Die Gartenlaube (1858)/Heft 44

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 44. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Maiblumen.

Die weite Stadt auf nacktem Fuße
Durchwandert sie von Haus zu Haus
Und bietet scheu mit blödem Gruße
Des Lenzes liebste Kinder aus:
„Maiblumen kauft! Kauft aus Erbarmen,
Auf Stroh der Vater sterbend liegt,
Die Mutter auf den welken Armen
Ein schmachtend Kind in Thränen wiegt!“

Ist das des Frühlings erstes Grüßen,
Ein Weheschrei der bittern Noth?
Sie feilscht mit seinem Duft, dem süßen,
Um einen Bissen trocken Brod;
Maiglöckchen, Perlen, die voll Liebe
Der Braut in’s grüne Haar er flicht,
Wie, darum sproßten eure Triebe,
Daß ein verhungernd Kind sie bricht?!

Und dieses Kind – die zarten Glieder
Verhüllen schlechte Lumpen kaum,
Das blaue Auge spiegelt wieder
Des jungen Lenzes schönsten Traum.
Die Locke schließt mit goldnem Rahmen
Ein rührend Bild der Unschuld ein,
Und selber rufst Du Deinen Namen,
Du Maienblume zart und rein.

Der Mutter Wangen, hohl und mager,
Verblichen in der dumpfen Luft,
Den Vater auf dem Sterbelager
Umwehest Du mit frischem Duft,
Und wie vom Hauch des Abendwindes
Das Maienglöckchen sanft erklingt,
So tönt’s um sie, wenn ihres Kindes
Gebet sich auf zum Himmel schwingt.

Die zarte, lenzentsproßte Blüthe,
Die Gott so hold und rein erschuf,
Daß treu sein Auge Dich behüte,
Mitleid erwecke Dir Dein Ruf:
„Maiblumen kauft! Kauft aus Erbarmen,
Auf Stroh der Vater sterbend liegt,
Die Mutter auf den welken Armen
Ein schmachtend Kind in Thränen wiegt!“

Albert Traeger.




Ein Kirchhofsgeheimniß.
Mitgetheilt vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Schluß.)


„Es lebte aber noch ein anderer Verdacht. Jener Sohn des Unglücklichen mußte von seiner sterbenden Mutter Worte vernommen haben, die ein entsetzliches Mißtrauen in sein Herz gepflanzt hatten. Er verschloß die Worte, er verschloß das Mißtrauen in sein Inneres. Aber mancher späte Abend, manche stille und manche stürmische Nacht sah ihn auf dem Kirchhofe einem Geheimnisse nachspüren, das er nicht ergründen konnte, dessen Dasein ihm aber eine fürchterliche Gewißheit war. Indessen er konnte es nicht ergründen, und hätte er es auch vermocht, seine fast krankhafte Liebe zu meinem Kinde hätte es stets in seinem Herzen verschlossen gehalten.

„So konnte ich sicher leben, sicher vor jeder Entdeckung. Martin Kraus war der treueste Mensch von der Welt. An seinen Tod dachte ich nicht. Aber ich lebte nicht ruhig. Der Mensch hat tausend Mittel, durch die er sein mit Schuld beladenes Gewissen zu beschwichtigen sucht. Kein einziges kann es ihm beruhigen. Und vor Allem hatte ich nicht an meinen Tod gedacht. Er steht seit einigen Tagen an meinem Bette. Heute habe ich ihn erkannt.

„Ich kann mein Herz nicht mehr von seiner Schuld befreien, ich muß sie mit mir hinübernehmen vor den ewigen Richter, denn ich glaube an ihn.

[622] „Aber ich konnte nicht, ich kann nicht sterben, ohne nach meinen Kräften Alles gethan zu haben, was sie minder schwer machen kann. Und dann mußte ich ein neues Verbrechen verhüten. Martin Kraus ist zu dem Aeußersten fähig, um meine Ehre auch nach meinem Tode zu bewahren, er hat es mir geschworen. In dem Augenblicke, in welchem er weiß, daß Ihre Ahnung von der Existenz des Gefangenen zur Gewißheit geworden ist, zur Gewißheit werden könnte, hat der Wahnsinnige aufgehört zu leben, und Martin Kraus wird den Leichnam Ihnen spurlos entziehen. Kommen Sie ihm zuvor.

„Ich habe lange geschwankt, ob ich Sie mit dem fürchterlichen Geheimnisse bekannt machen solle. Ich mußte es, der nahende Tod forderte, fordert es von mir.

„Retten Sie den Unglücklichen, er ist zugleich ein Unschuldiger. Auch in seinem Wahnsinne spricht er sich frei. Er würde sich anklagen, verurtheilen, wenn er schuldig wäre. Erleichtern Sie ihm seine dunklen Tage. Thun Sie es mit möglichster Schonung meines armen Kindes. Sie ist so brav, und hält mich für so brav.“

Der Kranke mußte hier innehalten, das liebevolle Vaterherz hatte an dem Rande des Grabes noch Thränen, und welche bittre Thränen für sein armes Kind!

Nach einer Pause sprach er weiter:

„Die Keller, in denen der Gefangene sich befindet, liegen unter meiner Dienstwohnung. Sie haben einen besonderen Eingang, rechts nach der Seite des hohen Speichers. Unter diesen her zieht sich einer ihrer weiten Arme; er zieht sich bis unter die Mitte des Kirchhofes. Es ist gleich vom Eingange rechts. An seinem äußersten Ende befindet sich links ein verschließbarer Raum, in diesem werden Sie den Gefangenen finden. Sie werden Gewalt anwenden, wenn Martin Kraus nicht mit Güte Sie hinführen will.“

Er machte eine neue Pause. Dann sagte er noch ein paar Worte:

„Schonen Sie auch, so viel Sie können, des Schließers Martin Kraus. Sein Verbrechen war nur seine Treue für mich. Und nun, mein Herr, handeln Sie, wie Ihre Pflicht, wie aber auch Ihr Herz es Ihnen eingibt.“

Er schwieg. Ich stand auf. Er reichte mir noch seine Hand, und drückte die meinige.

„Leben Sie wohl. Wir sehen uns hier nicht wieder. Nehmen Sie sich meines armen Kindes an.“

Ich ging, ich ging tief erschüttert. Meine Neugierde war jetzt befriedigt, endlich, nach so langer Zeit, Aber wie konnte ich an ihre Befriedigung denken? Eine furchtbare Last drückte mich fast zu Boden.

Im Gange vor der Thür trat die Tochter des Sterbenden mir entgegen. Sie hatte auf mich gewartet, und sah mich ängstlich fragend an.

„Sie waren so lange bei ihm,“ sagte sie, „darf ich ihn fragen, was er mit Ihnen gesprochen hat?“

Durfte sie es?

„Fragen Sie ihn nicht,“ antwortete ich ihr. „Sie werden ihn ruhiger finden, und er bedarf der Ruhe.“

Ich eilte fort.

Auch die Arme hatte ja eine Ahnung, nicht blos der Sohn des Gefangenen, wie der Sterbende gemeint hatte. Jenes Gespräch mit dem kränklichen jungen Menschen hatte es mir verrathen. Durfte er auch die Ahnung seines Kindes kennen?

Aber was hatte ich jetzt zu thun? Ich hatte eine schwere, traurige Aufgabe, und mußte mich ihrer Lösung unterziehen. Nicht blos das Vermächtniß des Sterbenden, meine eigene Pflicht forderte es von mir, meine amtliche, wie meine menschliche Pflicht. Von einem neuen Verbrechen hatte der Amtmann gesprochen, das verhindert werden müsse. Ich war auch nicht zweifelhaft, wie ich jener Lösung mich zu entledigen hätte. Der Amtmann hatte nicht eine sofortige Verübung des Verbrechens gefürchtet. Ich war besorgter darüber, als er. Ich mußte es sein. Er wußte nicht, daß ich noch unmittelbar vor meiner Unterredung mit ihm, unter Zuziehung des Schließers, die alte Kirche durchsucht hatte. Die Nachsuchung war zwar ohne alles Resultat geblieben, hatte mich diesem um nichts näher geführt, aber sie hatte dem finsteren, mißtrauischen, entschlossenen Manne die Energie zeigen müssen, mit der ich auf Verfolgung meines Verdachts beharrte. Wie leicht konnte ihn das zur sofortigen Ausführung seines angedrohten entsetzlichen Verbrechens veranlassen!

Ich begab mich aus der Wohnung des Amtmanns gerades Weges in die des Schließers Martin Kraus. Ich ging allein hin.

Einen Augenblick hielt ich unterwegs meinen Schritt an. Ich ging einen gefährlichen Gang. Ich wollte zu dem Schließer und dann weiter mit ihm allein gehen. Ich war ohne alle Waffen, ich trug nicht einmal einen Spazierstock bei mir. Er war, wie viele Jahre er mehr zählte, als ich, mit seinem riesigen Körperbau mir noch immer an körperlichen Kräften weit überlegen. Er konnte zu dem Gange, den ich mit ihm vorhatte, sich mit Waffen versehen. Ich ging mit ihm einen Gang, der ihn zur Verzweiflung führen konnte, führen mußte. Er war zu einem fürchterlichen Verbrechen entschlossen. Die Ehre des Amtmanns, diese von ihm mit der rücksichtslosesten Entschlossenheit vertheidigte Ehre hing daran. Nicht minder seine eigene Ehre, seine Existenz, sein Leben. Von diesem Verbrechen wollte ich ihn zurückhalten, mit Gewalt, wenn es sein müßte! Aber ich mußte allein gehen. Die Ehre des Amtmanns, die auch ich nach Möglichkeit schonen mußte, forderte es von mir, und auch meine eigne Ehre.

Der Schließer Martin Kraus wohnte in dem Gefangenhause neben dem Amthause. Er war zu Hause, in seiner Stube. Der finstere Mann war ohne Familie. Er saß in einem alten Lehnsessel, die Beine über einander geschlagen, aus einer alten Pfeife rauchend, durch den Tabaksdampf vor sich hinstarrend.

Ich war zu ihm eingetreten, ohne mich vorher anzukündigen. Er erschrak nicht, er fuhr nicht auf, als er mich plötzlich erblickte. Er sah mich nur einen Augenblick wie mit leiser Verwunderung an, dann stand er auf, legte seine Pfeife fort, und stellte sich, meine Befehle erwartend, aufrecht vor mich.

„Schließer, zündet Eure Laternen an.“

„Beide, Herr Assessor?“

„Beide.“

Er zündete die beiden Laternen an, die uns in der Kirche geleuchtet hatten. Ich nahm wieder die Blendlaterne.

„Ihr werdet mich in die Keller unter der Wohnung des Herrn Amtmanns führen.“

„Zu Befehl, Herr Assessor.“

„Und dort zu dem, der sich bis unter den Kirchhof zieht.“

„Zu Befehl.“

Er ging an einen alten Koffer, der in einer Ecke der Stube stand, schloß ihn auf und nahm ein paar große Schlüssel heraus. Den Koffer verschloß er wieder.

„Ich stehe dem Herrn Assessor zu Befehl.“

Er war bei dem Allen vollkommen so ruhig, wie er auf dem Gange in die Kirche gewesen war. Einmal glaubte ich sogar ein leises spöttisches Lächeln in seinem harten Gesichte zu bemerken.

Wir verließen seine Wohnung. Es war zwischen zehn und elf Uhr in der Nacht. Auf dem Hofe, in den Gebäuden rings umher war Alles still. Nur in dem Wohnhause des Amtmanns waren ein paar Fenster erleuchtet. Sonst überall eine Finsterniß, so vollkommen wie die Stille.

Wir gingen durch Nacht und Stille, Niemand begegnete uns, Niemand sah uns. Wir gingen schweigend, der Schließer vor mir, ich unmittelbar hinter ihm. Wir kamen an der ganzen Länge des Klostergebäudes vorüber. Als wir sein Ende erreicht hatten, bogen wir links um die Ecke. Nach wenigen Schritten gelangten wir an eine niedrige, halb unter der Erde liegende Thür. Der Schließer schloß sie mit einem seiner Schlüssel auf. Sie öffnete sich leicht. Wir traten in einen Kellerraum.

„Soll die Thür offen bleiben?’ fragte mich der Schließer.

Ich durfte ihm keine Spur einer Furcht zeigen.

„Verschließt sie.“

Er verschloß sie von innen.

Ich sah mich in dem Raume um. Er schien vor mir ohne Ende zu sein. Das Licht der Laternen brach sich an kleinen, niedrigen Pfeilern und nicht hohen Gewölben. Pfeiler und Gewölbe waren dunkelgrau, beinahe schwarz, sie schienen bei dem schwachen Lichte sich in’s Unendliche auszudehnen. Wir traten weiter in den ungeheuern Raum hinein. Nach wenigen Schritten waren wir an einem breiten Gange. Er wurde durch Mauern gebildet, die eben so dunkelgrau waren, wie jene Pfeiler und Gewölbe. Er lag zur rechten Seite. Martin Kraus führte mich in ihn hinein. Er zog sich ein Dutzend Schritte weit fort abschüssig in die Tiefe; dann wurde er eben, aber er bog sich immer mehr und mehr nach rechts. Wir mußten so, ganz wie mir der Amtmann gesagt hatte, unter den großen Speicher und unter diesem hinweg unter den Kirchhof kommen.

[623] Wir erreichten das Ende des Ganges. Links von uns befand sich eine eiserne Thür. Wir waren völlig schweigend gegangen. Ich horchte eine Weile an der Thür. Ich hörte nichts. Doch etwas hörte ich. Das Klopfen meines Herzens.

Ich stand, nicht mehr vor der Auflösung des Räthsels, aber vor der Entscheidung eines entsetzlichen Schicksals, die so unendlich viel neues Elend, neuen Jammer nach sich ziehen sollte.

Daß ich mit dem riesigen, zum Aeußersten entschlossenen, vor einem Verbrechen, auch dem schwersten, nicht zurückbebenden Menschen mich allein befand, hier, tief unter der Erde, allein, ohne daß in der Welt ein dritter Mensch davon wußte, allein in einem verborgenen Winkel, dessen Existenz nur er und der vielleicht unterdeß schon verstorbene Amtmann kannte – ich dachte in diesem Augenblicke weder an alle diese Umstände, noch an die gefahrvolle Lage, in die sie mich versetzten.

Martin Kraus stand unbeweglich mit seinem unbeweglichen Gesichte neben mir.

„Schließt die Thür auf.“

Er schloß sie auf.

Wir traten in einen großen Raum. Es war ein neuer, weiter Keller. Eine Menge kleiner Pfeiler trugen niedrige Gewölbe. Alles war von jenem dunkelgrauen Stein aufgemauert. Ich horchte mit angehaltenem Athem hinein. Ich hörte nichts, nicht das leiseste Geräusch. Nur eine kalte, feuchte, dumpfe Luft wehte mir entgegen.

„Schließer, folgt mir.“

Wir schritten tiefer in den Raum hinein. Es blieb still um uns her, todtenstill. Aber der Raum war auch völlig leer. Die nackten grauen Pfeiler, die nackten grauen Mauern, das war Alles, was meine Augen erblickten. Ich durchschritt ihn in allen Richtungen, ich sah nichts weiter.

Ein menschliches Wesen war hier nicht; auch keine Spur, daß jemals ein Mensch hier gelebt habe. Selbst die Luft verrieth es in dem freilich ungeheuer weiten, dumpfen und feuchten Keller nicht.

Ich trat vor den Schließer Martin Kraus.

„Wo habt Ihr den Gefangenen gelassen, der bis heute sich noch hier befand?“

„Hier hat sich kein Gefangener befunden.“

„Brunner hieß er.“

„Ein Gefangener Brunner ist vor zwanzig Jahren und noch länger oben in den Gefängnissen gestorben.“

„Mensch, der Herr Amtmann hat mir Alles entdeckt. Gebt den Gefangenen heraus.“

„Wenn der Herr Amtmann Ihnen etwas gesagt hat, so hat er wohl schon in der Verwirrung des Todes geredet.“

Der Mensch blieb eisern fest und ruhig. Jedes fernere Wort an ihn blieb vergeblich. Weitere Räume, in denen der Gefangene hätte verborgen sein können, gab es dort nicht mehr.

Martin Kraus hatte ihn also entweder in einen andern der Verstecke gebracht, deren die alten Klostergebäude so viele darbieten mußten, oder er hatte schon jenes entsetzliche Verbrechen begangen, das der Amtmann befürchtet hatte. In beiden Fällen konnte ich in den unterirdischen Kellerräumen, zumal in der Nacht und allein, nichts mehr machen. Und draußen?

Ich verließ mit ihm die Keller. Wir gelangten wieder an die Oberfläche der Erde, auf den Hof.

Und jetzt?

Auf dem Hofe gingen Menschen hin und her, mit Laternen, ohne Laternen.

„So eben ist der Amtmann gestorben,“ theilten sie uns mit, als sie uns gewahrten.

Martin Kraus athmete an meiner Seite tief auf. Dann war er auf einmal von meiner Seite verschwunden. Ich sah mich in der Dunkelheit vergebens nach ihm um. Warum hatte er mich so plötzlich verlassen? Wohin war er gegangen?

Ich konnte es mir nicht beantworten. –

Ich war den ganzen Tag in einer langweiligen und desto mehr ermüdenden Thätigkeit gewesen. Mein Gemüth war so vielfach, oft so heftig angegriffen, zuletzt noch durch diese plötzliche Todesnachricht. Ich fühlte mich ermüdet, ermattet. Ich wollte nachsinnen, was zu thun sei. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alle meine Kopfnerven schmerzten mich. Ich fühlte nur, daß ich nicht mehr nachdenken könne, nicht mehr nachdenken dürfe.

Ich verließ den Amtshof. Ich wollte zu meinem Gasthofe zurückkehren. Mein Weg führte mich hinter der alten Klosterkirche her. Jenseit der Kirche stand ich an dem Eingange zu dem alten Kirchhofe.

Auf einmal zog es mich unwillkürlich auf den dunkeln, stillen Friedhof. Es war mir, als müsse ich zwischen den einsamen, verlassenen und verfallenen Gräbern etwas finden, die Ruhe, deren mein schmerzhaft aufgeregtes Nervensystem so sehr bedurfte; vielleicht etwas Anderes. Ich mußte hin.

Ich sollte etwas Anderes finden.

Ich trat zwischen die Gräber. Ich ging weiter zwischen ihnen, zwischen ihnen und den Sträuchern und den Dornen und Brombeeren. Immer weiter. Hinter mir schlug die Uhr auf dem Klosterthurme Mitternacht.

Als der Ton des letzten Schlages verklungen war, glaubte ich, hinten am Ende des Kirchhofes ein Geräusch zu vernehmen. Ich horchte. Ich hörte etwas sich bewegen. Ich ging darauf zu, leise, langsam. Eine furchtbare Ahnung ergriff mich.

Das Geräusch dauerte fort. Es arbeitete Jemand an und in der Erde. Er arbeitete emsig, eilig, im Dunkeln. Er unterbrach die Arbeit nicht; er hatte mich nicht gewahrt. Auf einmal stand ich bei ihm.

Der Schließer Martin Kraus füllte ein Grab, vielleicht ein altes, längst verfallenes, aber zu einer neuen Bestimmung. Er warf die letzten Steine, die letzte Erde hinauf. Rasen zur Bedeckung des Ganzen lag neben ihm.

„Martin Kraus, wen habt Ihr da begraben?“

Da war er erst meiner gewahr geworden. Er erschrak wieder nicht; aber er sah mich mit einem wilden Blicke an.

„Herr,“ sagte er, „Sie können das Grab öffnen lassen. Sie werden einen nackten Leichnam darin finden, den kein Mensch auf der Welt kennt. Und weiter werden Sie nichts erfahren.“

Ein Schuß fiel neben mir. Der Schließer Martin Kraus sank mit zerschmettertem Gehirn auf das Grab. Er war auf Alles vorbereitet gewesen.

Welch’ ein treuer Mensch! Welch’ ein Beamtenthum! –

Ich ließ den Leichnam ruhen und ließ auch die dunkeln Verbrechen ruhen, die hier begangen waren. Kein Mensch war mehr da, den die irdische Strafe erreichen konnte. Das Andenken des Gemordeten war längst aus der Menschen Gedächtnisse verschwunden.

Sein Sohn hatte nur noch wenige Monate zu leben. Er starb in der That noch vor dem Winter. Er hatte geahnt, aber er hatte geschwiegen. Auch er in Treue und Liebe.

Rosa, die Tochter des Amtmanns, hat nie erfahren, was ihr Vater verbrochen hatte. Sie wurde meine glückliche Gattin. Vor wenigen Jahren ist sie gestorben.

Da erst theilte ich meinen Söhnen die Geschichte ihres Großvaters mit, zu ihrer Warnung auf den Beamtenweg, den auch sie eingeschlagen hatten.




Eine deutsche Prinzessin.[1]

Einer unsrer gewiegtesten und conservativsten Diplomaten streitet in vollem Ernst und mit großer Entschiedenheit schon deshalb gegen Aufhebung aller deutschen Kleinstaaten, weil dadurch leicht Mangel an ebenbürtigen Prinzessinnen eintreten und mancher Thron ohne Landesmutter bleiben könnte. Er schildert mit lebhaften Farben die Verlegenheit heirathslustiger Fürsten, die dann umsonst nach einer ihm an Rang gleichstehenden Gemahlin suchen würden. Und in der That, nach welchem Throne Europa’s wir auch schauen mögen, überall erblicken wir auf ihm oder ihm nahe deutsche Fürstentöchter.

[624] Gegen keine dieser Verbindungen deutscher Prinzessinnen scheint aber das Schicksal mehr Protest eingelegt zu haben, als gegen die mit den Fürsten von Frankreich. Die Vermischung deutschen und französischen Blutes gebar immer Verderben, und mit einer merkwürdigen Consequenz folgte ihr stets Unglück, Tod und Trauer. Die drei Herrscherfamilien Frankreichs verloren den Thron, sobald sie deutschen Prinzessinnen sich anvermählten: Marie Antoinette war das Grab der Bourbons, Marie Louise der Sturz Napoleon’s, Helene von Mecklenburg war die Zeugin des orleanistischen Untergangs. Sollte der Himmel wirklich Zeichen des Zornes geben, wenn die menschlichen Handlungen die Natur der Geschlechter zu verfälschen drohen? Fast möchte man es glauben, wenn man der bösen Omina gedenkt, unter denen alle drei jener deutschen Herzoginnen ihre Vermählung mit dem französischen Blute feierten. Als Marie Antoinette sich mit Ludwig XVI. am 16. Mai 1770 im Alter von funfzehn Jahren vermählte, deckte das Firmament ein schwarzer, Alles beverfinsternder Schleier, furchtbare Donnerschläge waren die Festmusik der Natur, leuchtende Blitze die Hochzeitsfackeln, der Regen die Thränen des Himmels. Und als die Stadt Paris einige Tage darauf ein prachtvolles Volksfest gab, kamen durch den Einsturz eines Gerüstes und durch Gedränge 1200 Menschen um. Als zur Verherrlichung der Heirath der Erzherzogin Marie Louise mit Napoleon, im Jahre 1810, der österreichische Gesandte, Fürst Karl Schwarzenberg, eine glänzende Soirée gab, bei der auch der Kaiser mit seiner neuen Gemahlin anwesend war, stand plötzlich der ganze Saal in Flammen, und Hunderte der edelsten Damen und Herren verbrannten oder wurden durch das herabstürzende Gebälk erschlagen oder schwer verletzt. Kaum daß Napoleon selbst dem furchtbaren Geschick entging. Und so wie bei jenen beiden Herrscherhäusern, so kam das Unglück auch beim dritten, das Frankreich erhielt, zu Gaste, als es den Erben des Reiches, den Herzog von Orleans, am 30. Mai 1837 mit Helene Louise Elisabeth von Mecklenburg vermählte: beim Gedränge des Volksfestes auf dem Marsfelde fanden nahe an hundert Menschen ihren Tod.

Dennoch gab es wohl Wenige, welche die Zukunft der Herzogin von Orleans und des Hauses, dem sie sich vermählte, in fatalistischem Sinne vorhersagten. Alles schien sich zu vereinigen, diese Ehe zu einer der glücklichsten, das Schicksal der deutschen Prinzessin zu einem beneidenswerthen zu machen. Die Tochter des Erbgroßherzogs Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin und die Enkelin des braven deutschen Karl August von Sachsen-Weimar besaß in seltener Vollkommenheit alle Vorzüge und Tugenden einer deutschen Frau, um wohl dem Ideal zu entsprechen, welches die Franzosen sich gern von den Prinzessinnen des protestantischen, in Märchendunkel gehülltem Deutschland machen.

Sie stand in der Blüthe einer dreiundzwanzigjährigen Schönheit, ihr reiches blondes Haar umwölbte wie ein goldener Kranz die Stirn, in der Bläue ihrer Augen wiegte Sanftmuth sich mit Stolz, Gefühl mit Klugheit, Edelsinn mit Festigkeit des Charakters; die Größe und Grazie ihrer Gestalt, die Anmuth ihrer Bewegungen, der einfache und bestimmte Charakter harmonirten vollkommen mit der ritterlichen Erscheinung des Herzogs von Orleans, des besten Gatten und Erben des schönsten Thrones. Wer sie damals in einfach weißem Kleide, mit dem schlichten Strohhut auf dem Kopfe, auf den Bergen Jena’s und im Park von Belvedere bei Weimar botanisiren sah, wird die durch und durch hochpoetische Erscheinung nie vergessen können. Wer hätte Unglück und Ungemach voraussehen wollen, da die Wahl des populärsten französischen Prinzen auf eine so würdige Person gefallen war? Selbst die Herzogin von Orleans, deren Wiege vom Geschick zwischen die Gräber ihrer Mutter, ihres Vaters, ihres Bruders gestellt ward, und deren Sinn sich gern dem romantischen Zauber der Melancholie überließ, lächelte sorgenlos ihrer Zukunft, die ihr den Thron von Frankreich bestimmte, entgegen. Der protestantischen und ihren Glauben bewahrenden Herzogin begegnete in ganz Frankreich wohl nur eine Mißgünstige, und das war die katholische Königin Marie Amalie, eine strenge, hartherzige, das droit divin der illegitimen Familie Orleans vertretende Frau, eine Tochter Ferdinand’s I. von Neapel, der erste Minister Louis Philipp’s, Katholikin im Sinne der Ligue, welche in der neuen Thronfolgerin stets eine gefährliche, populäre Hugenottin erblickte.

Man welß, welche officielle Bedeutung der Geburt von Kronprinzen beigelegt wird. Ehe diese Bedingung Seitens der jungen Kronprinzessinen erfüllt ist, haben sie sich keines Einflusses und Ansehens im Staatsleben zu schmeicheln, und schwerer straft das Geschick die weibliche Unfruchtbarkeit nirgends, verzweifelter vernimmt kein Gatte die unaufhörlichen Geburten von Töchtern, als bei diesen Frauen auf der ersten Stufe der Throne. Ihr Unglück beginnt, wenn der Segen des Himmels ausbleibt, und dem Lande der junge Erbprinz und die bekannten 101 Kanonenschüsse fehlen. Aber umgekehrt wird auch nirgends die Stellung der Frau mehr erhöht. Mit dem Beweis, daß die Nachkommenschaft einer glücklichen Natur anvertraut ist, steigt die Autorität der Mutter, und sie wird eine politische Person von höchster Bedeutung. So konnte unter den damaligen Umständen in Frankreich die Herzogin von Orleans der königlichen Familie keinen höheren Dienst leisten, als durch die Geburt des Grafen von Paris, am 24. August 1838, und durch die des Herzogs von Chartres, im Jahre 1840. Seit diesen Ereignissen, welche der glücklichen Ehe die Weihe gaben, war die Herzogin von Orleans eine Autorität der Familie; ihr Gemahl war auf dem Gipfel seiner Wünsche, die Nation verehrte in ihr das Muster der Frau und Mutter, und das stolze Bewußtsein, die Erben Frankreichs zu Kindern zu haben, gab der Herzogin jene Festigkeit und Sicherheit, mit der sie der Königin und oft auch der Prinzessin Clementine entgegentrat.

Diese Tage des Glückes und der Zufriedenheit wurden nur zu schnell durch ein tragisches Ereigniß abgekürzt, welches das memento mori der Julidynastie sein sollte. Am 13. Juli 1842 zerschmetterte sich der Herzog von Orleans, indem er aus dem von den wildgewordenen Pferden fortgerissenen Wagen sprang, auf dem Steinpflaster der Chaussee la Revolte das Haupt. Der Stolz des Landes, der Erbe des Reiches, das Glück und der Genius der Orleans war damit vernichtet, und von nun gab es gegen das immer drohender sich aufthürmende Unwetter am französischen Horizont keinen schützenden Ableiter mehr für die sorglose Königsfamilie. Louis Philipp, der sehr materialistische Grundsätze hatte, hielt es überdies für eine Schwäche, in diesem Unglück eine Warnung des Himmels zu sehen. Er war so sehr überzeugt von seiner Nothwendigkeit für Frankreich, von der Weisheit seiner Politik und der bekannten Rolle der Vorsehung, die er spielte, daß er an einen Sturz seines Reiches nicht im Traume dachte. Die Königin ihrerseits verstand sich besser auf das Verständniß der Himmelszeichen; sie sah in diesem gräßlichen Tode ihres ältesten Sohnes nur eine Art göttlicher Strafe für die Vermählung mit einer Protestantin.

Die Herzogin ihrerseits fiel durch den jähen Tod ihres Gemahls, der das Glück ihres Lebens gewesen war, in eine Melancholie und Resignirtheit, die ihrem Charakter entsprach und der sie düstere, aber auch für sie trostreiche Reize abzugewinnen wußte. Die Standhaftigkeit, mit der sie den großen Schmerz ertrug, die Strenge und Würde, mit der sie der Wittwenschaft und der Erziehung ihrer Söhne sich hingab, verklärte sie in den Augen des Volkes, und umhüllte sie mit jenem Duft der Tugenden, der noch ihr Grab umgab. Sie lebte sehr einzogen im Pavillon Marsan, im Cultus der Trauer um den um den verblichenen Gatten, dessen Andenken sie pflegte, und in dem Eifer für die Erziehung ihrer Söhne, denen sie die ritterlichen Eigenschaften und die Grundsätze ihres Vaters einzuflößen suchte. Ihr Trost bestand darin, das Zimmer des Herzogs unversehrt zu erhalten, tagtäglioh hineinzugehen, sich auf den Sessel zu setzen, der ihm einst gehörte, von ihm zu träumen und um ihn zu weinen. Mit erneutem Schmerze verließ sie dann diese Stätte, um zu den Abendcirkeln der königlichen Familie zu gehen.

Das Familienleben Louis Philipp’s war in seiner Art merkwürdig. Der König sowohl wie die Königin spielten darin Despotenrollen und quälten die Prinzen und Prinzessinnen weidlich mit ihrer philiströsen Anschauung und der von Auerbach gut gezeichneten Lust am „Befehlerlesspielen“. Aber selbst das königliche Blut gefiel sich im Oppositionmachen und suchte dem Herrn Papa und der strengen Mama Nasen zu drehen, besonders was die Politik betraf; denn außer den Eltern war die ganze königliche Familie durchaus revolutionär. Der Herzog von Orleans z. B. hatte in seinem Testamente, in dem er die Erziehung seiner Kinder vorzeichnete, ausdrücklich angeordnet, daß der Graf von Paris „ein leidenschaftlicher Diener Frankreichs und der Revolution“ sein und sich „dem Triumph der neuen socialen Ideen“ widmen solle, um, „wenn nicht der Apostel dieser Sache, so doch ihr Märtyrer zu werden“! Noch schlimmer spielte der Prinz von Joinville mit dem Feuer: er sang nicht allein die Marseillaise, sondern schnitt den Tert davon auch in seinen

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Die Gartenlaube (1858) b 625.jpg

Helene, Herzogin von Orleans.

Tisch. Die Kinder des Königs hatten überdies ein seltsames Lexikon für die Bezeichnung der Herren Minister und Räthe Ihrer Majestät; so nannten sie Herrn Guizot den Schulfuchs, den Ministerconseil die kleinen Thiere, die Deputirtenkammer den Club, den Herzog von Nemours Than, Joinville den Hadji, den König Papa Oliban, und Andere waren mit Einfaltspinsel, Naseweis, Schleicher u. s. w. gekennzeichnet. Waren sie des Abends freilich unter den Augen der Königin, so verstanden Alle kein Wort von Politik und die Prinzessinnen stickten mit erstaunlicher Emsigkeit.

Von dieser Hausregel war nur die Herzogin von Orleans ausgenommen, die des Abends öfters Arm in Arm mit dem Könige den Salon durchschritt und von Politik sprach. Ihr war von Allen ein ganz selbstständiges Leben gestattet und dies verfloß in einer so ruhigen, der Pflichterfüllung gewidmeten Weise, wie keins von denen der übrigen Prinzessinnen.

Plötzlich brach der Sturm, den die königliche Familie in ihrer Sorglosigkeit nicht sah und sehen wollte, los. Ganz Paris stand am 22. Februar 1848 auf und das Volk machte seine Schlüsse aus dem Testamente des Herzogs von Orleans und saug, wie Joinville, allons enfants de la patrie! In den Tuilerien kam man zur Erkenntniß, als die Schüsse des Volkes dicht unter den Fenstern erdröhnten, und noch mehr, als man die Minister in Aengsten, die Generäle kühl, die Polizei betäubt sah, als die Undankbarkeit halb den Stücken wandte und die Feigheit den sonst geschmeichelten König seinem Schicksale überließ. Zwei Tage vergingen in dieser peinlichen Situation. Am 21. Febr. Mittags drangen unbekannte Personen in das Schloß und der Herzog von Moutpensier, Emil Girardin und Crémicux drangen hastig in den alten König, seine Abdankung zu unterschreiben. Man wollte die Herzogin von Orleans zur Regentin für den Grafen von Paris ernennen lassen und Emil Girardin besonders, der sich bereits Minister dünkte, drang in die Herzogin, diese Stellung anzunehmen. In der That zeigte sich diese bereit und vergaß, im Angesicht der Gefahr, für einen Augenblick die testamentarische Verfügung ihres Gatten, welche ihr die Ablehnung einer solchen Stellung zur Pflicht gemacht hatte. [626] Auch war inmitten des Tumultes kein Augenblick günstig zu einer ruhigen Ueberlegung und nach der Flucht der königlichen Familie, von der sie kaum Abschied nehmen konnte, blieb die Herzogin gewissermaßen als der Spielball des Ehrgeizes einzelner Personen allein zurück. Dupin bestürmte sie, nach der Deputirtenkammer zu gehen, und bleich, zitternd vor Aufregung verließ sie das Schloß, gefolgt von mehreren Deputirten, ihren beiden Söhnen und dem Herzoge von Nemours.

Eben hatte sich die Deputirtenkammer in Permanenz erklärt, als die Herzogin in den Saal trat, an der einen Hand den bleichen König einer Stunde, an der anderen den kleinen Herzog von Chartres. Ihre bleichen Züge rötheten sich vor Hoffnung und Freude, als sie die Rufe: „Es lebe die Regentin!“ „Es lebe der Graf von Paris!“ begrüßten. Wie schnell sollte dies schwanke Gebäude königlicher Hoffnungen beim Andrange der revolutionairen Fluthen zerschellen! Kaum schien es, als wenn die Sache der Herzogin gewonnen sei, als mitten in dem Lärme der Debatten die Thüren des Sitzungssaales eingeschlagen wurden und eine aufgeregte Masse von Blousenmännern und Nationalgardisten zwischen die Sitze der Deputirten bis zur Tribüne hinfluthete. Kaum gelang es dem Herzog von Nemours und einigen Deputirten, die Herzogin mit ihren Kindern aus der gefährlichen Umzingelung zu befreien und auf eine Bank der Montagne zu führen.

Der Lärm wuchs; jedes Wort für die Regentschaft ward mit dem wilden Geschrei nach der Republik überdonnert; von der Tribüne herab fielen zwei Schüsse in das große Bild, welches Louis Philipp darstellte, wie er die Charte beschwört; schon fordert man die Einsetzung einer provisorischen Regierung und die Julikrone wankt auf dem schwachen Haupte des Grafen von Paris. Da bestürmen Crémieux und Girardin die Herzogin, auf die Rednerbühne zu steigen; man schreit um Ruhe, die Herzogin selbst erhebt sich und versucht zu sprechen – umsonst, Man vernimmt keins ihrer Worte und der Tumult wird drohender, denn je. Gebrochen mit allen ihren Hoffnungen und umwogt von einer wild erregten Volksmenge wankt endlich die Herzogin aus dem Saale. Im Gedränge verliert sie ihre Kinder und doch darf sie nicht eher nach ihnen fragen, als bis sie im Hotel des Präsidenten in Sicherheit ist. Erst nach angstvoll durchlebten Viertelstunden findet der Herzog von Nemours sie mit dem Grafen von Paris wieder; aber der Herzog von Chartres bleibt verschwunden. Zwei qualvolle Tage vergehen, bis auch dieser Sohn, in schlechten Kleidern, bleich und zitternd, ihr von einem Huissier zugebracht wird, kaum, wie der Graf von Paris, den Händen einer wilden Volksmenge entronnen.

Im Angesichte der Zustände am 26. Februar wäre es Thorheit gewesen, sich noch Hoffnungen auf Wiederherstellung des Thrones hinzugeben. Das Höchste war schnell verloren und noch war das Leben und die Freiheit zu retten. Am Abend des 26l Febr. beschloß man daher, Frankreich zu verlassen. Der Herzog von Nemours, bei seiner Unpopularität mehr als jeder Andere bedroht, übergab die unglückliche Fürstin mit ihren beiden, von Krankheit geschüttelten Kindern dem Herrn von Montesquieu, der sie in der Nacht noch nach Schloß Ligny, einige Meilen von Paris, und in den nächsten Tagen mit aller Vorsicht über Amiens, Lille und Brüssel nach Ems führte, wo die Herzogin zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit und der ihrer Kinder mehrere Wochen blieb, um dann das Asyl zu Eisenach zu beziehen, welches ihr der Großherzog von Sachsen-Weimar, ihr Oheim, überließ.

In dieser Einsamkeit des thüringischen Schlosses fuhr die Herzogin mit Eifer fort, die Erziehung ihrer Söhne zu leiten. Es war wohl schwer und heroisch, unter den Schlägen des Unglücks und an Hoffnungen arm das begonnene Werk zu vollenden und dem Erben der orleanischen Ansprüche seine Pflichten zu lehren. Folgte doch das Unglück noch bis in’s Exil! Louis Philipp starb in seinem Schlosse in England; ein neues despotisches Kaiserreich erstand und raubte der orleanischen Familie ihre Güter und ihr Vermögen, aus Dank dafür, daß der Bürgerkönig einst in politischer Unklugheit dem Rebellen von Straßburg und Boulogne das Leben schenkte. Selten ertrug aber eine Fürstin mit mehr Ergebenheit und sittlicher Größe das Unglück, mit dem ihr Leben erfüllt war; sie war die Wohlthäterin aller Armen und wohin sie kam, setzte sie sich Denkmale in die Herzen des Volkes; sie war geliebt, wie Wenige ihres Gleichen, verehrt von allen Parteien als eine Frau und Mutter im Schmuck seltenster Tugenden, geachtet von allen ihren Gegnern als ein edler und großherziger Charakter. Sie gab die Hoffnung auf die Zukunft nicht auf, durfte sie nicht aufgeben und blieb, trotz aller Anstrengungen ihrer Freunde, fest in dem Entschlusse, die Fusion mit den Legitimisten zu verweigern. Was konnte das Haus Orleans auch gewinnen, wenn es sich mit dem überlebten und verhaßten Reste des Bourbonenthums verschmolzen hätte? Die Bourbons haben keine Zukunft und noch heute haben sie Nichts gelernt und Nichts vergessen; aber das Haus Orleans darf sich rühmen, noch Liebe und Sympathien in und außerhalb Frankreich zu besitzen, die es dereinst auf den Thron zurückführen werden; die ganze intelligente Welt Frankreichs steht auf seiner Siete und das französische Volk ist sicherlich schon zu der Erkenntniß gekommen, daß es unter der Herrschaft der Orleans, wie viel politische Sünden sie auch begangen haben, doch am glücklichsten und freiesten gelebt hat.[2]

Früher, als es das Alter der Herzogin erwarten ließ, und schnell, als wollte der Tod das Opfer nicht quälen, verschied die schwergeprüfte Fürstin am 18. Mai dieses Jahres in Camborne-House in Richmond, wohin sie, wie manches Jahr, sich begeben hatte. Welchen Eindruck ihr Tod hervorrief, wissen noch Alle; so viel Schmerz und Klage, so viel Trauer und Thränen folgten sicherlich selten einer Fürstin ohne Thron und Reich, deren Weisheit und Hochsinnigkeit sich noch in dem Testamente documentirte, welches unlängst veröffentlicht wurde. Am 22. Mai wurden ihre sterblichen Ueberreste in der katholischen Capelle zu Weybridge, wo auch Louis Philipp und die Herzogin von Nemours ihre Gräber haben, beigesetzt.

Schmidt-Weißenfels.


  1. Obwohl wir bereits in einer frühern Nummer eine Skizze über die Herzogin von Orleans mittheilten, so glauben wir doch durch unsere heutige, die mehr biographischer Natur ist, und verschiedene neue Thatsachen bringt, unsern Lesern eine willkommene Gabe zu bieten.
    Die Redaction.
  2. Man erzählt, daß bei der Discussion des Gesetzes über die allgemeine Sicherheit der Kaiser nach Durchlesung des Morny’schen Berichtes ausgerufen habe: „Man sieht sehr gut aus diesem Berichte, daß es in Frankreich Legitimisten gibt; man sieht, daß es Orleanisten gibt; man sieht sogar, daß es Republikaner gibt; aber man sieht nicht, daß es einen einzigen Bonapartisten gibt!“ Der Kaiser würde sich vielleicht treffender ausgedrückt haben, wenn er gesagt hätte: „es gibt keinen Bonapartisten mehr!“




Meine liebsten Hausheilmittel.
Frischer Talg.
(Fortsetzung.)

In jedem Lebensalter, für jeden Theil und bei den mannichfachsten Affectionen an der Oberfläche unseres Körpers ist, wie schon früher erwähnt wurde (Gartenl. 1858. Nr. 41.), der frische Talg ein linderndes und heilendes, kurz ein prächtiges Heilmittel. Nur muß man von demselben nicht schon nach einmaligem Aufstreichen Wunder sehen wollen. Denn das ist so die Mode hei Kranken mit langwierigen Uebeln (zumal der Haut), daß sie nach dem erfolglosen Gebrauche der verschiedensten Arzneimittel, Bäder, Aerzte und Charlatane vom Talge, wie überhaupt von naturgemäßen Heilstoffen und diätetischen Verfahren den Erfolg in Tagen erwarten, der von jenen in Jahren nicht erzielt werden konnte. Es scheint überhaupt, als ob mit der täglichen Zunahme der Charlatanerie, trotz der wachsenden Bildung des Volkes, die Ansprüche der Patienten an den Arzt und die Arznei immer unverständiger und unverschämter würden. Obstructioner, die sich Jahre lang durch Morison’sche und Strahl’sche Pillen gewaltsam bestuhlt haben, wollen die von jenen nichtsnutzigen Abführmitteln erzeugte Magenschleimhaut-Verdickung und krebsähnliche Verhärtung, sowie die lähmungsartige Schwäche des Darmes, überhaupt die ruinirte Verdauung, in wenig Wochen, ohne aber das nöthige Verhalten zu beobachten, durch ein Magenmittel geheilt wissen. Kaltwasser-Fanatiker, die in ihrer durch Kälte bewirkten Nervenerregung, wie sie auch bei Angetrunkenen in Folge der Weingeistwirkung besteht, eine Weile über ihr außerordentliches Wohlsein jubelten, und nichts lieber als Kaltwasser-Proselyten machten, möchten später, aber wo möglich neben dem Fortbetreiben der Kaltwasserwirthschaft, ihre durch die Kälte überreizten und dadurch geschwächten Nerven, sowie ihr widernatürlich reizbares Gehirn in kurzer Zeit durch Arznei wieder gestärkt sehen. Kaltfieberkranke, die monatelang [627] bei homöopathischer Behandlung Fieberanfälle mit Geduld ertrugen, werden ungeduldig, wenn nach baldiger Hebung des Fiebers durch allopathische Cur ihre wassersüchtig gedunsenen Beine neben großer Mattigkeit und bleicher, fahler Gesichtsfarbe, bei unnatürlich geschwollener Milz, nicht in Bälde weichen. Kleinköpfe mit wenig Verstandes-Gehirn und deshalb blödsinnig, soll der Arzt zu Genies machen, verfütterte, krummbeinige, bucklige Mädchen soll er zu Grazien umformen, alte runzlige, graue und kahlköpfige Schwächlinge soll er zu strammen Burschen mit schwarzem Lockenköpfen metamorphosiren; kurz, über die Anforderungen, welche an den Arzt gemacht werden, müßte derselbe sich eigentlich theils todtlachen, theils todtärgern, wenn er nicht auch gern lebte. – Sprechen wir nun von unserm Talge.

Von dem großen Heere der Hautkrankheiten, deren verschiedene Formen und Namen den jungen Mediciner fast zur Verzweiflung bringen, die für den alten Praktikus aber meistentheils aus einem scharfen Blute stammende trockene oder nässende Flechten sind, weichen die meisten dem Talge, wenigstens die mit abnormer Schweiß- und Hauttalgabsonderung, sowie die mit krankhaften, zumal verkrustenden Ausscheidungen auf rothem Boden. Versuchen wir’s, eine kurze Beschreibung der Hautübel zu geben, bei denen der Laie frischen Talg mit Erfolg anwenden kann.

Zuvörderst ist die übermäßige, gewöhnlich auf verminderter Absonderung der Talg- und Schweißdrüsen beruhende und in vielen Fällen von Vernachlässigter Pflege der Haut (s. Gartenl. 1854. Nr. 46) abhängige Trockenheit der Haut zu erwähnen, welche mit dem unangenehmen Gefühle von Straffheit, Spannung und Sprödigkeit der Haut, sowie nicht selten mit Kältegefühl und feiner Abschilferung der Oberhaut verbunden, auftritt, zumal nach und bei chronischen Hautkrankheiten und nach örtlichen Schweißen. Hier wende man häufig Talgeinreibungen nach öfteren Waschungen mit warmem Seifenwasser an. Damem mit zarter, durch rauhe Luft leicht trocken und rissig werdender Haut, Wäscherinnen und Mägde, die viel mit Lauge und Seife umgehen, überhaupt Personen mit trocknen, rauhen, rissigen Händen müssen ihre Hände Abends tüchtig mit Talg einreiben und dann über Nacht einbinden oder mit weichledernen Handschuhen überziehen. Ebenso verlangt auch die Hauttrockenheit im Gesichte und auf dem Kopfe, wie überhaupt an allen übrigen Stellen des Körpers tüchtige Talgeinreibungen.

Bei übermäßiger Schweißabsonderung, sowohl bei allgemeiner, wie bei örtlicher, nützen ebenfalls Talgeinreibungen. Die erstere wird diesen Einreibungen natürlich nicht weichen können, wenn sie von innern, zumal fieberhaften Leiden veranlaßt wird. Oertliche, oft übelriechende Schweiße, wie der Füße und Achselhöhlen, die nicht selten auch Entzündung, Wundwerden der Haut und nach Eintrocknen des Schweißes Hart-, Spröde- und Rissigwerden derselben nach sich ziehen, werden durch häufige Talgeinreibungen, aber freilich neben gehörigem Reinhalten der schwitzenden Theile, bedeutend gelindert. Zur Mäßigung des üblen Geruches leistet das Auflegen von Leinwand, die mit Thon, oder mit Talg und Thon (zu gleichen Theilen) bestrichen oder mit einer mäßig sauren Weinsäurelösung (etwa 1 Theil Säure auf 10 Theile Wasser) getränkt und dann getrocknet ist, ausgezeichnete Dienste. – Der bisweilen in Begleitung heftiger, säuerlich riechender Schweiße erscheinende Schweiß-Friesel (Krystallfriesel: kleine halbkugelige, einem halben Stecknadelkopf oder Hirsekorn ähnliche, mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllte Bläschen), wenn er auf gerötheter Haut steht und Jucken oder Brennen erzeugt, ist ebenfalls mit Talgeinreibungen zu behandeln.

Wo und wie immer die Haut sich widernatürlich röthet (rosenartig entzündet), in größerer oder geringerer Ausdehnung, aus innern oder äußern Ursachen, da ist frischer Talg als milde Decke heilsam, denn er lindert den Schmerz und die Hitze und verhindert das Wund- und Geschwürigwerden an der entzündlichen Stelle. Aeußere directe Einflüsse, welche rosenartige Hautentzündung veranlassen können, sind: Reibungen benachbarter Hautstellen aneinander (besonders bei beleibten Personen, namentlich im Sommer), anhaltendes Liegen, Reiten und Gehen (Wolf, Aufliegen), Abfluß reizender Flüssigkeit aus den natürlichen Oeffnungen des Körpers, Einwirkung stärkerer Hitze. und Kältegrade, Insectensticke. – Selbst bei ausgebreiteteren und fieberhaften Hautrosen, sogar beim Scharlach, ist das Auflegen und Aufstreichen kühlen frischen Talges auf die geröthete heiße Haut ein angenehmes Linderungsmittel.

Wenn sich bei fieberlosem Zustande auf gerötheter (entzündeter) Haut harte Knötchen (Papeln) oder mit heller Flüssigkeit gefüllte Bläschen und eiterhaltige Pusteln entwickeln, wenn diese Hauterhebungen, welche nicht selten zerplatzen, nebst ihrem Inhalte eintrocknen und schuppen, Grinde (Schorfe) oder Borken bilden, wenn sich unter den Schuppen und Grinden Feuchtigkeit, Eiter oder Jauche, sammelt, dann ist das öftere Bestreichen dieser kranken Hautstellen mit frischem Talge, nachdem sie von den aufsitzenden Schuppen und Grinden vorsichtig befreit und mit lauem Wasser abgetupft sind, heilsamer als alle andern örtlichen Behandlungsweisen. Nochmals sei es aber gesagt: stets müssen die sich bildenden Schuppen und Schorfe sanft abgehoben werden, bevor man den Talg aufstreicht. – Hierher gehören nun vorzugsweise die sogen. flechtenartigen Ausschlagsformen, welche ihren Namen „Flechten“ von der äußern Aehnlichkeit mit manchen Baum- und Steinflechten haben und nach der Beschaffenheit ihres Krankheitsproductes in trockene und nässende (Salzflüsse) geschieden, nach der Verwandlung des (in Knötchen-, Bläschen-, Eiterblasen- oder Knotenform) Abgeschiedenen aber als Kleien-, Schuppen-, Borken- und fressende Flechten bezeichnet werden. Alle diese Ausschläge haben mit einander gemein, daß sie größere, schleichend entzündete, rothe oder braunröthliche, mit Ausschwitzungsproducten, besonders Schuppen oder Borken, bedeckte Hautflecke bilden, die sich an den Rändern allmählich weiter ausbreiten und so gleichsam über die Haut fortkriechen. Die behaarte Haut des Kopfes, sowie das Gesicht wird häufig, zumal bei Kindern (s. Gartenl. 1858. Nr. 41.), der Sitz solcher Ausschläge.

Das Hautjucken, welches äußerst peinigend sein kann, sich entweder nur auf einzelne Stellen (besonders gern auf die Umgebung der natürlichen Oeffnungen des Körpers) beschränkt oder über die ganze Hautoberfläche ausdehnt und bald mit Ausschlägen (Juckknötchen, Flechten), bald ohne solche einhergeht, wird durch den frischen Talg fast stets gemildert und gehoben. Natürlich müßte, wenn das Jucken von Ungeziefer und überhaupt von Unreinlichkeit veranlaßt wurde, zunächst Entfernung und Tödtung des Ungeziefers (durch Quecksilbersalbe, grüne Seife, Anis- und Terpentinöl, Haarabschneiden), sowie Reinigung der Haut durch fleißig wiederholte Waschungen und Bäder (mit Abreibung mit grüner Seife), Dampfbäder mit tüchtigem Einseifen und Abreiben der Haut und reine Bekleidung stattfinden.

Bei den im Gesichte, besonders Erwachsener, vorkommenden Blüthen (Liebesblüthchen, Finnen, Hautfinnen, Mitesser, Talg- oder Schmeerknötchen) ist die Anwendung des frischen Talges ebenfalls von Nutzen. Man streiche denselben Abends ziemlich fett auf und wlsche dann denselben des Morgens mit weicher Leinwand von der Haut ab. Ueberhaupt streiche man des Tages die Gesichtshaut öfters mit einem weichen Leinwandläppchen ab und reinige sie nur durch Abtupfen mit lauem weichem (Regen- oder Fluß-) Wasser, nicht aber durch Abreibungen mit Seife und heißem oder kaltem Wasser.

Bei Verbrennungen der Haut, mögen diese nun oberflächlich sein und nur Entzündung (rothe, heiße, schmerzende Stellen) erzeugt oder tiefer greifend Blasen, Schorfe und wunde Stellen hervorgerufen haben, bei ihnen ist das Auflegen von feinen Leinwandläppchen, die fett mit kühlem frischem Talge bestrichen sind, mehr werth als der Gebrauch von Brandsalben. Vorher kann aber der Schmerz und die Hitze durch Kälte (kaltes Wasser, Schnee, Eis) gemindert werden. – Das Aufspringen erfrorner Glieder kann auch durch den Talg geheilt und verhütet werden, nur muß man denselben recht fleißig und zeitig genug einreiben; am besten ist es, wenn der erfrorene Theil eine Zeit lang durch eine Talgdecke von der Luft und Kälte abgeschlossen wird.

Oberflächliche Eiterungen und Verschwärungen der Haut heilen, bei gehöriger Reinigung durch öfteres Abspülen mit lauem Wasser, sehr gut unter betalgten Leinwandläppchen. Nur müssen auch hier, wie bei den Hautausschlägen mit Schuppen und Grinden, die Schorfe rings um und auf den wunden Stellen fleiß und vorsichtig entfernt werden.

Manche glänzende Cur habe ich nur mit Hülfe des frischen Talges gemacht, aber Anerkennung werden trotzdem diese Curen beim Geheilten ebensowenig finden, wie bei den Lesern der Werth des Talges überhaupt, denn „Talg ist doch ein zu ordinäres Mittel“. Nun, da versetze man ihn mit etwas homöopathischem Hokuspokus oder hole sich denselben aus der Apotheke als Löwen-, Bären-, Dachs-, Hunde- oder vielleicht auch Eselsfett.

Bock.




[628]
Eine Bergfahrt durch die Luft.
Von G. R.

Wenn ich Jemandem erzähle, daß ich in zwei Stunden einen Berg erstiegen habe, der eine Meereshöhe von 8660 Fuß hat, so erwidert er mir entweder: „Das ist nicht wahr!“ oder, wenn er viel gesellschaftlichen Takt hat, hört er mit zuweilen etwas lächelnder Miene meine Erzählung ruhig an, zuckt schließlich unmerklich die Achseln und denkt: „Das ist eine Geschichte, wie sie Münchhausen zum Besten gibt. Der setzte sich auf eine Kanonenkugel und ließ sich auf derselben in die Luft schleudern.“

Und dennoch ist die Erzählung vollständig in der Wahrheit begründet. Es gibt in den Alpen einen Berg, der 8660 Fuß in die Luft hinaufragt und den man, ohne Zauberkünste und ohne in einem Luftballon hinaufzusteigen, in der Zelt von zwei Stunden besteigen kann. Der Gipfel des Berges bietet eine prachtvolle Gebirgsrundsicht, welche der Aussicht vom Faulhorn in die schweizer Alpen wenig nachgibt, und nebenbei kann man bei seiner Ersteigung noch eine Menge Wunderdinge sehen. Und dennoch ist es, wenn man auch nur zwei Stunden Zeit braucht, nicht so leicht, diesen Wunderberg zu ersteigen! An Schwindel darf man nicht leiden, an Athem- und Brustbeschwerden auch nicht, vor Geistern und Kobolden darf man sich nicht fürchten, man muß überhaupt ein muthiges Herz haben und einen schwindelfreien Kopf. Eine einzige Eigenschaft, welche bei jeder andern Bergbesteigung ein unbedingtes Requisit ist, ist indeß nicht nöthig. Man braucht gerade kein guter Fußgänger zu sein. In der Mitte des Sommers, wenn es warm ist und nicht geregnet hat, so daß der Regen auf dem Gipfel des Berges sich nicht in Schnee verwandelt, wenn der Berg nicht, wie man in den Alpen sagt, angeschneit ist, kann man bei dieser sonderbaren Bergbesteigung sogar gute Toilette machen und Lackstiefeln anziehen. Man kommt ganz sauber und ohne daß die Kleider derangirt und die Stiefeln zerrissen sind, wieder am Fuße des Berges bei seinem Wagen an.

„Was ist das nur für ein Berg?“ höre ich meine Leser fragen. „Wo liegt er und wie kommt man hinauf?“

Der Berg erhebt sich auf dem zweiten Thalboden eines Querthales der Alpen, welches der Wunderdinge überhaupt viel und einen besonderen Reichthum an großartigen Landschaftsbildern hat, wie wohl wenig andere Querthäler in den Alpen. Es ist das Gasteinerthal, mit seinem eigentlichen Namen: „die Gastein“ genannt. Den Hintergrund seines zweiten Thalbeckens, des Thalbeckens von Böckstein, welches bereits 3456 Fuß über dem Meere liegt, bildet der Rathhausberg, ein Berg, der durch seinen früheren Goldreichthum, durch seine Mineralien und durch seine Pflanzen in der Tauernkette berühmt geworden ist. Er bildet einen mächtigen, umfangreichen Gebirgsstock, der im Osten das Anlaufthal, im Westen die hochgelegene Mulde des Naßfeldes umgibt, sein Fuß ruht bei Böckstein und mit vier Kuppen ragt er in die blaue Luft hinauf. Die höchste Kuppe ist der Kreuzkogl, der eine Meereshöhe von 8660 Fuß hat. Schon in den ältesten Zeiten war der Berg Sitz des Goldbergbaues. Taurisker, Noriker und Römer durchwühlten bereits seine Eingeweide nach Gold, und während alle Gruben der umliegenden und angrenzenden Thäler nach und nach eingingen, hat er noch allein bis heute seinen Ruf bewahrt, denn noch heute wird in seinen silber- und goldführenden Gneis- und Quarzgängen nach Gold und Silber gegraben. Stollen und Gruben durchziehen ihn nach allen Richtungen, so daß die ganze Gipfelmasse des Berges so untergraben ist, daß sie gleichsam nur auf Pfeilern ruht; Zechenhäuser, Bergstuben, Bergschmieden, Erzkammern und Pochwerke, in denen über vierhundert Knappen beschäftigt sind, sind neben den Hauptgruben auf halber Höhe des Berges angelegt, bis dann und wann die Gipfel eine Lawine hinabsenden, welche Bergstuben, Pochwerke und Menschen in den Abgrund fegt.

Dreit Wege führen auf diesen Berg, ein breiter, langsam ansteigender und durch seine Steine und sein Geröll recht unbequemer Saumweg, ein kürzerer, schmaler und sich an den Abgründen steil emporwindender Fußsteig, der sogenannte Knappensteig, und ein dritter, wunderbarer und, wenn man will, auch gefährlicher Weg; er führt durch die Luft. Die beiden ersten Wege erfordern zwei bis drei Stunden, der letztere zwanzig Minuten. Es ist der Weg, auf dem man mehr wie die Hälfte des Berges, eine Meereshöhe von 5973 Fuß also, in nur etwas mehr als einer Viertelstunde ersteigt.

Neben den Grubengebäuden steht oben auf dem Rathhausberge eine Aufzugsmaschine. Sie besteht aus einem mächtigen, oberschlächtigen Kehrrade, welches einen Durchmesser von 50 FUß hat, einem liegenden Korbe und einer 800 Klafter langen Tonnenfahrt. Das große Rad wird durch Wasser getrieben, welches von oben hinaufgeleitet wird, und hebt vermittelst eines 800 Klafter langen Seiles einen kleinen, niedrigen Wagen 2161 Fuß hoch auf den Berg hinauf. Die Tonnenfahrt besteht aus zwei Holzbahnen, welche gerade so breit sind, daß die Wagenräder mit ihren Radfelgen auf ihnen Platz haben, und theils auf Holzpfeiler gestützt, theils an den Felsen und Abhängen hinaufsteigend, von der Höhe der Aufzugsmaschine bis zum Sturzplatze reichen. Die Bodenfläche des Wagens ist 6 Fuß lang und 4 Fuß breit. Er hat vier kleine, rollenähnliche, mit Eisen beschlagene Räder, vier senkrechte Leitwalzen und an seinen vier Enden vier Stricke, zwischen denen die Last gepackt wird; abwärts ist zu größerer Sicherheit noch ein Bret vorgelegt, damit, wenn der Wagen hinaufgezogen wird, die Last nicht herunterrutscht. Der Strick, welcher den Wagen auf der hölzernen Bahn in die Höhe zieht, wird eigens zu diesem Behufe angefertigt. Er ist ganz aus Hanf gedreht, aus acht Stücken zusammengesetzt, 11/2 Zoll dick und dreißig Centner schwer. Seine Stärke wird jedes Mal, bevor er angewendet wird, durch eine Last von achtzig Centner geprüft; dennoch ist er seit den letzten zwanzig Jahren mehrere Male gerissen. Der zu schnelle Umschwung des großen Wasserrades kann durch einen Bremsenbaum und durch eine Wasserbremse gehemmt werden. Dies ist die Zusammensetzung einer Maschine, welche vom Auf- und Abladeplatze, dem sogenannten Sturzplatze, die Erze und andere Lasten auf den Berg und wieder herunterhebt und mit deren Hülfe man in wenigen Minuten einen mühsamen Weg von mehreren Stunden, liegend oder sitzend, zurücklegen kann. Gefährlich ist diese Reise nur in dreierlei Beziehung. Der Strick kann reißen. Sieht man freilich diesen nur wenige Daumen dicken, aber eisenfesten Strick an, so sollte man dies für unmöglich halten. Aber der Fall ist vorgekommen und die Möglichkeit, daß der Strick reißt, kostet unbedingt das Leben. Die Bahn, welche der Wagen zu durchlaufen hat, ist so steil, daß, wenn er sich von dem Stricke losgelöst hat, ein Aufhalten desselben unmögllch ist. Er würde von der Bahn in Sprüngen und Schwingungen in den Abgrund geschleudert und an dem Felsen mit demjenigen, der auf ihm fährt, in tausend Stücke zerschmettert werden.

Eine zweite Möglichkeit ist die, daß der Bergknappe, welcher mit dem Bremsenbaum das große Rad der Aufzugsmaschine zu reguliren hat, damit es in einen nicht zu schnellen Umschwung geräth, nicht aufpaßt. Er wird freilich beim Antritt seiner Stelle vereidigt; er muß schwören, alle nöthige Aufmerksamkeit auf seinen Posten zu verwenden; indeß – eine Vernachlässigung seinerseits, eine Indolenz kostet wahrscheinlich auch das Leben; denn wenn der Wagen in ein windschnelles Rollen geriethe, würde der Strick durch den plötzlichen Ruck wahrscheinlich auch zerreißen. Diese beiden Gefahren sind indeß sehr in die Ferne gerückt, es sind Zufälligkeiten, die äußerst selten passiren, und auf die man nicht rechnen kann. Nur eine dritte Gefahr ist unvermeidlich, und Jeder muß sie aushalten, der auf diese merkwürdige Weise den Rathhausberg ersteigt; sie besteht darin, Schwindel zu bekommen, und von dem Wagen in den Abgrund zu stürzen. Die senkrechte Höhe des Aufzugs mißt nämlich 2161 Fuß, und die Holzbahn, welche in dieser Höhe an den Wänden und Felsen über Abgründe und Thäler hinanführt, läuft oft so steil an den Wänden hinan, daß derjenige, der sich unten auf dem Sturzplatz der Länge nach in den Wagen legt, auf der Fahrt mehrmals ganz gerade auf die Füße zu stehen kommt. Er muß sich dann mit den Füßen auf das untere an dem Wagen befindliche Bret stützen, um nicht hinabzugleiten. Ein ganz schwindelfreier Kopf ist also zu dieser Luftfahrt ein absolut nothwendiges und das Hauptrequisit. Die dritte Gefahr ist also nicht zu vermeiden, und wenn man ihr nicht tapfer entgegentritt, so kostet sie wahrscheinlich auch das Leben.

Mit diesen Gedanken im Kopf, ging ich an einem heitern, sonnigen Augustmorgen zum Sturzplatz. Der Sturzplatz ist von [629] Wildbad Gastein ein und eine halbe Stunde entfernt; ich hatte also Zeit genug, mir die Fahrt ordentlich zu überlegen. Mein Weg führte durch ein sonniges, stilles Hochalpenthal. Das Donnern und Toben der Wasserfälle war verschwunden, eine Sonntagsruhe lag über den grünen Matten ausgebreitet, zwischen denen die silberhelle Ache langsam dahinglitt. Nur der Rathhausberg, der im Hintergrunde aufstieg, blickte mich mit seinen schneegefleckten Kuppen recht ernst an. Links über dem Anlaufthal blickte der Schneegipfel des Ankogl über die braunen Gneis- und Granitwände hervor, und über die Schultern des Rathhausberges schaute das eisige Haupt des Scharecks in das Thal hinein. Bald sah ich das Poch- und Almalgamierwerk und die kleine weiße Kirche mit der runden Kuppel vor mir; der Verwalter schrieb mir auf ein Blatt Papier die Worte: „Vorzeiger dieser benutzt die Maschine,“ und nach einer halben Stunde stand ich auf dem Sturzplatz.

Der Wagen war gerade oben auf dem Berge. Er wurde mit Erzstufen beladen, welche zum Ausschmelzen hinabgeschafft werden sollten, und einige Arbeiter standen mit einem Wagen unten, um die Stufen aufzuladen. Ein neues Ende Tau, ein Stück desselben Taues, womit der Wagen hinaufgezogen wird, lag auf der Erde. Ich betrachtete mir das Seil, es war freilich dünn, aber so fest und aus so starkem Hanf gedreht, daß es mir fast wie von Eisen vorkam. Meine Besorgniß, daß es reißen könne, verschwand nach und nach ganz. Die Holzbahn zog sich in einer geraden Linie zu dem Gipfel des Berges empor. Ich konnte sie von Anfang bis zu Ende mit den Augen verfolgen; sie schien mir, im Profil betrachtet, beinahe in senkrechter Linie in die Höhe zu steigen. Ich kann nicht leugnen, die Sache sah äußerst gefährlich aus, und der Gedanke, in einigen Minuten, auf einem Bret stehend, auf dieser abschüssigen Bahn einige tausend Fuß in die Höhe gezogen zu werden, machte mich ängstlich. Jetzt ging ich einige Schritte zur Seite, und sah mir die Holzbahn nochmals an. Ich bemerkte, was ich im Profil nicht gesehen hatte, daß die Richtung der Balken keine ganz senkrechte war, sondern daß sie in verschiedenen Neigungswinkeln hinaufstiegen, oft einen großen, oft einen geringen Neigungswinkel mit den Felswänden beschreibend. In der Höhe konnte ich freilich die Stärke der Neigungswinkel nicht messen; jedenfalls beruhigte mich meine Bemerkung nur noch mehr. Durch den Ruf eines der Arbeiter, denen ich gesagt hatte, daß ich mich hinaufziehen lassen wollte: „der Wagen kommt!“ wurde ich in meinen weiteren Betrachtungen gestört, und ich eilte schleunigst, um die Ankunft des Wagens zu beobachten, zum Sturzplatze zurück.

Ich sah in die Höhe und zog die Uhr.

Ein kleiner, dunkler Punkt erschien oben am Gipfel des Berges auf der Bahn. Er sah aus, wie ein Stein, der hinabrollt. Der Punkt rückte mit einer enormen Geschwindigkeit auf seiner Bahn vorwärts. Ich sah ihn plötzlich größer und plötzlich kleiner, je nachdem die Bahntrace eine größere oder geringere Neigung machte. Er rückte immer schneller vorwärts. Endlich erkannte ich einen kleinen, mit Erzstufen beladenen Wagen, die mit Eisen beschlagenen kleinen Räder blitzten, wie zwei funkelnde Streifen, in der Sonne. Immer rückte der Wagen näher, immer schien seine Geschwindigkeit, je näher er heranrollte, zuzunehmen, dann sah ich ihn mit der Schnelligkeit eines Wurfgeschosses durch die Luft fliegen, nun hörte ich das Geräusch der Räder auf den Bahnen, noch einige Secunden, und der Wagen schoß an mir vorüber, erst eine weite Strecke hinter dem Sturzplatze anhaltend.

Der Wagen hatte die 2000 Fuß in zehn Minuten zurückgelegt.

Ich kann nicht leugnen, es war mir eigenthümlich zu Muthe. Es war nicht das Gefühl der Furcht, was mich erfaßte, aber es erfaßte mich ein Schwindel, wenn ich daran dachte, daß ich mit derselben fabelhaften Geschwindigkeit in die Luft gehoben und aus der Waldregion eines tiefen Thales mit unsichtbarer Hand so auf einmal in die Alpenregion versetzt werden sollte.

„Nun, Herr, der Wagen muß bald wieder hinauf,“ unterbrach die Stimme eines Arbeiters, der die Erzstufen abgeladen hatte, meine Betrachtungen.

Ich sah den Wagen an, den der Mann eben von Schmutz und Staub reinigte. Es war ein Bret, welches auf einer Achse und zwei kleinen, dicken Rädern ruhte. Abwärts war ein ungefähr einen halben Fuß breites Bret vorgelegt, an den vier Ecken dieses sogenannten Wagens waren vier kurze, dicke Stricke befestigt.

Ich entschloß mich kurz und legte mich mit dem Rücken auf das Bret, die Füße gegen das untere Bret stemmend. Sodann ersuchte ich die Arbeiter, die beiden Ketten, welche die Erzstufen auf dem Wagen festgehalten hatten, mir über der Brust und über den Füßen zu befestigen. Ich prüfte mit der Hand, ob die Ketten eingehakt waren. Alles war in Ordnung. Der Strick fing an, straff angezogen zu werden. Das große Wasserrad oben am Berge war also in Thätigkeit. Die Fahrt begann. Der Wagen rollte aufwärts.

Die erste Steigung der Bahntrace war eine allmähliche, und die Geschwindigkeit, mit welcher der Wagen in die Höhe gezogen wurde, war anfänglich keine sehr große. Ich lachte über meine eigene Aengstlichkeit. Nach und nach gerieth das große Wasserrad oben indeß mehr in Schwung, die Geschwindigkeit vergrößerte sich und die Steigung der Bahntrace nahm zu. Dann und wann war meine Stellung noch eine horizontale, aber je höher ich mich über das Thal erhob, desto öfter richtete der Wagerr sich in die Höhe und desto öfter kam ich in eine mehr gerade Richtung zu stehen. Die Arbeiter auf dem Aufladeplatze, der Wagen, die Pferde dort unten erschienen mir in immer mehr verkleinertem Maßstabe. Gerade vor mir erhob sich die Wand des Hirschkahrs. Als ich unten auf dem Sturzplatze stand, schien sie mir nicht höher zu sein, als die Thalwand, an der ich hinaufgezogen werden sollte. Jetzt hatte ich die ganz umgekehrte Erscheinung. Je höher ich stieg, desto höher schien mir die Wand zu wachsen. Es mußte eine Täuschung meiner Sinne sein, ich konnte mir die Täuschung nicht erklären, aber die Wand erschien mir riesengroß. Der untere Theil der Wand ist mit Waldung, mit dunkeln Tannen und Fichten bedeckt; wo die Waldung aufhört folgen die grünen Alpen und Matten mit ihren braunen Sennhütten; über ihnen erheben sich die nackten Gneisfelsen und die Felsenhörner der Wand sind bereits schneegefleckt. Ueber die Waldregion war ich bereits hinaus, die Matten und Sennhütten lagen gerade vor mir, aber statt kleiner zu werden, schien mir die Wand immer noch in die Höhe zu steigen.

Ich blickte wieder nach unten. Pferde, Wagen und Arbeiter auf dem Ausladeplatze erschienen mir wie schwarze Punkte. Ein Sonnenfunke blitzte in der Ferne auf der kupfernen, runden Kuppel der Böcksteiner Kirche. Ich mußte bereits an die tausend Fuß gestiegen sein, wenn ich mich nicht in der Entfernung täuschte. Ich hielt mich nur mit der einen Hand, zog mit der andern die Uhr und hielt sie mir vor die Augen; denn ich lag wieder horizontal auf dem Rücken. Die Fahrt hatte erst acht Minuten gedauert, ich konnte mich also noch nicht tausend Fuß erhoben haben. Ich steckte die Uhr wieder ein und ergriff die für einen Augenblick losgelassene Leitwalze. Ich hörte nichts, als das Rollen der Räder auf den Bahntracen und das Rauschen des Windes in den Bäumen, welche auf den Felsgipfeln standen, an denen ich vorübersausete.

Plötzlich erhob sich der Wagen ganz vertical. Ich lag nicht mehr auf dem Rücken, sondern ich stand ganz gerade auf den Füßen. Mein einziger Stützpunkt war das Wagenbret, auf welches ich die Füße stemmte. Es war die erste steile Wand, die ich zu passiren hatte, die Bockmahldwand. Unwillkürlich schaute ich hinab. Die Pyramide des Cheops, das höchste Bauwerk der Erde, ist, wenn ich nicht irre, 431 Fuß hoch. Es waren wenigstens wieder fünf Minuten verflossen, seitdem ich nach der Uhr gesehen hatte; ich mußte jetzt drei Mal so hoch über dem Boden stehen, wie die Spitze der höchsten Pyramide. Gerade unter mir blickte ich in eine entsetzliche Tiefe. Den Boden, das Ende der Tiefe sah ich nicht, der Blauduft des Schattens verbarg es mir. Von dieser Tiefe trennte mich nur ein schmales, dünnes Bret, auf dem meine ganze Last ruhte. Wenn das Bret bräche –!

Ein Schwindel ergriff mich. Die Sennhütten drüben auf der Hirschkahrwand bewegten sich, sie schwankten hin und her. Ich konnte sie nicht mehr ansehen und blickte nochmals abwärts. Noch immer stand ich ganz gerade und der Wagen schien mir pfeilschnell aufwärts zu fliegen. Krampfhaft umfaßte ich die Leitwalzen und hob die Füße unwillkürlich etwas über das Bret empor, um dasselbe so wenig, wie möglich, zu belasten. Noch ein Blick in die Tiefe. Der Schwindel nahm zu. Ich verlor die Besinnung. Die beiden Ketten, mit denen ich um die Brust und an den Füßen befestigt war, hielten mich fest. Ich schloß die Augen.

Dann fühlte ich, wie der Wagen langsamer rollte. Die steile Wand war überstanden; ich lag wieder in meinem Wagen auf dem Rücken. Ich schlug die Augen auf und schaute in die azurblaue Luft. Der Blick stärkte mich. Nach und nach schwand der Schwindel. [630] Ich erinnerte mich, daß ich ja mit den beiden eisernen Ketten fest auf dem Wagen befestigt war, daß ich also selbst in dem Falle, wenn ich das Bewußtsein verlöse, gar nicht fallen könnte. Der Gedanke beruhigte mich einigermaßen und mit mehr Ruhe sah ich der zweiten, ebenso steilen Stelle an der Längenwand entgegen.

Wieder blickte ich abwärts. Das ganze Thal lag in tiefem Schatten. Ich unterschied gar nichts. Die gegenüberliegende Wand war in ihrer oberen Hälfte von der Sonne, welche gerade über dem Rathhausberge emporstieg, hell beleuchtet. Auch die Matten- und Sennhüttenregion lag bereits unter mir. Ich befand mich in der baumlosen Region; einzelne verkümmerte Tannen und sibirische Cedern rankten sich drüben noch an den nackten Gneisfelsen empor. Ich mußte bereits fünftausend Fuß über der Meeresfläche sein. Aber immer schienen mir die Felshörner der Hirschkahrwand noch an Höhe zuzunehmen. Plötzlich fühlte ich einen Ruck. Der Wagen stand wieder ganz gerade; ich war also an der Längenwand, an der zweiten steilen Stelle. Vorsichtigerweise schloß ich die Augen; ich fühlte nur, daß ich mit großer Schnelligkeit meinen Flug aufwärts fortsetzte. Diesmal ergriff der Schwindel mich nicht. Nach einigen Secunden schlug ich die Augen auf; noch stand ich steil an der Wand und sah auf die mir gegenüberliegenden, schneegefleckten Felshörner. Sie lagen mit mir in einer Linie. Ich mußte die Höhe der Hirschkahrwand erreicht haben. Noch einige Momente und ich war über derselben; aber plötzlich sank die Wand, die früher immer so riesengroß und so gespensterhaft gewachsen war, mit den Felshörnern, mit den Matten und den Sennhütten zugleich in den Abgrund.

Zum zweiten Male ergriff mich der Schwindel. Ich sah nichts mehr und schloß wiederum die Augen. Der Wagen senkte sich mehrmals. Neben mir hörte ich das Brausen eines Wasserfalles, ich hörte das Geschrei eines Geiers, welcher mir an den Ohren vorüberflog; dann schlug ein regelmäßiges, tempoartiges Geräusch an mein Ohr. Das konnte nickts Anderes sein, als das Geräusch des großen Wasserrades, welches meinen Wagen durch die Luft führte. Ich öffnete die Augen und blickte in die Höhe. Ich lag auf dem Rücken und sah ein fortwährendes Blinken in der Luft. Es waren die von dem Rade umhergeschleuderten Wasser. Ich war also oben. Noch wenige Secunden, dann erblickte ich das große Rad gerade über mir. Noch einen Moment, und mein Wagen rollte aufwärts in das Maschinenhaus. Die Fahrt hatte zwanzig Minuten gedauert.

Ein Bergknappe löste die Ketten, welche mich an das Wagenbret befestigten. Ich sprang auf; meine Füße berührten wieder festen Boden. Ich stand auf dem Rathhausberge, 6078 Fuß über dem Meere. Welche Ueberraschung hatte ich, als ich aus dem Hause auf das Plateau des Berges trat! Vor den Augen meiner Seele stand noch lebendig das Landschaftsbild, was ich unten gesehen hatte, bevor ich mich auf den Wagen legte, ein stilles, grünes Alpenthal, von hohen, mit dunkeln Waldungen bedeckten Wänden eingerahmt, der Thalboden, grüne, duftige Matten, mit weißen Häusern übersäet, von den klaren, silberhellen Wellen der Ache durchrieselt, im Hintergrunde einige Schneespitzen und Schneefelder über die braunen Felswände hineinblickend. Jetzt stand ich plötzlich mitten in der baumleeren Alpenregion. In hügeliger Form dehnte sich das Plateau des Berges rund um mich aus. Die Sträucher, die Bäume waren verschwunden. Nicht eine sibirische Ceder wuchs auf diesem hügeligen, mit einem matten Grün bedeckten Boden. Bergschmieden, Bergstuben, Erzkammern und ein großes Pochwerk standen mit ihren grauen, von Ruß und Rauch geschwärzten Mauern rings umher. Das Geräusch der Feueressen, des Blasebalgs und der Hämmer erfüllte die Luft und geschäftige Bergknappen gingen hin und her. Gerade vor mir lag ein wüster Platz; er sah aus, wie eine Brandstätte. Es war die Stelle, wo früher der Floriansbau stand. Zwei Lawinen waren zu gleicher Zeit vom Gipfel des Kreuzkogl herabgestürzt und hatten den ganzen Bau nebst den darin beschäftigten Knappen in die Tiefe geschleudert, aus der ich so eben auf meinem luftigen Wagen in die Höhe gestiegen war.

Rings um das Plateau des Berges, ganz in meiner Nähe, strecken die Schneeriesen ihre weißen Häupter in die Höhe, rechts über ihnen allen erhob sich die braune Granitwand des Kreuzkogl. Ein steil ansteigendes Schneefeld führte auf seinen Rücken hinauf. Seinen schneegefleckten Kopf sah ich nicht, weil ich gerade unter ihm stand und der vorspringende Felsrücken ihn verdeckte. Einige hunndert Fuß über mir an der braunen Felswand erblickte ich den Christophsbau, von dem ein sogenannter Schneekragen zu dem höchsten Stolln, zu dem Christophsstolln führt. Dort hinauf ging mein Weg; denn vermittelst dieses Stollns mußte ich den ganzen Gipfel des Kreuzkogl durchschneiden, um auf seine andere Seite zu kommen. Der Eingang des Stollns liegt 6544 Fuß über dem Meere.

In einigen Minuten war ich oben. Ein Bergknappe nahm mich in Empfang, zog mir einen Bergmannskittel an und setzte mich auf einen niedrigen, vierräderigen Wagen. Ein Anderer gab mir eine aus drei Bretern bestehende Holzlaterne in die Hand, in deren vorderer Oeffnung ein brennendes Talglicht steckte, ein Knappe spannte sich vor den Wagen, zwei schoben, und nun ging’s in den dunkeln Stolln hinein. Nach wenigen Augenblicken umgab mich eine tiefe Dunkelheit. Das Licht meiner Laterne warf im Vorbeifahren schwache Streiflichter über die schwarzen Wände zu beiden Seiten und auf den den Wagen ziehenden Knappen. Ich hörte nichts mehr, als das Knirschen der Räder auf ihren Holzbahnen und die Tritte der im Trabe laufenden Bergleute. Die Straße war zuweilen recht eng und niedrig. Ich mußte mich oft ganz auf meinem Wagen zusammenkauern, die Arme eng anziehen und den Kopf so tief wie möglich hinunterneigen, um nicht an der Decke und an den Wänden anzustoßen. Dann hörte ich das Rieseln der Wasser. Es waren die Bergbäche, welche den Schneefeldern über meinem Kopfe entströmten und welche im Innern des Berges durch Schichten und Risse sich einen Weg bahnten. Jetzt ging der Wagen in einem etwas gemäßigteren Tempo vorwärts. Ich fühlte, der Stolln ging langsam hinan. Nun passirten wir ein eisernes Thor. Dann ertönten einige dumpfe Schläge und ein Rollen, wie entfernter Kanonendonner. Der ganze Berg schien zu beben und zu zittern. Ein fast erstickender Pulverrauch drang in meine Nase. In einem andern Stolln wurde gesprengt und die Pulverdämpfe drangen durch die Bergadern in den Stolln, wo ich fuhr. Ich hielt mir das Taschentuch vor Mund und Nase, um nicht diesen erstickenden Dampf einzuathmen. Der Wagen rollte jetzt wieder schneller vorwärts, die Luft wurde immer drückender und der Aufenthalt in dem engen, niedrigen Stolln höchst unangenehm.

„Sind wir denn noch nicht bald aus diesem Höllenloche heraus?“ rief ich dem ziehenden Knappen zu.

„Nein, Herr,“ war die Antwort, „noch eine halbe Stunde.“

„Wie lange fahren wir dennt schon?“

„Auch eine halbe Stunde. Bei dem eisernen Thore war die Hälfte des Weges.“

Das war eine Aussicht! Noch eine halbe Stunde in dieser miserabeln Stellung! Ich war oft gezwungen, mich wie eine Schnecke in ihrem Hause zusammenzuziehen, oder ganz auf den Boden des Wagens hinabzurutschen, um nicht mit dem Kopf oder mit den Armen an die Wände anzustoßen. Fast war mir die Fahrt, wie ich auf meinem Wagen durch die Luft sauste, angenehmer gewesen. Plötzlich hörte ich gerade über meinem Kopfe einige tempoartige Schläge, und jedem Schlag folgte ein dumpfes Donnern, welches in der Ferne zu verhallen schien.

„Was ist denn das wieder?“ rief ich.

„Eine Lawine, Herr, die oben vom Kreuzkogl auf das Schneefeld fällt. Sie geht uns nichts an.“

Der Wagen rollte unaufhaltsam weiter. Nun erblickte ich in weiter, weiter Ferne vor mir einen hellen Punkt. Er leuchtete wie ein Stern. Wir fuhren gerade auf diesen leuchtenden Punkt zu. Immer wurde er größer, immer heller und klarer, ein Lichtglanz schien von ihm auszugehn, und sich durch den schwarzen Stolln zu verbreiten. Das Licht, das meine Laterne ausstrahlte, wurde immer schwächer und schwächer, während der Stern an Farbe und Glanz zunahm, je näher wir kamen. Ich konnte mir selbst sagen, was es war. Der Stern war das jenseitige Stollnmundloch. Sein Leuten war das Leuchten des in der Augustsonne glänzenden Sommermorgens. Jetzt konnte ich deutlich die Oeffnung unterscheiden. Noch einige Minuten, und Ströme von Sonnenlicht und Alpenluft drangen in den Stolln. Mein Licht erlosch. Der Wagen rollte hinaus. Was sah ich?

Ein Hochgebirgsbild, nein, ein neues Zauberbild der Wunderfahrt auf und durch den Rathhausberg! In Morgenroth gekleidet, lag das ganze Felsenamphitheater des Naßfeldes mit seinen glänzenden Schneefeldern und seinen funkelnden Gletschern vor mir. Zu meinen Füßen sah ich einen duftigen, grünen Rasenteppich, mit Tausenden rothblühender Alpenrosen geschmückt, ausgebreitet. [631] Die ganze, wohl eine Stunde breite Fläche schimmerte in Roth und Grün. Das frische, kräftige Grün, wie man es nur in den letzten Kesseln der Hochgebirgsthäler sieht, bildete die Grundfarbe. Das Roth der Alpenrosen überhauchte es mit einem zarten, duftigen Schimmer, mit einem rosigen Hauch. Kein Baum breitete sein grünes Blätterdach über diesen Rasenteppich aus; ihn schmückten nur Rosenblüthen und Rosenknospen. Auf ihm weideten Hunderte von buntgefleckten Kühen und weißen Schafen, und das melodische Geläute der Heerdenglocken tönte durch den stillen Morgen zu mir herauf. Wie ein weißes, glänzendes Silberband schlängelte sich die Ache durch diesen blühenden Wiesenteppich. Rings um ihn baute sich in grünen und braunen Strebbepfeilern die Tauernkette vom Malnitzerthal bis zum Sieglitzthal in der Form eines imposanten Felsenamphitheaters auf. Kein Strauch, kein Baum zeigte sich mehr an den braunen, steil in die Höhe steigenden Felswänden. Ihre scharfzugeschnittenen Bergrücken waren grün übermattet, und über den grünen Matten erschienen die majestätischen Massen der Eisberge, die weißen Schneefelder und die grünschimmernden Gletscherabstürze. Eine feierliche Ruhe lag über dem ganzen großartigen Hochgeblrgsbilde ausgebreitet. Der betäubende Donner der Ache und der Wasserfälle war hier verklungen; nur ein tiefes, fernes Rauschen verkündete das Leben der Staubbäche, welche wie Silberstoffschleier, oder wie Lichtraketen, oder wie wehende, glänzende Bänder und Streifen überall von den Höhen hinabflatterten, und vermischte sich mit den Glockentönen der weidenden Heerden. Es war das Blld eines Hochgebirgsthales in seiner Sommerfrische und in seiner Sonntagsruhe.

Gerade über mir erhob sich das weiße Haupt des Kreuzkogl. Der achttägige Regen, der kurz vorher im Gasteinerthal gefallen war, hatte sich hier oben in Schnee verwandelt, und ein großes Schneefeld stieg von meinem Standpunkt bis zum Kopf meines weißhäuptigen Riesen hinauf. Ohne mich umzuschauen stieg ich in Begleitung eines der Knappen hinan. Der Schnee lag tiefer, je höher ich stieg, und der Weg wurde recht beschwerlich. Zuletzt sank ich bei jedem Schritt bis über das Knie in den frischgefallenen, lockern Schnee; es war ein fortwährendes Hineinstecken und Herausziehen der Beine. Der Schnee, auf dem die Sonnenstrahlen reflectirten, flimmerte vor den Augen, ich hatte vergessen, mir einen grünen Schleier um den Gebirgshut zu binden. Dazu wurde es unerträglich heiß. Recht mühsam stieg ich mit meinem Begleiter hinan. Der Weg bis zum Gipfel erforderte fast zwei Stunden; endlich hatte ich ihn erreicht – ich athmete lang und tief. Die Rundsicht war groß und erhaben. Ich stand in der Mitte einer Reihe der höchsten Gipfel der östlichen Alpen, und nach Süden baute sich die ganze Tauernkette rund um mich auf, übereinandersteigende Bergketten, in blendendes Weiß gehüllt, weite Eisgefilde, Felsenmulden, in denen sich die Gletscher gebettet hatten, langgestreckte Eismeere, schneegefleckte, braune Felsenzüge, alle in einer Höhe von 9–10,000 Fuß aufsteigend; über ihnen erhoben sich die hohen Gletscherfirsten, ganz in weiße, glänsende Schneemäntel gehüllt, die Zackengipfel der Glocknergruppe, die weiße Pyramide des Großglockners, die sanftgewölbte Kuppel des Hohen Narren, der Obelisk des Ankogl, das Fuscher Eiskahr mit dem Wiesbachhorn, welche mich noch um mehrere tausend Fuß hoch überragten. Unten aus der Tiefe blickten aus ihren grünen Waldbergen die Bockhartseen mit ihren grünschimmernden Seeaugen zu mir herauf.

Es war mir nicht möglich, nach diesem großartigen Blick in die Hochgebirgswelt und in die Welt des Erstarrtseins wieder durch meinen dunkeln Stolln zu kriechen. Nach dem Dunkel kann das Auge wohl in das Licht sehen, die umgekehrte Folge ist unerträglich. Noch einen langen, langen Blick, und ich stieg rückwärts den Gipfel hinab. Nach einigen Minuten standen wir auf der Höhe der Schneewand, welche sich in fast horizontaler Richtung zum Christophsbau hinabsenkte. Die Wand bildete eine einzige glatte, glänzende Fläche. Wir steckten den langen Alpstock zwischen den Beinen durch, streckten die Füße gerade hinaus, und, uns ganz rückwärts überneigend, mit den Händen den Stock umklammernd, fuhren wir in wenigen Minuten mit Blitzesschnelle hinab. Der Wagen stand gerade zum Abfahren bereit. Ich legte mich auf das Bret, ließ mich festbinden, das Wasser fiel auf das Rad, ich hörte seine tempoartigen Schläge, der Wagen stürzte aus dem Maschinenhause, und ich rollte hinunter. Ich hörte wieder den Wasserfall brausen, die Winde rauschen, vor mir erschienen die braunen Felshörner der Hirschkahrwand, und nun sauste ich durch alle Regionen der Alpenwelt, indem ihre Bilder abwärts an mir vorüberflogen, durch die Luft. Kühn schaute ich, als der Wagen senkrecht stand, und ich stehend an der Felswand schwebte, in die dämmernde Tiefe. Bevor der Schwindel meinen Kopf ergriff, hatte der Wagen bereits die Wände übersprungen. Seine eisernen Räder schienen die Bahntrace kaum zu berühren. In zehn Minuten stand ich unten am Sturzplatz.




Der Untergang des Hamburgischen eisernen Schraubendampfschiffes „Austria“
am 13. September 1858.

Ein directe Verbindung der deutschen Küsten mit dem großen amerikanischen Continent wurde nirgends sehnlicher gewünscht, als in den beiden Schwesterstädten Bremen und Hamburg. Der Ausführung eines solchen Unternehmens stellten sich aber, sollte es den Namen eines deutschen tragen, gar viele Hindernisse entgegen. Diese ließen sich nur nach und nach beseitigen, und erst als man die Schraube zur Fortbewegung großer Fahrzeuge anzuwenden begann, und dieser Versuch sich als ein glänzender Sieg der Fortschritte der Mechanik erwies, konnten unternehmende Männer, auch im deutschen Vaterlande daran denken, diese neue Entdeckung für die deutsche Schifffahrt erfolgreich nutzbar zu machen. Die Hamburg-Amerikanische Packet-Schifffahrt Gesellschaft, die sich schon längere Zeit im Besitz großer schnellsegelnder Segelschiffe befand, welche sie regelmäßig nach der neuen Welt in Fahrt setzte, und namentlich auch zur Beförderung von Auswanderern tüchtigen Capitainen anvertraute, faßte zu guter Stunde den Gedanken, nunmehr auch Dampfschiffe zu erwerben, welche unter deutscher Flagge den Ocean beführen, und als Eigenthum deutscher Rheder den Gegenfüßlern verkündigten, daß die Thatkraft im alten Europa noch nicht erlahmt sei. Es war wohl Niemand in Hamburg, der nicht THeil genommen hätte an der Freude, die täglich Tausende an den Hafen lockte, als das erste eiserne Schraubendampfschiff, die „Borussia“, unsern der Landungsbrücke von St. Pauli angelegt hatte. Diesem ersten Oceandampfer folgte alsbald die gleich große und auch in derselben Weise erbaute „Hammonia.“ Etwa nach Monatsfrist begannen die regelmäßigen Fahrten dieser Schiffe, deren Ziel die menschenwimmelnde Stadt auf der Manhattan-Insel, das schimmernde, Hunderttausende von Auswanderern anlockende New-York war. Wessen Brust hätte sich nicht höher gehoben, wenn er die schwarzen Kolosse unter dem Donnergruß der Kanonen, die Flagge Hamburgs von schwarzem Rauch umweht, den breiten Strom majestätisch, scheinbar still, und doch in beflügelter Schnelligkeit hinabgleiten sah! Diese Freude, der sich ein verzeihlicher Stolz beimischte, war eine gerechtfertigte. Hatte es doch der Unternehmungsgeist der Hamburger Bürger dahin gebracht, zum ersten Male die deutsche (Hamburgische) Flagge auf eigenen großen Dampfschiffen aufzuhissen und damit das atlantische Meer zu befahren!

Das immerhin gewagte Unternehmen, das ein Capital von Millionen erforderte, fand die allgemeinste Theilnahme in Europa, wie in Nordamerika. Die ausgezeichnet gebauten Schiffe erwiesen sich als ganz vorzügliche Segler, welche die Entfernung zwischen beiden Welttheilen gewöhnlich in 16 oder 17, oft aber in 14, ja in kaum 13 Tagen zurücklegten. Was Wunder, daß alsbald der Ruf der neuen Dampfschifffahrtslinie sich durch die ganze Welt verbreitete, und Passagiere aus aller Herren Länder sich auf diesen trefflich bemannten, von bewährten Capitainen commandirten, überdies auch mit der ausgesuchtesten Eleganz eingerichteten Dampfschiffen Plätze zur Ueberfahrt nach New-York bestellten! Es war ja mehr eine Lustfahrt, als eine Reise. Passagiere zumal, welche Mittel genug besaßen, um in erster oder zweiter Cajüte zu fahren, vermißten selbst auf der öden Wasserwüste zwischen beiden Hemisphären weder die Gewohnheiten ihrer Heimath, noch die Genüsse, [632] welche die Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts ihren etwas verwöhnten Kindern zu bieten pflegt. Am Bord der „Borussia“ und „Hammonia“ gab es eine ausgesuchte Küche, musterhafte Bedienung, die zuvorkommendste Behandlung Seitens der Officiere und Mannschaft. Trat unfreundliches Wetter ein, so bot der salonartige Raum der ersten Cajüte den schönsten Platz für gemeinschaftliche Conversation. Man konnte sich auch durch Musik erheitern, denn es gab ein wohlgestimmtes Pianoforte an Bord, und wer Lust hatte, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, der fand Gelegenheit dazu, wenn er sie sonst begehrte. Eine ausgewählte Bibliothek bot die erwünschte Speise für Geist und Herz.

So kam es, daß nur selten eins dieser Schiffe mit einer geringen Anzahl Passagiere seine Reise antrat. Meistentheils waren alle Plätze vollständig besetzt, namentlich im Zwischendeck; denn es konnte nicht fehlen, daß die vortreffliche Einrichtung der Schiffe, die zahlreiche Mannschaft und die Vorkehrungen, welche zur Gesundheit getroffen worden waren, endlich die Schnelligkeit ihrer Fortbewegung bei jedem Wetter auch die Aufmerksamkeit der massenhaft zuströmenden Auswanderer fesseln mußte. Die neuen Schraubendampfer wurden somit die gesuchtesten Fahrzeuge für alle Auswanderer, welche die Kosten der Ueberfahrt bestreiten konnten.

Das Unternehmen rentirte. Man mußte auf Erweiterung desselben Bedacht nehmen, und so schritt denn die Gesellschaft zur Erbauung zweier neuer, gleich großer und wo möglich noch zweckmäßiger construirter Schraubendampfschiffe. Man taufte diese neuen Fahrzeuge „Saxonia“ und „Austria.“ Jene führte unter dem Bugspriet die Saxonia, mit dem sächsischen Wappenschild zur Seite, diese den doppelköpfigen detschen Reichsadler. Alle vier Schiffe waren in Greenock auf den Werften von Caird u. Comp. gebaut, und die beiden letzteren hatten 2500 englische Tons Gehalt, führten Maschinen von nominell 400 Pferdekraft, nach dem Indicator 1500, und konnten 500 Personen bequem an Bord nehmen.

Die „Austria“, welche unsers Wissens von Hamburg aus zuletzt in regelmäßige Fahrt nach New-York gesetzt wurde, hatte über Deck eine Länge von 355 Fuß, am Kiel 330 Fuß, die Breite des Decks betrug 43, die Höhe 36, die Höhe des Zwischendecks endlich 81/2 Fuß. Zu letzterem führten vom obersten Deck drei Eingänge, der hinterste unfern des großen Mastes und zwar zwischen diesem und dem Schornsteine. Zu größerer Sicherheit bei etwaigen Unglücksfällen, um diese weniger gefährlich zu machen, war das Schiff in zehn wasserdichte Räume eingetheilt. Es war außerdem mit den nöthigen Pumpen versehen, von denen eine mittelst Dampf in Bewegung gesetzt werden konnte, und über Deck, an Back- und Steuerbordseite hängend, führte es acht große Boote. Drei derselben, welche den Eisen waren, konnten 60 erwachsene Personen ein jedes bequem fassen, zwei hölzerne und ein anderes eisernes Rettungboot faßten jedes 50 Personen, und zwei kleinere Jollen boten Raum für 30 bis 40 Mann. Die Mannschaft des Schiffes, incl. des Küchen- und Aufwärterpersonals, bestand aus hundert Köpfen. Dem Capitain standen zunächst vier Officiere (erster, zweiter, dritter und vierter Steuermann) zur Seite. Für Besorgung und Ueberwachung der Maschine sorgten vier Ingenieure. Zur Bedienung des Schiffes vereinigten ihre Kräfte zwei Bootsmänner, vier Quarterleute, zehn Voll- und vierzehn Leichtmatrosen, zu denen noch zwölf Schiffsjungen kamen. Zur Behandlung etwaiger Kranker und Verwundeter war ein Schiffsarzt und ein Schiffschirurgus angestellt. Außerdem gab es noch einen Proviantmeister nebst Gehülfen, zwei Zimmerleute, einen Segelmacher, zwei Assistenten für die Maschinisten, einen Kesselschmied und einen Material-Verwalter an Bord. Beim Heizen waren 20 Feuerleute, die sich ablösten, beschäftigt, 15 Personen fungirten als Stewards und 9 walteten und schalteten in der Küche. Die Verproviantirung der „Austria“ ließ wohl kaum etwas zu wünschen übrig; denn es gab in dem gewaltigen Schiffsrumpfe besondere Räume für Proviant, eine eigene Rauchfleischkammer, eine Eiskammer und ein Weinlager, die sämmtlich im Vordertheil des Schiffes, also in möglichst weiter Entfernung von den Dampfkesseln angebracht waren. Zu beiden Seiten der Dampfkessel lagerten die Steinkohlen. Ein Destillirapparat lieferte täglich 50 Oxhoft Trinkwasser. Nach menschlicher Berechnung war demnach nichts vergessen, was zur Sicherung von Mannschaft und Passagieren dienen konnte, wenn etwa schweres Unwetter die Fahrt verlängerte, das Schiff verschlagen würde und vielleicht halb oder ganz mastlos längere Zeit auf dem Ocean umhertreiben mußte. Auch die Möglichkeit einer Feuersgefahr hatte man in’s Auge gefaßt, und deshalb eine beträchtliche Anzahl Eimer (etwa vier Dutzend) angeschafft, die auf Deck mit Ketten befestigt waren, damit eine Sturzsee sie nicht über Bord spüle. Taue, Ketten, Anker, Reserveschraube, Alles war vorhanden.

Großbritannien war durch den indischen Aufstand eben in erschreckender Weise aus seiner sichern Ruhe aufgescheucht worden, als die „Austria“ vom Stapel lief. Die ostindische Compagnie brauchte sichere, seehaltige und schnellsegelnde Fahrzeuge, um möglichst rasch Truppen von den britischen Inseln nach Ostindien werfen zu können. Sie sah sich nach solchen um, und trat mit den Eigenthümern des genannten Schraubendampfschiffes in Unterhandlung. Bald darauf ward die „Austria“ von der ostindischen Compagnie gechartert, der Hamburgische Capitain Heydtmann übernahm das Commando, und das Schiff ging, mit Hülfstruppen für Indien besetzt, in See. Es leuchtete aber kein Glücksstern über dem prachtvollen Fahrzeuge, von furchtbaren Stürmen erfaßt, wodurch es starke Havarie erlitt, mußte es zweimal umkehren, was nur unter augenscheinlicher Gefahr geschehen konnte, wurde aber durch die geschickte Führung des Capitains, der in seemännischen Kreisen als ein unerschrockener, seinem Fache vollkommen gewachsener Mann bekannt war, glücklich wieder zurückgebracht. Dieses zweimalige Mißgeschick der „Austria“ machte, scheint es, die ostindische Compagnie bedenklich, der Contract ward rückgängig gemacht und Seitens der Compagnie an die Eigenthümer des Schiffes eine Abstandssumme bezahlt, die jedoch von den nothwendig gewordenen Reparaturen vollständig verschlungen wurde.

Nun erst schloß sich das Schiff unter Führung desselben Capitains seinen Schwestern als Post- und Packetschiff an, und begann seine regelmäßigen Fahrten. Diese verliefen immer rasch und glücklich. Die „Austria“ bewährte sich als ein ausgezeichnetes seehaltiges Fahrzeug und ward eben so von Passagieren gesucht, wie die übrigen drei ihr an Größe und Eleganz gleichen Schraubendampfer.

Am 1. September dieses Jahres trat das Schiff bei günstigem Wetter abermals seine Reise von Cuxhaven nach New-York an. Bei Stade nahm es die letzten Passagiere an Bord, die ihm ein kleinerer, der Gesellschaft zugehöriger Schleppdampfer von Hamburg zuführte. Diese Schraubendampfschiffe können nämlich ihres sehr bedeutenden Tiefganges wegen den Hamburger Hafen nicht mit voller Ladung erreichen oder verlassen, da weiter elbabwärts große Sande sehr tief gehenden Schiffen hinderlich sind. Aus diesem Grunde ankern die Ocean-Dampfer sowohl bei ihrer Ankunft von New-York, wie bei ihrem Abgange dahin vor Stade.

Die „Austria“ hatte volle Ladung, eine sehr starke Brief- und Packetpost und von Hamburg aus im Ganzen 420 Passagiere an Bord. Letztere vertheilten sich folgenderweise. Es kamen auf die erste Cajüte 49 Erwachsene, 16 Kinder und 3 Säuglinge, auf die zweite Cajüte 103 Erwachsene, 5 Kinder und 3 Säuglinge, auf das Zwischendeck endlich 211 Erwachsene, 27 Kinder und 3 Säuglinge. Die Zahl sämmtlicher Kinder betrug demnach mit den Säuglingen 57. Wie viele Frauen und Mädchen sich unter den Passagieren befanden, ist uns nicht genau bekannt, sie war aber sehr beträchtlich. Am 3. September erreichte das Schiff Southampton, wo es noch einige zwanzig Passagiere, auch unter diesen Frauen und Kinder, einnahm, und darauf am 4. September die Reise fortsetzte.

Es war Abends 5 Uhr, die Luft etwas neblig, und mithin nicht gut zu segeln. Der Vorsicht wegen ging der Capitain zwischen der Insel Wight und dem Festlande vor Anker, verblieb daselbst während der Nacht und ließ am 5. September früh 4 Uhr die Anker wieder lichten. Ein unglückliches Ungefähr, vielleicht auch eine Unvorsichtigkeit, ließ beim Aufwinden den Anker auslaufen, das Gangspill wirbelte in reißender Schnelligkeit rund herum, schleuderte die daran Arbeitenden nach allen Seiten hin und stürzte einen derselben über Bord, der auch um’s Leben kam. Zwei Andere sollen bei diesem Unfalle schwer verwundet worden sein.

Schiffer sind abergläubisch. Wenn ein Schiff gleich beim Verlassen des Hafens von einem Unfalle heimgesucht wird, gibt ein solcher gewöhnlich allerhand zu glossiren. Es mag dies Thorheit sein, allein die Thatsache steht fest. Ob Jemand von der Bemannung der „Austria“ diesem Seemannsglauben ergeben war, wir wissen es nicht, mehr als bloßes Gerücht scheint es aber zu sein, daß der Capitain des Dampfschiffes nicht gern die Führung des Schiffes behalten haben soll. Es wird wenigstens mit großer Bestimmtheit erzählt, derselbe habe schon seit geraumer Zeit ein anderes Schiff zu übernehmen gewünscht und geäußert, seine am 1. Sept. auf der „Austria“ angetretene Reise sei die letzte im Dienste der

[633]
Die Gartenlaube (1858) b 633.jpg

Der Postdampfer „Austria“ vor dem Brande.

[634] Gesellschaft gewesen. Die Reise der „Austria“ verlies indeß ganz regelrecht, nur nicht so schnell, wie wohl manche frühere, denn das Schiff hatte fortwährend mit starken westlichen Winden zu kämpfen. Erst am 12. Septbr. war das Wetter günstiger und der Lauf der „Austria“ ein ungleich schnellerer. Am 13. September betrug die Schnelligkeit des Schiffes 11 Knoten die Stunde.

Es war Nachmittags 2 Uhr. Von den Passagieren lustwandelten, das schöne Wetter zu genießen, Viele auf Deck, andere hielten sich lesend in den Cajüten auf oder befanden sich im Rauchzimmer. Um diese Zeit pflegt sich der Capitaiu wohl in seine besondere Cajüte zurückzuziehen, wem: seine Gegenwart auf Deck nicht gerade durch besondere Umstände geboten ist. Zwei der Officiere haben dann die Wache und Aussicht au Bord (an genanntem Tage der zweite und dritte) und sehen zum Rechten. Große Schiffe, in derem Innern viele Menschen sich aufhalten, bedürfen auch dann sorgfältigster Auslüftung, wenn keine Krankheit unter den Passagieren herrscht. Schon damit die Gesundheit Aller erhalten bleibe, ist Lüftung oder, wo diese nicht genügend beschafft werden kann, Räucherung mit stark riechenden Stoffen unerläßlich. Zur Einführung frischer Luft in das Zwischendeck hat man zwar auf allen Schiffen Ventilatoren, aber auch durch diese strömt nicht immer eine hinreichende Menge von Luft zu. Die „Austria“ besaß zwei große Ventilationsröhre, links und rechts vom Schornsteine, dennoch mußte zur Verbesserung der Luft im Zwischendeck auf ihr, wie eben auf jedem andern Schiffe mit gleich vielen Passagieren, geräuchert werden. Der Capitaiu, menschenfreundlich und zuvorkommend gegen Jedermann, scheint überhaupt für Reinlichkeit am Bord die aufmerksamste Sorge getragen zu haben. Das Schiff ward nach Aussage eines Passagieres, welcher die Katastrophe seiner Vernichtung überlebt, täglich gescheuert und dann mit Essig geräuchert. Jeden Vormittag stieg der Capitaiu hinunter in’s Zwischendeck, um nachzusehen, ob auch Alles in Ordnung sei, und sich nach dem Befinden der Passagiere etc. zu erkundigen. „Er war die Leutseligkeit selbst und bezeigte“ – berichtet Johann Palicrusca aus Cattaro– „jedem Leidenden eine herzliche Theilnahme.“

An diesem unglücklichen dreizehnten September – könnte man nicht fast an das Ominöse zu glauben sich veranlaßt fühlen, das dieser Zahl von Alters her anhaftet? – war Befehl gegeben, das Zwischendeck mit Theer zu räuchern. Auch dies ist gebräuchlich, hat also nichts Auffälliges. Damit nun die Räucherung ungestört und mit erforderlicher Vorsicht in Angriff genommen werden kann, müssen alle Passagiere während derselben das Zwischendeck verlassen. Der größere Theil begibt sich auf das Deck, eine Anzahl hält sich wohl auch auf den Treppen und Gängen auf. Ordnungsmäßig soll die Räucherung unter Aussicht wenigstens eines Officiers geschehen. Wir hören von sachverständigen Seeleuten, daß auch der Arzt oder der Chirurg dabei gegenwärtig ist und außerdem einige Matrosen. Daß an diesem Unglückstage die Räucherung nickt mit der dabei erforderlichen nöthigen Vorsicht geschehen sein muß, ist wohl kaum zu bezweifeln, oder alle Stimmen, die sich bis jetzt darüber vernehmen ließen, müßten Unwahres berichten. Ein Bootsmann mit einigen Matrosen – so lautet die Aussage Geretteter – stieg hinab in das Zwischendeck. Sie führten einen Eimer Theer und eine glühend gemachte Eiseustauge – Andere sagen, das Ende einer Kette – mit sich, um dies erhitzte Stück Eisen in den Theer zu tauchen und diesen so darauf verdampfen zu lassen. Jedenfalls war das Eisen zu heiß, der Theer entzündete sich und höchst wahrscheinlich bei dem Bemühen der zuspringenden Matrosen, den brennenden Eimer zu löschen, stürzte dieser um, die auflodernde Flüssigkeit ergoß sich nach allen Seiten hin und entzündete im Nu alles zunächst Brennbare. Ein paar Secunden noch und schon wirbelten schwarze Rauchsäulen, von hohen dnnkelrotheu Lohen durchglüht, rund um den Schornstein und schlugen aus dem dritten Eingänge zum Zwischendeck auf’s obere Deck heraus. Dieser Eingang befand sich dicht an dem Verschlage, welcher das Zwischendeck von dem Maschinenraume trennt, wohin sich allem Vermuthen nach das Feuer sogleich Bahn brach. Von Rauch und Flammen umzingelt, verloren hier muthmaßlich Heizer und Maschinisten unmittelbar nach Ausbruch des Feuers ihr Leben. Nur der erste Befehl, die Maschine aus halbe Kraft zu setzen, wurde vernommen und vollzogen, jedem späteren konnte nicht mehr Folge geleistet werden, da er an die Ohren Erstickter schlug. So arbeitete denn die herrenlos gewordene Maschine wie ein schadenfroher Dämon weiter und jagte das unglückliche Schiff mit seinen dem Verderben geweihten Passagieren unter dem Sausen des Dampfes und dem Geheul prasselnder Flammen gerade dem Winde entgegen.

Auf Deck verursachte der entstehende Brand sogleich, die allgemeinste Verwirrung. Diese nahm in bedenklichster Weise zu, als man gewahrte, daß auch die befehlende Autorität, von dem Ungeheuern des Unglücks überwältigt, von Anfang an die Möglichkeit jeder Rettung zu bezweifeln schien. Alle Aussagen von Augenzeugen stimmen darin überein, daß mit dem Ausschlagen der Flamme aus dem Mitteldeck jede Leitung des Schiffes und sonach auch alle Ordnung aufhörte. Es läßt sich dies nur erklären aus dem reißenden Umsichgreifen der Flammen, die thatsächlich schon nach wenigen Minuten den ganzen mittleren Theil des Schiffes ergriffen und dieses selbst in zwei Hälften theilten. Die auf dem Quarterdeck Versammelten oder dahin sich Flüchtenden sahen nicht, was auf dem Vorderteil des Schiffes geschah, den hier Weilenden verhüllten die nachtschwarzen Rauchwolken mit ihren lohenden Feuerzungen den Jammer und das Entsetzen der Unglücklichen auf dem Hintercastell. Beim Ausblick dieser grauenhaften Bedrängniß war es wohl möglich, daß dem Capitain, der baarhäuptig aus seiner Cabine auf Deck stürzte, im Gefühl der ihn überwältigenden Ohnmacht die Worte entschlüpften: „Wir sind Alle verloren!

Es wollen diesen Verzweiflungsruf des Mannes, dem ja zunächst die Sorge oblag, die Passagiere zu retten, so Viele vernommen haben, daß wir ihn für wirklich gesprochen halten müssen. Nun stürzten sich, von den Flammen gehetzt, die jetzt schon Viele versengten, Andere erstickten, die Passagiere in ganzen Schwärmen auf die Rettungsboote, deren die „Austria“, wie schon erwähnt, acht führte, und zwar vier auf jeder Seite. Nur die Hälfte derselben war erreichbar, von den übrigen hielt die wehende Feuersäule Jeden fern. Die ungestüme Eile, die sich Aller bemächtigte und eine Beschwichtigung der entsetzten Menge völlig unmöglich machte, erschwerte den Officieren, denen auch der Capitain sich zugesellte, das klarmachen der Boote. Keins derselben konnte ordnungsmäßig in die See hinabgelassen werden. Man schnitt die Taue durch und in die noch schwebenden Boote warfen sich die Passagiere massenhaft. Sie stürzten hinab in die Wogen, schlugen um und die Mehrzahl der darin Befindlichen ward ein Opfer der Wellen. Die Boote selbst aber mit Ausschluß eines einzigen, wie es scheint, geriethen in das Kielwasser des schnell fortsegelnden Schiffes, wurden von den Flügeln der Schraube erfaßt und zerschmettert. Zur Vergrößerung des ohnehin schon namenlosen Unglücks verlor gleich in den ersten Minuten nach dem Ausbruche des Feuers der Capitain das Leben. Ueber die Art, wie er zu Tode kam, gehen die Aussagen der Augenzeugen mehrfach auseinander. Einige lassen ihn beim Losmachen eines der Boote, von dem er die verzweifelte Menge abhalten wollte, ausgleiten und über Bord fallen; Andere meinen, er sei von dem nach Rettung schreienden Menschenknäuel über Bord gedrängt worden; Einer sogar, Charles Rosen aus Richmond, ein fünfzehnjähriger Jüngling, will ihn freiwillig über Bord haben springen sehen. [1] [635] So war denn das brennende Schiff mit den Hunderten, die es trug, sich selbst überlassen, ein Spielball zweier Elemente, die beide seinen Passagieren gleiches Verderben bringen mußten. Keine menschliche Hand griff mehr in die Speichen des Steuerrades; der Mann, der es regierte, hatte es verlassen oder war von dem erstickenden Rauche, dem sein Antlitz ja zugekehrt bleiben mußte, vertrieben worden. In dichten Haufen zusammengedrängt standen Frauen und Kinder weinend, jammernd, händeringend, nach den vermißten Männern, Brüdern oder Kindern schreiend, am Stern. Ueber ihre Häupter fort sauste der Rauch, fuhren die heulenden Flammen, und erfaßt von der verzehrenden Lohe, stürzten sich immer mehr in die Tiefe, um den leichteren Tod im Wasser dem langsameren des Verbrennens vorzuziehen. Männer warfen ihre Frauen, Mütter ihre Kinder über Bord, und folgten ihnen dann selbst. Schwestern umschlangen sich, um im Kusse zu sterben. Mit auflodernden Kleidern, ganz von Flammen umhüllt, stürzten viele Frauen in’s Meer, trieben hier noch eine Weile und versanken dann spurlos in die Tiefe.

Es liegen bereits eine Menge Berichte über den Verlauf der entsetzlichen Katastrophe vor, welche Details mittheilen, bei deren Lesen das Herz jedes fühlenden Menschen erbeben muß. Wenn im Kriege die eisernen Würfel rollen, dann ist der Soldat wie der Bürger auf das Schrecklichste gefaßt; wenn aber mitten im gefahrlosen Frieden, bei stillem Wetter und hellem Sonnenlicht plötzlich gleichsam der Orkus sich unter unseren Füßen öffnet und auf allen Seiten jede Möglichkeit, dem qualvollsten Tode zu entrinnen, abgeschlossen ist: dann lähmt starres Entsetzen selbst die Muthvollsten und Entschlossensten.

So fürcherlicher Art war das Schicksal, welches die harmlosen Passagiere der „Austria“ schnell, wie der Blitz, ereilte. Es war Keiner auf einen Unfall, viel weniger auf eine große Katastrophe gefaßt, und je plötzlicher das Unglück in seiner grenzenlosen Furchtbarkeit hereinbrach, desto erschütternder und vernichtender mußte es niederstürzen auf die Passagiere. Wir stellen, um vor den Augen der Leser dieser Blätter ein möglichst anschauliches Bild von dem Untergange des brennenden Schiffes und von den Leiden der Unglücklichen, die es trug, zu entrollen, im Auszuge die wichtigsten Aussagen jener wenigen Glücklichen hier zusammen, die dem Verderben entrannen. Alle Angaben über die Entstehung des Brandes stimmen überein, weil aber jeder Einzelne sehr bald nur auf seine eigene Kraft, sich zu retten, angewiesen war, so erlebten Viele unter dem gemeinsamen Jammer Hunderter doch Verschiedenes.

Die ersten ausführlicheren Berichte über die Katastrophe der „Austria“ kamen durch amerikanische Zeitungen nach Europa. Sie rühren von jenen zwölf Passagieren her, welche das Schiff „Lotus“ von der Barke „Maurice“ aufnahm und auf amerikanischem Boden landete. Mit vieler Klarheit erzählt namentlich Alfred Bezin aus Philadelphia, welcher seine Mutter und zwei Schwestern dabei verlor, den Beginn des Brandes und die Bestürzung, welche sich alsbald aller Passagiere bemächtigte, da durch ein Zusammentreffen vieler unglücklicher Zufälle jegliche Disciplin auf dem Schiffe nur zu bald aufhörte.

„Ich befand mich am Nachmittage des 13. September in der ersten Cajüte“ – sagt dieser Gewährsmann – als ich gegen zwei Uhr ein ungewöhnliches Lärmen auf Deck hörte, bald darauf den Ruf „Feuer!“ „das Schiff brennt!“ vernahm und sofort hinaufstürzte. Es war ein schreckliches Schauspiel, das ich erblickte: dicke Rauchwolken und ab und zu hoch auflodernde Flammen hüllten den Schornstein vollständig ein und machten alle Aussicht auf das Vorderdeck unmöglich. Die Flammen schienen rings um den Schornstein selbst und aus der Hauptluke emporzulodern. Ich hatte indeß keine Zeit, lange Untersuchungen darüber anzustellen, denn die Scene, die ich ringsum erblickte, und die Aufregung ließen keine ruhige Ueberlegung zu. Das Schiff fuhr gegen Wind, und da wir zur Zeit eine ziemliche Brise hatten (Andere, unter diesen auch der zweite Steuermann, behaupten, es sei fast gar kein Wind gewesen) und das Schiff weiter fuhr, so schlugen die Flammen mit erschreckender Geschwindigkeit nach dem Hintertheil des Schiffes zu. Als ich auf Deck kam, stürzte eine große Zahl von Passagieren der zweiten Cajüte dem Salon zu, wobei sie von den Flammen verfolgt und fast geradezu versengt wurden, sowie sie aus der zweiten Cajüte heraufkamen. Viele von ihnen sind meiner Meinung nach, trotz aller angestrengtesten Versuche, heraufzukommen, durch Flammen und Rauch in der zweiten Cajüte eingeschlossen geblieben. Die Flammen schlugen bald über das ganze Schiff herüber, obwohl Löschungsversuche gemacht wurden. Ich konnte zur Zeit keinen der Schiffsofficiere in der Nähe erblicken, doch hörte ich, daß der Capitain offenbar halb wahnsinnig eben mit dem Rufe: „Wir sind Alle verloren!“ heraufgestürzt und sofort über Bord gesprungen sei. (Vgl. damit die Aussage der Leute von der Mannschaft.)

Kurz zuvor war ein Boot hinabgelassen worden; auf dieses schwamm der Capitain zu und erreichte dasselbe. In diesem Augenblicke sprang auch der zweite Officier vom Quarterdeck aus über Bord, konnte das Boot jedoch nicht erreichen und ist wahrscheinlich in den Wirbel, welchen das Umdrehen der Schraube verursacht, hineingezogen und von dieser zerquetscht worden. So lange das Schiff mit der Breitseite gegen den Wind lag, wurden einige schwache Versuche gemacht, das Feuer zu löschen, oder wenigstens dessen größere Ausbreitung zu verhindern. Einige ergriffen ihre Taschenmesser, und versuchten Taue abzuhacken, um sie an Eimern zu befestigen, mit denen man Wasser heraufziehen wollte. Allein alle diese Versuche erwiesen sich fruchtlos; die Taschenmesser brachen ab, und die meisten Eimer gingen verloren, sobald sie das Wasser berührten. Das Feuer ergriff jetzt auch die Takelage, zerstörte die Taue und zwang uns, alle weiteren Löschungsversuche aufzugeben. Auch auf anderen Theilen des Schiffes wurden schwache Löschungsversuche gemacht, aber das Feuer nahm fortwährend zu, und als das Schiff nun vollends wieder gegen den Wind abdrehte, schlugen die Flammen mit rasender Schnelligkeit immer weiter gegen das Quarterdeck, so daß wir selbst auf dem äußersten Hintertheil des Schiffes es kaum mehr vor Hitze aushalten konnten. Die Scenen, die nun folgten, waren furchtbar. Viele sprangen, ohne sich irgend um etwas zu kümmern, in den Ocean. Die Damen fielen in Krämpfen auf dem Deck nieder. Mehrere Boote, die man hinunterließ, wurdem vom Kielwasser nach der Schraube zu gezogen und von dieser zerschmettert. Der größere Theil der Passagiere lief auf Deck umher, um irgendwo Gegenstände zu entdecke, die wohl treiben möchten. Wer

Feuer hindurchlaufen, welches den vordern Theil des Schiffes bereits vom Schiffshintertheile trennte. Als er sich seinen Weg durch die Flammen bahnte, erhielt er bedeutende Verletzungen. Später sah ihn der erste Officier auf dem Backbord des Hintertheiles stehen. Wie es schien, war er durch die erlittenen Brandverletzungen betäubt. Einige Passagiere behaupten, sie hätten gesehen, wie er über Bord sprang.


„Das einzige Boot, das das Wasser erreichte, ohne zerschellt zu werden, war eins der großen eisernen Rettungsboote. Es war zuerst, als es niedergelassen wurde, vollständig mit Menschen angefüllt; aber das Gewicht war so groß, daß viele von ihnen herausfielen, als das Boot das Wasser erreichte. Dreißig Menschen hielten sich in dem Boote, aber da das Boot voll Wasser geschlagen war, so kenterte es mehrere Male, wobei sieben Personen ertranken. Es blieben im Boote der erste Officier, sechs von der Mannschaft, ein Steward und funfzehn Passagiere. Um drei Uhr kam unser Boot von dem Dampfer los und wir blieben sofort zurück, da das Schiff vorwärts ging und wir nicht im Stande waren, das Boot zu handhaben, so daß wir bald vom Schiffe getrennt wurden. Wir gaben uns große Mühe, das Wasser aus dem Boote auszuschöpfen, kamen damit aber nicht eher zu Stande, als bis wir ein Floß aus den zum Boote gehörenden Rudern und Masten angefertigt und die Passagiere darauf gebracht hatten. Hierauf schöpften wir das Boot aus und nahmen dann die Passagiere wieder ein. Etwa eine Stunde, nachdem wir den Dampfer verlassen hatten, bekamen wir die französische Barke „Maurice“ in Sicht, ruderten auf dieselbe zu, erreichten sie um 8 Uhr und fanden bereits den dritten Officier und einige Passagiere am Bord.


„Der zweite Officier wurde schwimmend von der „Maurice“ gegen 8½ Uhr auf[genom]men. Er war etwa um 2½ Uhr durch das Andrängen der Passagiere der „Austria“ über Bord gestoßen worden, als diese sich in sein Boot hineinstürzten und dasselbe zertrümmerten. Er hielt sich fast 6 Stunden lang durch Schwimmen über Wasser, ohne daß er irgend etwas gehabt hätte, an das er sich hätte festhalten können.


„Der dritte Officier verließ den Dampfer um 5 Uhr. Er war auf Deck der „Austria“ geblieben, bis er sah, daß kein einziges Boot mehr vorhanden war, und wurde durch das Feuer über Bord getrieben. Er hielt sich an einem Taue außerhalb des Schiffes fest, bis um 5 Uhr die eisernen Platten des Schiffes roth wurden, worauf er in’s Wasser sprang. Er schwamm einige Zeit herum, fand dann einige Stücke Holz umhertreiben und hielt sich hieran über Wasser, bis er um 6½ Uhr, mit bedeutenden Brandwunden bedeckt, von dem französischen Boote aufgefischt wurde.


„Als wir die „Austria“ verließen, waren drei Segel in Sicht, von denen einzig die französische Barke „Maurice“ herankam, um Hülfe zu leisten. Die „Maurice“ nahm 66 Personen an Bord, von denen 12 an Bord der nach Halifax bestimmten „Lotus“ übergeschifft wurden. Die Uebrigen wurden am 19. Septbr. auf Fayal an’s Land gesetzt, von wo aus die Passagiere sich an Bord des englischen Kriegsdampfers „Valorous“ nach New-York einschifften. Wir wurden von dem Londoner Dampfer „Ireland“ an Bord genommen, der uns auf unserer Rückreise nach Hamburg gestern in Gravesend an’s Land setzte.“ [636] etwas Derartiges gefunden hatte, warf es entweder denjenigen zu, die schon über Bord gesprungen waren. oder sprang selbst damit über Bord. Ueberall herrschte die größte Verwirrung. Die Frauen jammertein, die Kinder liefen schreiend nach dem Stern den Schiffes, und zwischen durch vernahm man die Todesschreie Ertrinkender! Und immer weiter noch drang das Feuer vor. Kaum konnte man es noch am Bord aushalten, ohne geradezu gebraten zu werden. Um diese Zeit stürzte eine junge Dame mit dem Ausrufe auf mich zu: „Was soll aus uns werden? Was sollen wir anfangen?“ Ich entgegnete, daß wir höchst wahrscheinlich Alle umkommen würden. Darauf fiel sie sofort in Lachkrämpfe und schien vollständig ihr Bewußtsein verloren zu haben. Ich wurde von ihrer Seite gedrängt und weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Fast alle Welt sprang jetzt über Bord, da die Hitze vollständig unerträglich geworden war, viele paarweise, Andere zu Dreien und Vieren, Einige Hand in Hand. Ich selbst, obwohl ich mich weit über den Stern des Schiffes hinauslehnte, ward beinahe geröstet; ich fühlte, daß alsbald auch die Reihe an mich kommen würde, nahm mir aber vor. so lange wie irgend möglich auszuhalten, und suchte mir zwei Taue zu verschaffen, an denen ich mich wenigstens etwas hinunterlassen könnte, um dann so weit wie möglich außerhalb des Bereiches der Schraube zu springen.

„Um diese Zeit war es, wo der Ungar mit seiner ganzen Familie über Bord sprang. Dies ist die gräßlichste Scene von allen, die ich erlebte. Eine junge Dame sprang nicht eher über Bord, bis ihre sämmtlichen Kleider Feuer gefangen hatten und die Flammen über ihr zusammenschlugen. Jetzt ließ auch ich mich an meinem Tau hinunter und sprang dann so weit wie möglich vom Schiffe ab in’s Wasser. Als ich wieder auftauchte, schwamm ich auf eine Rettungsboye zu, die ich in einiger Entfernung von mir erblickte, und glücklicher Weise gelang es mir, dieselbe nach einiger Zeit zu erreichen.

„Die „Austria“ dampfte noch immer brennend, mehr einer ungeheuern Feuermasse, als einem Schiffe gleichend, in der frühreren Richtung fort, und noch immer sah ich die Passagiere einen nach dem andern in’s Meer springen. In einiger Entfernung von mir bemerkte ich kleine dunkle Flecke auf dem Wasser, Boottrümmer, Rettungsboyen, schwimmende Menschen. Nachdem ich etwa zwei bis drei Stunden, an meiner Rettungsboye angeklammert, herumgetrieben war, sah ich ein Schiff in einer Zickzacklinie mir näher kommen. Eine Stunde später wurde ich von diesem Schiffe aufgefischt, nachdem ich volle vier Stunden im Wasser gewesen war.“

Ein Passagier der zweiten Cajüte, Philipp Berry aus Hackensack (New-Jersey), welchen das Feuer in der Cajüte überraschte, entging dem Tode nur dadurch, daß es ihm gelang, durch das Skylight am hintern Theil der Cajüte zu entkommen. Nach den Aussagen desselben fand er bei Ankunft auf Deck drei odet vier Officiere beschäftigt, ein Boot in’s Wasser zu lassen, was aber nicht gut gelingen wollte, da eins der Taue, an denen es hing, nicht leicht nachgab. In dieses Boot wollte, berichtet Berry, auch der Capitain steigen, trat aber fehl und fiel in’s Wasser, wo er alsbald versank. Ferner bemerkt dieser dem Tode Entronnene, das Schiff habe damals etwa 8 bis 9 Knoten gemacht, und die Maschine anzuhalten, sei unmögllch gewesen, weil alle Ingenieure, wie erwähnt, vermuthlich sehr bald nach Ausbruch des Feuers erstickten. Die Schilderung der Scenen auf Deck, die Berry ansah, waren herzzerreißend. Unter andern kam eine Frau auf ihn zu und bat ihn um Gotteswillen, er möge ihr doch den Hals abschneiden; sie lief wie wahnsinnig auf dem Deck umher und ging seinen Blicken bald verloren.

(Ein zweiter Artikel mit neuen Details in nächster Nummer.)




Blätter und Blüthen.


Der chinesische Damenfuß. Endlich wissen wir von Wingrove Cooke, dem Times-Correspondenten, der seine Briefe in einem besonderen Buche („China in 1857–58“) veröffentlichte, ganz genau, wie der chinesische Damenfuß gebildet wird und aussieht. Er ließ sich Mädchenfüße in allen Stadien der Kunst zeigen. „Die älteste dieser 8 Mädchen hatte schon den vollendet schönen Fuß, einen formlosen Klumpen. Der Rist oder die Fußbiege nimmt die Stelle des Knöchels ein und Alles, was blieb, um darauf zu gehen, war der Ballen der großen Zehe und die Ferse. Das ist der kleine Fuß der Chinesinnen, ein Stückchen Zehe und ein Stückchen Ferse mit einem großen Rist dazwischen. Zwei der andern Mädchen, zweites und drittes Stadium der Vervollkommnung, litten noch große Schmerzen in den heißen, entzündeten Füßen. Die nächste war noch im Anfange des zweiten Stadiums, von welchem schwache Kinder oft sterben. Die Fußsohle war zu einem Bogen zusammengepreßt, Ferse und große Zehe möglichst nahe aneinander geschroben. Diese Folter wird nach und nach immer enger geschroben, Monat nach Monat. Der Fuß schwillt und entzündet sich, die Schmerzen sind oft furchtbar, aber die zärtliche Mutter harrt aus. Die vier jüngsten Mädchen waren noch im Vorbereitungsstadium, in welchem die große Zehe freigelassen, die vier andern aber fest unter den Fuß gebunden werden, bis sie dem Auge ganz verschwinden, ihre Articulation verlieren und mit der Fußsohle unten verwachsen. Hernach erst kommen die verschiedenen anderen Folter-Pressen, bis die Dame auf großer Zehe und Ferse, dicht neben einander, frei, aber stets wackelig, einherstelzen kann.“

Dies klingt so häßlich, so grausam, so empörend, daß man geneigt sein möchte, anzunehmen, schon wegen der Damenfüße müßten diese gräßlichen Barbaren niederkartätscht und mit westlicher Civilisation bekannt gemacht werden. Aber von diesem Standpunkte bekämen die Chinesen ein größeres Recht, uns niederzukartätschen, da wir Frauen, Töchter und Schwestern haben, die mit ihrem Leibe, mit ihrer Lunge, mit ihrem Schooße – die alle edler und wichtiger sind, als die Füße – eben so gräßliche Torturen vornehmen, wie die Chinesen mit ihren Mädchenfüßen. Und dazu der frech hintensitzende Spott eines Hutes, der wie Herausforderung zu allen Liederlichkeiten und Frechheiten aussieht! (Wie züchtig und sittsam war dagegen die alte „Eierkiepe!“) Und dazu die eisernen Reifen (eine englische Fabrik in Birmingham verarbeitet jede Woche 400 Centner Eisen zu Damenrockreifen) und die luftballonartig bauschenden Falbeln! Sehen diese alle menschliche Form – nicht zu reden von weiblicher Grazie, Schönheit und Sittsamkeit – zu Carricaturen aufbauschenden Ungeheuer nicht aus, als hätte jede Frau und Jungfrau einen Zustand zu verbergen, den die erste (obgleich verheirathete) Erfinderin dieser Monstrosität thatsächlich damlt beschönigen und verstecken wollte? Die englischen Damen (ich weiß nicht, wie’s andere machen) geben dieser Frechheit und Häßlichkeit noch einen schamloseren Charakter. Sie tragen alle weiße, gestickte Unterröcke, welche die Welt bewundern soll. Das Erste, was sie daher thun, sobald sie auf die Straße kommen, besteht darin, mit beiden Händen auf beiden Seiten die äußere, aufgeschwollene Schabracke aufzuraffen, sie über dem Bauche festzuhalten und dann mit großen, frechen, runden Augen und hinten angeklebtem Hute wie kundenbegierige Prostituirte auf der Straße hinzusegeln. Ist das nicht eine schandbare, scandalöse Wirthschaft? Hätte sie die scham-, geschmack- und gehirnlose Mode nicht geheiligt und unsere Sinne unter unserem scandalösen Filzthurme (genannt auch „Angströhre“ für uns Helden) dagegen abgestumpft, wir würden unsere Frauen, Töchter und Schwestern mit Gewalt zurückhalten, wenn sie Mine machten, in solcher Verhunzung und Verfrechung ihrer Schönheit und Sittsamkeit auf die Straé zu gehen. Wir westliche Civilisaion verbreiten! Wir Chinesen und andere Heiden bekehren wollen! Um bei den zerfolterten Füßen und unseren verdorbenen Jungfrauen-Taillen zu bleiben, bemerken wir, daß nur vornehme Chinesinnen (und das auch abnehmend) so zerfoltert werden, während bei uns jedes arme Bürgermädchen sich in einen eisernreifigen Luftballon Steckt, die Taille und die edelsten innern Theile zerschnürt und ein Stück Zeug auf den Hinterkopf kleben möchte. Selbst Rieke und Lotte rauschen zuweilen in eisernen Reifen aus der Küche hervor. Wie graziös sieht dagegen die Chinesin in ihrer naiven, gestickten Blouse und in den Höschen aus trotz ihrer Klumpfüße! Also lasset uns erst noch ein Weilchen westliche (und auch ein bischen chinesische) Civilisation unter uns selbst verbreiten und die Damenkleider einschränken.




Literarische Anzeige. Von dem mit reich wissenschaftlichem Geiste, deutscher Gründlichkeit und deutschem Fleiße bearbeiteten, sehr interessant gehaltenen culturhistorischen Werke: „Die Frauen“ von Gustav Klemm (rühmlichst bekanntem Culturhistoriker) ist soeben der fünfte Band (Dresden, Arnold) erschienen, und wird mit dem nächstbaldigst zu erwartenden sechsten Bande dieses Werk, welches eine fühlbare Lücke in der zeitherigen Culturgeschichte ausfüllt, beendet sein. – Der Zweck dieses werthvollen Buches besteht zunächst darin: durch sorgfältige Zusammenstellung der aus den Quellen geschöpften Thatsachen zu zeigen, welchen Einfluß das weibliche Geschlecht zu allen Zeiten und in allen Zonen auf die Entwicklung der menschlichen Cultur geübt hat und fortwährend noch übt. Wir erblicken daher im ersten Bande die Zustände der Frauen bei den passiven und activen Völkern außerhalb Europa. Alle übrigen Bände haben lediglich die Frauen Europa’s zum Gegenstande der Betrachtung, und werden hier die Frauen in Familienkreisen und in der Gesellschaft, ferner als Fürstinnen, Heldinnen, als Pflegerinnen der Religion, auf dem Gebiete der Kunst und des Wissens in einer überraschend reichen Fülle von Zügen aus dem sittlichen und geistigen Leben vorgeführt. So schließen sich denn diese sehr freundlich ausgestatteten sechs Bände gleichsam als weibliche Hälfte an des Verfassers bekanntes Hauptwerk: „Allgemeine Culturgeschichte der Menschheit“ (10 Bände. Leipzig, 1843 bis 1852) an und dürften sich einer gleich ehrenden Aufnahme von Seiten des Publicums und der Kritik zu erfreuen haben.

S. 




Durch alle Buchhandlungen zu beziehen:

Roßmäßler, E. A., Der Mensch im Spiegel der Natur. Fünf Bände mit vielen Holzschnitten. Preis à Band 1/2 Thlr.

Ernst Keil.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. So eben geht uns eine Nummer der Times zu welche ein vom 14. Octbr. datirtes Schreiben der geretteten drei Officiere der „Austria“ nebst sechs von der Mannschaft an die Redaction genannten Blattes enthält. Darin sagen dieselben aus, der Capitain sei unmittelbar nach dem Rufe „Feuer“ auf der Brücke erschienen und habe Befehl gegeben. die Pumpen in Bewegung zu setzen. Diesem Befehle wurde ordnungsmäßig Folge geleistet, leider aber blieb er deshalb erfolglos, weil des Blei an den Pumpen durch das Feuer bereits geschmolzen war. Sie gaben kein Wasser und die Gluth ließ auch ein Arbeiten am Heerde des Feuers nicht lange zu. Eben so war es unmöglich, zu der Maschine zu gelangen, um diese zu fistiren. Innerhalb der ersten Viertelstunden brannten alle drei Decks vollständig. Da gab der Capitain Befehl die Boote herabzulassen.
    „Die Boote“, heißt es in diesem Schreiben, „waren vollkommen in Ordnung und so aufgehängt, daß sie in sehr kurzer Zeit herabgelassen werden konnten. Wir hatten eine regelmäßige Bootsordnung am Bord eingeführt, so daß jedem Einzelnen der Mannschaft sein bestimmtes Boot angewiesen war, das er in Nothfällen unter Befehl eines Officiers oder Bootsmannes zu bedienen hatte. Die Leute wurden durch die im höchsten Grade aufgeregten Passagiere, die bereits zu den Booten gestürzt waren, daran verhindert, zu den Booten zu gelangen. Wir versuchten, die Leute durch alle uns zu Geboote stehenden Mittel zurückzutreiben, jedoch vergeblich. Die vier Boote an der Steuerbordseite geriethen bald in Brand, da diese Seite den Flammen am meisten ausgesetzt war. Auf der Backbordseite wurden vier Boote herabgelassen, allein drei derselben wurden, ehe sie das Wasser erreichten, von den Passagieren, die sie überfüllten, zertrümmert, und nur eins der Boote konnte regelrecht flott gemacht werden. Nachdem der Capitain den Befehl ertheilt hatte, die Boote in’s Wasser zu lassen, haben wir ihn die Brücke herunterspringen, wahrscheinlich in der Absicht, die Passagiere in Ordnung zu halten. Als er auf’s Hinterdeck eilte, mußte er durch’s [635] Feuer hindurchlaufen, welches den vordern Theil des Schiffes bereits vom Schiffshintertheile trennte. Als er sich seinen Weg durch die Flammen bahnte, erhielt er bedeutende Verletzungen. Später sah ihn der erste Officier auf dem Backbord des Hintertheiles stehen. Wie es schien, war er durch die erlittenen Brandverletzungen betäubt. Einige Passagiere behaupten, sie hätten gesehen, wie er über Bord sprang.
    „Das einzige Boot, das das Wasser erreichte, ohne zerschellt zu werden, war eins der großen eisernen Rettungsboote. Es war zuerst, als es niedergelassen wurde, vollständig mit Menschen angefüllt; aber das Gewicht war so groß, daß viele von ihnen herausfielen, als das Boot das Wasser erreichte. Dreißig Menschen hielten sich in dem Boote, aber da das Boot voll Wasser geschlagen war, so kenterte es mehrere Male, wobei sieben Personen ertranken. Es blieben im Boote der erste Officier, sechs von der Mannschaft, ein Steward und funfzehn Passagiere. Um drei Uhr kam unser Boot von dem Dampfer los und wir blieben sofort zurück, da das Schiff vorwärts ging und wir nicht im Stande waren, das Boot zu handhaben, so daß wir bald vom Schiffe getrennt wurden. Wir gaben uns große Mühe, das Wasser aus dem Boote auszuschöpfen, kamen damit aber nicht eher zu Stande, als bis wir ein Floß aus den zum Boote gehörenden Rudern und Masten angefertigt und die Passagiere darauf gebracht hatten. Hierauf schöpften wir das Boot aus und nahmen dann die Passagiere wieder ein. Etwa eine Stunde, nachdem wir den Dampfer verlassen hatten, bekamen wir die französische Barke „Maurice“ in Sicht, ruderten auf dieselbe zu, erreichten sie um 8 Uhr und fanden bereits den dritten Officier und einige Passagiere am Bord.
    „Der zweite Officier wurde schwimmend von der „Maurice“ gegen 8½ Uhr auf[genom]men. Er war etwa um 2½ Uhr durch das Andrängen der Passagiere der „Austria“ über Bord gestoßen worden, als diese sich in sein Boot hineinstürzten und dasselbe zertrümmerten. Er hielt sich fast 6 Stunden lang durch Schwimmen über Wasser, ohne daß er irgend etwas gehabt hätte, an das er sich hätte festhalten können.
    „Der dritte Officier verließ den Dampfer um 5 Uhr. Er war auf Deck der „Austria“ geblieben, bis er sah, daß kein einziges Boot mehr vorhanden war, und wurde durch das Feuer über Bord getrieben. Er hielt sich an einem Taue außerhalb des Schiffes fest, bis um 5 Uhr die eisernen Platten des Schiffes roth wurden, worauf er in’s Wasser sprang. Er schwamm einige Zeit herum, fand dann einige Stücke Holz umhertreiben und hielt sich hieran über Wasser, bis er um 6½ Uhr, mit bedeutenden Brandwunden bedeckt, von dem französischen Boote aufgefischt wurde.
    „Als wir die „Austria“ verließen, waren drei Segel in Sicht, von denen einzig die französische Barke „Maurice“ herankam, um Hülfe zu leisten. Die „Maurice“ nahm 66 Personen an Bord, von denen 12 an Bord der nach Halifax bestimmten „Lotus“ übergeschifft wurden. Die Uebrigen wurden am 19. Septbr. auf Fayal an’s Land gesetzt, von wo aus die Passagiere sich an Bord des englischen Kriegsdampfers „Valorous“ nach New-York einschifften. Wir wurden von dem Londoner Dampfer „Ireland“ an Bord genommen, der uns auf unserer Rückreise nach Hamburg gestern in Gravesend an’s Land setzte.“