Die Gartenlaube (1877)/Heft 26

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[429]

No. 26.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Im Himmelmoos.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


„So – und wo wäre denn da die Schand’?“ rief der Alte und fuhr sich über das schlohweiße Haar.

„Wißt Ihr denn nicht, daß ich mich mit Eurem Sohne, dem Wildel, versprochen hab’? Daß er mein Schatz ist und ich der seinige? Glaubt Ihr, daß man das so glatt ausstreichen kann, wie wenn man mit einem nassen Schwamm über eine Tafel fährt? Daß man das Herz im Leibe umwenden kann, wie wenn man einen Handschuh umkehrt? Aber,“ fuhr sie abbrechend in milderem Tone fort, „für was ereifr’ ich mich denn! Es kann ja doch Euer Ernst nit sein – Ihr wollt mich nur auf die Prob’ stellen; Ihr wollt, ich soll Ja sagen, damit Ihr dann zu Eurem Sohn hingeh’n und sagen könntet: ‚da siehst Du, wie’s mit ihrer Lieb’ und Treu’ beschaffen ist; sie hat nichts von Dir gewollt, als die reiche Bäu’rin zu werden, und wie sie geseh’n hat, daß sie das auch ohne Dich erreichen kann, hat sie sich nicht besonnen und hat zugelangt …’“

„Ach was, das ist lauter dummes Zeug,“ antwortete der Bauer mit eigenthümlichem Lachen. „Der Bub’ muß eben eine Andere heirathen und seh’n, wo er einen Unterstand kriegt, und Du mußt Dir halt die Geschicht’ aus dem Sinne schlagen, und das wird Dich so schwer nicht ankommen, wenn Du nur erst Himmelmooserin bist. Und dann, wer weiß, ob ich nicht ein besseres und ein älteres Recht auf Dich hab’, als der Bub’ und wenn er zehnmal Dein Schatz ist.“

„Ihr ein Recht? Ihr auf mich ein Recht? Und wie wolltet Ihr dazu kommen?“

„Hör’ mir einmal zu und verlier’ die Geduld nit, wenn ich auf eine lange Zeit zurückgehen muß! Ich will Dir eine Geschicht’ erzählen. – Es wird so um die zwanzig Jahr’ herum sein,“ fuhr er dann nach kurzem Besinnen fort, „ja, ja, es ist schon so; zu Laurenzi hat sich’s wieder gejährt – es sind also jetzt volle zwanzig Jahr’, daß meine Bäu’rin gestorben ist. Sie ist ein gutes Weib gewesen – der Herr geb’ ihr eine fröhliche Urständ dafür! – wir haben miteinander gelebt wie die Kinder, und wenn sie bei mir hätt’ bleiben dürfen, wär’ vielleicht Manches anders, als es jetzt geworden ist. Sie ist sanft gewesen wie die gute Stund’, aber wenn’s darauf angekommen ist, hat sie das Herz und die Zung’ auf dem rechten Fleck gehabt. Die hitzige Krankheit hat aber nit darnach gefragt, wie nothwendig sie für das Haus gewesen ist und für mich: sie hat fort gemüßt und hat mich allein zurückgelassen mit dem Buben, der noch keine drei Jahrln alt gewesen ist und noch nit gewußt hat, was eine Mutter ist. Sie haben mir bald von allen Seiten zugered’t, ich sollt’ wieder heirathen, aber es hat mich nichts getrieben; die Judika, die eine gute Freundin gewesen ist von meiner Alten, hat die Wirthschaft besorgt und den Buben dazu; ich habe auch schon meinen guten Vierziger auf dem Rücken gehabt und hab’ gedacht, eine solche, wie meine Erste gewesen, krieg’ ich doch nit wieder, und so hab’ ich mir nichts einreden lassen und bin Wittiber geblieben.“

Er war bisher gebückt, die Hände um die Kniee faltend, dagesessen und hatte, wie mit sich selber sprechend, vor sich hin erzählt; jetzt sah er auf, ob das Mädchen ihm auch zuhöre. Er gewahrte die Spannung, die aus jedem ihrer Züge sprach, und fuhr fort: „Und einmal – da sind gerad’ wieder ein paar Befreundete im Heimgarten da gewesen und haben mir zugered’t, und wie sie fort waren, bin ich draußen hinterm Haus gesessen, wo das kleine Wegel von den Bergen vorübergeht, und hab’ mir über das Gered’ so meine Gedanken gemacht. Da kommt auch noch die Judika mit ihrem Strickstrumpf und dem Buben, setzt sich neben mich auf die Bank und fängt ihre alte Predigt von vorn an – daß ich heirathen sollt’, daß es nicht gleich im Augenblick sein müßt’, daß ich mich aber umsehen und mir einstweilen eine Bäurin aussuchen sollt’. In dem, so kommt auf dem kleinen Bergwegel ein Taufzug daher; die Hebamm’ tragt ein neugebornes Kind zur Tauf’ in die Kirch’ hinunter und die Gevatterin im schönsten Putz geht mit ihr – da schießt mir’s auf einmal durch den Kopf. ‚So will ich Ihr halt den Willen thun, Judika,’ hab’ ich gesagt, hab’ die zwei Frauen gestellt und das Kindel angeschaut, das in dem Taufzeug eingebunden gewesen ist und mit ein paar frischen blauen Augen um einander geschaut hat. ‚Wie soll denn das Kind heißen?’ hab’ ich gefragt, und die Hebamm’ giebt mir zur Antwort – es wär’ ein Mädel und sollt’ nach der Gevatterin Engelberta heißen. ‚Schön,’ sag’ ich, ‚kleine Engelberta,’ und nehm’s bei den linden Händeln, ‚dann gehörst Du mein – Du bist meine Braut und sollst Himmelmooserin werden.’ Die zwei Frauen haben es für einen Spaß genommen und haben gelacht und gemeint, dem Mädchen könnt’ es einmal nicht fehlen, weil es schon auf dem Kirchgang einen Bräutigam bekommen, ich aber hab’ einen alten Schatzthaler, den ich ein paar Tag’ zuvor eingehandelt hab’, aus der Tasche gezogen und hab’ ihn dem Kind in die Bänder gesteckt, damit es ein Zeichen von mir haben soll – einen alten Salzburgerthaler, einen viereckigen.“ [430] Das Mädchen war bei der Erzählung immer unruhiger und immer blässer geworden; unwillkürlich hatte sie sich erhoben und hielt sich an dem Wandkasten neben ihr fest; sie zitterte, daß die Gläser und Teller in demselben zu schüttern begannen; als ihr bei der Beschreibung der Münze kein Zweifel mehr blieb, knickte sie zusammen und fuhr mit einem leisen Aufschrei nach der Stelle, wo der Thaler hing, als wäre ihr ein plötzlicher Stich mitten durchs Herz gedrungen.

Der Bauer schien ihre Erregung nicht zu verstehen und fuhr gelassen fort: „Ich hab’ in der ersten Zeit nit daran gedacht, nach den Eltern von dem Kind zu fragen, und bald – ich muß es sagen, wie es ist – bald hab’ ich auf die ganze Sach’ vergessen; wie es mir dann wieder eingefallen ist, hab’ ich nichts mehr erfahren können; die Gevatterin war derweil gestorben; die Hebamm’ in einen andern Ort gezogen, und so hab’ ich nicht einmal erfahren, wem das Kind eigentlich gehört hat und was aus ihm geworden ist. In den letzten Tagen bin ich jetzt daran gemahnt worden, daß ich da mein Wort gegeben und nit gehalten hab’, und Wort halten, das ist, so lang’ ich leb’, mein größter Stolz. Gestern bin ich beim Pfarrer gewesen und hab’ mir das alte Taufbuch aufschlagen lassen – es war auch nichts Gewisses heraus zu lesen: d’rum bin ich hinaus gefahren zur Rundcapelle, ob ich nicht unter der Hand von dem Einen oder Anderern etwas erfahren könnt’ – da hat der Anhängthaler seine Schuldigkeit gethan und hat Dich mir verrathen.“

Der Bauer schwieg und schien eine Antwort zu erwarten, aber das Mädchen war noch zu aufgeregt, um eine solche geben zu können.

„Nun, sagst Du gar nichts?“ begann er wieder. „Jetzt weißt Du Alles; jetzt weißt Du, daß ich ein besseres und ein älteres Recht auf Dich hab’, als jeder Andere. Jetzt gieb mir eine richtige Antwort!“

Engerl hatte die Hand nicht mehr von dem Geschnür weggebracht und an dem Thaler herumgenestelt; nun war derselbe von der Kette gelöst. Raschen Schritts trat sie näher und legte die Münze auf den Tisch.

„Da ist meine Antwort,“ sagte sie kurz und fest. „B’hüt Gott, Himmelmooser! Wir Zwei sind fertig mit einander.“

„Das kann nit Dein Ernst sein,“ erwiderte der Bauer, indem er sich ebenfalls erhob, während sie sich der Thür näherte. „Du kannst Dir auch wohl einbilden, daß ich nach dem Allem, was jetzt unter uns geredet ist, Dich nit so mir nichts Dir nichts gehn lassen werd’; erst müssen wir mit einander im Reinen sein. Ich bin einmal mit Dir versprochen und bleib’ dabei: Du mußt Himmelmooserin sein.“

„Zu einem solchen Versprechen gehören ihrer zwei,“ sagte das Mädchen und trat zur Seite, da er ihr den Weg zur Thür versperrt hatte. „Was meinen Theil betrifft, so hab’ ich nichts versprechen können, weil ich ein Kind gewesen bin, und ich hab’ nichts versprochen. Hätt’ ich gewußt, was es für eine Bewandtniß hat mit dem Thaler, so hätt’ ich ihn schon lang weggeworfen oder in den Opferstock gelegt.“

„Ich aber für meinen Theil, ich hab’ noch allemal Wort gehalten und will mir nit noch einmal vorwerfen lassen, daß ich’s mit Dir nit gethan hätt’.“

„Ihr solltet Euch schämen, so zu reden,“ rief Engel erregter und näher tretend. „Könnt Ihr die Hand auf’s Herz legen und mit gutem Gewissen sagen, es wär’ Euch damals Ernst gewesen mit dem Versprechen? Könnt Ihr’s leugnen, daß Ihr mit der Judika, mit dem Kind und mit Euch selber nur Euren Spott gehabt habt? Wenn’s Euer Ernst gewesen wär’, wär’s nicht Eure Schuldigkeit gewesen, daß Ihr Euch zur rechten Zeit um das Kind gekümmert, daß Ihr dafür gesorgt hättet, daß es ordentlich aufwächst und werth wird, daß Ihr’s zu Eurem Weib’ macht? Wie, wenn ich nun zu Grund gegangen, wenn ich verwahrlost worden wär’ und wär’ ein nichtsnutziges Leut geworden? Es ist Euch Alles gleichgültig gewesen – drum habt Ihr nur Spott getrieben, ich aber – und wenn auch alles Andere nit wär’, wie es ist – ich nähm’ niemals einen Mann, der Spott treiben kann mit einer so heiligen Sach’.“

„Ich will Dir ja gerade zeigen, daß ich nicht gespottet hab’,“ unterbrach sie der Bauer, „und drum will ich Ernst machen. Sei gescheid, Mädel, stoß’ Dein Glück nit von Dir – nimm den Thaler wieder und überleg’ Dir’s besser! Was hast Du davon, wenn Du so im Sturm fortgehst? Wirfst einen Bauernhof weg, den man nit alle Tag’ auf der Straß’ findet, und mit dem, was gestern geschehn ist, bleibt auch Alles beim Alten.“

Das Mädchen zuckte zusammen und senkte betrübt den Blick zu Boden.

„Aber nein, was red’ ich denn daher!“ fuhr der Mann fort und rieb unmuthig die Hände. „Deine Ehr’ kannst Du Dir ja selber wieder schaffen – Du darfst ja nur erzählen, was wir mit einander geredet haben. Darfst ja nur ausplauschen, daß der Himmelmooser Dich zur Bäuerin hat machen wollen und abgefahren ist. Darfst ja nur sagen, wie das zugegangen ist, und mich lächerlich machen, daß Alles mit Fingern auf den alten Narren deutet, der –“

Engel unterbrach ihn mit einer Geberde der Abwehr; Betrübniß umwölkte ihr Antlitz noch dunkler, und aus dem Gewölk träufelte eine Thräne.

„Nein, nein,“ sagte sie mit traurigem Kopfschütteln, „das geht nit; Ihr seid dem Wildl sein Vater, und den Vater von meinem Schatze müssen die Leut’ in Ehren halten, wie ich was halt’ auf meine eigene Ehr’. Wegen dem braucht Ihr keine Sorg’ zu haben, Himmelmooser. Nach dem, was ich jetzt gehört hab’, weiß ich, daß Ihr von mir nichts Unrechtes denkt: vor meinem Gewissen und vor unserm Herrgott hab’ ich also meine Ehr’ wieder, und so muß ich’s halt ertragen. Ist das auch die bitterste und schwerste Stund’ gewesen in meinem ganzen Leben – Ihr braucht Euch nicht zu fürchten: über meinen Mund kommt kein Sterbenswörtl von dem, was ich in ihr erfahren hab’.“

Der Bauer war hastig in der Stube hin- und widergegangen. Jetzt blieb er stehn und betrachtete staunenden Blickes das Mädchen von unten bis oben. „Wahrhaftig? Das wolltest Du thun?“

„Das will ich thun,“ war des Mädchens gelassene und entschlossene Erwiderung.

„Wirklich? Du wolltest auch dem Buben nichts sagen?“

„Auch dem nit,“ entgegnete sie nach kurzem Besinnen, und die Tropfen, die bisher in ihren Wimpern gehangen, kugelten ihr über die Wangen herab. „Ich seh’ keinen andern Ausweg – ich muß es auf mir liegen lassen, was die Leut’ vielleicht von mir denken, aber so mit dem Makel unter ihnen und in der Heimath herumgehn, mich über die Achsel anschauen lassen und nit reden dürfen, das könnt’ ich nit aushalten – also wird’s das Beste sein, ich geh’ fort; auswärts kennt mich Niemand; da werd’ ich wohl mein Fortkommen finden.“

Des Bauern Blick hing mit steigender Theilnahme an ihr. „Was wird das helfen!“ rief er dann. „Der Bub’ wird nit von Dir lassen, wird Dich suchen und finden und dann springt die Katz’ auf die alten Füß’.“

„Ich glaub’s wohl,“ sagte sie mit traurigem Kopfnicken. „Suchen wird er wohl, der arme Bub’, aber finden soll er mich nicht – darauf geb’ ich Euch mein Wort, und mein Wort halt’ ich so gut wie ein Anderer. Finden soll er mich nicht – verlaßt Euch darauf! Daß er aber das Suchen aufgibt, dafür müßt Ihr selber sorgen – das ist Eure Sach’.“

„Wie soll das meine Sach’ sein?“

„Schaut, Himmelmooser,“ begann sie etwas stockend wieder, „ich mach’ kein Hehl daraus – ich hab’ den Wildl für mein Leben gern und thät den letzten Blutstropfen hergeben für ihn; ich hätt’ auch jetzt nit von ihm gelassen und wenn er noch ärmer geworden wär’, ärmer als eine Kirchenmaus, aber mit uns zwei ist es doch aus, aus in alle Ewigkeit, und so will ich ihm nit im Weg stehn: ich geb’ ihn frei, und wenn er nichts mehr weiß von mir, wird er sich drein finden, wird mich vergessen und Euren Willen thun. – – Drum will ich fort, und das heut’ noch. Ich will vorsorgen, daß er mir den Weg nicht abpassen und nimmer begegnen kann, denn wenn ich ihn sehen müßt’, ich thät wohl standhaft bleiben mit der Gotteshilf, aber hart, bitter hart thät’s mich ankommen.“

Der Bauer hatte sich wieder in den Lehnstuhl gesetzt; er sah finster vor sich hin und spielte mit dem Thaler, der auf dem Tische lag.

„Eh’ ich aber geh’,“ begann Engerl wieder und machte einen Schritt gegen ihn, „eh’ ich geh’, muß ich Euch noch etwas sagen, Himmelmooser …“ [431] „So? Und was wär’ denn das?“

„Wenn ich fort bin, dann ist mit mir auch der Anstoß zu der Zwietracht fort – dann macht’s Frieden mit Eurem Sohn! Er ist so brav, so grundbrav, und wenn er hitzig ist und seinen eigenen Willen haben will, so wißt Ihr ja wohl, von wem er den Stützkopf geerbt hat. Drum macht Frieden! Redet auch nit immer vom Worthalten! Ihr macht Euch dabei nur selber etwas weiß: es ist nicht das Wort, worauf Ihr Euch steift; es ist nur Euer trutziges Wesen, daß Ihr überall und allemal Recht haben müßt. In dem langen Alleinsein hat sich Euer Gemüth ganz versteint und verbeint. Ihr seid nit alleweil so gewesen. Ich hab’s wohl gehört, und Ihr habt es ja selber gesagt, wie gern Ihr Euer Weib gehabt habt. Denkt manchmal an sie, Himmelmooser, dann wird Manches anders werden und Vieles besser. Ich werd’s dann in der Fremd’ schon hören und mich darüber freuen, und mit mir,“ schloß sie, von Thränen unterbrochen, „mit mir wird’s unser Herrgott auch schon machen, wie’s recht ist. Denkt an meine letzte Red’, Himmelmooser – und macht Frieden!“

Sie drückte ihr Tuch vor die Augen und wandte sich der Thür zu.

„Predigen kannst Du gut,“ sagte der Alte mit einem Tone, der sehr gegen seine sonstige Art abstach, „aber Du thust selber nit, was Du predigst. Wenn ich Frieden machen soll, gieb Du zuerst ein gutes Beispiel und geh’ nicht im Unfrieden von mir – nimm wenigstens den Thaler mit!“

„Das müßt Ihr nit verlangen,“ erwiderte sie, „ich brauch’ kein Andenken, das ich an’s Mieder henken kann – ich trag’s schon unter’m Mieder mit mir fort.“

Sie stand an der Schwelle. Rasch erhob sich der Bauer und hielt sie ab, dieselbe zu überschreiten; er faßte sie fest am Arme und führte sie in die Stube zurück. „Und ich thu’s einmal nit anders,“ rief er. „Du mußt den Thaler nehmen, und wenn ich doch schon einmal für einen Stützkopf gelten muß, so will ich auch einer sein und meinen Willen durchsetzen. – Wie ich Dir dazumal auf Deinem Taufgang in den Weg getreten bin, habe ich zu Dir gesagt, Du sollst Himmelmooserin werden, und das sollst Du auch. Und wenn Du einmal den alten Vater durchaus nit magst, so bleibt nichts anderes übrig, als – Du mußt den Buben nehmen.“

„Was habt Ihr gesagt?“ rief Engel erglühend und zitternd, daß der Regenschirm, den sie an sich genommen, ihr wieder entfiel.

„Wie fragst so dalket?“ erwiderte der Alte mit lautem Lachen. „Ich mein’ doch, ich hab’ gut Deutsch gered’t. Ich hab’ Dich jetzt kennen gelernt. Du gefallst mir, Madel. Du mahnst mich an meine selige Alte, denn Du hast das Herz auf dem rechten Fleck und die Zung’ auch. Der Bub’ hat einen gescheidten Einfall gehabt und einen guten Gusto. Du bist die Rechte für ihn; Dir trau’ ich’s zu, daß Du ihn auf der Bahn erhaltst. Also eingeschlagen, Mädel – oder willst Du auch auf die Weis’ nit Himmelmooserin werden?“

Engel stand wie eine Träumende. „Es kann ja nit sein,“ stammelte sie und suchte im Angesicht des Alten zu lesen. „Das Glück wär’ ja zu groß.“

„Du willst also?“ rief er. „Siehst Du, so hat mein Thaler doch Recht behalten und hat Dir Glück bedeutet.“

„Ich kann’s nit glauben,“ entgegnete sie wieder, „ich kann gar nit zu mir selber kommen. Gestern der Jammer und heut’ die Freud’ – so müßt’ es sein, wenn man aus der Höll’ geraden Wegs in den Himmel käm’ …“

„Drum liegt ein richtiges Feg’feuer dazwischen,“ unterbrach sie der Alte, „und das Feg’feuer besteht darin, daß Du mit dem Wildl nichts red’st und ihm kein Wort sagst von dem, was wir verhandelt haben. Willst Du?“

„Alles, was Ihr verlangt – Alles.“

„Zuerst muß ich mit ihm fertig sein; eine Straf’ hat er verdient, weil er so hinter meinem Rücken gehandelt und weil er sich so aufgebäumt hat gegen mich. Das muß er einsehen und muß zu mir kommen.“

„O, er thut’s!“ rief das Mädchen in freudiger Zuversicht. „Ihr glaubt gar nit, wie gut er ist und was er für ein weiches Herz hat. Er thut’s gewiß.“

„Nachher ist Alles gut,“ schloß der Vater und bot ihr den Thaler. „Da nimm,“ sagte er, „und bandle die Münz’ wieder recht fest an Dein Mieder und mach’, daß Du fortkommst! Es braucht Dich Niemand zu sehen, und in der Kirch’ unten fangt schon das Läuten an. Amt und Predigt ist aus. In acht Tagen komm’ wieder zu mir! Dann gehen wir zu Dritt zum Pfarrer, und wieder über acht Tage, da führ’ ich Dich am Arme in’s Himmelmoos herein, wie ich Dich jetzt hinausführ’.“

Er begleitete sie bis zur Hausthür – raschen Schrittes eilte sie hinweg; an der Wendung des Weges hielt sie grüßend an, winkte zurück und drückte den Glücksthaler an die Lippen. Der Himmelmooser sah ihr nach, bis sie in den Gebüschen verschwunden war. Sein Angesicht war heiter, seine Brust leicht, wie sie lange nicht gewesen. Die Hoffnung eines ungeahnten häuslichen Glückes zog durch seine Seele wie der Sonnenstrahl, der eben die Regenwolken theilte, als wolle er nachsehen, ob all’ die Bäume, Fluren und Häuser, die er gestern beschienen, noch vorhanden und nicht beschädigt seien von dem Unwetter der Nacht. Nach einer Weile fuhr er sich mit der Hand über die Wimpern und die buschigen Brauen. „Hm,“ murmelte er in sich hinein, „es muß mir ein Stäubl in’s Aug’ geflogen sein.“

Aber in der feuchten Regenluft war weit und breit kein Stäubchen zu finden. Plötzlich fuhr er auf und wandte sich horchend dem Hause zu – ein paar dumpfe Schläge dröhnten von der Rückseite desselben. „Was giebt’s denn da?“ sagte er. „Sollte im Stalle ein Pferd losgeworden sein? Aber das kommt ja von hinten, von der Kalkgruben her … Da muß ich doch nachschauen.“

Er ging und war nach wenigen Schritten um die Hausecke verschwunden. –

Schlimm war die erste Nacht gewesen, welche Wildl in seiner Heimath erlebt hatte, aber noch schlimmer und unruhiger war die zweite. Ueber jener hatten Sterne geleuchtet und war eine Morgenröthe der Hoffnung aufgegangen, diese aber blickte dunkel und sternlos, und statt der feierlichen Ruhe und Stille schlug der Regen auf die Schindeln und Steine des Daches, als suchten die Tropfen Einlaß zu dem schlafenden Flüchtling, der zum zweiten Male die einsame Heuhütte zu seiner Zuflucht gewählt hatte.

Lange hatte er an der Rund-Capelle gewartet und nach einer Gelegenheit gespäht, Engerl noch einmal zu sehen. Er mußte das, denn er konnte nicht eher einen Entschluß fassen, als bis er mit ihr über die neuen Ereignisse sich besprochen und aufgeklärt hatte. Sein Vorhaben war aber unmöglich, denn wie einige der älteren Männer den Vater umringt hielten, wichen ihm die Bursche nicht von der Seite, um ein abermaliges Zusammentreffen der beiden so furchtbar aufgeregten Männer zu verhüten. Es gelang dies auch, indem sie den Burschen nach dem Dorfe geleiteten und beim Gemeindevorsteher unterbrachten; denn im Hause des Vaters – das war klar – war für jetzt kein Raum für ihn. Am andern Tage wollte dann der Vorsteher mit dem Alten reden und eine Aussöhnung versuchen, wenn eine solche aber nicht möglich wäre, zum Landgericht gehen, damit dasselbe Vorkehrung treffen möge, ein noch größeres Unglück, das in der Luft zu liegen schien, zu verhüten. In dieser Absicht erlaubte sich der Mann, von seiner Gewalt einen etwas weitgehenden Gebrauch zu machen und Wildl in eine Stube zu bringen, welche nur ein einziges – noch dazu vergittertes Fenster hatte – und als er dieselbe verließ, leise eine Eisenklammer an die Thür anzulegen und Wildl so zum Gefangenen zu machen. Selbstzufrieden entfernte er sich dann und glaubte, seine Sache vortrefflich gemacht zu haben; denn Wildl schien sich seit dem Vorfall vollständig beruhigt zu haben und hatte sich den Anordnungen gefügt, ohne ein Zeichen des Widerstandes, ohne einen Laut des Widerspruchs. Er war auch wirklich ruhiger geworden; denn er hatte rasch seinen Plan zurecht gelegt und sich überzeugt, daß Weigern und Wehren doch vergeblich wäre. So war es ihm gelungen, die Leute ebenfalls sicher zu machen, daß Niemand mehr sich um ihn kümmerte, und daß es ihm, als es dunkel im Hause und um dasselbe herum stille ward, nicht schwer fiel, das alte Fenstergitter, solcher Kraft nicht mehr gewachsen, geräuschlos locker zu machen. [432] Gewandt zwängte er sich durch die Oeffnung und schwang sich mit einem kühnen Sprung hinab, nicht beachtend, daß die Höhe desselben sonst wohl geeignet gewesen wäre, Besorgniß zu erregen. Angehaltenen Athems und gebückt lauschte er dann, ob sich nichts rege, und floh lautlos wie ein Schatten am Hause dahin, um die Straße zu gewinnen.

Bald sah er durch die Obstbäume der Gärten die dunkeln Umrisse des Bauernhauses, in welchem Engel in Dienst stand; er vermochte das Fenster ihrer Schlafkammer zu unterscheiden, aber je näher er kam, je mehr ward er in seiner Hoffnung enttäuscht; denn das Fenster war und blieb dunkel; Engel lag also schon zu Bett oder sie war überhaupt gar nicht nach Hause gekommen. Es kam ihm in den Sinn, sich davon zu überzeugen und das vor dem Hause aufgeschichtete Brennholz zu erklettern, von welchem aus er dann leicht soweit das Fenster erreichen konnte, um anzuklopfen. Was war dabei zu befürchten? War Engel zu Hause, so mußte sie es hören und Antwort geben; nach Sitte und Brauch der Gegend war es auch nichts Seltenes, daß der Bursche zu seinem Schatz an’s Kammerfenster kam, und jetzt war auch kein Geheimniß mehr nöthig – jetzt durfte und sollte alle Welt wissen, daß er das Mädchen liebe und von ihr wieder geliebt werde.

Der Vorsatz war so schnell ausgeführt wie gefaßt; Wildel stand bald hoch genug vor dem Fenster, um die Kammer überblicken und bemerken zu können, daß dieselbe leer und das Bett unberührt war. Engel war also nicht nach Hause gekommen; sie hatte ohne Zweifel noch bei guter Zeit den Weg nach der Brünnl’-Alm eingeschlagen, wohin ihr Dienst sie rief und von wo erst in den nächsten Tagen abgetrieben werden sollte. Sofort schritt er die Hecken und Feldzäune entlang, den Bergen zu, in weitem Bogen das heimathliche Himmelmoos umkreisend, und hatte in hastiger Eile bald die Hütte erreicht, die ihm schon einmal zur Herberge geworden.

Von dort war es beim ersten Tagesgrauen ein Spiel, die Brünnl’-Alm zu erreichen, Engeln zu sehen und mit ihr zu besprechen, was nicht unbesprochen bleiben konnte.

Lange hielt die Aufregung des Gemüthes den Ruhenden wach, so einschläfernd auch der Regen auf das Dach plätscherte; auch als endlich die Ermüdung und der betäubende Duft des Heues ihre Wirkung nicht verfehlten, ruhte die Seele nicht; aus den durcheinander stürmenden Gedanken wurden Träume, die nicht minder in wechselnden Gestalten und bunten Farben verflossen. Bald sah er Engel vor sich herschweben und versuchte, mit dem bängsten Gefühle des Unvermögens, sie zu erreichen; dann sah er sie wieder einer Spitze nahe, von welcher sie mit dem nächsten Schritte unfehlbar abstürzen mußte; er selber aber lag in dem Bergrutsche, in welchen er erst die Nacht zuvor hinuntergefallen war, und nur die Aeste hielten ihn vor einem noch tieferen und gefährlicheren Falle in den Abgrund, der unter ihm gähnte. Dann war es wieder, als ob eine Stimme ihm heimlich zuflüsterte, daß er dem Alten gegenüber im vollen Rechte sei. Aber aus weiter Ferne rief eine andere Stimme – eine Stimme, die er nur in der ersten Zeit seines Lebens gehört, und die er, obwohl kaum gekannt, doch nie vergessen hatte. Es war, als ob sie ihm klagend zuriefe und ihn warnen wollte vor einem Entsetzlichen, das ihm drohe; dann plötzlich wieder stieg ein ernstes, verzerrtes Antlitz vor ihm empor; es trug die Züge seines Vaters und war doch wieder so ganz anders, furchtbar wie ein Engel des Gerichts. Im Augenblicke war es ihm, als würden die Aeste zu Ungeheuern – er fühlte, wie diese Ungeheuer nach seinen Armen faßten, wie sie die Zähne ihres Rachens ihm in’s Fleisch schlugen, und mit einem Schrei des Entsetzens fuhr er aus dem Traume empor und fand sich, in Angstschweiß gebadet, auf seinem Lager.

Draußen war es lange schon hell geworden; auf dem Dache plätscherte nichts mehr, und nur von den Dachrändern fielen noch einzelne Tropfen und flimmerten im Sonnenscheine, der auf den Bergen eher sichtbar wird als unten in den Thälern. Der spät gekommene Schlaf war dafür um desto länger und kräftiger gewesen; es war bereits um die Zeit, wo Nebel, Unwetter und Regenschauer sich wieder zu heben und der Herbstsonne zu weichen begannen.

Lange glaubte Wildel noch zu träumen, denn ein Theil des Traumes dauerte noch fort; fein und halbverweht, wie die sanfte Stimme aus dem Traume, klang das Glockengeläute aus der Kirche seiner Heimath empor – das erste Zeichen, das zum Gottesdienste gegeben wurde. Dieser Uebergang vom Träumen in’s Wachen machte tiefen Eindruck auf ihn; er athmete hochauf; eine Bergeslast war von seiner Brust gewälzt, wie draußen in der Natur die Sturmnacht der Helle und Frische des Morgens gewichen war – auf einmal war er sich klar und der Weg, den er zu gehen hatte, lag eben und licht vor ihm. Hastigen Schrittes eilte er nicht der Alm zu, sondern den Bergpfad hinab, in der Richtung, in welcher das Himmelmoos lag.

Er wollte ruhig und offen, als Sohn vor den Vater treten und ihm das Geschehene abbitten; er wollte versuchen, ihn zu begütigen und über das Vorgefallene aufzuklären, dann aber in Frieden die Zukunft zu ordnen. Kein Zwist sollte mehr statthaben zwischen ihnen, und um demselben gründlich vorzubeugen, wollte er sich wieder fortbegeben und in der Stadt nach Arbeit suchen, die ihn zu ernähren und ihm Verdienst zu gewähren vermöchte. Nach ein paar Jahren hoffte er wohl im Stande zu sein, sich ein eigenes Heim zu gründen, in welches er dann Engel einführen konnte, denn der Gedanke an sie, der Wunsch, sie sein zu nennen, stand so fest wie zuvor vor ihm; ja, von den Stürmen gerüttelt, hatte der Keim noch tiefere Wurzel geschlagen. Sollte der Vater sich dennoch unzugänglich zeigen, so wollte er ohne Erbitterung das Haus verlassen und sich an den Pfarrer wenden, damit dieser durch seine Vermittlung das unvermeidlich Nöthige ordne. Bis dahin, so sehr das Herz ihn zog, wollte er darauf verzichten, Engel zu sehen, und nicht eher als mit einem bestimmten Entscheide vor sie treten.

Bald war er auf einer Stelle angelangt, von welcher er, durch Gebüsch verdeckt, den Hof in der Tiefe liegen sah und eine weibliche Gestalt beobachten konnte, die eben das Haus verließ. Vertraut mit den Gebräuchen desselben, wußte er, daß der Bauer die Kirchwacht halten werde und er sicher sei, ihn allein zu treffen; um seine Gedanken zu sammeln und den rechten Augenblick abzuwarten, kauerte er sich im Grase nieder und starrte hinunter auf das Vaterhaus, das ihm so nahe war und dem er doch beinahe ein Fremder geworden.

Er fühlte, wie sich ihm das Blut wieder nach Kopf und Stirn drängte, und darüber geschah es, daß die Ermüdung der vorigen Stunden noch nachwirkte und er abermals in Schlaf versank, aus welchem er erst nach geraumer Zeit wieder mit dem Gefühl auffuhr, als ob er von Jemand gefaßt und aufgerüttelt worden wäre. Hastiger eilte er jetzt den Bergweg hinab, die gute Stunde des Alleinseins nicht zu versäumen; als er aber den Grashang erreichte, von welchem aus der Hof in nächster Nähe zu erreichen war, hielt er plötzlich inne, denn auf den ersten Blick gewahrte er, daß auf dem Hofe, den er leer zu finden gehofft, eine große Menschenmenge versammelt war, welche nur durch etwas Ungewöhnliches zusammengerufen sein konnte. „Was giebt es denn da?“ murmelte er überrascht. „Ist das Amt schon aus? Was wollen die vielen Leut’? Sie stehen Alle um die Kalkgrube herum; es ist gerade, als wenn dort etwas geschehen wäre.“

Er begann den Hügel abwärts zu laufen und gelangte nach wenigen Augenblicken an die Seite des Gehöftes, an welcher neben dem neu zu erbauenden Capellenthürmchen sich die Kalkgrube befand; eine dichte Schaar Menschen war um einen Gegenstand versammelt, der auf einer Bank zu liegen schien und um den Alles sich neugierig zusammendrängte.

„Was giebt’s denn da – was ist geschehen?“ rief Wildl hinzustürzend und versuchte den Knäuel der Umstehenden zu durchdringen – da trat Judika, die ihn zuerst erblickt hatte, ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals.

„O mein Bub’,“ rief sie, „was ist das für ein Unglück! Der Vater ist todt.“

(Fortsetzung folgt.)



[433]
Die Gartenlaube (1877) b 433.jpg

Verlorene Ehre.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von Eduard Schulz in Düsseldorf.

[434]

Ehen zwischen Europäerinnen und Japanern.


Die neuerdings wiederholt gemeldeten Verlobungen respective Verheirathungen europäischer und zwar vorwiegend deutscher Damen mit Japanern, die sich zum Zwecke ihrer Ausbildung oder in Beamtenstellungen in Europa aufhielten, hat in den Zeitungen manche Bemerkungen veranlaßt, zu deren Würdigung und Beantwortung die nachfolgenden Notizen beitragen sollen.

Ehe wir die Frage: sind solche Verbindungen rathsam? beantworten, müssen wir die Gegenfrage stellen: Bleibt das Ehepaar im Vaterlande der Braut oder wird es in der Heimath des Mannes leben? In der That wird für keine Verbindung von Angehörigen verschiedener Nationalitäten sich dieses Oder scharfschneidiger herausstellen, als in unserm Falle.

Die von den englischen Damen stets vorangestellte Frage: „Wie kann man einen Japaner mögen?“ erscheint bei unserer gegenwärtigen Richtung in Deutschland prüde, vorurtheilsvoll und selbst inhuman. Die von Amerika aus nicht blos gepredigte, sondern im vorigen Jahrzehnte blutig bewiesene Thatsache, daß auch der gefärbte Mann ein gleicher Mensch und Bruder sei, fand in Deutschland einen vollen Widerhall; außerdem stehen ja in der That die Japaner unter den gefärbten Nationen sehr hoch – wenn auch nicht gerade am höchsten. Jedoch bezieht sich der oben angeführte, von mir unendlich oft gehörte Ausruf nicht allein auf Bedenken, die man als Racenvorurtheile zu bezeichnen pflegt, sondern zum Theile auch auf Aeußerlichkeiten. Die Japaner sind nun einmal, und die der höheren Stände am meisten, schwächlich und unschön gebaut und stecken voller Krankheitsanlagen. Zierliche Hände und Füße, ein zuweilen scharf und fein geschnittenes Gesicht, eine schlanke Taille sind doch nicht immer im Stande, den schmal angelegten, mit einer erbärmlichen Muskulatur versehenen Brustkorb, die schlechtbalancirte Wirbelsäule, die flügelförmig abstehenden Schulterblätter, den krummfersigen Gang vollkommen übersehen zu lassen. „Ist ganz ohne Belang!“ werfen hier sicher vorurtheilsfreie Leserinnen ein. Gern zugegeben, daß die Schönheit des Mannes ebenso wenig ein nothwendiges Erforderniß einer glücklichen Verbindung, wie Häßlichkeit auf dieser Seite ein Hinderniß derselben ist, so ist doch die Tuberculose, die angeborene Kleinheit des Herzens und eine große Widerstandslosigkeit des Gefäßsystems beim Manne sehr von Belang; auch hierauf bezieht sich, der Ausruf der englischen Damen.

Indeß wie viel wird übersehen, geduldet, abgewöhnt, wo auf gewohntem sicherem Boden der Keim einer wahren und tiefen Neigung durch Frauenhand entwickelt wird. Werden nicht nach kurzer Zeit gemeinsamen Lebens mit den Männern und Frauen einer gebildeten Nation auch die letzten Reste der orientalischen Auffassung der „Frau“ verschwinden? Wird nicht unter diesen Einflüssen der durch chinesische Gedächtnißmechanik vertrocknete Geist sich entfalten? Wird nicht die unmittelbare Berührung mit Kunst und Wissenschaft auch im dreißigjährigen Japaner noch eine späte Blüthe des Gemüthslebens treiben? Wird unter dem steten Sonnenscheine einer glücklichen Ehe nicht endlich die „Liebe“ in ihm erstehen, die herrliche blaue Blume, die sein eigenes Vaterland nicht zeitigt, ebenso wenig wie die japanische Sprache auch nur einen Ausdruck dafür hat? Beantworte diese Fragen wer kann!

Wir lenken hier in das breite Geleise ein, dem die Zeitungsnotizen die Aufschrift gaben: „Er bleibt Buddhist; sie ist Christin“ und dessen Schwierigkeiten mit verschiedenem Geschicke beleuchtet wurden. Im Worte hat man sich vergriffen; das Wesen der Sache hat man zum Theile ganz richtig discutirt. Der gebildete Japaner ist eigentlich gar nicht Buddhist; sein Indifferentismus gegen jede positive Religion stellt ihn vollkommen auf die Stufe der Freigeister; er würdigt die Wesenheit des Buddha keiner ernstlicheren Untersuchung, als den ihm unwahrscheinlichen Gott des Christenthums und die Traditionen der eigentlichen altjapanische Religion, der Kamilehre. Rücksichten auf Staat, Carrière, sonstige Verbindungen zwingen ihn zu bleiben, was er ist. Aber wenn auch der Buddha in seinem Herze keinen Sitz hat, wenn er auch vielleicht über den bronzenen Buddha auf der Lotosblume spöttelt – der Buddha nistet tief in jeder Faser seines Wesens. Habe ich etwa schon Theil an den Ideenschätzen deutscher Geistesheroen, wenn ihre „sämmtlichen Werke“ in meinem Bücherschranke stehen und wenn ich einige Bände davon durchbuchstabirt habe? Bin ich ein Geistesverwandter Beethoven's, wenn seine Büste in meinem Salon täglich auf mich herabschaut?

Die ganze Hingebung eines reichen weiblichen Gemüths, der unerschöpfliche Schatz einer vollbewußt und tief innerlich liebenden Frauenseele wird dazu gehören, um ihre fremdländischen Gatten zu beglücken. So erscheint mir die glänzende Aufgabe einer Frau, der es vergönnt ist, im Vaterlande mit ihrem japanischen Gatten weiter zu leben. Alles hängt hier ab von der Wahrhaftigkeit und Reinheit ihrer Neigung, von der Festigkeit und Großartigkeit ihres Charakters, von der Harmonie und Vollendung ihrer eigenen Individualität. Eben weil unter dieser ersten Bedingung die allgemeinen Grundlagen für eine glückliche Ehe nur gewissermaßen in eine andere Tonart übertragen worden sind, darf, ja muß sogar das von der Hand des Ethnologen gezeichnete Bild in milden und verschwommenen Farben gezeichnet werden.

Desto bestimmter aber müssen die Lichter und Schatten aufgesetzt werden, wo es sich für den unabhängigen und vorurtheilsfreien Landsmann darum handelt, der Frau und der Jungfrau seiner Nation das Bild zu zeichnen, welches sie jenseits der langen Reise „drüben“ erwarten darf. In hohem Grade kleinlich würde es erscheinen, die Frauen durch die etwa drohenden Gefahren, durch den Hinweis auf die Beschwerden siebenwöchentlicher Seereisen und dergleichen von wohlerwogenen Lebensaufgaben abschrecken zu wollen. Hunderte von Gattinnen, viele Bräute folgen dem erwählten europäischen Manne über den Ocean; sie sind sich wohl bewußt, daß sie durch ihre Hingebung und ihren Muth sich ein besonderes Privatrecht auf die Hochachtung ihres Mannes und seiner Freunde erwerben und daß ein nur selten zu findender Grad von Rohheit und Kleinheit des Gemüths dazu gehört, ihnen im spätern Verlauf der Ehe dieses Verdienst zu schmälern. Kaum der Rede werth erscheint diesen wahr und hochherzig denkenden Frauen gegenüber die kleine Zahl der Abenteurerinnen, welche auf gut Glück oder vage Hoffnungen hin oder auch getrieben von extravaganten Reiseneigungen sich auf den Weg machen. Glücklicher Weise werden die Frauen der in Japan lebenden Europäer in einem Punkte nur selten schwer enttäuscht, in Bezug auf ein glückliches Zusammenleben mit dem Manne ihrer Wahl. Anlässe, allein seinem Vergnügen nachzugehen, existiren für den Ehegatten viel seltener, als in Europa; der Mechanismus der Geschäfte gestattet ihm, viel mehr Zeit dem Hause und der Familie zu widmen; die natürlichen Beschränkungen der gesellschaftlichen Verhältnisse weisen Mann und Frau darauf an, sich gegenseitig sehr viel zu sein. So konnten, von diesen Punkte aus, viele der europäischen Ehen in Japan als ideal angesehen werden.

Der denkende Leser liest schon zwischen den Zeilen, daß durch dieses Hauptglück viele Mängel mit zugedeckt werden müssen. Zwar leben – in Yokohama durchweg und in Tokio (Yedo) mit wenigen Ausnahmen – die europäischen Familien in europäisch gebauten Häusern, aber die Geräumigkeit und Bequemlichkeit derselben sind natürlich von sehr verschiedenen Bedingungen abhängig. Vorausgesetzt, daß Jemand die erforderlichen Mittel aufwenden will, fehlt es in Bezug auf Möbel und Hausbedürfnisse, auf Küche und Keller an keinem Erforderniß, um das Leben nicht nur angenehm, sondern auch comfortabel zu gestalten. Der ganze Mechanismus der Lebensweise besonders in Häusern, in welchen Geselligkeit gepflegt wird, neigt sogar zur Entfaltung eines gewissen Luxus hin; schon die zahlreichere japanische Dienerschaft würde bei einem Fremden diesen Eindruck hervorrufen. Dieser Mechanismus im Hauswesen der für den Anfang sehr behaglich erscheint, wird aber in seiner uhrwerkähnlichen Regelmäßigkeit bald eine Quelle der Klage für die denkende Frau, besonders für die deutschen Frauen. So lange der japanische (und noch mehr der chinesische) Diener die Leistungen, zu denen er abgerichtet und für die er engagirt worden ist, ohne Störung ausführen darf, ist er aufmerksam, pflichtgetreu, lobenswerth. Jeder Verbesserung oder Veränderung dieses Mechanismus wird er einen passiven Widerstand entgegensetzen; neue Verfügungen Seitens der Frau im Hause treiben ihn gewöhnlich aus demselben. Die Nachfolger und Ersatzmänner, [435] die man bekommt, sind fast ausnahmslos schlechter als die auf diese Weise verlornen Diener. Das wohlthätige Bewußtsein, die Seele und das lenkende Princip im Hause zu sein, geht den europäischen Frauen auf diese Weise bald verloren. Ebenso bedeutend, ja noch größer ist der Einfluß, den japanische und chinesische Ammen und Bonnen auf die ihnen anvertrauten Pfleglinge gewinnen. Die Kinder lernen im besseren Fäll einige Laute der Muttersprache und daneben sehr viel japanisch, oft in den ersten zwei Jahren ihres Daseins nur das letztere, da sie ja den größten Theil des Tages und der Nacht von dem fremden Idiom umgeben sind. Denkende Mütter werden am besten beurtheilen können, wie sehr durch diese anscheinende Aeußerlichkeit die Freude an der Entwickelung der Kleinen beeinträchtigt wird. Leider tritt häufig durch Einflüsse auf die Gesundheit, die wir an dieser Stelle nicht näher besprechen können, der Fall ein, daß nach der Geburt des ersten Kindes die Ehen unfruchtbar bleiben. Es fällt dadurch eins der ersten Schutzmittel gegen häusliche Langeweile fort, für die durch die eben dargelegten Verhältnisse bereits Thür und Thor geöffnet sind. Denn die Geselligkeit, wie sie in den von Europäern aufgesuchten japanischen Städten cultivirt wird, ist nicht im Stande, eine entstehende Leere im Gemüth auszufüllen. Der Mann geht seinen Beschäftigungen nach, die, wenn sie auch seinen Geist oft nicht gerade erheben, ihm doch das erhoffte Ziel eines unabhängigen Lebens in der Heimath immer näher rücken; er sieht oft genug die Abendbesuche in anderen Häusern, besonders bei Bekannten, die anderen Nationen angehören, als lästige Störungen seiner Ruhe an. Die Frau dagegen, im Hauswesen gewissermaßen pensionirt, ihrem Kinde oder ihren Kindern halb entfremdet, ersehnt die oft schaalen Zerstreuungen und die magere Unterhaltung des Abends als einzige Abwechselung; selbst an Spazierengehen, an die Abwechselung durch Einkäufe etc. ist ja bei den Erschwerungen der Communication wenig zu denken.

Auch sind die Fälle nicht selten, in denen das Klima Japans, sonst mit Recht als eines der besten überseeischen anerkannt, doch auf den weiblichen Organismus eine nachtheilige Wirkung ausübt. Dieselbe tritt im dritten oder vierten Jahre als eine ganz auffällige Widerstandslosigkeit gegen Temperatureindrücke hervor, so daß in den Monaten Juli und August die Hitze, im Januar und Februar die Kälte trotz aller Schutzmittel so heftig empfunden wird, daß niemals ein Gefühl des Behagens mehr entsteht. So wird bei der Frau die Sehnsucht nach Hause bald krankhaft; die sieben Wochen hin und ebensoviel her erfordernde Correspondenz kann das Aussprechen mit den Verwandten, mit einer Freundin nicht ersetzen. „Nach Hause!“ ruft jeder Morgen und jeder Abend, und nur die festeste, innigste Neigung zum Manne hält sie ab, dem oft gegebenen Beispiele zu folgen, und mit dem Kinde allein den Weg nach Europa anzutreten. –

Ich schildere hier nach häufig erlebten Beispielen, nach von mir mit größter ärztlicher und menschlicher Theilnahme verfolgten Lebensbildern. Wie ich den Ideengang einer denkenden und fühlenden Frau, die mit einem japanischen Gemahl dorthin geht, schildern soll, weiß ich nicht. Denn die wenigen Bräute, welche ich während meines Aufenthaltes in der Absicht, sich dort mit einem Eingeborenen zu verheirathen, ankommen sah, machten, bis auf eine, nach der oberflächlichsten Kenntniß der dortigen Verhältnisse ihre Verlobung rückgängig. Fangen wir bei den Aeußerlichkeiten an! Zugegeben, daß der von einem hohen Posten in Europa heimkehrende japanische Beamte dort sofort wieder eine Stellung bekommt, welche wirklich dem in europäischen Sprachen gewöhnlich sehr vollklingenden Titel entspricht; angenommen selbst, daß das Gehalt, welches er in der japanischen Heimath empfängt, mit dem in Europa erhaltenen einige Aehnlichkeit besitze; die Möglichkeit sogar zugegeben, daß er disponibles Vermögen hat: einen wirklich europäischen, mit einigem Comfort eingerichteten Haushalt zu führen, wird ihm sehr schwer fallen. Ich habe reiche, sehr reiche Japaner zu Patienten gehabt, die von der Wiener Weltausstellung sich Prachtmobilien mitgebracht hatten und ganz europäisch eingerichtete Villen besaßen – und nicht einmal darin lebten. Unbenutzt verwahrloste der fremde Hausrath, während die Besitzer in landesüblicher Weise in einem kleinen hölzernen japanischen Hause mit ihren Freunden auf der Matte hockten und bei Nacht das primitive Lager auf dem Boden den europäischen Bettstellen weit vorzogen. Hätten sich dergleichen mit der europäischen Cultur in flüchtige Berührung gekommene Japaner auch selbst ihr anbequemt – keinen ihrer Verwandten, besonders aber kein weibliches Wesen ihrer Familie würden sie zur Nachahmung bewogen haben. Denn diese alle ziehen das Hocken auf dem Boden mit untergeschlagenen Beinen jeder anderen Position vor; ihre Kleidung, ihre Haarfrisur, ihre Nationalgerichte werden sie keinem Culturbeispiel aufopfern, und das Erste, was sie der in ihren Familienkreis neueintretenden jungen Gattin anzubieten haben, wird neben einer Tasse Thee ein Sitz auf dem Boden und die vielgeliebte Tabakspfeife sein.

Der Verkehr europäischer Männer mit japanischen Männern (denn von einem Verkehr mit japanischen Familien ist schon deshalb gar nicht die Rede, weil die Familie, besonders die Frauen und Nebenfrauen, für Fremde gar nicht existiren) – jener Verkehr also beschränkt sich meistens auf das Nothwendige und Officielle. Selbst große Zweckessen, wie sie von den japanischen Ministerien veranstaltet werden, vermeidet man ihrer entsetzlichen Langweiligkeit wegen sehr gern. Kümmerlich fristen sich zuweilen gesellschaftliche Verhältnisse zwischen hohen japanischen Beamten und Europäern hin, die davon Vortheile zu erlangen hoffen – sie werden abgebrochen, sobald es irgend angänglich erscheint. Der Verfasser hat bei lebhaftem sonstigem Verkehr in seinem Hause niemals einen Japaner als Gast bei sich gesehen. Es mangelt eben jeder Unterhaltungsstoff, jede Anregung geistiger Beziehungen, jeder behagliche Berührungspunkt in einer über dem gemeinen Leben sich aufthuenden Sphäre. Stumm-bescheiden genießen sie die dargebotenen Speisen und Getränke, nur auf Fragen vorsichtige Antworten gebend; ängstlich vermeidet der feinere Japaner den Genuß des ihn schnell berauschenden Weines oder er gesteht, wenn er naiv und unbedachtsam zugegriffen hat, nach dem dritten oder vierten Glase Champagner mit funkelnden Blicken: „Ich liebe Ihre Civilisation sehr.“

Nun, kann man tröstend sagen, es bleibt ja der aus Europa kommenden Frau der Verkehr mit den vierzig bis fünfzig europäischen Damen, unter denen sich gewiß acht oder zehn ihrer eigenen Nationalität vorfinden. Wie sieht es aber damit aus? Ich befand mich einst in einer aus den besten dort lebenden europäischen Elementen bestehenden Herren- und Damengesellschaft. Es wurde die bevorstehende Ankunft einer mit einem Japaner verlobten Europäerin lebhaft discutirt. „Wo wird man sie denn zu sehen bekommen?“ hieß es. Da erklärte zuerst eine der anwesenden Damen, daß sie niemals ihr Haus der Frau eines Japaners öffnen werde, sei sie früher gewesen, was sie wolle, und ein ganzer Chorus der Anwesenden, Damen wie Herren (in den ich, wie ausdrücklich bemerkt sein soll, nicht einstimmte), pflichtete ihr laut und unumwunden bei. Eine einzige der anwesenden deutschen Damen hatte den Muth und die Hochherzigkeit zu erklären: „Ich würde wenigstens einen Versuch machen und, wenn sie mir gefiele, schon aus Mitleid mit ihr dauernd verkehren. Die häufigere Anwesenheit des Herrn Gemahls allerdings oder die Einführung etwaiger Anhängsel desselben würde ich mir selbstverständlich verbitten.“ Die Härte der anderen Anwesenden gründete sich nicht etwa auf englische Prüderie oder romanische Deutschenverachtung, sondern sie wurde entschuldigt mit der zweifelhaften Rechtsstellung der Frau, welche der Japaner noch bis in die neueste Zeit einfach fortzuschicken oder durch „Nebenfrauen“ zu ersetzen das Recht hatte.

Die Gesetzgebung der neuesten Jahre ist ernstlich bemüht, diese Verhältnisse zu verbessern. Schon sind die Grundlagen eines gerichtlichen Verfahrens der Ehescheidung ausgearbeitet. Ferner wird es, wenn mehrere Ehen europäischer Frauen mit Japanern vorkommen werden, möglich sein, daß dieselben unter einander verkehren und bald auch ihren glücklicher situirten Landsmänninnen die Ueberzeugung beibringen, daß sie durch ihre Wahl an innerem Werth nichts verloren haben. Doch werden bis dahin viele Jahre vergehen, und in der Zwischenzeit handelt es sich um einen sehr mühevollen, aufopfernden und doch vielleicht nur kärglich belohnten Pionierdienst.
Dr. A. Wernich.



[436]

Streifzüge bei den Kriegführenden.
4. Im Wartesalon des Kriegsschauplatzes.
Eine Stadt, die sich nicht grämt. – Sommertoilette der Häuser und Damen. – Auf der Chaussee. – Rumänisches Militär. – Die Lieferantenbörse vor dem Café Boulevard. – Soirée beim Bürgermeister Rosetti. – Von den Reporters.


Als die Krisis ihren Höhepunkt erreicht hatte und Rumänien veranlaßt wurde, mit der Pforte zu brechen, ohne daß die Russen sich noch im Lande zum ausreichenden Schutze befanden, da mag wohl eine Weile den Bukarestern unheimlich zu Muthe gewesen sein. Man bedenke auch – ein kühner Tscherkessen-General, der mit seinen wilden Schaaren bei Giurgewo über die Donau gesetzt hätte, würde damals leicht bis zur Hauptstadt vorgedrungen sein, und er hätte immerhin Zeit genug gehabt, die schöne, üppige „Stadt der Freuden“ zu bulgarisiren. Wenn man den Eifer in Betracht zieht, mit welchem die Baschi-Bozuks die Hühnerhöfe und die Scheunen der armseligen Rajah-Dörfer ausraubten, kann man sich leicht eine Vorstellung von der Thätigkeit machen, welche die erwähnten Herren angesichts der preiswürdigen Beute der Magazine in der Calea Mogosaï entwickelt haben würden. Doch glücklicherweise kam es nicht so. Die Tscherkessen blieben fein drüben jenseits des großen Wassers, und jetzt stehen zwischen dem Donaustrande und dem sechszig Kilometer davon entfernten Bukarest Redouten, Belagerungsgeschütze und eine starke Abtheilung der russischen Armee. Man fühlt sich daher auch geborgen und grämt sich nicht im Geringsten. Die rumänische Hauptstadt ist im strengsten Sinne des Wortes der Wartesalon des Kriegsschauplatzes, aber in diesem Wartesalon geht es festlich und gemüthlich zu. Morgen vielleicht mag der Wind, wenn er etwas schärfer bläst, wie sonst das Echo der gegen Rustschuck drohenden Kanonensalven hierher bringen und übermorgen die Stadt sich mit Verwundeten anfüllen, aber heute wird geplaudert, promenirt und cokettirt, und wenn man Abends vor den Conditoreien sitzt inmitten der aufgeputzten Herren und Damen, die mit der vollständigsten Seelenruhe ihr Eis oder ihr Dulciates, von unzähligen Gläsern Eis-Wasser begleitet, verzehren, so fragt sich unwillkürlich unsereins, was er hier suche und ob der ganze Krieg nicht ein Gebilde der Phantasie sei. Vor allem freut sich Bukarest des herrlichen Sommers, der nach langem Zögern endlich seine verklärenden, blumenduftenden, allerdings etwas heißen Strahlen spendete.

Bukarest ist ein Aufenthalt, den man im Sommer genießen muß. Ohne die goldige Juni-Sonne verschwindet der ganze eigenthümliche Reiz der Decoration dieser Stadt. Um die Hauptader, um den Ring, den Boulevard von Bukarest, die Calea Mogosaï, welche einen durchaus großstädtischen Charakter hat, laufen in der Kreuz und in der Quere eine Menge sich in's Unendliche ausdehnende Straßen, wo sich kleine Villen, Cottagen, manchmal auch niedrige, aber graziöse Bretterhütten aneinanderreihen, aber alle mit wohlgepflegten Gärten versehen. Das Leben im Freien ist für den Bukarester ein Bedürfniß, so lange es eben die Witterung erlaubt; mag das Häuschen, in dem er wohnt, noch so unansehnlich, die Stuben noch so eng sein – ein freier Raum mit schattigen Lorbeerbäumchen und dem saftigen Rasenplatz muß sich dabei befinden. Die meisten dieser Häuser haben ein einziges Stockwerk, welches nur durch wenige Dielen über dem Erdboden erhöht dasteht, und da die Fenster fast immer geöffnet sind, so hat der Vorübergehende einen sofortigen Einblick in das behäbig und elegant ausgestattete Innere, sowie in das gesellige Leben der rumänischen Familie. Aber auch für die Wenigen die keinen Garten zum Privatgebrauch haben, ist gesorgt. Außer dem großen Promenade-Ort mitten in der Stadt, dem Cismé-Su-Garten und dem kleineren Episcopal-Garten hat jede Restauration ein Sommerlocal im Freien, wo bis spät in die Nacht hinein die braunen Naturvirtuosen, die Zigeuner, für musikalische Unterhaltung sorgen. So genießt man in Bukarest beinahe alle Annehmlichkeiten eines Landaufenthaltes mit sämmtlichen immer mehr und mehr sich ausbildenden Bequemlichkeiten einer Stadt. Ja, man könnte sich sogar die Illusion gönnen, daß man statt einer Kriegsfahrt eine Badereise nach irgend einer der fashionabelsten Stationen unternommen hat, wenn man den Reichthum, den Glanz und namentlich die Eleganz der Toiletten in Betracht zieht. Es ist bekannt, daß Rumänien sich in vielen Beziehungen Frankreich zum Muster genommen und bis auf die Krisen, die häufigen Minister- und Beamtenwechsel, Staatsstreiche und dergleichen, die an der Seine normale Ereignisse sind, gewissenhaft nachahmt. Da versteht es sich von selbst, daß, während die Männer in politischer Richtung dem französischen Modell nachstreben, die Damen die Pariser Moden nicht etwa copiren, sondern mit denselben genau Schritt halten. Man muß aber der Bukarester Damenwelt das Zeugniß ausstellen[WS 1], daß sie den Pariser Putz mit ebenso großer verführerischer Kunst zu tragen weiß wie ihre Vorbilder. Die feinen Gesichtszüge der walachischen Frauen, in denen griechische Schönheit und italienische Anmuth innig mit einander verschmolzen, sind für die jetzigen Moden wie geschaffen. Aber es geht eben hier mit den Damen wie mit den Bukarester Gesammt-Eindrücken: die Sommertoilette steht auch den Evastöchtern hier am besten, und man kann sich schwerlich eine Bukarester Grazie ohne den Strauß frischer, blühender Rosen am Busen denken.

Wer das Leben und Treiben dieser Hauptstadt am besten beurtheilen will, der verfüge sich zwischen sechs und acht Uhr Abends nach der Chaussee Kisselew, der Landstraße, die nach Plojeschti führt und die zur Zeit der russischen Occupation von 1828 vom Gouverneur Grafen Kisselew angelegt wurde. Den Anfang dieser Landstraße (in einer Ausdehnung von etwa zwei Kilometer) bildet eine schattige Promenade, wo sich während der erwähnten zwei Stunden Alles einfindet, was entweder einen Wagen besitzt oder einen solchen zu miethen im Stande ist. Hat man mit einem gesellschaftskundigen Cicerone diese Strecke befahren, so kennt man das ganze Bukarest, die Bojaren-, die Finanz-, die politische und die galante Welt. Selbstverständlich wimmelt es jetzt auf der Chaussee von Uniformen. Die rumänischen Officiere zeichnen sich durch den vornehmen Schnitt ihrer Montur und den Chic, mit welchem sie dieselben tragen, aus. Die Infanterie-Uniform ist an und für sich ziemlich einfach; die Uniform der Artillerie ist bei den Officieren eine getreue Copie der französischen, mit Einschluß der zierlichen, silberbeschlagenen Patronentasche. Die Cavallerie dagegen und die Adjutanten des Fürsten sind mit wahrhaft theatralischem Pomp ausstaffirt: rothe Waffenröcke mit schwarzen Schnüren, sehr eng anliegende Lederhosen von der Sorte, wie sie Graf d'Artois wünschte, als er seinem Schneider erklärte: „Wenn ich in die Hose hineinfahre, so nehm ich sie nicht“, hohe ungarische Stiefel mit Verzierungen und auf dem Kopfe eine Fellmütze mit Reiherfeder. Denken Sie sich dazu bald ein melancholisch-schwärmerisches, bald ein recht martialisches Gesicht, und Sie haben den rumänischen Cavallerie-Officier fertig.

Viel einfacher dagegen nehmen sich hier die Russen aus, deren Montur vom Feldzuge bereits sehr stark gelitten hat, sodaß sie im Vergleiche zu ihren rumänischen „Waffenbrüdern“ defect und staubig wie die Graskäfer aussehen. Waffenbrüder? Hm, hm, ich habe ebenso wenig auf der Chaussee einen russischen Officier mit einem rumänischen in demselben Wagen fahren wie ich solche in der Stadt zusammen an einem Tische sitzen gesehen. Doch – eine Ausnahme muß gemacht werden. Als wir zur Stadt zurückfuhren, wirbelte uns eine gewaltige Staubwolke entgegen. Indem dieselbe sich zertheilte, erblickten wir einen Vorreiter in reicher Livrée und hinter demselben einen vierspännigen Galawagen, darin aber auf dem nämlichen Kissen einen rumänischen und einen russischen Officier. Hinter dem Wagen trabte eine Abtheilung von Leibgensd'armen, superbe Burschen, sechs Fuß hoch, stramm und von imponirendem militärischem Aussehen, eine Leibwache, wie der Beherrscher einer Großmacht sie sich nicht schöner wünschen könnte. Die beiden Insassen des Wagens waren Fürst Karl von Rumänien und der von Plojeschti herübergekommene Generalissimus der russischen Armee, Großfürst Nicolaus Nicolajewitsch. Verkörpert sich in der Reckengestalt des russischen Großfürsten der strenge, unbeugsame Mann des Schwerts, bei dem jede einzelne Bewegung auf die Gewohnheit des Befehlens hinweist, so verräth die von dem schwarzen Vollbarte umrahmte lebhafte Physiognomie des rumänischen Souveräns ein geistreiches, mit zäher Energie gepaartes [437] Wesen. Der Großfürst imponirt; Fürst Carol gewinnt; das ist der Unterschied, der mir auf den ersten Blick zwischen den beiden Spazierfahrenden auffiel. Es wunderte mich nicht wenig, wahrzunehmen, wie der Fürst von allen Seiten nicht mit bloßer Höflichkeit, sondern mit Wärme, ja oft mit Begeisterung begrüßt wurde. Das war vor Jahren, ja vor Monaten selbst nicht so. Aber seitdem hat sich Vieles in Rumänien geändert.

Der Fürst, den die Parteien nur als ein Spielzeug für ihre Umtriebe zu betrachten gewohnt waren, steht heute im vordersten Treffen. Man verhehlt sich nicht, daß die Existenz Rumäniens heute auf diesen beiden Augen beruht, und nicht ohne Grund beschworen die Minister Seine Hoheit, sich nicht mehr solchen Gefahren auszusetzen wie bei Kalafat. Der Fürst aber soll die Herren vom Ministerconseil aufmerksam gemacht haben, daß er einen andern Souverän, der sich ebenfalls mit der Türkei im Kriege befunden, sehr bitter getadelt habe, weil er sich dem Feinde gegenüber niemals blicken ließ. So versteht Fürst Carol die Kriegführung nicht.

„Unsere Truppen sind jung und waren noch nicht im Feuer,“ soll er zu einem der Herren Minister geäußert haben. „Es kann nöthig sein, daß sie in einem schwierigen Momente durch das Beispiel ihres obersten Kriegsherrn angeeifert und hingerissen werden müßten, und in diesem Momente darf ich nicht an Ort und Stelle fehlen.“

Diese Worte sind in das Publicum gedrungen und haben zur Popularität des Souveräns nicht wenig beigetragen. Der Krieg wird also vielleicht eine Annäherung des herrschenden Fürsten und seines Volkes zur Folge haben; bei dem Charakter des Fürsten Carol und bei den Eigenschaften, die man an demselben rühmt, kann eine solche Annäherung nur segensreiche Wirkungen nach sich ziehen.

Neben dem militärischen Zuwachs, den der Krieg zur größten Freude der ehrenwerthen Gilde der Hôteleigenthümer der Bukarester Bevölkerung zugeführt hat, muß ich zur Charakteristik der jetzigen Verhältnisse auch ein anderes Contingent nicht militärischer Natur anführen. Es sind dies die zahllosen Lieferanten und Geschäftsunternehmer, welche die Aussicht auf Gewinn hinter der russischen Armee hierhergelockt hat. Wer einigermaßen die Verhältnisse in Rußland und in der Walachei kennt, wird leicht voraussetzen, daß die Unternehmer sämmtlich Israeliten sind. Man findet darunter alle Schattirungen und Tonarten vertreten, von dem Gentleman aus Odessa, der mit Generalen auf freundschaftlichstem Fuße verkehrt und Mitglied dortiger Clubs ist, bis zu dem schmierigen bessarabischen oder moldauischen Juden in der langen, fettigen Kutte, den bekannten Haarlocken und dem nichts weniger als appetitlichen orthodoxen Gepräge.

Das Hauptquartier dieser Lieferanten ist das Café du Boulevard, das größte in ganz Bukarest. Da wird tagtäglich eine förmliche Lieferantenbörse abgehalten, welche auf das Trottoir heraus fluthet und zu gewissen Stunden sogar die Passage hemmt. Selbstverständlich würden die Geschäftsmacher auch der rumänischen Regierung gerne Anerbietungen machen, aber bis jetzt zeigt sich die hiesige Verwaltung von der Cassen-Façade aus besonders schwach. Die Waaren würde man schon annehmen, aber die Bezahlung auf geeignetere Zeiten verschieben. Darauf gehen die Makler jedoch nicht ein, und das leiseste Ducatengeklimper gilt ihnen weit mehr, als die überschwänglichsten Versprechen für die Zukunft. Kurz und gut, es giebt da für die unternehmungslustigen Philanthropen, welche eine vortheilhafte Partie Patronen oder eine Ladung Revolver oder einen Haufen ärarischer Hosen „nur gegen baar“ anbringen möchten, wenig zu machen. Der rumänischen Regierung aber, welche für Israeliten gerade keine besondere Vorliebe hegt, sind die Leute, seitdem mit ihnen nichts zu machen ist, ein Dorn im Auge. Es soll sogar, so erzählte man sich auf der „Lieferantenbörse“, welche die Muße zum Plappern übrig hat, ein hiesiger Minister bei dem russischen Consul wegen der Anwesenheit so vieler Söhne des auserwählten Volkes Klage geführt haben. Aber der russische Consul soll geantwortet haben, „er bedauere, daß nicht noch mehr da wären“. In der That ist die russische Militärbehörde mit ihren durchweg jüdischen Lieferanten vollständig zufrieden. Die Leute, welche man im Voraus einen heilsamen Schrecken einjagte, halten ihre Contracte pünktlich, liefern gute Waare und nehmen ohne Ceremonien die Bons statt baaren Geldes. Viele sollen erklärt haben, daß sie mit der Einzahlung derselben bis zum Ende des Krieges warten wollen.

Die Central-Verwaltung des russischen Heeres in Bukarest hat ihre Bureaux in dem Erdgeschosse der „Société financière de Roumanie“ aufgeschlagen. In diesen für 10,000 Franken auf ein Jahr gemietheten Räumen geht es bei Tag und Nacht äußerst lebhaft zu. Hier werden die Verträge unterzeichnet und die Proviantcolonnen organisirt, die sich dann nach allen Richtungen hin bewegen. Hier werden schließlich die Rechnungen geprüft und die famose Bons ausgefertigt. Hoffentlich werden sie ihren Cours besser halten, als die Actionen des Unternehmens in den Nebenräumen, welches, eine Schwindel-Gründung[WS 2] ersten Ranges, Ruin und Selbstmorde verursachte.

Obgleich die Convention Bukarest mit der Anwesenheit russischer Truppen verschonen wollte, sieht man doch häufig ganze Bataillone, allerdings unbewaffnet, durch die Stadt ziehen; dem Wortlaut des Tractats wird zwar insofern Genüge geleistet, als diese Schaaren nicht in der Stadt selbst, sondern in einer kleinen Entfernung von derselben Quartiere beziehen. Der Bukarester Spießbürger also, der sich den Anblick eines Stückes Lagerleben gönnen will, braucht sich nur eine Viertelstunde von der Stadt zu entfernen. Schon von weitem winkt ihm die eigenartige Einzäunung der russischen Zeltenstädte – die doppelte oder dreifache Wagenburg von hochbeladenen Heuwagen. Die vier bis sechs weißen Stiere, die so einem Transportmittel als Vorspann dienen, kauern auf dem Boden; die Bauern, welche ein saures Gesicht schneiden, weil man sie gewaltsam requirirte und ihnen blos für Wagen, Vorspann und ihre Mühe zwei Francs zahlt, sitzen neben ihren Thieren. Innerhalb der von den Wagen gebildeten Einzäunung stehen die Zelte aus grau-weißlicher Leinwand, aber solid und gegen den Regen hinreichend Schutz bietend. In jedem dieser Zelte lagern acht Mann auf frischem Stroh; die graue Militärkapuze dient ihnen als Bettdecke. Die Herrn Officiere haben es nicht besser, nur daß sie statt zu acht zu drei in einem solchen Zelte einquartiert sind. Um jedes Lager (es giebt deren überall in der Umgebung von Bukarest) sind eine Menge von Holzbuden erstanden, worin der Krieger, wenn es ihm seine Mittel gestatten, sich an Schnaps, Thee, Wurst laben kann, ohne den weißen Landwein zu vergessen, der schon manchem zu Kopfe gestiegen ist und manchen Arrest auf dem Gewissen hat. Im übrigen bieten die russischen Infanteristen sehr wenig Interessantes; das erste Mal hört man wohl mit einigem Befremden dem schrillen eintönigen Musiciren zu, mit welchem sie sich die Zeit zu vertreiben suchen; beim zweiten läßt man es bleiben. Dagegen erhalten die Kosaken die Neugierde wach. Es lohnt sich auch die Steppensöhne etwas näher zu studiren, die sich selber so wenig pflegen und um so besser ihre Waffen und Pferde. Den Carabiner, den er beständig in einem Futteral von Leder sorgsam verwahrt führt, hegt der Soldat wie seinen Augapfel; das Rößlein verhätschelt er wie ein verwöhntes Kind. Wenn z. B. ein Kosak in Bukarest Stafette reitet und vor irgend einer behördlichen Thür auf Auskunft und Bescheid warten muß, so sucht er stets in der Nähe des Hauses einen grünen Platz aus, wo das Rößlein grasen kann, während da oben die Depesche oder der Auftrag schriftlich ausgefertigt wird. In seinem ganzen Auftreten ist der Kosak voll auffallender Gutmüthigkeit; möglich, daß er im Kampfe einem Löwen gleichen mag, aber wenn er so ruhig und so fromm auf seinem geliebten Pferde dasitzt, möchte man ihn viel eher für einen Heiligen halten, der den Pallasch und Tschako nur der Spielerei zu Liebe trägt.

Den wildesten Gegensatz zu den Kindern des Don und Dniepr bilden die tatarischen Hülfstruppen, welche man öfters das Unrecht begeht mit den Kosaken zu identificiren oder zu verwechseln. Diese Tataren dürften um kein Haar besser sein als die wildesten im Dienste des Sultans stehenden Baschi Bozuks. Das Aussehen, die gemein-lüsternen und habsüchtigen Züge sind bei den Tataren der Krim genau so prägnant, wie ich sie im vorigen Jahre bei den auf den Stufen der Moscheen in Stambul lagernden Gesellen zu beobachten Gelegenheit hatte. Die braven Burschen scheinen die Bundesgenossenschaft Rumäniens nicht vom richtigen völkerrechtlichen Standpunkte aufgefaßt zu haben, denn sie benahmen sich wie in Feindesland. Es wurden einige Exempel statuirt, die indessen nicht viel nützten, und da schließlich über die zweckentsprechende Verwendung dieser Mannschaft gegen andere [438] Muselmänner Zweifel erhoben wurden, so schiffte man die zügellosen Burschen wieder nach der Heimath ein, nachdem man sie zuvor vorsichtshalber entwaffnet hatte. Ihre Officiere dagegen, von denen viele nicht Asiaten, sondern Polen oder biedere Balten sind, bleiben im Dienste, und man sieht deren viele in den Gärten, wo, wenn es dunkel wird, die Zigeuner auftauchen. Solch ein musikalisches Kneip-Institut befindet sich dem von mir bewohnten Hôtel gerade gegenüber. Durch die der Hitze wegen geöffneten Fenster bringt mir regelmäßig die Nachtluft bis ein Uhr in der Frühe die nämliche auf der Geige begleitete Melodie, die mir seitdem (kein Wunder auch) beständig in den Ohren summt. Ich war am Ende doch neugierig, den beharrlichen und ausdauernden Naturmusikanten zu sehen, der die Geduld hatte, sechs Stunden jeden Abend die nämliche Arie zwanzigmal zu wiederholen. Im Hintergrunde des stark besetzten Gartens in einem Musik-Kiosk stand der Virtuose – kupferbraun wie ein Sioux mit struppigem Haar und weißen Zähnen; er fiedelte und sang mit rührender Ueberzeugung. Hinter ihm saßen etwa vier andere braune Gesellen, die, ohne sich um den Tact zu kümmern, auf’s Gerathewohl mit Contrebaß, Geige und einem eigenartigen Instrumente, welches den Singsang der Waldvögel nachahmt, darauf los musicirten. Von Zeit zu Zeit tauchte aus der kleinen Gesellschaft ein junges geschniegeltes Bürschchen mit krausem Haar und weiblichen Manieren auf, welches sich nach rechts und links verneigte, ein Couplet sang und dann mit noch zierlicherer Verbeugung abtrat. Das Ganze wäre urkomisch, wenn die seltsamen Typen der Virtuosen der Sache nicht einen romantisch-fesselnden Anstrich verleihen würden.

Ebenso wenig wie dem äußeren Verkehr hat der Krieg dem geselligen Leben Bukarests Eintrag gethan. Unter Anderen werden die kleinen zwangslosen Donnerstagssoiréen des Bürgermeisters von Bukarest, Herrn C. A. Rosetti, stark besucht. Rosetti, eines der Häupter der demokratischen Partei, die sich jetzt am Ruder befindet, ist zugleich Präsident der Abgeordnetenkammer und hat gewiß auf die staatliche Gestaltung der Dinge hier einen ebenso großen Einfluß, wie irgend ein Minister. Herr Rosetti, der den größten Theil des Jahres in Paris zubringt, bewohnt, wenn er in Bukarest weilt, das Haus, wo sich die Redaction des Blattes „Romanul“, dessen Eigenthümer und Gründer er ist, befindet. Im Redactionssaale, der während der Soiréen als Rauchzimmer benutzt wird, befindet sich unter anderen eine Zeichnung, die Mazzini auf dem Todtenbette darstellt, und ein sehr schönes Portrait von Garibaldi (Lithographie) mit der eigenhändigen Widmung des Eremiten von Caprera: „A mon cher ami Rosetti. Garibaldi.“ Der heutige Bürgermeister von Bukarest, dem letzthin die Ehre zu Theil wurde, am Bahnhofe den Beherrscher aller Reussen zu begrüßen, ist ein intimer Freund nicht nur der beiden italienischen Freiheitshelden, sondern der hervorragendsten Führer der europäischen Revolutionspartei überhaupt. Es liegt auch etwas vom eingefleischten Carbonaro in den scharfen ausdrucksvollen Zügen des in seinem Wesen höchst liebenswürdigen Stadtoberhauptes. In dem Salon des „Romanul“ finden sich viele hervorragende Persönlichkeiten der Partei ein: Senatoren, Deputirte, Richter, Beamte und in deren Begleitung ihre Damen und Töchter. Während die Männer über Politik discutiren, musiciren die Damen und – um eben den Zeitumständen Rechnung zu tragen, zupfen sie Charpie für den künftigen Gebrauch.

Es wäre unmöglich, wie ich es versuchte, von dem heutigen Bukarest eine richtige Skizze zu entwerfen, ohne gleichzeitig der beträchtlichen Schaar von Berichterstattern zu erwähnen, welche der Krieg hierher gelockt hat. Alt-England schreitet selbstverständlich voran; die Berichterstatter der „Times“, des „Daily News“, des „Standard“, des „Telegraph“ etc. sind die Aristokraten unter uns. Die Herren haben unbeschränkte Creditbriefe und ihre Diener und Pferde, die indessen ruhig im Stalle bleiben, bis das Hauptquartier mobil wird. Das benachbarte Oesterreich, welches bei diesem Kriege doch gewissermaßen jetzt schon betheiligt ist, hat ebenfalls ein starkes Contingent gestellt; jedes große Wiener Blatt hat in Bukarest allein zwei Correspondenten, abgesehen von denjenigen, die im Lande links und rechts patrouilliren. Von den deutschen Zeitungen sind nur die ganz großen Tagesblätter vertreten; auch Italien hat ein Häuflein hierher gesandt. Der Berichterstatter des römischen „Fanfulla“ hatte sogar das Glück, für einen Spion gehalten zu werden und mit dem Gefängnisse von Braila Bekanntschaft, wenn auch nur vorübergehend, zu machen.

„Wie hat es Ihnen dort gefallen?“ fragte ich den transalpinischen Collegen.

„Nicht übel,“ murrte er. „Die Einrichtung ist comfortabler als in manchem Hôtelzimmer.“

Die französische Presse ist ebenfalls durch etwa zehn Pariser vertreten, die meistens in ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Auftreten den Ruf französischer Sitte und Eleganz rechtfertigen.

Paul d’Abrest.




Ein Stündchen bei „Onkel Bräsig“.
Von Theodor Winkler.


„Und wenn ich soll in das Theater geh’n,
So will ich wenigstens was Lustiges seh’n,
Denn Trauerspiele mit Grausen und Schrecken,
Die sieht man ohnehin an allen Ecken.“

Nestroy, der allbekannte Wiener Komiker, war es, wenn wir nicht irren, der diesen Wahlspruch aufgestellt hat. Er sprach damit den Grundsatz von Hunderten und Tausenden aus. Das kann man noch heute überall beobachten. Und ohne der ernsten Seite des Theaters zu nahe zu treten, läßt sich behaupten, daß damit einer sehr natürlichen menschlichen Regung Ausdruck verliehen ist. Drei edle Himmelsgaben sind es ja, die dem Staubgeborenen als Gegengewicht gegen die mannigfachen Mühsale des Erdenlebens mit auf den Weg gegeben wurden: der Schlaf, die Hoffnung und das Lachen. Ja, wer nicht mehr schlafen, nicht mehr hoffen, nicht mehr lachen kann und doch noch athmet, der mag seine Rechnung mit diesem Leben als abgeschlossen betrachten!

„Lachen! Wenn es nur so leicht wäre!“ ruft der Pessimist seufzend aus. „Lachen!“ klagen die Leiter unserer Bühnen, „wenn sie doch nicht so dünn gesäet wären, die Kräfte, die das von den Brettern aus in das Publicum hineinzuzaubern vermögen!“ Dichter wie Darsteller des heitern Elements sind in unseren Tagen ebenso selten wie gesucht. Die Lustspielproduction liegt bei uns so sehr darnieder, daß die Bühnen nicht wissen, woher den Bedarf nehmen, ohne längst abgebrauchte Dinge immer wieder aufzuwärmen, und die Schauspieler, die so recht von Grund aus, so recht auf Alle ohne Unterschied erheiternd zu wirken verstehen, sind nicht viel häufiger. In den meisten Fällen sieht der Bühnenkomiker seine Grenze in den Gemarken seines Landstrichs: die Wiener vermögen den Berliner, die Berliner den Wiener Humor nicht zu verdauen. Kurz und gut: Dürre und Unfruchtbarkeit auf dem Felde, dem das Lachen ersprießen soll.

Ein solcher Nothstand drängt unwillkürlich zur sorgsamsten Ausbeute des Wenigen, was gedeiht, und führt auch dem Mangelhaften ein liebevolles Augenmerk zu, sobald der Kern ein edler ist.

Das erfuhr auch der Humorist, der vor etwa zwanzig Jahren in einem versteckten Landstädtchen Mecklenburg-Schwerins auftauchte und die Gaben seiner Muse in plattdeutscher Sprache auf den Büchermarkt brachte. Fritz Reuter nannte sich der Autor. Heute kennt ihn Jedermann, der geistige Genüsse zu würdigen weiß; damals war er fremd, ein Neuling in der Literatur, und nur wenige des Idioms Kundige waren es anfangs, die von seinen Schriften Kenntniß nahmen. Aber ihre Mühe lohnte sich; sie fanden mehr, weit mehr, als sie von dem unbekannten Schriftsteller erwartet hatten; sie täuschten sich mit den Dichtungen des plattdeutschen Humoristen manche trübe Stunde hinweg; sie griffen darum wiederholt zu seinen Büchern, und Fritz Reuter wurde ihnen allmählich das Höchste, was nur ein Autor seinen Lesern werden kann, ihr Vertrauter, ihr Freund.

So etwas spricht sich rasch herum. Das Erheiterungsbedürfniß ist allgemein, und gern empfiehlt der Eine dem Andern den wackeren Grillenscheucher. So wuchs der kleine Kreis von Reuter-Verehrern und der Autor mit ihnen, denn Anerkennung ist das [439] Brod des Geistes. Er ließ seinen Erstlingswerken bald Weiteres folgen, und die nachkommenden standen ihren Vorläufern keineswegs nach; sie übertrafen sie sogar an Form und Gehalt.

„Olle Kamellen“, „Schurr-Murr“, „Ut mine Festungstid“, „Ut mine Stromtid“, „Dorchläuchting“ – sollen wir sie alle aufzählen, die jeder Literaturfreund kennt und als Schätze unseres vaterländischen Schriftwesens verehrt?

Aber wie kam es denn, daß sich dem Autor die Wege in das Volk so rasch ebneten, da er doch in einer Mundart schrieb, die einem großen Theil des Publicums verschlossen war und zu welcher es mit eigener Hand den Schlüssel schwerlich gefunden haben würde? Wie kam es, daß Fritz Reuter im Norden wie im Süden seine Anhänger gefunden? Das lebendige Wort, das auch sonst im menschlichen Verkehr den wirksamsten Vermittler bildet, das lebendige Wort wandernder Vorleser und Interpreten ist es, dem das Hauptverdienst der Popularisirung unseres trefflichen Humoristen gebührt. Fritz Reuter hat solcher Sendboten, die sich aus Liebe und Begeisterung zur Sache auf den Weg machten, mehrere und darunter sehr tüchtige gefunden. Das Ergebniß ihrer Thätigkeit ist in der That ein außerordentliches.

Männer, wie Kräpelin, dessen die „Gartenlaube“ in Nr. 11 dieses Jahrgangs gedachte, haben durch ihre Reuter-Vorlesungen Tausende zum Studium dieses echtdeutschen Humoristen angeregt und Unzähligen Stunden heiteren Genusses verschafft. Es ließen sich noch Mehrere nennen, wenn es gälte, alle verdienstvollen Reuter-Vorleser hier anzuführen, was indeß unsere Aufgabe nicht ist.

Katheder und Hörsaal bezeichnen bekanntlich nicht allein die Stätte, wo die Anhänger Reuter’s sich sammelten und zur immer größeren Gemeinde anwuchsen. Ein noch weit mächtigerer Factor gesellte sich hinzu, um dem Dichter Freunde zu werben: die Bühne. Wie hätte sie auch solch einen Schatz sich entgehen lassen können? Ist ja ihre Stoffarmuth so drückend, daß kein halb dem Ei entkrochener Roman, keine Novelle in einem Unterhaltungsblatte davor sicher ist, noch ehe sie in ursprünglicher Gestalt Leser gefunden haben, dramatisch eingeschlachtet und als Schau- und Trauerspiel auf die weltbedeutenden Bretter gesetzt zu werden – ein Unwesen, von dem auch die „Gartenlaube“ manches Histörchen zu erzählen wüßte.

So armselig und unersprießlich dieses Verfahren sonst genannt werden muß, in unserm Falle darf die Ueberführung Reuter’s auf die Bühne nur gutgeheißen werden. Man hat damit kein Lustspiel gewonnen, das vor den strengen Regeln der dramatischen Technik Stand zu halten vermöchte, aber ein Stück, das dem Zuschauer eine der köstlichsten Gestalten deutschen Humors lebendig vorführt und ihn über der zwerchfellerschütternden Wirkung dieser Prachtfigur gern die Schwächen der Composition vergessen läßt, vorausgesetzt, daß sich für den Helden ein Darsteller findet, der seiner schwierigen Aufgabe völlig gewachsen ist.

Jetzt sehen wir uns dem Künstler und seinem Vorbilde gegenüber, den unser Bild veranschaulicht: August Junkermann als Onkel Bräsig.

Der Genannte, aus Bielefeld gebürtig und zur Zeit Mitglied des Stuttgarter Hoftheaters, ist einer der erfolgreichsten Freiwerber der Reuter-Gemeinde, der dem Dichter nicht nur als Vorleser, sondern auch als Darsteller auf der Bühne die Wege in’s große Publicum erschloß und dem vor Allen das Verdienst zukommt, dem Süden Deutschlands das Verständniß des norddeutschen Humoristen erschlossen zu haben. Und zwar waltet dabei eine seltene Uneigennützigkeit ob, denn weitaus die meisten seiner Vorträge sind milden Zwecken, viele auch der Mehrung des Fonds zum Reuter-Denkmal gewidmet. Allüberall, wo er bisher auftrat – und es ist eine stattliche Reihe von Städten, die seine Wirksamkeit bezeichnet – wuchs die Schaar seiner Zuhörer mit jedem neuen Vortrage in einer Weise, die als das schlagendste Zeugniß seiner Tüchtigkeit betrachtet werden muß. Und wie auf dem Katheder, wenn er Reuter liest, so auf der Bühne, wenn er Reuter spielt.

Nur ein Bruchtheil vom Humor des Dichters ist es, der den Weg auf die Bretter genommen hat, aber es ist auch gewissermaßen die Perle seiner Komik, der Onkel Bräsig eben, und gerade in der Verkörperung dieser köstlichen Figur glänzt Junkermann als ein Meister seines Faches.

Man muß ihn gesehen haben, um zu empfinden, welch unwiderstehliche Gewalt seine Darstellungsgabe auf die Lachmuskeln ausübt. Ein Stück aus dem frischen Leben der Wirklichkeit geschnitten, so tritt sein Bräsig vor uns, und während wir uns an seinem komischen Gebahren ergötzen, während uns die Strahlen dieses lauteren Gemüths erwärmen, kann sich tief im Innern des Zuschauers nur das Bedauern regen, daß solche Vollblut-Biedermänner wie „Entspecter Bräsig“ in dieser Zeit des Dampfes und der Telegraphen, der Börsenmanöver und Kriegsmaschinen doch immer mehr auf den Aussterbe-Etat kommen.

Wer könnte denn kalt und gleichgültig dreinblicken, wenn „Onkel Bräsig“, dieser Apostel der Naturphilosophie im bäuerischen Flausrock, diese Mensch gewordene Mischung von Aufklärung und beschränktem Unterthanenverstand, von stiller Resignation und nimmermüder Lebensfreudigkeit, von männlicher Strenge und jugendlicher Schalkhaftigkeit, breitbeinig daher gewackelt kommt? Wenn man ihm z. B. zusieht, wie er sich voll Ironie vom Leutnant Rambow abwendet, als der ihn über den neumodischen Ackerbau belehren will, und er ihm in seinem urgemüthlichen Dialect erwidert: „Natürlich muß der Boden dazu erst gehörig präperirt werden, und wenn wir denn mit diese Preposition fertig sind, denn bauen wir nix mehr als Mandeln und Rosinen, un damit futtern wir die Sweine“ und dann, zur Frau von Rambow gekehrt, hinzufügt: „un denn sollen Sie mal sehn, Frau Leutnantin, wo süß so ein Swein smeckt, das mit Mandeln un Rosinen fett gemacht is,“ worauf Bräsig ein unnachahmliches Gelächter ausstößt. Oder in der Scene, wo er seinen lieben Korl mit der Jugenderinnerungen tröstet, während ihm selbst das Herz erbebt: „Weißt Du noch, Korl, in die Provat: In die Fixigkeit war ich Dich über, bloß in die Richtigkeit, da warst Du mich über.“ Dann bei dem reizenden Auftritt, als Axel sich erschießen will und Bräsig, hinter dem Baume hervorkommend, mit seinem „Gu’n Morgen!“ nach der Pistole greift und sich auf die Bank setzt. Oder wer vermöchte zu widerstehen, wenn Onkel Bräsig dem „entsamten Windhund“ Triddelfitz den Text liest, oder vor der gnädigen Frau Leutnantin den Galanten spielt, wenn er dem lieben Korl die Heilkraft der „Wasserkunst“ auseinandersetzt, wenn er immer und immer wieder als Mann, der drei „Brauten“ zugleich gehabt, auf seine Autorität in der Liebe pocht, oder gegen seine Erhebung zum „Kaiser von Frankreich“ protestirt! Und wen ergriffe nicht die Rührung in dem poetischen Momente, als Bräsig seinem süßen Pathchen Mining mit den „klaren Augen“ die vertrocknete Levkoye als das Einzige, was er hat, zum Brautgeschenk macht und daran den sinnigen Wunsch knüpft: „Wenn Rudolph nach langen Jahren im Stande is, Dich mit denselben klaren Augen diese neue Blume zu übergeben, als ich Dich jetzt diese welke, denn kannst Du sagen: ich bün eine glückliche Frau gewesen.“

Dieses Verhältniß Bräsig’s zur Nüßler’schen Familie ist überhaupt eine der poesievollsten Partien im ganzen Reuter, durch die ein echt deutscher Zug weht. Unser „immerirter Entspecter“ ist Junggesell – Junggesell wider Willen. Sein „gnädigst Herr Graf“ mochte keinen verheiratheten „Entspecter“ leiden; darum mußte er, obwohl mit „drei Brauten auf einmal“ versehen, darauf verzichten, „eine enzelne“ heimzuführen. Eines der Opfer dieser mißgünstigen Verhältnisse ist Hawermann’s Schwester, die nachmalige „Madam Nüßlern“. Bräsig hat zusehen müssen, wie sie ihm ein Anderer vor der Nase weggeheirathet hat, aber kein Mensch kann ihn abhalten, sie noch immer als die schönste und beste Frau zu verehren und ihr „lütt Kropzeug von Dirns“, die beiden Töchter Lining und Mining, als sein eigen zu betrachten. Die Art und Weise, wie unser Künstler dieses rührende Verhältniß mit warmem Herzblut zur Anschauung bringt, das ist für Jeden, der noch zu fühlen versteht, von mächtiger Wirkung.

Genug, ob lachend, ob weinend, ob zärtlich oder grollend, immer steht bei Junkermann die ganze Prachtfigur Fritz Reuter’s vor uns, wie sie in Sprache und Geberde nach der Zeichnung des Dichters sich nicht anders in der Phantasie des Lesers gestalten kann. Und welch ein liebevolles gründliches Versenken in den Geist der Dichtung vorausgegangen sein muß, bevor ein Darsteller so das Gebild in Fleisch und Blut zu übertragen vermag, das wird sich Jeder selbst sagen können, der einen Begriff von den Schwierigkeiten der Schauspielkunst hat.

Daß übrigens ein Mann der Bühne, der noch dazu die Darstellung der Hauptgestalt Reuter’s eine seiner Specialitäten [440]

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August Junkermann als „Onkel Bräsig“.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.


nennen darf, auch als Vorleser kein bloßer Wortesprecher ist, sondern durch Mimik und Gesticulation wie durch kunstgeübte Tonfärbung seinen Vortrag in der wirksamsten Weise illustrirt, ist nicht mehr als natürlich. In der That werden durch diese schauspielerischen Zugaben die Vorlesungen Junkermann’s zu wahren Interpretationen des Dichters, die einen tiefen Eindruck auf den Hörer nicht verfehlen können. Andächtiger kann die gläubige Gemeinde einem Prediger nicht lauschen, als das Publicum in der Regel Junkermann’s Reuter-Vorlesungen. Es liegt eben in diesen dramatisch belebten, vom Tone wahrer Empfindung gehobenen Vorträgen ein unsagbar fesselnder Reiz. Und bei einiger Aufmerksamkeit dringt selbst der mit den Dialektgeheimnissen gar nicht Vertraute gar bald in das Verständniß. Junkermann versteht selbst im bewegtesten Dialog die einzelnen Charaktere streng auseinander zu halten, daß man sie greifen zu können meint; hier den Bräsig und daneben Hawermann, dann Fritz Triddelfitz, die Pomuchelskopp’sche Familie, Moses, das Nüßler’sche Ehepaar, Lining und Mining, Gottlieb und Rudolf – es sind der Köpfe und Stimmen wahrlich nicht wenige. Und nun erst der Rahnstädter Reformverein mit seinem Durcheinander! Es ist eine wahre Lust zu hören, wie der Künstler vor den Zuhörern doch in all dem Wirrwarr die einzelnen Sprecher klar unterschieden hält.

In seiner Wirksamkeit als Vorleser beschränkt sich Junkermann selbstverständlich nicht blos auf den „Entspecter Bräsig“ und was zunächst damit im Zusammenhange steht, sondern verbreitet sich in buntem Wechsel auf Alles, was unter die gelungensten Schöpfungen Reuter’s zu zählen ist. Und das mit [441] gleicher Meisterschaft. Die verschiedenen Vogelstimmen in „Hanne Nüte“ z. B. ahmt er so charakteristisch nach, daß das Auditorium gewöhnlich in laut schallendes Gelächter ausbricht, während bei ernsten Situationen, wie z. B. bei Reuter’s Schwanengesang „Großmutting, hei is dod“, die Stimmung sich so in’s Gegentheil wendet, daß kein Auge trocken bleibt. Noch eine Eigenheit Junkermann’s ist zu erwähnen, die sogar von strengen Reuter-Verehrern nicht gebilligt wird, aber die Absicht des Künstlers, dem Uneingeweihten möglichst leicht verständlich zu werden, erheblich fördert; das ist der Umstand, daß Junkermann bei den dunkelsten Stellen ein Compromiß zwischen dem mecklenburgischen Platt und den süddeutschen Mundarten schließt und z. B. die Stelle des „Stadtbullen“ (vom „Kaufmann Kurz“) durch einen schwäbischen „Brummelochsen“ vertreten läßt. Bei der strengen Wahrung der Eigenthümlichkeiten Reuter’s, die unser Vorleser sonst beobachtet, halten wir diese kleinen Behelfe für unwesentlich, zumal sich ja Jeder das Original beim Selbstlesen wieder herstellen kann.


Die Gartenlaube (1877) b 441.jpg

Kosaken auf der Wacht an der Donau.
Nach der Natur skizzirt vom Capitain N. Karasine.


Wir rechneten es oben dem Künstler als ein großes Verdienst an, namentlich in Süddeutschland für Reuter mit Erfolg gewirkt zu haben. Manchem mag dies als ein leichteres Stück Arbeit erscheinen, als es in der That ist. Mit welchen Schwierigkeiten, mit welch gänzlicher Unkenntniß Junkermann stellenweise auf diesem Boden zu ringen hatte (und zum Theil noch hat), davon mag schließlich nachstehender Vorfall Zeugniß ablegen, der durchaus nicht in das Bereich der erfundenen Anekdoten zu werfen, sondern unverfälschte Thatsache ist: In einem Badeorte wurde dem Künstler, als er zum Zwecke seiner Reuter-Vorträge um Ueberlassung des Cursaales nachsuchte, vom Curdirector der Bescheid gegeben: Es seien sehr wenig Pferdeliebhaber am Platze, Reiter-Vorlesungen daher ohne Aussicht auf Erfolg. Wer unter solchen Verhältnissen den Muth nicht sinken läßt, der muß von tiefem Vertrauen auf seine Kraft und die Vortrefflichkeit seiner Sache erfüllt sein, denn das ist und bleibt gewißlich wahr: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“




„Leipzig“ auf See.


Ein altes Studentenlied feiert bekanntlich Leipzig als „große Seestadt“. Der Verfasser dieses humoristischen Liedes hat damals sicher nicht geahnt, daß dem von ihm erfundenen geflügelten Worte eine thatsächliche Unterlage gegeben und daß die maritime Eigenschaft Leipzigs gewissermaßen in dem Vorhandensein eines schmucken deutschen Kriegsschiffes „Leipzig“ Anerkennung finden würde, nachdem schon jahrelang vorher ein denselben Namen führender großer Passagierdampfer der deutschen Handelsmarine dem internationalen Verkehre gedient. Wenn heute die deutsche Kriegscorvette „Leipzig“ in fremdem Hafen vor Anker geht, so bekundet die von ihr herabwehende prächtige Flagge, ein Geschenk der Stadt Leipzig, die aufrichtige Freude und die stolze Genugthuung, welche man daheim im Vaterlande und insbesondere in der Stadt an der Pleiße über die Deutschland auf den Meeren wiedergewonnene Machtstellung empfindet. Sie bekundet, daß man sich im Binnenlande innig verbunden fühlt mit den Angehörigen der Kriegsmarine, die in schwerer Berufserfüllung in allen Weltgegenden für die Würde und die Interessen des deutschen Reiches einzutreten haben.

Am 1. April 1874, dem Tage, an welchem der geniale [442] Leiter der deutschen Staatspolitik und Leipzigs wackerer Ehrenbürger, Fürst Bismarck, seinen Geburtstag feiert, war auf der Werft der Gesellschaft „Vulcan“ in Bredow bei Stettin mit dem Baue eines von der Admiralität zu Berlin in Bestellung gegebenen Kriegsschiffes begonnen worden, das den Charakter einer Glattdeckscorvette haben und vermöge seiner scharfzugespitzten Formen und der dadurch herbeigeführten großen Segelgeschwindigkeit die Bestimmung erfüllen sollte, im Seekriege hauptsächlich zum sogenannten Aufklärungs- und Plänklerdienste, zum Kapern feindlicher Proviantschiffe u. dgl. benutzt zu werden.

Der Stapellauf des Schiffes fand im Beisein des Chefs der Admiralität, Staatsministers von Stosch, am 13. September 1875 statt, und es hatte schon vorher eine Bekanntmachung im preußischen „Staats- und Reichsanzeiger“ den Willen des deutschen Kaisers, des obersten Kriegsherrn der deutschen Kriegsmarine, zu erkennen gegeben, daß die neu erbaute Corvette, in Erinnerung an den ruhmreichen Befreiungskampf, der einst auf Leipzigs Gefilden gegen die französische Fremdherrschaft geschlagen wurde, den Namen „Leipzig“ führen solle.

Die Taufe des Schiffes geschah in Gemäßheit dieser kaiserlichen Bestimmung, deren Bekanntwerden in Leipzig lebhafte Freude und Befriedigung erweckt hatte. Die Bürger dieser Stadt empfanden nicht eitle Ruhmsucht, wohl aber wurde in ihnen von Neuem der Gedanke an den gewaltigen Entwicklungsgang lebendig, den die Nation seit der großen Völkerschlacht im Jahre 1813 genommen und der einen erhebenden Ausdruck in dem Entstehen einer deutschen Kriegsflotte gefunden hatte, mit dem in Zukunft die Gegner Deutschlands zu rechnen haben werden.

Wenige Tage nach dem Stapellauf und der Taufe des Schiffes gab ein Leipziger Bürger, Herr C. G. Naumann, im „Leipziger Tageblatt“ die Anregung, es möge die Leipziger Einwohnerschaft in dankbarer Anerkennung der ihrer Stadt gewordenen Auszeichnung der Kriegscorvette „Leipzig“ eine Galaflagge stiften. Diese Aufforderung fiel auf fruchtbaren Boden, und ein von einem anderen Leipziger Bürger, Herrn Ottokar Staudinger, erlassener Aufruf hatte zur Folge, daß in wenigen Wochen die Mittel zur Herstellung einer Ehrenflagge vorhanden waren. Selbstverständlich war vorher die Zustimmung Sr. Majestät des Kaisers zu dem Unternehmen, wie nicht minder die freundliche Unterstützung desselben durch Sr. Majestät Marineminister erbeten worden. Beide stimmten liebenswürdig zu. Die Herstellung der Flagge, den Wimpel und die Gösch inbegriffen, wurde der rühmlichst bekannten Fahnenstickerei des Herrn Hietel in Leipzig, deren Erzeugnisse sich weit über Deutschlands Grenzen hinaus Eingang verschafft und die Ehre der deutschen Industrie hoch halten, übertragen. Im März 1876 war die Flagge fertig, und sie erregte bei ihrer mit Genehmigung des Ministers von Stosch geschehenen öffentlichen Ausstellung im städtischen Museumssaale zu Leipzig ungetheilte Bewunderung. Die Flagge ist aus doppelt gefaltetem schwerem Seidenstoff gearbeitet und die Herstellung derselben in jeder Beziehung solid und zweckentsprechend. Ihre Formen sind vollständig denjenigen der Seekriegsflagge des deutschen Reiches entsprechend; auf der Rückseite befindet sich die Widmung, welche beurkundet, daß die Flagge ein Geschenk Leipziger Bürger für Sr. Majestät Kriegscorvette „Leipzig“ darstellt. Eine hohe Ehre und Auszeichnung wurde ihr zu Theil, indem Kaiser Wilhelm sie vor seiner Abreise nach Leipzig im September vorigen Jahres aus der Admiralität nach dem kaiserlichen Palais bringen ließ und einer Besichtigung unterzog, deren Ergebniß ein für die Geber und den Hersteller der Flagge sehr schmeichelhaftes war.

Der Ausbau der „Leipzig“ hatte inzwischen einige unvorhergesehene Verzögerungen erfahren und ihre Uebernahme seitens der deutschen Seekriegsverwaltung konnte erst Ende Mai des gegenwärtigen Jahres erfolgen, nachdem drei Tage lang Probefahrten mit dem Schiffe von Swinemünde aus in See stattgefunden, die in der besten Weise verlaufen waren und die Tüchtigkeit der Corvette nach jeder Richtung hin dargethan hatten. Die feierliche Uebergabe der Flagge an Bord des Schiffes, zu deren Bewerkstelligung der deutsche Marineminister den Leipziger Bürgern die Entsendung einer Deputation anheim gegeben, geschah unmittelbar darauf am 1. Juni. Als eigentliche Vertreter der Marineverwaltung fungirten bei dem feierlichen Acte der Commandant der „Leipzig“, Corvettencapitain Zirzow, und der Oberwerftdirector in Kiel, Capitain zur See Weikhmann, welcher die Uebernahme des Schiffes vom „Vulcan“ geleitet hatte. Das der Stadt Leipzig bei ihren festlichen Veranstaltungen mit seltener Beharrlichkeit eigene Wetterglück war deren Repräsentanten nach Swinemünde gefolgt und blauer, wolkenloser Himmel breitete sich über dem Hafen dieser Stadt aus, als um die Mittagsstunde auf dem Deck der „Leipzig“ zur Vornahme der Feierlichkeit Alles klar gemacht worden war, während eine leichte Brise die Gluth der Sonnenstrahlen wohlthuend minderte. Die Leipziger waren schon einige Stunden früher an Bord des Schiffes durch den Capitain Weikhmann abgeholt worden, damit sie in Muße unter der Führung von Deckofficieren die Einrichtung der „Leipzig“ besichtigen konnten; für die meisten von ihnen war ein Kriegsschiff von solcher Ausdehnung und von so vorzüglicher, den Fortschritten unserer Zeit entsprechender Herstellung eine vollständige Neuheit, und sie waren freudig überrascht darüber, daß die deutsche Kriegsflotte fortan ein so überaus tüchtiges Schiff mehr zählen wird.

Signale riefen die Mannschaft des Schiffes, welche vorläufig aus einem Tags vorher erst unter Führung des Corvettencapitain Zirzow aus Kiel eingetroffenen, etwa hundertsiebenzig Köpfe starken Ueberführungscommando bestand, an Deck, wo sie sich in ihren Festkleidern parademäßig aufstellte. Am Heck lag die Flagge zum Aufhissen bereit, und die zu dieser Operation befohlenen Seeleute harrten nur noch des Commandowortes. Der Commandant der „Leipzig“, Capitain Zirzow, betrat die erhöhte Stelle, von wo beim Gefecht die Leitung des Schiffes geschieht, und richtete eine kurze, markige Ansprache an die Mannschaften, in welcher er seine Freude darüber ausdrückte, das Commando eines so schönen und tüchtigen Schiffes überkommen zu haben, eine Freude, die um so herzlicher sein könne, als die „Leipzig“ aus der vaterländischen Industrie hervorgegangen sei. Hierauf gedachte Capitain Zirzow mit gleich freudigen Worten des schönen Geschenkes, welches das Schiff aus den Händen Leipziger Bürger empfangen habe, eines Geschenkes, welches ein beredter Dolmetscher der im Binnenlande für die deutsche Kriegsmarine vorhandenen Sympathien sei, und am Schlusse seiner Ansprache brachte der Capitain ein donnerndes Hoch auf den Gründer und Beschützer der deutschen Flotte, den Kaiser Wilhelm, aus, in welches alle an Bord Versammelten begeistert einstimmten. In diesem bedeutsamen Augenblicke erfolgte das Aufhissen der Flagge, welche sofort vom Winde kräftig hin und her bewegt wurde und durch ihre glänzende Erscheinung laute Ausrufe der Bewunderung erweckte.

Die Ansprache, welche nunmehr Leipzigs Oberbürgermeister Dr. Georgi an die Officiere und Mannschaften Sr. Maj. Kriegsschiff „Leipzig“ richtete, war zwar kurz, aber ihr tief-ernster Inhalt, ihre erhebenden patriotischen Worte waren so recht geeignet, die Feierlichkeit des Actes zum vollen Ausdruck zu bringen. Der Redner betonte insbesondere, daß die Flagge das sichtbare Zeichen des Dankes einer deutschen Handelsstadt an die deutsche Marine sein solle, einer Stadt, die ihre Verbindungen weithin über die Meere habe und die es mit lebhafter Anerkennung empfinde, daß die Achtung, die dem deutschen Namen im Auslande gewonnen worden sei, überall gefördert und erhöht werde nicht nur durch die wachsende äußere Stärke, sondern mehr noch durch die innere Tüchtigkeit der deutschen Kriegsmarine, ihrer Officiere und Mannschaften. Der Gruß aus Leipzig müsse aber auch ein Gruß der Erinnerung an jene große Zeit sein, wo das deutsche Volk in den Leipziger Fluren nach schweren und blutigen Kämpfen die erste Grundlage zu seiner Einigung gewonnen habe. Spät sei die Saat zur Frucht geworden, die dort gesäet worden, und eine der letzten Früchte sei die deutsche Kriegsmarine, aber sie entwickele sich rasch und hoffnungsvoll, denn in ihr wirkten noch die Tugenden, die einst die Tage von Leipzig gewonnen, die treue, männliche Pflichterfüllung und die Liebe zum Vaterland. Von diesen Betrachtungen ausgehend, lenkte der Redner seine Worte auf den erhabenen Fürsten, der den Deutschen Urheber und Symbol ihrer Einigung geworden und dessen Name auch an der Spitze der Geschichte der deutschen Kriegsmarine steht, auf den deutschen Kaiser Wilhelm, auf den ein nochmaliges dreifaches Hoch aus Aller Mund ertönte. Corvetten-Capitain Zirzow reichte, sichtlich bewegt, dem Oberbürgermeister Georgi die Hand und brachte mit der Mannschaft ein kräftiges Hoch auf die in ihrer nationalen Gesinnung treu bewährte Stadt Leipzig aus.

[443] Damit war der eigentliche Uebergabeact beendet und die Leipziger, sowie die Directionsmitglieder der Schiffsbaugesellschaft „Vulcan“, welche der Feierlichkeit ebenfalls beigewohnt, folgten nunmehr der freundlichen Einladung des Schiffscommandanten zu einem reich ausgestatteten Mahle in die Capitainscajüte. Mit derselben Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit wurden die Mitglieder der Leipziger Deputation später an Bord der „Medusa“ aufgenommen, deren Besuch auf den Vorschlag der Officiere von der „Leipzig“ beschlossen wurden war, um ein Kriegsschiff in voller Takelage und Ausrüstung kennen zu lernen. Die „Medusa“ ist bekanntlich dasjenige Schiff der deutschen Kriegsmarine, welches bei Anfang der orientalischen Verwickelungen bis zur Ankunft des deutschen Panzergeschwaders im Hafen zu Salonichi allein die durch den Mord des deutschen Consuls in so überaus schmählicher Weise verletzte Ehre des deutschen Reiches zu vertreten hatte, und sie wurde damals von dem Corvetten-Capitain Zirzow, dem derzeitigen Commandanten der „Leipzig“, befehligt. Auf der „Medusa“ traf am andern Tage der Generalfeldmarschall Prinz Friedrich Karl ein, um sich auf ihr nach der schwedischen Hauptstadt zu begeben. Weiter draußen am Eingange des Swinemünder Hafens ankerte die Segelfregatte „Niobe“, ein Schulschiff der deutschen Flotte, auf der sich der zweite Sohn des Kronprinzen von Deutschland, Prinz Heinrich, als Seecadett im Dienst befindet. Bei einem fröhlichen Abendessen im „Wilhelmsbad“ am Strande der Ostsee nahmen die Leipziger den denkbar herzlichsten Abschied von ihren so überaus freundlichen Wirthen.

Wenn ich jetzt eine Beschreibung der „Leipzig“ folgen lasse, so muß zuvörderst hervorgehoben werden, daß diese Glattdeckscorvette den Binnenlandsbewohner einerseits durch die imposante Größe ihrer Formen, andererseits nicht minder durch deren elegante Leichtigkeit überrascht. Daß diese wohlgefällige Ueberraschung aber nicht allein bei den „Landratten“ vorhanden war, davon empfing man an Bord des Schiffes selbst einen schlagenden Beweis. Dienstfreie Mannschaften der „Medusa“ und der „Niobe“ waren herüber nach der „Leipzig“ gekommen, um deren Einrichtung sich anzusehen, und sie gaben ganz unverhohlen ihr Erstaunen und ihre Befriedigung darüber zu erkennen. Man war namentlich damit zufrieden, daß auf der „Leipzig“ die Rücksichten auf die Bequemlichkeit und das Wohlbefinden der Mannschaft nicht mehr in dem Maße in den Hintergrund gedrängt worden sind, wie dies auf den Kriegsschiffen älterer Construction der Fall ist. Die Länge der „Leipzig“ beträgt in ihren äußersten Endpunkten 87,2 Meter, die Breite vierzehn Meter, der größte Tiefgang bei vollständiger Bemannung und Ausrüstung 6,6 Meter. Sie ist nach dem sogenannten Compositsystem erbaut. Aus der den Schiffsrumpf umgebenden Eisenhaut sind zwei Lagen Planken aus dem festesten Holze mittelst Schraubenbolzen befestigt. Vermittelst acht eiserner Querwände sind neun wasserdichte Abtheilungen hergesteckt. Die Bewaffnung der „Leipzig“ wird in zwölf Siebenzehn-Centimeter-Geschützen bestehen.

Eine der hervorragendsten Eigenschaften des Schiffes besteht in der großen Segelgeschwindigkeit, welche gestattet, fünfzehn Knoten, das ist etwa dreiunddreiviertel deutsche Meilen, in der Stunde zurückzulegen. Von den zwölf Geschützen stehen zehn in Batterie, eines auf Oberdeck und eines am Heck; das Geschütz auf Oberdeck vermag seine Ladung nach allen Richtungen hin abzugeben. Die gesammte Mannschaft der „Leipzig“ beträgt bei ihrer Indienststellung vierhundertfünfundzwanzig Mann.

Die Maschinen haben viertausendachthundert Pferdekräfte und sind nach dem Dreicylinderdrucksystem mit Oberflächencondensation nach den von der deutschen Admiralität vorgeschriebenen Bedingungen hergestellt. Eine dieser Vorschriften war, daß die Dampfmaschine zugleich die an Bord befindlichen zahlreichen Hülfsmaschinen in Betrieb setzt, zu welcher unter Anderm ein Destillirapparat, mittelst dessen das Seewasser genießbar gemacht wird, eine Dampfpumpe, eine Dampffeuerspritze etc. gehören. Die Maschine wird durch sechs Kessel mit achtundzwanzig Feuerungen geheizt, und im Ganzen hat das Schiff nicht weniger als sechszehn größere und kleinere Dampfcylinder an Bord.

Der Destilirapparat erzeugt hundert Liter Trinkwasser in der Stunde. Nach vollständiger Ausrüstung wird die „Leipzig“ an Gesammtherstellungskosten die Summe von etwa fünfeinhalb Millionen Mark erfordert haben.

Die Probefahrten fanden unter der Leitung des Oberwerftdirectors in Kiel, Capitain zur See Weikhmann, statt, und das Schiff war dabei regelmäßig von neun Uhr Morgens bis fünf Uhr Nachmittags in See. Das Ergebniß der Probefahrten war, wie schon bemerkt, ein sehr günstiges.

In dem Etablissement der Schiffsbaugesellschaft „Vulcan“ zu Bredow bei Stettin befindet sich gegenwärtig noch das Schwesterschiff der „Leipzig“, die Glattdeckscorvette „Sedan“, welche in etwa drei Monaten ebenfalls zur Abnahme bereit sein wird. Auf dem Stapel dieser großartigen Anstalt, welche nächst dem Schiffsbau sich mit der Massenherstellung von stationären Maschinen, Locomotiven etc. befaßt, liegen zur Zeit außerdem zwei Panzercorvetten, die bestimmt sind, zum ersten Male eine der deutschen Kriegsmarine völlig eigenthümliche Construction zur Darstellung zu bringen, eine in ihren Formen der „Leipzig“ und der „Sedan“ ziemlich gleichkommende gedeckte Corvette, die aber an Stelle des Kupferüberzuges mit Zink beschlagen ist. Als eine hocherfreuliche Thatsache darf es bezeichnet werden, daß jetzt endlich auch im Schiffsbau die deutsche Industrie sich von der englischen Concurrenz unabhängig gemacht hat. Zum Bau der letztgedachten Kriegscorvette liefert Krupp in Essen die großen Schmiedestücke, welche bis dahin regelmäßig aus englischen Fabriken bezogen wurden, und die Panzerplatten kommen aus den Werken in Dillingen bei Saarbrücken. Der „Vulcan“ aber, dem der genannte „Kanonenkönig“ Krupp gegenwärtig den Bau eines Transportdampfers übertragen, auf dem die Eisenerze aus den Krupp eigenthümlich gehörenden Gruben in Nordspanien nach Deutschland übergeführt werden sollen, ist so eingerichtet, daß er die großen Panzerplatten selbst biegt, hobelt und bohrt. Man kann mit Fug und Recht sagen, daß ein zweites derartig bedeutendes Unternehmen, welches den Schiffsbau in großem Maßstabe mit ausgedehnter Maschinenfabrikation vereinigt, in ganz Deutschland nicht existirt. Das Etablissement beschäftigt zur Zeit – und es ist hierbei die auf der Maschinenbranche lastende Krisis zu berücksichtigen – etwa zweitausendfünfhundert Arbeiter, außerdem an die hundert Beamte und drei Directoren. Diese Leiter der Anstalt, die Herren Haak, Stahl und Wegner, sind die Seele des Unternehmens, und ihrem Erfindungs- und Organisationstalent ist namentlich die Blüthe zu danken, zu welcher der „Vulcan“ gediehen ist. Derselbe ist seit dem Jahre 1857 in die Hände einer Actiengesellschaft übergegangen; er ist also kein Product der modernen Gründung. Vorher war er fünf Jahre in Privatbesitz und die Firma lautete: Früchtenigt und Brock.

Ich möchte diesen Artikel und damit die Mittheilungen über die Feierlichkeit in Swinemünde nicht schließen, ohne den günstigen Eindruck nochmals hervorzuheben, den Mannschaft und Material der nun schon auf einen so achtunggebietenden Standpunkt gebrachten deutschen Kriegsflotte auf die Mitglieder der Leipziger Deputation hervorgebracht haben. Sie sahen zwar keine großen Schlachtschiffe, wohl aber eine Corvette moderner Bauart, hervorgegangen aus den Werkstätten der heimischen Industrie. An diesem Schiff war auch für der Nichtfachmann die vorzügliche Herstellung wahrzunehmen, derer sich die Schiffe der deutschen Kriegsmarine erfreuen und die ihnen in der Secunde der Gefahr sehr fördersam sein wird. Es ist ein öffentliches Geheimniß unter den Seeleuten, daß die deutsche Flotte im gegebenen Falle berufen und im Stande sein wird, selbst einem an Zahl der Schiffe weit überlegenen Gegner Schach zu bieten. Daß dies möglich geworden, daran hat natürlich auch der vortreffliche Geist einen Hauptantheil, von welchem die Mannschaften und insbesondere die Officiere der Flotte erfüllt sind.

Die Aufmerksamkeit, welche Bürger der Stadt Leipzig der Flotte durch Ueberreichung einer Galaflagge an die „Leipzig“ erwiesen haben, hat am Strande der Ostsee, wie ich mich vielfach zu überzeugen Gelegenheit hatte, nicht allein in den seemännischen, sondern auch in den anderen Kreisen einen ausgezeichneten Eindruck gemacht. Mögen die Männer, die bei Stiftung und Herstellung der Flagge in erster Linie betheiligt gewesen, hierin den Lohn für ihr unter mancherlei Schwierigkeiten glücklich zu Stande gebrachtes patriotisches Unternehmen finden!
E… L…     



[444]

Der Krieg.
V.


Das Hauptquartier der russischen Operationsarmee in Rumänien, Plojeschti, befindet sich ungefähr zwei Stunden per Bahn von Bukarest entfernt und liegt, wie letztere Stadt, noch in der weiten, sich bis zu den Karpathen ausdehnenden walachischen Tiefebene. Einen Vortheil hat aber Plojeschti voraus, und das ist die Nähe des Gebirges, dessen dunkle zackige Profile den nördlichen Horizont einsäumen. Dort erhebt sich der beinahe achttausend Fuß hohe Butschetsch zu eisigen Höhen und die Schneemassen, die bis Ende Juni sein Haupt umgeben, leuchten weit in das Land hinein. Zu seinen Füßen aber lagert dichter Urwald; des Menschen Fuß gelangt nur selten in jene Regionen, in deren Besitz sich der Bär und das Wildschwein einträchtiglich theilen. Aber auch kühle Winde sendet das Gebirge herab, die wenigstens theilweise die schwüle Hitze des Sommers mildern und das Klima von Plojeschti etwas angenehmer machen als das der Residenzstadt Rumäniens.

Freilich, sonstige Annehmlichkeiten bietet Plojeschti nicht viel. Vom Bahnhofe aus, der zu Ehren des russischen Czaren noch im vollsten Flaggenschmucke prangt, führt eine schattenlose, staubige Straße in die Stadt, die sich von Weitem nur durch einige glänzende blecherne Thürme kennzeichnet; denn hier in Rumänien deckt man nicht nur das Dach, sondern auch die Seitenwände vieler Kirchthürme mit Blech; warum, habe ich nicht erfahren können, aber ich denke mir, daß ein irregehender Schönheitssinn wohl das Motiv dieser barocken Umkleidung ist.

Plojeschti selbst ist verhältnißmäßig lang gestreckt wie alle rumänischen Städte, die aus ebenerdigen, höchstens einstöckigen Häusern mit daran stoßenden Gärten bestehen. Einen Gegensatz bietet es aber darin, daß hier die sonst überall in beinahe trostlos verwahrlostem Zustande befindlichen öffentlichen Gebäude fast alle neu und von außen gut erhalten sind; so das Rathhaus, die Präfectur, die Schule etc. Im Vorgarten der letzteren befindet sich die aus einem Zelte bestehende Feldcapelle des Generalstabs und einige Schritte davon das große Zelt desselben, beide unter der Obhut einer Schildwache. Die Schule selbst ist theilweise dem Generalcommando abgetreten. In ihr befindet sich die Küche des Hauptquartiers, und die Officiere desselben pflegen in Gemeinschaft des Obercommandanten der Armee in einem Saale zu frühstücken und zu speisen wobei es militärisch einfach und ohne jedwede Etiquette zugeht.

Man kann von rumänischen Städten selten sprechen, ohne über das schlechte Pflaster zu klagen; so auch hier. Daß die Hôtels und Privatwohnungen überfüllt sind, ist wohl selbstverständlich. Man zahlt übermäßige Preise und findet doch keine nur einigermaßen anständige Unterkunft. Der Großfürst Nicolaus wohnt bekanntlich in dem auf ein Jahr gemietheten sogenannten „Hôtel Mann“, einem hübschen einstöckigen Hause unweit vom Centrum der Stadt. Für den Kaiser und seine Söhne wurden zwei aneinander stoßende Gebäude annectirt und die zwischen beiden bestehende Gartenmauer theilweise eingerissen. Der kleine Garten selbst, der bisher sehr vernachlässigt worden war, wurde so schleunig wie möglich gereinigt; Blumenbeete wurden hergestellt und die Kieswege regulirt, sodaß er jetzt mit Hülfe der von der Orangerie des Fürsten entnommenen Zierbäume einen ganz angenehmen Zufluchtsort gegen die Hitze des Tages bietet.

Das für den Aufenthalt Seiner Majestät des Czaren selbst bestimmte Gebäude, Eigenthum eines Herrn Niculescu, besteht aus einem hohen Erdgeschoß mit einer von einem Glasdach überdeckten Freitreppe und einem längeren anstoßenden Nebengebäude. Es enthält alles in allem neun Wohnzimmer; wir treten zuerst in ein großes Entréegemach, an welches der Salon mit blauen Seidendamast-Möbeln anstößt; in der Mitte befindet sich ein kleiner ausgelegter Tisch mit zierlichen Rococostühlen ringsum; an den Wänden sehen wir breitrahmige Spiegel aus Krystallglas. Links an den Salon stößt das Schlafzimmer des Kaisers; es ist dunkel tapezirt und hat niedrige blaue Atlasfauteuils. Ein Bett stand nicht darin. Der Kaiser hatte befohlen, sein Feldbett aufzuschlagen. An das Schlafzimmer stößt das kleine Toilettencabinet. Rechts gelangt man aus dem Salon in das kaiserliche Arbeitszimmer, dessen Möbel mit kirschrothem Tuch ausgestattet sind, mit welchem auch der Schreibtisch überzogen ist. An das Arbeitszimmer schließt sich das türkische Rauchzimmer an, mit breiten, niedrigen Divans und Tabourets aus dickem türkischem Teppich und mit verschiedenartig an den Vorhängen angebrachten Halbmonden decorirt. An dieses reiht sich ein weiteres Arbeitszimmer. Das getrennt liegende, etwas dunkle Speisezimmer mit Stühlen aus schwerem, geschnitztem Eichenholz und ein links vom Entréesalon liegendes Gemach vervollständigen die Räume, in welchen der russische Kaiser allem Anscheine nach einige inhaltsschwere Monate seines Herrscherlebens verbringen wird. Man weiß zwar noch nichts Bestimmtes über die Dauer des Aufenthalts des Czaren in Rumänien, aber alles läßt darauf schließen, daß er kein kurzer sein wird.

Hinter der Präfectur befinden sich die kaiserlichen Stallungen und Remisen. Sie wurden in aller Eile aus Holz aufgerichtet. Jede der drei Stallungen hat eine Länge von circa hundert Meter und faßt ungefähr hundertundzwanzig Pferde. Ich sah die Wagenpferde des Kaisers; es sind starke, brillant genährte und gehaltene Thiere, aus dem eigenen Marstall. Auch arabische Reitpferde mit intelligentem Ausdruck der Augen und voll Feuer, trotz der Hitze in ihre türkischen Decken gehüllt, gab es nicht wenige.

Die Remisen, vier an der Zahl, sind offen und fassen zusammen neunzig bis hundert Wagen, beinahe alles schwere schwarzlederne Kaleschen. Die Kutscher sind echte Russen, vierschrötige Gestalten, in langem schwarzem Leibrocke, mit Gürtel und niedrigen oben breit auslaufenden cylinderförmigen Hüten, die, rings mit Pfauenfedern umgeben, das Merkmal jedes Leibkutschers aus gutem Hause in Rußland. Bewunderungswürdig ist die Kraft und Geschicklichkeit, mit der sie oft ein Viergespann von Hengsten durch alle Hindernisse und in jeder Gangart führen.

Ungefähr eine halbe Stunde nordöstlich von Plojeschti befindet sich das Bulgarenlager. Es besteht, im Gegensatz zu den niedrigen russischen, aus hohen Zelten und liegt recht malerisch in der Ebene. Bei meiner Anwesenheit enthielt es zwei Regimenter Bulgaren. Es sind dies meistens große wohlgebildete Leute von gesunder Gesichtsfarbe und intelligentem Aussehen, viele blondhaarig und blondbärtig. Eine bedeutende Anzahl von ihnen hat bereits im serbisch-türkischen Kriege gegen die Türken gekämpft und, wie die verhältnißmäßig große Menge von Decorationen und Orden beweist, sich dabei tapfer gehalten. Sie haben ihre eigene specielle Fahne, ihren eigenen Bischof und gesonderten Gottesdienst. Im Allgemeinen werden sie als eine Elitetruppe angesehen und auch darnach behandelt, denn ich sah bei festlichen Gelegenheiten, wie beim Empfang des Großfürsten Nicolaus, des Kaisers etc., beinahe immer bulgarische Truppen zugezogen.

Die Kleidung der bulgarischen Legion besteht aus dunkelm, beinahe schwarzem Rock und Hosen, hohen Stiefeln und einer schwarzen Schafpelzkappe ohne Schirm mit grünem Deckel. Um den Leib tragen sie einen hellen Gürtel, an den zwei ebensolche Patronentaschen gekoppelt sind. Die Gewehre sind, wie alle russischen Waffen, gut und präcise gearbeitet. Die Officiere haben alle Revolver und tragen an der Mütze vorn ein kleines griechisches Kreuz angeheftet.

Aber auch an andern militärischen Gestalten fehlt es im Hauptquartier von Plojeschti nicht. Unter den Officieren des Stabes finden sich, an ihrer Spitze die Mitglieder der kaiserlichen Familie selbst, solche in großer Anzahl. Die meisten davon sind feingebildete Herren und von liebenswürdigen Umgangsformen. Einigermaßen in Erstaunen setzte es mich, daß viele besser deutsch sprechen als französisch. Wir Mitteleuropäer können es uns kaum vorstellen, wie der russische Soldat an seinem Kaiser und an dessen Familie hängt. Sie sind ihm absolut heilig, und die meisten Soldaten würden sich kaum einen Augenblick besinnen, sich für den Czaren oder den Armeecommandanten in Stücke reißen zu lassen. Der Vortheil, der aus dieser Situation für das Einheitliche der Armeeleitung entspringt, liegt auf der Hand. Wenn in frühern Feldzügen Rivalitäten und Nergeleien der russischen Feldherren unter einander nicht wenig dazu beitrugen, daß manche Unternehmung fehlschlug, manche Siege nicht gehörig ausgenützt wurden, so fällt dieser Uebelstand im gegenwärtigen Kriege ein- für allemal weg. Jedermann unterordnet sich willig einem Mitgliede der kaiserlichen Familie und wird unter den Augen seines Kaisers auch die schwierigsten Pflichten erfüllen. Diese durchgehends bestehende Stimmung steigert sich bei manchen jungen Officieren geradezu zum Enthusiasmus und mag wohl größtentheils darin ihren Grund haben, daß der Kaiser sowie seine ganze Familie es besonders verstehen, sich durch ihr freundliches und gewinnendes Benehmen die Herzen Aller zu erobern. Das gilt jedoch nicht nur für die Russen, sondern auch theilweise für Alle, die mit dem Czaren in Berührung kommen. Als er feierlich zum ersten Male in Bukarest einzog und an der Seite der Fürstin Elisabeth im offenen sechsspännigen Daumont durch die Straßen fuhr, in denen die Menge, Kopf an Kopf gedrängt, ihn erwartete, als er, freundlich nach allen Seiten hin dankend, und die ihm dargebotenen Blumen und Kränze in Empfang nehmend, sich der sympathischen Theilnahme bewußt wurde, die man ihm hier überall entgegenbrachte: da war auch nur eine Stimme im Volke, der Kaiser sei nicht nur das Musterbild eines mächtigen, sondern auch eines liebenswürdigen Monarchen.

In Plojeschti sieht man außer den russischen auch manche fremde Uniformen. Es sind dies die von den verschiedenen europäischen Regierungen delegirten Militär-Attachés im Hauptquartiere. Deutschland ist durch Generallieutenant Baron Werder und Major von Liegnitz, Oesterreich durch den Militär-Attaché in Petersburg, Grafen Berchtoldsheim, Dragoneroberstlieutenant Baron Löhneisen und Hauptmann Bulla, Frankreich durch Colonel Gailhard, denselben, welcher seiner Zeit Marschall Bazaine in seiner Haft beaufsichtigte, vertreten. Auch Schweden und Dänemark haben höhere Officiere, Generalstabshauptmann Waiberg und Gardehauptmann von Hedeman, Adjutant des Königs von Dänemark, delegirt. Alle diese Herren wurden im Hauptquartiere auf das Freundschaftlichste aufgenommen, und die meisten von ihnen stehen bereits mit den Officieren des russischen Stabes auf bestem Fuße.

Da in der ersten Zeit der kaiserlichen Anwesenheit in Plojeschti der Bahnhof für die zum kaiserlichen Geleit gehörenden Züge nicht genug Raum bot, so wurde der specielle Hofzug des Czaren nach Bukarest dirigirt, von wo er auf telegraphische Bestellung in einer Stunde in Plojeschti eintrifft, wenn der Kaiser seiner bedarf. Vielleicht ist es nicht uninteressant, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, wie der Kaiser von Rußland größere Strecken seines Landes zu durchreisen gewohnt ist. Das Ganze besteht aus fünf verschiedenen Zügen, welche in einer Zeitentfernung von je dreißig Minuten hintereinander rollen. Zuerst kommt der Pilotenzug, aus nur einigen Waggons bestehend. Er führt stets einen jeweiligen Director oder Oberbeamten der Eisenbahnlinie, welche der Kaiser eben befährt, mit sich. Auf der Locomotive selbst befindet sich noch ein Beamter des Militär-Eisenbahnamtes. Der zweite Zug, der eigentliche Hofzug, besteht gewöhnlich aus achtzehn bis zwanzig Waggons, natürlich sämmtlich auf das Comfortabelste ausgestattet. Der Waggon des Kaisers selbst hat eine Länge von dreißig Metern und rollt auf sechszehn Rädern. Dieser Train ist zweihundertzehn bis zweihundertdreißig Meter lang. Im dritten Zuge folgen Arbeiter jeder Branche mit Material und Werkzeugen, um schadhafte Stellen sofort wieder herzustellen. Im vierten befindet

[445] sich das weitere Hofpersonal und im fünften sechshundert Mann Militär-Escorte.

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Muhamedanische Tscherkessen.

Vom rein menschlichen Standpunkte aus betrachtet, gehört der Aufenthalt im Hauptquartier Plojeschti zu den denkbar unangenehmsten Dingen, und Jeder, der es nicht absolut muß, vermeidet es, dort länger zu bleiben als nothwendig. Die Correspondenten und Zeichner auswärtiger Blätter machen entweder Excursionen gegen die Donau, wo für Maler wohl manches, für Berichterstatter aber auch nur sehr wenig Interessantes vorhanden ist, oder sie bleiben ruhig in Bukarest und warten den Beginn der Action ab. Die Hôtels sind wohl überall überfüllt, aber hier in Bukarest hat man doch für zehn Franken täglich ein passables Zimmer, während man in Plojeschti täglich fünfzehn Franken für Räumlichkeiten verlangt, die sich ein civilisirtes Menschenkind kaum zu bewohnen entschließen kann. Jeder Bewohner der Stadt, der nur irgendwie einen verfügbaren Raum besitzt, sei es Boden, sei es Stall oder Küche, sucht ihn als Zimmer zu vermiethen und so viel wie nur immer möglich daraus zu ziehen. Das mag wohl sehr natürlich, aber für den davon Betroffenen deshalb nicht minder unangenehm sein. In Bezug auf Beköstigung ist man nicht weniger schlecht daran. Zwei kleine primitive, durchaus ungenügende Restaurationsgärten – denn bei der intensiven Hitze ist es kaum möglich, in geschlossenen Räumen zu sitzen – in denen eine fürchterliche „Musik“ gemacht wird, ist Alles, was Plojeschti an „Unterhaltung“ bietet. Was hier unter dem Namen Schnitzel, Beefsteak und Cotelette verzehrt wird, entzieht sich jeder Beschreibung. Auch das sogenannte „Café chantant“ begehre man nimmer und nimmer zu schauen! Es wird darin rumänisch gesungen und gespielt und rumänisch gegessen, und ich bin mit mir noch heute darüber nicht einig, was von beiden schlimmer zu ertragen ist. Ich glaube nicht, daß Se. Maj. der Kaiser von Rußland an Plojeschti großes Gefallen finden wird, und schon spricht man von einem Ausflug desselben in das nahe Gebirge. Wenn sich das bewahrheitet, so stünden wir noch nicht so nahe, als angenommen wurde, vor dem Donauübergange.

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Russisch-jüdische Tscherkessen.

Wie immer in Kriegszeiten, so folgen auch jetzt dem russischen Heere viele zweifelhafte Existenzen, Leute, deren Carrière irgend wo anders fehlgeschlagen, und Abenteuerer aller Art, die es sich zur Hauptaufgabe gemacht haben, auf irgend welche Weise Geld zu verdienen. Seit Kurzem geht jedoch das Hauptquartier der Russen gegen solche Persönlichkeiten sehr streng vor. Vor einigen Tagen wurde in Plojeschti ein Abenteuerer dieser Art verhaftet, der sich durch sein Treiben auffällig gemacht hatte. Man fand bei ihm Karten, Pläne und verdächtige Correspondenzen vor; außerdem liefen Klagen wegen früher verübter Schwindeleien ein. Der Mann hatte sich einmal als früherer preußischer, dann wieder als quittirter österreichischer Officier ausgegeben, darauf als Correspondent verschiedener Blätter und Bevollmächtigter eines Unternehmerconsortiums. Er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, schuldig befunden und zwei Stunden darauf erschossen. Zwei deutsche Kaufleute, die man stets in seiner Gesellschaft gesehen hatte und die dadurch ebenfalls verdächtig geworden waren, wurden auch verhaftet, doch nach kurzer Zeit wieder frei gegeben, nachdem sie sich durch Vermittelung ihres Generalconsulats legitimirt hatten.

Wer im Hauptquartier in irgend einer Eigenschaft zugelassen werden will, muß vor Allem die Empfehlung einer russischen Behörde oder sehr hochgestellten militärischen Persönlichkeit besitzen und außerdem sich verbindlich machen, über Truppenbewegungen absolut nichts mitzutheilen. Als äußeres Zeichen der Legitimation erhält jeder Zugelassene ein Blechschild von ziemlich großem Format, mit einem Siegel versehen, welches erstere am Arme getragen wird, ferner einen russischen Erlaubnißschein auf der Rückseite der Photographievisitenkarte. Das Blechschild ist nichts

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Griechisch-orthodoxe Tscherkessen.

[446] weniger als elegant und viele Correspondenten, namentlich englischer Blätter, können sich nur mit großem Widerwillen entschließen, es zu tragen. Es erinnert lebhaft an die Schilder der Eisenbahnpackträger.

Soeben, wo ich diese Zeilen schließen will, langt die Nachricht an, daß die Wässer der Donau, des Sereth und des Pruth, im rapiden Fallen begriffen sind. Seit zwei Wochen hat es in Bukarest nicht geregnet; der Schnee auf den Bergen ist nun beinahe ganz geschmolzen – einige Tage noch, und die rumänischen Flüsse werden wieder träge und ruhig in ihren gewundenen Betten dahinfließen, als wären sie nie im Stande, Eisenbahndämme zu zerstören und Brücken fortzureißen. Dies wird aber das Signal sein für die ersten Uebergangsversuche der russischen Armee über die Donau. Wo werden sie stattfinden? Das ist eine große Frage, die alle Gemüther beschäftigt. Vielleicht weiß es der Leser schon, wenn ihm diese Zeilen unter die Augen kommen.
Sß.




Blätter und Blüthen.


Verlorene Ehre. (Mit Abbildung Seite 433.) Der Holzschnitt, den wir unter vorstehendem Titel bringen, bedarf nur weniger Worte der Erläuterung; er erklärt sich, wie das rechte und echte Genrebild es thun soll, selber. Eine Scene, die leider im Leben nicht selten vorkommt, die Ablieferung zweier verhafteten Verbrecher am Gefängniß, ist hier in echt künstlerischer Weise aufgefaßt und dargestellt worden. Der Schließer schlurft in seinen schweren Hausschuhen heran, um die eisenbeschlagene Pforte zu öffnen; der Gensd’arm berichtet flüchtig den beiden am Zechtisch sitzenden Beamten von seinem gelungenen „Fange“; in diesem kurzen Momente der Rast an der Schwelle des Kerkers läßt der Künstler das volle Licht auf die Gestalten und Züge der beiden Gefangenen fallen. Der Blick des Beschauers wird besonders durch den Jüngeren gefesselt, den Größeren von Beiden. Er ist in der That der Schwerpunkt des Bildes, und auf ihn concentrirt sich das Interesse. Der mit ihm zusammengekoppelte schlottrige Gesell, der alte Lump mit den matten Augen und den geschwollenen Wangen, ist ein „Verlorener“ im weitesten Sinne des Wortes: er hat längst die Ehre und im Fuselgenuß sich selbst verloren; er bleibt gleichgültig bei dem Rasseln der Schlüssel. An ihm ist nichts mehr zu enträthseln. Sein Gefährte dagegen, ein Mann in der Fülle der Kraft, ist ersichtlich noch ein Neuling auf diesem Pfade; sein Ehrbewußtsein ist noch nicht erloschen; seine Faust ballt sich; seine Züge verrathen den Sturm in seinem Innern. Was für Gefühle sind es, unter deren Druck die Muskeln dieses Gesichtes sich krampfhaft verziehen? Ist es Entrüstung, die sich im Rechte und die Diener des Gesetzes im schreiendsten Unrecht glaubt? Ist es ohnmächtiger Trotz, der in dem gefesselten Manne noch einmal aufwallt? Ist es das Schuldbewußtsein, das hier an dieser düsteren Pforte und angesichts dieser Gruppe naiv oder ängstlich blickender Kinder wuchtiger auf das Gewissen drückt? Wir wollen es dem Beschauer überlassen, das zu entziffern.

Eduard Schulz, dessen Pinsel das wirkungsvolle Oelgemälde, dem unser Holzschnitt nachgebildet ist, schuf, lebt in Düsseldorf. Geboren im Jahre 1831 im Lande Jülich, sollte er Officier werden und wurde auf die Cadettenanstalten zu Bensberg und zu Berlin geschickt. In der letzteren Stadt jedoch entwickelte sich unter dem Anblick der künstlerischen Sammlungen in dem Knaben eine unwiderstehliche Leidenschaft für die Kunst, eine Leidenschaft, welche dem Vater die Erlaubniß abpreßte, daß der Sohn den Beruf wechseln dürfe. Auf der Akademie in Düsseldorf, später in Antwerpen, machte Eduard Schulz seine künstlerischen Studien und arbeitete selbstständig als Portrait- und Historienmaler. Auf dasjenige Feld, das sein eigenster Beruf zu sein scheint, auf das der Genremalerei, trat er jedoch erst vor etwa drei Jahren hinüber. Die Bilder, die er in dieser Richtung bisher malte, sind meist in die Hände von Amerikanern übergegangen. „Verlorene Ehre“ wird demnächst auf die Berliner Ausstellung kommen. Die Schöpfungen unseres Schulz sind von frappanter Wirkung, von kraftvoller Composition und feiner Ausführung, Scenen, aus dem vollen Leben gegriffen, aber bei allem Realismus des Details doch von der Idee beherrscht und vom Hauche des Idealismus durchweht. Eduard Schulz tritt mit ihnen den besten Genremalern der Düsseldorfer Schule ebenbürtig zur Seite.




Typen der russischen Armee. (Mit Abbildungen S. 441 u. 445.) Aus dem fremdartig-seltsamen Völkergemisch der jetzt in kriegerischer Action befindlichen Armee, aus der bunten Mannigfaltigkeit ihrer vielfach sehr malerischen Gestalten und Trachten, führt unsere heutige Nummer einige an Ort und Stelle von unserm Specialartisten aufgenommene, besonders charakteristische Typen vor. Das Bild des Kosaken ist auch der jüngeren Generation Deutschlands kein fremdes. Man kennt es bei uns aus den Erzählungen bejahrter Leute, die sich noch lebhaft des Grauens erinnern, das diese bärtigen und wild aussehenden Gesellen in den Napoleonischen Kriegen den Bewohnern Deutschlands erregten, als sie mit ihren mächtigen Pelzmützen, ihren rothen Pumphosen und langen Piken auf kleinen katzenähnlichen Rossen in unsere Städte und Dörfer zogen. Ein werthvoller Bestandtheil der Armee ist diese halbbarbarische Soldatenkaste jedenfalls, und zwar durch mannigfache Eigenschaften, namentlich durch die Gewohnheit, von Jugend auf mit Pferd und Waffe umzugehen, sowie durch die wunderbare Schärfe des Gesichts und Gehörs, die sie zu ausgezeichneten Vorposten und besonders für den Krieg mit asiatischen Völkern geeignet macht. Wo sie als Freunde kommen, sind die Kosaken eine mitunter erträgliche, zuweilen sogar gemüthliche Einquartierung. Wehe aber dem Lande, das sie als Feinde, d. h. also unter Umständen auf seinem Boden sehen muß, wo ihnen Mäßigung und Zurückhaltung nicht mit aller Strenge geboten ist! Denn im Herzen des Kosaken brennt nur eine einzige Leidenschaft: die Habgier. Wo es sich um gute Beute handelt, da kennt er keine Menschlichkeit. Möchte unser Vaterland und überhaupt das gesittete Europa von jeder Berührung mit diesen unerläßlichen Begleitern des russischen Heeres für alle Zukunft verschont bleiben!

Von dem Verhalten der Tscherkessen im Falle eines Krieges weiß Europa aus eigener Erfahrung noch nichts. Von einer Cultur im europäischen Sinne kann freilich auch bei ihnen nicht die Rede sein, aber schon ihr Aussehen, ihre Gesichtsbildung und Haltung beleidigt in keiner Weise das Schönheitsgefühl; der Eindruck ihrer Erscheinung ist ein angenehmer, ja vielfach ein interessanter und imposanter. Man weiß, welchen Heldenkampf diese Stämme gekämpft haben, ehe sie unter das moskowitische Scepter sich beugten. Ein Irrthum ist es aber, wenn man glaubt, daß die jetzt in der russischen Armee kämpfenden Tscherkessen-Regimenter nur aus jenen muhamedanischen Bewohnern des Kaukasus und der unmittelbar an seinem Fuße liegenden Gegenden bestehen. Es gehören vielmehr dieser Truppengattung auch die Einwohner eines großen Theiles der russischen Tiefebene zwischen dem Kuban, dem Don und der Wolga an, Tscherkessen im engeren Sinne dagegen sind nur die Daghestan-Tscherkessen, deren Gebiet sich gegen den Kaspischen See, südlich vom Kaukasus hinstreckt, sowie ihre Nachbarn im Westen aus dem Ter’schen Landstriche. Aus diesen Gebieten werden jene zwei rein muhamedanischen Regimenter rekrutirt, die vor Kurzem, theilweise entwaffnet, nach der Festung Akjerman zurückgeschickt wurden, nachdem sie sich Insubordinationen, auch Beschimpfung christlicher Kirchen, hatten zu Schulden kommen lassen. Unserem Correspondenten wird sogar bestätigt, daß einige hundert von ihnen zu den Türken übergegangen sind. Ihre Uniform besteht aus schwarzem Kaftan, blauen Epauletten und blauem Deckel der Schaffellkappe. Außer den muhamedanischen giebt es gemischte und rein griechisch-orthodoxe Tscherkessen-Regimenter. Juden sind wohl überall dabei, doch keineswegs abgesondert; ebenso ist es unrichtig, daß viele von ihnen aus der Jassyer Gegend stammen.




Zu Campe's Charakterbild. Die in den beiden letzten Nummern der „Gartenlaube“ enthaltenen Artikel „Vom Verfasser des deutschen Robinson“ konnten das Leben und Wirken des hervorragend bedeutsamen Mannes nur in einer möglichst scharfen Zeichnung der Haupt- und Grundzüge vorüberführen. Wer ein ausführliches Charakterbild Campe’s gewinnen will, den müssen wir auf die Hauptquelle verweisen, aus der wir vornehmlich den Stoff zu unserer Schilderung geschöpft haben. Es ist dies ein von Dr. J. Leyser verfaßtes biographisches Denkmal, das erst vor Kurzem in zwei stattlichen Bänden (bei Fr. Vieweg und Sohn in Braunschweig) erschienen ist und den Titel führt: „Joachim Heinrich Campe. Ein Lebensbild aus der Zeit der Aufklärung“. Dieses werthvolle und mit sorgfältigster Gründlichkeit durchgeführte Werk stellt uns nicht blos den äußeren Lebensgang Campe’s dar, sondern charakterisirt auch in einer Reihe von Abschnitten die volle Bedeutung seiner vielseitigen Thätigkeit und seines immer hohen Strebens und Werthes. Auszüge aus seinen Briefen und manchen seiner halbverschollenen Schriften, sowie eine große Reihe an ihn gerichteter Briefe hervorragender Zeitgenossen geben dem gediegenen Buche einen besonders fesselnden Reiz. Wer den Kreis seiner Anschauungen gern mit einer erhebenden Menschengestalt bereichert, wer die fortschrittliche Zeitentwickelung an ihren frischen Quellen und reinen Ausgangspunkten zu studiren liebt, dem sei hiermit die Leyser’sche Campe-Biographie als ein gehaltreicher Beitrag zur neueren Literatur- und Culturgeschichte nachdrücklich empfohlen!



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ausstelleu
  2. Vorlage ohne Bindestrich