Vom Verfasser des deutschen „Robinson“

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Autor: A. Fr.
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Titel: Vom Verfasser des deutschen „Robinson“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, 25, S. 400–402, 420–423
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[400]

Vom Verfasser des deutschen „Robinson“.
Ein Cultur- und Charakterbild aus dem vorigen Jahrhundert.
I.


Am 20. September 1777 sahen sich die gebildeteren Kreise der stillen und idyllisch gelegenen Residenzstadt Dessau in eine ungewöhnliche Aufregung durch das plötzliche Entschwundensein eines Mitbürgers versetzt, an den große Interessen und Hoffnungen des Landesfürsten und der Bewohnerschaft sich geknüpft hatten. Mancher große und kleine Ort hat in den gegenwärtigen Tagen ähnliche Schrecken und Bestürzungen seiner Bevölkerung erlebt. Dieselben galten aber dem heimlichen Entweichen irgend eines Bankdirectoriums, dem unerwarteten Zusammenbruche vertrauenerweckender Speculationsunternehmungen, deren Sturz für Hunderte oder Tausende ruinirende Verluste an Geld und Gut mit sich führte. Von solchen stürmischen Wechselfällen eines leidenschaftlichen Mammonsdienstes wußte indeß jene letzte Periode des achtzehnten Jahrhunderts noch nichts, die eine Zeit erregter Innerlichkeit und beglückenden Wiedererwachens der Geister aus langem und dumpfem Schlummer war. Gab es damals überhaupt schon öffentliche Interessen, so waren sie vorwiegend idealer Natur. Große Culturfragen gährten in den Gemüthern und unter ihnen wurde keine mit tieferer Inbrunst erfaßt als die einer durchgreifenden Reform der Erziehung und des Jugendunterrichts. Durch diese Reform sollte das neu aus gedrückter Vergangenheit hervorwachsende Geschlecht einer vernunftgemäßen harmonischen Bildung zugänglich gemacht, dem finsteren Aberglauben und der Rohheit, so wie allem lieblosen Vorurtheil entzogen und jenen Grundsätzen der Humanität, der Duldsamkeit und veredelten Gesittung gewonnen werden, welche die Propheten der Epoche unablässig als den Ausgangspunkt des Heils, als die Erlösung der Menschheit aus der Nacht zum Lichte, aus der Knechtschaft zur Freiheit verkündeten.

Ja wohl, es war eine warm den Tiefen der Seelen entströmende, gewaltig aufleuchtende Geistesmacht, die in dieser Zeit traurigster Volksunterjochung hier und dort zu thatkräftigem Leben gediehen war. So unwiderstehlich war ihr Zug, daß er auch in die Paläste drang, auch die Herzen mancher Gewalthaber ergriff und verschiedene Regenten deutscher Länder zu begeisterten Aposteln des Verjüngungswerkes machte. Ihr Wirken ging nach einer oder der anderen Richtung hin. Während Karl August von Weimar vornehmlich der jung aufstrebenden Literatur und Dichtung einen Boden und Mittelpunkt zu behaglichem Wachsen bereitete, war das Bestreben seines Freundes und Gesinnungsgenossen, des erleuchteten und kunstverständigen Fürsten Franz von Dessau, mehr auf praktische Ziele der Veredlung und Wohlfahrt seines Volkes gerichtet. Leider fehlt es in unserer Literatur noch an einem Lebens- und Charakterbilde dieses seltenen Mannes, der unablässig und erfolgreich der großen Aufgabe sich widmete, aus seinem Lande ein auch mit den Reizen landschaftlicher Schönheit ausgestattetes Musterland zu schaffen, ohne daß er mit seiner umfassenden Arbeit und Sorge auf diese Umgestaltung der engen Heimath und namentlich ihres Schulwesens sich beschränkt hätte. Um mit den reformatorischen Erziehungs-Ideen Rousseau’s Ernst zu machen, zu deren eifrigsten und verständnißvollsten Jüngern der Fürst Franz gehörte, errichtete er auch 1774 in Dessau jenes sogenannte „Philanthropin“, das ursprünglich nur eine Art Seminar werden sollte, eine Pflanz- und Uebungsschule junger Lehrer, um von hier aus die frohe Botschaft der befreienden Lehr- und Erziehungsmethode in alle Lande zu tragen. Unter den Hauptpunkten des dafür aufgestellten Programms nennen wir nur zwei für jene Zeit wahrhaft revolutionäre: die Sorge für eine gleichmäßige Entwickelung des Körpers und Geistes und eine vollständige Confessionslosigkeit des Unterrichts, so daß katholische, protestantische und jüdische Zöglinge hier unterschiedslos und in friedlicher Gemeinschaft nur zu gesunden, guten und tüchtigen Menschen erzogen werden sollten. Zum Leiter der von den Aufgeklärten aller Orten mit hohen Erwartungen begrüßten Humanitätsanstalt wurde der berühmte pädagogische Reformator Basedow berufen, aber die Art seines Charakters befähigte ihn nicht für diese Aufgabe. Trotz der hingebenden Aufopferung des Fürsten krankte das in Betreff seiner Absichten schnell zu einem Weltruf gelangte Institut an ungeordneter Wirthschaft und namentlich an geheimen Zwiespältigkeiten des Lehrerpersonals, so daß es erst einen Aufschwung nahm und zu einiger Blüthe gedieh, als 1776 in dem dreißigjährigen Joachim Heinrich Campe ein begeisterungsvoller Verkünder und Vertheidiger der neuen Richtung als Mitcurator und Lehrer gewonnen war.

Mit Einsicht und rüstigster Thatkraft ging Campe an das Werk der Reorganisation, und es wurden auch die Erfolge bald sichtbar. Aber selbst die angestrengteste Selbstverleugnung konnte den Wurm nicht beseitigen, der von vornherein in verborgenen Winkeln der jungen Schöpfung gesessen hatte. Die Kraft des Neuberufenen erlahmte daher bald in eben so aufreibenden wie vergeblichen Kämpfen mit den Genossen; er erkannte, daß er auf diesem Platze nicht bleiben durfte, aber er sah auch, daß sein Gesuch um Entlassung nur einen Sturm von unwiderstehlichen Bitten und Zugeständnissen begegnen würde. Darum wählte er entschlossen, wenn auch mit schwerem Herzen, den Weg der heimlichen Flucht. Während Fürst Franz und die Bewohner seiner Residenz am Vormittage jenes 20. September mit Gefühlen schmerzlichster Ueberraschung nach der leeren Stelle blickten, auf der gestern noch die imposante Erscheinung des geliebten und allseitig verehrten Mannes gestanden hatte, war derselbe schon seit vielen Stunden dem Weichbilde der Stadt und den Grenzen des Ländchens für immer entrückt. Auf einem durch diese aufsehenerregende Flucht berühmt gewordenen Schimmel ritt er ohne Rast, still und in sich gekehrt, nach Hamburg, dem Ziele seiner Wünsche. Alle späteren Vorstellungen und Bemühungen, ihn zur Rückkehr nach Dessau zu bewegen, zerschellten an seiner Entschlossenheit; in eigener Person war Fürst Franz sogar nach Hamburg gereist, um den Unentbehrlichen für das Institut zu retten. Dieser hatte zu deutlich erkannt, daß für den Plan des schönen Unternehmens die geeigneten Werkzeuge noch nicht vorhanden seien. Das Philanthropin verging denn auch wie eine frühreife Blüthe, Campe aber hat es noch lange überlebt in selbstständigem Aufsteigen zu großer Thätigkeit und hohem Ruhm. Unter den Männern, welche die Gedanken des Philanthropinismus vertraten, ist er der Einzige, dessen Geistesspuren noch in lebendigen Strömungen der heutigen Tage deutlich zu erkennen sind. Nicht blos ihm, sondern auch uns selber sind wir es schuldig, daß wir sein Bild und die Erinnerung an sein Leben und Wirken in uns aufzufrischen suchen.

Schon Campe’s Berufung nach Dessau war nur eine Folge der vertrauensvollen Achtung und Anerkennung gewesen, welche der jugendliche Mann durch sein bisheriges Leisten und den Eindruck seiner ganzen Persönlichkeit in hervorragenden Kreisen sich erworben hatte. Nicht ohne schwere Mühen und Kämpfe war er mit eigener Kraft und Begabung zu dieser Stufe emporgestiegen, und wie die Mehrzahl der ausgezeichneten Geisteshelden aller Zeiten blickte auch er auf einen dornenvollen Jugendweg zurück. Sein Vater war zwar aus begütertem adeligem Geschlechte, besaß aber selber nur ein unbedeutendes Gütchen und betrieb zugleich einen bürgerlichen Handel mit Garn und Leinen in dem braunschweigischen Dorfe Deensen. Dort wurde unser Joachim Heinrich am 19. Juni 1746 geboren. Die Verhältnisse der Familie waren damals ganz behaglich. Eine durchaus wohlgesittete patriarchalische Häuslichkeit und das freie Leben auf dem Lande waren der gesunden Entwickelung des befähigten und ungewöhnlich ernsten Knaben günstig, während die Eindrücke der reizend schönen Umgebungen in ihm jenes tiefe Naturgefühl weckten, das eine der stärksten Seiten seines Wesens blieb. All’ dieses stille Glück des elterlichen Hauses reichte jedoch nicht über sein zwölftes Jahr hinaus. Eine schnell verlaufende Krankheit raffte den Vater hinweg, und nicht lange darauf wurde die Ruhe des Dörfchens durch die ersten Heimsuchungen des siebenjährigen Krieges gestört, unter dessen weiteren Drangsalen und Verwüstungen das väterliche Erbe der Campe’schen Familie zum größten Theile verloren ging. Es waren vielfach harte, nur durch unablässigen Fleiß und rüstiges Aufstreben beschwingte Jahre, die der Knabe auf der Klosterschule in Holzminden, der nachherige Studirende der Theologie auf der Universität Helmstedt durchleben mußte.

Unter den theologischen Lehrern dieser Hochschule standen [401] sich damals der freisinnige Teller und der orthodoxe Dunkelmann Carpzow kämpfend gegenüber. Der junge Student fühlte sich sofort mächtig zu Teller hingezogen, saß eifrig zu den Füßen dieses großen Theologen und schärfte seinen Geist an der Erklärung der Bibel und an dem Studium der hebräischen und griechischen Sprache. Rings um die beiden Lehrer wogte ein leidenschaftlicher Parteistreit in Betreff der von ihnen vertretenen Standpunkte, Campe stand indeß fest zu dem Manne der freien Forschung, und es konnte ihn in seiner Armuth wohl betrüben, aber nicht zum Heuchler und in der Verfolgung seiner Richtung nicht irre machen, als die braunschweigische Landschaft ihm ein von ihr bewilligtes Stipendium (jährlich hundert Thaler) aus Gründen entzog, die auch heute noch mannigfach bei solchen Zuwendungen entscheidend sind, wenn man auch nicht mehr naiv genug ist, sie so unverhohlen einzugestehen, wie es damals die braunschweigische Landschaft gethan hat. Diese schrieb nämlich an Campe, „man sei nicht gewillt, die Wohlthaten des Vaterlandes an einen leichtsinnigen(!) Jüngling zu verschwenden, der von verrufenen Irrlehrern (Teller!) sich zum Irrglauben verführen lasse.“ Finanzielle Bedrängnisse und verschiedene, durch die vermehrten Entbehrungen und Anstrengungen hervorgerufene Krankheitsleiden waren die Folgen dieses Verlustes, aber sie verbitterten den frischen Humor und beugten den Muth des heitern und warmherzigen Jünglings nicht. Mit allen Kräften erstrebte er eine möglichst allseitige wissenschaftliche Ausbildung, und es zeigte sich schon damals bei ihm ein lebhafter Drang und eine entschiedene Fähigkeit zu schriftstellerischem und dichterischem Schaffen. Von Helmstedt war er 1768 nach Halle gegangen, und hier übte Semler, damals der kühnste und bedeutsamste unter den Vorkämpfern der freimüthigen protestantischen Theologie, einen mächtig bestimmenden Einfluß auf die Entwickelung des neuen Jüngers. In Halle selber aber gefiel es demselben nicht, und da seine Universitätsstudien ohnedies beendigt waren, zog es ihn nach Berlin, wo eben unter dem Schutze des großen Friedrich ein neues Geistesleben zu erblühen schien und wohin jetzt Alles den Blick gerichtet hielt, was an aufstrebender Kraft und an hochfliegenden Hoffnungen in Deutschland sich regte.

Durch Empfehlung Teller's kam denn auch der junge Candidat als Erzieher in das Haus des Major von Humboldt, wo er zuerst den Stiefsohn desselben unterrichtete, später aber auch der erste Lehrer und Erzieher der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt wurde. Ein schönes Zeugniß für Campe und für die bereits von ihm erlangte Geistes- und Charakterreife liegt in dem Umstande, daß er nicht blos in der ausgezeichneten Häuslichkeit, die ihn gern zu den Ihrigen zählte, sondern auch in den hochgebildeten Gesellschaftskreisen, unter den Schriftstellern und sogenannten Weltweisen der Hauptstadt eine beachtete und angesehene Persönlichkeit war. Seine dichterischen Beiträge zu Göckingk’s Musenalmanach und namentlich seine philosophischen Abhandlungen zeigten nach Inhalt und Stil einen durch Bildung und Begabung über das Mittelmäßige sich erhebenden Menschen, während seine Erscheinung, die ziemlich hohe und schlanke Gestalt, das edel und regelmäßig geformte Antlitz mit dem seelenvollen Auge einen herzgewinnenden Eindruck machten, der noch wesentlich verstärkt wurde durch eine ungezwungen bescheidene und doch eigenthümlich feierliche Weise des Auftretens und Benehmens. Auch mit den Hofkreisen kam er in freundliche Berührung, so daß ihn der damalige Kronprinz (nachherige König Friedrich Wilhelm der Zweite) zum Feldprediger in Potsdam berief, wo er von 1775 ab auch eine Zeitlang als Prediger an der Heiligengeistkirche wirkte. Das geistliche Amt aber befriedigte seinen inneren Drang und gewann seine Zuneigung nicht, wenn es ihm zunächst auch, trotz des dürftigen Gehalts, die hinreichende Selbständigkeit gegeben hatte, mit seiner geliebten Marie Hiller in Berlin jenen Ehebund zu knüpfen, der Jahrzehnte hindurch für ihn und alle Genossen und Freunde seines Hauses durch die ausgezeichneten Eigenschaften dieser gemüth- und geistvollen, eben so anmuthigen wie tüchtigen Frau ein überaus reicher Quell des Segens geworden ist. Gerade aber diese Begründung häuslichen Glückes gab ihm gleich anfänglich der Sporn und Schwung, sein über das Enge und Alltägliche hinausstrebendes Wollen und Können nicht in pastoraler Handwerksmäßigkeit verkümmern zu lassen. Von Dessau winkte das Philanthropin mit der Aussicht auf eine bedeutsame, der gesammten Menschheit geltende reformatorische Thätigkeit, auf die Verwirklichung hoher, mit aller Gluth der Seele längst von ihm erfaßter Ideale. Wir haben gesehen, wie diese Hoffnungen Campe's und des ihm stets wohlwollend gebliebenen Fürsten Franz an der Unreife der Zustände und an der Unzulänglichkeit der Menschen gescheitert sind.

Als Campe „aus Gewissensdrang“ heimlich von Dessau entfloh, hatte er eine begründete Stellung und eine gesicherte Zukunft für sich und die Seinigen aufgegeben. Ohne jeglichen Boden und Rückhalt stand er allein auf der Welt, ganz nur auf seine eigene Kraft angewiesen inmitten eines Vaterlandes, das im Ganzen für die Stimme des Geistes noch nicht viel Gehör und Theilnahme zeigte. Der Zustand des Volksgeistes und der Unterthanenschaften war weit und breit noch ein verwahrloster, die politische Lage des Bürgerthums eine tiefherabgedrückte, die Theilnahme für Allgemeines und Geistiges nichts weniger als rege. Dahin hatten Jahrhunderte hindurch Zersplitterung und Ohnmacht, sowie ein umfassender geistlicher und weltlicher Despotismus jene Millionen gebracht, die nur durch den Mutterboden, auf dem sie wohnten, und durch die Gleichheit ihrer Sprache, ihres Charakters und ihrer Sitten als eine zusammengehörige deutsche Nation sich zu erkennen gaben. Aber seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war endlich der Wendepunkt eingetreten, wo dies anders werden sollte. Die Nation war ja nicht gestorben, sondern nur durch die willkürliche Gewaltherrschaft ihrer Bedränger in Betäubung und unbeholfene Erstarrung versetzt; nach langer und regungsloser Stumpfheit erwachte in den Tiefen ihrer Seele die warme und herzensfrische Lebenskraft und kündigte zunächst in dem majestätischen Aufstrahlen einzelner Lichter sich an. Nacht war es ringsumher noch in den Geistern der Massen, aber um Erwecker wie Lessing, wie Klopstock etc. sammelte sich bereits eine Schaar empfänglicher Jünger, deren Kreis mehr und mehr sich vergrößerte. Aufklärung und Humanität wurde der Schlachtruf dieser Bewegungsmänner und mit Wort, Schrift und That eröffneter sie den Kampf gegen eine versteinert in den Köpfen und Herzen sitzende Weltanschauung voll roher Unduldsamkeiten und engherziger Vorurtheile, voll hochmüthiger Menschenverachtung oder knechtischer Würdelosigkeit.

Die Gemeinde dieser „Aufgeklärten“ war nicht groß, aber sie war fast über alle Theile Deutschlands verbreitet und bestand meistens aus bewußten, hingebenden, zu thätigem Eingreifen entschlossenen und befähigten Streitern. Die Literatur und die Acten der Zeit geben Zeugniß von der Inbrunst und Energie, mit welcher diese ersten Entzünder des Lichtes ihren Ueberzeugungen Bahn zu brechen und ihr Werk zu fördern suchten. Das war die Fahne, zu welcher auch Campe sich gesellt hatte; die Verbreitung und Befestigung humaner Bildung, das Wirken für Befreiung, Duldung und Menschenversöhnung wurde für ihn immer mehr und mehr die Aufgabe, der er sein Talent, sein reiches Wissen und helles Denken, allen hohen Ernst seines Wesens, allen Drang und alle Kraft seines unleugbar reinen, liebreichen und tapferen Herzens zur Verfügung stellte. Kenner unserer Zeitgeschichte wissen sehr wohl, daß es später im Bereiche der „entschiedener“ fortgeschrittenen Standpunkte Mode wurde, mitleidig auf den Ideengehalt jener Aufklärungsperiode des achtzehnten Jahrhunderts herabzusehen und denselben höhnisch als schwächlichen und seichten „Aufkläricht“ zu bezeichnen. Dieser Hochmuth aber ist wieder verstummt oder doch bedeutend kleinlauter geworden, seitdem ein eingehenderes Studium der geschichtlichen Zusammenhänge das Gefühl der Gerechtigkeit und Dankbarkeit in Bezug auf Vergangenes geweckt und seitdem tief eingreifende Vorgänge unserer Tage uns handgreiflich belehrt haben, daß wir mit unseren größeren Erfahrungen und unserer tiefer und weiter gewordenen Erkenntniß im Grunde doch noch denselben Kampf zu führen haben, den die Geistesapostel des vorigen Jahrhunderts gegen Dummheit und Verwahrlosung, gegen staatlichen Despotismus und pfäffische Verfinsterung für eine bessere Erziehung und Belehrung des Volkes in so eifriger und musterhafter Weise zuerst eröffnet hatten. Wohl uns, wenn die Menschheit jetzt schon auf dem Punkte stände, wohin ein Campe vor mehr als hundert Jahren sie heben und bringen wollte!

Hamburg gehörte zu den Orten, wo der bezeichnete Umschwung des geistigen Lebens in den gelehrten sowohl wie in den kaufmännischen Kreisen eine beträchtliche Schaar treuer und verständnißvoller Anhänger gefunden hatte. Der flüchtige Campe [402] folgte einem richtigen Zuge des Herzens, als er dorthin seine Schritte lenkte. Ein bescheidenes Quartier hatte er bald gemiethet und dasselbe wurde zu einer wahrhaften „Wohnung des Friedens“, als ihm Weib und Töchterchen von Dessau her in das neue Asyl gefolgt waren. Hier wollte er sich und die Seinen zunächst durch schriftstellerische Arbeit ernähren. Aber es kam ihm auch in der großen Handels- und Weltstadt wieder so viel aufrichtige Gastfreundschaft, so viel Liebe und Vertrauen entgegen, daß er sich gegen seinen Willen bald von Neuem in die eben erst verlassene erzieherische Laufbahn verschlagen sah. Einige befreundete Männer, reiche, wackere und hochangesehene Kaufleute Hamburgs, baten ihn so dringend, die Erziehung ihrer Söhne zu übernehmen, daß er nicht widerstehen konnte. So entstand allmählich jenes berühmt gewordene, reizend im Billwerder Ausschlage am grünen Hammerdeiche gelegene Erziehungsinstitut, in welchem die Grundsätze des verbesserten Unterrichts- und Erziehungswesens so durchaus lebenswarm und musterhaft vor den Augen der Welt verwirklicht und erprobt wurden. Bei der absichtlich nur beschränkten Zahl der Zöglinge (nicht mehr als zwölf) gestaltete sich diese Stätte allmählich zu einem Quell des Heils und der reinsten Beglückung. Hier walteten der große Menschenbildner und seine verständnißinnige Gattin mit der unermüdeten Hingebung eines hochsinnigen Elternpaares, und es war über ihr Verhältniß zu den ihnen anvertrauten Knaben und Jünglingen, so wie über das Thun und Schaffen des ganzen Kreises ein Glanz der Liebe, des Eifers und der gesunden Frische und Heiterkeit gebreitet, der die sehr zahlreich oft von weiter Ferne herbeikommenden, meistens hervorragenden Besucher bezauberte und zur Bewunderung hinriß. Und noch ein anderes Glück war Campe durch diesen Aufenthalt am „grünen Deich“ gewährt. „Ich bin jetzt ganz Landwirth,“ so schrieb er 1779, „und dabei mit meinem ganzen Hause so gesund, als wir nie gewesen sind … wie viel ich jetzt arbeite und ohne Erschlaffung arbeiten kann, davon haben Sie keine Idee. Ich schreibe beinahe immer für zwei Pressen.“

In der That war das schriftstellerische Leisten Campe’s während dieser Hamburger Periode ein ungemein fruchtbares. Während er mit den bedeutsamsten Geistern der Epoche – wir nennen nur Klopstock und Lessing – in reger Correspondenz und naher Freundschaftsbeziehung stand und für alle großen Fragen des sittlichen und materiellen Volkswohls ein offenes Auge hatte, wurde er im eminentesten Sinne zugleich der Jugendschriftsteller seiner Zeit. Unter den Erzählern und Schriftstellern für die Jugend hat keiner wieder die Bedeutung, das Ansehen und den Einfluß Campe’s erlangt, und sind seine Kinderschriften später von Kritikern und Literarhistorikern stark getadelt worden, so war es, wie mit Recht dagegen bemerkt wurde, die rein ästhetische Betrachtungsweise, welche bei gänzlichem Zurseitelassen der pädagogischen Gesichtspunkte zu solchen absprechenden Urtheilen führte. Alle Jugendschriften Campe’s gehen von dem leitenden Grundsatz aus, daß man der erstrebten Umgestaltung der menschlichen Zustände auch neue Menschen entgegen bringen müsse.

Der Lectüre der ersten Lebensperiode fiel in dieser Hinsicht eine große Aufgabe zu und für ihre ersprießliche Lösung vereinigte sich in Campe die Kraft des Dichters mit den vielseitigen Wissen des Gelehrten und dem methodischen Geschicke des von innigster Liebe zu der Kinderwelt beseelten Pädagogen und Lehrers. Ein Zeugniß dafür ist unter Anderen die in Hamburg erschienene „Kinderbibliothek“, und vor Allem die schönste und duftigste Blüthe im reichen Kranze der Campe’schen Jugendschriften sein „Robinson der Jüngere“, bekanntlich eine durchaus selbstständige Bearbeitung des bekannten Defoe’schen Romans. Das Buch entstand aus mündlichen Erzählungen Campe’s an seine Zöglinge und aus wirklich daran geknüpften Unterhaltungen mit den Kindern. Es ist hier nicht der Ort, den späteren ästhetisch-kritischen Angriffen gegenüber, die außerordentlichen Vorzüge dieser Leistung zu beleuchten. In seiner Vorrede bemerkt Campe selbst, daß es ihm nicht allein um Unterhaltung, auch nicht allein um die Belehrung der jungen Leser, oder nur um eine allgemeine, sittliche Einwirkung auf dieselben zu thun gewesen sei. Ausdrücklich wollte er vielmehr auch durch das Büchlein für eine specielle Culturaufgabe der Zeit wirken und einer schlimmen Krankheit derselben entgegen arbeiten: den müßigen Rührungen eines in eingebildeter süßlicher Schäferwelt lebenden Empfindsamkeitsfiebers, „dieser garstigen Seuche, die zwar nicht mehr am hellen Tage verdirbt, aber noch immer im Finstern schleicht und die junge Nachkommenschaft an Leib und Seele zu schwächen, ihre Selbstthätigkeit zu untergraben droht“. Allen diesen Zwecken ist denn wohl auch durch den ungeheuern Erfolg, die beispiellos große und besonders durch ihre Nachhaltigkeit sich auszeichnende Verbreitung des „Robinson“ gedient worden, der schnell eine Weltberühmtheit erlangte und seit nunmehr achtzig Jahren mit den freundlichsten Jugenderinnerungen aller seitdem erstandenen Geschlechter verwachsen ist. Wir wissen nicht, wie groß in unserer Literatur die Zahl der Bücher ist, die, wie Campe’s „Robinson“, in alle europäische Sprachen übersetzt sind, sogar in’s Lateinische, in’s Neugriechische und Russische. Aber zu den seltenen Ausnahmen gehört es wohl, daß solche Uebersetzungen in den betreffenden fremden Ländern eine Reihe von neuen Auflagen erlebten, wie der „Robinson“. Vom deutschen Original war 1833 bereits die siebenundzwanzigste, 1872 die zweiundachtzigste Auflage erschienen.

[420]
II.

Trotz des Glückes, dessen Campe in Hamburg sich erfreute, finden wir ihn 1786 zu fester Ansiedelung in Braunschweig, der Hauptstadt seines Geburtslandes. Schon einige Jahre vorher hatte er aus Rücksichten auf sein durch große Anstrengungen erschüttertes Nervensystem das Hamburger Institut auflösen müssen. Mit nur vier Schülern zog er drei Meilen weiter nach einem Dorfe an der Bille, wo er seine Arbeit zwischen der Landwirthschaft und der Erziehung seiner Zöglinge theilte. Von hier aus war Campe dem Rufe nach Braunschweig gefolgt und hatte nun in der That den Boden gewonnen, auf dem seine im Sturm und Drang der bisherigen Lehr- und Wanderjahre gereifte Meisterschaft voll und ganz sich entfalten konnte. Als Schulrath sollte er eine Verbesserung des Schulwesens anbahnen, was freilich an dem Widerstande der „alten Unverbesserlichen“ scheiterte, unter denen eine zelotisch-orthodoxe Geistlichkeit das schürende Element war· Schon in Hamburg hatte derselbe Pastor Götze, welcher Lessing zu denkwürdigem Widerspruche gezwungen, auch Campe zu stören gesucht, aber es blieb dem Hetzer gegen den Privatmann nur das plumpe Stichelwort auf der Kanzel, und dieses verhallte spurlos an den Ohren der aufgeklärten Freunde. In Braunschweig jedoch war das anders; hier sollte der „ketzerische Neuerer“ seine Ideen mit staatlicher Autorität durchführen; hier war eine mächtige Pastorenhierarchie, die in den adeligen Mitgliedern der Landstände Befürchtungen vor der Erleuchtung des Volkes erregte und dem Unternehmen so erhebliche Schwierigkeiten bereitete, daß selbst der Herzog bald den größten Theil seines Lieblingsplanes aufgeben mußte. Nach wie vor aber blieb dieser der unerschütterliche Freund und Beschützer des Mannes, den er gerade wegen seines Freimuthes und seiner Freisinnigkeit zu sich berufen hatte. Ueberblicken wir die unwidersprechlichen Thatsachen dieses überaus liberalen und zartfühlenden Verhaltens, so kann uns dasselbe nur mit dankbarer Bewunderung erfüllen, und überrascht müssen wir [421] uns[WS 1] fragen, ob das auch wirklich derselbe Fürst war, der einst den gleichfalls hierherberufenen Lessing in elender Stellung hatte verkommen und sich verbittern lassen. Der grelle Widerspruch löst sich aber, wenn wir bedenken, daß der Herzog vorwiegend praktische Ziele im Auge, daß er nicht den Blick des weimarischen Karl August für die ernste Bedeutung des blos schriftstellerischen und dichterischen Schaffens hatte. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß Campe von jener üblen Behandlung Lessing’s gewußt, aber wir haben kein Zeugniß, wie er darüber geurtheilt hat. Gewiß nur ist, daß er zu den Auserwählten gehörte, welche für die im Ganzen erst von der Nachwelt erkannte Bedeutung des großen Gedankenkämpfers schon bei dessen Lebzeiten ein volles Verständniß hatten, daß er in Liebe und Bewunderung zu ihm aufblickte, wie ein Jünger zu seinem Meister. Als Lessing nach Wolfenbüttel ging, rief Campe in einem schwungvollen Gedichte seinem braunschweigischen Vaterlande zu: „Sei stolz! Ein neuer Glanz verbreitet sich über Deinen Ruhm … In Famens Tempel wird Dein Name brennen, seit Lessing Deine Grenzen ziert.“ Auch war es Campe, der auf dem braunschweigischen Friedhof das bereits eingesunkene Grab Lessing’s wieder ausfindig gemacht und es durch einen einfachen Denkstein vor dem Vergessenwerden bewahrt hat.

Wenn es der Reactionsclique gelungen war, die beabsichtigte reformatorische Schulwirksamkeit Campe’s lahm zu legen, so waren diese Feinde doch ohnmächtig, der Kraft und dem Einflusse seines Wortes Schranken zu setzen. Die Gedanken, welche er thatsächlich nicht ausführen durfte, wurden dennoch weiter in alle Welt getragen durch die feurigen Zungen der Presse. Unter dem Schutze des Herzogs, der ihm Befreiung von der Censur gewährte, schwang sich seine literarische Thätigkeit in Braunschweig zu einem Glanze und einer Höhe publicistischen Wirkens und Einflusses auf, dessen Folgen unbedingt fortgelebt haben in allen späteren Entwickelungen deutschen Freiheitsstrebens. Wie gegenwärtig die pietistische Partei der inneren und äußeren Mission bestimmte Herstellungs- und Betriebsstätten für ihre Agitationsschriften hat, so gewann die Aufklärungsbestrebung damals einen glücklichen Mittelpunkt in dem von Campe unter der Firma „Braunschweigische Schulbuchhandlung“ gegründeten Verlagsgeschäft nebst Druckerei, ein Unternehmen, das der Herzog durch Schenkung und Ueberlassung von fürstlichen Gebäuden auf das Kräftigste unterstützte. Von hier aus gewannen Campe’s frühere Erziehungs- und Jugendschriften einen unglaublichen Absatz; hier führte er seine große „Schul-Encyclopädie“ in’s Leben, eine vollständige Sammlung neuer, den Fortschritten der Bildung entsprechender Schulbücher; hier begründete und leitete er mit erlesenen Genossen jenes „Braunschweigische Journal“, das als Pionier der deutschen Publicistik bezeichnet werden muß und durch seine scharfen, lebendig und elegant geschriebenen Erörterungen tiefer in die Zeit griff, als irgend ein früheres periodisches Unternehmen. Dabei benutzte der gewandte Kämpfer jede sich darbietende Gelegenheit, für die Sache des Fortschritts seine Stimme zu erheben.

Als nach dem Ableben Friedrich’s des Großen der Nachfolger desselben den Thron bestieg, der ja Campe früher durch besonderes Vertrauen ausgezeichnet hatte, da richtete dieser an den neuen König jene damals so berühmt gewordenen und mit Unrecht vergessenen „Fragmente über einige verkannte, wenigstens ungenutzte Mittel zur Beförderung der Industrie, der Bevölkerung und des Wohlstandes“ – ein kühl erscheinender Titel, hinter dem aber ein ungemein warmer Inhalt liegt. Oeffentlich, unter den Augen des großen Publicums stellt hier der einzelne Schriftsteller seine aus dem Denken erzeugten Forderungen direct an den Träger der höchsten Gewalt. „Vernunft und Aberglaube,“ so schreibt er demselben, „Aufklärung und neue Verfinsterung des menschlichen Geistes, Gewissensfreiheit und Gewissenszwang liegen – jene mit ihrem ganzen Segen, diese mit ihrem ganzen Gräuel – auf der Wage; des großen Friedrich Nachfolger steht daneben. Ein Wink von ihm – und das Glück der Menschheit ist entschieden, es hebt ein Zeitalter an, goldener und seliger als jenes in der Fabel.“ Das Merkwürdige an der Schrift ist, daß es schon die socialen Uebel und wirthschaftlichen Schäden der Zeit sind, auf welche Campe hier vornehmlich seine Aufmerksamkeit richtet; er sinnt, wie die Menschen wieder emsiger, industriereicher, erwerbsamer gemacht werden können. Es ist natürlich Fragliches in diesen Ausführungen, und es findet sich überhaupt Manches darin, das eine weitere Erkenntniß, eine tiefere Ergründung als unzulänglich und unhaltbar herausgestellt. Aber abgesehen von solchen Einzelnheiten, ist die Grundanschauung des Ganzen eine bewunderungswürdig gesunde, und zu wirklich prophetischem Schwunge erhebt sich der Gedankengang in dem Abschnitt, der vom König, dem wüsten Hader und Despotismus des engherzigen Theologentreibens und Confessionswesens gegenüber, eine consequent durchgeführte Duldung aller religiösen Standpunkte und Ueberzeugungen verlangt und die beglückenden Folgen dieser allgemeinen und vollkommenen Gewissensfreiheit für Staat und Volk in den begeisterungsvollsten Ausdrücken schildert – ein von edler Gluth, von heiligem Glauben an die Freiheit durchhauchtes Kampfeswort, das wie ein Blitzstrahl in die gedrückten Stimmungen und verrotteten Zustände jener Tage fiel.

Aber Campe’s aufrüttelnde Thätigkeit wider den Geist der Verfinsterung, wider verknechtende Unwissenheit und priesterliche Herrschsucht, ist mit der Hinweisung auf jene „Fragmente“ noch nicht bezeichnet. Mit feuriger Energie und einer Unermüdlichkeit ohne Gleichen führte er den Kampf auf die verschiedensten Gebiete, und wir heben hier aus der großen Zahl seiner Schriften nur das 1789 erschienene, in einer langen Reihe von Auflagen verbreitete Buch „Väterlicher Rath an meine Tochter“ hervor, das noch heute in möglichst weiten Kreisen gelesen und beherzigt werden sollte. Die Frage eines nach Inhalt und Form der Zeitbildung entsprechenden Religionsunterrichts steht bei uns noch immer unentschieden auf der Tagesordnung, und der Streit über den Gegenstand ist selbst im großen Lager der Liberalen ein ebenso heftiger wie endloser. Sollte man hier nicht bei den scharfsichtigen Aufklärungsmännern des vorigen Jahrhunderts ein wenig in die Schule gehen und, trotz alles in mancher Hinsicht sehr unberechtigten Fortschrittsdünkels, Einiges von ihnen lernen können? Höre man zum Beispiel, wie Campe vor nun beinahe neunzig Jahren seine Tochter und somit ihre Altersgenossinnen öffentlich über die Punkte belehrte, die sie, den Anforderungen eines damals noch ganz unerschütterten Glaubens- und Kirchenzwanges gegenüber, von ihrem religiösen Anschauen und Empfinden fern halten sollen. Er schreibt: „1. Alles, was Dir nach redlicher Anstrengung aller Deiner Seelenkräfte dennoch unverständlich bleibt, oder in einem wirklichen Widerspruche mit anderen völlig ausgemachten Wahrheiten der Vernunft und der Religion steht, das gehört nicht zur Religion, wenigstens nicht zu Deiner Religion, und Du bist berechtigt, es davon auszuschließen. Denn kein Mensch ist verpflichtet, etwas zu erkennen, was er nicht erkennen kann, oder etwas anzunehmen, was anderen als gewiß erkannten Wahrheiten widerspricht. Dieser Satz leidet keine Ausnahme. 2. Alles, worüber Diejenigen, welche der Gottesgelehrsamkeit ihr Leben gewidmet haben, unter sich selbst uneins sind, worüber sie sich zanken, anfeinden und verfolgen, das gehört nicht zur Religion, wenigstens nicht zu der Religion, welche Christus uns gelehrt hat. Wie könnte dem bloßen Laien zugemuthet werden, daß er heller sehe, als seine Führer? Wie könnte etwas ein Theil des Evangeliums sein, d. h. einer frohen, beseligenden Verkündigung, was die Menschen zänkisch, hart, lieblos und verfolgungssüchtig macht? 3. Alles, was keinen Einfluß auf unser Leben und auf unsere Handlungen hat, was weder zur Verbesserung und Veredlung, noch zur Beglückung der Menschen taugt, das gehört nicht zur Religion, die in allen ihren Theilen eine Lehre zur Tugend und Glückseligkeit sein soll.“

Gewiß, es war ein bewegungsschwangeres, auf große Umwälzungen hinarbeitendes Jahrzehnt, durch dessen verfinsterte Atmosphäre von allen Seiten her solche lichte, so bewußt, so entschieden und kampfesmuthig gegen eine traurige Wirklichkeit sich auflehnende Gedanken zuckten. Aus solcher Gewitterschwüle mußte nothwendig die Explosion sich erzeugen; es mußte einem unerhörten Drucke endlich die Erhebung der niedergetretenen Völker folgen. In Frankreich kam der Gedankensturm 1789 zu thätlichem Ausbruch. Campe gehörte zu jenen hervorragenden Denkern Deutschlands, welche dieses erste Heraufleuchten des Menschen- und Volksrechtes in der europäischen Geschichte mit Bewunderung und großen Hoffnungen erfüllte. Mit seinem einstmaligen Schüler Wilhelm von Humboldt eilte er nach Paris. Seine damals [422] zuerst im „Braunschweiger Journal“ abgedruckten „Briefe aus Paris“ bilden ein historisch werthvolles Zeugniß der Herzenswärme und des politischen Verständnisses, mit welchem der längst allem Schulstaube und allem kümmerlichen Magisterthum entwachsene deutsche Pädagog und Schriftsteller den Geist der Revolutionsereignisse zu würdigen und zu schildern vermochte. Auch nach seiner Rückkehr in die Heimath blieb er der begeisterte Vertheidiger der Revolutionsgedanken, und ihre spätere Ausartung, die er tief verabscheute, konnte ihn in dem Glauben an ihre ursprüngliche Reinheit und Berechtigung nicht irre machen. Dieser Ueberzeugungsmuth aber wurde für ihn ein Quell des Aergernisses und der vielfachsten Kämpfe. Schon früher hatten die zelotische Geistlichkeit und das conservative Junker- und Beamtenthum eine Fluth von boshaften Schmähschriften wider den Gefürchteten losgelassen. Nach der althergebrachten und heut noch üblichen Kampfesart dieser für ihre Macht zitternden Kasten wollten sie vor Allem den guten Namen ihres Gegners und damit am sichersten seinen Einfluß untergraben. Campe war nicht der Mann, solche Angriffe lange ohne Gegenwehr zu lassen. In seiner herrlichen Schrift „An meine Freunde“ (1787) hatte er die „ungesitteten Knaben“ gezüchtigt, die ihn mit literarischem Koth bewarfen, und zugleich versprochen, daß er sich auch ferner niemals abhalten lassen werde, „den Aberglauben aufzudecken, Vorurtheile zu bekämpfen und – Schurken zu entlarven in dem Lande, wo Lessing’s Asche ruht“. Dieses geharnischte Wort machte die Verleumder ein paar Jahre hindurch schweigen. Als er aber nach Paris gegangen war und nun die Revolution als die größte Wohlthat zu preisen begann, welche die Vorsehung seit Luther’s Reformation der Menschheit zugewandt, als später sogar der National-Convent ihm (zugleich mit Klopstock, Schiller und Matthison) das französische Bürgerrecht ertheilte, da wurde der muthige Vertheidiger des Volksrechts inmitten des politisch verkommenen Deutschlands von den verschiedensten Seiten her als „deutscher Jacobiner“ angefeindet.

Das erneuerte Anstürmen würde indeß ohne jede ernstere Folge geblieben sein, wenn es nicht dieses Mal einen Rückhalt gefunden hätte an einer traurigen Wendung der preußischen Politik. Der gutmüthige, aber zur Mystik geneigte Friedrich Wilhelm der Zweite hatte die Hoffnungen der Campe’schen „Fragmente“ nicht erfüllt; er unterlag dem Einflusse seiner pietistischen Umgebung; der zelotische Wöllner wurde sein Minister, und es kam das berüchtigte Religionsedict, das die Regierungsgrundsätze Friedrich’s beseitigen und den finstersten Gewissenszwang des Mittelalters wiederherstellen wollte. Eine tiefe Entrüstung ging durch die Reihen der Gebildeten, Campe aber gab derselben öffentlich unerschrockenen Ausdruck, indem seine Schrift „Freimüthige Gedanken“ den Minister Wöllner und seine schwarzen Genossen als „Verbrecher gegen den Staat und die Menschheit“ bezeichnete. Natürlich wurden solche Angriffe zu directen Hetzereien am Berliner Hofe benutzt; es erfolgten geschärfte Censurvorschriften in Preußen und Mahnungen an den Herzog von Braunschweig, die denselben ängstlich machten, so daß er eine Commission niedersetzte, von welcher Campe und seine Mitarbeiter die Weisung erhielten, „hinfüro in ihrem Journal alle theologischen und politischen Gegenstände ganz unberührt zu lassen und sich jeder Kritik benachbarter Regierungen zu enthalten“. Für einen Charakter von der Art Campe’s war dies ein Todesurtheil, dem er freiwillig sich nicht fügen konnte. In demselben Jahre (1792), wo er in einer Darlegung die gegen ihn ausgestreuete Verdächtigung undeutscher Gesinnung siegreich abwehrte, verfaßte er als Antwort auf den Censurbefehl der herzoglichen Commission jene unvergeßliche Denkschrift, in welcher er das Recht der Preßfreiheit als ein unveräußerliches Recht der Menschheit vertheidigte.

Der Kampf Campe’s für die ihm vor seiner Uebersiedelung nach Braunschweig ausdrücklich bewilligte Preßfreiheit war ein langer; für den Fall seiner Niederlage war er fest entschlossen, seine blühende Buchhandlung und Druckerei aufzulösen und sich mit den kläglichen Trümmern seines Vermögens in ländliche Einsamkeit zurückzuziehen. In einer der betreffenden, von ihm verfaßten Eingaben heißt es u. A.: „Kein Mensch, kein Staatsbeamter, selbst Kaiser und Könige nicht, haben ein Recht, öffentliche Unbilde zu verüben und das öffentliche Urtheil darüber zu verbieten. Diese Wahrheiten gehören zu den erwiesensten, die ich kenne.“ Andere Stellen lauten: „Was sollte aus dem deutschen Staatskörper werden, wenn die Oeffentlichkeit, dieser letzte Hebel gegen willkürliche Herrschsucht und Verfinsterungswuth, uns aus den Händen gewunden werden sollte? Ich erschrecke bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit dieses Unglücks, des größten und schauderhaftesten von allen, welche unser armes Deutschland treffen könnten, und ehe ich den schweren Fluch auf mich laden wollte, möchte ich die Hand, die diese Unterschrift geben könnte, tausend Mal lieber abhauen lassen. Die Schriftsteller sind ja die einzigen Fürsprecher des Volks, da, wo es keine anderen hat. Und was sollte aus dem armen Volke werden, wenn auch diese Sachwalter nunmehr gänzlich verstummen sollten?“ … „Mein Vermögen, mein Leben, meine Freiheit stehen in der Hand der Menschen, aber meine Ehre und mein Gewissen sind von jeder äußeren Einwirkung unabhängig, sind mein im eigentlichsten und vollsten Sinne des Wortes. Man kann mir jene nehmen, aber Ehre und Gewissen kann und werde ich gegen die ganze Welt, gegen die Hölle selbst, wenn es eine giebt, in ihrer ganzen unverletzlichen Reinheit behaupten.“

Campe’s entschiedenes Eintreten für die Freiheit der Presse und seine in dieser Sache geschriebenen Manifeste ragen nicht blos als glänzende Thaten aus der Geschichte der deutschen Publicistik hervor, sondern auch als die ersten Blüthenkeime einer deutschen Freiheitsbewegung, welche hier alle ängstlichen Umhüllungen durchbrochen und zu kräftigstem Aufsprossen sich entfaltet hatten. Nach langen Verhandlungen entschied zuletzt der Herzog, daß er Campe vertrauensvoll die bisherige Freiheit auch ferner gewähre, und dieser hat nun ungehindert noch eine ganze Reihe von Jahren sein schriftstellerisches Wirken zur Förderung des Lichtes und zum Aergerniß aller bereits in Sorge gerathenen Duckmäuser und Dunkelmänner fortgesetzt. Den letzten Abschnitt seines Lebens wendete er bekanntlich mit seltener Ausdauer dem Studium der deutschen Sprache zu. Bekannt sind sein energisch geführter Kampf wider die Fremdwörter und sein „Wörterbuch der deutschen Sprache“.

Im Jahre 1791 hatte der thätige Mann vor einem der Thore Braunschweigs einen geräumigen Garten gekauft, der noch jetzt seinen dortigen Nachkommen gehört. In stiller ländlicher Lieblingsbeschäftigung fand er hier wieder einen unversiechlichen Quell der Erfrischung und Erholung. Und als der Buchhändler Vieweg, der Gatte seiner geliebten Tochter Lotte, mit dieser von Berlin nach Braunschweig übergesiedelt war, da hatte ein Kreis liebenswürdiger und liebevoller Menschen sich geschlossen, in dem Campe lebte und waltete wie ein Patriarch des alten Bundes. An Besuchen hervorragender Menschen fehlte es fast niemals auf dieser Musterstätte gebildeten deutschen Familienlebens, und nur die Beschränkung unseres Raumes verbietet uns, die noch vorhandenen Berichte der verschiedensten und namhaftesten Zeitgenossen anzuführen, die sich in Lob und Preis ergehen über die Eindrücke, die ihnen von dem edlen Geiste dieses Hauses und von seinen einzelnen Mitgliedern geworden sind. Um den Seinigen ein alljährlich sich neu verjüngendes Erbe zu hinterlassen, arbeitete Campe unermüdlich schaffend in seinem Garten. Im Frühling 1800 begann er damit, einen sehr großen Theil dieses weiten Grundstücks in Waldung zu verwandeln, und es belief sich die Gesammtzahl aller hier durchweg von ihm selbst gezogenen und gepflanzten Bäume auf nicht weniger als dreiunddreißigtausend. Und im Laufe dieser Arbeit kam ihm auch der Gedanke, im Schatten seiner jährlich neu ergrünenden Zöglinge für sich und seine Kinder die letzte Ruhestätte zu errichten. Der Plan dazu wurde schnell entworfen und ausgeführt – ein sinniges Grabmal würdig des Weisen, der am Abende des Daseins mit heiterer Ruhe auf den durchlaufenen Tag und seine heißen Stürme zurückschauen konnte.

Und wenn der greise Campe in seiner tiefen Bescheidenheit von sich selber sagen durfte, daß er redlich und im Schweiße des Angesichts seine Lebenspflicht erfüllt, so ließ auch draußen die Welt nicht ab, ihm durch Beweise der Liebe diese Beruhigung zu geben. Schon früher hatte sich das auf allen seinen Reisen gezeigt. So zog er z. B. einst in Gießen auf dem Wege nach Hanau „wie der Rattenfänger von Hameln“ durch die Stadt, von dem lautesten und heitersten Schwarm begleitet. Eine große Heerde von muntern Kindern aus den ersten Häusern hing sich an ihn. Fünf Hofmeister gingen als Adjutanten nebenher. So schleppten sie den verehrten Erzähler und Jugendschriftsteller vor sich her bis [423] vor das Thor, wo er die Post erwartete. Wohin er kommen mochte, auch im Auslande, erlebte er diese Wirkung seiner Bücher.

Campe sah noch die glorreiche Befreiung des Vaterlandes aus der Schmach der Franzosenherrschaft, als aber diese Ketten gebrochen waren, neigte sein Stern sich zum Untergange. Ein traumhaftes Dämmerleben umwob einige Jahre hindurch seine lichte Seele, und am 22. October 1818 ist er zu der Freiheit erlöst worden, die er hienieden nicht sollte erstehen sehen. Unter dem Hügel, den er selber so lieblich sich in seinem Garten errichtet, hat er den letzten Ruheplatz gefunden. Ohne Glockengeläute, ohne großes Trauergefolge, ohne Begleitung eines Geistlichen wurde er in der Frühe des Morgens dort in das Grab gesenkt.

Aus allen Ständen und Classen Deutschlands bis tief in die untern Schichten hinein erklang ein Ruf schmerzlicher Klage über den Hingang des theuren Mannes, der Jahrzehnte hindurch wahrhaft ein Vater der gesammten Jugend, ein leuchtender Führer der aufstrebenden Lehrerwelt und zweifellos einer der ersten Helden und Propheten im anbrechenden Kampfe für das Recht des Volkes und die Freiheit des Geistes gewesen ist. Nicht Alles, was er gedacht, gewollt und erstrebt hat, war frei von Irrthum und Einseitigkeit, auch nicht von den Schroffheiten zorniger Aufwallungen. Aber vom festen Mittelpunkte innerster Erkenntniß aus beherrschte ein erhabener Gedanke und ein gewaltiger Glaube jede Faser und jeden Nerv seiner reinen Seele: der Gedanke des Fortschrittes zur Humanität und Freiheit, und der Glaube, daß es ohne humane Freiheit kein Heil giebt für den Einzelnen wie für die Gesammtheit. Und wie ihn selber jeder Moment seines langen Kampfes unerschüttert gefunden, ohne Menschenfurcht, ohne gleißendes Scheinwesen und selbstisches Zagen, so widmete er rückhaltslos seine Theilnahme allen Denen, die auf demselben Wege Schmach und Verfolgung zu erdulden hatten.

Als die Kerkeröde des Hohenasperg den Dichter Schubart umfing, da hat Campe in einer warm geschriebenen Bittschrift die Losgebung des Mißhandelten gefordert. Und als im Sommer 1794 das Gerücht ging, daß Immanuel Kant durch das Wöllner’sche Pietistenregiment seiner Stelle enthoben sei, da bot Campe dem großen Philosophen ein Asyl in seinem Hause an. An keinem Märtyrer der Freiheit ist er vorübergegangen, ohne sein Haupt zu bekränzen. Wie er selber über sich und sein Wirken gedacht, das hat er in seiner von ihm selbst verfaßten Grabschrift ausgedrückt. Sie lautet: „Hier ruhet nach einem Leben voll Arbeit und Mühe zum ersten Male der Pflanzer Joachim Heinrich Campe. Er pflanzte – wenngleich nicht immer mit gleicher Einsicht und mit gleichem Glücke, doch immer mit gleichem Eifer und mit gleicher Treue – Bäume in Gärten und Wälder, Wörter in die Sprache und Tugenden in die Herzen der Jugend. Wanderer, hast Du ausgeruht unter seinen Bäumen, so gehe hin und thue desgleichen!“
A. Fr.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: und