Die Gartenlaube (1858)/Heft 5

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[57]

No. 5. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der Kranken-Engel.
Novelle von Max Ring.
(Schluß.)


Als die Dorfuhr die zwölfte Stunde in der Nacht schlug, stieß Pawel zu den Bauern, welche ihn als ihren Führer begrüßten. Auch der Actuar hatte sich eingefunden, doch hielt er sich wohlweislich im Hintertreffen, um erst den Erfolg des Unternehmens abzuwarten. Leise und geräuschlos bewegte sich der Zug nach dem Vorwerk, um zuerst den allgemein verhaßten Verwalter zur Verantwortung zu ziehen. Das feste Thor wurde mit den mitgebrachten Aexten eingeschlagen. Bei dem Geräusch sprang Hartmuth unangekleidet aus dem Bette, von bangen Ahnungen erfaßt. Er wollte entfliehen, doch ehe er seinen Vorsatz ausführen konnte, wurde er ergriffen. Mit schlotternden Knieen fiel er zur Erde und streckte flehend seine Hände zu Pawel empor. Er bot sein Vermögen, das ganze Geld, welches er besaß, aber vergebens. Der Schmiedegesell kannte in diesem Augenblick nur das einzige Gefühl seiner Rache, welche beim Anblick seines Gegners mit neuer Gewalt auflebte. Doch wenn er selbst ihm hätte verzeihen und ihn schonen wollen, es stand nicht mehr in seiner Macht. Jeder der anwesenden Roboter hatte eine Beleidigung, einen Schimpf, an Hartmuth zu strafen. Die allgemeine Entrüstung machte sich in wildem Geschrei und drohenden Gebehrden Luft, denen die thätlichen Angriffe folgten. Bald sank der Verwalter unter den Schlägen und Stößen des rohen, empörten Haufens zusammen, als ein Opfer seiner unmenschlichen Strenge. Man ließ ihn für todt liegen. Der Actuar machte noch den Vorschlag, die Gebäude des Vorwerks in Brand zu stecken, und die Menge jauchzte ihm Beifall. Nur Pawel erklärte sich dagegen.

„Wir sind keine Mordbrenner,“ sagte er entschieden. „Das Feuer wird sich nicht auf das Vorwerk beschränken, sondern sich weiter verbreiten und unsere eigenen Wohnungen ergreifen.“

Dieser Grund leuchtete selbst den beschränkten Bauern ein und sie begnügten sich mit der Zerstörung der vorhandenen Vorräthe. Sie schütteten das Getreide und das Mehl auf die Erde, schnitten die Betten auf und ließen die Federn im Winde fliegen, auf diese Weise ihren Muthwillen kühlend und ihre Rache befriedigend, worauf sie den Weg nach dem Schlosse einschlugen, um ihr Werk zu beenden.




V.

Der Baron war nicht ungewarnt, denn der jüdische Wirth hatte, trotz aller Furcht vor den Bauern, ihm Alles mitgetheilt, was er wußte. Der Gutsherr besaß jedoch eine viel zu hohe Meinung von seiner Gewalt und eine viel zu geringe von dem Muthe seiner Unterthanen.

„Sie werden es nicht wagen,“ sagte er. „Die Hunde sind viel zu feig, und wenn sie kommen, so sollen sie mich gerüstet finden.“

Die einzige Vorsichtsmaßregel, die er traf, bestand darin, daß er seine sammtlichen Gewehre lud und dem Hofwächter eine größere Wachsamkeit anbefahl. Als jedoch einige Nächte vergangen waren, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete, spottete er über die Furchsamkeit des ängstlichen Juden. Der heranziehende Haufen drang daher ganz ungehindert vor das Schloß. Auch hier erwachte der Baron von den dröhnenden Hieben der Aexte, womit das feste Thor eingeschlagen wurde. Der Lärm weckte ihn, und da es ihm nicht an Muth fehlte, so sprang er aus dem Bette und griff nach seiner geladenen Büchse. Tante Kascha und Veronika waren ebenfalls aus dem Schlafe aufgestört und eilten erschrocken herbei. Er suchte sie zu beruhigen und befahl den herbeigestürzten Knechten, seinen Wagen anzuspannen, um die Frauen aus dem Bereiche der Gefahr zu bringen. Veronika erklärte jedoch mit Bestimmtheit, daß sie bei dem Vater bleiben wollte. Schüchtern und zaghaft im gewöhnlichen Leben, besaß sie jene Seelenstärke, welche oft die schwächsten Frauen im drohenden Augenblicke wider alle Erwartung zeigen.

„Ich bleibe bei Dir,“ sagte sie entschlossen, sich an den Vater schmiegend, während die Tante Kascha, trotz ihres männlichen Aussehens, zitterte und vor Schreck ihre Nachthaube verkehrt aufgesetzt hatte.

Schon stürmte der wilde Haufe die Treppe hinauf und drang mit Ungestüm in das Zimmer, ehe noch der Baron irgend eine Anstalt zur Gegenwehr treffen konnte.

„Was wollt Ihr?“ rief er ihnen entgegen.

„Unsere Freiheit, Aufhebung der Erbunterthänigkeit, keine Robot mehr, keine Abgaben!“ brüllte der Haufe verworren durcheinander.

„Den Ersten, der mir nahe kommt, schieße ich nieder,“ drohte der Baron, indem er die geladene Büchse anlegte.

Die Bauern wichen einen Augenblick zur Seite, aber im nächsten Moment hatte ihm Pawel das Gewehr entrissen. Der ihm zugedachte Schuß ging, ohne einen Menschen zu verletzen, in die Decke. Knirschend sah sich der Baron entwaffnet und von mehreren starken Armen festgehalten, so daß er sich nicht zu [58] rühren vermochte. Die Wuth der Bauern kannte keine Grenzen mehr und laut verlangten sie das Leben des Barons. Schon stürmten die Wildesten mit Aexten, Dreschflegeln und zu Piken umgewandelten Sensen auf ihn los. Laut aufschreiend warf sich Veronika über den Körper ihres Vaters, um diesen vor den zugedachten Todesstreichen zu schützen.

„Reißt sie fort!“ schrie die tobende Meute, indem sie Anstalt machte, ihre Drohung auszuführen.

Nur noch fester klammerte sich Veronika an den Baron; sie hatte ihn mit ihren Armen umschlungen. Ihre blauen Augen leuchteten von einem überirdischen Glanze und ihre schlanke, ätherische Gestalt gab ihr das Ansehen eines Engels, der vom Himmel den Bedrängten zu Hülfe eilt.

So erschien sie wenigstens Pawel, der wie geblendet von ihrer Erscheinung stand und ihren halb vorwurfsvollen, halb flehenden Blick nicht zu tragen vermochte. Wie aus einem Traume fuhr er empor, als der freche Actuar sich vordrängte und seine Hände um ihren zarten Leib schlang, um sie gewaltsam fortzuzerren.

„Mach’ ein Ende und denk’ an Deine Rache!“ flüsterte ihm der Versucher zu.

Aber Pawel hatte bei dem Anblick des Mädchens Alles vergessen, nur nicht ihre himmlische Güte und Sanftmuth. Alle finsteren Gedanken und Rachegeister waren von ihm geschwunden; die Liebe hielt triumphirend ihren Einzug in sein verwildertes Herz, und zwar mit jener Gewalt, die sie nur noch auf derartige ungeschwächte Naturen ausübt. Statt dem Rathe des Actuars zu folgen, entriß er dem Nächststehenden den mit Eisen beschlagenen Dreschflegel, als er Veronika bedroht sah.

„Zurück, und wehe dem, der das Fräulein anrührt!“ rief er mit funkelnden Augen, indem er die gewaltige Waffe in seinen Händen schwang.

So stand er da mit gerötheten Wangen und fester Haltung, einem zürnenden Cherub gleich. Es lag eine solche Entschlossenheit in seinen Blicken, daß der feige Actuar erschrocken zurücktaumelte, Pawel hätte ihn sonst sicher niedergeschmettert; er war entschlossen, das Mädchen gegen eine Welt zu vertheidigen. Mit freudig dankbarem Staunen blickte Veronika, mit Verwunderung der Baron ihn an. Auch die Bauern standen betroffen von dieser unerwarteten Sinnesänderung ihres Führers. Er war sich selber und seiner Umgebung ein tiefes Räthsel geworden.

Unterdeß hatte sich der Actuar von seiner ersten Angst erholt.

„Zum Teufel!“ hetzte er die Verschworenen. „Sind wir denn dazu hergekommen? Schlagt den Verräther todt, der jetzt gemeinschaftliche Sache mit unsern Feinden macht.“

Aber Pawel besaß unter den Dorfleuten einen großen Anhang, der ihn nicht ungehört verdammen wollte.

„Rede!“ sagte der Veit. „Vertheidige Dich; was ist mit Dir geschehen?“

„Ich will es Euch sagen,“ sprach Pawel mit wunderbar leuchtenden Blicken. „Seht, meine Freunde, in dem Augenblick, wo ich meine Hand erhob, um den Baron zu strafen, der uns so oft und schwer bedrückt, da ist mir ein Engel Gottes erschienen, der mir zurief: Du sollst nicht tödten, nicht die gute Sache mit Blut beflecken und dadurch verunreinigen. Die Freiheit, welche wir Alle so sehnlich wünschen, ist das höchste Gut, aber wir dürfen es nicht stehlen, nicht mit Gewalt wie die Räuber auf der Heerstraße nehmen, sonst verwandelt sich sein Segen in den schwersten Fluch.“

„Hört nicht auf ihn!“ rief der Actuar dazwischen. „Er ist wahnsinnig geworden.“

„Still!“ geboten die Bauern, welche, in religiösen Vorurtheilen aufgewachsen, geneigt schienen, an die von dem Schmiedegesellen erwähnte Erscheinung eines Engels zu glauben.

„Und ferner,“ fuhr Pawel ermuthigt fort, „bat der Engel für den Schuldigen, er mahnte mich daran, daß man auch seinen Feinden vergeben soll.“

„Einfältiges Geschwätz!“ murrte der Actuar. „Ich glaube nicht an Deinen Engel.“

„So will ich ihn Euch zeigen,“ antwortete Pawel, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, indem er die holde Veronika bei der Hand nahm und zu den noch immer staunenden Bauern führte.

„Das ist der Engel,“ sagte er voll Begeisterung, „dessen Anblick mir das Alles offenbart hat. Das ist der Engel, der Jedem von Euch nur Gutes gethan; wenn Ihr krank waret, Euch gelabt, wenn Ihr elend, Euch getröstet, wenn Ihr unter Eurer Last geseufzt, Euch aufgerichtet hat. Hat sie nicht Eure Frauen beschenkt, mit Euren Kindern gespielt? Ist Einer von Euch hier, der ihr nicht eine Wohlthat, und sei es ein freundliches Wort, zu verdanken hat? Verdient sie nicht, ein Engel genannt und angebetet zu werden, wie eine Heilige?“

Unwillkürlich war Pawel vor der erröthenden Veronika hingesunken; so lag er auf seinen Knieen, ihre Hand ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückend. Der gewaltige Eindruck seiner Worte ließ sich in der tiefen Stille erkennen, welche die wunderbare Scene hervorbrachte. Beifällig nickten die Bauern, während der Actuar nur still zu fluchen wagte. Der Anblick des frommen, lieblichen Mädchens, das durch seine Wohlthätigkeit im ganzen Dorfe bekannt war, verstärkte nur die Wirkung von Pawels Rede. Sie stand mit gesenkten Blicken und gefalteten Händen; die Bleiche ihrer Wangen war einer sanften Röthe gewichen und ihre blauen Augen leuchteten im milden Glanze, wie die Sterne des Himmels. Selbst diese rohen Gemüther konnten sich des sanften Zaubers nicht erwehren.

„Pawel hat Recht,“ sagte mehr als eine Stimme; „er hat wahr gesprochen.“

„Und dieser Engel,“ fügte er hinzu, „bittet für das Leben des Schuldigen.“

Bisher hatte Veronika, überrascht, wie alle Uebrigen, geschwiegen; jetzt öffnete sie die rosigen Lippen, um ferneres Unheil abzuwenden.

„Schont meinen Vater,“ flehte sie. „Er wird Euch gewiß alle billigen Wünsche erfüllen und von nun an mild und freundlich sein.“

„Das will ich,“ bekräftigte der Baron, tief ergriffen von dieser fast unerklärlichen Wendung. „Ich verpflichte mich, die königliche Cabinetsordre, deren Glaubwürdigkeit ich erst seit Kurzem kennen gelernt, getreulich zu erfüllen, darauf gebe ich mein Ehrenwort.“

Mit der Versicherung waren die meisten Bauern einverstanden, nur der Actuarius und sein Anhang entfernten sich unter wilden Drohungen. Der Baron gelobte außerdem seinen Unterthanen vollständige Vergebung für alle begangenen Gewaltthätigkeiten. Auch der Verwalter Hartmuth wurde am nächsten Tage noch am Leben gefunden. Seine Wunden waren, wie es sich herausstellte, nicht tödlich, obgleich er längere Zeit brauchte, um sich zu erholen. Die erlittenen Mißhandlungen hatten eine vortheilhafte Sinnesänderung hervorgebracht, indem er sich hütete, seine Untergebenen zu quälen. – Pawel jedoch, welchem der Baron und seine Tochter zu besonderem Danke sich verpflichtet fühlten, war nirgends zu finden. Noch in derselben Nacht hatte er das Dorf verlassen und blieb verschwunden. Trotz aller Nachforschungen wurde keine Spur von ihm entdeckt: selbst seine Schwester wußte nicht, wohin er sich gewendet. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Verschworenen ihn wegen seines Abfalles ermordet hätten, und Veronika weinte unbemerkt um den Verlorenen.

Unterdeß hatte der Bauernaufstand in Oberschlesien, der so glücklich an dem Baron vorübergegangen war, eine allgemeine Verbreitung erlangt. In den verschiedensten Kreisen empörte sich das Landvolk gegen die Gutsherrn und übte oft die empörendsten Gewaltthätigkeiten aus. Zuweilen begnügten sich die Verschwörer mit der gezwungenen Anerkennung ihrer Rechte, wobei sie nie verfehlten, sich die bewußte Urkunde mit den drei verschiedenen Siegeln ausstellen zu lassen; meist jedoch war dies Streben nach Freiheit nur ein Vorwand, um zu plündern und zu rauben. Immer drohender wurden diese Zustände; viele Gutsherrn mußten flüchten; ihre Schlösser wurden verwüstet, ihre Vorräthe zerstört; hier und da auch ein Edelsitz oder ein Vorwerk sogar angezündet. Auch an schweren Mißhandlungen ließen es die Verschworenen nicht fehlen und mancher verhaßte Herr oder Beamte büßte seine frühere Strenge selbst mit dem Leben. Die Maßregeln der Behörden erwiesen sich nicht ausreichend, da ihre Thätigkeit durch die französische Occupation des Landes in vielfacher Beziehung gelähmt war. Endlich hatte das Uebel einen Grad erreicht, daß die bisher bewiesene Schonung und Nachsicht gegen die Verirrten nicht länger beibehalten werden konnte. Die Regierung [59] sah sich zu einem energischen Einschreiten gezwungen und bot die bewaffnete Macht auf. Mehrere Regimenter Infanterie und Cavallerie rückten gegen die empörten Bauern aus, deren Zahl auf mehrere Tausende angewachsen war. In der Nähe von Nicolai, wo sich jetzt das Waisenhaus jener armen Kinder befindet, welche durch den Typhus ihre Eltern verloren, kam es zu einem vollständigen Treffen. Anfangs hielten die Bauern tapfer Stand, da es ihnen jedoch an tüchtigen Anführern und vor Allem an der nöthigen militairischen Erfahrung fehlte, so mußten sie unterliegen. Bald löste sich der Haufen in wilder Flucht auf; die Rädelsführer wurden theils getödtet, theils gefangen genommen und ihnen der Proceß gemacht. Unter diesen befand sich der Actuar, welcher zu mehrjähriger Zuchthausstrafe von dem betreffenden Gerichte verurtheilt wurde. Er starb im Gefängnisse ohne Reue und mit einem Fluche auf seinen Lippen.

Die Ruhe war wieder hergestellt und die königliche Cabinetsordre, welche bald darauf in’s Leben trat, endete die Verwirrung, indem sie die Verhältnisse der Gutsherrn und ihrer Unterthanen regelte. Für beide Theile war der Segen ersichtlich.

Zwei Jahre waren seit jenen Ereignissen vergangen, als der Krieg gegen Napoleon und gegen die drückende Franzosenherrschaft ausbrach. Preußen erhob sich aus seiner Schmach, nachdem es die ihm vergönnte Zeit weise benutzt hatte, um sich auf dem Wege friedlicher Reformen zu verjüngen und mit Anspannung aller Kräfte zu rüsten. Der König hatte von Breslau aus jenen denkwürdigen Aufruf an sein Volk erlassen; aus allen Theilen des Landes strömten Jünglinge und Männer herbei, um mit ihrem Blute die Befreiung des Vaterlandes zu erkaufen. Auch die Frauen, von der allgemeinen Begeisterung ergriffen, blieben nicht zurück; sie opferten ihren Schmuck und widmeten sich den verwundeten und kranken Kriegern mit hingebender Liebe.

Nach der Schlacht an der Katzbach waren die Lazarethe in Breslau überfüllt mit Leidenden. Die Zahl der Aerzte und Krankenwärter reichte nicht mehr aus; da erboten sich freiwillig die edelsten Frauen und Jungfrauen zum Dienste in den Hospitälern. Ohne Scheu setzten sie sich der Ansteckung des furchtbaren Typhus und dem Anblick der gräßlichsten Verstümmelungen aus. Unter diesen Samaritanerinnen befand sich ein junges Mädchen, welches sich durch seine unermüdliche Thätigkeit auszeichnete. Tag und Nacht war sie unablässig beschäftigt, Wunden zu verbinden, die Kranken zu pflegen und selbst den Sterbenden noch durch ein frommes Wort zu trösten. – Es war die gute Veronika, welche mit ihrem Vater beim Ausbruche des Krieges nach Breslau kam.

Seit dem Tage des Ueberfalls war mit Veronika sichtbar eine Veränderung vorgegangen. Still und träumerisch ging sie im Hause umher und wenn ihr Vater, der jetzt seine Tochter wie einen Augapfel hütete, sie um den Grund ihrer trüben Stimmung fragte, lächelte sie nur und meinte, sie sei ganz zufrieden, wenn nur Papa mit ihr zufrieden sei. Gern erfüllte dieser auch ihren Wunsch, als sie bat, dem Beispiele vieler der edelsten Jungfrauen folgen und als Krankenwärterin in eins der überfüllten Breslauer Hospitäler eintreten zu dürfen.

Eines Tages, als eben ein neuer Transport von Verwundeten angelangt war, erblickte Veronika unter diesen einen jungen Krieger, dessen Brust mit mehreren Orden geschmückt war. Eine Kugel hatte ihm beide Beine zerschmettert. Der Arzt hatte keine Hoffnung, ihn zu retten. Mitleidig näherte sich Veronika, um dem Sterbenden eine Erfrischung zu reichen. Dankend hob er die vor Mattigkeit geschlossenen Augen zu ihr empor; sein Blick begegnete dem ihrigen; ein schwacher Schrei entschlüpfte ihren Lippen.

„Pawel!“ rief sie erschüttert.

„Ich lebe noch,“ antwortete er mit matter Stimme, „obgleich mich alle Welt für todt gehalten hat. Ich wußte ja, daß ich nicht sterben würde, ohne Sie gesehen zu haben.“

Er wollte weiter sprechen, aber seine Erschöpfung hinderte ihn daran. Nachdem er einige Augenblicke geruht, machte er einen neuen Versuch, mit ihr zu sprechen. Er rang nach Worten, um all’ die verschiedenen Gefühle auszudrücken, welche ihn bei ihrem unerwarteten Anblicke bestürmten, aber plötzlich, wenn er einige Augenblicke geredet, hielt er wieder inne, als fürchtete er, zu viel gesagt zu haben. Aus seinen Mittheilungen erfuhr sie denn nun, daß er in jener Nacht über die polnische Grenze geflüchtet und in russische Kriegsdienste getreten sei. Ueber den Grund seiner heimlichen Entfernung beobachtete er ein räthselhaftes, hartnäckiges Stillschweigen. Beim Ausbruch des Krieges war er mit dem russischen Heer nach Preußen eingerückt und nach einem ehrenvollen Abschiede in die Reihen seiner Landsleute eingetreten, wo er bei mehrfachen Gelegenheiten sich ausgezeichnet hatte.

Allmählich folgten jedoch auf diese klaren Berichte die verwirrten Phantasieen eines starken Wundfiebers. Pawel verlor die Besinnung und sprach ohne Ordnung und Zusammenhang. Seine Reden trugen indeß den Stempel der höheren Bildung, die er sich in seinen neuen Verhältnissen erworben hatte; seine Gedanken nahmen einen höheren Aufschwung, wie ihn die Seele der Sterbenden zuweilen zeigt, ehe sie die irdischen Bande abstreift. Er schien Veronika nicht mehr zu erkennen und doch beschäftigte er sich ausschließlich mit ihr.

„Engel, Veronika!“ murmelte er mit vertrockneten Lippen. „Ja! Du bist der gute Engel, der mich von der Sünde erlöst hat. – Kannst Du mir verzeihen? – Ich liebe Dich. – Thorheit! Ich, der niedrige Knecht, der Verbrecher. – Du bist gut und wirst nicht zürnen. – Engel zürnen nicht – sie bitten für uns. – Im Himmel darf ich Dich lieben – da gibt es weder Herrn, noch Knechte. – Frei! – Wir sind Alle frei. – O! ich will gern sterben. – Der Tod ist so süß. – Hurrah! Die Feinde! – Vorwärts für Gott, König und – Veronika!“

Mit leisem Schauer vernahm sie die Geständnisse einer heißen, wunderbaren Liebe, welche sie nie geahnt; abwechselnd mit den rührendsten Klagen über sein vergangenes Leben. Zuweilen kehrte sein Bewußtsein zurück und dann sah er sie mit einem Blick an, der tief in ihre Seele drang.

„Ich bin gar nicht eines solchen Glückes werth,“ murmelte er mit ersterbender Stimme, als er sie weinen sah.

Sie reichte ihm die Hand, welche er mit seinen Küssen bedeckte und in den seinigen so fest hielt, daß sie ihm sie nicht zu entziehen wagte. Dann trug er ihr Grüße an seine Schwester auf.

„Verlassen Sie die arme Jadwiga nicht,“ bat er in rührender Weise.

Immer näher trat der letzte Augenblick, und mit ihm schien der Nebel zu weichen, der über seinen Geist sich ausgebreitet hatte. Der oberschlesische Bauer hatte sich in ein Wesen höherer Art verwandelt; er sprach von dem Vaterlande, von der Zukunft wie mit prophetischen Blicken; dann wieder wandte er sich zu Veronika, um ihr für immer Lebewohl zu sagen.

„Gott segne Sie,“ flüsterte er mit glänzenden Blicken, „Mein Engel –“

Er vollendete nicht; das Geheimnis seiner Liebe nahm er mit sich in’s Grab. Nur aus seinen wirren Worten hatte Veronika erfahren, welch ein Herz sie verloren.

Einige Monate später trat sie in den Orden der Elisabethiner-Nonnen, welche sich ausschließlich der Krankenpflege weihen. Sie übte ihren Beruf mit einer Hingebung, die ihr den Namen der „Engel der Kranken“ verschaffte. Der arme Pawel lebte fort in ihrer Erinnerung.




Rosa Heisterberg.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“

Ich saß eines Abends auf dem Criminalgerichte in meiner Arbeitsstube mit Lesen von Acten beschäftigt. Ich war damals Verhörrichter, hatte sehr viele Arbeit, war fast den ganzen Tag mit Inquiriren geplagt – es war noch die Zeit des geheimen schriftlichen Inquirirens – und mußte die Abende dazu verwenden, mich auf den morgenden Tag zu neuer Arbeit wieder vorzubereiten.

[60] Es war mir spät geworden. Ich war mit den wichtigeren Acten fertig. Die wichtigeren[WS 1] Acten sind meist zugleich die dickeren. In den unbedeutenderen und dünneren konnte ich mich morgen während der Termine informiren und orientiren.

Ich wollte mich nach Hause begeben. Da trat noch ein Gefangenwärter in mein Zimmer. Er trug ein versiegeltes Schreiben. Er übergab mir dieses, und meldete, daß die Gefangene, die es betreffe, gleichzeitig mit dem Schreiben in der Gefängnißexpedition abgeliefert sei.

„Es scheint eine vornehme Dame zu sein,“ setzte der Mann hinzu.

„Eine Dame?“ fragte ich.

„Sie ist in schwarze Seide gekleidet.“

„In schwarzer Seide gehen auch andere, als vornehme Damen.“

„Der Polizeicommissarius, der sie arretirt hatte und selbst zum Gefängnisse ablieferte, brachte sie in einer Droschke.“

„Wie sieht sie sonst aus?“

„Sie ist noch jung und ein sehr schönes Frauenzimmer.“

„Ist sie schon in eine Zelle gebracht?“

„Sie ist noch in der Expedition. Der Herr Inspector wollte ihr ohne nähere Bestimmung des Herrn Criminalraths keine Zelle anweisen. Die Gefangene verlangte auch, sofort den Herrn Criminalrath zu sprechen.“

„Mich?“

„Sie verlangte, wenn Sie nicht im Local seien, daß man sogleich zu Ihnen schicke.“

„Gab sie einen Grund an?“

„Gott bewahre. Sie verlangte das Alles in vornehmem Tone, als wenn sie in den Gefängnissen zu befehlen habe.“

Ich ließ den Gefangenwärter warten, um zuerst das Schreiben zu lesen. Ich war zugleich neugierig geworden. Vornehm gekleidete Damen wurden in die Criminalgefängnisse oft eingebracht; es ergab sich aber bald, daß sie trotz ihrer seidenen Kleider und Wiener Shawls gemeine Verbrecherinnen aus den untern Classen waren. Die jetzt eingelieferte Gefangene schien mir jedoch, zumal da auch der Polizeicommissarius jene Rücksichten gegen sie genommen hatte, allerdings den höhern Ständen anzugehören. Dann aber mußte es wieder auffallend erscheinen, daß sie, anstatt durch die Schande einer criminalgerichtlichen Verhaftung und Einsperrung niedergedrückt zu sein, so vornehm, so befehlend, so hochmüthig auftrat.

Ich wurde noch mehr überrascht und neugierig, als der erste flüchtige Blick in das geöffnete Schreiben mir zeigte, daß sie wegen Diebstahls verhaftet sei.

Ich las das Schreiben schnell weiter durch. Es war der Bericht des Polizeicommissarius, der die Gefangene arretirt hatte, über den Grund ihrer Verhaftung. Es war kurz; der Beamte behielt sich vor, die näheren Umstände morgen zum gerichtlichen Protokoll anzugeben.

Die Gefangene nannte sich Rosa von Heisterberg, war nach ihrer Angabe dreiundzwanzig Jahre alt, evangelischer Religion, unverehelicht. Sie war seit einem Vierteljahre in der Residenz, und zwar bis vor wenigen Wochen als Gesellschafterin der verwittweten Majorin von Waldheim. Diese war von ihr bestohlen um mehrere Summen Geldes, zum Betrage von einigen hundert Gulden. Die Majorin hatte die Diebstähle theilweise schon früher bemerkt, ohne gegen Jemanden, namentlich auch gegen ihre Gesellschafterin, einen bestimmten Verdacht fassen zu können. Erst heute war ihr zur Gewißheit geworden, daß die Heisterberg die Diebin sei.

Die Gefangene gehörte also wirklich den höheren Ständen an. Sie hatte wenigstens in der höheren Gesellschaft gelebt. Die Majorin von Waldheim bewohnte ein, wenn auch nicht großes, glänzendes, doch von den Mitgliedern der höchsten Gesellschaft der Residenz besuchtes Haus. Sie selbst hatte Zutritt in den Hofzirkeln, und war in diesen gern gesehen.

Die Verhaftung der Gesellschafterin dieser Dame mußte Aufsehen machen. In der ganzen Residenz, auch am Hofe, mußte man morgen davon sprechen, und am Hofe am meisten. Wo keine Oeffentlichkeit des Criminalverfahrens ist, überwacht das Publicum, namentlich das näher interessirte, eine Criminalsache, die einmal die öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat, mit desto schärferen und in der Regel mißtrauischeren und böswilligeren Augen. Nun gar der Hof. Andererseits hatte die Gefangene mich sprechen wollen, und der Gefängnißinspector war über ihre Unterbringung in Verlegenheit, und erwartete meine Bestimmung darüber. Ich begab mich in die Gefängnißexpedition.

Die Gefangene war noch dort mit dem Inspector.

War ich bisher erstaunt gewesen, ich wurde es noch mehr. Ich sah eine große, schöne, stolze, jugendliche Frauengestalt vor mir. Auch das schöne, fein geschnittene, aber längliche und etwas blasse Gesicht zeigte Stolz, besonders die aristokratisch gebogene Nase und ein paar lebhafte hellblaue Augen. Andererseits glaubte ich freilich um die zart aufgeworfenen Lippen ein inniges, gar weiches Gefühl zu lesen, und die hellen Augen schienen durch ihren lebhaften und stolzen Blick selbst einige Schwärmerei hindurchleuchten zu lassen.

Die Gefangene saß, als ich eintrat, dem Anscheine nach sehr ruhig. Von Niedergeschlagenheit war keine Spur in ihrem Aeußeren zu finden. Viel weniger sah man ihr irgend eine Aengstlichkeit an. In tiefes Nachdenken versunken war sie allerdings.

Der Gefängnißinspector war mit Arbeiten beschäftigt.

Sie stand auf, als sie mich sah. Meine Ankunft mit dem Gefangenwärter und das Schreiben, mit dem sie eingeliefert war, in meinen Händen, konnte sie nicht zweifelhaft lassen, daß ich der Verhörrichter sei, den sie zu sprechen begehrt hatte. Ohne meine Anrede abzuwarten, trat sie mir entgegen.

„Herr Criminalrath, Sie haben dieses Schreiben gelesen?“

„Ich habe es gelesen.“

„Ich kenne die Gesetze, mein Herr, auch die hiesigen, wenngleich weniger, als andere. Ich weiß danach, daß Sie auf Grund dieser Anzeige des Polizeicommissarius mich vorläufig zur Haft nehmen müssen.“

„So ist es.“

„Sie können mich danach nicht sofort für unschuldig halten?“

„Nein.“

„Sie würden dies auch nicht können, wenn ich Sie auch etwa bitten wollte, mich noch jetzt in der Nacht zu vernehmen, Sie die Güte hätten, meiner Bitte zu willfahren, und ich Ihnen nun meine Unschuld betheuerte, und Ihnen dafür sehr dringende Beweise brächte?“

„Wenn Sie mir Ihre Unschuld sofort beweisen könnten, so würde ich Sie auf der Stelle freilassen können, gar müssen. Allein –“

„Entschuldigen Sie, ich habe mich nicht genau ausgedrückt, wenigstens nicht nach Ihrer juristischen Sprachweise. Ich hatte sagen wollen: wenn ich Ihnen dringende Beweismittel an die Hand gäbe.“

Ich hatte ihre Worte so aufgefaßt.

„Die bloße Angabe von Beweismitteln würde Ihre Freilassung nicht rechtfertigen können. Erst deren – ich darf mit Ihnen in den technischen Ausdrücken sprechen?“

Sie nickte.

„Erst deren Aufnahme würde über das fernere Verfahren entscheiden.“

„Und mit der Aufnahme selbst würden Sie in der Nachtzeit schwerlich noch verfahren mögen?“

„Mögen? Es kommt mir nur auf das Können an.“

„Ich glaube Ihnen. Und das Können – ich sehe ein, es kann heute nicht mehr geschehen. Ich muß also für heute Nacht in der Haft bleiben. Ich werde auch“ – setzte sie mit einem eigenthümlichen, halb schmerzlichen und halb spöttischen, verächtlichen Lächeln hinzu – „ich werde auch noch wohl längere Zeit hier bleiben müssen. Sie haben in Ihrem Lande, freilich auch in den meisten andern Ländern, die sich civilisirte nennen, gerade gegen Angeklagte Gesetze einer sonderbaren Civilisation. Indeß, nicht um hierüber mit Ihnen zu disputiren, habe ich gebeten, Sie noch heute sprechen zu dürfen. Ich habe eine andere Bitte an Sie.“

„Sprechen Sie sie aus.“

„Wie Sie mich nicht auf der Stelle für unschuldig halten können, werden Sie mich auch nicht von vornherein als eine Verbrecherin, als die überwiesene Diebin ansehen wollen?“

„Ich halte, mit unseren Gesetzen, keinen Angeschuldigten für einen Verbrecher, als bis er überführt, überwiesen ist.“

„Sie werden mich dann auch nicht als eine Verbrecherin, als Diebin behandeln?“

„Ich werde Sie, ich kann Sie aber auch nicht anders behandeln,

[61]
Die Gartenlaube (1858) b 061.jpg

Humboldt’s letzter Besuch bei Rauch.



als nach den Vorschriften des Gesetzes über die Behandlung der Untersuchungsgefangenen.“

„Ach, ich hatte eine Bitte, die Sie zu einer kleinen Abweichung veranlassen sollte.“

„Nennen Sie diese Bitte.“

„Sie ist einfach die, mein Herr, mich –“

Sie stockte. Sie hatte bisher mit der größten Ruhe, Kälte und Unbefangenheit gesprochen und nicht die geringste Aufregung [62] gezeigt, nicht einmal irgend ein Gefühl, wenn nicht das jenes Spottes. Sie hatte mit mir gesprochen, etwa wie ihr amtlicher Vertheidiger für sie sich mit mir unterredet, mit mir unterhandelt haben würde. Auf einmal drangen jetzt Thränen in ihre Augen; ihre Lippen zuckten; sie konnte nicht weiter sprechen; es war, als wenn plötzlich in ihrem Innern etwas aufgebrochen, geplatzt sei. War es ein Gefühl der Schuld oder der Unschuld? Das Gefühl ihrer Vernichtung oder ihres Unglücks?

Gefühl zeigte sie jedenfalls, lebhaftes, inniges, starkes Gefühl, ein Gefühl, das sie überwältigte, diese vornehme, stolze, äußerlich so kalte Dame, deren Haltung und Benehmen das Leben in der besten Gesellschaft, deren Sprache und Bemerkungen einen klaren, gebildeten Geist verriethen, die schon in dieser Viertelstunde eine Bildung dargelegt hatte, die über die gewöhnliche Bildung unserer Damen hinauszugehen schien.

Ich ließ sie sich setzen. Erst nach einer Weile konnte sie wieder sprechen. Sie hatte ihre Thränen getrocknet; ihr Gesicht hatte wieder den Ausdruck der Ruhe und nur eines leisen Spottes, und mit diesem Spotte schien sie nur sich selber zu verfolgen. Sie erhob sich wieder.

„Ah, ich wurde schwach. Ich hoffe, Herr Criminalrath, Sie ziehen daraus keinen falschen Schluß gegen mich. Aber ich hatte eine Bitte an Sie. Es ist die, daß Sie mich nicht mit Diebinnen zusammen setzen wollen.“

Sie zitterte doch unwillkürlich wieder, als sie die Bitte aussprach, und es war in der That eine so einfache Bitte. Aber zeigte nicht gerade diese Einfachheit einerseits und dennoch ihre Aufregung über sie andererseits, daß sie keine Bitte eines schuldbewußten, wenigstens nicht eines verdorbenen Herzens sein konnte, daß sie jedenfalls die Bitte einer, schuldig oder unschuldig, Unglücklichen war?

„Sie werden zu keiner Diebin gesetzt werden,“ versicherte ich ihr.

Es schien ihr ein Stein vom Herzen zu fallen.

„Ach, mein Herr, ich bin Ihnen sehr dankbar.“

„Ich habe überhaupt vor,“ fuhr ich fort, „Ihnen eine Zelle für sich allein zu geben, Sie müßten mir denn besondere Umstände anführen, die mich veranlassen müßten, Sie in Gesellschaft zu bringen.“

Sie erröthete vor Freude, fast vor Glück.

„O, mein Herr, ich hatte kaum die Bitte an Sie gewagt.“

Diese innige, dankbare Freude über eine scheinbar so geringfügige Kleinigkeit!

War sie eine Schuldige?

Während ich noch darüber nachdachte, trat ein Diener des Criminalgerichts ein und theilte mir mit, auf dem Criminalgericht sei so eben ein junger Mensch erschienen, der mich dringend zu sprechen wünsche.

„Hat er gesagt, was er mit mir zu sprechen habe?“ fragte ich.

„Er sagte nur, er habe Sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Er war überhaupt sehr eilig und aufgeregt.“

„Ich komme.“

Der Diener ging. Ich wollte ihm folgen.

Ein zufälliger Blick, den ich vorher auf die Gefangene warf, zeigte mir deren Gesichtszüge auffallend verändert. Sie war sehr blaß geworden und sah mich mit einem Ungewissen, beinahe ängstlichen Blicke an; ihre Lippen waren halb geöffnet, wie zum Sprechen; eine Frage an mich schien darauf zu schweben, aber sie wagte nicht, sie auszusprechen.

„Haben Sie mir noch etwas zu sagen?“ fragte ich sie.

Sie schien heftig mit sich zu kämpfen.

„Werden Sie mich morgen früh verhören?“ fragte sie mich endlich.

Das war offenbar nicht jene Frage, die sie an mich auf den Lippen gehabt hatte.

„Gewiß,“ antwortete ich ihr.

Ich ertheilte dem Gefängnißinspector die Anweisung, ihr die comfortableste Zelle einzuräumen, die er zur Disposition habe, und ging dann. Vor meinem Arbeitszimmer wartete ein junger Mann; ich ließ ihn eintreten.

Es war ein anständig gekleideter Mann von etwa vier- oder fünfundzwanzig Jahren. Er war von großer Gestalt, die Brust etwas eingedrückt; sein Gesicht war bleich, mit einem krankhaften Ausdrucke. Er schien an der Brust zu leiden. Daher auch wohl seine hastigen und heftigen Bewegungen, die zugleich etwas Eckiges hatten, und seine Aufgeregtheit, die indeß unter einem schüchternen, verlegenen Wesen nicht recht zum Ausbruch kam. Er folgte mir hastig in mein Arbeitszimmer.

„Herr Criminalrath, können Sie mir eine Frage beantworten, auf welche der Gerichtsdiener, wie er mir wenigstens sagte, keine Auskunft geben durfte?“

„Es kommt auf die Frage an,“ erwiderte ich ihm. „Darf ich Sie vorher um Ihren Namen bitten?“

„Sollte mein Name etwas zur Sache thun?“

„Ich weiß das nicht, weil ich Ihre Frage noch nicht kenne. Allein, mein Herr, schon die allgemeine Verkehrs- und Gesellschaftssitte fordert, daß man sich demjenigen nennt, mit dem man irgend eine Angelegenheit abzumachen hat.“

Er besann sich einen Augenblick.

„Sie würden mir einen Gefallen erzeigen, wenn Sie mich anhörten, ohne vorher meinen Namen zu verlangen.“

„Es sei. Was wünschen Sie?“

„Ist Ihnen am heutigen Abende eine Gefangene eingeliefert worden?“

„Es sind heute mehrere Gefangene eingebracht.“

„Am Abend?“

„Auch noch am Abend.“

„Ich erlaubte mir, nach einer Gefangenen zu fragen.“

„Auch Frauenspersonen.“

„Mehrere?“

„Mehrere.“

„War eine –?“

Er zögerte, doch sprach er zuletzt die Frage aus.

„War eine Dame darunter?“

Ich antwortete nicht sogleich.

Nachdem er einmal die Frage vom Herzen hatte, kannte er weniger Zurückhaltung.

„Eine junge Dame?“ setzte er schnell hinzu.

Ich war unschlüssig, ob ich ihm antworten dürfe.

„Sie ist verhaftet,“ fuhr er fort, „weil sie einen Diebstahl begangen haben soll.“

Der junge Mensch war mir völlig unbekannt. Er hatte sich sogar geradezu geweigert, mir seinen Namen zu nennen. Er hatte zwar das Aussehen eines anständigen, ehrlichen Menschen; aber es konnte dennoch bedenklich erscheinen, ihm seine Frage zu beantworten, zumal da mir die Nebenumstände der der Gefangenen schuld gegebenen Verbrechen, so wie die Verhältnisse und Beziehungen der Gefangenen selbst völlig unbekannt waren. Es konnte die Verfolgung von etwaigen Theilnehmern der Verbrechen, von Diebshehlern und manches Andere dadurch erschwert werden. Konnte nicht der junge Mensch selbst, trotz seines unverdächtigen Aeußern, ein Mitschuldiger sein, der je nach dem Inhalte meiner Antwort seine Vorsichtsmaßregeln einrichtete?

„Sie ist verhaftet,“ fuhr er lebhafter, dringender fort, „ich weiß es ja. Warum frage ich Sie noch? Und Sie haben sie auch schon gesehen, gesprochen. Sagen Sie selbst, Herr Criminalrath, haben Sie in ihr eine Verbrecherin gesehen? Hat sie das Gesicht einer Diebin?“

Er hatte zuletzt leidenschaftlich gesprochen. Die kranke Brust des jungen Mannes wogte auf und nieder; seine Stimme war heiser geworden; in seiner Leidenschaft, in seiner Frage lag so viel Wahrheit; meine Menschenkenntniß konnte mich nicht täuschen. Er war kein Verbrecher, kein Mitverbrecher, denn er nahm den lebhaftesten Antheil an der Gefangenen; durch welche Beziehungen veranlaßt, war mir zwar für den Augenblick ein Räthsel, aber immer nur, indem er sie zugleich für völlig unschuldig hielt. Zudem war er jedenfalls überzeugt, daß die Dame, nach der er fragte, wirklich verhaftet sei; eine Bejahung seiner Frage konnte also schon aus diesem Grunde jene befürchteten Nachtheile nicht mit sich führen.

„Ja, mein Herr,“ erwiderte ich ihm, „eine Dame, wie die, von der Sie gesprochen, ist vor etwa einer halben Stunde zum Gefängnisse abgeliefert. Welchen Namen soll sie führen?“

Er war einen Augenblick leichenblaß geworden, so griff die Bestätigung der Wahrheit, die er schon kannte, ihn an.

„Rosa Heisterberg,“ antwortete er auf meine Frage.

„Wünschen Sie etwas weiter, mein Herr?“

„Es ist dies ihr Name?“

„Ja.“

[63] „Und Sie haben sie gesprochen?“ fragte er dann nochmals, rasch, heftig.

„Ja.“

„Schon verhört?“

„Erlauben Sie, daß ich Ihnen darauf die Antwort verweigere.“

„Aber eine andere Frage dürfen Sie mir beantworten! Halten Sie sie für schuldig? Nein, nein, Sie können es nicht. Aber hat nicht schon ihr bloßer Anblick Ihnen gesagt, daß sie unschuldig sei, daß sie unschuldig sein müsse?“

„Mein Herr,“ antworte ich ihm, „für den Criminalrichter geben die Gesetze bestimmte Normen, nach denen er einen Angeschuldigten für schuldig oder unschuldig halten muß. Wünschen Sie sonst noch etwas?“

„Ich habe noch eine Bitte an Sie.“

„Und?“

„Daß Sie die Dame menschlich behandeln, brauche ich Ihnen nicht zu empfehlen.“

„Ich hoffe nicht.“

„Aber“ – er zögerte wieder etwas verlegen – „aber vertragen sich Bequemlichkeiten für sie mit der Ordnung des Gefängnisses?“

„Es kommt darauf an, von welcher Art sie sind.“

„Sie hat in ihrem Gefängnisse kein Bett?“

„Nein.“

„Sondern?“

„Eine Strohmatratze –“

„O, mein Gott –!“

Eine Leichenblässe bedeckte wieder sein Gesicht; er rang, wie in Verzweiflung, die Hände.

„Ein Strohlager!“

„Die Einrichtung des Gefängnisses bringt es mit sich.“

„Mein Herr – Herr Criminalrath, würden Sie ihr die Begünstigung eines Bettes zu Theil werden lassen?“

„Ich würde kein Bedenken finden. Es wird nur nicht sofort ein Bett zur Disposition sein.“

„Ich“ – er zögerte wieder – „ich habe eins mitgebracht. Draußen in der Droschke; sie hält vor dem Gefangenhause. Darf ich es hineintragen lassen?“

„Ich habe nichts dagegen.“

Auch das Gesicht des jungen Mannes wurde hellroth vor Freude.

„Mein Herr, wie bin ich Ihnen dankbar! Der Himmel vergelte es Ihnen!“

(Fortsetzung folgt.)




Humboldt’s letzter Besuch bei Rauch.
Ein Gedenkblatt.
(Mit Abbildung.)

An einem Decembertage des vergangenen Jahres hielt eine altväterische Kutsche vor dem sogenannten Lagerhause in Berlin. Es war zu der Zeit, als Deutschland den Verlust eines seiner größten Männer betrauerte – Rauch war gestorben! – –

Aus jener Kutsche stieg mühevoll ein hochbetagter Greis, von einem Diener unterstützt, und schritt, sichtlich ergriffen, über den langen Hof dem Eingange zu, der noch vor Kurzem in die Werkstätte des Meisters führte – jetzt in die Todtenkammer.

Wer kennte nicht die Stimmung, die uns erfaßt, betreten wir den Ort, wo ein großer, bedeutender Mensch den ewigen Schlaf schläft? – wem stockte da nicht der Athem? – wessen Herz pochte nicht stärker, weiß es jenes Herz unter der eingesunkenen Brust still und regungslos? Wahrlich, es bedarf dann nicht mehr „der Zuthat erborgter Trauer“, nicht der schwarzen Gewänder, nicht der flackernden Kerzen, nicht der Palmen und des Lorbeers – um zu fühlen, was wir verloren, wie viel wir verloren.

Auch Rauch’s irdische Hülle lag, geschmückt mit den Attributen der Liebe und Verehrung, in ihrem letzten, engen Hause. – Kerzenschimmer warf von prunkenden Candelabern sein unheimliches Licht auf des Heimgegangenen Züge, die selbst im Tode Nichts von jener Großartigkeit verloren hatten, die Rauch’s Erscheinen im Leben so sehr auszeichnete. Palmen senkten zu beiden Seiten ihre Fächer breit über die langhingestreckte Gestalt, die an einen Helden der Vorzeit erinnerte – hinter den friedlichen Palmen aber standen mit ihren ausgebreiteten Fittigen die Victorien, dankbar den Todten umschirmend, der einst mit unvergänglicher Kunst ihre herrlichen Gestalten dem Marmor entrang.

So ruhte der große Bildner unter seinen geliebtesten Werken – so ruhte er in seiner Heimath – seiner Werkstatt.

Auch sie war heute in die „gewohnte Tracht des Grams“ gehüllt – denn der Todtenwurm pickte, wo noch vor Kurzem die Hammerschläge mit dem Meißel erklangen – der Genius mit der umgekehrten Fackel hatte sein Reich aufgeschlagen und hielt Wache bei einer entseelten Menschenhülle, wo noch jüngst die lebensfrische athletische Gestalt Meister Rauch’s stand.

Gefaltet liegen nun diese Hände auf der Brust, Hände, die mehr arbeiteten, als irgend eine Menschenhand – geschlossen ist das Auge mit seinem oft so feinen Künstlerblicke, nur die Jupiterstirn ist noch, die sie einst war, mit ihren sinnenden Furchen, ihrem gedankenschweren Ernste. – Doch still! die Thüre des Todtengemachs öffnet sich, herein tritt jener Greis, den wir vorhin dem Wagen entsteigen sahen; leisen Schrittes nähert er sich dem Sarge, als wollte er die Ruhe des großen Todten nicht stören – – Alexander von Humboldt erweist seinem Freunde Rauch die letzte Ehre!! –

– – – – – – – – – – – – –

Was der überlebende Freund an dieser geweihten Stätte, in diesem feierlichen Augenblicke gedacht – ob seine Lippen ein stiller Schmerzenszug umspielte – ja, ob sein altersschwaches Auge eine Thräne umflorte – wissen wir nicht – wagen wir nicht zu deuten. Nicht minder denkwürdig scheint uns aber dieser Moment, als jener, da Friedrich der Große vor der Leiche des großen Kurfürsten stand, oder ein Napoleon am Sarkophage des großen Friedrich – Momente, welche die Geschichtsschreiber als erhabene Charakterzüge außergewöhnlicher Männer der Mit- und Nachwelt aufgezeichnet haben.

Und so wird einst die Geschichte auch diesen Augenblick berühren, wenn sie unsern Nachkommen von den beiden berühmten Männern berichtet, und wird nur zu bedauern haben, daß der edle Humboldt keinen so seltenen Leidtragenden gefunden, wie Christian Rauch, an dessen Todtenlager der berühmteste Mann des Jahrhunderts trauerte.

– – – – – – – – – – – –

Als der Greis die heilige Stätte verlassen hatte, und wieder über den langen Hof dem Ausgange zuschritt, war sein Antlitz auffallend blaß, wie das eines Tieferschütterten. Wirklich spielte um seine Lippen ein Schmerzenszug, der zu sagen schien: „Ich habe ihn verloren!“ Das Auge aber leuchtete mild und sprach:

„Bald sehen wir uns wieder!!“
H. K-g. 


Das höhere Lebensalter mit seinen Mängeln und Schwächen.

Wie ganz anders sähe es, und zwar in jeder Beziehung, in der Welt aus, wenn die Menschen hübsch bedächten, daß sie alt und durch den Verbrauch, wie eine Maschine, mit dem Alter zu Allem untauglicher würden! Das ist aber gerade das Schlimme beim Altern, daß man seine Altersschwächen nicht merkt und am allerwenigsten eingestehen will; daß man von einer lächerlichen Eitelkeit heimgesucht [64] wird, welche dem jüngeren, kräftigern Lebensalter weniger Tauglichkeit als sich selbst zugesteht, und daß man in dem kindischen Glauben befangen ist, jedenfalls eine von den wenigen Greisen-Ausnahmen zu sein, bei denen das Schwachwerden, besonders das geistige, nicht gar so deutlich vorschreitet und bemerkt wird. Denn daß es auch bei diesen existirt und daß auch bei den berühmtesten Greisen der Alterswasserkopf hier und da hervorguckt, kann nimmermehr weggeleugnet werden. – Wüßte man ferner, welche Veränderungen im Baue und Thätigsein der verschiedenen Organe unseres Körpers mit dem Alter eintreten, man würde eine Menge von Beschwerden, als unabänderliche Folgen der Jahre ebenso ruhig ertragen, als die weißen Haare und die Zahnlücken. Auch würde man vom Arzte nicht jung curirt zu werden verlangen, wohl aber Verordnungen beachten, durch deren Befolgung das Altern weiter hinausgeschoben wird.

Da nun die meisten Menschen, eben wegen des Schwächer- und Unbrauchbarer-Werdens im Alter, vorzüglich wegen der materiellen Veränderungen ihres Verstandesorgans (des Gehirns), nicht selbst einsehen wollen und können, wie der Zahn der Zeit an ihnen herum- und Brauchbares abgenagt hat, so sollten eigentlich Einrichtungen getroffen werden, mit deren Hülfe Menschen ohne alle Ausnahmen solche Stellungen, welche frische Körper- und Geisteskräfte verlangen, in gewissen Jahren verlassen müßten. Deshalb brauchten dieselben noch durchaus nicht absolut unthätig gemacht zu werden, sondern könnten darin, worin sie wirklich noch etwas Tüchtiges leisteten, recht gut noch zum Wohl der Menschheit benutzt werden. Man kann ja das Alter recht wohl ehren, und doch dessen Schwächen schädlich finden und unschädlich machen. Um wie Vieles besser würde es z. B. nicht in England aussehen, wenn nicht so viele alte Herren an der Spitze der Regierung ständen!

Wann beginnt denn nun eigentlich der Zeitraum der Abnahme oder des Welkens im menschlichen Leben und Körper? Wegen des sehr allmählichen Ueberganges von der Kraft des Mannesalters zur Gebrechlichkeit des Greisenalters läßt sich der Anfang dieser Lebensperiode nicht fest bestimmen, auch fällt derselbe bei verschiedenen Menschen, vorzüglich nach ihrer früheren Lebensweise, auf verschiedene Jahre. Gewöhnlich nimmt man an, daß der Eintritt dieses Zeitraums bei Männern zwischen das 50ste und 60ste, bei Frauen zwischen das 40ste und 50ste Jahr fällt. Jedoch trennt man diese Abnahme-Periode noch in ein erstes oder früheres und in ein zweites oder höheres Greisenalter. Das erste reicht bis gegen das 70ste Lebensjahr und gibt sich hauptsächlich durch Grauwerden der Haare, Ausfallen der Zähne, Abnahme der Kräfte, Runzelung der Haut und durch allmählich zunehmende Schwäche der Sinnes- und Geistesthätigkeiten zu erkennen. Das höhere Greisenalter liegt hinter dem 70sten Lebensjahre und jetzt sinkt der Mensch zu einer fast nur vegetativen Existenz und in geistiger Beziehung zur Kindheit herab.

Im höheren Lebensalter nehmen die körperlichen und geistigen Kräfte deshalb nach und nach ab, weil die verschiedenen Organe und Gewebe immerfort an Güte verlieren (d. i. die Involution). Diese Rückbildung der Organe geschieht aber nicht auf einmal und plötzlich, sondern allmählich und theilweise; bald ergreift sie dieses, bald jenes System zuerst und pflanzt sich successive auf die übrigen fort. Doch gibt es keine Regel für die Folge in dieser Rückbildung. Im Allgemeinen läßt sich nur sagen, daß diejenigen Organe, welche sich im Kinde zuerst entwickelten, im Alter auch zuletzt abtreten, also die Organe der Vegetation, während umgekehrt die zuletzt gereiften Organe, wie Geschlechts-, Sinnes- und Geistesorgane, im Alter zuerst von Schwäche heimgesucht werden. Die Erscheinungen des sinkenden Lebens sind meist solche, die in den Mittlern Lebensjahren als Krankheitserscheinungen angesehen und deshalb im Alter auch Involutionskrankheiten genannt werden (senetus ipsa morbus est). Natürlich unterliegt das Greisenalter auch noch den meisten Krankheiten der früheren Jahre, jedoch zeigen sich diese in Folge der Altersveränderungen in etwas anderer Gestalt, ja werden sogar oft von den Alterserscheinungen ganz verdeckt. Der greisenhafte Involutionszustand, das eigentliche Altern, hat zwar in jedem Organ und System seinen besondern Ausdruck, spricht sich aber auch in der Gesammterscheinung des Körpers durch eigenthümliche Zeichen von Blutmangel, Schwinden und Starrheit der festen Theile und Kraftlosigkeit der Verrichtungen aus, welche man auch als Altersschwäche, Greisendarrsucht, Abzehrung des Greisenalters (marasmus senilis, tabes senum) bezeichnet.

Das Charakteristische des Alters ist: Sinken der Bildungsthätigkeit (die Neubildung tritt zurück und die Mauserung überwiegt), Trägheit des Stoffwechsels (deshalb weniger Hunger und Durst), Massenabnahme (Abmagerung), Austrocknung, Starrwerden weicher, zusammenziehbarer Theile (der Muskelfasern und Gefäße), Entfärbung. Der Hauptgrund dieser Erscheinungen liegt zunächst in der schlechtern Beschaffenheit des Blutes und seiner Circulation; diese ist aber wieder in dem verschlechterten Zustande der abgenutzten Vegetations- (besonders der Verdauungs- und Athmungs-) Organe begründet.

Am Aeußern des Körpers zeigt sich das Altern durch folgende Erscheinungen: der Körper wird kleiner (wegen Verkleinerung der Wirbel und Knorpel) und magerer (wegen Schwund des Fettes, der Muskeln und selbst der Knochen), er sinkt ein und der Rücken krümmt sich; in Folge des Muskelschwundes tritt baldiges Ermüden nach Bewegungen, Zittern der Glieder und des Kopfes ein, der Gang wird steifer und langsamer, die Wirbelsäule verliert ihre Biegsamkeit. Die äußere Haut zeigt sich trocken, unelastisch, schlaff, lederartig zähe, runzlig, schmutziggraugelb und blutleer; die trockene, spröde Oberhaut schilfert sich reichlicher ab; die Nägel verdicken und krümmen sich, verschrumpfen und werden mißgestaltet. Der Kopf zittert, wankt und sinkt auf die Brust; die Haare ergrauen und fallen aus; am eingesunkenen Auge bildet sich rings am Rande der Hornhaut ein weißlicher Ring (der Greisenbogen oder Alterskreis) und die Augenlider schrumpfen etwas zusammen; der Gehörgang ist trocken und enthält eingedicktes Ohrenschmalz. Die Wangen und Schläfe fallen ein; an letzteren zeigt sich die Schläfepulsader deutlicher, härter und geschlängelter; die Kiefer verlieren die Zähne, werden niedriger und so verkürzt sich das Gesicht, das Kauen geschieht unvollkommener. Der Hals erscheint entweder lang und mager oder kurz und dick; der abgezehrte Brustkasten ist mißgestaltet, verkrümmt, entweder eingesunken, enger und flach, oder faßartig aufgetrieben, schwerer beweglich; der Bauch schlaff und runzlig; die Gliedmaßen abgezehrt und mager.

Im Innern des Greisenkörpers findet sich hauptsächlich der eigentliche Lebenssaft, das Blut nämlich, an Quantität und Qualität heruntergekommen; dieses ist dünnflüssiger, wässeriger, ärmer an nährenden Bestandtheilen und reicher an Auswurfs- oder Mauserstoffen. Deshalb ist aber auch die Ernährung aller Körpertheile schlechter und sämmtliche Absonderungen (Säfte) sind weniger gut. Diese Verschlechterung des Blutes kommt dadurch zu Stande, daß die Einfuhr der unentbehrlichen guten Bestandtheile (Nahrungssaft und Lebensluft) verringert ist und gleichzeitig auch die Ausfuhr der ältern schlechten Blutbestandtheile. – Was den Verdauungsapparat betrifft, so ist dessen Thätigkeit deshalb bedeutend herabgesetzt, weil alle ihm angehörigen Organe weniger gut ernährt und kraftloser sind. Zuvörderst können feste Speisen des Mangels tauglicher Zähne wegen nicht ordentlich gekaut und in Folge der geringern Speichel- und Schleimabsonderung nicht gut verschluckt werden; auch findet der Greis, da seine Zunge einen trocknern, rissigen, dickern oder dünnern Ueberzug hat, die meisten Speisen und Getränke scharf oder widerlich von Geschmack. Der Magen, weil er enger, mit dünnerer oder dickerer Schleimhaut ausgekleidet, schwächer an Muskelkraft und unfähiger zur Bereitung des eiweißverdauenden Magensaftes ist, wird leicht von Speisen erfüllt, verdaut dieselben langsamer und unvollkommener, leidet deshalb auch leicht an Magendrücken und sogar an Magenkrampf mit Erbrechen. Der engere Darmcanal bewegt, seiner schwächeren Muskulatur wegen, seinen Inhalt (Speisebrei und Koth) nur langsam fort, und daher rührt der träge und harte Stuhlgang. Eine ganz vollkommene Verdauung des Genossenen ist ferner darum nicht möglich, weil die Verdauungssäfte (Speichel, Galle, Magen- und Darmsaft) nicht in der gehörigen Quantität und Qualität von ihren Absonderungsorganen (Leber, Speicheldrüsen, Magen- und Darmdrusen) geliefert worden, da auch diese vom Schwunde befallen sind. Sodann kann der Speisesaft (d. i. das aus den Speisen gezogene flüssige Gute) aus Magen und Darmcanal nicht flott zum Blute hingeschafft werden, weil die hierbei thätigen Organe, die Lymphgefäße (Saugadern) und die Lymph-(Gekrös-)drüsen, ihrer Altersveränderungen halber, diesen Speisesaftfluß [65] erschweren. – So wird also in Folge der geschwächten Verdauung die Einfuhr von guten nahrhaften Stoffen (Speisesaft) in das Blut herabgesetzt und dieses natürlich in seiner Ernährungskraft beeinträchtigt.

Auch der Zutritt der ganz unentbehrlichen Lebensluft (des Sauerstoffs in der atmosphärischen Luft) zum Blute innerhalb der Lungen geht nicht mehr in dem gehörigen Maße vor sich, und zwar deshalb, weil der Athmungsapparat durch das Alter gelitten hat (weiter und starrer, weniger gut ausdehnbar geworden ist) und darum das Athmen weniger gut von statten geht. Der Brustkasten ist starrer, weniger beweglich und nur mit Mühe zu erweitern, um Luft einzuziehen, seine Knorpel sind verknöchert und seine Muskeln abgemagert; die Lungen haben ihre Elasticität und Contractilität verloren, sind zu weit und ziehen sich mit weniger Kraft zusammen, so daß die Luft nicht gehörig aus ihnen herausgetrieben wird; das Zwerchfell, der hauptsächlichste Athmungsmuskel, ist schlaff und matt, was ebenso gut auf das Ein- wie Ausathmen nachtheiligen Einfluß ausübt. Gewöhnlich leidet die den Athmungsapparat auskleidende Schleimhaut an chronischem Katarrh und deshalb haben die meisten Greise Husten mit einem zähen, grauen Auswurf (trockenes oder Schleimasthma.) – Die Reinigung des Blutes durch Ausscheiden seiner alten unbrauchbaren Bestandtheile (Gewebsschlacken) geht im Greisenalter deshalb unvollkommener vor sich, weil die dazu bestimmten Organe, nämlich die Nieren und Lungen, die Leber und Haut, ihrer Altersveränderungen halber unthätiger sind. Natürlich muß auf diese Weise das Blut ungehörig mit schlechten Stoffen geschwängert, also unrein werden.

Der Blutlauf, mit dessen Hülfe das Blut nach allen Theilen des Körpers hingeschafft wird, von dem also die ganze Ernährung, Leben und Gesundheit, abhängig ist, geht im Greisenkörper deshalb nicht so ordentlich vor sich, wie in den früheren Lebensjahren, weil die der Blutcirculation vorzugsweise dienenden Organe, das Herz und die Blutgefäße, von Entartungen heimgesucht wurden, welche die Thätigkeit derselben stören. Das Herz schlägt matter und setzt sogar bisweilen in seinem Schlagen aus, weil sein Fleisch welk und schwach geworden ist; die Adern, zumal die Pulsadern, sind in ihren Wänden starrer, weniger fähig sich zusammenzuziehen und leichter zerreißlich (daher Blutungen); sie verstopfen sich nicht selten mit Blutgerinnseln und veranlassen dann Brand (Altersbrand, besonders an den Zehen).

Die wichtigsten Altersveränderungen, weil sie auf die sogenannten geistigen Thätigkeiten nachtheiligen Einfluß ausüben, betreffen nun aber das Nervensystem, welches bei vorrückendem Greisenalter in allen seinen Theilen nach und nach verkümmert. Das Gehirn, dessen Thätigkeit in Bildung des Verstandes, Gefühls (Gemüths, Selbstbewußtseins) und Willens besteht, schrumpft ein und wird kleiner (Hirnschwund), leichter und zäher, seine Höhlen erweitern sich und füllen sich mit Wasser, ebenso die Räume außerhalb des Gehirns, zwischen diesem und der Schädelwand (d. i. der Alterswasserkopf). Die Nerven werden, ebenso wie die Nervenknoten und das Rückenmark, dünner, zäher, trockener, weniger leitungsfähig. Deshalb sind aber auch alle Empfindungen, besonders die der Sinnesorgane (deren einzelne Theile ebenfalls noch materielle Störungen erleiden) weit stumpfer. Der Schlaf ist entweder sparsamer oder auch widernatürlich vermehrt, artet bisweilen sogar in eine Art Betäubung mit stillen Delirien aus.

Der Hirnschwund und der Alterswasserkopf, das sind nun, ihrer Einwirkung auf die geistige Thätigkeit wegen, die schlimmsten Altersveränderungen und die ärgsten Feinde, aber weniger des Greises, als der ganzen Menschheit, denn sie erzeugen im Greise eine so falsche Meinung von seinen eigenen Geisteskräften und seinen Fähigkeiten, daß dadurch sehr oft die Strebungen reifer kräftiger Geister gehindert und der Jugend altersschwache Ideen eingeprägt werden. Es hängt zwar im Greisenhirn das früher Erlebte und Erlernte noch ziemlich fest, weshalb sich auch die Erinnerung und Theilnahme der Alten immer mehr der Vergangenheit zuwendet und das Urtheil von vorgefaßten, eingewöhnten Meinungen beherrscht und gegen Neuerungen allzu mißtrauisch wird, – aber das Streben nach vorwärts, der Blick in die Ferne, das Interesse an der Gegenwart und am Weltlaufe, sowie ein unbefangenes Urtheil darüber, ist stets mehr oder weniger zu vermissen. Das Gedächtniß (zumal für das erst vor Kurzem Erfahrene und Gethane), die Fassungskraft und das Urtheil, die Entschlußfähigkeit und somit die Tüchtigkeit zu Geschäften werden immer schwächer, während die Schwatzhaftigkeit und Bedenklichkeit, der Eigensinn und die Hartnäckigkeit zunehmen. Die Phantasie ist erkaltet, die Erregbarkeit des Gefühls hat nachgelassen, die Affecte sind seltener und schwach, die Begehrungen beschränkt und ruhig; die Stimmung wird trüber und mürrisch und endlich erscheint das Kindischsein mit Vergeßlichkeit, Theilnahmlosigkeit, gänzlicher Stumpfheit der Sinne und selbst Blödsinn.

Diese von der materiellen Veränderung im Gehirn abhängigen geistigen Schwächen treten im Alter stets, bald früher bald später, bald in höherem bald in niederem Grade ein, Niemand wird davon verschont und darum wohl „Ehre dem Alter, aber nicht Macht.“ (Ueber die Krankheiten und die richtige Behandlung des Greisenalters später).

Bock.



Maler-Reise durch Sibirien.

Der Engländer Atkinson ist zum Vergnügen und um seine Mappe mit Bildern zu füllen, mehrere Tausend Meilen durch Sibirien gereist und hat ein starkes, vielfach und vortrefflich mit colorirten Landschafts- und Menschenbildern ausgestattetes Buch darüber geschrieben. Nach diesen Bildern (und auch oft nach dem Texte) zu schließen, ist Sibirien ein Paradies, wenigstens „fleckerweise“, wie wir Sachsen sagen. „Um den Bea-See herum fand ich,“ sagt er, „die unzweifelhaft schönsten Gegenden der Welt.“ Und wenn er richtig gezeichnet hat, muß man das sofort den Bildern gegenüber zugeben. Wir können ihn hier nicht überall hin begleiten, durch Semipalatinsk, wo sich die russischen Karavanen mit denen von Taschkent) und Kokan begegnen und Waaren austauschen, an den Ufern des Tendschis-See hin (Balkasch Nov), wo die Russen eine Dampfflotte sammeln, von welcher die Times ganz ernstlich für Indien fürchtet (bis Kokan soll es nicht weit und von da bis Peschawur, wo das englische Indien schon anfängt, blos 100 geographische Meilen weit sein), durch Strecken der Mongolen, chinesischer Tataren, kirgisische Steppen und Theile Central-Asiens; wir begnügen uns mit einzelnen Bildern aus der merkwürdigen, russischen Riesenwelt, in welche jetzt mit frischer Kraft und festem Plane Cultur und Unternehmungsgeist hineingetragen wird, vielleicht bis Indien und China, über welches das sibirische Rußland schon hinausreicht – bis an’s Meer. Sibirien ist schon von Natur sehr reich, reich an Gold und Silber, nützlicheren Erzen und Kohlen. Atkinson meint, Sibirien sei reicher an Kohlen, als irgend ein Theil der Erde. Er fand dicke Kohlenlager offen liegend über einander, sogar eine 30 Fuß dicke Schicht in den Altaigebirgen. Damit kann man der wüthendsten Tyrannei des Winters trotzen und Maschinen treiben und die Petersburger Treibhäuser, die Erdbeeren und Kirschen frisch vom Baume im Januar liefern, im großartigsten Maßstabe anlegen. An Platz fehlt’s ohnehin nicht in Sibirien. Und was für ein Sommer! Zwar blos einer von 128 bis 150 Tagen jährlich und oft auf einer 600 Fuß dicken Eisdecke, auf welcher der Boden oben blos drei bis sechs Fuß aufthaut, aber auf dieser Eisdecke ein schneller, tropischer Sommer, der eine vierzig- bis funfzigfache Cerealien-Ernte empor, in Blüthe und Frucht treibt und unabsehbare Oeden des Winters in berauschende Reseda-Prairien verwandelt. Das Merkwürdigste ist, daß in Sibirien tropische und arktische Natur sich vielfach begegnen, ja miteinander freundschaftlich vereinigen. Der Tiger haust in Wäldern, in welchen der arktische Bär sein Winterschläfchen macht, und bei Nertschinsk wächst der Pfirsich-Baum wild mit süßen Früchten neben der nordischen, weißen, keuschen Birke. In den Regionen des Baikal-See’s bekämpfen und lieben sich einander arktische und tropische Faunen und Floren, Thiere und Pflanzen.

[66] Dieses Ineinandergreifen klimatischer Extreme wird durch die Beschaffenheit des Bodens und der raschen, energischen Sommersonne erklärt. Zwischen der dauernden inneren und der wechselnden oberen Erdwärme zieht sich eine dicke Eismauer hin, bei Jakutsk, der kältesten bewohnten Gegend, 630 Fuß dick, die im Sommer drei Fuß dick aufthaut, aber Weizen und Korn, Kohl, Kartoffeln u. s. w. treibt und reift. Unter der Eisdecke friert’s nie und unter ihr hervor drängen sich warme Quellen, die bei 23° Kälte (Réaumur) in der Luft noch 3° Wärme behalten und sich unten um Wurzeln und Stämme der Pflanzen lagern, da sie nicht wieder durch die untere feste Eisrinde eindringen können. In dem Thale des schwarzen Jakutflusses kam unser Reisender in eine tiefe, ganz mit Schnee gefüllte Kluft, aus welcher hohe Pappeln mit ihren grünbelaubten Kronen hervorragten, obgleich die Stämme 25 Fuß tief im Schnee und Eis staken. Nur dicht um ihre Stämme, neun Zoll breit, war der Schnee aufgethaut, so daß sie in Wasser standen. Oft sah er herrliche Blumen, nicht bescheidene, weiße Schneeglöckchen, frisch und freudig mit buntem Sommerputz durch Schneedecken hervorgucken. Sie haben Eile, denn der Sommer kommt eben so rasch, wie er verschwindet. Es klingt fabelhaft, wie schnell! Atkinson gerieth einmal mit seinem Wagen in einen Wald, wo er fünf Wochen vorher nur glatte, kahle, frostgebundene Schneedecke gefunden. Der Wald bestand aus Fenchel, der während der fünf Wochen zehn Fuß drei Zoll hoch aus der Eisdecke, jetzt ein tropisches Sommerleben, hervorgeschossen war. Manchmal wuchsen ihm Pflanzen, während er Landschaften zeichnete, über die ursprünglichen Umrisse hinaus. – So schnell kommt der Sommer, so schnell treibt er, so schnell wird er aber auch vom Winter weggetrieben. Manchmal legt man sich an einem schönen Septemberabende unter einem schattigen Baume schlafen (Gasthöfe gibt’s manchmal auf ein paar hundert Meilen umher eben so wenig, als menschliche Wohnungen) und erwacht unter ganz blätterlosen Zweigen, bedeckt mit sechs bis zehn Zoll hohem Schnee. Eine Woche, und die üppigste, grüne Sommerlandschaft starrt todt, wie ausgebrannt von wüthenden, eisig stechenden Buranstürmen, mit denen knatternde, laublose Wälder zackig geweihter Rennthiere und rasende Schneewolken, Wölfe und die in poetischen Liedern besungenen „Yämtschiks“, die über Hunderte von Meilen weg- und stegloser Wüste dahinfliegenden Postillone Sibiriens, um die Wette jagen und fegen. Und dann diese erhabenen, grandiosen Gebirgslandschaften! Im Winter lange, glänzende Nächte hindurch und gegenüber der von unten heraufscheinenden Sonne in den prächtigsten goldenen, blauen, orangenen Farbentinten wie Feen-Paläste und Diamantenburgen weithin erglänzend, dann wieder im Sommer unten mit Cedernwäldern (Gebirgs-Cedern) und reicher Weide beladen. Und diese Flüsse, Ströme, Wasserfälle! Ströme, unter dem plötzlich hereinbrechenden Sommer zu Oceanen aufschwellend und Hunderte, Tausende von Eisfestungen mit sich fortreißend, donnernd, krachend, rauschend, meilenweit hörbar, über Ebenen, durch Wälder, über Thal und Hügel, und sich ausdehnend mit diesen Riesenlasten über ungemessene Weiten bis hinunter in’s arktische Meer, wo diese sibirischen Riesenströme das ganze diamantene, oft 100 Fuß dicke oceanische Eis auf- und fortreißen und hinaustreiben bis weit in’s atlantische Meer – schwimmende Gletscherinseln, das Entsetzen der Schiffe. Und wie werden diese größten Giganten aller Ströme geboren? Ihr Vater ist ein halber Tropfen. Oben auf den Gebirgsspitzen verdichtet sich der Nebel zu Tropfen. Ein solcher fällt auf eine Felsenkante oben und halbirt sich. Die eine Hälfte fließt nach Süden ab, die andere nach Norden mit eisigem Thau zusammenfließend, sich ergänzend, verdoppelnd, immer rascher, immer massenhafter, bis der halbe Tropfen zu fließen, zu sickern, zu stürzen, zu rauschen anfängt und ihm von allen Seiten andere halbe Tropfen zustürzen, so daß er unten als Fluß und nach millionenfacher Bereicherung und tausendmeiligem Lauf als arktischer Oceanbrecher ankommt.

Auch an Menschen fehlt’s nicht in den ungeheueren Ausdehnungen Sibiriens. Sogar blühende Städte und Champagner trinkende, frohe, herzliche, luxuriöse Gastfreundschaft kommen vor. In Irkutsk, für das Herz Sibiriens gehalten, blüht ein Gymnasium, wo die Jungen alle Gymnasialwissenschaften und Deutsch, Englisch und Französisch lernen müssen, wie in Deutschland. Die nomadischen, wilden Völker auf ungeheueren Ebenen haben in ihrer Energie, fabelhaften Abhärtung und Courage etwas Poetisches und sehen zum Theil, nach den portraitirten Abbildungen zu schließen, herrisch schön aus. Unter den Kirgisen ist Courage die erste und Cardinaltugend.

„Um ihre Achtung zu gewinnen,“ erzählt uns Atkinson, „muß man vor allen Dingen der verwegenste Reiter sein. Hat er dazu ein scharfes, schnelles Auge und eine nie fehlende Hand beim Schießen, verehren sie ihn und sind seine freiwilligen Knechte. Ein Zeichen von Furcht vor irgend einer Gefahr – und es ist aus mit ihm.“

Unser Engländer war ein Mann für sie, riesig, ausdauernd und seine Kirgisen in Verwegenheit überbietend. Sie sagten ihm einmal, daß ein ausgetretener, reißender Strom mit dem Pferde nicht durchschwommen werden könne. Sofort trieb er sein Pferd in die donnernde Fluth und ritt kühn am andern Ufer daraus hervor. Ein Kirgisen-Häuptling, „der gigantischste und reichste Mann in den Steppen,“ schenkte ihm dafür ein Schaf, aber ein krankes. Atkinson schickt es zurück mit einem Complimente, daß der Häuptling in seinem großen Körper kaum das Herz einer Maus haben müsse. Der Riesenhäuptling wüthet, aber Alles um ihn her bewundert den verwegenen Engländer, der nicht nur gewagt habe, den reißenden Fluß zu durchreiten, sondern auch den stärksten, reichsten, größten Mann zu beleidigen. Dies sieht der Riese sofort ein – viele demüthige, civilisirte Christen, die Macht haben, beschämend – er bittet den Engländer um Verzeihung, ladet ihn zu sich ein und läßt sich mit Weib und Kindern und seinem Lieblingsadler zeichnen, so daß wir nun auch im Buche seine persönliche, wenn auch nur bildliche Bekanntschaft machen. Wir erfahren auch, wie’s in einer solchen reichen Kirgisenhäuslichkeit zugeht und aussieht.

„Des Nachts verirrt, hörten wir fernes Hundegebell. Zwei von uns ritten in der Richtung dieses Gebelles ab und schrieen uns zu, nachzukommen. Kurz darauf erreichten wir ein Aoul (improvisirtes Nomadendorf). Meine Kosaken schrieen den Häuptling heraus und machten mir’s in dessen Yourt (Hütte) bequem. Der Häuptling setzte mir zuvorkommend Ziegelsteinthee[1] und geräuchertes Pferdefleisch vor. Wir hatten durch unsern geräuschvollen, nächtlichen Einzug das ganze Dorf in Bewegung gebracht, so daß sich mein „Yourt“ bald mit Kirgisen füllte, die uns mit aller Macht anguckten. Ich gab dem alten Häuptling Theeblätter und weißen Zucker, worüber er ganz entzückt war, besonders da ich darauf bestand, daß er neben mir auf dem ausgebreiteten Teppich sitze, der Thür gegenüber, dem Ehrenplatze. Mein Wirth war ein schöner, alter Mann mit spärlichem, grauen Haar und einer tiefen Narbe an dem linken Backen, einem Denkmal eines früheren Raubzuges. Er trug einen Rock von braunem Pferdefell, dessen Mähne am Rücken herabhing, gegürtet mit einem scharlachfarbenen Shawl, mit einem kegelartig geformten Fuchsfelle als Mütze auf dem Kopfe und hochhackigen Schuhen an den Füßen. Seine Frau sah alt und schmutzig aus, bekleidet mit einem schwarzsammetnen „Kalat“, Oberrock, der sie bis auf die Füße einhüllte, gegürtet mit einem weißen Shawl und einer baumwollenen, turbanähnlichen Kopfbedeckung.

Die Kinder, in braunen Lammfellröcken, kauerten beim Feuer, mich unabgewandt in allen Bewegungen bewachend und anstaunend. Meine Kosaken machten mir ein Lager von Voilocks, Kameelhaarmatratzen, zurecht, zwischen welchen ich bald hübsch warm einschlief. Die Hütte war etwa 25 Fuß im Durchmesser und 10 Fuß hoch in der Mitte. Neben mir lagen mehrere kostbare Teppiche und standen mehrere Kisten voller Reichthum. Meine Kosaken legten sich quer vor die Thür schlafen (wie jedes Mal). Auf der andern Seite der Kisten schlief der alte Häuptling mit Familie.“

Das ist vornehmes Leben. Gemeine Sibirier kommen oft Jahre lang unter kein anderes Dach, als welches sie sich jeden Abend aufbauen. Auch graben sie sich oft blos in den Schnee, und schlafen darunter besser aus, wie wir civilisirten Mitglieder „scrophulösen Gesindels“ unter echten Eiderdaunen mit Wärmflasche.

Es gäbe noch vieles zu berichten von sibirischen Bergwerken und Eisengießereien, von Barnulka am Obflusse, wo alles in Sibirien gefundene Gold geschmolzen und in Barren jedes Jahr mit sechs Karavanen nach Petersburg geschafft wird, von Eisenbergwerken des Ural u. s. w., aber wir begnügen uns mit diesen Andeutungen aus dem neuesten Werke über das in nächster Zukunft [67] wahrscheinlich in die Geschichte tretende riesige Sibirien, durch welches eben die freudige Kunde wandert, daß es Wege gebe, aus der Leibeigenschaft zur Menschlichkeit auf eigenen Füßen sich zu erheben. Wir müssen zugeben, daß die neue russische Regierung, welche den Sclaven Freiheit bietet, auf besserem Wege ist, als die republikanische in Amerika, welche von den herrschenden Sclavenbesitzern gewählt ist, die den Grundsatz, daß die Republiken nicht ohne Sclaverei bestehen könnten, durch alle amerikanischen Staaten und selbst neue, wie Kansas, gegen die Gesetze der idealen Washington’schen Verfassung mit Revolvern, Mord und Blutvergießen geltend machen und aufrecht zu erhalten suchen.



Der Biber als Baumeister.

Denken wir uns drübenstehende Zeichnung sechs Mal vergrößert, so haben wir das Bild eines der größten und entschieden des stärksten Nagethieres, und zwar in sitzender Stellung. –

Da wir den Biber seiner äußern Erscheinung nach kaum für so kräftig halten können, als er seinen Kraftäußerungen nach wirklich ist, so wollen wir erst einen ganz flüchtigen Blick auf sein Knochengerüst werfen, ehe wir ihn nach seinen Wohnungen begleiten. Am Skelet des Bibers, das in vielen Stücken am besten mit dem der Wasserratte verglichen werden kann, fallen uns sogleich die gedrungenen, kurzen, aber starken Knochen der Ober- und Unterschenkel in die Augen, die kurzen, aber breiten, mit langen Fortsätzen versehenen Wirbel vom Kopfe Schwanze, und der durch seine weitabstehenden Jochbögen unverhältnißmäßig breite Schädel mit den gewaltigen Nagezähnen. Bedenken wir nun, daß dieses gedrungene Gefüge kräftiger Knochen eine hinreichend große Oberfläche als Anhaftungspunkt für die starken Sehnen darbietet, und die Muskeln an einzelnen Stellen, besonders den Kiefern, Hinterbeinen und dem Schwänze, ganz besonders entwickelt sind, so ein großer, starker Hautmuskel beiderseits vom Rücken nach dem Nacken, den Kiefern, der Schulter, der Brust und dem Bauche läuft und sich über einen Theil der Füße erstreckt: so leuchtet uns ein, wie dieses Thier Kraftäußerungen erzielen kann, die zu seinen Größendimensionen in keinem Verhältnisse stehen. Und doch würde von einem Biber das nicht geleistet werden können, was wir an ihren Bauten bewundern; dazu ist das Zusammenwirken vereinter Kräfte nöthig. Doch lernen wir nun die Leistungen selbst kennen!

Die Biber leben an und in dem Wasser, wie die Schwimmhäute der Hinterfüße schon vermuthen lassen, am liebsten in größeren Gesellschaften (Colonien) beisammen, doch trifft man sie auch vereinzelt an. In diesem Falle erscheint ihr Pelz schmutzig und besonders auf dem Rücken abgerieben, weil sie in röhrenartigen Höhlen leben, die sie vom Wasser aus unter dessen Spiegel in das Ufer graben und sie, in verschiedenen Krümmungen und unter einigen Erweiterungen allmählich nach oben gerichtet, nach einem Bruch oder Walde zu bis zu einer Länge von 100 Fuß und darüber fortführen und sie daselbst wohl auch münden lassen. Dergleichen Baue haben nichts Besonderes, sie sind hier auch nicht gemeint, sondern die sogenannten Biberburgen, die von ganzen Colonien – bis mehreren Hunderten an Zahl – aufgeführt werden und heutzutage am sichersten nur noch in Nordamerika und dem nördlichen europäischen und asiatischen Rußland anzutreffen sind, aber auch da mit der Zeit immer seltener werden. In Deutschland wurde die letzte, seit länger als 100 Jahren gehegte Colonie bei Barby an der Mündung der Ruthe in die Elbe noch in den zwanziger Jahren beobachtet (1827 beschrieben), ist aber später, unseres Wissens, eingegangen.

Es versteht sich wohl von selbst, daß die Burgen verschiedener Colonien nicht in allen ihren einzelnen Theilen genau dieselben sind, daß Unterschiede mehrfach vorkommen, bedingt durch die Localität, die nicht überall eine gleich günstige Lage hat, durch die Anzahl der Thiere, das Zahlenverhältniß des erfahrenen Alters und der unerfahrenen Jugend in der Gesellschaft und vielleicht noch durch manches Andere, was zu erforschen bisher noch nicht gelungen ist. Daher rühren auch die verschiedenen Angaben bei den verschiedenen Schriftstellern, von denen die einen als glaubwürdiger allgemeinen Anklang fanden, andere als mehr fabelhaft verworfen worden sind. Wir beschränken uns hier natürlich nur auf die Beobachtungen zuverlässiger Forscher und heben das hervor, worin ihre Angaben übereinstimmen.

Hat eine Gesellschaft Biber den Ort gefunden, der ihr zum Anbau passend erscheint, einen kleinen See oder ein Flüßchen, deren Wasser im Winter nicht bis auf den Grund friert, die in einsamer, waldiger Gegend anzutreffen sind, wie etwa an den kleinen Seen in Canada, wo sie gewisse Stellen immer wieder auswählen, auch wenn sie daselbst wiederholt gestört werden: so beginnt – im Monat August, wie man beobachtet hat – die Arbeit mit Herbeischaffung des Baumaterials, das in Holz verschiedener Stärke, wie es ein derber Baum liefert, Steinen, Erde und Schlamm besteht.

Am Interessantesten hierbei ist unstreitig die Beschaffung des nöthigen Holzes, sowohl in Rücksicht auf die physische Kraft, welche die Thiere dabei an den Tag legen, als auch rücksichtlich ihrer geistigen Befähigung, die zu bewundern wir genöthigt werden, eben so wie bei andern noch viel kleineren thierischen Wesen, wenn sie ihre Behausungen anlegen – wir erinnern beispielsweise nur an die Bienen, Ameisen, viele Vögel etc. – Nicht nur Büsche beißen die Biber ab, sondern sie fällen Bäume von 12 bis 20 Zoll Umfang des Stammes, dabei stehen sie auf den Hinterfüßen, räumen mit den vordern die Spähne weg und nagen so rund herum oder nach Befinden nur auf der einen Seite. Gegen das Ende der Arbeit sieht der kleine Holzhauer nach jedem Hiebe in die Höhe, ob der Baum bald fällt, und weiß es so geschickt einzurichten, daß er dahin fallen muß, wo er ihn hin haben will, entweder dicht neben die Stelle, wo er ihn eben braucht, oder in das Wasser, auf dem derselbe, nachdem mit vereinten Kräften die Aeste abgeschnitten und unter Umständen durch weitere Nachhülfe sein Flottwerden bewirkt worden ist, bis zum Baue hinschwimmt. Die Aeste und Zweige werden theils nachgeschickt, theils von den schwimmenden Thieren im Maule oder unter dem Kinn, von der Vorderpfote festgehalten, nachgeschafft. Der Wasserweg wird bei etwas größeren Entfernungen und größeren Lasten dem Landwege vorgezogen, da der Gang des Bibers ein schwerfälliger und unbeholfener ist.

Das gefällte Holz bleibt nun im Wasser oder seiner nächsten Nähe liegen, bis es verbraucht wird, seine Schale zur Nahrung – der Biber benagt nämlich nicht wie die Hasen, Kaninchen etc. die Stämmchen und Reiser, sondern schneidet sie stets zuvor ab, daher auch größere Colonien nicht unbedeutenden Schaden anrichten können – die abgeschälten Stücke, die nach Bedürfniß noch zerschnitten werden, zu seinen Wohnungen. Diese nun beginnen unter dem Wasser, werden von da, sich allmählich erhebend, in das Ufer röhrenförmig, in verschiedenen Windungen und Aushöhlungen hineingearbeitet und erscheinen in geringer Entfernung vom Ufer oder auf der Oberfläche kleiner Inseln als kegel- oder backofenförmige Hügel von 4 bis 7 Fuß Höhe und etwas ovalem, 8 bi5 12 Fuß im Durchmesser haltendem Grunde. Diese Hügel sind bald aus Reisig und Knüppeln aufgeschichtet, welche durch Schlamm, Erde und Steine zu einer am Grunde mehrere Fuß dicken Mauer vereinigt werden, bald herrscht die durch die Ausgrabung gewonnene, schlammige Erde vor, welche, mit Steinen, größeren und kleineren Holzstückchen vermengt, zu einem festen Gewölbe von angegebener Form verarbeitet worden ist. Ehe Frost eintritt, werden diese Hütten noch mit Schlamm beworfen, der ihnen beim Gefrieren noch größere Festigkeit verschafft. Denselben schieben sie mit Hülfe der Brust und Vorderfüße vom Wasser aus in die Höhe; daß der breite Schwanz zum Aufklatschen und Festschlagen diene, ist zwar bezweifelt worden, aber durchaus nicht unwahrscheinlich, da der Biber beim Tauchen und Schwimmen häufig mit demselben auf das Wasser schlägt, ihm diese Bewegung also gar nicht fremd und ungewohnt ist – beiläufig erwähnt, soll das durch Peitschen des Wassers weithin hörbare Geräusch zur Lockung oder Warnung anderer Biber dienen. Leider werden die meisten Arbeiten [68] zur Nachtzeit vorgenommen und entziehen sich daher den genauen Beobachtungen des Forschers, der diesen ungemein schüchternen Thieren gegenüber überhaupt nur mit der größten Vorsicht zu Werke gehen muß, wenn er ihnen etwas ablauschen will.

Das Innere der Hütten ist weit einfacher, als man zum Theil geglaubt hat, es besteht oft nur aus einer Kammer, die mit Holzspähnen, Rohr oder Kräutern ausgelegt ist und in der Mitte des Fußbodens, also vom Wasser her, ihren einzigen Zugang hat, der zugleich auch Ausgang ist, und wird in der Regel von vier alten und sechs bis acht jungen Bibern bewohnt. In andern Fällen zeigt die Seitenwand des Innenraumes noch zellenartige Aushöhlungen bei einem mittleren Zugange und, dann findet sich eine größere Einwohnerzahl. In noch andern Fällen sind Unterschiede im Innern, jedoch ohne Verbindung unter einander, jede Kammer mit ihrem besonderen Eingange, aber alle von gemeinsamem Dache bedeckt. Solche Wohnungen scheinen durch Anbau der einen an eine andere, zum Theil schon ältere zu entstehen, da es die Biber öfter vorziehen, jeden Herbst einen Neubau aufzurichten und zwar nicht selten unmittelbar neben dem alten. Sonach besteht also eine Biberwohnung aus 2 Stockwerken, dem oberen, backofenförmigen Hügel, der sich in angegebener Weise über die Erdoberfläche erhebt, und den hohlenartigen Räumen darunter, die zu ihrem größeren Theile unter dem Wasserspiegel liegen und wohin die Thiere wohl auch flüchten, wenn sie in den Hütten angegriffen werden. In der Nähe des Zuganges finden sich Reiser und ungeschälte Holzstücke als Wintervorräthe vor, mit den untern Enden in den Schlamm gesteckt, die jedoch nur erst dann angegriffen werden, wenn der Frost bedeutender geworden und der Ausgang durch das Eis versperrt ist.

Die Gartenlaube (1858) b 068.jpg

Der Biber.

Die liebste Nahrung der europäischen und asiatischen Biber besteht aus der Schale der Pappeln, Birken und Weiden und den Wurzeln der Seerose. Die amerikanischen schälen überdies noch einige ihrer Heimath eigenthümliche Bäume, wie Magnolien, rundblätterige Esche u. a. m., ab. Krebse und Fische verspeisen sie nie.

Noch eines Bestandtheiles vieler Biberburgen, die aus mehreren eben beschriebenen Bauten bestehen, müssen wir gedenken, wenn wir ein vollständiges Bild einer größern Colonie haben wollen. Um nämlich den Wasserstand zu reguliren, besonders einen zu niedrigen in der trockenen Jahreszeit unmöglich werden zu lassen, bauen die Biber mit vereinten Kräften Dämme, durch die sie das Wasser entweder in eine große Bucht einsperren oder dadurch aufstauen, daß sie denselben quer durch den Fluß führen; in letzterem Falle soll ihnen eine Breite von selbst 100 Fuß nicht zu bedeutend erscheinen. Auch diese Dämme bestehen, wie die Hütten, aus einem Complex von Reisig. Knüppeln, Steinen und Schlamm, und sind nach Umständen roher oder künstlicher angelegt, je nachdem das Terrain ihre Anlage unterstützte oder erschwerte. Sie sind so fest, daß man sie als Stege benutzen kann, haben bisweilen oben Abzugslöcher für das wachsende Wasser und gehen auf der Stromseite schräg herab, wozu gewiß die Strömung des Wassers durch Anschwemmen das Ihrige beiträgt, während die entgegengesetzte Seite senkrecht abfällt; steht das Wasser ganz still, so findet man die Dämme auch durchweg von gleicher Dicke, also mit senkrechten Wänden. Du Pratz ließ einen Damm zerstören, um seine Construction kennen zu lernen, und fand als Grundlage kreuzweis gestellte Knüppel, in deren oberem Winkel, wie bei einem Sägebock, der Länge nach Verbindungshölzer lagen. Bilden leicht anwurzelnde Weiden oder Pappeln das Bauholz, so wachsen solche Dämme bisweilen stellenweise zu lebendigen Hecken aus, und die ganze Anlage dieser Thiere ist auf diese Weise im Stande, die natürliche Beschaffenheit der Gegend mehr und mehr umzuwandeln.

Bei hohem Wasserstande werden die Biber, die sonst nur nach Sonnenuntergang ihre Bauten zu verlassen pflegen, aus denselben vertrieben, liegen dann auf denselben oder werden auf Bäumen sitzend angetroffen, die aus dem Wasser hervorragen; besonders bringt sie im Frühjahre der Eisgang in solche Verlegenheiten. Haben sich dann die Wasser wieder verlaufen, so kehren die Weibchen zu den Hütten zurück und werfen Ende Frühlings zwei bis fünf blinde Junge, die erst im dritten Jahre ausgewachsen sind und als selbstständige Glieder der Colonie die elterliche Wohnung verlassen. Die Männchen schweifen dagegen den Sommer hindurch umher und kehren gegen Herbst zu ihren alten Wohnungen zurück, die sie ausbessern, hauptsächlich wieder mit Schlamm befahren, oder ganz neu bauen – wenn anders sie den Nachstellungen ihrer Feinde, zu denen der Mensch an erster Stelle zählt, glücklich entgangen sind.

Eben die Nachstellungen, denen der von Natur so scheue Biber des Castoriums (Bibergeils) und des Pelzwerkes wegen ausgesetzt ist, haben es verschuldet, daß er in vielen Gegenden nach und nach ganz verschwunden ist, und auch in den von ihm noch bewohnten immer weiter zurückgedrängt wird. Vor Zeiten war er viel weiter nach Süden verbreitet, als heut zu Tage. Daß er einst in Egypten und Indien gelebt haben müsse, ist mehr als wahrscheinlich, da die Egypter sein Bildniß unter den Hieroglyphen haben, und die Religion der Magier ihn zu tödten verbot. In ganz Europa scheint er verbreitet gewesen zu sein, wenigstens weiß man bestimmt, daß er Spanien, Frankreich, wenigstens das nördliche Italien, die Küsten des schwarzen Meeres bewohnte und an den kaukasischen Bergströmen, zwischen diesen und dem caspichen See noch jetzt angetroffen wird. In der Schweiz und am Rhein, wo man, wie in manchen andern Gegenden, fossiale Ueberreste [69] von ihm gefunden, lebte er noch in jüngeren Zeiten; an der Mosel, Maas, Yssel, Lippe, Weser, Aller etc., so wie im Lüneburgischen muß er gleichfalls häufig gewesen sein, eben so östlich von den letzteren Gegenden, besonders an der Elbe, Oder, Havel, Weichsel u. s. w., wo man ihn, wie auch an der Donau, einzeln noch jetzt finden kann. Im hohen Norden und Nordosten kommt er häufiger vor, besonders in Rußland zwischen der Dwina und dem Ural, an der Petschora, aber auch südlicher in Litthauen, dem Gouvernement Minsk, wo einige Dörfer danach benannt sind, sodann in Finnland, um den bottnischen Meerbusen, in Schweden und Norwegen. Reich an Bibern ist das asiatische Rußland und da wieder die unwirklichen Gegenden Sibiriens, am Ob und dessen Nebenflüssen, besonders im Beresowschen Gebiete, dann weiter südlich in den vom Ob und Irtisch bewässerten Strecken bis zur Issimschen Steppe, in den finstern Wäldern bei Tara, Tobolsk und Surgut, längs der Samara, dem Kinel und mehreren Steppenflüssen. Am Tas und Jenisei gehen sie bis zum 67° n. Br. hinauf. Ihre südlichste Grenze mag in Asien bis etwa zum 38° n. Br. gehen, indem sie sich vom caspischen See bis zu den wasserreichen, waldigen Gegenden der großen freien Tatarei hinziehen. Vor Allem aber ist Nordamerika der Erdtheil, in welchem die Biber in unerhörter Menge lebten, und stellenweise noch anzutreffen sind, vom mexicanischen Meerbusen und Louisiana an bis nach Pennsylvanien. Ihr Lieblingsaufenthalt scheint um die Hudsonsbay zu sein, wo noch heut zu Tage die meisten erlegt werden. In wilden Gegenden, um den Michigan-, Erie-, Ontario-, Sclaven- und Arathapeskow-See sind sie in solcher Menge anzutreffen, daß an letzterem sogar ein Stamm der Eingebornen den Namen „Biber-Indianer“ erhalten hat. Eben so häufig sind sie östlich und südöstlich von der Hudsonsbay, in Labrador und Canada. Hört man indeß von den vielen Tausenden von Fellen, die alljährlich in den Handel kommen, so steht zu befürchten, daß auch für die Biber eine Zeit eintreten wird, wo sie wie Auerochsen, Steinböcke und Gemsen durch die strengsten Jagdgesetze geschützt werden müssen, um nicht im Dienste des Menschen vollständig aus der Schöpfung zu verschwinden.




Garnison- und Parade-Bilder.
I. Der Doppelgänger.

„Adjutant!“ hörte ich auf dem Casernenhofe rufen.

„Der Adjutant zum Herrn Oberstlieutenant, gleich!“ war das Echo von einem halben Dutzend dienstbeflissener Stimmen.

Aber kein Adjutant ließ sich sehen.

„’s is weeß Gott wahr,“ brummte der Oberstlieutenant, „Allens muß man ooch selber machen. Die Feldwebel!“

„Feldwebel zur Befehlsausgabe!“ lautete das Echo.

Sie standen bald im Kreise um den Alten, der – den Zeigefinger an der Nase – sich anschickte, ihnen den Tagesbefehl zum kommenden Morgen selbst in die Feder zu dictiren.

„Bataillonsbefehl zum 17. Mai, eintausend achthundert und …, haben Sie’s?“ fragte er.

„Sehr wohl, Herr Oberstlieutenant,“ war die Antwort, und um die Mundwinkel der also Befragten zuckte leise und schnell, wie der Blitz, ein fast unmerkliches Lächeln.

„Der Herr Oberstlieutenant halten zu Gnaden,“ bemerkte einer der Nachschreibenden, ein junger Mensch mit aufgewecktem Gesicht, das ein pechschwarzer Schnurr- und Backenbart einrahmte, „wir haben aber morgen den 18. Mai.“

„Weeß Gott, Feldwebel, wissen Sie das gewiß?“

Es wurde ihm von allen übrigen bestätigt.

„Na, lassen Sie man einstweilen den Datum aus und sehen Sie zu Hause nach, ich weeß es Gott – nich aus dem Kopfe. Also, – Bataillonsbefehl zum … Mai eintausend achthundert und …: das Bataillon steht morgen früh – im besten Anzug – mit vollständigem Gepäck – in Compagniecolonnen rechts formirt – formirt, zum Ausrücken bereit – bereit; haben Sie’s?“

„Um welche Zeit befehlen der Herr Oberstlieutenant?“ fragte der Nämliche wieder.

„Weeß Gott, Feldwebel, Dummerjan, passen Sie besser auf. Um 1/2 6 Uhr. – Lesen Sie den Befehl noch einmal vor.“

Es geschah wie er verlangt hatte.

„Na, nun haben Sie Alles, geben Sie es man an die Compagnie aus.“

„Der Herr Oberstlieutenant halten zu Gnaden,“ bemerkte ein Anderer, den neben ihm Stehenden leise mit dem Aermel anstoßend, „aber soll das Bataillon im Casernenhofe oder auf dem Exercierplatze stehen?“

„Unterbrechen Sie mich doch nicht ewig, Feldwebel, Mensch dummer, ’s is weeß Gott wahr, wenn man ooch Allens selber machen muß. – Aber wo zum Teufel stecken Sie denn ooch, Herre?“ schnauzte der Alte den Adjutanten an, der so eben herbeigeholt und in den Kreis der Schreibenden getreten war, seinem Commandanten das Honneur machend. „Geben Sie den Befehl vollends aus; wenn ich Allens selber machen soll, da brauche ich weeß Gott gar keenen Adjutanten!“

Der Befehl ward schnell vervollständigt, dem Alten dann zur Genehmigung vorgelesen und von diesem brummend und mit unverkennbaren Zeichen von schlechter Laune approubirt.

„Und sagen Sie dem Capitain W., daß er mir morgen seinen Hund einsperrt und die Canaille von einem Affen dazu; ich mag keenen Scandal im Bataillone haben!“

„Sehr wohl,“ erwiderte der Adjutant, die Hand an den Hut legend und den Befehl sofort dem fraglichen Capitaine übersetzend, der, etwa drei Schritt davonstehend, ihn bereits Wort für Wort in seiner primitiven Fassung vernommen hatte.

Dieser Capitain W., ein drolliger Kauz voller Witz und Laune, hatte nämlich schon seit Jahren einen schönen weißen Pudel, der Rammi hieß und den er zärtlich liebte. Einige Monate vor der Begebenheit, die ich im Begriff bin zu erzählen, hatte er einen Affen zum Geschenk erhalten, und sein erster Gedanke, als das geschwänzte Thier bei ihm eintraf, war, dasselbe auf den Pudel zu setzen. Der Pudel hatte sich diesem Experimente nur mit Widerwillen, herabhängenden Ohren, eingezogener Ruthe und mit allen sonstigen unter seines Gleichen gebräuchlichen Zeichen des Mißbehagens gefügt und war dann, sich aus Leibeskräften schüttelnd, mit langen Sprüngen davongeeilt. Aber er mochte schnell wie ein Pfeil über den weiten Exercierplatz schießen oder sich auf dem Boden wälzen oder sonst thun was ihm beliebte, der Affe war nicht aus dem Sattel zu heben, sondern behauptete unerschütterlich seinen Sitz, sich nur um so fester an das wollige Haar seines Begleiters klammernd, natürlich zum größten Jubel der zuschauenden Compagnie, die dem Ausgange mit Spannung entgegensah. Endlich war mein Pudel, zum letzten Mittel schreitend, über Hals und Kopf in den nahen Teich gesprungen, aus dem bald nichts mehr als sein behaarter Kopf hervorragte. Aber auf diesem Kopfe, mit anerkennenswerther Geschicklichkeit, balancirte auch der Affe und langte wohlbehalten und ohne sich auch nur soviel als die Pfoten naß gemacht zu haben, mit seinem Reitpferde am andern Ufer an, sogleich wieder seinen schulgerechten Sitz auf dem Rücken desselben einnehmend. Sei es nun, daß der Pudel sich in das Unabänderliche mit Resignation fügte oder daß seine Antipathie wirklich nachgelassen hatte, kurz von diesem Tage an waren Beide – Hund und Affe – unzertrennliche Freunde und begleiteten die Compagnie auf ihren Märschen, im Cantonnement, auf den Exercierplatz, ja selbst zur Wachparade, bis ein rügender Bataillonsbefehl unseres Alten, der namentlich den Affen nicht leiden konnte, wenigstens diese beiden letzteren – ernsthaften – Uebelstände abstellte, zum großen Leidwesen der betreffenden Compagnie, der Pferd und Reiter eine unerschöpfliche Quelle immer neuer Erheiterung darbot. Der Compagnieschneider, der außer diesem officiellen Amte noch das private eines Compagniespaßmachers bekleidete, hatte dem Affen aus seinem disponibeln Vorrathe von Tuch und Tressenabwurf eine rothe Uniform mit gelben Aufschlägen verfertigt; ein Anderer hatte ihm einen dreieckigen Uniformshut [70] mit buntem Federstutze aufgepaßt und mein Affe sah in seinem Paradeaufzug so stattlich aus, wie ein patentirter Truppenchef.

Dieser Hund und dieser Affe, Mimmi hieß er, waren es nun, die beide morgen laut Befehl eingesperrt werden sollten, auf daß wir zur anbefohlenen großen Revue vor Sr. Excellenz dem commandirenden Herrn Generallieutenant nicht etwa einen Scandal im Bataillon erlebten.

Wir waren, wie gewöhnlich, am andern Morgen blos ein paar Stunden zu zeitig auf dem Revueplatze eingetroffen und standen bereits auf dem uns angewiesenen Flecke im zweiten Treffen der langen Paradelinie, als die meisten der übrigen Bataillone, 23 an der Zahl, noch ruhig in ihren Betten träumten. Unser Oberstlieutenant galoppirte wiederholt an der Front der Compagnie herunter und fluchte gewaltig. Namentlich an der zweiten, die der Hauptmann W. commandirte, hatte er allerhand auszusetzen. Sein Blick fiel dann auf die hinter der Front, stehenden Officiersdiener.

„Ist das Luder eingesperrt?“ fragte er den Diener des Hauptmann W., der, das Reitpferd seines Herrn am Zügel haltend, eine kleine muntere Falbe, die unter verschiedenen Untugenden auch diejenige besaß, nicht gut im Feuer zu stehen, auf seinem Platze zwölf Schritt hinter der Mitte der Compagnie neben den andern Dienern stand und, wie mir vorkam, etwas roth im Gesicht und dabei sehr heiter aussah.

„Zu Befehl, Herr Oberstlieutenant,“ war die Antwort.

Allmählich langten die übrigen Bataillone an und rückten einzeln, von den hin und her galoppirenden Adjutanten geführt, in die ihnen angewiesenen Plätze der Paradelinie ein. Ihre Feldmusik schmetterte lustig in die frische Morgenluft.

„Stillgestanden!“ brüllte unser Alter, als die beiden Flügelbataillone rechts und links neben uns eintrafen und Anstalt machten, sich nach uns einzurichten.

Ich hörte wie ein leises und mühsam unterdrücktes Kichern in meinem Zuge und wandte mich, um Ruhe zu gebieten. Mein erster Blick fiel dabei auf das Gesicht unseres Compagnie-Spaßmachers, das zwar vollständig ernsthaft aber merkwürdiger Weise gerade so roth aussah, wie das des Dieners des Hauptmann W. – Mit dem zweiten Blicke, – Himmel! was sah ich!

Da war Rammi mit Mimmi in der rothen Uniform und dem dreieckigen Hute oben drauf! Der Diener erwischte eben noch glücklicher Weise den Strick, den der Pudel nachschleppte, und von dem er sich losgerissen haben mußte, um seinen Herrn zu suchen. Wir brachten ihn, Gott sei Dank, noch glücklich hinter die Front, ehe der Alte – der wie der steinerne Gast unbeweglich vor der Mitte des Bataillons hielt – etwas gemerkt hatte. Der Diener nahm ihn an die linke Hand, da er mit der rechten das Pferd seines Herrn halten mußte, und dieser empfahl ihm um Alles in der Welt nur nicht etwa das Vieh aus der Hand zu lassen. –

Die Parade-Linie war endlich fertig geworden und stand der Dinge, die da kommen sollten, gewärtig. Auf ihrem rechten Flügel hielt eine Zwölfpfünder-Batterie abgeprotzt, die üblichen Salutschüsse zu geben.

Gegen 10 Uhr endlich – wir hatten, wie bei solchen Fällen üblich, uns seit früh 7 Uhr im Warten geübt – sahen wir eine dichte Staubwolke zu unserer Rechten, die rasch näher kam. Es war Se. Excellenz, der commandirende Herr Generallieutenant mit zahlreicher Suite.

„Gewehr auf!“ hieß es von Bataillon zu Bataillon, und die blankgeputzten Feuerwaffen klirrten gar martialisch vom raschen, kräftigen Handgriff.

„Präsentirt das Gewehr!“ Die Bataillonsfahnen neigten ihre flatternden Häupter, die tapfern Herzen der Lieutenants schlugen höher. Von der Zwölfpfünder-Batterie zu unserer Rechten donnerte der erste Kanonenschuß, den Baß zu den feierlichen und langgezogenen Klängen des Parademarsches abgebend, den 24 Musikchöre gleichzeitig in die milde Mailuft hineinbliesen.

Die Excellenz kam immer näher. Sie ritt einen schneeweißen Schimmel und trug die hochrothe Generalsuniform mit den gelben Aufschlägen; der dreieckige Federhut mit dem breiten Goldbesatze saß ihr etwas in der Quere, gerade so, wie ihn unser Spaßmacher immer dem Affen aufzusetzen Pflegte, wenn wir uns auf Reise-Märschen befanden. In kurzen Galoppsprüngen ritt sie die Front der Paradelinie ab.

Das Verhängniß, oder vielleicht Gott weiß was Anderes, – ich hatte so in der Stille meinen Verdacht – hatte unterdessen aber in unserem Rücken gewaltet. – Die Falbe des Hauptmanns W., von der ich, glaube ich, schon früher erzählte, daß sie die Untugend an sich hatte, nicht gut im Feuer zu stehen, und die dessen Diener, wie auch schon bemerkt, hinter unserer Front mit der rechten Hand am Zügel hielt, war nämlich schon gleich beim ersten Schuß der Zwölfpfünder-Batterie unruhig geworden. Beim zweiten hatte sie angefangen, rechts und links auszudrängen, und beim dritten war sie endlich kerzengerade in die Luft gestiegen. Der arme Teufel war dieser Bewegung so lange wie möglich mit dem rechten Arme gefolgt, und erst als dieser eben nicht mehr ausreichen wollte, hatte er auch die linke Hand zu Hülfe genommen, bei dieser Gelegenheit natürlich den Strick loslassend, an dem der Pudel – ungeduldig nach seinem Herrn verlangend – riß und zerrte. Im Nu war Rammi mit seinem Reiter durch die erste beste Zugslücke hindurch in die Paradelinie eingebrochen.

Bei meiner Seele! Der commandirende General war keine 50 Schritt mehr von uns, und der weiße Pudel galoppirte mit dem Affen, der genau so angezogen war, wie Se. Excellenz, wie ein Vorreiter vor ihm her, einen Officier nach dem andern beriechend. Durch die Paradelinie flog wie ein Blitz ein unterdrücktes Lachen. In demselben Augenblick bemerkte ein Officier den Doppelgänger, und versetzte dem Pudel einen Jagdhieb mit der flachen Degenklinge, der ihn laut winselnd hinter die Front trieb.

Die ganze Begebenheit war das Werk einer Minute, sah aber wohl danach aus, als ob sie sehr ernste Folgen haben könne. Niemals indeß konnten weder wir noch irgend Jemand erfahren, ob der commandirende General diese leibhaftige Carrikatur seiner Person mit höchst eigenen Augen gesehen habe. Der Chef des Generalstabes hatte sie jedoch gesehen, und eine lange Nase an unsern Bataillonschef war die Folge.

Dieser nun war ganz außer sich über den gehabten Scandal sowohl, als über die Nase. Sein Gesicht war purpurfarbig, als er uns vom Revueplatze weg in Colonne mit Achtung und geschultertem Gewehre über Sturzäcker und Stoppelfelder nach Hause marschiren ließ, seinen alten Braunen dabei zornig im Maule herumreißend, und aus Leibeskräften zusammenspornend. Ein Donnerwetter erster Classe war im Anzuge. Wenn es sich nicht bald entlud, so machte der Pensionsfonds ein gutes Geschäft, denn lange hätte unser Alter diesen Zustand nicht ausgehalten. Er fing schon an, förmlich wie krampfhaft nach Luft zu schnappen, und ich dachte alles Ernstes mehrere Male, der Schlag müsse ihn rühren.

„Halt!“ brüllte er endlich; ließ die vordere Colonnenhälfte „Kehrt“ machen, und ritt mitten in das Bataillon hinein.

Wir standen wie Druidensteine, kein Athemzug war hörbar. Selbst der Compagnieschneider sah sehr ernsthaft aus; unser Alter pflegte nicht zu spaßen in solchen Fällen.

Wir horchten lange vergeblich; er schien noch zu aufgeregt, um sprechen zu können.

Ein langes Wiehern – Gelächter konnte man es nicht nennen – verschaffte ihm endlich einige Luft. Es war ein krampfhaftes, kurz abgestoßenes Gebrüll, wie ich dergleichen in meinem Leben nicht wieder gehört habe.

„Ha! ha! ha! Weeß Gott!“ sagte er, mehr mit sich selbst, als mit dem Bataillon sprechend, „neunundvierzig Jahre zwee Monate gedient, und noch so eenen Scandal zu erleben. Na, der Generalstabschef hat ooch gut reden; weeß Gott, so em …“

Er besann sich hier und fuhr auf den Adjutanten los, der so eben die Brieftasche gezogen hatte.

„Das Donnerwetter soll Sie …, was zum Teufel machen Sie da, Herr? Wenn ich rede, hat kein Mensch zu schreiben; ich verbitte mir das. Weeß Gott, wo er schreiben soll, da is er niemals nich da, und wo er hören soll, da fängt er an zu schreiben. Ueberhaupt will ich nur dem Bataillon sagen, daß die Revue unter aller Würde ging, und was die zweete Compagnie betrifft, weeß Gott – Wo is denn das Luder hin?“ fragte er plötzlich, den Hauptmann W. mit grimmigen Blicken ansehend.

Das Luder, nämlich der Hund mit seinem Reiter, war auf einen Wink seines Herrn von dessen Diener noch vor unserem Aufbruch vom Revueplatze rasch und unbemerkt auf einem Umweg nach Hause geführt worden.

„Schweigen Sie, Herr Hauptmann W.,“ fuhr er diesen an, als derselbe sich anschickte, die vorgelegte Frage zu beantworten. [71] Wenn ich rede, hat kein anderer Mensch nich zu reden. Ich verbitte mir das. Gehen Sie jetzt nach Hause. Sie sind auf vier Wochen arretirt, und ich befehle Ihnen hiermit, die Bestien abzuschaffen. Alle Beede! Weeß Gott, was muß nur der General denken, – so eenen Doppelgänger! Na, den Scandal will ich nich wieder erleben, so lange ich noch zu dienen habe. Weeß Gott, der Generalstabschef kann mich ooch - -,“ er rückte sich heftig im Sattel und hielt wiederum inne. „Uebernehmen Sie die zweete Compagnie, Premierlieutenant G., und lassen Sie vierzehn Tage alle Nachmittage zwee Stunden nachexerciren. Ich will schon die Dummheiten rausbringen, weeß Gott. Und Sie, Adjutant, holen den Degen vom Capitain ab, sobald wir eingerückt sind; und bemerken Sie den Arrest gleich mit im Bataillonsbefehl zu morgen; ich kann nich immer Allens selber machen!“

Er wischte sich hier den Schweiß vom Gesicht. „Compagnien formirt, marsch!“ commandirte er dann und wir machten, daß wir fortkamen.

Das vierzehntägige Nachexerciren mundete namentlich unserm Compagnieschneider, den ich aus verschiedenen Gründen nicht davon dispensirte, wenig. Hauptmann W. hatte vier Wochen Langeweile auszustehen, da er Hund und Affe sogleich zu einer verheiratheten Schwester auf ein entferntes Gut hatte schaffen lassen, und Roß und Reiter sah man niemals wieder! Im Bataillon aber gedachte man noch lange der Zeit des lustigen Doppelgängers.




Blätter und Blüthen.


Rachel-Felix. Am 4. Januar starb zu Cannet bei Toulon die gefeiertste Tragödin Frankreichs, Demoiselle Rachel. Die Theater, deren Herrscherin sie seit mehr denn 16 Jahren gewesen, schlossen sich, als sie die Trauerkunde traf: es galt, die größte Schauspielerin des Théatre français noch im Tode zu ehren. Und wahrlich, eine große Schauspielerin ist die Rachel gewesen, eine so eminente Tragödin, daß sie keine Nebenbuhlerin zu sehen gewohnt war, bis zu dem Augenblick, wo die Ristori ihre bisherige Autorität stürzte, und mit dem Glanze ihres Ruhmes den der französischen Künstlerin erbleichen machte. Alle jene Leidenschaften, welche in Rachel’s Brust stets einen Kampf abhielten, ras’ten mächtiger, als das Gift des Neides sie entflammte, und wir können wohl sagen, daß diese wilden Bewegungen in ihrer höchsten Fluth das Leben dieses Weibes knickten.

Und doch, es war eine Fürstin, eine Königin der Kunst, die zu früh verschied! Sonderbar! Als Kind hatte sie keine Heimath, und heut trauert die ganze Kunstwelt um sie, und doch machte viel weniger das wahrhaft Große, als eine tiefe, mächtige Leidenschaft die Rachel zu dieser Celebrität.

Ihr Vater und ihre Mutter gingen Hausiren, bald in Deutschland, bald in Frankreich, bald in der Schweiz. Es war eine jener unglücklichen Judenfamilien, die den Fluch ihres Volkes mit sich herumschleppen, ohne es zu wissen, auch wohl ohne sich darum zu grämen. Auf diesen Streifereien kam die Rachel im Jahre 1820 zur Welt, man weiß nicht wo, ob im Elsaß, in der Schweiz oder in Frankreich. Die gefeierte Künstlerin hatte keine Heimath, wie ihr Volk, keinen Ort, den sie lieben konnte, weil dort ihre Wiege gestanden. Sie war heimathlos und doch hat sie gelebt – und wie gelebt!

Kaum war das Kind der Sprache fähig, so mußte es die Eltern im Broderwerb unterstützen. Während ihre Eltern hausiren gingen, sang sie die Gassenhauer zum Harfenspiel ihrer Schwester, jene vom Elend ausgepreßten, mechanisch abgeleierten Lieder, welche uns in größeren Städten aus dem Munde unglücklicher weißer Sklavinnen entgegentönen. Von Stadt zu Stadt so die Sous zusammensingend, kam die unstäte Judenfamilie 1830 nach Paris; der Alte hausirte, die Mutter handelte, die Kinder sangen vor den Café’s und auf den Boulevards.

Eines Tages traf der gutherzige Choron, ein angesehener Musikdirector in Paris, die junge Rachel singend auf der Straße. Ihre helle Stimme fiel ihm auf; er fragte die Alten, ob er ihr Kind in sein Institut aufnehmen könne, und da die Eltern Ja sagten, so ging die Rachel mit zu Choron, um als Sängerin ausgebildet zu werden. Kurze Zeit jedoch nachher starb der brave Mann und Rachel, kaum mehr als 12 Jahre alt, stand einsamer denn je in diesem großen Paris. Da nahm sich ihrer Pignon Saint-Aulaire an. Er hatte die junge Jüdin bei Choron kennen gelernt, und ein bedeutendes Talent für Declamation in ihr erkannt. Rachel trat demnach als Elevin in sein Institut, um für das Theater ausgebildet zu werden.

Im Jahre 1836 trat Rachel zuerst in dem von Duport für sie speciell geschriebenen Drama „die Vendeerin“ auf. Aller Ehrgeiz der jungen Jüdin trat mit dieser Rolle auf; grausam gedemüthigt, nahm sie ihn wieder mit sich fort: sie hatte keinen Erfolg gehabt. Da kochte es ihr in den Adern vor Zorn, und von da an erschloß sich erst ihrem Blick das Ziel, das zu erreichen sie von nun an alle Energie aufbot.

Im Jahre 1838 gelang es ihr endlich, begünstigt durch einige Vorsprache am Théatre français engagirt zu werden. Ihr Debüt waren die Horatier und Jules Janin, der damals Alles geltende König des Feuilletons, stieß in die Posaune, um den Aufgang eines neuen Gestirns am Himmel der dramatischen Kunst zu verkünden.

Von nun an ward Rachel die Celebrität, gegen die kein Tadel möglich, nur Abgötterei erforderlich war. Sie rief die großen französischen Classiker wieder in’s Leben und schuf Gemälde von weiblichen Leidenschaftten, welche mehr und mehr wegen ihrer dämonischen Gewalt Grauen einflößten. Hier allein, in diesem Rasen, in diesem Leben des Hasses, der Rache und der Leidenschaften war ihr wohl und sie spielte nie schöner, als wenn das Entsetzen den Athem von tausend Menschen stocken ließ. Wer je von ihr eine Hermione, eine Phädra oder Adrienne Lecouvreur sah, wird den Eindruck ihres dämonischen Spiels unvergänglich behalten haben. Aber mehr und mehr ward ihr Spiel auch outrirt; als es keine Rollen mehr gab, die dem Grollen und Grimm in ihrer Brust weite Bahnen ließen, da überbot sie sich in der Zeichnung der Leidenschaften und schuf eine Ironie gegen die Kunst und das Stück.

Ihr Spiel war aber durchweg auch der Ausdruck ihres Naturells, ihrer persönlichen Empfindungen und einer tiefgewurzelten Rache gegen die Gesellschaft. Sie liebte es zuerst, das Weib furchtbar mit seinen Leidenschaften darzustellen, weil sie Weib war; aber die echte Weiblichkeit liebte sie nicht und diese war ihr auch nicht eigen. Sie war ferner Jüdin und der Grimm, den das Gefühl bei ihr angehäuft hatte, einem social nicht gleichberechtigten Volke anzugehören, drückte sich gern ihrem Spiele auf. Sie hatte nicht vergessen, was sie einst gewesen und was sie einst gelitten, und die Kunst bot ihr eine Rache dafür. Da sie früher betteln ging, so war sie, außerdem einem nationalen Zuge folgend, gierig nach Geld. Ihr Gehalt wuchs aus 100,000 Francs jährlich und ihre Gastspiele ließ sie sich exorbitant bezahlen. Sie pflegte die fürstliche Einrichtung ihres Hôtel von Zeit zu Zeit zu verauctioniren, weil sie die Sachen über den Einkaufspreis bezahlt erhielt und ihr Ruhm an den ihr gehörenden Dingen mit bezahlt werden mußte. Sie war, weil sie früher verachtet von der Gesellschaft war, herrschsüchtig und tyrannisch. Sie regierte das Théatre français; was sie wollte, das mußte geschehen, oder sie drohte nicht mehr zu spielen. Alle diese Mißbräuche ihres Ruhmes hatten nur den Haß gegen die Gesellschaft zum Grunde, deren Vorurtheilen sie zu trotzen liebte. Ihr Privatleben, ihre beiden Kinder, ihr Charakter gibt davon beredtes Zeugniß.

Dieser unumschränkten Macht als Bühnenkönigin war seither kein bedeutender Feind erwachsen. Aber das Schicksal hatte ihr diese Prüfung nicht erspart. Jules Janin, der sie einst und zuerst gefeiert hatte, protestirte öffentlich gegen das outrirte Spiel der stolzen Tragödin und gegen die wahrhaft übermäßigen Launen, welche sie dem Publicum und dem Théatre français entgelten ließ. Sie war nicht mehr unumschränkte Gebieterin und selbst das Direktorium des Theaters suchte mit Energie den Hochmuth Rachel’s zu brechen. Schwer verletzt durch diese Dinge und gekränkt außerdem von dem erkalteten Sinn eines Publicums, das sie ganz nach Willkür zu beherrschen gewohnt war, griff sie wiederum zu ihrem letzten Mittel und forderte ihre Entlassung. Zu ihrem Aerger erhielt sie dieselbe. Sie verkaufte nun ihre Einrichtung, und ihr Bruder, stets der Vermittler ihrer Gastspiele, ging nach Amerika, um im Voraus die Ankunft der gefeierten Tragödin bekannt zu machen. Noch ehe jedoch Rachel Paris verließ, um über den Ocean mit ihrem Grolle zu gehen, tauchte das neue Gestirn der Ristori auf und das Bewußtsein, jetzt auch noch eine Nebenbuhlerin zu besitzen, woran sie nie gedacht, versetzte ihrem ganzen Leben einen tödtlichen Stoß. Sie wollte selbst sehen, ob die gefeierte Rivalin ihr ebenbürtig sei, und verfolgte das Spiel der Ristori als Medea, derselben Medea, welche sie zu spielen sich zuvor geweigert hatte. Was sie hierbei empfinden mußte, das läßt sich nur begreifen, wenn man Rachel’s Stolz, ihre Souverainetät und ihren Neid gekannt hat.

Die Qual der Eifersucht, der Gedanke, daß sie zu ersetzen sei und entbehrt werden könne, ließ die Unglückliche plötzlich zusammenbrechen. Mit aller Hoffahrt und allen Plänen um Vermehrung ihres Vermögens war es aus; sie floh nach den Ufern des Nils, um dort die Gesundheit wieder zu erhalten. Vergeblich! Ungeheilt und unheilbar kehrte sie nach Frankreich zurück und seit sechs Monaten, wo man ihres Todes schon gewärtig war, zehrten sich ihre wilden Leidenschaften, der Nerv ihres Seins im Todeskampfe auf, bis mit dem Ende ihres Grolls auch das Herz der Künstlerin zu schlagen aufhörte.




Ein alter Regenschirm. Sieht man die Regenschirme über den Köpfen von Damen und Herren ausgespannt, so sieht man eben nichts Poetisches an ihnen und dennoch haben auch sie ihre Annalen voll Romantik und Legenden. Während der letzten Insurrection zu Gunsten des Don Carlos wurde auch ein Angriff gegen den Sommerpalast des Marquis de la S– gemacht, welcher zu der Zeit in einem anderen Theile des Landes für die Sache der Königin thätig war. Seine Tochter, die verwittwete Gräfin F–, war mit der Dienerschaft allein im Schlosse. Als man ihr die Nähe des Feindes meldete, versammelte sie alle Männer, die etwa fähig waren, ihres Vaters Eigenthum zu vertheidigen. Sie ließ Thüren und Fenster verbarrikadiren und sonstige Maßregeln treffen, um der Gefahr zu begegnen. Dennoch wurde sie, bevor sie sich recht in Vertheidigungszustand zu setzen vermocht hatte, überrascht und aus Mangel an Munition gezwungen, sich mit ihren Vertheidigern zu übergeben.

Kaum war der Feind in das Schloß eingerückt, als er auch Excesse beging, welche die Gräfin zu dem Entschlüsse brachten, lieber zu sterben, als in die Hände der Feinde zu gerathen. Getrieben von Zimmer zu Zimmer und nach einem Orte suchend, in welchem sie vor ihnen sicher sein dürfte,

[72] flüchtete sich zuletzt die arme Gräfin in ein kleines Closet, welches seit vielen Jahren als Rumpelkammer diente, und hoffte, da unentdeckt zu bleiben. Doch gar bald spürten die Feinde der reichen Erbin, auf die sie es insbesondere abgesehen hatten, nach und fanden ihren Versteck. Das Freudengeschrei, welches die Verfolger bei ihrem Anblick ausgestoßen hatten, zeigte es der Entsetzten an, die in ihrer Todesangst die Augen geschlossen hatte, wie wenn sie dadurch der Gefahr zu entgehen vermöchte.

Die Arme hatte sich hinter einen Pfeiler von Koffern und Bretern versteckt; diese schieden sie von der brutalen Soldateska. Aber wie langte konnte diese Barriere sie von ihr trennen? In ihrer Verzweiflung blickte sie um sich her nach einem Vertheidigungsmittel, durch welches sie im Stande wäre, die Feinde abzuhalten, bis sie das Fenster erreicht hatte, entschlossen, lieber zu sterben, als sich den Brutalitäten dieser gesetzlosen Bande auszusetzen. Ihr Auge fiel auf einen alten, längst nicht mehr benutzten Regenschirm, der ihrem Vater gehörte und eben so staubig als von Motten zerfressen war. Diesen ergriff sie und stürzte nach dem Fenster in dem Augenblicke, als es dem Entsetzlichsten ihrer Verfolger gelungen war, sich durch die Barriere, die ihn von ihr trennte, durchzuarbeiten. Als sie bei seiner Annäherung den alten Regenschirm gegen ihn erhob, lachte er hell auf, dennoch bewirkte sein dadurch erregtes Erstaunen, daß er einen Schritt zurücktrat. Dieser Moment war es, in welchem die Gräfin auf die Fensterbrüstung sprang und dem Griffe des Soldaten nach ihren Kleidern entging; der nächste sah sie hinabstürzen.

Mit einem Schrei des Entsetzens stürzten die Verfolger nach dem Fenster, überzeugt, den schönen Leib der Gräfin auf dem Pflaster des Hofes zerschmettert zu sehen. Aber der alte Regenschirm, den sie noch fest in ihrer Hand gehalten, hatte sie vor Tod und Entehrung gerettet. Im Falle war er aufgegangen, hatte die Luft erfaßt und sie so unbeschädigt auf den Boden gebracht, von wo sie sogleich dem Thore zueilte, während die Soldaten voll Erstaunen über diese, ihnen fast wie ein Wunder erscheinende Begebenheit ihr nachblickten, ohne auch nur einen Fuß zu ihrer Verfolgung zu erheben. Inzwischen fand die Gräfin eine Zuflucht in der Hütte eines zum Gute gehörigen Bauern.

Die Gräfin ist jetzt wieder verheirathet und lebt am Hofe der Königin Isabella, wo sie eine der ersten Stellen einnimmt; der alte Regenschirm aber befindet sich in der Kirche des heiligen Isidor, wo er, reichlich verziert mit Gold und Perlen, hinter dem Altare der Mutter Gottes als Votivopfer hängt.

Alljährlich begibt sich die Gräfin mit ihren Kindern an dem Tage, da sie dem Tode und der Entehrung entging, in diese Capelle und der alte Regenschirm wird über der knieenden Gruppe ausgespannt gehalten, während der Priester seinen Segen spricht und die Glocke fröhlich zu Ehren der heiligen Jungfrau und des Regenschirmes tönt; denn jene war, so fühlte die dankbare Gräfin, die Retterin, dieser das wunderbare Mittel der Rettung.

In katholischen Ländern hat jede Corporation einen Heiligen zum Patron – und der heilige Medardus ist der Patron der Regen- und Sonnenschirmmacher. Daß diesen die Wahl traf, wird der Legende nach folgender Begebenheit aus dem Leben zugeschrieben. Eines Tages in Mitte des Sommers befand er sich mit mehreren Andern auf dem Felde, als plötzlich ein heftiger Regen niederfiel, welcher seine Begleiter in einigen Augenblicken bis auf die Haut naß machte, während er nicht nur trocken blieb, sondern auch sich nicht einmal bewußt wurde, daß es regne. Ein Adler von ungeheurer Größe schwebte in kurzer Entfernung über seinem Haupte mit ausgebreiteten Flügeln und schützte den heiligen Mann vor dem Regen, indem er ihn, immer über ihm schwebend, bis zu seiner Wohnung begleitete.

Die Kirche des heiligen Medardus in Paris besaß vor der großen Revolution einen Altar, welchen die Gilde der Regen- und Sonnenschirmmacher ihm geweiht hatte. In der von Mercier gegebenen Beschreibung dieser Kirche wird erzählt, daß sie merkwürdig war wegen eines sonderbaren Regenschirmes, welcher in der Form eines Domes den Altar des heiligen Medardus beschattete und so construirt war, daß er in einem Augenblicke aufgespannt wurde, obgleich er dann eine solche Größe erhielt, daß bequem sechs Mann darunter stehen konnten; zusammengezogen bildete er einen Baldachin mit Straußfedern auf der Spitze, die sich sehr artig ausgenommen haben sollen.


Die Bewegungen der Erdrinde. „Fest wie der Erde Grund,“ sagt zwar unser Schiller, doch wie es um die Festigkeit dieses Grundes steht, zeigen nicht nur die neuesten furchtbaren Erschütterungen im südlichen Italien, sondern auch die stetigen, ihrem Umfange nach so ungemein beträchtlichen Veränderungen auf dem Erdballe. Von letzteren sagt v. Rougemont in seinem neuesten Werke: „Geschichte der Erde,“ übersetzt von Favarius (Stuttgart, Besser): „Andere Thatsachen deuten dagegen an, daß unser Planet noch nicht in seinen definitiven Zustand eingetreten ist, daß er jeden Augenblick seinen Continenten eine neue Form geben kann und daß er sich für irgend eine ungeheure Katastrophe bereit hält. Ein großer Theil der Erdoberfläche ist beständig in Bewegung, hier sich senkend, dort sich erhebend und dem Meere Gebiete abgewinnend oder verlierend. An der Küste von Puzzuoli ist der berühmte Tempel des Serapis bis fünf Meter unter das Wasser hinabgestiegen und später wieder über den Meeresspiegel erhoben worden. Mittelitalien, Sardinien, Schweden haben gewisse Stellen, die in jenen Zeiten, als sie schon von Menschen beobachtet waren, versanken, darauf aber von im Innern der Erde unaufhörlich thätigen plutonischen Gewalten emporgehoben wurden. (Der Uebersetzer schrieb das Wort „thätig“ am 25. Juli 1857 gegen 12 3/4 Uhr, als sein Pult sich durch einen verticalen Stoß erhob, dem einige Secunden nachher eine Schwingung von Nordwest nach Südost folgte, die die Klingel des Hauses in Bewegung setzte.) Ganz Schweden (Schonen ausgenommen) steigt langsam, doch ungleichmäßig über das baltische Meer, welches sich zurückzieht und seine ehemaligen Ufer trocken läßt. Die Westküste Arabiens bietet dieselbe Erscheinung. Die Küste Grönlands hingegen hat sich seit vier Jahrhunderten auf einer Länge von 200 französischen Meilen fortwährend gesenkt. Im Jahre 1819 ist der untere Lauf des Indus durch das plötzliche Erscheinen eines Erdrückens von zwanzig Meilen Länge und sechs Meilen Breite und durch das Einsinken eines parallelen Erdgürtels bedeutend verändert. In der neuen Welt sinken, während heftige Erdbeben die Küste von Chile emporheben, die Chiloe-Inseln im Süden unter den Spiegel des Oceans. Die erstaunten Eingebornen finden ein tiefes Wasser, wo jüngst noch eine Muschelbank war, die sie mit ihren Reichthümern ernährte, und der Wald, der ihnen das Holz lieferte, ist mit mehreren Fuß Wasser bedeckt, oder ist von irgend einer ungeheuren Welle mit fortgerissen, die von einem Erdbeben in Bewegung gesetzt wurde, und dabei den Boden hoch mit Produkten des Oceans bedeckt hat. Von Otahaiti bis Madagaskar sind, wenn man sich auf Beobachtungen verlassen kann, alle Länder in Bewegung: die Gesellschafts- und die niedrigen Inseln senken sich allmählich auf einem Raum von 500 Meilen Länge und 150 Meilen Breite. Die neuen Hebriden, die Salomonsinseln und die Inseln von Neuirland haben sich dagegen erhoben, und in den weiten Seestrichen zwischen diesen Herden entgegengesetzter Thätigkeit sieht man steigende und sinkende Inseln regellos unter einander zerstreut, und durch die Erdbeben alle gleichmäßig in Bewegung gesetzt. Mehr nach Westen wiederholen sich dieselben Erscheinungen. Neuguinea, Timor, Java, Sumatra steigen empor, wie es ihre Ufer bezeugen, während an der Ostküste von Australien in Folge eines langsamen Sinkens der Canal, der sie von ihrer ungeheuren Vormauer der Korallenbänke trennt, sich mehr und mehr erweitern soll. Im Südwesten der Sundastraße sinken die Keeling- und Cocosinseln, die in zehn Jahren durch drei Erdbeben erschüttert wurden, unbestreitbar.“ So sieht es auf der Erde aus, das feurig-flüssige Erdinnere erkaltet nach der früher erkalteten starren Erdkruste immer mehr, letztere zieht sich zusammen und ruft die gewaltigsten Veränderungen und Erschütterungen dadurch hervor.




Die Arbeiterassociationen in Paris. In einem kürzlich erschienenen Werke von Vicomte Lemener über die Arbeiterassociationen in Paris findet man einige sehr interessante noch nicht veröffentliche Daten, welche wir hier mittheilen. Diese Associationen bestehen zum Theil blos aus Arbeitern, zum Theil auch aus Arbeitern und Principalen; einige der Gesellschaften wurden von der Regierung unterstützt, andere stehen ganz auf eigenen Füßen. Von den ersteren, deren Anzahl sich im Jahre 1848 auf 70 belief, existiren nur noch neun in Paris und zwei in den Departements. Die Association der Sammetarbeiter in Lyon beschäftigt 1000 Weber und 1000 andere Arbeiter. Die Association der Vergolder in Paris besteht schon seit 22 Jahren, wo sie mit vier Arbeitern anfing; in einem Berichte an die Nationalversammlung im Jahre 1850 ertheilt der Berichterstatter Herr Lefebvre-Durufle dieser Gesellschaft das größte Lob. Ferner ist zu erwähnen die Association der Lehnstuhlmacher in der Vorstadt St. Antoine, welche mit 504 Francs anfing, jetzt 68 Arbeiter und 100 Gehülfen zählt, ein Capital von 31,800 Francs besitzt, jährlich für 400,000 Francs Geschäfte und einen Profit von 11,000 Francs macht, dann zählen wir noch die Association der Feilenhauer und die der Drucker; letztere ist im besten Stande und ihre Mitglieder verdienen mehr als die Arbeiter in den Druckereien. – Die zweite Classe dieser Associationen, diejenigen, welche ganz auf eigenen Füßen stehen und sich selbst herausgearbeitet haben, verdienen unstreitig weit mehr Interesse als die ersteren; viele von ihnen wurden im Jahre 1851 genöthigt, sich aufzulösen, namentlich die vortrefflichen Associationen der Zeugdrucker, der Riemenschneider, der Kleidermacher etc. Unter den noch jetzt bestehenden verdient die der Klempner besondere Erwähnung. Als sie sich in einem sehr bescheidenen Locale in der Vorstadt St. Antoine installirt hatte, blieben noch 10 Frcs. in der Casse. Es fehlte an Arbeit: eine Laterne von 12 Frcs. blieb lange Zeit die einzige Bestellung. Mit Geduld und unerhörten Anstrengungen erhielt man im Jahre 1849 endlich Arbeit, so daß man sogar sparen konnte, in der Casse sind 710 Frcs., sie wird gestohlen und die Gesellschaft geräth wieder in’s Elend; die übrigen Associationen stehen ihr bei und machen Vorschüsse, welche Souweise zurückbezahlt werden. 1850 bezog die Gesellschaft ein besseres Local; durch Erfahrungen klug geworden, verbesserte sie ihre Statuten, und jetzt zählt sie 45 Mitglieder. Ebenso ist es mit der Association der Stuhldrechsler gegangen, welche sich jetzt durch ihre Sittenstrenge und ihre guten Geschäfte auszeichnet. – Kurz, im Allgemeinen sind die Hauptcharakterzüge dieser freien Association folgende: „im Anfang haben die Arbeiter den schwersten Stand; verlieren sie aber den Muth nicht, so werden sie nicht nur besser, sondern erhalten auch eine unbezwingbare Energie. Um die Gesellschaft zu gründen oder ihr im Fall der Noth beizustehen, haben die Arbeiter manchmal ihre Kleider, die Frauen und Mädchen ihre Schmucksachen auf’s Leihhaus getragen. Ausgezeichnete Arbeiter opfern einen hohen Lohn, und begnügen sich mit Wenigem, nur um die Gesellschaft zu halten. Diese Beharrlichkeit und Ausdauer hat auch meistens ihren Lohn gefunden. Unter den Mitgliedern herrscht die größte Brüderlichkeit, die lobenswertheste Rechtschaffenheit und Aufmerksamkeit und ein unerschütterliches Vertrauen in die Stärke der Gesellschaft. Was ihnen besonders nachzurühmen ist, das ist die aufrichtige Erkenntniß der eigenen Fehler, und das fortwährende Streben nach Besserung in der Organisation der Gesellschaft, wozu die harte Erfahrung nicht wenig beigetragen hat.




Morgenländische Sage vom Weine. Die verschiedenen Wirkungen des Weingenusses sucht eine mohammedanische Sage auf folgende Weise zu erklären. Als Noah den ersten Weinstock gepflanzt hatte, trat in der Nacht darauf der Satan herzu und sprach: „Liebe Pflanze, ich will dich düngen.“ Und er schlachtete zuerst ein Lamm, dann einen Löwen und zuletzt eine Sau, und goß das Blut aller drei Thiere rings um das Gewächs. Darum macht der Wein, mäßig genossen, des Menschen Herz mild wie ein Lamm; trinkt er mehr, so wird er aufgeregt wie ein Löwe; überschreitet er endlich das Maß gar zu sehr, so verliert er seine Sinne und wälzt sich wie eine Sau im Kothe.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Eine aus Theeblättern und Blut bestehende feste Mischung, die, in kochendem Wasser aufgelöst, wie Suppe genossen wird.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: wichteren