getreten, der, von dem Kurhause kommend, vielfach in dem Gewühle umhergespäht, und dann, als er den Geheimerath und dessen Töchter bemerkt hatte, in ziemlich gerader Richtung, aber doch dem Anscheine nach absichtslos, auf ihren Tisch zugegangen war.

Es war ein hübscher junger Mann in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre, mit einem feinen, klugen, offenen Gesichte, in dem man sehr genau nachsehen mußte, wenn man den lauernden Blick erhaschen wollte, der sich tief hinter den lebhaften Augen versteckt hielt. Wie er absichtslos an den Tisch gekommen zu sein schien, so blieb er auch wie zufällig stehen.

„Ein schöner Punkt hier!“ wandte er sich an den Geheimerath mit einer treuherzigen, aber nicht rohen Ungenirtheit, die dem offenen Gesichte, freilich ohne den Zusatz des versteckten lauernden Blickes, entsprach.

„O ja,“ entgegnete der Geheimerath sehr kalt.

„Der Reisende, zumal wenn er den Rhein herauf kommt, hat sich allerdings an schöne Gegenden gewohnt.“

Der Geheimerath antwortete nur mit einem leichten Kopfnicken.

„Die Damen werden mir gewiß ebenfalls beistimmen.“

Fräulein Charlotte sah nach den Bergen, ohne ihm etwas zu erwiedern. Die sanfte Louise sagte:

„Wir haben wunderschöne Parthieen gesehen.“

Der Fremde wurde lebhafter. -

[624] „Auch nach ihnen behält Wiesbaden immerhin seine Reize. Dieses plötzliche, großartige, fast großstädtische Leben in dem kleinen verborgenen Winkel.“

Fräulein Charlotte rümpfte die Nase. Der Geheimerath aber sagte in einem halb zornigen, halb belehrenden Tone:

„Großstädtisch können Sie denn doch dieses Leben unmöglich nennen.“

„Freilich,“ entgegnete der Fremde, „wenn man das Leben von Berlin damit vergleichen wollte! Indeß in mancher Beziehung hat die Saison hier selbst ein großartigeres Leben und Treiben aufzuweisen, als Berlin.“

„Ich möchte doch wissen, in welcher?“

„Zum Beispiel im Industrieritterthum.“

„Ah, mein Herr, glauben Sie das nicht.“

„Ich versichere Sie dennoch. Nirgend, in keiner noch so großen Residenz, wird das Gaunerwesen, namentlich das vornehme, mit mehr Verschmitztheit und zugleich Frechheit getrieben, als in den Bädern, besonders hier in Wiesbaden.“

Charlotte fing an, den Fremden mit mißtrauischen Blicken zu betrachten. Sie wollte ihrem Vater einen Wink geben; allein der alte Inquirent war in seinem Elemente, und dann sah er nicht rechts und nicht links.

„Haben Sie das Verbrecherwesen in großen Städten kennen gelernt, mein Herr?“ fragte er den Fremden.

„Mitunter. Und gerade darum kann ich meine Behauptung aufrecht erhalten. In den Bädern treten die Industrieritter in ganz andern Gestalten, unter ganz andern Formen auf; feiner, gewandter, mit mehr Aplomb. Man kann sie in Residenzen ganz genau kennen, und sich vor ihnen zu hüten gelernt haben; im Bade läuft man dennoch Gefahr, ihr Opfer zu werden.“

Fräulein Charlotte wurde mißtrauischer. Der Geheimerath lächelte sehr verächtlich. Der Fremde fuhr unbefangen fort:

„Auch in großartigerem Maßstabe treiben sie in Bädern ihr Wesen. Wo sie in großen Städten um Hunderte prellen, betrügen sie hier um Tausende.“

„Pah!“ warf der Geheimerath weg.

„Ich könnte ihnen gleich ein Beispiel anführen. In Berlin hat vor einigen Jahren eine gewisse Bommert ihr Unwesen getrieben.“

„Bommert?“ rief der Geheimerath, im höchsten Grade überrascht.

„Der Name fällt Ihnen auf?“

„Bommert? Bommert? Was wissen Sie von der Person?“

„Sie kennen sie also?“

Der Geheimerath sah zweifelhaft bald den Fremden an, bald vor sich hin. Der Fremde kam seiner Unbeholfenheit zu Hülfe.

„Ich verdiene Ihr Mißtrauen,“ sagte er mit einem feinen Lächeln. „Ich war nicht offen gegen Sie. Ich habe mich selbst einer kleinen Hinterlist gegen Sie schuldig gemacht. Es ist das sonst meinem offenen, leider zu offenem Charakter fremd. Aber der Beamte ist vor Allem Beamter. Ich habe die Ehre, den Herrn Geheimerath Fischer aus Berlin zu sprechen?“

„Woher kennen Sie mich, mein Herr?“

„Nur aus dem Fremdenbuche. Ich bin Polizeibeamter hier.“

„Und in welcher Absicht, Herr – Herr –?“

„Mein Titel thut nichts zur Sache, Herr Geheimerath. Wir sind hier nicht in Berlin. – Ah, entschuldigen Sie. Ich sagte es ja, ich bin leider zu offen. Mein Name ist übrigens Klein. Aber Sie wünschen zu wissen, warum ich mich der List gegen Sie bediente?“

„In der That, Herr Klein.“

„Eine äußerst gewandte und verschmitzte Gaunerin hat seit Kurzem in Ems, Schwalbach und Schlangenbad vielfältige Betrügereien verübt, und heute bekommt die hiesige Polizei die Nachricht, daß sie wahrscheinlich ihre Reise nach Wiesbaden genommen habe. Nach einzelnen von ihr mitgetheilten Zügen kam ich unwillkürlich auf den Gedanken, die Person könne die Bommert sein, die vor einigen Jahren vom Criminalgerichte zu Berlin steckbrieflich verfolgt wurde, gleichwohl seitdem spurlos verschwunden war. Ihr Steckbrief mit Signalement ist zwar hier; aber, Herr Geheimerath, Sie, als erfahrener, gediegener Inquirent, werden bester wissen, wie geringen Anhalt und Zuverlässigkeit solche Signalements geben.“

„Woher wissen Sie,“ fragte der Geheimerath wieder, „daß ich Inquirent war?“

„Ich hatte die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich Polizeibeamter bin.“

„Freilich, freilich.“

„Ich beschloß daher, den günstigen Zufall Ihrer Anwesenheit zu benutzen, und Sie, Herr Geheimerath, unmittelbar um persönliche, anhältlichere Auskunft zu bitten. Daß ich den kleinen Umweg wählte – ah, man gewöhnt sich zu leicht an die Wege der Polizei. Entschuldigen Sie mich.“

Der Geheimerath fühlte sich nur noch geschmeichelt.

„Ich stehe Ihnen gern zu Diensten, Herr Klein.“

„Also die Bommert?“

„Ich habe sie genau kennen gelernt. Ich selbst war in Berlin ihr Inquirent.“

„Ich kam also an die beste Quelle.“

„Die Person ist gebürtig aus einem Dorfe bei Graudenz in Westpreußen, wo ihr Vater Fleischer war. Ihr voller Name ist Anna Maria Bommert. Sie führt aber stets eine Menge anderer Namen. Sie begann ihre Verbrechen in ihrem sechzehnten Jahre mit Diebstählen in ihrer Heimat; trieb sich dann beinahe achtzehn Jahre in den Provinzen West- und Ostpreußen, in Polen und in Rußland umher, stehlend und betrügend, oder ihre Diebereien und Betrügereien in den Zuchthäusern verbüßend. Immer in verschiedener Gestalt, denn ihre größte Kunst bestand darin, durch Toilette, Schminke u. s. w. sich unkenntlich zu machen. Sie wandte sich endlich Berlin zu, um dort ihre Verbrechen großartiger fortzusetzen. Sie wurde aber schon unterwegs, in Küstrin, ergriffen, bei einem Ladendiebstahle. Ladendiebstähle bildeten ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie wurde zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, und in die Strafanstalt in Spandau gebracht. Aber wie sie schon früher fast überall mit großer List und Frechheit aus den Zuchthäusern entwichen war, so gelang ihr dies auch in Spandau. Von einer Mitgefangenen, die nach Beendigung ihrer Strafzeit entlassen wurde, und ihre mitgebrachten Kleidungsstücke zurückerhielt, wußte sie sich ein Kleid und eine seidene Mantille zu erschwindeln. Sie verbarg diese bis zu einer gelegenen Zeit in dem gemeinschaftlichen Schlafsaale. Die Zeit schien ihr an dem Tage gekommen zu sein, als ein neuer Portier der Strafanstalt zum ersten Male seinen Dienst versah. Sie schlich sich mit dem erschwindelten Kleidungsstücke aus dem Schlafsaale, kleidete sich auf dem Flur rasch um, und ging nun dreist an die Ausgangsthür der Strafanstalt. Dem neuen Portier gab sie sich für die Schwester des Direktors aus; sie habe in der Anstalt die Aussicht über die Tapisseriearbeiten, und ertheilte ihm noch einen Auftrag. Er öffnete ihr die Thür; sie entkam.“

„Das war ihr letztes Entweichen?“ fragte mit einem listigen Lächeln der Polizeibeamte von Wiesbaden den Berliner ehemaligen Criminalbeamten.

Der Geheimerath erröthete.

„Gewissermaßen nicht.“

„Darf ich bitten?“

Sie ging von Spandau direkt nach Berlin. Hier wurden auf einmal in kurzer Zeit eine Menge der listigsten und bedeutendsten Ladendiebstähle verübt. Manchmal hatte man auf Niemanden Verdacht werfen können; manchmal hatte man hinterher gewagt, ihn auf eine unbekannte, sehr vornehm aussehende Dame zu werfen. Die Dame war aber, dem Anscheine nach, in jedem Laden eine andere gewesen. Um so weniger konnte man der Diebin auf die Spur kommen. Endlich wurde sie auf einem großen Diebstahle in einem Seidenladen ertappt, und in die Stadtvogteigefängnisse des Criminalgerichts eingebracht. Ihre Lügen, ihre Ausflüchte übergehe ich; sie bilden nur Romane, und Romane gehen eigentlich der Justiz und Polizei nichts an.“

„O, ich bitte,“ sagte der Herr Klein.

Der Geheimerath fuhr fort:

„Sie wurde, genauer von den Leuten in Augenschein genommen, als die Urheberin der vielen Ladendiebstähle anerkannt. Durch Vernehmung der Spandauer Gefängnißbeamten wurde, trotz ihres Leugnens, festgestellt, daß sie die Bommert war.“

„Und darauf?“ fragte der Herr Klein den stockenden Geheimerath.

„Darauf entkam sie.“

„Aus der Berliner Stadtvogtei?“

„Hören Sie, Herr Klein. Als sie eines Tages wieder zum Verhör gebracht wurde, hatte sie sich von einer Mitgefangenen ein Umschlagetuch und eine Haube geliehen. Sie hatte darin das Aussehen einer ehrsamen Bürgersfrau. So wurde sie durch den Gefangenwärter in die Verhörstube geführt. Die Verhörzimmer des [625] Berliner Criminalgerichts liegen an einem langen, schmalen, sich mehrfach windenden Gange. Dieser steht an dem einen Ende durch eine Thür in unmittelbarer Verbindung mit den Gefängnissen. An seinem andern Ende befindet sich die Ein- und Ausgangsthür für die Personen, die aus der Stadt an das Gericht geladen sind. Beide Thüren werden immer verschlossen gehalten; an der einen halten fortwährend zwei Gefangenwärter, an der andern zwei Criminaldiener Wache. Die verschmitzte Abenteuerin entkam dennoch. Als sie durch den Gefangenwärter, der sie hergebracht hatte, aus der Verhörstube wieder hinausgeführt wurde, befanden sich in dem Gange wie gewöhnlich viele Menschen, vorgeladene Zeugen, Sachverständige, Damnificaten u. s. w. Auf einmal war sie dem Gefangenwärter unter den Händen in der Menge verschwunden, und ehe er sich nur darauf besinnen konnte, wo er sie in dem Gewühl suchen sollte, war sie schon vor der Ausgangsthür nach der Stadt hin. „Das war ein langes Zeugniß,“ sagte sie zu dem Wache haltenden Criminaldiener. „Bitte, lassen Sie mich schnell hinaus: ich habe ein krankes Kind zu Hause.“ – Sie sah aus, wie eine ehrbare Bürgersfrau, die ein Zeugniß abgelegt habe. Sie wurde hinausgelassen.“

„Und man wartet wohl noch heute auf ihre Rückkehr’?“ fragte der Herr Klein.

„So glaube ich,“ sagte etwas kleinlaut der Geheimerath, der selbst der Inquirent der Diebin gewesen war. „Ich würde mich sehr freuen, wenn sie hier wieder ergriffen würde und ich dazu beitragen könnte.“

„Und nun ihr Signalement, Herr Geheimerath?“

„Sie ist von mittlerer Größe –“

„O, wenn ich bitten darf, nicht das Schablonensignalement; dieses führe ich in der Tasche. Es ist in dem Steckbrief des Berliner Criminalgerichts. Aber vielleicht frischt es Ihr Gedächtniß auf.“ Er zog ein Papier aus der Tasche und las:

„Die verfolgte Bommert, die sich bald Gundnow, Berchau, Lenz, von Lenz, von Brünn, von Brüning, Baronin von Brinksens, Gräfin Schwerin nennt, ist 39 Jahre alt, evangelischer Religion, mittlerer Statur, 4 Fuß 11 Zoll groß; hat wenig Haar, weshalb sie zuletzt hier eine braun-schwarze Perrücke trug, blaue Augen, eine etwas breite Nase, ein rundes Kinn und einen kleinen Mund.

Besondere Kennzeichen: die rechte Schulter höher als die linke, oben keine Zähne, überm Kinn links eine Narbe von der Form einer Bohne, in der Mitte des Kinnes eine kleine runde Pockennarbe; sie ist der deutschen und polnischen Sprache gleich mächtig.“

„Richtig, richtig!“ sagte der Geheimerath. „Und ich kann Ihnen Folgendes hinzufügen, was in dem Steckbriefe nicht –“

Aber auf einmal brach er ab. Er wurde unruhig, blaß, seine Stirn wurde feucht.

„Darf ich bitten, Herr Geheimerath?“

Der Geheimerath fuhr über die nasse Stirn, als wenn er ein böses Phantom verscheuchen wolle.

„Ah,“ lachte der Herr Klein, „Ihr Gedächtniß bringt Ihnen wohl noch neue, noch größere Häßlichkeiten zu denen des Signalements?“

„Nicht doch, mein Herr; die Person war nicht so häßlich, wie jene Beschreibung sie macht. Sie hatte ein Etwas, das man in einem gerichtlichen Signalement nicht wieder geben konnte.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel einen angenehmen Blick der Augen, und die Augen waren groß und nicht häßlich. Ferner –“

„Ferner?“

„Ferner einen wohlgeformten Arm.“

„Und weiter?“

„Weiter wüßte ich nichts.“

Aber der Geheimerath mußte doch noch mehr wissen. Er wurde unruhiger, blasser, auf seiner Stirn sammelten sich dickere Schweißtropfen.

Der Herr Klein sah ihn mit einiger Verwunderung an. Er fand aber keine Zeit, seiner Verwunderung weiteren Ausdruck zu geben; denn in demselben Augenblicke sah er mit seinen Augen, die auch, wenn sie sich verwunderten, überall waren, einen Menschen, der sich durch die Menge auf ihn zudrängte, in einer kurzen Entfernung von ihn, stehen blieb und ihm einen Wink zuwarf. Es war ein langer, grauer Mensch in einem schäbigen Rocke und mit einem schäbigen Gesichte. Der Herr Klein wurde eilig.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Geheimerath. Wenn ich Ihnen wieder dienen kann, wird es mir immer eine Freude sein. Leben Sie wohl. Meine Damen, ich empfehle mich Ihnen.“ Er verschwand mit dem grauen, schäbigen Menschen in der Menge. Auch Fräulein Charlotte hatte die Unruhe des Geheimeraths bemerkt.

„Fehlt Ihnen etwas, Vater?“

„Es ist hier so heiß.“

„Der Mensch hat Sie mit der dummen Geschichte gequält. Es war ein recht unangenehmer, widerwärtiger Mensch.“

„Ein Polizeibeamter, Charlotte!“

„Wer weiß? Es kann auch eben so gut einer jener Industrieritter sein, vor denen er warnte, um sicher zu machen.“

„Meinst Du, Charlottchen?“

„Welch’ ein gemeines, verdächtiges Gesicht rief ihn da eben ab.“

„Ich hielt es für das Gesicht eines verkleideten Polizeidieners.“

„Es war ein vollkommenes Gaunergesicht.“

„Meinst Du, Charlottchen?“

Der Geheimerath sprach so weich; er stritt nicht mehr. Fräulein Charlotte verwunderte sich noch mehr, als der Polizeibeamte. Sie ängstigte sich.

„Sind Sie unwohl, lieber Vater?“ !

„Nicht doch. Aber wollen wir nicht zum Gasthofe zurückkehren? Ich habe eine solche Unruhe. Ach, Charlottchen!“

„Um Gotteswillen, mein Vater! Was ist Ihnen?“

„Da haben wir es! Es ist richtig!“

„Was ist richtig?“

„Da kommt er. Sein Gesicht –“

„Wer kommt?“

„Es ist richtig, Charlottchen, gib Acht! Meine Ahnung!“

Der Geheimerath wurde leichenblaß. Herr Klein kehrte zurück, und machte sich rasch Bahn durch die Menge. Sein Gesicht drückte eine gewisse wichtige Unruhe aus. Er kam in gerader Richtung auf den Geheimerath zu.

„Herr Geheimerath, Sie haben gestern in einem hiesigen Magazine Einkäufe für Ihre Fräulein Töchter gemacht?“

„Ja, mein Herr.“

„Es war noch eine dritte, ältere Dame in Ihrer Gesellschaft?“

„Ja.“

„Sie steht im Fremdenbuche als zu Ihrer Familie gehörig aufgeführt?“

„So ist sie eingeschrieben.“

„Die Dame ist vor einer Stunde in das Magazin zurückgekehrt.“

„Mein Gott!“

„Sie hat sich die reichsten Stoffe vorlegen lassen.“

Der Geheimerath wollte sprechen; die Stimme versagte ihm.

Der Andere fuhr fort:

„Sie hat eine reiche Auswahl getroffen, für mehr als sechshundert Thaler. In Ihrem Namen, für Ihre Fräulein Töchter, die Sie mit den schönen Sachen überraschen wollten. Sie hat die Sachen in den Gasthof bringen lasten, und sie dort in Empfang genommen. Natürlich auf Kredit, auf Ihren Kredit. Sie gehörte zu Ihrer Familie. Dem Herrn Geheimerath Fischer aus Berlin kreditirte man gern. Hinterher bekam man doch Besorgnis; Man erkundigte sich in dem Gasthofe; die Dame war fort; sie konnte auf einer Promenade, bei Ihnen sein; aber auch die Sachen waren fort; und nicht blos die heute von ihr gekauften, auch Ihre gestrigen Einkäufe. Kisten, Schränke und Koffer waren erbrochen und leer.“

Der Geheimerath hatte die Sprache wiedergewonnen. „Die Bommert!“ rief er. Aber er konnte nur das eine Wort aussprechen.

„Ich wagte die Ahnung nicht,“ sagte der Herr Klein.

Aber dieser Polizeibeamte war ein dankbarer Mensch. „Herr Geheimerath,“ fuhr er fort. „Ich bot Ihnen vorhin meine Gegendienste an. Gestatten Sie mir, Ihnen einen Rath zu ertheilen. Es wird bei uns jetzt über den Vorfall eine weitläufige, zuerst polizeiliche und dann gerichtliche Untersuchung eingeleitet werden. Sie und Ihre Fräulein Töchter werden darin die Hauptzeugen sein. Man würde Sie zwanzig Mal vernehmen wollen; Sie würden Wochen lang bei uns bleiben müssen, und doch würde man dadurch weder die Diebin, noch die Sachen zurückbekommen. Mein Rath wäre daher, Sie reiseten so schnell als möglich von hier ab. Ihre Vernehmungen können ja später durch Requisitionsschreiben herbeigeführt werden.“

[626] Im Gasthofe fand sich Alles bestätigt, was der Herr Klein gesagt hatte. Der Geheimerath reisete mit dem ersten Eisenbahnzuge ab, der nach Frankfurt ging. Auf dem ganzen Wege hatte er kein Wort gesprochen. Aber in Frankfurt wurde ihm wieder wohl; er sah preußisches Militair und den Bundespalast.

„Mit dem Herrn Klein hattest Du doch Unrecht, Charlotte,“ sagte er. „Er war ein wirklicher Polizeibeamter. Ich kenne die Menschen. Und wenn in Wiesbaden des sonntags die Läden verschlossen werden müßten, wie bei uns in Berlin, so wäre das ganze Unglück nicht passirt.“




(Fortsetzung folgt.)





Die Czarenstadt im Sommer 1856.
Nr. 1.
Der Eindruck Moskaus. – Der Bazar. – Eine Straße, die Repräsentantin des alten und neuen Russlands. – Buchhandlungen. – Büchertische. – Der alte Hultschin. – Sein Magazin. – Die russische Kunst. – Der Platz Bautechnisch und seine Kostbarkeiten.

Moskau mit seinen 450,000 Einwohnern macht in der heißen Jahreszeit auf den Beschauer den Eindruck der Oede und Einsamkeit. Das Bedürfnis, sich für einen fast achtmonatlichen Winter durch den Genuss des kurzen, aber rasch erblühenden Frühlings in der freien Natur zu entschädigen, macht sich mehr als irgendwo in einer so ungeheuren Stadt fühlbar, wo in der Sommerzeit der Mehrzahl des gemischten Publikums nur wenig oder sehr kostspielige Entschädigungen für die Entbehrungen des Winters geboten werden. Auch beeilt sich der Gutsbesitzer, mit dem ersten warmen Strahl der Maisonne seine gewöhnlichen Spazierfahrten von 500 bis 1000 Werst zu unternehmen, um sich auf seinen nahen oder fernen Besitzungen einige Monate lang dem Vollgenuss des süßesten far niete hinzugeben. Der wohlhabende Hauseigentümer bezieht seine Datscha im Sokolosero Walde, und Alles, was sonst nur Zeit und Mittel hat, sieht sich, oft schon in den Wintermonaten, nach einem grünen Plätzchen in Moskaus freundlichen Umgebungen um. Von nun an durchrollen wenig Equipagewagen mehr die unendlichen Straßen. Selbst auf der Iljinka, dem Börsenviertel der innern Stadt, wo sonst sich Pferde und Menschen in unablässiger Folge drängen und treiben, ist es still geworden, und auf dem Kusnetzky Most (der Schmiedebrücke), dem Mittelpunkte der Eleganz und der Mode, feiern die glänzenden Magazine, allenfalls sammeln sich Schaulustige an den Fenstern der Kunsthandlungen von Daziaro und Beckers.

Der in allen Städten Rußlands herrschende Gebrauch, dem Großhandel, so wie dem täglichen Handelsverkehr ein besonderes Quartier, einen Bazar anzuweisen, den Rußland mit dem Orient gemein hat, erstreckt sich in Moskau nicht blos auf die innere Stadt, sondern die Vorneigung des Kaufmanns, sich durch die gleiche Lokalität und dieselbe Industrie gleichsam zu associiren, macht sich auch in den entfernteren Straßen und Stadtvierteln bemerkbar. Unabgesehen von dem Einflusse, den die südlichen Nachbarn seit Jahrhunderten dabei ans den russischen Kaufmann ausgeübt haben, mag er ursprünglich wohl auch durch die Idee geleitet worden sein, daß da, wo alle Häuser gewissermaßen gezwungen sind, den gleichen Bedarf auszusuchen, auch die Verkäufer mehr Chancen haben, ihre Waare an den Mann zu bringen.

Vielleicht schreibt sich aus dieser orientalischen Verkehrsweise die Gewohnheit des Käufers her, aus einem Magazine in das andere zu schlendern, und dieselbe Waare erst in zehn Verkaufslokalen zu vergleichen und zu prüfen, ehe er kauft. Daran mußten sich unsere Kaufleute in Deutschland in den Jahren 1813 bis 14 auch erst gewöhnen, wenn damals die russischen Offiziere gruppenweise die Läden, gleichsam zum Spaziergange durchzogen, dann aber auch bei ihren Einkäufen so stattliche Preise zahlten.

Im ungeheuern Moskau entsteht ans diesem Gebrauche für den Käufer der Vortheil, daß er ziemlich genau weiß, wo dieser oder jener Artikel zu finden sei: auf der Mochawaja, auf der Strätenka die Möbelhändler, die Sargverkäufer; in der Nähe des Moskwastroms die Mehl- und Eisenhändler; auf der Iljinka die Schuhmacher, die Hutfabrikanten. Zugleich hat er die Annehmlichkeit der Auswahl und des durch die Konkurrenz bedingten ermäßigten Preises. Dagegen entspringt für den entfernter Wohnenden daraus auch die Unannehmlichkeit, um einer Kleinigkeit willen oft einen halben Tag aufopfern und eine förmliche Reise unternehmen zu müssen, oder für eine Droschka vielleicht mehr zu bezahlen, als der Plunder werth war, dessen er augenblicklich bedurfte. Ist mir zufällig mein Bedarf an Postpapier ausgegangen, brauche ich einen Bleistift, ein Packet geschnittener Federn, ein paar wohlfeile Handschuh, so finde ich das allenfalls etwas näher, aber für einen dreimal höhern Preis, oft auch gar nicht, oder ich muß nach „der Stadt,“ nach den sogenannten „Buden“ fahren, und dabei drei Stunden meiner kostbarsten Zeit verlieren.

Doch an Zeitverlust muß man sich überhaupt in Moskau gewöhnen, und den Ansprüchen an eine regelmäßige Benutzung jeder Stunde, die der Deutsche so gern an sich selbst stellt, allmälig entsagen, je mehr man Land und Leute kennen lernt.

Wenn ich einige müßige Augenblicke habe, so durchwandere ich gern die Nikolskaja, die Straße, welche für mich gewissermaßen die Repräsentantin des alten und des modernen Rußlands ist, so bunte Kontraste bieten hier die hohen, zusammenhängenden, in neuestem Styl aufgeführten Gebäude, die neu ausgeschmückten Kaufmannsläden, die reichen Julai’schen Stahlwaarenmagazine, mit den kleinen, einstöckigen Häuschen, an denen noch immer die alten steinernen Treppen hinlaufen, mit den Krümmungen der Straßen, den vorspringenden Mauern und dem bekannten unendlichen Hofraume, der von dem niedrigen, unansehnlichen Scheremetjeff’schen Häuserviereck umschlossen wird. Hier besuche ich gern die Läden der Bücherantiquare und der kleinen russischen Bücherverkäufer, deren Schilde meist die Aufschrift führen: „– – – auch werden hier Bücher eingekauft und umgetauscht.“ Die größeren russischen Buchhandlungen, deren es wenige gibt, sind hie und da zerstreut. Die ausländischen, namentlich die deutschen von Moritz Arlt, Deubner und Hoss, und die französischen von Urbain, Gautier, Renaud, nehmen noch immer die elegante Schmiedebrücke und deren Umgebungen ein. Eigentliche Verlagsbuchhandlungen gibt es noch nicht. Wer Lust hat, ein Buch herauszugeben, muß es auf eigene Kosten und Gefahr drucken lassen, es müßten denn unbedeutende Broschüren sein, wobei der Buchhändler nichts riskirt.

Die unbedeutendsten Bücherverkäufer, deren Artikel meist für das leselustige Publikum aus der niedern Volksklasse bestimmt sind, haben ihr ambulantes Magazin auf einem Holztischchen längs der Mauer unter einem Leinwanddache ausgebreitet, und verbinden damit häufig eine zweite Industrie, den Verkauf von ordinären Stahlwaaren, Messern, Scheeren, Leuchtern, Vorlegeschlössen. Hat der Verkäufer einmal für den Tag seinen Ausputz gemacht, seine Legenden der Heiligen, das Leben der heiligen Märtyrerin Barbara, Mazeppa’s Abenteuer, die Beschreibung des Troizki’schen Klosters etc. zurecht gelegt, und die Stahlstiche mit dem Leben Jesu und die Ansichten von Jerusalem und dem heiligen Grabe, die er, Gott weiß, welchem Almanach entnommen, auf den Bindfaden gereihet, so ist er fertig. Allenfalls vertieft er sich wohl selbst in das Lesen einer Scarteke, und scheint sich gerade nicht viel darum zu bekümmern, ob er den Mazeppa heute oder morgen verkauft, wenn er nur seine Ruhe hat. Ich möchte ihm zuweilen zurufen, wenn ich ihm gegenüber auf der andern Seite der Straße stehe, und dem gemüthlichen Faullenzer zusehe, was Treuttel in Paris einst dem Dichter Millevoie sagte, den er als Kommis lesend fand: „Jeune homme, vous lisez – vous ne serez jamais libraire

Von den Büchertischchen an der Scheremetjeff’schen gelben Mauer, die ich ihrer Länge wegen gern die chinesische Mauer benenne, komme ich zu den Bücherbrettern, die unter den Durchfahrten und Durchgängen der Häuser schon einen Schutz gegen Wind und Wetter gefunden haben. Hier finden die Liebhaber der französischen Romanliteratur eine reiche Auswahl ganzer und zerstückelter Exemplare des Eugene de Roltelin, Paul und Virginie, Honneur et vertu, Jean Hogar, und dazwischen lange Reihen von Duodezbänden der Histoire universelle par Mr. de Ségur. Hin und wieder ist auch die deutsche und englische Literatur dieser Gattung vertreten. [627] Auf der andern Seite der Straße aber nimmt eine dritte Klasse von Verkäufern in der Hierarchie des Buchhandels eine höhere Stelle ein. Diese haben schon Verkaufslokale, kleine Läden, einige von ziemlichen Umfange; ihre alten Bücher sind neu gebunden, frisch aufgeputzt und mischen sich im anständigen Kleide vortheilhaft mit den neuen Artikeln. Hier entnehmen die Gymnasiasten, die Pensionsanstalten ihren Bedarf, oder setzen denselben nach Verlauf des Schuljahres mit Verlust wieder ab.

Am äußersten Ende der Nikolskaja, gerade neben der kleinen Kirche der Mutter Gottes von Kasan, welche das wunderthätige Bild in sich schließt, steht ein kahles, gelb übertünchtes Häuschen recht im Mittelpunkte der geistigen und geistlichen Industrie, denn ebenda sind auch die Verkaufsläden, in denen ausschließend religiöse und Kirchenbücher in Folio und Quartbänden feil geboten werden, und gegenüber strotzen die Magazine der Verkäufer von Heiligenbildern in ihrem eigenthümlichen Gold- und Silberschmuck. In diesem Häuschen, hinter zwei völlig erblindeten Glasthüren, die Sommer und Winter weit geöffnet sind, und dem Staube, der Hitze und der Kälte freien Zutritt gewähren, hauset mitten unter Bergen und Hügeln von alten Papieren, Heften, Broschüren, Scarteken, Folianten der alte Koltschughin, ein Mann, der, selbst eine antiquarische Merkwürdigkeit, im eigentlichen Sinne „der letzte Antiquar“ genannt zu werden verdient. In dem unscheinbarsten aller Kaftane, der vielleicht einmal blau, vielleicht einmal grau gewesen ist, jetzt aber in Farbe und Gestaltung mit den übrigen Umgebungen im vollen Einklänge steht, regt und bewegt sich mit unglaublicher Behendigkeit ein kleines, graues Männchen, dessen Züge den Stempel der Volksphysiognomie tragen, mit dem Ausdrucke der vollständigsten Intelligenz seines Berufes in dem klugen, beweglichen Blicke, in den kleinen, lebhaften Augen, die allein errathen lassen, daß man hier nicht mit dem gewöhnlichen Manne des Volkes zu thun habe, sondern mit einem Originale, mit dem Typus der Bücherantiquare.

Ganz Rußland, glaube ich, kennt den alten Koltschughin, und er kennt die europäische Bücherwelt auswendig, die seit einem halben Jahrhunderte durch seine Hände gegangen ist. Wenn man überall umsonst nach einem vergessenen Autor, nach einer verschollenen Broschüre, einem längst begrabenen Buche gesucht hat, Koltschughin hat es, Koltschughin findet es auf. Er ist nicht blos Kenner aller alten und neuen Auflagen, aller herabgesetzten Ladenpreise der in- und ausländischen Literatur; er kann auch Rechenschaft geben vom Verfasser und vom Inhalte des Buches. Er liest und spricht Nichts als seine Muttersprache; aber ein merkwürdiger Instinkt, die Gewohnheit zu vergleichen und zu tauschen, zu gewinnen und zu verlieren, – die Praxis eines halben Jahrhunderts vertreten bei ihm die Schulbildung.

In seinem Magazine ist Koltschughin der gewöhnliche Bücherhändler. Sein Lokal bietet das Bild der vollständigen Zerstörung von Babylon. Bücherhaufen thürmen sich, durcheinander geworfen auf Bücherhaufen, vor uns, hinter uns, neben uns. Auf der Verkauftstafel liegt es bunt und hoch durcheinander. Tausende von halbzerrissenen Heften und halbgebundenen Büchern verwehren den Zutritt zum Ladentisch; man lehnt sich auf Bücher, man geht und stolpert über Bücher. Wahre Festungswerke verpallisadiren den Zutritt zu den Regalen; dichter Staub ruht auf diesen undurchdringlichen Massen. Aber über denselben herrscht der Meister mit völliger Klarheit. Er ist in seinem Labyrinth zu Hause wie der geübte Spieler auf dem Schachbrette. Er repräsentirt allein das Gesammtpersonal seines Geschäfts. Auf seinen Wink klettern zwei kleine, schmutzige, zerrissene Gnomen an den Wänden auf und ab, durchwühlen den Boden wie die Ameisen, und ehe fünf Minuten vergehen, hat der Käufer das Verlangte in den Händen.

In seiner Behausung aber wird Koltschughin zum eigentlichen Antiquar. Dort ruhen die wahren Schätze des „Alten vom Berge,“ Manuskripte, Pergamentrollen, Dokumente, oft von hohem Werthe für den Kenner, und die er auch dann nur an’s Tageslicht bringt, wenn irgend ein Archäologe, ein Professor der Universität, ein alter, bewährter Kunde bei ihm einspricht. Man sagt, Personen vom höchsten Range, Kenner und Liebhaber des Alterthums, verschmäheten nicht, von Zeit zu Zeit Koltschughin’s staubiges Heiligthum zu besuchen. Fragt man ihn, woher er diese Seltenheiten habe, so lächelt er freundlich, und ein: „slutschaino“ (durch Zufall) ist Alles, was man von ihm erfährt. Geschmeidig und behend, wie ein Ohrwürmchen, empfängt er mit demselben Lächeln einen Griwenik (10 Kopeken) für ein Asbuka (Abcbuch) wie einen halben Imperial für Puschkin’s Gedichte, und geleitet mit einem eben so höflichen „ne Isjae,“ (es geht nicht) den knausernden Käufer zur Thüre hinaus. Nur, wenn ihm ein Gymnasiast für ein flottes Schulbuch die Hälfte bietet, heißt es kurz: „Mischka na Mästo!“ Michel, hinauf damit!“ und Oltrogge’s oder Galachoff’s Chrestomathie fliegt dem obenstehenden Gnomen in die Hände.

Koltschughin gehört mit zu den Moskowitischen Merkwürdigkeiten: wenn er gestorben sein wird, gibt es für ihn keinen Nachfolger mehr.

Neben den Bücherantiquaren ist auf der Nikolskaja auch die Kunst vertreten, aber freilich die Kunst in ihrer Kindheit, so wie das Volk sie liebt und verlangt, unter den Thorwegen und Durchgängen der Häuser, bunte Bilderbogen so blau und roth als möglich, Bilder, die das Volksthümliche lebhaft bezeichnen. Vor allem religiöse Gegenstände, Prozessionen, Abbildungen von Klöstern und Kirchen, das Vaterunser in Bildern und kalligraphischen Schnörkeln, Himmel und Hölle, der alte Drache, der mit offenem Rachen die verdammten Seelen verschlingt und daneben die Himmelsleiter mit erklärenden, Texte. Nächst diesen ist der russische Patriotismus repräsentirt durch unzählige Bildnisse der kaiserlichen Familie, deren zahlreiche Mitglieder jeder Russe der Reihe nach aufzuzählen weiß, durch, die Portraits der Helden von Sebastopol, die Schlachten an der Alma und bei Sinope, das Bombardement von Odessa, – wo freilich den Türken und Engländern immer schlimm mitgespielt wird, die Russen immer Sieger bleiben. Daneben reihen sich rohe Holzschnitte mit Scenen aus dem gemüthlichen Volksleben, mit kuriosen Versen und dramatisirten Erläuterungen versehen, Tänze, Hochzeiten, Volksspiele, wohl auch Ehestandsgeschichten, vor denen häufig der ungelehrte Bauer stehen bleibt und sich von einem gramotny d. h. gelehrten Landsmann, – der lesen und schreiben kann, – den Text erklären läßt. Ich war gestern überrascht, auf zwei erbärmlichen Holzschnitten ein paar deutsche Fabeln illustriert zu sehen. Gellert’s Gespenst und der Dichter, und die Widersprecherin, mit freier poetischer Nachahmung, die ich nachgerade wohl den Gellertschen an die Seite stellen möchte. Der Russe hat überhaupt Talent zur naiv-poetischen Darstellung und gemüthlichen Auffassung; wer Kriloffs Fabeln gelesen hat, wird ihm gern den Beinamen des russischen Lafontaine zugestehen. Ich kaufte die Bilder für ein paar Kopeken und weckte dadurch die Neugierde eines langbärtigen Tagelöhners, der an dem langen Schwanze des Teufels, den der Dichter in der Hand hält, besonderes Wohlgefallen fand. Ich las ihm die Verse vor, und er fand sie so spaßhaft, daß er sich auch ein Exemplar geben ließ. Hier und da fesseln mich Bilder, die mir die Jahre meiner Kindheit zurückrufen und mich zur Zeit der Leipziger Ostermesse auf die Teerstraße versetzen, wo ich so oft Stunden lang an den Läden der Bilderhandlee weilte. Atala und Chaitas, Paul und Virginie, Maria Antoinette mit einem einzigen Federstrich portraitirt, der Herzog von Braunschweig-Oels an seinem Pferde lehnend, – haben sich seitdem nach Moskau verirrt, und finden, trotz der lamentablen Kopien doch immer noch ihre Liebhaber und Abnehmer.

Noch gibt es in Moskau, wo man einen besondern Platz kennt für die Tagelöhner, Zimmerleute, Ammen, Köchinnen, die Dienst suchen, einen besondern Platz für die Trödler, der auch wohl unter dem unästhetischen, aber sehr bezeichnenden Namen des „Lausemarktes“ bekannt ist, einem Platze, wo sogar ausschließend Hunde und Jagdflinten ausgeboten werden – hier gibt es auch einen Platz, wo mitten unter allen nur ersinnlichen Utensilien, die Haus und Hof, Wirthschaft und Wissenschaft in Anspruch nehmen, die Antiquare des Sonntags ihre Schätze feil bieten. Es ist der Platz bei der Sucharewai, Baschniae, dem Suchareff-Thurme, von dessen Höhe herab zwei ungeheure Bassins das Trinkwasser über ganz Moskau vertheilen. Doch das sind gewissermaßen blos Kommanditen, oder momentane Verkaufslokale, die am Morgen entstehen, des Abends wieder verschwinden, und wo der Spekulationsgeist des Bücherkrämers oft aus seinem Kramladen auf der Nikolskaja oder der Strätenka nur das Schlechteste oder Gangbarste auf einige Stunden ausstellt. Hier finden vorzüglich die Studenten und Gymnasiasten ihren Bedarf, wenn sie sich mit einem zerrissenen, oft von Schnee, Regen und Staub getränkten Exemplare begnügen wollen. Wer aber die Geduld hat, Jahr aus, Jahr ein, jeden Sonntagsmorgen einige Stunden hier zu opfern, und der zugleich den Händlern als ein „guter [628] Kunde“ bekannt ist, findet doch zuweilen eine Perle unter der Spreu, dann und wann auch einen alten Bekannten, der sich aus unserer Wohnung unerlaubter Weise entfernt und hier verkrochen hat. So tauschte ich gestern gegen einen Silberrubel die sämmtlichen Shakesspeare’schen Dramen in schönem Druck der französischen Uebersetzung ein. Ein alter Bekannter, ehemals Tanzlehrer, und nebenbei Bibliomane, rühmte sich, seit dreißig Jahren nicht einen einzigen Sonntag beim „Thurme“ gefehlt zu haben. Die Sammlungen die er in dieser Zeit gemacht hat, nehmen zwei große Zimmer ein, und übersteigen an Werth hundert Mal den dafür gezahlten Preis.





Ein Leipziger Bürger.


Wenn ein Fremder, vor etwa zwanzig Jahren noch, nach Leipzig kam, so besuchte er gelegentlich den sogenannten Reichel’schen Garten vor dem Thomaspförtchen als eine besondere Merkwürdigkeit. Er ging durch den offenen Thorweg eines großen hohen, an der Promenade gelegenen Vordergebäudes hinein, überschritt auf einer Brücke den breiten Mühlgraben der Pleiße, wandelte auf einem geraden Wege dann über eine Brücke, an der steinerne Standbilder, die vier Jahreszeiten vorstellend, Wache hielten, bis zu dem großen Hintergebäude, dessen ebenfalls offene Thorhalle ihn in einen unbedeckten Säulengang leitete, den man „die Colonnaden“ nannte. Zu beiden Seiten hinter den Säulen befanden sich kleine niedrige aber hübsch eingerichtete Wohnungen, an welche laubige Gärtchen stießen, inmitten derselben von Wassergräben umgebene Inseln lagen, zu denen man auf niedlichen Brückchen gelangte –. Diese Inseln führten die stolzen Namen Sicilien, Rhodus, Majorca, Corsika u. s. w. Hatte der Fremde den Säulengang hinter sich, so schloß sich ihm die Aussicht rechts und links durch Hecken und Plankwerk in andere geheimnißvolle Gärten, in denen stillvergnügte Leipziger ihren Feierabend genossen. Der Fremde drang weiter vor, bis ihm durch einen steinernen Satyr und einen breiten Wassergraben der Weg geradeaus versperrt und er genöthigt wurde, entweder rechts oder links einer Kirschbaumallee zu folgen, die ihn zwischen Gartenzäunen hindurch unvermerkt wieder auf den Mittelweg vor dem großen Quergebäude und dann zum Thorweg hinaus auf die Promenade brachte. In jener Kirschallee fortwandelnd warf er lange forschende Blicke auf das Gefilde, was zu betreten der Wassergraben ihn verhinderte, sah hochbegraste Wiesen, dazwischen Gebüsch, in weiterer Ferne hohen Wald, und gelegentlich einen höflichen Leipziger befragend, erfuhr er, daß durch die Wiesen und das Gebüsch rechts und links und gerade aus die Pleiße und die Elster in schwesterlicher Umarmung sich schlängelten und dazwischen noch eine ungekannte Anzahl von kleineren und größeren Wassergräben, Teichen, Lachen, Tümpeln und Sümpfen sich befände, nur den Fischern, Mähern, Vogelstellern und jenen waghalsigen Leipziger Jungen zugänglich, die Krebse und Schmetterlinge fangen, auch wohl baden – gingen. – Diese Gegend wäre in der That eine ergiebige für die modernen Aquarien an Salamandern, Molchen, Fröschen und Unken gewesen, die zur Frühjahrszeit dazumal große Conzerte gaben.

Der eben beschriebene Reichel’sche Garten besteht noch wesentlich in seinen beiden Hauptgebäuden wie früher, wenn auch zwischen dieselben sich die Dorotheenstraße mit ihren reizenden Vorgärten gedrängt hat, die Elster- und Centralstraße sich rechts abzweigen, und links die Erdmannsstraße ausläuft, dort wo früher Erdbeeren- und Stachelbeerbüsche standen, an schönen Abenden Nachtigallen schlugen und Männerquartette sich hören ließen unter Weinlaub beim Biere. – Freilich sind auch Sicilien und Rhodus und alle Inseln sammt und sonders untergegangen. Die Säulen sind verschwunden, aber die schmale Colonnadenstraße mit ihren um ein Stockwerk gewachsenen Häuschen ist geblieben.

Neben dem Reichel’schen Garten, der Nonnenmühle zu, befand sich ein zweiter Garten, der Rudolph’sche genannt, ein berühmter Jubilate-Meßsonntagsgarten im altfränkischen Geschmack mit Buchsbaumhecken, versteckten Nischen, ehrwürdigen Alleen, Gewächshäusern, Orange- und Myrthenbäumen verziert, woran sich nasse Wiesen schlossen mit Bäumen bis an die angrenzenden Gewässer der Pleiße unterhalb der Nonnenmühle und bis zum Kuhstrangswehre.

Ueber die Pleiße, das Küchen- und Kuhstrangswehr hinaus, verlor sich der Blick und verliert sich noch heute in die Schatten des Schwägrichen’schen und des botanischen Gartens und weiter in die sumpfigen Wiesenflächen der Universität, des sogenannten Schimmel’schen Gutes, und der Sauweide – –.

Die Wiesen aber am Pleißen-Thomas-Mühlgraben und der meßehrwürdige Rudolph’sche Garten, wo noch zu guter Letzt der berüchtigte Berliner Weinwirth Louis Drucker seine nicht allzu zarten Späße vorbrachte, sind überwachsen von zwei schönen palastreichen Straßen, von der West- und Rudolphsstraße. Zwischen ihnen erhebt sich die von Heidelof’s Meisterhand erbaute katholische Kirche. Die Rudolphsstraße hat sich mit der Erdmanns- durch die Moritz- und Zimmerstraße in Verbindung gesetzt. Die Weststraße aber, nach Nordwesten sich wendend, geht in herrlicher Breite geradeaus weiter. Sie stürzte die Kirschallee und füllte die niedrigen Gärten und Wiesen, so wie den Wassergraben, vor dem unser Fremder verdutzt stehen blieb, circa 7 Fuß hoch auf, sprang dann mit einer schönen Brücke über die Elster und überdämmte das Wiesenthal bis zur Frankfurter Straße. Auf diese Weise legt die schöne Weststraße in schnurgerader Richtung eine Strecke von mehr als 2000 Ellen zurück. Sie ist es, von der wir eine Abbildung geben. Sie verbindet sich rechts mit der Moritz-, Erdmanns-, Colonnaden- und Alexanderstraße und durch die Promenaden- mit der Elsterstraße, auch rechts mit der Wiesenstraße, jenem Conzertsaal der Frösche und Unken vor funfzehn Jahren!

Diese Schöpfung mittelbar und unmittelbar ist nun das Werk eines Mannes, in Folge seiner Anregung, seines Einflusses, seiner Unterstützung und seines Beispiels durch eigene entschlossene That.

Sie ist hervorgegangen und wirkt schöpferisch fort auf Unternehmungen von noch viel größerer Bedeutung und von weitgreifender Wichtigkeit nicht allein für Leipzig, sondern für ganz Sachsen und Thüringen.

Der Mann, den wir meinen, ist Dr. Ernst Carl Erdmann Heine, geb. 1819 in Leipzig, Sohn des verstorbenen Gutsbesitzers Johann Carl Friedrich Heine in Neu-Scherbitz unweit Schkeuditz und dessen noch lebenden Ehefrau Christiane Dorothea geb. Reichel. Heine besuchte die Thomasschule und die Universität Leipzig, studirte Rechtswissenschaft, Staats- und Volkswirthschaft, trieb Mathematik und Feldmessen unter Hohlfeld, verheirathete sich 1843 mit Fräulein Trinius, wurde in demselben Jahre Doctor juris an der Universität Leipzig, und bald darauf Advokat. Schon in seiner frühesten Jugend zeigte sich in ihm eine besondere Neigung für Land- und Wasserbauangelegenheiten. Auf einem quellenreichen Wiesengrundstücke seines Vaters legte er – als Knabe spielend – Wehre an, baute Kanäle und trieb durch deren Wasser kleine Mühlräder. In seinem siebzehnten Jahre entwässerte er mit Hülfe unterirdischer Röhrenlegung eine Wiese und einen Teich mit dem besten Erfolg.

In seinem zweiundzwanzigsten Jahre (1841) entwarf Heine seinen Plan zur Trockenlegung und Bebauung der Riedel’- und Reichel’schen Gärten, der Förster’- und Nebe’schen und der Neubert’schen Wiesen und zur Bebauung der Gerhard’schen, Lehmann’schen Gärten, so wie der Thomasmühle, und ließ die betreffenden Aufnahmen und Berechnungen von dem Architekten Brendel besorgen. Seine desfalsigen, den verschiedenen Grundbesitzern gemachten Vorschläge fanden inzwischen kein Gehör! Man erachtete seine Pläne zu weit ausgreifend und zu wenig im Gleise bleibend. Heine kaufte daher, wie wir gehört zu haben glauben, im Jahre 1841 die Förster’schen und Nebe’schen Wiesen, hauptsächlich letztere, um über die Elster bis auf die Frankfurter Straße (Lindenauer Chaussee) zu gelangen. Denn die rasche und planmäßige Bebauung der Strecke zwischen der Pleiße und Elster konnte nur dann gehofft werden, wenn dieselbe nicht nur durch eine Brücke über den Pleißenmühlgraben gegen die Promenade zu geöffnet, sondern auch durch Ueberbrückung der Elster und durch einen Fahrdamm mit der Lindenauer Chaussee in Verbindung gesetzt wurde. Die Pleißenbrücke wurde demnach 1844 gebaut, der Platz hinter derselben behufs der Erbauung der katholischen Kirche und eines Schulhauses für einen [629] sehr billigen Preis abgelassen. – Der kleine Raum für das Schulhaus allein ist jetzt zu einem höheren Werthe gerichtlich veranschlagt worden. Die Trockenlegung des neuen Anbaues wurde erzielt durch Erbauung eines Kanals unter dem Bette der Elster hinweg unweit der im Jahre 1842 in ihr errichteten Neubert’schen Schwimmanstalt. Er mündet aus unterhalb der Hohenbrücke am jetzigen Frankfurter Thorhause. Durch diese wohldurchdachte Röhrenlegung wurde das ganze Gebiet der mehr erwähnten Grundstücke zwischen Elster und Pleiße (Mühlgraben) entsumpft und zu jeder Zeit frei von Ueberschwemmungen gehalten, deren es bis dahin sehr ausgesetzt war, so zwar, daß man unter Anderm im Jahre 1829 mit Kähnen in Reichel’s Garten zu einander fahren mußte. Nach jenen Vorbereitungen und mehren bewirkten Käufen konnte Heine erst mit Sicherheit des Erfolgs an Ausführung seiner Pläne denken, die wir Zeitgenossen nach dem Ablauf einer so kurzen Zeit von funfzehn Jahren in Wahrheit und Wirklichkeit in der von Jahr zu Jahr sich mehr bevölkernden West-, Wiesen- und Promenadenstraße vor uns sehen. – Die Sümpfe sind bebaut, – heißt es in der deutschen Gewerbezeitung, Heft 4. 1856 – auf die man einst nicht bauen lassen wollte, die Sümpfe, auf welchen die katholische Kirche steht, auf welchen sich vorzugsweise Aerzte und solche Leute anbauen, welche die Mittel haben, der Sumpfluft auszuweichen, wenn sie es nicht angenehmer fänden, in diesem vielfach belächelten Stadttheile sich niederzulassen. –

Die Gartenlaube (1856) b 629.jpg

Die Weststraße mit den Heine’schen Häusern.

Die Thatsachen von zehn Jahren sprechen zu deutlich, als daß man nicht begreifen sollte, was nach zehn Jahren aus Sümpfen wird, wenn menschliche Thätigkeit sie mit Fleiß und Einsicht behandelt. – –

Heine’s und Reichel’s neuer Anbau ist jetzt an Grund und Boden in niedriger Veranschlagung zu 1 Thlr. die □Elle, etwa 600,000 Reichsthaler werth, während der Boden vor 15 Jahren nicht zu 30,000 Thaler abzuschätzen war. Eine Waschanstalt an der Weststraße baute Heine 1843, das große, schöne Vordergebäude an der Promenade, zur Stelle des alten Rudolph’schen Gartens, 1846–1847. Das Reichel’sche Quergebäude wurde im Jahr 1849 von ihm durch ein Stockwerk erhöht, eine Brücke über die Elster 1850 fertig –. Die Erlaubniß zu ihrem Bau wurde in Betracht der arbeitslosen Zeit erwirkt –. Das lange Haus in der Weststraße entstand 1851. 1852–53 folgten die fünf gegenüberstehenden Häuser. Im Jahre 1855 fand die vollständige Auffüllung der verlängerten Weststraße bis auf die Lindenauer Chaussee statt. Zu allen diesen Auffüllungen gebrauchte Heine viele gute Erde. Diese war begreiflicher Weise in der Nähe von Leipzig nicht zu erhalten. Heine richtete daher sein Augenmerk zunächst auf die Höhen von Plagwitz, am Ufer der Elster, etwa 1¼ Stunde oberhalb Leipzig gelegen. Diese waren zu Kahn erreichbar, wenn das Bett der Elster vorher ausgetieft wurde. Eine Ausbaggerung mußte daher vorgenommen, zugleich ein Vertrag mit einem Grundbesitzer in Plagwitz wegen Ueberlassung von Erdreich abgeschlossen werden. Und bald befuhren große Kähne, die aber erst beschafft werden mußten, die Elster, und brachten gesundes, trockenes, steinigtes Erdreich auf die feuchten Niederungen. Die Hinausrückung der Stadtthore rief neue Ideen der Vergrößerung der Stadt in den Köpfen vieler weiter schauenden Leipziger wach!

Aber nirgend fanden sie eine so großartige, kräftige Belebung, als am Frankfurter Thore durch die Aufschüttung der Verlängerung der West- und Elsterstraße, welche letztere, über die Frankfurter Straße fortsetzend, eben jetzt zu der prachtvollen 180 Fuß breiten, mit vier Reihen Linden bepflanzten „Waldstraße“ 7 bis 8 Fuß hoch aufgeschüttet wird, die unweit des Amelung-Wehres später die Elster überspringen und, die Thüringer Eisenbahn durchschneidend, bis auf die Chaussee bei Möckern jedenfalls fortgesetzt werden wird. Zur Seite der Waldstraße sind für nächste Zeit Gärten, für spätere anmuthige Landhäuser gedacht. Der Plan liegt vor, dermaleinst die Waldstraße durch die Gebiete der großen Funkenburg und des Schwägrichen’schen Gartens mit der Stadt in Verbindung zu setzen. Millionen von Kubikellen Auffüllmaterial werden gebraucht, um diese niedrigen, durchwässerten Gebiete zur gesunden Bauhöhe hinaufzubringen. Auf der andern Seite nach Westen befinden sich noch viel größere Strecken tiefliegender Ländereien, die innerhalb des Stadtgebiets der Abrundung wegen fallen müssen. Es ist anzunehmen, daß mindestens 8 bis 10 Millionen Kubikellen Füllmaterial dazu gehören, um nur die Strecken bebaubar zu machen, die vermöge der zunehmenden Bevölkerung Leipzigs und in Voraussicht des anwachsenden Handels und Verkehrs zu Wohnungen, freien Plätzen, Promenaden, Speicherräumen, Ablade- und Stapelplätzen für Korn und andere landwirthschaftliche Erzeugnisse, Holz, Steinkohlen, Braunkohlen, Steine, Ziegel u. s. w. nöthig sind.

Die Nothwendigkeit, immer mehr Füllmaterial schon jetzt zu beschaffen, und die sichere Aussicht auf steigendes Bedürfniß desselben nöthigte Heine zum Ankauf des größeren Theils der Grundstücke des Dorfes Plagwitz, zur Erbauung von großen Kähnen, von 12 bis zu 3000 Zentner Tragkraft, drängte ihn zur Benutzung von Eisenbahnschienen auf verlegbaren Schwellen und Drehscheiben, zur Anfertigung von zweckmäßigen Kippkarren, Aufzügen und Dampfmaschinen in derselben Weise, wie solche der Bau

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Die Gartenlaube (1856) b 630.jpg

Der Heine’sche Verbindungskanal der Elster mit der Saale.
Einfahrt bei Plagwitz.

[631] von Eisenbahnen erforderlich macht, wenn mit Vortheil gebaut werden soll.

Um dem zu Gebote stehenden Erdreich an den Hängen von Plagwitz nahe zu kommen, sah sich Heine ferner bald gezwungen, einen Kanal in den Berg zu treiben, der in seinen obersten Schichten aus zerklüfteter Grauwacke besteht. Mit diesem Kanal, in einer Breite von 20 Ellen, ist er bereits etwa 700 Ellen vorgerückt. Er arbeitet zur Zeit in festem Gestein, kühn vorwärts dringend, um dermaleinst mit diesem Kanale die Saale zu erreichen. Die sächsische Staatsregierung begünstigt in hoher staatswissenschaftlicher Weisheit sein Unternehmen.

Unsere Abbildung zeigt die Einfahrt in diesen werdenden Kanal, an dessen Ufer sich bereits eine Schneidemühle an Dampf, neuester Bauart, und eine Fabrik zur Darstellung von Geräthen, Bautheilen und Verzierungen aus Cementmasse erheben. Bald wird eine Fabrik zur Anfertigung von allerlei gebrannten Steinen folgen. Nahe der Leipziger Ausmündung der neuen Nonnenstraße steht die blühende „Chemische Fabrik.“

Von größter Wichtigkeit ist in mehrer Beziehung das Zustandekommen dieses Kanals, etwa auf dem Wege über Markranstädt Kötschau, Schladebach, Wölkau zur Saale. Auf einem Kanale sind bekanntlich Produkte fortzuschaffen, die dazu auf Eisenbahnen nicht wohl geeignet sind, z. B. Holz, Erde, Dünger, Steine, Kohlen, Mineralien aller Art, Salz, Getreide u. s. w.

Heine beschäftigt sich bereits mit der Verbindung der Pleißengewässer unweit des jedenfalls dicht dabei an der Connewitzer Chaussee anzulegenden Produktenbahnhofs der sächsisch-bairischen Eisenbahn mit den Gewässern der Elster. Schon werden von ihm in dieser Richtung Kanäle gezogen. Das dazu erforderliche Schimmel’sche Gut mit seinen Ländereien und Gewässern besitzt er, dem Vernehmen nach, bereits in Gemeinschaft mit einem Andern, und auf den neuerdings von ihm erworbenen Wiesen jenseits des Kuhstrangsabflußgraben hat er eine Kunststraße gegen Plagwitz geführt, zu deren Seite Kanäle eine schiffbare Verbindung zwischen Pleiße und Elster herstellen, und zugleich eine Entwässerung der sumpfigen und versauerten Wiesen zwischen diesen beiden Flüssen mit Hülfe eines unter dem Bette der Elster unterhalb des Hochzeitwehres in den Abzuggraben mündenden Kanals bewirken werden. Diese neue Kunststraße mit ihren breiten Durchlässen an der Seite der Kanäle wird, die Elster vor Plagwitz überschreitend, auf dessen großer Wiese ausmünden, woselbst die Elster-Saal-Kanalgewässer in einen weiten Behälter sich sammeln sollen. Umringt von schönen Wald- und Hügelparthieen, wird diese Wiese nebst den anstoßenden Grundstücken den schönsten Punkt in der nächsten Nähe von Leipzig zur Anlage von Landhäusern und Gärten, woran, es noch sehr fehlt, darbieten. Aus dem weiten Wasserbehälter wird ein anderer Kanal das Wasser der Elster und weiter die Elster-Saal-Kanalgewässer erforderlichen Falls in der Richtung des Rosenthal-Amelungwehres ablassen.

Durch die neue Straße, die wir, weil sie gerade auf die unter dem Namen Nonne bekannte Waldung zuführt, mit dem Namen „Nonnenstraße“ bezeichnen wollen, erhält Leipzig eine Fahrstraße aus der Stadt – dem Zeitzer und dem Frankfurter Thore mitten inne liegend – wodurch der Weg vom Leipziger Markt bis zur Höhe von Plagwitz und Kleinzschocher von einer Stunde bis auf eine halbe Stunde gekürzt, und ein Wiesenplan der städtischen Kultur erschlossen wird, wo seither nur – im Durchschnitt wenig Ertrag gebend – Mäuse die Erde kultivirten, Frösche und Unken im Wasser unter dem Schatten von Schilfpflanzen arbeiteten. – Der Elster-Saal-Kanal wird nach seiner Vollendung die Verhinderung der Elsterüberschwemmungen bei Leipzig, da die Saale bei seiner Ausmündung 33 Ellen tiefer liegt, sehr erleichtern, und wäre daher in das System der vorseienden Wasserregulirung der Elster-Pleißengewässer wohl mit aufzunehmen.

Von höchster Wahrscheinlichkeit ist es, daß durch die Fortsetzung des Kanals, in dem schon jetzt beim Beginnen Gänge und Nieren oolitischen bau- und schmelzwürdigen Eisensteins in der Grauwacke bloßgelegt worden sind, in der Fortsetzung devonischer Formation zwischen Plagwitz und Dürrenberg sehr werthvolle Metalle und Fossilien aufgeschlossen werden. Die Steinkohlenformation und selbst Steinkohle ist in den Bohrlöchern von Dürrenberg, freilich in sehr großer Tiefe, schon nachgewiesen. Es ist durchaus nicht zu kühn gehofft, daß sie in geringerer Tiefe in den höher gelegenenen Strecken der Kanalrichtungslinie vorkommen. Denn da die unterliegende devonische Formation bei Plagwitz zu Tage tritt und in der Richtung zur Saale streicht, so muß die Steinkohlenformation an irgend einem Punkte zwischen Plagwitz und der Saale der devonischen Formation überliegend, in viel geringerer Teufe als bei Dürrenberg getroffen und wohl auch Steinkohle aufgeschlossen werden können.

Was wir im Vorstehenden geschildert haben, ist das Werk, „Eines Leipziger Bürgers.“ Mit geringer Unterstützung von außen hat er bis jetzt geschafft und durch sein Schaffen hervorgerufen etwa 7 schöne breite Straßen mit mehr als 100 großen gesunden Häusern auf beiläufig 50 Ackern, früher tiefliegenden Wiesen, die mit 3 bis 4 Millionen Kubikellen Erdreich aufgefüllt wurden, Ausbaggerung und Schiffbarmachung der Elster eine halbe Stunde stromaufwärts von Leipzig bis in den Kanal, welcher dermaleinst die Elster mit der Saale verbinden und Leipzig eine Wasserstraße bis in die Elbe geben wird, von einer Tiefe, daß kleine Dampfboote sie befahren können, Eröffnung von über 100 weiteren Ackern sumpfiger Wiesen der städtischen Kultur, vermöge der jetzt stattfindenden Kanalisirung und Anlegung der Nonnenstraße bis nach Plagwitz. –

– Und noch viele Arbeit liegt vorhanden und ist Raum dazu da –!

Heine ist ein hochgewachsener, kräftiger und gesunder Mann von der angenehmsten Persönlichkeit, vom Morgen bis Abend thätig im Freien, alle Unternehmungen selbst überwachend und leitend. Seine Stimme schallt klar und gebietend! – Seine vielen Arbeiter verehren ihn, denn sie wissen, daß er der Arbeit Werth und Würde schätzt, und, seine höheren Ziele vor Augen, nie ängstlich und kleinlich rechnet, wohl aber mit Klugheit und Gewandtheit die Interessen zu verwalten und zu vertreten weiß, die eine ungewöhnliche Verkettung von Umständen in seine Hand gelegt hat und noch legen wird.




Ein Abenteuer Passalacqua’s.


Der bekannte und berühmte Alterthumsforscher Passalacqua, dem wir in Betreff der Kenntniß des alten Egyptens sehr viel verdanken, erlebte in dem alten Theben ein Abenteuer, das eine so furchtbar ernste, Vieler Leben, wie das Passalacqua’s selbst, bedrohende Wendung nahm, daß es interessant ist, ihm bei der Erzählung desselben, zu folgen.

In der Nekropolis von Theben, wo immer noch eine unerschöpfte Fundgrube egyptischer Alterthümer ist, hatte Passalacqua eine im Sande begrabene Mumie entdeckt. Die Erfahrung, daß solche Mumien meist sich über einem in den Felsen gehauenen Grabe befinden, entflammte die Begierde des Alterthumsforschers mit aller Macht und Abd-el-Hamid, der in Sachen der Ausgrabungen erfahrene und gewandte Führer der arbeitenden Fellahs, bestärkte ihn mächtig in seiner Ansicht und rieth, sogleich an’s Werk zu gehen, da das Felsengrab sich sicher finden werde. Bei dem alten Araber war es natürlich nicht das Interesse, welches Passalacqua hatte, sondern die Absicht, Geld zu verdienen, die ihn trieb, Jenen in seinen Ansichten und Hoffnungen zu bestärken; dennoch war die Abstimmung Beider wesentlich dazu dienlich, das gefährliche Unternehmen augenblicklich zu beginnen. Gefährlich war es darum, weil es in eine bedeutende Tiefe zu graben nöthigte und der Sand, der Alles deckte, gegen den Einsturz seiner Massen keine Sicherheit lieh. Abd-el-Hamid aber, an solche Abenteuer gewöhnt, griff mit seinen Leuten rasch das Werk an, dessen Fortgang Passalacqua mit den Augen einer glühenden Liebhaberei verfolgte. Sie wurde indessen immer bedenklicher und gefährlicher. Der nicht fest aufeinander gekittete Sand rollte unaufhörlich nach und drohte die Arbeiter zu verschütten.

Passalacqua wollte die Arbeit einstellen lassen, eben weil er das Schlimmste für die armen Fellahs fürchtete, allein Abd-el-Hamid [632] Hamid stammte sich dagegen und meinte, bei solchen Aussichten auf Erfolg sei es unverantwortlich, die Arbeiten einzustellen; Vorsicht werde den nicht zu leugnenden Gefahren begegnen und sie unschädlich machen, kurz, er bot Alles auf, die Nachgrabungen nicht einstellen zu lassen. Die Fellahs fuhren denn nun in der Arbeit fleißig fort, und in einer Tiefe von etwa zwanzig Fuß stieß man auf einen mit Erde gefüllten Schacht von zwölf Fuß Durchmesser, der kreisförmig aus Ziegelsteinen erbaut war. Dieses Bauwerk konnte keinen anderen Zweck haben, als den, die Sandlage zu tragen, als man in so bedeutender Tiefe das Grab in den Felsen einmeißelte. Der Schacht war fünfzehn Fuß tief und wurde nicht ohne große Anstrengungen endlich geleert; seine Basis auf dem Felsen lag nun etwa fünfunddreißig Fuß unter der Oberfläche und hier entdeckte man denn den Zugang zu einer Grabkammer durch einen senkrecht abteufenden Schacht, der etwa zehn Fuß lang und fünf Fuß breit war. Es war nicht leicht, die Mauer und die schwere Erdschicht über derselben zu stützen, allein Abd-el-Hamid erklärte sie für hinlänglich sicherstellend, und bei seinen Erfahrungen glaubte Passalacqua ihm vollständig trauen zu können. Die Grube hatte die Form eines Trichters, dessen äußerster Mündungseinfang hundert Fuß Weite hatte. Die Araber arbeiteten mehrere Tage fort, ohne daß irgend ein Hinderniß eingetreten wäre oder ein gefährlicher Umstand Sorge gemacht hätte. So unheimlich es auch dem Unternehmer war, so that doch Abd-el-Hamid Alles, ihn zu beruhigen.

Es war an einem Decembernachmittage, als die Last der Erdschicht einen Ziegelstein losdrückte, augenblicklich erlag die runde Mauer ihrer Last und die Erde stürzte mit unaufhaltbarer Macht und Schnelle nach der Tiefe. Die meisten der arbeitenden Fellahs flohen, als es noch möglich war, aber vier der Unglücklichen lagen in einer Tiefe von vierzig Fuß unter der mächtigen Erdschicht, die sich über sie gelagert hatte und deren Einsturz weit umher Alles in eine erstickende Sandund Staubwolke einhüllte.

Das ganze Dorf war schon zusammengelaufen; die Frauen heulten grauenhaft, als Passalacqua zur Stelle des Unglücks kam. Das Geschrei war betäubend. Die Fellahs zerrissen ihre Kleider. Bald erschallten ihre gräßlichen Verwünschungen, die natürlich Passalacqua galten und dem Treiben der Ungläubigen, die nach den alten Dingen grüben und dadurch die Gläubigen dem Tode überlieferten. Wer den namenlosen Fanatismus dieser Muhamedaner kennt, kann es leicht ermessen, welche Gefahr für Passalacqua sich hier bildete, der Allein und ohne persönlichen Schutz einer exaltirten wilden, fanatischen Menge gegenüberstand. – Daß er verloren sei, erkannte er mit sicherm Blicke und auch dem Muthvollsten mußte in solcher Lage das Herz pochen. So lange als möglich die Hoffnung aufrecht zu halten, so wenig er selbst hatte, und so weit als möglich sein Verderben hinauszuschieben, war das, was hier gebieterisch sich geltend machte. Darum redete er mit aller ihm möglichen Entschiedenheit die Menge an und forderte sie aus, vereint Hand anzulegen, um die Verschütteten zu retten. „Will sie Allah erhalten, so finden wir sie lebend!“ sagte er, und dieser Satz, dem Fanatismus des Muhamedaners entsprechend, that seine Wirkung. Wer Werkzeuge zur Hand hatte, griff sogleich an, die Uebrigen eilten zum Dorfe, um sie sich zu holen, und bald wimmelte es an der Unglücksstelle an eifrig arbeitenden Menschen jedes Alters und Geschlechtes.

Vier Stunden hatten sie ununterbrochen mit allem erdenklichen Eifer gearbeitet, aber, je mehr Erde man herausschaffte, destomehr fiel und rutschte wieder nach. Passalacqua sah sein Verderben hereinbrechen und die Angst des nahen, grausamen Todes unter den Händen dieser Wilden ergriff lähmend seine Seele. Die untergehende Sonne beleuchtete die nahen Höhen und der ekelhafte Ruf der Schakals und Hyänen tönte schauerlich in seine Ohren. Es schien ihm sein Grabgesang. – In dieser trüben Stimmung überraschte ihn ein Geräusch. Er blickte hinter sich und sah, wie der Grieche Ianny d’Atanasy mit mehreren bewaffneten Männern sich ihm näherte. Es war wohl tröstlich, Beistand in solcher Noth zu finden, aber die Nachricht, die ihm der Grieche brachte, war keineswegs geeignet, seine Stimmung zu ändern. Er erzählte, daß die Fellahs blutige Rache an ihm zu nehmen übereingekommen wären. Bewaffnete Araber zeigten sich unter der stets wachsenden Menge und ihre Blicke, Geberden und Worte ließen keinen Zweifel aufkommen, daß sie nur das völlige Dunkel der Nacht abwarten wollten, um ihre fanatische Rachsucht an Passalacqua zu befriedigen, die bei dem Gedanken, seine Habe zu plündern, bedeutend an Reiz für das heillose Gesindel gewann.

Der Grieche trieb ihn zur Flucht und es gelang ihm, unter dem Schutze der schnell hereinbrechenden Nacht nach dem Hause des Griechen zu gelangen, der selbst an der Unglücksstätte zurückblieb, eines Theils, um die Araber zu beobachten, andern Theils, um sie zu fortdauernder Arbeit zu ermuthigen.

Nach Verlauf einiger Zeit kam er zurück und seine Mienen bezeugten mehr, als seine beruhigenden Worte, daß keine Hoffnung mehr sei. Der Tod der unschuldigen Opfer seiner Liebhaberei lag eben so schwer aus Passalacqua’s Seele, als der Gedanke, der Rache einer völlig fanatisirten Bevölkerung nicht mehr entrissen werden zu können. – Die Früchte seiner mühsamen und kostspieligen Forschungen und Bestrebungen, seine reichen Sammlungen – Alles war dahin. Daß kein Schlaf in sein Auge kam, ist leicht begreiflich. Die Araber arbeiteten fort – aber für den trostlosen Mann schlichen die Stunden in der quälendsten Trägheit dahin, und jeden Augenblick glaubte er das Toben der racheschnaubenden Menge zu hören.

Endlich, es war gegen drei Uhr nach Mitternacht, ließ sich ein verworrenes Geräusch aus der Ferne vernehmen. Es wurde deutlicher. Pistolenschüsse knallten. Alle eilten zu den Fenstern. Man sah einen gewaltigen Zug mit Fackeln sich langsam heran, bewegen. Ein betäubendes Geschrei ließ sich vernehmen. – Es war kein Zweifel mehr, sie hatten die fruchtlose Arbeit eingestellt und suchten nun das Opfer ihrer Wuth, den Preis ihrer räuberischen Pläne auf.

Die Männer traten von den Fenstern zurück, und der brave Ianny d’Atanasy und sein Bruder rüsteten die Waffen, wie Passalacqua selbst, um wenigstens den muthigsten Widerstand zu leisten.

Während dieser Beschäftigung, die in aller Eile vor sich ging, sah Einer, daß sich eine Fackel von dem Zuge trennte, und in aller Eile verauslief. Er sagte das und es war der erste Strahl schwachen Hoffnungsschimmers, der in die Nacht der Seele des gequälten Mannes fiel. Der Lärm kam immer näher, doch ließ sich nichts demselben entnehmen, weil das Geschrei zu verworren war. Indessen rief der am Fenster Stehende: „Es kommt mir wie Freudengeschrei vor! Vielleicht sind die Verschütteten gerettet!“

Jetzt nahte der Fackelträger und rief freudig: „Sie sind gerettet – Allah sei gepriesen!“ –

Da richtete sich Passalacqua mit einem Seufzer, der die Last von der Seele warf, empor, beugte sein Knie und pries den, der die Unglücklichen und ihn gerettet. Sie waren wirklich unversehrt hervorgezogen worden. Es klang wie ein Wunder, und war wirklich eins! –

Die Araber, wie auch etliche wehrten, hatten unter Abd-el-Hamid’s Leitung immer eifriger fortgearbeitet. Endlich war die Grube so weit geleert, wie sie am Morgen vor dem Einsturz gewesen war – und – eine kleine, in den Felsen gehauene Nische, welche die Fellahs nicht hatten leeren wollen, aber auf Passalacqua’s Befehl dennoch endlich entleert hatten, wurde ihre Rettungsstätte.

Sie maß nach allen Dimensionen nicht über vier und einen halben Fuß, allein die vier Männer flohen im Augenblicke der Todesgefahr hinein, und hier hatten sie, vierzig Fuß tief bedeckt, während voller sechs Stunden ihre Erhaltung durch Gottes Gnade gefunden. Sie hatten sich so enge, als möglich, zusammengedrängt, und die Rücken zweier derselben füllten den Eingang der Nische aus, daß kein Schutt hineindringen konnte, und ihnen die wenige Luft frei erhielt, die ihrer Erhaltung nothwendig war.

Wunderbare Fügung Gottes war es, daß, als die Geretteten eben aus der Grube an die Luft gebracht waren, und sich erholten, die Grube wieder völlig zusammenstürzte, wie sie vor wenigen Stunden zusammengestürzt war.

Jubelnd drängte sich der Haufe in das Gemach, und brachte die Geretteten zu Passalacqua, der die schmutzigen Fellahs mit einer Freude umarmte, als wären sie seine Kinder.

Es ist begreiflich, daß er die Grabkammer in ihrer Ruhe ließ, die noch heute verschüttet ist, denn wie viel auch spätere Forscher boten, sie auszuräumen – kein Fellah ließ sich dazu mehr herbei.





Für die Abgebrannten in Eibenstock ging noch nachtraglich ein: Aus Bernsdorf 1 Thaler.