Die Gartenlaube (1880)/Heft 4

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 4.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Ledige Kinder.
Erzählung aus dem oberbairischen Gebirg.
Von Herman v. Schmid.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten; Ueber-
setzung vorbehalten.


In der großen Wohnstube des Kogelhofes war es am Abend des ereignißreichen Tages wohl um Vieles traulicher und heimlicher als in der Waldhütte des Pechlers. Die Stube trug, wie das ganze Haus, das Gepräge einer alten Zeit; anderthalb Jahrhunderte mochten dahingegangen sein, seit hier keine ändernde oder bessernde Hand die Wände oder Einrichtungsgegenstände berührt hatte. Die Täfelung an der Decke und an den Wänden zeigte, daß sie aus einer Zeit stammte, in welcher die Gegend noch reicher mit Eichbäumen bestanden war; sie war ganz aus den schönsten Balken und Brettern dieses Holzes gezimmert, das durch die Länge der Zeit ein so tiefes Braun angenommen hatte, wie die größte Kunst es hervorzubringen nicht vermocht hätte. Auch die an den Wänden umlaufenden Bänke, der mächtige Tisch und die sogenannte Brücke, die hinter dem großen Kachelofen sich gemächlich in den Winkel schmiegte, waren aus demselben Holze gefügt und stimmten in Form und Farbe zu einander und zur Umgebung, als wären sie aus einem Stamm geschnitten. Die nicht großen, tief in die dicke Mauer eingelassenen Fenster waren mit kleinen runden, bleigefaßten Scheiben eingeglast, durch welche nur gedämpftes Licht eindrang, sodaß der Bewohner schon früh für nöthig befunden hatte, eine kleine Oellampe anzuzünden, deren Schein kaum die Stube ausfüllte und nur eben knapp hinreichte, überall die Umrisse erkennen zu lassen.

Die Ehehalten (Hausgesinde) hatten bereits zu Abend gegessen, das Tischgebet verrichtet und sich in ihre Kammern begeben; dennoch war der Tisch in der Ecke noch weiß gedeckt und, wie an demselben Morgen die königliche Tafel, mit zwei stattlichen Gedecken besetzt, welche der Gäste harrten. Letztere verweilten noch auf ihren Zimmern; der Verkehr mit dem alten Kogelhofer mochte ihnen nach dem stattgefundenen Gespräche nicht genug verlockend sein, um sich früher einzustellen, als das Essen aufgetragen sein würde.

Der alte Kogelhofer, der an der innern Tischecke saß, stimmte in jeder Weise zur Umgebung. Er war selbst ein Stück alter Zeit, wie über seinem Kopf der kleine Hausaltar mit dem geschnitzten, schwarz angerauchten Kreuzbild und der aus weißem Papier gefalteten Figur, die eine Taube als Sinnbild des heiligen Geistes vorstellen sollte. Hinter dem Kreuze steckte ein Büschel Kräuter, aus den Kätzchen der Palmweide, den glänzenden Zweigen der Stechpalme und den Ruthen des Sebenbaumes (Sadebaum – eine Wachholderart) gebunden und gleich dem geweihten rothen Wachsstock, der auf dem Tische qualmte, die geheime Kraft besitzend, den Blitz abzuleiten und das Haus vor dem Donnerschlag zu bewahren.

Der Alte hatte eben aus dem am Fenstersims liegenden dicken und abgegriffenen Buche „Der Himmelsschlüssel“ von Pater Kochem seine Hornzwickbrille hervorgenommen, sie auf die Nase geklemmt und den Hauskalender heruntergeholt, der ebenfalls an der Fensterwand aufgehängt war. Er blätterte darin, als die Thür aufging und Lenz eintrat, der sich ruhig auf die Ofenbank setzte, wohl in Erwartung der Dinge, die der Abend noch bringen sollte; da er den Vater beschäftigt sah, fand er es nicht gerathen, ein Gespräch anzufangen. Auch war ihm selbst nicht um ein solches zu thun; sein Wesen war sichtlich gedrückt, ganz im Gegensatz zu seinem sonstigen entschiedenen Auftreten. Es war, als ob ihn etwas im Innern beschäftigte, was seine Aufmerksamkeit von äußeren Dingen ablenkte – er war nach dem Volksausdruck etwas dasig (kleinlaut) geworden.

Der Kogelhofer hatte eben die am Ende des Kalenders angehefteten Blätter aufgeschlagen, auf welchen nach altem Brauche die merkwürdigsten Ereignisse aus dem kleinen Kreislaufe des bäuerlichen Haushaltes eingetragen waren.

„Muß doch den Tag in den Kalender schreiben, wann der König auf dem Kogelhofe zu Mittag gespeist hat,“ sagte er für sich hin, indem er ein kleines Tintenglas der allereinfachsten Art und einen mächtigen langbärtigen Gänsekiel zurecht machte, welche beide bewiesen, daß sie wohl diejenigen Geräthschaften waren, die auf dem Kogelhof die wenigste Verwendung fanden.

„Wo ist denn nur gleich ein leeres Platzl?“ fuhr er für sich fort, worauf er einige der schon vorhandenen Einträge halblaut überlas. „Am 15. Mai zur Ader gelassen – am 5. Juli hat die gelbe Allgäuerin gekälbert – am 8. August den Schecken verkauft – aber was ist denn das?“ unterbrach er sich plötzlich, „da steht ja gar was, das ich gar nicht geschrieben hab', und die Tinten ist noch ganz frisch!“ Er schob die Brille zurück, um besser zu sehen und las mit immer steigendem Staunen: „5. September, als am St. Laurenzitag, ist die Nannei unter der Zeit ausgestanden und hat derentwegen ihren Lohn hinten gelassen.“

„Wie wär' mir das?“ rief der Alte aufspringend, und warf den Kalender auf den Tisch. „Ist denn der Kogelhof ein Taubenschlag 'worden, aus dem man aus- und einfliegt, wie man nur [58] will? Was untersteht sich das Leut, mir nichts, dir nichts, ohne aufzusagen, mitten unter der Zeit davonzulaufen und es noch obendrein selbst in den Kalender zu schreiben? Warum ist sie fort? Weißt Du was davon?“

Lenz war nicht minder überrascht; auch er war hastig aufgesprungen, als er den Vater den seltsamen Eintrag lesen hörte. Jetzt stand er am Tisch, hatte den Kalender aufgehoben und las selbst, als müsse er sich überzeugen, daß es wirklich so dastehe, wie der Vater gelesen. Schweigend legte er dann den Kalender wieder auf den Tisch und wendete sich der Thür zu.

„No, was ist's? Wohin willst?“ rief der Alte. „Warum giebst keine Antwort? Aber ich brauch' Deine Antwort nicht,“ fuhr er fort, „ich kann's Dir an der Nasen absehen, daß Du von der Geschichte weißt. Was hat's gegeben? Die Nannei ist alleweil brav, ordentlich und fleißig gewesen die ganzen zehn Jahr' her, seit sie auf dem Kogelhof ist. Sie hat zu uns gehalten, wie wenn sie zu uns gehören thät', und ich hab' sie auch so gehalten, als wenn's nicht anders wär'. Das muß schon was Besonderes sein, daß sie so Knall und Fall auf und davon ist. Darum hat sie auch schon vorhin so verdraht ausgesehen. Also 'raus mit der Farb'! Was hat's 'geben?“

Der Sohn konnte nicht länger umgehen, die Frage des Vaters zu beantworten, und begann ziemlich stockend zu erzählen, was sich mit dem Blumenstrauß zugetragen. Ueber Gesicht und Stirn des Bauers stieg die Röthe des Zornes empor, zu dem er ohnehin sehr geneigt war.

„Das kommt mir aber spaßig vor,“ sagte er dann kopfschüttelnd. „Das Nannei hat sich nie etwas eingebildet, nie überhoben, und wenn sie den Buschen gebunden hat, sehe ich nicht ein, warum sie ihn nicht auch hätte überreichen sollen. Der König hat ihn ja kaum angeschaut. Da muß ich genau wissen, wie es zugegangen ist – da steckt noch was dahinter.“

Lenz zögerte noch immer. Es wurde ihm sichtbar schwer, die Einzelnheiten zu erzählen, wie Nannei vom Pechler Kaspar den Strauß bereits in die Hand bekommen hatte, und wie er selbst es gewesen, der ihn ihr wieder abgenommen und an Philomena gegeben hatte.

„Hättest auch was Gescheiteres thun können!“ brummte der Bauer ärgerlich. „Aber dabei weiß ich immer noch nicht mehr als zuvor. Die Nannei wird sich darüber wohl geärgert haben, das kann ich mir denken, aber deswegen läuft sie nicht davon, dazu ist sie zu vernünftig. Schieß einmal los: warum hast Du ihr den Buschen abgenommen? Gefällt Dir denn der Buckel gar so gut, daß Du ihr nicht hast wollen Weh geschehen lassen?“

„Ich bin nicht schuld daran gewesen,“ entgegnete Lenz, der allmählich den alten Trotz wieder fand, „aber der Vorsteher hat gesagt und alle Bauern haben gesagt –“

„Was haben s' denn gesagt, die pfiffigen Bauern alle mit einander?“

„Daß es eine Schand' wär' für den Kogelhof, wenn das Nannei dem König den Buschen giebt, weil – weil –“

„Weil?“ rief der Alte ungeduldig.

„Weil – na, weil sie halt ein lediges Kind ist.“

„Was?“ rief der Alte, plötzlich wie außer sich gerathend. „Und das hast ihr wohl gar gesagt? Hast es dem Madel vorgeworfen?“

Lenz' Schweigen war die beredteste Antwort. Der Alte stand so zornig und drohend vor dem Burschen, als sei er nicht übel gesonnen, ihn die Schwere seiner väterlichen Hand fühlen zu lassen.

„Da hast was Recht's angefangen,“ rief er dann, sich gewaltsam mäßigend und die Hand an die Stirn pressend, wo sich immer, wenn er in Zorn gerieth, ein eigenthümlicher Druck fühlbar machte. „Kannst Dir was einbilden darauf, das brave Dirndl vom Kogelhof vertrieben zu haben. Die bringt Niemand so leicht wieder zurück.“

„Das wird auch Niemand wollen; bis morgen haben wir zehn andere Dirnen.“

„Das glaub' ich wohl. Jetzt versteh' ich freilich, warum sie ausgestanden ist. Das Dirndl hat Ehr' im Leib, und Dir,“ setzte er leise hinzu, weil vor der Thür sich Schritte hören ließen, „Dir sag' ich nur: es giebt leicht Jemand, der sie wieder zurückbringen möcht', und es kostet mich ein einziges Wort, so machst Du selber Dich bei Nacht und Nebel auf den Weg und suchst sie und bittest sie mit aufgehobenen Händen, bis sie wieder kommt.

„Da darf sie sich das Warten nicht verdrießen lassen,“ sagte Lenz höhnisch auflachend.

„Ich will Dich ein anderes Mal daran mahnen, wenn Niemand in der Nähe ist,“ sagte der Alte in einem eigenthümlich gemilderten und rasch gedämpften Ton. „Jetzt mach', daß Da fortkommst! Ich will mich bald niederlegen, es ist mir den ganzen Tag schon ein paar Mal so letz (unwohl) gewesen. Sag's dem Oberknecht, wenn er morgen in der Fruh mit den zwei Füllen auf den Pferdemarkt geht, soll er im Vorbeigehen zum Bader hinspringen und soll ihn auf morgen zu mir bestellen. Jetzt aber schau, wo die Gäst' bleiben, und wenn die Nannei nimmer da ist, soll halt die Trautl die Hendel auftragen.“

Er wollte nach der Klinke greifen, als die Thür aufging und Philomena mit einem Leuchter in der Hand auf der Schwelle erschien. „O, da ist ja die Jungfer Bas!“ fuhr er zu ihr gewendet in einem Tone fort, in welchem der eben empfundene Aerger durch den Spott hörbar wurde. „Die Jungfer Bas muß halt mit meinem Buben allein vorlieb nehmen und der Vetter Kramer auch. Ich bin ein wenig übelauf – ich glaub', die Freud' über den Besuch hat mich so angegriffen. Hab's ja schon gehört, daß ich mich bei der Jungfer Bas zu bedanken hab, weil sie, wie ich nicht daheim gewesen bin, so für die Ehr' vom Kogelhof gesorgt und dem König der Nannei ihren Buschen übergeben hat. Nun, der Lenz wird's schon statt meiner thun; der kann besser mit dem Maul fort, als ich alter Krachezer. Gute Nacht bei einander!“

Er ging, indem er die Thür ziemlich entschieden hinter sich zuzog; stumm und verlegen standen die beiden Zurückbleibenden einander gegenüber. Das wie mit Blut übergossene Gesicht des Mädchens verrieth nur zu deutlich, daß sie den Stachel in den Worten des Bauers empfunden hatte; Lenz befand sich seit der Nachricht von Nannei's Entweichung und dem Gespräch mit dem Vater in so befangener Stimmung, daß er sich selber nicht klar war, was eigentlich in ihm vorging. Manchmal war ihm, als müßte er hell auflachen über die empfindliche Bauerndirn', die einen prachtvollen Dienst aufgab, weil man sie nicht wie eine wilde Prinzessin gehätschelt und auf den Händen getragen – er kam aber nicht dazu, denn im Augenblick durchzuckte ihn wieder plötzlich ein geheimer Schmerz, als wäre ihm ein Theil seiner selbst entrissen, von dem er bisher nichts gewußt oder doch nicht geglaubt hatte, wie schwer er ihn verschmerzen würde.

Die Base faßte sich zuerst und hielt Lenz zurück, als er sich entfernen wollte, um, wie er sagte, nach der Küche zu schauen. „Bleib da, Vetter!“ sagte sie mit zitternder Stimme, und über das unschöne Gesicht ging trotz der Verwirrung ein so herzlicher Ausdruck, daß er dasselbe fast gewinnend erscheinen ließ. „Der Vater führt so eigene Reden, daß ich mit Dir darüber sprechen muß. Komm,“ sagte sie und faßte seine Hand, die er ihr, obwohl er bei der Berührung zuckte, widerstrebend ließ, „komm, setzen wir uns an den Tisch, reden wir aufrichtig mit einander, so recht vom Herzen weg!“

Lenz lachte halblaut als Antwort; es war derselbe spöttische Ton, der aus der Rede des Vaters geklungen; wußte er doch, was nun kommen werde! Die Anspielungen des Krämers waren zu plump gewesen, als daß er sie nicht hätte verstehen sollen: es war offenbar darauf abgesehen, ihm die verwachsene Person als Frau aufzuhängen. Im Stillen legte er sich daher den Bescheid zurecht, den er geben wollte, wenn sie nun mit dem Antrag angerückt kommen würde.

„Ich weiß nicht,“ begann sie, „was der Vater mit dem Blumenstrauß gemeint hat. Ich hab' ihm in der Schnelligkeit gar nicht sagen können, daß ich mich nicht dazu gedrängt hab'. Ich habe über die ganze Blumengeschichte kein Sterbenswörtchen gesprochen, und wenn ich gewußt hätte, daß deswegen ein solcher Verdruß entstünde und dem Vater oder Dir an der Dirn' soviel gelegen wär', so hätt' ich ihr und Euch die Freude wohl lassen können.“

„Mir?“ stieß Lenz hastig heraus, als gälte es, irgend eine schwere Beschuldigung zu widerlegen. „Mir liegt nichts an der Dirn'.“ Er sprach die volle Wahrheit. Was war ihm, dem Bauernsohn, dem reichen einzigen Erben, an der Bauerndirne gelegen?

[59] Und doch war es, als er das Wort aussprach, als ob etwas in ihm widerstrebte und ihn heimlich Lügen strafe.

„Desto besser!“ sagte Philomena. „Dann können wir von etwas Anderem reden. – Du wirst wohl schon gemerkt haben, wie mein Vater gesinnt ist,“ sagte sie stockend, indem sie an der Schürze niedersah und spielend deren Saum umbog. „Er will meinem Bruder die Krämerei übergeben und mich – will er zur Kogelbäuerin machen.“

„Ja, ja,“ sagte Lenz halb lachend. „Das hätt' ich wohl merken müssen, wenn ich auch blind und thoret (taub) gewesen wär', aber –“

„Behalt Dein 'Aber', Vetter!“ unterbrach sie ihn, „und laß mich ausreden, eh' mein Vater herunterkommt! Ich seh' wohl ein, was das für mich für eine Ehre wär'; es wär' auch eine ganz gute Versorgung, wenn ich Kogelhoferin würde, und ich könnt' Dir so weit auch ganz gut sein –“

„Nur schade,“ platzte Lenz heraus, „daß zum Gutsein ihrer Zwei gehören.“

„Das sag' ich auch,“ rief Philomena wie erleichtert, „und gerad' deswegen will ich mit Dir reden.“

Lenz war es, als ob er unvermuthet mit kühlem Wasser übergossen würde.

„Mein Bruder,“ fuhr sie fort, „ist nicht gern bei der Krämerei. Er kann das Ladenhocken nicht leiden; ihm ist's wohler in Wald und Feld, und er möcht' nichts lieber als ein Förster oder Jäger werden. Ich aber, damit ich's nur gerad' heraus sag', ich bin gern im Geschäft, ich bin vom Kloster her, wo ich aufgezogen worden bin, die sitzende Lebensart gewohnt und möchte dabei bleiben. Ich glaub' auch, daß ich gar keinen Sinn hab' und kein Geschick zu einer Bäuerin.“

Lenz war so beschämt, daß er vergebens nach einer Antwort suchte; er hatte sich schon vorbereitet, einen Korb zu geben, und bekam selbst einen in unverblümtester Weise überreicht.

Philomena schien einen Augenblick auf eine Erwiderung zu warten; als keine kam, fuhr sie fort, aber die Fortsetzung klang merklich beklommener, als der Anfang geklungen hatte: „Und so muß ich Dir halt sagen, Vetter, daß Du mir nicht bös sein sollst, wenn ich Dich nicht mag, und daß Du mir helfen sollst, wie ich von Dir loskomm'!“

„Nun, das wird nicht so schwer sein,“ rief Lenz halb ärgerlich. „Du darfst Deinem Vater nur sagen, daß Du nicht Kogelhoferin werden willst.“

„Das kann ich nicht,“ entgegnete sie wie erschrocken. „Das untersteh' ich mich nicht; der Vater ist gar zu bös. Da hab' ich mir halt gedacht, es wär' das Allerbeste, wenn Du es über Dich nähmst und thätst dem Vater sagen, daß Du mich nicht magst. Der Maxl hat auch gemeint –“

„Der Maxl? Wer ist das?“ fragte Lenz ahnend und die Veränderung in den Zügen des Mädchens beobachtend, die sich über die begangene Uebereilung purpurroth färbten.

„Der Maxl,“ erwiderte sie kaum verständlich, „das ist halt unser Commis.“

Lenz konnte nicht länger an sich halten. Die Lage, in der er sich befand, war so eigen, daß er unwillkürlich in Lachen ausbrach, das aber keineswegs vergnügt, sondern fast wie erbittert klang. Welche Demüthigungen hatte ihm dieser Tag gebracht! Eine Bauerndirne, die so tief unter ihm stand, hatte sich trotzig und hoffährtig gegen ihn benommen, hatte keinen Augenblick gezögert, ihm ganz und gar aus dem Wege zu gehen, und ihm dadurch so recht gezeigt, wie blutwenig ihr an ihm gelegen war, und nun, zum Schlusse des Tages, mußte er erfahren, daß eine bucklige Dirne, die zu nehmen ihm im Traume nicht eingefallen wäre, ihn verschmähte.

„No, wenn's weiter nichts ist,“ rief er, „kann ich Dir und dem Maxl schon helfen. Ich will's dem Vater schon ausdeutschen, daß ich Dich nicht mag. – Wenn Dir statt eines reichen Bauern ein Schubladlzieher lieber ist – den kannst Du haben.“

Philomena kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn der Krämer trat ein, pustend wie immer und wie immer zu Späßen und Neckereien aufgelegt.

„So ist's recht!“ rief er lachend. „Ihr Zwei seid da so mutterseelenallein im Zwielicht, zwischen Dunkel und Siehstmichnicht? Das freut mich – im Dunkeln ist gut munkeln.“

„Der Vetter wird schon Recht haben,“ sagte Lenz, indem er nach der Thürklinke griff, „und wenn der Vetter erst erfahren thät', was wir Zwei zusammen gemunkelt haben, das thät' ihn erst freuen. Jetzt muß ich aber doch schauen, wo das Essen so lang bleibt.“

Damit ging Lenz aus der Stube und überließ beide Gäste ihren einsamen Betrachtungen, die sehr verschiedener Art sein mochten; während das Mädchen im Bewußtsein, ihren Willen erreicht zu haben, vergnügt vor sich hin lächelte, wollte dem dicken Krämer die Sache nicht recht behagen. „Es gefällt mir nicht,“ murrte er, während eine Magd mit den gebratenen Hühnern eintrat und sie auf den Tisch stellte. „Wenn das morgen nicht aus einem andern Ton geht, werd' ich Eines aufspielen. Heut' aber will ich mich nicht mehr ärgern und mir den Appetit zu den Hendeln nicht verderben, die prächtig ausschauen.“ Er schickte sich auch sogleich an, seinen Vorsatz zu erfüllen und die Hühner so kunstgerecht zu zerlegen, als wäre er einmal Vorschneider bei einer fürstlichen Tafel gewesen.

Es währte nicht lange, so war das Mahl verzehrt, und bald war Alles zur Ruhe gegangen. Stille lag im ganzen Hause; nur die Dachtraufen gingen noch vernehmbar, und eine finstere Wetternacht legte sich mit undurchdringlichem Schwarz auf die einsame Gegend. Als aber der Hahn auf dem Hofe krähte und es im Osten hell zu werden anfing, war der ganze Himmel wieder klar: der Vollmond hatte nach dem Glauben des Volkes seine Schuldigkeit gethan und das ganze Wetter aufgesogen. Nichts war von dem gewaltigen Sturm übrig geblieben, und die Gefahren, womit er gedroht, hatten sich in Segen verwandelt, der in Millionen von Perlen und Diamanten an Blättern und Halmen blitzte. Im ruhig klaren Aether stieg der Kogel über seinen Schützling, den Kogelhof, hinan, und auch der Wachterkopf hatte es für unnöthig gefunden, den Sturmhut länger aufzubehalten.

Noch war es ziemlich früh, als der alte Bauer durch Geräusch aus dem Schlafe geweckt wurde, in den er erst gegen Morgen, nach einer halb durchwachten, halb unruhig durchträumten Nacht versunken war. Ein Blick durch das Fenster zeigte ihm, daß einer der Knechte das Scheunenthor geöffnet hatte und aus demselben das Wägelchen des Krämers herausschob, um es fahrbereit zu machen.

„Was ist's denn?“ rief er durch das schnell geöffnete Fenster halblaut hinab. „Ist's so eilig mit dem Einspannen?“

„Guten Morgen, Kogelbauer!“ rief der Knecht zurück. „Ich weiß nicht wie's ist, aber der Herr Rab hat gestern spät noch gesagt, ich soll für alle Fälle das Wägerl herrichten; er müßt' erst sehen, was heut für ein Wind geht. Da richt' ich halt her,“ sagte er nach dem Himmel emporsehend, „denn ich mein', es geht der beste Wind von der Welt.“

Der Bauer antwortete nicht; er schloß das Fenster und lachte in sich hinein.

„Den Wind, den der Kramer möcht', den kenn' ich,“ sagte er, „ich glaub' aber wohl, daß sich das Fahnl bald dreht.“

Der Gedanke, die ungebetenen Gäste so unvermuthet und bald los zu werden, hatte ihn ganz vergnügt gemacht, und als die Frühstücksstunde gekommen war, zögerte er nicht, in die Stube hinunter zu gehen und den Krämer zu begrüßen. Er war ein zu gerader Mann, als daß er vermocht hätte, diesem ein Bedauern über seine schnelle und unvermuthete Abreise auszusprechen, das er nicht empfand, aber wenn er ihn auch zu den Gästen rechnete, von denen man lieber die Fersen sieht als die Zehen, so wollte er doch ein Uebriges thun und den alten Verdruß, den er immer noch nicht verwinden konnte, wenigstens nicht mehr zeigen und sich mit der Hoffnung trösten, daß die Gäste sobald nicht wiederkehren würden.

Es sollte anders kommen.

Auch der Krämer war früh zur Hand; seine Nachtruhe schien noch minder gut gewesen zu sein als die des Bauers; während dieser offenbar gestärkt und rüstig aussah, war der Krämer ganz gegen Gewohnheit blaß; vermuthlich hatte der Aerger über das gestrige Mißlingen seines wohldurchdachten Planes ihn nachträglich noch mehr verstimmt, oder er konnte ein unwillkürliches Bangen über den Erfolg des bevorstehenden neuen Angriffs nicht bemeistern.

Nach kurzer Begrüßung setzte sich der Krämer an den Tisch, wo die Schalen bereits des Kaffees harrten, der Bauer aber ging mit großen Schritten in der Stube auf und nieder. Lenz hatte

[60] nichts Besseres zu thun gewußt, als wieder auf der Ofenbank Platz zu nehmen, und wieder saß Philomena in der Nähe: es schien, als wollte sie sich, wenn es zum Kampfe käme, des Bundesgenossen versichern.

Ueber Allen lag ein gedrücktes Gefühl, wie die Vorahnung dessen, was die nächsten Augenblicke bringen sollten.

Der Eintritt des Knechtes, welcher meldete, der Wagen sei zum Einspannen bereit, brach das Eis und brachte die darunter festgehaltenen Wellen in Fluß.

„Also ist es Ernst?“ sagte der Kogelhofer. „Der Vetter hat sich also anders entschlossen und will schon fortreisen? Habt Ihr gestern nicht gesagt, Ihr wolltet länger bleiben?“

„Das hab’ ich wohl gesagt,“ entgegnete der Krämer, indem er einen Blick auf den Alten heftete, der diesen stille stehen machte. „Es ist auch gerade noch keine ganz ausgemachte Sache, daß ich reise. Es wird nur auf den Vetter ankommen, ob ich mich nicht anders resolvir’. Wie ist’s? Guter Rath kommt oft über Nacht. Wie haben wir’s heut mit einander?“

„Wenn’s weiter nichts ist,“ rief der Alte, in welchem die Regungen des Jähzorns wie Funken aus der Asche aufstiebten, „wenn den Vetter sonst nichts aufhalt’ auf dem Kogelhof, dann kann er alle Bot’ reisen, wohin er will, meinetwegen nach Tripsdrill oder wo der Pfeffer wachst.“

„Ich kann’s doch noch nicht recht glauben,“ entgegnete Rab gereizt, aber an sich haltend. „Ich mein’ immer noch, der Vetter Kogelhofer sollte sich’s besser überlegen, und weil die Kinder doch einmal da sind, will ich gleich Alles heraussagen, damit sie’s auch hören und wissen, wie sie dran sind. Ich will meine Handlung meinem Sohn geben; Ihr sollt den Lenz zum Kogelhofbauer machen und meine Philomena zur Bäuerin.“

Das Hin- und Widergehen des Alten ward zum Rennen.

„No, wenn Ihr’s nicht anders wollt, habe ich auch nichts dagegen,“ schrie er. „Von mir aus können’s die Kinder auch hören, daß ich davon nichts wissen will; von mir aus könnt Ihr Eure Kramerei sieden oder braten, aber über den Kogelhof bin ich Herr; den übergeb’ ich erst, wenn’s mich g’freut, und die Bäuerin such’ ich mir aus nach meinem Gusto und nicht –“

Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber ein halb unwillkürliches Mitleid mit dem verunstalteten Mädchen, das in der Gewißheit, daß sich jetzt sein Lebensschicksal entscheide, so bleich und entsetzt da saß, als sollte sie ihr Todesurtheil vernehmen, hielt den Rest auf seiner Zunge fest.

„Ich hab’ Euch gestern schon Alles gesagt, Vetter,“ brach der Bauer ab, „und sehe nicht ein, warum wir das leere Stroh noch einmal dreschen sollen. Sollt’ mich doch wundern, wenn Ihr meine Rede vergessen hättet.“

„Ich hab’ sie nicht vergessen,“ entgegnete der Krämer nach Luft ringend, „aber es kommt mir vor, als hättet Ihr die meinige nicht recht verstanden. Ich hab’ gesagt, Ihr sollt Alles wohl bedenken, damit ’s Euch nicht reut, was Ihr thut!“

„Was?“ rief der Kogelhofer, indem er vor seinen Gegner hinsprang und die Faust gegen ihn erhob, kaum mehr Herr über seine bebenden Glieder und über seine Zunge, „Ihr untersteht Euch noch ’mal, mir zu drohen? Es giebt keinen Menschen auf der Welt, der sich vor den Kogelhofer hinstellen und ihm drohen darf, ohne daß er ihn niederschlägt wie einen Stier, und Du, verflixter Bandelkramer, Du willst mir drohen?!“

Lenz war aufgesprungen und hatte sich zwischen Vater und Vetter gestellt, um es nicht zur Gewalt kommen zu lassen, die so nahe lag, wie das Auffliegen eines Pulverfasses, dem ein Funke bereits nahe gebracht war.

„Ja, ich kann’s,“ war die Antwort des Krämers, der, je mehr sein Widerpart in Hitze gerieth, immer kälter und giftiger wurde. „Ja, ich kann’s; ich sag’ es nochmal und will’s Euch auch sagen, Vetter, mit was ich Euch drohen kann – aber ich thu’ dabei noch ein Uebriges und will’s Euch nicht vor den Kindern sagen, sondern blos in’s Ohr.“

Der Alte stand unbewegt. Seine Stirnadern schlugen ihm sichtbar; die Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen. Der Krämer trat zu ihm, neigte sich zu seinem Ohre und flüsterte ihm einige Worte zu. Es konnten nur wenige Worte sein, die er sprach, denn sie währten keine Secunde. Desto gewaltiger war die Wirkung.

Die große mächtige Gestalt des Kogelhofers war, als ob sie vom Blitze getroffen wäre: er hob die Arme empor, wie gewaltsam nach Luft ringend, und im nächsten Augenblick stürzte er mit einem dumpfen, unverständlichen Laute zu Boden.

Ein allgemeiner Aufschrei des Schreckens begleitete den Sturz. ... So mag es sein, wenn plötzlich unter den Füßen des Menschen die alte treue Erde schwankt und das Dach des vertrauten Wohnhauses über ihm zusammenzubrechen droht. Man hob den regungslosen Körper auf die Bank; herbeigebrachtes kaltes Wasser wurde über den Kopf gegossen, aber es war Alles vergeblich – schon nach wenigen Augenblicken mußte auch der Unkundigste erkennen, daß die Flamme des Lebens wirklich ausgelöscht war. Hatten noch Zweifel bestanden, so wurden sie durch die Ankunft des Baders gehoben, der nach Auftrag des Bauers richtig bestellt worden war und nicht gesäumt hatte, den reichen Kogelhofer zu besuchen.

Philomena, vom Anblicke des plötzlichen Todes, der ihr wohl noch nie geworden, wie versteinert, vermochte nichts, als ihre Thränen stromweise rinnen zu lassen; auch der Krämer war bestürzt, aber er war dennoch der Erste, der kaltes Blut genug besaß, die Lage der Dinge zu übersehen und sofort für sich zu benutzen.

Der erste Schmerz des Sohnes grenzte an Besinnungslosigkeit. Noch lange versuchte er, den Vater, der eben so kräftig und aufrecht vor ihm gestanden und nun plötzlich unwiderruflich als Leiche dalag, durch Zurufe zu sich zu bringen; er faßte ihn an Armen und Händen, als ob er ihn dadurch aus der Erstarrung wecken könnte. Nachher machte sich sein Leid wohl auch in Thränen Luft, aber nicht in den weichen lindernden Tropfen, welche den Schmerz zu lösen vermögen; sie hatten etwas von der Gluth des schmelzenden Erzes, das beim geringsten Hemmniß seine Hülle zu sprengen droht.

Als er bei einem Seitenblicke den Krämer gewahrte, der die Rolle des alten Bauers übernommen zu haben schien und mit scheinbar tiefem Nachdenken in der Stube hin und wieder lief, schlug sein Schmerz in grimmigen Zorn um.

„Seid Ihr alleweil noch da?“ rief er ihn an, indem er auf ihn zusprang, ihn an beiden Rockkrägen faßte und schüttelte. „Ihr seid’s, der den Vater umgebracht hat. Macht, daß Ihr mir aus den Augen und aus dem Haus’ kommt!“

„Oho!“ sagte der Krämer, indem er stehen blieb und die Arme des Burschen von sich schleuderte. „Nimm Dein Maul nicht gar zu voll! Du willst mich hinausschieben? Nimm Dich in Acht, daß ich den Stiel nicht umkehr’ und Dich hinausschaff’! Dummer Teufel! Nicht ich hab’ Deinen Vater umgebracht; sein unsinniger Zorn hat’s gethan und sein Gewissen, weil das wahr gewesen ist, was ich ihm – wegen Deiner gesagt hab’,“ schloß er mit boshafter Betonung.

(Fortsetzung folgt.)




Das Rettungswesen an der deutschen Küste.
Nochmaliger Blick auf ein nationales Werk der Nächstenliebe.

In einer Zeit, wo die heuchlerische Frömmelei, das unwahre Christenthum sich am Altar und auf dem Markte dreist in den Vordergrund drängt – in solcher Zeit thut es wohl, das Auge auf eine Schöpfung zu richten, bei welcher der ewig lebendige Quell, der Kern des wahren Christenthums, die Nächstenliebe, zum denkbar energischsten Ausdruck gelangt: auf die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Zum denkbar energischsten Ausdruck, sagen wir – denn es handelt sich hier nicht um eine Bethätigung dieser Nächstenliebe in Gestalt von milden Gaben, frommen Wünschen u. dergl., sondern Menschenleben sind es, welche den Einsatz bilden. Menschenleben sind es, um die gekämpft wird, und Niemand fragt, ob der, welcher da draußen mit dem Tode ringt, ein Stammesgenosse sei oder von wannen er komme – es ist ein Mensch; es ist unser Nächster. Wie

[61]
Die Gartenlaube (1880) b 061.jpg

Bilder aus dem Wirken der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.
Nach der Natur gezeichnet von F. Lindner.
1. Rettungsstation Cuxhaven. – 2. In der Brandung. – 3. Zuführung der Leine durch Reiter. – 4. Die Hosenboje. – 5. Das Abprotzen. – 6. Der Raketenschuß. – 7. Das Rettungsboot.

[62] unsere Zeit mitten im Donner der Schlacht triumphirend über dem Kämpfen der Menschen das Zeichen der Liebe, die Flagge mit dem rothen Kreuze, aufpflanzte, so that sie es auch im Donner der Brandung, und weit hinaus in See winkt sie dem Schiffbrüchigen die frohe Zuversicht, daß sie für ihn am Strande wacht, ihm Hülfe bringt in der höchsten Todesnoth. Und damit trat die Rettung Schiffbrüchiger in Reih’ und Glied mit allen den humanen Thaten, welche einst der Größe unseres Jahrhunderts als Maßstab dienen werden.

Hinter sich die feindliche See – vor sich ein feindliches Land – das war vor Zeiten die verzweifelte Lage des landfremden Schiffers, der auf geborstenem Fahrzeuge nach Rettung ausschaute. Entrann er auch den Wogen, so verfiel doch all seine Habe dem Strandraub, er selbst der Leibeigenschaft, aus der er sich nur durch schweres Lösegeld befreien konnte – Zustände, die wir zum Theil noch im vierzehnten Jahrhundert vorfinden und die erst nach wiederholten Kämpfen der Hansastädte mit den Küstenbewohnern ihr Ende fanden. Liegt auch diese Zeit in weiter Ferne hinter uns, so doch nicht diejenige, wo die Leute am Strande ihren Herrgott baten, wenn er einmal Schiffe stranden lasse, dabei doch möglichst ihren Strand zu berücksichtigen.

Gerade solch ein Rückblick in die Vergangenheit zeigt den Contrast, welchen die Gegenwart darbietet, in um so schärferem Lichte. In unserem Jahrhundert hat man sich an der deutschen Küste die Aufgabe gestellt, im hartnäckigsten Kampf mit dem Meere ihm möglichst viele der Opfer zu entreißen, welche dem gierigen Elemente sonst rettungslos verfallen wären. Muß diese Errungenschaft an sich unser Aller Theilnahme schon lebhaft bewegen, so wird dieselbe unserm modernen Denken und Fühlen um so näher gerückt, wenn man in Betracht zieht, daß sie hervorgegangen ist aus dem freien Entschlusse eines thatkräftigen Bürgerthums – daß sie getragen wird von dem einmüthigen Beifalle der ganzen Nation.

Die Idee einer Organisation der Rettung Schiffbrüchiger gehört übrigens ebenso wie die ersten Anfänge ihrer Ausführung bereits dem vorigen Jahrhundert an, und ihre Geburtsstätte ist nicht Deutschland, wie selbstständig auch die deutsche Gesellschaft sich organisirt hat, sondern England. Die Idee des Unternehmens darf in neun Jahren ihr hundertjähriges Geburtsfest feiern, indem im Jahre 1789 in Shields in England die erste Association dieser Art gebildet wurde.

Aus Selbsthülfe gegründet, von der Bevölkerung der Küstenstädte getragen, breitete sich das Unternehmen bald an der englischen Küste aus, mußte aber, da jeder Ort lediglich für sein Gebiet Sorge trug, im Verhältniß zur Gesammtküste große Ungleichheiten zeigen, indem manchmal lange Strecken unbeschützt blieben. Diese Nachtheile wiesen unmittelbar auf die Nothwendigkeit einer einheitlichen Leitung hin, welche denn auch einige dreißig Jahre später in’s Leben trat, jedoch in Folge mangelhafter Organisation des Ganzen nicht recht zur Wirkung kam, bis endlich nach weiteren zwanzig Jahren unter allgemeiner Betheiligung der Nation und unter dem Protectorat der Königin die „Royal Nation Lifeboat Institution“ begründet wurde, welche noch heute ihrer segensreichen Thätigkeit obliegt. Die Erfahrungen und Lehren dieser hier kurz angedeuteten Entwickelungsgeschichte der englischen Organisation sind für die anderen, namentlich auch die deutsche, von hervorragendem Einfluß geworden.

Nachdem schon früh Amerika dem Beispiele Englands gefolgt war, geschah dies auf dem Continente zunächst von Seiten Hollands, wo zwei Gesellschaften sich in den Küstenschutz theilen. In Frankreich entstand in den fünfziger Jahren eine der englischen ähnliche Gesellschaft; nur unterscheidet sie sich von jener wesentlich dadurch, daß sie einen etwas exclusiven, der Nation in ihrer Gesammtheit ferner stehenden Charakter trägt.

In Deutschland ist Emden die Wiege der Gesellschaft für Rettung Schiffbrüchiger geworden. Dem Emdener Beispiele folgte Hamburg und diesem Bremen, worauf sich dann andere Küstenstädte der Nord- und Ostsee anschlossen. Damit war aber derselbe ungünstige Weg betreten, der anfangs eine nachdrückliche Thätigkeit des englischen Rettungswesens verhinderte – das isolirte Vorgehen einzelner Centren ohne gemeinsame organisirte Vereinigung. Doch wurde diese Gefahr beizeiten erkannt, und auf Anregung Bremens wurde zu Kiel im Jahre 1865 die deutsche Gesellschaft für Rettung Schiffbrüchiger begründet, welche unter kaiserlichem Protectorat für einen einheitlichen Rettungsdienst von der holländischen bis zur russischen Grenze sorgt.

Die Organisation selbst ist eine außerordentlich einfache. Für die Erhaltungsmittel sorgen selbstständig wirkende Bezirksvereine; die Verbindung unter diesen wird durch den Gesellschaftsvorstand hergestellt, dem zugleich die Förderung aller Interessen der Gesellschaft obliegt. Die oberste Leitung besorgt der aus der Vertretung sämmtlicher Bezirksvereine zusammengesetzte Gesellschaftausschuß. Der Gesellschaftsvorstand hat seinen dauernden Sitz und seine Bureaux in Bremen, wo thatkräftige Männer, durchdrungen von der Bedeutung ihrer humanen Aufgabe, mit größter Aufopferung den umfangreichen Geschäften der Gesellschaft vorstehen. Die von Jahr zu Jahr an Bedeutung wachsenden Resultate ihrer Thätigkeit bilden zugleich den Lohn für dieselbe, und wie großartig diese Resultate sind, darüber kann der Leser in den jährlich über ganz Deutschland verbreiteten Publicationen der Gesellschaft sich leicht unterrichten; nur das eine Hauptresultat, auf das es ja zuletzt ankommt – die Zahl der seit Begründung des Vereins Geretteten sei hier genannt: sie hat bereits die Höhe von 1045 Seelen erreicht.

Der eben geschilderten Organisation wird aber erst Leben eingehaucht durch die Rettungsthätigkeit selbst, für welche sie die Grundlage bildet. Als Träger aber des gesammten ausführenden Rettungswesens erscheint die Station, der Sammelpunkt aller helfenden geistigen und mechanischen Kräfte. Wir sagen geistige und mechanische, denn die mechanischen Hülfsmittel würden ohne stete und enge Verschwisterung mit dem geistigen Element ein nutzloses Material bleiben.

Der Natur der Sache nach ist es die Küstenbevölkerung, welcher es zufällt, das lebendige Material zu liefern. Jedes aus Seegefahr gerettete Menschenleben wird, den verfügbaren Mitteln der Gesellschaft entsprechend, der Mannschaft des Rettungsbootes mit zwanzig Mark bezahlt – eine Summe, deren Geringfügigkeit den lediglich auf Gewinn gerichteten Antrieb zur Rettung ausschließt; wenn demnach diese Küstenbewohner sich jetzt in bereitwilligster Weise mit Verachtung der augenscheinlichsten Todesgefahr für das Rettungswesen zur Verfügung stellen, so können jene zwanzig Mark ihr sittliches Verdienst nicht schmälern. Freilich ist ihnen von der Gesellschaft ein technisches Material für das Rettungswerk in die Hände gegeben, auf das sie sich verlassen können, und es kommt zu ihrer moralischen Unterstützung hinzu, daß sie sich in ihrem freiwilligen Thun eins wissen mit der Nation, daß sie sich gewissermaßen als die Bevollmächtigten der ihre Gaben beisteuernden binnenländischen Bevölkerung fühlen und daß sie wissen, jede ihrer Rettungsthaten findet im Kreise ihrer Stammesgenossen einen Widerhall. Nicht unerwähnt darf zugleich bleiben, daß, im Fall sie beim Rettungswerk das Leben verlieren, durch Lebensversicherungen für Weib und Kind Sorge getragen ist.

Steht es mit der Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit der Küstenbevölkerung gut, so liegen die Verhältnisse in Bezug auf das numerische Verhältniß ungünstiger, entsprechend der für das Rettungswesen sehr ungünstigen Küstengestaltung. Gerade wo gefährliche Bänke liegen, ist die Küste oft spärlich oder gar nicht bewohnt, sodaß man sogar an einigen Orten die Frauen zur Bedienung des Rettungsbootes mit heranziehen muß. Man hat deshalb für einige Strecken der ostfriesischen Küste auch Besiedelungen in Vorschlag gebracht.

Die Station, gewissermaßen der Alarm- und Sammelplatz, wird durch den Bootsschuppen bezeichnet, der bald in den großen Häfen an den Vorsetzen selbst, bald einsam in fernen Dünen, bald am Siel eines Deiches liegt. Im Bootsschuppen steht das Rettungsboot auf dem gleich noch zu schildernden Bootswagen zur Ausfahrt bereit; ferner sind daselbst alle für den Rettungsdienst nothwendigen Materialien, Anweisungen u. dergl. m. untergebracht.

Die Bedienungsmannschaft wird aus den seetüchtigsten Leuten, so viel deren zu haben sind, gebildet und steht unter dem Commando eines vom Stationsausschuß Deputirten, dessen Posten Verantwortlichkeit in sich schließt und Selbstständigkeit verlangt, insofern dem Betreffenden die Einübung der Mannschaft, die Sorge für das exacte Ineinandergreifen der Stationsmaschinerie und bei Beginn der Rettungsthätigkeit selbst das Commando obliegt. In den Häfen ist die Besetzung durch den Lootsencommandanten oder Hafenmeister nicht schwierig; anders dagegen [63] auf den übrigen Küstenstrecken, wo Strandvögte, Lehrer und entsprechende andere Persönlichkeiten herangezogen werden.

Die Localitäten, welche unser Bild darstellt, sind die von Cuxhaven-Duhnen. Diese zu den wichtigsten zählende Rettungsstation der ganzen deutschen Küste ist zugleich sehr instructiv für unsern Zweck, da hier alle verschiedenen Formen des Rettungswesens vertreten sind. Das Bild links oben zeigt den, wie überall, mit dem rothen Kreuz geschmückten Bootsschuppen, daneben den Krahn, der soeben in Thätigkeit ist, das Rettungssegelboot „Esther“, eines der besten Boote an der Küste, auszuschwingen. Außerdem besitzt die Station Cuxhaven das eiserne Segelboot „Kölln“ und ein Francyboot. In Duhnen steht das Ruderboot „Ernst Merck“; außerdem sind auf Neuwerk und auf dem Feuerschiffe „Neptun“ Rettungsstationen gebildet, welche, zum Theil durch den Telegraphen verbunden, ein kräftiges Zusammenwirken ermöglichen. Im Ortsausschuß hat die eigentliche technische Leitung der Hafenmeister Polack, welcher es sich nicht nehmen läßt, bei jeder Rettungsfahrt mit in See zu gehen und persönlich das Commamdo zu führen, ein Mann, so recht eigentlich der Typus des deutschen Capitains, dieser seeerfahrenen, gebildeten, kühnen und entschlossenen Männer, welche eine Zierde unserer Nation bilden. Als charakteristisch für den eben Genannten mag hier erwähnt sein, daß er den einen lebhaften Wunsch hegt: noch drei Menschen retten zu können – dann würde gerade das Hundert derer voll sein, die er sowohl im Rettungsdienst, wie auf der Fahrt dem Tode entriß.

Von den im Obigen geschilderten Stationen, größeren und kleineren, zieht sich nun ein planvolles System längs der gesammten deutschen Küste hin, und wer die Gelegenheit hat, auf einer weiteren Strandtour eine Reihe solcher Stationen zu passiren, der wird den Eindruck empfangen, als habe er es hier mir einer wohlorganisirten Vorpostenkette zu thun, welche einem jeder Zeit kampfbereiten, gefährlichen Feind gegenüber aufgestellt ist – ein in Wirklichkeit durchaus zutreffendes Bild.

Der Kern des Rettungsmaterials nun ist das Rettungsboot, welches, nebenbei gesagt, seine eigene, der Entwickelung des Rettungswesens parallel laufende Geschichte hat. Bei seiner Gestaltung mußte es sich um zwei Gesichtspunkte handeln: erstens das Vollschlagen, zweitens das Kentern zu verhüten, und die Schwierigkeit der Construction lag zum Theil in der zu erreichenden Vereinigung beider Eigenschaften. Der Entwickelungsgang zeigt daher auch ein Vorwiegen bald der einen, bald der anderen Rücksicht, und so gelangte man in England schließlich durch unermüdliches Umgestalten und Erproben zu einer Construction, welche den Böten die Selbstentleerung beim Vollschlagen und die Selbstaufrichtung beim Kentern möglich machte. Die bei aller Einfachheit höchst sinnreiche Einrichtung für Selbstentleerung besteht darin, daß man einen wasserdichten Unterraum über der Wasserlinie des besetzten Fahrzeuges anlegte, welcher von einer von oben nach unten gerichteten Röhre durchschnitten wird, die ihrerseits nach unten durch ein Ventil geschlossen ist und somit das oben hereinschlagende Wasser abläßt, gegen das von unten andringende aber abgeschlossen bleibt. Das Selbstaufrichten beim Kentern wird dadurch erreicht, daß man gegen fünf Centner schwere, eiserne Kiele anbringt und das Boot nach oben durch Korkeinlagen oder Luftkästen erleichert. Aber abgesehen davon, daß diese Construction neben der Selbstaufrichtung auch entsprechend ein Umschlagen begünstigt, war dieses für die steile englische Küste construirte Boot seiner Schwere wegen für die flachen deutschen Küsten nicht verwendbar. Hier handelte es sich darum, das Boot, ehe es flott gemacht werden kann, auf ungünstigem, nachgebendem Terrain oft weit hinaus zu fahren, und so hat man, zum Theil zu älteren Constructionen zurückkehrend, gemischte Arten an unseren Küsten eingeführt.

Die Rettungsböte zerfallen außerdem in Ruder- und Segelböte, von denen die ersteren gute Brandungsfahrer, die letzteren geübte Sturmfahrer sein müssen. Ein wichtiger Bundesgenosse der Menschheit – der Dampf – versagt noch seine Dienste; gelingt eine Construction, welche die Verwendung dieser Kraft gestattet, so tritt das Rettungswesen in eine neue Phase.

Betrachten wir nun das Boot in Thätigkeit. Wir können von derselben vier Abschnitte unterscheiden, von denen jeder seine eignen Schwierigkeiten und Gefahren darbietet.

Sobald das Signal von einer Strandung eintrifft, werden die zum Vorspann verpflichteten Strandbewohner benachrichtigt, und bald rollt der schwere Bootswagen der schäumenden See zu. Dieser Wagen, von mächtig starkem Bau, ist so eingerichtet, daß ein Zapfen, welcher die Vorderräder mit dem übrigen Wagengerüst verbindet, herausgezogen werden kann, wodurch das Gerüst in die Höhe steigt und eine schiefe Ebene nach rückwärts bildet, um so das Boot sanft in die herankommenden Wogen gleiten zu lassen. Im Ganzen geht dieses „Abprotzen“ ohne ungewöhnliche Schwierigkeiten von Statten, manchmal aber wird es von der stärker heranrollenden See gestört, was bei schwerem Unwetter geradezu gefahrdrohende Situationen herbeiführen kann, ja die Mannschaft hat schon Pferde und Wagen nebst Boot ihrem Schicksal überlassen müssen, um durch schleunige Flucht das eigene Leben zu retten.

Ist das Boot flott, so wird das Steuerruder eingehängt, und nun beginnt der zweite, schwierigere Theil der Aufgabe, das Auslaufen. Es gilt die Brandungslinie zu durchbrechen. An unseren flachen Küsten ist oft, so weit das Auge reicht, nur eine schäumende brodelnde Masse zu erblicken, in welche hineinzutauchen der Laie für rein unmöglich hält – der gefährlichste Augenblick aber kommt weit draußen, da wo die mächtigste Brandung steht, das heißt da, wo die heranrollende Sturmwelle sich zuerst in größerer Tiefe bricht, und zwar ist das Boot hier einer doppelten Gefahr ausgesetzt. Erstens nämlich: es gelangt nicht auf die Brandungswelle hinauf und überschlägt sich, ähnlich wie ein Pferd, nach rückwärts, oder es wird quer gefaßt und überrollt. Zweitens: das Boot gelangt glücklich über die Brandungswelle, schlägt aber in der jenseitigen Thalsenkung der Welle auf den Grund. Es kommt dabei alles auf die Geistesgegenwart und schnelle Berechnung des Bootsführers an, indem er, ähnlich wie der Reiter dem Pferde die Zügel, dem Boote bald mehr, bald weniger Fahrt giebt.

Einmal im Bereiche der regulären See, hat das Boot weniger zu befürchten, bis die Gefahr bei der Annäherung an das Wrack wieder zuzunehmen beginnt. Schon in einiger Entfernung vor demselben sieht sich das Boot durch treibende Spieren und dergleichen bedroht; am Wrack selbst aber tritt wiederum ein höchst gefährlicher Moment ein, um so gefährlicher, wenn die Annäherung von der Luvseite geschieht. Es gehört keine große Phantasie dazu, sich die Schwierigkeiten zu vergegenwärtigen, welche sich dem Anlegen an ein von der Brandung überspültes Wrack darbieten, auch ungerechnet die von stürzenden Masten drohende Gefahr. Steht eine derart heftige Brandung am Wrack, daß eine Annäherung unmöglich ist, so wird mit der Cortes’schen Büchse eine Leine hinübergeschossen und die Verbindung auf diese Weise hergestellt – eine Situation, wie sie unser Mittelbild zeigt.

Ist die zu rettende Mannschaft geborgen, so geht es auf den Rückweg und damit der im Grunde allergrößten Gefahr in die Arme: dem Einlaufen durch die Brandung, welches ähnliche Schwierigkeiten wie das Auslaufen bietet, nur daß dieselben durch die nachfolgenden Wassermassen gesteigert werden. Es handelt sich für das Boot darum, immer da auf dem Rücken der Welle zu bleiben, wo ihr Durchmesser am stärksten ist, ein Manöver, das auf verschiedene Weise durchgeführt wird; unser Bild rechts oben zeigt ein solches, wo zwei Ruderer rückwärts gesetzt werden, um das Boot immer auf die Woge hinaufzurudern. Zu gleichem Zwecke benutzt man den hinter dem Steuer sichtbar werdenden sogenannten Schlepper, einen leinenen Beutel in Form eines Kaffeesackes, der, durch einen Reifen offen gehalten, das Wasser einschluckt und so zurückhaltend wirkt. In Ermangelung eines solchen Schleppers werden auch beliebig andere Gegenstände, die gerade zur Hand sind, verwendet. Endlich ist auch das Ausgießen von Oel ein die Brandung beruhigendes Mittel, dessen Wirkung eine geradezu zauberhafte ist, und dies um so mehr, je weniger der Zusammenhang der Erscheinungen vor Augen liegt.

Da nun aber das Umschlagen des Bootes trotz aller Verbesserungen dennoch als eine Gefahr immer bestehen bleibt, so mußte für den über Bord gehenden Mann ein letztes Rettungsmittel geschaffen werden, und als ein solches bewährte sich vorzüglich die Korkjacke, ein aus gegliederten Korkstücken zusammengesetzter Küraß, der einen Menschen 24 Stunden über Wasser zu halten vermag.

Für den Fall, daß das Boot das Wrack nicht erreichen kann, tritt, sobald dasselbe nicht weiter als 500 Schritt vom Strande abliegt, die Rakete in Thätigkeit. Dieselbe hat im Allgemeinen die Construction der Kriegsraketen, für den speciellen Zweck [64] modificirt durch das Spandauer Feuerwerks-Laboratorium. Neben der Rakete giebt es auch noch Mörser, doch ist die Rakete wegen mehrfacher Vorzüge an unseren Küsten fast allein in Gebrauch. Das abgesandte Wurfgeschoß führt nur eine dünne Leine über das Wrack, wo dieselbe von der Mannschaft aufgefangen wird; vermittelst dieser Leine wird sodann das Rettungstau nebst einem Läufer an Bord geholt, und dann mit Hülfe des letztern wieder eine Hosenboje, in welcher nun ein Mann der Mannschaft nach dem andern an Land gezogen wird. Unser Mittelbild rechts zeigt einen Mann in dieser scheinbar höchst gefährlichen Situation, die aber in Wirklichkeit für den Betreffenden die sichere Errettung bedeutet.

Unser linkes Mittelbild zeigt noch zwei Reiter in der Fluth, einem Wrack zustrebend; wir haben diesen Moment der Vollständigkeit wegen beigefügt, ohne daß damit eine regelmäßige Form der Rettung dargestellt werden soll – es ist aber vorgekommen, daß Reiter einem naheliegenden Wrack über Prielen hinweg bei nicht zu stürmischer See Leinen zugeführt haben; freilich gelang die Schwimmtour von acht Pferden nur zweien.

Hiermit sei der Ueberblick über die Hülfsmittel des Rettungswesens zur See geschlossen.

Als die „Gartenlaube“ seinerzeit die Begründung der Gesellschaft für Rettung Schiffbrüchiger freudig begrüßte und wiederholt zu ihrer Unterstützung anregte (vergl. Jahrg. 1861, Nr. 51; 1865, 23; 1866, 22; 1867, 17), da galt dies einer jugendlichen Schöpfung, welche sich im Laufe der Zeiten mit ihren, in diesem Falle wörtlich zu nehmenden, Stürmen erst bewähren sollte. Daß sie dies gethan, beweist der lebensfrische, thatkräftige Organismus der Gesellschaft, wie sie sich jetzt unserem Blicke zeigt. Immer nach Ausdehnung ihres Wirkungskreises strebend, getragen von den – leider nicht eben sonderlich werkthätigen – Sympathien der Nation, kann sie mit Stolz auf mehr als ein Jahrzehnt erfolgreicher Thätigkeit zurückblicken. Wir schließen mit dem Wunsche, daß die „Gartenlaube“ nach einem weiteren Decennium von vermehrten Erfolgen dieser ebenso nationalen, wie allgemein menschlichen Zwecken gewidmeten Schöpfung möge berichten können.[1]

F. Lindner.




Die Erziehung zur Arbeit.
Eine Forderung des Lebens an die Schule.
Von Karl Biedermann.

Durch die Bildungsgeschichte unseres deutschen Volkes zieht sich in den letzten zwei, drei Jahrhunderten wie ein rother Faden hindurch der immerfort nach Vermittlung ringende, aber auch immer wieder auseinanderklaffende Gegensatz von Wissen und Können, Theorie und Praxis, Schule und Leben.

Manche von unseren bedeutendsten Gelehrten selbst haben diesen Uebelstand tief empfunden und an dessen Beseitigung gearbeitet. Leibnitz eiferte wiederholt gegen die Vernachlässigung der Realien (Naturwissenschaften, Geschichte, Geographie) und der Muttersprache über der allzu ausgedehnten Beschäftigung mit dem Alterthum; das Gleiche thaten namhafte Pädagogen, wie Ratich und Comenius, ja selbst classische Philologen, wie Gesner. Galt dies für die höheren Stufen des Unterrichts, so konnte allmählich auch die niedere, Elementar- oder Volksschule sich der Forderung nicht entziehen, daß sie mehr als bisher „für’s Leben“ erziehen und vorbilden sollte.

Die wirksamen ersten Anregungen zu einer Ergänzung des bloßen „Lernens“ in der Schule durch einen mehr auf das „Können“, auf die praktische Uebung auch der äußeren Fähigkeiten des Kindes, der Sinne und Gliedmaßen, gerichteten Unterricht kamen uns Deutschen von außen, von England und Frankreich her. Locke und Rousseau waren es, die auf die Herstellung eines größeren Gleichmaßes zwischen Körper und Geist in der Erziehung und deshalb auf die Aufnahme gewisser mechanischer Beschäftigungen in das System des Unterrichts drangen. Die deutsche Pädagogik erfaßte den Gedanken mit großer Wärme, besonders die sogenannten Philanthropen, Basedow und seine Schüler. Noch heute werden mechanische Beschäftigungen neben den gewöhnlichen Lernstunden in der einzigen aus jener Zeit noch übrigen Tochteranstalt des Basedow’schen Philanthropins, der von Salzmann gegründeten Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal in Thüringen, getrieben. Salzmann’s „Ameisenbüchlein“ und seine Schrift „Ueber die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal“, sowie seines Schülers Blasche Schrift „Grundsätze der Jugendbildung zur Industrie als Gegenstand der allgemeinen Menschenbildung“ behandeln dieses Thema in lehrreicher Weise.

Die Regierungen selbst faßten den Gedanken einer Fruchtbarmachung der Schule für das Leben in’s Auge, und so entstanden in verschiedenen deutschen Ländern sogenannte „Industrie-“ oder „Erwerbsschulen“, von denen einzelne noch heute existiren. Namentlich die weibliche Jugend (allerdings nur die der unteren Stände) ward in diesen Schulen in den einfachsten weiblichen Handarbeiter geübt und dadurch zum Fortkommen im Leben geschickter gemacht.

Umfassender in ihrem Plane und zugleich von größerer Lebensfähigkeit waren die 1796 von dem edelsinnigen Herzog Peter von Oldenburg auf seinen Fideicommißgütern im Eutin’schen in Holstein errichteten „Arbeitsschulen für Landgemeinden“. Dieselben bestehen noch heute, wenn auch mit etwas veränderten Lehrplane. Der menschenfreundliche Herzog hatte die Leibeigenschaft auf seinen Gütern aufgehoben und wollte bewirken, daß die sich selbst überlassene ländliche Bevölkerung auch die neue Freiheit recht gebrauchen lerne, daß sie nicht in Müßiggang verfalle, vielmehr von früh auf in der Liebe und Gewöhnung zur Arbeitsamkeit geübt werde. Jene Schulen erscheinen im Sommer als „Gartenschulen“, im Winter als „Spinn-, Näh- und Strickschulen“ für die Mädchen und als „Klüterschulen“ (Schulen für Holzarbeiten) für die Knaben. Die „Klüterschule“ soll nach der ausgesprochenen Absicht ihres Stifters „nicht die Knaben zu Handwerkern bilden“, wohl aber sie „im Gebrauch der verschiedenen Werkzeuge ihres künftigen Berufs und in der Fertigung solcher Arbeiten üben, welche im Hause, im Stall in der Scheune etc. des Landmannes vorkommen“. Diese Schule haben sich, wie Michelsen in seiner Schrift über dieselben bezeugt, als sehr wohlthätig bewährt.

Wie im Norden, so faßte auch im Süden, in der Schweiz, der Gedanke der „Arbeitsschule“ kräftige Wurzel. Der Pädagog Pestalozzi pflegte ihn dort theoretisch; sein Zeitgenosse Fellenberg, ein großer Landwirth, Besitzer des Gutes Hofwyl, verwirklichte ihn praktisch – allerdings hauptsächlich nur nach der landwirthschaftlichcn Seite hin und für ärmere Kinder. Landwirthschaftliche Arbeiten waren in den Fellenberg’schen Anstalten die Hauptsache, der theoretische Unterricht ward nur dazwischen hinein (in drei Stunden täglich) gegeben; man glaubte aber zu bemerken, daß dieses geringe Maß ebensoviel, ja mehr wirke, als in anderen Lernschulen ein weit größeres, weil die Zöglinge von den körperlichen Arbeiten geistig erfrischt zum theoretischen Unterricht zurückkehrten. [65] Einen für diese Art von Erziehung ganz besonders befähigten Lehrer fand Fellenberg in Jakob Wehrli, nach welchem denn auch sowohl die von Fellenberg selbst, wie die nach dessen Vorgang anderwärts errichteten Arbeitsschulen „Wehrli-Schulen“ benannt wurden. Aehnliche Einrichtungen entstanden in Frankreich, in England, in Belgien. Besonders gut organisirt und von den besten Erfolgen begleitet waren nach zuverlässigen Berichten die in Mettray in Frankreich (1840) und in Ruyffelede in Belgien (1849) begründeten. In Deutschland machten sich um Errichtung von „Wehrli-Schulen“ verdient die zu Pestalozzi's hundertjährigem Geburtstage entstandenen „Pestalozzi-Vereine“ und der um dieselbe Zeit in Wirksamkeit getretene „Verein für das Wohl der arbeitenden Classen“ in Preußen.

Alle diese Anstalten verfolgten vorzugsweise den Zweck, arme, besonders auch verwahrloste Kinder durch das sittlich bildende Mittel geregelter Arbeit an Ordnung, Thätigkeit und Betriebsamkeit zu gewöhnen, und sie erwiesen sich für Erreichung dieses Zweckes als sehr fruchtbar.

Wieder in anderer Weise machte Pestalozzi's Schüler und Nachfolger auf dem Gebiete der Pädagogik, Friedrich Fröbel, das Princip der „Erziehung zur Arbeit“ nutzbar. Zunächst ward in der von ihm gegründeten Erziehungsanstalt zu Keilhau bei Rudolfstadt die Verbindung von Arbeit und Unterricht in ganz ähnlicher Weise in's Werk gesetzt, wie in Schnepfenthal. Außerdem aber ist Fröbel bekannt als der Vater der „Kindergärten“, die eine so große Ausbreitung erlangten und in mancher Hinsicht ganz günstig wirkten. Ihnen liegt die Idee zu Grunde, den dem Kinde angeborenen Spieltrieb zu planmäßigen Beschäftigungen zu entwickeln und zu verwerthen, durch welche Hand, Auge, Form- und Schönheitsinn der Kleinen in leichter und geregelter Weise geübt und ausgebildet werden sollen. Dergleichen Beschäftigungen sind das Stäbchenlegen, die Herstellung von allerhand Gegenständen aus verbundenen Stäbchen und Erbsen, das Flechten aus Papier und anderen Stoffen, das Bauen mit Bausteinen u. dergl. m. Bisweilen ist man dabei wohl zu systematisch für dieses Kindesalter verfahren und so theilweise in Künstelei verfallen, allein der Grundgedanke ist jedenfalls ein gesunder: den Thätigkeitstrieb des Kindes, der, sich selbst überlassen, sich leicht zerstörend äußert, in den richtigeren Weg des Schaffens überzuleiten und so unbermerkt ihm eine ernstere Richtung zu geben.

Eine sehr zweckmäßige Erweiterung der Fröbel'schen Spiele bietet die „Arbeitsschule“ von Schmidt und Seydel in Weimar (Verlag von H. Böhlau daselbst), eine planmäßig vom Leichten zum Schwereren fortschreitende Reihenfolge von Aufgaben zu Arbeiten für etwas ältere Kinder.

Auch in einzelnen Privaterziehungsanstalten, z. B. der des Dr. Barth in Leipzig, ward das Princip der Arbeit mehrfach zur Anwendung gebracht. Ebenso werden in der Realschule zu Leipzig von Schülern allerhand kleine mathematische, physikalische, astronomische und andere Lehrapparate gefertigt, gewiß ebenfalls eine sehr gute Uebung.

Neben diesen praktischen Versuchen zur Einführung geregelter mechanischer Beschäftigungen in das System der Erziehung entstand nun auch in den vierziger und fünfziger Jahren in Deutschland eine reiche pädagogische Literatur, welche indirect oder direct auf das gleiche Ziel hinarbeitete, auf die, wie es damals hieß, Versöhnung der Schule mit dem Leben. Indirect geschah dies durch Aufdeckung von allerhand Mängeln der sogenannten Lernschule. Man klagte darüber, daß diese für die Charakterbildung und die Vorbereitung der Jugend für's praktische Leben zu wenig leiste, daß sie zu einseitig blos das Gedächtniß in Anspruch nehme, daß ihre Ergebnisse unzureichende, insbesondere aber nicht genug nachhaltige seien u. dergl. m. Und zwar wurden solche Klagen – merkwürdiger Weise! – gerade von Schulmännern, Schul- und Seminardirectoren erhoben, also solchen denen man einerseits genaueste Kenntniß des Gegenstandes zutrauen konnte, und von denen andererseits nicht anzunehmen war, daß sie von einem Vorurtheil gegen die bestehenden Schulanstalten geleitet würden. Zu ihnen gehörten Männer wie Vogel, Scherr, Curtmann, Kirchmann, Kellner, Diesterweg. In allen jenen Klagen klang zugleich mehr oder weniger direct der Gedanke an, daß eine wirksame Abhülfe der wahrgenommenen Uebelstände nur in einer größeren Berücksichtigung der körperlichen Kraft und Fähigkeit, der Sinne und Gliedmaßen zu finden sei.

Auch in den Versammlungen deutscher Lehrer ward zu Anfang der fünfziger Jahre die Frage der sogenannten „Erziehung zur Arbeit“ mehrfach discutiert, ohne daß es indeß zu einem greifbaren Resultat gekommen wäre.

Der Verfasser gegenwärtigen Aufsatzes hat damals in einer Schrift unter dem Titel „Die Erziehung zur Arbeit, eine Forderung des Lebeus an die Schule“ von Karl Friedrich (1852, Leipzig, Avenarius und Mendelssohn) das ganze bis dahin angesammelte Material sowohl von theoretischen Ausführungen wie von praktischen Versuchen zur Lösung der so hochwichtige Frage in möglichster Vollständigkeit zusammengestellt.

Diese scheinbar so lebhafte Reformbewegung wurde indeß damals, wie das zu gehen pflegt, von anderen Fragen und anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt.

Neuerlich nun, das heißt seit Anfang der siebenziger Jahre, ist die Frage der „Erziehung zur Arbeit“ wiederum angeregt, ja sind auch schon zum Theil recht vielversprechende Anfänge zur praktische Lösung des Problems gemacht worden. Leider auch jetzt, wie schon im vorigen Jahrhundert, nicht von Deutschland aus, sondern vom Auslande. Und zwar ist es diesmal der skandinavische Norden, der die Initiative ergriffen hat. Dort handelt es sich in erster Linie um Erreichung und Förderung des sogenannten „Hausfleißes“, mit anderen Worten, um Anregung und Anleitung zunächst der (dort bei Weitem überwiegenden) ländlichen Bevölkerung zur Benutzung namentlich der im Winter ihr aufgedrungenen Muße, überhaupt aber ihrer freien Zeit, z. B. an den Abenden, zu solchen häuslichen Arbeiten, die theils einen gewissen wirthschaftlichen Werth für sie haben, theils den großen moralischen Nutzen versprechen, daß dadurch die Männer vom Besuche öffentlicher Orte, von Spiel und Trunk abgelenkt und zu größerer Häuslichkeit gewöhnt werden.

Den ersten Anstoß dazu gab ein Privatmann, der Rittmeister a. D. Clauson Kaas zu Kopenhagen. Als Officier in einem kleinen Garnisonsorte stehend, wo es an guten Schulen fehlte, kam der sehr praktisch angelegte Mann auf den Gedanken, seine Kinder selbst zu erziehen und hierbei neben den theoretischen Wissensgegenständen auch praktische, mechanische Beschäftigungen anzuwenden. Er that dies mit so viel Erfolg, daß bald auch andere Eltern ihn baten, ihre Kinder in seinen Unterricht mit aufzunehmen, und daß sich so eine förmliche Schule um ihn bildete. Das Gleiche geschah in Kopenhagen, wohin er später versetzt ward. Dies veranlaßte ihn, 1864 seinen Abschied zu nehmen, um sich ganz dem Erziehungsfache zu widmen. Es gelang ihm, seiner Ansicht von der Nützlichkeit des „Arbeitsunterrichts“ in weiteren Kreisen Geltung zu verschaffen, wobei er von einem ihm geistesverwandten Lehrer, Rom, unterstützt ward. Seit 1871 giebt er eine Monatsschrift heraus, „Nordisk Husflids-Tidende“ („Nordische Hausfleiß-Zeitung“) mit Abbildungen, worin er für seine Idee Propaganda macht; in einer zweiten Monatsschrift, „Husflids-Meddelelser“ („Hausfleiß-Mittheilungen“), erstattet er Bericht über die Fortschritte der Hausfleißvereine.

Auf Clauson's Betrieb entstand nämlich schon 1873 in Kopenhagen eine „Hausfleißgesellschaft“, die überall im Lande zur Gründung von „Hausfleißvereinen“ anregt; 1877 bestanden deren schon 61 nebst 26 Hausfleißschulen. Die Hauptgesellschaft zählte 553 Mitglieder. Sie wird sowohl von der Regierung, wie von einer großen Anzahl von Gemeinden, Vereinen etc. mit Geldmitteln unterstützt. Die Regierung spendete 1875 4000, 1876 und 1877 je 6000 Kronen (etwa 6800 Mark). Das von Dänemark gegebene Beispiel hat im benachbarten Schweden Nachahmung gefunden – oder, vielleicht richtiger gesagt: der gesunde Volksinstinct in beiden Ländern hatte fast gleichzeitig das tiefe Bedürfniß einer sittlich-wirthschaftlichen und pädagogischen Reform in dieser Richtung empfunden, und die Anregung, die in Dänemark Clauson, in Schweden Graf Clas von Lewenhaupt, in Norwegen Dr. Greve gaben, fanden eben deshalb auch so rasche Verbreitung. Die Sache kam schon 1876 im schwedischen Reichstage zur Sprache, und es ward der Regierung ein Fonds zur Unterstützung der „Hausfleißgesellschaften“ bewilligt. So hat denn die schwedische Regierung 1876 16 solchen Gesellschaften zusammen die Summe von 18,000 Kronen (etwa 20,000 Mark) [66] theils zur Anstellung von Wanderlehrern, theils zur Errichtung besonderer Schulen für den Hausfleiß (Slöjdskolors) angewiesen.

Clauson hat in Kopenhagen eine Bildungsanstalt fur Lehrer errichtet, um solche zur zweckmäßigen Ertheilung des praktischen Unterrichts fähig zu machen, und hat sich bereit erklärt, ähnliche Curse auch anderwärts zu halten. In der nächsten Zeit wird ein Cursus in Berlin stattfinden, auch Görlitz hat sich bereits um einen solchen bemüht. In Schweden besteht eine ähnliche Anstalt in dem „Slöjdlehrerseminar“ im Dorfe Nääs, nordöstlich von Gothenburg. Auch giebt es bereits sowohl in Dänemark wie in Schweden eine ziemliche Anzahl von Schulen, in denen neben dem gewöhnlichen Lernunterricht Unterweisung in Hausarbeiten planmäßig ertheilt wird.

Sehen wir uns einmal eine solche „Lern- und Arbeitsschule“ näher an, z. B. die am längsten, schon seit sechs bis sieben Jahren, bestehende, am besten organisirte, zu Landskrona an der Südküste Schwedens! Auch in Schweden ist der gewöhnliche oder Lernunterricht obligatorisch, wennschon nicht ganz in der Ausdehnung wie bei uns, indessen gestattet das Gesetz den einzelnen Schulbehörden in Bezug auf Stundenzahl und Zeiteintheilung eine ziemlich große Freiheit. Demzufolge hat der Schulrath zu Landskrona den Handarbeitsunterricht als obligatorisches Lehrfach für Knaben und Mädchen in der Gemeindeschule eingeführt.

Die Handarbeiten für Knaben begreifen in sich: Tischlerei, Drechslerei, Laubsägen, Bildschnitzerei, Bürstenbinderei. Aus Mangel an Lehrkräften ist dieser Unterricht vor der Hand auf die obersten Classen, Knaben von zehn bis vierzehn Jahren, beschränkt. Die Mädchen, und zwar diese schon vom achten Jahre an, werden im Nähen, Stricken, Spinnen am Spinnrade und Weben des Gesponnenen an kleinen Webstühlen unterrichtet. Der Unterricht der Knaben beginnt mit den einfachsten Manipulationen; dabei werden sie anfänglich in allen oben genannten Beschäftigungen unterwiesen, und nur wenn bei einzelnen Schülern eine besondere Anlage und Neigung zu dieser oder jener Arbeit sich herausstellt, wird der Unterricht mehr auf diese concentrirt und in dieser gründlich betrieben. Besonders wird darauf gesehen, daß die Knaben selbstständig, ohne fremde Hülfe, arbeiten lernen, daß sie ferner mit den Werkzeugen und dem Rohmaterial sorgsam umgehen.

Die solcher Gestalt gefertigten Sachen: Becher, Kästchen, Dosen, Bürsten, Laubsäge-Arbeiten aller Art, geschnitzte Bilderrahmen etc., werden verkauft und der Ertrag davon theils zur Unterhaltung der Werkzeuge, theils zur Anschaffung von Material verwendet, sodaß wenigstens in dieser Beziehung die Schule sich selbst erhält. Die Berichte über den Fleiß und die Anstelligkeit der Kinder lauten sehr günstig; auch versicherte der Director der Anstalt, daß die Schüler durch diese Arbeiten keineswegs in den theoretischen Lehrfächern zurückblieben.

Aehnliche Zeugnisse liegen von den Directoren anderer derartiger Arbeitsschulen im Norden vor. Die Einrichtung dieser Schulen selbst, die Vertheilung des Lern- und des Arbeitsunterrichts etc., ist bei den verschiedenen keineswegs immer die gleiche. Besonders stark betrieben wird der Arbeitsunterricht in der Schule zu Nääs. Bei den Mädchen kommen dort im Winter in der ersten Classe auf fünfzehn Stunden Lernunterricht deren einundzwanzig für Handarbeiten, in der zweiten Classe ist es umgekehrt; im Sommer wird dem Arbeitsunterricht noch mehr Zeit gewidmet. Die Knaben haben sogar neben drei Lern- sieben Arbeitsstunden. Trotz der ziemlich ausgedehnten Arbeitszeit fand der deutsche Besucher der Schule, dem wir diese Mittheilungen verdanken (der Lehrer Hansen), die Knaben wohlaussehend, frisch und munter. Knaben und Mädchen erhalten dort einen Antheil von dem Ertrag ihrer Arbeiten; derselbe wird für sie in Sparcassenbüchern angelegt.

Der „Centralverein für das Wohl der arbeitenden Classen“ in Berlin hat in seiner Zeitschrift „Der Arbeiterfreund“ sehr lehrreiche Berichte deutscher Lehrer (Höhn, Wilski und Hansen) über Beobachtungen veröffentlicht, welche dieselben beim Besuch theils der Lehrerbildungsanstalt des Herrn Clauson, theils der verschiedenen in dieser Richtung thätigen Anstalten in Dänemark und Schweden gemacht haben.

Wie nun verhält sich bisher Deutschland zu dieser im Norden so stark und so nachhaltig auftretenden Bewegung für Einführung der mechanischen Beschäftigungen in den Jugendunterricht? In Folge von Vorträgen, welche der Rittmeister Clauson Kaas 1875 und 1876 an mehreren Orten des nördlichen Deutschlands gehalten (der zu Berlin gehaltene ist gedruckt erschienen unter dem Titel: „Die Arbeitsschule neben der Lernschule und der häusliche Gewerbefleiß.“ Berlin, Simion), entstand 1876 in Berlin ein „Verein für häuslichen Gewerbefleiß“, an dessen Leitung sich Männer wie Gneist, Hammacher, Lippert und Andere betheiligten, dessen eigentlicher Vorsitzender aber Eisenbahndirector Schrader ist. Um dieselbe Zeit nahm in Kiel die dortige Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde die Sache in die Hand, in Bremen der dortige Bildungsverein, speciell aber der durch seine gemeinnützige Thätigkeit überhaupt vielverdiente Dr. A. Lammers. Letzterer machte die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Nordwest“ zu einem Organ für diese Bestrebungen. In Hannover wandte sich Superintendent Th. Raydt mit einer gedruckt vorliegenden Denkschrift an das Landesdirectorinm zu Hannover, um dasselbe zu einem Kostenbeitrag für Anlernung von Lehrern in der Clauson'schen Anstalt zu veranlassen, und erhielt von dieser Behörde eine zusagende Antwort. Die landwirthschaftlichen Vereine der Provinz Hannover zeigten gleichfalls ein sehr lebhaftes Interesse für Förderung dieser Unternehmung. Unlängst hat auch die „Gemeinnützige Gesellschaft“ in Leipzig die Angelegenheit in die Hand genommen. In Folge eines in ihrer Mitte von Herrn Dr. Lammers gehaltenen Vortrages über „Handfertigkeit und Hausfleiß“ ward eine Commission niedergesetzt, die sich weiter mit der Frage beschäftigen soll, ob und in welcher Weise der Gedanke einer „Erziehung zur Arbeit“ für die hiesigen Verhältnisse praktisch und nutzbar gemacht werden könne.

Nach alledem steht zu hoffen, daß auch in Deutschland jene Idee immer fester Wurzel schlagen und Verbreitung finden wird, um so mehr, als, wie oben gezeigt, dieselbe eigentlich hier nichts Neues, im Gegentheil schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert vielfach und lebhaft in der Presse und in der Lehrerwelt discutirt worden ist. Vielleicht ergeht es hiermit, wie es bisher mit so vielen Sachen in unserem lieben Deutschland erging, als deutsche Erfindung oder Anregung mißachtet und unverwerthet geblieben, bekommt ein Ding plötzlich ein ganz anderes Ansehen, wird beachtet und erstrebt, sobald es den Stempel ausländischen Ursprungs trägt. Indessen ist es immer noch besser, wir bekommen diese wichtige pädagogische Reform aus zweiter Hand, als daß sie uns abermals verloren geht, und so wünschen wir von Herzen, daß die in Berlin, Leipzig, Hannover, Bremen und anderen Orten gemachten Anfänge zu einer Verwerthung der Clauson'schen Idee nicht erfolglos bleiben mögen.

Allerdings dürfte für uns in Deutschland – und das erkennen auch diejenigen an, welche sich näher mit jenen skandinavischen Bestrebungen beschäftigt haben – der eine Zweck dieser letzteren, die Weckung des Hausfleißes, nicht in gleichem Maße im Vordergrunde stehen. Wir haben keine so überwiegend mit Landbau beschäftigte Bevölkerung, wie sie dort existirt; unsere Winter sind weniger streng, sodaß die Zeit, wo der Landmann gar nichts in seinem Berufe zu thun hätte, jedenfalls hier viel kürzer ist; für städtische und sonstige industrielle Bevölkerungen ist Manches von dem, was der „Hausfleiß“ bezweckt, überhaupt weniger anwendbar. Immerhin könnte es nichts schaden, wenn auch bei uns wenigstens jeder Hausvater nach dem Schiller'schen Spruche: „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ kleine Reparaturen in der Hauswirthschaft selbst zu machen verstände, oder wenn er zum mindesten so viel praktisches Geschick besäße, um die Ausführung solcher anordnen und die Güte der ausgeführten controliren zu können.

Doch das sind Dinge, die sich von selbst finden werden, sobald nur erst ein Geschlecht herausgebildet ist, welches wieder mehr Achtung vor der mechanischen Arbeit, mehr Lust und Geschicklichkeit dazu hat, als leider jetzt einem großen Theil namentlich unserer sogenannten „gebildeten“ und „hochgebildeten“ Classen beiwohnt – wesentlich in Folge unserer allzu ausschließlich auf geistige, beziehentlich gelehrte Thätigkeit abzielenden Erziehungsmethode. Worauf es vor Allem ankommt, das ist die Herstellung des natürlichen Gleichgewichts zwischen Geist und Körper, Wissen und Können, welches uns leider nur zu sehr verloren gegangen ist und zu dessen Wiedergewinnung auch die Einführung des Turnens allein nicht ausreicht.

Jene vorzeitige geistige Ermüdung der Kinder in den Schulen, worüber so viele Pädagogen klagen, und deren Folge [67]

sehr häufig die ist, daß viele im Anfange geistig regsame und empfängliche Schüler später schlaff werden: sie würde sicherlich abgewendet werden durch eine zweckmäßige Abwechselung zwischen der einseitigen Anstrengung des Gehirns und einer Uebung der äußeren Organe. Pädagogen in solchen Anstalten, wo das bloße Lernen zeitweilig unterbrochen wird durch mechanische Beschäftigungen, haben es mit Freuden bestätigt, und auch Clauson stimmt nach seinen Beobachtungen dem bei, daß die Kinder von solchen Körperübungen viel erfrischter und auch geistig reger zu den geistigen Anstrengungen des Lernens und Denkens zurückkehren. Ja auch darin hat Clauson gewiß Recht, wenn er sagt: selbst manche theoretische Lernfächer würden direct gefördert werden können, wenn man sie in eine gewisse organische Verbindung brächte mit mechanischen Uebungen, so zwar, daß man ihre unmittelbare Anwendung auf letztere und somit ihren direct praktischen Nutzen den Kindern anschaulich machte, z. B. gewisse Lehren der Arithmetik und Geometrie, gewisse physikalische, chemische und andere Kenntnisse.

Endlich ist wohl auch daran nicht zu zweifeln, daß für denjenigen Theil unserer Jugend, der genöthigt sein wird, durch körperliche, vielleicht harte Arbeit sein tägliches Brod zu verdienen, eine frühe Gewöhnung an die Elemente dieser Arbeit, eine rechtzeitige Uebung und Geschicktmachung der Hand und des Auges von nicht zu unterschätzendem Werthe ist, daß der Knabe, der in der Schule mit Hobel, Säge, Schraubstock etc. umgehen gelernt hat, ein geschickterer und darum jedem Lehrmeister willommenerer Lehrling sein wird, als der, welcher dieser Geschicklichkeit entbehrt, daß es dem künftigen Dienstboten und ebenso der künftigen Frau eines Arbeiters, die in ihrer knappen Wirthschaft Alles streng zu Rathe halten muß, wesentlich zu gute kommen wird, wenn sie früh gelernt hat, sich ihren Bedarf an Kleidung, Wäsche etc. möglichst selbst zu fertigen und in Stand zu halten, oder wenn sie in der Kunst einer räthlich zu führenden Hauswirtschaft einige Vorübung besitzt.

An einen unmittelbaren Erwerb durch solche mechanische Beschäftigungen der Kinder ist dabei viel weniger zu denken, als an eben jene Vorbereitung für die künftige Erwerbsfähigkeit. Unseren Handwerkern werden derartige „Arbeitsschulen“ jedenfalls keine Concurrenz machen; es wäre das bei den ohnehin vielfach gedrückten Zuständen unseres Handwerkes nicht einmal zu wünschen.

Eine bedenkliche Schwierigkeit erwächst freilich der Anwendung jener Methode des sogenannten „Arbeitsunterrichts“ bei uns in Deutschland aus der immer mehr angewachsenen Ausdehnung des Lernstoffes sowohl in den höheren Lehranstalten wie auch in der Volksschule, aus der dadurch bedingten großen Zahl der Lehrstunden in der Schule selbst und den meist noch nebenhergehenden vielen Hausarbeiten. Allein hier drängt sich die ernste Frage auf: Ist nicht vielleicht gerade in diesem Punkte eine natürliche Reaction gegen das Zuviel angezeigt und unausbleiblich? Dieser Frage wird man wenigstens nicht einfach aus dem Wege gehen dürfen, man wird ihr vielmehr ungescheut und offen in's Auge sehen müssen.

Jedenfalls ist mit dem Thema „Erziehung zur Arbeit“ eine Frage auf die Tagesordnung der öffentlichen Discussion gesetzt, von der zu wünschen ist, daß sie gründlich, unbefangen, ohne Vorurtheil nach allen Seiten hin durchsprochen und erörtert, ja auch praktisch, wenn schon anfangs nur etwa im Kleinen, in engeren Kreisen, im Wege der Freiwilligkeit und außerhalb der eigentlichen Schule, in Angriff genommen werde, und daß sie von dieser Tagesordnung nicht wieder verschwinde, ohne greifbare und bleibende Resultate hinterlassen zu haben.




Die letzte Liebe eines Mächtigen.
Von C. del Negro.

Wie die scheidende Sonne mit ihrem letzten Strahl oft noch das Herz entzückt, so wohl auch einmal der Blick aus brechendem Menschenauge. Dies zu erfahren war einem Manne beschieden, der eine hohe Stellung im ägyptischen Staatsleben einnahm und dessen jäher Schicksalswechsel die allgemeinste Theilnahme nicht nur im Orient, sondern auch in ganz Europa erweckte.

Durch Geschick, Talent, günstige Verhältnisse und die persönliche Zuneigung seines Herrschers hatte sich Ismail-Pascha Saddik nach und nach von Rang zu Rang emporgehoben und endlich die Leitung eines der wichtigsten Staatsämter und unermeßliche Reichthümer erworben.

Die Zierde seines Harems war eine junge Cirkassierin, deren einfache und doch so ergreifende Geschichte ich hier erzählen will.

Mebruhki – so hieß die schöne Sclavin – lebte seit ihrer frühesten Kindheit im Harem des Pascha. Dieser hatte sie, als sie kaum drei Jahre zählte, von einem mit cirkassischen Frauen und Kindern handelnden türkischen Kaufmann erstanden und seiner Gemahlin – der Pascha hatte nur eine legitime Gattin – zum Beiramsfeste verehrt.

Als Kind entzückte die graziöse Kleine durch ihr sanftes, anschmiegendes Wesen den ganzen Harem; als Jungfrau ward sie von den fremden und einheimischen Damen, welche die Gattin des Pascha besuchten, wegen ihrer überraschenden Schönheit bewundert und mit Liebkosungen überhäuft.

Mebruhki war ein liebliches, selten schönes Wesen. Groß, schlank und geschmeidig wie eine Palme, hatte sie zarte unglaublich kleine Hände, Füße und Ohren, große schwarze, glänzende, fast zu glänzende Augen, leuchtendes goldig rothes, gewelltes Haar und ein feines Gesichtchen, dessen rosiger Mund süß, aber zugleich traurig zu lächeln wußte.

Wenn sie in dem Zimmer ihrer Gebieterin in gerader Haltung, wie es einer Sclavin ziemt, neben dem Eingang stand, eine Hand in die andere verschränkt, den Blick gesenkt, so bot sie mit ihrem bis zur Erde reichenden Goldhaar, die vollendet schönen Glieder von einem talarartigen weißen Gewande umschlossen, einen geradezu bezaubernden Anblick. Wer sie so sah, blieb unwillkürlich stehen sie zu bewundern, ihr ein freundliches Wort zu sagen. Wenn sie dann leicht erröthend die Augen aufschlug, erschrak man über den feuchten Glanz dieser „schwarzen Diamanten“, wie die Gattin des Pascha Mebruhki's Augen nannte. Man erschrak, sage ich, über den Glanz dieser Sterne, weil er ein überirdischer war und auf ein inneres, das Leben verzehrendes Feuer schließen ließ. Das Kind schien vom Engel des Todes gezeichnet zu sein.

Viele Menschen gingen in dem Harem ein und aus: die Verwandten des Pascha, männlichen und weiblichen Geschlechts, fremde und einheimische Damen, ein europäischer Arzt, Sprach- und Gesanglehrerinnen, Putzmacherinnen, Wahrsagerinnen, und Alle kannten und bewunderten die schöne Mebruhki. Nicht selten kam es sogar vor, daß die Eine oder die Andere – natürlich geschah es nur von Seite der Inländerinnen – die Hausfrau bat, ihr die liebreizende Mebruhki abzutreten – um hohen Preis! Die Dame war aber hierzu nicht zu bewegen. Einer aber war, der sie nicht kannte, sie nicht sah: der Pascha. Er hatte das kleine Geschöpf, welches er vor mehr als zwölf Jahren seiner Gemahlin verehrte, längst vergessen, und diese war zu klug und zu eifersüchtig, um Mebruhki ihrem für weibliche Reize sehr empfänglichen Gatten in's Gedächtniß zu rufen.

Wenn der Pascha seine rechtmäßige Frau besuchte, was nicht gar häufig vorkam, seit ihr Antlitz nur noch Spuren von Schönheit trug, war er zerstreut, übellaunig; er sah nichts von dem, was ihn umgab. Seine Gedanken, seine Augen schienen während der ganzen Dauer des Besuchs abwesend zu sein.

Eines Tages führte das Schicksal den Minister durch eine Verkettung von Umständen doch mit dem Mädchen zusammen, dessen Schönheit ihn derart blendete, daß er, wie von einem dämonischen Zauber ergriffen, ihrem Banne verfiel.

Es war im März. Um diese Zeit pflegen die wohlhabenden Kairiner auf's Land zu ziehen, um dem eigenthümlich schwülen, heißen Wüstenwind, der in diesem und dem nächstfolgenden Monat in Aegypten weht und äußerst erschlaffend auf Körper und Geist wirkt, zu entgehen. In den Landhäusern des grünen Delta, namentlich in den unfern des Nil gelegenen Villen, ist der Chamsin erträglicher als in den Städten.

Der Pascha mußte in diesem Jahre wichtiger Geschäfte halber – es war kurz vor dem Ausbruch des russisch-türkischen Krieges – in der Hauptstadt bleiben, der Harem sollte aber

[68] trotzdem nach Alexandrien und Tantah übersiedeln und seine Häuser und Villen am Nilufer und am Meeresstrand beziehen. –

„... Somit wären die Damen sämmtlich untergebracht,“ schloß der Pascha eine stundenlange Berathung, die er mit seinem Leibarzt gepflogen hatte.

„Vergebung, Excellenz!“ beeilte sich der Doctor – ein Europäer – zu sagen. „Ueber die zwölfte und die vierzehnte Section trafst Du noch keine Bestimmung.“

„Wallah, Du hast Recht,“ erwiderte der Muslim. „Indeß bleibt die zwölfte Abtheilung in Masr (Kairo),“ fügte er bedeutsam hinzu.

„Wird die schwüle Witterung Fatma-Hanem nicht ungnädig stimmen?“ fragte der kleine Doctor mit boshaftem Lächeln; denn er wußte, daß die zwölfte Section aus der augenblicklichen Favoritin des Pascha und deren Dienerschaft bestand.

Der Pascha rückte seinen rothen Tarbusch etwas zur Seite, eine Bewegung, die ihm eigen war, kraute sich ein wenig und zupfte dann an seinem schwarzen, dünnen Vollbarte.

„Fatma-Hanem ist eine nervöse Dame,“ fuhr der Arzt fort. „Der Chamsin ...“

„Du hast nicht so Unrecht,“ fiel ihm der Pascha in die Rede. „Die Schöne würde es mich entgelten lassen, wenn sie im Stadtpalais verweilen müßte. Was sagst Du zu einer Villa in der Schubra-Allee?“

„Die Villa müßte abseits vom staubigen Wege liegen.“

„Natürlich! Nicht allzu weit, damit ich jeden Tag hinausfahren kann. Sage dem Haushofmeister, daß er noch heute ein solches Haus auftreiben muß.“

„Wenn aber keines zu verkaufen wäre? ...“

„Das ist nicht denkbar. Jeder wird sich glücklich fühlen, mir seine Villa abzutreten. Aus Furcht vor uns Großen und um Geld thun die Aegypter Alles. Das wäre also abgemacht. Was die vierzehnte Section meines Harems betrifft, so bestimme ich derselben mein Schloß in Alexandrien zum Aufenthalt. Die Seeluft wird meiner Gemahlin wohlthun. Wie?“ Und ohne auf eine Erwiderung zu warten, fuhr er fort: „Lebe wohl! al allah!“

Damit schritt er nach der in den Harem führenden Thür.

„Noch ein Wort, Pascha! In der vierzehnten Abtheilung befindet sich eine Kranke: Mebruhki, die Lieblingssclavin Deiner Gemahlin. Das Mädchen kann nicht nach Alexandrien transportirt werden – es muß hier bleiben.“

„Wo denkst Du hin! Ich sollte eine einzelne Sclavin hier behalten? Das geht ja nicht.“

„Allerdings! Mebruhki könnte ja bei Fat ...“

„Doctor, Du bist von Sinnen. Fatma-Hanem ist in hohem Grade eifersüchtig. Schlüge ich ihr vor, Deinen Schützling bei sich aufzunehmen, so würde sie glauben, daß ich irgend einen Liebling von mir bei ihr einschmuggeln möchte. Das gäbe Auftritte. Allah bewahre mich davor!“

„Die Sclavin ist sehr schön,“ betonte der Arzt, welcher hoffte, daß sich der Pascha für die Kranke interessiren würde, wenn er erführe, daß sie schön sei.

„Desto schlimmer für sie,“ hieß es zurück. „Wenn sie noch unschön wäre, würde Fatma-Hanem sie vielleicht aufnehmen, aber eine schöne Sclavin! ... Kurz, kümmere Dich nicht weiter um die Sache! Ueberlasse das kranke Geschöpf dem Alexandriner Hausdoctor. Abd-Allah wird sie curiren, und wenn nicht, nun, so giebt es eine Sclavin weniger in meinem Harem.“

Er winkte mit der Hand, schlug die Portière der Haremsthür zurück und verschwand hinter derselben.

Acht Tage waren vergangen. Fatma-Hanem hatte eine luftige Villa in Schubra bezogen und der übrige Harem befand sich in Tantah und Alexandrien.

Der Pascha saß allein der Veranda seines Stadtpalais. Sämmtliche Beamte hatten die Kanzlei verlassen, und die Excellenz konnte sich nicht entfernen. Sie wartete auf einen Tschauwisch (Courier) des Khedive, der seinem Minister ein wichtiges Schreiben zu senden versprochen hatte.

Wartet ein Orientale auf Etwas, so läßt er sich auf einen Divan nieder, zieht einen seiner Stiefel aus – wenn er welche an hat – streichelt seinen Fuß und raucht oder trinkt schwarzen Kaffee dazu. Dies that auch unser Pascha. Sein Gesicht hatte indeß nicht jenen halb elegischen, halb schläfrigen Ausdruck, der sich bei dem Orientalen einzustellen pflegt, sobald er „Rauch und Mokka zu schlürfen“ beginnt. Mürrisch sah der große Herr vor sich hin. Die Beschäftigung des heutigen Tages mochte schuld an seiner üblen Laune sein. Hatte er doch stundenlang nichts gethan, als sein Siegel unter gewisse lange weiße Papierstreifen gedrückt. Lauter Rechnungen waren es gewesen. Und was für Rechnungen! Dreihundert Beutel (zu je 106 Mark) für Schuhe, achtzig Beutel für Zöpfe und Chignons, fünfzig für Strümpfe und Strumpfbänder, vierzig für Stecknadeln etc.

Der Pascha seufzte. Er mochte an die guten alten Zeiten denken, als die muslimischen Weiber noch keine falschen Haare trugen, als die Gemahlinnen des Propheten von Quellwasser und frischen Datteln lebten und ihre Besitzthümer aus zwei Röcken einem Kohel-Apparat (zum Schwarzfärben der Augenbrauen) und zwei silbernen Armspangen bestanden. Und das waren Prophetenfrauen!

Da erschien Doctor O. in der Veranda. „Excellenz, Du mußt mir erlauben, nach Alexandrien zu reisen. Abd-Allah-Effendi telegraphirte –“ hier wies der Arzt auf das Papier in seiner Hand – „daß Mebruhki – das ist jene Sclavin von der ich neulich mit Dir sprach – im Sterben liege. Laß mich fort! Ich will versuchen, sie zu retten. Abd-Allah ist ein Quacksalber, wie Dir bekannt ist. Der Himmel weiß, was der ihr eingab, etwa Papierstreifen mit Koransprüchen beschrieben“ (eine in Aegypten sehr beliebte Medicin); „der Effendi hat eine besondere Vorliebe für derlei Heilmittel.“

„Wohl möglich,“ erwiderte der Pascha. „Du darfst indeß nicht abreisen, mußt hier bleiben. Fatma-Hanem hat Kopfschmerzen.“

„Pascha!“ rief entrüstet der Leibarzt. „Es handelt sich um ein Menschenleben.“

Der Orientale rückte seinen Tarbusch hin und her, sah eine kleine Weile sinnend in die Höhe und sagte alsdann:

„Weißt Du was – ich lasse Deinen Schützling nach Kairo zurückkommen. Hier kannst Du ihn meinetwegen pflegen.“

Der gute Doctor öffnete den Mund, um Etwas zu sagen, allein in demselben Augenblick stürzte ein sporenklirrender, säbelrasselnder Tschauwisch des Khedive in die Veranda, um dem Pascha das ungeduldig erwartete vicekönigliche Schreiben zu überbringen.

Der Minister nahm den Brief, führte ihn an Mund und Stirn, verabschiedete den fürstlichen Sendboten und stieg eilig in seinen Wagen, ohne von den Einwendungen und Fragen seines Leibarztes die geringste Notiz zu nehmen.

Auf seinem Wege nach der Schubra-Allee hielt der Pascha vor dem Telegraphenbureau und ließ durch seinen Secretär folgende Depesche aufgeben:

„Sclavin Mebruhki noch heute per Extrazug nach Kairo expediren.“

Niemand fiel es auch nur im Traume ein, dem Befehl des Pascha nicht Folge zu leisten. Noch in derselben Nacht langte die Todtkranke in Kairo an.

Als der Arzt, der am andern Morgen in aller Eile zu dem Pascha gerufen wurde, in dessen Zimmer trat, fand er denselben in fieberhafter Aufregung. Der sonst so gelassene Mann ging im Sturmschritt auf und nieder.

„Wallah!“ rief der Erregte dem Eintretenden zu. „Sie ist schön, unglaublich schön! Warum sagtest Du mir niemals, daß mein Harem ein solches Kleinod berge? Sie ist wahrlich eine Mebruhki (Gesegnete) – gesegnet von Allah und dessen Propheten.“

„Mebruhki!“ rief erschrocken der Doctor.

„Ja, Mebruhki ist in Kairo, in jenem Zimmer dort.“

„In Deinen Privatgemächern Pascha?“

„'Oft wird Liebe durch einen einzigen Blick in's Leben gerufen!'“[2] entgegnete der Orientale mit glühenden Augen. „Ein wahres Wort!“

Noch wahrer ist dieses: „'Er verscheuchte sein Vöglein und lief ihm alsdann nach.'“[2]

„Auch das ist wahr – doch jetzt gehe hinein und heile sie!“

Der Doctor mußte über diesen Befehl unwillkürlich lächeln, um sofort im ernsten Tone zu sagen:

„Mebruhki's Zustand muß sich in Folge der Reise verschlimmert ...“

[69]
Die Gartenlaube (1880) b 069.jpg

Zeitgemäßes Hinderniß.
Nach seinem Gemälde auf Holz übertragen von L. Bechstein.

[70]

„Schweige!“ unterbrach ihn der Pascha mit zorniger Geberde. „Sie muß genesen – hörst Du? Beanspruche ein Vermögen, aber heile sie! Mebruhki muß leben. Weh Dir, wenn Du noch einmal sagst, daß ihr Zustand ein bedenklicher sei! Jetzt eile zu ihr!“ –

Anfangs hatte es den Anschein, als wolle die Natur dem Befehl des mächtigen Mannes Folge leisten. Man weiß nicht, ob es der Luftwechsel oder Doctor O.'s Behandlung war, was das Zehrfieber des schönen Geschöpfes plötzlich hemmte, kurz, Mebruhki schien überraschend schnell zu genesen.

Hundertmal am Tage eilte der Pascha an das Lager der liebreizenden Kranken, um nachzusehen, wie es ihr ergehe, sie auf's Zärtlichste zu fragen, ob sie nichts wünsche, und immer brachte er Mebruhki ein Geschenk mit, entweder seltene Blumen, köstliche Früchte, auch werthvolle Toilettegegenstände, funkelndes Geschmeide, Pariser Spielzeug, Geschenke, welche die Sclavin nicht wenig zu erfreuen schienen. Ein Lächeln ihres Rosenmundes, ein Aufleuchten in ihren dunkeln Augen erfüllte den verliebten Mann mit Seligkeit.

Die Kunde von der so plötzlich aufgekeimten Leidenschaft des Pascha verursachte im Harem keinen geringen Schrecken, der zunahm, je mehr die Krankheit der neuen Favoritin, die eine zweite legitime Gemahlin zu werden drohte, abzunehmen schien.

Als die Damen das Palais in Kairo auf's Neue bezogen hatten und selbst dann Alles beim Alten blieb, als der Pascha sämmtliche Frauen seines Harems einschließlich der Gemahlin ignorirte und jeden freien Augenblick am Lager der „rothhaarigen Kranken“, wie der Harem Mebruhki nannte, zubrachte, da geriethen die Zurückgesetzten, Vergessenen in eine Wuth, die das Schlimmste für die schöne Sclavin befürchten ließ.

Der Leibarzt, den die Damen wegen Mebruhki's halb zu Tode quälten sagte dem Pascha, es sei gefährlich, die Aufregung, welche zur Zeit im Harem herrsche, zunehmen zu lassen.

Hierauf erwiderte der Orientale mit vollendeter Ruhe:

„,Wenn mir der Mond leuchtet, kümmere ich mich nicht um die Sterne.'[2] Sage meiner Gemahlin, ,daß die Eifersucht der Schlüssel zur Scheidung ist.'[2] Die Uebrigen aber sollen es nicht wagen, Mebruhki ein Haar zu krümmen sonst erfahren sie, was ein Löwe zu thun vermag, wenn man ihn reizt. Das sage ihnen, Doctor!“

Doctor O. richtete diese Botschaft nicht aus, sondern theilte den erzürnten Damen zu ihrer Freude mit, daß der Pascha gar bald sein Krankenwärteramt niederlegen würde, da die Verhaßte in Bälde sterben müsse. In Folge dessen legte sich der Sturm, der sich im Harem erhoben. Dem Pascha selbst suchte der Arzt schonend beizubringen, daß ein Rückfall in den alten Zustand zu gewärtigen sei und dieser Rückfall Mebruhki lebensgefährlich werden könnte. Der Pascha lächelte bei dieser Eröffnung und meinte zum ersten Male, daß sein Leibarzt verzweifelt wenig verstehe. Und der Rückfall blieb nicht aus. Indeß bemerkte ihn der Verblendete nicht.

An einem wunderschönen Abend saß er am Rande des Divans, auf welchem die geliebte, in ein duftiges weißes Gewand gehüllte Sclavin ausgestreckt lag. Der Pascha hatte seinem Lieblinge ein goldenes Ei mitgebracht, das lauter Perlen und Rubinen enthielt. Diese schüttete Mebruhki langsam von einer Hand in die andere, während ihre großen glänzenden schwarzen Augen auf den Mann an ihrer Seite gerichtet waren, der zum ersten Male von Liebe sprach und köstliche Luftschlösser für die Zukunft baute.

Auf den rings um die Wände laufenden Divans, welche mit dem zeltartigen, schleierbehangenen Bette die Ausstattung des mit dunkelbraunem Holz getäfelten und von goldenen und blauen Arabesken überwölbten Gemachs bildete, auf diesem Divan aus taubengrauem Atlas, dessen eine Ecke der Pascha und die Sclavin einnahmen, lagen in malerischer Unordnung die Geschenke umhergestreut, mit welchen der Crösus seinen kranken Liebling überschüttet hatte, bunt schillernde Seidengewänder, milchweiße Gewebe aus Brussa, werthvolle Spitzen, blitzendes Edelsteingeschmeide, Goldschmuck, Diademe und Halsbänder von Brillanten, Handspiegel in kostbaren Rahmen, farbige Blumenkronen, Puppen, Bonbonniéren in den verschiedensten Formen und allerlei Tand.

Durch die weitgeöffneten Fenster drang die weiche, wohlige Abendluft, getränkt mit den Düften des blühenden Rosengartens, drangen die Strahlen der sinkenden Sonne, die schöne Sclavin mit rosig-goldenem Schimmer umwebend. Draußen säuselte der Wind in den leise sich wiegenden Zweigen der mit purpurnem Licht umflossenen Palmen; innen war es still, ganz still geworden. Beide schwiegen. Er war über Mebruhki gebeugt, seine Augen senkten sich in ihre feuchtschimmernden „schwarzen Diamanten“.

Mebruhki erhob nach langem Stillschweigen das Haupt, um mit matter Stimme die letzten Worte zu wiederholen, die er ausgesprochen hatte: „Wenn Du mich gesehen hättest, würdest Du mich früher geliebt haben? Sprachst Du wahr?“

Edelsteine und Perlen glitten von dem Schooße der sich Aufrichtenden und fielen leise klirrend auf den marmornen Boden.

„Ich sprach die Wahrheit, Mebruhki!“

„O, hättest Du mich früher gesehen!“ hauchte sie, indem eine tödliche Blässe ihr Antlitz bedeckte, und sank auf das Kissen zurück. Mit lautem Schmerzensschrei warf sich der Pascha auf die Gestalt der Ohnmächtigen.

Der Doctor, welcher bis jetzt stumm in einem Winkel des Zimmers gesessen hatte, erhob sich, trat sanft zu der Gruppe und faßte die Hand Mebruhki's ... es war die Hand einer Todten.

„Todt! todt!“ stöhnte der Minister.

Wenige Minuten später saß der Pascha in einem eleganten Wagen neben seinem Fürsten. Der Khedive hatte ihn abgeholt, um mit ihm spazieren zu fahren. Solche Wünsche sind Befehle.

Der Wagen jagte durch das neue Stadtviertel Ismailia, über die Brücke des Nil, die Ghezireh-Allee hinauf und hielt vor dem viceköniglichen Schloß. Ein Officier trat herzu und legte die Hand auf die Schulter des Ministers.

„Im Namen des Gesetzes sind Sie verhaftet,“ sagte er.

Der Khedive, von seiner bekannten Geldnoth gedrängt, hatte mit echt orientalischer Rücksichtslosigkeit beschlossen, sich der Reichthümer seines Finanzministers und Jugendfreundes zu bemächtigen und ihn selbst aus dem Wege zu schaffen. Damit Ismail-Pascha Saddik keinen Argwohn schöpfen und entfliehen möchte, behandelte ihn der heimtückische Fürst bis zum letzten Augenblick, da er ihn den Schergen überlieferte, mit wärmster Freundlichkeit. Darnach ließ er ihn unverzüglich nach Oberägypten schaffen, ohne ihm zu gestatten, daß er von seinen Frauen und Kindern Abschied nehme, und als während der Nilreise der Geächtete plötzlich starb, argwohnten Viele eine Vergiftung.

Jetzt hat auch ihn, den heimtückischen Khedive, die Nemesis ereilt.




Von unseren Landsleuten in Rio Grande do Sul.

Wer die Wasserwüste des Atlantischen Oceans durchschifft hat und endlich in das große Binnenmeer der brasilianischen Provinz Rio Grande do Sul, die Lagôa dos Patos (das heißt Entensee), eingelaufen ist, der fühlt sich zunächst von dem Lande seiner Sehnsucht, Brasilien, das ihm in der Heimath als schön und paradiesisch geschildert wurde, bitter enttäuscht; die Ufer tragen kein freundliches Grün, sondern flach und kahl liegen sie da. Sand und immer wieder Sand – soweit das Auge reicht – ein öder trauriger Anblick!

Kaum aber hat man das nördliche Ende dieses salzigen Binnenmeeres erreicht, so verändert sich die Scenerie: bewaldete Felsenkuppen ragen steil aus dem Wasser empor, und oben wiegt sich die Königin des Südens, die Palme, im Morgenwind, als wollte sie den Fremdling an diesem Gestade willkommen heißen.

Man fühlt, daß man hier in eine neue, fremde Welt eintritt. Das Dampfschiff nähert sich immer mehr und mehr dem waldigen Gestade, und endlich unterscheidet man die einzelnen Bäume, welche durch schlanke Lianen mit einander verbunden sind und auf ihren Zweigen eine üppige Vegetation blühender Orchideen tragen. Tukane mit weit schimmerndem Gefieder und Papageien mancherlei Art fliegen erschreckt und lärmend davon, selbst das Kapuzineräffchen in den Zweigen scheint sich zu fürchten und versteckt sich im dichteren Grün.

Der bewaldete Berg ist bald umschifft. An seiner äußersten Spitze ragt der Leuchtturm von Itapuam; der Thürmer steht oben und grüßt mit der Flagge des Landes, und an der Bewegung des Schiffes fühlt man, daß der Kiel ein ruhigeres Gewässer durchschneidet, als da draußen auf der Lagôa dos Patos. Man befindet sich hier in dem Becken des [71] Guahyba, dessen Gewässer aus der Vereinigung des Jacuhy, Taquary, Cahy, Gravatahy und Rio dos Sinos gebildet werden und einem großen, von romantischen Ufern eingefaßten Landsee gleichen.

In der Ferne nach Norden und Osten zu sieht man die bewaldete Serra Geral, in deren Thälern die blühenden deutschen Colonien liegen. Vor fünfzig Jahren erdröhnten dort die Axtschläge der ersten deutschen Einwanderer, welche unter Mühen und Entbehrungen aller Art und umgeben von den Schrecken der Wildniß sich dort ein neues Heim gründen wollten und sich in ihrem Streben nicht entmuthigen ließen, das Höchste, was einem fleißigen Arbeiter beschieden sein kann, zu erreichen, nämlich als freie Männer auf freiem Grund und Boden zu leben. Heute umschließt der Gürtel der deutschen Ansiedelungen fast alle Thäler und Abhänge jenes fruchtbaren Gebirges, das die ganze große Provinz von Osten nach Westen durchschneidet. Die Wildniß, welche sie einst bedeckte, hat sich unter der rastlosen Arbeit unserer Landsleute in fruchtbare Saatenfelder umgewandelt; die elenden Hütten der ersten Ansiedler sind lange schon schönen freundlichen Häusern gewichen; Kirchen und Schulen, wie wir sie häufig nicht einmal in den größeren Dörfern unserer Heimath gleich stattlich zu sehen gewohnt sind, sind dort entstanden, und zwar ohne daß man die Hülfe der Regierung dabei in Anspruch genommen hätte, und die Nachkommen Derer, welche mit der Wucht ihres Armes vor fünfzig Jahren die Wildniß zuerst durchbrachen, diese schönen blonden Reckengestalten, welche in Sprache und Sitten durchaus deutsch geblieben sind, sie wissen das Werk der Väter zu erhalten und weiter zu fördern.

Wer es nicht weiß, was unser Volk aus eigener Kraft zu leisten vermag, dort kann er es lernen. Nicht allein reiche und schöne Ansiedelungen haben die, welche einst arm und elend den heimathlichen Strand verließen, aus der Wildniß hervorzuzaubern vermocht, sondern ganze Städte sind unter ihren fleißigen Händen entstanden, und ihr Einfluß ist selbst in den Ortschaften von vorwiegend brasilianischer Bevölkerung, ja selbst der Provinzialhauptstadt, unverkennbar, obgleich dort nur etwa 1500 Deutsche und Abkömmlinge von Deutschen leben. Ihnen gehören die stattlichsten Magazine, Läden und Wohnhäuser; im Großhandel und im Gewerbe nehmen sie die erste Stelle ein, und auch in geistiger Beziehung entwickeln sie eine beachtenswerte Rührigkeit, wovon das Erscheinen der dortigen deutschen Zeitung, des Volkskalenders für Rio Grande do Sul, verschiedener Lehrbücher und zahlreicher gelegentlicher Publicationen Zeugniß ablegt.

Porto Alegre, zu deutsch: heiterer Hafen, nennt sich diese Provinzialhauptstadt, und wahrlich, sie trägt ihren Namen mit Recht. Wenn man die Gewässer des Guahyba durchschifft und reichen Genuß in den Fernsichten findet, die sich nach allen Richtungen hin vom Bord des Schiffes aus den Blicken des Reisenden darbieten, so kann man doch den Ausdruck der höchsten Bewunderung nicht unterdrücken, wenn endlich die Stadt des heiteren Hafens am Horizonte auftaucht – die Königin des Guahyba, wie sie der liederreiche Mund der Rio Grandenser Poeten zu nennen pflegt. Amphitheatralisch aufgebaut zieht sie sich am Ufer des Guahyba entlang; auf ihren höchsten Punkten liegen die stattlichen Regierungsgebäude, die Kathedrale, das Theater und die Municipalkammer; auf einem Felsenvorsprung, rings von den Fluthen des Guahyba umrauscht, erhebt sich das Gefängniß, auch ein stattlicher Bau, und weiter hinaus an einer Bucht sieht man das freundliche Kloster St. Tereza, die Ortschaft Menino Deos und eine Menge schmucker Landhäuser inmitten schattiger Gärten. Der Hafen ist von zahlreichen Schiffen und kleineren Fahrzeugen belebt, und die mit Urwald bedeckten Inseln, welche der Stadt gegenüber liegen, in der Ferne überragt von den romantischen Gebirgszügen der Serra Geral, verleihen dem Ganzen in der That einen überaus heiteren Charakter.

Ja schön und lieblich ist Porto Alegre zu jeder Zeit, aber niemals hat diese Stadt wohl in solchem Festesglanze gestrahlt, niemals eine so frohbewegte und festlich gestimmte Bevölkerung gesehen, wie am 14. September des Jahres 1878. Palmen und Guirlanden zogen sich vom Ausschiffungsplatze die Straße entlang, welche in die oberen Theile der Stadt führt; in Flaggen- und Blumenschmuck prangten die Häuser, und an den Ehrenpforten versammelte sich eine festlich gekleidete Menge.

Wir haben die Deutschen von Porto Alegre in ihrer treuen Anhänglichkeit an ihr Vaterland oft genug nationale Feste, besonders aber die Wiedererstehung des Reiches, durch prunkvolle Umzüge feiern sehen, aber die eingeborene Bevölkerung verhielt sich dabei ganz passiv, zeigte sich sogar eher feindselig solchen Kundgebungen gegenüber. Dieses Mal aber hatten sich Brasilianer und Deutsche zu gemeinsamem Festzuge vereinigt – einem verdienstvollen Bürger des Landes und der Stadt zu Ehren, der bis vor Kurzem den hohen Rang eines Finanzministers bekleidete und freiwillig davon zurückgetreten war, um seinen früheren Platz auf den Bänken der Opposition im brasilianischen Parlament wieder einzunehmen; der Gefeierte war der Exminister Silveira Martins, der Volkstribun von Rio Grande do Sul.

Es ist wohl das erste Mal, daß einem brasilianischen Bürger von Einheimischen und Fremden zugleich, besonders von Deutschen, so königliche Ehren erzeigt worden sind, aber er hat sie verdient, der wackere Streiter für die politische Gleichstellung seiner protestantischen Mitbürger.

Großes und Werthvolles haben die Deutschen für Brasilien geleistet, aber dennoch hat es die Regierung des Kaiserreichs bisher nicht für nöthig gehalten, dem protestantischem Theile derselben – und er ist der bei weitem zahlreichste – dieselben Rechte zu geben, wie sie jeder brasilianische Bürger besitzt, während man ihnen doch dieselben Pflichten wie jenen auferlegt. Sie und ihre in Brasilien geborenen Kinder, die dem Gesetz zufolge als brasilianische Bürger betrachtet werden, sind vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen, und ihre confessionellen Angelegenheiten sind also vollständig in die Hände der Katholiken gelegt.

Dank der Toleranz der Brasilianer, hat in Brasilien niemals eine Verfolgung der Protestanten stattgefunden, wie in anderen katholischen Ländern, wenn man ihnen auch verbot, ihre Kirchen mit Thürmen zu schmücken, und bis zum Jahre 1864 sogar ihren Ehen die staatliche Anerkennung versagte, aber ist es nicht schlimm genug, wenn heutigen Tages noch einem Bürger das Recht der Wählbarkeit vorenthalten wird, nur weil er seinem Gott in anderer Weise dient als sein katholischer Mitbürger?

Vergebens hat die preußische Regierung durch ihre bekannten Auswanderungsverbote auf Brasilien einen Druck auszuüben versucht; vergebens ist sie, unterstützt von der deutschen Presse, hüben und drüben für die Gleichberechtigung der Confessionen und ihre staatlichen Rechte eingetreten; vergebens wurde die Regierung mit Petitionen der protestantischen Bürger bestürmt, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – da, im November 1878, schien es, als wollte die Regierung einlenken.

Ein liberales Ministerium war an das Ruder gelangt, darunter auch der frühere Oppositionsmann Silveira Martins, der sich oft genug in seiner heimathlichen Provinz für die politische Gleichberechtigung der Protestanten ausgesprochen hatte. Jetzt hatte er Gelegenheit, dieser Anschauung Geltung zu verschaffen, denn die Berathungen über den geplanten Uebergang von der indirecten zu der directen Wahlverfassung mußten nothwendiger Weise diesen Punkt berühren.

Hoffnungsvoll harrten die Bürger deutscher Abkunft, aus dem Munde ihres Kaisers, für den sie oft genug ihr Leben in die Schanze geschlagen, das langersehnte Wort der Gerechtigkeit zu vernehmen, welches dem von ihnen erduldeten Unrecht ein Ende machen sollte. Sie hatten ja auch alle Ursache, auf ihn zu hoffen, wurde er doch von der ganzen Welt, und nicht zum Mindesten von der Presse des deutschen Stammlandes, während seines Verweilens auf dem europäischen Continent als ein weiser, gütiger und überaus liberaler Fürst gepriesen, dem allein die Befreiung der Sclaven und überhaupt alle Fortschritte seines Landes zu danken seien.

Irrthum! In dem Ministerrath, welcher sich unter persönlichem Vorsitze des Kaisers mit dieser wichtigen Frage beschäftigte, wurde zu Ungunsten der Protestanten entschieden; nur Silveira Martins trat freimüthig für das verletzte Recht in die Schranken und sagte: „Ich will nicht, daß meine protestantischen Landsleute deutscher Abkunft zurückstehen in ihren politischen Rechten vor den Kindern von Sclaven.“ Was half es? Der Kaiser widersetzte sich der Idee; der Rest des sogenannten liberalen Ministeriums beugte sich dem kaiserlichen Willen, und eine servile Majorität der Kammern, die mit allerlei in anderen parlamentarischen Staaten nicht üblichen Hülfsmitteln geschaffen wurde, brachte die ganze Reform zu Fall.

Das war ein harter Schlag für die Protestanten, aber auch für Silveira Martins, der nun als ehrlicher Mann es vorzog, seiner Machtstellung, für die er ja durch seine außerordentlichen Talente so sehr befähigt war, zu entsagen und den Kampf inmitten der Oppositionsmänner fortzuführen, um, wie er sich ausdrückte, die liberale Idee nicht zu verrathen.

Ein Wort des Kaisers hätte genügt, die Frage zu Gunsten der Protestanten zu erledigen; er würde sich damit im Herzen dieser seiner Unterthanen einen Altar der Liebe und Hingebung errichtet und damit zugleich den freien Strom einer intelligenten Einwanderung, ohne welche für Brasilien ja kein Fortschritt möglich ist, in sein schönes Reich gelenkt haben, aber dieses Wort wurde leider nicht gesprochen.

Was Wunder also, daß man mit bitterem Groll gegen die Krone erfüllt wurde und, um aller Welt zu zeigen, wie hoch das deutsche Volk Freiheit und Recht veranschlägt, dem Manne, der seinen hohen Rang dafür geopfert, königliche Ehren bereitete?

Als Silveira Martins am 14. September in die Hauptstadt seiner heimathlichen Provinz zurückkehrte, strömten ihm Tausende und Abertausende von Deutschen, die ihm als Söhne eines fremden Stammes sonst nicht nahe standen, entgegen, blondlockige Mädchen in weißen Kleidern streuten ihm Blumen auf den Weg und Jung und Alt gab ihm jauchzend das Geleit nach seiner Wohnung. An den Ehrenpforten vernahm er aus dem Munde deutscher Jungfrauen, wie hoch seine Landsleute deutscher Abkunft das von ihm gebrachte Opfer zu schätzen wissen und wie die gesammte deutsche Bevölkerung sich ihm zu ewigem Danke verpflichtet fühlt. Das aber gab diesem Willkommenfeste die höchste Weihe, daß selbst die katholischen Deutschen sich den Reihen ihrer protestantischen Brüder angeschlossen hatten; die Kränkung der Einen war auch von den Anderen empfunden worden, und es zeigte sich wieder glänzend, daß trotz aller Aufhetzungen des jesuitischen Clerus das deutsche Gerechtigkeitsgefühl im entscheidenden Augenblicke die Männer beider Confessionen nicht von einander trennen läßt.

Die Wirkung dieses Festzuges soll eine hinreißende gewesen sein, um so mehr, als auch die Brasilianer, in festem Bunde mit ihren deutschen Mitbürgern, dem Rio Grandenser Volkstribunen, dem edelsten Sohne ihrer schönen Provinz, ihre Liebe und Hingebung bezeigten.

Ein brillanter Fackelzug, wie er in Porto Alegre noch nie gesehen worden, beschloß die Ovation. Glühende Reden wurden gehalten, und Silveira Martins war durch den ihm bereiteten Empfang so gerührt, daß er kaum Worte des Dankes finden konnte. Was er aber endlich zu der festlich versammelten Menge vor seinem Hause sprach, das war das Wort eines Mannes, der fest entschlossen ist, seine ganze Kraft – und sie ist eine eminente – dafür einzusetzen, den Kampf für die politische Gleichstellung der Protestanten, den er so ruhmreich begonnen, zum glücklichen Ende zu führen.

Er ließ bei dieser Gelegenheit unter dem Rückblick auf die Zeit der Reformation dem deutschen Geiste und der deutschen Civilisation glänzende Gerechtigkeit widerfahren, ermahnte aber auch zugleich die Deutschen, den Weg der Selbsthülfe zu betreten, sich mehr, als bisher, am politischen Leben der Nation zu betheiligen, ihre Kinder auf die Hochschulen des Reiches zu senden und für den Staatsdienst und das Parlament vorzubereiten.

Möchte diese Mahnung von unseren Landsleuten beherzigt werden, denn so lange sie nicht selbst Hand anlegen an den politischen Ausbau ihres schönen Adoptivvaterlandes, so lange ihre in Brasilien geborenen Kinder weiter nichts als Wahlinstrumente in der Hand ihrer Mitbürger

[72] lusitanischer Abkunft sind, können sie keine ihrer altgermanischen Tüchtigkeit entsprechende Stellung in Brasilien einnehmen. Von außen kann die Hülfe nicht kommen. Eine Gefahr des Verlustes ihrer germanischen Eigenart, ein Aufgehen im fremden Elemente, wie es unter den Deutschen in anglosächsischen Ländern zu Tage tritt, ist bei der großen Verschiedenheit des lusitanischen und germanischen Volkscharakters nicht zu befürchten, im Gegentheil, die Deutschen werden – wie Silveira Martins dies auch in einer seiner Reden in Porto Alegre deutlich aussprach – befruchtend auf das Geistesleben des jetzt in Brasilien herrschenden Elementes einwirken und demselben im Kampfe um die höchsten Güter der Menschheit voranschreiten, und auf diesem Wege werden sie der Liebe und der Sympathien ihres deutschen Stammlandes stets theilhaftig sein.

Obgleich sich die deutschen Colonisten oben im Gebirge in großen Schaaren auf den Weg gemacht hatten, um Silveira Martins in Porto Alegre ihre Huldigungen darzubringen, waren doch mehrere von Deutschen bewohnte Städte und Ortschaften nicht vertreten – sie wollten den großen Bürger in ihren eigenen Mauern empfangen und hatten zu diesem Zwecke gleich Porto Alegre ein glänzendes Festgewand angethan.

So gestaltete sich die Reise des Volkstribunen zu einem wahren Triumphzuge, den natürlich die nativistische und jesuitische Presse auf alle Weise lächerlich und sogar verdächtig zu machen sucht, der aber für die Zukunft der Deutschen in Südbrasilien von hoher Bedeutung werden wird, denn er hat den brasilianischen Staatsmännern gezeigt, daß es durchaus nicht in der Absicht der Deutschen und Deutsch-Brasilianer liegt, einen Staat im Staate bilden zu wollen und dadurch die allgemeine Ordnung zu gefährden, sondern daß sie sich voll und ganz an ihr schönes Vaterland anschließen werden, sobald man ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren läßt.

Alfred Waeldler.




Blätter und Blüthen.


„Halt!“ (Mit Abbildung S. 69.) Wann wird dieser Commandoruf der vorwärtsstrebenden Zeit auch da erschallen, wo es am nöthigsten ist? Wie viele Jahre kämpfen schon die erleuchteten Männer, denen das wahre Wohl des Volkes am Herzen liegt, gegen Erbschaften der Vergangenheit, die in unseren Tagen kein Existenzrecht mehr haben! Es ist durch das öffentliche Wort in der Presse wie in Versammlungen mit Zahlen dargethan, wie viel dem Volkswohlstand durch die übermäßig vielen Feiertage geschadet wird, wie die Landwirthschaft darunter leidet, wie der kleine Handwerker dadurch zurückkommt. Man hat Vergleiche angestellt zwischen Landstrichen mit diesem Hemmschuh der Boden- und Lebenscultur, und solchen ohne denselben; der Erfolg hat mit deutlichen Zahlen gesprochen. Man hat sogar auf der einen Seite vorherrschend Reinlichkeit, Ordnung und Wohlstand und auf der andern das Gegentheil gefunden, namentlich wo, wie in manchen stark confessionell gemischten Bevölkerungen, das Nebeneinander solcher verschiedener Orte den Vergleich erleichterte. Mit nicht geringerem Eifer sind die Gefahren und offenbaren Nachtheile der Wallfahrten, besonders der weiten und massenhaften, für Wohlstand und Sittlichkeit erörtert worden. Aber wohin sind alle diese Belehrungen und Ermahnungen geflogen? Das Uebel ist nicht geringer, ja hier und da sogar ärger geworden, je nachdem der Bildungsgrad, der Wille und der Einfluß der Geistlichkeit sich zu der Bewegung stellt, die man heutzutage „Culturkampf“ nennt.

Der Verfasser sah noch im vorigen Jahre eine solche Wallfahrt, an deren Spitze sechs Mädchen von zehn bis zwölf Jahren auf einem Stangengerüstchen eine buntgeputzte Marien-Statuette trugen. Sechs Stunden weit mußten die armen Kinder in Hitze und Staub ihre Last tragen, und warum? Die kleine Madonna macht alljährlich auf diese Weise die Reise zu der großen wunderthätigen Madonna eines Klosters, um von dieser die Kraft zu erlangen, nach ihrer Heimkehr ebenfalls die Wunder verrichten zu können, die der Gläubige von ihr mit Recht glaubt fordern zu können. Am andern Tage kehrten die Kinder vom langen Wege sichtlich sehr angegriffen, zurück mit ihrer Madonnen-Puppe, die ihre frische Wunderkraft doch vor Allem den sechs Mädchen hätte zu Gute kommen lassen sollen, aber davon war nichts zu spüren. Tiefe Trauer und Erbitterung regt sich im Herzen bei einem solchen Anblicke in unserer so furchtbar ernsten Zeit. Gegenwart und Mittelalter noch immer neben einander – ja, nicht selten Arm in Arm! Und doch muß dem Vorwärts der Zeit der Sieg werden – und nachdrücklicher, als es dem „Halt!“ auf unserem Bilde gelingt. Denn hat das Dampfroß „Chronos“ auch dieses Commando dem Stücke Mittelalter der Gegenwart, das vor der Schranke harrt, mit augenblicklichem Erfolge zugerufen – die Männer der Kutte wissen, daß „die Zeit“ vorübergeht und die Schranke wieder fällt – und der „Bittgang“ erreicht doch sein Ziel. Uns bleibt keine Genugthuung, als die, die fromme Gesellschaft zu mustern und die Ueberzeugung zu gewinnen, daß von allen unseren Lesern sich kein Einziger ihr anschließen wird.




Noch einmal die „Douglas-Tanne“. In unserer Nr. 1 dieses Jahrganges theilten wir Einiges über die Douglas-Tanne mit; es wird unsere Leser interessiren zu erfahren, daß von diesem Baume bereits eine beträchtliche Zahl von Exemplaren in Deutschland wächst.

Das älteste derselben steht in dem Garten des Herrn John Booth zu Klein-Flottbeck bei Altona und ist einen Meter über der Erde 54 Centimeter stark, bei einer Höhe von circa 22 Meter. Der Baum wurde 1831 als zweijähriger Sämling gepflanzt, ist also jetzt 50 Jahre alt. Ein ähnlich großes Exemplar steht zu Jägerhof bei Stralsund, kleinere, circa 15 Jahre alte Exemplare finden sich im botanischen Garten zu Marburg und in einem Privatgarten bei Schmiedeberg im Riesengebirge. Jüngere Bäume, jedoch untermischt mit einigen von gleichem Alter, gedeihen in größeren Pflanzungen zu Iserbrock bei Altona und zu Oslebshausen bei Bremen.

Herr John Booth ist der Erste gewesen, der mit besonderer Wärme die Douglas-Fichte, wie dieselbe richtiger genannt wird, für Deutschland als Forstbaum empfahl; ferner scheint man sich am Harz und im Riesengebirge lebhaft für die Cultur dieses Nadelholzes zu interessiren, denn der Corvettencapitain z. D. von Saint-Paul zu Fischbach, Kreis Hirschberg, ein als Adjutant des Prinzen Admiral Adalbert vielgereister und erfahrener Seemann, läßt seit mehreren Jahren den Samen dieses Baumes in Oregon und am Columbiastrom sammeln und importirt denselben bei uns.

Im vorigen Jahre z. B. wurden durch diesen Herrn über hundert Pfund Samen beschafft und im ganzen Lande an etwa die gleiche Zahl Forstbesitzer und andere Interessenten abgegeben. Viele Hunderttausende von jungen Douglas-Fichten harren, aus dieser Saat stammend, unter der schützenden Decke unseres heimathlichen Schnees der Frühjahrssonne, um sich zu neuem Wachsthum wecken zu lassen. Auch in diesem Jahre hat Herr von Saint-Paul, wie wir hören, wieder größere Quantitäten Samen, besonders für den Märkischen Forstverein, sammeln lassen, auf dessen Veranlassung ausgedehnte systematische Anbau-Versuche gemacht werden. Uebrigens ist der Samen nicht so theuer, wie wir neulich mittheilten, sondern kostet nur etwa vierzig Mark das Pfund; an den Märkischen Forstverein überläßt Herr von Saint-Paul den Samen sogar für siebenzig Mark das Kilogramm.

Wir können nur wünschen, daß bei dem lebhaften Interesse, welches jetzt überall der Aufforstung zugewendet wird, dieser raschwüchsige Nutzholzbaum reichlich Verwendung finde.




Für die „Friederiken-Ruhe“ in Sesenheim sind bisher eingegangen: A. Grün, Ertrag einer vor zwanzig Jahren gehaltenen Vorlesung, einschließlich der Zinsen, M. 846; von Möller, früherer Oberpräsident von Elsaß-Lothringen, M. 20; Buchhändler Groß in Heidelberg M. 4; E. M. M. 500; Regierungsrath Ernst in Straßburg M. 5; Regierungsrath Menzel in Colmar M. 5; Professor Dr. Goltz in Straßburg M. 10; Prof. Dr. Regel in Gotha M. 5; Freiherr Dr. v. Oberländer in Straßburg M. 3; Postrath Goldschmidt in Straßburg M. 3; Fräulein Goltz in Straßburg M. 1; Ministerialrath Dursy in Straßburg M. 20; Fr. Geßler in Lahr M. 10; Dr. Kröll in Straßburg M. 20; Banquier Schwarzmann in Straßburg M. 20; Bankdirector Stage in Straßburg M. 10; Kammerpräsident Petersen in Straßburg M. 10; Director Dr. Fischer in Straßburg M. 3; Dr. Henneberg in Gotha M. 5; Justizrath Harseim in Straßburg M. 10; Frau Frölich in Zweibrücken M. 5; Bankdirector Heller in Leipzig M. 5; Oberpostdirector Zschüschner in Straßburg M. 3; Geheimrath Simon in Königsberg M. 10; Frau Stadtrath Simon in Königsberg M. 10; Dr. jur. Simon in Königsberg M. 10; Frau Witte in Berlin M. 5; Franz Simon in Paris M. 16; Rosenberg in Paris M. 16; A. Kohn in Paris M. 1.80; Reichsgerichtspräsident Dr. Simson in Leipzig M. 10; Justizrath Buß in Niederbronn M. 3; Buchhändler Trübner in Straßburg M. 10; Oberlehrer Köhler in Straßburg M. 3; Oberlehrer Zimmermann in Straßburg M. 3; Oberlehrer Merz in Straßburg M. 3; Dr. Landgraf in Heidelberg M. 20; durch Major von Unger von dem literarischen Verein der XIV in Dresden M. 10; Familie Wedekind in Aslar M. 3; ein Goethe-Verehrer in Bonn M. 5; Ferd. Wittich in Darmstadt M. 10; durch Regierungsrath Menzel in Colmar von Lehrern und Schülern der Seminarien und Präparandenschulen M. 27.50; Dr. A. Martin in Berlin M. 2; Dr. E. Martin in Freiburg M. 1; durch Dr. K. Martin und Dr. Holtzmann aus Jena M. 20; Frau Bucherer in Freiburg M. 3; Dr. R. in Straßburg M. 3; Dr. Wagner in Berlin M. 2; Dr. Wegscheider in Berlin M. 1; Dr. Ewald in Berlin M. 1; Dr. Ries in Straßburg M. 3; Student Schlenther in Heidelberg M. 3; Student Benkiser in Heidelberg M. 2; Student Brom in Heidelberg M. 1; Student Ehrismann in Heidelberg M. 2; Student Jolly in Heidelberg M. 2; Student Lanz in Heidelberg M. 1; Dr. Leß in Heidelberg M. 2; Student Müller in Heidelberg M. 1; Student zu Putlitz in Heidelberg M. 1; Professor H. G. in Berlin M. 20; Professor W. Sch. in Berlin M. 20; Max Schnug in Straßburg M. 3; Fräulein Rausch in Straßburg M. 10; Th. W. (?) M. 5; Dr. Pfeiffer in Kassel M. 20; Schulrath Harms in Hamburg M. 20; Hauptmann Meinardus in Straßburg M. 15; Student Kemlein in Straßburg M. 1; Student Düfert in Straßburg M. 1; Notar Bär (?) M. 6; Pfarrer Lucius in Sesenheim M. 3; Oberlehrer Dr. Schädel in Straßburg M. 1. Summa: M. 1875.30.




Kleiner Briefkasten.

C. B. in H. Das „sonst“ in unserem Artikel soll Sie nicht beirren; Sie können die erwähnten Röhren noch heute von der Firma Geißler in Bonn (oder vielmehr „Dr. H. Geißler’s Nachfolger, Franz Müller“) beziehen. Zu den Crookes’schen Versuchen sind nicht gerade Diamanten und Rubinen nöthig; die erwähnte Firma wird Ihnen andere leuchtende Mineralien liefern können, welche weit weniger kostspielig sind.

Ch. D. in Gr.-B. Eine Abbildung der nun glücklich vollendeten Eisenbahn vom Fuß des Aschenkegels bis zum Krater des Vesuvs finden Sie in Nr. 32 des Jahrgangs 1874 der „Gartenlaube“.

Ein Abonnent in Sassendorf. Vor W. B. in B. warnen wir Sie.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Was unsere Rettungsstationen leisten, haben wir in dem vorstehenden Artikel gesehen; mit welchen Gefahren die Bewohner unserer Seeküsten zu kämpfen haben, machen die Illustrationen auch dem Laien klar; wie viel Angst und Schmerz die Angehörigen der Männer und Jünglinge zu ertragen haben, welche in den Rettungsböten ihr Leben für das Anderer wagen, das berechnet Niemand. Dagegen ist bei Heller und Pfennig zu berechnen, wie viel die durch die Rettungsanstalten selbst schon so schwer belasteten Uferlande auch noch an baarem Gelde zur Erhaltung derselben beitragen – und wie wenig das gesammte übrige Deutschland dazu hergiebt. Vor zwölf Jahren schon baten wir dringend um regere Betheiligung des Binnenlandes an einer der ehrenwerthesten Anstalten, die Deutschland besitzt und die auf die freiwillige Unterstützung der Nation angewiesen ist; wir baten um Bildung von „Bezirksvereinen“ in möglichst vielen deutschen Städten: seit dieser Zeit ist der alte Wunsch der Nation nach einer Flotte, nach Schutz unseres Handels auf den Meeren in Erfüllung gegangen, die so lange ersehnte Reichseinheit ist errungen – aber die Opferfähigkeit für die deutschen Rettungsstationen an unseren Küsten ist in der großen Zeit nicht ihr entsprechend gewachsen. Viele große und reiche Binnenlandstädte können sich noch heute keines „Bezirksvereins der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ rühmen, ja, es ist tiefbeschämend, neben der Zahl der deutschen Städte die verhältnißmäßig sehr kleine Ziffer der Bezirksvereine zu nennen. Dürfen wir hoffen, daß das Jahr 1880 auch in dieser Angelegenheit eine Besserung herbeiführe?
    D. Red.
  2. a b c d Arabische Sprüchwörter.