Die Gartenlaube (1897)/Heft 35

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1897
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Nr. 35.   1897.
Die Gartenlaube.
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Jahresabonnement: 7 M. Zu beziehen in Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf., auch in 28 Halbheften zu 25 Pf. oder in 14 Heften zu 50 Pf.

Einsam.
Roman von O. Verbeck.

(4. Fortsetzung)

11.

Zu Herrn Giesekes Beruhigung war die leidige Geschichte mit „Waseniussens“ aufs angenehmste erledigt worden. Ein Untermieter war da und noch dazu einer, der nur zahlte, nicht wohnte. Gelungen! Hätte man das gedacht, damals, als Herr Thomas im Auftrag der Damen gekommen war, um zu unterhandeln, daß sich dieser selbe Herr – Millionär ja wohl – nachher als Bräutigam des Fräuleins entpuppen würde, der die ganze Geschichte einfach übernahm und ihnen gleich eine schriftliche Bürgschaft auf den Tisch hinlegte? Auf diese Auskunft wäre doch niemand verfallen.

Zwar – Waseniussens Bertha hatte Giesekens Auguste erzählt, sie habe nicht begriffen, daß ihr Fräulein nicht längst gemerkt habe, daß Herr Thomas auf Freiersfüßen gegangen kam. Sie habe nur zu bald gewußt, wie der Hase laufe. „So ’ne Augen“ mache man nicht für nichts und wieder nichts. Na,

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Kunstkritiker.
Nach einem Gemälde von C. Grosch.

[582] nun sei ja alles schön und gut. In den ersten Tagen des Juli solle die Hochzeit sein. Herr Thomas habe es zwar furchtbar eilig und wolle so lange nicht warten. Aber die Frau habe gesagt. Nein, wegen Doktor Rettenbacher, der müsse erst in Ruhe umziehen, sie setzen ihn nicht vor die Thüre! Wenn auch Herr Thomas so was von „oller Schulmeister“ gebrummelt habe. Dem Herrn Doktor werde das übrigens noch eklig genug vorkommen, nun wieder bei ganz anderen Leuten! Er habe es doch sehr gut gehabt bei ihrer Frau. Sie für ihr Teil habe sich manchmal so ihre Gedanken gemacht. Wenn der Herr Doktor man ein bißchen flotter bei Gelde gewesen wäre – der und Fräulein Hannichen, das hätte doch ein zu nettes Paar abgegeben. Aber so war’s freilich viel besser. Und sie gehe auch mit, ganz besonders für die Aufwartung bei Frau Doktor, Fräulein habe es schon für sicher mit ihr ausgemacht. Und gestern sei sie in der Villa gewesen. Nein, diese Pracht! Nein, himmlisch! Vorn der Tiergarten und hinten ’raus ein mächtiger Park. Und Stuben! Säle! Der reine Zucker. Die Frau Doktor, die kriegte es gut. Parterre nach dem Garten zu ein Schlafzimmer und ein Salon. Und die große Terrasse gerade davor! Sie könnte reineweg aus dem Bett ’raus ins Freie. Und dann ein paar Stufen und im Park war sie. Mit dem schönen Krankenstuhl konnte man ganz gut, sachteken, die drei flachen Stufen ’runter kommen. Na, da würde sie aufleben! Sie gönnte es ihr. Gut war sie. Und Fräuleinchen auch. Und gleich am zweiten Tag nach der Verlobung war der Hausarzt von Herrn Thomas dagewesen und noch ein Doktor, ein Geheimrat. Die hatten eine großmächtige Untersuchung vorgenommen. Und Fräulein Hanna war ’rausgeschickt worden und hatte die ganze Zeit über in der Küche gesessen, kreideweiß im Gesicht und die Hände gefaltet, und immer auf die Thür gesehen, über den Vorplatz weg. Und wie die Herren ’rauskamen, aufgesprungen und hingestürzt! Und der Herr Sanitätsrat, was der Hausarzt war, hatte sie über den Kopf gestreichelt und etwas gesagt, aber sie, die Bertha, habe es nicht ordentlich verstehen können. Bloß, wie Fräulein dann so einen Ton ausgestoßen habe, so was wie Lachen und Weinen zusammen, und dem alten Herrn die Hand geküßt habe und dann zur Frau ’reingestürzt sei und vor sie hin auf die Kniee und sie umgefaßt und immer geschluchzt. „Siehst du, Mutter, siehst du wohl! O, wie glücklich bin ich!“ – daran habe sie gemerkt, daß es was Gutes gewesen sei mit dem Bescheid von der Untersuchung. Und nachher habe Fräulein auch zu ihr gesagt. Alles wird gut, Bertha. Gute Pflege, gute Luft, Ruhe, keine Sorgen. Alles wird gut!

Frau Giesecke klatschte natürlich nie mit ihren Leuten. Aber da sie gerade in die Küche gekommen war, als Waseniussens Bertha den Kopf zur Thür hereingesteckt hatte, und da sie gerade in der Speisekammer allerlei zu ordnen gehabt hatte und auf diese Weise den ganzen „Tratsch“ mit hatte anhören müssen, so trieb sie ihre Teilnahme für Fräulein Hanna, das Mädchen zu fragen, wie denn die Brautleute miteinander umgingen.

„O, sehr nett,“ gab die dumme Person zur Antwort. Herr Thomas sei rein weg vor Verliebtheit und Fräulein Hanna werde auch alle Tage vergnügter.

Frau Giesecke hatte doch lächeln müssen. Vergnügt! – Kunststück. – Wenn man so eine Partie mache. Die Sorte kenne man! Durchsichtige Sache. Und das mit dem verhungerten Lehrer – na ja. Was der Herr Doktor denn für ein Gesicht zu der Verlobung gemacht habe?

Gar keins. An dem Verlobungsabend sei er gerade nicht zu Hause gewesen und erstaunt habe er am anderen Tage auch nicht ausgesehen. Sie seien alle ganz so miteinander umgegangen wie gewöhnlich. Viel reden thäte der Doktor Rettenbacher ja überhaupt nicht.

Na ja, ihr könne es so recht sein, hatte Frau Giesecke gesagt, sie wolle ja nicht gleich das Schlimmste denken. Damit war sie aus der Küche und Bertha war ihrer Wege gegangen, ein bißchen verblüfft über den Floh, den ihr die lange, dünne Dame ins Ohr gesetzt hatte. Sie nahm sich vor, aufzupassen, und horchte und spähte von ihrer offenen Küchenthür aus nach Leibeskräften. Leider vergeblich! Aus der Stille in Rettenbachers Stube erlauschte sie nichts und aus den Gesprächen zwischen Mutter und Tochter, die sich immer um Hauseinrichtungen und solche Sachen drehten, war ebensowenig zu entnehmen. Auch Thomas, der mit wenigen Ausnahmen jetzt täglich erschien, manchmal nur auf einen Sprung, häufig zum Abendessen, gab ihr keinerlei Grund zu Besorgnissen. Es wurde wirklich alles gut.

Ja, so sah es aus.

Heinrich Günther wenigstens hätte darauf geschworen. Als er auf die Nachricht von der Verlobung, viel mehr überrascht als erfreut, „mit verhängtem Zügel“ angestürzt kam, fand er die beiden Frauen allein. Das war ihm gerade recht. Denn der Herr Thomas lief ihm nicht weg, und zuerst drängte es ihn, seinen lieben Singvogel ohne bräutigamliche Kontrolle zu sehen und zu sprechen.

„Nun sagen Sie ’mal, um alles in der Welt, Fräulein Hannichen – –“

Mit seinen glänzenden, lebhaften Braunaugen musterte er eindringlich das Mädchen, das ihm ein übers andere Mal befangen lächelnd zunickte.

„Es ist wahr, Güntherchen, es ist wirklich wahr.“

„Ich glaub’s ja,“ sagte er, „hab’ ja Ihre Anzeige gelesen. Aber – ich bin noch vollständig perplex, ich kann mich noch gar nicht in der Geschichte zurechtfinden. Ganz, aber ganz was anderes hatte ich mir im stillen auskalkuliert.

Möglichst ungeschickt – Diplomatie gehörte zu Güntherchens allerschwächsten Seiten – fuhr er dann noch heraus. „Was sagt denn Er dazu?“ mit einer Kopf- und Schulterbewegung zum Nebenzimmer.

Hanna war leicht zusammengefahren, unter einem verwunderten Stirnrunzeln verbarg sie, so gut es ging, ihren Schreck.

„Wieso ,sagt'?“ wiederholte sie gedehnt, fragend. „Er freut sich natürlich.“

„Na ja,“ gab er schnell zur Antwort, übers ganze Gesicht rot werdend, die regelmäßige Folge seiner Verlegenheit, wenn er einer dieser nicht mehr einzufangenden Uebereilungen nachschaute. „Das versteht sich ja. Ich meine nur – ach, Donnerwetter – was ich fragen wollte: ist es denn ein guter Mann, Ihr Thomas? Ich kenn’ ihn ja so gut wie gar nicht. Einmal auf der Treppe an ihm vorbeigerannt.“

An Hannas Lächeln, an der Art, wie sie einen Augenblick die Zähne auf die Unterlippe setzte, erkannte er seine neue „Klotzigkeit“ und verlor nun ganz die Fassung. „Seien Sie gut, Hannichen, ich weiß, ich weiß, ich rede heute Dummheiten, wenn ich den Mund aufthue – aber der Kopf ist mir eben von der Geschichte ganz verdreht. Und mir steht das Herz bis dahin vor lauter Sorge um Sie – na, Dingsda, Sorge wollte ich ja wieder nicht sagen! Also einerlei –“

„Lassen Sie’s gut sein, altes Güntherchen,“ sagte Hanna sanft, auf seine Hand klopfend, die die ihre noch immer festhielt. „Entschuldigen Sie sich nicht. Warum sollen meine Freunde denn nicht einmal Sorge um meine Zukunft haben dürfen? Das thut mir ja gut. Das ist ja lieb von Ihnen. Um so schöner, daß ich Sie so herrlich beruhigen kann. Setzen Sie sich vor allen Dingen da her zur Mutter! Sehen Sie die an! Würde die wohl so aussehen, wenn sie sich Sorge machen müßte?“

„Wahrhaftig,“ sagte Günther sehr erleichtert. „Guten Tag, Mamachen. Ich glaube, ich habe Sie vor lauter Aufregung noch gar nicht ordentlich begrüßt. Sie sehen in der That famos aus, ganz anders als neulich. Wenn Ihr Gesicht Hannichens Barometer ist, dann steht es wohl auf Schön Wetter. Wie mich das freut, wie mich das freut! Ich hatte mir – na also –“

„Na also“ – fiel Hanna schnell ein, im Niedersitzen sich ihren Sessel näher rückend, indem sie mit der Gebärde einer Mutter, die dem Kinde etwas recht Schönes erzählen will, die Hände im Schoß übereinander legte. „Also es ist wirklich ein guter Mann, mein Thomas. Mit seiner Hilfe werd’ ich mein Mutterchen wieder gesund kriegen. Denken Sie, die Aerzte haben mir die Versicherung gegeben, daß es sich nur um nervöse Störungen handelt, die bei ruhigem, bequemem, sorgelosem Leben ganz von selbst schwinden werden. Ordentliche Pflege braucht sie, gute, ärztlich geregelte Ernährung, viel Aufenthalt im Freien zum Herbst, wenn sie erst zur Reisefähigkeit herangepäppelt ist, vielleicht ein Aufenthalt irgendwo da unten, im Süden. Gott im Himmel“ – mit einem zitternden Auflachen, in dem Thränen [583] mitklangen – „am Ende lernt sie auch noch wieder gehen! Mein Einziges! Und da soll ich nicht froh sein. Nicht dankbar? Das alles ermöglicht er mir! Aus lauter Liebe! unglaublich, aber wahr! Er erzählt mir alle Tage auf’s neue diese wunderbare Geschichte von der Liebe auf den ersten Blick. Solche Dinge kommen doch eigentlich nur in den dummen Romanen vor. Aber es ist gewiß nicht nur diese thörichte Vernarrtheit. Er ist wirklich ein guter Mensch.

„Dafür leg’ ich meine beiden Hände ins Feuer,“ warf Frau Wasenius ein.

„Mein Mutterchen hat er ganz und gar gewonnen,“ sagte Hanna lächelnd. „Die schwört auf ihn. Muß ich da nicht auch? Ich sehe ja auch jeden Tag mehr ein, daß ich alle Ursache habe, glücklich zu sein.“

„Gott, mir fällt ein Centnerstein vom Herzen,“ rief Günther seelenfroh. „Sie dürfen mir’s nicht übelnehmen, Hannichen, daß ich so verblüfft in die Stube kam. Ihre Nachricht war so lakonisch, so ernsthaft: ,Lieber Günther, ich habe mich mit Herrn Thomas verlobt.' Punktum. Darüber konnt’ ich mich doch unmöglich gleich freuen. Aber nun bitt’ ich mir auch verschiedene Einzelheiten aus. Ad eins: Wann ist die Hochzeit?“

„Am dritten Juli.“

„So bald schon?“

„Das sollte Ludwig hören,“ sagte Frau Wasenius heiter. „Wenn es nach ihm ginge, dürften wir nicht einmal bis Pfingsten warten. Ich will aber Freund Rettenbacher erst sicher in seiner neuen Behausung wissen. Er zieht am ersten Juli in den zweiten Stock hinunter. Es trifft sich prächtig, daß die Leute gerade ein leeres Zimmer vermieten wollen. Nun nimmt er seine ganze Einrichtung von hier oben mit. Da nun Bertha mit uns geht, bliebe er bis dahin hier mutterseelenallein. Das will ich unter keinen Umständen. Natürlich ist er ohne Ahnung, daß um seinetwillen gewartet wird, darf es auch nicht wissen, sonst ginge er in seinem Stolz und seiner peinlichen Rücksichtnahme sofort bei Nacht und Nebel seiner Wege.

Günther öffnete schon den Mund. Zur rechten Zeit aber fiel ihm seine ungeschickte Frage von vorhin wieder ein und so schwieg er wohlweislich.

„Das war ad eins,“ sagte Hanna. „Was wollen Sie noch wissen?“

„Ja. Bei dieser aberwitzigen Fixigkeit – jetzt haben wir erstes Drittel Juni – wie wollen Sie da mit Aussteuer und all dem Kram fertig werden?“

„Gar nicht,“ antwortete Hanna errötend. „Das ist ein Punkt, über den wir nicht sofort einig waren. Ich habe nichts, lieber Günther, das heißt, ich bin ein ganz bettelarmes Mädel, kann mir keine Aussteuer kaufen. Thomas – Ludwig – nimmt mich, wie ich bin. Muß mich so nehmen. Er wollte mir die Ausstattung schenken, will sagen, ich sollte sie mir auf seine Kosten bestellen. Aber das wollte ich nicht. Das wäre mir wie eine Unwahrheit erschienen. Mit den paar Dingen, die ich habe, muß er mich heiraten. Erst von dem Augenblick an, wo ich seine Ehefrau bin, nehme ich solcherlei Geschenke von ihm an. Meiner Mutter darf er bringen, was ihn freut! Mir nichts als den Ring da zur Verlobung – sie zeigte ihn, mit seinen schimmernden Diamanten – und viele Blumen, und Naschwerk meinetwegen – was ja freilich ein ganz neues, komisches Vergnügen für mich ist.

Günther betrachtete sie zärtlich.

„Hat Rasse, unser Hannichen, hat Kern, gefällt mir. Ja sieht denn der Herr Thomas das ein?“

„Er muß wohl. Anders thu’ ich’s nicht. Er sagt, nachher würde er sich für die Entbehrung schadlos halten; das sollte ich sehen. Und mit einem verlegenen Lächeln fügte sie hinzu: „Ich werde nämlich eine gräßlich reiche Frau, Güntherchen.“

„Famos,“ rief er, „so muß es kommen. Ihnen gönn’ ich’s! Donnerwetter! Gehen Sie denn auch nachher noch mit so einem armen, ruppigen Musikanten um?“

„Schwerlich. Besonders, wenn er dumme Fragen stellt.“

„Gut, fein, Hannichen! Ich bin ja so vergnügt! Also schwer reich. Schönes Haus, was?“

„Herrlich. Sie sollten nur Mutters Zimmer sehen. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar dafür, wie hübsch er das alles für sie herrichtet! Ein schönes, großes Haus, ja. Eigentlich viel zu groß. Ich weiß auch noch gar nicht, wie ich mich mit den vielen Dienstboten zurechtfinden werde. Für so ein paar Leute. Eigentlich ein Unsinn.“

„Na, Sie werden’s schon machen. Ich glaube, dergleichen lernt sich leicht.“

„Sagen Sie das nicht! Zum Reichsein gehört auch Talent.“

„Das ist richtig. Manchem steht’s seiner Lebtage scheußlich. Mancher ist dazu geboren. Aber Sie, Hannichen wissen Sie, so gut wie Sie gelernt haben, als Kirchenmäuschen herumzuknuppern – ich hab’ Sie stets bewundert, wie haben Sie’s nur manchmal gemacht?“

„Reden wir davon doch jetzt nicht,“ wehrte Hanna, wehmütig lächelnd.

„Na ja, was ich sagen wollte. Mit der Knusperei! richtig. Ebensogut, glaube ich, werden Sie’s anders herum fertig bringen.“

„Sie meinen mit Grazie ausgeben?“

„Hm, meine ich.“

„Wenn ich aber nun hart werde?“

„Keine Gefahr. Bei Ihnen darf man’s drauf ankommen lassen, ohne Probe. Ja, und dann – ad drei. Um doch mit meinem Fragezettel fortzufahren. Ist über die Trauung schon alles beschlossen? In der Kirche doch hoffentlich?“

„Gewiß,“ antwortete Hanna rasch, mit einem plötzlichen Erröten. „Ganz gewiß.“

„Das ist famos. Wir singen, ja?“ Das Mädchen nickte nur heftig, die Lippen fest geschlossen. Erst nach einer kleinen Pause sagte sie gepreßt: „Darf ich mir eins aussuchen?“

„Aber selbstredend. Was möchten Sie denn? Zum Eingang?“

„Das Engelterzett aus dem ,Elias', ja?“

„Gut, soll geschehen! Und dann? Zum Schluß? „Das bestimmen Sie. Es wird alles recht sein. Nur um das eine hätt’ ich gebeten!“

„Abgemacht! Gott, wie wird mir zu Mute sein, da oben auf meinem Schemel, zum erstenmal ohne meine liebe kleine Singdrossel! Und die sitzt da unten in der Kirche und hört zu. Schneeweiße Braut. Wird das rauschen mit der langen Seidenschleppe!“

„Freuen Sie sich darauf nicht,“ unterbrach Hanna, ihre beklommene Stimmung durch ein rasches Lächeln aufheiternd. „Es wird nicht rauschen, denn es wird keine Seide sein, nur Mull. Es giebt so weichen, indischen. Von dem Erlös meiner letzten Arbeiten kaufe ich mir das Kleid.

Günther nickte erst ihr, dann der Mutter zu, die in stiller Behaglichkeit dem Gespräch folgte, ohne sich zu beteiligen.

„Gefällt mir wieder riesig,“ sagte Günther dann, „daß Sie das so machen. Stimmt alles zusammen. Na, ich renne weg. Sie werden zu thun haben. Müssen Sie nicht noch viele Besuche machen? Ist die Familie sehr groß?

„Gar nicht. Er hat nur eine Schwester, und die ist in Breslau verheiratet. Seine Eltern leben schon lange nicht mehr. Von ihnen hat er das große Haus geerbt. Nein, Besuche machen wir jetzt überhaupt nicht. Das kommt alles erst nach der Vermählung. Ich kann doch Mutter nicht so viel allein lassen. Dazu ist sie noch lange nicht wohl genug. Ludwig sieht das auch ein, ich bin ihm sehr dankbar für diese Rücksichtnahme. Draußen ging die Thürglocke. „Hui, ich drücke mich, der Bräutigam kommt!“

„O nein, der kann es noch gar nicht sein.“ Sie sah nach der Uhr. „Es ist Rettenbacher, sagte sie dann aufstehend. „Ich will Bertha sagen, daß sie ihm seinen Kaffee bringt.“

„Wieso? Trinkt er denn nicht mehr mit Ihnen zusammen?“

„Seit kurzem nicht mehr,“ antwortete Hanna mit etwas gepreßter Stimme. „Seine Privatstunden häufen sich, er hat keine übrige Zeit mehr, nur hier herumzusitzen; trinkt so nebenher. Gleich wird der kleine Leonhardt zur Lateinstunde kommen. Sein Liebling.

Sie hatte hastig gesprochen und mit abgewandtem Gesicht. An der Thür stehen bleibend, hatte sie gewartet, bis sich Rettenbachers Schritte in seinem Zimmer verloren hatten. Dann erst ging sie hinaus.

[584] Günther drehte sich jetzt geschwind zu Frau Wasenius herum, und mit dem Daumen über die Schulter nach Arnolds Stube weisend, sagte er mit besorgter Miene: „Hm? Und der?“

„Also Sie haben es auch gesehen?“ gab sie traurig zurück.

„Aber Mamachen! Und ich in meinem dummen Verstand hatte noch gedacht –“

„Aber, lieber Günther, dazu hätten sie dann doch beide einverstanden gewesen sein müssen.“

„Na eben,“ stieß er heraus. „Und daß ich mich in diese Idee so verrannt hatte, das hat mich ja so erschreckt bei der ersten Nachricht. Der arme Kerl dauert mich schmählich. Wie nimmt er’s denn?“

„Musterhaft. Ich habe den größten Respekt vor seiner Haltung. Als anständiger Mensch darf er ja auch bei Hanna nicht die leiseste Ahnung aufkommen lassen. Es würde sie ja schrecklich betrüben und um die Harmlosigkeit des Verkehrs wäre es geschehen. Still! Sie kommt. Bewundern Sie doch diese schöne seidene Decke, die mein Schwiegersohn mir geschenkt hat. Günther that, wie ihm befohlen war. „Leonhardt?“ sagte er dann. „Quarta? Den hab’ ich ja auch in meiner Gesangsklasse. Ein Goldkern und musikalisch! Wenn Rettenbacher so zufrieden mit ihm ist wie ich, kann er lachen. Da klingelt es. Es ist gewiß der Bub'. Ich kann mir denken, daß Rettenbacher Freude an ihm hat. Das ist so ein Feld für seine Gaben. Wirklich ein köstlicher Schlingel! Und dabei keine Spur von Musterknabenhaftigkeit. Er tobt in den Pausen, haut sich herum, zerreißt seine Sachen wie jeder Taugenichts. Neulich sah ich ihn davonrennen mit einem Dreiangel über den ganzen Hosenboden. Solche Kerle mit Feuer und Blut im Leibe müßte man mehr haben, dann fleckte es besser! Uebrigens hat Rettenbacher das Zeug dazu, alles, was drin ist in der Bande, herauszuholen. Den kennt man erst ganz, wenn man ihn hat unterrichten sehen. Ich hab’ neulich bei ihm hospitiert. Ein Vergnügen, sag’ ich Ihnen! So hören Sie ihn hier zu Hause nie reden. Mit so viel Klang in der Stimme, so energisch und so warm. Und so scharf, ich meine, so gescheit. Der muß Leben in die dümmste Klasse bringen. Der Direktor weiß aber auch, was er an ihm hat.“

„Wie mich das freut,“ sagte Frau Wasenius. „Wenn nur auch allgemach die drückende Last der Familiensorgen für daheim von ihm weichen möchte. Aber bis die acht Geschwister alle richtig herangewachsen sind – du lieber Gott!“

Schon wieder ging draußen die Glocke. Günther sprang auf.

„Aber jetzt wird’s Ernst.“

„Es wird sogar Ludwig,“ verbesserte die Mutter lächelnd. Seit sie angefangen hatte, froh in die Zukunft zu schauen, that auch ihr sanfter Humor die Augen wieder auf. „Nun können Sie gleich Ihren Knix machen, Güntherchen.“

(Fortsetzung folgt.)

Max Haushofer.
Von Ernst Garleb.

Tief im Herzen jedes Nordgermanen schlummert eine eigenartige Sehnsucht nach dem deutschen Süden. Deshalb ist auch gar manchem norddeutschen Leser der in den bayrischen Voralpen eingebettete Chiemsee nicht nur dem Namen nach bekannt.

Aber nicht jeder, der im brausenden Eilzug von dem bayrischen Isar-Athen, vorüber am Südrand dieses „Bayrischen Meeres“, gen Salzburg gereist, wird wissen, welch’ reicher Schatz an Poesie und Naturschönheit in diesem stillen Erdenwinkel

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Max Haushofer.
Nach einer Aufnahme des Ateliers Elvira in München.

ruht, welch’ anmutigen Bund hier auch Kunst und Geschichte miteinander geschlossen haben. Dort im Westen grüßt uns auf der Herreninsel des unglücklichen Bayernkönigs märchenhaftes Zauberschloß, weiter östlich lugt auf der Fraueninsel hinter Linden empor das von dem sagenreichen Hauch eines Jahrtausends umwobene Nonnenkloster, dessen Gründer einst Kaiser Karl der Große gewesen sein soll – ein Bild stillen Friedens. Jene Fraueninsel war eines der ersten Gebiete welche in den dreißiger und vierziger Jahren von den Münchner Landschaftsmalern allmählich im Gebirge entdeckt wurden. In dem bescheidenen aber gemütlichen Dumbferschen Wirtshaus fand sich allsommerlich ein Kreis von Wiener und Münchner Malern zusammen, unter den letzteren der Landschafter Haushofer, welcher sogar eine der anmutigen Haustöchter als Gattin heimführte. Dieser Ehe entstammten zwei Söhne; der im Januar 1895 leider bereits verstorbene Münchner Professor der Mineralogie Karl Haushofer und der 1840 geborene, jetzige Münchner Professor der Nationalökonomie und Statistik Max Haushofer, der als Dichter wie als Schilderer der Schönheiten seiner Heimat den Lesern der „Gartenlaube“ längst eine vertraute Gestalt ist. Das Maleratelier des Vaters übte einen nicht minder großen Einfluß auf den künstlerisch hochbegabten Knaben aus als die Ferienzeiten draußen auf der geliebten Fraueninsel, wo der junge Felix Dahn als Spiel- und Abenteuergenosse alles mitmachte, was die beiden Haushofer zu Wasser und zu Lande trieben. Den heranwachsenden Jünglingen aber weckte bald der stille Zauber dieser Chiemgau-Landschaft den Trieb zum künstlerischen Schauen, welcher für Max Haushofers Werke allezeit bestimmend blieb, obgleich er selbst sich zunächst nicht der Kunst, sondern der Wissenschaft zuwandte.

Nach vollendeten Studien habilitierte er sich 1867 als Privatdocent der Rechts- und Staatswissenschaft und erhielt ein Jahr später an der damals gerade gegründeten Technischen Hochschule Münchens die Professur der Nationalökonomie. Nun hieß es also, die bisher im stillen gepflegte Poesie einstweilen zur Seite stellen, um mit voller Kraft in die Leistungen einzutreten, welche Hochschule und Wissenschaft von ihren Vertretern fordern. Eine Anzahl streng nationalökonomischer Werke über Eisenbahnen, Weltverkehr, Handelsgeschichte, Industrie, Kredit- und Erwerbsverhältnisse u.a.m. stellte Max Haushofers Namen bald in die erste Reihe der Fachgelehrten. Was sie aber vor anderen auszeichnet, das ist die lebendige Anschaulichkeit, der große freie Blick, der nirgends über den praktischen Tagesfragen die ethischen Bedürfnisse der Gesellschaft vergißt, und eine künstlerische Gestaltungskraft, welche auch den scheinbar trockenen Stoff anziehend zu machen versteht. Ganz besonders aber leuchten diese Fähigkeiten aus den populären Vorträgen, welche Haushofer, der geborene Redner, seit Jahrzehnten gelegentlich vor dem großen Publikum hält. An solchen Abenden ist der Chemische, ehemals Liebig’sche Hörsaal, das ständige Lokal wissenschaftlicher Vortragsreihen, gedrängt voll, denn jeder weiß, daß ihm eine Stunde des reinsten Genusses bevorsteht, sobald Haushofer an das Pult tritt, um irgend ein Thema der modernen Gesellschaft und Kultur zu behandeln. Der Historiker weist an der Hand der Jahrhunderte vieles als „menschlich“ nach, was heute von Beschränktheit und Geschäftsneid in schlimmem Sinn „modern“ genannt wird, er forscht aber

[585]
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Erwartung.
Nach einem Gemälde von F. Binea.

[586] auch, ob der große Kulturfortschritt der Menschheit einen ebenso großen Glückszuwachs brachte, er zeigt die Bedeutung des „Einzelnen in der Masse“, der „Phantasie als sozialer Macht“ und entwickelt bei allen diesen Ausführungen so viel überraschende und fesselnde Gesichtspunkte, daß der Zuhörer die scheinbar bekannten Stoffe von ganz neuer Seite sieht. Jeder fühlt, daß hier ein Dichter mit dem Rüstzeug des Gelehrten arbeitet, einer, der das, was alle sehen können, mit besonderen Augen sieht und es deshalb als etwas ganz Neues darzustellen vermag. Ob Haushofer über „Luxus“, „Ehefragen“, „Reichtum und Glück“ spricht, ob er dem deutschen „Spießbürger“ und „Philister“ die verdiente Charakteristik angedeihen läßt, oder das „Dilettantentum“ im Gegensatz zur Kunstleistung auf seine Merkmale untersucht, ob er die Gefahren der Cliquenherrschaft erwägt, gewerbliche oder kaufmännische Interessen bespricht, oder in einem gedankenreichen Vortrag über „Frauenkonkurrenz und Heiratsfreguenz“ den Stand der gesamten Frauenfrage mit ebenso parteilosem als weitschauendem Blick behandelt, – immer hört man die Stimme des überlegenen Menschengeistes, des warmherzigen Philosophen und Patrioten. In all seinen Vorträgen offenbart sich bei aller Fülle realen Wissens, das er entfaltet, eine hohe ideale Gesinnung. Die nachstehenden Schlußsätze aus der auch gedruckt erschienenen Abhandlung „Die Arbeit im Lichte der Volkspoesie“ sind für diese Gesinnung bezeichnend. „In jedem Menschen muß, wenn er Freude am Leben behalten soll, ein Schatz von Idealen sein, der ihn tröstet und erhebt, wenn er arbeitsmüde Haupt und Hand sinken läßt. Diese Ideale sind aber nicht Austern und Champagner … Es kann dem Arbeiter nicht oft genug gesagt werden, daß unter allen Genüssen, deren sich der hochgebildete Mensch erfreut, ihm jene die liebsten sind, welche auch dem Armen erreichbar sind. Die Freude an der Natur, die Freude am Umgang mit gleichgesinnten Menschen, der Anteil am Geistesleben der Nation, das Bewußtsein redlicher Pflichterfüllung und die Liebe und Treue der Seinigen. Darin liegt die Poesie des Daseins. Und während der Arbeit entflieht sie nicht vom Menschen, sondern sie verstummt bloß und schaut ihm lächelnd über die Schulter, bis er wieder rasten darf. –

Es ist Rückerinnerung an die eigene erste Arbeitsepoche, die aus diesen Worten des gereiften Mannes spricht. Denn von eigentlich poetischen Leistungen, die einem 1867 erschienenen Bändchen teilweise sehr schöner Gedichte etwa hätten nachfolgen sollen, war weit über ein Jahrzehnt nach Haushofers Amtsantritt keine Rede. Erst 1886 erhielt die Welt durch das große Werk „Der ewige Jude“ den Beweis, daß die Poesie die unzertrennliche Begleiterin seines Lebensweges geblieben war.

Diese dramatische Trilogie, die Frucht langer Jahre, erregte sofort beim Erscheinen großes Aufsehen und sicherte ihrem Autor einen hervorragenden Platz in unserer Litteratur. Nach seinem eigenen Ausspruch enthält dies Werk seine besten Gedanken.

„Das Höchste ist’s, was ich darin erstrebe,
Was ich in langen Jahren still ersann,
Das Beste, was ich innerlich erlebe!
Dem Knaben träumte schon, was jetzt der Mann
An manchem Sonnentag und auch in Wettern
Zur Frucht ausreifen ließ auf diesen Blättern.“

Seine Auffassung vom Schicksal und vom Charakter Ahasvers ist wahrhaft genial:

„Ich sehe den Unsterblichkeitsgedanken
Verkörpert durch die Weltgeschichte schwanken
Als geisterhaften Greis, Erlösung suchend,
Mit glüh’ndem Blick sich und die Welt verfluchend.
Ein Götterschicksal ist’s, in Staub gekleidet,
Bewundert und beklagt, verwünscht, beneidet.“ –

Tief ergreifend ist diese magische Figur in den Mittelpunkt der Handlung gestellt, die ewige Todessehnsucht zwischen der Ueberfülle menschlichen Ringens und Wünschens, mit welchem ihn nur noch der Anteil am Schicksal ferner Urenkel zeitweise verknüpft.

In gewaltigem Zug beschwört der Dichter seine Gestalten herauf, von den altgermanischen und römischen Kriegern, den Waldgeistern und Zwergen an, durch die mittelalterliche Alchimistenklause und Kaiserpfalz führt er uns bis zur modernen Großstadt mit allen ihren sozialen Problemen. Der finstere müde Ahasverus durchschreitet die Jahrhunderte und sieht sich stets neu in das Spiel des Lebens verstrickt, oft auch steht er dem gleichfalls in wechselnder Gestalt auftretenden Thanatos (Tod) gegenüber, dem glühend Gehaßten, der ihn allein verschont und seinen flehentlichen Bitten höhnisch antwortet:

„So alt – und solch ein Kind! Nicht dich!
Du weißt, warum. Ich töte fort und fort.
Ich würge Kind und Greis von Ort zu Ort,
Doch einmal gönn’ ich allen Ruh.
Ich nehme alle bis auf Einen. Der,
Unseliger Wanderer, bist du!
Drum lebe, lebe, Ahasver! …“

Die wunderbar phantastischen Scenen, wo dieser bleiche Arzt Thanatos zu Nacht in der Kapelle den Toten predigt und jeder Absatz seiner gewaltigen Seelenverkündigung mit einem langhallenden geisterhaften „Amen“ beantwortet wird, gehören zum Großartigsten der an Schönheiten so reichen Dichtung.

Es liegt in der Natur des weltweiten Stoffes, daß hier kein Drama im gewöhnlichen Sinne entstehen konnte. Nicht das einzelne Menschenschicksal, sondern das Schicksal der Menschheit ist der Gegenstand dieser mit schöpfungsfreudiger Phantasie und großer dichterischer Kraft geschaffenen Bilder. Zum Schlusse bringt ein phantastisch theatralisches Maskenspiel auf einem großen Künstlerball den „letzten Menschen“ und sein Ende. Die „Phantasie öffnet den Blick auch darüber noch hinaus in die ewige Neuverjüngung alles Geschaffenen, und zum Schlusse webt sich das Schicksal der ganz modernen Menschen mit den uralten Zaubermächten noch zu einer geheimnisvoll ausklingenden Harmonie zusammen.

Ebenso wie der „Ewige Jude“ wurden die 1888 erschienenen „Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits“ von den berufensten deutschen Kritikern mit großem Beifall begrüßt. Dies Buch wendet sich, in das Gewand glänzendster Prosa gekleidet, den Nachtseiten des menschlichen Lebens zu.

Wie wahr sind vergängliche Thaten und – Sünden des Lebens in den „Verlassenschaften“ geschildert! „Die Ziffern der Verzweiflung“, die „Hypothek des Schwarzen“, die grausige, in Tirol spielende Geschichte „Verschollen“, „Ein Spaziergang unter Schatten“, namentlich aber die rührende Erzählung vom kleinen Dulder Paul, „Das Ungelebte“ betitelt, sind markerschütternd. Erfreulichere Bilder zeigen uns die von Romantik umwobene Erzählung „Kometenflug“ und „Bauernstube“, der Sehnsucht atmende „Brief an das Glück“ und die humorvolle Episode „Unter Mumien“.

1890 erschien das erzählende Gedicht „Die Verbannten“. Was Haushofer mit dem Titel dieses Buches gemeint, sagt er in der Vorrede. „Verbannt!“ Welche fühlende Seele hat nicht schon Stunden gehabt, in denen sie ein Heimweh verspürte nach einer großen, fernen Welt, nach einer Welt, gegenüber welcher irdische Ziele und Freuden nichts sind als flüchtiges Possenspiel? Wer in solchen Stunden nach den schweigenden Lichtern der Sternennacht oder nach dem sinkenden Golde der Abendsonne geschaut hat, in dem mag wohl ab und zu ein ahnendes Empfinden aufgedämmert sein, als sei er nur ein Wanderer, der seine Heimat nicht finden kann. Seit undenklich langen Zeiten ist er aus jener Heimat verbannt, um sich durch dunkle Schicksale seinen Weg zu suchen. Welcher Art werden diese Schicksale noch sein – wohin werden sie ihn führen? Einstweilen steht er auf irdischem Boden, auf dem Boden menschlicher Geschichten, auf dem Boden der Wirklichkeit. Bloße Sehnsucht ist kein Leben. Auch jener, der eine ahnende Erinnerung an längstdurchlebte Schicksale, an große lichtdurchflutete Räume und ereignisreiche Zeiten in sich trägt, muß sich in der Gegenwart zurecht finden. – Das ist der Grundgedanke meines Gedichts …

Der Inhalt, der in zwei Hauptteile zerfallenden Dichtung, ist kurz der folgende: Ein junger Arzt, Walter Brand, reist im August von München nach Lindau am Bodensee. In der Bahn lernt er eine überirdisch schöne, weitgereiste, äußerst geistvolle, das Alltagsleben verachtende junge Dame, Alrune, Freiin von Münchhausen, kennen. Auf dem Lindauer Bahnhof entschwindet sie plötzlich Brands Blicken. Der Arzt geht in ein Hotel. Im Halbschlummer erscheint ihm Alrune, die rasch Liebe in seinem Herzen geweckt hat, sie macht ihn mit ihrem Vater, dem – Teufel, bekannt. Am andern Tage unternimmt unser Held eine Bootfahrt auf dem Bodensee, durch einen Sturm wird er an ein einsames, prächtiges Schloß, Seerieden, verschlagen, das mit [587] seinen Insassinnen, der Siebenbürgener Prinzessin Ildeglante von Sternau und den ihr ergebenen sieben Genossinnen (Alrune, Brunhilde, Sirene, Viviane, Russalla, Herodias, Circe), den Ausgangspunkt der folgenden modern romantischen Nachtfahrten Brands bildet. Alrune, Brands Geliebte, gehört also auch in den geheimnisreichen Kreis dieser sieben Schloßdamen.

Zunächst fährt Brand, gastlich willkommen geheißen, mit Alrune unter den Bodensee wo alle, welche je in ihm ertranken und nun den ewigen Schlaf schlafen, plötzlich beim Scheine von Alrunes Zauberlampe erwachen aus ihren Gräbern, eingehüllt in graugrünen Seeschlamm, richten sie sich auf und folgen dem Zauber des Lichtes. Meisterhaft geradezu ist das grausige Kolorit und die poetische Kraft zu nennen, mit denen dies düster phantastische Stelldichein der Toten, die sich hierbei abspielenden grandiosen Anklagescenen des Richters, des Priesters usw. durchgeführt sind. Zum Schluß führt Alrunes Vater unsern Helden vorüber an geisterhaften Höhlen, wo Riesen an der Unheilschmiede der Menschheit Haß und Unglück bereiten!

Im folgenden läßt Brunhild auf ihren Fahrten gewaltige Geschichtsscenen, von der Völkerwanderung an bis Mars-la-Tour an ihrem jungen Begleiter vorüberziehen, Sirene macht in einer Nacht mit ihm eine Erdumseglung, Russalka führt ihn in die Slavenwelt. Schließlich muß Brand Seerieden verlassen, er begiebt sich nach Interlaken.

Bei seiner Jungfraubesteigung wird er mit dem Helden des zweiten Teils, Osmond Fernher, bekannt, der, vom Saturn verbannt, durch das ganze Weltall geeilt ist, um seine ebenfalls von seinem Heimatstern verbannte Geliebte zu suchen. Die ausführliche Erzählung der Erlebnisse Fernhers auf dieser Weltwanderung füllt die nächsten Gesänge. Auf einem paradiesisch schönen, aber verlassenen Sterne findet Fernher an einer Felswand folgende Inschrift.

„O Wanderer, der du einst in späten Tagen
Hier rasten wirst an diesem schwarzen Stein.
Laß dir von einem großen Glücke sagen,
Das heller war als aller Sonnen Schein!
Wir lebten hier durch ungezählte Jahre
In reiner, heiterer Gottähnlichkeit,
Doch dieses Glück, das große, götterklare,
War uns zu schön, wir sehnten uns nach Leid!
So sind wir denn von diesem Stern geschieden
Der uns nur Glück und reine Wonnen bot;
Wir lassen ihn und seinen Himmelsfrieden
Wir wollten Schmerzen suchen, Leid und Not!
Und wenn du Seelen findest, welche klagen
Nur hartes Schicksal, Wand’rer, tröste sie.
Das größte Leid des Daseins ist zu tragen,
Ein schattenloses Glück erträgst du nie!“ –

Als Fernher mit seinen Erzählungen geendet, kommt Brand auf den Gedanken, jene Prinzessin Ildeglante in Seerieden könne seines neuen Freundes verbannte Geliebte sein. Seine Ahnung wird Wahrheit! Die schöne Schloßherrin umarmt, nachdem Brand mit Fernher nach Seerieden geeilt, den, der beim Verlassen des Saturn den Ruf vernommen hatte:

„Nur dem, der durch neun Welten fuhr
Und seiner Liebe nicht vergaß,
Dem Edlen, dem Getreuen nur
Wird alles Glück in reichstem Maß!
Was er in Tod und Leid verloren,
Es wird ihm alles neu geboren!“

Beide eilen zurück zum fernen, fernen Vaterland. Von unserem Brand löscht Alrune durch einen Kuß die Erinnerung an all das, was jener in Seerieden erlebt – erträumt hat! Langsam und feierlich versinkt das Schloß. Von Brand heißt es – und damit schließt das Werk –:

„Der Arzt erwachte wie aus tiefem Sinnen
Und trieb sein Schifflein rasch von hinnen.
Mit leiser Stimme sprach er dann
,Wie die Erinn’rung trügen kann!
Mir war, als hätte ich hier was erlebt,
Was traumgleich mir durch meine Seele schwebt,
Mir war, als hätte mich etwas gemahnt
An eine Welt, die keine Seele ahnt,
Als wären Boten aus entlegenen Fernen
Zu mir gekommen, Boten von den Sternen.
Laßt ab, Gedanken, euch mit solchen Fragen
Nach einem unerforschlichen zu plagen!
Ein Heimweh giebt es offenbar
Nach einem Dasein, das einst war
Und wieder sein wird. Wenn es uns befällt,
Vergessen wir ganz dieser Welt.
Und will man mich ob dieser Träume tadeln.
Ich weiß doch, wie sie die Gedanken adeln.
Was dieses Leben auch versprach
Und hielte – das Größ're kommt noch nach!“ –

Felix Dahn sagt, in den „Verbannten“ liege eine ganz gewaltige Fülle von Poesie und Stellen von hinreißender Schönheit fänden sich in ihnen, ihr Verfasser sei „zweifellos ein echter Dichter von Gottes Gnaden“. Auch wir stehen unter diesem Eindruck. Leider ist es in den sechs Jahren seit Erscheinen der „Verbannten“ für den Verleger des Werks noch nicht notwendig geworden, eine zweite Auflage in die Welt zu senden. Beim „Ewigen Juden“ war dies der Fall. Haushofers poetische Werke erfahren eben wie diejenigen manch anderer von der Mode unabhängigen Dichter, die Ungunst einer von realistischen Geschmacksrichtungen beherrschten Zeit. Möge diese kurze Würdigung das ihrige zur Verbreitung des Namens und der Werke Max Haushofers beitragen! Wenn einer, so verdient er die Anerkennung zu ernten, welche der beste Lohn des schaffenden Künstlers ist!


Die Hexe von Glaustädt.
Roman von Ernst Eckstein.

(15. Fortsetzung.)

Als Hildegard Leuthold am Morgen des Hinrichtungstages nach einem langen, tiefen Schlummer erwachte, fühlte sie sich wunderbar gestählt und gefestigt. Die erste Empfindung, die ihr die aufatmende Brust schwellte, war heiliges Mitleid mit dem verblendeten Zeitalter, das solche Grausamkeiten ermöglichte, mit der armen, gequälten Menschheit, die sich selber in ihrem gräßlichen Irrwahn zerfleischte, ja, selbst mit den Richtern und Malefikantenverfolgern, in deren Gemütern es bei all diesen Greueln aussehen mußte wie im Abgrund der Hölle. „Gott, vergieb ihnen,“ flehte sie mit den Worten des Heilands, „denn sie wissen nicht, was sie thun!“ Und plötzlich ergriff sie ein lichtes Ahnen, daß mit dem heutigen Tag alles zu Ende sei …

Es war um die achte Morgenstunde, als ihre Zelle sich öffnete. Der Kerkermeister verkündete ihr, daß sie sich für den Nachmittag halb Vier bereit halten solle. Sie hörte das, ohne sonderlich zu erschrecken. Sie entsann sich jetzt ihres Traums … Die liebe Mutter hatte ihr ja die Hand auf die Stirn gelegt und ihr zugeflüstert. Das ist die letzte Nacht!

Kurz darauf erschien der Stadtpfarrer Melchers. Er war im vollen Ornat, bleich und düster wie je. Als er die Schwelle beschritt, zuckte es ihm über das schöne, ernste Gesicht, als wollte er stürmisch in Thränen ausbrechen. Aber er faßte sich. „Hildegard“, sagte er schwermutsvoll, „das ist ein trauriges Wiedersehen!“

„Mein ehrwürdiger Freund,“ flüsterte sie mit großleuchtenden Augen, „glaubt Ihr an meine Schuld?“

„Ich glaube,“ versetzte der Priester, die Hände faltend, „daß wir allzumal Sünder sind und des Ruhms ermangeln, den wir vor Gott haben sollten. Du, meine Tochter siehst nicht aus wie eine, die schwerer gefehlt hätte als die meisten von uns. Aber das Tribunal hat gesprochen. Mir, als dem Diener des Heilands, steht es nicht zu, dies Verdikt zu bemängeln. Ich komme, dir den Trost unsrer heiligen Kirche zu spenden. Draußen wartet Sidonius, mein Küster, mit dem Sakrament. Willst du mit deinem Schöpfer dich aussöhnen? Willst du beichten und dann gestärkt im Glauben zum Tische des Herrn gehen?“

„Das will ich!“ schluchzte sie leise. Nun kniete sie nieder und betete lange und inbrünstig. Der Geistliche hielt unterdes mit bebenden Lippen die Hand auf ihr gebeugtes Haupt, als ob er sie segne. Durch die fußbreite Luke unter der Zellendecke glitt ein verlorner Sonnenstrahl über sein Antlitz und umströmte ihn mit sanft leuchtender Glorie. Als Hildegard aufsah, wirkte das auf ihr bedrücktes Herz wie ein himmlisches Wunder.

[588] „Ich bin bereit,“ sagte sie flüsternd.

Der Stadtpfarrer ging hinaus und kehrte alsbald mit seinem Küster zurück, der auf silberner Platte die heiligen Gefäße trug.

Hildegard Leuthold strich sich das überfallende Haar aus der Stirn, als müßte sie jetzt auch äußerlich für die heilige Handlung sich vorbereiten. Dann kniete sie abermals auf die Steinfliesen und hob ihr süßes Gesicht voll gläubiger Unschuld zu dem Priester empor, der feierlich zu ihr herantrat. Mit den Worten der Schrift, die da beginnen. „Unser Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward –“ reichte er ihr die Hostie und dann den geweihten Trank. Sie genoß beides verklärten Blicks. Aufsehend küßte sie dem frommen, ehrwürdigen Manne die Hand.

„Ich sehe, mein Kind,“ sagte Herr Melchers leise, als sich der Küster Sidonius wieder entfernt hatte, „du bist stark – und wohl vorbereitet. Fürchte dich nicht vor denen, die da den Leib töten, aber die Seele nicht können töten! Du bist das Opfer eines abscheulichen Irrwahns – vielleicht einer grausenhaften Verleumdung. Aber wärest du noch so sündhaft: wer seine Sünden bereut, von dem gelten die Worte, die einst der Heiland am Kreuz zu dem bußfertigen Schächer sprach: „Wahrlich, ich sage dir, du wirst noch heute mit mir im Paradiese sein!“ Halte dich standhaft, meine geliebte Tochter, und ermüde nicht im Gebet, bis alles vorüber ist! Glaube mir, Gott legt dir nicht mehr auf als du tragen kannst! Ich verlasse dich jetzt. Eh’ du den schweren Gang antrittst, bin ich hier wieder zur Stelle. Ich werde dir als letzter irdischer Freund das Geleit geben.

Herr Melchers neigte trübselig das Haupt und entfernte sich. Kurz darauf kamen die Henkersknechte, um die Verurteilte für den letzten Gang nach Vorschrift zurecht zu machen. Es waren zwei handfeste rohe Gesellen, die sich sonst nicht entblödeten, bei dieser gräßlichen Obliegenheit ihre gefühllosen Scherze zu treiben. Vor der stillen Hoheit dieser jungfräulichen Gestalt aber verstummte ihr bübischer Witz. Lautlos und fast widerstrebend thaten sie, was ihres Amtes war. Sie trennten mit ihrer Schere den Kragen von Hildegards Wollgewand los und baten sie dann, selber das Haar zu lösen, das sie seit etlichen Tagen nicht mehr flocht, sondern zum einfachen Knoten schürzte. Ach, dies lichtbraune Haar! Voll und breit wallte es über die Schultern wie ein kostbarer Mantel! Von jeher war es der ganze Stolz ihres Vaters gewesen! Und Gustav Ambrosius hatte gesagt, wenn er ein Dichter wäre, würde er auf Hildegards schönes Haar tausend Sonette dichten. Nun fiel es unter dem Stahl dieser Henkersknechte wie reife Kornähren!

Die Unglückliche hielt sich bei alledem standhaft. Ihr Herz wandte sich demütig zu Gott, und der Glaube verließ sie nicht, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen. Einmal nur zuckte sie qualvoll zusammen. Das kalte Eisen hatte sie derb im Nacken berührt. Es war wie das schauernde Vorgefühl des entsetzlichen Richtschwertes.

Als die zwei Knechte gegangen waren, empfand Hildegard eine plötzliche Anwandlung von Schwäche. Da rings am Boden lagen die lichtbraunen Strähnen, die noch vor kurzem ein Teil ihres Leibes und Lebens gewesen. Sie kam sich mit einem Male so hilflos, so über die Maßen entwürdigt vor. Es war, als sei erst jetzt ihre Verurteilung endgültig besiegelt. Aber auch jetzt fand sie Kraft im Glauben.

Der Kerkermeister – ein alter, weißlockiger Vlamländer von großer Bedächtigkeit – kam, um Hildegard Leuthold zu fragen, ob sie noch einen Wunsch habe. Am letzten Tage ward den Verurteilten mancherlei freigestellt, insbesondere auch die Wahl ihrer Speisen und der Empfang von Besuchen. Hildegard Leuthold versetzte gleichmütig, daß sie auf alles Verzicht leiste. Da ihr nun aber der Vlamländer vorstellte, sie müsse doch Nahrung nehmen und einen Trunk, um sich aufrecht zu halten, bat sie um etliche Bissen Brot und einen Schluck Rotwein.

Dann bückte sie sich und raffte die abgeschnittenen Haarsträhnen zusammen. „Wollt Ihr ein gutes Werk thun“, sprach sie voll scheuer Befangenheit, „so verbrennt das! Ich möchte nicht, daß irgend wer Unfug und Spott damit triebe!“

Der Vlamländer nickte zerstreut. „Und verkaufen könnt Ihr’s ja doch nicht,“ fuhr sie errötend fort „denn das Haupthaar der Hexe bringt ja ewiges Unheil!“

„Freilich,“ brummte der Mann, „das wär’ eine Todsünde. Eigentlich gehört’s ja dem Scharfrichter. Nun, ich will’s schon verantworten. Her damit!“

25.

Um drei Uhr nachmittags begann das unheilverkündende Armesünderglöckchen auf dem höchsten Turmgestühl der Marienkirche sein klägliches Wimmern. Es „kleppte“, wie man in Glaustädt sagte. Schrill und dünn, und trotzdem weithin vernehmbar, scholl dies Geläute über die Giebel und Dächer bis hinaus in die entlegensten Viertel.

Auch der unglückliche Magister in dem Haus an der Grossachstraße hörte es klar und deutlich auf seinem Siechbett. Es war heute zum erstenmal seit Herrn Leutholds Erkrankung, daß es da droben „kleppte“. Im Irrwahn des Fiebers aber mißdeutete er diesen gräßlichen Ton. Er fuhr empor und brach in lauthallenden Jubel aus.

„Gertrud,“ schrie er dann ungestüm, „Gertrud! Ich bitt’ Euch um alles, bringt mir schleunigst mein Festgewand! Hört Ihr die Glocken? Meine Hildegard macht jetzt Hochzeit! O das herzige Kind! Wie schön sie ausschaut in ihrem schneeigen Brautkleid! Wie frischgrün ihr der Myrtenkranz über dem lichtbraunen Haar sitzt! Eilt Euch! Ihr Vater muß doch dabei sein, wenn sie den Segen des Herrn empfängt! Sie hat ihren Vater so lieb gehabt! Wartet noch, bester Herr Pfarrer! Ich komm’ ja im Augenblick. Gertrud! Warum laßt Ihr mich so im Stich? O, dies wundervolle Geläute! Wie traut! Wie herrlich! Und ich werde zu spät kommen!“

Er sank wieder zurück in die Kissen. Die ängstlich starrenden Augen schlossen sich. Dann lag er bewegungslos und atmete schwer und dumpf, während Gertrud Hegreiner im Nebengemach schluchzend die Hände rang.

Das Armesünderglöckchen wimmerte auch hinab in die Weylgasse, wo Ephraim, der gelähmte Sohn der halb erblindeten alten Frau, hohläugig und aschfahl in seinem Stuhl kauerte. Die Mutter schien bei der ganzen Sache gleichgültig und stumpf. Es war ihr nichts Neues, daß scheinbar tugendsame und gottesfürchtige Jungfrauen plötzlich der Hexerei überführt und gerichtet wurden. Hildegard Leuthold war ihre Wohlthäterin gewesen – ja! Aber wenn diese Wohlthaten aus einer Seele kamen, die sich dem Teufel verschrieben hatte, dann schuldete sie ihr keinerlei Dank, und es war auch kein Segen dabei … Ephraim aber zerquälte sich seit der Verurteilung Hildegards mit unsäglichen Zweifeln. In seiner Herzenseinfalt hielt er es rein für undenkbar, daß der Gerichtshof den Tod verhängte, wenn Hildegard unschuldig war. Und doch sprach ihm tief in der Brust eine unüberhörbare Stimme fortwährend zu ihren Gunsten. Er rief sich die Engelhaftigkeit ihres Lächelns, die bezaubernde Anmut ihrer Mildherzigkeit und Güte ins Gedächtnis zurück und fühlte von Tag zu Tag mehr, daß sie ihm trotz ihrer Sünden teurer sei als irgend was auf der Welt. Nun klang das furchtbare Glöckchen zu ihrem letzten Gang. Das packte und schüttelte ihn mit jähem Entsetzen. Und gleichzeitig überrieselte ihn die Sehnsucht, einmal noch dies holde, liebreizende Antlitz zu schauen, das während so vieler Wochen des Leids und der Not seine Sonne gewesen, das ihm noch an dem Tag ihres Unheils Trost gespendet und frohe Verheißung. Qualvoller als je empfand er die elende Hilflosigkeit seines Zustandes.

Plötzlich riß man die Thür auf. Lore, die kleine Schuhflickerstochter, die sich neuerdings öfters um den armen Korbflechter gekümmert hatte, kam haltlos und ohne Atem herein. Sie warf sich neben dem Sessel Ephraims hart auf die Knie und faßte mit klammernden Händen nach seinem Wams. „Ephraim! Jetzt eben wird sie geholt! Halb Vier ist vorüber!“

Da ging ein merkwürdiges Ziehen und Arbeiten durch die Gliedmaßen des armen Gelähmten. Mit einem lauten Aufschrei fuhr er empor. Es war ein Wunder geschehen. Ephraim stand, Ephraim ging – taumelnd zwar wie ein Kind, das kaum noch des Gängelbands ledig ist, aber er ging doch. Die übermenschliche Anstrengung seiner Willenskraft hatte über die Trägheit seiner erkrankten Nerven gesiegt. „Ich will zu ihr! Ich will sie sehen! Führe mich, Lore! Sie ist doch keine Hexe! Nein, fürwahr, sonst hätte mir Gott der Herr nicht diese Gnade erwiesen! Er war außer sich. Die halbblinde Mutter, die bis jetzt auf ihrer Lindenholztruhe geschlafen hatte, sprang jählings auf und fragte voll Bangigkeit, was denn mit ihrem Sohne geschehen sei. Als sie gewahrte, daß

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Im Vorbeigehen.
Nach einem Gemälde von Heinr. Rasch.

[590] er aufrecht umherschwankte, winselte sie zwischen Lachen und Weinen unzähligem: „Das hat mein Sprüchel gethan! Das hat mein Sprüchel gethan!“

Es kostete unendliche Mühe, den Aufgeregten von seinem Plan abzubringen und ihm begreiflich zu machen, daß er nach dieser plötzlichen Heilung unmöglich sofort stundenlang auf den Beinen bleiben und sich ins dichteste Straßengetümmel hineinwagen könne. Die kleine verständige Schuhflickers-Lore sprach hier mit großer Beredsamkeit und schloß sich den Bitten der Mutter so eifrig an, daß er zuletzt nachgab, zumal er wohl selbst fühlte, daß seine Kräfte nicht lange vorhalten würden. Aber nun warf er sich mit verzweifeltem Ungestüm aufs Gebet. Und Lore, die jetzt in Thränen zerfloß, betete rastlos mit.

Von allen Seiten strömte das Volk auf die Straßen, obgleich der Tag außerordentlich heiß war. Das schrilltönende Armesünderglöckchen lockte die halbe Einwohnerschaft aus den Häusern; die kleiderprangenden, schmucken Geschlechtersöhne wie die grobknochigen Handwerksgesellen, die mit und ohne Erlaubnis ihrer Brotherren die Werkstatt verließen, die hübschen Töchter und Frauen der Kleinbürger, die Kinder und Greise. Alle Welt wußte, wem’s heute galt, und alle Welt nahm hier besonderen Anteil, jeder in seiner Art. Die sonst so bequeme Wirtin vom „Goldenen Schwan“ vergaß sogar ihren Nachmittagsschlaf und rannte dem Gusecker Thore zu, um sich hier an der Straßenböschung rechtzeitig niederzulassen. Sie mußte doch sehen, wie sich die schöne, vornehme Hexe auf dem Blutkarren ausnahm, und ob sie auch ernsthafte Reue verriet oder noch heimlich dem bösen Feind anhing. Denn die Meinungen über Hildegards Schuld waren doch ziemlich geteilt.

Auch Henrich Lotefend war schon längst unterwegs. Er steuerte hastigen Schrittes dem dreieckigen Platz vor dem Stockhause zu, wo er sich unmittelbar am Haupteingang neben der speertragenden Schildwache aufstellte. Er sah merkwürdig verändert aus – das Antlitz gelbgrau, starr und mit tiefdunklen Schatten unter den Augen. Dem unheimlich schrillen Tone des „Kleppens“ lauschte er mit übel verhohlenem Grausen. Manchmal nahm er die Ratsherrnmütze vom Kopf und fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn. Dabei regte sich seine bläuliche Lippe wie in lautlosem Selbstgespräch.

Ringsumher auf dem dreieckigen Stockhausplatz herrschte bereits vor dem Eintreffen Lotefends ein dichtes Gedränge. Den Standort neben dem wachthabenden Speerträger dankte der Tuchkramer nur dem Geleitsschein des Balthasar Noß und der geflüsterten Zusage eines Goldguldens. Die Hellebardiere ließen sonst keinen von den unzähligen Neugierigen, die hier schwätzend und arg lärmend herandrängten, bis auf Speerlänge vor. Schon seit ein Uhr wurde das Stockhaus förmlich umlagert. Der ganze Platz war überfüllt. Auch die Fenster und Erker der umliegenden Häuser strotzten von Insassen. Mauervorsprünge waren erklettert worden. Selbst die Dachluke zeigte erwartungsvolle Gesichter. Etliche Knaben umklammerten in gefahrdrohender Höhe Giebelspitzen und rostige Wetterfahnen.

Punkt halb Vier öffneten sich die Thorflügel. Der Zug, der sich im Hofe aufgestellt hatte, kam langsam und bedächtig heraus. Zuvörderst schritt eine Abteilung rot- und blaugekleideter Stadtsoldaten. zwölf Mann. Sie trugen wimpelgeschmückte Lanzen und kurze Schwerter. Dann folgte, von zwei stämmigen Brandfüchsen gezogen, der Armesünderkarren, eine Art Leiterwagen mit querliegenden Brettern. Vorn auf dem ersten Brett hockten mit gleichgültig rohen Gesichtern die beiden Henkersknechte. Auf dem mittleren Brett saß der Stadtpfarrer Melchers, neben ihm, den Kopf mit geschlossenen Augen an seine Schulter gelehnt, Hildegard Leuthold. Sie war bleich wie ein Lilienblatt und beinahe ohnmächtig, aber in dieser Hilflosigkeit von unbeschreiblichem Liebreiz. Hinter ihr auf dem dritten Brett saßen zwei Rutenknechte. Der Scharfrichter selbst mit einigen Untergehilfen war schon seit Mittag an Ort und Stelle, wo er den Block festlegte und den siebentehalb Fuß hohen Scheiterhaufen errichtete.

Beim Anblick des Schandkarrens mit der Delinquentin ging ein Murmeln durchs Volk, vieldeutig, aber im Grunde doch mehr Teilnahme und Mitleid ausdrückend als Entrüstung und Haß. Dies wunderholde Geschöpf, edel selbst in der tiefsten äußeren Erniedrigung, frauenhaft und kindlich zugleich, gewann eben unwiderstehlich die Herzen, der Macht selbst des Aberglaubens und des wütenden Fanatismus zum Trotz.

Nachdem das traurige Fuhrwerk ächzend und kreischend heraus auf den Platz gerollt war, folgte in kurzem Abstand Balthasar Noß zwischen zwei baumlangen Rutenknechten. Er machte ein feierlich ernstes, beinahe kummervolles Gesicht. Unmittelbar hinter ihm schritten die übrigen Mitglieder des Malefikantengerichts in ihrer tiefschwarzen Amtstracht. Den Schluß bildete wiederum eine Abteilung rot- und blaugekleideter Stadtsoldaten.

Beim Erscheinen der Blutrichter trat eine bängliche Stille ein. Vor Balthasar Noß und dem hohlwangigen Adam Xylander empfand jeder, ob klug oder unklug, ein beklemmendes Grausen, das sich je nach Verschiedenheit der persönlichen Ueberzeugung mit Ehrfurcht oder mit Abscheu mischte. Der Ruf des Balthasar Noß war seit einiger Zeit übrigens selbst in den Scharen seiner ursprünglichen Anhänger schwer geschädigt worden. Trotz der Vorsicht, mit der Balthasar seine unlauteren Abenteuer ins Dunkel der Nacht hüllte, war doch mancherlei über den Lebenswandel des Mannes ins Volk gedrungen und hatte den Glauben an den sittlichen Ernst des Zentgrafen namentlich bei den Kleinbürgern und Handwerkern vielfach erschüttert.

Als der mißmutig dreinschauende Fuhrknecht, der den Schandkarren lenkte, jetzt eben von dem menschenwimmelnden Stockhausplatz in die Pfahlstraße einbiegen wollte, fiel ein todblasser, augenrollender Mann in vornehmer Tracht den beiden Brandfüchsen wild in die Zügel. Es war der Tuchkramer und Ratsherr Henrich Lotefend.

„Halt!“ rief er mit weithin gellender Stimme. „Halt!“ Ihr begeht ein Verbrechen! Hildegard Leuthold ist unschuldig!“

Stirnrunzelnd, den wuchtigen Kopf stolz in den Nacken gelegt, trat Balthasar Noß hinter dem Armesünderwagen hervor.

„Herr Lotefend!“ sagte er strafend. „Ihr, ein Ratsherr, wagt so nichtswürdige Reden? Seid Ihr von Sinnen? Ihr frevelt ja unverantwortlich gegen die Majestät des Gerichtshofs!“

„Sie ist unschuldig!“ kreischte Lotefend rasend. „Ich weiß es am besten! Ich selbst habe sie denunziert! Der Schreiber des Briefs an Doktor Xylander bin ich! Aber meine Denunziation war Lüge! Jedes Wort nehm’ ich zurück!“

„Die Leutholdin hat selber bekannt,“ versetzte Noß kalt.

„Ja, wie alle Eure Opfer bekennen! Unter dem Druck der Folter!“

„Nein, freiwillig!“

Nur die Rücksicht auf die guten Frankfurter und Leipziger Wechsel, die ihm der Tuchkramer eingehändigt, veranlaßte Herrn Balthasar Noß, mit dem unerwarteten Störenfried überhaupt zu verhandeln. Sonst hätte er augenblicks den Befehl erteilt, den Mann da in Haft zu nehmen.

„Herr Zentgraf, ich schwör’ es Euch!“ rief Henrich Lotefend außer sich. „Macht mir selbst den Prozeß! Aber bei allem, was heilig ist, gebt diese Schuldlose frei!“

„Genug!“ zürnte Balthasar Noß, dem jetzt die Geduld riß. „Geht aus dem Wege, Herr Lotefend, oder ich brauche Gewalt!“

Der Tuchkramer wich und wankte nicht. Da trieb der Kutscher auf einen Wink des Zentgrafen die beiden Pferde ungestüm mit der Peitsche an. Lotefend wankte und stürzte. Räderknirschend rollte der Karren weiter und streifte ihm quetschend den Oberarm. Als er sich mühsam erhob, sah er noch gerade, wie der traurige Zug links um die Ecke verschwand, während das Volk stürmisch nachdrängte. Niemand kümmerte sich um den Verzweifelten. Balthasar Noß hatte das Wort unter die Massen geschleudert, der Mann sei offenbar geisteskrank. Und nun packte den Unglücklichen die furchtbare Einsicht, daß es zu spät war. Hildegard Leuthold, die süße Blume, deren berauschender Duft ihn so toll gemacht, eilte nun rettungslos ihrem Verhängnis entgegen. Und wenn er, Lotefend, jetzt dem Karren auch nachlief und – wie er sich das seit einer Stunde so oft ausgemalt hatte – den Zentgrafen niederschoß, was frommte das noch? Was half der Tod des Balthasar Noß ohne die gleichzeitige Niederwerfung des ganzen schrecklichen Tribunals und seiner machtvollen Gönner? Das unbarmherzige Schicksal würde ja doch seinen Lauf nehmen! Er selbst hatte den Stein ins Rollen gebracht!

Er stöhnte wild auf. Die langunterdrückte Reue ergriff ihn mit unermeßlichem Wehgefühl. Gleich drüben am Platz stand eine Hausthür offen. Sinnlos vor Jammer trat er in den graudämmernden Flur. Hier schien alles verwaist. Er zog aus der [591] Seitentasche seines modischen Tuchrockes die schönbeschlagene Reiterpistole, deren Lauf er sich damals im Lynndorfer Gehölz an die brennende Stirn gesetzt. Damals hatte er vor dem erschrockenen Kind Komödie gespielt. Jetzt war es ihm furchtbarer Ernst. Im nächsten Augenblick knallte ein Schuß. Henrich Lotefend hatte sich selbst gerichtet! Ein herzu eilender Werkführer – der einzige Insasse des Hauses, der nicht mit dem Zug hinausgerannt war – fand ihn noch lebend auf dem gepflasterten Fußboden liegen. In den Armen dieses mildherzigen Mannes hauchte der Tuchkramer Henrich Lotefend fünf Minuten später den Geist aus. Das letzte Wort, das ihm über die sterbenden Lippen kam, war der traumhaft geflüsterte Name „Hildegard“.

Der Armesünderkarren setzte inzwischen den Weg durch die Stadt fort. Unmittelbar vor dem Gusecker Thor mußte der Zug, einem alten Herkommen gemäß, halten, während ein Geistlicher – diesmal der dritte Stadtpfarrer – sämtliche Teilnehmer an der Hinrichtungsexpedition von der Befleckung, die aus der nahen Berührung mit der Verurteilten etwa entspringen konnte, durch ein stilles Gebet reinigte.

Diesen Augenblick hatte sich der Notar Weigel dazu ersehen, um seiner Klientin die Protesturkunde zur Unterzeichnung auf den Wagen zu reichen. Innerhalb des Gerichtsgebäudes oder des Stockhauses hätte man ihm unzweifelhaft allerlei Schwierigkeiten gemacht. Hier aber, im Angesicht der ganzen Bevölkerung, die ohnehin zur Teilnahme für Hildegard neigte, würden die Blutrichter wohl kaum den Mut haben, die Unterzeichnung zu hindern. War diese Unterzeichnung aber einmal erfolgt, dann glaubte Rolf Weigel auf Grund des Reichsgesetzes wenigstens vorläufig Herr der Lage zu sein.

Der kleine bucklige Mann, von etlichen handfesten Freunden umringt, drängte sich mühsam vor. Als eben der Geistliche beide Hände erhob und ein langgedehntes Amen über den Zug murmelte, rief der Notar die jäh aufblickende Hildegard an und bot ihr die Rohrfeder, während ihr einer von seinen Freunden die Urkunde hinaufschob.

„Ich bitte um Aufschub im Namen des Kaisers!“ sprach der Notar mit fester, weithin vernehmbarer Stimme. „Hildegard Leuthold, meine Klientin, wünscht von der Rechtswohlthat einer Verwahrung an das kaiserliche Reichskammergericht in Wetzlar Gebrauch zu machen. Sie verlangt Revision wegen verschiedener Gesetzesverletzungen und Rechtsirrtümer.“

Hildegard Leuthold erinnerte sich, was der Notar ihr gesagt hatte. Er hielt also doch Wort. Es war nicht nur ein frommer Betrug gewesen, um ihr die Last ihres unermeßlichen Elends leichter zu machen. Ihr blasses Gesicht zuckte. Ein letzter Hoffnungsschimmer belebte ihr das halb schon erstorbene Herz. Mit zitternder Hand umklammerte sie die Rohrfeder. Sie sprang empor, um stehend zu unterzeichnen. Der Stadtpfarrer Melchers hielt ihr, sprachlos vor Ueberraschung, die Urkunde. Aber immer heftiger zitterte die Hand des gequälten Opfers. Ein krampfhaftes Zucken ging durch den Körper, der unter der Aufregung dieser fürchterlichen Fahrt zusammenzubrechen drohte.

„Seht, wie sie zittert und bebt,“ rief, mit triumphierendem Hohn um sich blickend, Balthasar Noß in die erregte Menge hinein, „seht, wie der Böse in ihr sich sträubt gegen die Niederschrift des Namens, den sie in der heiligen Taufe empfangen und den sie bei den fluchwürdigen Orgien auf dem Herforder Steinhügel hat abschwören müssen! Wollt ihr jetzt noch zweifeln, daß sie eine Hexe ist?“

Als Hildegard diese haßerfüllte Anklage vor allem Volk hörte, kam ihr der geschwundene Mut wieder. Warmblühendes Blut stieg ihr in das bewegte Antlitz, die wunderbaren, großbewimperten Augen sprühten und leuchteten – sie sah aus wie ein Engel.

„Nein, ich bin keine Hexe,“ rief sie, mit fester Hand die Rohrfeder ergreifend und ihren Namen unter die Urkunde setzend. „Unmenschliche Qualen habt ihr mich erdulden lassen, die mich an den Rand des Wahnsinns brachten. Ich habe sie mit Gottes Hilfe ertragen und wenn ich jetzt schwach wurde – es ist vorüber, der Allmächtige wird mir weiter helfen!“

Und rings im Volke erhoben sich laut und lauter Stimmen zu ihren Gunsten …

„Sie ist doch vielleicht unschuldig!“

„Das liebe Gesicht!“

„Der süße, holdselige Mund!“

„Ja, der Tuchkramer Lotefend hat die Wahrheit gesprochen! Das alles ist Niedertracht und bloße Verleumdung!“

„So sieht keine Hexe aus!“

„Das Reichskammergericht wird ihre Unschuld herausbringen! Wilde Drohungen wurden laut, furchtbare, unheilverkündende Schmähworte gegen die Blutrichter.

Balthasar Noß hielt eine rasche Musterung seiner Streitkräfte. Die stämmigen Stadtsoldaten, ihre hellblinkenden Speere über den Achseln, standen inmitten des Lärmens ruhig und teilnahmslos. Auf diese gut bezahlten Schergen, die von jedem „Brand“ noch besondere Einkünfte bezogen, konnte sich Noß verlassen. Einem raschen Entschluß folgend, sprang er von hinten auf den Bretterboden des Armesünderkarrens.

„Wer die Hexe verteidigt,“ schrie er mit Donnerstimme, „der macht sich gleichfalls der Hexerei schuldig. Die Protesturkunde ist nichtig, Lug und Trug! Wer wagt es, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen? Wer untersteht sich, in strafbarer Mißachtung des Landesherrn für die Hexe Partei zu ergreifen?“

„Ich!“ klang es da unmittelbar hinter ihm. „Ihr seid ein ehrloser Schuft, Balthasar Noß! Nur aus Habgier und Blutdurst mordet Ihr wie ein hungriger Wolf!“

Es war der Zunftobermeister Karl Wedekind, der so dem lange aufgehäufter Groll seines verzweifelte Herzens Luft machte. Alles hatte er elend eingebüßt, was er an Glück auf dieser Erde besessen hatte: die kleine Elma war tot, seine Ehewirtin Brigitta genas jetzt in der Siechenabteilung des Stockhauses allgemach dem Scheiterhaufen entgegen. Und die Verschworenen rührten sich nicht. Seit Doktor Ambrosius geflohen war, hatte man ihm auch nicht das Geringste mehr mitgeteilt. Da ward dem trostlosen Manne das unaufhörliche Harren zu viel. Er wollte nun seine Rache für sich haben – mochten sie ihn dann rädern und vierteilen. Und gleichzeitig mit den rasenden Schmähworten, die er dem Blutrichter zurief, hob er den Arm, der einen zehnpfündigen Hammer schwang. Eine Sekunde noch, und Karl Wedekind hätte mit einem tollen Satz den Zentgrafen erreicht und ihm den Kopf zertrümmert. Adam Xylander jedoch packte ihn rechtzeitig beim Kittel. Im selben Augenblick stürzten drei oder vier Stadtsoldaten heran und machten ihn dingfest.

Balthasar Noß hatte die große Gefahr erst erkannt, als sie vorüber war. Mit erkünsteltem Gleichmut wies er auf den baumstarken Angreifer, der sich noch immer wild bäumte und die fürchterlichsten Verwünschungen ausstieß.

„Man binde den Uebelthäter!“ sprach er gebieterisch. „Vermutlich ein Schandgenosse der Malefikantin! Führt ihn augenblicks nach dem Stockhaus! Zwei Mann von euch sind hier entbehrlich. Das habt ihr gut gemacht, Leute! Euer Lohn wird nicht ausbleiben. Und wie diesem Aufrührer und Verleumder gehe es jedem, der seiner Obrigkeit die schuldige Ehrfurcht weigert. Jetzt aber vorwärts! Stadtsoldaten, schützt mir die Hoheit des Tribunals! Ich befehle euch das im Namen unseres allergnädigsten Landesherrn. Jeder Versuch, uns den Weg zu verlegen, wird mit unnachsichtlicher Strenge geahndet werden!“

„Platz da!“ brüllte der Obmann der Stadtsoldaten. Von neuem setzte sich der Todeszug in Bewegung. Das Volk, verblüfft von der zermalmenden Schnelligkeit, mit der man den Tischlermeister unschädlich gemacht hatte, und beeinflußt von der dämonischen Kraft, die aus der kühnen Entschlossenheit des Zentgrafen sprach, wich noch einmal zurück. Dem Notar Weigel hatte die Faust des Gerichtsschreibers, der voll Bewunderung zu Balthasar Noß aufgeschaut hatte, die Verwahrungsurkunde mit einem heftigen Ruck aus den Fingern gerissen. Das Undenkbare schien also wirklich zu werden: die frechste Mißachtung einer reichsdeutschen Gesetzesvorschrift, die der Notar für einfach unantastbar gehalten. Wie ein Verstörter wankte Rolf Weigel heim. Hildegard Leuthold aber sank wieder halb ohnmächtig an die Schulter des Priesters, der ihre Linke ergriff und mit schier versagender Stimme ein leises Gebet murmelte.

26.

Noch immer klang das Gewimmer des Armesünderglöckchens vom Turm der Marienkirche. Nur für Augenblicke war es durch den Tumult am Gusecker Thor übertäubt worden. [592] Jetzt, da der Zug auf dem Heerweg langsam bergauf stieg, vernahm man wieder deutlich das seltsam dünne, schreckliche Kleppen, das seit Menschengedenken die Verurteilten der Glaustädter Tribunale nach dem Richtplatz begleitet hatte. Zurückschauend, sah man das Glöckchen in seinem regelmäßigen Hin- und Herschwingen scharf abgezeichnet gegen das Blau des Himmels, das durch den schlanken tempelartigen Turmaufsatz leuchtend hindurch schien.

Auch Hildegard, die sich jetzt wieder gefaßt hatte, sah bei der Biegung der Landstraße dies unheimlich schnelle Auf und Nieder und wunderte sich, daß ihr so wenig vor diesem Anblick grauste. Sie war nun vollständig Ergebung und Ruhe. Das einzige, was sie noch quälte, war das Bewußtsein, daß sie dem wackeren Notar für den Versuch, ihr werkthätig beizuspringen, nicht mehr gedankt hatte. Aber auch das ging vorüber.

Auf dem Böhlauer Trieb stand das Blutgerüst aufgeschlagen, wenige Ellen davon entfernt der Scheiterhaufen. Der Böhlauer Trieb war ein brachliegendes viereckiges Grundstück, ehemals Weide. Hinter dem Trieb zog sich die Wolfskante her, ein dichtes, uraltes Nadelgehölz, das in weit ausgreifendem Bogen mit dem Lynndorfer Walde zusammenhing.

Der Scheiterhaufen, das Blutgerüst und die Gestalten der Scharfrichter hoben sich mit jeder Minute unübersehbarer von dem grünschwärzlichen Tannicht der Wolfskante ab. Der Stadtpfarrer Melchers mühte sich eifrig, den Blicken des jungen Mädchens eine andere Richtung zu geben. Aber es half nichts. Wie magisch gebannt schaute sie aufwärts. Sie seufzte aus tiefster Brust, schloß ihre Augen und murmelte voll glühender Inbrunst. „Jesus, allgütiger Heiland, erbarme dich meiner!“

Die Henkersknechte zogen die längst schon Willenlose rasch vom Wagen herab. Die Mitglieder des Tribunals bildeten einen Halbkreis. Der Gerichtsschreiber trat vor, um ihr noch einmal den Urteilsspruch zu verlesen.

Mit eintöniger Stimme begann er wie folgt:

„Ihr, Hildegard Leuthold, Tochter des kursächsischen Magisters und Hochschullehrers Franz Engelbert Leuthold, geboren zu Wittenberg am sechzehnten Februarii anno domini sechzehnhundertundeinundsechzig, anjetzo wohnhaft in Glaustädt, seid überführt und habt vor den Schranken des hochverordneten Glaustädter Malefikantengerichts reumütig bekannt, daß Ihr seit etlichen Jahren …“

So weit war er gekommen, als plötzlich vom Walde her eine helldonnernde Salve erkrachte und ihn mitten im Satze verstummen ließ. Noch schien keiner von der zahlreichen Menschenmenge verletzt. Die Schüsse aus den wuchtigen Feldbüchsen, die da von unsichtbarer Hand im Untergehölz abgebrannt wurden, mochten geflissentlich über die Köpfe der Volksmasse hinaus gehen. Trotzdem riefen sie eine gewaltige Wirrnis hervor. Und eh’ sich der Rauch an der Wolfskante verzog, drang eine Schar wohlbewaffneter Männer, teils Flinten im Arm, teils Pistolen im Gürtel, sämtlich aber den blanken Stahl in der Faust, mit unaufhaltsamer Schnelligkeit auf die Blutrichter ein. Der vorderste dieser Anstürmer war Doktor Gustav Ambrosius.

(Fortsetzung folgt.)

Vom Stachel der Fische.
Von Dr. med. Otto Thilo. Mit Abbildungen von Aug. Specht.

„Was will er eigentlich mit seinen Fischen? Will er vielleicht Gräten zählen?“ Diese ewig denkwürdigen Worte richtete Friedrich der Große an den hochverdienten Naturforscher Bloch, als dieser sich an ihn mit der Bitte gewandt hatte, er möge die Fischerei an der Ostsee veranlassen, Bloch bei seinen Untersuchungen der Seefische zu unterstützen.

Heutzutage ist das allerdings anders geworden. Viele Regierungen haben namhafte Summen der Erforschung unserer Gewässer gespendet. Viele Gesellschaften haben mit großen Mitteln für diesen Zweck gearbeitet. Trotzdem ist das allgemeine Interesse am Leben und Bau der Fische noch immer kein sehr großes. Auch mancher unserer Leser denkt vielleicht wie „der alte Fritz“. Das Leben der Fische muß doch eigentlich recht einförmig und langweilig sein. Wenigstens äußerte sich noch vor kurzem ein mir befreundeter Mineralog, als er mich mit der Untersuchung von Fischflossen beschäftigt fand, folgendermaßen:

„Sagen Sie einmal, lieber Doktor, was finden Sie eigentlich an den Fischflossen Bemerkenswertes? Mir scheint es, daß sie alle

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Einhorn mit aufgerichtetem, mit zurückgelegtem Stachel.
Seekröte mit aufgerichteten, mit zurückgelegten Stacheln.
Heringskönig.

[593] so ziemlich gleich aussehen. Bald sind sie etwas länger oder kürzer, bald breiter oder schmäler. Um dieses festzustellen, braucht man nicht erst aus allen Weltgegenden Fische aufzusammeln und ganze Stöße von Büchern durchzustudieren.“

Da ich unter derartigen Fragen schon oft gelitten habe, so riß mir die Geduld, und unwillkürlich „platzten heraus auch mir die geheimsten Gedanken.“

„Mein Herr“, so rief ich aus, „Sie kennen die Fische wohl nur geräuchert oder gebraten und

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Knurrhahn.
Flughahn und Seeschwalbe.
Auf Bäume kletternde Schlammspringer.

schwimmen haben Sie dieselben wohl nur in der Suppe gesehen, sonst würden Sie nicht so reden.“

Die Gliedmaßen zeigen bei den Fischen größere Verschiedenheiten als bei anderen Tierarten, da sie den verschiedenartigen Zwecken dienen müssen.

Die Fische benutzen ihre Flossen keineswegs ausschließlich zum Schwimmen, sondern häufig sind sie gezwungen, mit Hilfe der Flossen sich zwischen Schilf und Schlingpflanzen hindurchzuarbeiten oder am Boden der Gewässer vorwärts zu schieben. Bei einer Fischart des Mittelmeeres, dem Knurrhahne (Trigla), sind sogar zu diesem Zwecke die drei vorderen Strahlen von dem übrigen Teile der Brustflossen abgetrennt und so gestellt, daß sie ihrer Form nach an die Beine einer Spinne erinnern. Man kann es oft im Aquarium beobachten wie der Knurrhahn mit diesen beinartigen Flossenstrahlen am Boden eines Behälters dahinkriecht (vergl. die nebenstehende Abbildung).

In ähnlicher Weise benutzt wohl auch unser Seeskorpion (cottus scorpius) die drei stacheligen Strahlen seiner Bauchflossen, die ja zum Schwimmen ganz ungeeignet sind. Die Fischer der baltischen Badeorte nennen diese Strahlen geradezu „die Beine“ des Fisches. Man braucht sie nur nach dem Seebullen (lettisch juhras bullis) zu fragen, so zeigen sie ihn auf seinen „Beinen“ stehend gern als eine Besonderheit des Strandes.

Einige brasilianische Welse verlassen ihre Teiche, wenn diese austrocknen, und wandern meilenweit über trockenes Land, auf die Stacheln ihrer Brustflossen gestützt, nach anderen wasserhaltigen Becken. Sie erreichen hierbei die Geschwindigkeit eines gemächlich dahinschreitenden Mannes. Der nebenstehend abgebildete Schlammspringer (Periophthalmus Koelreutheri) in Loango huscht eidechsenartig mit seinen breiten Brustflossen am Meeresufer und an Bäumen so geschwind dahin, daß er schwer zu fangen ist.

Doch nicht allein zu Wasser und zu Land, auch durch die Luft bewegen sich einige Fische mit Hilfe ihrer Flossen. Die sogenannten fliegenden Fische schnellen aus dem Meere empor und schießen bis 400 Meter weit durch die Luft indem sie ihre großen Brustflossen gleich Fallschirmen aufspannen. Die Seeschwalbe (Exocoetus volitans) legt eine Strecke von 200 bis 400 m durch die Luft zurück, während der Flughahn nach Brehm nur 100 bis 200 m durch die Luft schießt (vergl. die obenstehenden Bilder.) Aber die Flossen sind nicht bloß Bewegungsorgane, sie werden auch oft von den Fischen zum dauernden Festhalten an den verschiedenartigsten Gegenständen benutzt. Der Schlammspringer klammert sich mit seinen breiten Brustflossen an die Zweige der erkletterten Bäume und ist imstande, durch die Kraft der Brustmuskeln seine Körperlast zu tragen. Da aber häufig die Muskelkraft nicht ausreichen würde, um im reißenden Strome oder in der brandenden Flut dauernd einen Fisch in der eingenommenen Stellung zu erhalten, so findet man bisweilen die Flossen zu Haftscheiben umgewandelt, welche den Fisch befähigen, nach Art eines Schröpfkopfes dauernd an Schiffen, Steinen und anderen Gegenständen zu haften. Ich erinnere nur an die Schiffshalter (Echeneis remora).

Einige Welse Indiens besitzen derartige Haftscheiben als Hautfalten am Bauche, unabhängig von den Flossen entwickelt. Bei diesen Welsen wird die Thätigkeit der Haftscheiben von den kräftigen Stacheln der Brustflossen unterstützt, mit denen sie sich zwischen den Steinen der reißenden Gebirgsströme feststellen. Auch das Einhorn (siehe S. 592), ein Fisch des Roten Meeres, benutzt seinen Rückenstachel in ähnlicher Weise.

Die Hauptbestimmung der Stacheln wird aber wohl die von Schutzorganen sein. Hierfür spricht schon der Umstand, daß es [594] Fischstacheln giebt, die, genau nach Art der Giftzähne von Schlangen, mit Giftdrüsen und Giftröhren versehen sind.

Auch kann man es häufig beobachten, wie viele Fische ihre Stacheln beim Herannahen einer Gefahr aufrichten, z. B. unsere Stichlinge, wenn man an die Wände ihrer Behälter klopft. Die Stacheln der Fische haben wohl schon frühzeitig die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich gelenkt. Viele wilde Völker benutzen sie als Pfeilspitzen. Auch auf alten ägyptischen Wandgemälden findet man Fische dargestellt, die mit aufgerichtete Stacheln unter anderen Fischen einherschwimmen.

Oviedo und Las Casas, die zu Anfang des 16. Jahrhunderts lebten und Amerika zur Zeit seiner Entdeckung beschrieben, berichten über ein kleines spannenlanges Fischchen, von den Spaniern Reverso genannt, welches mit seinen aufgerichteten Rückenstacheln die größten Fische so erfolgreich angreife, daß die Indianer Cubas und Espanolas es zum Fischfang benutzen, indem sie es an einer dünnen, aber festen Schnur, die am Ende einen Schwimmer trägt, ins Meer lassen.

Obgleich uns diese Erzählung nicht sehr glaubwürdig erscheint, so wäre es doch nicht undenkbar, daß ein kleiner mit Giftstacheln bewaffneter Fisch,

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Sperrvorrichtungen an Stacheln der Fische.
A aufgerichteter – B niedergelegter Stachel des Einhorns. – C Sperrvorrichtung bei den Stacheln des Heringskönigs.

z. B. die Seekröte (s. die Abbildung S. 592), welche in der That in jenen Gegenden lebt, größere Fische angreift und tötet. In der neuern Zeit sind von den verschiedensten Beobachtern Kämpfe geschildert, in denen ein Fisch den andern mit seinem Stachel durchbohrt und tötet. Bei Lütken findet sich hierüber folgende Angabe. „Ein Brasilianer hat Dr. Lund erzählt, daß er einmal sah, wie ein kleiner Wels seinen Bruststachel in den Körper eines viel größeren Fisches stieß. Der Fisch machte einen Sprung aus dem Wasser, geriet auf das Trockene und wurde zugleich mit dem Wels gefangen, der fest an ihm hing.

Es handelt sich in solchen Fällen wohl vielfach um die Kämpfe, welche die Männchen zu bestehen haben, wenn sie die im Neste befindlichen Jungen bewachen.

Diese „Brutpflege“ kann man häufig an unseren Stichlingen im Mai und Juni beobachten (vergl. die Abbildung S. 595).

Da der Fisch während einer solchen Wache seine Waffen, die Stacheln, oft lange Zeit hindurch ununterbrochen aufgerichtet zu erhalten hat, so müssen die Stachelmuskeln nicht selten so sehr ermüden, daß der Fisch seine Waffen sinken läßt und nun seinen vielen Feinden gegenüber vollständig schutzlos ist.

Es war mir z. B. ganz undenkbar, daß ein Stichling seine Stacheln stundenlang mit seinen Muskeln aufrecht erhalten kann. Ich vermutete daher, daß gewisse Anordnungen und Vorrichtungen den Muskeln das Aufrechterhalten der Stacheln erleichtern. Zahlreiche Untersuchungen, die ich hierüber an den verschiedensten Fischarten anstellte, bestätigten meine Vermutung.

Richtet man z. B. die Rückenflossen eines Barsches auf, so bemerkt man, daß die vordersten Strahlen derselben stark nach vorn geneigt sind, offenbar weil es den Muskeln leichter ist, einen schräg nach vorn gerichteten Stachel gegen den Druck des Wassers beim Schwimmen zu erhalten, als einen senkrecht stehenden. Auch die Masten der Schiffe sind ja hauptsächlich nur deshalb nach hinten gerichtet, damit den Tauen das Halten der Masten erleichtert wird, wenn das Schiff vor dem Winde segelt. Jedenfalls haben die Barsche einen recht sicheren Schutz in ihren stacheligen Flossenstrahlen.

Da viele stacheltragende Fische Nester bauen und dieselben bewachen, so vermutete ich auch von den Barschen Aehnliches. Ich konnte jedoch keine Angabe in der Litteratur hierüber auffinden und wandte mich daher mit einer Anfrage an den Leiter der Fischzüchtereien des Fürsten Schwarzenberg in Wittingau (Böhmen), an Herrn Josef Susta. Dieser war so freundlich, mir folgende Antwort zu erteilen:

„Zu Ihrer Bemerkung, daß stacheltragende Fische eine Brutpflege haben, kann ich mitteilen, daß auch der Barsch und der Zander ihre Brut, wie der Vogel seine Jungen, im Neste pflegen. Deswegen habe ich auch die Laichgraben, welche die Zander mit dem Schwanze schlagen, Nester genannt. Wie erbittert setzen sie sich zur Wehr, wenn ein anderes Tier oder die Menschenhand in ihre Nähe kommt! Wenn man bedenkt, wie scheu sonst diese Fische vor der Menschenhand fliehen, so will diese Beobachtung viel bedeuten.

Bei anderen Fischen, z. B. bei dem Einhorn (Monacanthus) findet man eine Vorrichtung, welche den Fisch befähigt, seine Stacheln ganz ohne Muskelthätigkeit aufrecht zu erhalten. Es ist dieses eine vollständige Sperrvorrichtung , ein kleiner keilförmiger Knochen, der von dem Fische hinter den Gelenkkopf des Stachels geschoben wird.

Die beistehenden Abbildungen (Fig. A und B) mögen diese Vorrichtung verdeutlichen. Der kleine Knochen hinter dem Stachel (Hemmknochen) ist mit seinem oberen Ende durch ein Band an dem Stachel befestigt. Erhebt man den Stachel, so wird auch das obere Ende des Hemmknochens erhoben. Sein unteres keilförmiges Ende gleitet hierbei hinter das Gelenkende des Stachels und steckt ihn so fest, daß man ihn nicht zurücklegen kann, so lange die untere Spitze des Hemmknochens hinter dem Gelenkende sich befindet. Zieht man jedoch an dem Beugemuskel, der am unteren Ende des stabförmigen Knochenhebels angreift, so wird die untere Spitze des Hemmknochens hervorgezogen und der Stachel umgelegt. Den Fischerknaben am Roten Meere ist diese Sperrvorrichtung wohlbekannt, sie haben es oft erfahren, daß sie das Einhorn nur dann aus seinem Felsloch ziehen können, wenn sie den kleinen Flossenstachel (Hemmknochen) hinter dem Rückenstachel niederdrücken, wie den Drücker an einer Flinte, und so den großen Stachel umlegen.

An den Rückenstacheln des Heringskönigs (Fig. C) findet sich eine Sperrvorrichtung, die zeigt, wie der kleine Hemmknochen des Einhorns aus einem langen stacheligen Flossenstrahl entstehen kann.

In Fig. C sind die drei vorderen Strahlen der Rückenflosse des Heringsköniges abgebildet. Man bemerkt an der Rückseite des ersten und zweiten Strahles in der Nähe des Gelenkes einen knöchernen Fortsatz, dessen Form an einen Sporn erinnert. Mit diesem Sporn stemmt sich der erste Strahl, wenn er aufgerichtet ist, gegen ein Grübchen an der vorderen Seite des zweiten Strahles, so daß er hierdurch festgesteckt wird. Der zweite Strahl stützt sich gegen die vordere Seite des dritten. Der dritte Strahl kann aber nicht mehr sich gegen den vierten stützen, sein Sporn ist hierzu nicht genügend lang.

Man denke sich jetzt alle Strahlen so zurückgebildet wie beim Einhorn. Bei diesem ist vom zweiten Strahl nur noch das Gelenkende vorhanden und bildet den Hemmknochen zum Feststecken des ersten Strahles. Solche Rückbildungen von Flossen werden wir unten noch näher kennenlernen. Es kann hierbei die ganze Flosse schwinden und nur der vorderste Strahl sich zu einem Stachel ausbilden. Es können aber auch mehrere Strahlen der Flosse zu Stacheln sich entwickeln, indem die Schwimmhaut zwischen ihnen schwindet. Dieses ist z. B. der Fall bei unserem Stichling. Obgleich er so klein ist, verschont ihn doch der gefräßige Hecht wegen seiner feststellbaren Stacheln, während er den großen Karpfen trotz seiner scharfen, gezähnelten Stacheln ganz ungestraft [595] verschlingt. Wären die Stacheln der Karpfen mit solchen Sperrvorrichtungen versehen wie die Stacheln der Stichlinge, so würde der Hecht im Karpfenteich kein sehr angenehmes Leben haben.

Die Betrachtung der Lebensverhältnisse des Stichlings weist darauf hin, wie sehr er seiner Stacheln bedarf. Freilich, der Barsch und der Hecht büßen es oft mit dem Leben, wenn sie einen Stichling verschlingen; der Lachs und Dorsch jedoch verschlingen ihn ohne Schaden. Die größte Gefahr aber droht ihm von den Müttern seiner Kinder. Stets bemüht, ihre eigenen Kinder zu verschlingen, stürmen sie vereint unablässig auf das Nest los, in dem sie der sorgsame Vater bewacht, und nur zu häufig unterliegt dieser den Folgen seiner Vielweiberei.

Um diesen vielseitigen Angriffen zu begegnen, sind aber auch die Stacheln der Stichlinge mit Gelenkvorrichtungen versehen, die einen sehr ausgiebigen Gebrauch derselben ermöglichen. Blitzartig schnell richtet ein Stichling seine Stacheln auf, wenn er gereizt wird, und stundenlang kann er sie ohne die geringste Muskelaufwendung aufrecht erhalten. Hiervon überzeugt man sich leicht, wenn man die aufgerichteten Stacheln eines getöteten Stichlings niederzulegen versucht.

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Stichling im Nest.

Drückt man gegen die Spitze des Stachels, so gelingt es nicht, ihn niederzulegen, drückt man dagegen mit der Spitze einer Nadel genau auf einen bestimmten Punkt vorn an seinem Gelenkende, so kann man ihn ohne Schwierigkeit niederlegen. Diese überraschende Thatsache wird erst verständlich, wenn man das Gelenk des Stachels genauer betrachtet und seine Hemmvorrichtung mit denen anderer Fischarten vergleicht. Es giebt deren sehr verschiedenartige, und einige von ihnen sind so schwer zu lösen, daß ich in mehreren größeren Museen kleine Fische der Art in sehr großen Behältern fand, weil man nicht imstande gewesen war, durch Niederlegen ihrer Stacheln ihnen Eingang in Glasgefäße zu verschaffen, die ihrer Größe entsprachen.

Es gelang mir, alle vorgelegten Stacheln niederzulegen, nur an einer japanischen Fischart scheiterte meine Kunst. Ich konnte es aber dafür anatomisch nachweisen warum der Fisch allein imstande ist, mit Hilfe seiner Muskeln diesen Stachel niederzulegen.

Leider kann ich hier nicht weiter auf alle diese höchst bemerkenswerten Vorrichtungen eingehen, an denen man häufig die schwierigsten mechanischen Probleme in so einfacher Weise gelöst findet, daß man anfangs oft gar nicht recht an diese Lösung glauben will. Ich muß hier schon auf eine Beschreibung derselben verzichten, weil ich nur mit Hilfe meiner künstlichen Nachbildungen dieser Gelenke und durch Vorlegung der Gelenke selbst mich verständlich machen kann.[1] Die Stacheln, an denen diese Gelenke sitzen, bilden meist den vordersten vergrößerten Strahl einer Flosse. Häufig sind die übrigen Strahlen hinter diesem vergrößerten Strahle sehr bedeutend geschwunden, ja manchmal fehlen sie vollständig, so daß der Stachel ganz vereinzelt dasteht. In solchen Fällen ist die Hemmvorrichtung am Gelenke des Stachels in besonders hohem Grade entwickelt, z. B. beim obenerwähnten Stichlinge.

Auch die knöchernen Träger eines solchen Stachels zeigen eine bedeutend größere Festigkeit als die schlanken Flossenträger. Durch Anbildung knöcherner Stützen und Streben sind Knochengerüste entstanden, an deren Material und Stützung selbst anspruchsvolle Ingenieure und Architekten wenig aussetzen würden. Dieselbe Entstehung fester Knochengerüste aus schlanken, halb verknöcherten Stäben und Planen kann man auch an den Trägern jener Stachelbildungen beobachten, die nicht aus Flossen hervorgehen, z. B. an den Stacheln der Kiemendeckel des Flughahnes (Dactylopterus volitans).

Dieser fliegende Fisch zeigt an seinen auffallend langen spitzen Stacheln Vorrichtungen, die das Aufrechterhalten derselben dem Fische erleichtern. Die Gelenkköpfe der Stacheln sind von entsprechenden knöchernen Hohlkörpern umschlossen, so daß bei den Bewegungen des Stachels Einklemmungen entstehen, wenn der Stachel nicht genau in seiner Drehebene geführt wird. Der Fisch kann die Reibungswiderstände, welche mit diesen Einklemmungen einhergehen, beliebig steigern, wenn er den Stachel feststellen will, und abschwächen zum Niederlegen des Stachels. Am getöteten Fische ist man imstande, diese Reibungswiderstände willkürlich hervorzurufen und zugleich Reibungsgeräusche zu erzeugen, die weithin hörbar sind und an das Zirpen der Heuschrecken erinnern.

Wir sehen also, daß die Gliedmaßen der Fische auch als Lautorgane dienen können. Von mehreren zuverlässigen Forschern wird sogar angegeben, daß zahlreiche Fische durch Erzeugung von Lauten sich miteinander verständigen können. Der Däne Sörensen bezeichnet diese Laute geradezu als „Signale der Fische“ untereinander. Wie der Gesang der Vögel zur Zeit ihrer Werbung lauter ertönt als sonst, so sollen auch die Fische zur Laichzeit ganz außergewöhnlich laut mit ihren Stacheln knarren. Sie prangen dann in den grellsten Farben. Der Zoologe sagt: Sie ziehen ihr „Hochzeitskleid“ an. Ich erinnere hier nur an die im Mai und Juni sehr auffallend gefärbten Männchen unserer Stichlinge, welche bei den Straßenjungen den schönen Namen „Könige der Stichlinge“ führen. Auch die Kampfsucht der Fische ist zur Laichzeit im höchsten Grade gesteigert. Wütend fahren sie mit ihren Zähnen und Stacheln aufeinander los.

Daher gilt auch von den Gliedmaßen der Fische, was ein englischer Forscher von den Insekten sagt: „Ihre Gliedmaßen zeigen Bildungen, welche ein Männchen befähigen, das andere beim Werben zu besiegen, durch seine Kraft, Kampfsucht, Zieraten oder Musik! Als Zieraten dienen den Fischen bei der Werbung nicht bloß ihre Färbungen, sondern auch gewisse fadenförmige und gelappte Anhänge der Flossen, die nach einigen Forschern bei vielen Männchen mehr ausgebildet sind als bei den Weibchen. Diese höchst seltsamen Flossenbildungen sind an unseren einheimischen Fischen kaum wahrnehmbar. Ein Blick jedoch in Brehms „Tierleben“ oder auf jene Abbildungen der Tiefsee-Fische, welche man ja häufig in volkstümlichen Werken findet, zeigen die abenteuerlichsten Formen derselben.

Die Fische können also mit ihren Flossen schwimmen, kriechen, stehen, weite Wanderungen zu Lande unternehmen, laufen, auf Bäume klettern, fliegen und dauernd sich „mit klammernden Organen“ an den verschiedensten Gegenständen halten. Sie können mit ihren todbringenden Stacheln selbst größere Feinde fernhalten. Sie können aber auch an ihren Stacheln das Strenge mit dem Zarten vereinen. Sie entlocken ihnen zarte bestrickende Laute, mit denen sie knarrend die Gunst ihrer Weibchen erwerben, denn diese fächeln ihnen sanft zu mit den fächerartigen Anhängen ihrer Flossen.

Gewiß! Nicht viele Tiere besitzen Gliedmaßen, die mit so reichen Gaben ausgestattet sind.

[596]
Blätter und Blüten.


Teuerungsdenkmünze von 1846/47. (Mit Abbildung.) Das große; vor wenigen Wochen über Deutschland hereingebrochene Wetterunglück mit seinem Gefolge von Elend und Jammer ruft unwillkürlich die Erinnerung an frühere schwere Zeiten hervor. So brachte vor 50 Jahren der Sommer 1846 für Mitteldeutschland eine völlige Mißernte und als Folge derselben eine drückende, für die ärmere Bevölkerung mit bitterster Not verknüpfte Teuerung aller Lebensmittel, welche erst durch die reiche Ernte des Jahres 1847 gehoben wurde. Zur Linderung des Notstandes geschah damals von allen Seiten sehr viel, u. a. wurde nach der Ernte von 1847 auf Veranlassung und auf Kosten einiger opferwilliger Bürger von Halle a. d. Saale die Denkmünze geprägt und zum Besten der Notleidenden verkauft, welche die beigefügte Abbildung wiedergiebt, sie versinnbildlicht auf der ersten Seite durch die hungernde Familie die Not von 1846/47, welche ungefähr Ende Mai 1847 ihren Höhepunkt erreichte, auf der zweiten Seite durch das Erntefeld mit dem „Erntekranzfuder“ und der im Vordergrunde ein Dankgebet zum Himmel emporsendenden Familie die glückliche Abwendung der Not. Bezüglich der Einzelheiten der Prägung kann auf die Abbildung verwiesen werden; nachzutragen bleibt nur, daß an der Leiste unterhalb der hungernden Familie links der Name des Medailleurs

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Teuerungsdenkmünze von 1846/47.

steht: H. LORENZ F.(ecit.). Die Denkmünze selbst, deren Ausführung ganz vorzüglich ist, wurde stark abgesetzt; sie findet sich noch heute in Zinn häufig (in Familienbesitz, in Sammlungen und im Münzhandel, in Bronze nicht häufig, in Silber sehr selten.) Ein Teil der Stücke zeigt übrigens eine kleine Abweichung in der Prägung, welche jedoch nur für Sammler und Münzkenner Bedeutung hat; es ist z. B. rechts hinter dem Erntefelde eine untergehende Sonne angebracht, und neben dem Namen des Medailleurs liest man noch: L. HAASE FUNDATOR ('L. Haase, Stifter'!). Der Genannte, ein Färbereibesitzer in Halle a. d. Saale, hatte sich nämlich durch Aufbringung der Kosten etc. das Hauptverdienst um die Herstellung dieser Teuerungsdenkmünze erworben.

R. Schmidt.




In’t Vörbigahn.
(Zu dem Bilde S. 589)

Blue Heben[2] , blue See;
Bülgen[3] witt as niegen[4] Snee.
Gau[5] in’t Boot to goode Stünn[6]
In’t Vörbigahn schient de Sünn!

5
Süh, wer steiht doar in de Sand,

Neeg[7] jüst bi de Waterkant?
As dat Gras weiht Rock und Hoar;
Dunner, steiht mien Trina doar?

Söben Joar bün ick ehr good

10
Blot to friegen[8]fehl de Mood[9]

Wenn ick mi dat rech’ bewenn
Bring ick mal uns’ Saak to Enn!

„Dag ook, Trina!“
„Dag ook, Klaas!“
Na, hüt makt dat Seilen[10] Spas?“

15
„Ja – – – un wat ick seggen wull, –

Deern, wat löppt de Tied doch dull!“

Trina wiest de Tän[11] un lacht.
„Wull, mien Klaas un du geihst sacht'.“
„Ja – – un wi kriegt griese[12] hoar;

20
kumm, wi makt den Putt hüt kloar[13]!“


Blue Heben , blue See;
Bülgen witt as niegen Snee.
In’t Vörbigahn kümmt de Mood
Un wat lang woart, dat ward good.

Johannes Wilda.
  1. Diese Nachbildungen sind käuflich in Handlungen für Lehrmittel zu einem geringen Preise. – Näheres über meine Forschungen siehe. „Dr. med. O. Thilo. Die Umbildungen an den Gliedmaßen der Fische.“ Leipzig, Engelmann 1896.
  2. Himmel.
  3. Wolken.
  4. neu.
  5. rasch.
  6. Stunde.
  7. nahe.
  8. heiraten.
  9. Mut.
  10. Segeln.
  11. Zähne.
  12. graue.
  13. Den Tag klar machen = eine Sache fest abmachen.


Kunstkritiker. (Zu dem Bilde S. 581) Nur auf kurze Zeit, um die Frühstückspause zu machen, hat der Maler seine an der Gartenmauer aufgeschlagene Werkshütte verlassen, und da hat sein bis auf wenige Striche vollendetes Bild ein überaus zahlreiches Publikum angezogen. Was mag es wohl sein, was dem Gemälde eine so große Anziehungskraft verleiht? Die Hauptsache auf ihm bildet zweifelsohne ein Mitbürger des Städtchens. Die Person ist wohl schon an und für sich eine originelle Gestalt – und im Bilde sind ihre Züge so meisterhaft festgehalten worden, daß das Staunen und die Freude der Beschauer kein Ende nehmen will und der Andrang der Neugierigen über die Mauer wächst. – „Wie er leibt und lebt!“ lautet das einstimmige Urteil, mit dem der Maler zufrieden sein kann. Mag auch die hohe Kunstkritik später an seiner jüngsten Schöpfung dies und jenes aussetzen, sie wird nicht leugnen können, daß das Bild lebenswahr ist. Das bestätigen ja die berufensten Kritiker auf und jenseit der Gartenmauer.

*




Erwartung. (Zu dem Bilde S. 585.) Kommt er, kommt er nicht? … Ganz sicher scheint sie ihrer Sache nicht zu sein, die niedliche Kleine, die hier klopfenden Herzens und verstohlen im letzten Parkende sich einfand, obgleich sie gestern, als Er beim allgemeinen Aufbruch und Abschied ihr das hastig bittende Wort zuflüsterte, im ersten Schrecken „Nein, nein!“ hervorgestoßen hatte. Wenn er das nun für Ernst genommen hat und wegbleibt? Wenn sie, unter steter Gefahr der Entdeckung, sich umsonst so zierlich für ihn herausputzte, umsonst alle Listen brauchte, rechtzeitig zu entwischen und nun ach! umsonst mit den großen braunen Augen unverwandt den Weg entlang sucht, den er kommen muß! … Unbesorgt, kleine Unschuld! Er weiß ganz genau, was von solchem „Nein“ zu halten ist, und läßt sich nicht dadurch schrecken. Aber den offenkundigen Weg vom Schloß her wird er wohl nicht wählen, um seinen aller – allerletzten Abschied zu nehmen. – Der kleine Spitz ist bereits auf der richtigen Spur, er dreht sich um und hebt das Köpfchen nach der andern Seite. Wie lange wohl unter solchen Umständen die einsame „Erwartung“ noch dauern mag?

Bn.





Hochgewitter im Wettersteingebirge. (Zu unserer Kunstbeilage.) Hoch und gewaltig in seiner Ausdehnung erhebt sich auf der Grenze von Bayern und Tirol, zwischen Scharnitz- und Fernpaß, das Wettersteingebirge, dessen höchste Erhebung, die Zugspitz, mit ihren 2968 m zugleich die höchste Bergspitze des Deutschen Reichs ist. Ob man bei klarer Witterung aus der Umgebung von Partenkirchen und Garmisch oder vom Barmsee bei Mittenwald aus das Auge an der alpinen Prachtentfaltung des Massivs mit seinen Fernern und der von ihnen umpanzerten Zugspitz weidet, ob man am Eibsee im tiroler Leutaschthal oder in Lermoos und Ehrwald den Blick über seine schroffen Felsabstürze gleiten läßt, überall ist der Eindruck, den man von ihm empfängt, ein gleich starker, und alle Alpenherrlichkeit findet sich in ihm vereinigt. Weithin grüßen seine Schneefelder und Gratspitzen ins Bayerland hinein und in einer Eisenbahnfahrt von wenigen Stunden sind von München aus die so schön ihm zu Füßen gelegenen Ortschaften Partenkirchen und Garmisch zu erreichen. Kein Wunder daher, daß das Wettersteingebirge zu den besuchtesten gehört und daß in jedem Sommer eine große Zahl rüstiger Söhne und auch Töchter des Vaterlands es unternimmt, durch die Besteigung der Zugspitz auf Deutschlands höchstgelegenen Punkt zu gelangen. So gut aber auch der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein dafür gesorgt hat, dieses Unternehmen möglichst bequem und gefahrlos zu gestalten, so wackere und sichere Führer die Ortschaften am Fuße des Wettersteingebirgs den Touristen zur Verfügung stellen – fast in jedem Jahr fordert der Wetteifer unserer Bergsteiger auch in diesen Revieren seine Opfer. Denn gerade dies so bestechende Alpenmassiv wird auch besonders stark von allen Unbilden der Witterung heimgesucht, welche den Aufenthalt in der Welt des ewigen Schnees zu einem so gefahrvollen machen. Kann der Ausbruch eines Gewitters schon in der Ebene genug des Unheils anrichten und seine verheerende Wirkung furchtlose Männerherzen erbeben machen, so steht im Hochgebirge der Mensch den entfesselten Elementen geradezu hilflos gegenüber. Schon die Wolkenmassen, wenn sie sich in den Schründen und Klüften festhalten oder von oben her die Felsen und Ferner umhüllen, machen das Vorwärtsdringen schier unmöglich, und der jähe Temperaturwechsel, welcher zumeist eine Folgeerscheinung der Gewitter ist, und seine Wirkung auf Firn und Eis bereitet dem Alpenbesteiger aber noch weit verhängnisvollere Gefahren; diejenigen jedoch, welche ein solches Hochgewitter in den Alpen glücklich, überstanden, schildern es als ein Schauspiel von ergreifender Großartigkeit. Lange währt oft der Kampf zwischen Licht und Finsternis, bis alle Gipfel von den heranfegenden Wolken umhüllt sind, und der Anblick dieses Kampfes der Himmelsmächte unter Donner und Blitz ist von dämonischem Zauber. Zeno Diemers fesselndes Bild veranschaulicht uns dieses Schauspiel, die noch freiliegenden Felsenschrofen vorn auf dem Bild sind die beiden Plattspitzen, die 2678 und 2681 m hoch sind und an denen der Weg von Ehrwald zur Zugspitz vorbeiführt.