Die Gartenlaube (1858)/Heft 47

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 47. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Rath Braunstein und Familie.
Ein Lebensbild von Ernst Fritze.
(Schluß.)


Diese Epistel übergab sie offen ihrem Vater, als er, etwas angegriffen von der ceremoniellen Scene, aus dem Gerichtslocale nach dem Hotel zurückkam. Mit einer unwiderstehlichen Gebehrde bat sie ihn „um eine kleine, kleine Nachschrift für die Mama“, und als er lächelnd zu willfahren versprach, zog sie sich schleunigst in ihr Zimmer zurück.

Kaum hatte sie die Thür hinter sich geschlossen und der neue Herr Vicepräsident etwas widerstrebend die Feder zur Hand genommen, als der Kellner des Hotels ehrerbietig in’s Zimmer trat und den „Herrn Appellationsgerichtsassessor Windhagen“ meldete.

Frappirt und einen ganz absonderlichen Anlaß zu diesem nicht gewöhnlichen Besuche ahnend, nahm der Vicepräsident den jungen Mann an, der gleich darauf zu ihm eintrat.

Braunstein erkannte ihn sogleich wieder. Er hatte ihn unter dem Personale des Gerichts bemerkt und war einigermaßen bewundernd mehrmals mit seinen Blicken zu ihm zurückgeschweift. Nicht, daß er einer jener schönen Männer gewesen wäre, denen die Mädchenblicke huldigend folgen, aber es lag etwas so Bedeutendes in dem Ausdrucke seiner Augen, in dem kaum bemerkbaren Lächeln seines Mundes, ja selbst in der Haltung des ganzen Körpers, daß er, trotz einiger Unregelmäßigkeiten in den Gesichtszügen, zu den hervorragendsten Männergestalten zählte.

Wie gesagt – der neue Vicepräsident hatte nicht umhin gekonnt, diesen jungen Mann verschiedene Male mit ernstem Wohlgefallen zu beobachten.

Assessor Windhagen schritt dem Präsidenten Braunstein bis zur Mitte des Zimmers entgegen und verneigte sich dann nochmals mit jener Ehrerbietung, die mehr dem eigenen Herzen entstammt, als dem Herkommen gemäß ist.

Braunstein reichte ihm grüßend die Hand entgegen, die der Assessor unter einem Anflug von Erröthen annahm, und sogleich begann: „Der ehrliche Mann, Herr Präsident, wählt stets den geraden Weg! Ihr befremdeter Blick hat mir hinlänglich verrathen, daß Sie es tadeln, mich unter den obwaltenden Umständen noch unter denen zu finden, die künftighin die Ehre haben werden, unter Ihrer Direction zu arbeiten.“

Braunstein unterbrach ihn jetzt rasch mit höchster Verwunderung:

„Mein Blick? Mein befremdeter Blick? – Herr College – hier waltet wohl ein Irrthum ob.“

Der junge Mann hatte aber ziemlich aufgeregt weiter gesprochen: „Ich würde Ihnen unsere Begegnung erspart haben und sogleich bei der Nachricht Ihrer Ernennung zum Präsidenten von hier weggegangen sein, wenn nicht pecuniäre Verhältnisse meinem Vorhaben entgegengestanden hätten. Herr Präsident, ich bin arm, noch unbesoldeter Assessor, und habe meine Existenzmittel bis dahin durch eine bedeutende Remuneration des Justizraths Klemann, dessen rechte Hand in Anwaltsgeschäften ich bin, erworben. Es würde mir unmöglich sein, ohne diese Erwerbung zu leben, und ich kann nicht hoffen, an einem andern Orte, wo ich fremd bin, sogleich eine solche Nebenerwerbsquelle zu finden – deshalb, Herr Präsident, ersuche ich Sie, mir den Aufenthalt für jetzt noch hier zu gestatten oder, wenn Ihnen meine Persönlichkeit ganz zuwider ist, mich auf das Schleunigste mit irgend einem Commissorium zu betrauen, das mich von hier entfernt. Wohin Sie mich senden wollen, ist mir gleich – ich sehe ein, daß selbst die Bergwerke Sibiriens keine zu harte Strafe für meine unverzeihliche und unvorsichtige Offenherzigkeit sein können!“

Voll Erstaunen, aber mit ernster Haltung, hatte Braunstein den jungen Herrn ruhig sprechen lassen, bis dessen Verbeugung ihm bekundete, daß er fertig mit seinem Vortrage war. Dann erwiderte er sehr freundlich:

„Es muß hier ein Irrthum obwalten, mein lieber junger College, aber mir ist dieser Irrthum angenehm, weil er mich sogleich mit Ihnen in nähere persönliche Berührung bringt, die für mich ein Vortheil ist.“

Der Blick des Assessors bewölkte sich, und sein Auge streifte mißtrauisch über die Mienen seines Vorgesetzten hinweg, die mehr Wohlwollen verriethen, als bloße Höflichkeit.

Der Präsident fuhr fort:

„Ich finde trotz meines Nachdenkens keine Veranlassung, Ihre Entfernung, welche unter den mir vorgelegten Gründen ein Exil sein würde, zu wünschen. Sollte sich unter meinem Vorgänger etwas ereignet haben, was diese Maßregel nöthig macht, so muß ich Sie bitten, Ihre Offenherzigkeit ganz ohne Scheu weiter auszudehnen.“

Der Assessor trat einen Schritt zurück und sah ihm fest in’s Auge. Es lag Entschlossenheit, aber es lag auch Ironie in dem Ausdrucke, womit er seinen Blick auf ihn fixirte.

„Sie irren, Herr Präsident! Die Angelegenheit zwischen uns ist eine rein persönliche Berührung -“

„Aber mein Gott – ich habe Sie ja noch nie gesehen!“

„Doch aber gewiß von mir gehört?“

Braunstein sann nach. „Wildenhagen – Wild –“

„Nein, Herr Präsident – Windhagen!“

[670] „Windhagen? Beim Himmel – nein! Nein, niemals!“

Der Assessor wurde glühend roth – er legte die Hand an die Stirn. „Mein Gott, sollte sie zartsinnig genug gewesen sein, dies schauderhafte Rencontre zu verschweigen? –“ flüsterte er betroffen vor sich hin.

„Hat Ihnen Ihr Fräulein Tochter nicht von mir erzählt?“ fragte er dann laut mit dem festen Entschlüsse, diese fatale Scene sehr rasch zu endigen.

„Meine Tochter?“ wiederholte der Präsident sehr aufmerksam, und wie ein Blitz durchfuhr ihn der Gedanke: „Aha – der Jemand!“

„Meine Tochter Hermine?“ sagte er nochmals, um nur Zeit zur Antwort zu gewinnen.

„Ihr Fräulein Tochter, Hermine Braunstein, die vor ungefähr sechs Wochen in Volkmersau sich aufhielt –“

„Ganz richtig! Dort waren Sie?“ forschte Braunstein, innerlich jubelnd, denn dieser Mann gefiel ihm über alle Maßen, und er gab schon ohne Weiteres sein Jawort, wenn er sich jemals um Herminens Hand bemühen sollte.

„Nur auf acht Tage in der Gegend daselbst –“

„Ei – so will ich meine Tochter benachrichtigen,“ rief Braunstein schnell einfallend, um fernere Geständnisse zu verhindern.

„Herr Präsident,“ stammelte der arme Assessor, „Sie wissen nicht! – Hat Ihnen wirklich Ihr Fräulein Tochter nichts von der boshaften Unvorsichtigkeit erzählt, womit ich ein unverbürgtes Gerücht öffentlich mittheilte – ein Gerücht, das eine furchtbar schwere Kränkung für Ihre Frau Gemahlin und für Ihr Fräulein Tochter enthielt?“

Der Präsident Braunstein nahm eine andere Miene an.

„Nicht ein Wort hat sie mir gesagt, lieber College! Sie übertreiben wohl! Weiß meine Tochter, daß Sie hier am Appellationsgerichte arbeiten?“

„Ja! Sie weiß Alles! Sie weiß, daß ich von pecuniären Verhältnissen gezwungen bin, hier zu bleiben! Sie weiß, daß ich sonst längst einen andern Plan ausgeführt haben würde. Ich selbst erzählte ihr dies vorher, ehe ich so unglücklich war, sie zu beleidigen – ich erzählte es ihr in der falschen Voraussetzung, eine Schwester meines Freundes, mit dem ich die Reise nach Volkmersau unternommen hatte, neben mir zu haben.“

„So – so! Für Hermine muß Ihre Beleidigung nicht so schrecklich gewesen sein, wie Sie meinen, liebster College,“ erwiderte Braunstein dann sinnend. „Ich dächte, wir ließen die Sache auf sich beruhen, oder“ – er ging so schnell entschlossen nach der Thür des Nebenzimmers, daß der Assessor nicht die geringste Zeit gewann, eine Einwendung zu erheben.

„Hermine,“ rief er im gütigsten Vatertone. „Ein alter Bekannter.“

Das Fräulein erschien ahnungslos auf der Thürschwelle. Ein Blick genügte, um ihre Wangen mit dem brennendsten Rothe zu überziehen, doch schnell gefaßt, trat sie näher und rief:

„Herr Assessor Windhagen! Wer hätte das gedacht!“

„So – so!“ dachte der Herr Papa und gefiel sich plötzlich in der Rolle eines schweigsamen Beobachters.

„Daß Sie mich noch hier finden könnten, nachdem es mir bekannt geworden, wer künftighin mein Präsident sein würde,“ – fügte der junge Mann mit großer Bitterkeit hinzu.

„O – nein, mein Herr!“ stammelte das Mädchen, betroffen zu ihrem Vater aufschauend. „Mein Gott – es weiß ja Niemand,“ sagte sie dann leise, sich sammelnd.

„Sie haben Ihrem Herrn Vater nicht gesagt –“

„Daß Sie ihn für den größten Juristen seiner Zeit halten?“ unterbrach ihn Hermine schelmisch. „Nein – wahrhaftig, das habe ich vergessen – will es aber hiermit nachgeholt haben!“

Der Präsident hätte sie gern in die Arme geschlossen für diese zeitgemäße Schelmerei, verschob es jedoch bis zu gelegener Zeit.

„Fräulein Hermine,“ rief Windhagen in steigender Bewegung. „Sie haben Ihrem Herrn Vater nicht gesagt –“

Mit einer verrätherischen Hast hob Hermine ihren Finger und legte ihn auf ihren Mund.

„Still,“ rief sie unter sprechenden Angstgebehrden. „O schweigen Sie, bitte, bitte, schweigen Sie!“ fügte sie so weich und liebevoll hinzu, daß es einem Kannibalen das Herz gerührt haben würde.

Windhagen ergriff in der Überwältigung ihre Hand, und neigte sich eine volle Minute auf dieselbe. Ob er während der Zeit einen Schwur, des Ritters ohne Furcht und Tadel würdig, geleistet hat, können wir nicht verrathen, aber als er sein Auge wieder emporhob zu dem Präsidenten, der tief bewegt neben den beiden jungen Leuten stand, da glänzte es wie Thau im Sonnenscheine.

„Können Sie es begreifen, Herr Präsident“ sprach er dabei ganz eintönig und ruhig, „daß die Welt dieses Mädchen hier für unfähig erklärte, den Werth ihres Vaters zu erkennen, und daß die Welt Ihre Tochter in die Reihe herzloser Modenärrinnen geworfen hatte?“

Der Präsident wollte um Alles in der Welt die tragische Seite dieses ersten Begegnisses zu verlöschen suchen, deshalb nahm er seine Tochter unter herzlichem Lachen in die Arme und rief:

„Die Welt hatte Recht, lieber College! Meine Kleine war auf dem besten Wege dazu – sie kehrte zu meinem Erstaunen plötzlich um – und ich glaube jetzt annehmen zu dürfen, daß Ihre Offenherzigkeit gerade rechtzeitig gekommen ist, um sie zu curiren. Schweigen wir von nun an über diesen aufregenden Gegenstand, und rechnen Sie auf meine ewige Dankbarkeit!“

Der Assessor empfahl sich, die Brust erfüllt von einem namenlos freudigen Gefühle, dem sich der Stolz über eine errungene Unabhängigkeit beimischte. Er hatte fest und redlich seiner Pflicht genügt, was nun kam, konnte er ruhig abwarten.

Nach seiner Entfernung nahm der Präsident den Brief Herminens an seine Gattin wieder zur Hand. Die junge Dame hatte sich sogleich sehr eilig und sehr leise wieder in ihr Zimmer zurückgezogen.

„Der Mann gefällt mir,“ murmelte er, indem er sich anschickte, dem Briefe ein Appendix anzuhängen. „Besonders gefällt es mir, daß er arm ist. Gewinnt er Vertrauen zu mir und Liebe zu meinem Töchterchen, so habe ich nichts dagegen. Für das Nothwendige muß sein Gehalt ausreichen, und für das Entbehrliche sorgt des Vaters Casse. Mir scheint diesem „Jemand“ eine große Zukunft verliehen zu sein, was könnte sonst meine Blicke wohl so fesselnd zu ihm gelenkt haben? – warten wir ab, ob sich seine Zauberei auch bei meiner Frau Gemahlin bewährt!“

Ein leichtes, zufriedenes Lächeln stahl sich über seine Mienen, und er setzte sich hin und schrieb:

„Ich grüße Dich, Laurette und trete dem Urtheile unseres Kindes bei, daß Du uns auf unserer Reise hierher überall gefehlt. Besonders hätte es mein Entzücken gewiß gesteigert, wenn ich eine Vertraute bei den Beobachtungen des lieben Mädchens gehabt hätte. Ich bin erstaunt, wie sich ihre herrlichen Gemüthsanlagen überraschend entwickeln! Wir sind seit gestern in unserm neuen Wohnorte – ich seit wenigen Stunden in meinem neuen Wirkungskreise, der mich vollständig aus meinem alten Schlendrian herausschälen wird. Es regt sich in mir bisweilen etwas vom Studenten Eduard Braunstein, der seit dreißig Jahren nur einen Wunsch gehabt hat und zwar den, seine Laurette glücklich zu machen. Ich habe mich vielleicht unklugerweise in den Mitteln dazu vergriffen, allein, wie gesagt – der Student Eduard Braunstein hat Lust, seine Carriere nochmals zu beginnen! Ich grüße Dich, gute Laurette!“

Nach diesem herzensguten Briefe verflossen vierzehn Tage, ohne daß die Frau Präsidentin Braunstein die Gewogenheit hatte, ein Wort darauf zu antworten. Während der Zeit war Manches vorgefallen. Es war eine schöne, sehr hübsch gelegene Wohnung gefunden, durch die Bemühungen des Assessor Windhagen. Es war auch ein Wettstreit zwischen diesem Assessor und dem Prasidenten Braunstein entglommen, das junge Fräulein Hermine gleich einer Fürstin zu verehren und ihr unvergängliche Throne im Herzen zu bauen.

Dann war ebenfalls ein Kampf zwischen dem Fräulein und dem Herrn Assessor ausgebrochen, der jedenfalls mit blutendem Herzen enden mußte, wenn sie sich nicht gegenseitig als großmüthige Feinde beweisen und den leidenschaftlichen Kampf der Herzen dadurch stillen wollten, daß sie auf „Auslieferung der zu erkämpfenden Kleinodien“ capitulirten.

Allein dahin waren die jungen Leute noch nicht gelangt. Windhagen ließ nur die brennendheißen Blicke dergestalt spielen, daß Herminens Wangen sich immer stärker unter diesem Feuer rötheten, aber sie wußte dafür ihrem innern neuen Leben so liebliche Worte zu leihen, daß die brennendheißen Blicke bis zum Siedepunkte avancirten und täglich in tragische Redensarten auszubrechen drohten.

Der Präsident wartete der Entwicklung der Dinge mit stoischem Muthe. Daß seine Gattin den Brief der Tochter unbeantwortet [671] ließ, erfüllte ihn mit einiger Bitterkeit und er kam dadurch in die Lage, zweifelhaft zu sein, ob er zu der gemietheten Wohnung Möbel kaufen solle oder nicht. Daß seine Frau es auf eine Ueberraschung abgesehen haben könne, fiel ihm gar nicht ein; um so angenehmer war sein Erstaunen, als er eines Tages seinen ehemaligen Bedienten aus Blauberg in sein Zimmer treten sah, der ihm die Meldung brachte, daß ein großer Transportwagen mit ihm zugleich auf dem Bahnhofe angelangt sei, und daß die gnädige Frau Präsidentin am nächsten Tage mit dem Courierzuge ebenfalls eintreffen werde.

Jetzt erst fühlte Braunstein im vollen Ernste, daß man nicht dreißig Jahre ein Weib lieben könne, um sie dann ohne Schmerzen von seiner Seite zu entbehren. Eine heilige Freude durchzitterte seine Brust und lockte eine Thräne in sein Auge herauf. Mit einer heiligen Freude betrachtete er den Jubel seines und ihres Kindes, das bei dieser Botschaft hoch aufjauchzte und der Zeit Flügel wünschte, die zwischen dem Heute und Morgen lag.

Vater und Tochter entwickelten nun eine staunenswerthe Thätigkeit im Ordnen der neuen Wohnung. Der Assessor Windhagen ward angesteckt von ihrem Eifer. Wie durch überirdische Kräfte befördert, gestaltete sich die Einrichtung in unglaublich kurzer Frist zum vollendeten Ganzen und als der Courierzug am nächsten Tage die Präsidentin Braunstein, zwar etwas ernster, als sonst, aber dennoch gütig und zur Versöhnung sehr geneigt, heranführte, da wurde sie im Triumphe empfangen und in die geschmückten Gemächer geleitet.

Zwischen den Gatten bedurfte es nur eines einzigen festen, versöhnenden Blickes, um diese ganze Störung ihres ehelichen Friedens auf immer zu begraben. Sie hatten erkannt, daß die Bande der Jugendliebe durch die Bande der Gewohnheit ersetzt und unendlich bindender gemacht werden, als man glaubt.

Auf Herminens Seele ruhte noch ein kleiner Druck, der trotz der liebevollen Worte, womit ihre Mutter sie begrüßte, nicht weichen wollte, Sie warf ihn endlich gewaltsam durch die Frage herunter:

„Was macht der Lieutenant von Fahrenhorst, Mama?“

Die Präsidentin lächelte verlegen.

„Er grüßt Euch und läßt Euch seine Verlobung mit seiner Cousine Therese von Fahrenhorst melden, die in wenigen Tagen stattfinden wird.“ Hermine lachte herzhaft.

„Siehst Du, daß er mich nicht geliebt hat!“ rief sie.

„Das kann man doch nicht ganz bestimmt behaupten,“ meinte die Präsidentin.

„O, Mama, ich behaupte es! denn ich kenne Einen, der sich niemals im ganzen langen Leben verloben würde, wenn ich ihn nicht zum Gatten wählte.“

In demselben Augenblicke trat der Präsident rasch in’s Zimmer, an seiner Hand den jungen Hausfreund.

„Assessor Windhagen,“ sprach er, ihn der überraschten Gattin präsentirend.

Hätte die Dame eine Ahnung davon gehabt, daß dieser Assessor Windhagen der „Jemand“ sei, welcher einst den Impuls zu den hartnäckigen Widerstrebungen ihrer Tochter gegeben hatte, so würde sie ihn nicht, von seinem wunderbar gewinnenden Wesen frappirt, so zuvorkommend empfangen haben. Allein Dank der Vorsicht Herminens, sie wußte es nicht und gab sich vollständig zwanglos dem Eindrucke hin, den der junge Mann auf sie machte.

Vier Wochen später feierte man im Hause des Präsidenten Braunstein ein brillantes Verlobungsfest. Die Anordnungen dazu gaben den Beweis, daß Dame Braunstein noch immer der Effecthascherei mit Vorliebe huldigte, allein die junge, frische und fröhliche Braut zeigte sich vollkommen curirt. Ihr Ehrgeiz beschränkte sich nicht mehr auf die kleinlichen Triumphe der Eitelkeit, er hatte seine Flügel zu einem mächtigeren Fluge entfaltet, der als Ziel einen unerschütterlichen Thron im Herzen ihres Vaters und ihres zukünftigen Gatten hatte. Vor phantastischen Einbildungen in Bezug auf ein ungestörtes Glück in der Liebe war sie durch das Beispiel ihrer Eltern frühzeitig bewahrt worden, aber sie hatte auch aus dieser Schule der Erfahrung als Resultat die Gewißheit erlangt, „daß eine echte und wahre Liebe den Grundstein zur Veredelung in sich tragen muß.“ Indem sie die Geistesherrschaft des Mannes als competent anerkannte, machte sie ihr Auftreten auf der Welt bühne abhängig von dem Urtheile desjenigen, den sie liebte, und räumte ihm von vornherein eine maßgebende Obergewalt über ihre innerlichen Regungen ein. Dadurch entging sie auf alle Fälle den Klippen, woran das Eheglück ihrer Eltern beinahe gescheitert war.

Beinahe, sagen wir, denn aus den brandenden Wogen der aufgeregten Gefühlswellen stieg wider alles Vermuthen ein sanftes, stilles Glück empor, das beschwichtigend eine ganze Vergangenheit von zwanzig Jahren mit dem Schleier der Vergessenheit bedeckte.

Braunstein hatte bei der Katastrophe, die eine Wendung seiner häuslichen Verhältnisse herbeiführte, eingesehen, daß selbst die puppenhafte Geliebte seiner Jugend zu seinem Glücke nothwendig war. Ohne es also nur zu versuchen, die alten fehlerhaften Neigungen seiner Frau zu entfernen, war er geneigt, sie eben so „verputzt“ neben sich wieder aufzunehmen, um sie nur nicht ganz entbehren zu müssen. Allein die Frau Präsidentin hatte auch nicht ungestraft die Zeitperiode durchgemacht, welche sie zu isoliren drohte.

In ihrem Innern erzürnt und durchaus entschlossen, ein Leben ohne Mann und Kind zu ertragen, wurde sie mit Erstaunen gewahr, daß nicht ihrer Person die achtungsvolle Auszeichnung galt, mit der sie seither in Blauberg behandelt worden war. Sie begegnete dem Lächeln der Verwunderung, als sie keine Anstalten traf, ihrem Gatten zu folgen, und sie erlitt Kränkungen einer gewissen Zurücksetzung als einzeln stehende Frau, denen sie nimmermehr ausgesetzt zu werden glauben konnte, so lange sie in ihren alten Verhältnissen blieb.

Der Brief ihrer Tochter kam zu rechter Zeit und die Worte ihres Gatten trafen wie Feuerpfeile eine gut vorbereitete Stätte. Sie war nicht so erkältet gegen die schönen Jugendgefühle, die sie zu einer geduldigen Braut gemacht hatten, um nicht in der Verheißung: „der Student Eduard Braunstein hat Lust, seine Carriere nochmals zu beginnen“, den süßen Ton alter Liebe zu finden. Und als sie nun wieder an der Brust dieses Eduard Braunstein ruhte, von seinen Armen umschlungen, von seinem innig treuen Blicke begrüßt? Nun, da fühlte sie, daß sie doch recht glücklich sei, wieder neben ihm leben zu dürfen! Sie fand ihn aufmerksamer und gütiger, als sonst; konnte sie ihm nachstehen in der Besserung?

Willenlos und unbewußt ahmte sie endlich ihrer Tochter nach, die sich von Tag zu Tag inniger an den Vater anschloß, und wenn sie auch nicht im Stande war, dem Vergnügen zu entsagen, das die Siege der Eleganz bereiten, so fand sie »doch neben diesen Beschäftigungen hinreichend Muße, sich für das Wohlsein ihres erweiterten Familienkreises zu interessiren. Sie lernte es, die Zerstreutheit und Gleichgültigkeit ihres Gatten zu bannen, und als sie erst bemerkte, daß er für die Gemüthlichkeit eines Familienzirkels „immer Zeit“ hatte, da begann sie das Unrecht ihrer früheren Anforderungen einzusehen.

Die vorrückende Zeit mit der unausbleiblichen Großmutterwürde wird das Werk der Besserung hoffentlich vollenden.


Kind und Kindeskind.

Auch eine Dorfgeschichte von H. Nordheim.

Am Donnerstag ist Holztag; die Nachbarn und auch die Armen gehen in’s Gemeindeholz und in die königliche Waldung, die dran stößt, um dürres Holz zusammen zu lesen oder von den Bäumen zu brechen. – Es zieht vom frühen Morgen an hinaus, und man hört es im ganzen Wald knacken und hauen. Die Kreiser müssen auch da sein, daß kein Frevel am grünen Holz geschieht.

Die beiden Enkelkinder der Magdalene Arnold, die schon seit Jahren an Händen und Füßen durch die Gicht gelähmt ist, sind auch im Wald, weil sie keinen Stecken Holz mehr haben. Es ist zwölf Uhr, sie sitzen neben einander auf einer starken Welle, die ihnen gehört, und verzehren ihr Brod.

Die Marie ist siebenzehn, der Karl funfzehn Jahre alt; beide sind ärmlich, aber reinlich gekleidet. Der Karl hat ein offenes, frisches Gesicht, dunkle Haare und Augen, und es liegt was Trotziges in seinem ganzen Wesen. Die Marie ist ein schönes Mädchen; sie hat große blaue Augen und ein feines, helles Gesicht. Ihre [672] braunen Haare sind so lang und dick, daß sie früh schier nicht damit fertig werden kann, aber sie sind doch wie ein Spiegel so glatt. Sie hat nicht den trotzigen Ausdruck des Bruders, sie ist sanft und gefällig, aber ein resolutes Mädchen ist sie auch, wenn’s gilt. Beide haben in ihrer Art was die Weißbacher „fürnehm“ nennen. Sie sagen: „Man säh’ doch gleich, wo sie her wären.“

Die alte Magdalene war aus Weißbach gebürtig, die Tochter vom Kreiser, und weil sie als Kind schon was Anstelliges und ihre Mutter früh verloren hatte, wurde sie immer auf’s Schloß zur kleinen „Freilen“ geholt. Sie kriegte auch Unterricht mit ihr, weil es hieß, es lernte sich besser zu Zweien, und wie sie größer wurde, lernte sie bei der Kammerfrau Nähen und Kleidermachen, Waschen und Bügeln. Sie war in Allem geschickt und das Freilen Josephe und sie hatten sich immer gern. Wie sie alle Zwei achtzehn Jahre alt geworden waren, hieß es, das Freilen Josephe machte bald Hochzeit; und so war’s. Der junge Herr von Walden war der Freund von ihrem Bruder, dem jungen Herrn von Weißbach, und als Student in den Ferien mit nach Weißbach gekommen. Da hatte ihm das Freilen Josephe so gut gefallen, daß er sie nimmer hatte vergessen können, obgleich sie erst funfzehn Jahre alt war; und wie er ausstudirt hatte, war kein Haltens mehr. Es war auch nicht nöthig, denn sein Vater war der reichste Mann in Franken, hatte Güter und Capitalien die schwere Meng’ und nichts gegen die Heirath. Es wurde also richtig gemacht, und wie der Bräutigam kam, war ein Jubel ohne Ende.

Schön war es von der Freilen Josephe, daß sie mitten in der Freude doch immer auch an die Magdalene dachte, und ihr Erstes war, daß sie verlangte, sie müßte mit ihr ziehen. Sie sollte gar nicht wie die andern Dienstboten, sondern mehr wie eine Haushälterin gehalten werden, und der jungen Frau mit Hülfe an die Hand gehen. Dem Bräutigam, das kann man sich denken, war Alles recht, und so wurde es ausgemacht, daß die Magdalene mit zöge. Es war noch Einem nicht einerlei, sondern von Grund aus recht, daß sie mit ging, und das war der Jäger vom Herrn von Walden; der stand zu seinem Herrn bald so, wie die Magdalene zur Braut, und hatte schon, wie er das erste Mal dagewesen war, ein Aug’ auf sie geworfen. Er war in seiner Art eben so brav wie sie in ihrer, und zwischen ihr und dem Arnold war’s bald richtig. Die Herrschaft hatte nichts dagegen und versprach, wenn ein paar Jahre hin wären, sollte der Arnold eine gute Stelle als Förster bekommen.

Die Hochzeit wurde gehalten und die jungen Eheleute mit Arnold und der Magdalene zogen ihrer neuen Heimath zu. Es war ein Glück, daß der Himmel nur so voll Geigen hing, und die Frau von Walden dankte dem lieben Gott alle Tage, nicht nur, daß er ihr einen so guten braven Mann gegeben, sondern auch, daß sie an der Magdalene so einen Schatz mit in’s Haus bekommen hatte. Sie war Alles in Allem, das machte, sie sah das Eigenthum der Herrschaft wie das ihrige an. Gerade so machte es auch der Arnold.

Die Magdalene war bildschön und Mancher, der in’s Haus kam, Winters in der Stadt, Sommerszeiten auf dem Gute, klemmte seine gläsernen Gucker scharf in die Augen, um nach ihr hin zu schielen, und reckte sich um ein paar Zoll mehr, wenn er an ihr vorbei ging; aber die Müh’ hätte er sich ersparen können, denn die Magdalene hatte ihren Arnold und er sie mit jedem Tage lieber, und so eine rechte Liebe bewahrt vor Allem, was unrecht ist oder Gefahr bringt. Beide hingen ebenso an ihrer Herrschaft, wie aneinander, und meinten, es gäb’ keine mehr so weit und breit.

Im ersten Jahre kam ein kleiner Baron an, der Max geheißen wurde, und es war eine arge Freude im ganzen Haus. Im zweiten Jahre kam ein Töchterchen, das hieß man Marie, und wie drei Jahre um waren, wurde eine Förstersstelle in Gleichenberg frei, die dem Arnold schon lang versprochen war. Es wurde ihm und der Magdalene freilich sauer, die Herrschaft zu verlassen, aber sie hatte treulich gedient, und jedes denkt doch gern einmal an den eigenen Heerd, jeder ist sich endlich doch einmal selbst der Nächste. Sie zogen nach Gleichenberg.

Die Magdalene war von Kindesbeinen an gut gewöhnt gewesen, darum hielt sie auf sich und Alles, was um sie her war; das wird nicht schwer, wenn’s Einem nie knapp gegangen ist. Sie hielt aber nicht nur auf Ordnung, es mußte auch Alles nach was aussehen. Sie hatten gar manches schöne Stück zusammengetragen, und die Herrschaft hatte sie auch noch reichlich ausgestattet. Da sah’s freilich in der Försterei ganz anders aus, wie in irgend einem andern Haus von ihres Gleichen. Die Leute sagten: In der Försterei spiegelte sich Alles.

Gleichenberg, wo sie wohnten, war nur eine Stunde von Waldenberg, wo die Herrschaft sich Sommers aufhielt, und da hatten Försters oft vornehmen Zuspruch von dort her. Die Leute im Dorfe meinten, sie trieben’s doch selber zu fürnehm, und sie würden’s schon nicht lang so treiben. – Der Arnold kriegte manchmal eine spitzige Rede zu hören und er sagte es der Magdalene wieder, sie lachte aber und sagte: „Das ist der pure blanke Neid.“ Und wenn die Leute scheel dazu sahen, daß sie Werkeltags weiße Strümpfe und weiße Fürtücher statt blauer und keine Kappe trug, sondern in bloßem Kopfe ging, so setzte sie erst einen rechten Trumpf-Daus drauf und that’s. Sie legte auch jeden Sonntag Mittag ein reines weißes Tischtuch auf und wenn’s dunkel wurde, stand ein gezogenes Licht statt der Lampe auf dem Tisch. Die Leute hätten sich an Alles gewöhnt, aber daß sie in die Kirche ohne Mantel, mit dem Shawl und Handschuhen ging, das konnten sie ihr nicht vergessen.

Die Magdalene sollte bald in’s Kindbett kommen, und da sagten die Leute: „Nun wird’s ihr schon vergehen; wenn erst ein Kind da ist, gibt’s mehr zu thun, als Staat zu machen.“

Das Kind kam und war ein Mädchen. Die gnädige Frau stand zu Gevatter und hatte schon vorher einen ganzen Koffer voll Sachen, lauter Abgelegtes von der kleinen Freilen geschickt. Die Förstern richtete aber Alles her, daß es aussah, wie nagelneu; das verstand sie perfect, und das kleine Josephechen sah aus wie ein Prinz.

Die Magdalene ließ sich nicht irre machen, und in ihrem Haus sah’s ein Mal so blank aus, wie’s andre Mal. Das Josephechen mußte immer etwas Apartiges an sich haben. Der Arnold konnte nicht genug sagen, wie fleißig seine Frau wäre, und weil’s gar nicht rücklings, sondern eher vorwärts mit ihnen ging, so mußten die Leute still sein.

Ueber Eins schwieg aber der Arnold selber nicht. Wie die Josephe größer wurde, hielt’s die Mutter wohl auch tüchtig zur Arbeit an, aber sie erzählte ihr immer dabei, wie schön ’s bei den „fürnehmen Leuten“ wär’, und die fürnehmen Leute machten Alles anders und Alles viel schöner und besser, wie sie’s machten, und wenn sie groß wäre, sollte sie auch als Kammerjungfer zu ihrer Frau Pathe oder zur Freilen Marie kommen. Da mußte das Josephechen nur immer dran denken, wie sie Alles recht fürnehm wollte machen, und wenn sie einen Eimer Wasser holte, so dachte sie, ob die fürnehmen Leute den Eimer wohl auch so hielten, wie sie ihn hielt. Da drüber fing der Arnold an zu brummen und war auch gar nicht der Meinung, daß seine Josephe Kammerjungfer würde. Wie hoch hinauf die andern Leute mit den Achseln zuckten, davon wollen wir gar nicht reden, denn man hätte viel zu thun, wenn man allemal hingucken wollte, wo Eins über’s Andre die Achseln zuckt. Die Mutter stellte dem Vater, wenn er brummte, dann allemal vor, wie gut es ihr im Haus ihrer Herrschaft ergangen sei, und er wäre doch auch als Hausfrau mit ihr zufrieden; aber der Förster sagte es ihr gerade heraus, wenn sie ihn nicht immer an der Seite gehabt hätte, könne man gar nicht wissen, wie’s gegangen wäre, wenigstens wäre sie gewiß nicht frei von Anfechtungen geblieben.

(Schluß folgt.)     


Ein Besuch im zoologischen Garten zu Berlin.
(Erster Artikel.)

Nach Berlin reist man bekanntlich nicht seiner Gegend wegen, es müßte denn in sehr melancholischer Stimmung sein, sondern es sind die Sammlungen und Werke der Kunst und Wissenschaft, welche die Besucher zur Metropole der Intelligenz hinziehen. Es ist in dieser Beziehung während der letzten Jahrzehnte Außerordentliches dort geleistet worden.

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Die Gartenlaube (1858) b 673.jpg

Die Bärengrube im zoologischen Garten zu Berlin.

[674] Der zoologische Garten, am Ende des stauberfüllten, gleichwohl aber von jedem Vollblut-Berliner innig verehrten „Thiergartens“ gelegen, gehört unter die Sammlungen, welche selbst von denen, die nur wenige Tage an einen Berliner Aufenthalt wenden können, gewiß besucht werden. Er bildet einen umschlossenen, von hübschen Gartenanlagen verzierten Hain, welcher in allen Richtungen von Wegen durchkreuzt ist, an denen in kleinen Entfernungen die einzelnen Gehege und Behälter der verschiedenen Thiere sich befinden. Man macht somit von Einem zum Andern gehend einen angenehmen Spaziergang, und da nach jedem Gesehenen der Weg zum Folgenden eine kleine Erholung gewährt, so hat man den Vortheil, nicht zu schnell zu ermüden, was bei der beträchtlichen Anzahl der Thiere sonst leicht der Fall wäre.

Freilich Mancher, der die stehenden Menagerien von London, Paris, Amsterdam und wohl auch Schönbrunn gesehen hat, geht vielleicht achselzuckend wieder heraus.

Aber wenn auch die kaiserliche Menagerie zu Schönbrunn, die der Schreiber dieses auch gesehen, großartiger erscheint wegen ihrer reichen Anzahl von imponirenden Thieren, so ist doch jedenfalls der Berliner zoologische Garten viel unterrichtender, also bildender, und das soll der wahre Zweck eines für das Publicum bestimmten Institutes sein. Er ist unterrichtender, weil man, so weit es überhaupt die Verhältnisse zulassen, fast immer die hauptsächlichsten Gattungen aus den drei obersten Thierclassen vertreten findet und weil diese Vertretung wo möglich auch mit durch unsere inländischen Thiere geschieht. Wie viele Besucher, denen Löwe und Tiger abgedroschen vorkamen, haben z. B. dort zum ersten Male Dachs, Fuchs, Hirsch, Reh, Eber, Reiher, Kranich u. dgl. lebend in der Nähe gesehen, denn alle diese Thiere werden von den Besitzern reisender Menagerien verschmäht, weil sie den großen Haufen nicht locken, es müßte denn sein, daß, wie dies z. B. schon Jahre lang in einem reisenden „Thiermuseum“ geschah, unser heimischer Dachs, der biedere Grimbart, als afrikanischer Honigdachs vorgestellt ward. Dieser Schwindel ist indeß eben nur mit wenigen unserer einheimischen Thiere zu riskiren.

Versuchen wir nun in Folgendem, denen, die das Institut noch nicht kennen, eine kurze, vielleicht zum Besuch anregende Schilderung, denen, die es besucht haben, eine kleine Erinnerung zu geben.

Das Eintrittsgeld von 5 Sgr., (2½, wenn wir Handwerksbursch, Soldat oder dgl. sind) ist bezahlt, und das Geschrei und Gekreisch der gleich am Eingang sichtbaren Papageien, welches unparteiisch einen Jeden empfängt, schallt auch uns entgegen. Bei ihnen – vorüber denn wer hat nicht rothe und blaue Aras, gelb- und rothgehaubte Kakadus gesehen? – folgen wir der ersten, als Wegweiser sich zeigenden, auf einer Tafel gemalten Pfeilspitze, wie sie durchweg im ganzen Garten den zu verfolgenden Weg bezeichnen, so daß man sicher ist, sich höchstens zweimal zu verirren, wenn man ihnen folgt.

Ein schwerwandelndes Thier mit gewaltigem Geweih schreitet in seinem Gehege einher. Wie gemästet tritt es uns entgegen in seiner feisten Fülle, und wenn der Wapiti- oder Riesenhirsch aus Canada, denn ein solcher ist es, in seiner heimathlichen Freiheit dieselbe Feistigkeit erreicht, so mag er wohl mehr Kraft, schwerlich aber dieselbe Flüchtigkeit entwickeln, wie unser einheimischer Edelhirsch. Die Last seines mächtigen, wohl vierzehnendigen Geweihes trägt er nur mit gesenktem Haupte, und gleichwohl macht sein ganzer Anblick den Eindruck einer imponirenden Kraft. Dieser Hirsch war früher mit einem andern von gleicher Größe zusammen in einem Gehege, derselbe wurde aber verkauft, und so hat der Zurückgebliebene Jahre lang ein einsames Leben geführt, bis ihm kürzlich als Gefährtinnen zwei Hirschkühe derselben Art beigesellt worden sind; mochte aber die Jahreszeit für ihn noch nicht gekommen sein, oder war er durch Noth ein unverbesserlicher Junggesell geworden, genug, er nimmt jetzt keine Notiz von ihnen.

Das unaufhörliche Gekreisch und Gequiek aus dem nebenanstehenden Haus bezeichnet uns dasselbe, noch ehe wir die Urheber sehen, als das Affenhaus, einen der wichtigsten Anziehungspunkte des ganzen Gartens. Und in der That, selbst wer das Treiben dieser Gauner hundertmal gesehen, wer sich vorgenommen, gar nicht hinzusehen, wird doch, ist er einmal dort, unwillkürlich ihnen einige Blicke zuwenden, und wohl schwerlich ein Lächeln unterdrücken können. Es ist daher die dort aufgehängte Tafel, auf welcher vor Taschendieben gewarnt wird, nirgends so am Platze, wie hier, wo das Publicum über der Aufmerksamkeit auf das stets wechselnde Schauspiel vor sich leicht die nöthige Vorsicht vergessen kann.

Nur einige Minuten braucht man sich am Affenhaus aufzuhalten, um fast immer Zeuge komischer Scenen zu sein. Das eine Mal herrscht vielleicht allgemeiner Hader und Flucht der schwächern Partei, oft erregt auch nur ein Einzelner durch arrogantes Benehmen das Mißfallen der Andern, und rächt sich dafür, wenn er sich fühlt, durch entschiedenes Mißhandeln derer, welche er erreicht. Spaßhaft ist es, wenn ein Langgeschwänzter an dem verlängerten Theile seines werthen Ichs erfaßt und erbarmungslos daran herumgezerrt wird; er hat oft Ursache genug, die Verzierung hinwegzuwünschen. Freilich gibt es auch Scenen, die besser hinter den Coulissen vor sich gingen. Eine indeß, welche auch das Licht des Tages nicht zu scheuen hat, wird dem, der sie gesehen, nicht leicht aus dem Gedächtniß entschwinden. Wenn die Mittagshitze am höchsten gestiegen, und allgemeiner Waffenstillstand die Folge davon ist, sitzt oft die ganze zahlreiche Gesellschaft in Gruppen zu Zweien und Dreien auf dem Boden vertheilt, und Alle sind emsig beschäftigt, gegenseitig die wahre Bedeutung der vier Buchstaben L, a, u, s aufzufinden. Der Ernst und die Sachkenntniß, welche dabei entwickelt werden, können der Wichtigkeit des Gegenstandes nicht angemessener sein, und hat schon eine einzige solche Gruppe viel Komisches, so ist der Anblick dieses ganzen Vereins in der That höchst lachenerregend.

Gewiß ist es, nicht das Ebenbild, sondern die furchtbarste Carricatur des Menschen bleibt der Affe!

Verlassen wir endlich das Affenhaus, was Manchem schwer genug wird, so werfen wir noch vorher einen Blick auf die Schildkröten, welche auf einem runden, durch Korbwerk umschlossenen Grasplatz sich bewegen, und an der Innenseite ihrer Gefängnißwand durch fortwährendes Herumgehen sich einen Pfad ausgetreten haben, den sie nun beschreiten können, ohne je umkehren zu müssen, ein Vortheil, der bei dem vorauszusetzenden Begriffsvermögen einer Schildkröte dem Zustande der Freiheit ziemlich nahe kommen muß.

Länger halten wir uns in dem Häuschen des Kaimans oder südamerikanischen Krokodils auf, welcher indeß fast stets in seinem Wasserbehältniß liegt, und nur ausnahmsweise auf dem Sandboden nebenan zu sehen ist. Sieht man ihn aber dann die wenigen Schritte thun, welche der enge Raum zuläßt, so schleift er keineswegs den Bauch am Boden, wie man aus der Stellung beim ruhigen Liegen zu schließen geneigt sein könnte, sondern er bewegt die kurzen Beine in ziemlich senkrechter Richtung und viel gelenkiger, als die langsame Schildkröte.

Es ist dies überhaupt einer der vielen Vortheile, welchen die zoologischen Gärten vor den wandernden Menagerien voraus haben, daß man fast in allen Fällen die Thiere in ihrer eigenthümlichen Bewegungsart beobachten kann, denn bei letztern ist wegen der stets gebotenen Raumersparniß die Möglichkeit derselben fast nie gegeben. Der besprochene Kaiman ist übrigens sechs Fuß lang, also schon von respectabler Größe.

Der Vortheil einer frei gewährten Bewegung tritt auch bei dem zunächst sich präsentirenden Kasuar, welcher neben zwei neuholländischen Straußen logirt, in helles Licht. Von letzteren ist leider der eine lahm, und auch dem andern fehlt die Lebendigkeit, wie man sie bei Rennvögeln gern voraussetzt. Dagegen erstaunt man über die gewaltigen und dröhnenden Schritte, mit welchen der Kasuar nach einem hingeworfenen Brocken sich stürzt, er ist voller Leben und voller – Freßgier. Gewiß erfordern auch seine gewaltigen Beine, die mit ihrer langen Innenkralle eine mächtige Waffe abgeben müssen, einen lebhaften Stoffwechsel. Ueberhaupt ist er ein stattlicher Gesell, mit seinem pechschwarzen, fast haarartigen Kleide, seinem prachtvoll blauen Halsbehänge mit den beiden rothen Päffchen unten dran und dem festen Helm auf seinem Kopf. Das herrliche Braun seiner glänzenden Augen leuchtet stets im feurigen Glanze und die nickende Bewegung seines Halses läßt in der Sonne dessen [675] schönes Blau in stets wechselnder Beleuchtung erscheinen. Es soll übrigens seit Kurzem auf der Insel Neu-Guinea eine neue Kasuar-Art entdeckt worden sein, welcher der englische Naturforscher Owen nach der eingesandten Beschreibung und Abbildung auch schon den Namen gegeben hat. Bestätigt sich die Entdeckung und ist sie nicht eine von denen, die sich zuletzt in ein längst bekanntes Thier auflösen, so wäre dies wieder ein Beweis, daß selbst von den großen in’s Auge fallenden Naturformen noch Manches dem Forscherauge der gelehrten Reisenden zu entgehen im Stande ist. Dasselbe beweist auch die erst in diesem Jahrhundert erfolgte Entdeckung des indischen Tapirs, der doch in dem den Holländern längst zugänglichen Sumatra lebt.

Blos im Vorübergehen betrachten wir ein kleines mit Baumrinde bekleidetes Eulenhäuschen, blos das Häuschen, denn den darin wohnenden Eulen zu Gefallen ist die Dunkelheit darin so groß, daß man z. B. blos eine Ahnung von der Schönheit bekommt, welche die Schleiereule unter ihres Gleichen auszeichnen soll.

Nicht weit davon ist ein Wasser, welches bald als schmaler Graben, bald mehr als Teich in viel veränderter Richtung den ganzen Garten langsam durchfließt und in zwei Hälften theilt. Es berührt die Aufenthaltsorte der vorzugsweise das Wasser liebenden Thiere und ist, wo nöthig, überbrückt.

Gleich hier an der ersten Brücke rechts befand sich früher ein amerikanischer Tapir, den man oft wohl Stunden lang bis an die Nase im Wasser konnte stehen sehen. An seiner Stelle sind jetzt die bekannten chinesischen Gänse; links von der Brücke hingegen, wo sich das Wasser etwas erweitert und kleine baumbewachsene Buchten und Inseln bildet, tummelt sich eine zahlreiche Gesellschaft von Schwimm- und Wadvögeln herum. Hier fallen die komischsten Verwechslungen vor. Wie überall, so ist nämlich auch hier der Name der gerade vorhandenen Thiere auf einzelnen Täfelchen verzeichnet. Da nun Pelikan, Reiher, Kranich, schwarzer Schwan, weiße und schwarze Störche, Bernickel- und andere Gänse bunt durcheinander laufen, so steht z. B. manchmal der schwarze Schwan gerade neben der Tafel, welche den Kranich nennt, der Pelikan in der Nähe der ihn als Storch bezeichnenden Tafel. Sicher kann man alsdann sein, daß, wenn eine Gesellschaft Besucher sich naht, deren Mitglieder Laien in der Zoologie sind, und zwar mehr Laien als erlaubt ist, daß dann der Schwan sofort als Kranich freudig begrüßt, und der merkwürdig lange Schnabel des vermeintlichen Storchs bewundert wird. Kommt nun freilich einer der wirklichen Störche zum Vorschein, so erkennt man wohl seinen Irrthum, aber selten dürfte hier eine Gesellschaft ganz aufgeklärt weiter ziehen.

Höchst anziehend ist das Treiben dieser Vögel für den aufmerksamen Beobachter. Da stehen die drei oder vier grauen Reiher, den Kopf und Hals eingezogen, am oder im Wasser. Unbeweglich, gleich Bildsäulen, verräth blos ihr feuriges, raubgieriges Auge das Leben in ihnen. Aber plötzlich schießt der Kopf wie ein Pfeil in’s Wasser, und mit einem von der Fütterung übrig gebliebenen Fisch oder Stück Fleisch im Schnabel taucht er in demselben Augenblick wieder auf. Ebenso die Pelikane: eifrig schwimmen sie auf dem Wasser hin und her, nach Beute unter dem Wasser spähend. Ist sie erblickt, so verschwindet unter dem hochaufklatschenden Wasser der Kopf im Augenblick und das Erfaßte ist sofort mit hochgehaltenem Schnabel verschluckt.

Einen prächtigen Anblick gewährt der schwarze Schwan, wenn er, die flüchtigen Gänse vor sich hertreibend, mit gewaltigen Ruderschlägen das Wasser durchschneidet, oder wenn er, sein Gefieder, und besonders seine schönen gekräuselten Rückenfedern ordnend, den langen ungewöhnlich schlanken Hals in den herrlichsten Linien bewegt, und die Sonne durch ihre Beleuchtung das Schauspiel vollendet. Die beiden weißen nur gemeinschaftlich sich bewegenden Störche machen hingegen einen mehr komischen Eindruck; mit eigenthümlicher Gravität steigen sie einher, oder lassen vielleicht gar beide zugleich mit auf den Rücken gelegten Köpfen und senkrecht in die Höhe stehenden Schnäbeln ihr närrisches Klappern eifrig und, wie es scheint, zu großer Erbauung ihrer selbst ertönen.

Eine fatale, aber unvermeidliche Operation mag für die Vögel das Verschneiden der Flügel sein, denn da ihr Aufenthaltsort blos eine Umgitterung, wegen der Bäume und der Größe des Raumes aber keine Bedachung hat, so kann blos dadurch ihr Entweichen verhütet werden, und die Beobachtung, daß bei wieder wachsenden Schwungfedern ein Vogel mit Erfolg Flugübungen anstellt, ist zugleich die Mahnung, hier einzugreifen.

Ist es recht ruhig, vielleicht Vormittags, wo die Besucher nicht zahlreich sind, so hört man, wenn man den Wasservögeln zuschaut, ein eigenthümliches, in regelmäßig kurzen Zwischenräumen wiederkehrendes Knistern oder mehr leises Klappern. Es sind dies die Rennthiere, die sich in der Nähe befinden, und zwar ein Bock, eine Kuh und ein Junges, welches letztere, irren wir nicht, im Frühjahr dieses Jahres im Garten selbst geboren wurde. Obgleich der Bock mit einem ganz bedeutenden Geweih, welches überhaupt beim Rennthier sich durch seine Größe auszeichnet, gekrönt ist, so ist doch das ganze Thier eigentlich nicht schön. Der in gleicher Linie mit dem Rücken gesenkt getragene Hals, der mehr knochige Bau geben ihm etwas Kuhartiges, wozu auch die breiten Hufe, die sich beim Auftreten noch mehr auseinander breiten und das Thier dadurch zum Laufen auf dem Schnee befähigen, nicht wenig beitragen. Die Hufe sind es auch, welche an den Hinterbeinen beim jedesmaligen Aufheben des Fußes zusammenschlagen und jenes Knistern verursachen. Rastlos wandern die Thiere, eins hinter dem andern, den ganzen Tag an den Schranken ihres Geheges entlang, nur bisweilen auf kurze Zeit bei einem Haufen weißlichen Mooses verweilend, jedes Mal aber durch zahllose Mücken und Fliegen, von denen sie arg geplagt werden, bald wieder verscheucht.

Denen, welche wissen, daß bei dem Rennthier auch das Weibchen Geweihe trägt, muß es auffallen, daß die hier befindliche Renthierkuh zu der Zeit, wo doch der Bock sein Geweih hat, keine Spur eines solchen zeigte. Da unser Besuch in den August fällt, so ist übrigens das Geweih des Bockes noch von seiner dünnbehaarten Haut (dem Bast) umgeben und hat daher, wie überhaupt die Geweihe auch der andern Hirscharten, ein fremdartig haariges Ansehen. Anziehend ist es jedenfalls, das Thier, welches gewissermaßen als die Lebensbedingung der Lappländer und anderer nördlicher Völker bekannt ist, hier zu beobachten, zumal dasselbe, gleich dem Kameele des Südens, den Beweis liefert, daß manchmal da die Schönheit am meisten fehlt, wo der Nutzen am größten ist.

Einige Schritte von den Rennthieren wohnen die eigentlichen Edelhirsche, die Bewohner unserer Wälder. Es ist hier immer ein kleines Rudel zu finden, bestehend aus einem älteren Bock, einigen jüngeren und mehreren Weibchen und Jungen, so daß man stets Gelegenheit hat, die Geschlechter in ihren verschiedenen Altersstufen kennen zu lernen. Sind außerdem noch vollständig erwachsene Böcke vorhanden, so werden diese gewöhnlich abgesperrt, um Kämpfe zu vermeiden. Wir können uns hier füglich kurz fassen, da in diesem Blatte der Hirsch in der Pracht seines freien Waldlebens bereits so schön geschildert wurde, daß die beste Schilderung nach gefangenen Thieren von vornherein verfehlt wäre. Auch sie werden außerordentlich von Fliegen geplagt und legen sich, besonders die Böcke, deswegen und wohl auch wegen der Hitze oft gleich in’s Wasser, wenn ein Regen die dazu hergerichtete Vertiefung mit Wasser gefüllt hat.

Schon von weitem erblicken wir jetzt durch das Gebüsch das schneeweiße Fell eines hin und her gehenden Thieres, eines erst zwei Jahre alten, aber für dieses Alter schon ganz respectabeln Eisbären. Wir befinden uns, näher kommend, an einem Häuschen, welches, innen in mehrere Behälter getheilt, nach außen rechts und links mit ziemlich großen, oben gleichfalls geschlossenen Eisenkäfigen versehen ist, deren mit Steinen gepflasterter Fußboden in der Mitte ein Wasserbassin enthält. Die ganze Einrichtung ist den Bären gewidmet, zur Zeit dem oben erwähnten Eisbär und zwei Exemplaren des in der letzten Zeit vielgenannten grauen Bären. Der Eis- oder Polarbär auf der einen Seite des Hauses ist ein prächtiges Thier, wie man es in reisenden Menagerien wegen des immer nicht ganz zu vermeidenden Schmutzes wohl nie finden wird.

Auf der entgegengesetzten Seite des Hauses kauert in einem anderen Käfige der gefürchtete graue Bär. Seit die Felsengebirge Nordamerika’s mehr durchforscht werden sind, ist dieses Thier sehr häufig genannt worden, und es scheint in diesen Gegenden eine bedeutende Rolle zu spielen. Als eine Lücke würde es wenigstens erscheinen, wenn in einem Reisewerke über die dortigen Regionen seiner nicht erwähnt würde, und auch auf der Expedition, deren Erlebnisse in dem neuen Werke von Möllhausen so anschaulich geschildert werden, wurden zahlreiche Fußspuren einer wegen Wassermangel ausgewanderten Bärengesellschaft entdeckt, obgleich ein Zusammentreffen mit den Thieren selbst nicht stattgefunden zu haben scheint. Die beiden hier befindlichen Exemplare haben zwar offenbar [676] nicht die Größe, wie sie das Thier in der Freiheit erreicht, immerhin aber kann man sich eine ziemliche Vorstellung von ihrer Gefährlichkeit machen. Die Krallen z. B. erreichen eine ungeheuere Länge schon bei dem einen größeren Thiere. Dasselbe ist schon seit Jahren blind, verräth aber eine solche Sinnenschärfe in Bezug auf Geruch und Gehör, daß viele Besucher es füttern und von dannen gehen, ohne das Fehlen jenes Sinnes bemerkt zu haben; so schnell findet der Bär jeden hingeworfenen Brocken, selbst aus dem Wasser, heraus. Sehr anziehend ist es, wenn er ein Bad in seinem Bassin nimmt, wobei er mit seinen breiten Vordertatzen das Wasser mit großem Eifer um sich herumschleudert.

(Ein zweiter Artikel in nächster Nummer.)




Ekliches am Menschen.

Rümpfe Dein Näschen nicht gleich, liebe Leserin, über die Ueberschrift dieses Aufsatzes; Du kannst gar nicht wissen, ob Du nicht auch etwas Ekliches an Dir hast und ob Du nicht durch diesen Aufsatz davon befreit wirst. Du meinst, das würdest Du schon wissen? Da irrst Du aber! Viele sind ganz unbewußt recht ekelhaft, und solche gute Freunde gibt es nur selten, die auf die Gefahr hin, sich Haß oder vielleicht gar dauernde Feindschaft von unserer Seite zuzuziehen (weil die Wahrheit selten gern gehört und oft falsch ausgelegt wird), uns auf Eigenheiten und Fehler aufmerksam machen, welche durch widerwärtigen Eindruck auf die Sinne Ekel einflößen und Andere von uns abstoßen. Gerade das weibliche Geschlecht, welches doch anziehend sein muß, wird gar nicht selten durch manches Ekelhafte abstoßend. Vorzugsweise ist es hier der Mund, welcher die Veranlassung dazu gibt. Wie oft hört man nicht: welch’ eine schöne Frau, aber – sie riecht aus dem Munde; welch’ ein reizendes Mädchen, nur – muß sie den Mund nicht öffnen (denn anstatt auf Perlen hinter den Korallenlippen fällt der Blick auf gelbliche, grün- und schwarzberänderte Stifte). Kurz, es kann nicht weggeleugnet werden, daß an vielen Menschen Ekliges existirt und daß, wenn dieses nicht existirte, viele Menschen angenehmer wären. – Trennen wir das Ekliche in solches, was unsern Geruchsinn und in das, was den Gesichts- und Gehörsinn beleidigt.

Unser Geruchsinn wird am meisten durch solche üble Gerüche verletzt, welche der Fäulniß thierischer Stoffe ihren Ursprung verdanken, wie der üble Geruch des Mundes, der Nase und des (hauptsächlich Fuß- und Achsel-) Schweißes. Auch können von außen in den Körper gebrachte schlechtriechende Stoffe (wie Käse, Zwiebeln, Meerrettig, Knoblauch u. s. f.) einen Menschen in übeln Geruch bringen. Schlimm ist’s hierbei, daß diejenigen, welche übel riechen, dies gewöhnlich selbst gar nicht bemerken und ihre Nächsten aus nächster Nähe anduften.

Der üble Mundgeruch ist am verbreitetsten und widerwärtigsten; er wird in der Regel, gewissermaßen zur Entschuldigung des Riechenden, Uebeln der verschiedensten Art zugeschrieben und soll bald aus dem Magen, bald aus der Lunge stammen. Er hat aber fast immer, wenigstens bei sonst gesunden Menschen, seinen Grund in Unreinlichkeit und falscher Behandlung der Mundhöhle. Er ist dann nämlich das Product der Fäulniß thierischer Nahrungsmittel, die sich in den Lücken zwischen den Zähnen oder in den Höhlen hohler Zähne verbergen. Auch bei dem sorgfältigsten Putzen mit Zahnpulver, Ausstochern, Ausspülen und Bürsten der Zähne lassen sich diese Speisereste nicht vollständig entfernen und deshalb ist es die Aufgabe einer richtigen Behandlung der Mundhöhle, die Fäulniß jener Stoffe zu verhindern. Dies läßt sich aber, auch bei falschen Zähnen, durch tägliches (ein- oder mehrmaliges) Putzen der Zähne mit reinem Spiritus, dem eine geringe Quantität Essig- oder Schwefeläther zugesetzt ist, oder auch durch Bürsten mit Eau de Cologne recht leicht ermöglichen. Jedenfalls wird die Reinlichkeit dadurch noch vermehrt, daß man die hohlen Zähne öfters vom Zahnarzte reinigen und ausfüllen läßt. Zum Putzen der Zähne wähle man eine recht scharfe Zahnbürste und führe dieselbe nicht blos horizontal, sondern auch senkrecht über die Zähne, damit die Borsten derselben besser in die Lücken zwischen den Zähnen eindringen können. Hohle Zähne müssen natürlich vorzugsweise gut gereinigt werden und das Zahnausstochern nach dem Essen ist sicherlich sehr empfehlenswerth, nur muß man Andern nicht eklich damit werden, wie dies so oft geschieht. Vor Gesellschaften, Bällen und Gelegenheiten, wo man Leuten nahe treten muß oder wo es vielleicht gar zum Kusse kommen kann, sollte von jedem reinlichen Menschen die Mundhöhle stets einer sehr sorgfältigen Reinigung unterworfen werden. Hauptsächlich ist dies Tabaksrauchern (zumal aus dem ärztlichen Stande) anzurathen, denn der üble Geruch von im Munde faulenden Stoffen bildet mit dem der Tabakssauce eine böse Melange. Der Eltern Aufgabe ist es, bei ihren Kindern schon in der frühesten Jugend auf die gehörige Reinigung der Zähne zu sehen, weil dadurch gleichzeitig die Zähne für das Alter gesund erhalten werden.

Die Stinknase (Ozäna, Punaisie), bei welcher sich aus der Nase ein übler, den Umstehenden und bisweilen auch dem Kranken selbst sehr lästig fallender Geruch entwickelt, kommt am häufigsten bei jungen Mädchen vor, und ist das eine Mal mit Ausschnäuzen übelriechender, bisweilen blutiger und jauchiger Flüssigkeiten und Krusten verbunden, das andere Mal dagegen ohne allen Ausfluß. Es scheint dieses, in der Regel schmerzlose und sehr langwierige Uebel, bald von Geschwüren in der Nasenschleimhaut, bald nur von Fäulniß eingesperrter Schleimpfröpfe herzurühren. Wohl immer ist aber der Sitz desselben hoch oben in der Nasenhöhle. Von den gegen die Punaisie empfohlenen innern und äußern Arzneimitteln (z. B. Chlorkalkflüssigkeit, 1 Th. auf 6 Th. Wasser) hat man keine besondere Hülfe zu erwarten, wohl aber vom häufigen Reinigen der Nase mit lauem Wasser. Nur muß dasselbe sehr oft (wo möglich alle Stunden und noch öfter) des Tages hoch hinauf und durch die Nasenhöhle hindurch in den Mund gezogen werden.

Uebelriechende örtliche Schweiße, wie der Füße und Achselhöhlen, beruhen auf Erweichung und Schmelzung der Oberhautschichten durch den faulenden, ammoniakalischen, specifisch riechenden Schweiß. Das Hauptmittel gegen solche Schweiße ist natürlich große Reinlichkeit, häufiges Waschen und Baden der schwitzenden Theile, öfterer Wechsel der betreffenden Wäsche, Vermeiden einer allzuengen, den Luftzutritt und das Ausdunsten des Schweißes ganz hemmenden Bekleidung. – Gegen übelriechenden Fußschweiß nützt das Einstreuen von Weinsäure in die Strümpfe oder das Tragen von Strümpfen und Leinwandlappen, die in eine Lösung dieser Säure getaucht und dann getrocknet wurden. Auch ist das tüchtige Einreiben der Fußzehen mit frischem Talge und das Bestreichen der Strumpfsohle mit Thonlösung heilsam. Ebenso wird gegen Fußschweiß eine Salbe aus gleichen Theilen Leinöl und Bleiglättenpflaster (Empl. diachylon simplex) empfohlen. – Bei übelriechendem Achselschweiße sind in der Achselhöhle Schweißblätter von Leinwand zu tragen, die entweder eingethont oder mit einer Weinsäurelösung getränkt und dann getrocknet sind. – Uebrigens soll hier auch noch die von den Meisten arg vernachlässigte Pflege der Haut (durch Bäder, Abreibungen etc., s. Gartenl. 1854. Nr. 46) dringend anempfohlen werden.

Unser Gesichtssinn wird durch unsere Mitmenschen am meisten dann beleidigt, wenn diese die Vorbaue und Eingänge ihrer Sinnesorgane, der sogenannten Pforten des Geistes, in Unordnung halten. Man bedenke doch: daß das Auge der Spiegel der Seele (des Geistes) sein soll, in welchem Verliebte ihren Himmel sehen wollen; daß die Nase, durch welche der Charakter des menschlichen Antlitzes am entschiedensten bezeichnet wird, gewissermaßen der Ausläufer der Stirn und des hinter der Stirn in der Schädelhöhle geborgenen Verstandestheiles des Gehirnes ist; daß der Mund als Dolmetscher des Geistes und Herzens angesehen wird und daß das Ohr, nach Carus, das wichtigste und vielsagendste Organ der psychischen Entfaltung genannt werden darf, daß es der Sinn des Tiefinnerlichen ist, der Sinn des Geheimnisses, der Sinn, welcher die Welt in den Menschen hineinzutragen bestimmt ist.

Am menschlichen Auge bildet oft die entzündliche Röthung des Augenlidrandes, sowie die vermehrte Absonderung von Schleim und Augenbutter, die sich durch gelbliche Klümpchen oder weißliche eiterige Tropfen im innern Augenwinkel und durch Grindchen um die Wimpern bemerklich macht, einen eklichen Rahmen um den Spiegel der Seele. Oft trägt die Einwirkung von Zugluft, Staub, Rauch, scharfen Dünsten und großer Hitze die Schuld an diesem [677] Leiden. Merkwürdig ist, daß manchmal auch kleine Läuschen die Ursache der schleichenden Entzündung des Augenlidrandes sind. – Bei diesen Augenleiden ist zuvörderst die gehörige Schonung (Pflege) und Reinigung des Auges (s. Gartenl. 1854. Nr. 40.) von der größten Wichtigkeit. Man wasche die Augen nicht etwa des Morgens gleich nach dem Erwachen und ja nicht etwa mit kaltem Brunnenwasser, sondern mit lauem weichem (Regen- oder reinem Fluß-) Wasser. Auch bediene man sich zum Waschen der Augen nicht eines Schwammes, sondern der bloßen Hände oder eines leinenen Tuches. Das Baden der Augen in kaltem Wasser, sowie das Oeffnen derselben beim Eintauchen in kaltes Wasser ist sehr schädlich. Wenn nun auch jene schleichend entzündlichen Zustände der Augenlider Jahre lang bestehen können, ohne große Beschwerden zu machen und nachtheilig auf die Sehkraft einzuwirken, so ist doch Jedem, der daran leidet, auf’s Dringendste an’s Herz zu legen, sich mit einem Sachverständigen darüber zu berathen. Denn abgesehen davon, daß solche Augen nicht schön sehen und immer in Gefahr sind, bei irgend einer Verkalkung durch Zugluft oder durch scharfen Wind u. dgl. in starke und gefährliche Entzündung versetzt zu werden, so wird der Zustand bei längerem Bestehen dem Auge und der Sehkraft sicher nachtheilig. und nicht blos für den Kranken allein droht Gefahr, auch für die ihn Umgebenden, wenn das Leiden mit reichlicher Absonderung von Schleim verläuft-, und zufällig, z. B, durch den gemeinschaftlichen Gebrauch eines Handtuches, desselben Bettzeuges, oder sonst auf eine Art von dem Kranken auf irgend ein gesundes Auge übertragen wird. Ganz vorzüglich muß auch vor der Anwendung von Augenwässern oder Salben, ohne Zuziehung eines Augenarztes, gewarnt werden; schon oft ist durch solche Mittel das Augenlicht verloren gegangen.

Bock.




Eine schweizer Landesgemeinde.
Brief an den Herausgeber der Gartenlaube vom Dr. A. J. D. H. Temme in Zürich.
(Fortsetzung.)

Die Veranlassung zu dieser außerordentlichen Landesgemeinde war eine der wichtigsten, die es für das Land und Volk geben konnte. Es handelte sich eben um eine neue Landesverfassung, in welcher mehrere der allerwichtigsten Bestimmungen der bisherigen Verfassung abgeändert werden sollten.

Mit dem ganzen Detail, das in Frage stand, werde ich Sie nicht belästigen.

Nur drei Punkte muß ich hervorheben. Sie sind zugleich die erheblichsten und führen Sie mitten in den eigenthümlichen Charakter des staatlichen Lebens von Land und Leuten hinein.

Das Land wird durch einen kleinen Fluß oder Bach, die Sitter, durchschnitten. Es wird dadurch das Land vor der Sitter und das hinter der Sitter unterschieden. Die oberste Landesbehörde hatte nun bisher aus jedem Districte gleichmäßig besetzt werden müssen, aus jedem mit einem Landammann u. s. w. Das führte manche Uebelstände mit sich. Die neue Verfassung sollte diese Scheidung aufheben. Das war der erste Punkt.

Noch wichtiger war der zweite. Bisher hatte das Land kein besonderes Obergericht. Eine zudem complicirt zusammengesetzte oberste Verwaltungsbehörde, der sogenannte „große Rath“, entschied zugleich in letzter Instanz, sowohl Civil- als Criminalsachen. Die neue Verfassung wollte Trennung der Justiz von der Verwaltung, Aufstellung einer selbstständigen höchsten Gerichtsbehörde.

Wichtiger nach meiner Ansicht war ein dritter Punkt. In allen schweren Straffällen hatte nach der bisherigen Verfassung in erster und letzter Instanz jener große Rath das Urtheil zu fällen gehabt. Gerade für die wichtigsten Rechtssachen war also nur eine einzige Instanz gegeben. Diesem Uebelstande soll nach der neuen Verfassung in folgender Weise abgeholfen werden: Es wird für das Land ein „Criminal- und Polizeigericht“ errichtet, hat jedoch keine Strafcompetenz, sondern hat einzig und allein sich darüber auszusprechen, ob und welches Verbrechens der Angeklagte schuldig sei, und sodann die Verhandlungen an den ordentlichen Richter des Wohnortes des Angeklagten zur Fällung des Endurtheils abzugeben. Gegen seine Entscheidungen kann nicht nur an das Obergericht appellirt werden, das Obergericht kann dieselben auch dadurch von Amtswegen vernichten, daß es in Fällen eines Verbrechens oder eines schwereren Vergehens nach seinem Ermessen von sich aus eine neue Proceßverhandlung vor seiner Gerichtsstelle anordnet.

Die Stellung des neugeschaffenen Gerichts ist also die eines modificirten und zugleich complicirten Geschworenengerichts, dessen Wahrsprüche aber durch Rechtsmittel, gar von Amtswegen, durch eine höhere Gerichtsbehörde vernichtet werden können. In dieser Weise kann allerdings das neue Gericht die erheblichsten Bedenken gegen sich herausfordern, mit denen ich Sie und Ihre Leser nicht weiter behelligen will. Die Schaffung zweier Instanzen für Strafrechtsfälle muß aber unzweifelhaft als ein Fortschritt der neuen Verfassung betrachtet werden.

Das waren die wichtigsten Punkte der neuen Verfassung. Sie waren als solche auch allgemein anerkannt, von der „Obrigkeit“, von den „Landleuten“, in der Presse. Das meiste Gewicht wurde auf das Obergericht gelegt. Schon vor dreißig Jahren hatten sich Stimmen für dasselbe, für die Trennung der Gewalten, im Lande erhoben. Stets war namentlich die „Obrigkeit“ des Landes selbst dafür gewesen. Die Landesgemeinden hatten sich jedoch eben so entschieden dagegen erklärt. Die Obrigkeit war beharrlich geblieben. Auflösen konnte sie – eine Landesgemeinde nicht. Aber zum Oefteren hatte sie den Gegenstand bei der Landesgemeinde von Neuem in Anregung gebracht.

Sollte er auch am 3. October dieses Jahres fallen? Die Spannung war allgemein; nicht nur im Appenzellerlande, auch im übrigen Schweizerlande sah man vielfach nach Hundwyl.

Freilich war man in Appenzell selbst auch in Betreff der beiden anderen obengenannten Punkte nicht ohne Bedenken.

Wie der Schweizer überhaupt, so hängt der Appenzeller besonders mit großer Zähigkeit an dem Ererbten, Hergebrachten. Dazu kam in Betreff der Aufhebung jener Scheidewand zwischen dem Lande vor und hinter der Sitter, daß es sich in den Augen der Masse nur gar zu leicht um Hintansetzung, um Unterdrückung eines Landestheiles gegen den anderen handeln konnte. Und in Betreff des Criminal- und Polizeigerichts kann man es den einfachen Landleuten schwerlich verdenken, wenn die in dem Vorschlage liegende Unklarheit auch ihnen nicht klar werden wollte. Dennoch herrschte unter dem Volke selbst in Betreff der ganzen Verfassungsrevision eine bewunderungswürdige Ruhe. Keine Gleichgültigkeit!

Ich machte den Weg von Herisau nach Hundwyl mitten zwischen den zur Landesgemeinde gehenden Landleuten, und zwar an der Seite des Gemeindeschreibers, früher langjährigen Landschreibers Grunholzer von Herisau, an den ich von seinem in Zürich lebenden Bruder empfohlen war, eines Mannes, der in seiner Heimath Appenzell eben so geachtet ist, wie sein Bruder in der ganzen Schweiz. Er machte mich mehr mit den Zuständen und Verhältnissen, mit Land und Leuten bekannt, und führte mich mitten in diese hinein.

Aus keinem Munde vernahm ich über die Neuerungen nur ein einziges lebhaftes oder gar aufgeregtes Wort, nicht einmal untereinander, noch weniger gegen mich. Die Meisten sprachen gar nicht über die Sache. Sie gingen in dem sicheren und ruhigen Bewußtsein, daß sie über den Gegenstand genug nachgedacht, vielleicht auch gesprochen hätten, und nun darüber völlig im Klaren seien.

So war es auch, als wir in Hundwyl ankamen, wo schon Tausende von Menschen versammelt waren, und von Minute zu Minute immer mehrere eintrafen. Ueberall, in den Straßen des Dorfes, auf dem Platze, wo die Landesgemeinde abgehalten werden sollte, in den Wirthshäusern, herrschte die größte Ruhe und Ordnung, ja sogar Stille. Nirgends ein überlautes Wort, nirgends ein Disputiren, Streiten oder Zanken. Man kann sagen, daß über die Verfassung gar nicht gesprochen wurde. Höchstens wurde, wenn ein paar Bekannte sich begegneten, gefragt: Was meinen Sie? Wird die Revision durchgehen? Wird die neue Verfassung angenommen? Man wußte es nicht. Man hoffte oder fürchtete, je nach dem Standpunkte des Antwortenden.

[678] Bemerken muß ich übrigens, daß der Entwurf der neuen Verfassung mit erläuternden Bemerkungen schon seit August dieses Jahres in Aller Händen war, und daß seitdem auch namentlich die Presse des Landes ihn für und wider fast unablässig besprochen hatte. Die Leute hatten sich also wohl ein Urtheil bilden können. Und die es sich etwa noch nicht klar gebildet hatten, warteten ruhig ab, was ihnen in der Landesgemeinde noch vor der Abstimmung der regierende Landammann in seiner über den Gegenstand zu haltenden Rede sagen werde.

Daß diese große Ruhe und Sicherheit des Volkes etwas Imponirendes hatte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Man sah den Leuten an, einerseits das klare, felsenfeste Bewußtsein: Um unsere Freiheit handelt es sich nicht, die nimmt uns Niemand und nichts in der Welt. Es kommt eben nur auf eine oder ein paar neue Formen an, die ihr Gutes haben mögen, die aber auch ihre Gebrechen haben können, ohne die übrigens unsere Vorfahren fertig geworden sind. Man sah dann aber auch andererseits das Bewußtsein: Jedenfalls sind wir selbst und wir allein es, die darüber zu bestimmen haben, wie es werden soll; kein Fremder, kein Dritter, kein anderer Mensch in der Welt hat uns drein zu reden! –

Aber, Erbarmen! werden Sie zum öftern ausgerufen haben, mein lieber Freund! Erbarmen, wann kommt denn endlich die Appenzeller Landesgemeinde?

Geduld, jetzt kömmt sie wirklich!

Um neun Uhr Morgens waren schon mindestens sechs- bis siebentausend Appenzeller Männer in dem Dorfe Hundwyl versammelt. Zwölftausend „ehr- und wehrhafte Männer,“ welche das achtzehnte Jahr erreicht haben, zählt das Land Appenzell-Außerrhoden. Zehn- bis elftausend konnten also erwartet werden.

Die sämmtlichen Anwesenden waren in ihrer festlichsten Kleidung. „Festliche Kleidung“ verordnet das Gesetz. Die Kleidung, in der man zum Abendmahl geht, schreibt das uralte Herkommen vor. Alle trugen dunkle, die bei weitem Meisten schwarze Röcke und Beinkleider. Beinahe Alle den schwarzen runden Hut (Cylinder). Tief hinten aus dem Lande waren auch noch alte Männer mit dem Dreimaster da. Aus anderen Gegenden wieder Andere mit dem czakoähnlich von unten nach oben immer weiter sich ausdehnenden runden Hute der ersten Zeit des französischen Kaiserreichs.

Jeder ohne Ausnahme trug ein Seitengewehr. Es war das Zeichen ihrer „Ehr- und Wehrhaftigkeit“, sein Tragen war im Gesetze geboten. Ohne den Degen an der Seite hätte Keiner stimmen dürfen. Man sah Seitengewehre aller Art und Zeit. Die meisten trugen ihre Infanteriedegen, beziehungsweise Cavalleriesäbel des schweizerischen Heeres.

Jeder Schweizer-Soldat (Landwehrmann) hat seine Waffen stets bei sich zu Hause. Landwehrzeughäuser, worin sie, wie in Preußen, aufbewahrt würden, kennt man in der Schweiz nicht. Andere trugen Hirschfänger, noch Andere Patentdegen. Manches Gewehr mochte seine zwei- bis dreihundert Jahre alt sein.

Um elf Uhr Vormittags sollte die Landesgemeinde beginnen. Um neun Uhr fand der erste officielle Act zu ihrer Vorbereitung statt: ein Sonntagmorgengottesdienst in der Dorfkirche. Die Behörden des Landes, die „Regierung“, mußten Theil daran nehmen. Von den Anderen konnten sich so viele anschließen, als die Kirche faßte. Es mögen nicht viel über tausend gewesen sein. Die Glocken des Kirchthurms riefen wenige Minuten vor neun zu der Kirche. In demselben Momente stellten sich Musiker vor dem Wirthshause zur Krone auf.

In dem Wirthshause zur Krone, nicht weit von der Kirche, befanden sich, des Rufes zur Kirche harrend, die „Herren von der Regierung.“ Sie waren in einem besonderen Zimmer versammelt.

Hinter der Musik stellte sich die Ehrenwache der Regierung auf, Wächter und Wärter aus dem Dorfe, gekleidet wie die anderen Männer, nur daß sie außer ihren Seitengewehren große alterthümliche Lanzen trugen.

Als die Glocke neun schlug, begann die Musik einen Marsch zu blasen. Augenblicklich traten die Herren von der Regierung aus dem Wirthshause hervor.

Zuerst die beiden Landammänner, sie gingen paarweise. Ihnen folgten die Anderen nach dem Range; alle gleichfalls paarweise. Hinter der höchsten Corporation, dem sogenannten „zweifachen Landrathe“, gingen drei „Weibel“, voran der „Landweibel.“ Mit Ausnahme dieser drei Weibel und des einen Landammanns zeichnete sich keiner durch seine Kleidung vor den übrigen Landleuten aus. Der „regierende“ Landammann trug einen einfachen schwarzen Mantel und einen hohen dreieckigen Hut, den „Landammannsmantel“ und den „Landammannshut.“ Die drei Weibel trugen Mäntel, von denen die ganze eine Seite weiß, die andere schwarz war.

Weiß und schwarz sind die Appenzeller Landesfarben, oder wie es hieß, „Standestracht.“

Die drei Männer sahen sonderbar genug darin aus. Sah man sie links, so waren sie von unten bis oben schwarz, sah man sie rechts, so sah man nur die weiße Seite des Mantels. Alle hatten die Häupter entblößt. So ging der Zug feierlich in die Kirche. Alle Umstehenden entblößten gleichfalls ihre Häupter.

Was, wie gesagt, in die Kirche mit hinein konnte, ging mit hinein. Aber nur Männer der Landesgemeinde. Ich trug keinen Degen; ich konnte nicht mit hinein. Ich kann Ihnen daher auch nichts über den Gottesdienst sagen, zumal da ich wahrhaftig später vergessen habe, mich darnach zu erkundigen. Es wird wohl der gewöhnliche Sonntagsgottesdienst gewesen sein, mit Bezug in der Predigt auf die politische Wichtigkeit des Tages. In der Schweiz wird dadurch ein Gottesdienst nicht zu einem politischen Verein.

Um zehn Uhr war die Kirche zu Ende. Die Regierungsherren kehrten nicht in das Wirthshaus zurück; sie begaben sich in das Pfarrhaus, in welchem zugleich eine Etage zu dem von der Gemeinde zu liefernden Gerichtshause diente.

Um halb elf Uhr wurde darauf die Landesgemeinde feierlich zusammengerufen. Dies geschah in folgender Weise:

Zwei Trommler und ein Pfeifer durchzogen dreimal die Gassen des Dorfes. Eine Schutzwache von jenen Lanzenträgern begleitete sie. Trommler und Pfeifer trugen wieder die „Standesfarbe,“ eine Art Militairfracks, die zur einen Hälfte weiß, zur anderen schwarz waren. Bis vor einigen Jahren hatten sie auch Westen und Beinkleider so von verschiedener Farbe getragen, so daß das eine Bein schwarz, das andere weiß bekleidet war. Sie sahen auch jetzt noch sonderbar aus, auf der einen Seite Arm, Brustlatz, Rockschoß schwarz, auf der andern Alles weiß.

Nachdem der dritte Umzug der Trommler und des Pfeifers beendigt war, erschien ein Sängerchor von vierzig bis funfzig Männern auf dem Landesgemeindeplatze. Sie sangen zwei „Landesgemeindelieder“: „Ode an Gott“ (Alles Leben strömt aus Dir) und „Dem Vaterlande“ (Rufst du, mein Vaterland).

Die ganze Landesgemeinde war unterdeß auf dem Platze versammelt. Es waren über elftausend Männer. Während des letzten Liedes erschienen die Herren von der Regierung, von Musik begleitet und in demselben Zuge, wie sie vorhin zur Kirche sich begeben hatten.

Aber vorerst muß ich Ihnen den Landesgemeindeplatz beschreiben. Ich kann es mit wenigen Worten. Mitten im Dorfe, an der Hauptgasse, liegt ein weiter, grüner, offener Rasenplatz. An seiner Rückseite und rechten Seite stehen kreisförmig Häuser des Dorfes. Links stößt die Kirche an ihn. Nach vorn läuft er ohne Beschränkung eine hohe Wiesenanhöhe hinan. Es waren zwei Tribünen auf ihm errichtet, die eine, kleinere, dicht an der Dorfgasse, mit dem Rücken nach den hinter dem Platze stehenden Dorfhäusern, die zweite, größere, der ersteren gegenüber, ungefähr fünfzig Schritte von ihr entfernt. Jene erstere war einzig und allein für den regierenden Landammann bestimmt, dem der Landschreiber und die oben genannten drei Weibel in ihren halb schwarzen und halb weißen Mänteln folgten. Die größere Tribüne sollte die sämmtlichen übrigen Landesbehörden mit Einschluß des „stillstehenden“ Landammanns aufnehmen.

Wie für die Landesgemeinde keine Sitze da waren, so mußten auch sämmtliche Beamte stehen, der regierende Landammann nicht ausgenommen. Es war Alles einfach. Die Beamten nahmen, so wie sie erschienen, ohne weiteres Ceremoniell ihre Plätze ein.

Sobald der regierende Landammann oben auf der Tribüne angelangt war, nahm er seinen „Landammannshut“ ab. Einer der Weibel nahm ihn von ihm in Empfang. In demselben Augenblicke entblößten die Mitglieder der Behörde ihm gegenüber und alle Tausend Männer auf dem weiten Platze ihre Häupter. Ebenso Alles, was auf und neben dem Platze, in den Fenstern der benachbarten Häuser und auf der Gasse, selbst auf dem Dache der Kirche, an Zuschauern da war.

Sie fragen mich, wo ich mich befand?

Ich war mit dem Herrn Grunholzer gekommen, den Alle kannten. Ich konnte mich hinstellen, wohin ich wollte. Ich durfte mich [679] mitten in die Versammlung stellen, in die Nähe der Tribüne des Landammanns, wo ich Alles hören und übersehen konnte.

Bezüglich der Abstimmung und deren Controlirung hätte auch eine Anwesenheit Mehrerer zwischen den Stimmenden keine Verwirrung hervorbringen können. Mitstimmen durfte nur, wer seinen Degen an der Seite trug. Hierin konnte Jeder seinen Nachbar controliren. Wehe dem, der ohne das Zeichen der Ehr- und Wehrhaftigkeit mitgestimmt hätte! Er wäre sofort jenen Lanzenwachtern überliefert worden. Nun wurde aber abgestimmt durch Aufhebung der Hand, und es wurde bei jeder einzelnen Frage Probe und Gegenprobe gemacht, so daß das Resultat immer mit Sicherheit übersehen werden konnte, gleichviel ob Fremde in der Versammlung waren oder nicht.

Hier muß ich noch eine Bemerkung einschalten. Das Appenzeller Recht bestraft jeden Exceß, jedes Vergehen, jedes Verbrechen, die am Tage der Landesgemeinde vorfallen, mit verhältnißmäßig weit härterer Strafe, wie sonst. Der Landesgemeinde ist ein ganz besonderer Friede geboten. –

Der regierende Landammann trat an die Schranke der Tribüne.

Es war ein schöner Mann, dem Anscheine nach einige vierzig Jahre alt. Das Gesicht war sehr ausdrucksvoll, etwas kränklich. Er ist Kaufmann in einem kleinen Dorfe vor der Sitter, Bühler. Sein Name ist Sutter. Wohin ich hörte und gehört hatte, sprach man mit der größten Hochachtung von ihm, von seinem Verstande, von seinem Charakter, von seiner ungeheuchelten Liebe für das Vaterland. Alle waren darin einig, mochten sie für oder gegen die Revision der Verfassung sein. Wie sehr der Mann diese allgemeine Achtung verdiente, sollte auch sein heutiges Auftreten und Verhalten zeigen.

Die Landesgemeinde begann mit der Eröffnungsrede des Landammanns.

Sie dauerte fast eine halbe Stunde. Er hatte darin die Veranlassung der außerordentlichen Landesgemeinde zu bezeichnen und die Vorlage für dieselbe, also den neuen Verfassungsentwurf im Ganzen und in seinen einzelnen Bestimmungen, namentlich den Hauptpunkten, der Versammlung näher zu erläutern, und dabei besonders hervorzuheben, von welchen Grundsätzen und Gesichtspunkten man bei den neuen Vorschlägen des Entwurfs ausgegangen sei.

Der einfache Kaufmann entwickelte in seiner Rede ein Talent, Kenntnisse, staatsmännische, wie selbst juristische; er sprach mit einer solchen Klarheit, ja mit einer solchen Eleganz des Ausdrucks, und dabei zugleich so allgemein verständlich und so volksthümlich; er zeigte überall eine solche ehrliche, treue, wahre Wärme für seinen Gegenstand, eine solche Liebe für sein Vaterland und dessen freie Institutionen; es drückte in jedem seiner Worte, in seinem ganzen Wesen eine solche edle Erhebung und Begeisterung neben voller Klarheit und Mäßigung sich aus, daß man unwillkürlich von Bewunderung für den Mann hingerissen und mit und von ihm für seinen Gegenstand mit fortgerissen wurde.

Ich habe in meinem Leben viele Reden angehört und anhören müssen, amtliche Reden früher als Beamter, parlamentarische Reden in Nationalversammlungen wie in Kammern, in demokratischen, wie in nicht demokratischen, von Demokraten und ihren Gegnern, von Abgeordneten und von Ministern. Glänzender mochte manche sein, mehr Kunst mochte sie entwickeln, – wie oft freilich die Kunst der Perfidie! – mehr Feuer der Begeisterung – wie oft auch wildes Feuer! – mochte in ihr brennen und flackern; aber wahrhaftig, mein lieber Freund, in Beziehung auf Klarheit, auf Eleganz und zugleich Popularität des Ausdrucks, auf besonnene Wärme, ehrliche Vaterlandsliebe, und vor Allem auf redliche Wahrheit, stelle ich die Rede des einfachen Kaufmannes auf der Appenzeller Landesgemeinde keiner Rede nach, die ich jemals gehört habe.

Er erhob seine Stimme unter der tiefsten, feierlichsten Stille. Nach seinen ersten Worten war auf dem weiten Platze unter all den elftausend Menschen keiner mehr, der nicht jede Sylbe hätte verstehen können. Er sprach frei. Er begann, nach altem Brauche, an seinen „stillstehenden“ Collegen, an die Landesbehörden, an das gesammte Volk sich wendend:

„Herr Landammann, meine Herren, liebe und getreue Mitlandleute und Bundesgenossen!“

Wie die Eidgenossenschaft durch Bündnisse der einzelnen Cantone („Stände“), so sind wieder die meisten einzelnen Cantone, namentlich Appenzell, ursprünglich durch die freie Verbindung einzelner Gemeinden entstanden, daher noch immer die alte Anrede: „Bundesgenossen.“

Er fuhr dann wörtlich fort: „An der letzten Frühlingsgemeinde habt Ihr eine Commission beauftragt, die nöthigen Verbesserungen unserer Cantonalverfassung vorzunehmen. Diese Commission ist dem ihr gegebenen Auftrage mit thunlicher Beförderung nachgekommen. Sie hatte zum voraus Euch eingeladen, ihr Eure Wünsche mitzutheilen. Sie hat diese Einladung wiederholt, nachdem sie den Entwurf unter möglichster Berücksichtigung der eingegangenen Wünsche vorberathen und Euch denselben zur Kenntniß gebracht hatte. Als sie dann endlich mit ihrer Arbeit zum Abschluß gelangte, übergab sie dieselbe dem ehrsamen großen Rathe, und damit auch Euch, getreue, liebe Mitlandleute und Bundesgenossen. Sowohl die Revisionscommission, als auch der große Rath haben Euch ihre Ansichten, Bemerkungen und Rathschläge darüber offen und freimüthig dargelegt, und diese beiden Körper, gebildet aus Männern des Volks, aus Männern Eures Vertrauens, empfehlen Euch alle die Vorschläge, welche nun heute an Eure Abstimmung gelangen, zur Annahme.

„Wenn solche Collegien, wie Eure Landesobrigkeit und Eure Revisionscommission, wenn solche erfahrene, biedere Männer des Volks gesprochen haben, könnte ich wohl schweigen und zur Abstimmung schreiten. Doch Euer Zutrauen hat mich an die Spitze dieser hohen Landesbehörde gestellt. Daher soll auch ich, und zwar von Angesicht zu Angesicht, treuherzig und offen zu Euch, getreue, liebe Mitlandleute und Bundesgenossen, sprechen. Ja, ich will zu Euch sprechen, einfach und schlicht, nach denjenigen Erfahrungen, die ich während meines Amtslebens, dem ich mit gewissenhafter Hingebung mich gewidmet habe, zu machen Gelegenheit hatte.“

Der Redner ging nun in den neuen Verfassungsentwurf ein.

„Vorab kann ich Euch mittheilen, daß die Revisionscommission von dem Grundsatze ausgegangen ist, das Gute und Brauchbare an der bisherigen Verfassung, als ehrwürdiges und schätzbares Erbgut unserer Väter, beizubehalten, und das Neue, das der fortschreitende Zeitgeist, das veränderte Verhältnisse, das eine gehörige Garantie für persönliche Freiheit und Rechtssicherheit fordern, unserer einfachen patriarchalischen Verfassung eben so einfach anzureihen.

„Immerhin wird die neue Verfassung wohl Manchem doch nicht gefallen. Dem Einem wird sie, trotzdem, daß die Abänderungen sich nur auf das Allernothwendigste beschränken, schon zu viel Neues enthalten; sie würden lieber gar nichts ändern, und das Alte, gerade so wie es ist, fortbehalten. Sie übersehen dabei, daß alles Menschliche in der Welt, was immer wir haben und sehen, von Zeit zu Zeit der Verbesserung, der Auffrischung bedarf, daß die Zeit nicht mit uns geht, sondern wir eben mit der Zeit gehen müssen. – Andern hingegen wird unsere Verfassung zu wenig Neues, und zu viel Altes enthalten. Möchten diese aber nicht übersehen, daß jede Verbesserung die Sanction des Volkes haben muß, und daß ein Volk auch unter einfachen patriarchalischen Verfassungsformen glücklich sein kann, vorausgesetzt, daß das Wesen in den Verfassungsbestimmungen, daß der Schutz der Rechte und Freiheiten des Einzelnen wie der Gesammtheit gesichert sind, wie dieses Alles in dem neuen Entwurfe nun ja der Fall ist. Noch Andere aber, und täusche ich mich nicht, so dürften diese wohl die große Mehrheit bilden, werden in dem Vorgeschlagenen der Hauptsache nach das erblicken, was Eure Landesobrigkeit wiederholt als dringendes Bedürfniß Euch empfohlen hat. Sie werden darin ersehen, daß nicht nur alle die Freiheiten, all das Schätzbare in der alten Verfassung auf das Gewissenhafteste wieder in die neue Verfassung übergetragen sind, sondern daß auch namentlich das köstliche Gut persönlicher Freiheit und Rechtssicherheit dadurch neue Stützen, eine weit sicherere Grundfeste erhalten haben; und wenn allfällig einzelne Formen, wenn Nebensachen nicht gerade in aller Beziehung so wären, wie jeder Einzelne für sich es vorziehen würde, so werden sie gleichwohl nicht das Wesen selbst, die Perlen, die darin liegen, beseitigen, wohl wissend, daß doch nicht allen Wünschen entsprochen werden kann.“

Der Redner wandte sich dann zu den hauptsächlichsten Einzelnheiten des Entwurfs. Es waren die nämlichen, die ich oben hervorgehoben habe.

Was er darüber sagte, werde ich hier nicht mittheilen. Es war – der Natur der Sache nach – von der einen Seite zu rein technisch, von der anderen zu speciell örtlich.

[680] Mit besonderer Wärme und, wie es schien, mit besonderer Vorliebe verweilte der Redner bei der neuen Institution des Criminal- und Polizeigerichts, und der dadurch auch für Strafsachen neu geschaffenen zweiten Instanz. Wie er hier, gerade durch seine Wärme, einen gefährlichen Weg betreten hatte, davon nachher noch. Er schloß über diesen Punkt mit folgenden schönen Worten:

„Wie oft übersieht doch der Mensch etwas, und geräth in Irrthum! Ja, getreue, liebe Mitlandleute, der Pfad des Rechtsganges ist oft schlüpfrig und schmal, der Abgrund rechts und links aber schauerlich, sowohl für den gewissenhaften Richter, als für die zu Richtenden. Sichern und schützen wir diesen wichtigen Pfad mit jenen Schutzwehren, die wir zu geben im Stande, die wir zu geben verpflichtet sind! Und wissen wir der Freiheit neue Stützen zu verleihen, wissen wir die Rechte des Menschen und dessen Freiheiten zu sichern und zu befestigen, so möge doch Keiner solches ungeprüft nur aus Vorurtheil verhindern!“

Der so einfach vorgetragene und darum um so tiefer ergreifende Schluß der ganzen Rede lautete:

„Herr Landammann, meine Herren, getreue, liebe Mitlandleute und Bundesgenossen! Es war mir ein wahres Wohlthun, zur Erreichung besserer Rechtsmittel, zur Beruhigung so mancher Unglücklichen, zum Schutz und Troste der Unschuldigen das Meinige gewissenhaft beizutragen; – und in Wahrheit, ich habe das nun nach Möglichkeit gethan –, ich habe gesagt, was mir meine innere Stimme, mein Gewissen geboten hat. Mir ist nun leicht! – an Euch liegt der Entscheid. Stimmet, stimmet frei, wie nach reifer Prüfung auch Euer Gewissen Euch gebietet! Dazu verleihe Gott nun seinen Segen! Ja, um diesen wollen wir ihn, den Höchsten, in stillem Gebete bitten!“

Nach diesen Worten trat der Redner von der Brustwehr der Tribüne zurück. Er neigte sich und verblieb in stillem Gebete. Die ganze Versammlung folgte seinem Beispiele. Das Gebet dauerte fünf Minuten. Dann trat der Landammann wieder vor. Er hatte sich von dem Weibel seinen Hut zurückgeben lassen und bedeckte jetzt sein Haupt.

Die ganze Versammlung bedeckte sich nach ihm.

Bedeckten Hauptes wurde alles Folgende verhandelt.

Es wurde sofort zur Abstimmung über den Entwurf geschritten; er wurde nach der in der Schweiz üblichen Ausdrucksweise „ins Mehr gesetzt“.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Für alle Schnupfer! – Es wird in unsern Zeiten von Seiten der Behörden vielfach Sorge getragen, daß Vergiftungsfälle aller Art immer seltener werden. Man führt eine strengere Aufsicht über Nahrungsmittel und Getränke, welche der Gesundheit nachtheilig sein können oder der Verfälschung unterliegen, wie Pilze, Bier, Wein; man verbietet oder beschränkt oder regelt den Gebrauch der giftigen Farben bei Zuckerbackwerk, bei Tapeten, Rouleaux u. s. w., sowie den Verkauf von Giften zur Vertilgung schädlicher Thiere, man gebraucht Vorsichtsmaßregeln, um die Arbeiter in Hüttenwerken, Farbenfabriken u. s. w. gegen die schädlichen Einflüsse ihres Berufes zu schützen, kurz, man sucht die Gelegenheitsursachen zu Vergiftungen überall zu entfernen, wo man sie nur kennt.

In der letzten Zeit ist nun die Aufmerksamkeit der Aerzte wiederum auf eine Vergiftungsursache gerichtet worden, die man fast vergessen hatte: ich meine nämlich die Vergiftung durch den Gebrauch von bleihaltigem Schnupftabak. Es werden nun meine schnupfenden Leser vielleicht sagen, daß man ja gegenwärtig nur kochsalzhaltige und durchaus bleifreie Saucen zur Bereitung der Schnupftabake anwende. Allerdings ist dies ganz richtig, wohl aber werden noch sehr häufig die Schnupftabake in Blei verpackt, und es hat sich herausgestellt, daß der Tabak auch aus seiner Verpackung das Blei aufnimmt. Bei der chemischen Untersuchung verschiedener in Blei verpackter Schnupftabake hat sich gezeigt, daß das zwischen den Tabak und die Bleikappe gebrachte Papier die Auflösung des Bleis nicht hindert, daß die Verzinnung des Bleis ebenfalls keinen Schutz gewährt, und daß selbst das Staniol, das man häufig zur Verpackung anwendet, oft in beträchtlichem Grade bleihaltig ist.

Durch das fortgesetzte Schnupfen des bleihaltigen Tabaks wird nun das Blei allmählich dem Körper einverleibt, und erzeugt eine chronische Bleivergiftung (Bleidyskrasie, Bleikachexie). – Wenn größere Mengen Blei in kürzerer Zeit in den Körper eingeführt werden, so zeigt sich die unter dem Namen Bleikolik, Malerkolik bekannte Krankheit. Die Kranken werden von heftigen Unterleibsschmerzen befallen, die bald schnürend, bohrend, kneipend, besonders des Nachts auftreten. Damit ist hartnäckige Stuhlverstopfung verbunden, und es treten zugleich Gliederschmerzen ein, besonders in den Armen, meist gefolgt von Muskelkrämpfen, Taubsein, Eingeschlafensein, leisem Zittern. Endlich erfolgt Lähmung und häufig Schwund der am Vorderarm liegenden Streckmuskeln der Hände. Mitunter gesellen sich sogar Hirnaffectionen hinzu, und ein Glück ist es dann, wenn ein Schlagfluß dem Leiden der armen Kranken ein Ende macht.

Die Anfänge der Bleidyskrasie erkennt man besonders an dem eigenthümlich schieferfarbigen Zahnfleisch mit einem bläulichen Saume an den Zahnrändern. Die Kranken haben meist viel Durst und leiden an übelriechendem Athem, und verschiedenen Verdauungsbeschwerden, besonders Verstopfung. Gewöhnlich haben solche Kranke auch eine fahle, gelbe Hautfarbe.

Glücklicherweise sind nun nicht alle Menschen für die schädlichen Einflüsse des Bleis gleich empfänglich, auch treten nicht bei allen Kranken alle die oben angeführten Erscheinungen so deutlich auf, daß sie Gegenstand ärztlicher Behandlung würden. In der Regel zeigen sich bei Leuten, die lange bleihaltigen Tabak geschnupft haben, in Pausen von 4 bis 6 Wochen bis zu einem Jahre mehrere Kolikanfälle der oben angegebenen Art, und allmählich bemerken die Kranken eine Schwäche in den Fingern, die sich bald als Lähmung, besonders des dritten und vierten Fingers, darstellt. Die Finger hängen meist herab, und können nicht gehoben und nicht von einander gespreizt werden. Hierdurch wird die Hand natürlich zu vielen Bewegungen sehr ungeschickt. Durch die Anwendung des elektrischen Stromes auf die einzelnen Muskeln (Faradisation, Gartenlaube Jahrgang 1856. Nr. 36.) ist es gelungen, die gelähmten Muskeln genau zu bestimmen. Diese sind nämlich bei der Bleilähmung unempfindlich gegen den elektrischen Reiz, und ziehen sich bei dessen Einwirkung nicht zusammen (contrahiren sich nicht), während ein gesunder Muskel dies immer thut.

Die ärztliche Behandlung dieser chronischen Bleivergiftung besteht nun in salzigen Abführmitteln, Bitterwässern, neben guter Kost und Schwefelbädern, um das Blei unwirksam zu machen und wieder gutes Blut zu bilden. Die einzelnen gelähmten Muskeln müssen elektrisch gereizt (faradisirt) werden und erlangen so, freilich oft erst nach Monate langer, mühevoller Behandlung meist ihre Beweglichkeit, Fülle und Kraft wieder.

Von den Schnupftabaken, die bei der chemischen Untersuchung mehr oder minder erheblichen Bleigehalt zeigten, erwähne ich folgende:

1) Rapé Nr. 4 von Lotzbeck, in Blei und Papier gepackt.
2) Virginie haut-goût von Bussierre, Mautz u. Comp. in Offenbach. Blei- und Papierverpackung.
3) Tabak von Gleich in Berlin, in Blei gepackt.
4) Marocco Nr. 1. von Gebr. Bernard in Offenbach. Blei- und Papierverpackung.
5) Robillard von Gebr. Bernard in Offenbach.
6) Grand Cardinal von Franz Foveaux in Cöln.
7) Importirter Bahia Rapé de Meunon et Comp.
8) Rapé d’Hollanda fin von Bolongavo Crevenna in Frankfurt a. M.

Dies sind jedoch nur einige bei Gelegenheit von Erkrankungsfällen untersuchte Tabake und es sind deshalb die hier nicht aufgeführten nicht alle als bleifrei anzunehmen. So lange nicht von Seiten der Behörden jedwede Metallverpackung streng untersagt und etwa eine Guttapercha-Verpackung eingeführt wird, ist daher allen Schnupfern zu rathen, daß sie sich ihren Tabak von einem Chemiker vor dem Gebrauch genau untersuchen lassen, um sich vor etwaiger Bleivergiftung zu hüten.

Dr. B. A. Endmann in D.




Rawald, der jetzige Besitzer des Jahn’schen Hauses in Freiburg a. U., beabsichtigt das reizend gelegene Grundstück zu verkaufen. Es knüpfen sich an dieses Haus für alle persönlichen und sonstigen Freunde des alten Turnvaters so viele Erinnerungen, daß es sich wohl der Mühe lohnte, das schöne, verhältnißmäßig sehr billige Haus mit Garten, in dem der alte „Biederdeutsche“ so oft arbeitete und ruhte, in Hände gelangen zu lassen, die diesen Erinnerungen etwas Rechnung trügen.


Bei Ernst Keil in Leipzig erschien so eben:

Das
Wasser und seine Quellen.
Von

Dr. Heinrich Birnbaum.
Mit 7 Abbildungen.

11 Bogen. – eleg. brosch. Preis 12 Neugroschen.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.