Die Gartenlaube (1877)/Heft 3

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[41]
Aus gährender Zeit.
Erzählung von Victor Blüthgen.
(Fortsetzung.)


Einen halben Tag später war es und die Gluth des Tages vorüber. Karl Hornemann hatte seit Mittag das Haus wieder verlassen, und es war Emiliens leisen Versuchen nicht gelungen, etwas von dem aus ihm herauszulocken, was sie zu wissen wünschte. Sie hatte das Kaffeegeschirr aus der Ladenstube in die Küche getragen und dort eine Weile sich beschäftigt. Als sie in die Stube zurückkam, saß in ihrem Lehnstuhle – Franz Zehren.

Der junge Fabrikant war allein, die Mutter jedenfalls im Laden nebenan, durch welchen er eingetreten sein mußte. Er erhob sich bei ihrem Erscheinen ein wenig linkisch und stellte eine Vase mit frischen Rosen schnell wieder auf das Fensterbrett, von dem er sie genommen hatte. Dann verneigte er sich leicht und stand, mit stummer Verlegenheit kämpfend, wie eine Bildsäule da. Das kam ihr komisch vor, und sie lachte sehr ungenirt. Zehren sah es; ein bitterer Zug ging um seinen Mund, und er sagte plötzlich hart: „Da ich kaum erwarten darf, daß Sie mir die Ehre Ihrer Aufmerksamkeit schenken werden, so gestatten Sie wohl, daß ich mich setze.“ Und er that es.

„Wie unverschämt!“ flog es von den Lippen der Ueberraschten. Dann wandte sie sich ab und murmelte. „Wozu schelte ich?“ Dieser Gentleman hört doch nichts davon.“ Der Ausdruck war übrigens bezeichnend genug. Zehren hatte in der That ein Gesicht, welches an einen jungen Engländer oder Amerikaner erinnerte, bis auf den Schnitt des Backenbartes sogar.

Was war über ihn gekommen? Sonst die unerschütterliche Sanftmuth, hatte er plötzlich die Laune, spitzig sein zu wollen, und sie hatte dagegen nicht einmal Waffen, denn mit einem tauben Menschen sich verständigen, geht wohl an, – sich mit ihm streiten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sie war zornig, daß es ihr verwehrt war, seine Ungezogenheit zu erwidern.

Emilie nahm am andern Fenster Platz, so daß sich Beide den Rücken kehrten. Da saß sie wohl fünf Minuten, biß sich auf die Lippen und schlug leise mit den Fingern auf das Fensterbrett. Sie hätte weinen mögen vor Zorn. Als die Mutter eintrat, ging sie wortlos aus dem Zimmer.

Sie wünschte, daß es wirkliche Abneigung gegen sie gewesen sein möchte, was ihm seine Aeußerung eingegeben, aber sie wußte es besser. Er war tief gekränkt; sie hatte ihn endlich so verwundet, daß er es sich merken ließ, und die schöne Emilie empfand das Gewöhnliche in solchem Falle: einen Triumph, in den sich ein wenig Mitleid und Reue mischte.

Er war ein armer Teufel, taub und verliebt und unglücklich. Wenn er nur nicht darauf bestände, sie heirathen zu wollen! –

Sie war in der Küche gewesen und hatte das Geländer in der Hand, um ihr Zimmer droben aufzusuchen. Da ging die Hausthür, und zwei Männer kamen auf sie zu – der Doctor und Karl Hornemann.

„Guten Abend, Milli!“ sagte der Letztere, und der Doctor wiederholte die Worte wie im Scherz und reichte ihr die Hand mit dem stolzen, überlegenen Lächeln, das ihr so sehr imponirte. Er küßte ihr die Hand sogar, wie er zuweilen that, und fragte, wie sie geruht habe. Sie erröthete und meinte: „Sie kommen ja heute so schwarz wie ein Rabe, Herr Doctor. Wollen Sie zur Leiche eines Menschen gehen, den Sie umgebracht haben?“ Dabei bebte sie vor Befangenheit und Herzklopfen.

„Möglich, daß ich in Kurzem etwas werde begraben müssen,“ meinte er mit Betonung, und sie erwiderte den Druck seiner Hand in der ihren.

„Geh' auf Dein Zimmer, Milli!“ sagte Karl Hornemann. „Ist die Mutter drin?“ Und er deutete auf die Thür der Ladenstube.

„Sicher ist Franz Zehren drin; die Mutter sitzt bei ihm oder sie steht im Laden.“ Sie war froh, als sie die Worte gesprochen hatte; die Kehle war ihr wie zugeschnürt, und sie eilte flüchtig treppauf, nur hörte sie noch, wie der Doctor sagte: „Das trifft sich ja herrlich. Auge in Auge!“

Frau Hornemann saß dem Fabrikanten gegenüber am Fenster; sie zog die Augenbrauen zusammen, als die Beiden eintraten, und warf einen unzufriedenen, fragenden Blick auf ihren Sohn. „Doctor Urban wünscht Sie zu sprechen, Mutter,“ sagte dieser ruhig. Während sich der Fabrikant erhob, um ihn zu begrüßen, blieb die alte Frau in starrer Ruhe sitzen und erwiderte des Doctors Verbeugung mit schwachem Nicken.

„Wir sind nicht so von einander geschieden, daß ich erwarten konnte, Sie wiederzusehen,“ sagte sie, und in ihrer Stimme klang es wie feindseliger Groll.

„Ich bekenne mich schuldig,“ entgegnete der Doctor, während er, um einen Anflug von Verlegenheit zu bemeistern, sich nach einem Stuhl umsah und den ersten besten herbeizog, um sich neben die Dame zu setzen. „Meine verehrte Frau Hornemann, ich bin in sehr vieler Beziehung ein Nichtsnutz, aber mein heutiges Erscheinen möge Ihnen beweisen, daß ich nicht unverbesserlich bin und daß ich weiß, was mir helfen kann. Ich darf den Umgang [42] mit edlen Frauen nicht entbehren und beklage nur, daß die besten und würdigsten sich so schwer herbeilassen, mit mir armem verpfuschtem Menschen Geduld zu haben. Werden Sie mir gestatten, wieder Gast in Ihrem Hause sein zu dürfen, wenn ich für meine Unarten feierlich Abbitte leiste?“

Die kluge alte Frau hielt seinen schmeichelnden Blick ruhig aus und sah so abweisend aus ihrer schwarzen Kappe, deren Bänder das Gesicht einrahmten, auf den neben ihr Sitzenden, wie zuvor. „Machen Sie sich keine vergebliche Mühe, Herr Doctor Urban!“ fuhr sie rauh heraus. „Ich kenne Ihre Absichten und habe nicht Lust, sie zu unterstützen. Ich kann Sie nicht hindern, meiner Tochter außerhalb meines Hauses zu begegnen – ich müßte ihr sonst das Ausgehen verbieten, aber in meinem Hause möchte ich Ihnen wenigstens keine Gelegenheit geben, das Herz einer Tochter gegen ihre Mutter einzunehmen.“

Eine zornige Röthe zog sich über die weiße Stirn des jungen Mannes, aber er bezwang sich. Wußte die alte Frau etwas von seinem heimlichen Verkehr mit Emilie, oder wollte sie nur auf den Strauch klopfen? „Ich verstehe einen Theil dessen nicht, meine verehrteste Frau, was Sie sagen,“ meinte er endlich ausweichend, „den anderen aber verstehe ich, nämlich daß ich Ihnen als Schwiegersohn nicht willkommen sein würde. Ich würde Ihre Gründe unbefangen würdigen, wenn Sie die Güte hätten, mir diese mitzutheilen.“

„Es wird genügen, wenn ich Ihnen sage, daß meiner Tochter Bräutigam dort steht,“ entgegnete Frau Hornemann heftig. „Karl, stelle doch gefälligst die beiden Herren einander vor!“ Sie machte eine rasche Handbewegung und stand dann auf, um in den Laden zu gehen, wohin keine Schelle sie rief.

Der Doctor warf seinen Stuhl zurück und trat ihr in den Weg. „Einen Moment noch, meine Gnädige!“ sagte er. Seine Augen blitzten und er biß die Zähne zusammen. Mit gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Ist es Ihre unwiderrufliche Absicht, mir den Weg zu Emilie abzuschneiden und mich zum Aeußersten zu treiben?“

„Ich bin eine schlichte Bürgersfrau und keine Gnädige, wenigstens nicht für Sie, Herr Doctor, und ich verstehe nicht, was Sie mit Ihrem 'zum Aeußersten treiben' sagen wollen. Ich hoffe, eine Mutter wird noch das Recht haben, zu bestimmen, was sie im Interesse ihrer Kinder für richtig hält. Und damit Gott befohlen! Karl, ich wünsche, daß Du mir Aufregungen ersparst, welche Du vorhersehen mußt.“

Der Doctor trat einen Schritt zurück und ließ sie passiren. Karl Hornemann kam zu dem Freunde, aus dessen Antlitz alle Farbe gewichen war und dessen Blicke Erbitterung sprühten. „Ich habe Aehnliches vermuthet, Heinrich, aber nicht, daß es so schlimm kommen würde. Was sie zu einem solchen Grade der Rücksichtslosigkeit gereizt hat, vermag ich nicht zu begreifen.“

„Bah!“ entgegnete der Arzt mit gewaltsamem Lachen, „zärtlicher konnte sie doch nicht sein. Vergelt's Gott!“ Aber nur einen Moment war er bügellos geworden, dann ließ die heftige Spannung seiner Züge nach; sein Gesicht hatte den röthlichen Ton von sonst, und er beherrschte sich wieder. Nur in seinem Auge war etwas Wirres, Flimmerndes zurückgeblieben, als er Karl Hornemann bat, den Herrn Franz Zehren zu fragen, ob er sich seiner noch erinnere, oder ihm anderen Falles seinen Namen zu nennen.

Dieser hatte während des ganzen Vorganges bei Seite gestanden und scheinbar mit schärfster Aufmerksamkeit zugehört, und er war froh zu bemerken, daß eine flüchtige Bewegung des Doctors ihm galt. Er trat hinzu und reichte diesem die Hand, der sie etwas erstaunt annahm. „Ich erneuere gern eine Bekanntschaft, welche mein unglücklicher Gehörmangel mich leider verhindern wird, recht zu genießen,“ sagte Zehren höflich, indem er ein Täfelchen und einen Stift aus der Tasche zog und beides dem Arzt hinreichte.

Ein diabolisches Lächeln glitt über dessen Gesicht, und der Blitz eines überraschenden Einfalls leuchtete ihm aus den Augen. Er ergriff Tafel und Stift und schrieb auf erstere die wenigen Worte: „Hüten Sie sich vor dem Polizeicommissar Donner! Bouche close! Ein Freund.“ Dann überreichte er sie mit leisem Nicken dem Fabrikanten und griff zu seinem Hut.

„Karl, um aller Heiligen willen, komm mit!“ sagte er dann rasch. „Ich muß auf die Straße, und ich muß einen Menschen bei mir haben; Du wirst mich begreifen.“

Karl Hornemann reichte Zehren die Hand und schüttelte sie kräftig, während dieser, der soeben die aufgeschriebenen Räthselworte gelesen hatte, mit ziemlich verdutztem Gesicht die Beiden anblickte. Der Doctor verneigte sich und ging zur Thür hinaus, während der Andere mit dem Finger in der Richtung des Wiedenhofes zeigte und den Namen des Hôtels mit den Lippen aussprach. Der Fabrikant nickte, indem er mechanisch die Tafel in die Brusttasche steckte, während bereits die Schritte der Fortgehenden im Hausflur erklangen. Der Bruder der schönen Emilie hatte nicht nöthig gehabt, zum Hute zu greifen; der Sonderling war wie verwachsen mit seinem Käppchen. Auf der Straße fiel er nur Fremden noch auf, denn die Einheimischen waren an seine Erscheinung gewöhnt; nicht einmal die Straßenbuben behelligten ihn, wohl aber gab es mehr als einen zerlumpten Jungen, der ihm aus freien Stücken die Hand reichte.

Karl Hornemann war ein Kinderfreund und einer jener Menschen, welche ihre linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte thut.

„Ich will Dich zerstreuen helfen, Heinrich!“ sagte er draußen zu seinem Begleiter. „Ich habe ein paar ganz excellente Mittel probirt, um den Stoffwechsel zu beschleunigen, und Du sollst mir die Symptome deuten helfen, damit ich vorwärts komme mit dem Recept der Universalmedicin. Aloë nehme ich doch nicht hinein; ich habe mich jetzt entschieden, aber Angelica sicher und Safran auch.“




4.


Emilie Hornemann hatte inzwischen auf ihrer Stube droben gesessen und pochenden Herzens auf irgend ein Zeichen gewartet, das ihr Aufschluß geben würde über den Verlauf der Dinge drunten. Aber alles blieb still. Das Geräusch schwerer Güterwagen, grelle Töne einer Drehorgel und die Stimmen von Leuten, welche in den sommerlichen Straßen lustwandelten, all das drang durch einander schwirrend zum offenen Fenster herein. Sie hatte sich in das harte, massive Sopha geworfen, das Gesicht in eine Ecke gedrückt; sie empfand den Trieb, sich zu verbergen; am liebsten wäre sie tausend Meilen von dem Orte entfernt gewesen, in einer Einöde, wo nichts Lebendiges sich regte und kein Geräusch sie berührte.

„Ich liebe ihn doch,“ murmelte sie, „trotz allem und allem.“ Weiter hatte sie keinen Gedanken, und hätte sie etwas anderes denken wollen, es wäre vergebene Mühe gewesen.

So saß sie, und sie hatte die Hausthür endlich wohl gehen hören, aber es kaum beachtet. Nachträglich erregte dieser Umstand doch noch ihre Aufmerksamkeit; sie sprang auf und ging an's Fenster, und sie kam noch rechtzeitig, um den Doctor mit ihrem Bruder über die Kaiserbrücke schreiten zu sehen. Fort waren sie beide, und Niemand hatte sich um sie gekümmert. Ein bitteres Gefühl der Vereinsamung und eine jähe Ahnung des Geschehenen kam über sie. Die Stille des Zimmers war ihr plötzlich tödtlich peinlich, und sie eilte wie ein Kind, das im Dunkeln Gespenster hinter sich wähnt, die alte finstere Eichentreppe hinab.

In der Ladenstube stand wieder Herr Franz Zehren am Fenster und blickte sich um, als sie eintrat. Sie sah ihn mit ihren aufgeregten, verstörten Augen an, um in seinem Gesichte etwas lesen zu können, was sie erfahren wollte, aber sein Gesicht verrieth nichts; es war der alte melancholische Blick wieder, mit dem er sie empfing, den sie kannte und der ihr unerträglich war. Auch an der Mutter, welche gleich nachher aus dem Laden trat, war nichts Ungewöhnliches zu bemerken, nur wollte es die Tochter bedünken, als bewege sie sich hastiger als sonst wohl. Sie sprach kein Wort mit Emilie, sondern setzte sich mit Franz Zehren an das Fenster und unterhielt sich mit ihm in der heiseren Lippensprache, die man Tauben gegenüber anzunehmen pflegt.

Das junge Mädchen kämpfte mit Thränen und legte sich zu dem anderen Fenster hinaus. Auf der Gasse drunten spielten Kinder, und die grellen Laute kindlicher Lust hatten jetzt etwas Betäubendes für sie. Sie hörte kaum, daß die Mutter wieder hinausgerufen wurde; sie merkte nicht, daß Zehren sich erhob und in der Stube auf und nieder ging, bis er plötzlich hinter ihr stand, daß sie erschrak.

„Was wollen Sie?“ fragte sie feindlich und sah ihn mit ihren gerötheten Augen herausfordernd an. [43] “Sie hassen mich, Fräulein Emilie –“

„Hornemann heiße ich,“ unterbrach sie ihn, aber er hörte davon nichts.

„Ich weiß, daß ich Ihnen mehr zuwider bin, als der böse Feind, und dennoch habe ich nichts gethan, als daß ich Sie geliebt habe, und lieben werde ich Sie, so lange ich athme. Ich möchte wohl wissen, ob Sie ebenso lange im Stande sein werden, mich zu hassen.“

Ein Blick voller Verachtung glitt an ihm nieder, aber er ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Ich habe das Unglück taub zu sein, aber ich bin nicht blind, und Ihre Augen sprechen eine sehr deutliche Sprache. Nun wohl, Sie wollen nicht, daß ich glücklich werde, und ich würde selber darauf verzichten, sobald ich einsehen würde, daß ich, um selber glücklich zu sein, Ihr Unglück fordern müßte. So lange ich diese Ueberzeugung nicht habe, werde ich jede Waffe für erlaubt halten, um Sie zu besiegen, um Ihnen den Widerwillen gegen mich aus der Hand zu winden, zu dem Sie kein Recht haben. Sie behandeln mich, wie man eine Kröte behandelt, die man mit einem Fußtritte bei Seite stößt; das heißt über eine Grenze hinausgehen, deren Ueberschreiten mich auch von einer Summe von Rücksichten entbindet, die man sonst Damen gegenüber, um die man wirbt, zu nehmen pflegt.“

Sie war außer sich, als er ihr diese Worte ruhig, aber mit bitterem Ernste und großer Festigkeit sagte. Sie trat dicht vor ihn hin mit bebenden Lippen und zornigen Augen und sagte scharf accentuirt: „Mein Herr, Sie sind ein Komödiant und ein Narr dazu.“ Und sie wandte ihm den Rücken und schritt stolz wie eine zürnende Göttin aus der Stube.

Ein tiefer Schatten legte sich über sein klares Gesicht, als er allein war. „Ich lasse nicht von ihr,“ murmelte er; „einer Marotte, einer sogenannten Antipathie halber sicher nicht. Es wäre denn, daß ich etwas Anderes glauben müßte – –“

Oben saß die schöne Leidenschaftliche wieder, diesmal vor ihrem Schreibtische, und während sie heiße Thränen weinte, daß sie kaum das lichte Papier von ihnen frei zu halten vermochte, glitt ihre Feder über den Briefbogen. Einmal hielt sie inne und lehnte sich in den Stuhl zurück. „Der Tropf,“ sagte sie und schlug sich an die Stirn, „er thut, als wisse er nicht, daß er im Begriffe ist, mich unglücklich zu machen.“ Und sie lachte zornig auf und schrieb weiter; am Ende siegelte sie den Brief ein und schrieb die Adresse darauf: An Herrn Doctor Urban.

Franz Zehren war längst aus dem Hause, als sie mit dem Schreiben fertig war. Die Mutter, welche sonst beständig nach ihr rief, hatte sie nicht ein einziges Mal gestört. Sie nahm ihre Mantille um, band ein Filettuch über ihr üppiges Haar und ging leise durch den Hausflur auf die Straße. Als sie am Canale hinunter zur Kaiserbrücke kam, blieb sie einen Moment vor dem Eingange zu letzterer stehen, um eine offene Equipage vorüber fahren zu lassen. Die zwei prächtigen Apfelschimmel bäumten sich dicht neben ihr? und ein Blitz des Erkennens ging über ihr Gesicht. Gleich darauf erscholl aus dem Fond des Wagens ein „Halt!“ Der Kutscher auf dem Bocke zog die Zügel an und ein paar weiße Mädchenarme griffen aus dem Wagen, um die Freundin hereinzuziehen. Emilie schwankte noch, aber die frischen schwarzen Augen über ihr baten so dringend und unwiderstehlich, daß sie auf den Tritt stieg. Bald darauf rollte sie leicht, in dir Kissen zurückgelehnt, neben der Freundin die Kaiserstraße hinab.

„Das ist köstlich, Milli, daß ich Dich aufgefischt habe. Ich lasse Dich nicht los bis in die sinkende Nacht. Wenn man Dich nicht unversehens einfängt, so bekommt man Dich überhaupt nicht mehr zu sehen. Ich habe schon den Doctor Urban nach Dir gefragt, aber er will Dich seit vierzehn Tagen nicht gesehen haben und behauptet, Du beabsichtigtest Nonne zu werden, was ihm natürlich die höchste Freude sein würde.“ Und die frischen Lippen des zierlichen Wesens neben ihr lachten so lustig, und die Feder des Hutes auf dem schwarzbraunen Krauskopfe nickte dazu, daß es wie Sonnenschein in die Nebel über dem Herzen der wenig älteren Freundin fiel. Aber die Nebel zergingen nicht; der Name des Doctor Urban, den das Commerzienraths-Töchterchen genannt hatte, verdarb Alles.

„Mein Gott, da fahre ich nun mit, Toni, und wollte doch zur Post,“ sagte sie und richtete sich ängstlich auf. „Ich fahre auf jeden Fall nur bis an Euer Haus und steige dort aus.“

„Paperlapap! Ich schicke den Johannes auf die Post mit Deinem Briefe. Widersprich nicht! Vor all dem Lärme hier würde ich kein Wort verstehen.“ Und Lärm gab es wirklich genug; unter ihnen rasselte der Wagen, und neben ihnen vorbei klirrten und knarrten und rasselten andere Fuhrwerke, das ganze Getriebe der großen Fabrikstadt, und an einer Ecke stand die Drehorgel und spielte die Ouvertüre zu „Alessandro Stradella“ – es war kaum möglich, sich hier verständlich zu machen. Schweigend und nur hier und da einen Gruß erwidernd fuhren die Mädchen bis in den Hof des Commerzienrathes.

„Seyboldt und Compagnie“ stand auf dem großen messingenen Comptoirschilde, das die Thür eines Nebengebäudes im Hofe zierte. Aus der Thür aber stürzten ein paar Commis, um der Tochter des Hauses den Wagenschlag zu öffnen.

„Ist mein Vater da?“ fragte das junge Mädchen, indem es leichtfüßig aus dem Wagen sprang. Emilie folgte ihr.

„Soeben ausgegangen, Fräulein Seyboldt; der Herr Commerzienrath wollte aber in einer halben Stunde zurück sein,“ war die Antwort eines der jungen Leute, welchem die lange Feder keck zwischen den braunen Locken hervorstand.

„Ich danke, meine Herren; bemühen Sie sich nicht weiter! Johannes, trage die Sachen hinauf und melde der Tante, ich wäre im Garten. Noch eines – Emilie, gieb Deinen Brief! Johannes, er muß nachher gleich auf die Post kommen –“

Das Gesicht Emiliens glühte in verrätherischem Roth, und sie drückte ängstlich mit der Hand auf die Tasche des Kleides, welche den Brief enthielt. Sie dachte daran, welche Adresse der Brief trug, und sie war entschlossen, ihn um keinen Preis aus der Hand zu geben.

„Es hat keine Eile,“ sagte sie resignirt; „laß’ uns gehen!“ Sie vermochte in der Verwirrung keinen anderen Entschluß zu fassen, als den, vorerst zu bleiben.

Toni nahm ihren Arm, indem sie mit der einen Hand den Fächer entfaltete und eifrig benutzte. „Ich wußte, daß der Vater nicht hier war,“ flüsterte sie heimlich lachend und zog die Freundin mit sich, „sonst dürften unsere jungen Herren dort nicht so galant sein. Sie widmen mir insgesammt die zarteste Neigung, besonders Herr Pieper, der zweite Buchhalter mit den Locken. Aber warum siehst Du so ernst aus, Milli? Du bist zwar ein geborener Verstandeskasten, aber trübseliger habe ich Dich noch nie gesehen als heute. – Brr, alle meine Tauben! Sie werden ein Paar zum Geburtstage erhalten, mit rothen Bändern um den Hals, Herr Pieper, wenn Sie so fleißig weiter füttern.“

Ein Taubenschwarm umschwirrte sie – ein anmuthiges Bild, das elegante, lichtgraue Wohnhaus im Hintergrunde mit der breiten Treppe und dem hohen, luftigen, üppig mit wildem Weine bewachsenen Verandabaue darüber, vorn die sommerlich bunt gekleideten Mädchen in der Unruhe und dem Geflatter der Vögel. Seitwärts aber stand, der einzige noch von seinen Collegen, jener blutjunge hübsche Bursche mit der Feder hinterm Ohre, und lächelte glücklich mit einem Munde voll milchweißer Zähne und holte aus den tiefen Taschen seines Comptoirrockes eine Hand voll Erbsen nach der andern heraus, die er verschwenderisch auswarf. Wie verklärt starrte er der zierlichen Principalstochter nach, als sie, ihm zunickend, das Eisengitter aufstieß und leichtfüßig mit der Freundin im Garten verschwand. Dann fiel er sehr unsanft aus seinen Himmeln, denn drei Paar Hände zugleich trommelten an den Scheiben der Comptoirfenster, und als er sich umwandte, erblickte er drei lachende Gesichter zugleich hinter den Scheiben, welche ihn beobachteten. Er steckte die Daumen in die Westentaschen und ging mit dem unbefangensten Gesichte von der Welt in das Haus zurück.

Der Tag ging auf die Neige. Warme Sommerluft strich über die Rosenbeete im Garten und verstreute den Duft und raschelte hinten in den Laubbüscheln der dicken alten Linden, welche wie ein Kreis sehr ehrwürdiger Patriarchen in den sonst weit jüngeren Anlagen die Köpfe zusammensteckten. Zu beiden Seiten der Linden blitzte da und dort das Silber des Flusses auf, und darüber stiegen im blauen Abenddufte schon die Berglehnen der Umgebung empor. Rechts darüber konnte man das lange Fabrikgebäude sich hinstrecken sehen, aus dem ein gedämpftes Rauschen und Klappern herüberscholl; dichtes Gebüsch verdeckte das Erdgeschoß desselben vor den Besuchern des Gartens.

Die Mädchen gingen den breiten Kiesweg hinunter auf die [44] Linden zu. Toni riß im Vorübergehen einen Zweig mit zwei Centifolienknospen vom Stocke und sagte ernsthaft: „Er und sie! siehst Du, Emilie, sie stehen ein ganzes Stück auseinander, wie man glauben könnte, aber hier unten, da kannst Du es sehen, daß sie doch im Grunde ganz einig sind. So, das will ich Dir widmen, und Du kannst es hinter den Spiegel stecken. Uebrigens,“ fuhr sie scheinbar ohne Zusammenhang fort, „ich muß Dir doch sagen, daß der Doctor Urban sehr häufig bei uns ist.“

„Es ist doch Niemand krank bei Euch?“ fragte Emilie zerstreut.

„Hat man je so etwas gehört?“ rief Toni und lachte unbändig. „Nicht einmal eifersüchtig kann man sie machen. Wir sind so gesund wie Fische, abgerechnet, daß die Tante alle vier Wochen große Migräne hat, wie andere Leute große Wäsche, und dann liegt sie zwei Tage und eine Nacht zu Bett und läßt die Fenster verhängen. Sie hat freilich eine Schwäche für den Doctor, obwohl er sie nicht curiren will und sich weder um sie noch um mich viel bekümmert. Wir sind ihm jedenfalls zu dumm, dafür ist er mir aber auch zu hochmüthig und zu moquant. Ich laufe ihm gern aus dem Wege. Wie Ihr so gut mit ihm fertig werdet, begreife ich nicht – und Du zu allererst, – leugne nur nicht, Du Heuchlerin, wir wissen Alle, daß Ihr Zwei ineinander verliebt seid –“

„Toni, um's Himmels willen –“ Emilie versuchte ihr den Mund zuzuhalten, aber die Geschwinde entschlüpfte ihr.

„Natürlich, ich bin eine Plappertasche, das ist noch nicht anders gewesen, so lange ich mich kenne. Du weißt ja, daß mich Fräulein Austin in der Pension das Mühlrad getauft hat. – Hier stelle ich Dir Herrn Amor vor; eigentlich solltest Du mich ihm vorstellen, denn Du kennst[1] ihn besser als ich.“ Und das graziöse, lustige Mädchen machte vor einem prächtigen Amor in Marmor eine tiefe Kniebeugung. Inmitten der Linden befand sich eine Rhododendrongruppe. und aus dieser heraus hob sich ein geschliffener Granitsockel mit der Figur. Vor dem Sockel ging das Beet auseinander, so daß eine Gartenbank Platz fand, und die Bank war mit zerpflückten Rosen übersäet.

„Siehst Du, das sind Opferspenden, die ich dem reizenden Jungen bringe,“ meinte Toni, und ihre schwarzen Augen blitzten muthwillig, wie sie mit dem Fächer über die Bank fuhr, daß die Blätter auf den Kies hinabrieselten. „Was er für wunderhübsche Grübchen hat, und einen Mund zum Küssen! Ich hoffe nun, er wird mir sehr gnädig sein. Du mußt nämlich wissen, daß ich alle jungen Männer, die in unser Haus kommen, hierher zu bringen suche, damit es der arme kleine Gott bequem hat, mir den Rechten auszusuchen. Laß uns noch ein wenig gehen! Nachher begeben wir uns auf die Bank unter seinen Schutz.“

Sie gingen, und die schöne Emilie Hornemann war froh, sich so ziemlich selbst überlassen zu sein. Wie ein glitzernder Springbrunnen plätscherte das Geplauder des reizenden Geschöpfes neben ihr. Nur daß sie sich einiger verfänglicher Fragen zu erwehren hatte, denn Toni wollte durchaus wissen, ob es ihr anfangs sauer geworden sei, den Doctor zu küssen, und ob sie selber Aussicht auf einen Brautjungfernposten habe, und was dergleichen wissenswürdige Dinge mehr waren. Endlich wurde die Aermste einmal in ihrer Herzensnoth heftig, worauf ihre Begleiterin sie mit der Erzählung dessen strafen zu wollen erklärte, wovon der Doctor sich mit ihrem Vater zu unterhalten pflege. „Schauderhafte Dinge sind es, lieber Schatz,“ meinte sie geheimnißvoll. „Da soll es z. B. gähren und allerlei Kartoffelkrawalle geben, und dann ist von einem Guizot die Rede und einer schlechten Constitution – wer daran leidet, weiß ich nicht, es müßte denn die Tante sein. Auch Jesuiten kommen vor und Schweizer und Italiener, besonders ein sogenannter großer Mazzini, von dem der Doctor immer spricht, und Vater will mit Kanonen schießen, während sie der Doctor für sehr überflüssig hält und dabei meiner vollen Zustimmung gewiß sein kann,“ wie sie mit weiser Miene hinzufügte. „Kurz, wenn ich sie von weitem reden höre, so ist mir immer, als läse ich Räubergeschichten – wenn ich nämlich in die Nähe komme, so hören sie auf.“

„Sind sie denn einerlei Meinung?“ fragte Emilie gespannt.

Toni überlegte. „Ich glaube nicht. Sie schütteln viel mit den Köpfen, und ein paar Mal sind sie ganz heftig geworden. Verstehst Du etwa von ihrem Gerede etwas? Aber ich brauche ja nur an Deinen Bruder zu denken. Ich wollte, ich hätte auch einen, nur dürfte er keine so abscheuliche Troddelmütze aufsetzen und so lange Röcke tragen. – Prenez place, s'il vous plait, mon ange!“ Sie saß schon, indem sie das sagte, und stieß mit den Spitzen ihrer leinenen Rosettenstiefelchen den Sand auf, daß er hoch in die Luft stob.

Emilie mußte wider Willen lächeln. „Du weißt gar nicht, ein wie reizender Unband Du bist,“ sagte sie.

„Soso lala; es geht an. Die Welt weiß, daß ich eine Stumpfnase und einen zimmetfarbenen Teint habe. Ich erinnere mich nicht, daß ich viele Eroberungen zu verzeichnen hätte – das heißt wirkliche. Wäre Papa nicht Commerzienrath, so pfiffe kein Vogel nach mir. Nein, Du bist die Prinzessin Tausendschön. Emilie – ich sollte lieber Prinzessin Lilie sagen, das reimte sich, und Du bist wirklich so feierlich und glänzend, wie meine Lieblingsblume. Ich wünschte, daß ich nur einmal die Augenbrauen so zusammenziehen und so stolze Augen machen könnte, wie Du. Der Doctor kann es beinahe, aber er sieht so vornehm, wie Du, doch nicht aus. Wer hat nach mir, nach mir selber schon gefragt? – Und doch glaube ich, ich würde einen Mann sehr lieb haben können, Milli. Es ist mir wohl manchmal so eigen hier“ – und sie schlug sich mit dem Fächer auf die Brust – „so voll und süß und wunderlich. – Ich lieb' eine Blume, und weiß nicht welche – das macht mir Schmerz; ich schau' in alle Blumenkelche und suche ein Herz –“

Emilie bog sich zu ihr hinüber und hob leise den Kopf auf, den sie hängen ließ. Zwischen den dunklen Wimpern blitzte es feucht, und ihr schlanker Körper bebte leise in den Armen der Freundin. Aber einen Moment später lachte sie wieder, und plötzlich fühlte Emilie ein paar heiße Küsse, dann riß sich Toni von ihr los, sprang auf, und indem sie rasch dem Marmorknaben droben ein paar Nasenstüber versetzte, sagte sie: „Adieu, ich will ihm einige Rosen zum Opfer holen. Laß Dir die Zeit nicht lang werden, Milli!“ Und fort war sie.

Emilie spielte mechanisch mit ein paar Rosenblättern und horchte dann. Es war ihr, als ob der Schritt der Davoneilenden in einer anderen Richtung zu hören sei, als nach der sie den Weg genommen. Doch das war wohl eine Täuschung. In der Fabrik drüben schloß das Glockenzeichen die Arbeit ab; die Ausgänge führten auf eine Seitenstraße, indeß war der Lärm, welchen die abziehenden Arbeiter verursachten, stark genug, um ein schwaches Geräusch im Garten zu übertäuben.

Das unendlich Rührende und Reizende, was in der halb unfreiwilligen Gefühlsäußerung Toni's gelegen, hatte sie eigenthümlich ergriffen. Die Tochter des Commerzienrathes war ihre Pensionsfreundin, die sich, obgleich ein paar Jahre jünger als sie, mit nicht abzuweisender Innigkeit an sie angeschlossen hatte. Und wie verschieden waren sie beide geartet! – so verschieden, daß sich Emilie schwer würde haben entschließen können, sie zur Vertrauten zu machen. Die Versuchung dazu lag doch eben nahe genug. Nun saß diese wieder regungslos da wie Marmor, nur der Widerschein der verglimmenden Abendröthe überhauchte das schöne, blasse Gesicht mit wärmerer Farbe.

Da bewegte es sich hinter ihr. Von einer Linde löste sich eine dunkle Männergestalt los und trat auf sie zu. Sie sprang hastig empor und stützte sich in tödtlichem Schrecken auf die Lehne der Bank, bis sie ihn plötzlich erkannte – es war der Doctor Urban.

„Habe ich Dir Furcht eingeflößt, Emilie?“ fragte er, seine Ueberraschung bemeisternd. „Wie kommst Du hierher, Du, die ich hier zu allerletzt zu finden hoffen durfte?“

Sie sah ihn mit großen, prüfenden Augen an und erwiderte langsam: „Das möchte ich Dich fragen, Heinrich. Ich habe in meines Herzens Noth diesen Nachmittag auf ein erlösendes Wort von Dir gehofft, und Du hattest mir nichts zu sagen, und nun begegne ich Dir in dieser Umgebung, die, wie ich höre, eine besondere Anziehungskraft auf Dich übt, und in diesem Moment! Wenn ich nicht hier säße, Heinrich, sondern Toni Seyboldt, die Du statt meiner erwarten mußtest, was würdest Du ihr gesagt haben – – ah! das war ein dummer Einfall; halte mir meine Thorheit zu gute! Ich habe noch nicht an mir verzweifeln gelernt, um eifersüchtig zu sein. Möchtest Du mir nicht einen Brief an Dich abnehmen, Heinrich? Ich wollte ihn zur Post geben; nun macht es mir der Zufall bequemer.“ Und sie nestelte an ihrer Tasche, in welcher der Brief knisterte.

(Fortsetzung folgt.)
[45]
Die Gartenlaube (1877) b 045.jpg

Orthodoxe Typen aus der Wupperthaler Festwoche.
Nach der Natur aufgenommen von H. Würz.

[46]

Das Wupperthal als Hort der Orthodoxie.
Ein Culturbild von Fritz Dannemann.

Das reichbevölkerte, intelligente Wupperthal hat sich schon seit Jahren durch die Ausdehnung und Mannigfaltigkeit seiner Industrie einen geachteten Namen erworben; Wohlhabenheit und bürgerlicher Gemeinsinn gehen dort zumeist Hand in Hand und haben für die Bildung des Herzens und des Geistes manche schöne Anstalt in’s Leben gerufen. Die Organisation des Armenunterstützungswesens z. B. dürfte in ihrer zweckdienlichen und spendungsreichen Einrichtung wohl kaum ihres Gleichen haben und hat schon mancher Gemeinde als mustergültiges Vorbild gedient. Daneben ist aber auch eine zu mächtigem Einflusse gelangte Eigenthümlichkeit gezeitigt worden, welche nirgendwo anders in gleicher Stärke sich bemerklich macht und bereits von den bedenklichsten Culturerscheinungen begleitet gewesen ist. Ich meine die dem kirchlichen Sinne der Wupperthaler Bevölkerung entsprungene pietistische Richtung, welche dem Mysticismus Thür und Thor geöffnet hat und in ihrer verknöcherten Orthodoxie geradezu einzig dasteht. Man könnte ja nach dem Ausspruche des großen Friedrich, „Jedermann nach seiner Façon selig werden zu lassen“, auch jenen wunderlichen Heiligen eine gewisse Existenzberechtigung einräumen, wenn diese sich nicht auf Kosten einer gesunderen Entwickelung unseres vorwärts drängenden Staats- und Gesellschaftslebens breit zu machen drohte. Dieser Umstand kennzeichnet aber eben die Gemeingefährlichkeit dieser Richtung, welche gleich der ultramontanen allenthalben nach unbeschränkter Herrschaft nicht allein auf kirchlichem, sondern auch auf communalem und staatspolitischem Gebiete trachtet und unter der unseligen Mühler’schen Aera bekanntlich schon ihre reactionären Orgien feierte. Glücklicher Weise sind diese Tage vorüber, daß aber jene Partei der „Stillen im Lande“ mit unermüdlichem Fanatismus an dem Wiederaufbau ihrer gestürzten Autorität arbeitet, sahen wir deutlich an der jüngsten Wahlbewegung zu Gunsten einer sogenannten deutsch-conservativen Partei. Wir haben also ganz besondere Ursache, der Agitation jener Finsterlinge auf die Finger zu sehen.

In der That aber ist es etwas Wunderbares um die weitsichtige Taktik und rührige Parteidisciplin der vielberufenen Sippe, aus welcher uns das umstehende humoristische Blatt einer genialen Künstlerhand einige originelle Typen so wahr und drastisch vor Augen führt. Diese Leutchen, welche mit Vorliebe im abgeschlossenen Dunkel ihrer Häuslichkeit brüten und nur an Sonn- und Festtagen in dichten Reihen sich um die Kanzel ihrer unfehlbaren Gemeindepäpstlein schaaren, oder abendlich zur biblischen Erbauung, respective Gebetsandacht ihren Vereinshäusern zuströmen, wie oft sah ich sie nicht auch bei rein weltlichen Vorkommnissen, als welche doch politische und communale Wahlen zu gelten haben, allenthalben auf leisen Sohlen emportauchen und ihre geräuschlose, aber einheitliche und darum erfolgreiche Thätigkeit mit unermüdlichem Eifer in's Werk setzen! Da fehlte auch nicht ein Einziger, und sie waren stets auf das Genaueste vom Stande der Dinge unterrichtet, kannten die Namen und Schwächen ihrer Gegner, die sie mit unvergleichlicher Ausdauer und Geschmeidigkeit im Stillen auszunutzen verstanden, und hatten bereits den Sieg in Händen, wenn jene noch von dem ihrigen zu fabeln wußten.

Eben diese stille und schleichende Weise des Kampfes macht die professionsmäßig „frommen“, anscheinend so harmlosen Mitbürger zu den gefährlichen Strategen in unserem Culturstreite. An ihren Erfolgen mögen wir unsere fahrlässige Halbheit und Saumseligkeit erkennen; denn in geschlossener Phalanx stehen sie allezeit gerüstet, einig und unentwegt auf ihrem Posten, auf lächelnden Lippen das wunderwirkende Schlagwort: „Zur Ehre des Herrn!“ Man unterschätze sie also nicht, jene Grenadiere der evangelischen Orthodoxie! Sie sind wahrlich nicht minder furchtbar als die wohldisciplinirten Jesuitensoldaten der streitbaren römischen Kirche. „Sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen“, dieses Princip ihres socialen Verhaltens hat auch ihrer äußeren Erscheinung jene merkwürdige Signatur aufgedrückt, welche sie von den gewöhnlichen Weltmenschenkindern auf den ersten Blick unterscheiden läßt. Ich zeichne hier genau nach dem Leben. Diese unbeschreibliche Vermischung von Demuth und Verschmitztheit, Naivetät und Sinnlichkeit, Entsagung und Anmaßlichkeit finden wir ausschließlich nur auf den Gesichtern der Trabanten und Leibeigenen der Orthodoxie.

Charakteristisch ist auch bei Männern und Frauen dieser Richtung das eigenthümliche Festhalten an dem sogenannten altfränkischen Toilettengeschmack, der bei den Frauen bis zu einer seltsam zwanglosen Einfachheit des Schnittes der Kleider, der Frisur, der Kopfbedeckung etc. geht, bei den Männern in der bis zur Komik übereinstimmenden Neigung zu jenen veralteten Hüten und langschößigen Röcken besteht, die sie in der Regel über die tadellos blanke Wäsche bis unter das glatt rasirte, auf einer steif gewundenen Cravatte ruhende Kinn zuzuknöpfen pflegen. Die Bewegung des Kopfes und Halses hat in Folge dieser stabilen Einschnürung etwas Schildkrötenartiges und Müdes bekommen, neigt meist ein wenig zur Seite und mag ihnen deshalb im Munde des Volkes wohl hauptsächlich den spöttischen Beinamen „Kopfhänger“ eingetragen haben. Noch allgemeiner und ortsgebräuchlicher ist eine andere Bezeichnung, man nennt sie hier nämlich die Kaste der „Feinen“ (plattdeutsch: „Fienen“), weil sie sich im Gegensatz zu der ehrlich-derben Ausdruckweise der Lebe- und Weltmenschen durchgehends einer salbungsvollen, vorsichtig gewundenen, oft doppelsinnigen und symbolischen Rede bedienen, wie sie das tägliche Lesen von kirchlichen Erbauungsschriften, überspannten Predigten und der Verkehr mit pathetisch angelegten Pastoren und Zionswächtern nothwendig erzeugen muß.

Je ausgewählter und erleuchteter nun die Qualität irgend einer Sippe der großen „Gemeinschaft im Herrn“ heranreift, um desto überschwänglicher wird auch der wunderlich-mystische Sprachschatz der also vom heiligen Geiste Begnadeten in die Erscheinung treten. In den sogenannten „Brüdergemeinden“ z. B. ist diese apostelartige Erleuchtung schon so allgemein geworden, daß die Herren Seelsorger sich häufig der Mühe des Predigens überhoben sehen, sintemalen die inspirirten Gemeindeglieder an ihrer Statt die Kanzel besteigen und mit wunderbarer Beredsamkeit den glaubenseifrigen Zuhörern das Wort des Herrn verkünden. Die sogenannten „Heidenmissionäre“ gehen fast ausschließlich aus dieser hochbegnadeten Kaste erleuchteter Autodidakten hervor. Man muß ihre süßlich exaltirten Berichte hören, ihre den ultramontanen Legendenspuk vollständig in Schatten stellenden Missions-Tractätchen lesen, um sich einen richtigen Begriff von der bizarren Ausdrucksweise solch wunderlicher Menschennaturen zu bilden. Ein gewisser abenteuerlicher Hang, sowie die Aussicht auf eine gut dotirte, bequeme Versorgung treibt die noch jugendlichen Streber mit der inzwischen erkorenen, gleichgestimmten Gattin nach den entlegensten Zonen und Gestaden hinaus, wo sie als „Apostel christlicher Cultur“ ihre Stimmen erheben und nebenbei „klug wie die Schlangen“ die armen Heidenschafe zu scheeren wissen.

Die Missionsfeste bilden einen wesentlichen Bestandtheil des Programms der Wupperthaler Festwoche, welche in Elberfeld und Barmen regelmäßig in den Hundstagen mit einer gewissen Ostentation in Scene gesetzt wird, deren Theilnehmer alsdann gleich Ameisenhaufen von Nah und Fern herbeiströmen und sich zu christlicher Erbauung um ihre Heiligen und Zionswächter versammeln. Es ist unstreitig das bunteste, eines Genremalers würdige Stelldichein orthodoxer Pastoren und Pädagogen, hochchristlicher Geschäftsleute und Familienväter, heilskräftiger Jünglinge und Jungfrauen blühenden und vorgerückten Alters (letzteres namentlich unter dem „ewig Weiblichen“ in erstaunlicher Menge und verschiedener Spielart vertreten). Sie bildet eben die schon lange herbeigesehnte Brücke zu allerlei Geschäfts- und Familienverbindungen, zu neuen conservativen Gründungen im Herrn etc., und nach der Andacht thun sich die mehr oder weniger harmonisch Gestimmten zu jenen „erheiternden Gesprächen fröhlicher Gotteskinder zusammen, welche der frivole Volksmund schnöder Weise als „frommen Klatsch“ bezeichnet. Sei dem nun wie ihm wolle, wer unter die Lupe dieser „erheiternden Gespräche“ geräth, der wird bald so durchsichtig wie die Lupe selbst; es bleibt keine Naht, kein Faden mehr an ihm verborgen; in Herz und Nieren dringt der gemeinsam verschärfte und prüfende Blick, dem kein Fleckchen, kein Federchen [47] entgeht, und wehe den unseligen, unbußfertigen, verstockten, in eitler Weltlust schwelgenden, den heillosen Spöttern und Glaubensverächtern im hochnothpeinlichen Halsgericht dieser gottselig „erheiternden Gespräche“! Ueber ein Kleines wird den vervehmten Schächer die Zuchtruthe des Herrn ereilen, unfehlbar und sicher im Pfuhl seiner Sünden, dann muß offenbar werden, ob noch ein gutes Haar an ihm ist, ob er ein Sohn Belial's oder einer von Jenen, über den mehr Freude und Wohlgefallen entsteht, denn über tausend Gerechte.

Eine scharf ausgeprägte patriarchalische Eigenthümlichkeit der allerfrömmsten „Gemeinschaft im Herrn“ ist jedenfalls ihr fein organisirter Erwerbssinn; sie sammeln und heimsen mit bienenemsiger Freudigkeit und solch erschöpfendem Nachdrucke, daß, wo sie einmal geerntet haben, auch in der Regel kein Gras mehr wächst. In der sophistischen Auslegung des bürgerlichen Rechts nicht minder bewandert als im Labyrinth der Offenbarung Johannis, werden sie nur höchst selten einen Proceß verlieren, niemals einen geschäftlichen Fehlgriff thun, und der unter ihnen so beliebte tröstliche Zuspruch „der Herr giebt’s den Seinen im Schlafe“ zeigt uns die patriarchalische Segensfülle jener „Auserwählten“ recht eigentlich in ihrer überschwenglichsten Macht. Man beobachte nur, mit[WS 1] welch praktischem Scharfblicke sich der „christliche Jüngling“ unter den Töchtern seiner Sippe umthut, wie rasch und sicher er dem Hafen der Ehe und einer behäbigen Existenz zusteuert! Wie die angesäuerte „Schwester im Herrn“ mit ihren lieben Sparcassenbüchlein und Kuxen einen melancholisch-erleuchteten Hagestolz beglückt! Ja, es geht nichts über die Kaffee-Visiten eines frommen Vereinshauses mit ihren erbaulich forschenden und erheiternden Gesprächen in der Wupperthaler Festwoche. Die süße Herzlichkeit der „Begrüßung im Herrn“ räumt schon alle conventionellen Schranken hinweg; der christlich warme Händedruck, sowie der liebliche Bruder- und Schwesterkuß schmilzt die Seelen zu ahnungsfreudigem Verständnisse.

Doch geben wir Etliches aus jenen Kanzelvorträgen zum Besten, die mit geringen Abweichungen stets in derselben Tonart an das gottselige Gemüth der Versammlung appelliren! Die frommen Herrschaften werden mir’s Dank wissen, daß ich die Gedankenfruchtbarkeit ihres „himmlischen Mannas“ an dieser Stelle auch auf einem „dürren und steinigten Arbeitsfelde“ wirken lasse. Ich folge dabei wörtlich ihrem christlichen Organe, genannt „Mittheilungen der evangelischen Gesellschaft für Deutschland“ (sechsundzwanzigster Jahrgang). Es sind da nämlich im fünften Hefte (1876) folgende Auferstehungsgedanken verzeichnet:

„Die Auferstehung Jesu, in der sein irdischer Schwachheitsleib in die Unverweslichkeit und Herrlichkeit Gottes verklärt worden ist, bürgt uns dafür, daß er auch den Leib seiner Gläubigen, die er seine Brüder und Schwestern nennt, erneuern und seinem Leibe ähnlich machen wird. … Seht, der Gläubige bekommt aus dem verklärten Leibe Jesu durch das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes im Worte und Abendmahle, durch das Anziehen seiner göttlichen Natur im heiligen Geiste einen inwendigen Geistleib um seine Seele, einen göttlichen Bau, der ihn im Tode nicht verläßt, der seine Behausung ist: sowie die Erdenhülle im Sterben von ihm abfällt, so umgiebt ihn diese Behausung, diese Himmelshülle, die nun offenbar wird und an's Licht tritt. Der äußere Leib ist aber ein wesentlicher Bestandteil des Menschen: der Mensch besteht aus Geist, Seele und Leib; wir sind nach Geist, Seele und Leib im Bilde Gottes erschaffen; das ist nun der Triumph des Erlösungswerkes Christi, daß er auch unser verderbtes Hüttenhaus, unseren nichtigen verweslichen Demüthigungsleib erneuert und in die Herrlichkeit nachholt. Bis dahin ist die Seele auch im Paradiese noch in einem Wartezustande. Die Seele verlangt nach ihrem Leibe, nach Auferweckung und Erneuerung ihres Leibes.“[2]

Dieselbe Nummer der von Herrn Rinck, Pastor der ersten lutherischen Kirche Elberfelds, redigirten „Mittheilungen“ tischt dann noch Folgendes „Ueber die jetzige Lage in Deutschland“ auf: „Zu keiner Zeit hat die amtliche Schönfärberei in einem grelleren Gegensatze zu der wirklichen Lage der Dinge gestanden als heute. Der Liberalismus rühmt sich, der Träger von Licht, Recht, Freiheit und Sittlichkeit zu sein, und überall brechen unter seinem Regimente die scheußlichsten Krebsgeschwüre auf, die in einen bodenlosen Abgrund von Halbbildungs-Verdummung, Rechtsverachtung, Rohheit, Gottlosigkeit und Mangel an dem gewöhnlichsten Ehrgefühle blicken lassen. Wohin wir uns wenden, überall derselbe trostlose Eindruck von Verfall, Rückgang, Auflösung. Nie hat die Gesetzesfabrikation so riesige Actenstöße aufgehäuft, allein Alles ist unfruchtbar, das Facit immer ein Minus; für die geistige und sittliche Erhebung des Volkes kommt nichts heraus. Unser nationales Leben wird immer mehr zur wüsten Einöde etc. .“

Die Sammlungen für die Mission, gegen welche der Peterspfennigbettel reines Kinderspiel, sind in der drückenden Zeit etwas mager ausgefallen; da wird denn in den „Mittheilungen“ über die Gebetsversammlungen Londoner Banquiers folgender Wink mit dem Zaunpfahle gegeben: „Haben sie hier himmlische Gaben empfangen, so lernen sie den Geiz überwinden und dem Herrn mit ihrem irdischen Besitze dienen. – Als wesentlichstes Mittel beim Seelenfange dient die Colportage und Weihnachtsbescheerung in den Sonntagsschulen, weil sie den Brüdern Eingang in die Familien verschafft; so sind Tausende von Tractaten u. A. auch an Katholiken vertheilt worden. Einer der Brüder hat die Casernen durchcolportirt; ein anderer stand mit seinen Schriften auf dem Markte aus. Viel Gewicht wird auf die Hausbesuche gelegt, da sich die meisten der verlorenen Seelen nicht immer suchen und retten lassen wollen. Resumé: 300 Bibel- und Besprechstunden, „vielfach reichgesegnete Quartalfeste“, dito Gebetsstunden, „oft so erquickliche Gebetsvereinigungen, von denen gewiß mancher Segen in den betreffenden Gegenden herrührt“, reiche Erträge der Frauen- und Jungfrauenvereine, welch letztere fast ausschließlich für die Heidenmission arbeiten. Die Cassenverhältnisse liegen augenblicklich „nicht ganz günstig“, aber es wird betont, „daß trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse, des Nichtvorhandenseins eines Budgets und größerer fester Einnahmen 29,000 Mark zusammengekommen sind“.

Es läßt sich denken, daß eine Gesellschaft solch exemplarischer Heiliger die Augen stammverwandter Verbindungen in der Ferne auf sich zieht. So soll die „evangelische Allianz“, welche zuletzt in New-York zusammentrat, dann in Jerusalem oder Rom, Edinburgh, Berlin oder Paris tagen wollte, im Wupperthale abgehalten werden, obschon sich die Pariser Freunde schon darauf gefreut hatten, bei dieser mit der Weltausstellung zusammengetroffenen Gelegenheit „sowohl Christen als auch andere Menschen“ in ihren Mauern zu sehen. – Nicht weniger kann es uns wundern, wenn unsere Frommen auf eine möglichst strenge Handhabung der sogenannten „Sonntagsheiligung“ bedacht sind. Als die „rheinisch-westfälische Gefängnißgesellschaft“ am 21. und 22. Juni dieses Jahres in Düsseldorf ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte, sagte Herr Pastor Schröter vom Berliner Zellengefängniß nach einem Berichte der „N. ev. Kztg.“: „Wo die Sonntagsheiligung entschwunden, da hofft man vergeblich auf Achtung vor Gesetz und Obrigkeit. Mit dem sittlichen Ruin geht der physische wie materielle Hand in Hand – und der Verbrecher ist fertig. Der indirecte Zusammenhang zwischen Sonntagsentheiligung und Selbstmord liegt klar vor Augen. Namentlich Körperverletzung, Todtschlag. Unzucht und Notzucht sind häufige Sonntagsverbrechen. Mit der fortschreitenden Bildung nimmt die Zahl der Verbrechen zu, sowie es eine traurige Erfahrung ist, daß die literarisch Gebildeten verhältnißmäßig sehr stark bei den Verbrechen betheiligt sind.“

Obwohl vielleicht selten so große Worte gelassener und zugleich beweisloser ausgesprochen sein mögen, beauftragte die Versammlung dennoch ihren Ausschuß, die königliche Staatsregierung auf den Zusammenhang zwischen Sonntagsentheiligung und Verbrechen hinzuweisen und um strengere Wahrung der Sonntagsgesetze zu bitten. –

In solch trüben Tagen thut's den bekümmerten Herzen der „Stillen im Herrn“ gar wohl, wenn ein „vielgeprüfter und bewährter Bruder“ unter sie tritt und mit Worten lieblicher Tröstung ihre im Kampfe ermattenden Seelen erquickt. Ein solch „auserwählter Mann Gottes“, ein „Reiseprediger“ nach dem Herzen der orthodoxen Bibelhelden, ist nämlich ein gewisser Herr Georg Müller, dessen Erscheinen uns Pastor Rinck in seinen „Mittheilungen in einem frohlockenden „Georg Müller in Bristol und seine Werke“ überschriebenen Artikel ankündigt. „Da Georg Müller bald unser Wupperthal zu besuchen gedenkt,“ [48] erzählt Pastor Rinck, „ist es wohl Vielen erwünscht, an sein Leben, seine Glaubens- und Liebeswerke erinnert zu werden.“ Er ist im Jahr 1805 geboren; wenn er von seinem Jugendleben berichtet, so lautet das gar nicht fein. Seinem Vater gegenüber, der Steuereinnehmer zu Heimersleben (Sachsen) war, blieb er nicht immer auf geradem Wege, wenn es galt von anvertrautem Gelde Rechenschaft abzulegen. Georg Müller begann seine Studien auf dem Gymnasium in Halberstadt, blieb aber ein leichtfertiger Patron, der meist nur Romane las und allerlei sündlichen Gewohnheiten fröhnte. Seinem Seelenhirten, der ihm den Confirmationsunterricht ertheilt hatte, veruntreuete er die ihm vom Vater bestimmte Gebühr. Durch sein üppiges Leben kommt er in solche Noth, daß er einem in demselben Hause einquartierten Soldaten das harte Commißbrod entwendet. Dann hilft er seinem Vater einen Bau beaufsichtigen und verjubelt die eincassirten Gelder auf heimlichen Vergnügungsreisen. So geht's fort, bis der sechszehnjährige Jüngling als Vagabond auf vier Wochen in's Gefängniß gesteckt wird. Sein Vater erlöst ihn aus der Haft, bezahlt seine Schulden und übergiebt ihn der strengeren Zucht des Gymnasiums zu Nordhausen im Harz, wo er im Hause des Directors wohnt und emsig studirt. Aber seiner geheimen Sünden sind noch so viele, daß er ernstlich erkrankt. Am Schluß seines Lotterlebens in Nordhausen spielt er eine Komödie, als ob ihm der Koffer erbrochen und alles Geld gestohlen worden, worauf einige Freunde ihm die angeblich gestohlene Summe ersetzen. Als Mitglied der Halleschen Universität bekommt er sogar das Recht, in den lutherischen Kirchen zu predigen. Vorsätze für ein eifriges Studiren, „damit ihm eine gute Pfarrei nicht entgehe“, faßt er wohl, bald aber verpfändet er seine Habe und borgt Geld, wo er's bekommen kann. Durch schlechte Lebensweise wird er abermals krank; kaum genesen, unternimmt er mit einem Freunde eine Lustfahrt, wozu sich Beide das Geld durch Verpfändung ihrer übrigen Habe verschaffen. Dann reisen sie in die Schweiz. Müller hatte Geld und Pässe besorgt, ersteres durch Verpfändung ihrer Bücher, letztere durch gefälschte Briefe. Müller führt die gemeinsame Casse und veruntreut, wie Judas, einen Theil des ihm anvertrauten Geldes. Nach der Rückkehr kommt er zufällig in das Haus eines christlichen Handwerkers; man setzt sich und singt ein geistliches Lied; dann betet ein christlicher Bruder. „Schon das Niederknieen, versichert Herr Pastor Rinck, „machte einen tiefen Eindruck auf unsern Freund.“ Nach der gelesenen Predigt sang man wieder, und der Hausherr betete. Dieser Abend war der Wendepunkt in Müller's Leben. Missionsblätter weckten in ihm den Gedanken, selber ein Missionär zu werden, aber Verschiedenes trat ihm in den Weg, zuerst eine vorübergehende, aber intensive Neigung zu einer frommen Jungfrau, „durch welche sein Gebet gehemmt wurde“, dann fand er bei seinem Vater äußersten Widerstand. Drei Jahre lang mußte er sich kümmerlich durchschlagen, bis ihm sein Vater die Einwilligung zum Eintritt in’s Seminar der Londoner Judengesellschaft gab. Bald verließ er dasselbe, um sich ganz der „Reisepredigt und Seelenrettung“ zu widmen, wurde an die Spitze einer Gemeinde dieser Richtung nach Bristol berufen und heirathete die Tochter eines persischen Missionärs. Herr Pastor Rinck schließt seinen Roman mit den Worten: „Obschon Müller keinen festen Gehalt bezog, sondern nur von dem lebte, was ihm für den persönlichen Unterhalt in's Haus geschickt wurde, hat es ihm doch nie am Nöthigen gefehlt.“

Einen Blick noch vergönne man mir auf die in den evangelischen Vereinshäusern versammelten Genossen der Wupperthaler Festwoche. An der Festtafel treffe ich die streitbaren Kämpen alle wieder, welche sich bei uns um ihres Aposteleifers willen schon einen Namen gemacht haben. Da sind die wackeren Barmer Pastoren, welche unlängst auf eine Publication des Theater-Comités mit ihrer stolzen Namensunterschrift geharnischten Protest dagegen erhoben, daß die deutsche Bühne als eine Bildungsstätte des Volkes zu betrachten und deshalb unterstützt werden müsse, dieselben Herren, welche immerdar geneigt sind, jede nichtkirchliche und ohne ihre Erlaubniß und Mitwirkung in Scene gesetzte öffentliche Festlichkeit als „Blendwerk des Satans“ und sündhaften Sinnenrausch zu verdammen. Und dort unter den Elberfelder Kirchenlichtern die eifervolle Gesellschaft jener Prädestinations- und Bekenntniß-Gläubigen, unter deren Regiment einst die weltbekannten Erweckungen im städtischen Waisenhause jener Stadt spielten, jene an den unglücklichen Kindern unbarmherzig geübte Entbehrungsquälerei und Gebetsdressur mit ihrem Gefolge krankhafter Hallucinationen und epileptischer Anfälle. Da sitzt auch der Mann mit dem starren, strengen Gesicht, der in seinem Kirchenblättlein und von der Kanzel herab die Apostel des reinsten Menschenthums, unsere Dichterheroen Goethe und Schiller als Heiden, das Schillerjubiläum aber als einen verabscheuenswerthen Götzendienst bezeichnete, welcher den Zorn des Himmels herausfordere; ein frommer Mann, der seinem sterbenden Kinde die trostreichen Worte zurief: „Gebete und gute Werke sind nichts vor dem Herrn; wenn Du zur Verdammniß geboren bist, dann fährst Du zum Teufel, mein Sohn.

Ein geistlicher Herr mit dem trotzigen, selbstgefälligen Lächeln um die blassen, fleischlosen Lippen ist mir ebenfalls bekannt; er beschäftigte noch vor wenig Monden die Väter der Stadt Elberfeld in ernster Debatte. Im dortigen Krankenhause hatte er die beklagenswerthen Insassen derart mit seinem geistlichen Zuspruch behelligt, daß ihm auf Antrag der Medicinal-Commission ein- für allemal der Besuch des Hospitals untersagt werden mußte. Hier erheben sich auch diejenigen Herren zu salbungsvoller Rede, welche es durchzusetzen wußten, daß die Eröffnungsfeier der neuen städtischen Gewerbeschule – eine öffentliche Anstalt, an der Schüler aller Confessionen Theil haben sollen und in welcher das kirchlich-pädagogische Programm wahrlich nur eine höchst untergeordnete Bedeutung zu beanspruchen hat – mit demonstrativ orthodoxem Pompe in Scene gesetzt werden durfte. Da sind ja auch die beiden frommen Presbyter, welche mit den Criminalgerichten in sehr nahe Berührung gekommen und von diesen bestraft worden sind. Doch wie könnte das ihrer orthodoxen Würde schaden, es waren eben „Prüfungen im Herrn“, die mit christlichem Anstande ertragen wurden und nun glücklich überstanden worden sind. Dort der hagere Priester einer hiesigen lutherischen Gemeinde, welcher bei jeder Gelegenheit mit eindringlich-beweglicher Stimme die „conservative Zusammengehörigkeit aller Gläubigen im Herrn“ betont und mit seinen Parteigenossen erst jüngst in der „Kreuzzeitung“ sich gegen die „reformfreundliche Politik“ des Reichskanzlers erklärte; er ist das streitbarste Rüstzeug anmaßlicher Pfaffennoffensive und eng verwandt mit den welfischen und ultramontanen Antipoden unseres modernen Staatslebens. Doch stille! Die Orgel braust; Posaunen erdröhnen, und die Glocken läuten von den Thürmen der hier versammelten Gemeinden und Secten. Ich höre das alte Kirchenlied:

„Wachet auf! ruft uns die Stimme
Des Wächters von der hohen Zinne,
Wach’ auf, wach’ auf, Jerusalem!“

Ja wohl, ich kenne dieses – Jerusalem. Es ist nicht das Jerusalem, welches die Gartenlaube und ihre Anhänger suchen. Die Leser dieses Blattes wissen, daß wahrer Religion, der Religion der Humanität und des gesunden Denkens, an dieser Stelle stets das Wort geredet worden. Ich schließe daher im Hinblicke auf die Gemeinschaft jener „Gläubigen“, welchen dieser Artikel galt, mit dem Wunsche: Und erlöse uns von dem Uebel! Amen.





Telegrafische Wunder.


Die Idee, flüchtigen Verbrechern statt ihres Signalelements in einem sogenannten Steckbriefe gleich ihr Conterfei nachzusenden, hat in unserer Zeit der Photographie eine sehr große Wirksamkeit gewonnen. Besondere Verbrecher-Albums werden angelegt, um die Portraits von Personen, die öfter derartige Maßregeln erfordern, bei der Hand zu haben, und wenn ein bisher Unbescholtener das Weite sucht, so geht eine der ersten Bemühungen der Polizei darauf hinaus, eine Photographie der ihr interessant gewordenen Persönlichkeit bei ihren Freunden zu ergreifen, um derselben vermittelst der „Gartenlaube“ oder des „Kladderadatsch“ eine weite Verbreitung und dem Urbilde eine unfreiwillige Berühmtheit zu verleihen. Dieses Mittel hat sich sehr häufig als probat erwiesen, aber da die Herstellung des Holzschnittes, die Fertigstellung der Zeitung und ihre Verbreitung eine gewisse

[49] Zeit erfordern, Verbrecher aber sehr schnell und ohne Aufenthalt zu reisen pflegen, so kamen diese Portraits in noch häufigeren Fällen zu spät, um von Nutzen zu sein.

Gegenwärtig werden nun auf der Parser Polizei Versuche angestellt, Steckbriefe mitsammt dem Medaillonportrait des Verbrechers, und zwar in der Größe eines Fünffrankstückes, nach beliebigen Richtungen zu telegraphiren Es sind dies zwar nur unschattirte Umrißzeichnungen, wie sie die Schattenrisse der guten alten Zeit darboten, aber da sie der Telegraph in jeder Ferne mit aller mir wünschenswerthen Genauigkeit nachzeichnet, so ist immerhin damit viel gewonnen. Die alte Drohung, welche Virgil die Dido an den Aeneas richten läßt:

„Es ziehet mein Schatten Dir nach, wo Du weilst; Du
büßest Verräther!“

läßt sich mit einer kleinen Verwechselung von Mein und Dein, die bei Betrügern und sonstigen Steckbrieflern nicht viel auf sich hat, nunmehr parodiren:

„Dein Schattenriß folget Dir nach, wo Du weilst; Du
büßest Verbrecher!“

Der erwähnte Versuch wurde in Gegenwart einer Commission, an deren Spitze sich der Polizeipräfect Boisin und der Chef des Sicherheitsbureaus Jacob befanden, in der Weise angestellt, daß das Profilbildniß des Letzteren - denn Profilaufnahmen lassen sich in einfachen Linien am leichtesten wiedergeben - nach Lyon telegraphirt wurde. Wenige Minuten darauf kündigte der Telegraph an, daß der fingirte Bösewicht in effigie soeben glücklich in Lyon angelangt sei. Um nun der Pariser Commision die Zweifel zu benehmen, ob das Portrait auch getreu durch den Draht übermittelt worden sei, erbat man es sich zur nochmaligen Vergleichung mit dem Originale telegraphisch zurück, und alsbald hatten die Anwesenden das Vergnügen. das Portrait ihres Chefs, unangegriffen von der halbstündigen Reise nach Lyon und zurück, in Paris wieder begrüßen zu können. Kurz darauf telegraphirte übrigens der Lyoner Polizeichef das Bild eines wirklichen Flüchtlings, eines Bankbeamten, der mit der Casse durchgegangen war, und sein Pariser College konnte die Agenten, welche er sofort zum Lyoner Bahnhofe sendete, mit dem telegraphischen Portrait des Diebes versehen.

Ich bin ziemlich sicher, daß mancher meiner Leser bei dieser Nachricht an den Kalauer gedacht haben wird von jenem biederen Landmanne, der ein Paar Stiefeln an den Telegraphendraht gehängt haben soll. um sie seinem in Feindesland bei der Armee stehenden Sohne recht schnell zukommen zu lassen, allein mit diesen Portraittelegrammen hat es, wenn die uns gemachten Mittheilungen sich in ihrem ganzen Umfange bestätigen, wohl seine Richtigkeit, wahrscheinlich ist die Erfindung jedenfalls und man muß sich eigentlich wundern, daß die Sicherheitsbehörden erst jetzt auf dieses Mittel verfallen sind. Denn es werden demnächst vierzig Jahre, daß der englische Mechaniker Bain einen Apparat ersann, um Schriftzüge und Zeichnungen jeder Art, Pläne, Entwürfe, Facsimiles etc. durch ein höchst sinnreiches, aber ganz einfaches Verfahren telegraphisch in die Ferne zu senden, so daß z. B. ein Brief in der Originalhandschrift damit telegraphirt werden konnte. Der französische Ingenieur Caselli hat dieses sinnreiche Verfahren bedeutend vervollkommnet, und im Jahre 1862, wurden mit seinem Apparate bereits auf den Linien Paris–Lyon, Paris–Amiens und Paris–Marseille achtmonatliche Versuche angestellt, welche vollkommen die Ausführbarkeit der Idee zeigten, aber den zeichnenden Telegraphen doch für allgemeine Zwecke nicht geeignet erwiesen. Die neu verbesserten Apparate sollen indessen so praktisch sein, daß man sie alsbald auf allen französischen Präfecturen einführen will.

Um dem geneigten Leser, der an die Möglichkeit, Zeichnungen zu telegraphiren, nicht eher glauben will als bis er eine Idee des Verfahrens erhalten hat, entgegen zu kommen, wollen wir versuchen, in aller Kürze das Princip der älteren Einrichtung, welches höchst wahrscheinlich auch der neueren zu Grunde liegt, darzulegen. Man denke sich einen Metallstift, der, durch ein Uhrwerk sehr schnell, aber höchst regelmäßig bewegt, über eine unverrückbar darunter liegende Metallfläche derartig hingleitet. daß er sie, wenn die Spitze abfärbte, allmählich mit lauter engen Parallellinien bedecken wie man sagt, überschraffiren würde. Wenn man nun vorher mit Harzlösung oder einer Farbe, welche den elektrischen Strom nicht durchläßt, eine einfache Linearzeichnung, Schriftzüge oder dergleichen auf der Platte gemacht hätte und ließe nun einen elektrischen Strom von der Zeichnungsplatte auf die Spitze übergehen so würde dieser Strom jedesmal dann einen Augenblick unterbrochen werden, wenn die Nadel den nichtleitenden Strich der Zeichnung kreuzt. Indem man ferner diesen Strom auf beliebige Entfernung zu einem ganz genau gleichlaufenden und zu derselben Zeit telegraphisch in Thätigkeit gesetzten Uhrwerke hinleitet und die gleichlaufende Nadel desselben nur dann und so lange das Papier färbend berühren läßt, wie der Strom ausbleibt, so muß dort in hundert Meilen weiter Entfernung genau dieselbe Zeichnung entstehen welche an ersterer Station zeitweilig stromunterbrechend wirkt. Man läßt dabei einen elektrischen Reservestrom färbend wirken indem man ein mit Cyankalium getränktes feuchtes Papier anwendet, welches aus Metallgrund liegt und jedesmal, wenn die Eisenspitze es berührt, mit Hülfe des elektrischen Stromes blau gefärbt wird. Wie das Licht bei der Photographie. so wirkt hier der elektrische Strom färbend, indem er eine chemische Verbindung von blauer Farbe (Berlinerblau) erzeugt, und man könnte ebenso gut den aus der Ferne kommenden Strom diese Zersetzung bewirken lassen, würde aber dann bei der erwähnten Anordnung ein negatives Bild (weiß auf blauschraffirtem Grunde) erhalten. Ueberhaupt ist das Princip der mannigfachsten Wandlungen fähig, und es ja immerhin möglich, daß dieser sogenannte Pantelegraph in einer vervollkommneten Gestalt alle anderen verdrängt, sodaß wir unsere Depeschen in Originalschrift erhalten und alle möglichen Gerichtsacte in der Ferne vollzogen und höchst eigenhändig auf hundert Meilen Entfernung unterschrieben werden könnten. Der Caselli’sche Apparat arbeitete noch etwas zu langsam. obwohl er eine Originalhandschrift von fünfzehn Worten schon in einer einzigen Minute in beliebiger Entfernung wiedergab, wenn letztere nämlich in eine Zeile gebracht würden.

Der alte Graf Oxenstierna gab seinem Sohne als diplomatische Hauptregel auf. „Schreib’ nie einen Brief!“ und das erste Gebot für Steckbriefs-Aspiranten heißt schon lange: „Laß Dich nicht photographiren!“ Sie kennen die Wichtigkeit dieser Vorsicht recht gut und machen die Sache dem Polizei-Photographen oft durch Gesichterschneiden sehr sauer. Mit Rücksicht auf die neue Anwendung wird man die Verbrecher-Photographien ohne Zweifel künftig en profil anfertigen lassen und besondere Physiognomien-Zeichner ausbilden, die gegebenenfalls im Stande sind, nach einem En-face- Bilde die Profil-Ansicht herzustellen. Diese Gefährlichkeit der Photographie erinnert an den bei allen Naturvölkern verbreiteten Aberglauben, daß man sein Bild niemals in fremde Hände gelangen lassen dürfe, weil mit Hülfe desselben dem Originale der größte Schaden an Leib und Leben zugefügt werden konnte. Jede Verletzung des Bildes sollte dem Originale einen entsprechenden Schaden zufügen, und noch vor wenigen Jahrhunderten war dieser Aberglaube in Frankreich und England der Gegenstand einer Reihe großartiger Staatsprocesse. Aber der gewaltige Unterschied der Zeit malt sich darin, daß man heute nicht mehr mit den Abbildern einer Person Verbrechen verüben zu können glaubt, sondern sie umgekehrt benutzt, Verbrechen auszurotten und zu erschweren. Wer ein gutes Gewissen hat, braucht sich vor dem Photographen nicht zu fürchten wie die Indianer, die da meinen, der Bildnißmaler nähme einen Theil ihres Selbst mit sich fort.

Nicht weniger merkwürdig mag es erscheinen, daß der Telegraph neuerdings vielbeschäftigten Aerzten auch die Möglichkeit gewährt hat, ihren Patienten telegraphisch den Puls zu fühlen, nachdem man schon seit einigen Jahren angefangen hatte, denselben zu photographiren. Der amerikanische Arzt Dr. Upham in Salem bei Boston hat kürzlich einen Kreis seiner Zuhörer den Puls von Kranken sehen lassen. die in denselben Augenblicke in dem vierzehn Meilen weit entfernten Stadthospitale von Boston in ihren Betten lagen. Ein Telegraphendraht setzte das Spital mit dem Hörsale in Verbindung, und in derselben Zeit, in welcher die Schläge des Herzens voll einem automatisch wirkenden Apparate durch den Draht befördert wurden, erschienen sie bereits auf der Wand des Hörsaals, durch Magnesiumlicht sichtbar gemacht, als Schattenspiel, welches genau Zahl und Rhythmus derselben wiedergab.

Die telegraphischen Fortschritte häufen sich in der Neuzeit [50] förmlich. So hat die Firma Siemens und Halske in Berlin neuerdings einen kleinen, leicht transportablen und ohne Mühe anwendbaren Kriegs-Telegraphen erdacht, um jeden einzelnen Vorposten mit seinem Commando in Verbindung zu setzen, und die einfachen Zeichen, die für diesen Zweck in Betracht kommen, zu geben. Nichts würde aber an praktischer Bedeutung dem sogenannten Multiplex-Apparat von Meyer gleichkommen, der seit dem achtzehnten September auf der Strecke Berlin–Frankfurt in Thätigkeit ist. Derselbe soll es ermöglichen, eine größere Anzahl Depeschen gleichzeitig vermittelst derselben Drahtleitung zu befördern, so daß man also mit viel weniger Leitungen und Arbeitskräften auskommen wird. Ein Quadrupler-Apparat, wie er auf der genannten Strecke in Thätigkeit ist, befördert zweitausend Worte in der Stunde, was durch keine andere Vorrichtung bisher zu erzielen gewesen ist. Die Herren Bochotte und Bourbonce in Paris haben ihrer Akademie nun gar einen Bericht vorgelegt, nach welchem sie unter Umständen ohne alle Drahtleitung telegraphirt haben, und zwar, indem sie das Wasser der Seine als Leitung benützten. Das Verfahren wäre zwar nicht für die allgemeine Anwendung geeignet, da gewisse natürliche Strömungen der Elektricität dabei in Betracht kommen, aber es könnte sich vielleicht für Ausnahme-Fälle (belagerte Festungen) nützlich erweisen.

Praktisch wichtiger versprechen die Versuche zu werden, die telegraphischen Leitungen direct derartig mit den Locomotiven in Verbindung zu bringen, daß diese gleichsam selbst für ihre Sicherheit sorgen, indem sie nach der nächsten Station automatisch voraus melden, wenn sie eine bestimmte Stelle der Bahnstrecke passiren. Eine Art Besen mit Metallfasern, der an dem Bauche der Locomotive angebracht ist, fegt im Darüberhinfahren über eine erhöhte und mit einer Metallplatte bedeckte Stelle des Bahnkörpers und in demselben Augenblicke ertönt auf der nächsten Station das Auskunftssignal, welches also niemals vergessen werden kann. Solche Apparate sind von Lartigne, Forest und anderen Ingenieuren construirt worden und auf mehr als einer Linie bereits in Wirksamkeit. Eine noch einfachere derartige Vorrichtung, um das Befahrenwerden eines Schienenstranges telegraphisch voraus zu melden, ist von Professor Robinson erdacht und auf einer von Boston ausgehenden Bahn vor einigen Monaten in Anwendung gebracht worden. Die beiden Schienen des Stranges werden nämlich bei dieser neuen Einrichtung selbst als Telegraphendrähte benützt, in denen beständig ein geschlossener schwacher Strom kreist, so lange nicht eine Locomotive diese Schienen betritt und vermöge ihres Metallkörpers selbst die Schließung bewirkt. Dann geht der Strom selbstverständlich nicht mehr bis zur nächsten Station, und ein dort an weit sichtbarer Stelle angebrachter Hufeisenmagnet, den dieser Strom sonst beständig umkreist, läßt seinen Anker fallen, das Signal stellt sich von selbst auf „Gefahr“. Dieser einfache Apparat ist nur darum nicht schon längst erfunden, weil man nicht für möglich gehalten hat, daß man sich der beiden Schienen als isolirte „Drähte“ bedienen könne, und es also auch nicht versucht hat. Die bereits seit länger als einem halben Jahre fortgesetzten Versuche auf der Linie Boston–Lowell zeigten aber, daß die Isolation bei jedem Wetter vollständig ist. Es kommt nur darauf an, daß der Strom schwach bleibt, und deshalb hat Robinson die Strecke in Abtheilungen von je zwei englischen Meilen getheilt, für welche je ein Element den Dienst, als niemals schlafender Wächter, der auch nur alle sechs Monate einmal gespeist zu werden braucht, versieht. So muß der elektrische Strom nach allen Richtungen für unsere Sicherheit sorgen.




Das Londoner Polizeiwesen.
1. Der Geheimpolizist.
Im Namen des Gesetzes: Sie sind verhaftet.


Welcher lesende Mensch Europas hat sich nicht an dem Jules Verne’schen Romane „Reise um die Welt in achtzig Tagen“ und welcher Theaterbesucher nicht an der Meilhac’schen Posse „Tricoche und Cacolet“ ergötzt? Und worin liegt das größte erheiternde Moment an diesen launigen Geistesproducten? Nun denn - zweifellos in den Figuren der Detectives, respective der als Detectives fungirenden „Vermittelungsbüreau-Inhaber“. In der That, die Wirksamkeit eines geschickten Geheimpolizisten - der technische Ausdruck „Detective“ ist mit den entsprechenden Aenderungen fast in alle europäischen Sprachen übergegangen - bietet sowohl ihm selbst wie dem Beobachter hohes Interesse, erfordert aber auch weit mehr Geschicklichkeit als die des einfachen Constablers. Dieser hat es mehr mit concreten, greif- und sichtbaren, äußerlichen Dingen zu thun, während sein bürgerlich gekleideter College Alles erst concret, greif- und sichtbar zu gestalten hat, was ein tiefes Eindringen in’s Innere von Menschen und Zuständen nothwendig macht.

Die Zirkel, in denen sich der Detective bewegt, sind gerade nicht die feinsten in der Gesellschaft, nein, die Leute, von denen er lebt, sind der Auswurf der Menschheit: Criminalverbrecher, Mörder, Einbrecher, Betrüger, Brandstifter und wie diese saubere Sippe sonst noch heißen mag. Sein Geschäft ist also keineswegs reinlich und angehm. Dennoch übt es große Anziehungskraft auf sehr Viele aus; daher rührt es, daß nicht Wenige daran Geschmack finden, die selbst in behaglichen Lebensstellungen sind, und daß sie in Ländern, wo man es ihnen gestattet, der Polizei als Dilettanten-Detectives unentgeltliche Dienste leisten. Auch ist es gar nicht selten, daß officielle Detectives in ihren Stand geradezu schwärmerisch verliebt sind.

Was hat der Geheimpolizist zu thun? Er ist dazu da, Verbrecher zu entdecken, respective des Verbrechens Verdächtige und Leute von notorischer Schlechtigkeit zu überwachen, kurz, Alles zu veranlassen, was einen Bösewicht dem „Arme der Gerechtigkeit“ überliefert. Gerade in England wirken verschiedene besondere Umstände zusammen, um diese Aufgaben zu erschweren. Die ausgedehnte persönliche Freiheit hat zur Folge, daß Missethäter sich dort zahlreicher als anderswo der verdienten Bestrafung entziehen können. Hier braucht, wer im Hôtel ein Zimmer oder in einem Privathause eine Wohnung miethet, sich weder in’s Fremdenbuch einzutragen, noch einen „Fremdenzettel“ zu schreiben. Man kümmert sich nicht darum, wie Jemand heißt, was er ist, woher er kommt und wohin er geht. Es giebt keine Hausbesorger, keine Wanderbücher, weder Pässe noch Marschrouten. Ebenso wenig ist die Rede von autorisirten und gewissenhaften Versatzämtern, wie sie in Paris, Wien etc. bestehen, man kennt nur „Pawnbrokers“, bei denen der Erstbeste gestohlenes oder rechtmäßiges Gut unter falschem Namen und falscher Adresse versetzen kann. Das Privatleben der Ausländer ist wie das der Inländer keinerlei Controle unterworfen. Die Hauptsache jedoch ist, daß Großbritannien ein Inselreich ist, das täglich zahllose Schiffe nach allen Meeren entsendet; das Entkommen ist also viel leichter als auf dem Continent. Zuweilen glaubt die Polizei, der Verfolgte sei in Australien, während er die Metropole noch gar nicht verlassen; ebenso sind Manche längst in irgend einer Stadt des Westens geborgen, wenn die Weisen von Scotland-Yard (Gerichtshof) ihren Spürnasen Auftrag geben, jeden Winkel Londons zu durchstöbern. Trotz all dieser Schnwierigkeiten jedoch ist die Zahl der Entwischenden seit zwei Jahrzehnten verhältnißmäßig merkwürdig gering. So lange existirt nämlich das Institut der Detectives, diese neue Organisation des europäischen Polizeiwesens.

Die Leitung der Londoner „Metropolitan Detective Police“ (auch für die City maßgebend) ruht in den Händen des Chefs des Constablerwesens, jetzt Colonel Henderson; ihm unterstehen ein Ober-Inspector, drei Inspectoren, fünfzehn Sergeants und eine wandelbare Zahl von Detectives. Diese sind, wie gesagt, Sicherheitswächter in bürgerlichen Gewande und werden aus der Zahl der Constabler gewählt. In der Regel fällt die Wahl auf solche, die sich durch Scharfsinn und richtigen Blick bemerkbar machen und die vor Allem Lust zur Sache zeigen. Da sie es gewöhnlich mit verschmitzten Leuten zu thun haben, müssen sie selbst einen erklecklichen Grad von Schlauheit besitzen, List mit List vergelten, und dazu darf ihnen kein Mittel unmöglich dünken. Sie müssen sich im Nothfalle schminken, falsche Bärte und Perrücken anlegen - ganz wie die Schauspieler, und wie diese können sie heute als Bettler, morgen als Stutzer, jetzt als Kellner, dann als [51] Liebhaber auftreten. Kurz, sie kommen oft in die Lage, dieselben Mittel und Verkleidungen anzuwenden, sich ebenso undurchdringlich zu maskiren, wie die von ihnen in’s Auge Gefaßten.

Die Verfolgung von Verbrechern und die Erforschung der Umstände, unter denen ein Verbrechen begangen worden, bilden eine Art Wissenschaft mit unumstößlichen Regeln, und die Leser haben durch Temme’s Erzählungen wohl einen Einblick in dieselbe erhalten. Aber mit dieser Kunst ist es, wie mit jeder andern: Regeln genügen nicht; es muß auch Naturgenie vorhanden sein, oder wenigstens ein specielles Talent. Schreiber dieses erfreut sich der Bekanntschaft einer Anzahl von nützlichen Mitgliedern der hauptstädischen Polizei-Armee. Jeder von ihnen ist eigenartig begabt. Der Eine besitzt ein wunderbares Gedächtniß für Personen und Daten. Der Zweite ist ein sehr scharfer Physiognomiker. Ein Dritter spricht den Gaunerjargon, als wäre er seine Muttersprache. Mehrere haben sich darauf verlegt, die Stimmen der Leute zu studiren, und sind mit den zahllosen Schattirungen derselben wohl vertraut. Die Kenntniß der Stimmen ist dem Detective äußerst nützlich; denn wenn der Verbrecher auch sein ganzes Aeußere total unkenntlich machen kann, so ist es doch kaum möglich, daß er seine Stimme ebenso vollkommen ändere; auch Aussprachefehler, wie das Anstoßen mit der Zunge etc. sind kaum abzulegen. Besonders in Momenten, wo der Betreffende aufgeregt oder überrascht ist, wird ein Geübter leicht die echte Stimme wahrnehmen.

Die Thätigkeit des Detectives läßt sich mit der des Jagdhundes und mit der des Webers vergleichen. Schickt man ihn aus, um einen Verbrecher zu verfolgen, so wirft er sich, wie der Jagdhund, mit Zuhülfenahme seiner Spürnase, seines Witterungssinnes, auf die Aufstöberung seines freilich nichts weniger als edlen Wildes. Handelt es sich um die Erforschung von Mysterien, die ein Verbrechen umhüllen, so macht er’s wie der Weber eines Netzes: Faden um Faden trägt er zusammen, von denen viele dem gewöhnlichen Auge unfaßbar und unsichtbar sind; jeden Moment füllt er einen Theil der Leere aus, erhellt das Dunkel, das über der Affaire schwebt, und endlich ist das Netz der Beweise, in dem der Thäter moralisch gefangen wird, fertig.

Unter den besten Waffen im Arsenale des Detectivethums nehmen einige aus den modernen exacten Wissenschaften hervorgegangene Entdeckungen einen hohen Rang ein. Vor Allem ist’s bekanntlich die Photographie, welche der Polizei trefflich zu Statten kommt. Selbstverständlich ist auch die reine Chemie eine kräftige Stütze des Armes der Gerechtigkeit. Weniger bekannt dürfte es sein, daß in London sogar schon das Taucherwesen mit Erfolg zur Aufdeckung von widergesetzlichen Geheimnissen benutzt worden ist.

Man darf nicht vergessen, daß der Detective, gleich dem Constabler, nur dann Jemandem etwas anhaben kann, wenn er weiß, daß derselbe eine bestimmte That begangen. Es ist unglaublich, aber wahr, daß in England nur der sechste Theil der notorischen Gauner im Gefängnisse ist; die anderen fünf Sechstel gehen frei herum. Man weiß recht gut, daß jeder Einzelne derselben, um leben zu können, täglich neues Unrecht thun muß; jeder Einzelne ist der Polizei bekannt und könnte jederzeit arretirt werden; ja, man ist sogar im Besitze von weit über dreitausend Adressen von Hehlern und Hehlerinnen, aber man würde es für Verletzung des Freiheitsinnes halten, die bloße Absicht, Böses zu thun, zu bestrafen, oder Jemanden einzusperren, ohne ihm genau beweisen zu können, wegen welches Vergehens.

Auch für sich speciell darf man Detectives miethen, doch mit dem Unterschiede, daß man sie nicht aus Scotland-Yard erhält, sondern aus Privat-Bureaux. Es giebt nämlich officielle und private Spürnasen. Die Letzteren entbehren jeder amtlichen Autorität und stehen in den Diensten der „Private inquiries offices“. An diese „Privaten Auskunftsbureaux“, die das Aufspüren von allerlei Dingen als Geschäft betreiben, wendet sich, wer einem Verbrechen auf die Spur kommen oder sonstige Spionage in seinem Interesse ausüben lassen will, oder auch, wer vertrauliche Erkundigungen aller Art einzuziehen wünscht. Die meisten von denen, welche die Herren Tricoche und Cacolet in der Meilhac’schen Posse als Detectives im Interesse eines Gatten und einer Gattin wirken sehen, halten gewiß die betreffenden Scenen für phantastische Uebertreibungen der fruchtbaren Einbildungskraft des Verfassers. Wir können aber versichern, daß jene Darstellungen der Wahrheit ziemlich nahe kommen und daß es derlei Anstalten tatsächlich giebt. Man begegnet sehr häufig den schmutzigen Resultaten ihrer Thätigkeit in den Verhandlungen des Londoner Scheidungsgerichtshofes. Auch gehen sie oft mit den Rechtsanwälten Hand in Hand; in einem Processe miethen die Vertreter beider Parteien Detectives, wenn es sich um die Enthüllung von Geheimnissen handelt. Die Privat-Detectives werden von der amtlichen Polizei mit scheelen Augen angesehen, und es wird ihnen vorgeworfen, wegen schnöden Gelderwerbes Aufträge zu übernehmen, deren sich die amtlichen Spürnasen schämen würden. Dennoch kommt es vor, daß ein Beamter Colonel Henderson’s die Dienste von privaten geheimen Agenten in Anspruch nimmt; dies thut er jedoch unter eigener Verantwortlichkeit, und er setzt sich der Gefahr einer Rüge aus, wenn sein Gehülfe etwas verdirbt. Eine wichtige Rolle spielen die weiblichen Detectives, deren Dienste für Scotland-Yard unentbehrlich sind. Aber sie werden ebenfalls nicht von der Verwaltung direct engagirt; diese bezahlt sie zwar – in der Form von „Zeugen“ – aber für die Aufnahme und Gebarung derselben ist der betreffende Beamte verantwortlich.

Schließlich wollen wir einer Frage gedenken, welche hauptsächlich einem schwarzen Fleck im englischen Detective-Wesen ihren Ursprung verdankt: der Frage des Werthes des Ticket-of-leave-Systems. Was ein „Ticket-of-leave“ eigentlich ist, dürfte in Deutschland nicht allgemein bekannt sein. Die wörtliche Uebersetzung jenes dreifachen Wortes wäre „Urlaubs- oder Abschieds-Schein“, und dies ist auch die Bedeutung jener Documente in der Polizei- und Gerichts-Sprache. Im Laufe der Zeit wurden es die zur Blüthe gelangten australischen Colonien Großbritanniens bekanntlich müde, die Sträflinge aus dem Mutterlande aufzunehmen; die Deportation mußte daher aufgehoben werden. Als Ersatz dafür führte man eine Art Frohndienst ein. Um dem Verurtheilten für die Zukunft nicht alle Hoffnung zu benehmen, wurde die Bestimmung getroffen, daß er, wenn Anzeichen von Besserung und gutem Benehmen vorhanden sind, vor dem Ablauf der Strafzeit entlassen und mit einer vom Minister des Innern – dem Chef des Justizwesens – ausgestellten Pergamentsurkunde, dem Ticket-of-leave, versehen werden kann. Mit dieser Entlassungskarte in der Tasche ist er ein freier Mann und kann thun, was er will. Doch steht er unter polizeilicher Ueberwachung und wird wieder arretirt, wenn er müßig geht oder auf Abwege geräth. Nun sollte man meinen, daß solche Einrichtungen wohlthätig sind. Sie waren es auch wirklich in Australien. Den Deportirten hatte man ein ähnliches Zugeständniß gemacht; sie gingen, aus dem Gefängnisse entlassen, in irgend eine Stadt jener Inselwelt und wurden, da den Colonien im Stadium ihrer Entwickelung jeder Zufluß angenehm sein mußte, als Mitbürger aufgenommen, ohne daß man nach ihrer Herkunft und Vergangenheit fragte. Haben doch diese neuen Niederlassungen im fünften Welttheile einen guten Theil ihrer Blüthe ehemaligen Sträflingen zu danken! Ganz anders aber ist es leider in England. Hier macht der Uebereifer der Geheimpolizisten den Werth des Ticket-of-leave nicht nur hinfällig, sondern verwandelt die edle Absicht der Gesetzgeber in einen Fluch der armen Sünder, die sich wirklich bessern wollen. Ein Beispiel aus allerjüngster Zeit möge für diese Behauptung sprechen.

Ein im Jahre 1871 zu fünf Jahren Kerker verurtheilter Mann wurde vor längerer Zeit mit einem Ticket-of-leave entlassen. Einige Freunde associirten ihn in Brighton mit einem Geschäftsmann, und sie betrieben ein schönes, einträgliches Geschäft. Alles war in der besten Ordnung, – da erschien eines Tages ein Detective bei dem unbescholtenen Compagnon und fragte ihn, ob er wisse, daß sein Camerad ein Ticket-of-leave-Inhaber sei. Sofort wurde der Unglückliche an die Luft gesetzt. Nun kam er nach London und fand bei einem der vielen dortigen Postmeister, mit dem er von früher bekannt war, eine Stelle. Alsbald trat ein Detective auf und plauderte das Geheimniß wieder aus. Der Postmeister wollte unseren Mann zwar trotzdem behalten, allein die Spürnase erzählte die Geschichte in der Nachbarschaft, welche durch ihr Ausbleiben aus dem Laden des Postmeisters diesen zwang, den armen Teufel fortzuschicken. Und so ging es ihm mit mehreren anderen Stellen. Er mag vielleicht noch viele andere Anstellungen erhalten – und die „Gesellschaft zur Unterstützung entlassener Sträflinge“ thut ihr Möglichstes, um den Ticket-of-leave Inhabern Beschäftigung zu verschaffen –, aber stets wird das Damoklesschwert der Angeberei über [52] seinem Haupte schweben. Abgesehen davon, daß es unmenschlich ist, Jemandem eine abgebüßte Strafe ewig vor Augen zu halten, wird der Betreffende dadurch in der Regel verhindert, sich eine ehrliche Existenz zu gründen, und es ist daher kein Wunder, wenn er dem Verbrechen wieder in die Arme getrieben wird. „Die Polizeiagenten sind unsere ärgsten Feinde,“ sagte einmal ein Ticket-of-leave-Inhaber vor Gericht, „sie sagen Jedermann, wer wir sind, sodaß uns Niemand Arbeit geben will. Was bleibt uns also übrig, als zu stehlen oder zu verhungern?“

Selbst das Aufheben der ursprünglichen Clausel, daß der Entlassene sich von Zeit zu Zeit bei der Polizei zu melden habe, hat keine Aenderung in dem dummen Benehmen der Geheimpolizisten herbeigeführt. Die Gefangenen denken nicht mit Unnrecht, daß eine Wohlthat, durch die sie gebrandmarkt werden, nicht viel werth sei, und die Meisten lehnen es daher ab, vor ihrer Zeit entlassen zu werden; sie warten lieber, um sicher zu sein, daß ihnen keine unberufene Spürnase etwas anhaben kann. Ja, Manche führen sich während ihrer Gefangenschaft absichtlich unanständig auf und ziehen sich Disciplinarstrafen zu, nur um sich der Gunst, ein Ticket-of-leave zu erhalten, unwürdig zu zeigen.

Da wird es in Frankreich in dieser Beziehung ganz anders gehalten. Ein Londoner Fabrikant, der einen Franzosen in seinem Bureau hatte, war mit ihm sehr zufrieden und wollte ihn befördern, hatte ihn aber im Verdachte, daß er unter polizeilicher Aufsicht stehe. Als ein Pariser Freund, den er beauftragte, sich hierüber Gewißheit zu verschaffen, auf der Präfectur Nachfrage hielt, antwortete ihm der Polizeichef: „Ich kann nicht nachsehen lassen, ob der junge Mann unter Aufsicht steht oder nicht, denn die Ihnen zu gebende Auskunft könnte die Folge haben, daß derselbe vor die Thür gesetzt wird. So hätten wir ihn der Möglichkeit beraubt, seinen ehrlichen Namen wieder zu gewinnen und sich eine anständige Zukunft zu gründen. Das hieße gegen die gesellschaftlichen und menschlichen Gesetze sündigen.“

Ueberdies hat das Ticket-to-leave-System den Grundfehler, daß es die Gefangenen zur Heuchelei verleitet. Wie will man sich von der Besserung eines Gefangenen überzeugen? Etwa durch das gute Benehmen? Dasselbe kann nicht maßgebend sein, denn wenn Einer loskommen will, so kann er sich ja ordentlich aufführen, ohne damit schon ein anständiger Mensch geworden zu sein. Im Gegentheil, die Gewohnheitsverbrecher pflegen sich gerade am besten zu benehmen, weil sie das Gefängniß als ihr Heim betrachten. Andere geberden sich gegen den Kerkercaplan fromm, sagen ganze Bibelstellen her, empfangen die Sacramente und thun überhaupt, als wären sie reuig. Der Geistliche läßt sich in der Regel nur zu leicht täuschen und empfiehlt der Gefängnißverwaltung, die auf ihn baut, die Betreffenden zur Entlassung. Sofort nach der Entlassung aber beginnen diese „Büßer“ ihr altes Lumpenleben wieder. Etwa der fünfte Theil der Ticket-to-leave-Männer pflegt schon kurz nach der Entlassung wieder wegen erneuten schlechten Lebenswandels eingesperrt zu werden.

Das Facit ist: die Schlechten bessert ein beliebiges Stück Pergament nicht; die Guten macht es schlecht. Wie es aber kommt, daß die Hetzereien der Detectives nicht energisch verboten werden, ist uns ein Räthsel.

L. R.




Unfall oder Mord?
(Mit Abbildung.)

Die Stilfserjochstraße in Tirol, bekanntlich der höchste (8610 Pariser Fuß) fahrbare Hochalpenpaß in Europa, ist ein im wahren Sinne des Wortes hochinteressanter Kunstbau, der, eine Reihe von Jahren von der österreichischen Regierung arg vernachlässigt, nun wieder vorzüglich in Stand gehalten und von Reisenden aller Nationen in den Monaten Juni bis October lebhaft befahren und begangen wird. Sie verläßt zwischen den Poststationen Mals und Eyers bei dem einsam gelegenen Gasthofe Spondinig die tiroler Reichsstraße, überschreitet die Etsch und verläßt nach Pràd das breite sonnige Thal des Vintschgaues. Ueber kühn gespannte Bogenbrücken, durch wildromantische Schluchten führt die Straße aufwärts zu dem herrlich gelegenen Dorfe Trafoi, erklimmt an den Abhängen und Geröllhalden die 6700 Pariser Fuß hoch gelegene Poststation Franzenshöhe und weiter, in unzähligen Windungen, das Stilfserjoch (auch häufig Wormserjoch genannt). Die Straße, so kühn in ihrer Anlage, gehört dennoch zu den sichersten Fahrstraßen der Alpengebiete, und mit Ausnahme einiger Ruinen, ehemaliger Wegeinräumer-Häuser, welche in ihrer Zerstörung Zeugniß geben von den heftigen Kämpfen, die hier wiederholt zwischen tiroler Scharfschützen und italienischen Freischärlern stattgefunden, finden wir keine der in Tirol üblichen, an Unglücksfälle mahnenden Martersäulen oder Votivtafeln. An vielen Orten sieht der Wanderer gewaltige, natürliche Felstunnels, durch die der Gletscherbach sich brausend drängt; er zieht hart neben den gewaltigen Eiscolossen der Ortlergruppe vorüber, deren Abstürze sich tief unten im Trafoier Thale verlieren; er wandelt über verschlissenes Gletschergestein, aber selbst in den unwirthbaren Höhen nahe dem Joche findet sich keine Stelle, die auch nur im Geringsten gefährlich erscheinen könnte.

Es war nun dem Sommer des Jahres 1876 vorbehalten, die vielgerühmte Sicherheit der Stilfserjochstraße in Frage zu stellen, da sich die Schreckenskunde verbreitete, es sei eine Dame bei einem Spaziergange nahe von Trafoi an der Straße verunglückt und durch einen Fehltritt in den Abgrund gestürzt. Für jene, welche die Gegend genau kennen, war diese Kunde um so überraschender, als der bezeichnete Platz, wo sich dieses Unglück ereignet haben sollte, nahezu alle Wahrscheinlichkeit eines zufälligen das Leben gefährdenden Sturzes ausschloß. Allen Reisenden, die je die Straße beschritten haben, wird ungefähr eine Gehstunde oberhalb Trafoi der Punkt unvergeßlich geblieben sein, wo in der Tiefe das Kirchlein „zu den drei Brunnen“ sichtbar ist und die wilden zerrissenen Gletscherhänge des Ortler und Madatsch (siehe Illustration) das Thal abschließen. Ein einfaches Kreuz und eine Ruhebank bezeichnen noch außerdem diese Aussicht an der „weißen Knot“. Kaum hundert Schritte von dort entfernt fand man die Leiche der verunglückten Dame, und bald erfüllten Gerüchte in wahrscheinlichen und unmöglichen Variationen die in furchtbare Aufregung versetzten Gemüther der Einwohner der Umgegend.

Der Glaube an eine natürliche Todesart der Verunglückten wurde durch das gleichgültige Benehmen ihres Mannes, der den Alpenbewohnern bald verdächtig wurde, sofort erschüttert, und nachdem vorübergehend die Idee eines Selbstmordes aufgetaucht, lispelte man erst leise, dann immer lauter und lauter das Wort: „Ein Gattenmord“. Auf Grund dieser Verdachtsgründe wurde der Gatte in London in Haft gehalten.

Wir lassen hier den authentischen Text des im Verhör mit dem wichtigsten Zeungen, dem Gasthofbesitzer Ortler in Trafoi, gerichtlich aufgenommenen Protokolls folgen. Dasselbe wurde den Polizeigerichten in London eingesandt.

„Am Sonntage, 16 Juli langten bei mir eine Dame und ein Herr in einem zweispännigen Wagen, von Spondinig kommend, an. Die Dame war groß und corpulent; die Herrschaften dinirten mit anderen Gästen im allgemeinen Speisesaale. Um zwölf Uhr verließen sie das Hotel in demselben Wagen. Die Dame sprach nur wenig. Ich sah ihr an, daß sie von Stande war. Sie trug sehr kostbare Schmucksachen, eine goldene Halskette von der Dicke eines Fingers, welche nur über den Kopf abgenommen werden konnte. Eine Chatelaine von Stahl, an der Seite hängend, fesselte besonders meine Aufmerksamkeit. Nachmittags kehrte der Kutscher ohne die Herrschaften wieder zurück. Gegen sechs Uhr traf der Herr, Namens Mr. Tourville, wieder ein, erzählte, daß seine Frau einen Fall gethan habe, und zeigte mit der Hand auf seine Schläfe, dabei bemerkend, daß sie in dieser Gegend verwundet sei und blute. Mr. Tourvillee war nicht aufgeregt, noch schien ihm die Affaire wichtig. Er ließ den Kutscher rufen und sagte ihm, seine Frau sei gefallen, an einem ungefähr eine halbe Stunde entfernt gelegenen Orte, er, der Kutscher, solle sie mit vier Leuten abholen. Ich schloß daraus, daß die Frau beim Kreuze nahe beim Wasserthale liege. Mr. Tourville verlangte dann Wein, von dem er jedoch sehr wenig genoß, blieb ungefähr eine halbe Stunde und befahl dann, daß der Wagen mit den Leuten ihm folge.

Gegen neun Uhr fingen wir an, die Sache in ernsterem Lichte zu betrachten, und bemerkten, daß, wenn die Dame nur

[53]
Die Gartenlaube (1877) b 053.jpg

An den Gletscherhängen des Ortler. Nach der Natur gezeichnet von A. Obermüllner in Wien.

[54] gefallen wäre, sie bereits angelangt sein müßte. Als die Leute wieder mit Mr. Tourville zurückkamen, erzählten sie, daß die Arme todt unter der Straße, nahe beim Sitze in der Biegung unter dem Flüßchen, liege, welchen Platz sie unmöglich bei einem Falle hätte erreichen können. Niemand glaubte, daß sie dorthin, wo man sie gefunden, gefallen sein könne. Wir schöpften Verdacht und überlegten, was wir mit Mr. Tourville anfangen sollten. Der in Trafoi stationirte Zollinspector Zoller meinte, wir sollten ihn im Zimmer bewachen. Ich hielt dies für gefährlich, da Mr. Tourville ein starker Mann ist und aus aus dem Fenster entweichen konnte, und schlug vor, daß er in seinem Wagen, begleitet von Zoller, fortgebracht werden solle. Zoller nahm diesen Vorschlag an und wollte ihn anfangs nach Glurns bringen, folgte aber dann mir, indem ich ihm rieth, ihn nach Spondinig zu führen.

Vor der Abfahrt wurde Mr. Tourville von mir visitirt, ich fand aber nichts. Als Zoller seine Beinkleider untersuchte, fragte ich ihn, was er in den Taschen habe, worauf er antwortete: ‚Eine Kette.‘ Er gab dieselbe heraus. In dem Wagen befanden sich auf der Rückseite ein Ueberrock, zwei Sonnenschirme und ein Regenschirm. Der Wagen war bereit und verließ uns, begleitet vom Inspector Zoller.“

Die weiteren Angaben Ortler’s beziehen sich auf ein gefundenes Taschentuch und Blutspuren an den naheliegenden Steinen, unter welchen man den Hut und die Ohrringe gefunden hat. Zeuge war der Ansicht, daß deren Lage unter den Steinen nicht allein vom Zufalle herrühre. Schließlich giebt er an, er habe gehört, daß das Ehepaar Tourville nicht im besten Einvernehmen gelebt habe. – Ein anderer Zeuge, der Gensd’armerieofficier Magnus Fritz, hat ausgesagt, daß er Blutspuren an den Beinkleidern Tourville’s entdeckt und daß er solche auch an zwei Fingern eines Handschuhes desselben bemerkt habe, die jedoch herausgerieben worden zu sein schienen. Bei der Todtenbeschauung durch die Gerichtscommission, bei welcher Tourville gegenwärtig gewesen ist, will der Zeuge Fritz denselben genau beobachtet und bemerkt haben, daß er sehr ergriffen gewesen sei und die Todte nur einmal habe ansehen können. Die Verlesung der sehr umfänglichen Zeugenaussage hat fast den ganzen Tag in Anspruch genommen, und ist schließlich vom Richter bestimmt worden, daß Tourville behufs Vervollständigung der Legalisirung anderer officieller Berichte aus Oesterreich noch weiter in Haft zu bleiben habe. Tourville zeigte bei der Verhandlung nur wenig Spuren von Aengstlichkeit.

Neuerdings wird gemeldet, daß Tourville am 30. December unter Escorte eines Policeman von London abgeführt und am 31. December in Hamburg dem Bezirksinspector des Wiener Central-Sicherheitsbüreau, Sabatzka, übergeben wurde, der ihn in Begleitung zweier Detectives nach Bozen gebracht hat. Die Affaire gelangt Anfangs Februar vor die Bozener Assisen, und werden wir noch darauf zurückkommen.

A. D.




Erinnerungen aus dem letzten Kriege.
Nr. 14. Madelon.

Der Waffenstillstand, welcher im Norden Frankreichs abgeschlossen war, hatte für den Süden nicht stipulirt werden können. Trümmer der französischen Armee hielten noch geringe Gebietstheile an der Schweizer Grenze besetzt, und das Unwesen der Franctireurs terrorisirte das Departement Jura. Weite Wälderstrecken und zerklüftetes Gebirge boten sowohl einzelnen Strolchen wie ganzen von Nationalhaß fanatisirten Banden gelegene Schlupfwinkel, und fast kein Tag verging, an welchem nicht dem General-Commando der Mord eines auf dem Marsch zurückgebliebenen Kranken, der Ueberfall eines einzelnen Reiters, die Beraubung einer Feldpost oder dergleichen zu Ohren kam. Diesem Unwesen zu steuern hatte der eiserne General, welcher die deutsche Division im Departement Jura commandirte, die strengsten Repressalien angeordnet, um das Interesse der Provinz zur Unterdrückung dieser Banden wachzurufen, und unter Anderem folgenden Befehl erlassen:

„Es ist am gestrigen Tage eine Ordonnanz des X. Regiments auf der Straße von Pontarlier nach Lous le Saunier hinterrücks ermordet worden. Zur Strafe für diesen Meuchelmord zahlt jede Stadt pro Kopf ihrer Bewohner fünfundzwanzig Franken, jedes Dorf pro Kopf fünfzehn Franken Contribution. Diese Contribution ist seitens der X. Brigade auf der Ostseite, seitens der V. Brigade auf der Westseite des Departements zu erheben.“

Jedem Regiment wurde von den Brigaden ein Bezirk zugewiesen; die Regimenter repartirten die Ortschaften an die Bataillone, und bei unserem Bataillon blieb der heikle Auftrag auf dem Lieutenant Wendt sitzen. Wendt war außerordentlich verstimmt über den Befehl. Von Hause aus Landwirth und Gutsbesitzer, wußte er, wie schwierig das Eincassiren so bedeutender Summen zu solchen Zeiten stets in den Dörfern ist, und wie entsetzlich hart die Leute durch Fortnahme von Vieh getroffen werden mußten. Er beschloß deshalb bei seinem Bataillons-Commandeur vorstellig zu werden. Er brachte vor, er glaube für ein Commando wie das vorliegende nicht recht geeignet zu sein; wenn die Execution bis zum Aeußersten getrieben würde, so werde das ein Weinen und Lamentiren der Weiber geben und dem sei er absolut nicht gewachsen. Der Major lachte und erwiderte, die Ordre sei in ihrer strengen Fassung mehr auf die Franzosen berechnet, um an den Straßenecken angeklebt zu werden; der Lieutenant brauche sie nicht so wörtlich zu nehmen und könne nach eigenem Ermessen die Höhe der Contribution den anscheinenden Vermögensverhältnissen der Ortschaften anpassen. Damit war Wendt zufriedengestellt und marschirte am Nachmittag mit siebenzig Mann Infanterie und zehn Dragonern die Straße nach Lons le Saunier, um dann in einen jener schön chauffirten Vicinalwege einzubiegen, die fast alle Departements ihrem vielgeschmähten dritten Napoleon zu verdanken haben.

Von Seiten des Commandos waren dem jungen Officiere einige statistische Notizen über die strafbaren Ortschaften eingehändigt worden, und das erste Dorf, welches sich äußerst stattlich präsentirte, war darin mit sechshundert Einwohnern verzeichnet. Der Lieutnant besetzte die Ausgänge der Dorfstraße mit einem Unterofficierposten, ließ das Detachement auf dem geräumigen Platze vor der Mairie unter dem Gewehre stehen und den Maire des Dorfes herausrufen. Er forderte den etwas finster dareinstehenden stattlichen Mann auf, den Rath des Dorfes zusammen zu berufen. Bald liefen einige Kinder nach verschiedenen Seiten in das Dorf, und nach wenigen Minuten begannnen sich ältere und jüngere Männer um den Maire zu versammeln und ihrer gespannten Erwartung durch leise Fragen Ausdruck zu geben. Schließlich fand sich auch der wohlgenährte Curé ein, was die Sache in den Augen des Lieutenants nicht besser machte, und die Versammlung war vollzählig.

Wendt trat dicht an die Bauern heran und theilte ihnen kurz mit, daß er den Befehl habe, von dem Dorfe eine Contribution von neuntausend Franken zu erheben, daß er dem Maire eine halbe Stunde Zeit geben werde, diese Summe aufzutreiben, daß er im Weigerungsfalle an Stelle des Geldes das Vieh der Bauern mitnehmen lassen werde und daß solche Contributionen im ganzen Departement erhoben würden zur Strafe für einen gestern an einem preußischen Soldaten verübten Meuchelmord. Dann wandte er sich kurz um und commandirte:

„Patrontaschen auf! Bataillon soll chargiren – geladen!“ Die Schlösser flogen rasselnd auf, die Patronen hinein.

„Gewehr ab, rührt Euch!“ und er zündete sich gleichmüthig eine Cigarre an.

Die Franzosen sahen sich eine Zeitlang bestürzt, schweigend an und begannen sich dann leise zu unterhalten; hin und wieder wurde einer oder der andere sehr heftig, dann begann der Curé sehr eindringlich auf die Streitenden einzureden, und die hochgehenden Wellen der Leidenschaft wurden wieder ebener. Endlich wandte sich der Curé an den Officier. Es sei zu größerer Verständlichkeit gestattet, die sämmtlichen Betheiligten deutsch sprechen zu lassen, obwohl kein einziger der Bauern auch nur ein Wort von unserer Muttersprache verstand.

„Mein Herr,“ sagte der Curé, „in dieser Ortschaft ist kaum [55] in besten Zeiten so viel Geld zu finden, wie Sie fordern, jetzt aber ist es ganz unmöglich, auch nur den zehnten Theil der Contribution aufzubringen, und Alles, was das Dorf erschwingen kann, sind fünfhundert Franken.“

„Ah!“ sagte Wendt entrüstet, „das ist stark. Ich fordere neuntausend Franken, und Sie bieten mir fünfhundert? Was unterstehen Sie sich, Herr?“ und das Blut schoß ihm in die Stirn.

„Sergeant Bernhard,“ wandte er sich zu dem neben ihm stehenden Unterofficier, „nehmen Sie die Section vom linken Flügel und lassen Sie das gesammte Vieh aus dem Dorfe hierher zusammentreiben!“

Der Sergeant marschirte ab, und die Früchte seiner Thätigkeit begannen sich bald zu zeigen. Stattliche Stiere, Kühe und Kälber wurden in der Dorfstraße sichtbar. Der Curé hatte sich achselzuckend an den Maire gewendet; die Dorfältesten sprachen mit leiser Stimme, aber heftig gesticulirend untereinander. Die abmarschirende Section erregte offenbar ihre Spannung auf das Höchste. Als sie den Zweck derselben in dem Heraustreiben des Viehes erkannten, erreichte ihre Leidenschaft den höchsten Grad und der Maire wandte sich mit heftiger Geberde gegen den Officier.

„Sie wollen uns unser Vieh nehmen, Monsieur?“

Die Angst und der Zorn der Bauern berührte den Landwirth in der Uniform sympathisch, doch es handelte sich hier darum, dem Meuchelmorde und dem Banditenwesen zu steuern, und Wendt runzelte finster die Stirn.

„Gewiß, Monsieur,“ erwiderte er kurz.

„So theilen Sie mir mit,“ sagte der Maire, entschlossen vortretend, „welches die äußerste Summe ist, mit welcher wir uns loskaufen können!“

„Monsieur,“ erwiderte der Lieutenant, ruhig und langsam jedes Wort[WS 2] betonend, „es wird dieses jetzt das letzte Wort sein, welches Sie von mir hören werden: Berathen Sie die Sache noch einmal mit den Dorfältesten, und dann sagen Sie mir, welches die äußerste Summe ist, welche dieses stattliche Dorf zu erlegen im Stande ist! Genügt mir dieselbe, so werde ich sie acceptiren, genügt sie mir nicht, so werde ich nachträglich auch nicht mehr die volle Summe annehmen und unnachsichtlich sämmtliches Vieh des Dorfes forttreiben lassen. Nun überlegen Sie Alles genau, ehe Sie sprechen, mit dem Curé aber verschonen Sie mich! Mit dem will ich nichts zu thun haben,“ und er schnippte geringschätzig die Asche von seiner Cigarre.

In diesem Augenblicke fuhr Wendt erschreckt auf, denn an sein Ohr war der Angstschrei einer weiblichen Stimme gedrungen. Er richtete seinen Blick die Dorfstraße hinab und sah ein junges Mädchen von auffallender Schönheit aus einem der nächsten Häuser treten, aus welchem soeben ein Soldat eine Kuh hinausgetrieben hatte. Weinend wandte sich das Mädchen an den Sergeanten und kam, als dieser achselzuckend sein „Nix comprends – verstehe nichts“ erwiderte, direct auf den Lieutenant zu.

„Na, nun geht’s los,“ dachte Wendt angsterfüllt, und war nicht wenig erfreut, als er sah, daß der Maire in diesem Augenblicke auf ihn zutrat.

„Monsieur,“ sagte der Maire, „wir werden versuchen, zweitausend Franken aufzubringen.“

„Meinetwegen,“ erwiderte Wendt, froh, einen so guten Handel gemacht zu haben, „aber beeilen Sie sich etwas, wenn ich bitten darf!“ und er wandte sich, nun sehr erleichtert, dem jungen Mädchen zu, welches ihre von Thränen erfüllten Augen angstvoll auf ihn gerichtet hatte. „Womit kann ich Ihnen dienen, mein Fräulein?“ sagte er, von dem Schmerze und der Schönheit der jungen Französin bewegt, mit freundlicher weicher Stimme.

„O Monsieur,“ sagte sie mit zuckenden Lippen, und die Thränen stiegen von Neuem in ihre großen braunen Augen, „man hat meiner armen kranken Tante die einzige Kuh fortgenommen; es ist Alles, was sie hat – der Hunger ist unser Loos.“

Wendt räusperte sich, um seine Bewegung zu verbergen. Er verabscheute in diesem Momente seinen Auftrag und wünschte dringend, in den Augen des Mädchens nicht als so vollkommener Tiger zu gelten, wie es jetzt der Fall zu sein schien, denn der Ausdruck der braunen Augen bildete eine seltsame Mischung von Schmerz und Grauen.

„Beruhigen Sie sich, Mademoiselle!“ sagte er freundlich. „Ihre Tante soll sogleich wieder in den Besitz der Kuh gelangen; haben Sie, ich bitte, noch einige Minuten Geduld, und Alles wird in Ordnung sein.“

Die Französin athmete erleichtert auf. „O, wie danke ich Ihnen, mein Herr!“ rief sie mit einem so fröhlichen Aufleuchten der Augen, daß ihre lieblichen Züge wie von einem Sonnenstrahl verklärt wurden.

Als sie fröhlich ihrem Hause zusprang, trat einer der Dorfältesten an sie heran und sprach auf sie ein. Sie fuhr erschreckt zusammen und schüttelte mit dem Kopfe. Nur das Wort: „Unmöglich!“ verstand der Lieutenant.

„Aber es hilft nichts,“ erwiderte der Bauer, „Jeder muß opfern, was er hat,“ und dann schritt die Französin, wie es schien wieder enttäuscht, weiter. Unterdeß hatte sich die Scenerie sehr verändert.

Der stille Marktplatz hatte sich angefüllt mit Rindern, Kühen, Kälbern, welche theils wild umher sprangen, theils ängstlich brüllten, und eine ganz respectable Anzahl älterer und jüngerer Weiber und alter Männer hatte den Platz vor der Mairie ausgefüllt. Der Maire lud den Officier ein, in die Mairie einzutreten und an dem großen Tische in der Mitte der geräumigen Stube Platz zu nehmen, welche sich schnell mit Männern und Frauen anfüllte. Einer der Aeltesten des Dorfes setzte sich mit einer Verbeugung gegen Wendt ebenfalls an den Tisch, entfaltete eine Liste und rief den daselbst obenan verzeichneten Namen auf.

„Pellissard der Aeltere – hundert Franken!“

Pellissard tritt an den Tisch, ein alter Mann mit weißem, dünnem Haar an den Schläfen des kleinen Kopfes; er knüpft zitternd ein rothes baumwollenes Taschentuch auf und zählt in Gold, Silber und Kupfer hundert Franken auf. Der alte Mann schob das Geld dem Lieutenant hin, welcher, beide Hände auf den Säbel gestützt, aus seiner Cigarre ganze Wolken von Rauch zog. Ein Name folgte dem andern; theils mit stiller Resignation, theils unter Schluchzen und Jammern wurde das Geld aufgezählt, und die Haufen Gold, Silber und Kupfer wuchsen immer höher an.

1990 Franken waren bereits eingezahlt, als „Madame Vivier“ als Letzte auf der Liste aufgerufen wurde.

„Aber Madame Vivier ist krank,“ rief eine weibliche Stimme aus der Menge.

„Eh bien,“ sagte der Maire, „wo ist denn aber Madelon, ihre Nichte?“ und ertheilte, als Niemand antwortete, einem Weibe Ordre, Madelon zu holen.

Gleich darauf trat die junge Französin, welche sich vorher hülfesuchend an den Officier gewendet hatte, an den Tisch heran.

„Madame Vivier,“ wiederholte der Aelteste mit eintöniger Stimme, „zehn Franken.“

„Monsieur Valure,“ erwiderte Madelon und ihre Stimme kämpfte mit Thränen, „die Tante hat nicht einen Centime im Hause.“

„O,“ sagte ein Weib aus der Menge mit rauher Stimme, „ich habe auch mein Letztes daran gegeben und wünsche vergeblich meiner kranken Tochter das Kraftsüppchen zu machen, welches der Doctor zu ihrer Genesung so dringend wünscht.“

„Ja, Madelon,“ sagte der Aelteste, „Jeder ist nach seinen Verhältnissen eingeschätzt, und es ist unnütz, sich dagegen zu sträuben; Glück oder Unglück des Ortes hängen von dem guten Willen jedes Einzelnen ab.“

Madelon flog die Röthe der Scham über ihre öffentlich discutirte Armuth und den Zweifel an ihrem guten Willen hell über Stirn und Hals. Sie nestelte mit bebender Hand an einer aus Haaren geflochtenen Schnur, welche um ihren Hals unter dem Kleide hing, und zog an derselben ein armseliges, goldenes Heiligenbildchen hervor, dessen Werth wohl noch kaum an zehn Franken heranreichte, löste es von der Schnur, küßte es und legte es auf den Tisch. Eine große Thräne floß über ihre vorher so rothe und nun so bleiche Wange.

Wendt, welcher starren Blickes der Scene gefolgt war, erhob sich schnell und heftig.

„Halt!“ rief er, und seine Stimme klang rauh vor Bewegung, „so ist es nicht gemeint;“ und vor den Augen der verwundert dareinschauenden Franzosen trat er an die andere Seite [56] des Tisches und ergriff die Liste. „Pellissard der Aeltere,“ rief er den ersten Namen, „fünfundsiebenzig Franken!“

Der alte Pellissard trat leichenblaß und zitternd an den Tisch. „Herr!“ rief er und hob bittend die zitternden Hände empor, „haben Sie Mitleid mit mir und dem armen Dorf!“

„O nein,“ sagte der Lieutenant, und der Schweiß trat ihm auf die Stirn, „nein, nein,“ rief er und winkte heftig mit der Hand, „nicht zahlen, sondern zurückerhalten sollt Ihr von den gezahlten hundert Franken fünfundsiebenzig Franken.“

Ein Schrei der Freude ertönte ringsumher.

„Stecken Sie fünfhundert Franken zu sich, Herr,“ wandte sich Wendt an den Maire, „lassen Sie Ihren Wagen anspannen, und folgen Sie mir nach Lons le Saunier! Sie sollen die Quittung von meinem Commandeur eigenhändig empfangen. Den Rest des Geldes vertheilen Sie an die Eigenthümer.“ Dann ergriff er das Heiligenbildchen und knüpfte es der erröthenden Madelon selbst an die Schnur; er zog die Börse, ergriff die Hand des überraschten Mädchens und schüttete den Inhalt mit harten Thalern hinein: „Pour Madame Vivier,“ sagte er leise.

Alexander Weimann.




Blätter und Blüthen

Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers. Kaiser Wilhelm der Erste hat, wie man weiß, Blumen gern, und sein Geburtstagstisch ist stets mit einer Fülle der prachtvollsten Sträuße bedeckt, aber auch eine gar schmucklose Blume des Feldes, die Kornblume nämlich, darf unter ihren glänzenderen Schwestern niemals fehlen. Alle Söhne und Töchter der verewigten Königin Louise von Preußen bewahren für sie – im Andenken an die theure Dahingeschiedene – eine ausgesprochene Vorliebe, welche sich auf ein scheinbar höchst unbedeutendes Begebniß zurückführen läßt.

Die Königin Louise verlebte bekanntlich zwei Jahre – von 1806 bis 1808 – in Königsberg und bewohnte während der Sommermonate eine daselbst vor dem Steindammer Thore belegene ländliche Besitzung. Die Einsamkeit dieses Aufenthaltes, in welchem nur das Rauschen der alten Waldbäume, das helle Gezwitscher der Vögel und das Summen leichtbeschwingter Insecten die tiefe Stille unterbrachen, that dem leidenden Gemüthe der schwer geprüften Fürstin wohl. Hier wandelte sie oft mit ihren Kindern und sprach sanfte, treue Mutterworte zu ihnen, welche den Sinn, das Herz, ihren Geist bilden, ihren Charakter stählen sollten.

Eines Morgens, als die Königin mit den Kindern sich wiederum in den Park begeben wollte, bot ein Landmädchen, welches mit einem Korbe voll Kornblumen neben der Gartenpforte stand, diese der hohen Frau an. Louise beschenkte, freundlich dankend, das Mädchen, und nahm die Kornblumen, über deren herrliche blaue Farbe die zehnjährige Prinzessin Charlotte sich voll Bewunderung äußerte, mit sich in den Garten. Als man auf einem Ruhesitze Platz genommen hatte, versuchte die Prinzessin, nach Anleitung der Mutter, von den Kornblumen einen Kranz zu winden, und so groß war die Freude über den gelungenen Ausfall dieser Arbeit, daß die gewöhnlich bleichen Wangen der Prinzessin vom hellsten Roth überhaucht wurden. Und als sie dann den vollendeten Kranz auf ihr schönes Haar drückte, stand er dem feinen, edel geschnitzten Gesichte so trefflich, daß die zuschauenden Geschwister, darunter auch der jetzige Kaiser, durch laute Ausrufe von ihrer Freude Kunde gaben. Was mochte in dem Herzen der Königin sich regen, als sie die Augen ihrer Kinder so froh erglänzen sah über eine Spende, deren materieller Werth sich kaum beziffern ließ?

Die Gewalt der Waffen hatte dem theuern Vaterlande Unglück über Unglück gebracht; wer konnte ahnen, daß die jetzt mit einem Kranze von Feldblumen geschmückte Prinzessin einst das Diadem einer Kaiserin auf ihrer Stirn tragen würde? Wer konnte ahnen, daß das scheinbar vernichtete Preußen einst seinen schützenden Arm vom Fels zum Meere breiten und Louisens Sohn als deutscher Kaiser das geeinte Deutschland zu ungeahnter Machtstellung und Ehre erheben würde?

Allein die Königin sah in dem einfachen, durch schuldlose Freuden beglückten Sinn ihrer Kinder ein Eden erstehen, aus dem unvergängliche Quellen des reinsten Genusses sich ergießen mußten. In tiefer Rührung zog sie die Geliebten an ihr Herz, und die Kornblume, welche ihr so Schönes offenbart, wurde und blieb ihre und ihrer Tochter Charlotte Lieblingsblume.

Als Charlotte zwanzig Jahre später als Kaiserin von Rußland ihre Heimath durch einen Besuch erfreute, glaubten die Bewohner von Königsberg in der mächtigen Kaiserin die angenehmsten Erinnerungen zu wecken, wenn die jungen Mädchen, welche beim Einzuge der Fürstin ihr Blumen streuten, mit Kränzen von Kornblumen geschmückt, vor ihr erschienen. Und sie hatten sich nicht getäuscht; die Kaiserin sprach ihren Dank und ihre Freude aus, daß man die Kornblume gewählt, um sie zu ehren.




Fritz Reuter als Schiedsrichter einer Wette. Es war im Herbst des Jahres 1868. Wie gewöhnlich saßen wir Freunde am Abend beisammen; diesmal bildete die plattdeutsche Sprache, ihr Charakter und ihre mannigfachen Schattirungen unsere Unterhaltung; einer der Freunde aus dem Hannöver'schen meinte, eine Eigenthümlichkeit wäre dem Plattdeutsch aller Orten gemein; überall wo die plattdeutsche Sprache herrscht, spräche man das „St“ scharf aus und rein wie es geschrieben würde. Ich bestritt dies und betonte, wie ein mehrjähriger Aufenthalt im Mecklenburg-Strelitzischen mich belehrt habe, daß man speciell in diesem Theile der norddeutschen Tiefebene „Schtock“, „Schtein“, nicht „Stock“, „Stein“ sage, daß dort das „St“ stets mit dem Zischlaut verbunden sei. Kurz, es kam zu einer Wette, die zu entscheiden Fritz Reuter, auf meinen Vorschlag, gebeten wurde. Diesen liebenswürdigen Dichter hatte ich in Neu-Brandenburg im Gasthaus „Zur goldenen Kugel“ kennen gelernt, oder im „Goldnen Knopp tau Nigen-Bramborg“, wie Fritz Reuter in seinen Schriften sagt. Es waren herzlich gemüthliche und heitere Abende, welche ich dort mit dem Dichter verlebt, als er von seiner Reise nach Constantinopel zurückgekehrt war. Bis in späte Stunde hatten wir dort seinen lieben Worten gelauscht, als er uns den Anfang seiner „Urgeschichte von Meckelnborg“, damals noch Manuscript, vorgelesen.

Auf seiner damaligen sich zu einem Triumph gestaltenden Reise durch sein mecklenburgisches Vaterland traf ich das letzte Mal mit dem auf der Höhe seiner Erfolge stehenden Dichter zusammen; es war im Frühjahr 1865. Wenige Jahre vorher hatte Reuter in Berlin den Nestor der deutschen Sprachforschung, Jacob Grimm, besucht und schrieb hierüber: „Er hat viel und mancherlei mit mir über Plattdeutsch geredet und Alles so milde besprochen, so freundlich beurtheilt, daß mir das ganze Herz aufging. Ich wollte, Du sähest einmal in diese treuen Augen und fühltest Dich einmal durch dieses ermuthigende Lächeln gekräftigt.“ Ebenso bescheiden und liebenswürdig war die freundliche Antwort, welche mir Reuter bezüglich unserer Wette sendete. Sie liegt vor mir und lautet:

„Sie haben mir da eine Nuß auf die Zähne gepackt, die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt. Um Ihnen jedoch nach Kräften gefällig zu sein, und wär's auch nur viel später, als Sie gewiß erwartet haben, will ich Ihnen das, was ich zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage beitragen kann, nicht vorenthalten, es ist dies aber, wie Sie sehen werden, durchaus nicht erschöpfend und die fragliche Wette entscheidend. Wo ich in plattdeutschen Landen bekännt (sic!) bin, habe ich mich allerdings auch um die Aussprache bekümmert, also auch um die Aussprache des ‚St‘, und so viel ich weiß, wird in Mecklenburg-Schwerin, Holstein, Hamburg, Hannover und Vorpommern das ‚St‘ stets so gesprochen, wie es geschrieben wird. Von Westphalen weiß ich es nicht, indessen glaube ich es. In Mecklenburg-Strelitz jedoch, mehr nach der preußischen Grenze der Uckermark zu, beginnt der ‚Scht‘-Laut schon überhand zu nehmen und setzt sich dann weiter durch Hinterpommern und die Mark Brandenburg fort. Ueber die Richtigkeit dieser oder jener Aussprache ist indessen außerordentlich viel und nach meiner Ansicht viel Nutzloses geschrieben worden. Dem ersten Anscheine nach und nach meinem Gefühle müßte ‚St‘ das Richtige sein; große Autoritäten jedoch, z. B. die Gebrüder Grimm, haben sich für ‚Scht‘ aus mir nicht gegenwärtigen Gründen entschieden. Sie sehen, ich bin als Schiedsrichter in diesem Punkte durchaus nicht competent. Mit freundlichem Gruße etc. Ihr Fritz Reuter.“

Wir erkannten dankbar diesen liebenswürdigen Schiedsspruch an, und ein fröhliches Hoch bei fröhlichem Mahl auf den liebenswürdigen Dichter bildete den Schluß der Wette.

Dresden
Richard Steche.


Eine Schwesteranstalt der Comeniusstiftung. Es ist bezeichnend, daß unter allen Culturvölkern zuerst das deutsche Volk das Bedürfniß empfand, alle auf Erziehung und Unterricht bezüglichen Schriften ohne Unterschied der Sprache an einem Orte zu sammeln; die Begeisterung der ganzen Nation in Folge der Erstehung des deutschen Reiches ließ diesen Gedanken rasch zur That werden, und so entstand die „Comeniusstiftung in Leipzig, eine pädagogische Bibliothek, zu deren Gründung Beiträge aus allen Theilen der Erde, wo Deutsche lebten, einliefen. Auch die Regierungen auswärtiger Staaten förderten dieses Unternehmen; so hat z. B. das österreichische Unterrichtsministerium die Werke des kaiserl. königl. Schulbücherverlages gewidmet und allen österreichischen Schulen den Auftrag ertheilt, alljährlich ihre Jahresberichte der Comeniusstiftung einzusenden.

Gegenwärtig geht in Wien ein Kreis von Schulmännern daran, nach dem Muster der Comeniusstiftung für Oesterreich eine solche pädagogische Centralbibliothek zu gründen. Er wendet sich an Alle, welchen die Grundlage unserer Cultur, eine richtige Erziehung und eine gute Schule, am Herzen liegt, mit der Bitte, die Errichtung einer solchen Bibliothek durch Zusendung von Büchern, Programmen etc., welche das Schul- und Erziehungswesen betreffen, zu fördern.

Derartige Sendungen sind an den Director Döll in Wien zu adressiren.



Auf die vielen freundlichen Gratulationen, welche sowohl der Redaction wie mir persönlich gelegentlich der Eröffnung des Jubeljahrgangs der „Gartenlaube“ zugegangen sind, ist es mir unmöglich in einzelnen Zuschriften zu antworten, und bitte ich daher die liebenswürdigen Einsender von sinnigen Geschenken, Briefen, Gedichten, Karten und sonstigen Zeichen der Sympathie auf diesem Wege meinen warmgefühlten Dank entgegenzunehmen.

Ernst Keil.

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: 'kennt'
  2. Daher die Leichenverbrennung auch als ein „Werk des Teufels“ zu verdammen ist.
    Der Verfasser.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: mir
  2. Vorlage: Wout