Die Insel-Republik deutscher Künstler

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Erwin Förster
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Insel-Republik deutscher Künstler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 441–443
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Malerkolonie auf Frauenchiemsee
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Frauenchiemsee Stich.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[441]
Die Insel-Republik deutscher Künstler.
Von Erwin Förster.

Zur Zeit, als sich die hohen Herren eine Allongeperücke über den Kopf stülpten und die Bäume ihrer Gärten mit der Scheere in barocke Formen zustutzten, konnte der Sinn für die Alpennatur und ihre Schönheit nicht aufkommen. Sie war zu wild, zu groß und frei für diese engherzigen, verschnörkelten Caricaturmenschen; diese bauten sich mit dem Gelde ihrer „getreuen Unterthanen“ lieber ihre sonderbaren Schlösser in Gegenden, welche dadurch nicht zu verderben waren, so in den Sumpf nach Schleißheim oder auf die sterile Ebene Forstenrieds bei München. Was hohe Herren thaten, ward natürlich Mode bei dem Volke, und so kam es, daß dies die heute so viel besuchten bairischen Alpen „eine horrible Landschaft und arme Gegend“ nannte. Erst viel später, erst als in den zwanziger Jahren München die Heimath deutscher Kunst und Künstler durch Ludwig den Ersten wurde, ging den Münchnern der Sinn für die Alpenscenerie allgemein auf; da schnallte nun Jeder im Sommer vergnügt sein Ränzlein und zog nach der lange gemiedenen Gegend im Süden.

So kamen im Jahre 1828 auch vier junge Gesellen, von denen zwar nur der eine sich durch die damals noch übliche Leinenblouse, durch Farbekasten und Feldstuhl als Maler kennzeichnete, über den Wendelstein, dem Inn entlang bis zu einem großen See, zu dem einst so frommen Chiemsee oder, wie ihn überschwengliche Nativisten getauft haben, zum „Bairischen Meere“.

Dort liegen drei Inselchen, die eine, wohl über eine Stunde lang, trägt ein großes Kloster, das aber schon damals säcularisirt war und statt frommer und gelehrter Augustinermönche kräftige Bräuknechte, Jäger und Holzhauer beherbergte; hier vom Garten der Bräu- und Schloßschenke Herrenchiemsees sahen sie hinüber nach der schwimmenden Perle des Sees, nach Frauenwörth, dessen Häuser, Bäume und Nonnenkloster sich so friedlich in der glatten Fläche abspiegeln, daß wohl Jeder, wie unsre Wandrer, tiefe Sehnsucht fühlt hinüberzufahren nach dem reizenden Eiland. Als sie dort am Morgen im gastlichen Hause der Frau Dumbser erwachten, sahen sie sich an und stillschweigend wurden sie einig, den Wanderstab in die Ecke zu stellen und hier zu bleiben auf dieser göttlichen Isola bella. Ist’s ein Wunder? Säße der Leser, wie ich jetzt, im duftenden Schatten der hohen Wirthslinde Frauenchiemsees, blickte hinüber über die weite, weite Wasserebene mit ihren waldigen Ufern, aus denen friedliche Dörfer wie Edelsteine blitzen und blinken, oder gar hin nach Süden, wo sich frisch und stolz die zackige Kampenwand, der Hochgern mit seinen Schluchten, Felsen, Wäldern und Almen erhebt, oder endlich hin nach dem weiten Thale, aus dem der gewaltige Riese, der Watzmann, so freundlich herübergrüßt oder den Salzburger Untersberg herablassend anschaut, als glaube er nicht, daß in seinem Innern Carl der Große schläft – ich sage, erblickte er all die Herrlichkeit und wölbte sich wie heute der reine blaue Aether über ihm: er würde mich wohl billig einen barbarischen Einfaltspinsel nennen, wollte ich ihm vom Fortgehen reden.

Ja, ich sitze hier an derselben Stelle, wo auch unsere Wanderer am anderen Tage saßen, und vor mir liegt ein heiliges Vermächtniß einer schönen Zeit, ein äußerlich schlichtes Buch, aber werthvoller, als mancher Foliant, der in Bibliotheken ruht und erzählt, wie sich die Menschen mordeten und brandschatzten, um einen Purpur zu bereichern. Ich schlage den Deckel des unscheinbaren Buches auf und werde zu meinem Schrecken gewahr, daß ich meine Erzählung zwar sehr plausibel begonnen, damit aber der hier gegebenen Nachricht von der „Entdeckung von Frauenchiemsee“ geradezu vor den Kopf gestoßen habe, denn danach war die Sache so einfach bei Weitem nicht, sondern eine gefahrvolle, wunderbare Fahrt todesmuthiger Argonauten. Es steht nämlich verzeichnet: „Als man schrieb 1828 nach unseres Herrn Geburt, geschah es, daß ein gar wackerer Hauptmann, Maxen Haushofer geheißen, sich mit seiner Knappschaft, den edlen Jungherren Franz Trautmann und den Gebrüdern Carl und Joseph Boshart, auf den Weg nach Abenteuern aufmachten. Item geschah es, daß, als sie in einem Schifflein auf dem Schliersee fuhren, sich ein groß Windsbraut erhob, also, daß die Wogen immer höher und höher stiegen; gleichzeitig öffnete der Himmel alle seine Schleußen, daß die Wasser wuchsen,“ bis der tapfere Anführer und seine Gefährten keine Ufer mehr sahen. Endlich nach drei Tagen erreichten sie „ein grün Eiland, wo ein wild Volk hausete“, sich ihnen aber freundlich zeigte, auch von seiner „rohen Kost“ brachte, als es Geld bei ihnen sahe; die letztere aber bestand „aus Kartoffelsalat und frischem gehackten Fleisch, welches sie zuvor säuberlich in Fett buken und Coteletten nenneten“. Als der Sturm aufgehört hatte zu toben, die Wogen sich besänftigten, auch die Sonne wieder schien, erkannten die Argonauten erst, daß sie in einem fremden See seien, „den die wilden Eingebornen in ihrer ungeschlachten Sprache den Chiemsee benamsten.“

Somit war die Insel entdeckt. Entdeckt? höre ich fragen und ich antworte: Ja! so gut Amerika von Columbus für die alte Welt entdeckt wurde, so gut wurde es Frauenchiemsee von Haushofer und seinen Begleitern für die Maler; wie die goldgierigen Spanier nach Westindien zogen, um reich beladen heimzukehren, so zogen nun die Künstler hierher und hoben Schatz auf Schatz aus der unerschöpflichen Gegend, wo Land und Leute gleich reichen Stoff zu Bildern gaben. Wer kennt nicht die „Mittage am Chiemsee“ des leider in diesem Jahre verstorbenen Prager Professors Max Haushofer? Wer hat noch nie ein Bierglas im Wirthshause bekommen, auf dessen Deckel das „Ave Maria“ nach Ruben’s trefflichem, nur etwas gar zu fromm-sentimentalem Bilde mehr oder minder schlecht gemalt gewesen wäre?

Die Freunde, als sie endlich die gastliche Insel verlassen mußten, um wieder die Collegien zu besuchen oder zu schwänzen, je nachdem, nahmen doch die Sehnsucht nach ihr mit und priesen ihre Tugenden allerorts. Man hörte, staunte, überzeugte sich im andern Jahre selbst, und schon 1830 galt Frauenchiemsee bei Natur- und Kunstfreunden als ein Eldorado; selbst Fremde lockte schon der Ruf, denn das Fremdenbuch weist aus, daß die Maler C. Himler aus Dresden, Rices aus Dornbirn und Aloys Gatterer aus dem nachbarlichen Tirol hierher kamen. Jetzt begann eine blühende Zeit für die Insel und ihre Gäste. Da gesellten sich der Schlachtenmaler Ludw. Wendling und sein Bruder Georg, welcher später seine spärliche ärztliche Praxis mit der behäbigeren Stelle eines königlichen Schloßverwalters in Nymphenburg vertauschte, zu Max Haushofer und seinen Gefährten und „bildeten die Kneipe weiter“ und sich selbst wohl auch aus. Der Maler Löschhorn kam und führte „die Edeltrinkkunst“ ein, eine Errungenschaft seiner Universitätsjahre. Da wurden kühne Fahrten auf dem See unternommen, aber die schönsten waren jene, welche Trautmann vorgeschlagen. Wenn die Sonne von den Zinnen des Watzmanns den letzten Scheidegruß gesandt, der Himmel sich dunkler und dunkler färbte und ein Stern nach dem andern erwachte, dann zog die Schaar aus dem Hause der Frau Dumbserin mit brennenden Kienfackeln, stieg in die bereitstehenden Einbäume[1] und fuhr hinaus in Mondenschein und See und sang ein Lied, daß die kleinen unsichtbaren Wassergeister heraufschwammen und lautlos zuhörten und den Wellen verboten zu plätschern.

Mit jedem Jahr mehrten sich die Künstlerschaaren auf dem Eilande. Da war 1834 Ruben da, dessen Bildes ich oben erwähnte, welcher aber oft den Pinsel mit dem Stutzen oder der Angel vertauschte, Dr. Carl Noodt, „der seltsame Mensch und Hundsfreund“, wie ihn die Chronik nennt, welcher die Insel bald wie seine Heimath ansah und im Fremdenbuche zweiundzwanzig Jahre später der Erinnerung jener schönen Zeit rührende Worte weiht, sich aber als „Hofrath Dr. Noodt aus Tiflis mit Familie“ unterschreibt; seit 1862 ist auch er todt. Dann der kleine Mann mit dem ungeheuren Baß, C. Altmann, der uns in seinen Bildern das Leben der Wilderer und Schmuggler schildert, ein ebenso vortrefflicher Mensch, wie wunderlicher Heiliger, welcher für seine Freunde Alles wagen, für sich aber nie rasch zu einem Entschlusse kommen konnte. So, um nur Eines zu erzählen, besuchte er in seinem fünfundfünfzigsten Jahre, als er durch den Tod seines Vaters ein anständiges Vermögen geerbt hatte, Trautmann und sagte: „Höre, alter Freund, ich habe da einen dummen, aber sehr gescheidten Gedanken; was meinst Du, sollt’ ich nicht heirathen?“

[442] „Ei versteht sich, Du hast ja Geld, auf was willst Du denn noch warten?“ frug sein Freund.

Nach einiger Zeit, in welcher Altmann das Zimmer mit raschen Schritten maß, antwortete er: „Ich muß mir’s doch noch überlegen, weißt Du, ich möchte eigentlich mir lieber ein Reitpferd halten.“[2]

Das nächste Jahr wurde die Republik der Künstler, welche sich hier zu den königlichen Aufträgen die nöthige Kraft holten, durch den liebenswürdigen Genremaler Heinrich Varr vermehrt; er kam eben aus England, noch voll des Entzückens nicht sowohl über die Werke van Dyk’s, als über die dortige kräftige Kost, so daß er zur Befriedigung sämmtlicher Zunftgenossen „denen wild Köchinnen die Kunst der Beefsteakbereitung lehrete“. Vor Allem aber that er damit dem sehr langen, hagern Maler Adolph Mende einen Dienst, denn dieser war ebenso gewaltig im Essen, wie im Stil seiner großen Genrebilder, für welche aber die edlen Patricier in Basel, unter denen er längere Zeit lebte, so wenig Sinn hatten, daß er dieselben sammt und sonders in Caricaturen feierte. Man erzählt sich, daß, als sich in Basel für diese aus leicht begreiflichen Gründen kein Verleger fand, er sie in München erscheinen ließ und die guten Geschäftsleute dadurch zwang, die ganze Auflage aufzukaufen – der Posten mag sich in den dicken Hauptbüchern gut ausgenommen haben: „Für Ankauf meines Zerrbildes neun Franken fünfzig Centimes“. Das war der Zorn eines gelangweilten Künstlers!

Weiter berichtet die Chronik von ihm, daß er Anno 37 sich drei Viertel Jahre auf Frauenchiemsee aufhielt, „also daß unter den Eingebornen eine arg Hungersnoth entstand, sintemalen vorbemeldeter Mende ihren ganzen Vorrath aufgezehrt hatte“. Allein er fand seinen Rivalen. Bernhard Fries kam mit schwer beladener Mappe und mit verdorbenem Magen aus Italien – den letzteren mochte er den Pommeranzen und Trauben zu verdanken haben – kurz er war entzückt, als am Donnerstag Frau Dumbserin die Terrine mit den kräftigen, nahrhaften Leberknödeln auf den Tisch setzte, und machte so gefährliche, beutelustige Angriffe auf die letzteren, daß den staunenden Tischgenossen nicht viel mehr als das Nachsehen blieb. Sie rächten sich aber und nannten ihn, der uns mit keckem, breitem Pinsel die ganze Gluth und den ewigen Reiz des vielbesungenen und vielgemalten Italiens zu hinreißendem Entzücken auf die Leinwand zaubert, den „Knödelgeier“. Auch dem Maler tiefernster Wald- und Bergeinsamkeit, Eduard Schleich, begegnen wir seit 1833 hier auf dem gebenedeiten Eilande; seinem Vetter August oder besser „Gustel“ widmete kürzlich die Gartenlaube einen längeren Nachruf, der Feder eines jener Argonauten entsprungen, deren Namen ich eben nannte.

Schwer bleibt es, all’ die lustigen, übermüthigen Streiche zu schildern, die hier von geistig hochbegabten, freiheitgewöhnten Männern vollführt wurden; da geschah nichts in der Umgegend oder auf der Insel, das sie nicht für sich auszubeuten wußten; ja später (1839) wurde sogar ein besonderer „Unsinn brütender Rath“ gewählt und Engelbert Seiberts,[WS 1] der Urheber der nicht sehr glücklichen Illustrationen zu Goethe’s Faust, zu dessen Vorredner gewählt. Wendling, der Arzt, veranstaltete ein großes Scheibenschießen, dann „Sacklaufen und Milchfressen für die Nachkommenschaft der wilden Insularen“. Daß aber die edle Wirthin mit Fackelständchen und Liedern vor Allem gefeiert wurde, versteht sich wohl von selbst, und mehr oder weniger mißlungene Illustrationen und Verse geben in der Chronik davon Kunde. Hülfreiche Hand leistete dabei der Stiefelputzer, ein Mann, der mit philosophischer Würde das harte Loos trug, das ihn getroffen. Früher Hauptmann in der baierischen Armee, wurde er wegen eines Duells, in welchem er seinen Gegner erschoß, cassirt und suchte nun hier in der niedrigsten gesellschaftlichen Stellung seinen Unterhalt. Der zweite Liebling aber war der Bauer „Steckafazi“; er lebt noch und renommirt gern von seinem Wildschützenleben und wie oft er habe Modell stehen müssen. Er rächte sich für die vielen Neckereien mit gleichen Waffen; so wußte er z. B. sehr geschickt die Künstler auf die kleine Krautinsel zu locken und dann mit dem Kahne zu entfliehen; nun konnten sie warten, bis er wiederkam, und das geschah erst, wann Mittag längst vorbei und sie tüchtig ausgehungert und ausgedürstet waren.

Kein Kind kann sich auf den Weihnachtsabend mehr freuen, als damals die Künstler auf die schöne, warme Sommerszeit, welche sie nach Frauenchiemsee rief; sie mochten reisen wohin sie wollten, einmal wenigstens mußten sie hier im Jahre einkehren. Ich kann diese Sehnsucht nicht besser kennzeichnen, als wenn ich sage, daß Trautmann einmal spät Abends von München fortging; durch die dunklen Wälder, vorbei an den ausgedehnten Mooren des Vorlands, weiter und weiter ohne Rast, bis er bei Stock das ersehnte Ufer erreichte. Er hatte den sechszehn- bis siebzehnstündigen Marsch zurückgelegt, ohne etwas Anderes genossen zu haben, als ein Glas schlechten Bieres, und fand erst Ruhe, als er das gastliche Dach der Dumbser erreicht hatte! Und Trautmann konnte doch nichts anziehen, als die Gegend und seine Freunde, die er dort wußte. Ja, wäre es Max Haushofer oder Meister Ruben gewesen! das wäre erklärlicher. Ueberall und allerorts spielt sich ein Roman ab, warum nicht hier, wo fünf Töchter der Wirthin der Jungfrau entgegenreiften? Schon 1828 und 1830 thut die Chronik der zarten Gefühle Erwähnung, welche Haushofer zu dem gemüthreichen „Meerfräulein“ Anna oder Nanni hegte; allein erst 1838 führte er sie heim, als sein Künstlerruf ein wohlbegründeter war. Abwechselnd lebte er dann mit seiner Familie in München und auf Frauenchiemsee; selbst als er einem ehrenden Rufe nach Prag als Professor folgte, zog es ihn immer wieder an die geliebten Gestade, und als uns die Nachricht von dem Tode dieses edlen, herrlichen Menschen und Meisters überraschte, bewunderten wir eben wieder im Locale des neuen Kunstvereins einen „Mittag am Chiemsee“, denn in Wiedergabe der heißen, gewitterschweren Sommerluft war Haushofer unübertrefflich, wie auch, ich glaube, sein letztes Bild, „die Aussicht vom Hohentwiel“, es von Neuem bewies. Golden in seinem Charakter, war Haushofer ein poetisch angelegtes Gemüth; heiter bis zur Lustigkeit, verletzte er in seinen gutmüthigen Scherzen doch nie, sondern fesselte dadurch seine Freunde unzertrennlich an ihn und erwarb damit, wie mit seinen Werken, in Jedem, der ihm näher kam, neue Freunde und Verehrer. Seine Wittwe lebt wieder mit ihren beiden Söhnen in München, welch’ letztere den guten Klang des väterlichen Namens jetzt in der Literatur zu erhalten streben.

Ein anderer der Argonauten, Franz Trautmann, hatte als Kind häufig in dem alten (1802 aufgehobenen) Kloster Wessebrunn frühzeitig ebenso die Liebe zu alten, dunklen Geschichten, wie zu den hohen Firnen der Alpen gewonnen. Zeitig entwickelte sich sein schriftstellerisches, wie malerisches Talent, allein erst, als er 1840 das große Künstlerfest im Stil des sechszehnten Jahrhunderts besang und das Büchlein raschen Absatz fand, wandte er sich der Literatur zu, ohne jedoch den Pinsel ganz auf die Seite zu legen. Sein „Herzog Christoph“, „Eppelin von Gailingen“ etc. wurden Volksbücher im besten Sinne; allein nicht nur die Erzählung wurde sein Fach, auch dem Studium der Culturgeschichte widmete er sich mit einem Eifer, der ihn mehrmals in Lebensgefahr brachte. So steht ein tiefer Ziehbrunnen auf der Insel; Trautmann vermuthete Gott weiß was für historische Schätze in der unheimlichen Tiefe und ließ sich hinab. Als er sich vom Gegentheil überzeugt hatte, gab er dem oben harrenden Steckafazi ein Zeichen, welcher ihn heraufwand; als aber T. oben ankam, durchlief ihn ein eiskalter Schauer, wie er sah, daß das eine Glied der Kette bis auf einen bindfadenstarken Draht gerissen war – ein Zug mehr und er wäre hinabgestürzt und zerschmettert. Trautmann durchzog später Europa vom hohen Norden Schottlands bis zum tiefsten Süden, von Ost nach West, aber überall hin begleitete ihn die Sehnsucht nach dem Künstlereiland. Jetzt lebt er hier in München ganz dem Studium der Kunstgeschichte und vornehmlich der des Kunstwerkes im Mittelalter zugethan, über welches er, angeregt durch die übergroßen Schätze des hiesigen Nationalmuseums, soeben ein umfangreiches Werk vollendet hat, wie ich erfahre. – Die schönste Tochter der Frau Dumbser war Susanna. Noch heute sprechen die Leute von den prachtvollen dunklen Haaren, der weißen, feinen Gesichtsfarbe und dem fast classischen Profil; dabei war sie schlank und hoch gewachsen, so daß sie einen Verehrer des Schönen, wie Ruben, leicht fesseln konnte, und wieder (1840) feierte die Republik eine Hochzeit auf der Insel mit Glockengeläute, Böllerschüssen, Gedichten, Sang und Seefahrten in bekränzten Kähnen. Susanna Dumbser wurde Ruben’s bewunderte Gattin; sie folgte ihm nach Prag, wohin er ein Jahr später als Director der Akademie berufen wurde, bis er diese Stelle an Meister und Freund A. Zimmermann, den gewaltigen Landschafter, abtrat, um eine gleiche in [443] Wien anzunehmen. Hier wohnt er jetzt im Winter, aber der Sommer sieht ihn regelmäßig mit Stutzen und Rücksack auf den Schroffen Steierlands den Hirschen und Gemsen nachstellen. –

Die Sonne wirft lange Schatten; der Ost weht herüber über die weite, ruhige Spiegelfläche des Sees; es wird kühl hier. Da packe ich meine Schreibereien ein, nehme sie sammt der Chronik unter den Arm und lade meine Leser ein, in das Zimmer des äußerlich sehr einfachen Wirthshauses zu treten.

„Wohin soll ich Ihnen decken?“ fragt mich die Wirthin, und ich antworte: „Ei, an den Künstlertisch!“ Die Leser sehen mich deswegen fragend an und glauben, weil ein neuer Wirthschaftspächter und also auch eine neue Wirthin da seien, würde mein Wunsch wohl kaum erfüllt werden können; allein wer je im südlichen Deutschland, namentlich in Baiern, Tirol und Oesterreich eine Wirthsstube betrat, der erinnert sich der Zunftschilder, welche bunt bebändert über den weißen Ahorntischen von der Decke herabhängen, zum Zeichen, daß hier allein die Fischer, dort die Schmiede, oder die Holzhauer etc. zu zechen berechtigt sind. Welche Innung nun am meisten im Orte vertreten ist, deren Schild hängt auch über dem größten Tische. Auch Nichthandwerker haben solche gestiftet, man sieht sie für Jäger, Holzhauer; die Fuhrleute aber stiften gewöhnlich einen wohlbespannten und bepackten Frachtwagen von Holz, die Flößer ein Floß, die Schiffer einen Kahn, schön blau-weiß in Baiern, roth-weiß in Tirol, schwarz-gelb in Oesterreich angestrichen. Auch über dem Ecktisch des Frauenchiemseer Wirthshauses hängt ein solches Blechschild; auf der einen Seite sieht man die drei silbernen Ziegel im blauen Feld, welche einst Maximilian der Erste Albrecht Dürer als Wappen verliehen und von dem es die deutsche Künstlerschaft geerbt hat; auf der andern Seite erblickt man in der Mitte das Wirthshaus der Insel, bei welchem links ein dünnes, mageres Mitglied derselben eben ankommt, um auf der rechten rundlich genährt und fröhlich schmunzelnd wieder fort zu ziehen, und darüber prangen in fast unleserlich gewordener Schrift die Verse:

„Willst du wissen, wie man lebt in diesem Haus?
[links] So gehst du herein und [rechts] so gehst du heraus!“

Es war im Jahre 1841, als der Vorredner des „Unsinn brütenden Raths“, E. Seiberts, den Beschluß faßte, ein Innungsschild zusammen mit dem talentvollen Buchhändlersohn J. Fr. Lentner aus München zu malen, demselben, welcher später mit Lud. Steub so geschickte Briefe über das glaubenseinheitliche Tirol für die „Allgemeine“ schrieb, daß sie die schwarze Masse dort in große Aufregung versetzten, während die Abel’sche Censur gesegneten Andenkens nichts Verdächtiges, am wenigsten jedoch Beleidigendes gegen ihre tonsirten Freunde ahnte. Gleichzeitig aber verfaßte der schreibkundige Lentner die Chronik, woraus ich die Daten schöpfte und die als Vorrede dem Fremdenbuche vorausgesetzt ist, in welches die Jünger und Freunde der Kunst Namen, Bild und Lied eintrugen und noch eintragen, welches aber den Händen der Polizei, als ein liber sacer auch sonst Unberufenen verschlossen blieb, denn die jüngste Tochter der Dumbser, welche im Hause als Kellnerin fungirte, frug Jeden, der dies Buch wünschte: „Sind Sie aber auch Künstler?“ Erst später in den sechsziger Jahren haben Nichteingeweihte dies Heiligthum mit schlechten Versen und platten Witzen entweiht.

Wie bei jedem Reiche ging dem Verfalle unserer Republik ein goldenes Zeitalter voraus, dessen Culminationspunkt 1841 zu setzen sein dürfte. In diesem Jahre sehen wir das Reich mächtiger als je, die Eroberungslust nahm zu, man bereitete sich zu Angriffen auf benachbarte Wirthshäuser vor, und so konnte dem Inselvolk die unbeholfene Flotte ausgehöhlter Eichenstämme nicht mehr genügen, sondern man führte die Segelschifffahrt ein unter reger Betheiligung des ruderkundigen Fischers Gürtler. Die nautischen Kenntnisse scheinen indeß gering gewesen zu sein, denn die Probefahrten, deren die Chronik erwähnt, fielen nicht glücklich aus; der Wind trieb wohl das Schifflein in den See, aber nicht wieder zurück und den Schiffern gings wie jenem Sonntagsreiter, der nach Süden galoppiren wollte, den aber sein Pferd nach Norden zu dem Stalle trug, aus welchem es kurz vorher verkauft worden war. Die feindlichen Wirthshäuser und Schiffer lachten sich drüben in’s Fäustchen; schon sah man den Seefrieden gesichert, als ein langer, magerer Mann mit noch rötherem Bart als Gesinnungen erschien. Er hatte zwei Jahre im Piräus sich neben der Regentschaft der Nautik geweiht, wohl auch ungeziemende Redeweise gegen die begeisterten Philhellenen geführt und mit seinem Freunde Fallmerayer die Besitzer der weißen Fustanella für Verwandte der „slawonischen Pfannenflicker und der Zigeuner“ erklärt; ich sage, dieser Mann kam jetzt mit reichen Erfahrungen und unerschöpflichem Humor, stellte sich als den künftigen Verfasser der berühmten „drei Sommer in Tirol“ und als Dr. Ludwig Steub vor, worauf man ihn zum Admiral ernannte. Er verstand die schwierige Kunst des Segelstellens und landete auch wirklich mit einer auserlesenen Truppe in Uebersee; allein froh des Sieges stürmten sie die Schenke, hielten sie auch bis spät Abends besetzt, mußten dann aber nach schwerem Lösegeld schon auf dem Lande „laviren“ und auf dem See bei heftigem Sturmwehen mit Rudern und unverrichteter Dinge die heimathlichen Ufer zu erreichen streben. –

Durchblättert man das Fremdenbuch, so findet man darin eine Menge hochangesehener Namen aus der Künstlerwelt: da ist Echter, Flüggen, Ernst Fröhlich, Heinlein, Felix von Schiller, Eugen Neureuther u. v. a., auch Graf Pocci und Freiherr von Kobell fehlen nicht. Als aber das achtundvierziger Jahr ernstere Pflichten den Insularen auferlegte, nahm die Lust und Freude auf dem Chiemsee ab; es wurde stiller und stiller hier und nur 1856 flackerte das verlöschende Licht noch einmal hell auf: es galt, Mozart’s hundertjährigen Geburtstag zu feiern. Eine jüngere Generation sang hier die Lieder des Unsterblichen bei Fackel- und Mondenschein und sang so anziehend in die klare Nacht hinaus, daß die kleinen Wassergeister wieder an die Höhe schwammen, entzückt den lange entbehrten Klängen zu horchen.

Als Sang und Humor verklungen waren, da kamen ernstere Gestalten, wohlgestiefelt und bebrillt, krochen im Schlamme des Sees, suchten die ausgehöhlten Hühnerknochen, so einst hier von den Malern in die Tiefe geschleudert wurden, alte Scherben und verfaultes Holz gar säuberlich zusammen und schrieben dicke und gelehrte Bücher über die geringe Cultur der schwach bekleideten – Pfahlbauern.

Jetzt ist die alte Wirthin weggezogen; der Herr von Herrenchiemsee, Graf Hunoldtstein, hat das schlichte Wirthshaus gekauft und trotzdem er mehr Franzose als Deutscher ist, gab er Befehl, die alte Heimath der Künstler gar wohnlich herzurichten, damit es eine neue für sie werde. – Ich aber bin zu Ende und muß scheiden. Ernst und schwarz sehen die Bergriesen auf mich herab; im Westen donnert und blitzt es und der Wind thürmt Woge auf Woge, doch Fischer Gürtler und sein Sohn führen mich im alten Einbaum sicher nach Stock. Ehe ich indeß das Ufer, auf wer weiß wie lange, verlasse und dem Wasser den Rücken wende, rufe auch ich mit dem Dichter der Chronik:

„O Land voll alter Herrlichkeit,
Du wundervoller See,
Einst sahst du eine güldne Zeit,
}Kehrt sie dir nimmermeh’?“




  1. Einbäume nennt man zum Kahne ausgehöhlte Eichen, wie dies im Oberlande üblich ist.
  2. Buchstäblich wahr.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. gemeint: Engelbert Seibertz (1813–1905)