Die Gartenlaube (1877)/Heft 27

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[447]

No. 27.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Im Himmelmoos.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Wildl hatte bei Judika’s Worten eine Empfindung, als ob ihn der Blitz berühre; die Kniee knickten ihm ein; er verstand und faßte das Gehörte nur halb; es war ihm, als ginge ein brausender Wassersturz, der ihm Aug’ und Ohr betäubte, über ihn hinweg. In diesem Zustande vernahm er nur halb, wie Judika erzählte, daß sie, aus dem Amte nach Hause kommend, zu ihrer Verwunderung die vordere Hofthür offen gefunden und auf ihr Rufen keine Antwort erhalten habe. Mit steigender Besorgniß sei sie durch Stube und Schlafkammer des Vaters gelaufen, ohne ihn zu finden, und als sie dann um die Hausecke gegen den hinteren Gras- und Obstgarten gekommen, habe sie das Entsetzliche entdeckt. Die schadhaft gewordenen Bretter der Kalkgrube waren eingebrochen und in der dicken Flüssigkeit lag, über und über davon befleckt, mit dem Kopfe nach unten, der Bauer, ohne sich zu regen oder ein Lebenszeichen von sich zu geben. Auf ihr Geschrei seien die Ehehalten, die eben aus dem Hochamte zurückkehrten, herbeigeeilt, und erst mit ihrer Hülfe sei es ihr gelungen, den schweren Mann aus der Grube emporzuziehen. Leider hatte schon der erste Anblick gezeigt, daß keine Hoffnung mehr bestand, ihn zum Leben zurückzubringen; dennoch war sofort einer der Knechte in’s Dorf zurückgelaufen, um Pfarrer und Bader herbeizurufen. Der Körper war schon beinahe starr und kalt; der Mann war mit Gesicht und Mund in die Masse gefallen und offenbar in wenigen Minuten erstickt. Bis zur Ankunft des Baders hatte man eine Bank in die Nähe des Röhrenbrunnens gestellt, den Todten darauf gelegt und begonnen, ihn vom Kalk zu reinigen. Nirgends war eine Verletzung an ihm zu entdecken. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen – der gestern noch so lebensrüstige Himmelmooser war eine Leiche.

Wildl war mit einem lauten Aufschrei des Schmerzes und Schreckens an derselben in die Kniee zusammengebrochen, hatte die herabhängende Hand des Todten erfaßt und überströmte sie mit Thränen, die ihn lange am Reden hinderten.

„Ist es denn möglich, Vater,“ stammelte er dann, „daß Du so geschwind dahingegangen bist, im Zorn und im Unwillen? Ich hab’ es so gut vorgehabt mit Dir, und jetzt ist Alles, Alles dahin. O Vaterl! O, nur noch ein einziges Mal mach’ Deine Augen auf!“

Der Pfarrer und der Bader waren indeß erschienen, mit ihnen der Gerichtsdiener. Er hatte eben im Dorfe Bestellungen zu machen und säumte daher nicht, bei diesem Vorfalle zugegen zu sein, der leicht seine amtliche Thätigkeit erfordern konnte. Der Bader hatte sich sofort mit dem Todten beschäftigt, während der Pfarrer die fast verzweifelnde Judika in ihren lauten Schmerzensausbrüchen zu besänftigen suchte, die andern Dienstboten und Nachbarn aber, deren Zahl immer größer geworden, umherstanden und sich über die Möglichkeit und Entstehung des Unglücks besprachen.

„Was brauchen wir da lange zu fragen?“ sagte der Gerichtsdiener. „Der Alte hat sich den Tod selber mit der Laterne gesucht; das hat er von seiner Knickerei! Vorgestern erst wäre ich bald mit den Brettern eingebrochen und hab’ ihm gesagt, er soll sie richten lassen. Aber sein Geiz und[WS 1] sein Trutz hat es nicht zugelassen. Nun hat er selber daran glauben müssen.“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete einer der Knechte, indem er die Stelle kopfschüttelnd betrachtete, „ich mein’ alleweil, wenn er über die Grube gegangen wäre und die Bretter wären unter ihm eingebrochen, dann wäre er mit den Füßen gerade hinunter gefallen; dann hätte er sich am Rande anhalten können. Ich mein’ alleweil, er ist hinein geworfen worden und wohl gar so lange untergehalten, bis er den letzten Schnaufer gethan hat.“

„Aber wer sollte so etwas gethan haben?“ sagte eine der Mägde. „Schelme oder Diebsleute können es nicht gewesen sein; das Haus ist ganz offen, und es ist nirgends ein Schaden zu sehen; Alles ist im besten Zustande, und es fehlt nicht das Geringste.“

„Das kann schon sein,“ erwiderte der Knecht. „Dann sind die Schelme halt versprengt worden und haben keine Zeit gehabt zum Rauben. Da schaut nur her,“ fuhr er, auf den Boden deutend, fort, „da schaut, wie das nasse Gras um die Grube herum vertreten ist; man sieht deutlich die Fußtritte, und obendrein, daß es zweierlei sind. Ich lasse mir’s nicht nehmen – es sind ihrer Mehrere gewesen; der Bauer hat sich gewehrt und mit ihnen gerungen. Darüber ist er auf die Bretter gekommen; die haben nachgegeben, und das haben die Schelme benützt und haben ihn hinuntergestürzt.“

Während Alle emsig die Fußspuren besichtigten, fand der geäußerte Verdacht eine ebenso unvermuthete als unwiderlegliche Bestätigung.

Der Bader war eben mit der Reinigung und Untersuchung der Leiche zu Ende gekommen: er hatte Mund und Kehle so weit als möglich vom eingedrungenen Kalk befreit.

„Todt ist er,“ sagte er dann. „Das ist gewiß. Er kann [448] uns also nicht mehr sagen, wie das geschehen ist. Aber da sehe ich jetzt erst,“ fuhr er fort, indem er den rechten Arm des Todten, der an der Bank hinabgehangen war, emporhob, „die eine Hand ist glatt und offen; die andere macht eine Faust. Das thut Keiner, der im Fallen ist; der spreizt eher die Fingen auseinander, um sich anzuhalten. Es ist gerade, als wenn er etwas festhalten wollte in der geballten Faust.“

Nicht ohne Anstrengung öffnete er dieselbe und verstummte, mit einem ernsten Blicke unter den Umstehenden umherschauend.

„Schau! Jetzt kann der Todte doch noch reden,“ sagte er dann ernsthaft. „Jetzt wissen wir gewiß, daß kein Unglück geschehen ist, sondern eine Mordthat. Der Bauer hat offenbar mit dem Schelm gerungen, hat ihn gepackt, und da ist ihm das da in der Hand geblieben.“

Ein Schauder überlief die Versammlung, und der Pfarrer faltete die Hände.

In der Hand des Todten lag ein abgerissener Hornknopf, auf welchem ein Hirschkopf abgebildet war.

Auch Wildl hatte sich erhoben und genähert.

Ueber die Todtenhand hinweg fiel der Blick Judika’s auf ihn: unwillkürlich und fast unwissend stieß sie einen grellen Schrei aus, daß Alle erschrocken aufsahen und ihre Augen, die gleiche Richtung verfolgend, ebenfalls sich auf Wildl hefteten.

Alle standen eines Athems Dauer starr und stumm, der Pfarrer aber hob die Hand gegen den Himmel und rief mit erschütterter Stimme:

„Gott der Gerechtigkeit! Deine Wege sind wahrhaft wunderbar.“ Dann streckte er gebieterisch die Hand gegen Wildl aus, der sich wieder der Leiche zuwenden wollte. „Zurück von diesem Todten!“ rief er feierlich. „Du hast kein Theil mehr an ihm. Ist es denn wirklich möglich? Soweit hat Dich die Habsucht und die sinnliche Begierde verführt? So entsetzlich hat Dich Gott verlassen, daß Du es nicht erwarten konntest, bis er den alten Mann in die Ewigkeit abgerufen nach den Gesetzen der Natur? Zurück von diesem Todten, Du – ärger als Kain! Zurück, Vatermörder!“

Wildl stand ihm gegenüber wie versteint und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ein glühendes Roth überzog Stirn und Gesicht, um mit dem nächsten Athemzuge todtenhafter Blässe zu weichen. Er bebte und tastete um sich, als suche er etwas, woran er sich halten könnte, um nicht zusammenzustürzen.

„Aber um Gottes willen, Hochwürden, was denken Sie denn?“ stieß er mit zuckenden Lippen hervor.

„Fragst Du noch?“ rief der Geistliche wieder, indem er den Knopf in die Höhe hielt. „Blicke hierher! Dieser Knopf ist der stumme Zeuge Deines Verbrechens. Im Ringen mit seinem Mörder hat Dein armer Vater denselben daran gefaßt und ihn losgerissen, daß er in seiner Hand geblieben. Blicke dann auf Deine Brust und sieh, daß dort ein Knopf fehlt, daß er gerade zu den anderen paßt und daß die Spur des gewaltsamen Abreißens an Deinem Gewande unverkennbar ist.“

Zusammenzuckend griff Wildl nach der Joppe – es war richtig. An derselben war wirklich ein Knopf losgerissen; der in der Todtenhand paßte dahin und glich den übrigen. – Wie Jemand, der an seinen Sinnen irre zu werden beginnt, faßte er sich mit beiden Händen nach dem Kopfe, der ihm zu zerspringen drohte.

„Jesus, Maria und Joseph!“ stotterte er. „Was wollen Sie von mir, Herr Pfarrer? Der Knopf ist nicht von mir – der an meiner Joppe ist abgerissen, wie ich gestern Nachts auf die Brünnl-Alm hinaufbin; da bin ich am Gewänd in den Absturz hinuntergerutscht.“

„Schlechte Ausrede!“ erwiderte streng der Pfarrer. „Ich wollte, ich könnte Dir jetzt einen Spiegel vorhalten, damit Du sähest, wie auf Deinem Angesichte, wie in Deinem ganzen Wesen das grauenhafte Bekenntniß Deiner furchtbaren Schuld geschrieben steht. Und Du wagst es, zu dieser entsetzlichen That noch die Lüge und die Verstellung zu fügen, statt in Reue zu vergehen? Rede, bekenne, wie kommst Du gerade jetzt hierher? Wohl um Dir den Schein der Unbefangenheit zu geben? Rede: Wo warst Du diese Nacht? Wo in der Stunde des Verbrechens?“

„Ich bin im Walde gewesen,“ stammelte Wildl, „und habe in der Heuhütte übernachtet.“

„Und der Beweis? Hast Du einen Zeugen dafür?“

„Keinen andern als unsern Herrgott!“ war Wildl’s schwache Erwiderung.

„Frevler!“ rief der Pfarrer wieder. „Mißbrauche und entweihe nicht den Namen des Ewigen, der so sichtbar selbst als Zeuge gegen Dich auftritt! Alle Anzeichen sprechen gegen Dich. Der Unglückliche stand Dir im Wege, Deinen Zweck zu erreichen; Du hast in offener Feindschaft mit ihm gestanden. Gestern noch warst Du eben im Begriffe thätlich Hand an ihn zu legen. Du bist aus dem Gewahrsam, in den man Dich zur Vorsicht gebracht, entwichen, und Du hast noch die Stirn, zu leugnen?“

„O, wir haben schon Mittel, ihn zum Reden zu bringen,“ sagte der Gerichtsdiener, indem er näher trat und einen Strick aus der Tasche zog. „Jetzt fängt mein Geschäft an. Her mit den Händen! Wildl, laß Dich binden! Gieb Dich gutwillig, wenn ich Dir gut zum Rathe bin! Du bist mein Arrestant.“

Wildl schrie auf, als der Scherge sich ihm näherte und er den entehrenden Strick gewahrte. Er schien sich zur Wehr setzen zu wollen, aber die Anspannung der Nerven und die Erregung des Blutes war zu groß – plötzlich, wie vor die Stirn getroffen, stürzte er bewußtlos[WS 2] zu Boden.

Der Gerichtsdiener machte sich daran, den Bewußtlosen zu binden. Er kam aber nicht dazu. Judika, welche bisher gleich einer Bildsäule dagestanden, kehrte auf einmal zum Leben wieder und stieß ihn zurück.

„Weg da,“ sagte sie, „das braucht’s nicht beim Wildl. Einen, der sich nicht rühren kann, bindet man nicht, und wenn der Wildl wieder bei ihm selber ist, thut er keinen Widerstand; das weiß ich. Wenn er sieht, daß es einmal nicht anders sein kann, wird er sich in den Willen Gottes geben und selber mit Ihm auf’s Landgericht gehen.“

Es war etwas in Judika’s Wesen, was es dem Gerichtsdiener nicht räthlich erscheinen ließ, sein Vorhaben auszuführen. Er trat bei Seite, indeß die Knechte den zur Besinnung zurückkehrenden Burschen mit Wasser besprengten und vollends aufrichteten. Es kam, wie Judika vorausgesagt. Wildl war wie betäubt, aber er schickte sich an, dem Gerichtsdiener zu folgen, welcher anordnete, daß Jemand bei dem Todten wachen und daß man Alles so lassen solle, wie es sei, bis die Gerichts-Commission eintreffe.

„Das braucht Ihr mir nicht zu sagen,“ rief Judika unwillig. „Das sagt mir schon mein gesunder Menschenverstand. Der Bauer ist todt; der Sohn ist so gut wie todt; ich habe so lange auf dem Himmelmoos gehaust und Ordnung gehalten – ich werde es jetzt auch zuwege bringen.“




4.

Der Octobertag lag noch dunkel auf der Gegend, als vermöge die Nacht sich nicht von dem weithin gebreiteten weichen Schneelager zu trennen, obwohl schon die Stunde des Morgens und der Helle gekommen war. Durch den Nebel schienen bereits die beleuchteten Fenster der Bauernhäuser mit trübem Roth; die Drischeln ertönten schon mit gleichmäßigem Schlage aus den Scheunen; es waren die ersten und einzigen Zeichen, daß das Leben und das Tagewerk desselben den alten, gewöhnlichen Kreislauf wieder aufgenommen, daß Mühe und Sorge des Daseins wieder begonnen.

Mit doppelter Schwere lastete die Nacht und die nächtliche Stimmung auf einem kleinen Gemache des Gerichtsgebäudes, das als Gefängniß benutzt wurde. Die engen Eisengitter vor dem kleinen Fenster machten den Zutritt des Lichtes doppelt schwierig, und zum Ueberflusse stieg vor demselben ein festgefügter Holzkasten empor, welcher selbst von dem verdunkelten Himmel kaum einen handbreiten Streifen erkennen ließ. Auch in diesem Gemache war die Sorge schon wach, aber sie hatte nicht erst geweckt zu werden gebraucht; sie war die ganze Nacht hindurch auf und munter geblieben und auf dem schlechten Strohsacke gesessen oder hatte mit wenigen Schritten den Umfang der Zelle durchmessen, deren Bodenbretter von der gleichmäßige Bewegung früherer Bewohner bereits hohl getreten waren.

Es war eine Kerkerzelle, und der Eingekerkerte war Wildl.

Es war nicht mehr der frühere, stämmige und ungebeugte Bursche mit blühendem Angesichte und mit dem kecken Burschentrotze darin; es war eine müde und bleiche Gestalt, gebeugt wie [449] eine Karyatide, die sich am Gemäuer gegen die unentrinnbare Last stemmt, die ihr der Baumeister auf den Nacken geladen. Mit vorgeneigtem Haupte saß er auf dem Lager und starrte zu Boden; dann schauderte er fröstelnd zusammen, denn es war kalt in dem Gemache, und die eiserne Platte, welche als Rückseite des Ofens in die Mauer eingelassen war, hatte ihre Wärme längst ausgeströmt. Auch Wildl war es wie der Eisenplatte ergangen; das Feuer der Verzweiflung, das anfangs in ihm gelodert, war zur Asche herabgebrannt – das Toben war zum stumpfen Brüten und Dulden geworden, in welchem er nur darüber nachsann, wie plötzlich das Verhängniß über ihn gekommen war wie über einen Wanderer, auf welchen eine Schneelahn herabstürzt, die ihn erfaßt, in den Abgrund schleudert und lebendig unter dem Schnee begräbt. Anfangs hatte er gegen Gott und Himmel und gegen den Beamten getobt, der die Untersuchung führte und ihn verhörte; er hatte auf das Bewußtsein seiner Unschuld getrotzt, aber als er immer mehr erkennen mußte, daß er das Gewicht der Verdachtsgründe nicht zu verringern vermochte und durch dieses Benehmen seine Sache nur verschlimmerte, indem er den Verdacht des Richters verstärkte und diesen gegen sich einnahm, verfiel er in's Gegentheil. Er wurde finster, in sich gekehrt und wortkarg und zermarterte sich in Plänen, wie er die Anklage widerlegen könne.

Wenn der Richter ihm seine leidenschaftliche Gemüthsart vorhielt, von der wohl solche That zu erwarten war, so ermüdete er nicht, die kleinsten Dinge aus seinem Leben anzuführen, welche zeigen konnten, daß er wohl leichtsinnig, aber niemals bösartig gewesen; daß sein Auflodern nicht in der Verderbtheit seines Herzens seinen Grund gehabt, sondern in den unerträglichen Reizungen, in den Kränkungen, die ihm gerade an der Stelle widerfahren, welche gleich einer geheimen, schwärenden Wunde am wenigsten die Berührung ertrug. Er erzählte, daß er nur deshalb an den Hof gekommen, um die gefaßten guten Vorsätze auszuführen und sich mit dem Vater zu versöhnen; er meinte, dadurch müsse der Verdacht wegen seiner Anwesenheit am Orte der That vollkommen beseitigt sein. Den Vorhalt des Richters, daß ja der Knopf in der Hand des Ermordeten gefunden worden, daß ein solcher an seiner Joppe fehle und gewaltsam abgerissen worden sei, widerlegte er damit, daß solche Knöpfe zu Hunderten gekauft würden, daß an vielen andern Joppen sich ähnliche befänden, und daß man nur genau an der bezeichneten Stelle, wo er hinuntergestürzt, nachsuchen möge; sein dabei verlorener und abgerissener Knopf müsse gewiß zu finden sein, wenn nur in Laub, Gras und Gesträuch gehörig gesucht würde. Unverdrossen hatte der Richter jedes günstige und ungünstige Anzeichen erfaßt und bis in die kleinsten und fernsten Verzweigungen verfolgt, hatte eine Menge Zeugen abgehört und Nachforschungen aller Art angestellt – es war umsonst, der Verdacht war nicht zu widerlegen, es konnten aber auch keine Gründe zur Ueberweisung aufgebracht werden.

Unter den vorgerufenen Zeugen hatte sich natürlich auch das Mädchen befunden, das als Geliebte des Angeklagten umsomehr betheiligt erschien, als der Argwohn, daß die That nur um ihretwillen geschehen, sich unwillkürlich aufdrängen mußte, und als auch Wildl zu seiner Rechtfertigung sich darauf berief, wie er jeder Zeit sich gegen sie geäußert, wie er über die Feindschaft mit seinem Vater sich ausgesprochen und welche Verabredungen er mit ihr getroffen hatte. Die Ladung war jedoch vergeblich; Engerl war nicht aufzufinden; man wußte nichts von ihr, als daß sie am Tage des Unglücks auf den Himmelmooser-Hof gekommen war, um die Leiche zu sehen, daß sie an derselben bitterlich geweint und die kalte Todtenhand mit Thränen und Küssen bedeckt hatte, dann, daß sie so ergriffen gewesen, daß man sie beinahe besinnungslos hatte hinwegbringen müssen. Von dort war sie zu ihrem Bauern gegangen und hatte ihre Entlassung verlangt; sie könne, sagte sie, nicht mehr im Orte bleiben; sie wolle auswärts sich verdingen, um den Leuten und ihrem Gerede aus dem Wege zu gehen. Der Bauer hatte dies eingesehen und ihrer Entfernung nichts in den Weg gelegt. Wohin sie sich aber gewendet, war nicht zu ermitteln gewesen, und auf die Schreiben, die ihr vom Gerichte nachgesendet wurden, war eine Antwort noch nicht eingetroffen.

Nach damaligem Rechtsgange waren daher die Acten schon lange geschlossen und an das Obergericht eingesendet worden, welchem die Aburtheilung zustand.

Endlich war es draußen voller Tag geworden, aber Wildl wurde dessen kaum gewahr. Er war in einen Zustand wachen Träumens verfallen, in welchem er vor sich hinsah, als säße er nicht im Gefängniß, sondern draußen am grünen Heckenrain, bei der runden Capelle und Engerl neben ihm; als wäre nichts so Erschreckliches vorgefallen, reichte ihm Engerl die Hand und war guter Dinge und brachte ihm Botschaft, daß der Vater ausgesöhnt sei und nur auf sein Erscheinen warte, um sich auch mit ihm zu vertragen und ihrer Beiden Hände in einander zu legen. Wie ein plötzlich Erwachender fuhr er sich an die Stirn und sprang auf, als draußen die Riegel rasselten und bald darauf der Schlüssel im Schlosse gedreht wurde. Die Thür ging auf, und der dicke Gerichtsdiener, der zugleich das Amt des Schließers im Gefängnisse versah, stand mit der ausgelöschten Laterne in der Hand, mit dem Schlüsselbunde am Gürtel und neben sich seinen Fanghund auf der Schwelle, der lauernd und schnüffelnd durch die Spalte sah.

„So kommt Er doch noch zu mir!“ rief Wildl ihm entgegen. „Ich habe schon geglaubt, Er hat mich ganz vergessen, weil sich in dem Ofen nichts rührt, oder Er will mich erfrieren lassen, damit man mich auf die kürzeste Manier los wird.“

„Nicht raisonniren, Bursche!“ unterbrach ihn der Gerichtsdiener. „Ich weiß schon, was ich zu thun habe. Uebrigens wird heute gar nicht mehr eingeheizt in Seinem Ofen.“

„Nicht mehr? Warum denn?“ fragte der Gefangene. „Komm’ ich in eine andre Zelle?“

„Das wird Er schon erfahren, wenn Er jetzt hinunterkommt in's Verhörzimmer. Der Assessor wird Ihm schon sagen, wohin Er kommt. Ich weiß nur so viel: Sein Urtheil ist da.“

Wildl hatte sich bei dem Worte „Urtheil“ rasch erhoben; er fuhr wie erschrocken zusammen und stammelte dasselbe wiederholt mit bebenden Lippen nach: „Mein Urtheil!?“ sagte er. „Was das für ein dummes Wort ist! Ich habe ein gutes Gewissen und weiß, wie das Urtheil lauten muß, und doch bin ich beinahe erschrocken.“

„Das wird schon von dem ‚guten Gewissen‘ kommen,“ entgegnete spöttisch der Diener und stieß mit dem Fuße den Hund zurück, der, als Wildl auf seinen Wink die Schmecke überschritten hatte, sich wedelnd an diesen wendete und nicht übel gelaunt schien, ihm die Hand zu lecken.

„Was hat Ihm denn der Hund gethan, daß Er ihn so stößt?“ rief Wildl. „Vergönnt Er mir wohl nicht einmal, daß mich ein Hund anschaut? Komm her, Tiras,“ fuhr er fort und kraulte dem Thiere den breiten Kopf, den es zutraulich an ihn schmiegte. „Ich laß Dir nichts thun.“

Der Gerichtsdiener mochte sich den beiden Befreundeten gegenüber nicht stark genug fühlen – er blieb zurück und ließ den Arrestanten vor sich hergehen, der den Weg zum Verhörzimmer bereits nur zu wohl kannte.

Der Assessor, der die Untersuchung führte, war ein älterer Mann, dessen grauer Schnurr- und Knebelbart sammt Lodenjoppe vermuthen ließ, daß ihm die Jägerei mehr Vergnügen gewährte, als sein Amt. Er ließ den Inquisiten niedersitzen und schritt ein paar Mal an ihm vorüber, als müsse er sich auf das, was er zu sagen habe, erst besinnen. Er dachte nach, ob nicht eine List zu finden sei, den Angeschuldigten durch eine unvermuthete Frage zu verblüffen und von seinem hartnäckigen Leugnen abzubringen. Er liebte derlei Kunstgriffe und rühmte sich gern ihres Erfolges, indem er sich den Schnurrbart zu streichen und zu sagen pflegte: Ein tüchtiger Untersuchungsrichter müsse auch ein guter Jäger sein; er müsse dem Spitzbuben auf die Fährte kommen und ihn aus seinem Versteck herausbringen, wie einen Fuchs aus dem Bau.

„Euer Urtheil ist vom Appellationsgericht gekommen,“ sagte er dann nach einiger Zeit, indem er Wildl fest in’s Auge blickte, wie ein Schütze, der das Absehen und das Ziel auf seinem Stutzen zusammennimmt. „Wie meint Ihr wohl, daß es lautet?“

„Wie anders, als daß ich unschuldig bin?“ entgegnete Wildl mit hastiger Freude.

„Wenn es aber nicht so wäre?“ fuhr der Beamte fort und zielte mit seinen scharfen Augen noch schärfer auf sein Wild.

„Es muß ja so sein,“ rief Wildl, sich erhebend. „Und [450] wenn dieser Augenblick mein letzter wäre, ich kann’s nicht anders sagen, als daß ich unschuldig bin. – Wie könnte man mich also verurtheilen – unschuldiger Weise?“

Der Beamte sah wohl, daß Wildl sich keine Blöße gab, und stand kopfschüttelnd von seinem Vorhaben ab. „Und doch,“ sagte er dann, „ist es so: Ihr seid nicht freigesprochen; Ihr seid nur von der Instanz entlassen.“

„Was bin ich?“ fragte Wildl. „Das versteh’ ich nicht.“

„Ich werde es Euch schon ausdeutschen,“ war die Antwort des Assessors, welcher den inhaltsschweren Bogen ergriff und das lange Erkenntniß mit den Entscheidungsgründen verlas.

Es lag im damaligen Strafverfahren, daß zur Verurtheilung eines leugnenden Angeschuldigten ein ganz bestimmter Beweis vorgeschrieben war. Es mußten zwei der That vorausgehende Anzeichen oder Verdachtsgründe zugleich mit zwei gleichzeitigen und zwei nachfolgenden vollkommen erwiesen sein. Ohne diese Erfordernisse konnte eine Verurtheilung nicht erfolgen, sondern es mußte ausgesprochen werden, der Angeklagte könne zwar nicht überwiesen werden, allein er bleibe verdächtig, so daß die Untersuchung jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, sobald irgend ein neuer Anhaltspunkt sich dazu ergebe.

„Das versteh’ ich nicht,“ wiederholte Wildl nach der Verlesung und Erklärung des Beamten.

„Ihr werdet’s schon lernen,“ wiederholte dieser, dem die Sache lästig zu werden begann, „wenn Ihr erst draußen seid.“

„Draußen?“ rief Wildl auflodernd. „Ich muß also nicht mehr im Gefängniß bleiben? Ich darf hinaus?“

„Ihr seid frei.“

„Frei! Und ich kann hingehen? Ueberall hin? Auch in’s Himmelmoos?“

„Wenn Ihr es selbst wollt, wenn Ihr Euch nicht davor scheut, kann es Euch Niemand verwehren. – Ihr könnt Euch bei dem Mörder bedanken, der Euren Vater in die andere Welt befördert hat. Ihr seid der einzige Sohn. Alles gehört also unbestritten Euch. Ihr habt nichts zu thun, als daß Ihr Euch bei’m Gemeindevorsteher meldet und ihm dieses Schreiben übergebt; der wird Euch dann das Weitere sagen. Der Gerichtsdiener wird Euch Eure Kleider und Alles geben, was Ihr mit in den Arrest gebracht habt, und dann macht, daß Ihr weiter kommt! Ich will für Euch wünschen, daß wir nicht wieder zusammen kommen.“

Ein Wink nach der Thür machte das Wort noch deutlicher, und wie ein Taumelnder verließ Wildl die Amtsstube, um vom Gerichtsdiener seine Effecten in Empfang zu nehmen. Er wußte kaum, wie ihm geschah, als dieser ihm nun seine Kleider statt der Gefängnißtracht wieder einhändigte. Nur die Joppe, woran der losgerissene Knopf fehlte, blieb mit diesem in den Händen des Gerichts zurück.

„Die Joppe bleibt schon da; man weiß nicht, ob man sie nicht wieder braucht,“ sagte der Gerichtsdiener höhnisch, denn es machte ihm immer Verdruß, wenn ein Angeschuldigter, den er einmal in seine Hand bekommen, wieder losgelassen werden mußte. „Ich habe schon vorgesorgt und eine andere Jacke für Euch holen lassen.“

Noch wie betäubt, trat Wildl durch das vom Gerichtsdiener geöffnete Thor des Gefängnisses in’s Freie, und die kalte Octoberluft, welche ihm ein Gewirbel von Schneeflocken entgegentrieb, weckte ihn zur völligen Besinnung.

Der Weg nach dem Dorfe und seiner Heimath betrug nur wenige Stunden und war in kurzer Zeit zurückgelegt. Freude und Verlangen trieben den Befreiten vorwärts, etwa wie einen Vogel, der, dem Käfig entronnen, dem Walde zustrebt und fast noch ungläubig die Schwingen prüft, ob sie in der langen Rast die alte Flugkraft nicht verloren haben. Durch das lange Sitzen des Gehens entwöhnt, schienen die Füße ihn nicht mehr tragen zu wollen; einigemale mußte er anhalten und aus tiefster Brust aufathmen, als wolle er Kerkerluft und Kerkergedanken von sich stoßen und den Hauch der neuen Freiheit einziehen. Und welche Gedanken, welche Vorsätze, welche Gefühle des Glücks zogen damit in seine Seele! Wie wollte er das Andenken des unglücklichen Vaters ehren und zeigen, wie sehr man ihm Unrecht gethan mit dem Verdacht! Er wollte aus dem Himmelmoos einen Musterhof machen, daß alle Welt erkennen sollte, daß er auch hierin der tüchtige Erbe eines tüchtigen Vaters geworden. Der Mittelpunkt all’ seiner Hoffnungen aber war der geträumte künftige Haushalt, war eine weibliche Gestalt, die in demselben schaltete und waltete. Diese glückliche und zufriedene Häuslichkeit sollte die Leute vollends beruhigen und dem Gestorbenen, wenn er vom Himmel herunter zu schauen vermöge, beweisen, wie sehr er Unrecht gethan, sich seinem Vorhaben zu widersetzen. Allmählich hatte Wildl sich so ganz in diese Bilder hineingedacht, daß sie ihm als Wirklichkeit erschienen. Die düstern Gebilde des Kerkers waren mit der Kerkerluft vollends von seiner Seele gewichen, wie Thalnebel vor der steigenden Sonne, und freudig strömte ihm das Blut zum Herzen, als er die letzte kleine Anhöhe erreicht hatte, von welcher in der Ferne der Kirchthurm seines Dorfes und seitwärts das überschneite Dach der Heimath zum ersten Male zu überblicken waren. Unwillkürlich blieb er stehen, schwang den Hut über dem Kopf und stieß einen gellenden Juhschrei aus, wie ein Bergschütze, der einen steilen Gemsgrath erstiegen.

Von der Erschütterung der Luft fielen die Schneeflocken von den Bäumen, und ein erschrecktes Rabenpaar fuhr mit schlagenden Flügeln vom Felde auf.

Noch rascheren Schrittes eilte er die Anhöhe hinab, gegen das Dorf zu, über dessen Dächern graue Rauchsäulen aufstiegen und verkündeten, daß man dort mit den Vorbereitungen zum Mittagessen beschäftigt sei; zugleich tönte vom Thurme das bekannte Glockengeläute, welches den Mittag ankündigte und die zerstreuten Arbeiter aus Feld und Scheue in’s Haus um den gemeinsamen Tisch versammelt. Der gewohnte Anblick und die freundlichen Klänge drangen, weil lange entbehrt, ihm um so erweichender an’s Herz; er sehnte sich nach dem Wiedersehen und spielte mit dem Gedanken, wer von seinen Bekannten oder Genossen es wohl sein würde, der ihm zuerst begegnen würde. Er lachte vor sich hin, als er in einiger Entfernung eine Anzahl von Kindern bemerkte, die, auswärtigen Ortschaften oder Einzelhöfen angehörend, eben aus der Schule kamen und schreiend, scherzend und mit Schneeballen werfend einher eilten, um das väterliche Haus und den gedeckten Tisch noch zur rechten Zeit zu erreichen. Jauchzend kam der Schwarm heran und war noch wenige Schritte entfernt, als die Kinder, plötzlich verstummend, anhielten, wie wenn ihnen etwas Entsetzliches in den Weg getreten wäre. Beide Theile standen sich so lange zweifelnd gegenüber, wie das Auge Zeit braucht, sich zu öffnen und zu schließen; dann brachen die Kinder abermals in noch lauteres Geschrei aus und stäubten wie eine Schaar wilden Geflügels, das der Jäger aufgescheucht hat, in der Richtung eines Seitenpfades auseinander, der, halb verschneit, wieder in’s Dorf zurückführte. Die meisten Kinder stießen blos unbestimmte Laute des Schreckens aus; nur einer der Aelteren und Keckeren schrie während des Davonlaufens mit lauter Stimme: „Lauft, Buben! Lauft, was Ihr könnt! Das ist der Himmelmooser Wildl, der seinen Vater umgebracht hat.“

(Fortsetzung folgt.)




Das Geheimniß der Rose.


„Im Rosenbeete strahlt Geheimniß,
Und in den Rosen liegt’s verborgen,“

so versichert ein persischer Dichter des dreizehnten Jahrhunderts, und dem deutschen Mittelalter galt die Rose bekanntlich als das Sinnbild des Verschweigens und vollkommensten Geheimhaltens. Man liest den Spruch: „Was wir all hier kosen – das bleibe unter den Rosen“ nicht selten auf altdeutschen Trinkgeschirren und findet die Rose als Sinnbild der Verschwiegenheit nicht allein an alten Beichtstühlen (z. B. in den Domen von Worms und Wien), sondern auch an der Decke der Versammlungssäle des Raths (z. B. in Lübeck), am häufigsten aber an den Gewölben der Rathskeller angebracht zur Erinnerung, daß Alles, was man hier mit vom Weine gelösten Zungen geredet, eben sub rosa gesprochen sei, „unter der Rosen oder bichtwyß“, wie Murner

[451]
Die Gartenlaube (1877) b 451.jpg

Rosen-Motiv aus dem Ruprechtsbau des Heidelberger Schlosses.
Nach der Natur aufgenommen von E. Schmidt.

[452] verdeutscht. Um den Gebrauch der Rose als Symbol des Geheimnißvollen auf das Alterthum zurückzuführen, hat man die Mythe erfunden, Amor habe im Auftrage seiner Mutter dem Gotte des Stillschweigens die Rose gewidmet, um seine Verschwiegenheit über gewisse „unter den Rosen“ geschehene Dinge zu erkaufen, und hat diese dem Gotte des Schweigens gegenüber etwas sonderbare Vorsicht in einem lateinischen Epigramme gefeiert, dessen ungeschickte Uebersetzung an der linken Seitenwand des Bremer Rathskellers zu lesen steht, während eine etwas bessere lautet:

Rose, Blume der Venus, dich gab dem Harpokrates Eros,
Daß im Verborgenen bleib, was seine Mutter gefehlt.
Darum hängt der Wirth die Rose über die Tafel,
Daß, was darunter gesagt, weise verschweige der Gast.

Jedenfalls hängt mit diesen indogermanischen, wie Schleiden glaubt, auf die Rosenhage der Landtagsversammlungsorte bezüglichen Anschauungen der alte Gebrauch zusammen, die Rose im Petschaft und als Abzeichen geheimer Gesellschaften zu führen. Hierher gehören die mannigfachen Rosen- und Rosenkreuzerorden, die zum Theil sehr frivoles Treiben unter der Wappenblume der Verschwiegenheit bargen, besonders aber die Bauhütten des Mittelalters, die dieses Bundessymbol den Freimaurern vererbt und an manchen Bauwerken verewigt haben. So sieht man über dem Eingange zum Ruprechts-Bau des Heidelberger Schlosses das auf unserer Abbildung wiedergegebene Wappen, einen von zwei Engeln getragenen Kranz aus fünf Rosen, in welchen einer derselben einen halbgeöffneten Cirkel einsetzt, als wolle er andeuten, daß ein tiefes mathematisches Geheimniß in diesen Rosen, deren Fünfzahl offenbar bedeutsam ist, ruhe. Mit diesem mathematischen Geheimniß wollen wir uns heute beschäftigen.

Die Rose galt nicht weniger als Symbol der Mystik oder des religiösen Geheimnisses, als der Kunstgeheimnisse und des Räthselhaften überhaupt, und die Meistersinger, die in der Regel zugleich Räthselschmiede waren, hingen einen Rosenkranz als Preis für die Lösung der von ihnen aufgegebenen Versräthsel auf und begannen ihren Vortrag mit einer Aufforderung, die wohl mehr oder weniger meist der folgenden von Uhland mitgetheilten glich:

Nun rathet, ihr Meister, was es sei!
Mein Kränzlein hänget auf dem Plan
Und ist gemacht von edlen Rosen roth!
Wer mir auflöset diesen Bund,
Mein Kränzlein er von mir gewonnen hat.

In einem dieser Volksräthsel, welches aber wohl nicht allzuweit zurückreicht, dennoch in verschiedenen Gestalten umläuft, tritt uns die Rose selbst als das Räthsel entgegen, dessen Auflösung wir später versuchen wollen. Es heißt:

Fünf Brüder sind’s zur gleichen Zeit geboren,
Doch zweien nur erwuchs ein voller Bart,
Zwei andern blieb die Wange unbehaart,
Dem dritten ist der Bart zur Hälft’ geschoren.

Oder: „Fünf Brüder von einer Art, – Zwei tragen einen ganzen Bart – Einer blos den halben – Zwei sind geschoren, – Und sind alle in Einer Nacht geboren.“ Die fünf gleichaltrigen Brüder, um deren Backenbärte es sich handelt, sind die fünf Kelchzipfel der Rose und schon Mancher von den Lesern dieses Aufsatzes dürfte die ungleiche Bartbildung derselben, die bei wilden und im Garten gezogenen Rosen mehr oder weniger deutlich – am schönsten freilich bei der Moosrose – hervortritt, mit Erstaunen beobachtet haben.

Nach der ersten Lösung, die wir hinter uns haben, wandelt sich dieses Rosenräthsel in die Frage: woher kommt diese Ungleichheit der fünf Brüder? Die Rosenknospe giebt uns die Lösung, indem sie erkennen läßt, daß die beiden bärtigen Brüder an ihr mit beiden Rändern nach außen, der halbbärtige halb nach innen, die beiden bartlosen dagegen gänzlich an den Rändern zugedeckt lagen, so daß wir zwei äußere und zwei innere Kelchblätter zu unterscheiden haben, nebst einem, welches den Uebergang von den äußern zu den innern macht. Aber siehe da, jetzt, da wir bei der zweiten Lösung stehen, geht das eigentliche Räthsel und Geheimniß der Rose erst an.

Wenn wir nämlich der Sache genauer nachforschen und das gefundene mit andern Blattstellungsverhältnissen vergleichen, so erkennen wir, daß es hier einen alleräußersten und einen allerinnersten Kelchzipfel giebt, und daß, wenn wir den ersteren mit Nr. 1 und den letzteren mit Nr. 5 bezeichnen, die natürliche Reihenfolge nicht von Nachbar zu Nachbar fortschreitet, sondern daß wir immer einen oder zwei Zipfel überspringen müssen, um zum nächstfolgenden zu kommen, je nachdem wir in der einen oder in der andern Richtung herumzählen. Wir müssen also bei Verfolg des „kurzen Weges“, den wir bei Blattstellungsverhältnissen wie im Leben meistens vorziehen, zweimal im Kreise, oder genauer gesagt, in einer Uhrfederspirale herumgehen; die fünf Blätter sind auf zwei Windungen derselben vertheilt; sie stehen, um es mit zwei Zahlen zu bezeichnen, in 2/5-Stellung.

Wenn wir denselben Weg von der Spitze oder dem Grunde des ersten Zipfels zum zweiten in einer graden Linie zurücklegen, und so fortfahren bis zum letzten, so beschreiben wir mit einem Zuge ein Zeichen, mit welchem seit undenklichen Zeiten der Begriff eines großen Geheimnisses verknüpft worden ist, das Pentagramma oder den Drudenfuß. (Fig. 2.) Die Pythagoräer benützten diesen Linienzug als ihr geheimes Erkennungszeichen und setzten ihn über ihre Briefe; die Druiden der Celten trugen ihn als Abzeichen auf ihrem Priesterornate, und die Christen bannten damit den Teufel, weshalb Mephistopheles sagt: „Das Pentagramma macht mir Pein.“ Als den geheimnißvollen, kräftiger als selbst das Kreuzeszeichen wirkenden Charakter kann man das Pentagramm sogar in den Fensterrosen gothischer Kathedralen angebracht finden, z. B. der zierlichsten von allen, der Kirche Saint-Ouen zu Rouen. Ob es ein bloßer Zufall ist, der den geöffneten Cirkel am Heidelberger Schlosse in den Kranz von fünf Rosen setzte, und damit das aus fünf solchen Winkeln bestehende Pentagramm (d. h. Fünfwinkel) in eine mystische Beziehung zur Rose bringt, wissen wir nicht; jedenfalls ist das Pentagramm im Rosenkelche deutlicher ausgeprägt, als in irgend einem Naturdinge. Nirgends tritt uns verständlicher als im Rosenkelche die Wahrheit entgegen, daß die ganze Welt, wie die Bibel sagt, streng nach Maß und Zahl geordnet ist, und wir haben Recht, im Pentagramm eine geheimnißvolle Signatur der allwaltenden Gesetzlichkeit in der Welt zu erkennen.

Die durch das Pentagramm aus der Vogelperspective bezeichnete Zweifünftel-Blattstellung drückt nämlich in der einfachsten Form die gewöhnliche Regel aus, nach welcher die Blätter am Stengel und in den Blüthen einer sehr großen Anzahl Pflanzen vertheilt sind. Betrachten wir einen jungen Trieb des Brombeerstrauches, oder noch besser eine Ginsterruthe, so können wir, da beide fünfkantig sind, mit der größten Leichtigkeit verfolgen, daß, bei welchem Blatt des Stengels wir auch zu zählen anfangen, immer erst das sechste Blatt wieder über dem ersten steht, und daß wir hierbei auf dem „kurzen Wege“, wie bei der Rose, aber diesmal in einer etwas langgezogenen Propfenzieherlinie um den Stengel herumgegangen sind, bevor mit dem Sechsten Blatt ein neuer Cyklus beginnt. Der Genfer Naturforscher Bonnet, welcher die Gesetzmäßigkeit der Blattvertheilung um die Stengel zuerst bemerkte, glaubte darin das tiefe Geheimniß zu erkennen, durch welches der Schöpfer erreicht habe, allen so vertheilten Pflanzenblättern Regen und Sonnenschein, Thau und Wärme möglichst gleichmäßig zukommen zu lassen, und sagt: „Ich muß es gestehen, daß mich diese Vertheilungen der Blätter sehr gerührt haben, und ich habe mit innigstem Vergnügen die verehrungswürdige Weisheit bewundert, welche zu diesem Endzwecke so geschickte Mittel gewählt hat.“

Was würde der fromme Bonnet erst gesagt haben, wenn er erlebt hätte, welche Wunder die Botaniker Karl Schimper, der vor einigen Monaten heimgegangene Professor Alexander Braun u. A. in der Vertheilung der Blätter um die Pflanzenachsen entdeckt haben! Man bemerkte sehr bald, daß noch viele andere ähnliche Stellungsverhältnisse vorkommen, und daß, wenn man die am häufigsten beobachteten in gleicher Weise als Brüche niederschreibt, deren Zähler die Zahl der Umgänge bezeichnet, die man von Blatt zu Blatt herumgehend machen muß, bis man zu dem nächsten Blatte kommt, welches genau über dem ersten steht, deren Nenner aber die Zahl der auf diese Umgänge vertheilter Blätter angiebt, man die folgende Reihe erhalten wird: 1/2; 1/3; 2/5; 3/8; 5/13; 8/21; 13/34; 21/55 etc.

Man erkennt leicht, daß in dieser Reihe jeder Zähler und jeder Nenner gleich der Summe der beiden ihm vorausgegangenen Zähler oder Nenner ist, und läßt sich von einem Mathematiker weiter erklären, daß diese Reihe: 1; 2; 3; 5; 8; 13; 21 … eine sehr tiefsinnige ist; sofern sich die einzelnen Glieder fortschreitend immer mehr dem Verhältnisse des sogenannten [453] „goldenen Schnittes“ nähern, der eine gegebene Größe so theilt, daß sich der kleinere Theil zum größeren verhält, wie der letztere zur Summe beider, das heißt zum Ganzen. Ein deutscher Aesthetiker, Adolf Zeising, hat ausführlich dargethan, daß in der Annäherung der Formgliederungen an den goldenen Schnitt das Geheimniß aller „schönen Verhältnisse“ der Formen in Natur und Kunst liegt, und die alten Bauhüttenmeister hätten auch nach der ästhetischen Seite Recht gehabt, die Rose als das Symbol des schönen Ebenmaßes der bildenden Künste zu betrachten.

Von der 2/5-Stellung, die sich in allen fünfblätterigen Kelchen und Blumen wiederholt, sofern ihre Blätter als umgewandelte Stengelblätter betrachtet werden können, deren Schraubenspirale in eine Uhrfederspirale zusammengeschoben ist, haben wir schon Beispiele gesehen; die 1/2- und 1/3-Stellung gewahren wir bei den Pflanzen, deren Blätter, von oben herab gesehen, in zwei oder drei Reihen stehen, zu der letzteren Abtheilung gehören, der Blüthenbildung nach, die große Mehrzahl aller der Pflanzen, die mit einem Blatte keimen, wie Gräser, Palmen, Tulpen, Iris etc. Die 3/8-Stellung, bei der also acht Blätter auf drei Windungen um den Stengel vertheilt sind, finden wir bei den Blättern einiger Wegerich- und Lilienarten, sowie bei den schönen Dickpflanzen, mit denen wir unsere Teppichbeete verzieren (vergl. Fig. 4). Die böse Dreizehn finden wir unter Anderem in den grünen Hüllblättchen des als Liebesorakel benutzten Masliebchen und mehrerer Kreuzkrautarten, sowie in den Blumenblättern der Einerarien, die darauf folgende Einundzwanzig in den fleischigen Hüllblättern der Artischocke, die wir genießen, und in den trockenen Hüllblättern der Kornblume, über die wir uns freuen, und wir können an diesen letzteren Beispielen besonders gut erkennen, wie sich die fünf und acht Umgänge, um die es sich in diesen Fällen handelt, scheinbar (wie die beiden der Rose) zu einem einzigen Umgange zusammenschieben.

„Einundzwanzig schnurgerade Zeilen
Ziegelschuppig zeigt der Tannenzapfen,
Gleiches thut mit Nadel, denk’, die Fichte
Und die Föhre gar mit Nadelpärchen –“

so singt der Mitentdecker dieser Wunder Karl Schimper in seinem liebenswürdigen, „Flieder und Goldlack“ betitelten „poetischen Brief über Zahlen und Dinge“, in welchem er „Zumpt dem Kleinen gleich“ zur Nachhülfe des Gedächtnisses die augenfälligsten der in unserer Flora vorkommenden Zahlenverhältnisse aufgezählt hat. Sehr häufig geht ein und dieselbe Pflanze im Laufe ihrer persönlichen Entwickelung von einfacheren zu zusammengesetzteren Verhältnissen über. So beginnt der gemeine Löwenzahn, wie alle Zweiblattkeimer, mit dem einfachsten Verhältnisse (1/2), geht dann bei den Wurzelblättern zur 2/5-Stellung, im Kelch zur 5/13- und in den Blüthentheilen zur 8/21-Stellung über. Die höheren Glieder der oben angeführten Reihe: 21/55, 34/89, 55/144, 89/233 etc. erkennen wir in den prächtige Schraubenlinien um den Stamm bildenden Blattnarben der Siegel- und Schuppenbäume aus der Steinkohlenzeit, an dem künstlerisch vollendeten Pinienzapfen, mit welchem die Baumeister des Alterthums gern ihre Kuppelbauten krönten, in den streng nach der Regel angeordneten Stacheln der Kugel- und Igel-Cactusarten, in den herrliche Rosetten bildenden Blättern der Agaven- und Hauslaubarten, in den Blüthenscheiben der Korbblumen, deren größte, die Sonnenblume, schon dem Knaben, der ihre reifen Früchtchen verzehrt, eine Ahnung ihres erstaunlich abgezirkelten Baues erweckt. Von dem bienenwabenförmigen Blüthenboden der schönen Karlsdistel (Carlina) oder Eberwurz, die, fast stengellos im Boden wurzelnd, bei Gebirgspartien unsere Aufmerksamkeit erregt, von den Häkchen der Klette, welche die wilden Dorfbuben sich in’s Haar wirren, und von den Blüthchen und Früchtchen der Sonnenblume sagt unser poetischer Naturforscher:

„Fünfundfünfzig Reihen schöner Zellen
Schwingen da sich rein durch vierunddreißig,
Und es stehn die Löcher wie der Klette
Neunundachtzigfache Freundschaftshäkchen.
Höher steigend kreuzen gleicherweise
Bei der Sonnenblume fünfundfünfzig
Neunundachtzig Zeilen gold’ner Krüglein,
Hundertvierundvierzigfacher Richtung,
Wenn auch noch bei großen Sonnenblumen
Weiter selbst zweihundertdreiunddreißig
Strahlen einer blühenden Gesellschaft.“

Aus den letzteren Zeilen ersieht man, daß ein gewöhnlich vorkommendes Stellungsverhältniß nicht selten bei besonders kräftigen Exemplaren durch das nächst höhere ersetzt ist, aber der Unterschied ist, was den Winkelabstand des einen Blattes von dem andern folgenden anbetrifft, nicht erheblich, denn er nähert sich in all diesen höhern Gliedern immer mehr dem Durchschnittswinkel von 1371/2 Grad, der also in vielen tausend Fällen bei sonst gar nicht mit einander verwandten Pflanzen wiederkehrt.

Höchst selten nur bemerken wir beim Nachrechnen dieser ziemlich „knifflichen“ Exempel, daß sich die bildende Natur eines Rechenfehlers schuldig gemacht hätte, etwa einmal 234 Blüthen statt 233 auf 89 Umgänge vertheilt hätte. Man darf sich bei Bestimmung dieser Zahlen, z. B. an den Tannenzapfen, nicht irre führen lassen durch Nebenreihen, die oft viel stärker in’s Auge fallen, als die Grundspirale. Der Nenner des Bruches wird stets durch die Zahlen der genau senkrechten Reihen des Zapfens etc. ausgedrückt. Aber auch die Nebenspiralen ergeben stets Zahlen, die der Gesammtreihe angehören, und so ein Tannen- oder Pinienzapfen ist für den Mathematiker, der sich darauf versteht, ein Gegenstand andächtigen Studiums.

Das Geheimniß, in welches uns die Rose einführt, ist noch keineswegs endgültig gelöst. Die neuere Botanik hat Wichtigeres zu thun, als darüber zu grübeln, welches der letzte Grund sei, der bald dreizehn Blätter auf fünf Umgänge und bald neunundachtzig auf vierunddreißig vertheilt. Da es außerdem an Ausnahmen und Stellungsverhältnissen, die jener Reihe nicht angehören, nicht fehlt, so will sie die durch unzählige Beispiele verbürgte Regel kaum mehr für verbindlich anerkennen, womit sie freilich nur sich selber beschämt. Indessen ist die höchst wahrscheinlich richtige Erklärung dieser unser Erstaunen weckenden tiefen Gesetzmäßigkeit schon früher von dem Botaniker Hofmeister geahnt und in jüngster Zeit von J. Fankhauser dargelegt worden. Danach wäre die Ursache in einer höchst einfachen mechanischen Beeinflussung der immer an der Spitze des Pflanzentriebes entstehenden neuen Blattanlagen durch ihre nächstälteren Brüder zu suchen. Hofmeister bereits stellte die Regel auf, daß das neue Blatt immer über der größten Lücke entstehe, welche die beiden zuletzt vorhergegangenen Blättter zwischen sich lassen. wahrscheinlich weil auf diesem Grenzpunkte der Bildungstrieb am lebhaftesten ist. Wenn z. B., wie bei vielen Lippenblumen und Gentianen, immer zwei Blätter einander gegenüberstehen, so werden die nächsten beiden diese Stellung kreuzen. Stehen die ihren Einfluß übenden Blätter aber nicht auf gleicher Höhe am Stengel und sind sie deshalb ungleich kräftig, ist das jüngere in rascherer Entwickelung begriffen als das nächstältere, so sind die Bedingungen zu einer spiraligen Anordnung gegeben. Ist die Basis des jüngsten Blattes sehr verbreitert oder gar stengelumfassend mit gleich starken Rändern, so entsteht das nächste Blatt um 180 Grad von dem vorigen entfernt; die 1/2-Stellung der Gräser und anderer Monokotyledonen (Pflanzen mit einlappigem Samen), sowie einzelner Dikotyledonen (Gewächse mit zweilappigem Samen). Eine ebenso gleichmäßige Eintheilung in den Stengelumfang für eine Windung ist auch noch bei drei Blättern (1/3) möglich. Anders wird die Sache, wenn nicht nur zwei, sondern noch mehr Blätter ihren Einfluß auf die nachentstehenden äußern. Der ungleiche Einfluß derselben bedingt alsdann eine complicirtere Anordnung. Man muß zunächst daran denken, daß das vorletzte Blatt immer einen größeren Einfluß ausüben wird, als das vorvorletzte; daher entsteht das neue Blatt (aus der Vogelperspective gesehen) letzterem näher, und dieser Einfluß wird noch zusammengesetzter, wenn bei dichter Beblätterung des Stengels auch das viertletzte und folgende ein Wort mitzureden haben, wie dies bei einer gedrängten dachziegelschuppigen Anordnung der Fall ist. Darum wird also in diesen Fällen die Spirale eine windungsreichere werden.

Diese mechanische Erklärung befriedigt im Allgemeinen und bestätigt die Meinung Zeising’s, daß der Bildungstrieb der Proportion des goldenen Schnittes:

     1 : 2 : 3 : 5 : 8 : 13 : 21 : 34 etc.

folgt, weil dieselbe in der einfachsten Weise jedes Glied durch das nächste zum Ganzen in ein einfaches Verhältniß bringt. Aus diesem Grunde finden wir nicht nur die Pflanzenblätter nach dieser geheimen Mathematik, die uns am lesbarsten im Rosenkelche entgegentritt, geordnet, sondern Zeising konnte dieselben Gesetze des goldenen Schnittes auch in der Gliederung des menschlichen Körpers und in dem Ebenmaße aller Künste nachweisen.

Carus Sterne.

[454]

Eine Harzer Bade-Erinnerung.
Von Hermann Oelschläger.


Als ich, an einem heißen Juni-Mittag von Thale kommend, in den Speisesaal des Hôtel *** in Suderode trat, war die Table d’hôte schon im vollen Gange. Zwei lange Tafeln waren vollständig besetzt und mit Noth und Mühe ward mir an einer derselben noch ein bescheidenes Plätzchen zugewiesen. Die Teller klapperten, die Kellner flogen, und das Essen war erträglich. Wider Erwarten, denn im Allgemeinen ißt man nirgends schlechter und erbärmlicher, als in den Speisesälen der sogenannten Curorte, namentlich Mittel- und Norddeutschlands. Die Wirthe scheinen sich vollständig darauf zu verlassen, daß bei ihren Gästen hauptsächlich die gute Luft ihre Wirkung thue, oder sie glauben, daß die meisten derselben nur durch üppiges Wohlleben im Winter ihre Gesundheit beeinträchtigt haben, und unterwerfen sie nun auf eigene Faust einer Hungercur, deren Gründlichkeit nicht das Leiseste zu wünschen übrig läßt. Sie zwingen ihre Gäste zu derselben theils durch das geringe Maß von Speisen, welches sie ihnen überhaupt zuführen, theils durch die nichtswürdigste Zubereitung, welche sie den Speisen angedeihen lassen. Was sie hierin leisten, wird allein noch übertroffen durch die geradezu monumentale Unbefangenheit, mit welcher sie sich für diese Hungercuren so unverschämte Preise bezahlen lassen, daß man glauben könnte, in Rom bei Nazarri oder in Paris bei Vefour gespeist zu haben. Aber ich weiß, man speist dort billiger. Das Lächerlichste bei der ganzen Sache ist, daß die meisten Gäste, als ob es sich um ein seltenes und festliches Vergnügen handle, alltäglich auch noch in großer und feierlicher Salontoilette, so zu sagen in Paradeuniform zu diesen traurigen Mahlzeiten sich versammeln und so bestrebt sind, einen heitern und gefälligen Anblick bei einem Vorgang zu bieten, zu welchem man schicklicher Weise in melancholischem Traueranzuge erscheinen sollte.

Der Wein war matt oder meine Kehle von der langen Fahrt durch Hitze und Staub zu sehr ausgetrocknet, und ich fragte den Kellner, ob ich Eis erhalten könnte. Bevor er geantwortet, bot mir ein gegenüber sitzender Herr in der liebenswürdigsten Weise an, von dem Eiskühler, der bereits vor ihm stand, Gebrauch zu machen. Ich nahm dankend an. Mein Gegenüber war ein junger Mann, von etwa fünfundzwanzig Jahren, schlank und hochgewachsen mit breiten Schultern; sein blonder Schnurrbart hob sich, gleich den blonden Augenbrauen, leuchtend von der tiefgebräunten Farbe des schmalgebauten Gesichtes ab, dem namentlich die vornehm geschnittene Nase und der keck aufgeworfene Mund einen aristokratischen Ausdruck gaben. Die tadellose und scharf abgegrenzte Weiße des obern Theils der Stirne bewies, daß die braune Hautfarbe nur die Folge eines häufigen Aufenthaltes im Freien war. Die merkwürdige Locke aber, welche in der nur unserem herrlichen Kriegsheer eigenthümlichen Weise rechts und links über dem Ohr weg glatt gegen das Auge hingekämmt war und sofort an Caserne und Commißbrod erinnerte, deutete vielleicht darauf hin, daß ihr Träger dem Militärstande angehöre. Aber die Annahme konnte auch irrig sein; denn unter der strammen preußischen Zucht hat die männliche Jugend diesseits der Mainlinie schon lange gelernt, an dieser eigenthümlichen Haarform Gefallen zu finden und, dienstpflichtig oder nicht, mit ihr zu coquettiren, wie mit Allem, was zur Uniform gehört.

Das Merkwürdigste war, daß ich meinem Gegenüber schon irgendwo glaubte begegnet zu sein. Je länger ich mir seine Züge betrachtete, desto bekannter wollten sie mir scheinen. Auch die Stimme und seine kurze, hastige Art des Sprechens glaubte ich schon gehört zu haben und zwar bei irgend einem leidenschaftlichen Anlaß in heftiger Erregung. Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf und beruhigte mich endlich dabei, daß ich mich täuschen müsse. Auch war dies das Beste, was ich thun konnte. Denn der Herr mir gegenüber nahm nach der einfachen, doch verdienstlichen Höflichkeit, die er mir erwiesen, weiter keine Notiz von mir, und ich fand das begreiflich, da ich ihm für die Gesellschaft, deren er sich bereits erfreute, doch keinen Ersatz hätte bieten können.

Es war ein bildschönes Mädchen von zwanzig oder einundzwanzig Jahren, gewiß nicht älter, gleichfalls distinguirt in der Erscheinung, aber doch von einer gewissen Einfachheit in der Kleidung, die mir nicht zu ihrem Gebahren, zu ihrem Wesen und, muß ich beifügen, nicht einmal zu der Vornehmheit ihres Begleiters passen wollte. Daß Beide nicht durch Zufall hier an der Table d’hôte nebeneinander gerathen waren, war klar; sie gehörte, wie man beim ersten Blicke gewahren mußte, so genau zusammen, wie nur irgend ein berühmtes Liebespaar; ja, sie tranken sogar vor aller Welt aus einem Glase, oder doch aus einer Flasche, die in eben demselben glänzenden, feucht angelaufenen Weinkühler stand, dessen Mitbenutzung der Herr mir vorhin angeboten.

Die Unterhaltung der beide jungen Leute war eine äußerst lebhafte und animirte, heiter und übermüthig. Sie lachten und schwatzten beständig. Sie schienen von der ganzen Welt umher nichts zu sehen, nichts zu wissen. Sie kümmerten sich nicht um die viele hundert Augen, welche von den Breit- und Querseiten der langen Table d’hôte beständig voll spöttischer und alberner Neugier auf sie gerichtet waren. Sie glaubten allein zu sein. Sie waren Beide glücklich; sie waren Beide jung und schön.

Von dem, was sie miteinander sprachen, verstand ich wenig oder nichts. Um so mehr, als der Herr selbst, wie ich schon andeutete, in jenen kurzen, abgerissenen, stoßweisen Sätzen sprach, die jedem kunstvolleren Periodenbau mit principieller Verachtung aus dem Wege gehen, im Lakonismus des Telegraphen und der Postkarte eigentlich ihr Ideal sehen müssen und sich häufig bei Menschen finden, die an kurzes Befehlen und imperatives Auftreten gewöhnt sind. Man hält deshalb auch diese Sprechweise, bei der ich immer den Eindruck empfangen, als ob mir alle Worte wie Felsblöcke einzeln an den Kopf geworfen würden, gern für blaublütig und junkerhaft. Aber auch sonst hatte meine beiden Tischnachbarn offenbar keine Ursache, ihre Geheimnisse bis zu mir über die Tafel herüber zu schreien, was auch nicht schön gewesen wäre. Sie flüsterten, und das Einzige, was ich zunächst erlauschte, war, daß das Mädchen Magda hieß – ein Name, für den ich immer geschwärmt habe. Sonst sah ich nur, daß die beiden Herzen in heller Liebesgluth standen und daß ihnen das helle Liebesglück aus den Augen leuchtete. Es war kein Wunder. Wenn das schöne Mädchen schweigend, in den Stuhl zurückgelehnt, dasaß, die weißen schmalen Hände im Schooße gefaltet oder sie im Spiele mit einem rosafarbenen Bande umwickelnd, die Augen sittsam niedergeschlagen und nur mit dem heitern Zucken ihres winzigen, kirschrothen Mundes verrathend, daß ihr kein Wort ihres Begleiters verloren gehe; wenn dieser, die Spitzen seines blonden Schnurrbartes mit der ringgeschmückten Hand immer kecker drehend, mit seinen blauen lichten Augen immer verwegener lachend und mit den ebenso kirschrothen Lippen immer übermüthigere Scherze plaudernd und die Sätze immer kürzer und immer hastiger herausstoßend, sich endlich dicht an sie heranneigte, wie um dem Mädchen das allerletzte und allerwichtigste Geheimniß zu vertrauen: dann schlug die schöne Magda rasch und plötzlich die grauen, großen, schalkhaften Augen zu ihrem Begleiter auf, und eine Flamme so tollen und leidenschaftlichen, frohen Glückes loderte aus ihnen, daß wohl kein Herz hätte widerstehen können. Und doch wußte sie immer ihren Cavalier durchaus in Schranken zu halten, mit jener reizenden Coquetterie, mit der man einen Vogel am Faden flattern läßt, und mit so großer Sicherheit, daß sie ihn, als er bei der zweiten oder dritten Flasche seinen Arm vertraulich über die Stuhllehne legte, sofort mit kaum merkbarem Winke veranlaßte, eben diesen Arm sofort wieder zurückzuziehen, aber nicht, ohne daß sie ihn, wie ich ganz wohl beobachtet habe, vorher durch ein leichtes Zurückbeugen ihres schönen Kopfes zwei- oder dreimal recht zärtlich gedrückt hätte. Es ist dann kein großes Verdienst, zu thun, was ein schönes Mädchen will.

Gleich darauf spickte sie den vor ihr liegenden Kork einer Weinflasche geschickt mit ein paar Dutzend Zahnstocher und stellte ihn so vor ihren Begleiter.

„Ein Stachelschwein,“ sagte dieser scharfsinnig.

„Ein Stachelschwein,“ bestätigte die schöne Magda kopfnickend, „ich schenk’ es Ihnen.“

„Danke,“ sagte der also Beschenkte trocken, zog die sämmtlichen Zahnstocher wieder aus dem Korke und ließ das auf diese [455] einfache Weise wieder in seine Urbestandtheile aufgelöste Stachelschwein in den dunklen Tiefen seiner Rocktasche verschwinden.

„O,“ sagte die schöne Magda höchst verwundert und machte schnell ein Trutzköpfchen, das ganz niedlich war.

„Gut sein!“ lachte bei solcher Beobachtung ihr Begleiter; „stecke zu Hause alle Zahnstocher wieder in den Kork und Stachelschwein selbst mitten auf Schreibtisch. Wird verteufelt schön aussehen.“

Das Trutzköpfchen verschwand rascher, als ich diese Zeilen zu schreiben vermag. Die Versöhnung war vollkommen.

Ich fürchte nicht, daß man die Erzählung dieser einfachen Begebenheit für überflüssig oder für noch schlimmer halten wird. Ich versichere im Gegentheil auf mein Ehrenwort, daß eben diese Begebenheit mit dem Stachelschwein für die Beiden, welche sie veranlaßten, offenbar sehr interessant zu erleben und für mich, der ich sie mit beobachtete, ganz gewiß ebenso interessant zu beobachten war. Ich habe mich in der That noch oft und gern mit ihr in Gedanken beschäftigt, und wenn ich aufrichtig sein will, hätte ich sogar gleichfalls nicht den geringsten Anstand genommen, mich von diesem reizenden Mädchen mit einem solchen Stachelschwein beschenken zu lassen und es auf meinem Schreibtisch als theuere Reliquie aufzustellen. Das wird Jedermann leicht verstehen, der schon ein- oder mehreremale das Glück gehabt hat, verliebt gewesen zu sein. Das sind aber die einzigen Leser, für die ich schreibe, und andere wünschte ich überhaupt nicht zu haben.

Nach der Table d’hôte versammelte sich der größte Theil der Gesellschaft auf der Terrasse, welche unmittelbar an den Speisesaal anstieß und einen so langweiligen Blick über Wiesen und Felder bot, daß ich froh bin, mir seine Beschreibung hier ersparen zu können. Aber es schien Sitte zu sein, hier in so bescheidener landschaftlicher Umgebung seinen Kaffee zu nehmen, und da ich selbst keine Lust hatte, mich schon wieder der heißen Nachmittagssonne auszusetzen, so bestellte ich mir wie die Andern meinen cafe nero, zündete mir ebenfalls wie die Andern meine Cigarre an und beschloß die Dinge so gut zu nehmen, wie möglich war. Dieser heroische Entschluß wurde sofort durch das Erscheinen meiner beiden Tischnachbarn belohnt, die sich im Speisesaal etwas verzögert hatten und nun, da alle Plätze ringsum schon besetzt waren, an dem kleinen Tische Platz nehmen mußten, an welchem ich selbst saß und an welchem allein noch Raum für zwei oder drei Personen zu finden war.

Die junge Dame hatte im Speisesaal dem Fenster den Rücken gekehrt, sodaß ich eigentlich erst jetzt ihrer lieblichen Erscheinung mich ganz erfreuen konnte, da das Licht des Tages ihre Gestalt leuchtend umfloß. Jetzt erst sah ich auch ganz, ein wie kecker Uebermuth in den grauen mandelförmigen Augen lag, über die sich die Brauen in weitem kräftigem Bogen hinzogen, und wie schalkhaft beim Lachen die Grübchen der von leichter Röthe angehauchten Wangen hervortraten. Die Nase war so fein und zierlich, wie man sie nur sehen konnte; eine lange dunkelblonde Locke, die indessen durchaus nichts Schmachtendes an sich hatte, fiel über die Schulter auf die Brust, und über der weißen Stirn nickten und schaukelten sich in langer Reihe allerliebste, zarte Löckchen, die ganz unzweifelhaft dazu bestimmt waren, mit der Welt zu coquettiren, und in denen mir eine große Gefährlichkeit für jeden unvorsichtigen Betrachter zu liegen schien.

Aber es war doch nicht Alles nur Lieblichkeit und Holdseligkeit an der schönen Magda. Das wäre auch langweilig gewesen.

Ihr Begleiter sprach mit großer Lebhaftigkeit von dem Pferderennen, das in den nächsten Tagen bei Quedlinburg stattfinden werde und bei dem sie die sämmtlichen Officiere der Quedlinburger Garnison zu Pferde sehen würden.

Magda lächelte. „Und Sie?“ fragte sie dann.

„Habe bereits meinen ‚Mackintosh‘ angemeldet – Sie kennen ihn – famoses Thier – schlägt Alle – auch die famose ‚Lydia‘, die neulich in Berlin und vorigen Herbst in Baden-Baden gesiegt hat. Sie wissen doch, wo damals die ‚Tante Lotte‘ des Lieutenant Kockewitz ausgebrochen. Großer Preis – zweitausend Thaler! ‚Lydia‘ war um zwei Längen Allen voraus. Baron Fürstenfeld’s ‚Demokrat‘ war ihr erst hart auf den Eisen, schon fast Gurt an Gurt mit ihr; ein verteufeltes Thier auch, der ‚Demokrat‘. Sie haben ihn, glaube ich, in Berlin schon gesehen. Aber ‚Lydia‘ schoß mit prächtigem Ansatz vor und zwar zuerst am Posten. Ist viel Geld dabei verloren worden. Hatten Alle auf ‚Demokrat‘ gewettet. Wollten durchaus Fürstenfeld Sieger sein lassen. Aber trotzdem, ‚Mackintosh‘ schlägt die ‚Lydia‘. Sie können auf ihn wetten, was Sie wollen, Famoses Thier ‚Mackintosh‘.“

„Und Sie wollen das schöne Thier wirklich mit rennen lassen?“

„Freilich,“ bestätigte der Gefragte lebhaft und strich sich den blonden Schnurrbart; „werde ihn selbst reiten.“

„Das werden Sie nicht,“ fiel die schöne Magda erregt ein. „Nein, Sie nicht – aber Sie sollen auch Ihr Pferd nicht laufen lassen.“

„He? Nicht? Warum nicht?“

„Weil es eine arge Thierquälerei ist, die ich auf den Tod hasse und die keinen Zweck hat. Sie selbst aber setzen wegen einer erbärmlichen Summe Geldes, die Sie gar nicht ansehen, Ihr Leben auf’s Spiel.“

Ihr Begleiter machte ein verdrießliches Gesicht. „Natürlich nicht wegen des Geldes“ – stieß er dann heraus – „aber für Ehre. Denken Sie, wenn ‚Mackintosh‘ ‚Lydia‘ schlägt! Gehört einem albernen Banquier von Berlin. Abgeschmackter Mensch, glaube, ist halb bankerott, lebt, wie ich denke, von Wettrennen. Aber ein verteufeltes Pferd! Wenn ‚Mackintosh‘ ihn schlägt, ist ganzes Regiment stolz auf ‚Mackintosh‘.“

„Ach was! Hier die Ehre des Regiments zu retten, ist wahrhaftig nicht Ihre Sache, lieber Freund, und denken Sie doch an den jungen Grafen Wallberg, den man mit zerschmettertem Schädel von der Rennbahn nach Hause brachte, weil sein Pferd ausbrach und seinen Reiter an eine Pappel warf, die an Wege stand!“

„Schauderöses Pech!“ gab der Andere gern zu. „Auf Ehre, schauderös. Aber hatte schon zu Wallberg gesagt, soll sich in Acht nehmen. Armer Junge, wollte nicht hören. War ein tückisches Thier. War bei seinem Begräbniß. Eine verfluchte Bestie, die ‚Miß Ella‘! Bedauerte seine arme Mutter. – Lahmte noch lange auf dem linken Hinterfuß – Sehnenverletzung – möchte wissen, wer sie gekauft hat. Aber ‚Mackintosh‘ ist zuverlässig – famoses Thier – reinstes Vollblut, klapperdürr, wie unser Rittmeister. Baron Lehndorf – Sie kennen ihn ja – reine Hopfenstange, aber zäh, ausdauernd, kommt ihm Keiner gleich.“

„Ei,“ lachte die schöne Magda, „dann lassen Sie doch Baron Lehndorf reiten!“

„Verteufelter Einfall! Auf Ehre! Aber geht nicht, würde Baron Lehndorf doch nicht machen können – ha ha! Sind ein reizendes Mädchen, haben immer so köstliche Einfälle. Baron Lehndorf beim Hürdenrennen! Wahrhaftig, werd’ es ihm morgen Abend im Casino erzählen, wird hellauf lachen und ist ein tüchtiger Camerad, der einen Spaß versteht. O, er giebt viele Stücke auf Sie, fragt mich oft nach Ihnen.“

„Das ist mir eine große Ehre; aber – Sie gehen nicht zum Rennen?“ fragte das Mädchen, das die heitere Stimmung ihres Begleiters rasch benützen zu wollen schien, in schmeichlerischem Tone.

„Wahrhaftig, kann nicht zurücktreten,“ versicherte der Andere wieder, indem er seine Hand auf die ihrige legte, „kann nicht abmelden, müßte Reugeld zahlen –“

„Ein paar Thaler! Was liegt daran?“

„Ja, und dann – ganzes Regiment ist voll Neugierde auf ‚Mackintosh‘ und wenn der Berliner –“

„Ach, der faule Börsenjobber!“ spöttelte Magda.

„Ja, ’s ist wahr – aber wenn ‚Mackintosh‘ ihn schlägt – und auf Ehre – er wird – er –“

„Er wird nicht,“ entschied jetzt das Mädchen und sah ihrem Begleiter voll in’s Gesicht. Sie blickte sehr ernsthaft und bestimmt darein; um ihren Mund lag ein fester und energischer Zug, der die kräftige Bildung des Kinns noch mehr hob und ihrem ganzen Antlitze, das bisher nur von Anmuth und Seligkeit gestrahlt hatte, einen neuen, geradezu überraschenden Ausdruck von festem Charakter und starkem Willen gab. Aber so, in dieser Haltung, schien sie mir noch schöner und verführerischer zu sein, als früher, und das leise nervöse Zittern der Nasenflügel, während sie jetzt sprach, deutete auf eine Leidenschaftlichkeit, die, wenn sie so ungeahnt und plötzlich aus einem Wesen hervorbricht, das wir bis jetzt nur für hold und lieblich gehalten haben, auf jeden Mann

[456] geradezu berauschend und hinreißend wirkt. „Ihr ‚Mackintosh‘ wird nicht mitlaufen,“ wiederholte das Mädchen nachdrucksvoll. „Und ich will es Ihnen jetzt sagen, warum. Die Sorge für Sie, lieber Freund, beunruhigt mich noch am wenigsten. Ja,“ lachte sie, „sehen Sie mich nur so verwundert an – aber ich kann es selbst nicht glauben, daß Ihnen ein Unfall zustoßen könnte. Niemand reitet so kühn, so verwegen, so sicher, wie Sie, und ich meine, mit Ihrer Kraft und Ihrer geschickten Hand müßten Sie für jeden Schritt und Sprung Ihres Thieres einstehen können.“

Der Andere lächelte vergnügt ob des gewordenen Lobes.

„Aber,“ fuhr sie erregter und mit heftigeren Worten fort, „Sie sollen sich nicht an dieser heillosen Thierquälerei betheiligen; Sie sollen Ihre armen Pferde nicht so mörderisch quälen; Sie sollten die edlen Geschöpfe mehr lieben und besser behandeln. Wem zu Liebe hetzen Sie denn Ihren ‚Mackintosh‘ durch die Bahn, daß das arme Thier im besten Falle halb zu Tode gejagt und in seinem Schweiß gebadet am Ziele anlangt? Dem Berliner bankerotten Kaufmann zu Liebe? Und was entschädigt Sie denn – ich meine moralisch –, wenn Ihr ‚Mackintosh‘, an dem, wie Sie sagen, Ihr ganzes Herz hängt, Ihrem Ehrgeiz zum Opfer fällt und zu Grunde geht? Vielleicht das Beifallsgebrülle der Bauern, die rings im Kreise stehen und Ihnen die Ehre anthun, auf Ihr schönes Pferd und auf Ihr geschicktes Reiten zu wetten? Ich denke – Sie haben Ihre Kühnheit und Ihren Muth im Jahre 1866 schon bei würdigeren Gelegenheiten gezeigt, die Ihnen besser und männlicher und adeliger standen, im Pulverrauch und im Feindesgewühl – bitte, verzichten Sie und – folgen Sie mir, wie Sie immer gethan!“

Ihr Begleiter war aufgesprungen und suchte sich offenbar dem drängenden Zureden des Mädchens zu entziehen. – Aber sie hatte ihn gar wohl in ihrer kleinen, niedlichen Hand.

„Und wann ist das Rennen?“ fragte sie, ihn jetzt schelmisch von der Seite ansehend und ihr Köpfchen halb erhebend, daß auch die Coquettirlocken schalkhaft nickten und grüßten.

„Nächsten Sonnabend.“

„Also schon in fünf Tagen? Das ist etwas bald. Aber, es sei! Wollen Sie mich Sonnabend Nachmittag wieder hier erwarten?“

„Magda!“ flehte ihr Begleiter noch einmal.

„Bitte,“ sagte das Mädchen, indem sie, sich jetzt gleichfalls vom Stuhle erhebend, die Falten ihres Kleides flüchtig glättend hinunterstrich und den braunledernen Handschuh über die Hand zog, „bitte, lassen Sie den Wagen vorfahren! Es ist schon recht spät geworden und ich versprach, bis zum Nachtbeginn wieder in Alexisbad zu sein. Bis der Kutscher angespannt hat, können wir noch ein Stückchen den Wald entlang gehen. Dann aber müssen wir uns trennen, und nächsten Sonnabend also werden wir uns hier wiedersehen. Nicht wahr, mein lieber Freund?“

Ohne noch bestimmt zu antworten, reichte der Gefragte der Dame galant den Arm und führte sie durch den Speisesaal in’s Freie. Sie waren ein schönes und stattliches Paar, das im Vorüberschreiten die Augen Aller auf sich zog, und ich war zugleich überzeugt, daß das Quedlinburger Derby-Rennen nächsten Sonnabend ohne Mackintosh vor sich gehen und daß die schöne Magda um dieselbe Zeit ganz gewiß nicht vergeblich hier in Suderode auf ihren Cavalier warten werde. – –

Mehrere Wochen nachher reiste ich von Thale ab. Ich war zuerst unschlüssig gewesen, wohin ich meine Schritte wenden solle. Die Morgenzeitungen, welche mir der Kellner neben mein Frühstück gelegt hatte, hatten meinen Zweifeln ein rasches Ende gemacht. Es war Anfang Juli 1870, und die berüchtigte Rede des Herzogs von Grammont im gesetzgebenden Körper zu Paris hatte Europa mit einem Male aus dem tiefen Friedensschlummer aufgeschreckt, dem alle Welt sich überlassen hatte. Die schwarzen Wolken des Krieges stiegen von allen Seiten wetterleuchtend auf. Noch war der Ausbruch des Unwetters, das mit rasender Geschwindigkeit heranzog, ungewiß; vielleicht gelang es noch, die drohende Gefahr zu beschwören, aber ein weiterer Aufenthalt in der Einsamkeit des Landes hatte doch wenig Verlockendes mehr; sein Reiz war dahin, und der Wunsch, sich stündlich über die aufregenden Begebenheiten des Tages unterrichten und die nahenden großen Ereignisse in Gemeinsamkeit mit Anderen verleben zu können, trieb Jeden mit beschleunigter Eile in die Stadt zurück.

Zwar diese panische Rückflucht aus den idyllischen Wohnstätten der Gebirge und Bäder sollte im Großen erst einige Tage später beginnen, aber doch war der Morgenzug, der mich in der Richtung nach Halle befördern sollte, schon mehr als gewöhnlich von heimkehrenden Passagieren gefüllt. Ich war froh, eine gute Ecke im Coupé mir erobert zu haben, und horchte auf die erhitzten und leidenschaftlichen Reden meiner Reisegefährten, die sich natürlich alle auf die Möglichkeit des Krieges und auf seine Eventualitäten bezogen.

In diesem Augenblicke traf vom Perron her eine wohlbekannte Stimme mein Ohr.

„Schaffnär – aufschließen – erster Classe – drei Plätze!“

Ich beugte mich rasch zum Fenster hinaus und erblickte den Begleiter der schönen Magda in Suderode, aber als Officier in der Interimsuniform, die seine schlanke, breitschulterige Gestalt prächtig hob, den Degen an der Seite, den Schnurrbart wie immer keck zugedreht und die blonden Haare über dem Ohr stramm gegen die gebräunte Wange hereingekämmt. Bei ihm befanden sich zwei ältere Damen und die schöne Magda. Die Abfahrt drängte, und die Zeit zum Abschiednehmen war spärlich zugemessen. Mein Officier war den beiden älteren Damen beim Einsteigen behülflich; er behandelte sie mit verehrungsvoller Höflichkeit und küßte ihnen die Hand. Als die schöne Magda einstieg, führte er nur höflich seine Rechte an die Mütze, sich kaum merklich verbeugend. Das Mädchen dankte ihm mit Kopfnicken, ohne ihn dabei anzusehen.

„Haben famoses Wetter heute – denke, wird noch heiß werden – adieu – glückliche Reise, meine Damen!

Der Zug brauste zum Bahnhof hinaus, und ich sah noch, wie der Officier einem zierlichen Gefährte zuschritt, das am Eingange der Station stand; zwei elegant gewachsene Pferde von hellgelber Farbe waren vor den Wagen gespannt, und auf dem hohen Bock saß ein backenbärtiger Livréekutscher, die zusammengedrehte Peitsche voll Selbstbewußtsein auf das rechte Bein gestützt.

Und jetzt, ja, jetzt wußte ich auch, bei welcher Gelegenheit ich den Officier schon einmal gesehen hatte. Die Erinnerung daran schoß mir wie ein Blitz durch den Kopf. Es war das ein Jahr vorher in Wittenberg geschehen, wo eine deutsche Industrie-Ausstellung stattfand, und ich hatte mich einem Extrazuge dorthin angeschlossen, der zum Behufe dieser Ausstellung von Dresden aus veranstaltet worden war. Die Ausstellung selbst interessirte mich blutwenig, aber ich benutzte die Gelegenheit gern, mir die Wiege der Reformation anzusehen und die ehrwürdige Stadt kennen zu lernen, in welcher der schlichte, bescheidene Augustinermönch zum Manne der Weltgeschichte, der einsame Theosoph zum gewaltigen Reformator der Christenheit erwachsen war.

Müde vom Herumwandern, kehrte ich damals Abends auf den Bahnhof zurück, der schon von vielen Hundert Menschen erfüllt war, die nun auf dem Perron, Bier trinkend oder Kuchen essend, an kleinen Tischen saßen und, wie ich, den Abgang des Extrazuges erwarteten.

Da drängten sich mitten durch die Menge Arm in Arm zwei junge Söhne des Mars. Sie trugen den Degen an der Seite, die bekannte Interimsuniform mit den langen Rockschößen und dem weiten Aermelaufschlage, das Beinkleid, das um das Knie noch ziemlich eng anschloß, nach unten so charakteristisch ausgeschweift, daß es kaum mehr den halben Fuß sichtbar werden ließ, und auf den keck zurückgeworfenen Köpfen saßen die rothgeränderten Schirmmützen mit so breiten Deckeln, daß ich mir den Schild des Achilles kaum von größerem Durchmesser denken kann. Ein Kneifer, den sie fest in’s linke Auge geklemmt hatten und dessen Schnur über die Schulter weg graziös im Winde flatterte, vollendete die militärische Ausrüstung der beiden Helden.

Es war leicht zu bemerken, daß sich bei ihrer Annäherung sofort des gesammten Publicums, das bisher so „scheene“ beisammen gesessen und sich seines Lebens und seines Apfelkuchens gefreut hatte, eine auffallende Unruhe bemächtigte. Aller Blicke wandten sich nach ihnen, und man deutete, man flüsterte. Ueber den Philister war plötzlich ein Unbehagen gekommen, weil er ganz offenbar in den Neuangekommenen ein Element erblickte, das ihm wenig vertrauenerweckend erschien, und weil er sich von ihnen ganz gewiß keine Förderung der allgemeinen Fröhlichkeit versprach. Denn, um es gleich zu sagen: der eine dieser beiden Kriegshelden war allerdings nüchtern, der andere aber war es nicht oder doch [457] wenigstens nicht ganz, und das konnte kein Behagen wecken, zumal wenn man an die kitzlige Spitze der Degen dachte, die so schmal und lang von den wunderbaren Taillen der Officiere niederhingen, und wenn man den grenzenlosen, blaublütigen Hochmuth sah, mit welchem sie durch ihr blitzendes Augenglas auf das Bürgerpack herabsahen, das hier Bier trank und Kuchen aß.

„Heeren Sie, ich will Sie emol was sagen,“ flüsterte der Dosendreher K. von der Schloßgasse in Dresden, der vom vielen Dosendrehen schon ein wenig buckelig geworden war, seinem Nachbar zu und hielt seine beiden mageren Hände vor den Mund wie ein Schallrohr, „heeren Sie, die Beden gefallen mer aber gar nicht.“

„Mir och nicht,“ flüsterte der Andere ebenso scheu, und dann duckten sie sich alle Zwei und machten sich so klein wie möglich.

(Schluß folgt.)




Wildschützen- und Jägerleben im Hochgebirge.


Längst schon hat die Poesie das charakteristische Treiben des „Wildschützen“ in ihren Bereich gezogen, und eine tausendfältige Colorirung dieser eigenartigen Erscheinung inmitten unseres Culturlebens vermochte derselben den Stempel der Romantik aufzudrücken, sodaß Mancher eine geheime Bewunderung des kühnen Jägers, der zur Erreichung seiner ritterlichen Ziele sich nicht scheut, dem Gesetze den Fehdehandschuh hinzuwerfen, nicht unterdrücken kann. Er sieht den unerschrockenen treffsichern Waidmann, von der unbändigen, dem wildesten Freiheitsgefühle entspringenden Jagdlust getrieben, in Wäldern und auf Bergen der Spur des Wildes folgen, obschon ihn die härtesten Strafen bedrohen; er sieht ihn mit der Beute auf dem Rücken, alle Netze der Verfolger umgehend oder durchbrechend, triumphirend in seine Hütte zurückkehren und malt sich mit einer gewissen Theilnahme das Behagen aus, welches der glückliche Freischütz empfindet, wenn er nach dem gefährlichen Gange vielleicht mit den Seinen die köstlichen Bissen verzehrt. Ein Bischen Conflict mit den Gesetzen wird dem naturwüchsigen Abenteurer nicht hoch angerechnet, da ja die romantischen Eigenschaften den die Gesellschaft kaum berührenden Fehler um ein Bedeutendes überragen. So hat die Anschauung des Volkes den Wildschützen nach und nach eine Rolle zugestanden, zu welcher scheinbar außerordentliche physische und moralische Vorbedingungen nöthig sind, die aber, vom nüchternen Standpunkte aus betrachtet, auch von den zweideutigsten Individuen mit dem größten Erfolg durchgeführt wird.

Im oberbairischen Gebirge wimmelt es jetzt noch immer von Leuten solchen Schlages, und doch sind die Zeiten längst vorüber, in denen der Stutzen als charakteristisches Merkmal eines echten Gebirgssohnes gelten konnte. Der Oberländer hält zwar viel auf Schießübungen im ausgedehntesten Maße, die zu den hauptsächlichsten Volksbelustigungen zählen, allein die praktische Anwendung der in dieser Richtung erworbenen Fertigkeit verlegt er mehr auf die Schieß- als auf die Wildstände, und in den meisten Fällen sind es nur durchweg unlautere Motive, welche denselben zum Wildern treiben.

Seitdem die sommerlichen Wanderungen der Städter das Gebirge als allgemeines Ziel erkoren haben, ist die Nachfrage nach Wildpret eine ungeheure geworden, und mancher in Verlegenheit befindliche Wirth sieht bei Deckung seines Bedarfes von der verfänglichen Frage über den redlichen Erwerb des Kaufobjectes ab. Dadurch ist vielen arbeitsscheuen Burschen ein Weg geöffnet, auf bequemere Weise als im Dienste der Landwirthschaft sich die Mittel zur Befriedigung der gesteigerten Lebsucht zu erwerben, und in Folge dessen haben wir es zum größten Theile weniger mit Wildschützen als mit Wilddieben zu thun, die ihr Handwerk oft compagnieweise und selten mit der Rücksicht betreiben, welche der Wildschütze nie außer Acht läßt. Solche Raubvögel kennen keine Schonzeit und nehmen Alles mit, was da kreucht und fleugt.

Die vermeintliche Kühnheit wird meistentheils zur wohlüberlegten Schlauheit und in vielen Fällen sogar zur ausgesprochenen Feigheit, indem sich die Wilderer zu Banden vereinigen, um die Aufsicht des Forstpersonals zum mindesten leiblich ungefährlich zu machen. In vereinzelten Exemplaren kommt allerdings auch der Wildschütze noch vor, den die reine Leidenschaft auf die Spur der jagdbaren Thiere treibt, allein ein solcher Freibeuter betreibt sein Geschäft immer auf eigene Rechnung und sieht mit Verachtung auf den Wilddieb herab, er ist aber trotzdem ein ebenso gefährlicher, wenn nicht bedenklicherer Feind des Forstmanns, da ihn die Leidenschaft zu einem entschlosseneren Widerstand treibt und deshalb auch zum Aeußersten fähig macht.

Daß das Forstpersonal in Anbetracht solcher Verhältnisse keinen leichten Standpunkt einnimmt, ist klar, und dabei kommt noch die Denkungsart des Volkes in Betracht, welches den Jagdfrevel kaum, das Gesetz dagegen viel eher als etwas Unrechtes betrachtet und deshalb dem Verfolger eines „Wilpertschützen“ keine Unterstützung gewährt. Der Forstmann ist auf sich selbst angewiesen, und unter Umständen reichen nicht einmal der ausgesprochenste Muth und der unermüdlichste Eifer aus, einen Achtungserfolg in der Berufsthätigkeit zu erringen, wenn der Jäger den Wilderer nicht an Kühnheit und Verwegenheit überbietet. Dadurch allein vermag er sich einen gewissen Respect zu erringen, der ihm sein mühevolles Dasein erleichtert und in manchen Fällen sogar sein Leben retten kann.

Es liegt daher im Interesse des Jägers, sich mit den verrufensten Wildschützen nach allen Richtungen hin zu messen und ihnen seine geistige und physische Ueberlegenheit zu zeigen. Wem dies nicht gelingt, der mag seinem Wirkungskreis in den Bergen Valet sagen; denn seine Stellung wird ihm von Tag zu Tag unerträglicher gemacht werden.

Die Möglichkeit solcher Zustände ist in der besonderen Beschaffenheit des Jagdbezirkes begründet. Wer Gelegenheit hatte, in den Bergen einen sogenannten Jägersteig zu begehen, wird sich eine kleine Vorstellung von den mühsamen Wanderungen des Forstmannes machen können; erwägt man aber weiter, wie viele kaum jemals begangene Passagen der gefährlichsten Art in einem solchen Reviere liegen, die nöthigenfalls doch aufgesucht werden müssen, so mag das Beschwerliche damit illustrirt sein; bedenkt man endlich, daß ein in irgend einer Schlucht liegender Körper Monate, vielleicht Jahre lang unentdeckt bleiben kann, weil keines Menschen Fuß sich dahin verirrt, so lassen sich ohne Mühe nach allen Richtungen hin Schlüsse auf das Gefährliche des Forstschutzdienstes ziehen.

Der Landbewohner, oder richtiger der Bergbewohner, ist mit allen diesen Terrainverhältnissen vertraut, ehe er ihren Schwierigkeiten in Ausübung eines Berufes entgegenzutreten hat; wo soll sich der Bauernjunge in seinen vielen freien Stunden herumtummeln, als in Schluchten und Höhlen, auf Felsen und Hängen? Solche Beschäftigungen aber stählen den Körper und präpariren die Muskeln, so daß die oft wunderbare Ausdauer und Leistungsfähigkeit als nothwendiges Resultat der Gewöhnung erscheinen muß.

Eine eigenartige Beschäftigung trägt ihrerseits gewiß viel dazu bei, den Sinn des in wilder Einsamkeit weilenden Jungen schon frühe auf das gefährliche Gebiet zu lenken, welches später einen so unendlichen Reiz hat. Im Knabenalter schon muß er den Kampf mit Widerwärtigkeiten bestehen, die dem verwöhnten Menschen mit der Zeit unleidlich würden. Man denke an das Leben eines „Gaisbuben“! Was man der abgehärteten Ziege zumuthet, wird auch von ihm verlangt. Hitze, Kälte, Sturm, Regenfluthen müssen ihn gleich unempfindlich finden; ein Stück Brod und höchstens ein wenig Käse, der aber der entfernteste Verwandte des fromage de Brie ist, bilden Tag für Tag die frugale Mahlzeit; es giebt keinen zugänglichen Punkt in seinem Reiche, den er nicht erklimmen oder besuchen muß, und zu solchen Touren ist kein anderes Hülfsmittel an die Hand gegeben, als ein paar Holzsandalen und etwa ein Stock. Daß unter solchen Umständen der Körper abgehärtet wird, ist selbstverständlich, allein das Sich-selbst-überlassen-sein führt noch zur Entwickelung ganz anderer Fähigkeiten aus dem natürlichsten Wege. Die nothwendigen Nachforschungen nach einer verirrten Ziege schärfen die Beobachtungsgabe und das Spürtalent, welche beim Jäger in den [458] Bergen eine so wichtige Rolle spielen, ungemein. Schon der Knabe lernt die Wildfährten kennen, und auf seinen einsamen Wanderungen entdeckt er die Schlupfwinkel und Aufenthaltsorte jagdbarer Thiere und vermag die Wildwechsel bald so genau zu bezeichnen, wie der Jäger.

Die Natur selbst verfehlt ihre mächtige Einwirkung auf das Gemüth nicht. Der Bergbewohner ist durchaus nicht abgestumpft gegen ihre bezaubernde Schönheit und kennt die geheimsten Reize derselben. Wie wäre ohne dieses tiefe Empfinden die eigenthümliche lyrische Beimischung, die in den „Schnadahüpfln“ zu finden ist, möglich? Was sind die Modulationen des Jodlers anderes, als das Ueberströmen der Gefühlsansammlung, die ihren Ursprung nur in jenen Natureinwirkungen haben kann, welche nach unsern Begriffen lediglich den ästhetisch gebildeten Menschen berühren. Die Hochjagdschilderungen Kobell’s treffen hier das Richtige: es ist nicht die Beutegier allein, welche den Jäger hinaustreibt – der unsagbare Zauber des ganzen Beginnens fesselt und befriedigt. Wenn man einen „Wilpertschützen“ – nicht Wilddieb – fragen wollte, warum er auf die Hahnfalz gehe etc., so würde man sicher zum Oefteren die Antwort bekommen: „Weil’s halt in da Früha so viel schön is.“ Rechnet man zu all’ dem noch den Nimbus, mit welchem die Volkspoesie den Wildschützen umgiebt, so wird man nach der Anregung zum gefährlichen Handwerk nicht lange suchen müssen. Wer hat nicht schon das von den jungen Burschen mit besonderer Vorliebe gesungene Trutzliedl gehört:

„I bin da boarisch Hiasl;
Koa Jaga hot die Schneid,
Daß ea miar von mei’m Hüatl
Die Feda’n obikei(l)t.“

Diese Strophe allein charakterisirt das Verhältniß des Wildschützen zum Forstmann. Er soll als verwegener Bursche bekannt und gefürchtet sein, sein Handwerk nicht zu verhehlen brauchen und doch nicht erwischt werden. Das ist der Wildschütz des Volkes in seiner ursprünglichen Bedeutung, vielleicht auch der Verfechter eines eingebildeten Rechtes, der Tradition einer frühern Zeit. Von dieser zwar nicht entschuldbaren, aber eher verzeihlichen Sympathie profitiren jedoch auch alle jene Individuen, die mit solchen eben angedeuteten Originalen nicht in Vergleich gebracht werden können. Es existirt kaum ein Dorf im oberbaierischen Hochlande, in dem nicht von einer berühmten Persönlichkeit erzählt werden könnte, die in vorerwähnter Weise irgend ein verwegenes „Stückl“ ausgeführt hat, das zu Nutzen und Frommen der Nachwelt weiter vererbt wird. Wollte man die Schliche und Ränke alle erzählen, die gebraucht wurden, um den Wächtern des Gesetzes zu entgehen, dann müßte man Bände schreiben, und ebenso interessant wie originell würde eine Sammlung aller von Wilderern benützten Schußwaffen sein. Abschraubstutzen, zerlegbare Flinten, Flintenläufe mit Rinde überzogen, um als Bergstock zu passiren, Musketen, sogar Pistolen in wunderlichster Verfassung erwecken das Staunen der Unkundigen, und die Thatsache, daß man mit solchen Instrumenten eine Gemse zu erlegen vermag, bleibt dem Laien ein Räthsel. Und doch haben diese Waffen nicht allein dem Jäger gedient, sondern auch größtentheils in erbittertem Kampfe zwischen Menschen eine furchtbare Rolle gespielt. Die dunkelste Seite des Wildschützentreibens sind die fortgesetzten wüthenden Zweikämpfe zwischen Wilderern und Jägern; ein Cooper hätte sich aus den Bergen unstreitig noch manches Material für seine Schilderungen holen können. Es vergeht in neuester Zeit, die Vieles auch in diesen Zuständen zum Bessern gewandt hat, kein Jahr, in welchem nicht die bedauerlichsten Auftritte die unselige Verirrung blutig illustrirten. Viel schlimmer war es aber vor Jahrzehnten, und Fälle, wie sie sich jetzt nur sporadisch ereignen, waren damals an der Tagesordnung. Mancher alte Förster weiß die haarsträubendsten Geschichten aus seiner Dienstzeit zu erzählen und hat nicht nöthig Latein anzuwenden, um das Interesse des Zuhörers zu erregen.

So lebte vor Jahren in T. ein ehemaliger Forstgehülfe, der seiner Zeit der Verwegensten einer war, und welchen dieser Charakterzug sogar um den Dienst gebracht hat. Letzteres war allerdings sein eigenes Verschulden, und da der kühne Waidmann nicht mehr unter den Lebenden weilt, so ist es keine Indiskretion, wenn einige Episoden aus seinem Leben hier eine Stelle finden. Sie vermögen die vorher versuchte Schilderung vielleicht am besten zu ergänzen.

Einer der hervorragendsten Jagdbezirke unter der Regierung König Ludwig’s des Ersten war der Bezirk Berchtesgaden. Es wurde dort ein bedeutender Wildstand gehegt, sodaß die Vermehrung des Hochwildes, trotz der bezahlten Wildschäden, den Bauern sehr lästig wurde. Ein Pürschgang war damals seines Erfolges sicher und einiger Verdienst immerhin damit verbunden. Dem gegenüber stand aber ein auserlesenes Forstpersonal, und ein Stümper durfte kaum wagen, den gefährlichen Weg zu betreten. Trotzdem galt ein selbsterrungener „Gamsbart“ am Hute als ein Schmuck, nach dem jeder junge Bursche sehnsüchtig blickte. Des reinen Erwerbes halber wurde das Wildern hauptsächlich von Tiroler Wildschützen betrieben, die über die Grenze schlichen, einen feisten Hirsch holten und dann wieder verdufteten. Auf diese hatten es die königlichen Jäger besonders abgesehen, weil ein Rencontre mit „Tirolern“ fast immer einen Kampf auf Leben und Tod zur Folge hatte und in den für die Jagdaufseher ungünstigen Fällen die fremden Wilderer sich die grausamsten Repressalien gegen die Wächter des Gesetzes zu Schulden kommen ließen. Aufhängen zwischen zwei zusammengebogenen Tannen, Anbinden an einen der Sonnengluth ausgesetzten oder über einen Abgrund stehenden Baum, Ausdrücken der Augäpfel aus den Höhlen und andere raffinirte Verstümmelungen waren die Liebenswürdigkeiten, mit denen diese Leute ihre Opfer bedachten. Daß die Aufzählung solcher Torturen nicht auf Uebertreibung oder Erfindung beruht, vermögen manche jetzt noch lebende Forstveteranen zu bestätigen. Den Forstleuten blieb im günstigen Falle nichts übrig, als die attrapirten Bursche dem Gerichte zur Bestrafung vorzuführen. Manchmal sprachen allerdings die Kugeln ihr Wörtchen darein, und in diesem Falle wurde hüben wie drüben keinerlei Rücksicht geübt.

So standen die Verhältnisse, als der junge Hannickl als Forstgehülfe in das verschrieene Revier versetzt wurde. Ausgestattet mit allen wünschenswerthen Körpervorzügen, ein ausgezeichneter Jäger, ein tollkühner Bursche und von Uebermuth strotzend, machte er bald von sich reden; eine der ersten Fahrten auf dem Königssee mußte dazu dienen, ihn bei seinen Collegen vollgültig zu accreditiren.

Jeder Besucher des Königssees, der vom Landungsplatze aus nach St. Bartholomä fährt, kommt an der rechtseitig liegenden Falkenwand vorüber, die fast senkrecht in den tiefen See abfällt. Bis zu einer bedeutenden Höhe hinauf ist dieselbe nicht einmal mit Gras, geschweige denn mit Bäumen bewachsen; nur hier und da drängt sich ein Strauch aus den Felsspalten hervor. In ziemlich bedeutender Höhe über dem Wasserspiegel gewahrt man eine Art Nische in der Felswand, und in diese hat der fromme Sinn eines Bergbewohners schon vor langer Zeit ein Muttergottesbild, in Gestalt einer bemalten Statuette, hineingesetzt. Die Verbringung derselben an diesen Ort geschah, wie man erzählt, von oben herab, und war die Arbeit insofern nicht besonders halsbrecherisch, als mehrere Männer sich gegenseitig dabei unterstützten.

Es war an einem schönen Sommertage, als einige königliche Jäger, unter ihnen Hannickl, ein Schifflein bestiegen, um sich nach Bartholomä bringen zu lassen. Der junge Neuling konnte sich an der prachtvollen Scenerie nicht satt sehen und vermochte sein Entzücken kaum zu zügeln. Dies zog ihm einige spöttische Bemerkungen zu, und endlich fing man an, ihn zu hänseln. Das behagte dem jungen Brausekopf nun allerdings nicht, und in seinem Innern kochte und brodelte das heiße Blut. Einer der Jäger äußerte im Verlaufe dieser Unterhaltung, der junge Hannickl werde wohl hart thun, bis er sich an das Bergsteigen gewöhnt habe und schwindelfrei geworden sein würde. Dieser Angriff auf die Leistungsfähigkeit brachte die Bombe zum Platzen. Eben bog man um die Ecke und näherte sich der Wand, auf welcher die Heilige thronte.

„Wenn Ihr so fürnehme Bergsteiger seid, so zeigt es,“ rief der junge Jäger; „wer getraut sich, ohne etwas zurückzulassen, der lieben Frau einen Edelweißbuschen aufzustecken?“

Ein verächtliches Gelächter war die Antwort, und man erwiderte ihm, daß seine Unkenntniß ihn übersehen lasse, daß ein solcher Aufstieg zu den Unmöglichkeiten gehöre. Das hatte Hannickl zu hören gewünscht.

[459]
Die Gartenlaube (1877) b 459.jpg

Endlich erwischt.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von Professor K. Dielitz in Berlin.

[460] „Zur Wand!“ herrschte er den Schiffsleuten zu; „ich will Euch zeigen, was möglich und nicht möglich ist.“ Vergebens suchte man den Tollkühnen von seinem Vorhaben abzubringen; er wußte es schließlich zu erzwingen, daß man an der Wand beilegte; der verwegene Bursche schwang sich, mit der Büchse auf der Schulter, aus dem Kahne und trat den Weg an, den vor und nach ihm Niemand gemacht hat. Mit jeder Minute zeigten sich neue Schwierigkeiten; zollbreite Vorsprünge mußten willkommene Anhaltspunkte bieten; der Kletterer mußte sich über vorhängende Blöcke hinweghelfen; Finger, Kniee und Fußspitzen mußten helfen, und endlich war er glücklich oben angelangt. Ein heller Juhschrei bedeutete das Gelingen des Wagnisses, und dann beugte der Uebermüthige das Knie zu einem andächtigen Ave, denn der ungleich gefährlichere und schwierigere Theil des Unternehmens war noch zu vollbringen: der Abstieg. Alle die Stellen, welche vorher das Auge mühsam gefunden hatte, mußte nun der tastende Fuß suchen und erreichen – ein Fehltritt hätte den sichern Tod gebracht. Mit Grausen sahen die Cameraden des Verwegenen dem langsamen Vorrücken zu, das eine Muskelkraft, eine Geschmeidigkeit und Kaltblütigkeit erforderte, wie sie selbst unter diesen Leuten höchst selten ist. Endlich war’s gelungen; der Erschöpfte sprang in den Kahn und empfing die stürmischen Lobeserhebungen und Umarmungen von neugewonnenen Freunden, welche nie mehr ein spöttisches Wort über ihn hören ließen und ihn respectvollst behandelten. In St. Bartholomä floß natürlich der Wein in Strömen, und es gab ein Fest, wie selten eins im stillen Kloster gefeiert worden war.

Die Kunde von dem Abenteuer des jungen Forstgehülfen drang zu den Ohren des Königs; derselbe ließ sich den Gesellen vorstellen und machte ihm ein königliches Geschenk; zudem gewann der junge Forstmann so sehr die Gunst des Monarchen, daß er ihn häufig ganz allein auf Jagdgängen und sonstigen Streifereien in den Bergen begleiten mußte. Das Ereigniß selbst prägte sich jedoch dem Helden desselben unauslöschlich ein, und jedes Mal, wenn er nach langen Jahren, längst der Thätigkeit als Jäger entrissen, im Kreise von Bekannten diesen Vorgang schilderte, übermannte den alten Mann die Erinnerung an die aufregende Stunde so, daß seine Augen sich mit Thränen füllten. Daß ein solcher Mensch bald ein Schrecken der Wilderer werden mußte, ist natürlich; war es ja doch der höchste Ruhm, als der gefürchtetste Jäger im Reviere zu gelten. Ein gefährlicher Ruhm, denn jede Wildschützenkugel war in erster Linie für ihn gegossen und er konnte unter keinen Umständen auf Schonung rechnen. Das kümmerte Hannickl jedoch nicht viel; es verging kaum eine Woche, in der er nicht ein Abenteuer bestanden hätte.

So ging er einstens ohne Büchse, nur mit einem derben Stocke versehen, in der Abenddämmerung von Königssee nach Berchtesgaden zurück. Unterwegs fing der ihn begleitende Dachshund plötzlich zu knurren an; der etwas angeheiterte Jäger folgte den Blicken des Hundes und gewahrte oben an einem Hange in einer Lichtung zwei Gestalten, mit Flinten versehen, auf dem Anstande sitzend.

Der Forstgehülfe besinnt sich nicht lange; behutsam schleicht er sich von der Seite gegen den Standpunkt der Wilderer hinauf, springt hinter einen Baum, hält den Stock an die Backe und donnert den überraschten Wilderern ein lautes „Gewehr ab, oder es blitzt!“ entgegen. Die Burschen sehen den Jäger im Anschlage, wissen, daß derselbe schon oft furchtbaren Ernst gemacht hat, legen schleunigst die Gewehre ab und suchen ihr Heil in der Flucht. Der Jäger versichert sich sofort der Schußwaffen und setzt dann den Fliehenden nach, von denen er einen erwischt und sammt den beiden Abschraubstutzen beim Landgerichte einliefert.

Ein anderes Mal brach er, in einer Almhütte von Wilderern eingeschlossen, durch das Dach und stand plötzlich vor zwei mit Beute beladenen, ahnungslosen Jagdfrevlern, die nicht Zeit fanden, ihre Gewehre zu gebrauchen. Mit gespannter Büchse trieb er sie drei Stunden vor sich her und zwang sie, selbst den gefürchteten Weg zum Landgerichte einzuschlagen. Die Leute wußten ganz genau, daß die Drohung, Hannickl werde beim ersten Fluchtversuche den Ausreißer niederschießen, eine ausgesprochene Lebensgefahr bedeute.

In einer sogenannten Brennerhütte gerieth der Gleiche einmal mit einigen höchst zweideutigen Burschen zusammen. Dieselben waren unbewaffnet und schienen friedliche Holzarbeiter zu sein. Der reichlich genossene Enzianschnaps that jedoch das Seinige, und binnen kurzer Zeit war der Jäger in den heftigsten Disput mit den Burschen gerathen. Ein Wort gab das andere; schließlich kam es seitens der Uebermacht zu Drohungen. Hierdurch auf’s Höchste gereizt, rief der Jäger den Burschen zu, sie könnten ihm nichts anhaben, er wolle es auf die härteste Probe ankommen lassen. Er übergab dem Brenner Büchse und Knicker, ließ sich die beiden Daumen zusammenbinden und stellte sich dann in die Mitte des kleinen Gemachs, die verblüfften Gäste zum Angriff herausfordernd. Dieser ließ nicht lange auf sich warten, allein der kräftige, gewandte Jägersmann gebrauchte Füße, Ellenbogen und Kniee mit solchem Nachdrucke, daß ihm nach kurzer Zeit der Sieg vollständig zugesprochen werden mußte. Allerdings kostete es dem Veranlasser dieser Kraftübung ein hübsches Stück Geld, denn der Brenner wollte für ein paar zertrümmerte Tische, Bänke und Fenster eben auch entschädigt sein.

An einem unglücklichen Tage gelang es seinen Feinden ihn zu überwältigen und sich seiner zu bemächtigen; man schleppte ihn weit vom Wege ab durch Dick und Dünn auf einen freien Platz, wo förmlich Gericht über ihn gehalten wurde. Alle möglichen Vorschläge wurden gemacht, dem Gehaßten die Rache des Wildschützen recht fühlbar zu machen; nichts schien für den Berchtesgadner Teufel schlimm genug; endlich wurde ein wahrhaft höllischer Vorschlag acceptirt. Der gebundene Jäger wurde zu einem großen Ameisenhaufen geschleppt; seine Hände band man rechts und links an Baumstämmchen an und grub nun seinen Kopf in den Ameisenhügel ein. Nachdem die Unmenschen noch mit Prügeln an dem Wehrlosen ihr Müthchen gekühlt hatten, gingen sie ihres Weges, in der sicheren Voraussetzung, den Gehaßten einem qualvollen Tod überlassen zu haben. Der Gemarterte machte alle Anstrengung, sich zu befreien, schon waren die lästigen Thiere in Nase und Ohren eingedrungen und peinigten den Armen auf die entsetzlichste Weise. Halb wahnsinnig vor Wuth und Schmerz gelang es ihm endlich die Bande abzustreifen, obschon Haut und Fleisch dadurch bis auf die Knochen zerfetzt wurde. Einige Wochen lang mußte der Unverwüstliche das Zimmer hüten, dann aber ging’s wieder auf die Fährte. Es dauerte nicht lange – da fand man eines Tages einen Wilderer mit einem Schusse durch den Kopf. Niemand vom Jagdpersonal wollte etwas von einer Begegnung mit dem Erschossenen, der einer der berüchtigtsten Wildschützen der Grenze war, wissen. Die Besuche von dieser Seite her wurden jedoch seltener.

Bei allem dem fehlte es ihm nicht an jener Gutmüthigkeit und Herzensgüte, die allen Naturmenschen eigen ist. So gelang es ihm einmal nach vielen fruchtlosen, sauren Gängen eines Wilderers habhaft zu werden, und ohne Verzug ward der Gang zum Markte Berchtesgaden angetreten. Der Ertappte war ein dem Jäger wohlbekannter Bauerssohn aus der Gegend, und es ging dem Forstgehülfen fast etwas nahe, denselben in’s Gefängniß liefern zu müssen. Nicht weit vom Bestimmungsorte hörte er hinter sich rufen, und ein Mädchen eilte herbei, welches händeringend um Freigabe des Gefangenen flehte. Als sie unter Jammern und Weinen erzählte, daß Letzterer in acht Tagen mit ihr hätte Hochzeit machen sollen und nun ihr ganzes Lebensglück vernichtet sei, wurde Hannickl weich und gab nach unter dem Vorbehalt, daß er an höherer Stelle diesen Vorfall berichten werde, um im gegebenen Falle keiner Pflichtverletzung geziehen zu werden; wenn’s unglücklich für die Liebenden ausfalle, wüßte er den „Wastl“ immer wieder zu finden. Andern Tages begab er sich schnurstracks – zum König, bei welchem er sich Gehör zu verschaffen wußte. Ludwig der Erste war edel genug, dem Forstgehülfen volle Absolution zu ertheilen, denn die königliche Gnade hatte oft genug mitsprechen müssen, wenn einer der tollen Streiche, die Hannickl nicht selten vollführte, seiner verhängnißvollen Wirkungen entkleidet werden mußte.

Der Krug geht jedoch so lange zum Brunnen bis er bricht. Dieses Sprüchwort sollte sich auch an dem Berchtesgadner Forstgehülfen bewähren. Er kam eines Tages in ziemlich angeheitertem Zustande in ein Wirthshaus des Marktes und wurde von den Anwesenden wegen seiner zweifelhaften Nüchternheit aufgezogen. Gereizt, behauptete er völlig nüchtern zu sein und erbot sich zum Beweise dafür, einen Meisterschuß zu thun. Er riß die Büchse von der Schulter, legte an und schoß durch das Fenster und dem eben vorübergehenden – Ortsgeistlichen den Hut vom Kopfe. Es versteht sich von selbst, daß ihm der Proceß gemacht wurde, [461] der mit einer Freiheitsstrafe und der Cassation endete. Dennoch setzte ihm der gute König später einen Gnadengehalt aus, welchen Hannickl bis zum Tode bezog. Der ehemalige Forstmann lebte bis in die sechsziger Jahre in der Stadt Traunstein, wo er als wackerer Zecher und braver Mann bekannt und wohlgelitten war.

Die Verhältnisse haben sich nach vielen Richtungen hin zwar vollständig geändert, aber in der Hauptsache, der Thatsache des Wilderns und des strengen Forstschutzdienstes, ist keine große Besserung eingetreten. Jagdfrevler streifen oft bandenweise herum, und in solchen Fällen ist das Einschreiten eines einzelnen Forstbeamten ganz undenkbar. Einzelne Wilderer gehen mit außerordentlicher Schlauheit zu Werke. Hoch oben in den Bergen haben sie ihren Schlupfwinkel, in welchem Gewehre, Schießbedarf und Toiletteartikel verborgen sind. Letztere spielen eine große Rolle, denn wenige auf eigene Faust jagende Freibeuter unterlassen es, sich vor Ausübung ihres Gewerbes so unkenntlich wie möglich zu machen. Entweder ist’s eine schwarze Larve, die vor’s Gesicht gebunden wird, oder der Wilderer bestreicht sein Gesicht mit Kienruß und Kreide, um die Gefahr des Erkanntwerdens möglichst zu beseitigen. Mancher harte Strauß wird noch an einsamen Stellen ausgefochten, und oft endet ein pflichttreuer Forstmann durch die Kugel eines unbekannt bleibenden Mörders.

Hoffentlich wird die Zeit bald kommen, in der die Begriffe von Recht und Unrecht auch auf die jagd- und beutelustigen Abenteurer in den Bergen so mächtig einwirken, daß der tiefgewurzelte Unfug des Wilderns nach und nach aufhört.

Die leidenschaftlichen Wildschützen – ausgenommen die Wilddiebe – sind nebenbei meist tüchtige Hausväter und sogar ganz gewissenhafte Leute, denen es sicher nie einfallen würde, das Eigenthum eines Andern zu berühren oder einem Dritten zu nahe zu treten. Wer nicht den goldgestickten Kragen des Forstmanns oder des Gensd’armen trägt, ist beim Wilderer so sicher wie zu Hause. Die unselige Verblendung, welche einen Jagdgang als ein dem freien Manne gebührendes Recht betrachtet, sieht eben in dieser Art der Gesetzesübertretung kein Unrecht, und eine Freiheitsstrafe wegen einer solchen wirft keinen Schandfleck auf den Entlassenen, so unbarmherzig die Volkssitte auch sonst mit einem gebrandmarkten Zuchthäusler verfährt.[1]

B. Rauchenegger.




Streifzüge bei den Kriegführenden.
5. Ein Sonntag in Kalafat.
Von Bukarest bis Krajova. – Fürst Milan und sein Minister. – Von Krajova nach Kalafat. – Ankunft im Lager. – Ein raisonnirender Corporal. – Der General-Gewaltige. – Die Dorobanzen. – Das verlassene Kalafat. – Rumänische Officier-Typen. – Widdin durchs Fernrohr. – Mein Nachtlager. – Beim „Père Auguste“.


Da es unten bei Giurgewo noch immer nicht losgehen wollte, entschloß ich mich, um nicht in der Freudenstadt Bukarest zu erschlaffen, wie Hannibal in Capua, einen Abstecher zu den Rumänen zu machen, die, ungeduldig sich in die Kampfeswogen zu stürzen, einstweilen an der Donau die Faust im Sacke ballen mußten. Mit der größten Bereitwilligkeit stellte mir der Kriegsminister einen mit allen möglichen Stempeln und Siegeln versehenen Passirschein aus, kraft dessen die Miltärbehörden des Fürstenthums aufgefordert wurden, mir in Erfüllung meiner Mission allen möglichen Beistand angedeihen zu lassen. Außerdem hatte ich Privat-Empfehlungsbriefe für den Leiter des Artilleriewesens in Kalafat, Major Popesco, und schließlich für den General en chef Lupo. Der Brief an den letzteren rührte vom Oberstlieutenant Pelat her, heute Post- und Telegraphendirector, gewiß eine der merkwürdigsten und angenehmsten Erscheinungen des officiellen Bukarest. Herr Pelat ist ein glühender Anhänger Frankreichs, wo er seine Erziehung genossen hat. Als im Jahre 1870 der Krieg losbrach, machte er der republikanischen Regierung in Tours das abenteuerliche Anerbieten, mit seinen Freunden in Rumänien Serbien etc. den Orient zu revolutioniren, um auf diese Weise eine Schwenkung zu Gunsten Frankreichs zu schaffen, aber in Tours wollte man im Augenblick, wo Thiers bereits auf der Werbereise um Allianzen begriffen war, von einer solchen Umsturzpolitik nichts wissen und Herr Pelat mußte mit einer Stelle in der französischen Armee vorlieb nehmen. Er schlug sich mit Tapferkeit und brachte es zum Obristlieutenant und Ritter der Ehrenlegion. Das Ende seiner Kriegsfahrt war der Uebertritt auf schweizerisches Gebiet nach den unendlichen Anstrengungen und Drangsalen der Bourbaki’schen Campagne. Nun besaß damals Obrist Pelat einen prachtvollen Araberhengst, der sich merkwürdiger Weise inmitten der grimmigen Kälte und den Entbehrungen, welche den Thieren wie den Menschen auferlegt worden, erhalten. Sein Herr hatte deshalb das Thier um so lieber gewonnen und wollte sich davon nicht trennen, was ja geschehen mußte, da die schweizerische Regierung die Ablieferung der Officierspferde wie jedes übrigen Kriegsmaterials forderte. Was that nun Pelat? Er verkleidete sich als englischer Gentleman, der der Excentricität zu Liebe eine Winterreise in der Schweiz unternommen hatte, und mit einem als Diener verkleideten andern französischen Officier erreichte er auf seinem Rappen die französische Grenze bei Bellegarde. Den Hengst aber hat er heute noch und hofft wohl, denselben nächstens gegen den Halbmond zu führen.

Mit meinen Empfehlungen und den übrigen für eine mehrtägige Tour nothwendigen Gegenständen ausgerüstet, verließ ich mit dem Morgenzuge punkt acht Uhr den Bahnhof von Bukarest. Auf der Station Slatina, die wir bald erreichten, herrschte eine außerordentliche Erregung. Slatina, nahe an der Aluta, ist für die Russen ein höchst wichtiger Punkt. Sie haben auch auf dem Plateau, wo das Stationsgebäude liegt, zwei Lager errichtet, von denen eins von Kosaken bewohnt wird, die für eine fortartige Umzäunung gesorgt haben. Sie haben nämlich ihre langen, spitzen, beflaggten Lanzen in den Boden eingepfählt, und die vielfarbigen Wimpel flattern lustig in den Lüften rings herum um das ganze aus Hunderten von Zelten bestehende Lager. Auf der andern Seite des Schienenwegs bietet sich ein eigenthümliches Kriegsbild dar. Schwere, nagelneue und funkelnde Mörser werden von sechs bis acht weißen Stieren einen kleinen Hügel hinaufgezogen. Aber der Weg ist schmal, der Stieg holperig, und die Kräfte der Thiere reichen nicht aus. Da dampft eine auf dem Hügel postirte Locomobile hinunter; man spannt dieselbe an einen der Mörser, und flugs geht’s hinauf, während die ausgespannten Stiere mit ihren ungeheuren weitgeöffneten Augen dem Wunderwerke in dem vollsten Sinne des Wortes nachstieren. Solche Locomobilen haben die Russen zur Aushülfe überall postirt, wo sie noth thun und die gewöhnlichen Vorspannmittel nicht ausreichen.

Auf dem Schienengeleise in Slatina stand der von Turn-Severin kommende und nach Bukarest abgehende Zug, der blos auf die Ankunft des unserigen wartete, um abgelassen zu werden. Um den einen Waggon dieses Zuges aber drängte sich eine bunte Menge von reich betreßten und reich befederten rumänischen Officieren, von Kosaken-Lieutenants und russischen Artillerie-Obersten, von schwarz befrackten Herren und schwärmerisch dreinblickenden Damen, und dann wieder von simpeln Soldaten, Bauern, Gänse- und Hühnerverkäufern, welche mit ihrer lebenden Waare um die Wette kreischten. In dem Waggon aber befindet sich jener Fürst, der zuerst den Reigen im heutigen Tanze gegen die Türkei eröffnete. Der junge und dicke Beherrscher Serbiens, Milan, hat endlich die Erlaubniß ausgewirkt, seine Huldigungen dem Vater Czaren darzubringen, und er ließ sich’s nicht zweimal sagen. Man erzählt, er wäre dem grimmigen Commandanten von Ada Kalé zum Trotze bei Nacht und Nebel, von seinem Amanuensis Ristitsch begleitet, in einem Kahne über die Donau geschlüpft.

Die Thatsache ist, daß Fürst Milan auf dem Bahnhofe in Slatina blühend aussah und aus seiner Fröhlichkeit, den Czaren zu sehen, keinerlei Hehl machte. Uebrigens hatte der Fürst mit

[462] seinem kleinen Gefolge im Bahnhofsbuffet zu Slatina gefrühstückt, und die Ueberreste der Tafel, sowie die vielen noch aufgestellten Flaschen, gestatteten den Schluß zu ziehen, daß man gar nicht schlecht und nicht wenig gefrühstückt hatte. Es ist ja überdies vom vorjährigen Serbenkriege bekannt, daß Fürst Milan für die Tafelfreuden nicht unzugänglich ist und daß Minister Ristitsch eine bewunderungswürdige Thätigkeit durch eine ganz gehörige Verpflegung seines physischen Ich zu schüren versteht. Auch die rumänischen Würdenträger, die sich in unsern Zug herein verfügten, um nach Krajova zurückzukehren, erfreuten sich der besten Champagnerlaune. Verlangt mir nichts über Krajova! Dieses Nest mit harmonischem Namen erfreut sich keiner besondern Eigenschaft, als eines spitzfindigen niederträchtigen Pflasters. Die Geschichte einer Nachtreise in jenen schäbigen, hartgepolsterten, schmutztriefenden Rumpelkasten, welche man in Rumänien Diligencen nennt, ist eine wahre Leidensgeschichte. Schon der Anblick des Kastens selbst bringt alle Gedanken martervoller Qualen mit sich. Dann schreckt man beim widerlichen Anblick des Innern zurück und steigt nur hinein, weil man die Gewißheit hat, daß es leider kein anderes Mittel giebt, das Ziel, Kalafat, zu erreichen. Also, Augen und Nase zu und hinein! Glücklicher Weise sind wir allein; doch dieser Wahn dauert nicht lange. Kaum holpern wir über das spitze Pflaster zum Thore hinaus, so suchen der begleitende Postbeamte, der bewachende Gensd’arm und ein unbestimmbarer Quidam im langen, triefenden Regenmantel im Innern des Wagens gegen den Regen Schutz. Die Humanität würde es uns untersagen, gegen diese Beschränkung unserer Bequemlichkeit zu remonstriren, aber die Herren machen sich auch zu breit; der Gensd’arm steckt sans façon den langen Pallasch zwischen die Beine; der Postbeamte lehnt sich gemächlich an, und der Quidam im weißen Regenmantel möchte aus Bequemlichkeit das Schuhwerk ausziehen, wogegen ich ausdrücklich und mit Erfolg protestire. Mit dem Wagen geht es beinahe wie mit einem hoch auf den Wellen gepeitschten Schiffe; bald fühlen wir uns emporgehoben, daß unsere Köpfe gegen den Deckel des Rumpelkastens anschlagen; bald geht es nach rechts oder nach links hinüber, als sollten wir auf dem rumänischen Schmutz eine Nachtherberge finden. Der Schluß dieser Fahrt war deren Verlaufs würdig. Gegen sechs Uhr früh bei einer grimmigen Kälte und einem jener kalten unbarmherzigen Frostregen, wo jeder Tropfen wie eine Nadelspitze in’s Mark dringt, wurden wir ohne Umstände mitten im Kothe aus dem Wagen, der wenigstens gegen die Nässe Schutz bot, gewiesen.

Ich stand am Eingange des rumänischen Lagers, auf dem Plateau von Kalafat; der Rumpelkasten hatte, statt auf der Chaussee sich weiter zu bewegen, seine Bahn querfeldein auf dem zu diesem Behufe hergestellten Weg genommen, denn nach dem Städtchen darf Niemand ohne die ganz specielle Erlaubniß des Höchstcommandirenden gelangen. Nun hatte ich allerdings meine Papiere in Ordnung, aber der General, dessen hermetisch verschlossenes Zelt man mir zeigte, pflegte noch der Ruhe, und da es Sonntag war, durfte keine Aussicht sein, Sr. Excellenz vor neun Uhr aufzuwarten. Was soll man indessen thun? Auf der ganzen Ebene ist kein Häuschen zu entdecken, etwa mit Ausnahme der kleinen hölzernen Baracke, die das Post- und Telegraphenamt darstellt.

Aber die Beamten lagern schon in ausreichender Menge auf dem Boden. Der Aufenthalt ist selbst provisorisch nicht sehr empfehlenswerth. Glücklicher Weise nimmt sich meiner ein intelligent und nervig aussehender Infanterie-Corporal an, der, ein geborener Ungar, vollkommen gut deutsch spricht. Wir schreiten über den Hügel einer Cantine zu, die von einem Krajovaner Zuckerbäcker höchst wahrscheinlich eingerichtet wurde, um das abgestandene Gebäck militärisch an den Mann zu bringen. Der Eigenthümer der Cantine und ein Gehülfe liegen, in herrliche Schlafröcke gehüllt, auf dem Boden zwischen ihren Tischen. Ich rüttle einen dieser unternehmenden Geister an der Quaste seines Schlafrockes und bestimme, uns in Ermangelung anderen Materials eine Flasche Säuerling zu bringen. Der Corporal wird gesprächig; bald wird es mir klar, daß ich auf einen Unterofficier von jener Sorte der Unzufriedenen gestoßen bin, die also auch in der rumänischen Armee wie in der französischen anzutreffen sind und welche man in Frankreich mit dem bezeichnenden Prädicat „Grognards“ (Brummbär) belegt hat.

Beim zweiten Glase Wein theilt mir also mein ungarisch-rumänischer Unzufriedener mit, daß die Armee sich über das ewige Warten bedeutend aufzuhalten beginne. Man hatte geglaubt, den Vertheidigern des Halbmonds sofort auf den Pelz zu rücken, und nun sitzt man zwei Monate bereits, die Hände im Schooße, und hat keine andere militärische Zerstreuung, als die paar Kanonenschüsse, die sich jetzt auch nicht einmal hören lassen. „Ja,“ meinte der Unterofficier, indem er einen tiefen Zug that, um den ich ihn wahrlich nicht beneidete, denn der Pseudo-Nektar des mobilisirten Krajovaner Zuckerbäckers war gräulich, „wenn wir Geld hätten, da wäre es anders. Aber so ohne den Groschen im Sacke und die karge Menage – ich sag’ Ihnen, Herr, es ist ein Hundeleben.“ Es ist zu bemerken, daß, während die zur permanenten Armee gehörenden Mannschaften sich über Quantität und Qualität der ihnen verabreichten Nahrung so stark aufhalten, die eigentlichen Landmilizen (Dorobanzen) mit dem, was sie fassen, vollständig zufrieden sind. Das begreift sich; der rumänische Bauer führt nicht im Lager, sondern zu Hause ein wahres „Hundeleben“. Fleisch bekommt er kaum vier- oder fünfmal im Jahre zu sehen; man kann sich nun denken, als was für ein Leckerbissen die tägliche Portion Schaf oder Schwein ihm erscheint.

Als endlich mein Unterofficier ausräsonnirt hatte, verließen wir das Marketenderzelt und schritten durch das Lager, wo es sich zu regen begann. Bald stießen wir auf zwei in Regenmäntel mit aufgehobenen Kapuzen vermummte Officiersgestalten, die bei dem Anblicke eines mit einem Civilisten verkehrenden Unterofficiers stutzig wurden. Sofort exhibirte ich meinen Ferman und war damit an den Rechten gelangt, denn die beiden Herren waren der eine der Großprofos und der andere, jüngere, der Lagerprofos. Beide gehörten zu den Rossiori, jenem rothen Husarenregimente, welches durch die besondere Eleganz seiner Officiere berühmt ist und auch einstweilen unter der Damenwelt Bukarests großartige Verheerungen angerichtet haben soll. Zuerst blickten der General-Gewaltige und sein Adjutant ziemlich finster drein, denn ungerufene Besuche sind ihnen sehr unwillkommen. Meine Legitimation wirkte jedoch Wunder. Die Physiognomien der beiden Herren hellten sich auf, und aus den gestrengen Profosen wurden die liebenswürdigsten Gentlemen. Für’s Erste wurde ich ersucht, in das Zelt des Commandeurs der ersten Division zu treten, um an dem heiß und echt russisch servirten Morgenthee theilzunehmen. Darauf geleitete mich der Profos selbst durch das ganze auf dem Plateau oberhalb der Donau liegende Lager, dessen Verschanzung eben beendet wurde.

Im Jahre 1854 war die türkische Kriegführung viel resoluter als heute. Damals setzte eine Abtheilung über den Strom, warf die Russen über den Haufen, und der Halbmond flatterte hier in den Lüften. Widdin, welches heute den rumänischen Kugeln preisgegeben ist, war in ausgezeichneter Weise gedeckt. Heuer hätten die Türken Kalafat ohne Schwertstreich besetzen können, da achtzehn Tage lang sowohl die Stadt wie die damit verbundene strategische Stellung keinen einzigen Vertheidiger aufzuweisen hatte. Warum die Türken diesen Vortheil nicht benutzten, ist eines jener Räthsel, über die man sich den Kopf zerbrechen müßte, wenn man die Mysterien der osmanischen Kriegführung ergründen wollte.

Am meisten wundern sich über diese Nachlässigkeit die Rumänen selbst, die sich indessen beeilt haben, die Position so zu verschanzen, daß ein Angriff auf dieselbe erfolglos sein oder Ströme Bluts erfordern würde. Auf der Hochebene von Kalafat mögen etwa fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Mann campiren; es sind Linien-Infanteristen, und dann die „Dorobanzen“, jene der ehemaligen österreichischen Grenzerordnung nachgebildeten Territorialsoldaten, die drei Wochen im Monat als Bauern thätig sind und alle Monat eine Woche Militärdienst schulden. Der Dorobanz trägt eine im Sommer äußerst zweckmäßige und leichte, weiße, mit blauen Borden eingefaßte Leinenkleidung; wird es kühl oder regnerisch, so wirft er die graue Kapuze um; ist’s ihm bei der Schanzarbeit z. B. gar zu heiß, so entledigt er sich seiner Ueberkleider und steht im blousenartigen Hemd da. Auf die Dorobanzen, welche die eigentliche Miliz und schließlich die Nationalgarde (eine Art von Landsturm) abdienen, stützen die Gründer der rumänischen Militärmacht ihre Hoffnungen. Sie glauben, daß in diesen Köpfen, die mit den Fellmützen, wie sie Michael der Tapfere trug, bedeckt sind, auch der Geist dieses Heldenfürsten wohnen wird.

[463]
Die Gartenlaube (1877) b 463.jpg

Manöver-Uebungen der rumänischen Artillerie bei Kalafat.
Nach einer Skizze vom Kriegsschauplatze componirt von O. Fikentscher in Düsseldorf.

[464] Der General Lupo, Obercommandant der in und um Kalafat stationirten Truppen, ertheilte mir in der bereitwilligsten Weise die Erlaubniß, nach Kalafat hinein zu gelangen, und einer der in ihrer unermüdlichen Gefälligkeit unerschöpflichen Officiere nahm mich in seinem Break mit, denn es ist eine gute halbe Stunde vom Lager in die Stadt. Als ich dieselbe betrat und die sauberen weißen Häuser sah, mit den um die ausgehobenen Fensterscheiben sich windenden Oleander- und Espenlaubkränzen, schien es mir, als wäre mir Kalafat bekannt, obgleich ich zum ersten Male in meinem Leben in dieses Revier gelangte. Namentlich die drei spitzen Kirchthürme und die Wirthshäuser mit den luftigen Altanen hatten für mich etwas besonders Familiäres. Ich grübelte nach und erinnerte mich, daß ich vor Monaten Wachenhusen’s „Türkischen Kosak“ gelesen hatte, von dem ein guter Theil in dem, wie sich’s herausstellte, meisterhaft und peinlich genau geschilderten Kalafat zur Zeit des Krimkrieges spielte.

Zwei große Straßen, welche beide zur Donau führen, die hier eine ihrer Krümmungen ausführt, durchziehen, sich in der Mitte kreuzend, das Städtchen. Jedes Haus hat seinen Garten, so zwar, daß die Ortschaft im Verhältniß zu ihrer Bevölkerung einen bedeutenden Flächeninhalt bedeckt. Sie erhebt sich sanft von dem Gelande der Donau bis weit hinein in’s Land. Ich wußte, daß man sich gleich bei Beginn des Kriegs allerlei über das zerfetzte, durch türkische Kugeln in Fetzen zerrissene Kalafat erzählte, aber bei meiner Skepsis sensationellen Kriegsmeldungen gegenüber wunderte es mich nicht im geringsten, nirgends eine Spur der verheerenden Bomben zu treffen. Kalafat’s Häuser stehen ganz und bis jetzt unversehrt, nur im Innern würde man sich vergebens nach einem Bettgestell oder irgend einem Stück Mobiliar umsehen; alles wurde ausgekramt, auf Leiterwagen verpackt und in das Innere Rumäniens versendet.

Seitdem die Türken-Panik aufgehört hat, möchten wohl die meisten Kalafater wieder ihre häuslichen Penaten aufsuchen, dagegen aber legte der Commandant das strammste Veto ein. Kalafat ist seines Erachtens ein militärischer Posten, und nur Militärs dürfen auf demselben verweilen. Unter den Civilisten, welche indessen in Kalafat geduldet, ja recht gern gelitten werden, befindet sich auch ein Vertreter der edlen französischen Kochkunst, den die jüngeren Officiere in familiärer Weise „père Auguste“ tituliren. Der Franzose war stolz auf dieses Prädicat; er ließ eine Tafel anfertigen, auf der folgende Worte zu lesen sind: „Au pére Auguste, restaurant français.“ Père Auguste ist der Liebling der höheren Officierwelt, in seinem von rechtswegen requisitionirten Local finden sich vor anständig, aber mäßig besetzter Tafel (der rumänische Officier schwimmt heute nicht im Solde) Artillerie-, Genie-, Stabs-, Infanterie- und Marine-Officiere. Père Auguste, ein behäbiger Fünfziger, der Typus des französischen Provinzialen, der versteht, sein Schäfchen in’s Trockene zu bringen, fungirt bei der Tafel als Majordomus, erkundigt sich nach dem Appetit und nimmt auch an kriegswissenschaftlichen und strategischen Gesprächen Antheil. Père Auguste gehört heute zum rumänischen Hauptquartier, und wenn die Truppen Carol’s des Ersten wirklich auf andere als moralische Eroberungen drüben in Bulgarien losgehen sollten, so ist Père Auguste bereit, mit seinem Korbe, seiner fliegenden Kuchen-Batterie und seinem Keller auszurücken.

Die rumänischen Artillerie-Officiere, deren nähere Bekanntschaft ich bei Tische machte, sind durchaus junge Leute – tüchtige und resolute Erscheinungen, welche in ihrem festen und zuverlässigen Auftreten echte Repräsentanten des Heereskörpers sind, dem sie angehören. Die präcisen Manöverübungen der rumänischen Artillerie, welche zufällig bei meiner Anwesenheit in Kalafat stattfanden und zu welchen, wenn man will, das meinen heutigen Schilderungen beigegebene Fikentscher’sche Kriegsbild als eine Art Illustration dienen mag, sind bekannt. So überraschte mich auch an diesen jungen Officieren, welche alle noch vor Kurzem auf den Bänken irgend einer französischen Militärschule saßen, in keiner Weise die soldatische Sicherheit und Präcision des Benehmens. Sie haben übrigens sämmtlich durchaus den Pariser Schliff. Der Eifer, von dem diese jungen Leute beseelt sind, schreibt sich jedoch nicht von einem Gefühle des Türkenhasses her; ich konnte mehrmals die Bemerkung machen, daß dem Walachen der Trieb zum Racenhasse ebenso fehlt wie der Instinct des religiösen Fanatismus.

„Wir befinden uns,“ sagte mir ein Officier, „in der Lage eines jungen Mannes, der bei den Damen Glück sucht und auf den diese mit Geringschätzung blicken, weil er noch keine Ehren-Affaire gehabt hat und man von ihm nicht gesprochen hat. Wir müssen eine Affaire haben und sind froh, daß sich die Gelegenheit darbietet, uns ein wenig Namen zu erkämpfen.“ Diesen „Namen“ soll man sich nächstens bei einem Bombardement von Widdin holen.

In der That! Die türkische Festungsstadt liegt so herausfordernd vor den Augen. Wenn man, wie ich es nach dem Frühstück bei „Père Auguste“ in der Gesellschaft der jungen franco-rumänischen Officiere that, den Hügel erklettert, auf dem die Batterie Carol des Ersten aufgewürfelt wurde, und durch das ausgezeichnete Fernrohr hinüberblickt über den mit majestätischer, feierlicher Stille dahingleitenden Strom, so erblickt man Haus an Haus. Dieses niedrige, aber breit angelegte Gebäude, unmittelbar hinter der weißen Ringmauer, ist der Konak, das Palais des Generalgouverneurs. Unter demselben steht zwischen zwei hohen Thürmen das sogenannte Bulgarenschloß, eine Veste, die aus dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert stammt. Dann schweift das Auge über einen Knäuel kleiner elender Baracken, über welche sich stolz ein Dutzend Minarets erheben; hui! wenn da ein paar Petroleumbomben hineinflögen! Etwas seitwärts von der blanken Ringmauer erblickt man ein großes Fort; auf den weiten Wällen steht eine Gruppe Menschen und blickt zu uns herüber, wie wir nach ihnen. Hinter der Festung dehnen sich wie Schaumwölkchen die schneeweißen Lagerzelte aus; links und rechts der Türkenfestung prangt die Natur in ihrem üppigsten Schmucke, während der Balkan mit seinen hoch emporragenden Spitzen die großartigste Staffage, die man sich denken kann, bildet. Das Wetter ist freundlicher geworden; gegen Abend verscheuchen die Sonnenstrahlen gänzlich die vom Landregen übriggebliebenen düsteren Gewölke, und mit olympischer Gelassenheit, wie ein feuriger Gott, versenkt sich die Sonne hinter den Bergen.

Der Abend und die Kühle mahnten uns daran, das Nachtlager beim Vater Augustus aufzusuchen. Es war ein wenig militärisch: ein sehr harter Strohsack, daneben ein Strohstuhl. Das Felleisen ersetzte das Kissen, und der Plaid diente als Decke. Aber nach einer Nacht in der Diligence hat man es nicht nöthig, auf Rosen gebettet zu sein, um fest einzunicken. Das that ich auch pflichtschuldigst, als läge ich im schönsten Schlafzimmer des ersten Bukarester Hôtels. Eine Aehnlichkeit hatte indessen mein Nachtlager mit einem derartigen Gemache – den Preis.

Doch nicht die ganze Nacht sollte mir die wohlthuende Ruhe gegönnt sein. Plötzlich schreckte mich ein starkes Geknatter aus meinem Schlummer; ich eile in den „Salon“ hinab, wo ich den franco-rumänischen Kochkünstler mit seinem ganzen Generalstabe ebenfalls aus nächtlicher Ruhe aufgescheucht vorfand. Die Leute standen rathlos da und munkelten etwas, wie von einem Ueberfall der Türken, was ja bei der Nähe der Positionen gar nichts Unwahrscheinliches hatte. Da klopfte es an die Thür. „Père Auguste“ schrak zusammen – vielleicht sah er sich bereits als Opfer der wilden Tscherkessen. Aber da klopfte man zum zweiten Male, und es war eine befreundete, correct französische Stimme, welche da bat, aufzumachen. – Auf der Straße standen in der Mitte von etwa zwanzig Dorobanzen zwölf Stück sehr schöne Ochsen; ein junger Officier, der Anführer der kleinen Rotte, aber wendet sich zu dem Kochkünstler:

„Sie beklagten sich über den Mangel an frischem Rindfleisch; hier bringen wir Ihnen vom anderen Ufer ein Paar Portionen bulgarische Beefsteaks.“

Noch knallten einige Schüsse, und dann herrschte wieder idyllischer Friede in der Kriegsposition Kalafat. Mir summte beim Anblicke von Türken und Russen das bekannte Lied vor den Ohren:

„Wir sitzen so fröhlich beisammen,
Und haben einander so lieb.“

Paul d’Abrest.

[465]
Blätter und Blüthen.


Vom letzten großen Welt-Jahrmarkt. Neben den wichtigeren Fortschritten der Technik, die sich häufig den Blicken des Laien ganz entziehen, begegnet man auf den Weltausstellungen regelmäßig auch einer Reihe von Curiositäten, welche nur dazu da sind, die Schaulust der großen Menge zu befriedigen, und die wie lustige Intermezzos zwischen den Erzeugnissen der ernsten Arbeit stehen. Unter den Prospecten, deren Sammlungen in Philadelphia unter den Armen selbst zahmerer Prospect-Tiger zu ganzen Ballen anschwollen, befand sich auch ein Gemälde, welches man auf den ersten Blick für ein Genre- oder idyllisches Familienstück hätte halten können. Man sah darauf eine Gesellschaft dargestellt, welche in Frieden ihr Mittagsmahl verzehrt. Eine Art von mechanischem Schutzgott in Gestalt des Fowler’schen Patent-Fliegen-Verscheuchers wacht über ihre Ruhe, und durch die von einem Uhrwerke stundenlang unterhaltene Rotation seiner zu Häupten der Gesellschaft befindlichen Flügel treibt er Legionen lüsterner Fliegen in die Flucht, und erinnert den hämisch davonschleichenden Nigger daran, daß die Sinecure des Fliegenwedelamtes, welches bei orientalischen Familienscenen und Staatsactionen eine so bedeutsame Rolle spielt, seinem schmählichen Untergange entgegengeht. Diese Fowler’sche Wedelmaschine wurde in ihrem Bestreben, den erhabenen Genuß des süßen Nichtsthuns zu befördern und die höhere Faullenzerei des Tropendaseins von allen Hindernissen zu befreien, wesentlich ergänzt und unterstützt von dem bei der Hitze des vorigen Philadelphia-Sommers doppelt begehrenswerten Fächerstuhl des Herrn Seil aus Charlestown. Unter dem Schaukelsitze dieses ingeniösen Luxusmöbels ist nämlich ein doppelter Blasebalg angebracht, der, von den anstrengungslosen Schaukelbewegungen seines glücklichen Besitzers in Thätigkeit erhalten, durch zwei vertical aufsteigende und verschiebbare Holzröhren ansehnliche Quantitäten frischer Lust demselben in’s Gesicht sendet. Diese Luft muß zuvor einen kleineren Behälter durchströmen, in den man mit flüssigen Wohlgerüchen getränkte Schwämmchen einlegen kann, um sich nach Geschmack und Belieben in Veilchen-, Rosen- oder Orangenduft zu wiegen.

Eine ebenso seltsame wie nützliche Erfindung konnte man unter den Ausstellungsgegenständen des Hauses Stow und Burnham bewundern: schlangenartig gewundene oder im Bogen herumgedrehte biegsame Wellen, durch welche die Bewegung einer Riemenscheibe ungeachtet dieser Biegungen von dem einen zum andern Ende ungeschwächt fortgeleitet wurde. Die äußerlich unbeweglich daliegenden, mit einer inneren Metallspirale gesteiften Lederröhren schließen nämlich die biegsame Welle, richtiger gesagt: ein Drehkabel, ein, welches sich in Folge seiner Biegungsfähigkeit in Maschinenwerkstätten und bei Tunnelbauten äußerst nützlich verwenden läßt, weil man durch dasselbe z. B. Maschinenbohrer bequem in jeder Richtung wirken lassen kann, ohne die Maschine und den zu bearbeitenden Gegenstand jedesmal erst zurecht rücken zu müssen. Die biegsamen Wellen sollten denn auch zuerst im Kleinen von amerikanischen Zahnärzten zu Bohrungen in der Mundhöhle benutzt worden sein, ehe man sie in die grobe Technik einführte.

Die größte Ueberraschung harrte aber der Schaulustigen in der Ausstellung des Hauses Westinghouse und Compagnie zu Philadelphia. Sie bestand darin, daß irgend ein Vertreter dieser Firma einen Gummiball von circa fünf Zoll im Durchmesser nahm und ihn, wie es der Sage zufolge mit Mohamed’s Sarg geschehen sein soll, mitten in der freien Luft aufhing, woselbst er sich zu drehen anfing, ohne herabzufallen und vielleicht zum Nachbar noch eine etwas kleinere drehende Holz- oder Glaskugel erhielt. Der genaueren Betrachtung ergab sich natürlich, daß diese schwebenden Kugeln, wie die goldenen Bälle unserer Springbrunnen, von einer Widerstand[WS 3] leistenden Säule getragen wurden, nämlich von einer Säule strömender Luft, die, unter einem Drucke von drei bis sieben Atmosphären und unter einem Winkel von 35 bis 40° schräge aufsteigend, die Bälle ein bis zwei Fuß von der Ausflußöffnung im Gleichgewicht hielt. Im weiteren Verfolge dieser Erscheinung hat sich denn erst ergeben, in welcher Weise in beiden Fällen die tragende Kraft wirkt. Das Wesentliche ist nämlich nicht der tragende Widerstand des Strahls, sondern die Ablenkung und das Haften desselben an der Kugelfläche, wodurch es sich denn auch erklärt, weshalb fettige Kugeln auf einem Springbrunnen nicht tanzen.




„Der alte Harkort spricht.“ Wo man diesen Ruf hört, schweigt und lauscht man. Er kann nur die Wahrheit sprechen, der alte Fritz von Westphalen. Wer ihn kennt, kann sich gar nicht denken wie er etwas Anderes aussprechen könnte, als was ihm im Herzen sitzt. Der silberhaarige Arbeiter und Kämpfer hat nach oben die Wahrheit zu Zeiten gesagt, wo das gefährlicher war, als heute. Sein „Bürger- und Bauernbrief“ brachte ihn 1851 auf die Anklagebank; trotzdem ließ er, weil es sein Gewissen ihm gebot, das Jahr darauf den „Zweiten Bürger- und Bauernbrief“ folgen und erregte gleich nachher durch seinen „Wahlkatechismus pro 1852 für das deutsche Volk“ neue „Unzufriedenheit“ in den Massen und demzufolge auch bei der hohen Polizei. Wer so, wie Harkort, seine Lebtage zum Besten des Volkes gesorgt und gekämpft hat, der ist auch der rechte Mann, dem Volke einen Spiegel vorzuhalten, wenn er es auf Irrwege gerathen sieht, und ein solcher „Arbeiter-Spiegel“ ist’s, für den wir oben den Ruf erschallen ließen: „Der alte Harkort spricht.“

Er ist nur ein Heftchen von zwölf gedruckten Seiten, dieser „Arbeiter- Spiegel“, aber es ist in diesen wenigen Blättern als reife Frucht halbhundertjähriger Erfahrung mehr Lebensweisheit enthalten, als in manchem dicken Buche. Und wie versteht Friedrich Harkort mit und zu dem Volke zu reden! Jeder angehende Volksschriftsteller kann von ihm lernen, mit Einfachheit und Klarheit in kurzen, eindringlichen Sätzen seine Gedanken und Gefühle darzustellen und so warm zu geben, daß sie gleich in’s Herz des Hörers übergehen. Harkort ist bekanntlich Katholik, jetzt Altkatholik, aber den Luther muß er doch studiert haben, denn es herrscht Uebereinstimmung im Schwerthieb des Worts und geistige Verwandtschaft zwischen beiden, weil es beide gleich gut und ehrlich mit dem Volke meinen und den gleichen Zorn hegen gegen die nichtswürdigen Verführer desselben.

Harkort sagt in der Einleitung: „Wer in den Spiegel schaut, bemerkt leicht seine Flecken. Die Wahrheit ist ein solcher Spiegel für Jedermann, vom König bis zum Bettler. – Ohne Menschenfurcht soll man sie aussprechen und ihren Lehren ein williges Ohr leihen. – – In der Mehrzahl unseres deutschen Volkes liegt ein gesunder Kern, der gewartet und gepflegt werden muß, damit die Nation wehrhaft sei und den Tugenden unserer Vorfahren nicht untreu werde und die Geschichte unserer Tage für die Nachkommen das löbliche Beispiel stelle, daß Freiheit, Pflicht und Recht ihr Wahlspruch sein muß.“

Es ist sehr erfreulich, daß dieser „Arbeiter-Spiegel“ schon in der zehnten Auflage verbreitet wird, und löblich ist es von der Verlagshandlung (Gust. Butz in Hagen), daß sie den Preis von fünfundzwanzig Pfennig für das Exemplar bei Abnahme von fünfzig Exemplaren auf zehn und von hundert Exemplaren auf neun Pfennig herabsetzt. Dem Wohlhabenden, dem das Wohl des Volkes und Vaterlandes am Herzen liegt, kann es nicht billiger und bequemer geboten werden, durch Vertheilung dieses Schriftchens eine wahrhaft gute Saat zu säen.




Das fünfte Rad am Wagen braucht doch nicht immer das „fünfte Rad am Wagen“ im Sinne des Sprüchwortes, das heißt eine völlig überflüssige Zugabe zu sein, wie die seit beinahe Jahresfrist zwischen Berlin und Weißensee verkehrende Pferde-Eisenbahn, bei welcher das fünfte Rad eine sehr wichtige Rolle spielt, lehrt. Dieses kleinere, vor dem linken Vorderrad angebrachte Rad dient nämlich als Leitrad, indem es mit einer Nuhte auf der betreffenden Eisenschiene läuft und dadurch die vier anderen gewöhnlichen Räder auf den Schienen erhält, während es durch eine kleine Hebelvorrichtung jeden Augenblick seiner Function „enthoben“ werden kann, um den Wagen in einen gewöhnlichen Straßenwagen zu verwandeln, der dann ebenso leicht den Schienenstrang verlassen wie auf denselben zurückkehren kann, nachdem er einem entgegenkommenden Wagen ausgewichen ist. Der Abgeordnete Henze hält diese Erfindung für so wichtig, daß er in der letzten Sitzungsperiode seine Collegen wiederholt darauf aufmerksam machte und den sich dafür interessirenden Theil derselben durch eine Gesellschaftsreise auf den Straßen Berlins von der vorzüglichen Leistungsfähigkeit dieses fünften Rades zu überführen suchte. Da man nämlich mit Hülfe eines solchen Leitrades, dessen Anbringung sammt der Hebelvorrichtung etwa fünfzehn Mark kosten würde, jeden beliebigen Last- oder Personenwagen, wenn er nur die richtige Spurweite hat, in einen Schienenwagen verwandeln kann, um dann mit denselben Zugkräften viel größere Lasten zu bewegen als vorher, so hofft der Abgeordnete Henze, daß man sich diese nützliche Erfindung in weiteren Kreisen zu Nutzen machen werde, indem man Chausseen und Landstraßen aller Art mit einem Schienengeleise für allgemeine Benutzung bei bestimmten Ausweichungsregeln versehen werde. Das alte Sprüchwort läuft mithin Gefahr, auf allen Wegen widerlegt, der Falschheit überführt und überfahren, ja vielleicht zu einer solchen Sinnesänderung gezwungen zu werden, daß man künftig mit Genugthuung Bismarck oder Moltke als „das fünfte Rad am Wagen“ bezeichnen darf, sofern sie das Staatsschiff im richtigen Geleise erhalten helfen.




Die billige Butter, welche seit einiger Zeit auf unsern Märkten erscheint, kann billigerweise nur Diejenigen in Erstaunen setzen, welche noch nicht wissen, daß den Kühen seit einiger Zeit in der Buttererzeugung eine unliebsame Concurrenz von ihren eigenen Eheliebsten, den Ochsen, bereitet wird. In einem Artikel der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1877. Nr. 19) ist uns mitgetheilt worden, wie bitter sich der Ausspruch Mephisto’s in Auerbach’s Keller: „der hölzerne Tisch kann Wein auch geben,“ in dem unerschöpflichen Hobelspahn-Fasse des wohlthätigen Herrn Dochnahl erfüllt hat. Ein ähnlicher „tiefer Blick in die Natur“ hat uns denn auch, aber ohne daß wir an ein Wunder zu glauben brauchen, zu billiger Butter verholfen. Aeltere Oekonomen werden sich erinnern, daß man schon vor fünfzig Jahren und früher auf den großen Landgütern in der wärmeren Jahreszeit „Kunstbutter für das Gesinde“ erzeugte, indem man frischen Ochsentalg mit etwas Milch oder süßer Sahne (um die Nase zu befriedigen) zerrieb, oder wie der Kunstausdruck lautete: „verbutterte“. Dieser alte Kunstgriff kluger Hausmütter, die dem Worte der Bibel, daß man dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden soll, keine Verbindlichkeit beilegten, wurde vor etwa zwei bis drei Jahren nach den Fortschritten der „synthetischen Chemie“ verbessert und in die Groß-Industrie eingeführt, um den mittleren Bevölkerungsschichten einen „wohlschmeckenden und gesunden Ersatz der für sie zu theuren Kuhbutter“ zu bieten. Wie es scheint, gebührt dem französischen Erfinder Mège-Mouriès in Vincennes das Verdienst der Initiative für diesen Fortschritt der Social-Oekonomie. Dieser Wohlthäter der Menschheit hatte sich, wie er erzählt, an die Beobachtung der Natur gehalten und sein Verfahren auf die Wahrnehmung gegründet, daß schlechtgefütterte, aber fette Kühe dennoch eine Zeit lang reichliche Buttermengen producirten (?), die demnach nur durch eine Umbildung des im Körper vorhandenen Fettes entstehen können. Warum sollte es die Kunst nicht ebenso machen, den von der Natur gewiesenen Weg befolgen und die Ochsen in Mitleidenschaft ziehen, die ja doch mit den Kühen eines Fleisches und eines Talges sein müssen? Seit dem Bekanntwerden dieser logischen Schlußfolge sind denn nun auch in der Nähe der meisten Großstädte Kunstbutterfabriken entstanden, und unter den vielen Kunstgenüssen, welche solche Städte ihren Bewohnern bieten, ist derjenige von Kunstbutter einer der alltäglichsten geworden. Das Herstellungsverfahren, [466] wie es z. B. in der großen Fabrik zu Liesing, unweit Wien, befolgt wird, ist im Allgemeinen folgendes. Guter und frischer Rindstalg wird in Eiswagen nach der Fabrik befördert, die blutigen Theile und gelben Stücke von den reinweißen gesondert und nur die letzteren benutzt. Man schmelzt das Fett, seihet es durch Leinwand und läßt es langsam erkalten. Die bei fünfzig bis sechszig Grad flüssig bleibenden Theile, werden von den bereits erstarrten Antheilen abgegossen oder durch Abschleudern (in der Centrifuge) getrennt und dienen allein zur Kunstbutterbereitung. Das ausgeschiedene härtere Fett, welches etwa zweiundvierzig Procent beträgt, wandert in die Kerzenfabriken. Die weichen Talgtheile werden nun sehr sorgsam, wenn nöthig unter Zuhülfenahme von Chemikalien, mit Wasser gewaschen und schließlich unter Zusatz von etwas Milch mit oder ohne Salz, „verbuttert“. Verschiedene Werthabstufungen können dann noch erzeugt werden, indem man mehr oder weniger wirkliche Kuhbutter hinzusetzt, aber auch das reine Talgpräparat ist dem äußern Ansehen nach kaum von echter Butter zu unterscheiden, namentlich wenn in der Farbe noch etwas nachgeholfen wird. Es ist wahr, daß diese Ochsenbutter schließlich keinen gesundheitsschädlichen Charakter besitzt und im Nährwerthe der Kuhbutter vielleicht nicht nachsteht, aber das Gefühl, mit den Talglichter verzehrenden Kosaken auf dieselbe Stufe gestellt zu werden, ist kein besonders anmuthendes. Das Schlimmste ist, daß der Nachweis, ob sich Ochsenbutter in der Kuhbutter befindet, nicht leicht zu sein scheint; das Einfachste dürfte noch sein, eine Probe der fraglichen Butter auf ein Stück Leinenzeug zu streichen, dasselbe anzuzünden und den Geruch nach dem Ausblasen zu prüfen, vor Allem aber zuzusehen, von wem man die Butter kauft.




„Des Knaben Wunderhorn“ in neuer Ausgabe. Wer die Lieder des Volkes studirt, der studirt die Seele des Volkes. Wer sie sammelt, der liefert uns einen schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie des Volkes. Das Arnim-Brentano’sche Sammelwerk „Des Knaben Wunderhorn“ ist seit den Jahren seines Erscheinens (1806 bis 1808) eine Zierde unserer volksthümlichen Literatur und hat zur Wiederbelebung des damals nur zu sehr geschwundenen Nationalbewußtseins das Seine beigetragen. Heute stehen wir wieder auf der Höhe nationaler Größe, und damit ist auch der Zeitpunkt gekommen, wo es uns ziemt mit Dank der Veteranen zu gedenken, welche dem Ruhm, in welchem wir uns heute sonnen, schon vor Jahrzehnten Licht und Luft verschafften zu gedeihlichem Wachsthum. Ein solcher Veteran, ein Vorkämpfer des Geistes ist auch „Des Knaben Wunderhorn“, und mit aufrichtiger Freude begrüßen wir daher die neue Ausgabe des trefflichen Sammelwerkes, welche Professor Anton Birlinger in Bonn und Professor Wilhelm Crecelius in Elberfeld soeben mit dem bei Heinrich Killinger in Wiesbaden und Leipzig erschienenen zweiten Bande zum Abschluß gebracht haben. Das mit Originalzeichnungen von H. Merté geschmückte Prachtwerk, welches uns eine zeitgemäße wissenschaftliche Umarbeitung der alten Ausgabe bietet, muß als ein dankenswerthes Geschenk der Kritik und der Sprachforschung an die deutsche Nation bezeichnet und daher einer allgemeinen Beachtung warm empfohlen werden.




Telegraphische Concerte. Das Sprache und Musik vermittelnde Reis-Bell’sche Telephon, von welchem in Nr. 13 Seite 220 dieses Jahrgangs die Rede war, ist inzwischen in Amerika zu einem Gegenstande der allgemeinsten Aufmerksamkeit geworden. Am zweiten April fand in der großen Steinwayhalle zu New-York das erste telegraphische Concert statt, dessen Virtuosen zu Philadelphia am Claviere saßen. Es hatte einen eigenen mysteriösen Reiz, die Melodien aus Martha und andern bekannten Opern, so wie sie in zehn Meilen Entfernung vorgetragen wurden, wie auf Geisterflügeln herbeigetragen, mitanhören zu können, als ob die Musik etwas gedämpft aus dem Nachbarsaale erklinge. Es ist kaum zu bezweifeln, daß man diese ätherischen Genüsse bald auch den Bewohnern anderer Großstädte bieten wird. Ein Virtuose, der sich darauf legte, könnte sich mittelst dieser elektrischen Echos gleichsam vervielfältigen, seine Leistungen nach allen Richtungen der Windrose versenden und an zehn oder mehr Orten zugleich Lorbeeren einernten.

Ein Redner würde desgleichen, was bisher nicht einmal dem Fürsten von Liechtenstein möglich war, zum ganzen Lande sprechen können, denn Professor Bell hat gezeigt, daß er von Boston nach Salem Jemandem etwas in’s Ohr flüstern konnte, ja in Salem sogar noch verständlich war, wenn die Ströme den weiten Umweg über North-Conway nehmen mußten. Man denke sich die Wirkung eines päpstlichen Fluches, der auf diese Weise direct nach St. Petersburg und Varzin geleitet würde! Das wäre Donner und Blitz auf einen Schlag. Und welche Erleichterung für die Wahlreden, die nur an einem Orte gehalten zu werden brauchten und ein Echo im ganzen Kreise fänden, soweit das Drahtnetz seine Nervenfäden aussendet! Der Redner wäre dann den Einwendungen und Unterbrechungen, Lorbeerkränzen und faulen Aepfeln gleich unerreichbar.




Beethoven-Reliquien. Die fünfzigste Wiederkehr von Beethoven’s Todestage hat die Erinnerungen an die Persönlichkeit des großen Tonsetzers auf’s Neue belebt. So dürfte denn den Beethoven-Freunden die Gelegenheit, einige werthvolle Erinnerungsstücke des Meisters zu erwerben, gerade jetzt nicht unwillkommen sein. Der Redaction der „Gartenlaube“ ist kund geworden, daß aus Beethoven’s Nachlasse noch höchst interessante Reliquien vorhanden, welche die Verehrer des im Herzen so Vieler fortlebenden Todten unter Umständen käuflich an sich bringen können. Diese Reliquien bestehen aus zwei eingebundenen Heften eigenhändiger Briefe und Schriftstücke Beethoven’s, aus verschiedenen musikalischen Skizzen, einer Standuhr (Stutzuhr), einem Stock, Leuchter, Briefbeschwerer, einer Brille etc. Die Echtheit derselben wird documentirt und außer allem Zweifel gestellt. Zur Zeit befinden sich diese Gegenstände in den Händen einer alten Dame, welche in ihrer Jugend oft Gelegenheit hatte, Beethoven zu begegnen und die sich dieses um der Erinnerungen willen so theuren Besitzthums zu entäußern genöthigt ist, um so Mittel zu gewinnen, die Leiden des Alters sich zu erleichtern. Die Redaction dieses Blattes teilt Näheres gern mit.



Kleiner Briefkasten.

C. Emmerich in Crefeld. In der streitigen Angelegenheit, wer der Componist des Czarliedes sei, ist das „Sonntagsblatt“ Nr. 8 vom 25. Februar 1877 schlecht berichtet. Ich habe, als intimer Freund Lortzing’s, vollkommene Kenntniß der Oper „Czar und Zimmermann“ von dem Momente an, wo die Idee entstand, bis zur vollkommenen Gestaltung derselben. Ich habe mit Lortzing das Hermann’sche Schauspiel „Der Bürgermeister von Sardam“ gelesen, welches zu Anfang unseres Jahrhunderts erschien und dem französischen Schauspiele „Pierre le Grand“ nachgebildet war.

Lortzing fand es passend für eine Oper, und er schritt zur Anfertigung des Textbuches, wo er in seiner wenig heitern Laune sich nur als ganz einfacher „Värschmacher“ betrachtet wissen wollte. Er sagte mir einmal: „Bei dieser Arbeit muß man mehr Schneider als Dichter sein. Hier diese Pièce darf nicht zu lang, diese nicht zu kurz sein; genug, man muß sich auf den Zuschnitt verstehen.“

Nach seiner Aussage hatte er früher Opern componirt, die aber nie zur Aufführung gelangt, wie sich dies aus dem Stammbuche eines seiner Collegen aus dem Jahre 1835 ergab. Er hatte sich hier als „Schauspieler, Sänger und Componist von sechs unaufgeführten Opern“ unterzeichnet. Erst am 20. Februar 1837 kam die komische Oper „Die beiden Schützen“ von ihm auf der Leipziger Bühne zur Aufführung. Der treffliche Erfolg ermuthigte ihn, und scharf ging es nun an „Czar und Zimmermann“, welche Oper schon am 22. December 1837 zum ersten Male ebenfalls zu Leipzig in Scene ging. Das musikalisch Beste aus seinen frühern nicht aufgeführten Opern verwendete er hier vielfach. In seiner neuern Oper war er auf ein Lied für den Czar bedacht, und da erinnerte er sich einer Liedescomposition, die er einmal in einem frühern Engagement bei Gelegenheit einer Festfeier in der Freimaurerloge zu Münster geschaffen hatte.

Er suchte das Ding aus bestäubten Notenheften hervor; ein passender Text wurde untergelegt, aber nicht von Herloßsohn, wie das „Sonntagsblatt“ ebenfalls fälschlich berichtet.

Der damalige Capellmeister Ferdinand Stegmayer, mit Lortzing innig befreundet, stand Letzterm während des Componirens mit Rath und That zur Seite. Er war bekannt als trefflicher Liedercomponist, und sein Wort hatte immer Geltung. Als die ersten Proben zu der Oper stattfanden, bemerkte Stegmayer in seiner österreichisch-gemüthlichen Weise, daß dieses sentimentale Lied nicht nur in Contrast mit dem störrischen, rauhen Charakter des Czaren stehe, sondern auch die Handlung aufhalte.

Es wurde gestrichen, wie ich dies in meinem „Humoristischen Musik- und Theaterkalender auf das Jahr 1855“, (Leipzig) Seite 69, des Längerem ausgeführt und später in der „Gartenlaube“ (1867) gelegentlich der Biographie Abt’s in Kürze angedeutet habe.

Jedenfalls beruht die Stegmayer zugeschriebene Autorschaft auf einem Irrthum. Man verwechselt das obige Lied mit der von ihm herrührenden Einlage in der Oper „Die Falschmünzer“. Als ich mit ihm 1852 daselbst über den großen Erfolg des Czarliedes sprach, entgegnete er mir: „Wo irrt man sich mehr als in der Kunst!“ welcher Ansicht der mitanwesende Saphir vollkommen beistimmte.

Dresden, am 3. Juni 1877.
Theodor Drobisch.

A. M. in Sch. Robert Giseke befand sich damals in Coburg, wohin er 1861 von dem damaligen herzoglichen Cabinetschef Gustav von Meyern als Redacteur der officiellen „Coburgischen Zeitung“ berufen worden war. Schon 1862 nahm er zeitweiligen Urlaub und löste fernerhin sein Verhältniß zu dem genannten Blatte ganz.

W. W. Auf die Anfrage in Bezug auf Blindenliteratur folgende Antwort: In Unzialen sind bis jetzt von Rösner im Verlage der Steglitzer Anstalt erschien: Fibel für den ersten Leseunterricht. – Lesebuch für Blinde, zwei Theile. – Luther’s Katechismus. – Die Bibel für Blinde. Druck und Verlag der Bibelgesellschaft in Stuttgart; auch in einzelnen Theilen zu beziehen aus dem Depot der englischen Bibelgesellschaft in Berlin SW., Wilhelmstraße Nr. 33. Die Herstellung weiterer Werke wird in der Steglitzer Anstalt, die eine eigene Druckerei besitzt, vorbereitet.

K. Z. in Zeitz. Geben Sie uns gütigst Ihre volle Adresse zur Beantwortung Ihrer Zuschrift an!

M. L. in Berlin. Verfügen Sie gefälligst über Ihre Manuscripte!



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wir können nicht unterlassen, unsere Leser noch besonders auf das vortreffliche Bild des Prof. K. Dielitz in Berlin hinzuweisen, welches wir diesem Artikel als charakteristische Illustration in einer wohlgelungenen Holzschnitt-Wiedergabe beifügen.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „nnd“
  2. Vorlage: „bewußlos“
  3. Vorlage: Wisterstand