Die Gartenlaube (1872)/Heft 21

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1872) 333.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


Inhaltsverzeichnis

[333]

No. 21.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Diamanten der Großmutter.


Von Levin Schücking.


1.


In den letzten Septembertagen des Jahres 1870 saß eine Gesellschaft deutscher Officiere, ein Hauptmann und drei Lieutenants – just so viel, wie zur Führung einer Compagnie genügen, wenn ein intelligenter Vicefeldwebel sie mit seiner Einsicht unterstützt – in dem kleinen, terrassenförmig angelegten Garten eines Restaurants in einem französischen Städtlein, das den Namen Void führt und im obern Maasthal liegt. Die Maas ist hier noch ein sehr bescheidenes Gewässer, sie ist eben aus dem wasserreichen Schooß der Sichelberge entsprungen, um an ihrem linken Ufer das berühmte Vaucouleurs zu bespülen; eine Strecke weiter abwärts schlägt sie nach Nordost einen Bogen, an dessen Ende, am Fuß ansehnlicher Höhen Void liegt, und wendet sich dann wieder dem Norden zu, um zunächst Commercy, die alte Residenz der Herzöge von Lothringen und Bar, zu berühren, dessen schönes Schloß mit seinen Erinnerungen an den guten König Stanislaus, an Voltaire und an die „divine Emilie“, die Marquise du Chatelet, jetzt eine große Caserne ist.

Commercy selbst war damals ein wichtiger Etappenplatz für die deutschen Heere, die auf der großen Straße von Nancy nach Paris zogen – zur Sicherung des Punktes hatte man in das hier sich öffnende Maasthal aufwärts hinein, und zwar in den nächsten bedeutenderen Ort, unser Void, eine Compagnie Truppen gelegt, die aus norddeutscher Landwehr bestanden und die Aufgabe hatten, die Thalstraße zu bewachen und die von Langres her durch das Thal abwärtsführende Eisenbahn im Auge zu halten, nachdem man sie unfahrbar gemacht hatte.

Es war ein ziemlich leichter Dienst, der unsrem kleinen Corps zu Theil geworden; das Einzige, was eine gewisse Wachsamkeit nothwendig machte, war der Umstand, daß sich Haufen Franctireurs in den Vogesen gebildet hatten und von dort oder von der Festung Langres her einen Handstreich wider die große Heerstraße der Deutschen ausführen konnten; aber auch das war in diesem Augenblicke nicht wohl mehr denkbar, weil das vierzehnte Armeecorps unter dem General von Werder sich eben zu seinem Marsch auf Epinal rüstete, um jene Banden zu zerstreuen; seine Vorhut unter dem General Degenfeld war bereits auf dem Marsche, der sie zu dem Gefechte von Raon l’Etape führte – und diese Bewegungen sicherten unser Commando jetzt eben ziemlich vollständig gegen die Gefahren, welche ihnen vom Süden her drohen konnten.

Es war also ein ruhiger Garnisondienst, den sie zu üben hatten – mit Exercitien wurden die biederen Landwehrmänner verschont; wenn die Streifpatrouillen ausgesendet, die regelmäßigen Rapporte nach Commercy abgeschickt, die Posten revidirt waren, so blieb den Officieren nichts übrig, als sich die Zeit zu vertreiben, so gut wie möglich, und als Schauplatz ihrer auf dieses Ziel gerichteten vereinten Thätigkeit hatten sie den hübschen Garten des Restaurants gewählt, der, durch eine sehr hohe Futtermauer von der Hauptstraße des Ortes getrennt, so hoch lag, daß man aus dem Billardsaale in der Beletage des Hauses durch eine Glasthür hineintrat. Alte Kastanienbäume beschatteten ihn; am Ende auf einer Erhöhung lag ein von Reben umsponnener Pavillon, aus dem man eine sehr hübsche Aussicht auf das reizende, offene und fleißig angebaute Thal der Maas, seine Wiesen, Rebenhügel und waldgekrönten Bergzüge hatte.

Die Officiere saßen in dem Pavillon um einen runden Tisch, der mit Flaschen und Gläsern bedeckt war; sie spielten Karten, Whist, aber mit dem Blinden, denn Einer aus der Vierzahl hatte vorhin ermüdet die Karten weggeworfen und war auf die Gartenterrasse hinausgegangen; er stand, mit den Armen sich auf die Mauerbrüstung lehnend und sich über sie beugend, und blickte wie zerstreut und in Gedanken verloren in das Thal hinaus.

Es war ein schlanker junger Mann von etwa dreißig Jahren, mit einem feingeschnittenen aristokratischen Kopfe; er hatte dunkles Haar, große, ein wenig vorliegende blaue Augen, die von breiten Lidern halb verschleiert waren, und einen zwar hoffnungsvollen, aber jetzt noch struppigen, häßlichen Ansatz zu einem Vollbart, ein Product des Feldlebens, das noch zu jung war, um nicht in seinem jetzigen Stadium der Entwickelung seinen Eigenthümer mehr zu entstellen als zu schmücken. Der einsame Stern unter der Regimentsnummer auf seiner Epaulette bezeichnete ihn als den Premierlieutenant bei seiner Truppe.

Max von Daveland, so hieß unser Unterbefehlshaber über die Schaar gesetzter Männer, welche Void occupirt hatte, war stets ein fleißiger und thätiger Mensch gewesen und schon seit ein paar Jahren an angestrengte amtliche Thätigkeit gewöhnt. Der Müßiggang in dem kleinen fremden Garnisonsorte drückte ihn – um eine Beschäftigung für seine Gedanken zu haben, hatte er etwas gethan, wozu er daheim bei seinen Studien und Arbeiten noch nie ernstlich Zeit gefunden – er hatte sich verliebt, aber freilich in mehr als platonischer Weise, in partibus infidelium, würde sein Freund Hartig, der Vicefeldwebel, mit Beziehung auf die Französin gesagt haben; verliebt in eine Fremde, [334] Unbekannte, in einen bloßen Schatten, ein farbloses Bild, aber doch ein Lichtbild – nicht blos in seiner Phantasie war sie das, sondern in Wirklichkeit war ein Lichtbild bisher Alles, was er von der Unbekannten, mit der seine Träume sich beschäftigten, gesehen. Die Officiere hatten eines Tages zum Zeitvertreib bei dem Photographen von Void einen Einbruch gemacht und sich von ihm zu einem Bilde gruppiren lassen, das ihnen zur Erinnerung an die gemeinsam verlebten Tage dienen sollte. Bei dieser Gelegenheit war Max Daveland auf ganz eigenthümliche Weise von einer Photographie betroffen worden, die er im Atelier des Künstlers unter dessen früheren Werken ausgestellt gefunden. Es war ein sogenanntes Cabinetsbild und stellte eine junge Dame von etwa zwanzig Jahren vor, deren von einem höchst anmuthigen Oval umfaßte Züge etwas außerordentlich Klares und Edles in den fest und bestimmt gezeichneten Linien und dabei nichts vom französischen Typus hatten, einen weichen und doch so offenen und freien Ausdruck; etwas von deutscher Gefühlsweise oder Innigkeit blickte unter den breiten halbgeschlossenen Lidern hervor, die an Maxens eigene erinnerten. Als die andern Officiere durch Maxens lange Betrachtung auf das Bild aufmerksam wurden, sagte der Hauptmann Sontheim:

„Das hat etwas von deutscher Race, und ist gewiß eine Elsässerin!“

Und Hartig, der intelligente Vicefeldwebel, fand, daß Daveland nur so lange vor dem Bilde stehe, um daran die Wirkung halbverschleierter Augen, mit der er selber zu kokettiren pflege, zu studiren. Daveland aber hörte nicht auf diesen Scherz des Cameraden, er blickte auch eben nicht mehr auf die Züge, die ihn so lange gefesselt hatten, sondern auf etwas Anderes, den alterthümlich gefaßten Ring an der schmalen Hand, auf welche das junge Mädchen im Bilde ihr Kinn stützte. Die Form dieses Ringes hatte etwas, das ihn an alte heimathliche Geschichten erinnerte, an Ereignisse und Verhältnisse, die vor seiner Geburt lagen, die für ihn schon, Dank einer würdigen und redseligen Tante, zu den Traditionen der Kinderstube gehört … und so kam es, daß ihn der Eindruck, den ihm das Bild gemacht, nicht los ließ – er hatte es mehrmals wiedergesehen, einen Abzug kaufen wollen, aber vom Photographen eine abschlägige Antwort erhalten – das Bild gehörte einem jungen Mädchen aus der Gegend an, der Mann war nicht autorisirt, es in fremde Hände gelangen zu lassen.

Seitdem waren etwa vierzehn Tage vergangen. Es hatte sich bereits über das Lichtbild ein leiser Schatten gelegt, es hatten die ursprünglich so lebendig und so fesselnd vor seinem innern Auge stehenden Züge zu verschwimmen begonnen – die Zeit ist wie eine schwere Ackerwalze, die Alles, was der Tag und der Zufall in uns aufwühlt und emporzieht und an Entschlüssen und Vorsätzen oder Empfindungen aufsprießen läßt, unbarmherzig wieder glatt walzt und in das flache Tageseinerlei einebnet. In diesem Augenblicke war Max Daveland, als er so auf die hohe Terrassenmauer sich lehnte und über sie fort auf die Straße blickte, nicht einmal in Gedanken mehr bei seiner Unbekannten, und so unterbrach ihn auch der Hauptmann nicht, als dieser ihm aus dem Pavillon zurief:

„Der Robber ist zu Ende – willst Du nicht wieder eintreten, Daveland?“

„Ich danke, Sontheim,“ antwortete Max mit einem Seufzer – „ich finde dies ewige Whist langweilig …“

„Sie warten wohl auf die hübsche blonde Nicaise, um ihr den Hof zu machen?“ rief Hartig herüber.

„Das giebt Ihnen nur die Eifersucht ein, Hartig – ich habe mich mit Ihrer blonden Kellnerin nie anders beschäftigt, als um ihr so viel Deutsch beizubringen, daß sie Ihre falsch accentuirten Liebeserklärungen verstehen kann!“

„Unnütze Mühe,“ rief hier ein Anderer der jungen Leute aus, „Hartig’s Gefühle werden ihr immer unverständlich bleiben.“

„Was wollen Sie? dies Frankreich ist ein unverständliches Land!“ sagte Hartig, ein mitten in seinen Probejahren der friedlichen Kathederthätigkeit entrissener Schulamtscandidat, „ich habe im Examen für französische Sprache die Note ‚gut‘ bekommen – und muß nun erleben, daß dies Volk hier nicht sieben Silben von dem, was ich sage, versteht, so wenig wie ich von ihrem Kauderwelsch!“

„Bei der blonden Nicaise bleibt Ihnen ja die Sprache der Augen und der Mimik,“ entgegnete Hauptmann Sontheim, „oder haben Sie dafür im Examen auch ‚gut‘ bekommen?“

„Wahrscheinlich, denn Nicaise lacht darüber erst recht!“ rief der Secondelieutenant Merwig.

„Da Sie also bei Nicaise kein Glück haben, Hartig,“ fuhr Daveland fort, „sollten Sie sich als deutscher Jüngling von der prosaischen Gegenwart mit ihren spröden Kellnerinnen ab- und der romantischen Vergangenheit zuwenden. Ist Ihnen noch nicht eingefallen, daß es im Schiller heißt: ‚Er steht nicht eine Tagereise weit von Vaucouleurs …‘ Wir stehen nicht eine Vierteltagereise weit von Vaucouleurs! Machen Sie einen Ausflug mit mir nach Domremi?“

„Ach – der Vorschlag wäre nicht übel; aber Domremi liegt noch weit hinter Vaucouleurs und der Hauptmann Sontheim wird uns dazu keinen Urlaub geben!“

„Um das Haus der Jungfrau von Orleans zu sehen?“ fiel der Hauptmann ein. „Welche Idee! Glauben Sie denn an die alten Geschichten, Daveland?“

„Ich glaube an Schiller.“

„An Schiller – nun ja. Ich glaube an Goethe, der irgendwo ganz gelassen sagt: ‚Die Ereignisse verlieren durch die Länge der Zeit an Glaubwürdigkeit.‘ Vortrefflich das! Da haben Sie den ganzen Strauß, Bauer, Renan und so weiter auf den kürzesten und naivsten Ausdruck gebracht! Auf die ‚Pucelle‘ wird es nicht minder anwendbar sein. Wenn aber Ihre romantischen Gefühle und der großen Seelen innewohnende Drang zu bewundern Sie durchaus hintreiben … nun, meinethalb, doch müssen wir erst wissen, wie weit es denn bis dahin von Void aus ist. Hoffentlich, Hartig, haben Sie nicht auch in der Geographie ‚gut‘ bekommen und wissen uns zu sagen …“

Der Hauptmann Sontheim wurde hier in seiner Rede unterbrochen durch das laute Gerassel eines sich in der tiefen Gasse unter ihnen rasch heranbewegenden Wagens – es war ein leichter offener Jagdwagen mit eleganter Bespannung; ein junger Mann in grauem Staubkittel saß auf einem erhöhten Sitz auf der vorderen Bank und lenkte die Pferde, zwei schöne kräftige Füchse; ein älterer Herr und eine junge Dame nahmen die zweite Bank ein.

Daveland beugte sich, die Ellenbogen aufstemmend, über seine Mauerbrüstung vor; er faßte das auffallend hübsche Gesicht der jungen Dame in’s Auge und wechselte plötzlich heftig die Farbe; er verschlang diese feinen leicht gerötheten Züge, die sich ihm – sie hatte den geöffneten braunen Sonnenschirm über ihre Schalter zurückgelegt – mit dem Ausdruck einer offenen kindlichen Neugier zugewendet hatten; ein kleiner blauer Hut mit gelben Blumen bedeckte ihren hellbraunen Scheitel, die Bänder flatterten auf ein Kleid von gelber ungebleichter Seide – es war in der That ein Gesicht ganz von so auffallender Anmuth, von solchem Zauber, wie es vor Daveland’s Phantasie gestanden, denn unverkennbar war sie es, die Unbekannte, das Original des Lichtbildes! – In ihren Augen, wie sie sie zu Daveland aufgeschlagen lag für diesen nun vollends etwas, das wieder an Schiller erinnerte, an den „heiligen Götterstrahl, der trifft und zündet …“ So rasselte der Wagen heran, und war schon fast gerade unter dem Standpunkte des jungen Mannes angekommen, als diesem plötzlich der Anblick, in den er sich versenkte, vergällt, der mächtig wirkende Zauber auf eine höchst unerwartete und schmerzliche Weise unterbrochen wurde. Der Herr auf dem Vordersitze hatte eben seine lange Kutscherpeitsche nur leicht auf die Kruppe seiner Pferde gelegt und hob sie nun mit einer raschen und kräftigen Schwenkung wieder in die Höhe – aber so unglücklich oder ungeschickt, daß sie Daveland in’s linke Auge fuhr.

Mit einem leisen unwillkürlichen Ausruf des Schmerzes schlug dieser die Hand vor’s Auge. – Der Hauptmann Sontheim, der sich aus dem Pavillon durch ein offenstehendes Fenster vorgebeugt hatte, um nach dem Wagen zu schauen, war Zeuge des Zufalls geworden und rief im selben Augenblick laut dem Wagen alle französische Flüche nach, deren er habhaft war – die anderen jungen Männer eilten hinaus, um nach Daveland’s Verletzung zu sehen, während Sontheim seine geballte Faust dem Wagen nachstreckte.

Ein paar Leute von der Compagnie kamen die Straße herauf; sie bemerkten die drohenden Gesten ihres Officiers und [335] wandten sich, wie um ihn aufzuhalten, dem Wagen zu. Der Mann auf dem Führersitze peitschte auf die Pferde, aber der ältere Herr hinter ihm war ihm schon in die Arme gefallen; die junge Dame war aufgestanden und sah rückwärts nach der Terrasse, lebhaft redend; sie mußte das, was vorgegangen, sogleich bemerkt haben.

„Ist Ihr Auge verletzt, ist es schlimm?“ rief Sontheim herbeispringend aus, während der Philologe schon in’s Haus eilte, um kaltes Wasser herbeizuholen.

„Ich weiß nicht,“ versetzte Daveland, „ob das Auge verletzt ist – ich denke nicht, es wird nichts auf sich haben, es schmerzt nur abscheulich.“

„Diese tückischen Franzosen!“ sagte Merwig. „Ich wette, der Mensch hat es ganz absichtlich gethan.“

„Dann lasse ich als Commandant von Void die ganze Gesellschaft wegen Angriffs auf die deutschen Truppen füsiliren!“ sagte halb im Ernst, halb im Scherz der Hauptmann.

Hartig kam mit einer Schale voll Wasser aus dem Hause herbeigeeilt; die hübsche blonde Kellnerin folgte ihm mit einem Tuche. Daveland athmete tief auf, als er über die Schale gebeugt das kühlende Naß auf der getroffenen Stelle fühlte.

„Wer sind die Leute, die vorüberfuhren?“ fragte Sontheim die Kellnerin.

„Es wird ein Unglück sein,“ versetzte eifrig Nicaise, „ein bloßes Ungeschick – mein Gott, so was kann so leicht kommen, wenn man nicht genau aufpaßt, so leicht!“

„Siehst Du, kleine Schlange, Du denkst auch, es war viel mehr Geschick als Ungeschick bei der Sache, und freust Dich wohl im Stillen darüber – jedenfalls willst Du Deine Landsleute entschuldigen! Wer sind sie?“

„O Monsieur!“ antwortete Nicaise mit dem Tone tugendhafter Entrüstung. „Ich mich freuen! Ich sehe doch, wie der arme Herr leidet. …“

„Das sagt mir immer noch nicht, wer diese Menschen sind!“ fuhr der Hauptmann fort.

„Da ist der Herr, der es Ihnen selbst sagen wird,“ versetzte Nicaise, auf den ältern Herrn deutend, der neben der Dame im Wagen gesessen hatte und der in diesem Augenblicke, rasch aus dem Billardsaale tretend, auf die Gruppe der Officiere zuging.

Es war ein ziemlich großer stämmiger Mann, für einen Franzosen fast zu stämmig gebaut, mit in’s Graue übergehendem aschblonden Haar und einem großen ausdrucksvollen Kopfe. Es war eine Art Kopf wie der Gustav Adolph’s, ein Gemisch von derben, wettergebräunten Zügen und feinerem, geistig durchgearbeitetem Ausdruck; ein Paar helle stahlgraue und scharfe Augen zeigten unter ihren dichten Brauen eine ungewöhnliche Beweglichkeit – vielleicht war es eine innere Erregung, die sie so rasch von Einem zum Andern in der Gruppe irren ließ, während die Augendeckel sich so nervös zitternd abwechselnd schlossen und öffneten. Ein Bart, der aus der Farbe des Kopfhaares stellenweise in’s Fuchsige überging, umrahmte sein Gesicht – seine Kleidung war die eines wohlhabenden Landbewohners.

Er trat, den Hut abziehend, heran, und sich mit Würde verbeugend, sagte er, zur Ueberraschung der jungen Männer in deutscher Sprache – mit einem leichten französischen Accent und einer gewissen Schwerfälligkeit der Zunge, wie sie in Folge mangelnder Uebung eintritt:

„Meine Herren, ich hoffe, daß Sie mit Güte die Entschuldigungen annehmen, die ich komme Ihnen zu machen. Ich brauche Ihnen nicht auszusprechen, in welchem Maße ich erschrocken bin über den ärgerlichen Zufall, der zu Ihrer Verletzung geführt hat, Herr Lieutenant.“ Er richtete sich dabei an Max Daveland, der, das nasse Tuch vor das getroffene Auge haltend, jetzt mit dem andern ihn musterte.

„Es war allerdings ein sehr sonderbarer Zufall,“ fiel ganz ungerührt durch die würdige Weise des Herrn und grollend Sontheim ein. „Es bedurfte nur sehr geringer Vorsicht, ihn zu vermeiden. Sie sahen doch, daß hier auf der Terrasse ein preußischer Officier stand, der …“

„Mein Gott, ich sah es, meine Tochter sah es auch! Aber mit der Führung der Pferde beschäftigt, sah es mein Freund, der den Schlag so unglücklich führte, nicht … mein Freund wird jeden Augenblick zu jeder Genugthuung, die er geben kann, bereit sein – ich hoffe jedoch, Sie, der zunächst betroffen ist,“ wandte der Fremde sich wieder an Max Daveland, „werden den Ausdruck des aufrichtigsten Bedauerns und die Bitte um Verzeihung, die ich Ihnen ausspreche, mit Güte aufnehmen und mir glauben, wenn ich Ihnen versichere, ich gäbe Alles darum, wenn ich die Verletzung ungeschehen machen könnte.“

Max, in der Rechten das triefende Tuch, das er an sein Auge drückte, streckte die Linke gutmüthig lächelnd dem fremden Herrn hin, in dessen Zügen sich wirklich unverkennbar ein so aufrichtiges Bedauern malte; der Mann befand sich in einer peinlichen Lage und mußte als Franzose diese Demüthigung von den feindlichen Officieren doppelt empfinden; Daveland that Alles, um ihr ein Ende zu machen.

„Der Schmerz schwindet, und das wird Alles sein,“ fuhr er fort; „das Auge ist nicht verletzt, fühl’ ich; es ist nicht der Mühe werth, so viel Aufhebens davon zu machen; wirklich, es ist nicht der Mühe werth; es thut mir leid, daß Sie Ihre Fahrt deshalb haben unterbrechen müssen, und ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme!“

„Man kann die Sache nicht liebenswürdiger aufnehmen, als Sie es thun, mein Herr,“ antwortete der Fremde, dessen Züge bei diesen Worten sich sehr erhellten und eine gewisse Spannung verloren; „ich möchte mich nur überzeugen, daß Ihr Auge wirklich keinen Schaden gelitten – sonst würde ich mir erlauben, Ihnen meinen Arzt zu schicken, einen geschickten Mann, der hier in Void wohnt …“

„Es bedarf dessen gewiß nicht,“ versetzte Daveland. „Sie sind also hier aus der Nachbarschaft daheim?“

„Ich wohne nur eine starke Stunde thalaufwärts.“

„Ah, so können Sie uns gewiß sagen, wie weit Domremi von hier ist?“ fiel hier, weniger um der Sache willen, als um die friedliche Wendung, welche das Gespräch nahm, zu erhalten, seinerseits der Hauptmann Sontheim ein.

„Genau sechs Stunden.“

„Also ein wenig zu weit für einen Spazierritt an einem dienstfreien Nachmittage,“ versetzte Sontheim.

„Wenn die Herren einen Spazierritt thalaufwärts machen wollen, würde allerdings mein Haus ein bequemeres Ziel für Sie sein,“ antwortete höflich der Fremde; „es würde mir eine große Freude sein, Sie da zu bewirthen und mich bei dieser Gelegenheit zu überzeugen, daß Sie“ – er wandte sich wieder an Max – „durchaus keine Folgen von dem ärgerlichen Zufall davongetragen haben. Werden Sie mir diese Freude machen? Ihr Versprechen wird mir am besten beweisen, daß Sie uns verziehen haben.“

„O, wenn das ist, gebe ich Ihnen recht gern das Versprechen,“ antwortete sehr eifrig und lebhaft erröthend Max.

Der Fremde zog eine Karte hervor, überreichte sie Max, verbeugte sich und ging.

Max las, während die Anderen Jenem nachsahen, auf der Karte die Worte: „A. d’Avelon.“

„Wie heißt der höfliche Mann?“ fragte Sontheim, als der Fremde im Billardsaal verschwunden war.

„D’Avelon!“ antwortete Hartig, der sich der Karte bemächtigt hatte.

„Das lautet ja fast wie Daveland … es muß am Ende diese Namensvetterschaft es thun, daß Sie so bald Freunde geworden sind … mir gefällt der Geselle nicht!“ bemerkte der Hauptmann.

„Weshalb nicht?“ fragte Max.

„Sein Gesicht hat etwas Abstoßendes – es ist von zu viel Seelenunruhe durcharbeitet, wie es bei einfach ehrlichen Leuten nicht der Fall ist.“

„Das ist,“ entgegnete Max, noch einmal das nasse Tuch zum Auge führend, „ein hartes Urtheil. Weshalb soll das Gesicht, welches, wie Sie sich ausdrücken, von Seelenunruhe durcharbeitet ist, abstoßen? Es kann auch anziehen; das Leben kann auch für den Besten eine Kette von schweren geistigen Aufgaben und innerer Unruhe, von Kampf und Sturm werden. Mich zieht das Gesicht dieses Herrn d’Avelon an, es hat etwas Deutsches, Heimathliches – er sprach auch sehr gut Deutsch –, wenn der Name nicht wäre, sollte man ihn für einen Landsmann halten.“

„Nicaise,“ rief Hartig der Kellnerin entgegen, die eben diensteifrig noch eine Schale kalten Wassers brachte, „ist dieser Herr ein geborener Franzose, hier aus der Gegend?“

[336] „Hier aus der Gegend freilich – er wohnt seit vielen Jahren auf der Ferme des Auges; aber ich denke, ich habe sagen hören, er sei von Geburt ein Belgier – es ist ein sehr schönes Gut, la Ferme des Auges, und Herr d’Avelon ein vorzüglicher Landwirth; er gehört auch zum Conseil général und ist ein Freund des Herrn Präfecten …“

„Sieh, sieh, Nicaise,“ rief jetzt Sontheim aus, „wie genaue Auskunft Du jetzt über den Herrn weißt, den Du anfangs mit Deiner patriotischen Discretion in Schutz nehmen wolltest.“

Max meldete sich scherzend bei seinem Hauptmann als wieder dienstfähig und die Anderen kehrten zu ihrem Spiel zurück.




2.


La Ferme des Auges lag nicht im offenen Flußthal der Maas, sondern im Hintergrunde einer Seitenbucht des Thals, eines nach allen Seiten hin leise anschwellenden Terrains, das, von einem Kranz von oben bewaldeten Höhen umgeben, nur nach Südost, nach dem Flusse hin offen war. Diese geschützte Lage mußte viel zu der Fruchtbarkeit des hübschen kleinen, in den Bergen versteckt liegenden Erdwinkels beigetragen haben – viel auch der fleißige und sorgsame Anbau, die zweckmäßige Bewirthschaftung, die überall wahrnehmbar war; der Besitzer schien besonders auf Obstcultur großes Gewicht gelegt zu haben; überall durchzogen Reihen wohlgepflegter Obstbäume die Felder; eine stattliche Nußbaumallee durchschnitt das Terrain in gerader Linie und führte auf das Wohnhaus zu – zunächst auf einen mauerumzogenen großen Garten, der, heute noch wie er vielleicht vor hundert Jahren angelegt worden, die ganze Regelmäßigkeit des alten französischen Geschmacks zeigte, sogar noch Taxushecken und Sandsteinfiguren am Ende dunkler Berceaux – im Hintergrunde des Gartens führte eine breite Steintreppe auf eine Terrasse und über ihr erhob sich das Herrenhaus – nicht, wie es der Charakter der Gartenanlage erwarten ließ, ein kleines Rococoschloß mit stattlichen Flügeln, sondern nur ein einfaches Landhaus, nur ein Stockwerk mit hohem Mansardendach darüber zeigend, weiß getüncht, mit grünen Jalousien; statt der Flügel nur ein kleines Gewächshaus an der einen und eine Volière an der anderen Seite.

Das Alles recognoscirte Daveland, als er am andern Tage um die Nachmittagsstunde, von Hartig begleitet, durch die Kastanienallee auf die Ferme des Auges zuritt und dann um die Gartenmauer herum den Hof des Gebäudes erreichte. Er hatte Hartig bewogen, ihn zu begleiten, und es bei diesem an Gründen, weshalb er so rasch das Versprechen erfüllen wolle, welches er Herrn d’Avelon gegeben, nicht fehlen lassen. Zuerst den, daß es in Void in Frankreich gerade ebenso langweilig war wie in jedem anderen Orte auf Erden, wo man eben nichts zu thun hat. Und weiter den, daß es sehr interessant sein mußte, eine vornehme französische Familie in ihrem „Interieur“ kennen zu lernen; ganz zuletzt den, daß ihn dieser Herr d’Avelon, sein Wesen, sein Gesicht anziehe – vielleicht nur aus Widerspruchsgeist, weil sich Sontheim so scharf wider ihn erklärt. Und doch war, was ihn zog, etwas ganz Anderes, ein Gefühl, das sich eigenthümlich mit Spannung, Scheu und Beklemmung vermischte und doch stark genug war, ihn mit einem gewissen Heroismus dieses Alles, was ihn zurückhalten wollte, überwinden zu lassen. Genug, unser Landwehrlieutenant hielt am anderen Tage, von Hartig, dem Gelehrten der Compagnie, gefolgt, auf dem Oekonomiehofe der Ferme und wurde, nachdem ein Knecht die Pferde übernommen, auf die Terrasse vor dem Wohnhause geführt, wo die Herrschaft sich befinden sollte.

Auf der Terrasse, an einem runden Tische von Gußeisen saßen zwei Damen; ein Herr stand vor ihnen und sprach sehr lebhaft. Max Daveland erkannte den Lenker des Wagens von gestern in ihm, in einer der Damen das Original seines Bildes, bei deren erstem Anblick ihn gestern ein großer Schmerz getroffen hatte; die andere war eine dunkle, ein wenig verblühte Schönheit, sie sah wie eine Engländerin aus, ein etwas zu längliches Gesicht mit feinen Zügen, umgeben von hängenden Locken und etwas Steifes in der Haltung, etwas Verurtheilendes, Mißbilligendes, das für die ganze irdische Erscheinungswelt und was der wechselnde neue Tag brachte, stetig um ihre Lippen lag, deuteten darauf hin. Daveland machte diese Bemerkung freilich erst später. Jetzt näherte er sich der Gesellschaft mit einiger Verlegenheit, er sah keine sehr freundliche Aufnahme von dem Herrn voraus, der ihn mit einem sehr kalten, fast feindlichen Blicke maß. Mit einer Verbeugung übergab er ihm seine und Hartig’s Karte und erklärte sein Kommen. Der Herr bat mit kühler Höflichkeit Platz zu nehmen und ging mit der Bemerkung, daß er Herrn d’Avelon rufen wolle, den Stufen zu, welche von der Terrasse in den Garten führten. Die Karten hatte er auf den Tisch geworfen.

„Sie wohnen in einem kleinen Paradiese hier,“ sagte Max, nachdem er mit seinem Begleiter auf eine abermalige Einladung der Damen Platz genommen, „und fühlen sich gewiß sehr glücklich, daß Ihre Berge Sie selbst vor den Stürmen des Krieges schützen.“

„Wir haben allerdings bis heute noch keinen Feind hier gesehen,“ versetzte die jüngere Dame – und dann mit einem Lächeln zu Max aufschauend, setzte sie hinzu: „und dem ersten, der bis hierher dringt, sehen wir sehr beruhigt in’s Auge! Nicht wahr, Miß Ellen?“

„O, Sie wissen, ich bin als Britin neutral, Valentine!“ antwortete die Miß mit einem Zucken der Lippen, das hinzuzusetzen schien: „und sehe überhaupt Männern nicht in’s Auge!“

Daveland verbeugte sich.

„Es ist sehr freundlich von Ihnen bemerkt! Mein Auge ist durchaus unverletzt und im Stande Alles zu thun, wozu man eben zu seinem Glück wie Unglück ein Auge hat!“

„Ah – kann man ein Auge zu seinem Unglück haben?“ fragte Valentine aufhorchend rasch – ein offenbar spöttisches Lächeln zuckte um ihren Mund, es war wie ein muthwilliges Begehren in ihr, den Deutschen auf einer Lächerlichkeit zu ertappen.

„Gewiß … das Auge ist der Sinn, der uns am wenigsten gehorcht. Es spricht sehr oft, was wir um Alles in der Welt willen nicht verrathen haben möchten, und zuweilen faßt es Bilder auf, die wir um denselben Preis nicht in uns aufgenommen haben möchten, weil es Bilder sind, die uns unglücklich machen!“

„Ah,“ sagte die junge Dame, „dann ist aber das Ohr nicht besser – es giebt uns Manches zu hören, was uns auch nicht sehr glücklich macht!“

„Besonders in der jüngsten Zeit!“ fiel Miß Ellen scharf ein.

Sie verlassen das Gebiet der Neutralität, Fräulein!“ versetzte Max scherzend.


(Fortsetzung folgt.)




Ein Rococomaler der Gegenwart.


Unter den Düsseldorfer Volksmalern nimmt Karl Hoff eine eine ebenso eigenthümliche wie vereinzelte Stellung ein. Es ist dies sowohl in Beziehung auf die Wahl der Stoffe wie auf die Technik der Fall, Knaus, Vautier, Salentin pflegen ihre Gegenstände aus dem Bauerleben zu nehmen. Wilhelm Sohn und seine Schüler behandeln mit Vorliebe die deutschen Patrizier des siebenzehnten Jahrhunderts in durchweg ernsten Darstellungen. Hoff dagegen verkörpert gewissermaßen das höhere gesellschaftliche Leben der eleganten Franzosen in jenem Geiste, wie Molière und Beaumarchais das Leben ihrer Zeit auffaßten, indem er sich bald in humoristischen, bald in feierlichen Gegenständen bewegt. Und in diesem Sinne entwickelt er auch einen außerordentlichen Farbenreichthum. Man glaubt sich vor seinen Bildern in die elegantesten Pariser Salons versetzt und ist nicht wenig verwundert, daß ein deutscher Künstler so fein und charakteristisch das Thun und Trachten eines nachbarlichen Volkes aus einer vergangenen Periode zu behandeln versteht.

Der Künstler ist ein Mannheimer und im Jahre 1838 geboren. Es läßt sich also vermuthen, daß die umliegenden Schlösser der Pfalz, wie Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe, schon früh den Geist des Knaben angeregt, daß die Salons seine Phantasie beschäftigt und daß er dieselben, sowie die Terrassen,

[337]
Die Gartenlaube (1872) b 337.jpg

Die Heimkehr.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Karl Hoff.

[338] Balcone und Parks mit den entsprechenden Personen bevölkert hat. So viel steht fest, daß er schon in jungen Jahren eine ausgesprochene Neigung zur bildenden Kunst an den Tag legte, daß er mit siebenzehn Jahren die Kunstschule in Karlsruhe besuchte und sich drei Jahre später nach Düsseldorf begab, um unter Vautier seine Studien fortzusetzen. Sowohl in Baden wie am Niederrhein galt er sofort als ein vielversprechendes Talent, welches in Zeichnung wie in Farbe mit leichter Mühe alle Schwierigkeiten überwand.

Im Beginne seiner Laufbahn sehen wir den Künstler indeß noch nicht mit den Gegenständen beschäftigt, denen er sich später mit so glücklichem Erfolge gewidmet hat. Das Beispiel des Meisters war damals noch stärker als die ihm angeborene Begabung. Er malte zunächst „Zigeuner vor dem Ortsvogt“ und eine Scene „Beim Winkeladvocaten“ mit dem Hintergrunde des heimathlichen Schwarzwaldes. Wir haben hier also Dorfgeschichten vor uns. Trotz aller Anerkennung – denn er wurde Mitglied der Akademie in Rotterdam und Graf Morny bestellte bei ihm eine Wiederholung des letzten Bildes – wandte er sich nunmehr dem Rococo und der Renaissance zu, um auf diesem Gebiete mit jedem neuen Gemälde einen wesentlichen Fortschritt in Composition und Technik zu machen.

Die Gegenstände seiner Bilder sind meist schalkhafter, theils ernster Natur; hier haben wir es zunächst mit einem Bilde zu thun, das „Die Heimkehr“ darstellend in einen aus drei Gemälden bestehenden Cyclus gehört und dessen Darstellung wir in Holzschnitt bringen. Das Motiv entwickelt sich in dem reich ausgestatteten Eßzimmer eines alten Schlosses. Die hohe aristokratische Familie sitzt bei dem Dessert. Links am Ende des Tisches erblicken wir den Schloßherrn; an ihn reiht sich ein junges Ehepaar, wahrscheinlich Tochter und Schwiegersohn. Diese drei Gestalten haben ihre Stühle nicht verlassen; dagegen ist die alte Mutter, welche hinter der Tafel sichtbar wird, aufgesprungen, ebenso ein junges Mädchen, das uns vor dem Tische sein liebliches Antlitz zuwendet. Außerdem befindet sich noch der Schloßcaplan in der Gesellschaft. Auf allen Gesichtern ist das freudigste Erstaunen ausgeprägt, denn rechts in der Thür erscheint der Sohn des Hauses, der glücklich nach den überstandenen Gefahren heimkehrt. Ihm entgegen aber stürzt die Braut. Beide liegen Brust an Brust und küssen sich in überseliger Freude, während der Begleiter des jungen Mannes im Dunkel der Thür stehen bleibt. Welch ein schönes rührendes Familienbild! Welche Innigkeit der Empfindung in allen Personen, welche der Scene beiwohnen! Und welche gelungene, abgerundete, in der Gruppirung und den einzelnen Gestalten vollendete Composition!

Dennoch haben wir nur eine Seite von der Vorzüglichkeit des Bildes vor Augen Die andere Seite liegt in dem wunderbaren Zauber des Colorits. Hoff entwickelt aber gerade in dieser Beziehung ein fast unvergleichliches Talent. Man muß eigentlich seine Farbenharmonien sehen, um sich einen richtigen Begriff von ihnen zu machen, denn seine Farben entziehen sich, wie die Klangfarben der Musik, jeder Beschreibung. So lebhaft und frisch er auch seine Töne wählt, so ist ihre Wirkung doch niemals schreiend und verletzend, im Gegentheil, sie stimmen stets zu dem Gegenstand und sind im Ganzen und Einzelnen ineinander klingend gewählt. Es ist wahrhaft überraschend, wie fein und zart er colorirt. Dabei geht seine Hand in der Zeichnung außerordentlich treu und charakteristisch zu Werke. Außerdem aber verleiht er seinen Gestalten auch die hinreichende Eigenschaft der Schönheit. Wir glauben nicht, daß er im Stande ist, einen garstigen Menschen darzustellen. So dürfen wir ihn denn wohl als den elegantesten Darsteller des Salons aus dem siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert bezeichnen, den er nicht allein in seiner äußeren Erscheinung, sondern auch in seinen seelischen Beziehungen mit dem feinsten Geschmack wiederzugeben weiß.

Da der Künstler verhältnißmäßig noch in sehr jungen Jahren steht, und da er ferner von Bild zu Bild die unverkennbarsten Fortschritte gemacht hat, so dürfen wir in der Folge noch eine Menge ausgezeichnete Arbeiten von ihm erwarten. Schon heute wird er neben Knaus, Vautier und Wilhelm Sohn genannt.

Wir fügen noch hinzu, daß er eine Tochter des trefflichen Portraitmalers Professor Karl Sohn geheirathet hat und in den glücklichsten Verhältnissen lebt. Auch in gesellschaftlichen Beziehungen nimmt er eine hervorragende Stellung ein, man kennt ihn als gewandten und witzigen Redner, der im „Malkasten“ seit Jahren eine Führerrolle übernommen hat und die Künstlerschaft häufig bei verschiedenen Gelegenheiten und Repräsentationen vertritt.

Müller von Königswinter.




Ueber den Kreislauf des Stoffes durch die drei Reiche der Natur.


Vortrag, gehalten den 19. März l. J. im Amphitheater seines physiologischen Privat-Laboratoriums zu Leipzig


von Prof. Joh. N. Czermak.


Verehrte Anwesende!

Daß die exacte Naturwissenschaft alle die täuschenden Illusionen, mit denen sich die Menschheit seit Jahrtausenden trägt, zerstört, kann und soll nicht in Abrede gestellt werden; wenn man ihr aber den Vorwurf macht, daß sie aller Poesie baar sei, daß sie jedweder Bethätigung der Einbildungskraft feindlich gegenüberstehe, so ist dies einfach ein Vorurtheil, welches gehegt und als Abschreckungsmittel aufrecht erhalten wird nur im Interesse jener eigenthümlichen Geistesrichtung, die in dem freien und unbeschränkten Gebrauch der gesunden menschlichen Verstandeskräfte – allerdings mit vollem Rechte – die größte Gefahr sieht für die Fortdauer ihrer Alleinherrschaft über die Gemüther.

Mein heutiger Vortrag soll nun dieses Vorurtheil bekämpfen und erschüttern helfen, denn ich beabsichtige Ihnen einen tieferen Einblick in die thatsächlich weltbewegenden Vorgänge des Stoffkreislaufs in der Natur zu eröffnen – einen Einblick, der zwar nur eine nüchterne Wahrheit erkennen läßt, eine Wahrheit aber, die an überwältigender Großartigkeit, ja an phantastischem Reiz jeden Vergleich mit den am höchsten und heiligsten gehaltenen Producten der mythenbildenden Einbildungskraft auszuhalten im Stande ist.

Der Weg nach dem Standpunkt, von dem aus der Einblick in jene Wahrheit gestattet ist, führt freilich durch etwas trockenes, steiniges Land – aber lassen Sie sich die etwaigen Beschwerlichkeiten unserer Wanderung nicht verdrießen; „es führt kein anderer Weg – nach Küßnacht!“

Die pflanzlichen und thierischen Organismen – die menschlichen natürlich mit eingerechnet –, welche man als die lebenden Wesen den leblosen Gebilden und Massen gegenüberstellt, sind aus Substanzen aufgebaut, die sich sowohl hinsichtlich ihres Aussehens, als hinsichtlich ihrer feineren Structur und ihrer Eigenschaften sehr auffallend von jenen Substanzen unterscheiden, welche der übrigen unorganischen Welt, dem Mineralreich, angehören. Vergleichen Sie ein Stück Fleisch oder Brod, ein Blumenblatt, ein Weizenkorn mit einem Stein, einem Krystall oder einer Marmorstatue – und Sie werden zwischen diesen materiellen Körpern der auffallenden Unterschiede mehr, als der Uebereinstimmungen finden!

Diesen auffallenden Unterschieden entsprechend, ergab sich denn auch schon längst bei der chemischen Zerlegung der Thier- und Pflanzenkörper, daß sie zwar der Hauptmasse nach aus bekannten unorganischen Stoffen, – nämlich überwiegend aus Wasser und gewissen Mengen von Mineralsalzen – bestehen, daß sie aber stets auch noch einen Antheil ganz eigenthümlicher, sonst nirgendwo in der Natur vorkommender, sogenannter organischer Stoffe enthalten; und es gewann den Anschein, als ob diese letzteren Stoffe, ohne welche das Leben thatsächlich niemals zur Erscheinung kommt, in ihrer innersten elementaren Natur und Wesenheit von den Stoffelementen der unorganischen Welt völlig verschieden wären.

Es ist darum als ein epochemachender Fortschritt für die Wissenschaft vom Leben zu bezeichnen, daß es den Chemikern endlich gelungen ist, eine Methode zu finden, vermittelst welcher auch diese eigentlich sogenannten organischen Stoffe in ihre einfachen [339] chemischen Elemente zerlegt werden konnten. Unter einem einfachen chemischen Element versteht man bekanntlich einen Stoff, der sich auf keine Weise in andere differente Stoffe zerlegen läßt, aus deren Verbindung oder Vereinigung er besteht und hervorgeht. Das Wasser zum Beispiel, so lange für einen einfachen Stoff, für ein chemisches Element gehalten, läßt sich in Sauerstoff (O) und in Wasserstoff (H) zerlegen – zwei gasförmige Körper, welche verschiedene Eigenschaften zeigen; letzteres ist der leichteste aller Körper und verbrennt mit schwachleuchtender Flamme, ersterer ist viel schwerer als der Wasserstoff, ist gar nicht verbrennlich, unterhält aber die Verbrennung. Weder Wasserstoff noch Sauerstoff lassen sich weiter zerlegen, dagegen kann man aus zwei Theilen Wasserstoff und einem Theil Sauerstoff Wasser (H2O) zusammensetzen und erzeugen. Wasser ist daher ein zusammengesetzter Körper, Wasserstoff und Sauerstoff sind einfache chemische Elementarstoffe oder Grundstoffe.

Ebenso ist die Kohlensäure, welche Sie Alle im moussirenden Biere und Champagner kennen und lieben, ein zusammengesetzter Stoff, der durch die Vereinigung der einfachen chemischen Elemente Kohlenstoff (C) und Sauerstoff (O) entsteht, indem ein Theil des ersteren mit zwei Theilen des letzteren ein chemisches Ganzes bildet. Die Kohlensäure hat also die Formel (CO2).

Endlich will ich noch ein Beispiel anführen, das Ammoniak. Es ist jenes widerliche Gas, welches sich an gewissen unentbehrlichen Orten anhäuft und durch seine stechende Schärfe der Nase und den Augen so beschwerlich fällt. Es ist zusammengesetzt aus zwei differenten chemischen Elementen, dem schon erwähnten Wasserstoff (H) und dem sogenannten Stickstoff oder Azot (N) und hat die chemische Formel NH3, d. h. ein Theil Stickstoff verbindet sich mit drei Theilen Wasserstoff zu einem Theil Ammoniak.

Jene neuere Methode der chemischen Zerlegung, von deren Erfindung, wie gesagt, ein epochemachender Fortschritt für die Wissenschaft vom Leben datirt, nennt man die chemische Elementar-Analyse der organischen Verbindungen. Ihre Begründung und Ausbildung ist eines der unsterblichen Verdienste unseres Justus v. Liebig. Sie hat das wunderbar einfache und überraschende Resultat ergeben, daß alle diese verschiedenen, eigentlich sogenannten organischen Verbindungen aus einer äußerst geringen Anzahl ganz derselben einfachen chemischen Grundstoffe bestehen, welche sich auch in der anorganischen Welt finden; und zwar sind es hauptsächlich nur vier von den zweiundsechszig wohlcharakterisirten Elementarstoffen, welche die heutige Chemie als die Urbestandtheile unseres Planeten und seiner Atmosphäre kennt, um die es sich handelt, nämlich Kohlenstoff (C), Wasserstoff (H), Sauerstoff (O) und Stickstoff (N).

Merkwürdig, aber wahr – es sind immer nur diese vier Elemente, welche, in verschiedener Anzahl und in den mannigfaltigsten Verhältnissen gruppirt und verbunden, zur Herstellung der unendlichen Fülle der verschiedenen eigentlich sogenannten organisch-chemischen Verbindungen dienen, die, wie wir sehen werden, mit einigem unorganischen Stoffmaterial verbunden oder auch nur gemischt die sämmtlichen pflanzlichen, thierischen und menschlichen Organismen zusammensetzen. Die organischen Verbindungen bestehen entweder nur aus zwei Grundstoffen oder es verbinden sich drei, vier oder noch mehr einfache chemische Elemente zu einheitlichen Ganzen.

Alle organischen Verbindungen enthalten Kohlenstoff (C), dieser fehlt also in keinem Gebilde der organischen Welt. Unter den weitaus zahlreichsten, aus mehr als zwei Grundstoffen bestehenden organischen Verbindungen giebt es wieder eine große Gruppe solcher, welche nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen, und eine zweite, die außer Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff immer auch noch Stickstoff enthalten. Die ersteren nennt man stickstofflose, die letzteren stickstoffhaltige organische Verbindungen. Von den stickstofflosen Verbindungen muß ich jene hervorheben, welche man deshalb als Kohlehydrate bezeichnet hat, weil sie Wasserstoff und Sauerstoff im Wasserbildungsverhältniß, d. h. auf je einen Theil Sauerstoff je zwei Theile Wasserstoff – und natürlich auch noch den nie fehlenden Kohlenstoff enthalten. Ferner sind hier die Fette und Oele zu nennen, welche gleichfalls nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen, aber verhältnißmäßig sehr viel mehr Wasserstoff und Kohlenstoff als Sauerstoff enthalten.

Was die zweite Hauptgruppe organischer Verbindungen, die stickstoffhaltigen, angeht, so bestehen sie aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, viele von ihnen und gerade die wichtigsten enthalten aber noch kleine Mengen Schwefel (S), manche auch Phosphor (Ph) und Eisen (Fe), so daß die complicirtesten derselben aus der Vereinigung von fünf, sechs oder sieben Elementen hervorgehen.

Hierher gehören jene merkwürdigen organischen Stoffcomplexe, welche man Proteinstoffe oder Eiweißkörper genannt hat. Sie enthalten alle: Kohlenstoff (52 bis 54 Procent), Wasserstoff (gegen 7 Procent), Sauerstoff (21 bis 26 Procent), Stickstoff (13 bis 16 Procent) und Schwefel (1 bis 1,6 Procent) und werden zum Aufbau jener Organe und Organtheile verwendet, deren Thätigkeiten die höchsten und eigenthümlichsten Lebensäußerungen in Erscheinung treten lassen.

Der Unterschied zwischen den organischen und den unorganischen Verbindungen liegt also nicht in einer Verschiedenheit der chemischen Elementarstoffe, aus deren Verbindung sie hervorgehen – denn diese sind identisch, mögen sie nun in den mineralischen Bestandtheilen des Erdbodens, der Gewässer und der Luft stecken, oder die Substanzen des Pflanzen-, Thier- und Menschenleibes bilden helfen. Der Unterschied liegt wesentlich nur in der Anzahl und der Zusammenordnung der genannten wenigen Elemente zu einem complicirten chemischen Ganzen.

Die organischen Verbindungen zeichnen sich im Allgemeinen also zunächst durch die höhere Complication ihrer Zusammensetzung oder Constitution vor den unorganischen aus. Ein anderes hervorstechendes Merkmal der organischen Verbindungen ist, daß sie alle ohne Ausnahme verbrennlicher Natur sind, während die meisten unorganischen Verbindungen unfähig sind zu verbrennen, d. h. neue Sauerstoffmengen aufzunehmen.

Unter Verbrennung oder Oxydation versteht man nämlich die Verbindung der Stoffelemente mit Sauerstoff.

Die Verbrennung oder Oxydation hat Stufen oder Grade, und man nennt sie eine vollständige, wenn ein Mehrzutritt, eine Mehraufnahme von Sauerstoff unmöglich geworden ist; die meisten unorganischen Körper sind solche „gesättigte“ Sauerstoffverbindungen.

Die organischen Verbindungen enthalten hingegen entweder gar keinen Sauerstoff, oder, wenn er vorhanden ist, doch nur in verhältnißmäßig so geringen Mengen, daß in allen Fällen der Zutritt und die Bindung neuer Quantitäten von Sauerstoff möglich ist, d. h. daß eine vollständige Verbrennung eingeleitet werden kann, in Folge welcher die organische Verbindung schließlich stets in einfache Endproducte von unorganischem Charakter zerfällt. Wird daher ein ganzer pflanzlicher oder thierischer Organismus vollständig verbrannt, so verflüchtigt sich die Hauptmasse desselben in die Luft und es bleibt nur ein unorganischer Rückstand als sogenannte Asche übrig, welcher in den meisten Fällen verhältnißmäßig gering, oft fast gleich Null ist.

Diese Thatsache erklärt sich einfach daraus, daß das Wasser, welches ja der Masse nach den größten Theil aller organischen Gebilde ausmacht, durch die Verbrennungswärme als Dampf entweicht, während die hauptsächlich aus den genannten vier Elementarstoffen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff bestehenden stickstofflosen und stickstoffhaltigen organischen Verbindungen überwiegend gasförmige Verbrennungsproducte liefern. Der Kohlenstoff derselben verbrennt zu Kohlensäure, von der nur ein Bruchtheil in den kohlensauren Salzen der Asche fixirt wird; ihr Wasserstoff (H), theils zu Wasser (H2O) verbrannt, theils mit Stickstoff (N) zu Ammoniak (NH3) verbunden, verflüchtigt sich ebenfalls; während nur die in den Eiweißkörpern enthaltenen, freilich meist geringen Schwefel- und Phosphormengen, zu Schwefelsäure und Phosphorsäure verbrannt oder oxydirt, ganz in der Asche zurückbleiben.

Die Hauptmasse der Asche aber bilden die sämmtlichen unorganischen oder mineralischen Verbindungen, welche zum Aufbau jedes Pflanzen- und Thierkörpers mitverwendet werden – mit Ausnahme des Wassers, das bei der Verbrennung verdampfte.

Außer der Kohlensäure, Schwefelsäure und Phosphorsäure, welche, wie wir sahen, zum Theil organischen Ursprungs sind, finden sich in der Asche, mit basischen Stoffen zu Salzen verbunden, noch Chlor (Cl), Fluor (Fl) und Kiesel (Si). Die [340] basischen Stoffe der Asche sind: Alkalien Kalium (K) und Natrium (Na), und alkalische Erden: Kalk (Ca) und Bittererde (Mg) – und ein einziges schweres Metall, das Eisen (Fe).[1]

Die letzten Verbrennungsproducte der Pflanzen- und Thierkörper sind also: einige Mineralsalze, Wasser, Kohlensäure und Ammoniak – sämmtlich unorganischer Natur.

Diese Endproducte, welche die Verbrennung liefert, liefert noch ein anderer – den organischen Körpern aber ausschließlich zukommender Zersetzungs- oder Zerstörungsproceß – die sogenannte Fäulniß. Auch durch die Fäulniß zerfällt der pflanzliche und thierische Körper zuletzt in Kohlensäure, Wasser, Ammoniak und Mineralsalze.

Hiermit haben wir nicht nur eine Uebersicht der letzten Zersetzungsproducte unorganischer Natur, in welche die Organismen zerfallen, sondern zugleich auch eine Uebersicht der sämmtlichen wichtigsten Elementarstoffe, aus denen in letzter Instanz alle pflanzlichen und thierischen Gebilde bestehen. Es sind ihrer nur etwa vierzehn: Kohlenstoff (C), Wasserstoff (H), Sauerstoff (O), Stickstoff (N), Schwefel (S), Phosphor (Ph), Chlor (Cl), Fluor (Fl), Kiesel oder Silicium (S), Kalium (K), Natrium (Na), Calcium (Ca), Magnesium (Mg) und Eisen (Fe).

Zunächst sind es also der Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, dann der Schwefel, der Phosphor und allenfalls noch das Eisen, welche, in den mannigfaltigsten Anordnungen und Verhältnissen zu höheren chemischen Einheiten verbunden, alle die zahllosen eigentlich sogenannten organischen Stoffe bilden. Diese, gemischt oder in chemischer Verbindung mit Stoffen unorganischer Natur, namentlich Wasser und einigen Mineralsalzen, treten dann zu den eigenthümlichen Substanzen zusammen, welche die organischen Formen des Thier- und Pflanzenleibes annehmen und die Erscheinungen des Lebens manifestiren!

Sehen wir uns nun um, wo und wie die genannten vierzehn Elementarstoffe, die letzten Endes zum Aufbau aller der Organismen dienen, im Stoffvorrath der unorganischen Natur, im Mineralreich, sich vorfinden.

1) Freier Sauerstoff und freier Stickstoff, im Verhältniß von einundzwanzig zu neunundsiebzig Raumtheilen gemengt, bilden die atmosphärische Luft, welche den Erdball von allen Seiten umgiebt.

2) Der Kohlenstoff, mit Sauerstoff verbunden zu Kohlensäure, mischt sich in dieser Gasform der Luft und dem Wasser bei, oder bindet sich in den kohlensauren Salzen, welche im Wasser gelöst sind, oder feste Bestandtheile des Erdbodens darstellen.

3) Aus der Verbindung des Wasserstoffs mit Sauerstoff geht das Wasser hervor, welches überall in festem, flüssigem oder dampfförmigem Zustand verbreitet ist.

4) Eine andere Verbindung des Wasserstoffs, die mit Stickstoff, bildet das Ammoniak, welches sich in der Damm- oder Ackererde und in sehr wechselnden Mengen in der Atmosphäre findet.

5) Endlich sind Schwefel und Phosphor in den schwefelsauren und phosphorsauren Salzen vorhanden, und diese sowie alle anderen Mineralien, welche die übrigen der genannten vierzehn Elementarstoffe, wie Kalium, Natrium, Calcium, Magnesium u. s. w. enthalten, kommen in gelöster oder fester Form als Bestandtheile in den Gewässern und im Erdboden vor.

Erwägen Sie diese fünf Punkte im Zusammenhange mit den obigen Mittheilungen über die letzten unorganischen Verbrennungs- und Fäulnißproducte der Substanzen des Thier- und Pflanzenkörpers, so wird Ihnen unzweifelhaft die große Thatsache vor Augen stehen, daß die unorganische Welt unseres Planeten in Form von Wasser, Kohlensäure, Ammoniak und einigen Salzen alle die Elementarstoffe enthält, welche die lebenden organischen Wesen in letzter Instanz zusammensetzen, während der freie Sauerstoff der atmosphärischen Luft beim Verbrennungs- und Fäulnißproceß im Stande ist, die Thier- und Pflanzenleiber in dieselben einfachen mineralischen Formen von Wasser, Kohlensäure, Ammoniak und Salzen zu zerlegen, und als solche der unorganischen Welt wiederzugeben.

Durch Wurzel und Blatt entnimmt die Pflanze fortwährend Stoffmaterial aus dem Boden, aus dem Wasser und aus der Atmosphäre. Diese großen Vorrathskammern unorganischen Stoffes liefern der Pflanzenwelt alle Elemente zu ihrer Bildung, Erhaltung und Entwicklung in Form von Kohlensäure, Wasser, Ammoniak und Mineralsalzen.

In den grünen Theilen der Pflanzen wird unser dem Beistande der Sonnenstrahlen die angenommene Kohlensäure reducirt, das heißt der Sauerstoff wird vom Kohlenstoff gewaltsam abgetrennt und in freiem gasförmigen Zustand an die Atmosphäre abgegeben, während der Kohlenstoff in neue Verbindungen organischer Natur mit den Elementen des Wassers und Ammoniaks tritt und im Pflanzenkörper zurückbleibt.

Durch diese innere chemische Arbeit fabricirt die Pflanze jedes Stück ihrer Gewebs- und Säftebestandtheile, die ihr eigenthümlich sind; mit diesem Baumaterial rein unorganischer Natur setzt sie unter Sauerstoffentwicklung oder Desoxydation alle die sogenannten organischen Verbindungen zusammen, welche sich vor den unorganischen durch ihre Verbrennlichkeit und ihre complicirte Constitution auszeichnen.

So verbinden sich die Elemente der Kohlensäure und des Wassers unter gleichzeitiger Desoxydation oder Verminderung ihres Sauerstoffgehaltes zu organischen Stoffen, die nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen (Kohlehydrate: Zellstoff, Stärkemehl, Gummi, Zucker etc.; Fette und Oele).

Durch Hinzutritt des Ammoniaks (NH3) kommt der Stickstoff zu den drei genannten noch als viertes Element hinzu und es entstehen vierfache, stickstoffhaltige, organische Verbindungen. Endlich wird noch der Schwefel und Phosphor, der in den aufgenommenen schwefelsauren (SO3) und phosphorsauren (PhO5)[WS 1] Salzen steckt, vom Sauerstoff befreit und in die neuen Gruppirungen miteinbezogen und es kommt zur Herstellung der am höchsten complicirten organischen Verbindungen, namentlich der eiweißartigen Stoffe.

Diese eigenthümlichen und noch lange nicht im Detail erforschten Vorgänge nennt man die organische Synthese oder progressive Stoffmetamorphose.

Von der unansehnlichen Flechte, welche den feuchten Felsblock überzieht, bis zu den eleganten Zierpflanzen unserer Treibhäuser und den mächtigen Baumriesen der Wälder ist somit die Pflanze als ein natürliches chemisches Laboratorium zu betrachten, welches, durch die Sonnenstrahlen geheizt und in Thätigkeit versetzt, Sauerstoff entbindet und sauerstoffarme, aber hochcomplicirte organische Stoffe producirt und somit der organischen Synthese oder progressiven Stoffmetamorphose dient.

Damit soll jedoch nicht etwa gesagt sein, daß in den Pflanzen keine anderen, ja die geradezu entgegengesetzten chemischen Vorgänge vorkämen oder vorkommen könnten, allein die eben geschilderten sind weitaus die wichtigsten und charakteristischesten für die Bedeutung der Pflanzenwelt im Haushalt der Natur. Die Rolle und Bedeutung der Pflanzenwelt im großen Haushalt der Natur muß nämlich in der That dahin formulirt werden, daß sie es ist, welche aus einfachem unorganischem Stoffmaterial unter Sauerstoffentbindung organische Substanz erzeugt.

Das Thier hat ganz andere Beziehungen zur Außenwelt als die Pflanze.

Das Thier bedarf zum Aufbau und zur Erhaltung seiner Körpersubstanzen schon fertiges organisches Stoffmaterial, da ihm alle Fähigkeit abgeht, aus den einfachen unorganischen Verbindungen irgend welche Stoffe von organischer Natur und Zusammensetzung herzustellen.

Diese Fähigkeit besitzen von allen Gebilden der organischen Welt nur die vom Sonnenlicht bestrahlten grünen Pflanzentheile.


  1. Das Eisen bildet einen integrirenden Bestandtheil jener äußerst zusammengesetzten, in einen Eiweißkörper und einen eisenhaltigen Farbstoff zerfallenden organischen Verbindung, welcher das Blut der Thiere seine Scharlachfarbe verdankt.


(Schluß folgt.)




[341]
Beim Alten am Sulzberg.


(Schluß.)


7.


Es war ein schöner klarer Morgen. Die Wasser des Inns erglänzten im jungen Sonnenlicht und wie in Gold getaucht schauten die Häupter der Berge in’s Thal. Von den thaufrischen Matten läuteten die Herdenglocken herab, helle Jodler klangen wider von den Felsenwänden und in Wiese und Wald blitzten im Sonnenschein, von arbeitsamen Händen geschwungen, schon die Sense und die Axt.

Da that die Thür des kleinsten Häuschens in Brannenburg sich auf und hervor trat, stattlich herausgeputzt in seiner Sonntagsjoppe, das schmucke Sträußchen sammt der nickenden Feder am Hut, der Flößer-Franzl neben einem alten grauen Mütterchen. Sie schlugen den Fußweg durch’s Dorf ein, und unbekümmert um all die neugierigen Blicke der Dorfleute, die zu Feld oder Berge zogen, rief er Jedem einen lustigen guten Morgen zu, plauderte angelegentlich mit seiner Begleiterin und behielt unverwandt das Ziel seines Weges, das Wirthshaus, im Auge. Je näher sie demselben aber kamen, desto einsilbiger wurde die Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn, und als der Franzl jetzt die steinernen Stufen am Wirthsgebäude hinter dem alten Weiblein hinanstieg, fühlte er sich unwillkürlich an den Hals, denn es war ihm nicht anders, als schnüre ihm das lose gebundene Halstuch plötzlich die Kehle zu.

Da erschien, recht wie ein Engel in der Stunde der Angst, seine Resei, winkte ihm mit ihren schwarzen Augen Muth zu, schüttelte dem Mütterchen eilig die Hände und zeigte stumm auf die Thür der guten Kammer, wo die Frau Godl die Vorstellung des Freiers erwartete. Tapfer legte der Franzl unter den Augen seines Mädchens die paar Schritte zurück, gerade vor dem Eingang aber fing er heftig zu schlucken an, die Halsbinde mußte wieder drücken, und so leicht und sicher der prächtige Bursche sich auf den höchsten Kuppen und Spitzen der Berge bewegte, so unbeholfen und ängstlich stolperte er jetzt hinter seiner alten Mutter in das Prunkgemach der Frau Wirthin.

Resei konnte sich bei aller Beklommenheit kaum des Lachens erwehren. Sie folgte ihm aber nicht, sondern blieb dicht vor der Thür stehen und hielt den Athem an, um kein Wort von der Entscheidung über ihr Schicksal zu verlieren. Dabei preßte sie die Hände fest auf ihr Busentuch, als ob sie fürchtete, das laut pochende Herz könnte die Lauscherin verrathen. Sie vernahm indeß nur ein undeutliches Gemurmel, die Godl saß zu weit von der Thür und ihr schneidiger Bub’ schien seine kräftige Stimme vor der wohlhabenden künftigen Schwiegermutter gewaltig zu dämpfen. Wohl eine halbe Stunde verbrachte sie so im Hausgange, und als endlich die Thür geöffnet wurde, suchte sie mit begierigen Augen in den Mienen der Heraustretenden zu lesen. Franzl riß sie bald aus allem Zweifel. Seine großen ehrlichen Augen strahlten in Wonne und hinter dem Rücken der zwei alten Frauen, die sich gegeneinander in Redseligkeit erschöpften, schleuderte er den Hut in die Höhe, daß er von der Decke zurückprallte. Das war gewiß ein gutes Zeichen!

„Resei, thu’ Dein Fürtuch ’runter, und geh’ mit in die Kirch’,“ sagte gleich darauf die Wirthin. „Sie läuten g’rad’ z’samm’ und Du hast es auch nöthig, unsern Herrgott um sein’ Segen zu bitten in Dein’ künftigen Stand.“

Dem Mädchen ging mit diesen Worten ein ganzer Himmel voll Seligkeit auf und in der nächsten Minute schon hatte sie ihren Buben zum Kirchgang bei der Hand gefaßt. Jetzt war ja die Einwilligung schon ausgesprochen, und wenn die Frau Godl am hellen lichten Tag mit dem Franzl und seiner armen Mutter durch das Dorf ging, konnte sie gewiß auch gar keine Einwendung mehr haben. Ihr heißer Händedruck sagte dem jungen Burschen, wie glücklich sie war.

Die beiden Matronen schritten feierlich langsam voraus, und Franzl, der jetzt wieder seine gewohnte stolze Haltung und die ungehemmte Bewegung seiner Glieder gewonnen, besprach sich auf dem ganzen Wege mit seinem Mädchen in flüsterndem Tone und theilte ihr die Zustimmung der Frau Godl und alle ihre guten Lehren und wohlgemeinten Warnungen wortgetreu mit. Daß er seine alte Mutter mitgebracht, hatte sie besonders wohlgefällig aufgenommen.

In der Kirche angekommen, nöthigte die Wirthin das darüber ganz verdutzte alte Mütterchen in ihren eigenen Betstuhl in der vordersten Reihe, und dem Franzl trat bei diesem Anblick die erste Thräne seit seinen Kinderjahren in’s Auge. In inniger Andacht knieten nun die vier Menschen vor dem Altare, und vielleicht noch nie hatte ein junges Paar so aufrichtig die Segnungen des Himmels auf eine gute alte Frau herabgefleht, als der Flößer-Franzl und die Wirths-Resei es in dieser Stunde thaten.

Als nach dem Gottesdienste sich die übrigen Kirchgänger allmählich zerstreut hatten, neigte sich die alte Wirthin den jungen Leuten zu und sagte mit leiser weicher Stimme: „So, Kinder, jetzt gebt Euch die Hand da vor unserm Herrgott – meinen Segen habt Ihr!“

Mächtig ergriffen legten Franzl und Resei die Hände ineinander, inbrünstiger falteten die alten Frauen die ihrigen und beteten mit der Innigkeit des Mutterherzens für das Glück der Kinder.

Nachdem sie die Kirche verlassen und eben das eiserne Gitter des Friedhofs passirt hatten, erblickte die glückliche Gruppe ein Mädchen, das von dem Hügel hinter dem Wirthshause mit einem Tuche nach der Landstraße winkte. Man sah nur noch die Staubwolken, die der Reisewagen aufwirbelte, dem diese Abschiedsgrüße galten.

„Das ist ja gar die Lene!“ rief Resei, die das Mädchen zuerst erkannte. „Der Jäger reist wohl gar schon heim, das muß ich gleich wissen! Godl, wir kommen im Augenblick nach,“ und rasch schlug sie mit Franzl einen Seitenweg ein, um dem Mädchen zu begegnen.

„Jetzt ist er fort!“ rief ihr Lene mit hervorstürzenden Thränen entgegen. Sie konnte vor innerer Bewegung nichts weiter sagen und Resei bot ihre ganze Beredsamkeit auf, sie zu trösten.

Nachdem sie selber in der Eile erzählt, wo sie eben herkamen und daß die gute Godl in Alles gewilligt hatte, reichte Lene, durch ihre Thränen lächelnd, ihr und dem Flößer glückwünschend die Hand und sagte wehmüthig: „Wenn wir nur auch schon so weit wären! Ich hätt’s nicht vermeint, daß ’s so schnell geht, aber der Forstner hat gesagt, er will ihn keine Stund’ von seinem Glück abhalten, und da hat’s ihm keine Ruh’ nimmer ’lassen. Er will mir schreiben, wie’s ihm geht, und in vier Wochen will er mich abholen, das hat er mir fest versprochen.“

„Und das wird er auch halten, der Karl, und wenn’s seinem Vater zehnmal nicht recht wär’!“ versicherte Resei mit aller Bestimmtheit, legte tröstend ihren Arm um den Hals des Mädchens und begleitete sie bis zum Hagengütchen.

„Nimm Dich nur zusamm’, Lene,“ sagte sie beim Fortgehen, „die paar Wochen sind bald ’rum, such’ mich fleißig heim, und jeden Brief, den er Dir schreibt, mußt mich gleich lesen lassen. Und jetzt, Franzl, laß Dir sagen,“ wandte sie sich auf dem Heimweg an diesen und faßte ihn unter dem Arm, „laß Dich nicht so viel nöthen (zwingen) und lang’ fleißig zu – die Godl wird Euch recht aufwarten – und leg’ das dalkete (ungeschickte) Wesen ab, red’, wie Dir der Schnabel gewachsen ist, das hat sie am liebsten.“

„Will’s schon recht machen, Resei,“ versicherte der Franzl treuherzig und lachte sie vergnügt an.

„Und nachher muß ich’s doch meinem Alten droben auch noch erzählen, der wird d’reinschauen, Bub’!“ jubelte das Mädchen, und im Uebermaß der Freude hätte sie gern Jeden umarmt, der ihr in den Weg kam. Mit leuchtenden Blicken zeigte sie nach dem waldgeschmückten Sulzberg, der so freundlich herüberschaute, und gedachte dankbar des muntern Alten droben, während Franzl im Geiste mit halber Wehmuth von all den herrlichen Jagdfreuden Abschied nahm, auf die er als „hausgesessener“ Mann fortan verzichten sollte.

Noch am Nachmittage desselben Tages setzte Resei auf einem Kahne über den Inn, und bald darauf hallte ein mächtig lauter, glückseliger Juhschrei durch die Berge. Der Heu-Anderl, der eben nach dem Wetter ausschaute, weil er leichtes Gewölk [342] aufsteigen sah und an der Berglehne Grummet zum Trocknen ausgebreitet hatte, rief verwundert aus: „Wen treibt’s denn heut’ noch zu mir ’rauf? Meiner Six, die schwarzauget’ Wirths-Resei ist’s!“ setzte er bei, als sie später zwischen den Bäumen auftauchte.

„Ja, die ist’s, Alter,“ rief ihm das Mädchen zu, „das glücklichste Diendl in den ganzen Bergen. Mich hat’s nimmer gelitten drunten, bis ich Dir nicht Alles haarklein gesagt hab’,“ und sie zerrte den überraschten Wildheuer über den Rasenfleck vor seinem Häuschen in die Stube.

Mit der ganzen Lebendigkeit ihres Wesens erzählte sie die Vorgänge des gestrigen Abends und des heutigen Morgens, und der Alte hörte höchlich ergötzt zu. Als sie aber am Schlusse des Berichtes unter der Schürze ein Fläschchen hervorzog mit den Worten: „Da heroben bei Dir ist’s in der Früh’ schon bald kalt, hab’ Dir was mitgebracht, das Dir warm macht, was Extrafein’s, trink’s auf unsere Gesundheit,“ da lächelte der Alte wohlbehaglich, und das Mädchen von der Seite anblickend, erwiderte er: „War doch so ungeschickt nicht, daß ich den Franzl so gut versteckt hab’. Wenn der Jäger Dein’ Buben gefangen hätt’, bevor er den Brief in der Joppen gefunden hat, wär’s so gut wohl nicht abgegangen.“

„Anderl, das vergeß’ ich Dir nie, und wenn Dir der Winter da heroben einmal gar zu grob wird, findest Du bei mir alleweil eine Stube drunten, und Deinen Glaasei will ich auch recht sauber ’rausputzen.“

„Laß es gut sein, Diendl, das grobe Wetter, die rauhen Felsen und der Anderl passen am besten zusamm’, – ich verlass’ meine Berg’ nicht! Willst aber dem Glaasei einmal eine Hosen schenken – wird ihm nicht z’wider sein. Die Wilddecken dazu besorg’ ich schon selber, und auf der Hochzeit bitt’ ich mir einen Hopfer aus mit der Jungfer Hochzeiterin.“

„Ja, Alter, da hast meine Hand d’rauf, und am Ehrentisch mußt auch sitzen, das setz’ ich bei der Godl auch noch durch.“ Damit schlug sie fröhlich in die Hand des Alten.

„Einen schönen Gruß an Franzl!“ rief er der Davoneilenden noch nach und ging dann, mit wonniglichem Vergnügen nach seinem Fläschchen schielend, in die Stube zurück.

Die Kunde von der Verlobung der schönen Resei mit dem Flößer-Franzl hatte sich seit dem gemeinsamen Kirchgange blitzschnell im Orte verbreitet, und man begrüßte in dem jungen Paare schon die künftigen Wirthsleute von Brannenburg. Schüttelte auch Mancher den Kopf dazu, daß ein armer Häuslerssohn auf das schöne Anwesen kam, die Meisten gönnten es dem braven Burschen doch, und die jungen Dirnen, denen der schmucke lustige Flößer-Franzl wohl schon lange in die Augen gestochen, fanden Resei’s Wahl gar nicht so übel.

In den beglückenden Vorbereitungen für den künftigen Hausstand verging den jungen Leuten Woche um Woche, und als ein wichtiges Ereigniß wurde es betrachtet, wenn ein Brief von dem ehemaligen Forstgehülfen ankam. Dann führte der Abend jedes Mal die beiden Mädchen zusammen, da wurde Zeile um Zeile gelesen und wieder gelesen, die Antwort mit Franzl berathen und von der Resei glücklich auf’s Papier gebracht. Der Hagen-Lene zitterten, wie sie sagte, Hand und Herz so stark, daß sie unmöglich selber schreiben konnte. Die Nachrichten ihres Karl, den sie am liebsten noch immer Maxl nannte, lauteten nur günstig – der Vater, der ihm jetzt schon das ganze ausgedehnte Geschäft übergeben, hatte ihn mit liebevoller Herzlichkeit aufgenommen und suchte sein Unrecht auf alle Weise gut zu machen, die Schwester war nach schwerer Krankheit wieder genesen und seine Sehnsucht nach dem lieben Bergkinde wuchs mit jedem Tage. Die Rosen blühten wieder auf den feinen blassen Wangen des stillen Mädchens, und als nun der letzte Brief kam, der die Einwilligung seines Vaters zu ihrer Verbindung brachte und den Tag der Rückkehr des Geliebten bestimmte, da klopfte es stürmisch in der seligen jungen Brust, ein liebliches Lächeln erhellte die sanften Züge, als sie das kostbare Schreiben in’s Mieder steckte, und von dem Tage an zählte sie die Stunden bis zu seiner Ankunft.

Im Wirthshause herrschte indessen das regste Treiben, die Zurüstungen zur Hochzeit wurden lebhaft betrieben, und der Flößer-Franzl ordnete und wirthschaftete schon seit der ganzen Erntezeit in den Oekonomiegebäuden. Die von Karl Steiner festgesetzte Frist bis zu seinem Eintreffen war noch nicht verstrichen, da rollte eines Tages unter der Gluth der Mittagssonne der Postwagen schwerfällig die Straße herauf.

„Blas, Schwager, blas!“ rief der Passagier zum Kutschenschlag hinaus, als der Wagen schon vor dem Wirthshause stand und sich noch Niemand sehen ließ.

„Ja, Herr, die hören und sehen halt nichts vor lauter Hochzeitmachen,“ antwortete der Postillon und knallte dazu aus Leibeskräften.

„Herrschaft, das ist ja gar der Jäger schon!“ klang’s dem Reisenden jetzt in hellem Tone entgegen, indeß von einer Knabenhand der Wagenschlag aufgerissen wurde.

„Ei, Glaasei, bist Du’s?“ rief Karl Steiner – denn er war es wirklich – heiter aus und wollte dem ihn fröhlich anstarrenden Knaben das Gepäck übergeben. Doch der war schon wieder verschwunden.

Durch Wirthsstube, Stall und Scheune verkündete er jubelnd, daß der Jäger-Maxl wieder da sei, und als Resei auf diesen Ruf im Hausgange erschien und dem Ankömmling mit frohem Gruß entgegeneilte, hatte Glaasei schon über den Gartenzaun gesetzt und war in vollem Laufe auf das Hagengütchen zu.

Es dauerte nicht lange, so schaute Karl wieder in die schüchternen blauen Augen des lieblichen jungen Wesens, das ihm schon morgen in die alte Heimath folgen sollte, mit der er selber wieder völlig ausgesöhnt war, seit der alte Vater erklärt, das Mädchen, das er sich zur Lebensgefährtin erwählt, würde ihm eine liebe Tochter sein, und je eher er sie bringe, desto lieber segne er ihren Bund. Herzlich drückte er die Hände der Freunde, die er hier gewonnen, und ein Festschmaus, wie ihn das Wirthshaus in Brannenburg nie gesehen hatte, vereinigte Abends eine fröhliche Gesellschaft, in der mit Einschluß des Försters und Schulmeisters Niemand fehlte, der zu dem scheidenden Brautpaare in freundlicher Beziehung stand.

Im vertraulichsten Geflüster saßen die zwei alten Frauen, die Wirthin und die Hagenbäuerin, nebeneinander und hatten noch gar Wichtiges zu besprechen, denn Lene’s Mutter, seit Jahren Wittwe, wollte dem einzigen Kinde nach Passau folgen, und die alte Wirthin hatte das Hagengütchen angekauft, um sich später einmal darauf zurückzuziehen. Nicht minder beschäftigt war das junge Volk. Jungfräulich erröthend nahm Lene die Glückwünsche ihrer Freundinnen hin, und Karl sah sich von jungen Burschen umdrängt, die früher dem Jäger-Maxl nie die Hand entgegengestreckt hätten. Immer lebhafter wurde die Unterhaltung und manch’ treffendes Schnadahüpfel aus Franzl’s sangfertigem Munde erhöhte noch die Heiterkeit.

Da erschienen spät am Abend noch zwei Gäste in der offenen Thür, ein paar prächtige Gestalten, denen trotz der grauen Locken des Einen Frische und Frohsinn aus den hellen Augen lachten.

„Grüß Gott beisamm’!“ hatte der Alte kaum ausgerufen, als ihnen Alle entgegenschrieen: „Der Anderl! Der Glaasei!“

Vater und Sohn trugen heute ihre Joppen zusammengerollt auf der Schulter, denn nur so konnte man die weiten, blendend weißen Hemdärmel sehen, in denen sie prangten. Die Wirths-Resei, die ihren hohen Freunden rasch entgegengeeilt war, hatte sie Beide so stattlich herausgeputzt, und während sie den Alten zu der Frau Godl führte, blieb der Junge mit strahlendem Gesicht vor der Gesellschaft stehen und ließ sich von allen Seiten bewundern. Bald betastete er seine neue gemslederne Hose, bald schielte er hinab auf den schmucken grünen Hosenträger, der stattlich von dem weißen Hemde abstach, und indem er stolz den Kopf in den Nacken warf, steckte er den Daumen unter den breiten Querstreifen, denn dort stand ja in großen Buchstaben mit Seide gestickt: Nikolaus Flinsberger 1824.

„Schöne Geschichten gehen bei Euch droben vor am Sulzberg,“ sagte die alte Wirthin am oberen Ende der Festtafel zu Anderl, doch war ihr Lächeln zu wohlwollend, als daß es als ein Vorwurf hätte gelten können. „Hab’ geglaubt, bei Euch droben geben sich blos die Füchs’ und Hasen Gut’ Nacht.“

„Im Winter schon, Frau Mutter,“ lachte der Wildheuer und drehte die weißen Bartspitzen keck in die Höhe, „aber im Sommer auch die sauberen Buben und Diendl.“

Resei wies ihm und dem Glaasei ihre Plätze unter den Gästen an, und die Gegenwart des jovialen Alten, dem sie Alle gut waren, steigerte noch die allgemeine Lust.

[343] Der Mond breitete schon sein volles mildes Licht über die wunderschöne Landschaft, als die letzten Gäste das Wirthshaus verließen und ihren Gehöften zuschritten. Nur Drei von der Gesellschaft, der Franzl, Anderl und sein Bub’ nahmen, mit allerlei Handwerksgeräth und mit Kraxen beladen, ihren Weg in der sternhellen Nacht gegen den Inn. Die Tochter der Berge sollte recht nach Gebirgesart die Reise zu Wasser in die neue Heimath machen und ein dort bereit gehaltenes Floß zogen die Männer nun näher an das Gestade. Dann ging es rüstig an ein Hämmern und Zimmern, und als kaum der Morgen graute, war schon eine prächtige Hütte auf dem Floß erbaut. Der junge Glaasei hatte die Nacht über fleißig Kränze gewunden, die das ganze Floß, den Eingang zur Hütte und selbst die Ruderstangen schmückten. Blauweiße Fähnchen, von Resei heimlich besorgt, flatterten schon lustig im Morgenwinde und prüfend spazierte Anderl am Ufer auf und ab und betrachtete mit scharfem Auge das gemeinsame Werk. Kopfschüttelnd wendete er sich dann an Franzl, der eben noch zwei frischgrüne Tannenbäumchen am vorderen Rande des Flosses aufrichtete.

„Eins fehlt halt dengerscht (trotzdem) noch, Franzl,“ sagte er, „ein Paar Eichenbuschen mit einer Scheibe in der Mitt’ müssen noch her. Das gehört sich für ein’ Jäger.“

„Ist recht, Anderl, aber mach’, sonst kommt uns die ganze Gesellschaft auf den Hals.“ Und das Sägen und Hämmern tönte auf’s Neue durch die Morgenstille.

Im schönsten Glanze der aufgehenden Sonne lag das Thal, als vom Wirthshause her sich ein langer festlicher Zug bewegte. Der alte Schulmeister hatte alle musikalischen Kräfte des Dorfes aufgeboten und unter Geigen- und Trompetenklang kamen Karl und Lene, von dem halben Dorf begleitet, an’s Ufer.

Sie schienen tief ergriffen, als sie das reichgeschmückte Fahrzeug erblickten, an dessen Rudern vier stattliche Gebirgssöhne die Hüte schwangen und dem Brautpaare ein Hoch ausbrachten. Ueberaus herzlich war der Abschied von all’ den guten Menschen und kaum ein Auge blieb trocken. Die alte Wirthin und die Hagengütlerin weinten die hellen Thränen, die jungen Bräute lagen sich lange in den Armen und als die schwarze Resei, der es ein großer „Verdruß“ war, daß sie nicht länger dablieben, um auf ihrer Hochzeit zu tanzen, die Cameradin fragte, ob sie denn, so weit von den Bergen, nicht das Heimweh fürchte, schaute das blonde Mädchen mit einem Blick auf ihren Karl, der es klar sagte: „Wo er ist, ist meine Heimath, mein Leben, mein Himmel!“ – Der frühere Jäger schüttelte dem Förster, dem Franzl, dem Anderl wortlos die Hand und als sein feuchter Blick nochmal über all’ die prächtigen Gestalten und treuherzigen Gesichter hinglitt, blieb er auf dem kleinen Glaasei haften, der kein Auge von dem schönen Floß verwandte, und plötzlich, als ob es ihn dränge, außer seiner Liebe noch eine lebendige Erinnerung an die herrliche Gebirgsgegend mitzunehmen, sagte er zu dem Buben: „Glaasei, wenn Du mit willst – Du sollst es gut haben bei uns, ich will für Dich sorgen.“

Der Knabe schwieg betroffen – der Antrag kam so unerwartet, es klang so verlockend, auf dem prächtigen Floß in die Welt hinaus zu reisen! Der alte Anderl aber schaute ängstlich auf den Buben, daß er so lange mit der Antwort zögerte. Doch dieser, der mit glühendem Gesichte vor sich hingestarrt, hatte kaum das Haupt erhoben, so zeigte er mit ausgestrecktem Arm nach den Bergen, die ihre riesigen Häupter und Zacken in den im Morgenlichte rosig glänzenden Himmel streckten, zeigte nach dem Wilden Kaiser drüben, dessen rauhe Schroffen im Silberglanze leuchteten, und fragte mit funkelndem Auge: „Sagt selber, Herr, ob Einer fort geh’n kann, der da daheim ist?“

„Jetzt kenn’ ich Dich als meinen Buben!“ rief der Alte voll Freude aus und er hob den echten kleinen Oberländer an die vor Bewegung klopfende Brust. Wenige Minuten später gab er seinem Sprößling einen Wink und sie verloren sich unbemerkt zwischen den Bäumen.

Die Stunde der Abfahrt hatte geschlagen. Das junge Paar und die alte Mutter, der der Abschied von der Heimath doch recht nahe ging, hatten das Fahrzeug bestiegen, und als das Floß vom Ufer mit Stangen abgestoßen war, wollte das Hochrufen und Hüteschwenken kein Ende nehmen und die heiteren Musikklänge, die des Schulmeisters Taktschlag kräftig zusammenhielt, fielen rauschend ein.

Schon schwamm das Floß in Mitte des stolzen Flusses, da krachte plötzlich ein Böllerschuß und rollte in hundertfältigem Echo donnerartig durch die Berge. Alle schauten überrascht hinter sich nach der Waldblöße, aus der eine leichte Rauchwolke aufstieg. Karl Steiner aber trat an den Rand des Flosses und schwenkte mit bewegter Miene nochmal seinen Hut, wie ihm der Flößer-Franzl zurief: „Das war der letzte Gruß vom Heu-Anderl am Sulzberg!“

Th. Messerer.


Sclavenfang in Afrika.

Ueber die brutalen Sclavenjagden der Europäer und Aegypter in Ost-Sudan ist schon Vieles geschrieben worden. Weniger bekannt sind die Raubzüge der im „Lande der Schwarzen“ hausenden braunen Nomaden islamitischer Religion gegen ihre heidnischen Nachbarn, die Neger.

Versetzen wir uns einmal in die Steppen Sennaars unter einen Stamm Beduinen, dessen Duar oder Zeltenlager eben eine Abtheilung Dromedarreiter entsendet, um aus dem benachbarten Territorium der Denka-Neger Sclaven zu holen. Unsere Schilderung beruht auf eigenen Anschauungen.[1]

Der Gum, d. h. die Streifpartei, gegen vierzig bis fünfzig Mann stark, besteigt seine großen, klapperdürren, eckig geformten Dromedare. Manchem Theilnehmer gewährt ein Holzsattel mit gespreizten Sitzbrettern Halt, eine Ueberlegdecke von Schaf- oder Ziegenfell kann Nachts zur Lagerstätte dienen. Andere entbehren dieses Geräthes und halten sich nur durch den Schluß ihrer hageren, aber nervigen Schenkel auf dem blanken Buckel des Reitthiers fest. An der Sattelbeuge Einiger hängen ein paar Lederschläuche voll Wasser oder voll Lebensmittel, als Christdornfrüchte, Sirchkorn, trockenes Fleisch, vielleicht ein halbes Dutzend Zwiebeln. Selten gönnt man sich die Mitnahme eines Kuhhorns voll Brodwürze, welche letztere, aus Salz, Kümmel und rothem Pfeffer bestehend, dem übrigen Essen beigemengt wird.

Den Gum umdrängen die Mitglieder des Stammes. Die Dromedare brüllen und gurgeln. Weiber heben ihre Kleinen empor zu den Reitern, mancher Vater herzt innig sein Bübchen oder Mägdlein. Dirnen in der Blüthe ihres Wachsthums, den schlanken Leib mit dem Franzengurte geschmückt, wechseln zärtliche Blicke mit jüngeren Kriegern. Ein greiser Beduine, halb blind, von der Jahre Last gebeugt, streckt die Knochenhände empor und recitirt Koranverse. Tiefernstes „Gefällt’s Gott“ antwortet aus dem Munde der Mannen. Unter dem schrillenden Abschiedsgekreisch der Weiber setzt sich der Gum in Bewegung. Ein Mitglied des letzteren improvisirt in Molltönen ein arabisches melancholisches Liedchen auf irgend einen berühmten Häuptling, auf Weiberschönheit, Löwenstärke, oder auf den bevorstehenden Raubzug. Die Uebrigen heulen die letzten Strophen als Chor in langsam verschwellenden Cadenzen nach. Ihren Blicken entschwinden allmählich die Mattenzelte des Duar hinter den Riesenhalmen des Steppengrases, den Büschen der Akazien und Kappern.

Ohne Aufhören geht es vorwärts. Die Freibeuter gönnen sich nur wenig Ruhe, sie vermeiden es sogar, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, bei Nacht Feuer anzumachen. Die Dromedare werden beim Lagern an den Schenkeln gefesselt. Ein Theil der Krieger bettet sich, das meist einzige Kleidungsstück, eine Ferda oder Baumwolltuch um den wohlgefetteten Körper wickelnd, auf die Erde mitten in’s Dickicht, Andere halten ringsum Wacht. Die Räuber sprechen nur wenig und leis miteinander, [344] in einem selbst dem geübten Kenner arabischer Mundart schwer verständlichen Rothwelsch; sie essen das Nothdürftigste roh und spülen die frugale Speise mit einigen Schluck trüben Lehmwassers hinunter.

Nach angestrengter Reise querlandein, in der Richtung nach dem Weißen Flusse zu, haben sie sich einem vereinzelt liegenden Dorfe der Denka-Neger genähert. Da erstreckt sich die Niederlassung, ein Bild des Friedens, runde Strohhäuser mit kegelförmigen Dächern, sauber geputzt, von Dornzweigen umzäunt im Schatten von Feigen- oder Affenbrodbäumen, Akazien und Fächerpalmen. Am Fuße des Oertchens breitet sich die Niederung des gewaltigen Stromes aus. Ist es Frühling, so nistet der niedliche Abdimstorch in den Dorfbäumen und auf den Hüttendächern. Leuchtet noch die Sonne, so bleibt der Gum im Dickicht versteckt. Sobald aber das Tagesgestirn untergeht, entledigen sich ein Paar junger Krieger ihrer Ferdas und schleichen sich mit der Vorsicht vollendeter Kundschafter durch das wilde Gestrüpp, um die dem Untergange geweihte Ortschaft auszuspähen.

Die Nacht bricht an. Das Sternenheer funkelt und glitzert in einem uns Nordländern unbekannten Glanze vom Himmel herab. Hyäne und das Windspiel der Neger wetteifern miteinander in Heulen und Bellen. Ziegenmelker schnurren, Fledermäuse zwitschern, Heimchen zirpen. Im Negerdorfe ruht man. Selten noch dringen einzelne menschliche Laute murmelnd aus dieser oder jener Hütte hervor. Dann verstummen auch diese. Die Späher statten Bericht über ihre Wahrnehmungen ab. Der Angriff wird für den kommenden Frühmorgen angesetzt. Man ist übrigens unter den Räubern einstweilen nicht müßig gewesen. Man hat die Ferdas knapp umgegürtet, die Schneiden der langklingigen Schwerter mit Kreuzgriff, die am Ellenbogen befestigten kurzen Dolche befühlt, etliche Schebas oder Sclavengabeln sind zurechtgeschnitten worden. Letztere sind Baumäste mit gabelförmiger Endverzweigung, welche mittelst Lederstricken oder aus Bast, auch Dompalmfasern gedrehter Schnur dem Gefangenen um den Hals geschnürt werden sollen.

Eine kurze Rast gönnt sich noch jeder Nomade. Dann wird mit andächtigem „im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen“ aufgesessen. Der Morgen dämmert bereits herein, wenn die Schaar gegen das Denkadorf vorreitet.

Die Hunde schlagen an, die Ziegen mit Schlappohren meckern, die zottigbehaarten Schafe blöken, die scheckigen Buckelrinder schauen verdutzt nach der Richtung, in welcher das Gras und Gestrüpp unter den Hufen der Dromedare knacken. Von schnalzenden Lauten ihrer Reiter angefeuert, überspringen die „Schiffe der Wüste“ die niedrigen Dornenzäune und stürmen in plumpen Sätzen mitten in die unregelmäßigen Dorfgassen hinein. Kreischendes und donnerndes „La illaha ill’ Allah u Mohamed Rasul illah, jachu jachu jachuje“ (es ist kein Gott außer Gott und Mohamed sein Prophet, Hallo etc.) ertönt von den Lippen der Angreifer. Entsetzt brechen die nackten spindeldürren Bewohner aus den Hütten heraus, das wuchtige Schwert saust auf ihre kahlgeschorenen Köpfe, ihre eckigen Schultern nieder. Jung und Alt fällt anfänglich unter den Streichen der mordgierigen Nomaden; in der wilden Brutalität erster Aufregung schont man selbst des zarten Kindleins nicht. Allmählich aber verfährt man wählerischer und sucht blos die sich Wehrenden zu vernichten.

Nur einige der Schwarzen haben Besinnung und Zeit gewonnen, nach ihren Lanzen, Keulen oder Stecken zu greifen. Sie leisten wohl mit Wurf, Stoß und Hieb, mit Händen, Zähnen und Fußknöcheln Gegenwehr. Glatt wie Aale und muthig wie Löwen werfen sie sich ihren Angreifern entgegen. Einigen gelingt es, durch lautes Aneinanderklimpern mit ihren eisernen Armreifen das Dromedar eines Räubers scheu zu machen, nun wird dieser umzingelt, vom Wurf des Speeres erreicht, durchstochen, herabgerissen, erwürgt, zerdrückt, zertreten. Da noch Einer, vielleicht noch Andere.

Doch nicht lange dauert die Vertheidigung. Das Dorf ist binnen wenigen Minuten genommen. Unter dem bestürzt hierhin-, dorthinlaufenden und flatternden Vieh, unter den zuckenden, bluttriefenden Körpern der zerstochenen und zerhauenen Ihren, beugen die noch überlebenden Neger sich nieder und betteln mit jämmerlich krächzendem „Ben lok lok!“ (Herr, Friede!) um ihr armseliges Dasein. Man sitzt ab, bindet sie, bindet auch die schreienden Frauen und Kinder. Eine Anzahl der Banditen treibt das Vieh zusammen, Andere dringen in die Hütten, stoßen die Asche der verglimmenden Feuer auseinander, blasen noch glimmende Kohlen an und setzen das Dorf in Brand. Die bisher in den Hütten versteckt gebliebenen Schwarzen eilen zwar in’s Freie, werden aber bald ergriffen, gefangen oder – niedergemetzelt.

Die Sonne geht auf. Ihre Frühstrahlen werden von dem aufsteigenden Qualme der brennenden Niederlassung verdunkelt. Sprühende Flammen züngeln an Dächern und Wänden auf und ab. Knallend zerspringen die luftgefüllten Halme der strohernen Hüttenbekleidung, ängstlich umflattert der Storch sein bedrohtes Nest. –

Die Gefangenen werden, zu zwei und zwei, mit der Sclavengabel belastet, Stämmigere auch wohl mit Strickwerk unmittelbar an die Dromedare gefesselt. Man bricht auf. Ehe noch der Feuerschein, ehe noch die wenigen dem Blutbad Entwischten umliegende Dörfer von dem Ueberfalle benachrichtigt, hat das Raubgesindel sammt seinen Opfern bereits einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen. Aus knisternden, zusammengesunkenen und mattglimmenden Kohlenhaufen emporschweelende Rauchsäulen, verstümmelte Leichen und Blutlachen erzählen wenige Stunden später vom Dasein des gestern noch so blühenden Oertchens.

Gebeugten Hauptes, wankenden Schrittes, die blutenden Füße mit schmerzlichen Gesichtsverzerrungen auf- und niedersetzend, die trockenen gesprungenen Lippen mit der noch trockneren Zunge beleckend, bewegen sich die erwachsenen Gefangenen unter dem Gewicht der Gabeln vorwärts. Junge Mädchen und kleine Kinder hinken, die Hände zusammengebunden, nebenher. Die vom Kameelsattel abgehängte Karbatsche aus Nilpferdhaut klatscht auf die nackten, blutig bestriemten Rücken der Opfer hernieder; grollendes „Marsch, marsch, Ihr verdammten Heiden, Ihr Söhne von Hunden, Ihr Enkel von Hyänen, Ratten und Krokodilen, vorwärts, marsch,“ gellt den Aermsten in die Ohren, treibt sie zur letzten Kraftanstrengung. Hier und da sinkt der Unglücklichen einer, von Kummer, Müdigkeit, Hunger und Durst überwältigt, zu Boden; höhnend antwortet ihm sein Feind, wenn er in jammernden Gaumenlauten sein: „Wehe, Herr, ich leide Schmerzen!“ von sich stößt. Zuweilen zwar erwärmt sich selbst das Eisenherz eines Nomaden beim Anblick solchen Elendes, dieser nimmt einmal eine Dirne, jener ein Kind zu sich auf’s Dromedar oder unterstützt, zu Fuß wandernd, einen Halbohnmächtigen, einen schwachen Greis, wie denn Letzterer als Zauberkoch und Hexendoctor schon mitgefangen und aufbewahrt wird. Rohes Sirchkorn, vielleicht etwas Waldfrucht und lauliches Schmutzwasser bilden nunmehr die einzige Erquickung des Siegers sowohl wie auch des Besiegten. Am wohlsten fühlt sich noch das erbeutete Vieh, denn mit dem diesen prächtigen treuen Hausgenossen des Schwarzen eigenen gemüthlichen Humor laufen Hund und Rind, Schaf und Ziege bellend, brüllend, blökend, meckernd und gelegentlich Gras abweidend, ihren Weg mit Freund und Feind.

Endlich wird das Duar erreicht. Laut und freudig erschallt schon aus dem Innern das gellende Willkommen der Weiber, laut ertönen die Segenssprüche, die Willkommenrufe der männlichen Stammgenossen. Nun suchen auch Augen mit wilder Sehnsucht Angehörige, sie erschauen aber nur Kameele, entweder leer oder – wenn der Weg nicht zu lang – große mit blutfleckigen Ferdas umschlungene Pakete tragend, Pakete, aus denen ekler Todtengeruch hervordringt und über denen Milane und Aasgeier kreisen. Es sind die Körper der beim Ueberfall getödteten Nomaden. Da bricht denn lautes Klaggeschrei aus und „o mein Häuptling, o mein Herr, o Löwe, o Panther, o Stier, o Kameel meines Hauses!“ schallt es ohne Aufhören, heulend, plärrend und wimmernd in die stille Steppe hinaus, bis das Grab die gefallenen „Helden“ umfängt. Die wilden Kriegsleute schwingen sich von den Dromedaren, werfen das Lockenhaar zurück, herzen ihre Kleinen, wechseln Handkuß und traute Reden mit den Eltern, Geschwistern, verliebte Worte mit ihren Mägdelein, welche wohl züchtig erröthend die Zipfel eines schmutzigen Umhängetuches vor das Antlitz ziehen. Die vor Kurzem noch entmenschten Beduinen werden wieder zu Menschen. Sie lösen die Fesseln ihrer Gefangenen, streichen, ölen oder schröpfen die geschwollenen Glieder derselben, theilen ihnen von ihrer dürftigen Mahlzeit mit und verschachern dann unter sich die ganze schwarze

[345]
Die Gartenlaube (1872) b 345.jpg

Ueberfall eines Negerdorfes durch Beduinen.
Nach einer Originalskizze R. Hartmann’s auf Holz übertragen von H. Leutemann.

[346] Beute. Entweder nun bleiben die geraubten Denka Knechte ihrer Sieger oder sie werden an durchziehende Händler verkauft, um vielleicht als Verschnittene, auch als einfache Diener, in die Harems von ägyptischen und türkischen Herren zu wandern oder als Soldaten in die Monturen gesteckt zu werden. Immer erwartet sie dann ein günstigeres Loos, als die rohe und rücksichtslose Behandlung bei ihrer Einfangung und beim Transport zum Duar erwarten ließ. Denn der Sclave ist im Orient mehr ein Kind im Hause, der Soldat in Aegypten ist nicht zum Schlimmsten daran.

Laßt nun die Reiter auf abyssinischen Pferden sitzen, statt der langen Locken feine Haarzöpfe, statt der Ferdas weitärmlige Hemden tragen, statt des Schwertes eine Lanze führen, so habt Ihr die Bagara-Beduinen, welche in ganz ähnlicher Weise die Schillukneger des weißen Nil bekämpfen und berauben, Neger, die den Denka übrigens sehr nahe stehen.

R. Hartmann.


Pariser Bilder und Geschichten.
Die kleinen Rentiers.
Von Ludwig Kalisch.

In Paris, der thätigsten Stadt der Welt, bilden die verschiedenen Classen der Nichtsthuer einen höchst anziehenden Gegenstand der Beobachtung. Wie es nämlich in Paris unzählige Thätigkeiten giebt, so giebt es hier auch unzählige Arten, die Zeit todtzuschlagen. Ich will nicht von den Millionären sprechen, die doch schon durch die Verwaltung ihrer Millionen, durch die vielfachen Ansprüche, welche die Gesellschaft an sie macht, zu einer gewissen Beschäftigung gezwungen sind, noch von dem losen Gesindel, das aus Arbeitsscheu sich den Lebensunterhalt nöthigenfalls mit langen Fingern aus den Taschen der Unvorsichtigen holt, sondern von den vielen kleinen harmlosen Rentiers, die nur ein paar Mal im Jahre einige Coupons abzuschneiden haben, und die zwar sorgenlos leben können, aber an nichts Ueberfluß besitzen, als an Zeit.

Diese Rentiers bestehen großentheils aus Leuten, die sich in reiferem Mannesalter von den Geschäften zurückgezogen, aus Specereikrämern, die während ihrer gewürzreichen Laufbahn sich mancherlei kleine Freiheiten ihren Kunden gegenüber erlaubten, das dickste Papier zu den Düten verwendeten, kleine Kieselsteinchen unter die Kaffeekörner mischten, und öfter als billig war der Wageschale einen geheimen Stoß versetzten, damit die Waare schwerer scheine als das Gewicht, das oft viel leichter war, als es hätte sein sollen. Neben den Krämern müssen hier die kleinen Restaurateure genannt werden. Diese wußten sich ebenfalls während ihrer Geschäftsthätigkeit mit ihrem nicht schwer zu beschwichtigenden Gewissen abzufinden. Sie suchten die Leichtgläubigkeit ihrer Kundschaft mit Hülfe jesuitischer Saucen so viel wie möglich auszubeuten. Sie setzten derselben Hasenpfeffer vor, in welchem so viel Pfeffer und so wenig Hase war, daß der scharfsichtigste Gast nicht sehen konnte, wo der Hase im Pfeffer lag; Kaninchen-Ragouts von solchen Kaninchen, die noch vor Kurzem auf den Dächern der Nachbarschaft miaut hatten, und Fische, die schon mehrere Tage, bevor sie aufgetischt, den Geist aufgegeben hatten. Sehr zahlreich sind auch unter diesen Rentiers die zurückgezogenen Marchands de vin vertreten, die Weinwirthe nämlich, die in niederen Kneipen ihren Kunden niemals reinen Wein einschenkten und, wenn sie Wasser in den Wein gossen, weniger den Wein als das Wasser verdarben.

Diese und noch viele andere Classen haben ein paar Jahrzehnte unablässig gearbeitet, in der Absicht, einige Jahrzehnte gemüthlich von den Strapazen ausruhen zu können. Sie wählen sich, sobald sie ihre Absicht erreicht haben, eine Specialität des Nichtsthuns, je nach ihrem Geschmack, nach ihrer geistigen Befähigung, nach ihrer Gemüthsbeschaffenheit, oder wie es ihnen gerade der Stadttheil erlaubt, in welchem sie wohnen.

Es giebt unter ihnen solche, die blos die freudigen Ereignisse aufsuchen. Sie fehlen niemals bei Trauungen in oder vor den Kirchen, wo sie das geschmückte Brautpaar und dessen Sippe betrachten, sich nach den Vermögensverhältnissen und dem Leumund der betreffenden Familien sorgfältig erkundigen, als ob ihr eigenes Interesse mit im Spiele wäre. Nach vollzogener Trauung begeben sie sich wohl auch in die Sacristei, um den Neuvermählten und deren Eltern die Hand zu drücken und für die lebhaften Glückwünschungen den Dank der Betheiligten entgegenzunehmen. Da in Paris die kirchlichen Trauungen besonders zahlreich an Sonnabenden stattfinden, so freuen sich diese Nichtsthuer auf den letzten Tag der Woche, wo sie ein halbes Dutzend Brauthände in die ihrigen nehmen und unter heißen Theilnahmsversicherungen rütteln und schütteln können.

Es giebt Andere, deren melancholischem Temperamente die freudigen Ereignisse widerstreben, und die deshalb in traurigen Ereignissen ihre Zerstreuung suchen. Sie fehlen bei keiner Beerdigung in ihrem Stadtviertel. Sie stellen sich bei den Familien ein, die von einem Todesfall heimgesucht worden, äußern ihre Beileidsbezeigung durch Händedrücke nach rechts und links, fahren sich auch wohl mit dem Schnupftuch über die Augen, steigen dann in einen der Leichenwagen, lassen sich gemüthlich von den schwarzen Pferden nach dem Kirchhofe ziehen und nach beigewohnter Bestattung wieder in ihren Stadttheil zurückführen.

Für eine große Anzahl dieser Rentiers ist der tägliche Besuch der „Morgue“ eine Hauptzerstreuung. Die Morgue ist, wie die meisten meiner Leser wissen, das am östlichen Ende der Cité-Insel befindliche Gebäude, wo die in der Seine oder auf öffentlicher Straße gefundenen Leichen von Personen ausgestellt werden, die bereits unkenntlich geworden, oder deren Identität nicht ermittelt werden kann. Diese Leichen bleiben nun volle zweiundsiebzig Stunden auf marmornen Tischen hinter Glasthüren den Blicken des Publicums ausgesetzt. Die Kleider jedes dieser Unglücklichen, die entweder Opfer des Meuchelmords, oder eines grausamen Zufalles sind, am häufigsten aber Selbstentleibung verrathen, sind über jedem der erwähnten Tische aufgehängt, so daß die Angehörigen, selbst wenn die Leiche ganz unkenntlich geworden, die Identität derselben leicht daran finden können. Es werden in dieser düstern Anstalt jährlich an sechshundert Leichen ausgestellt, und man kann sich leicht denken, welche herzzerreißende Scenen hier stattfinden. Gar Mancher, der die Morgue besucht, um seine öde Neugierde zu befriedigen, hat hier die Leiche seines Bruders, seines Vaters, oder irgend eines theuern Verwandten oder Freundes gefunden. Derartige Scenen veranlassen, bei der Gutmüthigkeit und Gesprächigkeit der Pariser Bevölkerung, stundenlange Unterhaltungen, die einem fixen Romanschreiber unerschöpflichen Stoff bieten.

Für die Classe der Nichtsthuer, die eine Hauptzerstreuung in heftigen Emotionen suchen, bildet auch der Platz Roquette, wo die Hinrichtungen stattfinden, einen gewaltigen Anziehungspunkt, und es giebt in dieser Classe gewiß Viele, denen es nicht unangenehm wäre, wenn das furchtbare Blutgerüste dort wenigstens ein paar Mal wöchentlich aufgerichtet würde. Bei der Hinrichtung des Arztes Lapommeraie sah ich auf dem genannten Platze eine Gruppe Männer, die viel über das Benehmen der Verurtheilten unmittelbar vor der Vollziehung des furchtbaren Actes plauderten. Der Eine sprach vom Priester Verger, dem Mörder des Erzbischofs von Paris, und äußerte dabei seinen Unwillen über die Feigheit, die dieser Verbrecher vor seiner Hinrichtung verrathen. Man mußte ihn vom Lager reißen, auf’s Schaffot schleppen und so sehr war sein Gesicht durch die Todesangst verzerrt, daß ihm der Mund ganz schief stand. Ein Anderer citirte als lobenswerthes Gegentheil das ruhige und gefaßte Benehmen Orsini’s, der mit festen Schritten das Blutgerüst betrat, ohne eine Miene zu verziehen der Hinrichtung seines Landsmanns und Mitschuldigen Pieri zusah und dann selbst sein Haupt unter das Fallbeil legte. Ein kleines altes Männchen in der Mitte der Gruppe erzählte dann von dem kalten gleichgültigen Betragen einer Frau vor ihrer Hinrichtung, und als ihm einer der Anwesenden widersprechen wollte, sagte er, indem er behaglich eine Prise nahm: „Mein Herr, seit zweiunddreißig Jahren wohne ich den Hinrichtungen regelmäßig bei; ich habe keine einzige derselben verfehlt und darf mir wohl ein Urtheil erlauben.“ Die Uebrigen betrachteten nun den Alten mit einer gewissen Bewunderung.

[347] Den kleinen Rentiers, die vor blutigen und erschütternden Scenen zurückschrecken, bieten gar manche Anstalten unentgeltliche Zerstreuung. Die von ihnen am häufigsten besuchte Anstalt ist das Hôtel des Ventes, das Versteigerungshaus, dem ich in diesen Blättern bereits eine ausführliche Besprechung gewidmet habe. Einige gehen in die Versteigerungssäle, lassen sich Kataloge zustellen, notiren sich die erzielten Preise und geberden sich wohl auch als Steigerer, indem sie dann und wann mitbieten, ohne sich natürlich der Gefahr auszusetzen, daß man ihnen den Gegenstand zuschlage. Die Meisten scheuen jedoch das Gedränge in den Sälen und pflanzen sich auf die Bänke in den langen Corridors hin, wo sie stundenlang kannegießern und mit einander ihre Gedankenlosigkeit austauschen. Da wird nun viel über den Exkaiser, über Sedan, über die Belagerung von Paris, über die Commune, über Felix Pyat, über den Grafen von Chambord, über Thiers und Gambetta gesalbadert, bis der leere Magen sie zur Trennung mahnt.

Ein Hauptanziehungspunkt für diese Leute bildet die Börse. Es war einst für dieselben ein eben so unerwarteter als harter Schlag, als Herr Haußmann den Eintritt in das Börsengebäude nur gegen Entrichtung eines Frankenstücks gestattete. Durch diese grausame Eintrittsgebühr hatte der Seinepräfect imperialistischen Andenkens einen schönen blühenden Zweig der Unthätigkeit geknickt, und die kleinen Rentiers irrten in den ersten Nachmittagsstunden mit dem obligaten Regenschirm unter dem Arm trostlos auf dem Börsenplatz umher, wehmuthsvoll die Pforten des Heiligthums betrachtend, aus denen ihnen die holden Stimmen der Wechselagenten in die Ohren drangen. Glücklicherweise kam der allmächtige Haußmann bald auf andere Gedanken. Die Eintrittsgebühr wurde wieder aufgehoben und seitdem steht der Börsentempel gleich andern Tempeln allen Sterblichen offen.

Man findet unter den kleinen Rentiers gar Viele, denen sowohl die erschütternden als die geräuschvollen Zerstreuungen zuwider sind. Sie suchen daher die stillen Stätten der Wissenschaft auf, wo sie vor jeder heftigen Gemüthsbewegung geschützt sind. Man sieht sie in den öffentlichen Bibliotheken, in den Hörsälen der Sorbonne und des Collége de France, wo es sich ganz vortrefflich schlafen läßt. Besonders gern suchen sie diese Säle im Winter auf, da die Heizung in denselben nichts zu wünschen übrig läßt. Einer dieser kleinen Rentiers, ein zurückgezogener Kautschukgaloschenfabrikant, der in den Hörsälen aller Facultäten geschlafen, versicherte mir ganz naiv, daß es sich in den Collegien der theologischen Facultät am süßesten schlummern lasse, und daß er dort täglich nach genossenem Frühstück in Morpheus’ Arme sinke und in denselben während der Vorlesungen ununterbrochen verharre. Andere suchen denselben Zweck in heiligen Stätten zu erreichen. Sie begeben sich in die Kirchen, postiren sich dort in einem dunkeln Winkel und verlassen denselben erst, nachdem sie einen großen Theil des Nachmittags verduselt. Nicht Alle indessen schlafen still und ruhig, und ich habe einige Individuen gekannt, denen man in den Bibliotheken und in den Hörsälen die Gastfreundschaft aufkündigte, weil ihr vorlauter Schlaf die Wachenden auf’s Unangenehmste belästigte.

Es giebt kleine Rentiers, die sich die Zeit durch zoologische Belustigungen vertreiben. Sie füttern täglich die Tauben und die Spatzen im Tuilerieengarten und sorgen auch dafür, daß die Goldfische im dortigen Bassin nicht leer ausgehen. Nach diesem glücklich vollbrachten Tagewerk suchen sie mit peripatetischen Schritten wieder ihre Wohnung auf.

Diese Classe der Thierfütterer ist besonders im Pflanzengarten stark vertreten, wo so viel wildes und zahmes Vieh in Pension lebt. Die beliebtesten Pensionäre sind die Bären. Der Bär ist unter den Bestien ungefähr das, was der Philister unter den Menschen ist. Petz ist schwerfällig, und die Schwerfälligkeit giebt ihm einen Schein von Gutmüthigkeit So sauer ihm das Tanzen wird, so tanzt er doch, wenn es einmal sein muß, nach jeder Pfeife, läßt sich gar leicht einen Maulkorb anlegen und hat eben so viel Grazie als stolzes Selbstbewußtsein. Der Bär ist der Liebling des Philisters, und ich glaube, daß er diesen als einen zweibeinigen Mitbären betrachtet. Mancher kleine Rentier, der während der Pariser Belagerung die Bären nicht mehr speisen konnte, weil diese selbst verspeist waren, ist vielleicht an Gemüthskrankheit gestorben. Und bei dieser Gelegenheit muß ich einer andern Species der kleinen Rentiers erwähnen, derjenigen nämlich, welche täglich die im Bau begriffenen Bauten beobachten, den Fortgang derselben loben oder tadeln und lange Unterhaltungen mit den Arbeitern anknüpfen. Jeder dieser Rentiers pflegt seine Aufmerksamkeit gewissen Bauten zuzuwenden. Das beschäftigt ihn eine geraume Zeit, und man behauptet, daß, wenn diese Bauten endlich aufgeführt sind, der Rentier, der nun nichts mehr zu beobachten hat, in Schwermuth verfällt und wohl auch lebensgefährlich erkrankt. Unter der vieljährigen Selbstherrschaft Haußmann’s, der ganze Stadttheile in Paris niederreißen und wieder aufrichten ließ, fehlte es dieser Classe der Nichtsthuer niemals an Zerstreuung; seit dem letzten Kriege werden in Paris wenig Neubauten aufgeführt; es werden blos theilweise die Ruinen ausgeflickt, welche das Petroleum der Communards als Andenken hinterlassen.

Daß die verschiedenen Jahreszeiten auf die Nichtsthuerei der kleinen Rentiers einen gewissen Einfluß ausüben, versteht sich von selbst. Im Winter suchen sie ihre Zerstreuungen in den geheizten Räumen auf, während der schönen Jahreszeit unter freiem Himmel. Die Hauptzerstreuung bildet dann die Angelruthe. Sie sitzen stundenlang unbeweglich am Seineufer, den Blick auf den Korkstöpsel und dessen geringste Zuckungen gerichtet, und harren auf die Ankunft eines Gründlings, der dumm genug wäre, Freiheit und Leben bei dem verlockenden Anblick eines Regenwurmfragments auf’s Spiel zu setzen. Es giebt Tage, wo kein einziger Gründling diese Dummheit begeht, und der Angler, nachdem er nichts aus der Fluth gezogen, als eine alte Schuhsohle oder einen Fetzen von einem baumwollenen Schnupftuch, seine sieben Sachen einpackt, um am folgenden Tage wieder dieselbe Täuschung zu erleben.

Bei Weitem die meisten unter den kleinen Pariser Rentiers gehören zu den Flaneurs. Sie verlassen täglich ihre Wohnung, ohne irgend ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, und durchschlendern die Straßen in der Absicht, irgend eine Beschäftigung für ihre müßige Neugierde zu finden. In den Pariser Straßen ereignen sich aber immer Scenen, die wenigstens einige Minuten die Aufmerksamkeit fesseln können. Wer Geist und Beobachtungsgabe besitzt und sich auf’s Flaniren versteht, wird aus dem Pariser Straßenleben mehr lernen als aus vielen dickleibigen Büchern. Sokrates war nichts Anderes als ein Flaneur. Und wer von den thätigsten Menschen unserer Epoche darf sich einbilden, daß die Nachwelt so lange von ihm sprechen werde wie von dem Sohne des Sophroniskus? Freilich giebt’s unter den kleinen Pariser Rentiers keinen Sokrates; indessen habe ich doch einen unter ihnen gekannt, der während einer langen Reihe von Jahren jeden Abend aufzeichnete, was er während des Tages auf den Straßen der Weltstadt gesehen und gehört. Seine Tagebücher waren zu einem ansehnlichen Umfange angeschwollen und enthielten sehr viel Bemerkenswerthes.

Die Abende verbringen die kleinen Rentiers in den Kaffeehäusern beim Dominospiel. Sie ereifern sich bei demselben so sehr, daß man glauben sollte, sie hätten ihr ganzes Vermögen eingesetzt, während sie doch nur stundenlang um eine Tasse Kaffee spielen. Wenn Einer von ihnen mit einem Doppelsechser sitzen bleibt oder den seines Gegners absperrt, so liefert dies Ereigniß den Stoff zu unendlichen Discussionen und zu dem heftigsten Geklapper mit den Dominosteinen. Man verbiete diesen Leuten das Dominospiel, und diese Entbehrung würde ihnen das Herz brechen.

Ich weiß nicht, wie groß die Zahl dieser kleinen in Paris lebenden Rentiers ist; sie ist indessen sehr groß. Man hat die Bemerkung gemacht, daß sie ein hohes Alter erreichen, während diejenigen, die, nachdem sie sich von den Geschäften zurückgezogen, Paris verlassen und auf das Land oder in kleine Städte übersiedeln, um so schneller sterben, je größer die Tätigkeit gewesen, zu denen sie durch ihr früheres Geschäft gezwungen waren. Die zurückgezogenen Pariser Gast-, Wein- und Kaffeewirthe erfreuen sich gewöhnlich keines langen Lebens auf dem Lande oder in den Provinzialstädten. Und das ist auch der Grund, warum so Viele der genannten Classe es vorziehen, in Paris zu bleiben und sich mit ihrer kleinen Rente einzuschränken; sie denken, es sei viel vernünftiger, mit einer kleinen Rente in Paris zu leben, als auf dem Lande zu sterben.




[348]
Blätter und Blüthen.


Unsere Landsleute in Frankreich. Unmittelbar aus einer in Paris stationirten Gesandtschaft erhalten wir folgende Zuschrift:

„Der Unterzeichnete beehrt sich, seinen verehrten Landsleuten Nachstehendes mitzutheilen:

Der Hutmacher Leo Grünebaum, genannt Léon, wohnhaft zu Paris, Rue Neuve St. Augustins 71, bairischer Staatsangehöriger, hatte vor Ausbruch des Krieges ein sehr bedeutendes Geschäft. Wie alle übrigen Deutschen aus Paris ausgewiesen, wurde ihm während des Waffenstillstandes im März 1871, unter der fälschlichen Angabe, er wäre während des Krieges Zahlmeister in der bairischen Armee gewesen, der Laden zerstört. Nach dem Friedensschlusse eröffnete er sein Geschäftslocal wieder und wenn er auch den größten Theil seiner französischen Kundschaft einbüßte, so wird er wenigstens durch einen desto größeren Zuspruch der hiesigen Deutschen entschädigt. Vor einigen Tagen ward Léon von einem seiner früheren Kunden, der im Grand Hôtel, Boulevard des Capucines, logirt, dorthin bestellt. Léon, der früher dort täglich ein- und ausging, wurde von dem Inspector des Grand Hôtel mit den Worten abgewiesen: ‚Deutschen Verkäufern ist und bleibt von nun an der Eintritt in’s Grand Hôtel untersagt.‘ Herrn Léon wurde darauf hin von competenter Seite gerathen, die Sache alsbald vor das Friedensgericht seines Arrondissements zu bringen. Der Inspector wurde vorgeladen, und lautete der Bescheid des Friedensrichters natürlicher Weise dahin, daß Ersterer kein Recht habe, einem deutschen Verkäufer den Eintritt in sein Hôtel zu verweigern, wenn derselbe von einem dort logirenden Fremden verlangt würde, und daß bei einem Wiederholungsfalle der Inspector für den erlittenen Schaden haftbar sei. Wüthend schrie hierauf der doch vor deutschen Gästen katzenbuckelnde Inspector: ‚Wohlan, ich lasse dann, wenn Léon wieder in’s Grand Hôtel kömmt, ihn von zwei Aufwärtern begleiten, wie einen deutschen Dieb.‘

Der Unterzeichnete, dem dieser Vorfall mitgetheilt wurde, glaubte, daß der Herr Inspector auf eigene Faust handle; er hat aber inzwischen vernommen, daß die beiden Inspectoren zu ihrer deutschfeindlichen Haltung angewiesen seien, daß die Verwaltung des Hôtels keinen deutschen Kellner mehr anstellt, ja, daß dieses Hôtel das erste in Paris war, das noch vor der allgemeinen Ausweisung der Deutschen seine deutschen Angestellten alle auf die Straße setzte. Unter diesen Umständen glaubt der Unterzeichnete, daß es der Würde aller deutschen Reisenden angemessen sei, dieses Hôtel wie ein von der Pest angestecktes zu meiden, und mögen vor Allem unsere deutschen Fürsten bei allenfallsigem Besuch in Paris hier mit gutem Beispiel vorangehen. Solche deutschfressende Geschäftsleute, deren es hier noch andere giebt, werden nur dadurch zur Einsicht ihres thörichten Gebahrens gebracht, daß man sie mit gleicher Münze bezahlt.

Paris, 4. Mai 1872.

Dn.“

Daß natürlich nicht alle Franzosen von solchem fanatischen Hasse gegen Deutschland erfüllt sind, bedarf kaum der Versicherung. Trotzdem sind hierüber auch diesseits des Rheins da und dort die irrigsten Anschauungen verbreitet und darum theilen wir im Anschluß an den vorausgegangenen Fall gerne noch ein Vorkommniß aus Lyon mit, welches – gerade weil es aus der Stadt gemeldet wird, die am meisten in dem Geruche des widersinnigsten Deutschenhasses steht – auch am meisten unsere Beachtung verdient.

Die Leser der Gartenlaube erinnern sich vielleicht noch, daß im September und October vorigen Jahres die deutschen Journale Genugthuung verlangten für einen Act brutaler Rohheit, welcher gegen einen Landsmann, gegen den in Lyon ansässigen Kaufmann Jahr, vom Pöbel verübt worden war. Man hatte in Folge der Aufreizungen des berüchtigten Schandblattes „Anti-Prussien“ die Spiegelscheiben seines Schaufensters eingeschlagen und erst den eindringlichen Reclamationen des in Glauchau lebenden Vaters des Beschädigten beim Bundeskanzleramt, sowie Vorstellungen des Betroffenen selbst beim deutschen Gesandten in Paris gelang es, ein Verbot des Blattes herbeizuführen.

Seitdem blieb Jahr allerdings unangefochten, aber mehr noch, gebildete Einwohner von Lyon selbst suchten, soweit es eben ihnen möglich war, das Geschehene wieder gut zu machen, und drückten rückhaltlos ihren Unwillen über das Gebahren und über die Brutalität des aufgeheizten Pöbels aus. Man hat uns den Brief, in welchem Jahr diese Thatsachen meldet, freundlich mitgetheilt und wir heben folgende Stelle aus ihm heraus:

„Noch immer wie früher kommen die Anständigen, die Gebildeten unter den Einwohnern, bei uns zu kaufen. Ja, neulich besuchten uns sogar drei Franzosen, welche noch nie bei uns gekauft hatten, und frugen, ob wir die Deutschen wären, welche man so schlecht behandelt hätte. Auf unser Bejahen sagte der Eine: ‚Wir kommen aus diesem Grunde, um bei Ihnen zu kaufen; Sie können versichert sein, daß Sie uns stets zu Kunden haben werden.‘ Damit kaufte er gleich für achtundsechszig Franken. Der Zweite kaufte eine Meerschaumpfeife für neunundzwanzig Franken und bezahlte, ohne ein Wort zu sagen, den ausmarkirten Preis. Doch bevor er hinausging, sagte er: ‚Sie kennen mich noch nicht. Doch daß mehrere meiner unverständigen Landsleute Sie so schlecht behandelt haben, führt mich hierher; ich werde zugleich mit meinen Bekannten mich stets Ihrer bedienen.‘ Ein Dritter endlich kaufte eine Pfeife und wünschte, daß wir selbst ihm eine aussuchten, die leicht anrauchbar wäre. ‚Denn,‘ meinte er, ‚ich verstehe nichts davon, da ich niemals rauche. Ich kaufe die Pfeife nur, um Ihnen etwas zuzuwenden. Sie können versichert sein, daß meine Freunde und Bekannte alle zu Ihnen kommen, damit Sie ein wenig entschädigt werden. Es hat uns Alles, was geschehen, sehr leid gethan; doch vermochten wir daran so wenig etwas zu ändern, als ich oder Sie für den Krieg verantwortlich gemacht werden können.‘“




Die Mutter Gottes unter dem Hammer. Freunde unseres Blattes in Bamberg schicken uns zur theilweisen Ergänzung unseres neulichen Artikels über das Muttergottesdorle den Abdruck einer vom 22. April datirten amtlichen Anzeige ein, aus welcher in der That hervorgeht, daß die wunderthätige Muttergottesstatue, wie jener Artikel in Aussicht stellte, unter den Hammer kommen, d. h. daß sie „Montag den 13. Mai“ von Amts- und Obrigkeitwegen zugleich mit dem gesammten „Mobiliarnachlaß der in Bamberg verlebten ledigen Dorothea Gabler (genannt Muttergottesdorle) gegen sofortige Baarzahlung öffentlich an den Meistbietenden versteigert werden soll“. Interessant ist nun das Verzeichniß aller der Dinge, die zu dem „besagten Nachlaß“ gehören, nämlich: eine Muttergottesstatuette mit Glasschrank, dreiundzwanzig Glasgehäuse mit Wachsfiguren, hundertfünfunddreißig Votiv- und Heiligenbilder, eine Partie Wachskerzen und Opferwachs, drei Colliers von Gold, vierundzwanzig goldene Brochen, ein Faussemontre mit goldener Kette, zwei silberne Ketten, ein silbernes Armband, fünf Paar goldene Ohrringe, vier goldene und drei silberne Fingerringe, fünf goldene Kreuzchen, ein Reliquienglas, siebenzehn Opfermünzen etc. – also der ganze Apparat, wie er an sogenannten „Gnadenorten“ und vor besonders wunderthätigen Marien- und Heiligenbildern, namentlich Süddeutschlands, zu finden und vor Allem aus den Taschen der ungebildeten und ärmeren Bevölkerung herausgeholt und angehäuft ist. „Auf besonderen Antrag der Erben“ wird von dem die Bekanntmachung erlassenden Notar „noch bemerkt, daß die obenerwähnte Muttergottesstatuette in weiten Kreisen als sogenanntes ‚Gnadenbild‘ bekannt ist. Dieselbe war notorisch seit vielen Jahren Gegenstand einer besonderen Verehrung nicht blos von Seite vieler Einwohner der Stadt Bamberg und Umgegend, sondern auch von Seite anderer Personen aus weiter Ferne.“

Die „Erben“ des Muttergottesdorle scheinen also mit der „Muttergottesstatue“ noch ein besonderes Geschäft machen zu wollen, das ihnen die bisherigen Verehrer des Bildes schon darum nicht gönnen werden, weil doch ihre Absicht, das ganze Wunderwerk unter den gemeinen Hammer eines Auctionators zu bringen, auf wenig genug religiösen Sinn schließen läßt. Wir sind nun begierig, wer sich das Gnadenbild ersteigert und zu welchem Preise es zugeschlagen werden wird. Ob es auch unter anderen Händen, als denen des Muttergottesdorle noch Wunder thun wird? Am meisten hat übrigens die Geistlichkeit der fränkischen Bischofsstadt den Tod des Muttergottesdorle zu beklagen. Denn dieses hat sparsam und dürftig gelebt, dafür aber, wie man uns jetzt positiv schreibt, sechs Kirchen der Umgegend reich geschmückt und schließlich dem Domcapitel nicht mehr und nicht weniger als vierzigtausend Gulden vermacht. Nun, die Kirche hat einen guten Magen und um solchen Preis kann auch der Herr Erzbischof in Bamberg ein Auge zudrücken, wenn sich in einer bisher ganz obscuren Dachkammer plötzlich Wunder ereignen, die so staunenswerth sind, daß sie – das Unglück haben, von Vielen für Schwindel gehalten zu werden.




Noch einmal der Ordensschwindel. Aus Anlaß unserer neulichen Notiz in Nr. 16 der Gartenlaube hat sich ein Leser unseres Blattes in Oesterreich Scherzes halber an die damals mitgetheilte Adresse gewandt und hat darauf von dem löblichen Ordensvermittler folgenden Brief erhalten. Derselbe lautet wörtlich:

„Ew. Wohlgeboren! In aller Kürze wegen des ungeheuern (!) Andranges die Mittheilung, daß Sie erhalten können Commandeurkreuze (Stern auf der Brust, und Commandeurkreuz um den Hals zu tragen) zusammen für sechstausend Thaler von den Staaten (Spanien, Portugal, Tunis). Ritterkreuze für viertausend Thaler der obigen Staaten. – Ritterkreuze vom König von Italien, und die ‚Italienische Krone‘ für fünftausend Thaler. – Wenn Ew. Wohlgeboren auf diese Decorationen reflectiren sollten, bin ich bereit, es zu veranlassen. Das Geld wird bei Abschluß bei einem hiesigen ersten Banquier der Art deponirt, daß es mir bei Uebergabe des Diploms ausgezahlt wird.

Antwort erbitte R. B. Berlin. Postexpedition Nr. 35 restante.

Beigefügt mag noch werden, daß der industriöse Ordensvermittler am Kopfe seines Briefes einen Namensstempel führt, der in grüner Farbe die verschlungenen Lettern „R. B.“ zeigt und von einer siebenfachen Perlenkrone überragt ist. Der Briefschreiber giebt sich also für einen Freiherrn aus. Der Brief selbst bedarf nach unserer neulichen Notiz keiner weiteren Bemerkung; wissen möchten wir nur, ob Herr R. B., wenn er von den ihm zufallenden Spesen sechs- oder fünftausend Thaler beisammen hat, sich wohl auch einen tunesischen Orden kaufen oder ob er nur diejenigen Gimpel auslachen wird, welche ein so schönes Sümmchen aus Eitelkeit und Dummheit zum Fenster hinaus- und – wenigstens theilweise – ihm in den Schooß geworfen haben. Sollte es nicht möglich sein, diesem freiherrlichen Herrn R. B. auf die Spur zu kommen?




Thumann’s Luthertrauung. Aus dem Directorium der „Verbindung für historische Kunst“ empfangen wir bei Gelegenheit einer brieflichen Zuschrift auch folgende interessante Mittheilung: „In Beziehung auf das Thumann’sche Bild ‚die Trauung Luther‘s[WS 2] freut es mich, Ihnen mittheilen zu können, daß es einen wahrhaften Triumphzug durch Deutschland macht. Wo es nur ausgestellt wird, wallfahrtet man förmlich nach dem Bilde. Es ist das eine schöne Genugthuung für die Kränkungen, welche der Künstler in Weimar erfahren. Noch nie hat uns ein Bild so viel Noth gemacht, denn jeder Berechtigte will das Bild zuerst haben.“




Kleiner Briefkasten.


K. M. in L. Wir freuen uns, Ihnen mittheilen zu können, daß auf die Notiz in Nr. 16 unseres Blattes verschiedene theilnehmende Zuschriften eingingen, die uns rasch in den Stand setzten, dem blinden und tauben Lehrer Förster in Stendal an sechzig Thaler zu übersenden.

M. W. in W. Den Brief an Frau Adam erhalten und besorgt.

M. M. in Halberstadt. Sehr gern, aber nur unter Nennung Ihres Namens, der wenigstens der Redaction bekannt sein muß.

Ar. Deze in Lützen. Wir bitten um Ihre Adresse behufs Remmission der Photographien.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. In der Einleitung zu dem von uns in Nr. 1 des Jahrgangs 1871 der Gartenlaube abgedruckten Artikel über inner-afrikanische Antilopenjagden ist die Angabe enthalten, der rühmlichst bekannte Afrika-Reisende Dr. G. Schweinfurth habe dem Verfasser die Materialien zu jener Darstellung geliefert. Allein diese Angabe beruht auf einem redactionellen Versehen, da Dr. Schweinfurth dem Verfasser zwar schätzenswerthe Notizen über Mancherlei mitgetheilt, übrigens aber mit jener früheren Darstellung nichts zu thun hat. Dieselbe ist vielmehr den Tagebüchern des Verfassers und des Dr. Th. Kotschy entnommen.
    D. Verf.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: (Ph O5)
  2. Vorlage: Luthers‘