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Die Heimath in der neuen Welt/Zweiter Band/Siebenundzwanzigster Brief

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Sechsundzwanzigster Brief Die Heimath in der neuen Welt. Zweiter Band
von Fredrika Bremer
Achtundzwanzigster Brief
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Textdaten
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Autor: Fredrika Bremer
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Titel: Die Heimath in der neuen Welt, Zweiter Band
Untertitel: Siebenundzwanzigster Brief
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Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1854
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Verlag: Franckh
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Gottlob Fink
Originaltitel: Hemmen i den nya verlden. Andra delen.
Originalsubtitel: Tjugondesjunde brefvet
Originalherkunft: Schweden
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Erinnerungen über Reisen in den USA und Cuba
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Siebenundzwanzigster Brief.
Sct. Paul, Minnesota. Den 25. Oct 1850.

Ungefähr drei Meilen von Sct. Paul sahen wir ein großes indianisches Dorf, etwa zwanzig mit Fellen bedeckte Hütten, von denen Rauchsäulen emporstiegen. Mitten unter diesen Hütten lag ein Blockhaus. Es war die Wohnung, die sich ein christlicher Missionär mitten unter den Wilden erbaut und wo er eine Schule für die Kinder eingerichtet hat. In einem Halbkreis hinter dem Dorf waren auf den grünen Höhen eine Menge vierstütziger Gerüste, auf denen Särge oder Kisten von Rinde aufgestellt waren. Weiße Fähnlein zeichnen das luftige Ruhelager der zuletzt Entschlafenen aus. Das Dorf, das Kaposia heißt und zu den festen, indianischen Dörfern gehört, sah lebhaft aus, besonders durch das Gewimmel indianischer Weiber, Kinder und Hunde. Wir fuhren rasch weiter, denn der Missisippi war hier so klar und tief, wie der Götha Elf. Jetzt machte er eine plötzliche Biegung nach links, und wir sahen Sct. Paul vor uns, auf einer bedeutenden Anhöhe des östlichen Ufers stehend, im Hintergrund das blaue Himmelsgewölbe, unter sich in der Tiefe den großen Fluß und vor sich nach rechts und links schöne Thalgründe mit grünenden, waldbewachsenen Höhen — eine recht stattliche und beherrschende Lage mit schönster Aussicht.

Wir legten am untern Theil der Stadt Sct. Paul an. Von da steigt man auf Treppen zu dem oberen hinauf, wie wir es auf den südlichen Bergen am Mosebacke in Stockholm thun. Der Uferstraße entlang saßen oder spazierten Indianer. Sie gingen in lange Filze eingehüllt und mit stolzen Schritten; einige waren recht stattliche Figuren. Dem Boot gegenüber saßen auf Treppen vor den Häusern einige junge Indianer, zierlich mit Federn und Bändern aufgeputzt, und rauchten aus einer langen Pfeife, die sie umhergehen ließen, so daß jeder nur einige wenige Züge that.

Wir hatten noch nicht lang am Ufer angelegt, als der Gouverneur von Minnesota, Mr. Alexander Ramsay, und seine schöne junge Frau an Bord kamen und mich als Gast in ihr Haus luden. Und da bin ich jetzt glücklich mit den friedlichen Menschen und mache mit ihnen Ausflüge in die Gegend. Die Stadt ist eines der jüngsten „Babies“ des großen Westens, erst achtzehn Monate alt, ist aber in dieser Zeit zu einer Bevölkerung von 2000 Personen herangewachsen, und wird wohl binnen wenigen Jahren 20,000 zählen, denn die Lage ist herrlich sowohl in Bezug auf Schönheit und Gesundheit, als auch für den Handel. Hieher strömen die Fellwaaren der Indianer aus dem ganzen ungeheuren Land zwischen dem Missisippi und Missouri, der Westgrenze Minnesotas; die Wälder, die noch in ihrem ursprünglichen Reichthum prangen, und die fischreichen Seen und Ströme bieten unerschöpfliche Mittel dar, und zu ihrer Ausführung im Welthandel ist hier der große Missisippi da, der sie durch ganz Centralamerika bis hinab nach New-Orleans trägt. Auch haben sich bereits mehrere Handelsleute hier ein bedeutendes Vermögen erworben; sie kommen immer zahlreicher hierher und man baut daher so schnell man nur kann.

Aber noch ist die Stadt in ihren Kinderjahren, und man hilft sich mit nothdürftigen Wohnungen. Das Wohnzimmer im Hause des Gouverneur Ramsay ist zugleich sein Amtszimmer, und Indianer, Arbeiter, Damen und Herren kommen unter einander herein. Mittlerweile baut Herr Ramsay für sich ein schönes geräumiges Haus, ein Stück außerhalb der Stadt auf einer Höhe mit schönen Bäumen und mit einer großen Aussicht über den Fluß. Würde ich am Missisippi wohnen, so möchte ich da wohnen. Es ist eine Hochlandsgegend, die überall schöne, wechselreiche Aussichten eröffnet. Und dann ist Alles ein so junges, ein so frisches Leben.

Es wimmelt von Indianern in der Stadt. Die Männer gehen meistentheils zierlich aufgeputzt und mit blanken Aexten, deren Schaft auch als Pfeifenrohr dient. Sie bemalen sich so gänzlich geschmacklos, daß es beinahe unglaublich ist. Mitunter ist das halbe Gesicht mit zinnoberrothen Strichen und Flecken bemalt und die andere Hälfte mit gelben ditto, mit allen möglichen Fantasieen in Grün, Blau und Schwarz, ohne daß ich die mindeste Rücksicht auf Schönheit dabei entdecken konnte. Da kommt ein Indianer, der sich einen großen rothen Fleck mitten auf die Nase gesetzt hat; da ein anderer, der seine ganze Stirn mit kleinen gelben und schwarzen Vierecken bemalt hat; dort ein Dritter mit kohlschwarzen Ringen um die Augen. Alle haben Adler- oder Hahnenfedern im Haar, meistentheils gefärbt, oder mit feuerrothen wollenen Quasten an den Enden. Das Haar ist auf der Stirn kurz abgeschnitten, hängt aber im Uebrigen buschig oder auch in Flechten um die Schultern der Männer sowohl als der Weiber. Die Weiber sind wenig bemalt, und dann mit besserem Geschmack als die Männer, gewöhnlich nur mit einem starkrothen, kleinen Fleck mitten auf der Wange, und die Haare auf der Stirn sind mit Purpur gefärbt. Sie gefallen mir besser als die Männer. Sie haben ein gutmüthiges Lächeln und oft einen sehr freundlichen Ausdruck; auch im Blick ihrer Augen ist etwas weit Menschlicheres als in den Blicken der Männer. Aber sie sind offenbar blos die Lastthiere der Männer. Da geht ein Indianer mit stolzen Schritten und das federgeschmückte Haupt hoch emporhaltend. Er trägt nichts als seine Pfeife und (wenn er auf einer langen Wanderung begriffen ist) vielleicht einen langen Stab in der Hand. Hinter ihm kommt mit gebeugtem Haupt, gekrümmtem Rücken die Frau, beinahe erliegend unter der Last, die sie auf dem Rücken trägt, und welche ihr ein um die Stirn gebundener Gürtel emporhalten hilft. Aus dem Pack auf ihrem Rücken guckt ein kleines, rundes Gesicht mit schönen dunkeln Augen vor; es ist ihr „Papoose,“ wie die Kinder hier genannt werden. Der kleine Körper ist in seinen Windeln mit dem Rücken an ein kleines Brett befestigt, das den Rücken aufrecht halten soll, und da lebt und ißt, schläft und wächst das Kind, fortwährend an das Brett befestigt. Wenn das Kind gehen kann, wird es von der Mutter noch lange in einem Wollfilz auf dem Rücken getragen. Beinahe alle Indianer, die ich hier sehe, gehören dem Siouxstamm an.

Vorgestern führten mich Gouverneur Ramsays an die „Sct. Anthony-Fälle.“ Sie sind einige Meilen von Sct. Paul. Diese Fälle verschließen den Missisippi für die Dampfschiffe und andere Fahrzeuge. Von ihnen bis nach New-Orleans sind es ungefähr 2,200 englische Meilen. Ein Stück weit über den Fällen wird der Fluß wieder ein paar hundert Meilen lang schiffbar, doch blos für kleinere Fahrzeuge und nicht ohne Gefahr. Die Sct. Anthony-Fälle haben keine bedeutende Höhe, und kommen mir blos wie der Fall von einem großen Mühlendeiche vor. Sie fallen quer über ein Lager von Tafelsteinen, die sie zuweilen zerbrechen und in großen Blöcken weiter spielen. Die Gegend ringsum ist nicht großartig und auch nicht pittoresk. Doch ist der Fluß hier sehr breit, und möglicherweise erscheinen deßwegen die Fälle und die Höhe unbedeutender. An den Ufern entlang ist ein großer Reichthum von wildem Buschwerk zwischen Blöcken und Felsenwänden von Tafelsteinen, alles in ruinenartigen, aber nicht großen Gebilden. Fluß, Fall, Land, Aussichten, Alles hat hier mehr Breite und Weite als Größe.

Der Pater Hennepin, ein französischer Jesuit, war es, der zuerst als Gefangener der Indianer an diesen Fall kam. Die Indianer nannten die Fälle „Irrara“ oder die lachenden Wasser. Er taufte sie nach dem heiligen Antonius. Mir gefällt der[WS 1] erste Name besser. Denn er ist charakteristisch für die Fälle, die mehr heiter als gefährlich aussehen und deren Getöse nichts sehr Düsteres hat.

Der Missisippi ist in seiner Jugend ein Fluß von fröhlicher Laune. Ich habe ein Gemälde von seiner Quelle (ein Geschenk des Mr. Scoolkraft), den kleinen See Itaska im nördlichen Theil von Minnesota. Der kleine See sieht wie ein klarer Himmelsspiegel aus mit dem Urwald als Rahmen. Nordische Fichten und Tannen, Ahorn und Ulmen und alle schönen Gewächse Amerikas in dieser Zone umgeben das Wasser, wie schützende Lauben die Wiege eines Kindes. Höher hinauf in dem weiten Hintergrund liegt Hochland, von den Franzosen „Hauteur des terres“ genannt, einem hohen Plateau gleichend. Es ist von dichten Wäldern bedeckt, mit Granitblöcken übersät und von üppigen Quelladern durchbrochen. Fünf von ihnen ergießen sich von verschiedenen Seiten in den kleinen See Itaska.

Wo der Missisippi als „Baby“ dem Schooß des Itaska entspringt, ist er ein reißender und klarer, kleiner Strom, sechzehn Fuß breit und vier Zoll tief. Ueber Stock und Stein hinhüpfend erweitert er sich, neunzehn Meilen von seiner Quelle, in dem See Pemidyi, einem See mit krystallhellem Wasser und frei von Inseln. Hier begegnet ihm der Strom La Place aus dem Assawa-See. Fünfundvierzig Meilen weiter unten ergießt er sich in den Caß-See (dem Ende von Gouverneur Caß Expedition im Jahr 1820). Wenn der Missisippi aus diesem See kommt, ist er 172 Fuß breit und acht Fuß tief. So geht er fortwachsend, sich vertiefend, immer reichere Zuschüsse aus Quellen und Strömen erhaltend, bald in klaren, an unzähligen Fischarten reichen Seen ausruhend, bald zwischen Ufern hineilend, die mit wilden Rosen, Fliedern, Hagedorn, wildem Gesträuch, wilden Pflaumen und allen möglichen wilden Waldbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Braunbeeren bedeckt sind, durch Wälder von weißen Cedern, Föhren, Birken und Zuckerahorn, reich an Wildpret aller Art, an Bären, Elenthieren, Füchsen, Mardern, Bibern u. s. w., durch hohes und niedriges Prärienland, voll von perlenden Quellen (die sogenannte Undinen-Region), durch Gegenden, deren reiches Erdreich leicht üppige Ernten von Korn, Waizen, Kartoffeln u. s. w. ertragen könnte, auf einer Strecke von 3—400 englischen Meilen, wobei er lange Strecken schiffbar wird, bis er nach Sct. Anthony kommt. Kaum vorher hat er sich bedeutend erweitert und umfaßt mehrere größere und kleinere Inseln, die reich mit Bäumen und Weinranken bewachsen sind. Kurz über dem Fall ist er so seicht, daß man mit Pferden und Wagen darüber fahren kann, was auch wir zu meiner großen Verwunderung thaten. Nicht weit unter dem Fall wird der Fluß wieder schiffbar, und die Dampfboote aus dem Süden gehen bis nach Mendota hinauf (einem Dorf am Ausfluß des Sct. Peter-Flusses in den Missisippi) etwas höher als Sct. Päul. Von da aus fährt man frei den Missisippi hinab bis zum mexikanischen Meerbusen. Der Sct. Anthony-Fall ist des Missisippi letztes Jugendabenteuer. 900 Meilen von der Länge des Flusses sind innerhalb des Territoriums von Minnesota, und der größte Theil davon in wildem, beinahe unbekanntem Land.

Aber ich kehre zu den Fällen und zu meinem Tag an denselben zurück.

Bald unter dem größten Fall, und von seinem Wasserstaub wie von Nebelgestalten umgeben, liegt ein Inselchen von pittoresken, ruinenartigen Steinlagern, mit reichem Laubwald gekrönt — der schönste, bedeutendste Punkt in dem ganzen Schauspiel. Man nennt es die „Katarakteninsel“ von dem Fall der „lachenden Wasser.“ Es wird auch Geisterinsel genannt von einem Ereigniß, das sich vor einigen Jahren hier zutrug, und das ich Dir erzählen will, weil es für das Leben der indianischen Weiber bezeichnend ist.

Vor einigen Jahren kam ein junger Jäger des Sioux-Stammes und schlug am Ufer des Missisippi, ein klein wenig über dem Sct. Anthony-Fall sein Tepee auf. Er hatte bloß eine Frau — (was bei diesen Herrn, die es zuweilen bis auf zwanzig Frauen treiben, sehr ungewöhnlich ist) sie hieß „Ampato Sapa,“ Sie lebten mehrere Jahre glücklich zusammen und hatten zwei Kinder, die um ihr Feuer herum spielten, und die sie voll Vergnügen „ihre Kleinen“ nannten. Der Mann war ein glücklicher Jäger und mehrere Familien sammelten sich allmälig um ihn und errichteten ihre Tepees in der Nähe des seinigen. Da sie in ein näheres Verhältniß zu dem glücklichen Jäger zu kommen wünschten, spiegelten sie ihm vor, er müsse mehrere Frauen haben, dadurch würde er sein Ansehen vergrößern und könne bald zum Häuptling des Stammes ernannt werden.

Der Mann ließ sich diesen Rath wohl behagen und nahm heimlich eine neue Frau.

Aber um sie in sein Tepee heimzuführen, ohne daß es seiner ersten Frau, der Mutter seiner Kinder, mißfiele, sagte er zu ihr:

„Du weißt, daß ich niemals ein anderes Weib so zärtlich lieben kann, wie ich Dich liebe. Aber ich habe gesehen, daß Du allein mit mir und den Kindern schwere Arbeit hast, deßhalb habe ich beschlossen, noch ein Weib zu nehmen, das Deine Gehilfin sein soll. Aber Du wirst immer die vornehmste in der Wohnung bleiben.“

Die Frau wurde tief betrübt, als sie diese Worte hörte. Sie bat ihn ihrer früheren Liebe, ihres Glücks seit mehreren Jahren, ihrer Kinder zu gedenken. Sie bat ihn, dieses zweite Weib nicht in ihre Wohnung zu führen.

Aber am nächsten Abend führte der Mann die neue Frau in sein Tepee ein.

Am nächsten Morgen früh, schon in der Dämmerung erscholl ein Todtengesang am Missisippi. Eine junge Indianerin saß in einem kleinen Kahn mit zwei kleinen Kindern und steuerte das Schifflein den Fluß hinab gegen den Fall zu. Es war Ampato Sapa. Sie sang in betrübten Tönen vom Kummer ihres Herzens, von der Treulosigkeit ihres Mannes und von ihrem Entschluß zu sterben. Ihre Freunde hörten den Gesang und sahen ihre Absicht, aber zu spät, um der Ausführung zuvorzukommen.

Ihre Stimme wurde bald von dem Fall übertäubt. Am Absturz blieb das Boot einen Augenblick stehen; im nächstfolgenden stürzte es hinab und verschwand in der schäumenden Tiefe. Die Mutter und die Kinder kamen nie mehr zum Vorschein.

Die Indianer glauben noch jetzt in der Morgendämmerung den Klaggesang zu hören, der von der Treulosigkeit und Härte des Mannes verkündete, und sie wollen die Mutter mit den an ihre Brust geschlossenen Kindern in den Nebelgestalten erblicken, die aus dem Fall um die Geisterinsel her emporsteigen.

Dieses Ereigniß ist blos ein einziges unter vielen derselben Art, die sich alljährlich bei den Indianern zutragen. Der Selbstmord ist nichts Seltenes unter ihren Weibern. Ein Herr, der dieß bestreiten wollte, sagte mir, in den zwei Jahren, die er in dieser Gegend zugebracht, habe er blos von eilf oder zwölf solcher Fälle gehört. Es ist genug, meine ich. Die Ursache des Selbstmords ist bei der Indianerin gewöhnlich entweder daß ihr Vater sie gegen ihren Willen und ihre Neigung verheirathen will, oder daß, wenn sie verheirathet ist, der Mann ein neues Weib nimmt. Der Selbstmord, eine für Kinder des Naturlebens so unnatürliche That, zeugt, scheint es mir, bedeutend für das rein Weibliche bei diesen armen Weibern und beweist, daß sie eines besseren Looses würdig sind. Da sie noch sehr jung sind, fragt man beim Abschluß der Ehe selten nach ihrer Neigung. Der Freier breitet vor dem Vater des Mädchens seine Büffel- und Biberhäute, vor ihrer Mutter einige glänzende Stücke Zeug und Schmuckwaaren aus, und das Mädchen ist verkauft. Widerstrebt sie, so droht ihr der Vater Ohren und Nase abzuschneiden, und sie, die ebenso hartnäckig ist, als er, kürzt den Prozeß dadurch ab, daß sie sich erhängt, denn dieß ist die Todesart, die gewöhnlich gewählt wird. Es scheint auch, als wirkte bei dem Selbstmord oft Rachsucht als Triebfeder mit, und man weiß, daß indianische Weiber mit den Männern an Grausamkeit gegen Feinde und Kriegsgefangene wetteifern; aber ihr hartes Leben als Weiber ist nichtsdestoweniger beklagenswerth, und ihre Kraft, lieber zu sterben, als sich zu erniedrigen, beweist, daß diese Naturkinder hochsinniger sind, als viele Weiber auf den Höhen der Civilisation. Die Schönheiten des Waldes sind stolzer und edler, als manchmal die Schönheiten des Salons. Aber wahr ist, daß ihre Welt enge ist und ihnen nichts gibt, außer dem Mann, dem sie dienen müssen, und der schmalen Wohnung, wo er der Herr ist.

Auf einer größeren Insel im Missisippi, oberhalb des Falles tranken wir Thee in einem schönen Haus, wo ich Comforts aller Art und Bildung fand, Musik hörte, Bücher und Bilder sah, wie man sie an den Ufern des Hudson finden könnte; und was mir noch lieber war, ich fand in seinen Bewohnern Freunde. Das Haus war noch nicht alt auf der Insel, und die Insel sah auch in ihrem Herbstschmuck wie ein kleines Paradies aus, obschon noch in halbverwildertem Zustand.

Dir jedoch zu beschreiben, wie wir fuhren, wie wir in hohlen Baumstämmen, die von dem Strom in chaotischen Massen herumgeworfen wurden, über den Fluß spazierten, wie wir auf- und abkletterten über Stöcke, Steine, Abstürze und Abgründe hin, das will ich nicht versuchen, denn es ist unbeschreiblich. Ich hielt diesen Uebergang ganz einfach für unmöglich, bis meine Begleiter, sowohl Herren als Damen, mir bewiesen daß er für sie ein einfacher, alltäglicher Weg war. Hu! …

Der Tag war kalt und rauh, und daher auch die Fahrt mehr mühsam als vergnüglich.

Ich habe mehrere Wanderungen hier in der Umgegend gemacht, theils allein, theils mit dem freundlichen Gouverneur Ramsay, oder auch mit dem freundlichen jungen Priester dahier. Ich habe dabei mehrere kleine Farms besucht, die beinahe sämmtlich von Franzosen aus Canada bewohnt sind, welche sich hieher geflüchtet haben. Sie preisen Alle das üppige Erdreich und seine Fruchtbarkeit. Sie waren recht angenehm in der Unterhaltung, scheinen hier wohl zu gedeihen, hatten viele Kinder; aber die Sauberkeit und Gemüthlichkeit, welche die Wohnungen der Angloamerikaner auszeichnet, fand ich in diesen Wohnungen nicht, eher das Gegentheil.

Ueberall wogt das Gras hoch und herbstgelb auf Höhen und Feldern. Hier gibt es keine Hände, um es abzumähen. Der Boden ist eine fette, schwarze Erde, außerordentlich gut für Kartoffeln und Korn, aber minder angenehm für Fußgänger mit weißen Strümpfen und Unterröcken. Ein feiner, schwarzer Staub beschmutzt Alles. Allerliebste Binnenseen liegen zwischen den Höhen wie klare Spiegel in romantischer Ruhe und Zierlichkeit. Es ist eine vollkommen idyllische Natur. Aber die Hirten und Hirtinnen fehlen hier noch. Blos der östliche Strand des Missisippi in Minnesota gehört noch den Weißen, und ihre Anzahl beläuft sich auf blos ungefähr 7000 Seelen. Der ganze westliche Theil von Minnesota, westlich vom Missisippi, ist noch indianisches Gebiet, hauptsächlich von den zwei großen Nationen Sioux (oder Dacotahs) und Chippewas, die in beständiger Fehde mit einander leben, sowie von einigen kleinen Indianerstämmen bewohnt. Man sagt, die Regierung denke darauf, bald auch diesen ganzen Theil des Landes zu kaufen, und die Indianerstämme seien geneigt, den Handel einzugehen und sich auf eine andere Seite des Missouriflusses, nach dem Steppenland Nebraska und den Felsbergen zurückzuziehen. Diese Indianerstämme sind durch die Berührung mit den Weißen bereits so tief gesunken, daß sie das Geld und den Branntwein höher schätzen als die Erde ihrer Väter, und bereit sind gleich Esau für ein Linsengericht ihr Erstgeburtsrecht zu verkaufen. Aber dieses grausame Volk, das Kinder und alte Leute scalpirt und das Weib zum Lastthier herabwürdigt, mag immerhin in die Wüste hinausziehen und einem edleren Geschlecht Platz machen. Es ist darin im Grund blos eine höhere Gerechtigkeit zu erblicken.

Den 26. October.  

Gestern ging ich mit meinen freundlichen Wirthsleuten nach dem Indianergebiet, in der Nähe des Fort Snelling, einer Festung, welche die Amerikaner hier gebaut, und wohin sie Militär, sowohl Fußvolk als Reiterei, verlegt haben, um die Indianer in Respect zu halten. Diese sind auch in bedeutender Angst vor den Amerikanern, welche sie „die langen Messer“ nennen. Und die Weißen laufen hier jetzt keine Gefahr mehr. Aber unter sich selbst fahren die Indianerstämme in näherer oder weiterer Entfernung mit ihren grausamen Ueberfällen fort, trotz des Einschreitens der amerikanischen Regierung. Noch nicht lange hat eine Kriegerschaar des Siouxstammes ein Chippewas-Dorf, während die Männer auf der Jagd waren, überrumpelt und sechzehn Personen, meist Weiber und Kinder, getödtet und scalpirt. Der Gouverneur Ramsay ließ des Beispiels wegen die Anstifter dieser Unthat festnehmen und ins Gefängniß werfen. Sie gingen stolz und mit der Miene von Märtyrern einer edeln Sache dahin.

Ich war neugierig, die innere Einrichtung dieser Zelte oder Tepees zu sehen, deren Rauch und Feuer ich schon so oft erblickt hatte. Und da ich bald nachdem ich auf indianischem Gebiet angekommen war, vier sehr ansehnliche Tepees erblickte, so eilte ich, sie zu besuchen. Gouverneur Ramsay und ein Dolmetscher, der sein Haus nicht weit davon hatte, kamen mit mir. Ich richtete meine Schritte auf das größte der Zelte zu. Drei magere Hunde waren mit Stricken an die Zeltpfosten gebunden. (Die Indianer essen ihre Hunde, wenn es ihnen an anderer Nahrung fehlt.) Wir öffneten den aus Fellen bestehenden Vorhang, der die Thüre vorstellte. Ich hatte Schmutz und Armuth zu sehen erwartet, und war jetzt ganz überrascht, eine Art von orientalischem, obschon grobem Luxus nebst großer Behaglichkeit zu erblicken.

Es brannte Feuer auf dem Boden in der Mitte des Zelts, das groß und wohl mit Büffelhäuten bedeckt war. Beim Feuer saßen zwei Männer mit Strichen und Figuren im Gesicht bemalt und schliffen Pfeifen von einer dunkelrothen Steinart. Rings um die Wände des Zelts saßen Weiber und Kinder auf Kissen, die zum Theil zierlich genäht und auf weiße Filze gelegt waren. Einige der Weiber waren mit einem hellrothen Fleck mitten auf der Wange geschminkt und auch der Haarscheitel war roth bemalt. Mit ihren lebhaften dunkeln Augen und ihren fliegenden Haaren sahen sie beim Schein der tanzenden Flammen des Feuers recht hübsch und munter aus. Dabei waren sie freundlich und schienen über meinen Besuch erfreut zu sein. Zwei von ihnen machten mir Platz, um mich zwischen sie zu setzen. Die alten Weiber lachten und schwatzten, und schienen sehr ungenirt. Die jungen waren ernster und schüchterner. Die Männer schauten gar nicht auf, nachdem sie uns zuerst angesehen hatten, sondern fuhren schweigend fort, ihre Pfeifen zu feilen. Ueber dem Feuer hing ein großer Kessel, mit einem Strick an die Sparren oben am Zelt befestigt. Es war Mittagsstunde. Ein junges Weib zu meiner Rechten fütterte ihren kleinen Papoose, der ungefähr drei Jahre alt schien und ebenfalls einen hellrothen Fleck auf jeder seiner halbkugelartigen rothen Wangen trug. „Hoxidan?“ sagte ich, auf das Kind deutend; dieses Wort bedeutet Knabe. „Winnona!“ antwortete sie mit leiser, melodischer[WS 2] Stimme, und dieß Wort bedeutet Mädchen. Jetzt war mein indianischer Sprachvorrath erschöpft. Ich verlangte durch Zeichen die Suppe kosten zu dürfen, welche sie und das Kind aßen. Sie gab mir bereitwillig ihre Schale und ihren Löffel. Es war eine Art Wassersuppe mit kleinen Bohnen darin, ohne Salz und ohne den geringsten Geschmack, soviel ich entdecken konnte. Später bot sie mir einen frischgebackenen Kuchen an, der ganz schmackhaft aussah. Er war, glaube ich, von Waizen und ebenfalls ungesalzen, im Uebrigen aber recht gut.

Der Dolmetscher war ausgegangen. Gouverneur Ramsay hatte sich ebenfalls gesetzt. Die Männer feilten an ihren Pfeifen, das Feuer flammte und flackerte munter, der Kessel kochte, die Weiber aßen und sahen mich an, indem sie beim Schein des Feuers halb lagen oder nachläßig dasaßen. Und ich — sah sie ebenfalls an. Mit innerlicher Verwunderung betrachtete ich diese Geschöpfe, die Weiber waren wie ich, und mit weiblichen Gefühlen ausgestattet, dennoch aber so verschieden von mir in Beziehung auf Lebenszweck, auf tägliches Leben und ihre ganze Welt.

Ich dachte an ein steifes, trübes, häusliches Leben in der civilisirten Welt, an ein Haus ohne Liebe, eingeengt in die Schranken einer todtgeborenen Meinung, mit Gesellschaftspflichten, Pflichten für die Töchter, im Haus den Männern zu gefallen oder nie aus dem Haus zu kommen, und im Uebrigen jede Aussicht auf Selbstständigkeit, Freiheit, Thätigkeit und Freude versperrt von unsichtbaren Mauern, noch mehr versperrt als hier das Tepee von Büffelhäuten, an ein nordisches Familienleben, wie es ihrer noch in vielen nordischen Häusern gibt; und da dachte ich, das indianische Zelt und das indianische Leben sei noch besser, noch seliger als manches nordische Leben. Da dachte ich auch an New-Yorks und Bostons gasbeglänzte Salons, an die Hitze, die Mühe, artig oder angenehm zu sein, zu conversiren, an den Wunsch schön auszusehen, zu gefallen, glücklich zu werden, und — mir schien, als sei das indianische Zelt eine freundlichere, seligere Welt, als die der Salons. Da saßen sie ungenirt von Schnürleibern und Gefallsucht, ohne Zwang und Bemühung, diese Töchter des Waldes. Sie empfanden nicht die Unruhe, den Ueberdruß und die Müdigkeit, die auf den Ueberreiz kurzer Augenblicke folgen, nicht den Ungeschmack und den Schmerz, der von kleinen Dingen, kleinen Stichen erzeugt wird, die zu empfinden man sich schämt, und die man doch empfindet. Ihre Welt war einförmig, aber vergleichungsweise ruhig und frisch in dem engen Tepee. Und vor demselben war der freie Raum, der sausende Urwald für sie offen mit all seinen frischen Winden und Wohlgerüchen. Ach! …

Aber da dachte ich mich als Indianerin; ich dachte mich in das Leben und die Umstände dieser Weiber hinein, ohne einen andern Zweck, ohne eine andere Aussicht als für einen Mann zu leben und einen Mann zu bedienen, den sie öfter nicht selbst gewählt haben, der sie blos als Dienerinnen behandelt oder wie ein Hahn die Hennen um sich her betrachtet. Ich sah die Frau und die Mutter gedemüthigt durch den Einzug neuer Frauen in die Wohnung des Mannes und seine Liebe diesen zugewandt vor den Augen der alten Frau, in demselben Haus, vor den Flammen desselben Herds, der ihren Hochzeitabend beleuchtet hatte, ich sah sie verschmäht oder vergessen von dem Manne, der ihre ganze Welt ausmachte, — … ach! Das Tepee, der Wald, der freie Raum hatte keinen Frieden, keine Ruhe mehr vor den Qualen einer solchen Lage. Friede vor ihren Qualen, ihrem Elende findet sich blos in der Erniedrigung oder im Tod. Winnonas Todesgesang auf der Klippe am „Pepinsee,“ Ampato Sapas Todesgesang auf den Wellen des Missisippi, als sie mit ihren Kindern den Frieden der Vergessenheit in der schäumenden Tiefe suchte, und ihre vielen Schwestern, die noch heutigen Tags den Tod dem Leben vorziehen, sie zeugen für das tief Tragische im Schicksal des indianischen Weibes.

Und wiederum dachte ich mich in die Wohnungen der kultivirten Welt, in die liebewarmen Wohnungen im Norden sowohl als im Süden, in Wohnungen, wie sie schon jetzt oft sind, wie sie immer häufiger werden unter den freien christlichen Völkern, wo das Weib dem Mann in allem gleichgestellt ist, in Lust und Leid, wo gute Eltern auch der Tochter im Hause die Freiheit zu einer selbstständigen Wirksamkeit und selbstständigem Glück bereiten, zum Besitz einer Welt, eines Zieles auch außer dem Raum der engen Wohnung (nicht mehr ein von Büffelhäuten einigeschlossenes Tepee), ich dachte an ihr Recht, an die Möglichkeit ihrer Wirksamkeit, die auch die Schmerzen des civilisirten Lebens, kleine und große, als Wolkenflecke an einem klaren Himmel erscheinen lassen, dachte an meinen eigenen schwedischen Herd, meine gute Mutter, mein liebes Schwesterchen, mein stilles Stübchen, meinen Frieden und meine Freiheit allda, meine Ruhe wie im Mutterschooß, mit Räumlichkeit und Aussichten, unbegränzt wie die Unendlichkeit … Ich pries Gott für meinen Theil! …

Aber diese armen Weiber hier! In diesem Tepee wohnten drei Familien. Da waren blos drei Männer und wohl zwölf bis dreizehn Weiber. Wie manche bittre, eifersüchtige Gefühle müssen nicht in manchen Busen glühen, die hier Tag und Nacht um dasselbe Feuer versammelt sind, dieselbe Mahlzeit, dieselben Lebenszwecke theilen!

Ich besuchte auch die andern Tepees. Ueberall begegneten mir ungefähr dieselben Erscheinungen. Zwei oder drei Männer am Feuer, mehrere Weiber, die auf Filzen oder gestickten Kissen um die Wände des Zeltes her saßen oder lagen und sich für den Augenblick mit Nichts beschäftigten. Die Männer schliffen rothe Steinpfeifen, welche sie an die Weißen verkaufen und schwer bezahlt erhalten. Aber die Arbeit mit dem harten Stein ist nicht leicht. Diese rothe Steinart soll in Steinbrüchen weit oben am Missouri-Fluß gewonnen werden. Ich muß die ausgezeichnet schönen und wohlgebildeten, sichtbarlich auch in Bezug auf die Nägel mit großem Eifer rein erhaltenen Hände dieser Männer bewundern. Sie waren fein und geschmeidig und glichen mehr Weiber- als Männerhänden.

In einem Tepee erblickte ich ein junges Weib, das mit seinem reichen, aufgelösten, über die Schultern herabwallenden Haar mir so ungewöhnlich schön vorkam, daß ich sie abzeichnen zu dürfen wünschte. Ich wünschte auch Porträts von ein paar Indianern mitzunehmen, und ich ersuchte den Gouverneur Ramsay meine dießfallsige Bitte vorzutragen. Durch den Dolmetscher, Mr. Prescott, sagte er dann zu einem alten Chef, Namens Mozah-hota, (graues Eisen), daß ich Bilder von allen großen Männern in diesem Land mitzunehmen wünsche, um sie dem Volk auf der andern Seite des großen Wassers zu zeigen, weßhalb ich um die Gefälligkeit bitte, mir eine Weile zu sitzen.

Der alte Häuptling, der sehr ernst aussah und auch ein sehr braver und anständiger Mann sein soll, lauschte aufmerksam und ließ hierauf eine Art von beifälligem Grunzen hören. Und er folgte uns ins Haus des Dolmetschers, aus dessen Fenstern und Thüren mehrere kleine Gesichter mit indianischen Zügen und Farben hervorguckten. Mr. Prescott hat nämlich eine Indianerin zur Frau und mit ihr mehrere Kinder.

In einem Saal des Hauses saß ich bald mit meinem Album und vor mir den alten Häuptling, der einiges Bedauern darüber äußerte, daß er nicht in großer Galla (er hatte blos ein paar Adlerfedern im Haar) und nicht bemalt war, wie er sollte. Er hatte unter seinem weißen Wolfsfilz einen blauen europäischen Rockfrack, und schien sehr zu wünschen, daß ich denselben ins Porträt hineinzeichne. Er meinte sichtlich, dieses sei etwas höchst Rares. Er saß nicht ohne Unruhe da, und es schien ihm nicht wohl zu Muth zu sein, so lange der Dolmetscher aus dem Zimmer gegangen war. Die Indianer haben im Allgemeinen den Glauben, daß die Bilder auf dem Papier etwas von dem Leben des Menschen, der da gezeichnet wird, wegnehmen, und manche wollen deßhalb nie zugeben, daß man ihre Porträts entwirft.

Nach dem alten Häuptling kam die junge Indianerin herein in ihrem Brautschmuck von zierlich rothem Wollzeug, der reich gestikt und mit wahren Kaskaden von Silberringen geschmückt war, die Glied in Glied von den Ohren (um welche der ganze Büschel gebunden war) und über die Schultern herabhingen, während Hals und Brust massenweise mit Perlbändern von Korallen und Glasperlen und andern Zierrathen geschmückt waren. Der Kopf war unbedeckt und ungeschmückt. Sie war so hübsch und von so ungewöhnlicher Schönheit, daß sie wirklich das ganze Zimmer zu beleuchten schien, als sie hereinkam. Der Rücken war breit und rundlich, und ihre Haltung vorgebeugt, wie gewöhnlich bei den Indianerinnen, da sie sich frühzeitig daran gewöhnen müssen, Lasten auf dem Rücken zu tragen; aber die Schönheit des Gesichts war so ausnehmend; daß ich daran denken mußte, wenn ein solches Gesicht sich in einem Salon unserer feinen Welt zeigte, so würde es als Offenbarung eines bisher unbekannten Schönheitstypus betrachtet werden. Es war die wilde, zugleich liebliche und wehmüthige Schönheit des Urwalds. Die milde Düsterheit in den tiefen, schönen, von ungewöhnlich langen und dunkeln Wimpern beschatteten Augen läßt sich nicht beschreiben, ebenso wenig der Glanz, die hübsche Heiterkeit des Lächelns, das zuweilen das Gesicht wie ein Blitz durchstrahlte und die schönsten weißen Zähne sehen ließ. Sie war für eine Indianerin ungewöhnlich hellfarbig. Die Wangenknochen waren etwas hervorstehend, was ihrem Gesicht etwas zu viel Breite gab, aber ihr Profil war vollendet schön. Sie war ganz jung, und erst seit zwei Jahren mit einem tapfern jungen Krieger verheirathet, der sie, wie man mir sagte, so liebte, daß er ihr keine andere Frau an die Seite stellte und ihr nicht erlaubte, irgend eine schwere Last zu tragen, sondern immer Pferde anschaffte, wenn sie zur Stadt mußte. Sie hieß Mochpedaga Wen, oder Federwolken-Frau. Ein junges indianisches Mädchen, das mit ihr kam, war mehr bemalt, aber viel weniger schön, und hatte die schwerfälligen Züge und den schwerfälligen Ausdruck, welcher die Indianerinnen wenigstens von diesem Stamm gewöhnlich kennzeichnet.

Ich zeichnete die Federwolkenfrau in ihrem Brautschmuck. Sie war verschämt und sah beständig abwärts. Mit einem Vergnügen, in das sich Rührung mischte, versenkte ich mich in die Mysterien dieses Gesichts. Eine ganze nächtliche Welt lag in diesen Augen, deren dunkle Wimpern einen tiefen Schatten über die Wangen unter dem Auge verbreiteten. Diese Augen blickten träumerisch still, ohne Wunsch, aber ohne Freude, ohne Zukunft in die Tiefe hinab. Der Sonnenschein im Lächeln war wie der Sonnenschein an einem trüben Tag. Die Federwolke hatte kein Licht in sich. Sie wurde von außen beleuchtet und blos für einen Augenblick schön gefärbt.

Nach diesem milden und schönen, aber melancholischen Bild, präsentire ich Dir den täpfern jungen Krieger „Skouka-Skaw“ oder „weißen Hund,“ den Gatten der Federwolke, der in voller Bemalung und großer Galla, mit einem gewaltigen, rothen Federbusch hereinkam, welcher vom Kopf über den Rücken hinabwogte, und mit drei dunkeln Adlerfedern mit rothen Wollquasten hoch im Haar, wie auch der Spur von fünf grünen Fingern auf den Wangen, als Zeichen, daß er ein tapferer Krieger war und mehrere Feinde getödtet hatte. Er war groß und geschmeidig von Wuchs, und trat mit heiterer, lebhafter Miene ein, indem er eine Fluth von Worten äußerte, so schnell, wie ich sie im Repräsentantenhaus in Washingion hörte, und wovon ich gerade so viel verstand. Sein Gesicht hatte denselben Charakter, den ich schon vorher bei jungen Indianern bemerkt hatte, eine krumme, breite Habichtsnase, helle, scharfe, aber kalte Augen, viereckig geöffnet mit thierischem Blick; der Mund unangenehm, die Züge im Uebrigen regelmäßig und scharf. Ich zeichnete auch ihn; er war sehr mit Roth und Gelb und Grün im Gesicht bemalt, war ganz und gar nicht schüchtern, und sah sehr streitbar aus. Daß er jedoch ein guter Gatte war und seine schöne Gattin, die Federwolke liebte, das machte ihm mein Herz zugeneigt.

Mrs. Ramsay war inzwischen mit ihr außen gewesen[WS 3] und hatte ihre Tracht angezogen. Und da Mrs. R. sehr schön ist — vom reinen Schlag der Quäckerschönheiten — so war sie in der zierlichen Tracht wahrhaft strahlend schön und die Federwolke schien großes Vergnügen daran zu finden, sie in ihrer Tracht zu sehen. Aber die wunderbare mystische Schönheit der Federwolke hatte die schöne, weiße, junge Frau dennoch nicht. Es war ein Unterschied wie zwischen einem Urwald und dem Salon.

Im Gespräch dieser Indianer bemerkte ich mehrere Töne und Laute, die mir als Eigenthümlichkeit der amerikanischen Bevölkerung im Allgemeinen auffielen; denn es waren dabei Nasentöne, und die pipenden, singenden oder klagenden Töne, die mich bei Frauenzimmern oft genirt haben. Wahrscheinlich sind diese Töne unter die ersten Kolonisten während ihres Umgangs mit den Indianern gekommen und haben sich hernach fortgepflanzt.

Da ich gerade unter den Indianern bin, muß ich Dir von einer Sitte bei ihnen erzählen, die mir sehr sonderbar vorkommt; sie betrifft ihre absonderlichen Namen, und wie sie dazu kommen. Wenn nämlich die Indianer (Männer und Weiber) in die Jahre der Mannbarkeit kommen, gehen sie in die Einsamkeit hinaus und bleiben da mehrere Tage fastend. Sie glauben da, daß ein Geist, der sie ganz besonders beschütze, sich offenbaren werde. Und was während dieser Tage ihnen stark in die Augen fällt oder ihre Phantasie ungewöhnlich beschäftigt, das wird als ein Bild oder ein Zeichen angesehen, wodurch ihr Schutzgeist sich ihnen offenbare, und sie nehmen dann den Namen des Dinges oder Zeichens an. Wenn sie die gewünschte Offenbarung erhalten haben, kehren sie zu den Ihrigen zurück, aber jetzt unter einer Art höherer Leitung und mit größeren Rechten über sich selbst zu verfügen.

Unter Indianer-Namen auf einer Liste für das Nüchternheits-Gelübde habe ich folgende gelesen:

„Hornspitze, Rund-Wind, Steh-und-sieh-drauf, Wolke-von-seitwärts, Eisen-Zehe, Sonnen-Sucher, Eisen-Blitz, Rothe-Flasche, Weiße-Spinne, Schwarzer-Hund, Zwei-Aehren-Feder, Graues-Gras, Buschiger-Schwanz, Donner-Gesicht, Geht-auf-der-brennenden-Erde, Tödtet-die-Geister.“

Und unter den Weibernamen:

„Halte-Feuer, Geister-Weib, Zweite-Tochter-im-Haus, Blau-Vogel,“ u. s. w.

Die Federwolke sah also zum Himmel empor, um ihren Schutzgeist zu suchen. Möge er sie leicht über die Erde wandeln lassen und sie vor Winnonas und Ampato Sapas Schicksal bewahren! Aber diese nachtvollen, tiefen Augen scheinen mir den Todtengesang zu prophezeien.

Der Todtengesang besteht aus unmusikalischen Tönen, beinahe ohne Melodie, worin der Indianer und die Indianerin die Ursache ihres Todes aussprechen, ihre Feinde anklagen oder sich selbst preisen.

Sie glauben, daß nach dem Tod der Geist noch eine Zeitlang in der Nähe der irdischen Umgebung verweile, bis er so eben verlassen, und gewissermaßen noch irdisch sei. Deshalb setzen sie Mais und andere Speisen zu den Füßen der Leiche während der Zeit, wo sie den Wirkungen des Lichts und der Luft ausgesetzt auf dem Gerüste liegt. Die Todten sind da noch nicht ins Geisterland gekommen. Aber wenn das Fleich von den Beinen verwest ist, dann begraben sie dieselben unter Gesang und Tänzen. Dann ist der dahingegangene Geist im Geisterland angekommen.

„Wir glauben,“ sagte ein berühmter Indianerhäuptling zu einem meiner Freunde, „daß der Geist, wenn er den Körper verläßt, noch eine Zeitlang darin verweile, bevor er sich von seinen früheren Umgebungen trennt; sodann wandert er über große Felder in dem kalten, klaren Mondschein mehrere Wochen lang. Endlich kommt er zu einem großen Abgrund in der Erde. Auf der andern Seite desselben sind die seligen Länder, wo beständig Frühling ist, und reiche Jagdreviere voll von Wildpret. Aber über die Tiefe führt kein Weg sondern bloß eine abgerindete Tanne, glatt und schlüpfrig. Und darüber müssen die Geister gehen, die nach den seligen Landen wollen. Die Geister, die in dieser Welt wohl gewandert sind, können auch auf der schlüpfrigen Tanne fest wandeln und glücklich zu den seligen Landen hinüberkommen. Aber Diejenigen, die nicht wohl auf der Erde gewandert sind, können auf dem glatten Baum nicht gehen, sondern gleiten aus und fallen in den Abgrund hinab.“

Kein so schlechtes Bild, dieß da, für die Begriffe der Wilden von Wiedervergeltung nach dem Tod. Der Begriff der Indianer vom Guten und Bösen ist übrigens sehr unvollkommen und beschränkt, und ihre Vorstellungen von Belohnung und Strafe nach dem Tode sind blos der Wiederschein ihrer irdischen Vergnügungen und Widerwärtigkeiten.

Sie glauben an einen Geist der Geister, einen Uebergott, der über Alles und Alle herrsche, und die nordwestlichen Indianer nennen diesen „den großen Manitu“. Er scheint eine Macht ohne eigentlichen moralischen Gehalt zu sein. Sie glauben auch an eine Menge kleinerer Manitus oder Götter, und scheinen mir in Bezug auf ihre Götterlehre eher Pantheisten als Monotheisten zu sein. In den Thieren, in den Steinen, im Wald, in Allem, was lebt oder inwohnende Kräfte zeigt, erblicken sie einen Gott, welcher wandert. Manitu ist im Bären und Biber, in dem Stein, der Feuerfunken aussenden kann, vor Allem im Wald, welcher saust und den Menschen beschützt[1]. Sie suchen sich Manitu durch Geschenke und Opfer oft von blutiger und grausamer Art geneigt zu machen. Die Vermittler zwischen ihnen und Manitu sind ihre sogenannten Heilmänner, von denen man glaubt, daß sie durch ihre Kenntniß der Heimlichkeiten der Natur, sowie vermöge ihrer angeblichen Zaubermacht die Geister beschwören und Unglück abwehren, Krankheiten heilen und die Wünsche aller Menschen fördern können. Diese Indianer stehen unter den Indianern in großem Ansehen und sind für sie sowohl Priester als Aerzte.

Du siehst bei Einbruch der Nacht Feuer auf einer ber Prärienhöhen dem Missisippi entlang flammen und eine Menge Indianer, Männer und Weiber, unter sonderbarem Geberdenspiel um dieselben versammelt. Laß uns näher treten. Kupferrothe Männer und Weiber, ungefähr hundert an der Zahl, tanzen oder hüpfen vielmehr mit gleichen Füßen, d. h. die Füße dicht zusammengeschlossen und mit herabhängenden Armen zur unmelodischen Musik von ein Paar kleinen Trommeln und einigen runden, harten Kürbisschalen, die mit kleinen Steinen gefüllt sind, so daß sie tüchtig rasseln, wenn man sie schüttelt. Die Musikanten sitzen auf dem Boden. Die tanzenden Männer sind so gut, d. h. so schlimm als möglich bunt und abscheulich bemalt. Einige Weiber sind reich behängt mit Silberringen und kleinen Silberglöckchen von den Ohren bis zu den Fußballen und schütteln sie beim Hüpfen so stark sie können. Jeder hat einen kleinen fellenen Beutel voll Heilmittel. Es sind dieß Aerzte, Männer und Weiber. Rund um sie her ist ein Kreis von Zuschauern, Männer, Weiber und Kinder.

Nachdem ein Paar alte Männer sich gesetzt und eine Weile mitten im Ring gesprochen haben, beginnt die ganze Gesellschaft im Kreis herum zu marschieren, worauf eine Person um die andere aus der Procession tritt und sich ein kleines Stück weit außerhalb derselben aufstellt. Ein Arzt springt aus dem Kreis, bläst in seinen Heilmittelbeutel und hält ihn mit schallendem Ruf dem außer dem Kreise stehenden Patienten vor den Mund, worauf dieser sogleich mit zitternden Gliedern bewußtlos niederfällt, als wäre er von einem elektrischen Schlage getroffen. So wird eine Person in der Versammlung um die andere zu Boden geworfen. Ein alter Indianer steht da und sieht mit einem schlauen Lächeln zu, als wollte er sagen: „Mich werden sie nicht so leicht zu Fall bringen.“ Aber sein Stündchen kommt. Die erste Anlegung des mystischen Beutels macht ihn indessen blos einige Schritte vorwärts stolpern, die zweite macht ihn in ein hysterisches Gelächter ausbrechen, die dritte wirft ihn endlich bewußtlos und mit krampfhaft zitternden Gliedern zur Erde. Nach einer Weile erheben sich die Gefallenen wieder und vereinigen sich mit der Procession, welche fortfährt, bis alle Mitglieder den medicinischen Proceß durchgemacht haben. Die unmusikalische Musik hat die ganze Zeit fortgedauert. Die alten Männer scheinen sich an der Posse noch mehr zu belustigen, als die jungen.

Der Heilmitteltanz ist das vornehmste Fest der Minnesota-Indianer und soll mehrere Tage währen. Sie haben auch andere Tänze, unter denen der Kriegstanz der bekannteste ist. Nur Männer führen ihn aus. Diese bemalen dann ihre Gesichter und Körper auf’s Schrecklichste und ihr Tanz besteht aus wilden Geberden und drohenden Stellungen, die sie gegen einander annehmen. Vom „Scalpir-Tanz“ der Weiber habe ich ein Gemälde. Er wird getanzt, wenn die Männer mit den Scalpen ihrer Feinde aus dem Streit zurückkehren. Diese Scalpe werden dann auf hohe Stangen gelegt, welche die Weiber halten, während sie und ihre Mitschwestern tanzen oder vielmehr gleichfüßig herumhüpfen, ungefähr in der Art und mit der Anmuth wie Gänse mit zusammengebundenen Füßen. Trommelschläge, Gesänge und wildes Geheul begleiten die Musik. Die Männer stehen mit Adlerfedern im Haar herum und betrachten dieses Ballet, das für sie eine größere Augen- und Ohrenweide ist, als vermuthlich irgend eines, das Bournonvilles Genie schaffen, Taglioni und Elsler ausführen konnten.

Als die Europäer zum ersten Mal Amerika östlich vom Missisippi durchforschten, sprachen ihre Erzählungen oft von der Oedigkeit des Landes auf lange Strecken, und seit alle Indianerstämme von Canada bis Florida und Louisiana bekannt und ihre Seelenzahl geschätzt worden ist, scheint die ganze indianische Bevölkerung östlich von dem großen Fluß dermalen nicht höher gestiegen zu sein als auf 180,000 Seelen. Die Stämme oder Familien, in welche sie sich theilen, hatten alle an Physiognomie und Sitten große Aehnlichkeit, obschon einige mehr kriegerisch und grausam, andere mehr friedlich waren. Die meisten größeren Stämme lebten seit Urzeiten in blutigen Fehden mit einander.

Als man die Sprache der Indianerstämme untersuchte, fand man unter den vielen Stämmen nur acht bestimmt abgesonderte Sprachen, wovon fünf noch jetzt von ansehnlichen Stämmen gesprochen werden; drei sind ausgestorben. Die Sprachen der übrigen Stämme sind Dialekte von den Hauptsprachen. Die Sprachen waren ausgebildet und in ihren Formen bestimmt; sie sind reich an Bestimmungen und Benennungen einzelner Dinge, aber arm an Wörtern für allgemeine Begriffe. Sie bezeichnen einen Volksgeist, der nicht über das Gebiet der Erfahrung in das der Reflexion hinausgeht. So z. B. haben sie Namen für eine Menge verschiedener Arten von Eichen, aber nicht für das Eichengeschlecht, nicht für die Eiche; sie sprechen von einem heiligen Mann, aber sie haben kein Wort für Heiligkeit; sie können unser Vater, mein, dein Vater sagen, aber sie haben kein Wort für der Vater. Nichts in ihrer Sprache deutet auf ein Volk, das eine höhere Kultur gehabt hätte, als die es auch jetzt noch hat. Sie lieben es, in Symbolen zu sprechen, die sämmtlich aus dem Naturreich entnommen sind; und ihre Schrift und Kunst sprechen ebenfalls durch solche. Ich habe Büffelhäute voll mit Figuren gezeichnet gesehen, wie Kinder sie zeichnen würden, um damit Schlachten, Friedensschlüsse und andere Ereignisse zu bezeichnen; Sonne und Mond, Bäume und Berge und Ströme, Fische, Vögel und allerlei Thiere kamen mit herein; Männer und Pferde (von abscheulichen Proportionen) sind jedoch die Hauptakteure. Auch habe ich indianische Lieder in solchen Hieroglyphen in Bäumen und Rinden eingeschrieben gesehen.

Der religiöse Cultus der Indianer hat denselben natursymbolischen Charakter. Er bildet eine lebendige Hieroglyphenschrift. Sie kennen keinen Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit oder in Liebeswerken. Aber sie haben eine Menge religiöser Feste (die Miinnesota-Indianer mehr als zehn), bei welchen sie der Sonne und dem Mond, Bäumen, Strömen, Steinen, Schlangen, Spinnen, ja sogar allen Thieren und Dingen opfern, um sich ihre Geister und Götter gewogen zu machen. Das Fest der Sonne wird bei Tag, das Fest des Mondes wird bei Nacht gefeiert. Ein besonderes Fest ist für ihre Kriegswaffen, die sie als heilig betrachten, da sie glauben, es wohne ihnen eine göttliche Macht in. Bei all diesen Festen haben sie Tänze und Trommeln, sowie Gesänge und mehrere Ceremonien. Die vornehmste Handlung bei diesen Festen scheint jedoch ein Gastmahl zu sein. Und die Indianer halten es für ihre Pflicht Alles zu essen und sich dabei über ihre Kräfte anzustrengen. Sie müssen zuweilen Medicin nehmen, damit sie hernach von Neuem essen können. Beim Geisterfest muß der Gast, der nicht Alles aufißt, was ihm vorgesetzt wird, mit einer Büffel- oder Biberhaut büßen. Bei diesen Festen sammeln sie Massen von Speisen besonders Wildpret. Dazwischen hinein hungern sie.

Ihre medicinischen Kenntnisse sind, abgesehen von den abergläubischen Gebräuchen, nicht zu verachten und besonders in Bezug auf Heilwurzeln und Naturkräfte sind sie groß. Eine Frau aus Philadelphia, die sich mehrere Jahre unter den Indianern aufhielt, um ihre Heilmittel kennen zu lernen, richtete bei ihrer Rückkehr mit den Wurzeln derselben eine Apotheke ein, die in großen Ruf kam und die amerikanische Pharmacie mit vielen neuen Heilmitteln bereichert hat. Auch Weiber erhalten unter den Indianern großes Ansehen als Aerztinnen und Traumdeuterinnen. Und die Winnebago-Indianer, die am Superiorsee im nordöstlichen Minnesota wohnen, haben sonderbar genug jetzt zwei Königinnen, denen sie gehorchen, der einen um ihrer Weisheit, der andern um ihres Muthes und ihrer Tapferkeit willen.

Sonst sind, wie man weiß, die Weiber bei den Indianern nur Dienstmägde, die alle schweren Geschäfte, sowohl in als außer dem Hause verrichten. Sie brechen den Acker um (Erdstreifen ohne Form und Façon), sie säen und erndten, sie sammeln wilden Reis, Beeren, Wurzeln, und machen Zucker vom Saft des Zuckerrohres. Wenn der Mann ein Thier gefällt hat, wirft er es vor seiner Frau nieder, welche es dann für die Haushaltung zubereiten muß.

„Wie sind die indianischen Weiber in Bezug auf Sitten und Charakter in dieser Umgegend?“ fragte ich eine Frau in St. Paul, die lange Zeit an Ort und Stelle gelebt hatte. Sie antwortete:

„Viele sind sittenlos und taugen nicht viel. Aber es sind unter ihnen auch so tugendhafte und gute Personen wie irgend eine von uns.“

Ich habe auch Beispiele anführen hören, welche zeigen, daß die Indianerin sich zuweilen im Tepee das Herrenrecht herausnimmt, den Mann unter ihren Mocassin bringt und ihn tüchtig durchprügelt, wenn er sie erzürnt. Er schlägt dann niemals wieder, sondern läßt sich geduldig braun und blau klopfen. Aber er weiß, daß die Reihe auch wieder an ihn kommt, und dann weiß er wohl, wie er sich rächen muß.

Wenn ein Indianer stirbt, sammeln sich die Weiber um die Leiche, klagen, heulen, raufen sich die Haare aus und zerfleischen sich mit spitzigen Steinen. Ein Missionär in Minnesota sah eine junge Indianerin bei der Leiche ihres Bruders sich aufs Grausamste ritzen und zerfleischen, während andere Weiber um sie her Rachelieder gegen den Mörder des Todten sangen. Der Gott der Rache ist der Gott der wilden Völker.

Die Tugenden der indianischen Männer sind allgemein bekannt. Ihr Worthalten, ihre Gastfreiheit und ihre Gemüthsruhe im Kummer und Schmerz sind oft gepriesen worden. Diese Tugenden scheinen mir indeß ihre Hauptwurzel in einem starken Hochmuth zu haben. Die Tugend des Indianers ist selbstsüchtig. Ihre gepriesene Würde scheint mir mehr der Würde des Hahns zu gleichen, als der natürlichen Würde einer edeln männlichen Natur. Bald richten sie sich empor, stehen und gehen mit Stolz einher. Bald verkriechen sie sich und kauern sich auf dem Boden zusammen wie Hunde oder Affen. Bald sprechen sie mit stolzen Worten und Geberden, bald plaudern und plappern sie wie ein Haufen Elstern. In ihrem Stolz und Schweigen ist viel Affectirtheit. Es hat einzelne schöne Ausnahmen gegeben, und es gibt ihrer noch immer, wo die Würde und der Seelenadel wahr sind. Besonders findet man das bei alten Häuptlingen. Aber die Hauptzüge bei den Indianern sind doch Götzendienst, Hochmuth, Grausamkeit, Rachsucht, sowie die Erniedrigung des Weibes.

Regierung und Beamte haben sie keine, außer in ihren Häuptlingen und ihren Aerzten. Die erstern haben geringe Macht und wenig Ansehen, außer durch ihre Persönlichkeit, und scheinen sehr in Angst zu leben, daß sie die Popularität bei ihrem Stamm verlieren möchten.

Solcher Art sind mit wenig Abweichungen die Sitten und Gebräuche bei allen Indianerstämmen Nordamerikas, diejenigen ausgenommen, welche das Christenthum und die Civilisation angenommen haben.

Man hat über die Herkunft dieser Völker viel geschwatzt, gemuthmaßt, gedacht und geschrieben. Und man scheint bei der Ansicht stehen geblieben zu sein, daß sie von der mongolischen Race in dem nördlichen Theil Asiens stammen, weil sie mit dieser noch heutigen Tags schlagende Aehnlichkeit in Bezug auf ihr Aussehen und ihre Lebensart haben; Asien und Amerika sind auch im Norden so nah vereinigt, daß eine Fahrt von dem einen Welttheil zu dem andern kein unglaubliches Unternehmen für kühne Küstenfahrer zu sein scheint.

Die Peruaner in Südamerika, und die edeln Atzeken, die dort eine große, wenn auch nur kurze Gewalt besaßen, und deren edelste Regenten Worte gesprochen haben, so weise und poesiereich, wie die des Königs Salomo, — diese Indianer und diejenigen, deren verödete Städte neuerdinge in Central-Amerika entdeckt worden sind, stammten vermuthlich von einer höheren Race, als die Urvölker Nordamerikas, und ihre Ueberbleibsel, sowie daß, was man von ihren Sitten weiß, deuten auf Verwandtschaft mit Asiens edelsten Völkerstämmen.

Die Eiferer für die Lehre, daß alle Menschen von einem einzigen Menschenpaar stammen, welches sie nach Asien versetzen, geben sich Mühe, alle möglichen Wege für die Auswanderung der verschiedenen Völker aus dem Mutterland aufzusuchen. Ich begreife nicht, warum nicht jeder Welttheil ein Mutterland für den Menschen sein konnte. Dieselben Naturkräfte und dieselbe Schöpferkraft mußte auf mehr als einem Punkt ein Menschenpaar hervorbringen können. Und da Gott Vater und die Natur Mutter ist, so müssen wir in allen Fällen Brüder sein. Und das adamistische Paar mag sich immerhin in allen Fällen als das auserkorene Menschenpaar betrachten, gesandt, um die jüngern, mehr im Naturleben gefesselten Brüderpaare zu unterrichten und zu befreien. Gott gnade uns für die Art und Weise, auf welche dasselbe häufig seine Mission erfüllt hat!!

Aber es ist in Bezug auf die Indianer Nordamerikas nicht allein sein Fehler. Wären diese Indianer für eine höhere Kultur empfänglich gewesen, so wäre nicht Gewalt und Faustrecht gegen sie ausgeübt worden, und man hätte sich ihrer nicht bemächtigt, wie es jetzt der Fall war. Aber obschon es den ersten, glaubensstarken, eifererfüllten Missionären gelungen ist, kleine, treue Schaaren neugetaufter Indianer um sich zu versammeln, so sieht man doch deutlich, daß die Macht mehr in ihrer Persönlichkeit lag, als in der Lehre, welche sie predigten. Als sie fort waren, zerstreute sich ihre Schaar.

Weiße Männer, zuweilen von ausgezeichneter Persönlichkeit, haben Indianerinnen geheirathet und sie zu gebildeten Weibern zu machen gesucht. Vergebens. Die Skwah ist Skwah geblieben; unsauber, mit buschigem Haar, die Dämmerung der Küche mehr liebend, als das Licht des Salons, das weite Wollfilzgewand mehr als den Schnürleib und das Seidenkleid; eine getreue Gattin, eine zärtliche Mutter ist sie im Hause und in der Pflege der Ihrigen zuverlässig geblieben, so lang der Mann lebte und die Kinder klein waren.

Aber als die Kinder groß waren, und der Mann starb, da ist sie aus dem Hause verschwunden. Als die Vögel vom Frühling und Wald sangen, und die Ströme von neuem Leben brausten, da ist sie zu den Hütten der Ihrigen in den Wald oder an den Fluß zurückgekehrt, und hat bei ihren Feuern Freiheit und Frieden gesucht.

Dieß wilde Leben muß seine großen Reize haben.

Von allen noch lebenden Indianerstämmen Nordamerikas sind die Cherokee- und Choctasstämme die einzigen, die das Christenthum und die Civilisation angenommen haben. Als die Europäer zum erstenmal diese Stämme besuchten, fanden sie dieselben in kleinen Dörfern auf den Hochländern in Tenesee, Georgien und Alabama. Sie waren friedfertig und beschäftigten sich mit Ackerbau. Später wurden sie in Gutem und mit Gewalt aus ihrer Heimath vertrieben und erhielten Land westlich vom Missisippi in den westlichen Theilen des Missouristaats, und dort sollen sie zu einem großen blühenden Staat geworden sein, der immermehr zunahm und sich den Sitten und Gebräuchen der europäischen Völker immermehr näherte. Sie haben Ackerbau und Viehzucht, sie bauen ordentliche Häuser und haben in der letzten Zeit die Schriftsprache, sowie Pressen erhalten. Ich habe unter meinen amerikanischen Kuriositäten eine in der Cherokee-Sprache gedruckte Cherokee-Zeitung.

Die wilden Indianer, die sich noch wie früher hauptsächlich von Jagd und Fischfang ernähren, werden jedoch immer mehr ausgerottet, theils durch ihre Kriege, theils durch die ansteckenden Pocken und den Branntwein, der ihnen, mit schädlich erhitzenden Stoffen versetzt, von weißen Handelsleuten zugebracht wird. Die amerikanische Regierung hat strenge Verbote gegen den Verkauf geistiger Getränke an die Indianer erlassen; aber diese Leute sind so begehrlich nach berauschenden Getränken, und gemeine, geldgierige Seelen finden sich überall, so daß das Verbot wenig nützt. Starke Getränke werden nebst andern Handelswaaren bei den Indianern in diesen Gegenden eingeschmuggelt. Die amerikanische Regierung kauft von den Indianern Land, und für dieß Geld, das dafür unter sie vertheilt wird, kaufen sie hinwiederum „Feuerwasser“ nebst Lebensmitteln, die sie unvernünftig theuer bezahlen müssen. Dadurch verarmen sie allmählig und fallen dem Hunger und der Noth anheim. So sinken sie immer mehr an moralischer und physischer Kraft, und gegen die vergiftende Berührung mit der weißen Race haben ihre Aerzte kein Heilmittel und keine Zauberkunst.

Edle Männer unter den Indianern haben starke und bittre Worte gegen die Weißen und gegen die Nachgiebigkeit ihres Volks ihnen gegenüber gesprochen.

„Wenn der große Geist,“ sagte ein Sioux-Häuptling zu christlichen Missionären, „eure Religion für die rothen Männer bestimmt hätte, so hätte er sie ihnen gegeben. Wir verstehen nicht was Ihr zu uns sagt, und das Licht, das Ihr uns geben wollt, verdunkelt den hellen geraden Weg, den unsere Väter gegangen sind.“

Als er starb, sagte er zu seinem Volk: „Grabt selbst mein Grab und laßt den weißen Mann mich nicht da verfolgen.“

Ach! Ueber seinem Grabe geht dieser im Namen des Lichts und der Kultur vorwärts, und das Dämmerungsvolk weicht zurück, allmählig absterbend, in den Schatten der Wildniß und der Felsgebirge. Es kann nicht anders sein.

Und so viel Interesse ich auch für gewisse hochsinnige Charaktere unter Männern dieses Volks empfinde, so kann ich unmöglich langes Leben einem Volke wünschen, das die Grausamkeit unter seine Tugenden zählt und den Schwachen zum Lastthier macht.

Das Volk, das sie verdrängt und ihre Erde einnimmt, ist, mit wie viel Fehlern es auch behaftet sein mag, ein edleres und menschlicheres Volk. Es hat ein höheres Bewußtsein von Gutem und Bösem. Es trachtet nach der Vollkommenheit. Es will die Waffen der Barbarei wegmerfen und auf der neuen Erde keine andere bleibende Festung gründen, als die Kirche Christi, kein anderes Banner aufpflanzen, als das Banner des Friedensfürsten. Es hat in späteren Zeiten besonders auch in seinem Verfahren gegen die Indianer bewiesen, daß es ihm dabei Ernst ist.

Die Indianer wie die Grönländer sehen, während sie die weiße Race fürchten, mit stolzer Verachtung auf sie herab, und ihre Sage, wie es bei der Schöpfung der Völker zugegangen sei, beweist recht naiv ihre Ansicht von dem Verhältniß zwischen den verschiedenen Racen.

„Der erste Mensch, den Manitu buck,“ sagen sie, „wurde im Ofen zu wenig gebacken. Er wurde weiß. Der folgende wurde zu viel gebacken; er wurde schwarz. Manitu nahm sich das drittemal beim Backen besser in Acht, und der dritte Mensch wurde gerade recht gebacken und kam rothbraun aus dem Ofen. Das ist der Indianer.“

Die europäischen Gelehrten theilen die drei vornehmsten Völkerracen auf Erden in Tagvölker (die Weißen), Nachtvölker (Neger) und Dämmerungsvölker (Indianer) in den östlichen und westlichen Welttheilen.

Was diese Nachtvölker von sich und den andern Völkern sagen, weiß ich nicht. Aber es scheint mir gewiß, daß sie in ihrer Fähigkeit zu geistiger Entwicklung den Tagvölkern näher stehen als die Dämmerungsvölker, daß sie eine größere Zukunft haben, als die letzteren, und weniger Eigenliebe als beide.

Fort Snelling liegt auf dem westlichen Ufer des Missisippi bei dem Auslauf des St. Peter in diesen Fluß, und man hat von da aus eine herrliche Aussicht auf den breiten St. Peters-Fluß (von den Indianern Minnesota genannt) und das breite Thal, durch welches er kommt. Weiter hinauf geht er durch das Hochland mit großartigen Scenerieen eine Strecke von 509 Meilen westlich ins Land hinein. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ sagt ein junger Amerikaner in seiner Reisebeschreibung über Minnesota, „daß hier (an den Ufern des St. Peter) die Aristokratie des Landes ihre Residenz nehmen wird.“

Ein weit voraussehender Blick, könnte man denken. Aber die Sachen gehen hier zu Land schnell vor sich.

Auf dem Weg zum Fort Snelling besuchten wir einen Wasserfall, genannt „der kleine Fall“. Er war klein, aber so unendlich schön und pittoresk, daß er sein eigenes Gemälde, seine eigenen Gesänge und seine eigene Sage verdient. Der weißeste Wasserschaum, der schwärzeste Fels, der graziöseste, zugleich wilde und weiche Fall. Kleine Dinge werden groß durch ihre Vollkommenheit.

Später.

Heute habe ich mit dem freundlichen jungen Priester die sogenannte „Fountain Cave“ ein Stück außerhalb der Stadt besucht. Es ist eine unterirdische Halle mit vielen Gängen und Sälen, vermuthlich denjenigen in der berühmten Mammouth-Höhle in Kentucky ähnlich; und es sollen sich mehrere solche unterirdische Paläste in Minnesota befinden, obschon sie noch nicht untersucht worden sind. Diese Grotte ist auch noch nicht tief erforscht worden. Ich begnügte mich damit, unter ihren prächtigen gewölbten Säulenhallen zu sitzen, von ihren krystallhellen Quellen zu trinken und dem Gesang des fallenden Wassers weit im Innern der Grotte zu lauschen. Man kommt dahin durch eine abschüssige tiefe Versenkung in der Erde, die einer Riesengrube gleicht. Unten sieht man sich von hohen, abschüssigen Sandsteinmauern umgeben, und in einer von diesen öffnet sich eine Riesenthüre mit dunklem Hintergrund. Rundum in den abschüssigen Mauern waren unzählige kleine, runde Löcher, wo kleine Vögel ihre Nester hatten.

Wir gingen durch schönes Wiesenland am Missisippi entlang nach der Grotte. Das Gras stand hoch und gelb. Die Luft war warm wie an einem Sommertag. Es war ein „indianischer Sommer“. Die Gegend sah so freundlich, so fruchtbar, so einladend aus. Wir begegneten auch einer Hirtin, die mit Milcheimern kam. Sie war schön, hatte aber künstliche Locken und sah nicht recht aus, wie die Hirtinnen einer wahren Idylle aussehen sollten.

Aber dieses Minnesota ist ein herrliches Land, und recht ein Land für ein „Neu-Skandinavien“. Es ist viermal so groß als England. Es hat den reichsten Erdboden, große Waldungen, eine Menge fischreiche Flüsse und Seen und ein frisches, stärkendes Klima. Der Winter ist kalt und rein, der Sommer nicht heiß, wie in den niedriger gelegenen Missisippistaaten. Die Kälte tritt selten vor der Mitte Septembers ein. Der Itaskasee, die Wiege des Missisippi, liegt 1575 Fuß über dem mexikanischen Meerbusen, und das Hochland, das im Halbkreis den Itaska im Norden umgibt, die gigantische Terrasse „Hauteur des terres“, wo die Quellen der mächtigen Flüsse Missisippi, St. Louis, St. Lorenzo, des Rothen Flusses u. s. w. entspringen, liegt noch ein paar hundert Fuß höher. Ganz Minnesota ist ein Hochland. Minnesota grenzt im Osten an den Superiorsee, Amerikas Mittelmeer, und steht durch diesen mit den östlichen Staaten, mit dem St. Lorenzo dem Hudson und dem atlantischen Meer in Verbindung. Es hat in seinem Norden Canada, im Westen den wilden Missouri, der beinahe auf der ganzen Grenze schiffbar ist und Ufer von Felsbergen hat, reich an Metall und kostbaren Steinarten, sowie Prärien, wo wilde Büffelherden, Elenthiere und Antilopen waiden. Auf der andern Seite des Missouri ist das mystisch indianische Nebraska, jenseits davon die Felsberge, zum größern Theil noch unbekannte Größen, jenseits dieser der Oregon, ein ungeheures Territorium mit unerschöpflichen Mitteln an Produkten des Naturreichs, große Thäler, große Flüsse, der Columbus, der Oregon, mit dem Auslauf ins stille Meer, Flüsse, in deren Wasserfällen der Lachs schaarenweise herumhüpft, wie in den reißenden Strömen Norwegens und Schwedens.

Im Süden hat Minnesota das fruchtbare Iowa, einen jungen Staat mit schönen Flüssen, dem Iowa-, Ceder-, Des Moines-[WS 4] und Vermillion-Fluß, mit breiten Thälern und reichen Waiden. Und im Herzen seines Landes hat Minnesota den Missisippi, diese große Lebensader, die man da zur Welt kommen sieht, und auf deren Wellen es alle Produkte des Nordens dem Süden zuführen, und alle Produkte des Südens für sich holen kann.

Welch ein herrliches Neu-Skandinavien könnte nicht Minnesota werden! Hier würden die Schweden ihre hellen, romantischen Seen, Schwedens kornreiche Gefilde und Nordlands Thäler wiederfinden; hier die Norweger ihre reißenden Ströme, ihre hohen Berge — denn ich nehme die Felsgebirge und den Oregon mit in das neue Reich; beide Völker ihre Jagdreviere und ihre Fischereien. Die Dänen würden auf reicheren Küsten und mit weniger Nebel als in Dänemark ihre Herden waiden und ihre Farms bebauen. Die Felsgebirge sind der neue Seveberg mit mythologischen Ungeheuern, Riesen und Zauberspuck genug, um dem mythologischen Sinne und der Streitlust Nahrung zu geben. Die Götter müssen hier noch kämpfen mit Rimthussen und Riesen, Balder mit Loke, einen neuen Kampf, wo Balder siegen und die Midgardsschlange im stillen Meer still werden müßte — wenigstens in Ragnarok. Walhallas Freude könnte auch nicht fehlen in diesem neuen Weinland, auf Missisippis rebengekrönten Inseln, und der große göttliche Eber Sehrimmer hat wohl nirgends so zahlreiche Abkömmlinge, wie in der neuen Welt. Aber die Skandinavier würden bei den heidnischen Schmausereien nicht stehen bleiben. Sie würden edlere Freuden suchen.

Im Ernst gesprochen: Skandinavier, die sich im alten Lande wohlbefinden, sollten es nicht verlassen. Aber diejenigen, denen es daheim zu enge wird und die auswandern wollen, die sollen nach Minnesota kommen. Das Klima, die Lage, die Natur hier passen für unser Volk besser als in irgend einem der andern amerikanischen Staaten, und keiner von diesen scheint mir eine größere und schönere Zukunft haben zu können als Minnesota.

Dazu kommt, daß das schöne Erdreich in Minnesota noch nicht von Spekulanten aufgekauft ist, sondern allgemein zum „Regierungspreis,“ 1¼ Dollar der Morgen, zu haben ist. Ich habe mir sagen lassen, der norwegische Pastor in Luthersthal, Clausen, wolle mit einer Abtheilung Norweger heraufkommen um eine Niederlassung zu gründen. Gut. Bereits sind mehrere Norweger und Dänen hier. Ich habe mit einem dänischen Kaufman, der hier ansäßig ist, Bekanntschaft gemacht; er ist in einigen Jahren durch Fellhandel mit den Indianern ein reicher Mann geworden und baut sich jetzt ein großes, schönes Landhaus in einiger Entfernung von der Stadt. Seine Frau ist die Tochter einer Indianerin und eines Weißen, hat indianisch dunkle Augen und Züge ungefähr wie das Federwolkenweib, im Uebrigen aber ist sie so gebildet, wie die anmuthsvollste weiße Frau.[2] Ich versprach dem freundlichen Dänen, der mitten unter den Amerikanern charakteristisch dänisch geblieben ist, daß ich, wenn ich auf meiner Heimreise nach Kopenhagen komme, seine alte Mutter besuchen und von ihm grüßen wolle.

Bei Gouverneur Ramsay ist eine junge Norwegerin als Köchin. Sie ist erst zwanzig Jahre alt, ist selbst für ganz simple Speisen nicht übermäßig geschickt, und bekommt gleichwohl elf Dollars monatlich als Lohn. Das ist ein gutes Land für junge Dienstboten.

Morgen werde ich von hier abreisen, den Missisippi hinab und nach Galena, von da weiter nach Saint-Louis, sodann den Ohio-Fluß hinauf nach Cincinnati; von da nach New-Orleans, und hierauf aus einer der südlichen Hafenstädte nach Cuba, wo ich den Winter zu verbringen gedenke.

Es ist mir nicht recht wohl zu Muth bei dem Gedanken, daß ich sobald von hier abreisen soll. Ich möchte mehr von den Indianern und ihrem Leben sehen, und ich habe eine Empfindung ungefähr wie ein Hungriger, wenn er genöthigt ist aufzustehen und eine kaum begonnene Mahlzeit zu verlassen. Ich möchte mehr von dem Land und den Ureinwohnern sehen, aber ich sehe nicht recht, wie und auf welche Art. Wege und Reisemittel sind hier nicht vorhanden wie in den cultivirten Staaten, und ich will nicht länger in diesem Hause bleiben, wo man mir gastfreundlich ein Zimmer gegeben hat, indem man den einzigen Sohn des Hauses (einen schönen kleinen Baby) nebst seiner Wärterin in ein kaltes Zimmer verwies. Das Kind muß wieder in das warme Zimmer kommen, denn die Nächte werden kalt. Ich sehne mich nach dem Süden und fürchte die kalten Nächte am Missisippi; nach einer andern, mir freundlich geöffneten Heimath, einige Meilen von hier, ist mir der Weg zu lang und zu beschwerlich, und die innere Stimme gibt mir keine Aufklärung. Ich reise also, aber ich habe eine Ahnung, daß ich es bereuen werde.

Von meiner schönen, freundlichen und guten Wirthin trenne ich mich mit Leidwesen. Ich bringe ein paar indianische Moccasins für Deine Füßchen mit, auch ein paar für Charlotte und einen Glockenzug (indianische Arbeit) für Mama. Die Handarbeiten der Indianerinnen sind zierlich, obschon es ihnen an Geschmack fehlt und sie sich über alle Regeln der Zeichnung hinwegsetzen. Rothe und helle Farben herrschen in ihren Stickereien vor, wie auch in den Hochzeitskleidern des Volks. Die rothe Farbe scheint allen Naturkindern lieb zu sein.




Von dem jungen presbyterianischen Missionär dahier habe ich über das Verhältniß des Missionswerks zu den Indianern einige Aufschlüsse erhalten, die mich ihre Opposition in einem heiterern Lichte erblicken lassen, als bisher. Seitdem die Sprachen der vornehmsten Stämme studirt und die Evangelien darein übersetzt worden sind, hat das Christenthum einen bedeutenden Eingang bei diesen wilden Völkern gewonnen, und im letzten Jahr ist der Fortschritt des Missionswerks gewaltig gestiegen.

Als im Jahr 1828 das kirchliche Leben einen neuen Aufschwung nahm, und das Missionswerk eine neue Organisation erhielt, fanden sich unter den Indianern nur einunddreißig Missionäre mit einem Einkommen von 2400 Dollars zur Betreibung des Unterweisungsgeschäfts.

Jetzt, im Jahr 1850 gibt es unter den Indianern 570 Missionäre (mehr als die Hälfte davon sind Frauenzimmer) mit einem jährlichen Einkommen von 79,000 Dollars; und an diese Missionäre schließen sich ein paar hundert Prediger und Helfer aus den Eingebornen selbst an. Tausend Kirchen von allen christlichen Confessionen sind erbaut worden, und die Zahl der christlichen Bekenner unter den Indianerstämmen beläuft sich jetzt auf 40,537. Auch eine Menge Schulen sind erstanden und eine Menge erstehen täglich, um die indianischen Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen, sowie in Handarbeiten zu unterweisen. Die Weiber zeigen sich in letzteren sehr lernbegierig. Die Jungen lernen das Lesen und Schreiben leichter als die Mädchen; doch soll es sehr schwer sein, sie an Ordnung und Pünktlichkeit zu gewöhnen. Erst nach der religiösen Bekehrung ist es möglich, den Indianern sittliche und materielle Kultur beizubringen. Vorher wollen sie Nichts lernen. Die Zahl der Schulen beläuft sich bereits auf 4 — 500, und die Anzahl der Schüler, Knaben und Mädchen, auf mehr als 3000. Seminarien für Jungen und Seminarien für Mädchen sind ebenfalls errichtet worden. Druckerpressen sind eingeführt worden und Druckschriften in dreißig verschiedenen Sprachen. Der Missionär in Kaposia, Mr. Willjamson, betrachtet die Unwissenheit der Indianer als das größte Hinderniß für ihre Kultur. Die Weiber sind für das religiöse Licht am zugänglichsten. Die Männer, besonders der kriegerischen Völker, so z. B. des Sioux-Stammes sind schwerer zu gewinnen, und wollen nichts von einer Lehre wissen, die in scharfem Gegensatz zu demjenigen steht, was ihre heidnische Tugend und Glückseligkeit ausmacht. Und noch haben die Missionäre bei den Sioux wenig ausgerichtet, und noch sind sie gar nicht bis zu den wilden Stämmen zwischen Minnesota und den Felsgebirgen gedrungen.

Aber sie werden nicht lange zögern, auch dahin zu dringen.

Aus dem jährlichen Bericht der „Presbyterianisch-Amerikanischen Missionsgesellschaft“ im Jahr 1850, woraus ich mehrere dieser Angaben geschöpft habe, schreibe ich noch folgende Worte ab:

„Wie lang soll es noch anstehen, bis wir auf den Ufern des stillen Meeres eine Synode errichten?“

„Schon sind unsere Missionäre über alle Vereinigte Staaten östlich vom Missisippi mit Ausnahme eines kleinen Theils im Nordosten zerstreut. Sie sind über diese Flüsse gegangen und haben angefangen, mit Eifer das ungeheure Land westlich davon, vom mexikanischen Meerbusen bis zu den britischen Kolonieen im Norden zu erfüllen. Nein, noch mehr. Sie sind über das ganze Festland hingewandelt und haben in der westlichen neuen Welt Gottes Reich zu begründen begonnen. Welcher Art ist endlich unser Erfolg? Die Spitzen unserer Kirchen längs der atlantischen Küste werden von dem Licht der Morgensonne beleuchtet, Ueber das Land hin schreitend lausche ich ihnen den ganzen Tag hindurch. Und wenn sie zur Ruhe hinabsinkt, verweilt ihr letzter himmlischer Strahl noch auf ihnen, da wo sie sich am Ufer des stillen Meeres erheben.“

„Ja, wir haben mit Gottes Beistand etwas gethan; aber wir haben noch unendlich mehr zu thun, um das Maaß unserer Pflicht zu erfüllen.“

Das ist so ein kleiner Leckerbissen vom Werk und der Bereitwilligkeit des Westens.

So ist also von den rothen Männern bereits eine kleine Schaar auf Erden in das Reich Christi gekommen. Und wenn auch von diesen 40,000, die sich öffentlich zur christlichen Kirche bekennen, nur 10,000, ja auch nur tausend aufrichtige Christen sind, so ist es genug für eine unendliche Zukunft. In den glückseligen Ländern, wo die rothen Kinder Gottes einmal jenseits der dunkeln Tiefe landen werden, werden sie befreiend auf ihre Brüder, das Volk der Dämmerung, das im Reich der Schatten geblieben ist, einwirken.

Das Reich des Erlösers und das Werk der Erlösung beschränkt sich nicht auf diesen kleinen Raum und diese kurze Zeit. Ihre Zeit und ihre Räume sind ewig wie — Gottes Herz.

Ich weiß, daß die Missionäre hier eine andere Lehre predigen. Und es ist mir unbegreiflich, wie sie dabei Erfolge gewinnen können, unbegreiflich, wie sie selbst dabei Ruhe finden können. Aber einiges Licht, stärker, mächtiger als ihre beschränkte Lehre, muß mit Christi Worten zum Herzen eines Heiden gelangen und es zu seinem Kreuz und seiner Krone herüberziehen von den Jagdrevieren der Erde und den wilden Tänzen nach seinem Himmel. Ich kann es nicht anders begreifen.

Es ist Abend und starke Feuerscheine beleuchten (wie alle Abende, seitdem ich hieher gekommen bin) den westlichen Himmel. Es ist eines von den Prärienfeuern des Indianer, welche sie anzünden, damit das Wildpret sich auf diesem Punkt ansammeln soll (denn es ist jetzt ihre Jagdzeit). Auf diese Art erlegen sie eine Menge Thiere, tödten aber zu gleicher Zeit auch die Jagd, und fallen dadurch immer mehr der Noth oder der Wildniß weiter weg im Westen anheim.

Aber es glänzt im Westen, und alle Heiligen, Sct. Peter, Sct. Paul, Sct. Charles (eine Niederlassung weiter oben), Sct. Anton (der auch eine Stadt zu bauen begonnen hat), die sich im nördlichen Missisippi niedergelassen haben und jetzt von den Feuern der Indianer beleuchtet werden, werden der Wildniß das Licht der Morgensonne und des neuen Lebens wiedergeben.

Es leuchtet im Westen von den brennenden Prärien, von der wilden Jagd. Ich liebe diesen Schein, denn er hat einen poetischen Glanz; er beleuchtet den Mond-Tanz und die indianischen Rathsversammlungen und das Geisterfest. Aber … es ist doch mehr Schein als Licht.

Wenn Wohnungen, solche wie Andrew Downings und Markus Springs, sowie die beinah schwedische Wohnung meiner guten Mrs. Howland auf den Höhen des Missisippi und Sct. Peter stehen; wenn die Kirchthurmspitzen glänzen und der Skalpiertanz nicht mehr getanzt wird; wenn Stimmen, wie die von Channing und Emerson, Beecher und Bellow, sich in den Rathsversammlungen erheben, und auch Lucretia Mott allda für Freiheit, Frieden und Weiberrechte sprechen kann; wenn der christliche Indianerstaat Nebraska friedsam neben Minnesota steht, dann — das heißt in etwa hundert Jahren — dann möchte ich nach Minnesota zurückkehren und ein neues Geisterfest feiern; und ich werde im Geist dahin zurückkehren.

  1. Bemerkenswerth scheint mir der Glaube dieser Indianer, daß jede Thierart ein ursprüngliches großes Vorbild oder einen Typus habe, aus welchem sie stammt. So stammen alle Biber von dem großen Biber, der unsterblich irgendwo unter dem Wasser lebt, alle blauen Vögel von einem großen blauen Vogel, der unsichtbar über den Wolken hoch im Raume fliegt. Der große Biber ist der große Bruder aller Biber, der große blaue Vogel ist der Vater und Beschützer aller blauen Vögel.
  2. Kinder von Indianerinnen und weißen Männern schließen sich gewöhnlich der weißen Race an. Sie finden oft recht gute Menschen-Exemplare, scheinen aber doch keine eigentlich veredelte Art zu sein. Man rühmt ihre Augen und ihre Geistesgegenwart, und ich habe sagen hören, die meisten Untersteuermänner auf den Missisippibooten gehören dieser Halbblut-Race an.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Komma entfernt
  2. schwedisch „melodisk“; Vorlage: melancholischer
  3. Vorlage: gegewesen
  4. Cedar River, Des Moines River; Vorlage: Ceder des Moines-
Sechsundzwanzigster Brief Die Heimath in der neuen Welt. Zweiter Band
von Fredrika Bremer
Achtundzwanzigster Brief
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