Die Insel der Aphrodite

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Autor: Julius Loewenberg
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Titel: Die Insel der Aphrodite
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 544-547
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[544]
Die Insel der Aphrodite.

Auf dem viel gepriesenen Eiland, wo einst die schaumgeborene Göttin der Schönheit dem Meere entstieg, wo der Venus Anadyomene geweihte Tempel, Cypressen, und Myrthenhaine prangten, da wehen jetzt die Banner und Flaggen der meerbeherrschenden Thetis unserer Tage, der Königin Britanniens. Wo einst rosenbekränzte Jünglinge in erotischen Reigen amathusische Feste feierten, da tummeln sich jetzt britische Theerjacken, verwetterte Seemänner und ungeschlachte Schiffsknechte.

Cypern ist am 4. Juni dieses Jahres unerwartet Besitzthum Englands geworden.

Mag nun der Dichter immerhin klagen:

„Es ist dahin, es ist verschwunden,
Jenes hochbegünstigte Geschlecht“ –

die Gegenwart antwortet keck:

„Wir, wir leben. Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat Recht.“

Das Ereigniß der englischen Annexion Cyperns ist so bedeutsam, daß ein Rückblick auf dessen viertausendjährige Schicksale und Wandlungen, die Natur und Weltstellung dieses Eilands gerechtfertigt ist, um darnach auf den Werth jener Annexion für Großbritannien, auf die möglichen und voraussichtlichen Folgen für die russische und englische Machtentwickelung, für die Schicksale einzelner Länder in Asien und die Rückwirkungen dieser Verhältnisse auf Europa hinzuweisen.

In dem nordöstlichen Winkel des Mittelländischen Meeres, zwischen der Südküste Kleinasiens und Syrien, erstreckt sich Cypern [546] der Hauptstadt Cyperns, ist es heißer als in Kairo. Das dauert bis in den September; dann erneuert sich die Zeit der fruchtbaren Regen. So ist es heute, und so war es wohl auch in der frühesten culturlosen Zeit.

So nahe den Landschaften der ältesten Cultur, war Cypern schon im höchsten Alterthum bekannt und schon in den Bibelschriften wird es wegen seiner reichen Naturschätze gepriesen. Von Cypern, von Chittim, dem heutigen Kiti, holten die Phönicier Bauholz zu ihren Schiffen, und von Metallen namentlich dasjenige, welches nach der Insel: Kypron, von den Römern Cuprum genannt wurde, unser Kupfer. Auch der Cypressenbaum und der edle Cyperwein haben ihren Namen von dem Eiland.

Unerschöpflich schienen einst die Holzvorräthe der Insel für den Schiffsbau und die Verhüttung der Silber- und mehr noch der Kupfererze. Bis zu den obersten Kuppen deckte ein immergrünes Wälderkleid die cyprischen Gebirge; Nadelholz jeder Art, Eichen und Platanen, Eschen, Terebinthen, prächtige Nußbäume beschatteten ihren Fuß. Und hierzu die mächtigen schwarzgrünen Pyramiden der Cypressen, schwanke Dattelpalmen wie unter afrikanischem Himmel! – Die fruchtbare cyprische Ebene, die Messaria, sammt kleineren Geländen am südlichen Abhange des südlichen Gebirges sind im Alterthume die großen Kornkammern gewesen für eine Bevölkerung von nahe an eine Million Menschen. Alles, was nur die wärmere Hälfte der gemäßigten Zone hervorzubringen vermochte, gedieh hier vortrefflich: Getreide, Weizen, Hafer, Hülsenfrüchte in erster Reihe, dann auch Weinstock und Oelbaum, Feigenbaum und Zuckerrohr, Citrone und Orange, Pflaume, Kirsche und Pfirsich, Banane und Johannisbrodbaum, ferner die vielen Gemüsearten, die hier noch wild wachsen, wie Spargel, Artischocken, Kohl, Kapern, Portulak und Kresse, Salbei und Majoran. Diese Gewächse blieben sich beständig gleich, ebenso das vielartig blühende Gebüsch mit würzigem Laube, das in den Thalschluchten und an ihren Abhängen sich drängt, Oleander und Myrthe, Arbutus und Lentiscus, Wachholder und Mastix, ebenso der liebliche Blumenteppich, der mit immer frischem Reize die Fels- und Berghalden schmückt, Rosen und Jasmin und vor Allem die einheimischen Knollengewächse, die ganze Strecken überziehen, Tulpen und Hyacinthen, Narcissen und Tazetten, Crocus und Anemonen. Cypern trägt Producte von allen drei Erdtheilen, denen es nahe liegt.

Was Wunder, daß die Griechen die Insel, wo schon in urältester Zeit der sinnliche Liebescultus der phönicischen Astarte heimisch war, zur Heimath und Lieblingsfrüchte ihrer holdesten Gottheit geweiht hatten! Zu Paphos, Amathunt, Idalia standen ihre heiligen Tempel.

Ein Sagenkreis, aus Liebe und Schönheit gewoben, knüpft sich an den Namen Cypern. Auf Cypern wurde Adonis aus einem Myrthenbaume geboren, in welchen seine Mutter von der Aphrodite verwandelt worden. Dem Adonis wurde ein Tempeldienst bis tief nach Asien hinein gewidmet. Auf Cypern war es, wo König Pygmalion in heftigster Liebe zu einem Götterbilde entbrannte, „wo er einst mit flehendem Verlangen den Stein umschloß, bis in des Marmors kalte Wangen Empfindung glühend sich ergoß“. Nach seinem Sohne Paphos nannte Aphrodite ihren Lieblingssitz auf Cypern, wo ihr marmorner Tempel ragte und ihr die Grazien das Bad bereiteten. Nirgendwo anders feierte auch Bacchus glühendere Feste als auf Cypern, dessen Wein vor allen anderen als der Schöpfer „seliger Tagesträume“ gepriesen ward.

Wegen seines Reichthums wurde Cypern, die „Perle des Mittelmeeres“, seit vier Jahrtausenden von allen Machthabern begehrt, erobert und bis zur Verwüstung ausgesogen. Die Eroberer wechselten hier in wüster Herrschaft: Phönicier, Syrier, Griechen, Perser, Aegypter, Römer, Byzantiner, Araber, Franken und Normannen, Genuesen, Venetianer waren wechselnd die Herren des Landes, und seit drei Jahrhunderten liegt es unter dem Todesschatten des Halbmondes ohne Wandel, ohne Hoffnung. In allen Perioden dieser verschiedenen Beherrscher hat das Schwert hier entsetzlich gewüthet, und immer wieder wurden die kaum vernarbten Wunden von Neuem aufgerissen, während der besseren Zeiten der Blüthe nur wenige waren.

Wir schließen die Augen vor den stets blutigen Eroberungen und der Ausbeutung Cyperns im Alterthume. Nur Eines sei hervorgehoben. Die Mystik des phönicischen Astarte-Cultus, die von den Griechen in den schönen Tempeldienst der Aphrodite, von den Römern in den der Venus Cypria verwandelt wurde, ward hier endlich Madonnen-Cultus.

Es war um die vierziger Jahre nach Christi Geburt, als die Apostel Paulus und Barnabas, letzterer selber ein Cypriot, auf der Insel das Evangelium predigten, und das Volk taufte die Mutter Gottes, die Jungfrau Maria, auf den Namen „Aphroditissa“. Noch heute legt dieser Name Zeugniß ab von der Naivetät, mit welcher man bei Einführung des Christenthums die alte Göttin Astarte die zweite große Wandelung durchmachen und die Cypria zur Jungfrau Maria erheben ließ. Was heute an kleinen antiken Aphroditefiguren ausgegraben wird, verehrt der kindliche Sinn des Volkes und seiner Geistlichen ohne weiteres als Madonnenbild, als allerheiligstes Mutter-Gottesbild, als „Panhagia“. – Vielleicht ebendarum machte das Christenthum dort nur desto raschere Fortschritte. In kurzer Zeit brachte man es auf dreißig Bisthümer; die Insel wurde ein wahres Heiligenland. Barnabas, Lazarus, Heraklides, Hilarion, Spiridion, Epiphanes, Johannes Lampadista, Johannes der Almosenier, Katharina, Akona, Maura und noch eine lange Reihe von Heiligen beiderlei Geschlechts stehen im Kalender, die alle aus Cypern stammen.

Nach der Theilung des römischen Reiches kam die Insel unter die Herrschaft byzantinischer Statthalter, die sie mit der Willkür des Raubbaues ausbeuteten, bis endlich Comnenus der Erste sie zu einem unabhängigen Königreiche erhob, das sich bis in die Zeit der Kreuzzüge erhielt. Cypern wurde nach Stiftung des Tempelherrenordens 1118 der gewöhnliche Aufenthalt der Großmeister, deren letzter, Jakob Molay, bei Aufhebung des Ordens nach Frankreich gelockt und dort 1314 verbrannt wurde. Inzwischen hatte Richard Löwenherz 1191, da König Isaak Comnenus einige Schiffe der Kreuzfahrer feindlich behandelt, die Insel wie im Fluge erobert, nach englischer Weise zu einem feudalen Königreiche umgestaltet und den Titularkönig von Jerusalem, Guido von Lusignan, den Abkömmling eines Geschlechtes, das die schöne Fee Melusine als ihre Ahnfrau nannte, zum König von Cypern gemacht. – Um seinem Königthume die rechte Weihe zu geben, bat der Nachfolger Guido’s den römischen Kaiser Heinrich den Sechsten, sein Lehnsherr sein zu wollen. Heinrich sandte 1197 den Bischof von Hildesheim nach Nicosia, um bei der Krönung des neuen Königs den Treueid entgegenzunehmen. So hat denn auch Cypern eine Zeitlang zum römisch-deutschen Reiche gehört.

Glänzend, wie das Ritterthum, entwickelte sich zur Zeit der Lusignans auch der Handel der italienischen Stadtrepubliken, Pisa, Genua, Venedig, mit der Levante. Die Richtung des Welthandels ging damals vorwiegend vom Morgen- zum Abendlande: die Güter von und für Indien, welche von Karawanen auf die Schiffe umgeladen werden mußten, fanden auf Cypern in Limasol, Larnaka, vor allen in Famagusta die besten Hafen. Das blühendste Leben entfaltete sich hier und in den Landstädten. Nicosia gewann durch Industrie und Reichthum ein bedeutendes Ansehen. Die Goldbrocate von Nicosia, die „draps d’ur de Chypre“, waren hochgeschätzt. Famagusta kannte man weit und breit im deutschen Reiche. Wenn der Kreuzfahrer, der hanseatische Handelsmann, von seinen Erlebnissen erzählte, so blieb der Märchendichter nicht zurück. „Fortunat’s Wunschhütchen und sein immer gefüllter Goldsäckel“ war und ist noch heute eines der beliebtesten und besten Volksmärchen; der Glückliche war Kaufmann in Famagusta.

Aber die Blüthe dieses Handels welkte in der steten Rivalität der Handelsrepubliken und bei dem Aufschwung der großen iberischen Entdeckungen, die alsbald den Welthandel in andere Bahnen leiteten. Im Jahre 1489 legte endlich die kinderlose Wittwe des letzten Königs Jakob des Zweiten von Cypern, Katharina Cornaro, die hochgefeierte Schönheit, die Krone nieder; sie mußte die ganze Insel ihrer Vaterstadt Venedig schenken, damit die Flagge von San Marco dieselbe decke. Die schöne Königswittwe wird uns oft vor Augen geführt. Wer kennt nicht Lachner’s, Halevy’s melodienreiche Opern „Katharina Cornaro“ und „Die Königin von Lusignan“ – wer nicht das üppige, farbenprächtige Bild Markart’s?

Die Schenkung hatte einen unermeßlichen Werth, aber der Wurm saß schon an der Blüthe. Venedig behielt Cypern nur bis 1571.

[547] Selim, einem Schlemmer, der stündlich süßen Weines voll, genügte es, zu wissen, daß die Insel die edelste Traube der Welt hervorbringe, und der Türkenzug nach Cypern wurde ausgeführt. Die Belagerung von Famagusta, welches der Venetianer Bragadino heldenhaft vertheidigte, und der endliche Fall der festen Stadt entschieden das Schicksal Cyperns. Der Sultan brach die Bedingungen der Capitulation, metzelte zwanzigtausend Einwohner nieder und ließ Bragadino bei lebendigem Leibe rösten. Die Türken blieben im Besitze. Venedig verlor sein reichstes Gut, seine nie versiechende Schatzkammer für die heimischen Zecchinenbeutel; auch der Sieg des Juan d’Austria bei Lepanto konnte das Verlorene nicht wiederbringen. Mit dem Verlust Cyperns begann der Verfall Venedigs.

Cypern war während dieses letzten Zeitraums von vierhundert Jahren in den Händen christlicher Abendländer. Was ist aus jener Zeit der abendländischen Herrschaft geblieben? Wo sind die Spuren derselben noch heutzutage sichtbar? Die große Lawine, welche in den nachfolgenden Jahrhunderten in dem verwüstenden Strom der türkischen Eroberungen über die Länder des Orients dahinbrauste, hat Alles verschlungen. Von den Feudalherzogthümern und Baronien giebt es keine Erinnerung mehr; die abendländische Bevölkerung ist bis auf einige tausend Katholiken die auf mehreren Inseln des griechischen Archipelagus, z. B. auf Naxos, noch gegenwärtig leben, verschwunden.

Drei Jahrhunderte des türkischen Despotismus sind über die Insel gerauscht; Land und Leute wurden verwahrlost, sie verkamen und verwilderten. „Cypern,“ sagt Löher in seiner eben zur rechten Stunde erschienenen vortrefflichen Schrift, „Cypern glich, seitdem die Türken vorüber kamen, einem Thier, dem gewaltsam das Rückgrat verrenkt und zerbrochen ist; es lebt nur so dahin. Auch ihre kleinen Mordfeste haben die Türken auf der Insel gefeiert. Denn – so denken sie – eine vollbrachte Thatsache hat immer Verstand; die Todten beißen nicht mehr, und wer noch lebt, den lähmt heilsamer Schrecken. Gegenwärtig ist in Cypern, einige wenige Familien ausgenommen, jeder Sinn des Aufschwunges gelähmt, erloschen jede höhere sittliche Kraft; nichts rührt sich mehr in den Geistern und Armen.“

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Autor: Julius Loewenberg
Titel: Die Insel der Aphrodite
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 34, S. 457–460
Schluß


[566] Eine große vollbrachte Thatsache ist auch die englische Annexion Cyperns. Man braucht nicht für die Ländergelüste Englands zu schwärmen; man kann die Gründe und die Art und Weise der Annexion der Insel Perim am Eingange in’s Rothe Meer, der Annexion der südafrikanischen Transvaal-Republik in recht frischem Gedächniß haben und doch zugleich der letzten Annexion gerne zustimmen. Man braucht auch nicht zu glauben, daß England Cypern annectirt habe, um von hier aus dem „kranken Mann“ als barmherziger Samariter die moskowitischen Fliegen abzuwehren. Die Größe des Areals, die Bevölkerung, der Reichthum der Bodenproduction waren es nicht, welche Englands Gelüste nach diesem Eiland gereizt haben. Unzweifelhaft spinnt Englands hier größere Pläne, deren Bedeutsamkeit und Tragweite noch gar nicht zu bemessen sind. Früher oder später wird Cypern für Englands Besitz ein hohes weltgeschichtliches Gewicht erlangen und eine tiefe, nachhaltige, folgenreiche Einwirkung nicht allein auf das Schicksal des Osmanenreiches, sondern auch auf die Verhältnisse der von dem Mittelmeer bespülten Staaten ausüben. Erst durch den Erwerb von Cypern, im Verein mit dem Besitz von Gibraltar und Malta, sind die Engländer unbestreitbar Herren des Mittelländischen Meeres geworden. Wie wichtig auch Gibraltar und Malta für England sein mögen, beide Bollwerke werden von Cypern weit übertroffen. Nur dadurch, daß Gibraltar und Malta mit Cypern in eine strategische Vereinigung treten, erlangen sie erst ihre ganze militärische und politische Bedeutsamkeit.

Vor beiden aber hat Cypern den Vorzug seiner beträchtlichen Größe, die es besonders geeignet macht zur Basis und zum Ausgangspunkt für bedeutende kriegerische Unternehmungen. Es ist ein vortreffliches Militärdepot, eine Etappenstation, um hierher und von hier aus zahlreiche Truppen von und nach Indien leicht und schnell zu dirigiren. Auch können Famagusta im Osten, Larnaka im Süden leicht zu großen, starken Kriegshäfen befestigt werden. Cyperns Annexion ist daher ein unschätzbares Mittel zur Ausführung von Zwecken, die weit über den bloßen Landbesitz hinausgehen. Cypern ist seit der Landung Wolseley’s das Heerlager Albions geworden zur scharfen Beobachtung Rußlands in seinen stillen Plänen gegen die asiatische Türkei, wie in seiner Bedrohung der wichtigsten asiatischen Interesse Englands in Indien.

England wird daher auch wohl bald die alten schon in den dreißiger Jahren geplanten Entwürfe zu Eisenbahnen am Euphrat und Tigris wieder aufnehmen und ausführen, denn Cypern beherrscht nicht nur die Südküste Kleinasiens, ganz Syrien, die Mündungen des Nils und des Suezcanals, sondern es giebt seinem Besitzer auch noch den Schlüssel zu dem Gebiete der genannten Ströme Asiens. Die Entfernung der Insel nordwärts und ostwärts zu den Häfen von Kleinasien und Syrien ist nur etwa zwanzig geographische Meilen, die von der ägyptischen Küste etwa fünfzig. Wie schnell und leicht ist also von hier aus jede Einsicht in die örtlichen Vorgänge, jedes militärische Eingreifen in dieselben! Die Eisenbahnverbindung aber zwischen Indien und dem Mittelländischen Meere würde den Abstand der Insel Cypern von der vorderindischen Küste um fast die Hälfte vermindern. Jetzt beträgt er von Bombay aus auf dem Wege über die arabische See, das rothe Meer und durch den Suezcanal achthundertfünfundzwanzig geographische Meilen. Der Weg von Kuratschi an der nördlichsten der Mündungen des Indus, wo die britisch-ostindische Regierung während der letzten Jahre großartige Hafenwerke anlegen ließ, durch den nördlichsten Theil des Arabischen Meeres, den Golf von Oman, den Persischen Meerbusen und das Euphratthal bis nach Cypern ist nämlich dreihundertfünfzig geographische Meile kürzer als der ersterwähnte. Das Zeitersparniß des kürzeren Weges führt aber selbstverständlich noch weitere Vortheile mit sich.

Eine Euphratbahn an der Grenze Persiens würde, wie sicher zu erwarten, auch den englischen Einfluß auf die Regierung von Teheran sehr wesentlich erhöhen.

Der Umstand aber, daß England durch seinen Vertrag mit der Türkei sich zum Schutze der asiatischen Besitzungen derselben verpflichtet hat, wird England auch in Indien zum Vortheil gereichen. Die fünfundvierzig Millionen Mohammedaner nämlich, welche hier dem britischen Scepter unterworfen sind, werden es England eben so hoch anrechnen, daß es als Beschützer des Padischah der Osmanen angetreten ist, welcher ihnen, wie allen übrigen Mohammedanern, noch immer als Haupt und vornehmster Fürst des Islams gilt, wie sie es schwerlich gleichgültig hätten geschehen lassen, wenn England direct zum Untergange der Türkei beigetragen hätte.

Was bisher gesagt worden, ist ein Ausdruck der allgemeinen Stimmung, welche die große, überraschende That der Annexion Cyperns hervorgerufen hat. Es ist hier nicht der Ort und nicht die Aufgabe, Erschöpfendes über die Natur und Geschichte des Eilandes und die politische Bedeutung des große Tagesereignisses zu geben. Nur einzelne orientirende Fingerzeige sollten geboten werden. Und so mögen denn schließlich hinsichtlich der Zustände Cyperns in der Gegenwart auch nur einige Blicke genügen.

Wie sehr auch die Bevölkerung sich verringert hat und verwahrlost ist, die Erzeugnisse des Bodes, die Cultur desselben sind noch mehr verkommen. Große Strecken des fruchtbaren Landes sind außer aller Cultur. Wer sollte wohl nach Erwerb arbeiten, wenn er weiß, daß ihm derselbe von den Behörden genommen wird; denn nach türkischer Algebra wird von den Feldfrüchten der vierte Theil als „Zehnter“ erhoben. So beschränkt sich die Ausfuhr der Landeserzeugnisse auf etwas Getreide, Wein, Krapp, Johannisbrod und Salz, und was hinausgegangen ist, kommt nicht in Form dafür eingehandelter anderer Güter zurück, sondern es wandert als Steuer etc. in die Cassen des Sultans, in die Taschen der Zwischenpersonen.

Für Auge und Gefühl, für stimmmungsvolle landschaftliche Schönheit sind indeß die verwilderten Strecken durchaus keine beklagenswerte Sache. Da zieht sich dichtes Gebüsch von Lorbeer und Myrthe, Klatschrosen und blühenden Oleander über Aecker, die einstmals sorgsam gepflegt waren. Wo das größere Gebüsch zurücktrat, da ist ein unvergleichlicher Blumenteppich ausgebreitet; Tulpen und Hyacinthen, Mohn und Orchideen in den reichsten [567] und schönsten Farben streiten um den Vorrang. Auf verlassenen, verwilderten Gärten stehen hochragende Pinien mit weitgewölbtem Schirmdache, und schlanke Palmen wiegen ihre graziösen Wipfel in den Lüften. Am Fuße des Gebirges, wo ein rauschender Quell aus dem Gesteine hervorbricht, steht die weitästige, schattenreiche Platane, „der Quellenwächter“, im Schmucke des grünen Laubes; ausgestreckt auf dem Felsen, genießt der jugendliche Ziegenhirt der Kühlung, während seine Heerde das Lorbeer- und Ginstergebüsch durchstreift oder an den Abhängen hinaufklettert und leider jedes Bäumchen zerstört, ehe es Ziegenhöhe überragt. Höher hinaus am Gebirge, namentlich an der Nordseite der Insel, nach Kyreneia und Lapitho zu, wird dann der harte Ginster mit seinen Milliarden goldener Blüthen vorherrschend. Ganze Gelände schönen Ackerbodens hat er überzogen und mit einem dichten Gestrüpp bis zu halber Manneshöhe bedeckt, in welchem eine wimmelnde Menge von kleinem Wilde, Rebhühner, Wachteln, Schnepfen und hundert Arten kleiner Singvögel Futter, Nest und Versteck finden. Gerade hier, in den höheren Regionen des nördlichen Gebirges, wird die Scenerie großartig, erhaben.

Nach Süden sich wendend, sieht der Beschauer die grüne Ebene, die Messaria, mit ihren Städten und ihren Ruinen zu seinen Füßen, und hinter ihr baut sich der Olympos mit seinem bis tief in’s Frühjahr schneebedeckten Gipfel in schöner Linie auf; nordwärts dehnt sich in tiefer, gesättigter Bläue das ewige Meer, ruhig aber ohne Unterlaß seine oben unhörbaren Wellenkreise ziehend und schäumend an’s Gestein schlagend, sodaß es wie von den feinsten Spitzen umsäumt erscheint. Dahinter treten ragend die schneeigen Gipfel des cilicischen Taurus hervor, ungetrübt in der klaren Luft mit den reinsten Linien sich abhebend, um das Ganze abzuschließen.

Bei allem Mangel an statistischen Angaben werden immerhin an sechshundert Ortschaften auf der Insel gezählt, von denen folgende die wichtigsten: Levkosia, Lefkoscha der Türken, mit etwa zwanzigtausend Einwohnern, ist die Hauptstadt, mit Trümmern merkwürdiger Gebäude aus der venetianischen Zeit. Die Bewohner treiben verschiedene Gewerbe, Baumwollenwebereien, Gerbereien zu Maroquinleder und fertigen gefärbte und mit türkischen Mustern bedruckte englische Calicos, goldgestickte Stoffe, seidene Netze und Aehnliches. –

Wenig Städtebilder gewähren einen märchenhafteren, romantischeren Anblick als Levkosia. Rings umgeben von üppiger Vegetation, von lachenden Fluren erheben sich die hochthorigen Stadtmauern; drinnen scheint ein Häusermeer im Garten zu liegen, denn hunderte von Palmen wiegen ihre schmucken Kronen im Sonnenscheine, edle Cypressen und immergrüne Eichen ragen empor, schlanke Minarete mit blendend weißen Mauern beherrschen das Häusergewimmel, und zwischen ihnen ein mächtiger gothischer Dom. – Und wenn zu dem abendlichen Ave-Läuten der Goldpurpur des Sonnenuntergangs sich über die Stadt legt, so glaubt man vollends in ein Märchen der „Tausend und eine Nacht“ versetzt zu sein. Aber das Innere! Enge Straßen, starrend von Schmutz, hohläugige Armuth aus fast jedem Hause herausblickend, träumerische griechische Mädchen und junge Frauen an den hölzernen Altanen sitzend, tief verhüllte Türkinnen Wasser schleppend, bärtige Türken in der Hausthür kauernd, den langen Tschibuk rauchend, die Luft erfüllt mit den schönsten Wohlgerüchen blühender Orangen und Citronen, bizarre Zweige des Feigenbaumes aus den Gärten über die Mauer herüberragend, die reifen Früchte gleichsam dem Wanderer darreichend, dazu Rudel schmutziger, halbnackter Kinder, bettelnd oder mit stummem Anglotzen den Fremden unermüdlich verfolgend, das ist ein Bild des Orients, wie es zusammengedrängter, eigenartiger gar nicht gedacht werden kann. Jeder Blick sagt einem, daß die Stadt nur noch der Schatten ihrer früheren Größe ist. Schon durch die Venetianer wurde bei der drohenden Haltung der Türken ihr Areal auf ein Drittel verkleinert. Aber zahllose Häuser haben jetzt duftigen Gärten Platz gemacht; jedes Haus steht nun in einem Garten, im Schatten von Platanen und Cypressen, Maulbeerbäumen und Dattelpalmen. Die Häuser selbst zeugen von entschwundener Pracht nur noch in ihren untersten Mauerstumpfen.

Südlich davon, am Fuße des Hügelgeländes, liegt Dali, das alte Idalion, das einstige Heiligthum der Aphrodite, mit wenigen Trümmerstücken der antiken Tempelpracht. Oberhalb des Hafens Famagusta lag Salamis, das spätere Constantia, mit mittelalterlichen Bautrümmern des Doms der heiligen Sophia aus der Zeit der Lusignans. Eine Landstraße längs der Südküste verbindet Famagusta mit Larnaka, dessen See die Sommerhitze aufsaugt und eine sehr reiche Salzkruste zurückläßt, die als Regal einen Haupttheil der Landeseinnahme abgiebt. In dem nahen Hafen landen die österreichischen Lloyddampfer. Weiter südwestlich an der Küste liegt Amathus, reich an uralten Erinnerungen des Venuscultus und der hier gefeierten Amathusischen Feste. In den letzten Jahren wurden viele Quadern von den zahlreichen Trümmern zum Bau moderner Häuser nach Port Said am Suezcanal geführt. – Von Paphos, türkisch Baffo, an der Westküste, und von seinem herrlichen Venustempel ist alles verschwunden, nur das Geschlecht der Tauben, die einst den Wagen der Venus gezogen, hat sich hier in zahllosen Schwärmen erhalten.

Den modernsten Charakter hat Limasol oder Limissa an der Südwestküste mit siebentausend Einwohnern, wichtig durch seine großen Salzwerke, bedeutenden Weinbau und Seehandel mit Wein und Johannisbrod; der Wein ist unter der Bezeichnung Commanderie-Wein bekannt. In Limasol feierte Richard Löwenherz seine Hochzeit mit Berengaria von Navarra, die ihm auf schwankem Schiffe nachgefolgt war. Unweit Limasol ließ der amerikanische Consul, General de Cesnola, im Herbste 1875 ein Grabmal von ungewöhnlicher Größe öffnen und fand in demselben einen goldenen Scepter, etwa fünf Kilogramm schwer, goldene Armbänder und ein mit Edelsteinen geschmücktes Halsband. Die Armbänder trugen Inschriften, wie es schien, in cyprischen Charakteren.

Vielleicht findet auch Cypern einst seinen Schliemann. Zur Zeit freilich gemahnt inmitten der Zerstörung und Verwilderung, unter den überall zerstreuten Trümmern geschwundener Herrlichkeit und Pracht noch des Dichters Klage:

„Eine schöne Welt ist hier versunken,
Nur die Trümmer blieben oben stehn,
Lassen sich als goldne Himmelsfunken
In den Bildern uns’rer Träume sehn.“

England wird es indeß hier bei Träumen nicht belassen. Es hat hier eine große Aufgabe übernommen, auf deren Lösung die Augen aller Welt gerichtet sind. Schon rüsten sich von England, von Aegypten Schaaren von Speculanten zur Auswanderung nach Cypern. Die englisch-ägyptische Bank richtet hier bereits ein Zweiggeschäft ein und eine Telegraphengesellschaft hat sich erboten, von Cypern nach Alexandrien und Malta, selbst nach Bassora oder Bosra Kabel zu legen. – Möge sich denn von Cypern im besten, hoffnungsvollen Sinne des Dichters Wort bewähren:

„Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

J. Loewenberg.