Um hohen Preis

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche

Textdaten
<<< >>>
Autor: E. Werner
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Um hohen Preis.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 143–146
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman in 29 Teilen // Heft 9–37
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[143]
Um hohen Preis.
Von E. Werner.
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.


Heller Sonnenschein lag auf der Landschaft ringsum; der Spiegel des Sees dehnte sich weit und glänzend aus und warf das Bild der Stadt zurück, die sich in ihrer ganzen malerischen Schönheit am Ufer erhob, während das fern aufsteigende Gebirge, mit seinen zackigen Gipfeln und seinen Schneehäuptern sich in voller Klarheit zeigte.

Inmitten der villen- und gartenreichen Vorstadt, die sich am Ufer hinzog, lag eine kleine Besitzung von bescheidenem Ansehen. Das einstöckige Wohnhaus bot weder viel Raum, noch schien es besonderen Luxus zu bergen. Eine offene, weinumrankte Veranda bildete fast den einzigen Schmuck desselben; dennoch machte es mit seinen hellen Mauern und grünen Jalousien einen äußerst freundlichen Eindruck, und der nicht große, aber sorgfältig gepflegte Garten, der sich bis an den Rand des Sees erstreckte, gab dem kleinen Landsitze noch einen besonderen Reiz.

In der Veranda, die vollen Schutz gegen die Sonnengluth und selbst einige Kühlung gewährte, gingen zwei Herren, im Gespräch begriffen, auf und nieder. Der Aeltere der beiden war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, aber das Alter schien ihm früh genaht zu sein, denn die Gestalt war gebeugt und das Haar bereits vollständig ergraut. Das tief durchfurchte Gesicht verrieth, daß Kämpfe und vielleicht Leiden mancher Art darin gewühlt hatten, und der scharfe bittere Zug um die schmalen Lippen gab dem Antlitz ein beinahe feindseliges Gepräge. Nur in dem Auge blitzte noch ein Feuer, das weder Jahre noch Erfahrungen hatten dämpfen können und das einen seltsamen Contrast zu den grauen Haaren und der gebeugten Haltung bildete.

Sein Gefährte war um vieles jünger, eine schlanke mittelgroße Gestalt mit keineswegs regelmäßigen, aber im höchsten Grade anziehenden Zügen und ernsten blauen Augen. Das hellbraune Haar fiel auf eine schöne klare Stirn; die Gesichtsfarbe zeigte jene leichte Blässe, die, ohne krankhaft zu sein, doch auf angestrengte geistige Thätigkeit deutet, und der vorherrschende Ausdruck war der einer ruhigen Festigkeit, wie man sie bei einem Alter von sieben- oder achtundzwanzig Jahren nur selten ausgeprägt findet. Es konnte kaum einen schärferen Gegensatz geben als diese beiden Männergestalten.

„Also Sie wollen uns wirklich schon jetzt verlassen, Georg?“ fragte der Aeltere im Tone des Bedauerns.

Der junge Mann lächelte. „Schon jetzt? Ich dächte, Herr Doctor, ich hätte Ihre Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen. Meine Absicht war es nicht, wochenlang zu bleiben, aber Sie nahmen den Fremden, der nichts weiter als eine Universitätsfreundschaft mit Ihrem Sohne geltend machen konnte, so herzlich auf, wie einen nahen, lieben Verwandten. Ich werde nie –“

„Nur keinen Dank für das, was mir eine Freude gewesen ist!“ unterbrach ihn der Doctor. „Ich fürchte nur, Sie werden die genossene Gastfreundschaft daheim büßen müssen. Man verzeiht dem Assessor Winterfeld schwerlich den Aufenthalt in meinem Hause. Ich habe Ihnen nie verhehlt, daß Ihr Besuch bei uns ein Wagniß ist und Ihre ganze Stellung gefährden kann.“

Der ironische Ton dieser Warnung rief eine flüchtige Röthe auf die Stirn des jungen Winterfeld und verschuldete jedenfalls die Lebhaftigkeit, mit der er antwortete: „Ich denke Ihnen bewiesen zu haben, daß ich meine Selbstständigkeit unter allen Umständen zu wahren weiß. Meine Stellung legt mir hoffentlich nicht die Verpflichtung auf, Freundschaftsbeziehungen zu meiden, die rein privater Natur sind.“

„Nicht? Ich bin vom Gegentheil überzeugt. Es wird sich bei Ihrer Rückkehr ja zeigen. Vergessen Sie nicht, Georg, daß Sie unter dem Regimente eines Raven stehen!“

„Ich glaube nicht, daß mein Chef sich so eingehend um die Ferienreisen seiner Beamten kümmert,“ sagte Georg ruhig. „Er ist allerdings von einer eisernen Strenge in allem, was den Dienst betrifft, mischt sich aber niemals in Privatverhältnisse. Die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren lassen, wenn ich auch sonst keineswegs zu seinen Freunden gehöre. Sie wissen ja, ich bin ein entschiedener Gegner der Richtung, die er vertritt, also auch der seinige, wenn ich als sein Untergebener auch vorläufig noch zum Schweigen und Gehorchen verurtheilt bin.“

„Vorläufig?“ wiederholte der Doctor in schneidendem Tone. „Ich sage Ihnen, er wird Sie dauernd Schweigen und Gehorsam lehren, und wenn Sie sich nicht gelehrig zeigen, wird er Sie erdrücken und verderben. Das ist so seine Art, wie die all dieser verächtlichen Emporkömmlinge.“

Georg schüttelte ernst den Kopf. „Sie gehen zu weit. Der Freiherr hat viele Feinde, und ich glaube, daß im Geheimen sehr viel Haß und Bitterkeit gegen ihn genährt wird – Verachtung aber hat ihm noch Niemand zu bieten gewagt.“

„Nun wohl, so thue ich es,“ rief der Doctor mit ausbrechender Heftigkeit. „Und ich habe wahrlich Grund dazu.“

Der junge Mann sah ihn schweigend an; dann, nach einer secundenlangen Pause, legte er die Hand auf seinen Arm.

„Herr Doctor Brunnow, verzeihen Sie eine vielleicht indiscrete Frage. Was liegt eigentlich zwischen Ihnen und meinem [144] Chef? So oft sein Name genannt wird, verrathen Sie eine Bitterkeit, die unmöglich nur der politischen Gegnerschaft entstammen kann. Sie scheinen ihn genau zu kennen.“

Brunnow’s Lippen zuckten. „Wir waren einst Jugendfreunde,“ entgegnete er dumpf.

„Unmöglich!“ rief Georg. „Sie und –“

„Freiherr Arno von Raven Excellenz, Gouverneur der -schen Provinz und intimer Freund und Günstling der jetzigen Machthaber,“ vollendete der Doctor, einen scharfen, hohnvollen Nachdruck auf jedes einzelne Wort legend. „Das befremdet Sie, nicht wahr?“

„Allerdings; ich ahnte nichts von einer solchen Beziehung.“

„Es liegt auch fast ein halbes Menschenalter dazwischen. Damals hieß er freilich noch einfach Arno Raven und war arm und unbekannt wie ich selber. Wir lernten uns in einer stürmischen, mächtig bewegten Zeit, inmitten der Partei kennen, der wir Beide angehörten. Raven mit seinen glänzenden Geistesgaben, seiner rastlosen Energie hatte sich bald genug zu unser Aller Führer aufgeworfen. Wir folgten ihm mit blindem Vertrauen, ich vor Allem, denn ich liebte ihn, wie ich nichts wieder auf der Welt geliebt habe, nicht einmal mein Weib und Kind. Ihm galt die ganze Schwärmerei meiner Jugend; er war mein Vorbild, zu dem ich mit glühender Bewunderung aufblickte, mein Ideal, mein Alles – bis zu dem Tage, wo er mich und uns Alle verrieth und verließ, wo er die Ehre seinem Ehrgeize opferte und sich mit Leib und Seele unseren Feinden verkaufte, indem er uns dem Verderben preisgab. – Menschenfeindlich nennen mich die klugen Leute, die nie eine Enttäuschung erfahren, nie eine Verzweiflungsstunde durchlebt haben. Wenn ich es bin, so bin ich es an dem Tage geworden, wo ich mit dem Freunde auch den Glauben an die Menschheit verlor.“

Er wandte sich in stürmischer Bewegung ab. Man sah es, wie die Erinnerung noch jetzt das ganze Wesen des Mannes in all seinen Tiefen aufwühlte.

„Also ist doch etwas an jenen Gerüchten, die von irgend einem dunklen Punkte in der Vergangenheit des Freiherrn sprechen,“ bemerkte Georg leise. „Ich vernahm wohl hin und wieder Andeutungen, aber Niemand wußte etwas Gewisses darüber. Die Sache ist jedenfalls nie in die Oeffentlichkeit gelangt, denn man kennt Raven nur als den energischen, rücksichtslosen Vertreter der Regierung.“

„Die Renegaten sind immer die schlimmsten Verfolger des verlassenen Glaubens,“ sagte Brunnow finster. „Und in Arno Raven lag von jeher ein verhängnißvolles Element, ein glühender, verzehrender Ehrgeiz. Das war die eigentliche Triebfeder seines Charakters, und das hat ihn auch schließlich zu Falle gebracht. Er träumte immer nur von Macht und Größe; er wollte herrschen, gebieten um jeden Preis, und das ist ihm nun ja auch geworden. Seine Carrière ist geradezu beispiellos. Aus Armuth und Dunkelheit stieg er empor, von Stufe zu Stufe, von Auszeichnung zu Auszeichnung. Er wurde der Schwiegersohn des Ministers, dessen bevorzugter Günstling er stets gewesen, ließ sich in den Freiherrnstand erheben und ist jetzt der fast allmächtige Gouverneur einer der ersten Provinzen des Landes. Er steht auf der einst nur geträumten Höhe, aber ich, den er in Kerker und Verbannung gejagt, der auf ein Leben voll der herbsten Enttäuschungen zurückblickt und an der Schwelle des Greisenalters noch mit Existenzsorgen ringen muß – ich tausche nicht mit dieser Höhe. Sie hat ihm seine Ehre gekostet.“

Der Sprechende war furchtbar erregt; er brach ab und ging einige Male auf und nieder, um seiner Erregung Herr zu werden. Endlich trat er wieder zu Georg, der schweigend vor sich niedersah.

„Ich habe seit Jahren diesen Punkt nicht berührt,“ begann er von Neuem. „Aber Ihnen war ich Offenheit schudig. Sie sind keines von jenen blinden, gefügigen Werkzeugen, wie Raven sie braucht, wie er sie allein um sich duldet, und ich fürchte, es wird eine Stunde kommen, wo Sie gezwungen sein werden, ihm den Gehorsam zu verweigern, wenn Sie anders Ihre Ueberzeugung und Ihre Mannesehre retten wollen. Was dann aus Ihnen wird, ist freilich eine andere Frage. Stehen Sie fest, Georg! Durch das Gefühl der Abneigung und Gegnerschaft, das Sie für ihn hegen, klingt etwas wie Bewunderung dieses Mannes, und ich begreife das nur zu gut. Er übte von jeher eine fast dämonische Macht über Alles, was mit ihm in Berührung kam. Auch Sie können sich ihr nicht ganz entziehen, und darum mußte ich Sie über diesen Raven aufklären. Sie wissen jetzt, was an ihm ist.“

„Dachte ich es doch; da stecken sie schon wieder mitten in der Politik oder in sonstigen unerquicklichen Debatten!“ sagte eine Stimme hinter den Beiden. „Ich suche Dich im ganzen Hause, Georg. – Guten, Tag, Papa!“

Der Sprechende, der jetzt gleichfalls in die Veranda trat, war einige Jahre jünger als Georg, aber größer und stärker gebaut, eine frische, kräftige Erscheinung mit offenen Gesichtszügen, klaren Augen und dichtem, blondem Haar. Er warf einen prüfenden Blick auf das noch immer dunkel geröthete Antlitz seines Vaters und fuhr dann fort:

„Du solltest Dich beim Gespräche nicht so aufregen, Papa. Du weißt doch, wie nachtheilig das stets auf Dich wirkt, und überdies hast Du heute schon angestrengt gearbeitet, wie ich sehe.“

Damit trat er zu einem mit Büchern und Papieren bedeckten Tische, der in der Veranda stand, und begann in den Schriften zu blättern.

„Laß das liegen, Max!“ sagte der Doctor ungeduldig. „Du bringst mir Unordnung in die Manuscripte, und Du giebst Dich ja doch nicht mit tieferen wissenschaftlichen Studien ab.“

„Weil mir die Zeit dazu fehlt,“ erwiderte Max, die Papiere ruhig wieder hinlegend. „Ein junger Assistenzarzt im Hospital kann nicht tagelang über den Büchern sitzen. Du weißt ja, daß ich alle Hände voll zu thun habe.“

„Die Zeit würde sich schon finden,“ warf Brunnow ein.

„Was Dir fehlt, ist die Lust.“

„Meinetwegen auch die Lust! Mein Studium ist die Praxis, und ich denke damit ebenso weit zu kommen.“

„So weit Dein Ehrgeiz reicht, allerdings,“ in dem Tone des Vaters verrieth sich eine unverkennbare Geringschätzung. „Du wirst Dir jedenfalls eine ausgebreitete Praxis gründen und Deinen Beruf als ein einträgliches Handwerk betrachten. Ich zweifle durchaus nicht daran.“

Max kämpfte augenscheinlich mit einer aufsteigenden Gereiztheit; dennoch entgegnete er mit ziemlicher Ruhe: „Ich werde mir allerdings so bald wie möglich eine eigene Praxis gründen. Du hättest das schon vor zwanzig Jahren gekonnt, zogst es aber vor, medicinische Werke zu schreiben, die Dir neben dem geringen Honorare höchstens die Anerkennung einzelner Fachgenossen eintragen. Der Geschmack ist verschieden.“

„So verschieden wie unsere Auffassung des Lebens überhaupt. Du weißt freilich nicht, was es heißt, für die Wissenschaft zu leben und sich ihr zu opfern.“

„Ich opfere mich für Niemand,“ sagte Max trotzig. „Ich fülle meinen Platz im Leben gewissenhaft aus und denke damit genug zu thun. Du liebst die nutzlosen Aufopferungen, Papa – ich nicht.“

„Lassen Sie doch den unverbesserlichen Realisten, Herr Doctor!“ mischte sich Georg ein, den der gereizte Ton der Beiden eine Scene fürchten ließ, wie sie zwischen Vater und Sohn nicht eben selten war. „Ich habe es längst aufgegeben, ihn zu bekehren. Jetzt aber wollen wir Beide Sie nicht länger stören. Max versprach mir schon heute Morgen, mich nach seiner Rückkehr auf einem Spaziergange nach dem Wäldchen zu begleiten.“

„Jetzt um die Mittagsstunde?“ fragte der Doctor befremdend.

„Weshalb nicht später?“

In dem Gesichte des jungen Winterfeld zeigte sich eine leichte Verlegenheit, die er jedoch rasch bemeisterte. „Ich habe später noch mit den Vorbereitungen zur Abreise zu thun und möchte gern noch einmal den Blick auf den See und die Berge genießen. Das Scheiden wird mir schwer genug.“

„Das glaube ich,“ sagte Max mit einer eigenthümlichen, fast boshaften Betonung, brach aber ab, als er dem halb unwilligen, halb bittenden Blicken seines Freundes begegnete.

Brunnow schien der Sache keine Wichtigkeit weiter beizulegen; er winkte einen flüchtigen Abschiedsgruß und trat wieder an seinen Arbeitstisch, während die beiden jungen Männer durch den Garten schritten und, nachdem Max die Gitterthür desselben geöffnet hatte, einen Fußweg einschlugen, der dicht am See entlang führte. Eine Zeitlang schritten sie schweigend vorwärts. [145] Georg schien sehr ernst und nachdenklich, und der junge Arzt war offenbar übler Laune, an der das eben geführte Gespräch mit dem Vater und die nahe Abreise des Freundes gleichen Antheil haben mochten.

„Das wäre nun also der letzte Tag Deines Hierseins,“ begann er endlich, „und was habe ich eigentlich davon, wie überhaupt von Deinem Besuche hier? Den halben Tag lang declamirst Du mit meinem Papa gegen die Zustände in unserm geliebten Vaterlande im Allgemeinen und gegen die Raven’sche Dictatorwirthschaft im Besonderen, und wenn ich Dich endlich glücklich von der Politik entfernt habe, mißbrauchst Du meine Freundschaft in der unverantwortlichsten Weise, indem Du mich bei vierundzwanzig Grad Réaumur in der Mittagsstunde Schildwach’ stehen läßt. Ein höchst angenehmer Posten!“

„Welch ein Ausdruck!“ sagte Georg unwillig. „Ich habe Dich nur gebeten –“

„Dafür zu sorgen, daß Du bei Deinem, natürlich ganz zufälligen Zusammentreffen mit Fräulein von Harder ungestört bleibst. Man nennt das auf Deutsch ‚Schildwache stehen‘. Wie viele solcher Zufälligkeiten habt Ihr eigentlich schon mit oder ohne meine Statistenmitwirkung in Scene gesetzt? Nehmt Euch in Acht, daß die Frau Mama nicht hinter diese gemeinsamen Spaziergänge kommt!“

„Du weißt ja, daß mein Urlaub zu Ende ist und daß ich morgen fort muß,“ war die etwas kurze Antwort.

Max seufzte leise vor sich hin. „Und deshalb wird es vermuthlich heut’ sehr lange dauern. Nimm es mir nicht übel, Georg – für Euch mag es sehr interessant sein, wenn Ihr Euch bei Sonne, Mond und Sternen ewige Treue schwört, aber für den Unbetheiligten ist das äußerst langweilig, noch dazu bei einer Temperatur wie die heutige. Es ist das heißeste Freundschaftsstück, das ich je einem Menschen geleistet habe.“

Sie hatten inzwischen das nahgelegene „Wäldchen“ erreicht, eine Gruppe von Kastanienbäumen, die einen Wiesengrund am Ufer des Sees beschattete. Es war ein vielbesuchter und beliebter Spaziergang der Stadtbewohner, denn man genoß von hier aus eine prachtvolle Rundsicht, bei der sich der See und das Gebirge in ihrer ganzen Schönheit zeigten. Jetzt, um die Mittagsstunde, war der Ort freilich ganz einsam und verlassen. Georg, der vorausgeeilt war, blieb stehen und spähte erwartungsvoll, aber vergebens, umher. Max schlenderte langsam nach, und da er gleichfalls Niemand gewahrte, ließ er sich unter einem der mächtigen Kastanienbäume nieder, wo eine Rasenbank gerade an dem schönsten Aussichtspunkte einen natürlichen Ruhesitz bildete. Er lehnte sich in bequemster Stellung zurück und beobachtete mit einem Gemisch von Spott und Mitleiden seinen Freund, dessen fieberhafte Unruhe sich deutlich verrieth.

„Sag’ einmal, Georg, was soll denn nun eigentlich aus Deinem Liebesroman werden?“ begann er nach längerem Schweigen von Neuem.

Der Gefragte runzelte die Stirn. „Ich habe Dich schon öfter gebeten, nicht in solchem Tone davon zu sprechen.“

„Ist das etwa nicht zart genug ausgedrückt? Ich dächte, Romantik genug wäre in Deiner Liebe. Ein junger bürgerlicher Beamter ohne Vermögen – und eine hochgeborene Baroneß und dereinstige Erbin – heimliche Zusammenkünfte – voraussichtlicher Widerstand der ganzen Familie – Kämpfe und Aufregungen ohne Ende – ich gratulire Dir zu all den schönen Dingen. Mir wäre die Geschichte viel zu unbequem.“

„Das glaube ich,“ sagte Georg mit leisem Spott. „Aber, lieber Max, in solchen Dingen fehlt Dir wirklich die Berechtigung, mitzusprechen.“

„Weil ich eine durch und durch prosaische Natur bin,“ ergänzte Max in größter Gemüthsruhe. „Das ist mir nun gerade nichts Neues mehr. Mein Vater läßt mich oft genug anhören, daß mir die ‚ideale Richtung‘ fehlt. Er hat sich von jeher die redlichste Mühe gegeben, mir den Idealismus beizubringen, es ging aber leider nicht. Ich gehöre nun einmal nicht zu den ‚höher organisirten Naturen‘, wie Du zum Beispiel. Du bist weit mehr nach Papas Geschmack, und ich glaube, er würde sich nicht einen Augenblick bedenken, Dich als Sohn einzutauschen.“

Georg lächelte flüchtig. „Wenn Du damit einverstanden bist – ich hätte nichts dagegen.“

„Probire es erst einmal!“ sagte Max trocken. „Gegen Dich ist Papa allerdings ausnahmsweise liebenswürdig, weil er eine ganz besondere Vorliebe für Dich gefaßt hat, im Uebrigen fehlt ihm aber nicht viel zum Menschenfeinde. Nichts genügt ihm; Alles faßt er mit der Gereiztheit und Verbitterung auf, die er für unbefriedigten Idealismus hält, und das ist der Grund zum ewigen Kriege zwischen uns. Er vergiebt es mir nicht, daß ich mich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz wohl befinde, während er nie damit fertig werden kann. Unser Verhältniß zu einander wird von Tag zu Tage unleidlicher.“

„Du thust Deinem Vater Unrecht,“ begütigte Georg. „Wer wie er Heimath, Lebensstellung und Freiheit dem geopfert hat, was ihm Ideal hieß, der hat auch das Recht, einen höheren Maßstab an Welt und Menschen zu legen.“

„Ich bin aber für diesen höheren Maßstab zu kurz gerathen,“ erklärte der junge Arzt ärgerlich. „Du entsprichst ihm weit eher; das hat Papa auch schleunigst herausgefunden; er hat Dich ganz für sich in Beschlag genommen. Du würdest freilich bedeutend in seiner Achtung sinken, wenn er ahnte, daß Du gleich in den ersten Tagen Deines Hierseins den grenzenlosen Unsinn begangen hast, Dich zu verlieben.“

„Max, ich bitte Dich,“ unterbrach ihn der Freund in gereiztem Tone, aber Max war einmal im Zuge mit seinem Aerger, und ließ sich durchaus nicht darin stören.

„Ich bleibe dabei, es ist ein Unsinn,“ sagte er kurz und bündig. „Du mit Deinen tiefernsten Lebensansichten. Deinem rastlosen Arbeiten. Deinen idealen Zielen – im Grunde höchst überflüssige Dinge, aber Du hast sie doch nun einmal – und diese verwöhnte, übermüthige Gabriele von Harder, in Reichthum und Ueberfluß aufgewachsen, in allen nur möglichen aristokratischen Vorurtheilen erzogen! Glaubst Du denn wirklich, daß sie jemals auch nur das leiseste Verständniß für Deine Interessen haben wird? Ich sage Dir, sie giebt Dich auf, sobald der Ernst dieser Reiseidylle an sie herantritt und der Einfluß der Familie sich geltend macht. Du wirst Dein Alles an diese Liebe setzen und Deine besten Kräfte im Kampfe mit den Verwandten verschwenden, um schließlich irgend einem Grafen oder Baron geopfert zu werden, der eine standesgemäße Partie für die junge Baroneß ist.“

„Nein, nein!“ rief Georg mit aufwallender Heftigkeit.

„Du kennst Gabriele ja kaum; Du hast sie stets nur flüchtig gesehen, ich dagegen –“ er hielt plötzlich inne und seine Stimme sank, als er fortfuhr: „Ich weiß es ja, daß noch eine ganz andere Kluft zwischen uns liegt, als die der äußeren Verhältnisse, aber sie ist noch so jung, das Leben hat ihr bisher nur seine Sonnenseite gezeigt – und ich liebe sie grenzenlos.“

Max zuckte die Achseln mit einem Ausdrucke, der deutlich verrieth, daß dieser letzte Grund ihm höchst ungenügend erschien.

„Jeder Mensch hat sein Vergnügen.“ sagte er phlegmatisch, „das meinige wäre diese grenzenlose Liebe nun gerade nicht, und es kommt auch gar nichts dabei heraus. Uebrigens,“ er stand auf, „ist es nun wohl Zeit, daß ich meinen Wachposten beziehe, denn ich sehe da hinter den Fliederhecken ein helles Kleid auftauchen und Dich aufflammen, als ob alle sieben Himmel sich vor Dir öffneten. – Georg, thu’ mir den einzigen Gefallen und vergiß nicht ganz, daß es so etwas wie eine Mittagsstunde in der Welt giebt, und daß gewöhnliche Menschen alsdann zu essen pflegen! Eine höchst unpraktische Idee, dies Rendezvous gerade auf die Mittagszeit zu verlegen! Ich hoffe, Du wirst mich zum Danke für meine aufopfernde Freundschaft nicht ganz hungern lassen.“

Damit zog sich Max Brunnow zurück. Der junge Winterfeld hörte kaum auf ihn; seine ganze Aufmerksamkeit war der hellen, schlanken Gestalt zugewendet, die jetzt am Ausgange des Wäldchens erschien. Sie flog leicht und graziös über den Rasen hin und stand nach wenigen Minuten an seiner Seite.

„Da bin ich, Georg. Hast Du lange gewartet? Es war heute gar nicht möglich, unbemerkt fort zu kommen, und beinahe hätte ich es ganz aufgegeben. Aber es wäre doch gar zu grausam gewesen, meinen Ritter umsonst harren zu lassen. Ich glaube, Du würdest es mir nun und nimmermehr verzeihen, wenn ich Dich ohne feierlichen Abschied abreisen ließe.“

Georg hielt die kleine Hand fest, die sich nach flüchtigem [146] Drucke ihm wieder entziehen wollte, und in seiner Stimme lag ein leiser Vorwurf, als er sagte: „So leicht wird Dir die Trennung, Gabriele? Hast Du kein anderes Lebewohl für mich, als Scherze und Neckereien?“

Die junge Dame blickte ein wenig erstaunt auf. „Trennung? Aber wir sehen uns ja in vier Wochen wieder.“

„In vier Wochen! Scheint Dir das eine so kurze Zeit?“

Gabriele lachte. „Es sind gerade viermal sieben Tage. Du wirst sie wohl ertragen müssen. Dann aber kommen wir gleichfalls nach R. Du verkehrst doch öfter mit meinem Vormunde?“

„Mit dem Freiherrn von Raven? Allerdings. Ich gehöre, wie Du weißt, zu seiner Kanzlei und habe ihm bisweilen Vortrag zu halten.“

„Ich kenne ihn kaum,“ sagte Gabriele gleichgültig. „Ich sah ihn immer nur sehr flüchtig, wenn er auf kurze Zeit nach der Residenz kam, das letzte Mal vor drei Jahren. Damals geruhten Excellenz noch gar keine Notiz von mir zu nehmen, und mich noch ganz und gar als Kind zu behandeln, obgleich ich schon volle vierzehn Jahr alt war. Ich war durchaus nicht entzückt von der Aussicht, künftig in seinem Hause zu leben, bis ich,“ sie lächelte schelmisch, „einen gewissen Georg Winterfeld kennen lernte und von ihm erfuhr, daß er das Glück habe, einer der Beamten meines Herrn Vormundes zu sein.“

Ueber Georg’s Züge glitt ein Ausdruck, als sei er über dieses „Glück“ anderer Meinung. „Du täuschest Dich, wenn Du daran irgend eine Hoffnung knüpfst,“ entgegnete er ernst. „Ich verkehre nur amtlich mit meinem Chef, und er versteht es, seinen Untergebenen die Grenzen des Verkehrs möglichst eng zu ziehen; im Uebrigen stehe ich ihm vollständig fern. Ein junger, bürgerlicher Beamter in vorläufig noch untergeordneter Stellung hat keinen Zutritt zu den Kreisen des Gouverneurs und darf es schwerlich wagen, eine nähere Bekanntschaft mit der Baroneß Harder geltend zu machen. Wir werden uns fern genug sein, auch wenn ich täglich das Haus betrete, in dem Du weilst. Hier, in der Freiheit des Reiselebens, durften wir uns kennen und lieben lernen –“

„Das verdankst Du doch im Grunde nur unserem Boote, das zu rechter Zeit auf die Sandbank fuhr,“ unterbrach ihn Gabriele. „Denkst Du noch an unsere erste Begegnung, Georg? Mama bildet sich noch heutigen Tages ein, damals in Lebensgefahr geschwebt zu haben, und hält Dich für ihren Retter, weil Du uns glücklich durch das seichte Wasser an’s Land brachtest. Sonst hätte sie Dir mit Deinem einfach bürgerlichen Namen auch schwerlich die öfteren Besuche gestattet, aber der Lebensretter war natürlich eine Ausnahme. Wenn sie wüßte, daß er mir bereits eine Liebeserklärung gemacht hat!“

Der offenbare Triumph, der in den letzten Worten lag, schien den jungen Mann zu verletzen; seine Augen hefteten sich forschend und unruhig auf ihr Antlitz.

„Und wenn die Baronin es nun früher oder später erführe, was würdest Du thun?“

„Dich ihr in aller Form als meinen künftigen Herrn und Gemahl präsentiren,“ erklärte Gabriele mit komischer Feierlichkeit. „Das würde natürlich eine Explosion geben – Thränen, Vorwürfe, Nervenzufälle – darin ist Mama besonders stark, aber es thut nichts; sie giebt schließlich doch nach, und ich setze immer meinen Willen durch.“

Sie warf das alles lachend und muthwillig hin. Es war augenscheinlich, daß der Gedanke an eine Katastrophe, die jedes andere Mädchen erschreckt haben würde, die junge Baroneß Harder höchlich amüsirte. Sie hatte sich auf den Rasensitz niedergelassen und ihren Strohhut abgenommen. Die Sonnenstrahlen, die hier und da durch das dichte Blätterdach der Kastanien drangen, spielten auf dem reichen blonden Haar und dem rosigen Antlitze, aus dem ein Paar große braune Augen lachend und glückselig in die Welt schauten. Das Gesicht mit seinen zarten, lieblichen Formen war ohne Frage von einem bestrickenden Reiz, aber es fehlte ihm jenes Seelenvolle, das dem Menschenantlitz erst seinen höchsten Zauber leiht. Man würde sich vergebens bemüht haben, hinter all diesem neckischen Uebermuth und dieser strahlenden Heiterkeit irgend einen Zug zu entdecken, der auf ernstere, tiefere Empfindungen schließen ließ. Aber das minderte nicht den Reiz dieser jugendlichen Erscheinung, an der Alles frisches, blühendes Leben und rosige Jugend athmete. Sie erschien wie ein Abglanz der Landschaft da draußen, ebenso sonnig und licht.

Georg blickte mit einem eigenthümlichen Gemisch von Unwillen und Zärtlichkeit auf sie nieder. „Gabriele, Du behandelst das alles nur wie ein Spiel und hast keine Ahnung von den Kämpfen, die uns bevorstehen,“ sagte er.

„Fürchtest Du diese Kämpfe?“

„Ich?“ Die Stirn des jungen Mannes begann sich zu röthen. „Ich bin bereit es mit Allen aufzunehmen, wenn Du mir nur fest zur Seite stehst. Aber Du bist im Irrthum, wenn Du auf die gewohnte Nachgiebigkeit Deiner Mutter rechnest, hier, wo alle ihre Vorurtheile, alle Traditionen ihrer Familie in’s Spiel kommen. Und wenn es Dir selbst gelänge, sie zu gewinnen – Deinen Vormund wird nichts umstimmen. Ich kenne ihn; er wird nie seine Einwilligung geben.“

Gabriele lehnte das blonde Köpfchen an den Stamm des Baumes und zerpflückte spielend einige Grashalme. „Ich frage gar nichts nach seiner Einwilligung,“ erklärte sie. „Ich lasse mir von ihm nichts befehlen oder verbieten. Er soll es einmal versuchen, mich zu zwingen!“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 10, S. 159–162
Fortsetzungsroman – Teil 2


[159] „Es wird Dich Niemand zwingen,“ fiel Georg ein, „aber trennen wird man uns. In dem Augenblicke, wo unsere Liebe entdeckt wird, ist auch die Trennung ausgebrochen – das weiß ich, und das allein ist es, was mir Schweigen auferlegt. Du ahnst nicht, wie dieses Geheimniß, das Dir so reizend erscheint, dieses ängstliche Verbergen mich peinigt und demüthigt, wie sehr es meiner ganzen Natur zuwider ist. Jetzt zum ersten Male fühle ich, was es heißt, arm und unbekannt zu sein.“

„Was thut es denn, daß Du arm bist?“ fragte Gabriele sorglos. „Ich werde einmal sehr reich sein. Mama sagt es mir täglich, daß ich die einzige Erbin meines Onkel Raven bin.“

Georg schwieg und preßte die Lippen fest zusammen, als wolle er eine bittere Empfindung unterdrücken. „Ja wohl, Du wirst reich sein,“ sagte er endlich. „Nur allzu reich.“

„Ich glaube gar, Du willst mir einen Vorwurf daraus machen,“ schmollte die junge Dame mit sehr ungnädiger Miene.

„Nein, aber es öffnet eine Kluft mehr zwischen uns. Gehörtest Du meinem Lebenskreise an, dann dürfte ich offen hintreten und, wenn auch noch nicht Deine Hand, doch Dein Wort und Deine Treue fordern, bis ich Dir eine eigene Heimath zu bieten vermag. Jetzt dagegen – was würde der Freiherr von Raven mir wohl antworten, wenn ich es wagte, bei ihm um die Hand seiner Mündel, seiner muthmaßlichen Erbin zu werben? Er vertritt die Stelle Deines Vaters; Du stehst unter seiner Gewalt.“

„Aber doch nur bis zu meiner Mündigkeit. In einigen Jahren hat die vormundschaftliche Gewalt des gestrengen Herrn ein Ende. Dann bin ich frei.“

„In einigen Jahren!“ wiederholte Georg. „Und wie wirst Du dann denken?“

Es lag eine so bange Frage in den Worten, daß Gabriele halb erschreckt und halb beleidigt aufblickte. „Georg, Du zweifelst an meiner Liebe?“

Er schloß ihre Hand fest in die seinige. „Ich glaube an Dich, meine Gabriele; vertraue auch Du mir! Ich bin ja nicht der Erste, der sich emporarbeitet, und habe von jeher gelernt, der Zukunft und meiner eigenen Kraft zu vertrauen. Ich will Alles an diese Zukunft setzen, um Deinetwillen Du sollst Dich Deiner Wahl nicht zu schämen haben.“

„Ja, zur Excellenz mindestens mußt Du mich machen,“ neckte Gabriele. „Ich erwarte ganz bestimmt, daß Du auch einmal Gouverneur oder Minister wirst. Hörst Du, Georg? Ich will keinen andern Titel.“

Georg ließ plötzlich die Hand fallen, die er noch in der seinigen hielt. Er mochte auf seine mit so tiefer Innigkeit ausgesprochene Betheuerung wohl eine andere Antwort erwartet haben.

„Du verstehst mich nicht. Freilich wie solltest Du auch den Ernst des Lebens kennen, ist er Dir doch noch niemals genaht.“

„O, ich kann auch ernst sein,“ versicherte Gabriele. „Ganz außerordentlich ernst. Du kennst meine eigentliche Natur noch gar nicht.“

„Möglich!“ sagte der junge Mann mit aufquellender Bitterkeit. „Jedenfalls habe ich es nicht verstanden, sie zu wecken.“

Gabriele sah recht gut, daß er verletzt war, aber es beliebte ihr durchaus nicht, Notiz davon zu nehmen. Sie fuhr fort zu necken und zu scherzen und erschöpfte ihren ganzen Uebermuth. Sie pochte auf eine Macht, die sich oft genug bewährt hatte und auch heute ihre Wirkung nicht verfehlte. Georg’s Stirn begann sich zu entwölken; Verstimmung und Vorwurf wollten nicht Stand halten vor dem Geplauder jener rosigen Lippen, und als das geliebte Antlitz lächelnd und schelmisch zu ihm aufblickte, da war es vorbei mit dem Widerstande – er lächelte gleichfalls.

Drüben in der Stadt setzten die Glocken zum Mittagsgeläut ein. Die Klänge zogen hell über den See und mahnten das junge Paar zum Aufbruch. Georg zog die Hand der Geliebten leidenschaftlich an seine Lippen; die unmittelbare Nähe der Landhäuser und der Fahrstraße verbot jede weitere Zärtlichkeit. Gabriele schien die Trennung in der That sehr leicht zu nehmen. Einen Augenblick freilich wurde sie ernster, und es schimmerte sogar eine Thräne in ihren braunen Augen, aber in der nächsten Minute war Alles schon wieder sonnige Heiterkeit. Sie warf einen letzten Gruß zurück und eilte dann fort. Georg’s Augen folgten ihr unverwandt.

„Max hat Recht,“ sagte er träumerisch. „Ich und dieses verwöhnte übermüthige Kind des Glückes! Warum muß ich gerade sie lieben, die mir fern steht in so Vielem, wo wir uns nahe sein müßten? Ja, warum – ich liebe sie eben.“

Die Warnung des Freundes schien trotz aller Zurückweisung doch ein Echo in der Brust des jungen Mannes gefunden zu haben, aber was vermochte Vernunft und Ueberlegung gegen die Leidenschaft, die sein ganzes Wesen erfüllte? Er wußte längst, daß sich gegen den Zauber nicht ankämpfen ließ, der ihn schon bei der ersten Begegnung umsponnen hatte. Er unterlag ihm immer wieder von Neuem.




[160] „Ich bitte noch einmal, Excellenz: nehmen Sie diese harten Maßregeln zurück! Sie können unmöglich die ganze Stadt für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich machen.“

„Auch ich bin der Meinung, daß man nicht mit solcher Schärfe vorzugehen braucht. Es wird nicht schwer sein, die Schuldigen herauszufinden und sich ihrer zu versichern.“

„Sie sollten der Sache nicht solche Wichtigkeit beilegen, Excellenz. Sie verdient es in der That nicht.“

Der Gouverneur von Raven, an den all diese Mahnungen und Vorstellungen gerichtet waren, schien sehr wenig davon berührt zu werden, denn er erwiderte mit kalter Höflichkeit:

„Ich bedauere aufrichtig, meine Herren, mich in so vollständigem Widerspruch mit Ihren Ansichten zu befinden, aber ich habe den Entschluß nach reiflicher Ueberlegung gefaßt, und überdies wissen Sie, daß ich niemals eine bereits angeordnete Maßregel zurücknehme. Es bleibt dabei.“

Die Herren, welche sich im Regierungsgebäude von R. in dem Empfangszimmer des Gouverneurs befanden, schienen eine längere und lebhafte Conferenz gehabt zu haben; sie waren sämmtlich etwas erregt, bis auf den Freiherrn selbst, der mit unerschütterlicher Ruhe in seinem Sessel lehnte.

„Ich sollte meinen,“ sagte Derjenige, welcher zuerst gesprochen, „daß meine Stimme als die des Vertreters der Stadt doch von einigem Gewicht wäre. Um so mehr, als diesmal auch der Polizeidirector auf meiner Seite steht.“

„Allerdings,“ bestätigte der Genannte mit vorsichtiger Zurückhaltung. „Indeß bin ich erst zu kurze Zeit in meinem Amte, um die hiesigen Verhältnisse schon eingehend zu kennen. Excellenz werden das jedenfalls besser beurtheilen.“

„Ich fürchte nur,“ wandte sich der Dritte der Herren, der die Uniform eines Obersten trug, an den Gouverneur, „ich fürchte, man wird Ihre Strenge mißdeuten und sie als persönliche Besorgniß auffassen.“

Um die Lippen des Freiherrn spielte ein verächtliches Lächeln. „Seien Sie unbesorgt!“ entgegnete er. „Man kennt mich in R. zu gut, um mir Furcht zuzutrauen. Der Vorwurf bleibt mir unter allen Umständen erspart.“

Er erhob sich und gab damit das Zeichen zur Beendigung der Conferenz. Freiherr Arno von Raven stand im vollsten, reifsten Mannesalter und war trotz seiner sechs- oder siebenundvierzig Jahre noch eine imponirende Erscheinung. Die hohe, mächtige Gestalt hatte schon in ihrem bloßen Auftreten etwas Gebietendes. Die stolzen energischen Züge waren nicht schön und konnten es auch wohl nie gewesen sein, aber sie waren bedeutend und charakteristisch in jeder Linie. In das volle dunkle Haupthaar mischte sich noch kein Grau, nur an den Schläfen verrieth ein leichter Silberglanz, daß die Mitte des Lebens bereits überschritten war. Dagegen sprach aus den dunklen blitzenden Augen noch die ganze Vollkraft dieses Lebens, aber der Blick hatte etwas Strenges, Finsteres und gewann, sobald er sich fest auf einen Gegenstand richtete, eine durchbohrende Schärfe. Die Haltung war ein Gemisch von ruhiger Vornehmheit und unnahbarem Stolze. Auch nicht der leiseste Zug verrieth den Emporkömmling. Der Mann sah aus, als habe er von jeher nichts Anderes gekonnt, als befehlen und herrschen.

„Es handelt sich hier nicht um mich,“ fuhr er fort. „So lange die Schmähungen und Drohbriefe mir anonym zugingen, habe ich sie dem Papierkorb überantwortet, ohne weiteres Gewicht darauf zu legen. Wenn dergleichen sich aber offen und aller Welt sichtbar an den Mauern des Regierungsgebäudes findet, wenn man Miene macht, mich bei meinen Ausfahrten zu insultiren, und die Herren von der Bürgerschaft sich demonstrativ jedes Einschreitens enthalten, so ist es meine Pflicht, ernstlich vorzugehen. Ich bin die oberste Behörde der Provinz; dulde ich den Unfug, der sich gegen meine Person richtet, so gefährde ich damit die Autorität der Regierung, die zu vertreten ich berufen bin und die ich unter allen Umständen aufrecht erhalten muß. Ich wiederhole Ihnen, Herr Bürgermeister, daß ich es bedaure, Polizeimaßregeln verhängen zu müssen, die vielleicht schwer empfunden werden, aber die Stadt hat sich das selbst zuzuschreiben.“

„Wir sind es gewohnt, daß Excellenz sich in solchen Fällen nie von Rücksichten bestimmen lassen,“ sagte der Bürgermeister mit Schärfe. „Es bleibt mir also nur übrig, Ihnen, die volle Verantwortlichkeit zu lassen – und damit wäre unser Gespräch ja wohl zu Ende.“

Der Freiherr verneigte sich kühl. „Ich wüßte nicht, daß ich mich jemals der Verantwortung für meine Maßnahmen entzogen hätte; es wird auch diesmal nicht geschehen. Leben Sie wohl, meine Herren!“

Der Bürgermeister und der Polizeidirector verließen das Gemach und schritten durch die weiten Gänge des Regierungsgebäudes dem Ausgange zu. Auf dem Wege konnte der Erstere, ein etwas cholerischer alter Herr mit grauen Haaren, nicht umhin, seinem lang zurückgehaltenen Aerger Luft zu machen.

„Also haben wir mit all unsern Bitten, Mahnungen und Vorstellungen wieder einmal nichts erreicht, als ein souveränes: ‚Es bleibt dabei!‘“ sagte er zu seinem Begleiter. „Auch Sie scheinen sich diesem berühmten Lieblingswort Seiner Excellenz zu beugen. Ihre Opposition verstummte davor sofort.“

Der Polizeidirector, ein noch jüngerer Mann mit scharfen klugen Zügen und sehr höflichen Manieren, zuckte die Achseln. „Der Freiherr ist oberster Chef der Verwaltung, und da er erklärt hat, mich auf alle Fälle mit seiner Verantwortlichkeit zu decken, so –“

„Fügen Sie sich seinem Willen,“ ergänzte der Andere. „Im Grunde ist das nur natürlich. Sie haben schwerlich Lust, das Schicksal Ihres Amtsvorgängers zu theilen.“

„Jedenfalls hoffe ich meiner Stellung besser gewachsen zu sein als er,“ war die artige, aber bestimmte Antwort. „So viel ich weiß, wurde mein Vorgänger wegen Unfähigkeit auf einen anderen Posten versetzt.“

„Da irren Sie sehr. Er fiel, weil er dem Freiherrn von Raven nicht genehm war, und sich bisweilen herausnahm, eine andere Meinung als Dieser zu haben. Er mußte dem allmächtigen Willen weichen, der uns nun so lange schon unumschränkt regiert. Das heutige Auftreten unseres Gouverneurs wird Ihnen besser als eine monatelange Amtsdauer gezeigt haben, wie die ‚hiesigen Verhältnisse‘ eigentlich liegen, und Sie haben bereits Ihre Partei gewählt, wie mir scheint.“

Die letzten Worte klangen sehr anzüglich, aber der Polizeidirector schien das nicht zu bemerken; er lächelte nur verbindlich, ohne etwas zu erwidern, und da sie den Ausgang jetzt erreicht hatten, trennten sich die beiden Herren.

Im Zimmer des Freiherrn war Dieser mit dem Oberst zurückgeblieben. Letzterer, der Commandant des Regimentes, das die Garnison von R. bildete, war eine echt militärische Erscheinung, aber trotzdem und trotz seiner Uniform und Orden vermochte er doch nicht den Vergleich mit der gebietenden Gestalt des Gouverneurs auszuhalten, der den einfachen Civilanzug trug.

„Sie sollten nicht allzu schroff vorgehen, Excellenz,“ nahm der Oberst das Gespräch wieder auf. „Man sieht höheren Ortes diese fortwährenden Conflicte mit der Bürgerschaft sehr ungern.“

„Glauben Sie, daß ich diese Conflicte liebe?“ fragte der Freiherr. „Aber Nachgiebigkeit wäre hier Schwäche, und die wird man mir hoffentlich nicht zumuthen.“

Der Andere schüttelte mit dem Ausdruck der Besorgniß den Kopf. „Sie wissen, daß ich einige Wochen lang in der Residenz war,“ begann er von Neuem. „Ich habe viel im Ministerium verkehrt. Im Vertrauen gesagt, die Stimmung ist dort keine für Sie günstige. Man liebt Sie durchaus nicht.“

„Das weiß ich,“ sagte Raven kalt. „Ich bin den Herren von jeher unbequem gewesen. Ich war ihnen nie fügsam, nie devot genug, und überdies können sie mir meine bürgerliche Herkunft nicht verzeihen. Meine Carrière war nun einmal nicht zu hindern, aber Sympathie habe ich in jenen Kreisen nie besessen.“

„Eben deshalb sollten Sie vorsichtig sein. Es werden Versuche gemacht, Ihre Stellung zu erschüttern. Man spricht von Willkür, von Uebergriffen, und all Ihre Maßregeln werden in schärfster, oft in gehässigster Weise besprochen und kritisirt. Fürchten Sie nicht die gegen Sie gesponnenen Intriguen?“

„Nein, denn ich bin den maßgebenden Persönlichkeiten allzu nothwendig und werde dafür sorgen, daß diese Nothwendigkeit bestehen bleibt, trotz meiner ‚Willkür‘ und meiner ‚Uebergriffe‘. Ich kenne am besten die Schwierigkeiten meiner hiesigen Stellung; [161] sie finden so leicht keinen Zweiten, der dem ersten Posten in dieser Provinz und in diesem widerspenstigen, ewig oppositionslustigen R. gewachsen ist. Aber ich danke Ihnen trotzdem für die Warnung, die vollständig mit meinen eigenen Nachrichten übereinstimmt.“

„Ich wollte Ihnen wenigstens einen Wink geben,“ sagte der Oberst abbrechend. „Aber jetzt muß ich fort. Sie erwarten heute noch Besuch, wie ich höre.“

„Meine Schwägerin, die Baronin Harder, und ihre Tochter,“ erklärte der Freiherr, seinen Gast bis zur Thür begleitend. „Sie haben einen Theil des Sommers in der Schweiz zugebracht und wollen heute eintreffen. Ich erwarte sie jede Minute.“

„Ich habe die Frau Baronin vor einigen Jahren in der Residenz kennen gelernt,“ warf der Officier flüchtig hin, „und ich hoffe die Bekanntschaft bald zu erneuern. Darf ich bitten, der Dame vorläufig meine Empfehlung zu überbringen? Auf Wiedersehen, Excellenz!“ –

Eine halbe Stunde später rollte ein Wagen in das Portal des Regierungsgebäudes, und Freiherr von Raven kam die große Haupttreppe herunter, um die erwarteten Gäste zu begrüßen.

„Mein lieber Schwager, wie glücklich bin ich, Sie endlich wieder zu sehen!“ rief die im Wagen sitzende Dame, indem sie mit großer Lebhaftigkeit und Zärtlichkeit dem Herantretenden die Hand entgegenstreckte.

„Seien Sie mir willkommen, Mathilde!“ sagte Raven mit seiner gewohnten kühlen Artigkeit, die auch nicht um einen Grad wärmer wurde, als er den Schlag öffnete und seiner Schwägerin beim Aussteigen behülflich war. „Haben Sie eine gute Fahrt gehabt? Es war heute etwas zu heiß für die Reise.“

„O entsetzlich! Die lange Fahrt hat mich völlig nervös gemacht. Wir beabsichtigten anfangs, einen Tag in E. auszuruhen, aber uns trieb die Sehnsucht, unsere theuren Verwandten so bald wie möglich zu begrüßen.“

Der „theuere Verwandte“ nahm das Compliment sehr gleichgültig hin. „Sie hätten immerhin in E. bleiben sollen,“ meinte er. „Aber wo ist das Kind – Gabriele?“

Die junge Dame, die soeben den Wagen verließ und, ohne eine Hülfe abzuwarten, leichtfüßig auf den Boden sprang, wurde bei dieser höchst beleidigenden Frage von einer hellen Zornröthe übergossen. Aber auch der Freiherr stutzte und heftete einen langen erstaunten Blick auf das „Kind“, das er drei volle Jahre nicht gesehen hatte, und dessen Anblick ihn jetzt sehr zu überraschen schien. Doch sein Erstaunen und Gabrielens Triumph darüber dauerte nicht lange.

„Ich freue mich, Dich zu sehen, Gabriele,“ sagte er ruhig, und sich niederbeugend, berührte er mit den Lippen leicht ihre Stirn. Es war dieselbe flüchtige, gleichgültige Liebkosung, die er einst dem vierzehnjährigen Mädchen hatte zu Theil werden lassen, und dabei streiften seine dunklen, strengen Augen ihr Antlitz mit einem einzigen, aber so scharfen und prüfenden Blicke, als wolle er damit zugleich ihr ganzes Innere ergründen. Dann aber reichte er seiner Schwägerin den Arm, um sie in das obere Stockwerk hinauf zu führen, und überließ es der jungen Dame, ihnen zu folgen.

Die Baronin ergoß sich in einen Strom von Redensarten und Liebenswürdigkeiten, die nur einsilbig beantwortet wurden, aber das hemmte nicht ihren Redefluß, der erst stockte, als sie den Flügel erreicht hatten, in welchem die für die Damen bestimmten Zimmer lagen.

„Das ist Ihre Wohnung, Mathilde,“ sagte der Freiherr, auf die geöffneten Räume deutend. „Ich hoffe, daß sie nach Ihrem Geschmack ist. Diese Klingel ruft die Dienerschaft herbei. Sollten Sie irgend etwas vermissen, so bitte ich, es mir mitzutheilen. Jetzt aber möchte ich Sie allein lassen. Sie und Gabriele sind jedenfalls müde von der Reise und bedürfen der Ruhe. Bei Tische sehen wir uns wieder.“

Er ging, offenbar froh, sich der lästigen und unbequemen Pflicht des Empfanges entledigt zu haben. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als die Baronin, nachdem sie die Reiseumhüllung abgelegt, sofort begann, die Umgebung zu mustern. Die vier Zimmer waren mit großer Eleganz, sogar mit Pracht eingerichtet, das Meublement sehr reich, die Vorhänge und Teppiche von den schwersten Stoffen. Ueberall war auf die Ansprüche und Bedürfnisse vornehmen Besuchs Rücksicht genommen; kurz, es blieb auch nicht das Geringste zu wünschen übrig, und sehr befriedigt kehrte Frau von Harder von ihrem Rundgange zurück, als sie gewahrte, daß ihre Tochter noch in Hut und Reisemantel inmitten des ersten Zimmers stand.

„Willst Du denn nicht ablegen, Gabriele?“ fragte sie. „Wie findest Du die Wohnung? Gott sei Dank, endlich einmal wieder gewohnte Umgebungen, nachdem wir so lange in der Dürftigkeit unseres schweizer Exils geseufzt haben!“

Gabriele achtete nicht auf die Worte. „Mama, ich mag den Onkel Raven nicht.“ sagte sie plötzlich mit vollster Entschiedenheit.

Der Ton war so ungewöhnlich, so ganz abweichend von der sonstigen Art der jungen Dame, daß die Mutter sie erstaunt anblickte.

„Aber Kind, Du hast ihn ja kaum gesehen.“

„Gleichviel, ich mag ihn nicht. Er behandelt uns mit einer Gleichgültigkeit, einer Herablassung, die geradezu beleidigend ist. Ich begreife nicht, wie Du einen solchen Empfang hinnehmen konntest.“

„Nicht doch,“ beruhigte die Baronin, „diese Kürze und Abgemessenheit liegt nun einmal in der Art meines Schwagers. Du wirst Dich daran gewöhnen, wenn Du ihn erst näher kennen und lieben lernst.“

„Niemals!“ rief Gabriele heftig. „Wie kannst Du verlangen, Mama, daß ich den Onkel Arno lieben soll; ich habe ja immer nur Schlimmes von ihm gehört. Du sagtest, er sei ein Tyrann ohne Gleichen, Papa nannte ihn nie anders als den Emporkömmling, den Glücksritter, und doch wagtet Ihr beide niemals, ihm ein unfreundliches Wort zu sagen –“

„Kind, um Gotteswillen schweig’!“ unterbrach sie die Mutter, sich erschrocken umblickend, ob auch Niemand die verfänglichen Worte gehört habe. „Vergißt Du denn ganz, daß wir vollständig von der Güte Deines Onkels abhängen? Er ist unversöhnlich, wo er sich beleidigt glaubt. Du darfst ihm niemals mit einem Widerspruch entgegentreten.“

„Weshalb hattet Ihr denn Alle so großen Respect vor ihm, wenn er nichts weiter als ein Glücksritter war?“ fuhr Gabriele beharrlich fort. „Warum gab ihm der Großpapa seine Tochter zur Frau? Warum war er immer die Hauptperson in der Familie? – ich begreife das nicht.“

„Weiß ich es?“ fragte die Baronin mit einem Seufzer. „Die Macht, die diese Mann ausübt, ist mir von jeher ebenso unerklärlich gewesen, wie die Vorliebe Deines Großvaters für ihn. Er, mit seinem bürgerlichen Namen und seiner damals noch so untergeordneten Stellung, hätte den Eintritt in unsere Familie als eine hohe Gunst, als ein unverdientes Glück ansehen müssen, und er nahm es hin, als ob ihm damit nur sein Recht geschähe. Kaum hatte er in unserem Hause festen Fuß gefaßt, als er auch schon Alles beherrschte, von meiner Schwester an bis zur Dienerschaft herab, die größere Furcht vor ihm hegte, als vor ihrem Herr selber. Meinen Vater hatte er so vollständig in der Gewalt, daß nichts ohne seinen Rath und Beistand geschah, und alle Uebrigen unterdrückte er einfach. Wie es eigentlich geschah, das weiß ich nicht – genug es geschah, und wie in unserem Familienkreise, so riß er auch in der Gesellschaft und in seiner Carrière die Herrschaft an sich – es wagte Niemand ihm entgegenzutreten.“

„Nun, mich soll er nicht unterdrücken,“ rief das junge Mädchen, das Köpfchen trotzig zurückwerfend. „O, er dachte auch mich zu schrecken mit seinen finstern Augen, die sich so tief einbohren, als wollten sie einem die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen, aber ich fürchte mich ganz und gar nicht davor. Wir wollen doch sehen, ob er auch mich zwingt, wie all die Anderen.“

Die Baronin erschrak; sie fürchtete nicht mit Unrecht, ihre sehr verzogene Tochter, die der Mutter gegenüber eine unbedingte Herrschaft behauptete und überhaupt nicht gewohnt war, sich Zwang aufzuerlegen, werde auch dem Freiherrn gegenüber ihrem Eigensinne die Zügel schießen lassen. Sie erschöpfte sich daher in Bitten und Vorstellungen, aber vergebens – Fräulein Gabriele schien ein eigenes Vergnügen in dem angesprochenen Trotze gegen ihren Vormund zu finden und war durchaus nicht geneigt, die bereits eingenommene kriegerische Stellung ihm gegenüber [162] aufzugeben. Ueberdies war sie schon ungewöhnlich lange ernst gewesen und kehrte nun schleunigst zu dem alten Uebermuthe zurück.

„Mama, ich glaube, Du fürchtest Dich im vollen Ernste vor diesem Währwolf von Onkel,“ rief sie fröhlich auflachend. „Da bin ich tapferer. Ich trete ihm gerade unter die Augen, und – verlaß Dich darauf! – mich verschlingt er nicht.“




Das Regierungsgebäude von R. war ein ehemaliges Schloß und lange Jahre hindurch der Wohnsitz einer fürstlichen Familie gewesen. Später war es an den Staat gefallen und diente jetzt zum Sitz der Provinzialregierung und zum Aufenthalte des jeweiligen Gouverneurs. Das große, weitläuftige Gebäude lag auf einer Anhöhe, oberhalb der Stadt, und hatte sich trotz seiner jetzigen Bestimmung noch einen Theil seines mittelalterlichen Ansehens bewahrt. Die vorspringenden Thürme und Erker und die hohe, die ganze Umgebung beherrschende Lage gaben ihm etwas Malerisches. Die alten Mauern und Befestigungen waren freilich schon längst der Neuzeit gewichen, aber dafür umrauschte jetzt ein ganzer Wald prächtiger Bäume den Schloßberg, an dessen Vorderseite ein breiter, bequemer Weg in die Stadt hinunterführte. Von den Fenstern des Schlosses, das sich stolz und mächtig über die Baumwipfel emporhob, genoß man den vollen Blick über die Stadt und das ganze weite Thal, das die Berge wie mit einem Kranze umgaben. Das Hauptgebäude war ausschließlich zur Verfügung des Gouverneurs gestellt, der das obere Stockwerk bewohnte, während sich in dem unteren seine Kanzlei befand; die beiden Seitenflügel enthielten die übrigen Bureaus und die Dienstwohnungen einzelner Beamten. Trotz dieser Einrichtung war auch dem Inneren sein alterthümlicher Charakter geblieben, der sich nicht verwischen ließ, weil er in der Bauart lag. Die gewölbten Zimmer mit ihren tiefen Thür- und Fensternischen gehörten noch dem vorigen Jahrhunderte an; lange, düstere Bogengänge und Galerien kreuzten sich in den verschiedensten Richtungen; hallende Steintreppen führten von einem Stockwerke in das andere, und der alte Schloßhof wie der ehemalige Schloßgarten waren noch ganz in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten. Jedenfalls war und blieb das „Schloß“, wie es kurzweg in der ganzen Umgegend genannt wurde, eine Zierde der Stadt.

Der jetzige Gouverneur bekleidete schon seit einer ganzen Reihe von Jahren seinen Posten. Hätte man nicht gewußt, daß er der Sohn eines mittellosen, früh verstorbenen Subalternbeamten war, man würde an seiner bürgerlichen Herkunft gezweifelt haben, denn sein Auftreten und seine Art zu leben waren so durch und durch aristokratisch, wie der Eindruck seiner Persönlichkeit. Wie Raven eigentlich der Günstling des damals allmächtigen Ministers geworden war, dem er seine spätere Laufbahn verdankte, das wußte Niemand. Vermuthlich hatte der Scharfblick des Ministers in dem jungen Manne eine ungewöhnliche Begabung entdeckt. Einige wollten auch wissen, daß noch andere geheime Beweggründe dabei mitgewirkt hätten; genug, er wurde urplötzlich zum Secretär Seiner Excellenz ernannt und hatte in dieser Eigenschaft nun freilich mehr Gelegenheit, seine Fähigkeiten zu entwickeln, als in der bisherigen untergeordneten Stellung. Der Secretär avancirte bald genug zum Vertrauten seines Chefs, der ihn bei jeder Gelegenheit bevorzugte und beförderte und ihm sogar seinen Familienkreis öffnete. Die unteren Stufen des Beamtenthums wurden rasch überwunden, und eines Tages wurden die vornehmen Kreise der Residenz mit der anfangs kaum geglaubten Nachricht überrascht, daß die älteste Tochter des Ministers sich dem jungen Ministerialrath verlobt habe. Allerdings erfolgte bald darauf dessen Erhebung in den Freiherrnstand, und damit war ihm die große Carrière geöffnet.

Der Schwiegersohn des einflußreichen Mannes fand überall die Bahn frei, aber es war nicht dies allein, was ihn so schwindelnd schnell emportrug. Seine in der That glänzende Begabung schien jetzt erst ihr eigentliches Feld gefunden zu haben und zeigte sich bald in einer Weise, die jede Begünstigung von anderer Seite überflüssig machte. Schon nach wenigen Jahren fand man die „Unbegreiflichkeit“ des Ministers, der, statt sich dieser Heirath zu widersetzen, sie begünstigt hatte, vollkommen begreiflich; er kannte seinen Schwiegersohn; er wußte, was von dessen Zukunft zu erwarten war, und seine Tochter spielte als Frau von Raven jedenfalls eine glänzendere Rolle, als ihre Schwester, die einen Baron von altem Adel, aber sehr unbedeutender Persönlichkeit geheirathet hatte.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 11, S. 175–178
Fortsetzungsroman – Teil 3


[175] Als der Freiherr auf den wichtigen und verantwortungsreichen Posten in R. berufen wurde, fand er dort sehr schwierige Verhältnisse vor. Der Sturm, der vor einigen Jahren das ganze Land erschütterte, hatte zwar ausgetobt, aber verschiedene Anzeichen verriethen, daß er nur zurückgedrängt, nicht bewältigt worden war. In der -schen Provinz besonders gährte es noch überall, und die Provinzialhauptstadt, das große und volkreiche R., stand an der Spitze der Opposition, die sich gegen die Regierung richtete. Verschiedene hohe Beamte, die rasch auf einander gefolgt waren, hatten es vergebens versucht, diesen Zuständen ein Ende zu machen; es fehlte ihnen entweder die nöthige Entschiedenheit oder die nöthige Vollmacht, und sie beschränkten sich auf Vermittelungen, welche die augenblicklichen Differenzen zwar beilegten, den Zwiespalt selbst aber in seiner vollen Schärfe bestehen ließen. Da wurde Raven zum Chef der Verwaltung ernannt, und Stadt und Provinz mußten es bald genug empfinden in wessen Hand die Zügel jetzt lagen. Der neue Gouverneur ging mit einer Energie, aber auch mit einer Rücksichtslosigkeit vor, die einen wahren Sturm gegen ihn entfesselte. Widerspruch, Proteste, Klagen bei der Regierung jagten einander förmlich, aber die letztere wußte zu gut, was sie an ihrem Vertreter hatte, um ihn nicht mit voller Macht zu stützen. Ein Anderer hätte wahrscheinlich die grenzenlose Unpopularität gescheut, die ihm aus diesem Vorgehen erwuchs, oder wäre den endlosen Widerwärtigkeiten und Schwierigkeiten gewichen, die man ihm in Folge dessen bereitete – Raven blieb auf seinem Posten. Er war ein Mann, der in jeder Lebenslage den Kampf eher aufsuchte, als daß er ihn mied, und seine im Grunde despotisch angelegte Natur fand gerade hier volle Gelegenheit zu ihrer Entfaltung. Er kümmerte sich nicht viel darum, ob seine Maßregeln in den gesetzlichen Schranken blieben, und setzte all den gegen ihn geschleuderten Vorwürfen von Willkür und Gewalt sein unerschütterliches „Es bleibt dabei!“ entgegen. Damit erzwang er denn auch in der That die Unterwerfung der widerstrebenden Elemente. Stadt und Provinz sahen endlich ein, daß sie den Kampf mit einem Manne nicht durchführen konnten der nicht ihre Rechte, sondern seine Macht zur Richtschnur seines Handelns nahm; zum offenen Widerstand war die Zeit nicht angethan. Die eben mit voller Macht hereinbrechende Reactionsperiode unterdrückte ihn im Keime, man fügte sich also, zwar grollend und widerwillig, aber man fügte sich doch, und der Gouverneur, dem seine Aufgabe so vorzüglich gelungen war, wurde mit Auszeichnungen überhäuft.

Seitdem waren Jahre vergangen; man hatte sich schließlich an das despotische Regiment des Freiherrn gewöhnt, und Dieser hatte sich die Achtung erzwungen, die einem energischen, consequenten Charakter nie versagt wird, selbst wo man ihn als Feind betrachtet. Ueberdies verdankte man ihm eine ganze Reihe von Verbesserungen und Reformen, denen selbst seine Gegner den Beifall nicht vorenthalten konnten. Der in politischer Hinsicht so viel gehaßte und angefeindete Mann wurde auf anderem Gebiete der Wohltäter der ihm anvertrauten Provinz, ihr unermüdlicher Vertreter, wo es galt, gemeinnützige Einrichtungen in’s Leben zu rufen oder durchzuführen. Seine mächtige Thatkraft, so verderblich auf der einen Seite, wirkte auf der andern entschieden segensreich. Er trat überall ein, wo es galt, die Industrie, den Landbau, den Wohlstand überhaupt zu heben, und knüpfte dadurch eine Menge von Interessen an seine Person, die in ihm ihren eifrigsten Förderer sahen und ihn mit der Zeit einen Anhang schufen, der fast so groß war, wie die Zahl seiner Gegner. Seine Verwaltung war ein Muster von Ordnung, Unbestechlichkeit und strenger Disciplin, und seine neue Schöpfungen, mit praktischem Scharfblick entworfen und mit fester Hand durchgeführt, blühten überall mächtig empor.

Der Gouverneur lebte auf großem Fuße, da ihm außer seinem Einkommen noch ein bedeutendes Vermögen zur Seite stand. Sein verstorbener Schwiegervater war sehr reich gewesen und nach dessen Tode fiel das Vermögen an seine beiden Töchter, Frau von Raven und die Baronin Harder. Die Ehe des Freiherrn war eines jener Convenienzverhältnisse, wie man sie oft in der großen Welt findet. Raven hatte sich bei seiner Wahl einzig und allein von der Berechnung leiten lassen, aber er vergaß es nicht, daß diese Verbindung ihm seine Laufbahn geöffnet, und seine Gemahlin hatte sich nie über einen Mangel an Artigkeit und Rücksicht von seiner Seite zu beklagen; die Neigung, welche so vollständig fehlte, vermißte sie nicht. Frau von Raven war eine geistig sehr untergeordnete Natur, die wohl überhaupt keine Neigung einflößen konnte; sie hatte dem Günstling ihres Vaters, von dem sie täglich hörte, daß ihm eine bedeutende Zukunft bevorstehe, ihre Hand nicht versagt, und da sich diese Vorhersagung erfüllte, so blieb ihr nichts zu wünschen übrig. Der Gemahl erfüllte freigebig all ihre Ansprüche an einen glänzenden Haushalt, prachtvolle Toilette und hohe Lebensstellung, also kam es auch niemals zu einer Differenz zwischen ihnen, und im Uebrigen lebten sie auf vornehmen Fuße, so getrennt und fremd wie nur

[176] möglich. Die in den Augen der Welt musterhafte, aber kinderlose Ehe hatte vor sieben Jahren mit dem Tode der Frau von Raven ihr Ende gefunden, und der Freiherr, dem laut Testament das ganze Vermögen zufiel, schritt zu keiner zweiten Vermählung. Der stolze, immer nur mit seinen ehrgeizigen Plänen beschäftigte Mann hatte niemals Empfänglichkeit für die Liebe und die Freuden der Häuslichkeit gehabt und hätte wahrscheinlich nie geheirathet, wäre die Heirath ihm nicht eine Staffel zum Emporsteigen gewesen. Da dieser Grund nun fortfiel, dachte er nicht daran, sich von Neuem zu fesseln, und jetzt, wo er am Ende der Vierzig stand, war ja überhaupt keine Rede mehr davon.

Es war am Morgen nach der Ankunft der Baronin Harder und ihrer Tochter, als die Erstere sich mit ihrem Schwager in dem kleinen Salon ihrer Wohnung befand. Die Baronin zeigte noch Spuren einstiger Schönheit, war aber bereits vollständig verblüht. Die Menge der aufgewendeten Toilettenkünste mochte vielleicht noch Abends beim Kerzenschein ihre trügerische Wirkung thun, das helle Tageslicht aber enthüllte die Wahrheit unbarmherzig dem Auge des Freiherrn, der ihr gegenüber saß.

„Ich kann Ihnen die Auseinandersetzung nicht ersparen, Mathilde,“ sagte er, „wenn ich auch begreife, wie peinlich sie Ihnen ist, aber einmal wenigstens muß die Sache zwischen uns erörtert werden. Auf Ihren Wunsch habe ich es unternommen, den Nachlaß des Barons zu ordnen, so weit sich das von hier aus thun ließ. Es war ein Chaos, das ich kaum mit Hülfe Ihres Rechtsanwaltes bewältigen konnte; jetzt endlich ist es geschehen. Ich habe Ihnen das Resultat bereits nach der Schweiz gemeldet.“

Die Baronin drückte ihr Taschentuch an die Augen. „Ein trostloses Resultat!“

„Aber kein unerwartetes! Es ist leider nicht möglich gewesen, Ihnen auch nur einen geringen Theil des Vermögens zu retten. Ich gab Ihnen den Rath, auf einige Zeit in’s Ausland zu gehen, denn es wäre für Sie doch zu demüthigend gewesen, den Verkauf Ihres Hotels und die Auflösung Ihres ganzen Haushaltes in der Residenz mit ansehen zu müssen. Ihre Entfernung ließ diesen Act der Nothwendigkeit mehr als freien Entschluß erscheinen, und ich habe dafür gesorgt, daß man in der Gesellschaft so wenig wie möglich von der Lage der Dinge erfuhr. Jedenfalls ist die Ehre des Namens gewahrt, den Sie und Gabriele tragen, und Sie brauchen nicht zu fürchten, daß er von einem der Gläubiger an den Pranger gestellt wird.“

„Ich weiß, welche große persönliche Opfer Sie gebracht haben,“ sagte Frau von Harder. „Mein Rechtsanwalt hat mir ausführlich geschrieben – Arno, ich danke Ihnen.“

Es war wohl eine Aufwallung wirklichen Gefühls, mit dem sie ihm die Hand hinstreckte, aber die abwehrende Bewegung des Freiherrn war so eisig, daß jede wärmere Empfindung davor erstarb.

„Ich that nur, was das Andenken meines Schwiegervaters mir zur Pflicht machte,“ entgegnete er. „Seine Tochter und seine Enkelin haben unter allen Umständen Anspruch auf meinen Schutz, und ihr Name mußte um jeden Preis rein gehalten werden. Diesen Rücksichten habe ich die Opfer gebracht, nicht Gefühlsregungen, zu denen ich keine Ursache hatte, denn Sie wissen, der verstorbene Baron und ich waren alles Andere, nur nicht Freunde.“

„Ich habe diese Entfremdung stets tief beklagt,“ versicherte die Baronin. „Mein Gatte suchte in den letzten Jahren vergebens eine Annäherung. Sie waren es, der sich völlig unzugänglich zeigte. Konnte er Ihnen einen höheren Beweis seiner Achtung, seines Vertrauens geben, als den, sein Theuerstes Ihren Händen anzuvertrauen? Er ernannte Sie auf seinem Sterbebette zum Vormunde Gabrielens.“

„Das heißt, nachdem er sich ruinirt hatte, überließ er die Sorge für Weib und Kind mir, den er im Leben bei jeder Gelegenheit angefeindet. Ich weiß, wie hoch ich diesen Beweis des Vertrauens zu schätzen habe.“

Die Baronin nahm wieder ihre Zuflucht zu dem Taschentuche. „Arno, Sie wissen nicht, wie grausam Ihre Worte sind. Haben Sie denn keine Schonung für die Gefühle einer schwergebeugten Wittwe?“

Statt aller Antwort glitt der Blick des Freiherrn langsam über das elegante graue Seidenkleid der Dame hin. Sie hatte pünktlich mit Ablauf des Wittwenjahres die Trauer abgelegt, da sie wußte, daß Schwarz sie sehr unvorteilhaft kleidete. Der unverkennbare Spott, der in dem Blicke ihres Schwagers lag, rief aber doch eine leichte Röthe des Aergers oder der Verlegenheit auf ihrem Antlitz hervor, als sie fortfuhr:

„Ich fange jetzt erst an nach der furchtbaren Katastrophe wieder aufzuathmen. Wenn Sie ahnten, welche Sorgen und Demüthigungen ihr vorangingen, welche Verluste von allen Seiten auf uns einstürmten – es war entsetzlich.“

Um die Lippen des Freiherrn zuckte es wie bitterer Sarkasmus. Er wußte sehr gut, daß die Verluste des Barons am Spieltisch entstanden waren und daß die Sorgen seiner Gemahlin darin bestanden, mit ihrer Toilette und ihren Equipagen alle übrigen Damen der Residenz zu verdunkeln. Die Baronin hatte bei dem Tode des Ministers das gleiche Vermögen empfangen, wie ihre Schwester; es war bis auf den letzten Rest verschwendet worden, während das der Frau von Raven sich noch unangetastet in den Händen ihres Gatten befand.

„Genug!“ sagte er abbrechend. „Lassen wir diesen unerquicklichen Gegenstand fallen! Ich habe Ihnen mein Haus angeboten und freue mich, daß Sie den Vorschlag annahmen. Seit dem Tode meiner Frau habe ich mich mit Freunden behelfen müssen, die wohl dem Haushalte vorstehen, aber doch nicht den Ansprüchen genügen konnten, die man an die Dame des Hauses stellt. Sie verstehen und lieben die Repräsentation, Mathilde, und ich habe gerade in dieser Beziehung viel vermißt. Unsere beiderseitigen Interessen begegnen sich also, und ich denke, wir werden mit einander zufrieden sein.“

Seine Worte klangen sehr kalt und gemessen. Freiherr von Raven schien durchaus nicht geneigt, in der Rolle eines Retters und Wohlthäters seiner Verwandten, der er in der That war, zu glänzen, er behandelte die Sache durchaus geschäftsmäßig.

„Ich werde mich bemühen, Ihren Wünschen nachzukommen,“ versicherte Frau von Harder, indem sie dem Beispiele ihres Schwagers folgte, der sich erhob und an das Fenster trat. Er richtete noch einige gleichgültige Fragen an sie, ob die Einrichtung, die Bedienung nach ihren Wünschen sei, ob sie irgend etwas vermisse, aber er hörte kaum auf den Schwall von Worten, mit denen die Dame beteuerte, daß sie alles entzückend finde seine Aufmerksamkeit war auf etwas ganz Anderes gerichtet.

Unmittelbar unter dem Fenster befand sich ein Gärtchen, das zur Wohnung des Castellans gehörte, dort promenirte Fräulein Gabriele, oder vielmehr, sie jagte sich mit den beiden Kindern des Castellans umher, denn diese Wendung hatte die Promenade schließlich genommen. Als die junge Dame dann den Morgenspaziergang unternahm, um sich mit den neuen Umgebungen vertraut zu machen, wie sie ihrer Mutter sagte, interessirte sie sich zunächst nur für einen gewissen Theil dieser Umgebungen. Sie wußte, daß Georg Winterfeld täglich das Regierungsgebäude betrat; es galt also die Möglichkeit einer öfteren Begegnung ausfindig zu machen, von der Georg behauptete, daß sie äußerst schwierig sei. Gabriele theilte diese Ansicht durchaus nicht, und ihre Recognoscirung war daher vorläufig nur auf die Entdeckung gerichtet, wo die Kanzlei des Freiherrn, in welcher der junge Beamte arbeitete, denn eigentlich liege. Dabei kamen ihr aber der kleine siebenjährige Knabe des Castellans und dessen Schwesterchen in den Weg, mit denen sie sofort Bekanntschaft machte. Die lebhaften, munteren Kinder erwiderten die Freundlichkeit der jungen Dame mit großer Zutraulichkeit, und bei der letzteren drängte die neue Bekanntschaft bald jeden Gedanken an ihren Entdeckungszug, und leider auch an den, dem er galt, in den Hintergrund. Sie ließ sich von den Kleinen in das Gärtchen ziehen, das hinter der Castellanswohnung, getrennt vom eigentlichen Schloßgarten, lag, sie bewunderte mit den Kindern die Gesträuche und Blumenbeete und wurde immer vertrauter mit ihnen; nach kaum einer Viertelstunde war bereits ein mit dem nöthigen Lärm versehenes Spiel im Gange, bei dem Fräulein Gabriele genau ebenso viel leistete, wie ihre kleinen Spielgefährten. Sie sprang ihnen nach über die Beete und neckte sie auf alle nur mögliche Weise. So unpassend das nun auch für ein siebenzehnjähriges Fräulein und für die Nichte des Gouverneurs sein mochte, so reizend war der Anblick für einen unbefangenen Beobachter. Jede Bewegung des jungen [177] Mädchens war von einer unbewußten, natürlichen Grazie; die schlanke Gestalt in dem weißen Morgenkleide gaukelte wie ein Lichtstrahl zwischen den dunklen Bäumen auf und nieder. Die eine der schweren, blonden Flechten hatte sich bei dem übermüthigen Spiel gelöst und sank in ihrer ganzen reichen Fülle über die Schulter, während das frohe Lachen und der Jubel der Kinder bis hinauf zu den Fenstern des Schlosses drang.

Die dort stehende Baronin entsetzte sich freilich über diese Formlosigkeit, und das um so mehr, als sie sah, daß der Freiherr die Scene dort unten unverwandt beobachtete. Was mußte der stolze, etiquettenstrenge Raven von der Erziehung einer jungen Dame denken, die sich vor seinen Augen solche Freiheiten herausnahm! Die Baronin fürchtete jeden Augenblick eine der gewohnten scharfen Aeußerungen ihres Schwagers vernehmen zu müssen und bemühte sich, den üblen Eindruck so viel wie möglich zu verwischen.

„Gabriele ist bisweilen noch unglaublich kindisch,“ klagte sie. „Es ist ganz unmöglich, ihr begreiflich zu machen, daß sich dergleichen Kindereien für eine junge Dame ihres Alters nicht schicken. Ich fürchte beinahe ihren Eintritt in die Gesellschaft, der durch den Tod des Vaters noch um ein Jahr hinausgeschoben wurde. Sie ist im Stande, dergleichen Zwanglosigkeiten auch auf das Salonleben zu übertragen.“

„Lassen Sie doch dem Kinde seine Unbefangenheit!“ sagte der Freiherr, ohne den Blick von der Gruppe abzuwenden. „Sie wird noch früh genug lernen, Weltdame zu sein; jetzt wäre es wirklich schade darum – das Mädchen ist ja der verkörperte Sonnenstrahl.“

Die Baronin horchte auf. Es war das erste Mal, daß sie einen wärmeren Ton von den Lippen ihres Schwagers hörte und in seinem Auge etwas Anderes sah, als eisige Zurückhaltung. Er fand offenbar Wohlgefallen an dem Uebermuthe Gabrielens, und die lange Frau beschloß, das sofort zu benutzen, um über einen Punkt in’s Klare zu kommen, der ihr sehr am Herzen lag.

„Mein armes Kind!“ seufzte sie mit gut gespielter Rührung. „Es eilt noch so sorglos durch das Leben und ahnt nicht, welche ernste, vielleicht traurige Zukunft ihm aufbehalten ist. Ein armes Fräulein! Das ist ein bitteres Loos, doppelt bitter, wenn man, wie Gabriele, mit Hoffnungen und Ansprüchen an das Leben erzogen ist. Sie wird es bald genug empfinden lernen.“

Das Manöver glückte wider alles Erwarten. Der sonst so unzugängliche Raven schien augenblicklich in ungewöhnlich nachgiebiger Stimmung zu sein, denn er wandte sich um und sagte rasch und bestimmt:

„Was sprechen Sie denn von einer traurigen Zukunft, Mathilde? Sie wissen ja, daß ich kinderlos und ohne eigene Verwandte bin. Gabriele ist meine Erbin, und da kann von Armuth füglich nicht die Rede sein.“

Ein Blitz des Triumphes leuchtete in den Augen der Baronin, als sie endlich die so lang ersehnte Gewißheit erhielt.

„Sie haben sich bisher noch nie über diesen Punkt ausgesprochen,“ bemerkte sie, mühsam ihre Freude verbergend, „und ich wagte ihn begreiflicher Weise nicht zu berühren. Die ganze Sache lag mir überhaupt so fern – “

„Sollten Sie wirklich noch niemals den Fall meines Todes und mein Testament in den Kreis Ihrer Erwägungen gezogen haben?“ unterbrach sie der Freiherr – er ließ seinen vorhin unterdrückten Sarkasmus jetzt vollständig den Zügel schießen.

„Aber, bester Schwager, wie können Sie so etwas nur glauben!“ rief die Dame mit beleidigter Miene.

Er beachtete den Empörungsschrei nicht im Geringsten, sondern fuhr ruhig fort:

„Hoffentlich haben Sie nicht mit Gabriele darüber gesprochen“ – er wußte nicht, daß dies beinahe täglich geschah – „ich wünsche nicht, daß ihr jetzt schon gelehrt wird, sich als reiche Erbin zu betrachten, und noch weniger wünsche ich, daß das siebenzehnjährige Mädchen mein Testament und mein Vermögen zum Gegenstand von Berechnungen macht, die ich von – anderer Seite sehr natürlich finde.“

Die Baronin stieß einen Seufzer aus. „Immer und ewig finde ich bei Ihnen Mißdeutungen. Sie verdächtigen sogar die Regungen der Mutterliebe, die ohne eigenen Wunsch nur für die Zukunft ihres einzigen Kindes bangt.“

„Durchaus nicht,“ sagte Raven ungeduldig und offenbar gelangweilt von dem Gespräche. „Sie hören ja, daß ich diese Regungen für sehr natürlich halte, und deshalb wiederhole ich Ihnen meine Zusicherung. Da das gesammte Vermögen von meinem Schwiegervater stammt, so soll es auch dereinst an seine Enkelin fallen. Wenn sich Gabriele, wie es wahrscheinlich ist, noch bei meinen Lebzeiten vermählt, so werde ich für die Mitgift Sorge tragen; nach meinem Tode – sie ist, wie gesagt, meine alleinige Erbin.“

Der Nachdruck, mit dem er das Wort hervorhob, zeigte der Baronin, daß sie für ihre Person nichts zu hoffen habe; indessen war mit der Zukunft der Tochter ja auch die ihrige gesichert und damit ihr Hauptzweck erreicht. Die kaum durch äußere Höflichkeitsformen verschleierte Verachtung, mit welcher der Freiherr sie behandelte und die der feine Instinct Gabrielens sogleich beim ersten Empfange herausgefunden, wurde von der Mutter entweder nicht gefühlt oder nicht beachtet. Sie war sich bewußt, ihrem Schwager ebensowenig Sympathie entgegen zu bringen, wie er ihr, und sie beugte sich nur der Nothwendigkeit, wenn sie seine Schroffheit mit der äußersten Liebenswürdigkeit vergalt, aber die Aussicht, an der Spitze eines so glänzenden Haushaltes zu stehen, wie der Gouverneur ihn führte, als seine Verwandte hier in R. die erste Rolle zu spielen und in allen Cirkeln den Vortritt zu haben, söhnte sie einigermaßen mit dieser Nothwendigkeit aus.

Als Raven einige Minuten später durch das Vorzimmer schritt, dessen Fenster nach derselben Seite hin lagen, hielt er noch einen Augenblick inne und warf einen flüchtigen Blick hinab.

„Daß das Kind auch solchen Eltern und solcher Erziehung anheimfallen mußte! sagte er halblaut. Wie lange wird es dauern, so ist Gabriele eine Kokette, wie ihre Mutter, die nichts weiter kennt, als Toilette, Intriguen und Salonklatschereien – schade um das Kind!“

Die Regierungskanzlei, nach welcher der Gouverneur sich jetzt begab, lag, wie schon erwähnt, im unteren Stockwerke des Schlosses. Er pflegte die meisten Sachen zwar in seinem eigenen Arbeitszimmer zu erledigen, betrat aber sehr oft die Kanzlei und die übrigen Verwaltungsbureaux. Die dort arbeitenden Beamten waren nie sicher vor dem stets plötzlichen und unerwartete Erscheinen ihres Chefs, dessen scharfen Augen nie die geringste Unregelmäßigkeit entging. Wer sich auf einer solchen betreffen ließ, mußte, gleichviel, ob seine Stellung hervorragend oder untergeordnet war, die schärfste Zurechtweisung von Seiten des Chefs hinnehmen, der Alles so viel wie möglich persönlich leitete und die eiserne Disciplin, welche seine Verwaltung auszeichnete, auch auf seine Bureaux übertrug.

Die Bureaustunden hatten längst begonnen, und die Beamten waren sämmtlich auf ihren Plätzen, als der Freiherr eintrat und mit leichtem Grüßen durch die Räume schritt. Einzelne der Abtheilungen überflog er nur mit einem kurzen, prüfenden Blicke; bei anderen blieb er stehen, warf hier eine Frage, dort eine Bemerkung hin und ließ sich hin und wieder ein Schriftstück reichen. Sein Verkehr mit den Untergebenen war gemessen, aber höflich, und doch sah man es den Gesichtern der Herren an, wie sehr sie das Stirnrunzeln des Chefs fürchteten. Als dieser das letzte Zimmer betrat, erhob sich ein älterer Herr, der dort allein arbeitete, ehrfurchtsvoll von seinem Pulte.

Es war eine lange, hagere Gestalt mit steifer Haltung und einem faltenreichen, sehr würdevollen Gesichte. Das graue Haar war mit größter Sorgfalt geordnet, und dieselbe peinliche Sorgfalt verrieth sich auch in dem feinem schwarzen Anzuge, der nicht das geringste Fältchen oder Stäubchen zeigte, während eine hohe weiße Halsbinde von ganz ungewöhnlichen Dimensionen ihrem Träger etwas ungemein Feierliches gab.

„Guten Morgen, lieber Hofrath!“ sagte der Freiherr mit mehr Freundlichkeit, als sonst in seiner Art lag, während er zugleich mit einer Handbewegung den Genannten aufforderte, ihn in das seitwärts liegende Cabinet zu folgen, wo er gewöhnlich die einzelnen Beamten empfing. „Ich bin froh, daß Sie wieder zurück sind; ich habe Sie in den wenigen Tagen Ihrer Abwesenheit recht vermißt.“

Hofrath Moser, der Chef der Bureauverwaltung, nahm mit sichtlicher Genugthuung dieses Zeugniß seiner Unentbehrlichkeit hin.

[178] „Ich habe die Rückkehr so viel wie möglich beeilt,“ entgegnete er. „Excellenz wissen ja, daß ich den Urlaub nur erbat, um meine Tochter aus dem Kloster abzuholen. Ich hatte bereits die Ehre, sie vorzustellen, als wir Excellenz gestern in der Gallerie begegneten.“

„Mir scheint, Sie haben das junge Mädchen zu lange in der geistlichen Obhut gelassen,“ warf Raven hin, „sie macht ja jetzt schon den Eindruck einer Nonne. Ich fürchte, die Klostererziehung hat sie vollständig verdorben.“

Der Hofrath zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte mit dem Ausdrucke starren Entsetzens seinen Chef an. „Wie meinen Excellenz?“

„Ich meine, für die Welt verdorben,“ verbesserte der Freiherr, auf dessen Lippen ein kaum bemerkbares Spottlächeln erschien, als er dieses Entsetzen gewahrte.

„Ah so! Ja freilich, da haben Excellenz Recht –“ der Hofrath ließ nie eine Gelegenheit vorbei, den Titel seines Chefs zu nennen, und wenn er ihn dreimal in einem Satze hätte wiederholen sollen. „Aber der Sinn meiner Agnes war von jeher dem Weltlichen abgewendet, und in Kurzem wird sie sich vollständig davon lossagen. Sie hat sich entschlossen, den Schleier zu nehmen.“

Der Freiherr hatte einige Papiere zur Hand genommen und durchflog dieselben, während er zugleich ruhig das Gespräch mit dem Beamten fortsetzte, der sich allein von allen übrigen einer größern Vertraulichkeit bei ihm zu erfreuen schien.

„Nun, das ist gerade nicht überraschend, bemerkte er. Wenn man ein junges Mädchen vom vierzehnten bis zum siebenzehnten Jahre im Kloster läßt, muß man auf solche Entschlüsse gefaßt sein. Sind Sie denn damit einverstanden?“

„Es wird mir schwer, mein einziges Kind für immer zu entbehren,“ sagte der Hofrath feierlich, „aber fern sei es von mir, einer so heiligen Bestimmung hindernd in den Weg zu treten. Ich habe eingewilligt, meine Tochter wird noch auf einige Monate in mein Haus und in die Welt zurückkehren, um dann ihr Noviziat in dem Kloster anzutreten, wo sie bisher Pensionärin gewesen ist. Die hochwürdigste Frau Aebtissin wünscht, daß auch der geringste Schein des Zwanges vermieden wird.“

„Die Frau Aebtissin wird ihres Zöglings wohl sicher sein,“ meinte der Freiherr, mit einer Ironie, die seinem Zuhörer zum Glück entging. „Wenn es übrigens der eigene Wunsch und Wille des jungen Mädchens ist, so läßt sich nichts dagegen einwenden. Ich bedauere nur Sie, der Sie in der Tochter eine Stütze Ihres Alters zu finden hofften und sie nun den Nonnen abtreten müssen.“

„Dem Himmel!“ berichtigte der alte Herr mit einem frommen Aufblick, „und davor müssen die Rechte des Vaters natürlich zurücktreten.“

„Natürlich! – Und jetzt zu den Geschäften! Liegt irgend etwas von Bedeutung vor?“

„Die Meldung des Polizeidirectors –“

„Ich weiß. Man erhebt in der Stadt unglaublichen Lärm über die neuen Maßregeln. Man wird sich fügen. Was giebt es noch?“

„Den bereits besprochenen ausführlichen Bericht an das Ministerium. Wen bestimmen Excellenz dazu?“

Raven dachte einen Augenblick nach. „Den Assessor Winterfeld.“

„Assessor Winterfeld?“ wiederholte der Hofrath in sehr gedehntem Tone.

„Ja, ich wünsche ihm Gelegenheit zu geben, sich auszuzeichnen oder doch wenigstens bemerkbar zu machen. Er ist trotz seiner Jugend einer der fähigsten und tüchtigsten Beamten.“

„Aber nicht loyal, Excellenz, durchaus nicht loyal genug! Er hat eine ausgesprochen liberale Richtung und neigt sich der Opposition zu, die jetzt –“

„Das thun die jüngeren Beamten alle,“ fiel der Freiherr ein. „Die Herren sind sämmtlich Weltverbesserer und halten es für charaktervoll, hin und wieder zu opponiren, aber das giebt sich mit der Beförderung. Schon mit dem Rath pflegt es gewöhnlich aufzuhören, und Assessor Winterfeld wird darin keine Ausnahme sein.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 12, S. 191–196
Fortsetzungsroman – Teil 4


[191] Der Hofrath schüttelte bedenklich den Kopf. „Was seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit betrifft, so theile ich vollkommen die schmeichelhafte Meinung Euer Excellenz über ihn, aber es sind mir Dinge über den Assessor zu Ohren gekommen – Dinge, die von der höchsten Illoyalität zeugen. Es steht leider fest, daß er bei Gelegenheit seines jüngsten Urlaubs in der Schweiz die verdächtigsten Beziehungen angeknüpft und den intimsten Umgang mit allerlei Demagogen und Revolutionären gehabt hat.“

„Daran glaube ich nicht,“ sagte der Freiherr mit Entschiedenheit. „Winterfeld ist nicht der Mann, der seine Zukunft so nutzlos und zwecklos auf’s Spiel setzt: er ist überhaupt keine extravagante Natur, für die solche Versuchungen gefährlich werden könnten. Die Sache hängt vermuthlich anders zusammen; ich werde sie untersuchen. Hinsichtlich des Berichtes bleibt es bei meiner Bestimmung. Bitte, rufen Sie den Assessor zu mir!“

Der Hofrath ging, und wenige Minuten später trat Georg Winterfeld ein. Der junge Beamte wußte, daß ihm mit dem Auftrage, den er jetzt empfing, eine Auszeichnung vor seinen Collegen zu Theil wurde, aber diese offenbare Bevorzugung schien ihn eher zu drücken, als zu erfreuen. Er nahm mit ruhiger Aufmerksamkeit die Weisungen seines Chefs hin. Die kurzen, fachlichen Andeutungen desselben fanden bei ihm das vollste Verständniß, einzelne Winke, die er zu geben für nöthig fand, die schnellste Auffassung, und die wenigen, aber treffenden Bemerkungen des jungen Mannes zeigten, wie vollständig er mit der ihm

[192] übertragenen Sache vertraut war. Raven hatte zu oft mit der Schwerfälligkeit und Unfähigkeit seiner Beamten zu kämpfen, um nicht die Annehmlichkeit zu empfinden, in wenigen Worten verstanden zu werden, wo er sich sonst zu ausführlichen Auseinandersetzungen herbeilassen mußte; er war sichtlich zufrieden. Die Angelegenheit war in verhältnißmäßig kurzer Zeit erledigt, und Georg, der bereits ein Papier mit verschiedenen Notizen seines Chefs in der Hand hielt, wartete auf ein Zeichen der Entlassung.

„Noch Eins!“ sagte der Freiherr, ohne den ruhigen Geschäftston zu ändern, in welchem er bisher gesprochen. „Sie haben den Urlaub, den Sie vor einigen Wochen nahmen, in der Schweiz zugebracht?“

„Ja, Excellenz.“

„Man behauptet, Sie hätten dort gewisse Verbindungen aufgesucht oder doch wenigstens angeknüpft, die mit Ihrer Stellung als Beamter unvereinbar sind. Was ist an der Sache?“

Der Blick des Freiherrn ruhte mit seiner ganzen, von den Untergebenen so sehr gefürchteten Schärfe auf dem jungen Beamten, aber dieser zeigte weder Bestürzung noch Verlegenheit.

„Ich habe einen Universitätsfreund in Z. aufgesucht,“ erwiderte er ruhig, „und bin auf dessen wiederholte, herzliche Einladung im Hause seines Vaters geblieben, der allerdings politischer Flüchtling ist.“

Raven runzelte die Stirn. „Das war eine Unvorsichtigkeit, die ich bei Ihnen am wenigsten vorausgesetzt hätte. Sie mußten sich sagen, daß ein solcher Besuch nothwendig bemerkt und verdächtigt werden mußte.“

„Es war ein Freundschaftsbesuch, nichts weiter. Ich kann mein Wort darauf geben, daß er auch nicht die entfernteste politische Beziehung hatte; es handelte sich um reine Privatverhältnisse.“

„Gleichviel, Sie haben Rücksicht auf Ihre Stellung zu nehmen. Die Freundschaft mit dem Sohne eines politisch Compromittirten könnte allenfalls noch als unverfänglich gelten, wenn sie Ihnen auch schwerlich als Empfehlung für Ihre Carrière dienen dürfte, den Verkehr mit dem Vater aber und den Aufenthalt in seinem Hause mußten Sie unter allen Umständen vermeiden. – Wie ist der Name jenes Mannes?“

„Doctor Rudolf Brunnow.“ Der Name kam fest und klar von den Lippen Georg’s, und jetzt war er es, der das Antlitz seines Chefs unverwandt beobachtete. Er sah, wie etwas darin aufzuckte, unheimlich und gewaltsam, wie eine jähe Blässe die ehernen Züge überflog und die Lippen sich fest auf einander preßten, aber das alles kam und ging mit Blitzesschnelle. Schon in der nächsten Minute siegte die Selbstbeherrschung des Mannes, der gewohnt war, seiner Umgebung stets ein unbewegtes Gesicht zu zeigen und für sie undurchdringlich zu sein.

„Rudolf Brunnow – so?“ wiederholte er langsam.

„Ich weiß nicht, ob Excellenz den Namen kennen?“ wagte Georg zu fragen, aber er bereute sofort seine Uebereilung. Die Augen des Freiherrn begegneten den seinigen, oder vielmehr, wie Gabriele zu sagen pflegte, sie bohrten sich so tief ein, als wollten sie die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen. Es lag ein finsteres, drohendes Forschen in diesem Blicke, welcher den jungen Mann warnte, auch nur einen einzigen Schritt weiter zu gehen; er hatte das Gefühl, als stände er an einem Abgrunde.

„Sie sind mit dem Sohne des Doctor Brunnow eng befreundet?“ begann der Freiherr nach einer secundenlangen Pause, ohne die letzte Frage zu beachten, „also auch wohl mit dem Vater?“

„Ich habe ihn erst jetzt kennen gelernt und in ihm einen trotz mancher Schroffheit und Bitterkeit doch durchaus verehrungswürdigen Charakter gefunden, dem meine volle Sympathie gehört.“

„Sie thäten besser, das nicht so offen auszusprechen,“ sagte Raven in eisigem Tone. „Sie sind Beamter eines Staates, der über solche Persönlichkeiten ein für alle Mal den Stab gebrochen hat und sie noch jetzt unnachsichtlich verdammt. Sie können und dürfen nicht in vertraulicher Weise mit denen verkehren, die sich offen zu seinen Feinden bekennen. Ihre Stellung legt Ihnen Pflichten auf, vor denen derartige Freundschafts- und Gefühlsregungen zurücktreten müssen. Merken Sie sich das, Herr Assessor!“

Georg schwieg; er verstand die Drohung, die sich hinter dieser eisigen Ruhe barg; sie galt nicht dem Beamten, sondern dem Mitwisser einer Vergangenheit, die Freiherr von Raven wahrscheinlich längst begraben und vergessen wähnte und die sich jetzt so urplötzlich vor seinen Augen erhob. Jedenfalls vermochte die Erinnerung daran den Freiherrn nicht länger als einen Augenblick zu erschüttern, und als er sich jetzt erhob und entlassend mit der Hand winkte, lag wieder der alte unnahbare Stolz in seiner Haltung.

„Sie sind jetzt gewarnt. Was bisher vorgefallen ist, mag als eine Uebereilung gelten; was Sie in Zukunft thun, geschieht auf Ihre Gefahr.“ –

Georg verbeugte sich schweigend und verließ das Gemach. Er fühlte wieder, wie so oft schon, daß Doctor Brunnow Recht gehabt, als er ihn vor der dämonischen Macht des einstigen Freundes warnte. Der junge Mann mit seinem hohen Ehrgefühl und seinen reinen Grundsätzen hatte sich nach jener inhaltschweren Eröffnung berechtigt geglaubt, den Verräther seiner Freunde und seiner Ueberzeugung aus tiefster Seele zu verachten, aber das wollte ihm nicht mehr gelingen, seit er wieder in den Bannkreis jener mächtigen Persönlichkeit getreten war. Die Verachtung wollte nicht Stand halten vor jenen Augen; die so gebieterisch Gehorsam und Ehrfurcht heischten; sie schien abzugleiten an dem Manne, der das schuldige Haupt so hoch und stolz trug, als erkenne er überhaupt keinen Richter über sich. So wenig sich Georg von der hohen Stellung und dem herrischen Wesen seines Vorgesetzten imponiren ließ, so wenig vermochte er sich dessen geistiger Ueberlegenheit zu entziehen. Und doch wußte er, daß ihm früher oder später ein erbitterter Kampf mit dem Freiherrn bevorstand, der mit der Entscheidung über die Zukunft Gabrielens auch sein Lebensglück in der Hand hielt. Auf die Dauer konnte das Geheimniß ja doch nicht bewahrt bleiben – und was dann? Vor den Augen des jungen Mannes tauchte das Bild der Geliebten auf, die seit gestern mit ihm unter demselben Dache weilte, ohne daß es ihm möglich gewesen war, sie auch nur zu sehen, und daneben das eiserne, unerbittliche Antlitz dessen, den er soeben verlassen – er ahnte erst jetzt, wie schwer der Kampf war, mit dem er sich seine Liebe und sein Glück erobern mußte.




Einige Wochen waren vergangen. Die Baronin Harder und ihre Tochter hatten die nöthigen Besuche zur Anknüpfung des gesellschaftlichen Verkehrs gemacht und empfangen, und Erstere bemerkte mit Befriedigung die große Rücksicht und Aufmerksamkeit, die man ihr um des Gouverneurs willen überall erwies. Noch mehr befriedigte sie die Entdeckung, daß ihr Schwager in der That nichts weiter von ihr verlangte, als die Repräsentation seines Hauses; es wurden ihr keinerlei lästige und unbequeme Pflichten zugemuthet, wie sie im Anfange gefürchtet. Die Sorge und Verantwortlichkeit für das große, streng geregelte Hauswesen lag nach wie vor in den Händen eines alten Haushofmeisters, der schon seit langen Jahren dieses Amt verwaltete und Alles ordnete und leitete, während er nur seinem Herrn selbst Rechenschaft darüber ablegte. Der Freiherr mochte zu tiefe Einblicke in den Residenzhaushalt seiner Schwägerin gethan haben, um ihr in dieser Hinsicht irgend eine Selbstständigkeit zu gestatten. Sie vertrat der Gesellschaft gegenüber die Dame des Hauses, war aber eigentlich nur Gast in demselben. Eine andere Frau hätte die Stellung, in die sie dadurch gedrängt wurde, als eine Demüthigung empfunden, der Baronin aber lag eigentliche Herrschsucht ebenso fern, wie der Begriff von Pflichten; sie war viel zu oberflächlich, um beides zu kennen. Ihre Lage gestaltete sich weit angenehmer, als sie nach der Katastrophe, die dem Tode des Barons folgte, hoffen durfte; sie lebte mit ihrer Tochter in glänzenden Umgebungen; der Freiherr hatte ihr eine ziemlich bedeutende Summe für ihre persönlichen Ausgaben zugesichert; Gabriele war seine anerkannte Erbin – da ließ sich schon der Zwang ertragen, den das Zusammenleben nun einmal unvermeidlich mit sich brachte.

Auch Gabriele hatte sich schnell mit der neuen Umgebung vertraut gemacht. Der vornehme, großartige Zuschnitt des [193] Raven’schen Hauses, die peinliche Pünktlichkeit und die strengen Formen, welche überall vorherrschten, die unbedingte Ehrfurcht der Dienerschaft, für die jeder Wink des Herrn ein Befehl war, das alles imponirte der jungen Dame ebenso sehr, wie es sie befremdete. Es stand im schärfsten Gegensatze zu dem elterlichen Haushalte in der Residenz, wo neben dem größten Glanze auch die größte Unordnung herrschte, wo die Diener sich Unzuverlässigkeiten und Respectwidrigkeiten aller Art erlaubten und das Familienleben in der Jagd nach Zerstreuungen unterging. Dazu kamen später, als die Schuldenlast sich häufte und die Verlegenheiten dringender wurden, die heftigsten und unzartesten Scenen zwischen dem Baron und seiner Gemahlin, wo jeder dem Andern Verschwendung vorwarf, ohne daß dieser jemals gesteuert werde. Die halberwachsene Tochter war nur zu oft Zeuge solcher Scenen gewesen; gleichzeitig verzogen und vernachlässigt von den Eltern, die gern mit dem hübschen Kinde Staat machten, sich aber sonst so gut wie gar nicht um dasselbe kümmerten, fehlte ihr jede ernstere Lebensrichtung. Selbst die Ereignisse des letzten Jahres, der Tod des Vaters und die bald darauf hereinbrechende Vermögenskatastrophe, waren fast spurlos an dem jungen Mädchen vorübergegangen, das in seinem sorglosen Leichtsinn gar keine Empfänglichkeit für den Schmerz hatte. Aber so viel Urtheilskraft besaß Gabriele doch, zu sehen, daß es in dem Hause des „Emporkömmlings“ sehr viel vornehmer und aristokratischer zuging, als in dem ihrer Eltern, und sie ärgerte die Mutter oft genug mit Bemerkungen über diesen Punkt. –

Die Baronin saß auf dem kleinen Sopha ihres Wohnzimmers und blätterte in den Modejournalen. In den nächsten Tagen sollte eine größere Festlichkeit bei dem Gouverneur stattfinden; die höchst wichtige Toilettenfrage harrte also der Entscheidung, und Mutter und Tochter gaben sich mit dem größten Eifer dem für sie so interessanten Studium hin.

„Mama,“ sagte Gabriele, die neben der Mutter saß und gleichfalls einige der Modeblätter in der Hand hielt, „Onkel Arno erklärte gestern diese großen Gesellschaften für eine lästige Pflicht, die seine Stellung ihm auferlege. Er findet nicht das mindeste Vergnügen daran.“

Die Baronin zuckte die Achseln. „Er findet an nichts Vergnügen, als an der Arbeit. Ich habe nie einen Mann gesehen, der sich so wenig Ruhe und Erholung gönnt, wie mein Schwager.“

„Ruhe?“ wiederholte Gabriele. „Als ob er die Ruhe überhaupt kennte oder auch nur ertrüge! In den frühesten Morgenstunden sitzt er schon an seinem Schreibtisch, und Abends sehe ich oft noch um Mitternacht Licht in seinem Arbeitszimmer. Bald ist er in der Kanzlei, bald in den Bureaus; dann wieder fährt er aus, nimmt Besichtigungen vor und inspicirt Gott weiß was für Dinge; dazwischen empfängt er alle möglichen Leute, hört Vorträge an, giebt Befehle – ich glaube, er allein leistet so viel, wie all seine übrigen Beamten zusammengenommen.“

„Ja, er war stets eine rastlose Natur,“ bestätigte die Baronin. „Meine Schwester erklärte oft, es mache sie schon nervös, an diese unausgesetzte, ruhelose Thätigkeit ihres Mannes auch nur zu denken.“

Gabriele stützte den Kopf in die Hand und sah nachdenkend vor sich hin. „Mama,“ begann sie plötzlich wieder, „die Ehe Deiner Schwester muß recht langweilig gewesen sein.“

„Langweilig? Wie kommst Du darauf?“

„Nun, ich meine nur: nach allem, was man hier im Schlosse davon hört. Die Tante bewohnte den rechten Flügel und der Onkel den linken; er kam oft wochenlang nicht in ihre Zimmer und sie niemals in die seinigen; ich glaube, sie speisten nicht einmal zusammen. Jedes hatte seine eigene Equipage und Dienerschaft. Jedes ging und fuhr auf eigene Hand aus, ohne nach dem Andern auch nur zu fragen – es muß ein ganz seltsames Leben gewesen sein.“

„Du bist im Irrthum,“ entgegnete die Mutter, für welche diese Art zu leben offenbar gar nichts Abschreckendes hatte. „Es war eine durchaus glückliche Ehe. Meine Schwester hatte sich nie über ihren Gemahl zu beklagen, der jeden ihrer Wünsche erfüllte. Die Glückliche hat niemals die Bitterkeiten und Scenen kennen gelernt, die ich in den letzten Jahren nur allzu oft ertragen mußte.“

„Ja, Du hast Dich freilich sehr oft mit dem Papa gezankt,“ sagte Gabriele naiv. „Onkel Arno hat das sicher nie gethan, aber er hat sich auch nie um seine Frau gekümmert. Und er kümmert sich doch sonst um alles Mögliche, sogar um meine frühere Erziehung. Es war sehr unartig von ihm, neulich in Deiner Gegenwart zu sagen, er finde meine Bildung sehr lückenhaft und vernachlässigt, und man sähe es auf den ersten Blick, daß ich stets nur den Nonnen und Gouvernanten überlassen worden sei.“

„Ich bin leider an solche Rücksichtslosigkeiten von seiner Seite gewöhnt,“ erklärte die Baronin mit einem Seufzer, der sie aber durchaus nicht hinderte, das Modell einer Robe sehr genau zu betrachten. „Daß ich sie ertrage, ist ein Opfer, das ich einzig und allein Deiner Zukunft bringe, mein Kind.“

Die Tochter schien nicht besonders gerührt von dieser mütterlichen Fürsorge. „Wie ein kleines Schulmädchen bin ich examinirt worden,“ schmollte sie weiter. „Er hat mich mit seinen Kreuz- und Querfragen so in die Enge getrieben, daß ich nicht mehr aus noch ein wußte, und dann zuckte er die Achseln und decretirte mir noch alle möglichen Unterrichtsstunden. Mit siebenzehn Jahren noch Unterricht nehmen! Er will mir Lehrer aus der Stadt kommen lassen, aber ich werde ihm gerade heraus erklären, daß das ganz und gar nicht nothwendig ist.“

Die Mutter sah erschrocken von ihren Modejournalen auf. „Um des Himmels willen, laß das bleiben! Du stehst ja schon in fortwährender Opposition gegen Deinen Vormund, und ich schwebe oft genug in Todesangst, daß Dein Eigensinn und Uebermuth ihn endlich einmal reizen wird. Bis jetzt hat er Dein Benehmen freilich mit einer mir unbegreiflichen Geduld hingenommen, er, der sonst nie einen Widerspruch duldet.“

„Ich sähe es weit lieber, wenn er einmal zornig würde,“ rief Gabriele in gereiztem Tone. „Ich ertrage es nicht, wenn er so von seiner Höhe auf mich herablächelt, als wäre ich ein viel zu unbedeutendes Kind, um ihn reizen oder ärgern zu können, und er lächelt immer, wenn ich das versuche. Und wenn er mir vollends die Gnade erweist, mich auf die Stirn zu küssen, möchte ich am liebsten davonlaufen.“

„Gabriele, ich bitte Dich –“

„Ja, Mama, ich kann mir nicht helfen. So oft ich in Onkel Arno’s Nähe komme, ist es mir, als müsse ich mich wehren, mit allen Kräften wehren, gegen irgend etwas, das von ihm ausgeht. Ich weiß nicht, was es ist, aber es peinigt und quält mich. Ich kann mit ihm nicht verkehren wie mit anderen Menschen, und – ich will es auch nicht.“

Es klang ein ganz entschiedener Trotz aus den letzten Worten der jungen Dame; sie nahm Hut und Sonnenschirm vom Tische und machte sich zum Gehen fertig.

„Wo willst Du denn hin?“ fragte die Mutter.

„Nur auf eine halbe Stunde in den Garten; es ist zu heiß in den Zimmern.“

Die Baronin protestirte und wollte vor allen Dingen die Toilettenfrage entschieden wissen, aber Gabriele schien heute alles Interesse daran verloren zu haben und war überhaupt viel zu sehr gewohnt, ihren Launen zu folgen, um den Einwand zu beachten. In der nächsten Minute eilte sie davon. –

Der Garten lag an der Rückseite des Schlosses, dessen Mauern ihn auf der einen Seite begrenzten, während er sich auf der anderen bis an den Rand des hier steil abfallenden Schloßberges erstreckte. Die hohe Befestigungsmauer, welche ihn einst auch nach dieser Richtung hin abschloß, war niedergelegt worden, und über diese niedrige Brüstung, die ein dichtes Epheugeflecht umzogen hielt, schweifte der Blick ungehindert in’s Freie. Das Thal that sich dort in seiner ganzen Weite auf und entfaltete, von hier aus gesehen, seine eigenthümlich malerischen Reize; der Schloßberg war weithin berühmt wegen dieser Aussicht. Der Garten selbst verrieth noch überall den ehemaligen Burggarten. Etwas eng, etwas düster und sehr beschränkt im Raume, hatte er weder viel Sonnenschein, noch viel Blumenpracht, besaß aber dafür einen anderen selteneren Reiz: herrliche, uralte Linden beschatteten ihn und wehrten jeden Einblick, selbst vom Schlosse aus. Sie sahen ernst nieder auf die jüngere Generation, die, aus den ehemaligen Wällen und Befestigungen aufgewachsen, mit ihren schlanken Stämmen und ihrem frischen Grün den Schloßberg schmückte. Jene alten Baumriesen freilich wurzelten schon länger als ein Jahrhundert in diesem Boden; die riesigen Stämme [194] hatten schon manchen Sturm ausgehalten, und die mächtigen Aeste der Kronen flochten sich in einander zu einem einzigen, dichten Laubdache, das nur selten einen Sonnenstrahl hindurch ließ. Es breitete tiefen, kühlen Schatten über den ganzen Raum, dem die Blumen fast vollständig fehlten. Nur einzelne Gebüschgruppen erhoben sich auf dem grünen Rasen, und inmitten desselben rauschte ein Brunnen. Es war eine Fontaine im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts, mit alten, halbverwitterten Steinfiguren, die in seltsam phantastischer Auffassung Nixen und Wassergeister darstellten. Dunkles, feuchtes Moos bedeckte die steinernen Häupter und Arme, die eine Muschelschale stützten, aus welcher der Wasserstrahl emporstieg, um dann in tausend einzelnen Strahlen und Tropfen in das mächtige Bassin niederzurieseln. Auch hier überwucherte eine dichte, grüne Moosdecke das graue Gestein und gab dem sonst so krystallhellen Wasser eine eigenthümlich dunkle Färbung. Der „Nixenbrunnen“, wie er nach den Steingruppen hieß, die ihn schmückten, stammte aus der frühesten Zeit des Schlosses und spielte noch jetzt eine gewisse Rolle in der Umgegend. Es knüpfte sich irgend eine alte Sage daran, die dem Quell eine heilbringende Kraft lieh, und trotz Neuzeit und Aufklärung und obgleich das alte Bergschloß längst ein modernes Regierungsgebäude geworden war, behauptete sich jene Kraft in dem Aberglauben des Volkes.

Man schöpfte an gewissen Tagen des Jahres das Wasser; man gebrauchte es als Mittel gegen Krankheit, als Arznei für allerlei Leiden, zum großen Mißvergnügen des Gouverneurs, der schon mehrere Male diesem Unfuge energisch entgegengetreten war. Er hatte sogar den Schloßgarten schließen lassen, der früher Jedermann zugänglich war, und verboten, irgend einem Fremden den Zutritt zu gestatten, aber dieses Verbot hatte die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt eigensinnig fest an seinem Aberglauben und klammerte sich nur um so zäher an den Gegenstand desselben. Die Schloßdienerschaft wurde bald mit Bitten, bald mit Geschenken bestochen, um heimlich zu dulden, was sie nicht offen durfte geschehen lassen, und das Wasser des Schloßbrunnens galt nach wie vor als so heilkräftig, wie nur irgend ein Weihwasser, wiewohl es doch offenbar unter dem Schutze der heidnischen Nixengottheiten stand.

Gabriele hatte gleichfalls von diesen Dingen gehört, durch den Freiherrn selbst, der sich oft mit heftigen Unwillen darüber äußerte, und vielleicht war es die von der Mutter so gefürchtete fortwährende Opposition gegen den Vormund, welche die junge Dame bestimmte, gerade hier ihren Lieblingsplatz zu wählen. Auch heute hatte sie ihn aufgesucht, aber weder der Nixenbrunnen selbst, noch die weite Aussicht, welche sich drüben an der freien Seite des Gartens aufthat, vermochte sie zu fesseln. Gabriele war übler Laune, und sie hatte allen Grund dazu. Nach der schrankenlosen Freiheit, die sie in Z. genossen, konnte sie sich durchaus nicht mit den strengen Formen des Raven’schen Hauses befreunden, um so weniger, als diese Formen die gehofften öfteren Begegnungen mit Georg Winterfeld unmöglich machten. Das junge Paar war in R. fast vollständig getrennt und mußte sich, ein zufälliges Zusammentreffen vor Zeugen abgerechnet, mit einem flüchtigen Sehen aus der Ferne oder einem Gruße begnügen, den Georg verstohlen zu den Fenstern hinaufsandte. Er hatte freilich eine Annäherung versucht und den Damen einen kurzen Besuch gemacht, zu dem die frühere Bekanntschaft ihn berechtigte. Die Baronin hätte auch nichts dagegen gehabt, den liebenswürdigen jungen Mann auch hier öfter zu empfangen, aber Raven gab seiner Schwägerin einen sehr deutlichen Wink, daß er keinen näheren Verkehr zwischen den Damen seines Hauses und einem seiner jungen Beamten wünsche, der noch gar keinen Anspruch auf eine solche Auszeichnung habe. In Folge dessen wurde der Besuch zwar angenommen, aber es erfolgte keine Einladung, ihn zu wiederholen, und damit war der Versuch gescheitert.

Es war freilich mehr Ungeduld als Schmerz, womit Gabriele den Zwang ertrug, der sie hier von allen Seiten umgab. Seit der Freiherr sie so vollständig zu der Kinderrolle verurtheilte, vermißte sie sehr die zarte und doch leidenschaftliche Huldigung Georg’s, die sie früher als selbstverständlich hingenommen hatte. Er fand ihre Bildung nicht „lückenhaft und vernachlässigt“; er examinirte sie nicht und muthete ihr keine Unterrichtsstunden zu, wie der Vormund, der so gar nicht wußte, wie man junge Damen ihres Alters eigentlich zu behandeln habe. Für Georg war sie die Geliebte, das angebetete Ideal; ihn beglückte schon ein Gruß, den sie ihm aus der Ferne zuwarf – trotzdem war sie auch auf ihn böse. Warum versuchte er nicht energischer, die Schranken zu durchbrechen, die sie von einander trennten? warum hielt er sich in so ehrerbietiger Entfernung? warum schrieb er ihr nicht wenigstens? Das junge Mädchen war noch viel zu kindlich und unerfahren, um die zarte Rücksicht zu würdigen, mit der Georg Alles vermied, was nur den geringsten Schatten auf sie werfen konnte, mit der er Trennung und Entfernung ertrug, ehe er irgend etwas unternahm, was ihren Ruf gefährdete.

„Nun, Gabriele, suchst Du die Geheimnisse des Nixenbrunnens zu ergründen?“ sagte plötzlich eine Stimme. Sie wandte sich rasch um. Freiherr von Raven stand vor ihr. Er mußte soeben erst aus dem Gebüsche hervorgetreten sein; es geschah überhaupt nur höchst selten, daß er den Garten betrat. Ihm fehlte sowohl die Zeit, wie die Lust zu einsamen Spaziergängen. Auch heute mußte ihn irgend etwas Besonderes herführen, denn er schritt sofort auf die Fontaine zu und begann sie aufmerksam von allen Seiten zu besichtigen.

„Nun, Onkel Arno, mit den Geheimnissen mußt Du ja besser vertraut sein, als ich,“ gab Gabriele lachend zur Antwort. „Ich bin noch fremd hier, und Du wohnst schon lange im Schlosse.“

„Glaubst Du, daß ich Zeit habe, mich um Kindermärchen zu kümmern?“

Der verächtliche Ton der Worte reizte die junge Dame unwillkürlich. „Du hast wohl niemals die Kindermärchen geliebt?“ fragte sie. „Auch als Knabe nicht?“

„Auch als Knabe nicht! Ich hatte schon damals Besseres zu denken.“

Gabriele sah zu ihm auf; dieses stolze, strenge Antlitz mit dem Ausdrucke finsteren Ernstes sah freilich nicht aus, als hätte es je die Märchenpoesie der Kindheit gekannt oder geliebt.

„Trotzdem gilt mein Besuch heut dem Nixenbrunnen,“ fuhr er fort. „Ich habe Befehl gegeben, ihn abzubrechen und den Quell zu verstopfen, will mich aber zuvor überzeugen, ob die Anlagen nicht etwa darunter leiden, und ob deswegen Vorkehrungen getroffen werden müssen.“

Gabriele fuhr erschrocken und empört auf. „Der Brunnen soll vernichtet werden? Weshalb denn?“

„Weil ich endlich des Unfuges müde bin, der damit getrieben wird. Der lächerliche Aberglaube ist nicht auszurotten. Trotz meines strengen Verbotes wird fortwährend heimlich Wasser aus dem Brunnen geschöpft und damit dem Unsinn immer wieder neue Nahrung gegeben. Es ist die höchste Zeit, der Sache ein Ende zu machen, und das kann nur geschehen, wenn dem Aberglauben der Gegenstand genommen wird, an den er sich klammert. Es thut mir leid, daß eine alte Merkwürdigkeit des Schlosses dabei zum Opfer fallen muß, aber gleichviel – sie muß fallen.“

„Aber dann wird dem Garten seine schönste Zierde geraubt,“ rief Gabriele. „Gerade dieses einsame Sprühen und Rauschen der Fontaine gab ihm den höchsten Reiz. Und das silberhelle Wasser soll auf immer in die dunkle Erde gebannt werden? Das ist abscheulich, Onkel Arno; das leide ich nicht.“

Raven, der noch immer mit der Besichtigung des Brunnens beschäftigt war, wandte langsam den Kopf nach ihr.

„Du leidest es nicht?“ fragte er, sie scharf fixirend, aber es war nicht jener drohende, gebieterische Blick, mit dem er sonst jeden Widerspruch zu Boden schmetterte. Es dämmerte sogar ein leises Lächeln in seinem Gesichte auf. „Dann wird freilich nichts übrig bleiben, als daß ich meinen Befehl zurückziehe; es wäre freilich das erste Mal, daß so etwas geschieht. – Glaubst Du denn wirklich, Kind, ich werde Deinen romantischen Bedenken einen meiner Entschlüsse opfern?“

Das war wieder das überlegene, halb spöttische, halb mitleidige Lächeln, das Gabriele stets zur Verzweiflung brachte, und der Ausdruck „Kind“ that es nicht minder. Tief verletzt in ihrer siebzehnjährigen Würde, zog sie es vor, gar nicht zu antworten, und begnügte sich, ihrem Vormund einen entrüsteten Blick zuzuwerfen.

„Du thust ja, als ob Dir mit der Wegnahme des Brunnens eine persönliche Beleidigung geschähe,“ sagte der Freiherr. „Mir scheint, Du hegst noch den ganzen Respect der Kinderstube vor [196] den Ammenmärchen und fürchtest Dich im vollen Ernste vor dem gespenstischen Nixenvolk.“

„Ich wollte, die Nixen rächten sich für den Spott und für die angedrohte Vernichtung,“ rief Gabriele mit einem Tone, der muthwillig sein sollte, aber sehr gereizt klang. „Mich freilich würde ihre Rache nicht treffen.“

„Aber mich, meinst Du?“ ergänzte Raven sarkastisch. „Sei ruhig, Kind! Dergleichen droht nur poetischen Mondscheinnaturen. An mir möchte sich dieser Nixenzauber doch wohl umsonst versuchen.“

Sie standen unmittelbar am Rande der Fontaine; das Wasser rauschte und rieselte eintönig aus der Muschelschale nieder, plötzlich aber gab ein Windhauch dem Strahle eine andere Richtung; er sprühte seitwärts, und ein funkelnder Tropfenregen ergoß sich gleichzeitig über den Freiherrn und Gabriele. Sie sprang mit einem leichten Aufschrei zurück. Raven blieb gelassen stehen.

„Das traf uns Beide,“ sagte er. „Deine Nixen scheinen sehr unparteiischer Natur zu sein. Sie strecken nach Feind und Freund ihre nassen Arme.“

Die junge Dame war nach der Bank geflüchtet und trocknete mit dem Taschentuche die Tropfen von ihrem Kleide. Der Spott ärgerte sie unbeschreiblich, gleichwohl wußte sie ihm nichts entgegen zu setzen. Jedem Anderen gegenüber wäre sie auf den Scherz eingegangen und hätte aus dem Zufall eine Neckerei gemacht – hier konnte sie es nicht. Der Scherz des Freiherrn war immer Sarkasmus; sein Lächeln schloß nie eine Spur von Heiterkeit in sich, und es war höchstens Ironie, die auf Augenblicke den gewohnten Ernst seiner Züge verdrängte. Er schüttelte mit einer raschen Bewegung die Tropfen ab, die auch ihn überschüttet hatten, und trat dann gleichfalls zur Bank, während er fortfuhr:

„Es thut mir leid, daß ich Dir Deinen Lieblingsplatz nehmen muß, aber das Urtheil über den Brunnen ist nun einmal gesprochen. Du wirst Dich darein finden müssen.“

Gabriele warf einen Blick auf die Fontaine, deren träumerisches Rauschen vom ersten Tage an einen geheimnißvollen Reiz auf sie geübt hatte. Sie kämpfte fast mit dem Weinen, als sie antwortete:

„Ich weiß es ja, daß Du nicht darnach fragst, ob Deine Befehle Jemanden wehe thun, und daß es ganz umsonst ist, Dich zu bitten. Du hörst ja niemals auf eine Bitte.“

Raven kreuzte ruhig die Arme. „So? Weißt Du das bereits?“

„Ja, und es bittet Dich auch Niemand. Sie fürchten sich ja Alle vor Dir, die Dienerschaft, Deine Beamten, die Mama sogar, nur ich –“

„Du fürchtest Dich nicht?“

„Nein!“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 13, S. 207–210
Fortsetzungsroman – Teil 5


[207] Das Wort kam sehr trotzig und entschieden von den Lippen der jungen Dame; sie schien wieder einmal in kriegerischer Stimmung und fest entschlossen zu sein, den gefürchteten Vormund zu reizen, aber vergebens; er blieb vollkommen gelassen und schien den Widerspruchsgeist seines Mündels eher belustigend als beleidigend zu finden.

„Ein Glück, daß Deine Mutter nicht zugegen ist!“ bemerkte er. „Sie würde wieder in Todesangst gerathen über den Trotzkopf, der sich so gar nicht der Nothwendigkeit fügen will, wie sie es mit großer Selbstverleugnung thut. Du solltest Dir an ihr ein Beispiel nehmen.“

„O ja, Mama ist die Nachgiebigkeit selbst gegen Dich,“ rief Gabriele, immer erregter werdend, „und sie muthet das auch mir zu. Aber ich will nicht heucheln, und lieben kann ich Dich nicht, Onkel Arno, denn Du bist nicht gut gegen uns und bist es nie gewesen. Gleich Dein erster Empfang war so demütigend, daß ich am liebsten sofort wieder abgereist wäre, und seitdem hast Du uns täglich und stündlich empfinden lassen, daß wir von Dir abhängig sind. Du behandelst meine Mama mit einer Nichtachtung, die mir oft genug das Blut in’s Gesicht treibt. Du sprichst in wegwerfender Weise von meinem Papa, von ihm, der todt ist und sich nicht mehr vertheidigen kann, und mich behandelst Du wie ein Spielzeug, mit dem man es überhaupt nicht ernst nimmt. Du hast uns aufgenommen, und wir leben in Deinem Schlosse, wo Alles viel reicher und glänzender ist, als in meinem Elternhause, aber ich wäre doch weit lieber in unserem schweizer Exil, wie Mama es nennt, in unserem kleinen Landhause am See, wo Alles so einfach und bescheiden war, wo wir kaum das Nothwendige hatten, aber wo wir frei waren von Dir und Deiner Tyrannei. Mama verlangt, ich soll sie geduldig ertragen, weil Du reich bist und meine Zukunft von Dir abhängt, aber ich will Dein Vermögen nicht; ich frage nicht darnach, ob Du mich zur Erbin einsetzest. Ich möchte fort von hier, je eher, desto lieber.“

Sie war aufgesprungen und stand jetzt in leidenschaftlichster Erregung vor ihm, den kleinen Fuß energisch vorgesetzt, den Kopf zurückgeworfen, die Augen voll von Thränen des Zornes und der Erbitterung, aber es lag doch mehr in diesem stürmischen Ausbruch als nur der Trotz eines eigensinnigen Kindes. Jedes Wort verrieth die tiefste, innerste Gekränktheit, und es war nur allzu viel Wahres in den Anklagen, die sie dem Vormunde so kühn in’s Antlitz schleuderte.

Raven hatte sie mit keiner Silbe unterbrochen; er sah sie unverwandt an, und als sie jetzt schwieg und die Hände tiefathmend gegen die Brust preßte, während ein Thränenstrom aus ihren Augen stürzte, beugte er sich plötzlich zu ihr nieder und sagte mit tiefem Ernste: „Weine nicht, Gabriele! Dir wenigstens habe ich Unrecht gethan.“

Gabrielens Thränen stockten; jetzt, wo sie zur Besinnung kam, wurde ihr erst die ganze Unvorsichtigkeit ihrer Worte klar. Sie hatte sicher einen Ausbruch des Zornes erwartet – und nun statt dessen diese unbegreifliche Ruhe stumm, fast scheu sah sie zu Boden.

„Also Du willst mein Vermögen nicht?“ fuhr der Freiherr fort. „Was weißt Du denn überhaupt davon, wen ich zu meinem Erben einzusetzen denke? Ich habe Dir meines Wissens niemals etwas darüber mitgetheilt, und doch scheint es Gegenstand sehr eingehender Erörterungen zwischen Dir und Deiner Mutter gewesen zu sein.“

Das junge Mädchen wurde glühend roth. „Ich weiß nicht – wir haben nie –“

„Laß den Versuch, es zu leugnen, Kind!“ unterbrach sie Raven. „Noch hast Du die Unwahrheit so wenig gelernt, wie die Berechnung; sonst würdest Du mir nicht so gegenübertreten. Ich zürne Dir deshalb nicht; den Trotz kann ich verzeihen; die planmäßige Berechnung und Heuchelei hätte ich Dir bei Deinen siebenzehn Jahren nie verziehen. Gott sei Dank, die Erziehung hat noch nicht so viel verdorben, wie ich fürchtete.“

Er nahm ruhig, als wäre nichts vorgefallen, ihre Hand, zog sie auf die Bank nieder und setzte sich neben sie. Gabriele machte einen Versuch, seitwärts zu rücken.

„Nun, Du wirst mir doch gestatten, Deine Kriegserklärung in aller Form entgegen zu nehmen?“ sagte der Freiherr. „Deine Mutter wird sich ihr freilich nicht anschließen, wenigstens nicht in so offener Weise. Sie hat Dir jedenfalls größere Liebenswürdigkeit gegen den ‚Emporkömmling‘ zur Pflicht gemacht.“

„Wie meinst Du?“ fragte das junge Mädchen betreten.

„Nun, das kann Dir doch unmöglich fremd sein. So viel ich weiß, war es die specielle Bezeichnung meiner Persönlichkeit in Deinem Elternhause.“

Diesmal hielt Gabriele tapfer den scharfen Blick aus, der auf ihrem Gesichte ruhte. „Ich weiß, meine Eltern liebten Dich nicht,“ entgegnete sie. „Du hast ihnen aber auch von jeher feindlich gegenüber gestanden.“

[208] „Ich ihnen? Oder sie mir? Doch das kommt schließlich auf eins heraus. Das sind Dinge, die Du noch nicht beurtheilen kannst, Gabriele. Du hast keine Ahnung davon, was es heißt, mit einer Lebensstellung, wie die meinige war, in eine hocharistokratische Familie und in deren Gesellschaftskreise zu treten. Ich habe dort stets nur einen Freund gehabt, Deinen Großvater; bei allen Anderen habe ich mir meinen Platz erst erobern müssen, und dazu giebt es nur zwei Wege. Entweder man beugt sich geduldig all den Demüthigungen, die auf das Haupt des Emporkömmlings gehäuft werden, man zeigt sich tief durchdrungen von der hohen Ehre, deren man gewürdigt ist, und begnügt sich damit, geduldet zu sein – darnach war meine Natur nicht geartet. Oder man wirft sich zum Herrn der ganzen Gesellschaft auf, man läßt sie fühlen, daß es noch eine andere Macht giebt, als die ihrer Stammbäume, und setzt bei jeder Gelegenheit ihrer Ueberhebung und ihren Vorurtheilen den Fuß auf den Nacken; dann lernen sie sich beugen. Es ist im Allgemeinen viel leichter die Menschen zu unterdrücken, als man glaubt; man muß es nur verstehen, ihnen zu imponiren, darin liegt das ganze Geheimniß des Erfolges.“

Gabriele schüttelte leise den Kopf. „Das sind harte Grundsätze.“

„Das sind die Erfahrungen der dreißig Jahre, die ich vor Dir voraus habe. Denkst Du, ich habe nicht auch meine Ideale gehabt, meine Träume und meine Begeisterung? Denkst Du, es hat hier nicht auch geflammt mit all den heißen Empfindungen der Jugend? Aber das nimmt ein Ende, wenn man im Leben vorwärtsschreitet. In eine Laufbahn wie die meinige konnte ich die Träume nicht mit hinübernehmen. Sie halten am Boden fest, und ich wollte emporsteigen und bin emporgestiegen. Ich habe freilich einen hohen Preis dafür gezahlt, zu hoch vielleicht – gleichviel, ich habe es erreicht.“

„Und bist Du glücklich dadurch geworden?“ Die Frage kam fast unwillkürlich von den Lippen des jungen Mädchens.

Raven zuckte die Achseln. „Glücklich! Das Leben ist ein Kampf, keine Glückseligkeit. Man wirft den Gegner oder wird geworfen; ein Drittes giebt es nicht. Du freilich siehst das alles noch mit anderen Angen an. Dir ist das Leben noch ein Sommertag, wie er da draußen leuchtet. Du glaubst noch, daß dort in jener schimmernden Ferne, hinter jenen blauen Bergen ein ganzes Eden voll Glück und Seligkeit liegt – Du täuschest Dich, Kind. Die goldene Sonne scheint über unendlich viel Jammer und Erbärmlichkeit, und hinter den blauen Bergen ist auch nichts weiter, als der mühselige Weg von der Wiege zum Grabe, den wir uns noch mit so viel Haß und Streit würzen. Das Leben ist nur dazu da, um jeden Tag neu überwunden zu werden, und die Menschen – um sie zu verachten.“

Es lag eine unbeschreibliche Härte und Herbheit in diesen Worten, aber auch die ganze Entschiedenheit des Mannes, der einen ihm unerschütterlich gewordenen Glaubenssatz ausspricht. Die tiefe Bitterkeit freilich, welche hindurchwehte, entging dem jungen Mädchen, das halb beklommen und halb empört zuhörte.

„Aber schließlich kommt doch die Zeit, wo man dieses ewigen Kampfes überdrüssig wird,“ fuhr Raven fort, „wo man sich fragt, ob die einst erträumte Höhe es denn werth war, sein Alles dafür einzusetzen, wo man die Summe all dieses ruhelosen Jagens und Ringens, all dieser Erfolge zieht und des ganzen Spiels herzlich müde wird. Ich bin oft müde – recht müde.“

Er lehnte sich zurück und sah in die Ferne hinaus, es lag ein finsterer Schmerz in diesem Blicke, und die tiefe Müdigkeit, von der er sprach, verrieth sich auch in seiner Stimme. Gabriele schwieg, auf’s Höchste betroffen von der tiefernsten Wendung, die das Gespräch genommen hatte, das auch sie auf ganz unbekannte Bahnen führte. Sie hatte bisher nur den eisernen, unzugänglichen Mann gekannt, mit seiner kalten Ruhe und seinen Gebietertone. Selbst sein Benehmen gegen sie war immer nur die Herablassung zu dem Ideenkreise eines Kindes gewesen; er hatte nie anders zu ihr gesprochen, als in jener halb gütigen, halb spottenden Weise, in der auch heute ihr Gespräch begann. Zum ersten Male öffnete sich diese sonst so streng verschlossene Natur in einem Augenblick der Selbstvergessenheit, Gabriele sah in eine Tiefe, die sie nicht geahnt hatte, und die sich auch wohl keinen Anderen aufthat, aber sie fühlte instinctmäßig, daß sie nicht daran rühren und nicht heraufbeschwören durfte, was sich da unten regte.

Es folgte eine lange Pause. Beide blickten schweigend in die weite Landschaft hinaus, die in dem heißen Lichte eines der letzten Augusttage vor ihnen lag. Der Sommer schien vor seinem Scheiden noch einmal all seine Gluth und Pracht über die Erde auszuschütten. Der hellste Sonnenschein umfloß die alterthümliche Stadt, die mit ihren Häusern und Thürmen sich am Fuß des Schloßberges ausbreitete; er lag über all den Wiesen und Feldern, über all den Ortschaften, die sich bald näher, bald ferner dem Auge zeigten, und blitzte in den Wellen des Flusses, der in mächtigen Windungen durch das Thal zog. Um dasselbe schlossen sich die Berge, wie zu einem Kranze, bald in weichgeschwungenen Linien, bald in zackig kühnen Formen aufstrebend, mit grünen Triften und dunklen Wäldern, aus denen hier und da eine weiße Wallfahrtskirche hervorleuchtete, oder eine altersgraue Bergveste sich erhob. Ganz in der Ferne stieg in blauen Dust verloren das Hochgebirge auf, das als erhabener Hintergrund den Horizont begrenzte, und über dem Allen lächelte ein tiefblauer Himmel und schwebte goldiger Sonnenduft, der den ganzen Aether zu erfüllen schien. Es war einer jener Tage, wo Alles wie in Licht und Glanz getaucht, Alles davon überfluthet ist, als gäbe es auf der ganzen Welt nichts weiter, als nur Sonnenschein.

Es konnte keinen schärferen Gegensatz geben, als diese sonnige Landschaft und den tiefen, kühlen Schatten des Schloßgartens mit seiner düstern Einsamkeit. Die riesigen Kronen der Linden, mit ihren dicht verschlungenen Aesten, hielten den ganzen Raum wie mit einer grünen Dämmerung umsponnen und unter den hohen Baumwipfeln rauschte einförmig die Fontaine. In ewigem Wechsel stieg der helle Strahl empor, um dann tausendfach zersprüht wieder niederzusinken. Bisweilen, wenn ein Sonnenstrahl, der sich hier unten verlor, die fallenden Tropfen streifte, funkelte und glänzte es, wie mit Diamantenpracht, aber sie erlosch schon im nächsten Moment. Alles lag wieder im kühlen Schatten, und durch den nebelhaften Wasserschleier blickten die grauen Gestalten der Nixen mit den langen Haaren und den steinernen Häuptern gespenstig hindurch.

Die stille, schwüle Mittagsstunde schien Alles in träumerische Ruhe zu wiegen; kein Vogel flatterte auf; kein Blatt regte sich mehr, nur der Nixenbrunnen rauschte geheimnißvoll durch die tiefe Stille. Es war die Sprache des Quelles, der seit undenklichen Zeiten hier auf dem Schloßberge rieselte, und seit länger als einem Jahrhundert in diesem Steingewand, in das man ihn gezwungen, der treue Gefährte des Schloßgartens gewesen war. Auch an ihm waren jene Zeiten vorübergehuscht, die einst die alte Bergveste geschaut hatte, die ursprünglich an der Stelle des Schlosses stand, wilde, gewaltthätige Zeiten, voll Kampf und Streit, voll Sieg und Niederlage und dann wieder Jahre des Glanzes und der Pracht, als der Fürstensitz sich hier erhob. Weltereignisse waren vorübergezogen; Geschlechter waren gekommen und gegangen, bis endlich die neue Zeit kam, die Allem eine andere Gestalt gab. Allen, nur dem Quelle des Schloßberges nicht, um den Sage und Aberglauben eine heilige Schutzmauer gewoben hatten. Aber jetzt war auch seine Zeit gekommen; die alten Steinbilder, welche ihn so lange schützend umgaben, sollten fallen, und er selbst sollte niedersteigen aus dem hellen Tageslichte in die dunkle Erde, um dort auf immer gebannt zu bleiben.

Ob es Klagen oder Erinnerungen waren, die der Quell flüsterte, sein träumerisches Rauschen übte eine seltsame Macht auf den ernsten, finsteren Mann, der nie das einsame Träumen und seine Poesie gekannt hatte, wie auf das junge, blühende Mädchen an seiner Seite, das bisher lachend und spielend durch das Leben geflattert war, ohne seinen Ernst auch nur zu ahnen. Es löste all jenes heiße Ringen und Streben, all diese frohen Kinderträume in eine einzige räthselhafte Empfindung, welche die Beiden halb süß und halb beängstigend umspann. Unter diesem einförmigen und doch so melodischen Rieseln und Rauschen wich die Welt da draußen mit ihrer schimmernden Ferne und ihrem leuchtenden Sonnengold weit und weiter zurück, und endlich versank sie ganz. Dann legte es sich um die beiden Zurückgebliebenen wie düstere Schatten, wie kühle Wasserschleier, und [209] sie wurden fortgezogen, weit fort in geheimnißvoll dämmernde Tiefen, wohin kein Laut des Lebens mehr drang, wo alles Ringen und Sehnen, alles Glück und Weh erstarb in einem tiefen, tiefen Traum, und mitten in dem Traume vernahmen sie wieder das leise, geisterhafte Singen des Quelles, das wie aus endloser Ferne zu ihnen niedertönte. –

Unten in der Stadt setzten die Glocken zum Mittagsgeläut ein. Die weichen, hellen Klänge schwebten herauf zu dem Schloßberge, und vor diesem Laut zerrannen die seltsamen Gebilde, welche jenes Rauschen gesponnen. Raven sah auf, als sei er unangenehm geweckt worden, während Gabriele sich rasch erhob und mit einer Bewegung, die fast der Flucht glich, an die epheuumrankte Mauerbrüstung trat, um dort vorgebeugt den Klängen zu lauschen. Sie zogen weithin durch die stille Luft, wie damals am Seeufer, als sie mit Georg – Gabriele vollendete den Gedanken nicht. Warum drängte sich auf einmal Georg’s Name wie mit einem Vorwurf in ihr Gedächtniß? Warum stand sein Bild plötzlich so deutlich vor ihr, als wolle es seine Rechte wahren und behaupten? Damals, als sie unter Scherz und Lachen von ihm Abschied nahm, hatten ihr die Glockenklänge gar nichts gesagt, heute durchzuckte es sie bei der Erinnerung jäh und schmerzlich, wie eine Mahnung, sich nicht wieder fortziehen zu lassen aus dem goldenen Sonnenlicht in unbekannte Tiefen, wie eine Warnung vor irgend einer dunkel geahnten Gefahr, die ihre Kreise um sie zog. Ihr war unbeschreiblich bang zu Muthe.

Auch der Freiherr hatte sich erhoben und trat jetzt zu ihr. „Du flüchtest ja förmlich,“ sagte er langsam. „Wovor denn? Vor mir vielleicht?“

Gabriele versuchte mit einem Lächeln ihrer Bangigkeit Herr zu werden, als sie erwiderte: „Vor dem Rauschen des Nixenbrunnens, es klingt so gespenstig in der stillen Mittagsstunde.“

„Und doch hast Du gerade ihn zum Lieblingsplatze gewählt?“

„Er ist ja die längste Zeit gewesen. Vielleicht verwandelt Dein Befehl ihn morgen schon in ein wüstes Chaos von Erde und Steinen, und –“

„Und ich frage nicht danach, ob meine Befehle Jemanden wehe thun,“ vollendete Raven, als sie inne hielt. „Das mag sein, aber – liebst Du den Quell wirklich so sehr, Gabriele? Würde es Dir im Ernst wehe thun, ihn vernichtet zu sehen?“

„Ja,“ sagte Gabriele leise und hob das Auge empor, ihr Mund sprach keine Bitte aus, aber die Augen, in denen eine Thräne schimmerte, baten heiß und innig für den bedrohten Quell.

Raven schwieg und wandte sich ab; einige Minuten lang stand er wortlos an ihrer Seite, dann begann er von Neuem:

„Ich habe Dich vorhin erschreckt mit meinen herben Lebensansichten. Wer sagt denn aber, daß Du sie theilen sollst? Ich vergaß, daß die Jugend ein Recht auf Träume hat, und daß es grausam ist, sie ihr zu nehmen. Glaube Du immerhin noch an die goldene Zukunftsferne, an die Verheißung jener blauen Berge! Du darfst noch der Welt und den Menschen vertrauen, und Du wirst auch schwerlich je ihren Haß erfahren.“

Seine Stimme klang eigenthümlich weich und verschleiert, und aus dem Blicke, der so düster auf dem jungen Mädchen ruhte, war alle Härte und Strenge gewichen, aber Arno Raven war nicht lange solchen Regungen zugänglich, und es schien auch, als dürfe er sich ihnen überhaupt nicht hingeben, denn gerade jetzt ertönten Schritte hinter ihnen, und als sie sich umwendeten, trat der Castellan des Schlosses mit einem älteren Manne, der dem Handwerkerstand anzugehören schien, in den Garten. Beide blieben stehen, als sie den Gouverneur gewahrten, und grüßten ehrerbietig.

Raven hatte schnell die ungewohnte Weichheit abgeschüttelt. „Was giebt es?“ fragte er, wieder ganz in dem kurzen, gebieterischen Tone, der ihm eigen war.

„Excellenz haben befohlen, den Nixenbrunnen abzubrechen und den Quell zu verstopfen,“ nahm der Handwerker das Wort. „Es sollte heute noch geschehen; meine Leute kommen in einer halben Stunde; ich wollte nur zuvor nachsehen, ob die Arbeit viel Zeit und Mühe kosten wird.“

Der Freiherr sah auf den Brunnen und dann auf Gabriele, die noch an seiner Seite stand; es war, ein kaum merkliches, sekundenlanges Zögern.

„Schicken Sie die Leute zurück!“ befahl er dann, „die Arbeit ist nicht mehr nöthig.“

„Wie meinen Excellenz?“ fragte der Handwerker erstaunt.

„Die Wegnahme des Brunnens würde den Garten schädigen; er bleibt stehen. Ich werde andere Bestimmungen treffen.“

Ein Wink mit der Hand verabschiedete die beiden Männer; sie wagten natürlich keinen Widerspruch, aber die Verwunderung prägte sich deutlich auf ihren Gesichtern aus, als sie den Garten verließen. Es war das erste Mal, daß ein mit so großer Bestimmtheit gegebener Befehl des Gouverneurs zurückgezogen wurde.

Raven war an den Rand der Fontaine getreten und blickte in den fallenden Tropfenregen. Gabriele stand noch drüben an der Mauerbrüstung; jetzt kam sie langsam, zögernd näher und streckte ihm dann plötzlich beide Hände hin.

„Ich danke Dir.“

Er lächelte, aber nicht mit dem gewohnten Sarkasmus – diesmal flog es wie Sonnenschein über seine Züge, als er die dargebotene Hand ergriff und zugleich mit der Linken sanft Gabrielens Haupt emporhob, um ihre Stirn zu küssen. Das war durchaus nichts Außergewöhnliches. Er pflegte es stets zu thun, wenn sie ihm beim Frühstücke den Morgengruß brachte, und sie hatte es bisher ebenso unbefangen hingenommen, wie der Vormund kühl und ernst von seinem väterlichen Rechte Gebrauch machte. Heute zum ersten Male wich das junge Mädchen unwillkürlich zurück, und Raven fühlte, wie die Hand, die er in der seinigen hielt, leise bebte. Er richtete sich plötzlich empor, ohne daß seine Lippen ihre Stirn berührt hatten, und ließ die Hand fallen.

„Du hast Recht,“ sagte er gepreßt. „Das Rauschen des Nixenbrunnens hat etwas Geisterhaftes – laß uns gehen!“

Sie wandten sich zum Gehen. Hinter ihnen rauschte und rieselte der Quell und warf unermüdlich seine weißen Wasserschleier empor. Die drohende Vernichtung war ja nun abgewendet; die Bitte jener braunen Augen und die Thräne darin hatte ihn gerettet, und der ernste, kalte Mann, der die Höhe des Lebens längst überschritten hatte, fühlte es vielleicht in diesem Augenblicke, daß er auch nicht gefeit war gegen den „Nixenzauber“.




Georg Winterfeld saß in seiner Wohnung am Schreibtische. Er sah angegriffen, fast leidend aus; die kurze Frische, welche die Reise seinem Aeußeren gegeben, war längst wieder geschwunden, und die Blässe, welche selbst damals die feinen, durchgeistigten Züge des jungen Mannes deckte, war noch um einen Schein tiefer geworden. Er muthete sich in der That bisweilen allzu viel in der Arbeit zu – die Pflichten seiner Stellung nahmen ihn schon hinreichend in Anspruch, aber trotzdem benutzte er jede freie Stunde, um sich mit rastlosem Eifer allen möglichen Studien hinzugeben, die ihm in seiner Laufbahn förderlich sein konnten. Georg arbeitete oft genug auf Kosten seiner Gesundheit; ihn trieb ein edlerer Sporn, als der Ehrgeiz, mit jedem Schritte, den er vorwärts that, minderte sich ja die Kluft, die ihn von der Geliebten trennte, und er war sich trotz aller persönlichen Bescheidenheit doch zu sehr seiner Kraft und seines Werthes bewußt, um nicht die zuversichtliche Hoffnung zu hegen, daß diese Kluft sich einst ganz ausfüllen werde. Seine Collegen, die sich meist auf ihre pflichtmäßigen Leistungen in den Bureaustunden beschränkten, wußten kaum von dieser stillen, angestrengten Thätigkeit des Assessors, der nie darüber sprach; nur das durchdringende Auge seines Chefs hatte herausgefunden, welch eine Summe von Arbeitskraft und Begabung in dem jungen Beamten lag, so wenig dieser auch bisher Gelegenheit gefunden hatte, sie nach außen hin zu bethätigen.

Georg benutzte mit Vorliebe die Morgenstunden zum Arbeiten; auch heute saß er über ein juristisches Werk gebeugt und hatte sich so darin vertieft, daß er das Oeffnen der Thür im vorderen Zimmer vollständig überhörte. Erst als eine bekannte Stimme sagte: „Bemühen Sie sich nicht! Ich finde schon allein den Weg zu dem Herrn Assessor,“ fuhr er auf. In dem gleichen Augenblicke trat der Ankömmling auch schon ein.

„Guten Morgen, Georg! Da bin ich.“

„Max! Ist es möglich? Wie kommst Du nach R.?“ rief Georg freudig überrascht, dem Freunde entgegeneilend.

[210] „Geradeswegs von zu Hause,“ versetzte dieser, die Begrüßung ebenso herzlich erwidernd. „Ich bin erst vor einer halben Stunde im Gasthofe angelangt und habe mich sogleich auf den Weg zu Dir gemacht.“

„Aber weshalb schriebst Du mir denn nicht einige Zeilen? Wolltest Du mich überraschen?“

„Das nicht, die Reise war vielmehr eine Art Ueberraschung für mich, denn es sind durchaus keine idealen Freundschaftsgefühle, die mich herführen, wie Du Dir vielleicht schmeichelst, sondern eine höchst reale Erbschaftsangelegenheit. Aber vor allen Dingen – wie geht es Dir? Du siehst blaß aus – natürlich, wenn man schon am frühen Morgen über den Büchern sitzt – Georg, Du bist unverbesserlich.“

Georg wehrte lachend die Hand des Freundes ab, der nach seinem Pulse greifen wollte, und zog ihn auf das Sopha. „Laß’ nur den Doctor bei Seite! Ich befinde mich vortrefflich. Also eine Erbschaftsangelegenheit führt Dich her? Sind Euch Reichthümer zugefallen?“

„Das gerade nicht,“ sagte Max. „Nur ein sehr bescheidenes Vermögen, der Nachlaß eines alten Vetters, der hier in der Umgegend von R. ein kleines Gut besitzt. Ich habe ihn gekannt. Er war mit meinem Vater wegen dessen politischer Vergangenheit vollständig zerfallen. Jetzt ist er ohne Testament und ohne directe Erben gestorben, und Papa erhielt, als der nächste lebende Verwandte, vom hiesigen Gericht die Aufforderung, seine Rechte geltend zu machen. Er persönlich kann das nun freilich nicht; Du weißt ja, daß er sein Vaterland nicht betreten darf, ohne sofort wieder in die Festung zu wandern, die er einst auf dem etwas ungewöhnlichen Wege der Strickleiter verlassen hat; das damalige Urtheil hängt ja noch immer über seinem Haupte. Also hat er mich als seinen Vertreter geschickt.“

„Du hast doch hinreichende Vollmacht?“ warf der Assessor ein.

„Die ausgedehnteste, aber trotzdem wird es Weitläufigkeiten und Formalitäten genug geben. Papas damalige Flucht und dauernde Entfernung verwickeln die Sache einigermaßen, und mein berüchtigter Demagogenname wird die Herren vom Gericht auch gerade nicht zu besonders liebenswürdigem Entgegenkommen veranlassen. Ich habe in dieser Voraussicht einen längeren Urlaub genommen und denke bis zur Erledigung der Sache in R. zu bleiben. Ich rechne sehr auf Deinen juristischen Rath und Beistand.“

„Ich stehe Dir ganz zur Verfügung. Vor allen Dingen aber gieb Dein Quartier im Gasthofe auf und komme zu mir! Ich habe Raum genug.“

„Das werde ich mit Deiner Erlaubniß nicht thun,“ sagte Max trocken.

„Weshalb nicht?“

„Weil ich Dir keine Unannehmlichkeiten mit Deinen Vorgesetzten zuziehen will. Oder kannst Du mir versichern, daß Dein Besuch bei uns ganz unbemerkt und ungerügt vorüber gegangen ist?“

Georg sah zu Boden. „Ich habe allerdings einige scharfe Worte von meinem Chef hinnehmen müssen, aber die Bevormundung und die Rücksicht auf meine Stellung hat ihre Grenzen. Meine Freundschaftsbeziehungen opfere ich ihr nicht.“

„Das brauchst Du auch nicht,“ erklärte der junge Arzt, „aber Du brauchst den Conflict auch nicht herauszufordern. Du weißt, ich halte gar nichts von den nutzlosen Aufopferungen, und Deine Einladung ist eine solche. Keine Einwendung, Georg! Ich bleibe unbedingt im Gasthofe. Du compromittirst Dich schon genug in den Augen aller loyalen Gemüther, wenn Du mich nicht als Freund verleugnest.“

Die Weigerung wurde in so bestimmtem Tone ausgesprochen, daß Georg einsah, wie nutzlos jeder fernere Versuch sein würde, er fügte sich also.

„Nun, so laß mich Dir wenigstens zu der Erbschaft gratuliren,“ nahm er wieder das Wort. „Sie ist, wenn auch nicht bedeutend, doch immer von Wichtigkeit für Euch.“

„Gewiß, und das hauptsächlich um meines Vaters willen. Er kann sich nun ungestört seiner geliebten Wissenschaft hingeben, ohne daß die Existenzfrage ewig für ihn im Vordergrunde steht. Auch ich gewinne dadurch eine langgewünschte Selbstständigkeit. Ich hätte längst schon meine Stellung am Hospital aufgegeben, wäre es nicht nothwendig gewesen, unserem Haushalt ein festes Einkommen zu sichern, das er nun entbehren kann. Ich werde mir jetzt eine Praxis gründen und mich verheirathen.“

„Du willst heiraten?“ fragte Georg erstaunt.

„Natürlich will ich das. Eine Frau muß der Mensch doch haben – das gehört zur Bequemlichkeit.“

„Aber wen willst Du denn heiraten?“

„Das weiß ich noch nicht. Sobald ich einen eigenen Herd habe, halte ich Umschau und führe die Braut heim.“

„Doch wohl eine von den Töchtern des Schweizerlandes?“

„Gewiß! Ich schätze die tüchtige praktische Natur dieses Volkes sehr hoch, wenn auch bisweilen einige Derbheiten mit unterlaufen. Zartheit kann ich bei meiner Frau ohnehin nicht brauchen; Eheleute müssen zu einander passen.“

„Da gehst ja sehr gründlich zu Werke,“ spottete Georg. „Du hast Dir wohl ein förmliches Programm zurecht gemacht, mit all den Eigenschaften, die Deine zukünftige Frau besitzen muß? Also, Paragraph eins –?“

„Vermögen!“ sagte Max lakonisch. „Ja, da empören sich nun wieder Deine idealistischen Gefühle. Vermögen ist unerläßlich. Zweitens: praktische Hausfrauenerziehung – das ist ebenso wichtig, wenn man ein bequemes Leben führen will. Drittens: blühende Gesundheit; ein Arzt, der sich mit allen möglichen Krankheiten herumschlägt, will nicht auch in seinem Hause den Doctor spielen. Viertens: –“

„Um Gottes willen, höre auf!“ unterbrach ihn der Freund. „Ich glaube, Du hast ein Dutzend Paragraphen für Dein Eheglück nöthig. Die Liebe steht wohl in keinem derselben?“

„Die Liebe kommt nach der Hochzeit,“ versetzte der junge Arzt zuversichtlich. „Bei vernünftigen Leuten wenigstens, und die besten Ehen sind die, welche mit genauer Berechnung der Charaktere und Verhältnisse geschlossen werden. Sobald das Programm stimmt, mache ich meinen Antrag und heirathe. Punctum!“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 14, S. 223–226
Fortsetzungsroman – Teil 6


[223] Georg lächelte ein wenig schmerzlich, als er seine Hand auf die Schulter des Freundes legte. „Mein lieber Max, ich weiß sehr gut, wem Deine ganze Predigt gilt; sie nützt leider nichts. Du freilich wirst das nicht eher einsehen, bis Dir irgend eine Leidenschaft einen Strich durch Deine sämmtlichen Paragraphen und durch Dein Punctum macht.“

„Bitte, ich bin kein Schwärmer,“ protestirte Max. „Die Schwärmerei überlasse ich gewissen anderen Leuten. Wie steht es denn eigentlich mit der Deinigen? Habe ich auch hier Aussicht auf den Posten als Vertrauter und auf gelegentliche Verwendung als Schildwache? Ich stehe zu Befehl.“

Georg seufzte. „Nein, Max, davon ist keine Rede. Ich sehe Gabriele ja kaum und habe sie erst ein einziges Mal in Gegenwart ihrer Mutter gesprochen. Der Gouverneur hat einen förmlichen Wall vornehmer Abgeschlossenheit um sich und sein ganzes Haus gezogen; es ist unmöglich, ihn zu durchbrechen.“

„Armer Junge!“ sagte Max mitleidig. „Nun kann ich mir auch Dein elegisches Aussehen erklären. Siehst Du, das kommt davon, wenn man solche Dinge allzu gefühlvoll nimmt. Davor schützen mich mein Programm und meine Paragraphen, die Du wirklich ganz unnöthig verspottest.“

[224] Georg zog die Uhr und warf einen Blick darauf. „Verzeihe! Ich muß jetzt in die Kanzlei. Unsere Bureaustunde beginnt bald. Von drei Uhr an aber bin ich frei und suche Dich dann sofort auf. Soll ich Dich nach Deinem Gasthofe bringen?“

Der junge Arzt zog es vor, seinen Freund nach dem Regierungsgebäude zu begleiten, und die Beiden machten sich auf den Weg. Sie schritten in lebhaftem Gespräche durch die Straßen und holten am Fuße des Schloßberges den Hofrath Moser ein. Dieser wohnte zwar im Regierungsgebäude selbst, pflegte aber Morgens, vor Beginn der Bureaustunden, einen Spaziergang zu machen, von dem er jetzt eben zurückkehrte. Er schritt wie gewöhnlich langsam, steif und feierlich dahin, das Kinn in die weiße Halsbinde vergraben, und erwiderte mit vieler Würde den Gruß seines jungen Untergebenen.

„Sie sehen angegriffen aus, Herr Assessor,“ sagte er in wohlwollendem Tone. „Sogar Excellenz haben das bemerkt und sprachen mit mir darüber. Excellenz meinten, Sie arbeiteten zu viel und würden damit Ihre Gesundheit untergraben. Man kann auch des Guten zu viel thun; Sie sollten sich schonen.“

„Das predige ich meinem Freunde oft genug,“ fiel Max ein, aber immer ohne Erfolg. „Erst heute, am frühen Morgen, habe ich ihn wieder vom Schreibtische aufjagen müssen. Er schlägt all meine ärztlichen Rathschläge in den Wind.“

„Sie sind Arzt?“ fragte der Hofrath; er erwartete offenbar eine Vorstellung des ihm gänzlich unbekannten jungen Mannes.

„Mein Freund, Doctor Brunnow,“ sagte Georg. „Herr Hofrath Moser.“

Der Hofrath tauchte plötzlich aus seiner weißen Halsbinde empor. „Brunnow – Brunnow,“ wiederholte er.

„Ist Ihnen der Name bekannt, Herr Hofrath?“ fragte Max ruhig.

Aus dem Gesichte des alten Herrn war alles Wohlwollen verschwunden; es prägte sich eine Art von Entsetzen darauf aus, als er in scharfem Tone erwiderte:

„Der Name ist in früheren Zeiten oft genannt worden, zuerst bei der Rebellion, dann vor den Gerichten und später auf der Festung, bei der Flucht eines Gefangenen. Ich hoffe, Sie stehen in keiner Beziehung zu jenem Doctor Brunnow, den ich meine.“

„Doch,“ sagte der junge Arzt mit einer sehr artigen Verbeugung, „in der allernächsten. Doctor Brunnow ist mein Vater.“

Der Hofrath wich schleunigst einige Schritte zurück als müsse er sich vor einer etwaigen Berührung in Sicherheit bringen. Dann wandte er dem jungen Manne den Rücken und concentrirte seinen ganzen entsetzensvollen Zorn auf Georg.

„Herr Assessor Winterfeld,“ begann er in verachtendem Tone, „es giebt Beamte – sogar ganz tüchtige und fähige Beamte – die gleichwohl die erste und heiligste Pflicht des Staatsdieners nicht kennen oder nicht kennen wollen, die Loyalität. Kennen Sie solche Beamte?“

Georg gerieth in einige Verlegenheit.

„Ich weiß nicht –“

„Nun, ich kenne sie,“ sagte der Hofrath mit einer unheimlichen Feierlichkeit, „und ich beklage sie, denn sie sind meist nur das Opfer der Verführung und des bösen Beispiels.“

Der junge Beamte runzelte die Stirn; er war allerdings an ähnliche salbungsvolle Predigten seines Vorgesetzten gewöhnt, aber jetzt, in Gegenwart seines Freundes, fühlte er doch das Peinliche derselben und erwiderte daher gereizt:

„Seien Sie überzeugt, Herr Hofrath, daß ich meine Pflichten kenne, aber darüber hinaus –“

„Ja, ich weiß, die jungen Herren sind sämmtlich Weltverbesserer und halten es für charaktervoll, Opposition zu machen,“ unterbrach ihn Moser, der es sehr liebte, die Worte seines Chefs, die für ihn Orakelsprüche waren, bei passender und unpassender Gelegenheit anzubringen, „aber das ist gefährlich, denn die Opposition führt schließlich zur Revolution, und die Revolution,“ der Hofrath schauderte, „ist etwas Schreckliches.“

„Etwas sehr Schreckliches, Herr Hofrath!“ sagte Max mit Nachdruck.

„Finden Sie das?“ fragte Moser, etwas aus der Fassung gebracht durch diese unerwartete Zustimmung.

„Ganz unbedingt, und ich finde es überdies sehr verdienstlich, daß Sie meinem Freunde in’s Gewissen reden. Ich habe es ihm auch oft gesagt; er ist lange nicht loyal genug.“

Der Hofrath stand ganz starr bei diesen mit unverwüstlicher Ernst gesprochenen Worten. Er war im Begriff zu antworten, vergrub aber plötzlich sein Kinn in die Halsbinde und nahm eine devote Haltung an.

„Seine Excellenz!“ sagte er halblaut und zog ehrfurchtsvoll den Hut.

Es war in der That der Gouverneur, der vom Schlosse kam und sich zu Fuße in die Stadt begab. Er erwiderte den Gruß der Herren in seiner kühlen abgemessenen Weise, streifte mit einem flüchtigen Blicke den jungen Brunnow und wandte sich dann zu Moser.

„Gut, daß ich Sie treffe, lieber Hofrath! Ich wollte Ihnen noch etwas mittheilen – begleiten Sie mich auf einige Minuten!“

Der Hofrath schloß sich seinem Chef an und Beide schlugen die Richtung nach der Stadt ein, während die beiden jungen Männer ihren Weg nach dem Schlosse fortsetzten.

„Das ist also Euer Despot?“ fragte Max, als sie außer Hörweite waren. „Der vielgeschmähte und vielgefürchtete Raven! Eine imponirende Erscheinung ist er – das muß man ihm lassen. Eine Haltung und ein Anstand, die einem Fürsten gar nicht übel stehen würden, und dazu dieser Herrscherblick, mit dem er mich streifte. Man sieht es, der Mann versteht zu befehlen.“

„Und zu unterdrücken,“ setzte Georg mit Bitterkeit hinzu. „Davon haben wir erst kürzlich wieder eine neue Probe erhalten. Die ganze Stadt ist in Gährung wegen der unerhörten Polizeimaßregeln, die er über sie verhängt hat. Er will mit Gewalt die Opposition niederschlagen, die sich immer mächtiger und drohender zu regen beginnt. Es ist ein Schlag in’s Gesicht, den er der gesammten Bürgerschaft versetzt.“

„Und die guten Bürger von R. lassen sich das ruhig gefallen?“

Georg warf vorsichtig einen Blick um sich. Der Weg war völlig leer und das Gespräch sicher vor unberufenen Ohren; dennoch senkte der junge Mann die Stimme.

„Was sollen sie denn thun? Etwa rebelliren gegen den von der Regierung eingesetzten Gouverneur? Das würde die schwersten Folgen nach sich ziehen, und doch handelt es sich vielleicht nur darum, dieser Regierung die Wahrheit zu enthüllen und all die Willkür, all die Gewaltacte, mit denen ihr Vertreter seine Vollmacht mißbraucht, vor dem ganzen Lande aufzudecken. Geschähe dies, dann müßte sie ihn fallen lassen.“

„Oder sie beseitigt statt dessen den unbequemen Warner. Es wäre nicht das erste Mal, daß so etwas geschieht, und dieser Raven sieht nicht aus, als ob er sich leicht stürzen ließe; mindestes reißt er in seinem Sturze alles ihm Feindliche mit sich hinunter.“

„Und doch muß es früher oder später geschehen,“ sagte Georg entschlossen. „Es wird sich doch endlich ein Muthiger finden!“

Der junge Arzt stutzte und richtete einen forschenden Blick auf seinen Freund. „Der willst Du doch nicht etwa sein? Sei kein Thor, Georg, und wirf Dich nicht allein für alle Anderen in die Schanze! Es kann Dich Stellung und Existenz kosten, und überdies – hast Du vergessen, daß der Freiherr der Vormund Deiner angebeteten Gabriele ist? Wenn Du ihn reizest, so hat er Mittel genug in Händen, Dein Lebensglück auf immer zu vernichten.“

„Er wird es ohnehin thun,“ versetzte Georg düster. „Er wird jedenfalls versuchen, seine Mündel bald und glänzend zu vermählen, und sobald er erfährt, daß ich es bin, der dabei im Wege steht, habe ich Alles von ihm zu gewärtigen.“

„Und mit dem ist sicher nicht leicht kämpfen,“ fiel Max ein. „Ich begreife es, daß Du ihn in doppelter Beziehung hassest.“

„Hassen? Ich bewundere Vieles an ihm, und die Stadt und die Provinz danken ihm Vieles. Seine mächtige Energie hat überall neue Hülfsquellen aufgedeckt, überall neue Kräfte erweckt und dienstbar gemacht, aber er hat auch mit eiserner Hand jede Freiheitsregung niedergehalten und erstickt. Die Reactionsperiode verdankt ihm ihre schlimmsten Triumphe.“

„Sie geht ja jetzt zu Ende,“ warf Max ein.

„Ja, Gott sei Dank – sie geht zu Ende. Das alte System wankt bereits in all seinen Fugen und seine Diener suchen einzulenken, nur zu retten was noch zu retten ist. Nur Raven allein hält noch mit starrer Consequenz fest an der Vergangenheit; er läßt sich nicht die geringste Nachgiebigkeit, nicht das [225] kleinste Zugeständniß abringen und hört keine der warnenden Stimmen, die doch auch zu ihm dringen. Ist das Verblendung oder Charakterfestigkeit? Ich begreife es nicht.“

„Charakterfestigkeit – bei einem Renegaten?“

Georg sah gedankenvoll vor sich nieder; plötzlich sagte er: „Max, es giebt Augenblicke, wo ich eher an den Worten Deines Vaters zweifeln, als meinem Chef etwas Ehrloses zutrauen möchte. Ein Verbrechen der Herrschsucht, der Leidenschaft kann er begehen, aber gemeinen, niedrigen Verrath an seinen Freunden – jeder Zug in dem Manne spricht dagegen.“

„Und doch hat er ihn begangen. Glaubst Du, mein Vater würde sein einstiges Idol so grenzenlos hart verurteilen, ohne vollgültige Beweise? Was bedarf es ihrer auch? Das Leben dieses Arno Raven ist Beweis genug. Er war einst ein glühender Freiheitsschwärmer – was ist er jetzt?“

„Du hast Recht, und doch – laß uns abbrechen! Wir sind am Schlosse.“

Sie hatten in der That das Regierungsgebäude erreicht und mußten sich hier trennen. Es wurde noch rasch eine Verabredung für den Nachmittag getroffen, dann begab sich Georg in die Kanzlei und Max, der keine Eile hatte, in die Stadt zurückzukehren, nahm erst noch flüchtig das Schloß in Augenschein, das für Fremde allerdings eine der Sehenswürdigkeiten von R. bildet. Der junge Arzt kümmerte sich zwar herzlich wenig um Baustil und alterthümliche Romantik, aber das Schloß interessirte ihn seines jetzigen Bewohners wegen. Er streifte also durch die Bogengänge und Gallerien, so weit sie zugänglich waren, und wollte endlich wieder zurückkehren, irrte sich aber und gerieth, statt den Ausgang zu gewinnen, in einen der Seitenflügel. Er bemerkte den Irrthum erst, als er einen Corridor betrat, der zweifellos zu einer Wohnung führte, und war gerade im Begriffe, umzukehren, als die Thür jener Wohnung sich öffnete und eine ältere Frau heraussah.

„Da sind Sie ja, Herr Doctor,“ sagte sie erfreut. „Bitte, treten Sie nur ein! Das Fräulein wartet schon.“

„Auf mich?“ fragte Max, erstaunt über diese vertrauliche Begrüßung.

„Gewiß. Sie sind doch der Arzt?“

„Der bin ich allerdings.“

„Nun, dann kommen Sie nur herein! Ich werde Sie dem Fräulein melden.“ Damit verschwand die Frau, dem Anscheine nach eine Wirthschafterin oder Beschließerin, während Max in dem Entréezimmer blieb, wohin sie ihn genöthigt hatte.

„Das nenne ich Glück,“ sagte er halblaut. „Gleich bei den ersten Schritten, die ich hier in R. thue, fällt mir ganz unvermuthet eine Praxis in den Schooß. Sehen wir zu, wie die Sache sich entwickelt!“

Sie entwickelte sich ziemlich rasch. Schon nach einigen Minuten kam die Frau zurück und führte ihn in ein behaglich und freundlich ausgestattetes Wohnzimmer, wo eine junge Dame sich bei seinem Eintritte von ihrem Platze am Fenster erhob und ihm entgegen kam.

Es war noch ein sehr junges Mädchen, vielleicht sechszehn oder siebenzehn Jahre alt, hoch und schlank gewachsen, aber von sehr kränklichem Aussehen. Eine durchsichtige Blässe bedeckte das nicht gerade schöne, aber zarte und angenehme Gesicht. Um die Augen zogen sich bläuliche Schatten während Wangen und Lippen kaum eine Spur von Röthe zeigten. Die Kleidung war von einer fast übertriebenen Einfachheit und durchaus klösterlichem Zuschnitte. Das schwarze Kleid, ohne die geringste Verzierung, schloß hoch am Halse und dicht an den Handgelenken. Ein schwarzes Spitzentuch verhüllte vollständig das Haupt, sodaß nur ein schmaler Streifen des glattgescheitelten dunklen Haares sichtbar wurde. Die Haltung der jungen Danne war sehr schüchtern und verlegen, als sie mit niedergeschlagenen Augen vor dem Arzte stand, ohne ein Wort zu sprechen.

„Sie wünschen ärztlichen Rath, mein Fräulein?“ fragte Max endlich, nachdem er vergebens auf eine Anrede gewartet hatte. „Ich stehe Ihnen zu Diensten.“

Bei dem Klange seiner Stimme hob das junge Mädchen die Augen empor, ein paar ausdrucksvolle dunkle Augen, senkte sie aber schnell wieder und trat mit offenbarer Aengstlichkeit einen Schritt zurück. Auch ihrer älteren Gefährtin schien bei genauerer Betrachtung das jugendliche Aussehen des Doctors Bedenken zu erregen, denn sie verweilte dicht neben ihrer Schutzbefohlenen, die jetzt mit leiser, weich klingender Stimme antwortete:

„Mein Vater wünscht, daß ich den Rath eines Arztes in Anspruch nehme. Es ist gewiß nicht nothwendig; ich fühle mich nicht eigentlich krank.“

„Sie sind es aber gründlich,“ fiel die Aeltere ein, die mehr zur Familie als zur Dienerschaft zu gehören schien. „Und der Herr Hofrath besteht doch nun einmal darauf.“

„Herr Hofrath Moser?“ fragte Max, dem urplötzlich ein Licht aufging, in wessen Haus ihn der Zufall geführt hatte.

„Ja. Haben Sie ihn denn nicht gesprochen?“

„Vor zehn Minuten, ehe ich hierher kam,“ erklärte der junge Arzt, mühsam das Lachen unterdrückend. Er vergegenwärtigte sich das entsetzte Zurückweichen des loyalen Hofrathes, als der Name seines Vaters genannt wurde. Unter anderen Umständen würde er den Irrthum wohl aufgeklärt haben, jetzt aber dachte er nur an den Aerger des alten Herrn, der ihn so ungnädig behandelt hatte, wenn er den Demagogensprößling in seiner eigenen Wohnung entdecken würde. Brunnow beschloß auf alle Fälle seinen Platz zu behaupten.

„Sie sehen aber doch leidend aus, mein Fräulein,“ nahm er wieder das Wort, indem er ihre Hand ergriff und den Puls aufmerksam prüfte. „Wollen Sie mir einige Fragen erlauben?“

Das Examen begann. Sobald Max einen Patienten vor sich hatte, war er nichts weiter als Arzt, den nur der vorliegende Krankeitsfall interessirte, auch jetzt traten alle übermüthigen Regungen davor zurück. Er stellte seine Fragen kurz, knapp und klar, ohne viel Worte zu machen, ohne sich irgendwie von der Sache zu entfernen, und das schien seiner jungen Patientin allmählich Vertrauen einzuflößen. Sie wurde unbefangener, ausführlicher in ihren Antworten und sah sich nicht mehr bei jedem Worte ängstlich nach ihrer Beschützerin um. Endlich war das Examen zu Ende, und Max schien davon befriedigt zu sein.

„Ich glaube nicht, daß ein Grund zu ernsten Besorgnissen vorliegt,“ sagte er. „Ihr Leiden scheint nervöser Natur zu sein, vielleicht durch geistige Ueberreizung veranlaßt und durch Mangel an Luft und Bewegung verschlimmert.“

„Ja wohl,“ mischte sich die Wirthschafterin ein, die augenscheinlich gewohnt war, überall mitzusprechen. „Fräulein Agnes macht sich gar keine Bewegung und kommt nie in’s Freie, den täglichen Gang in die Frühmesse ausgenommen. Ich habe immer gesagt, daß das Beten, Kasteien und Fasten –“

„Aber Christine!“ unterbrach sie das junge Mädchen bittend.

„Ach was, dem Doctor muß man beichten,“ versetzte Christine. „Das Fräulein übertreibt es wirklich mit der Frömmigkeit, Herr Doctor, und liegt den ganzen Tag auf den Knieen.“

„Das ist sehr unzuträglich; das müssen Sie unterlassen,“ sagte der junge Arzt dictatorisch.

Fräulein Agnes sah mit einem Ausdrucke des Schreckens auf, als traue sie ihren eigenen Ohren nicht.

„Herr Doctor –“

„Auch der tägliche Gang zur Frühmesse muß unterbleiben,“ fuhr Max mit der gleichen Entschiedenheit fort, ohne den Einwand zu beachten. „Sie haben allen Grund, sich vor Erkältungen zu hüten, und die Morgen werden schon herbstlich kühl. Das Fasten aber verbiete ich ein für alle mal ganz entschieden; es ist geradezu Gift für Ihren Zustand.“

„Aber Herr Doctor!“ sagte das junge Mädchen zum zweiten Male, doch auch dieser Protest fand kein Gehör. Max ließ sich durchaus nicht beirren.

„Dagegen verordne ich Ihnen täglich einen längeren Spaziergang, aber in der Mittagsstunde, möglichst viel Luft, Bewegung und auch Zerstreuung. Die Wintervergnügungen nehmen ja bald ihren Anfang. Sie dürfen freilich nicht allzu viel tanzen.“

Jetzt zog sich Agnes mit der gleichen Schnelligkeit zurück, wie vorhin ihr Vater – um mindestens drei Schritte. „Tanzen?“ wiederholte sie ganz außer sich. „Tanzen?“

„Ja, warum denn nicht? Das thun alle jungen Mädchen. Sie werden doch nicht allein eine Ausnahme machen wollen?“

[226] „Ich habe nie getanzt,“ versetzte sie schnell und mit so viel Entschiedenheit, wie die weiche Stimme nur zuließ, „ich habe mich stets fern von den weltlichen Zerstreuungen gehalten. Sie sind sündhaft, und ich verabscheue sie.“

„Nun, Sie sollten es doch erst einmal probiren,“ meinte der junge Arzt wohlwollend. „Doch dergleichen Verordnungen gehen über meine ärztlichen Befugnisse hinaus. Ich werde Ihnen vorläufig eine Arznei verschreiben und in wenigen Tagen wieder vorsprechen; dann wollen wir weiter sehen. Haben Sie Papier und Feder zur Hand?“

Christine brachte beides, und er setzte sich zum Schreiben nieder. Agnes war an das Fenster geflüchtet und faltete, mit dem deutlichen Ausdruck des Entsetzens in den Zügen, die Hände. Als das Recept fertig war, trat Max wieder zu ihr und löste ohne Umstände die gefalteten Hände, um nochmals den Puls zu prüfen.

„So! Und nun bitte ich, daß meine Verordnungen pünktlich befolgt werden; dann wird sich hoffentlich bald Besserung einstellen. Leben Sie wohl, mein Fräulein!“

Er ging. Christine schloß die Thür hinter ihm zu und kam dann zurück. „Der versteht es,“ sagte sie. „Der befiehlt und commandirt ja, als wäre er allein hier Herr und Meister. Wie finden Sie denn eigentlich den Doctor, Fräulein?“

„Ich finde ihn sehr gottlos,“ erklärte Fräulein Agnes mit Nachdruck.

„Ja, die Aerzte sind alle nicht fromm,“ meinte Christine.

„Und noch so sehr jung!“ fuhr Agnes fort, in einem Tone, als hätte sie damit die schwerste Anklage ausgesprochen.

„Ich habe ihn mir auch älter gedacht. Aber gescheit sieht er aus und pünktlich ist er auch. Um neun Uhr hatte er seinen Besuch angekündigt, und Schlag neun Uhr stand er im Corridor. Ich begreife nur nicht, wo der Herr Hofrath bleibt, er muß irgend eine Abhaltung gehabt haben, denn er wollte doch zugegen sein.“

„Der Doctor hat meinen Vater gesprochen. Meinst Du denn, Christine, daß ich die Arznei nehmen soll?“

„Nun, gewiß! Deshalb haben wir ja den Doctor kommen lassen. Mir gefällt er trotz seiner kurz angebundenen Art. Geben Sie Acht, Fräulein – der stellt Sie wieder her.“

Es blieb unentschieden, ob Agnes derselben Meinung war oder nicht. Sie hatte das Recept in die Hand genommen und sah darauf nieder, endlich legte sie es bei Seite und sagte ernsthaft: „Wenn er nur nicht so gottlos wäre!“

Max stieg gerade die Treppe hinunter, als er einen älteren Herrn begegnete, der hinaufstieg. Derselbe trug eine goldene Brille, einen Stock mit einem vergoldeten Knopfe und hatte einen äußerst wichtigen Gesichtsausdruck. Der junge Arzt blieb stehen und sah ihm nach.

„Ich wette darauf, das ist mein verehrter College, der den angekündigten Besuch macht. Jetzt wird er sich den Kopf darüber zerbrechen, wer es ist, der ihm die Praxis so vor der Nase weggenommen hat. Und nun erst der Aerger dieses feierlichen, urloyalen Hofraths, wenn er die Geschichte erfährt und meinen Namen auf dem Recepte liest! Ich wollte, ich könnte mich ihm in meiner neuen Eigenschaft als sein Hausarzt vorstellen.“

Der boshafte Wunsch sollte in Erfüllung gehen; am Fuße des Schloßberges traf Max mit dem Hofrathe zusammen, der „Excellenz“ pflichtgemäß begleitet hatte und nun zurückkam. Sein Blick war kaum auf den Demagogensprößling gefallen, als er Miene machte, die unloyale Begegnung zu vermeiden und auszuweichen, der junge Arzt aber trat mit der größten Artigkeit auf ihn zu.

„Ich freue mich sehr, Sie nochmals zu sehen, Herr Hofrath,“ begann er. „Ich komme soeben von Ihrer Fräulein Tochter.“

Diesmal schoß das Gesicht des Hofrathes förmlich aus der weißen Halsbinde empor. „Von meiner Tochter?“ wiederholte er.

„Ja, von Fräulein Moser. Ich kann Ihnen die Beruhigung geben, daß der Zustand der jungen Dame nicht gefährlich ist, wenn die Patientin auch großer Schonung und Pflege bedarf. Sie ist allerdings sehr nervös, indessen –“

„Herr, wie kommen Sie zu meiner Tochter?“ rief der Hofrath.

„Indessen, das wird sich bei geeigneter Behandlung geben,“ fuhr Max fort, ohne sich in seiner Rede an Geringsten stören zu lassen. „Ich habe vorläufig eine Arznei verordnet, von der ich mir die beste Wirkung verspreche, und komme in einigen Tagen wieder, um nach dem Fräulein zu sehen.“

„Ich habe Sie aber gar nicht gerufen,“ protestirte der Hofrath, dem es jetzt ganz wirr im Kopfe zu werde begann, da er sich den Zusammehang des ihm Berichteten gar nicht erklären konnte.

„Bitte, ich wurde gerufen,“ sagte Max. „Fragen Sie nur Frau Christine! Wie gesagt, ich hoffe sehr viel von der Arznei und komme übermorgen wieder. Bitte, keinen Dank, Herr Hofrath! Es geschieht mit dem größten Vergnügen. Wollen Sie mich dem Fräulein empfehlen? Auf Wiedersehen!“

Hofrath Moser stand einige Secunden lang starr, wie eine Bildsäule, dann aber eilte er im Sturmschritt nach seiner Wohnung, um dort die Aufklärung des Räthsels zu suchen, während der junge Arzt lachend den Weg nach der Stadt einschlug.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 15, S. 239–242
Fortsetzungsroman – Teil 7


[239] Das ganze erste Stockwerk des Regierungsgebäudes war glänzend erleuchtet. Bei dem Gouverneur fand alljährlich am Geburtstage des Landesherrn eine große Festlichkeit statt, wo die Elite der Stadt und der Umgegend zu erscheinen pflegte. Diesmal sollte sich dem üblichen Empfange noch ein Ball anschließen, eine Neuerung, die man wohl hauptsächlich der Anwesenheit der Baronin Harder und ihrer Tochter verdankte, die aber von der Damenwelt Rs. entschieden beifällig aufgenommen wurde.

Es war noch zu früh für die Ankunft der Gäste, aber die Festräume strahlten schon in vollem Glanze, und die Diener hatten sich, nachdem die letzten Vorbereitungen beendigt waren, in das Vorzimmer zurückgezogen. Gabriele war mit der Toilette früher fertig geworden als ihre Mutter, die noch immer die Geduld ihres Kammermädchens auf eine harte Probe stellte und fortwährend an dem Anzuge zu ändern und zu bessern fand. Die junge Baronin betrat also allein den kleinen Salon, am Anfange jener Zimmerreihe, die nur bei festlichen Gelegenheiten geöffnet wurde. Die Hauptwand dieses Salons schmückte ein Bild, dessen reich vergoldeter Rahmen sich effectvoll von der dunklen Sammettapete abhob. Es stellte die verstorbene Gemahlin des Freiherrn von Raven dar und war von einem der berühmtesten Künstler gemalt worden. Aber auch dessen Hand hatte es nicht vermocht, den nicht unangenehmen, aber völlig apathischen und geistlosen Zügen irgend ein Interesse zu verleihen; eine gewisse Vornehmheit der Haltung und eine überreiche Toilette-Entfaltung war das Einzige, was den Beschauer flüchtig zu fesseln vermochte. Wer dieses Bild sah und sich daneben die bedeutende, energische Persönlichkeit des Freiherrn vergegenwärtigte, der fühlte heraus, wie tief die geistige Kluft zwischen den beiden Gatten, wie unmöglich eine gegenseitige Annäherung derselben gewesen sein mußte.

Gabriele war vor dem Bilde stehen geblieben und betrachtete es noch, als sich die Thür öffnete, die am Ende der langen Zimmerflucht zu den Gemächern des Freiherrn führte. Raven selbst trat heraus. Er war heut, zu Ehren des Tages, in voller Galakleidung, und die reiche Hoftracht mit dem breiten Ordensbande über der Brust hob noch das Imponirende seiner Erscheinung, als er langsam, in gewohnter stolzer Haltung durch die Säle schritt und sich dem jungen Mädchen näherte.

„Sieh da, Gabriele! Schon fertig? Was stehst Du so nachdenkend hier vor dem Bilde?“

Es sprach ein deutliches Mißvergnügen aus den letzten Worten. Gabriele bemerkte es nicht; sie antwortete unbefangen: „Ich wundere mich, das Portrait der Tante hier zu finden. Hast Du denn in Deinen eigenen Zimmern keinen Raum dafür?“

„Nein!“ war die kurze, aber sehr bestimmte Antwort.

„Aber die Gesellschaftsräume werden ja kaum einige Male im Jahre geöffnet. Weshalb hängt das Bild nicht in Deinem Arbeitszimmer?“

„Wozu das?“ fragte Raven kalt. „Deine Tante hat es nie betreten. Ich habe ihr Portrait in die Salons bringen lassen, wo es jedenfalls besser an seinem Platze ist. – Wie gefallen Dir die Festräume des Schlosses? Du siehst sie ja zum ersten Male in voller Beleuchtung.“

Sein jähes Abbrechen verrieth, wie lästig ihm das Gespräch war. Er nahm ohne Weiteres den Arm Gabrielens, führte sie weg von dem „Portrait ihrer Tante“, und begann mit ihr eine Wanderung durch die Gemächer, um ihr Verschiedenes zu zeigen und zu erklären. Die Flügelthüren waren überall weit zurückgeschlagen, und man übersah die ganze Reihe der Zimmer und Säle. Es waren wahrhaft fürstliche Räume, die dem Gouverneur zu Gebote standen, und ihnen entsprach die schwere, etwas alterthümliche Pracht der Einrichtung. Die reichen Wand- und Deckenverzierungen, die tiefen Fensternischen und hohen Marmorkamine gehörten noch der früheren Zeit des Schlosses an. Man hatte sie unverändert gelassen, aber dazu gesellten sich kostbare Damast- und Atlastapeten, schwere Sammetvorhänge, reiche Vergoldungen, und das Alles, strahlend im hellsten Kerzenglanz, machte einen wahrhaft blendenden Eindruck.

Die junge Baroneß Harder war am wenigsten geschaffen, sich solchen Eindrücken zu entziehen. Sie gab sich ihnen mit voller Seele hin, während sie, ganz erfüllt von Freude und Erwartung, an der Seite ihres Vormundes dahinschritt. Sie hatte ihm gegenüber schnell genug die frühere Unbefangenheit wiedergefunden. Jene seltsame Stunde am Nixenbrunnen war längst vergessen, ebenso wie der flüchtige Ernst, den sie wachgerufen. Das war wie ein Traum an ihr vorübergegangen und schnell und spurlos wie ein Traum auch wieder verschwunden. Auf diesem sonnenhellen Grunde haftete nun einmal nichts, was einen Schatten ähnlich sah. Gabriele empfand es allerdings, daß der Freiherr seit jenem Tage eine ganz ungewohnte Güte und Nachgiebigkeit gegen sie zeigte, hatte er doch den heutigen Ball nur beschlossen, um, wie er sagte, gewissen tanzlustigen Füßchen Gelegenheit zu geben, sich endlich einmal müde zu tanzen. Das

[240] war unerhört bei ihm, der alle Festlichkeiten nur als lästige Etiquettenpflichten betrachtete, aber die junge Dame war es so gewohnt, von den Eltern und der Umgebung verzogen zu werden, daß ihr das alles nicht besonders auffiel. Sie nahm die Güte ihres Vormundes hin, wie sie früher seine Strenge hingenommen hatte, mit dem Uebermuthe und der Launenhaftigkeit eines Kindes, und heute drängte nun vollends der Gedanke an das kommende Fest alles Uebrige bei ihr in den Hintergrund. Sie sprühte von allerlei neckischen Einfällen, und ihr helles Lachen klang immer wieder von Neuem durch die feierliche Stille der Prachträume.

Raven war ernst und schweigsam wie gewöhnlich, aber er hörte mit offenbarem Vergnügen dem Geplauder zu, und dabei haftete sein Blick wie selbstvergessen auf dem jungen Wesen, das so rosig blühend an seinem Arme hing und mit den leuchtenden, glückstrahlenden Augen zu ihm aufblickte. Gabriele hatte nie reizender ausgesehen, als an diesem Abende, in dem duftigen weißen Ballanzuge, durch den sich hier und da blühende Gewinde schlangen, und mit dem vollen Blüthenkranze in den blonden Haaren; ihre ganze Erscheinung war von einem so bestrickenden Zauber, von einer so thaufrischen Anmuth, als sei eine der lustigen, neckischen Elfengestalten der Sage lebendig geworden. In dem Lichtmeer, das heute durch die Säle floß, war sie das Hellste und Lichteste von Allem.

Sie hatten ihren Rundgang beendet und betraten jetzt den großen Empfangssalon, der mit den Portraits verschiedener historischer und fürstlicher Persönlichkeiten geschmückt war. Der blendende Glanz der Kronleuchter floß nieder auf die prachtvollen, aber noch völlig öden Räume, die trotz des festlichen Schmuckes in ihrer Leere und Stille einen beinahe unheimlichen Eindruck machten. Man vernahm nichts, als den Schritt des Freiherrn und das Rauschen des Kleides seiner Begleiterin.

„Wir sind wirklich wie in einem verzauberten Schlosse,“ sagte Gabriele muthwillig. „Die einzigen lebenden Wesen in all der todten Pracht ringsum. Ich habe nicht geglaubt, daß Dir so viel Glanz zu Gebote stände, Onkel Arno; es muß doch schön sein, sich als Herr darüber zu fühlen.“

Der Freiherr sandte einen prüfenden, aber sehr gleichgültigen Blick durch die Gemächer, als er antwortete: „Du findest das wohl sehr beneidenswert? Ich habe von jeher auf diese Seite meiner Stellung wenig Gewicht gelegt.“

„Auch auf diese nicht?“ Gabriele deutete auf das Ordensband. Es war einer der höchsten Orden des Landes, den der Freiherr trug, eine Auszeichnung, wie sie nur in den seltensten Fällen gewährt wurde.

„Auch darauf nicht,“ sagte Raven ruhig, „obwohl ich beides nicht entbehren möchte. Der äußere Glanz ist nun einmal unzertrennlich von jeder Machtsphäre; den meisten Menschen verkörpert sie sich ja nur in solchen Aeußerlichkeiten; also muß man ihnen Rechnung tragen. Ich habe das von jeher gethan, aber mein Streben selbst ging nach anderen Zielen.“

„Die Du doch auch erreicht hast, wie Alles im Leben.“

Der Freiherr schwieg einige Secunden lang. Es war ein rätselhafter Ausdruck, mit dem sein Auge aus dem Antlitze des jungen Mädchens ruhte, als er endlich entgegnete:

„Ich habe Viel erreicht. Alles – nein!“

„Willst Du noch höher hinaus?“ fragte Gabriele mit naiver Verwunderung.

Er lächelte. „Nein, diesmal möchte ich um zwanzig Jahre rückwärts schreiten.“

„Und weshalb denn?“

„Um wieder jung zu sein. Ich habe es in der letzten Zeit oft genug empfunden, daß ich – alt geworden bin.“

Die junge Baroneß deutete neckend auf den großen Wandspiegel, der sich ihnen gerade gegenüber befand. „Sieh dorthin, Onkel Arno, und dann sage es noch einmal, daß Du alt bist!“

Raven folgte der Richtung ihrer Hand. Das helle Glas warf in voller Klarheit sein Bild zurück, die hohe, gebietende Gestalt in reifster Manneskraft. Er musterte es mit einem Gemisch von Befriedigung und leiser Unruhe.

„Und doch stehe ich bereits an der Schwelle der Fünfzig,“ sagte er langsam. „Weißt Du das, Gabriele?“

„Gewiß! Aber weshalb legst Du einen solchen Nachdruck darauf? Du fühlst doch sicher noch nicht einen einzigen der Vorboten des Alters.“

„Eben deshalb komme ich bisweilen in Versuchung, es zu vergessen, und das kann unter Umständen gefährlich werden. Du solltest mich am wenigsten dazu ermuthigen.“

Raven brach plötzlich ab, als er den fragenden Blick des jungen Mädchens gewahrte, das die Aeußerung offenbar nicht verstand. Er wandte sich weg von dem Spiegel und fuhr in leichterem Tone fort:

„Es gefällt Dir also bei mir im Schlosse?“

„Wenn Alles so licht und hell ist wie heute Abend, gewiß,“ versicherte Gabriele. „Am Tage finde ich das Schloß recht düster. Diese hohen Wölbungen, diese tiefen Nischen und breiten Pfeiler geben nichts als Schatten, und Dein Arbeitszimmer ist nun vollends der düsterste Ort, den ich kenne. Die schweren Vorhänge lassen ja auch nicht einen einzigen Sonnenstrahl hinein.“

„Die Sonne stört mich beim Arbeiten,“ wandte der Freiherr ein.

Die junge Dame warf ärgerlich das Köpfchen zurück. „Aber mein Gott, man lebt doch nicht blos, um zu arbeiten.“

„Es giebt aber Naturen, denen die Arbeit Nothwendigkeit und Bedürfniß ist, wie mir zum Beispiel. Ein Schmetterling, wie Du, begreift das freilich nicht. Der fliegt und flattert im Sonnenschein, glänzt in tausend Farben – und ist hin, sobald der bunte Staub von den Flügeln fällt. Es ist etwas Schönes, aber auch etwas Vergängliches um solch ein Schmetterlingsdasein.“

Es lag wieder etwas von dem alten Sarkasmus in den letzten Worten des Freiherrn. Gabriele nahm eine höchst beleidigte Miene an.

„Ah so, Du meinst, ich bin auch so ein buntes Nichts? Nicht wahr, Onkel Arno?“

„Ich meine, daß es ein Unrecht wäre, von Dir zu verlangen, Du solltest Leiden oder Kämpfen gewachsen sein,“ sagte Raven ernster. „Wesen wie Du sind nun einmal nur für Glück und Sonnenschein geschaffen und können in keinem anderen Elemente leben. Die Arbeit und den Kampf überlasse mir und meines Gleichen! Es ist auch eine Bestimmung, der Sonnenstrahl für seine Umgebung zu sein und alles Dunkle licht und hell zu machen; Du hast ganz Recht, es ist töricht, ihn so streng zu verbannen, aus Furcht, man könne dadurch geblendet werden. Warum soll er nicht auch einmal den Herbst vergolden?“

Er hatte sich zu dem jungen Mädchen niedergebeugt und sah ihr tief in’s Auge, als die Flügelthüren geräuschvoll geöffnet wurden und die Baronin Harder über die Schwelle rauschte. Der Freiherr richtete sich jäh empor und warf seiner Schwägerin einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu, den sie zum Glück nicht gewahrte. Sie passirte gerade den großen Wandspiegel und prüfte darin den Effect ihrer Erscheinung. Die Dame hatte von der Freigebigkeit ihres Schwagers einen sehr ausgiebigen Gebrauch gemacht; ihre reiche Toilette war nur etwas zu überladen, um schön zu sein. Die kostbare Atlasrobe verschwand fast unter all dem Sammet und den Spitzen, die sie bedeckten. Das Haar schmückte ein förmlicher Blumengarten, und die gleichfalls durch die Großmuth des Freiherrn aus dem Ruin geretteten Diamanten funkelten an Hals und Armen. Was Toilettenkünste nur leisten konnten, das war aufgeboten worden, und mit deren Hülfe wäre es der Baronin vielleicht auch gelungen, am heutigen Abende noch für eine schöne Frau zu gelten, wenn nicht die jugendlich blühende Gestalt der Tochter neben ihr gestanden hätte. Vor der Anmuth und Frische des siebenzehnjährigen Mädchens hielt keiner jener künstlichen Reize Stand, und daneben erschien die Mutter als das, was sie in der That war, als eine verblühte, alternde Frau.

„Verzeihung, wenn ich habe warten lassen!“ sagte sie, sich mit gewohnter Liebenswürdigkeit ihrem Schwager nähernd. „Ich wußte nicht, daß Sie bereits im Salon waren, Arno, und noch ist Niemand von den Gästen vorgefahren. Gabriele hat Sie hoffentlich während meiner Abwesenheit unterhalten.“

Raven erwiderte nichts. „Unsere Gäste müssen sogleich erscheinen,“ äußerte er nach einer Weile, sichtlich verstimmt durch die Unterbrechung, und in der That hörte man gleich darauf den ersten Wagen vorfahren. Der Freiherr bot seiner Schwägerin [241] den Arm, um sie zu ihrem Platze am oberen Ende des Saales zu führen, dabei ging sein Blick prüfend von der Mutter zur Tochter.

„Gabriele gleicht Ihnen doch gar nicht, Mathilde,“ sagte er plötzlich, und der Ton verrieth eine geheime Befriedigung.

„Finden Sie das?“ fragte die Baronin, die wahrscheinlich die entgegengesetzte Bemerkung lieber gehört hätte. „Es mag sein, daß sie mehr ihrem Vater –“

„Auch dem Baron gleicht sie nicht im Mindesten,“ fiel Raven ein. „Sie hat auch nicht einen einzigen Zug von ihren Eltern geerbt – Gott sei Dank!“ setzte er bei sich selber hinzu.

Die Baronin schwieg mit empfindlicher Miene, obwohl sie den verletzenden Schluß der Bemerkung nicht vernehmen konnte. Es ließ sich freilich nicht leugnen, daß Gabriele weder die Harder’schen Familienzüge, noch die ihrer Mutter trug, sie war beiden Eltern so unähnlich, wie nur möglich.

Den ersten Gästen, die jetzt eintraten, folgten bald mehrere. Wagen auf Wagen rollte in das Portal des Regierungsgebäudes, und die Säle begannen sich allmählich zu füllen. Die Einladungen waren diesmal in so ausgedehntem Maße ergangen, daß die weiten Festräume sich kaum ausreichend erwiesen für die glänzende Versammlung, die sich darin bewegte. Inmitten der Civiltracht, welche die meisten der Herren trugen, sah man auch zahlreiche Uniformen und die zum Theil prachtvollen Toiletten eines reichen Damenflors. Die Spitzen sämmtlicher Behörden, der Commandant und die Officiere der Garnison, wie die der nahegelegenen Festung waren vollzählig erschienen; ebenso das ganze Beamtenpersonal des Freiherrn und überhaupt Alles, was in den Gesellschaftskreisen von R. nur irgendwie aus Stellung oder Bedeutung Anspruch machen konnte. Da die Veranlassung des Festes eine officielle war, so galt die Annahme der Einladungen als selbstverständlich, und aus diesem Grunde waren auch der Bürgermeister und die übrigen Vertreter der Stadt anwesend, trotz des Conflictes, der zwischen ihnen und dem Gouverneur schwebte und an jedem Tage an Schärfe und Ausdehnung gewann.

Freiherr von Raven schien diesen Conflict für heute gänzlich zu ignoriren. Er empfing die Gäste, wie alle Uebrigen, mit vollendeter Artigkeit, aber auch mit jener kühlen Zurückhaltung, die ihm eigen war und stets eine unsichtbare Schranke um ihn zog. An seiner Seite machte die Baronin Harder die Honneurs des Hauses und nahm mit großer Befriedigung wahr, daß sie und ihre Tochter im Vordergrunde des allgemeinen Interesses standen. Beide Damen hatten bisher noch keine Gelegenheit gehabt, an dem Gesellschaftsleben von R. theilzunehmen, das erst jetzt mit dem beginnenden Herbste seinen Anfang nahm. Erst mit dem heutigen Feste traten sie in die Kreise ihrer neuen Heimath, die ihnen zum Theil noch fremd waren und in denen ihre nahe Verwandtschaft mit dem Gouverneur ihnen gleichfalls den ersten Platz anwies. Es war natürlich, daß sie den Mittelpunkt für die sämmtlichen Gäste bildeten, aber während die Baronin all die Artigkeiten und Aufmerksamkeiten in Empfang nahm, die der Dame des Hauses gebührten, feierte die Schönheit und Anmuth ihrer Tochter wahre Triumphe; die junge Baroneß war fortwährend umringt, gefeiert, bewundert, und besonders die jüngeren Herren wagten einen förmlichen Sturm, um die Zusage irgend eines Tanzes zu erhalten. Raven blickte bisweilen zu den Gruppen hinüber, die sich immer wieder von Neuem um sein reizendes Mündel bildeten, aber es lag nur ein halbes Lächeln auf seinen Lippen. Er sah, mit welchem Vergnügen, aber auch mit welcher Unbefangenheit sie die Huldigungen entgegennahm, die ihr von allen Seiten dargebracht wurden.

In der That waren Triumphe und Huldigungen das beste Mittel, die Ungeduld zu beschwichtigen, mit der Gabriele die Annäherung eines Einzigen erwartete, während immer neue Gestalten vor ihr auftauchten und eine unendliche Menge von Namen an ihrem Ohre vorüberschwirrte. Georg Winterfeld war längst im Saale, aber sie hatte kaum einige flüchtige Worte mit ihm wechseln können. Er hatte eben erst ihre Mutter und sie begrüßt, als der Oberst herantrat, um seine beiden Söhne vorzustellen, und die Aufmerksamkeit der Damen vollständig für sich und die jungen Officiere in Anspruch nahm. Einige hochgestellte Persönlichkeiten, die gleichfalls zu den näheren Bekannten des Hauses gehörten, gesellten sich dazu, und der junge Beamte, der völlig fremd und isolirt in diesem Kreise war, mußte sich zurückziehen, wollte er nicht aufdringlich erscheinen. Es war ihm noch nicht möglich gewesen, sich Gabrielen wieder zu nähern; sie befand sich fortwährend in unmittelbarer Nähe des Freiherrn und ihrer Mutter und nahm mit Beiden an dem Empfange der Gäste Theil. Aber jetzt galt kein längeres Zögern; bereits erklangen die ersten Tacte der Musik, und Georg, der sich um jeden Preis noch eine Begegnung für den heutigen Abend sichern wollte, gab die Zurückhaltung auf. Er trat heran und bat Baroneß Harder, ihm einen Tanz zu gewähren.

Gabriele hatte das vorhergesehen und dafür gesorgt, daß wenigstens einer der Tänze frei blieb. Sie sagte sofort zu; der Freiherr, der soeben mit dem Hofrath Moser sprach, hörte die Zusage, er wandte sich um und sah die Beiden befremdet an.

„Ich dächte, Du hättest keinen einzigen Tanz mehr zur Verfügung,“ sagte er. „Ist wirklich noch einer davon frei?“

„Das gnädige Fräulein war so gütig, mir den zweiten Walzer zu versprechen,“ erklärte Georg.

Der Freiherr runzelte die Stirn. „In der That, Gabriele? So viel ich weiß, hast Du diesen Tanz vorhin dem Sohne des Oberst Wilten verweigert.“

„Allerdings, aber ich hatte ihn bereits vorher dem Herrn Assessor versprochen.“

„So?“ sagte Raven langsam. „Nun, wer der Erste war, hat allerdings das Vorrecht. Baron Wilten wird es sehr bedauern, zu spät gekommen zu sein.“

Es war ein seltsam forschender Blick, mit dem der Freiherr bei diesen Worten das Antlitz Gabrielens streifte und der dann auf Georg haften blieb. In diesem Moment erschien der Cavalier, dem es gelungen war, die Zusage des ersten Tanzes von der jungen Baroneß zu erhalten, und bot ihr den Arm. Georg verneigte sich und trat zurück. Es kam jetzt eine lebhaftere Bewegung in die Gesellschaft. Der jüngere Theil derselben fluthete nach dem Ballsaal hin, aus dessen weitgeöffneten Thüren die Musik erklang, während die Aelteren sich in den übrigen Gemächern zerstreuten. Der Empfangssaal begann sich zu leeren, und die Baronin Harder war soeben im Begriff, ihren Platz dort zu verlassen, als ihr Schwager zu ihr trat.

„Sie kennen den Assessor Winterfeld näher?“ fragte er halblaut.

Die Baronin machte eine bejahende Bewegung. „Ich sagte Ihnen ja bereits, daß wir im Sommer in der Schweiz seine Bekanntschaft machten.“

„Kam er oft in Ihr Haus?“

„Ziemlich oft. Ich habe ihn stets gern empfangen und hätte das auch hier gethan, wenn Sie sich nicht so bestimmt dagegen ausgesprochen hätten.“

„Ich liebe es nicht, die jungen Beamten in meine Privatkreise zu ziehen,“ entgegnete der Freiherr schroff, „und ich begreife überhaupt nicht, Mathilde, wie Sie in Ihrer damaligen Zurückgezogenheit dem ersten besten Fremden den Zutritt in Ihr Haus und den unbeschränkten Verkehr mit Ihrer Tochter gestatten konnten.“

„Es war ein Ausnahmefall,“ vertheidigte sich die Baronin. „Der Assessor hatte uns einen großen Dienst geleistet, als wir auf dem See in Gefahr geriethen. Sie wissen es ja, daß er mich und Gabriele –“

„Durch das seichte Wasser, ohne alle Schwierigkeit, an das Land brachte,“ ergänzte Raven. „Ja, das weiß ich, und zweifle durchaus nicht, daß er diesen Dienst, den jeder Fischerbube Ihnen hätte leisten können, benutzt hat, um als Lebensretter bei Ihnen zu debütiren, wie es scheint nicht ohne Erfolg. Gabriele gewährt ihm einen Tanz, den sie dem jungen Baron Wilten verweigert hat und der vermuthlich eigens für den Herrn Assessor aufgehoben wurde. Das ist eine Vertraulichkeit, die sich jedenfalls auf die frühere Bekanntschaft stützt, die ich aber im höchsten Grade unpassend finde. Die einmal gegebene Zusage kann allerdings nicht zurückgenommen werden, ich bitte Sie aber, dafür zu sorgen, daß Gabriele nicht öfter mit dem jungen Manne tanzt. Ich wünsche es durchaus nicht!“

Er sprach in gedämpftem, aber offenbar gereiztem Tone. Die Baronin war etwas überrascht von dieser Gereiztheit, die sie sich nicht zu erklären vermochte, beeilte sich aber, zu versichern, daß sie mit ihrer Tochter sprechen werde, und nahm dann den [242] Arm des Oberst Wilten, der soeben kam, um sie gleichfalls nach dem Tanzsaal zu führen.

Inzwischen schritt der Freiherr durch die anderen Säle, wo die übrige Gesellschaft sich meist in lebhafter Unterhaltung befand. Raven trat zu den einzelnen Gruppen, indem er hier am Gespräch theilnahm, dort nur wenige flüchtige Bemerkungen hinwarf und am dritten Orte wenige Artigkeiten austauschte. Auch mit dem Bürgermeister sprach er in verbindlicher Weise, ohne den schwebenden Conflict auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Er war zuvorkommend gegen Einzelne, herablassend gegen Andere, höflich mit Allen, aber mit keinem Einzigen vertraulich. Sein Benehmen zeigte nur die Ruhe und Sicherheit eines Mannes, der gewohnt ist, den ersten Platz einzunehmen, und sich von vornherein über seine Umgebung stellt. Und die Umgebung war es längst gewohnt, ihm diese Stellung unbedingt einzuräumen.

„Man sollte meinen, wir wären bei unserem Landesherrn selbst zu Gaste, nicht bei seinem Vertreter,“ sagte der Bürgermeister zum Polizeidirector, als er mit diesem zusammentraf. „Die Airs, die sich Excellenz bei solchen Gelegenheiten zu geben liebt, sind wirklich bewundernswürdig, aber sie passen besser für einen Souverain, als für den Gouverneur einer Provinz. Sind Sie auch schon mit einer allergnädigsten Anrede und huldreichen Entlassung beehrt worden?“

Der Gefragte lächelte in seiner verbindlichen Weise, ohne die Bitterkeit bemerken zu wollen. „Ich bin wirklich überrascht, Sie hier zu sehen,“ entgegnete er. „Bei der schroffen Stellung, die Sie und die übrigen Herren von der Stadt jetzt dem Gouverneur gegenüber einnehmen, fürchtete ich, daß Sie die Annahme der Einladung verweigern würden.“

„Können wir das?“ fragte der Bürgermeister mit unterdrückter Heftigkeit. „Das Fest gilt dem Landesherrn; unser Fernbleiben wäre eine Demonstration, die in gehässigster Weise gedeutet und ausgebeutet werden könnte, und wir möchten gerade nach dieser Seite hin am wenigsten verletzen. Der Freiherr weiß es so gut wie wir, daß nur diese Rücksicht unser Erscheinen veranlaßt. Zu seinen Festen wären wir schwerlich gekommen.“

„Sie sollten den Conflict Ihrerseits nicht auch noch auf die Spitze treiben,“ mahnte der Andere. „Sie kennen ja den Freiherrn von Raven; von ihm ist keine Nachgiebigkeit zu erwarten.“

„Von uns noch weniger! Wir halten fest an unseren Rechten, und es wird sich ja zeigen, ob ein Gouverneur, der in solcher Weise uns gegenübersteht, sich auf die Dauer behaupten kann.“

„Er wird sich behaupten,“ sagte der Polizeidirector mit Bestimmtheit. „Hoffen Sie nichts in dieser Beziehung! Noch ist sein Einfluß an maßgebender Stelle ein unumschränkter.“

Der Bürgermeister stutzte und warf einen forschenden Blick auf den Sprechenden. „Sie scheinen das sehr genau zu wissen. Freilich, Sie kamen ja aus der Residenz zu uns und haben dort jedenfalls Freunde und Verbindungen.“

„Durchaus nicht,“ lehnte der Director in kühlem Tone ab. „Ich meine nur, das Auftreten des Freiherrn zeigt zur Genüge, wie sicher er sich in seiner Stellung fühlt, und wie allmächtig sein Einfluß in gewissen Kreisen ist. Sie thäten besser, es nicht zum offenen Bruche zwischen ihm und der Stadt kommen zu lassen; noch wird eine Katastrophe ja zu vermeiden sein.“

Damit ging er. Der Bürgermeister schaute ihm ärgerlich nach. „Jawohl,“ murmelte er, „die Katastrophe soll um jeden Preis vermieden werden, damit es dem Herrn Polizeidirector möglich ist, die schöne Neutralität zu bewahren, die er so offenbar zur Schau trägt. Er hat es wirklich fertig gebracht, zugleich der gehorsame Diener des Freiherrn zu sein und in der ganzen Stadt für den liebenswürdigen, maßvollen Vermittler zu gelten, der nur gezwungen seinem Chef gehorcht. Da ist mir ein offener Gegner wie Raven noch lieber; ihm gegenüber weiß man doch wenigstens, woran man ist, aber diese Neutralen, die es mit beiden Parteien halten und es mit keiner ehrlich meinen – ich traue ihnen nun einmal nicht.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 16, S. 255–258
Fortsetzungsroman – Teil 8


[255] Im Ballsaal wurde inzwischen der längst begonnene Tanz mit Lebhaftigkeit fortgesetzt, und die Paare ordneten sich bereits zum zweiten Walzer. Gabriele war von einem Tanz zum andern geflogen; sie liebte dieses Vergnügen über Alles und sog mit vollen Zügen den Weihrauch ein, der ihr freigebig von allen Seiten gestreut wurde. Die Huldigungen und Schmeicheleien der Herren fanden ein williges Ohr bei der jungen Dame; sie bemerkte es nicht, wie ernst und vorwurfsvoll Georg’s Augen bisweilen auf ihrem Antlitz hafteten, wenn sie das Alles in spielender Koketterie hinnahm, und reichte ihm die Hand, als er endlich kam, um sie an ihre Zusage zu erinnern, und sie in die Reihen führte.

„Baroneß Harder ist doch eine reizende Erscheinung,“ sagte Oberst Wilten zu dem Freiherrn, der vor einigen Minuten in den Saal getreten war und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit dem Tanze zusah. „Ich fürchte nur, Excellenz, Sie werden Ihre schöne Pflegebefohlene nicht allzu lange behalten; sie dürfte Ihnen bald genug von dem künftigen Gemahl entführt werden.“

„Warum nicht gar!“ erwiderte Raven in halb unwilligem Tone. „Davon kann vorläufig keine Rede sein, Gabriele ist ja noch ein halbes Kind.“

Der Oberst lachte. „Mit siebenzehn Jahren sind unsere jungen Mädchen keine Kinder mehr. Fräulein von Harder würde ganz entschieden gegen eine solche Zumuthung protestiren. Sehen Sie nur, wie graziös sie mit ihrem Tänzer dahinschwebt! Die eigenthümlich sonnige Art ihrer Schönheit ist noch nie so siegreich zur Geltung gekommen, wie an dem heutigen Abend. Ich möchte Sie wirklich um Ihre Vaterrechte an diesem liebenswürdigen Wesen beneiden.“

Vaterrechte! Das Wort schien den Freiherrn unangenehm zu berühren; auf seiner Stirn zeigte sich eine tiefe Falte, als er, ohne etwas zu erwidern, mit den Blicken dem jungen Paare folgte, das seine ganze Aufmerksamkeit fesselte.

Wilten hatte nicht ohne alle Beziehung gesprochen. Er hatte es recht gut bemerkt, wie angelegentlich sein ältester Sohn der jungen Baroneß den Hof machte, die als wahrscheinliche Erbin ihres Vormundes eine glänzende Partie war. Der Oberst hätte durchaus nichts dagegen gehabt, dem letzteren die Vaterrechte abzunehmen; die schöne und reiche Schwiegertochter wäre ihm höchst willkommen gewesen, und er versuchte es, die Sache wenigstens anzubahnen. Aber seine Andeutungen in dieser Hinsicht schienen durchaus nicht verstanden zu werden; er ließ also vorläufig den Gegenstand fallen.

„Ich sprach soeben den Polizeidirector,“ begann er von Neuem. „Er meint, daß nichts zu besorgen wäre, hat aber doch alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen für den Fall, daß es heute in der Stadt zu irgend welchen Excessen kommen sollte.“

„Heute? Warum gerade heute?“ fragte Raven zerstreut und noch immer mit seinen Beobachtungen beschäftigt.

„Nun, der heutige Festtag giebt doch Gelegenheit zu manchen Zusammenkünften, besonders in den niederen Ständen, und hat bei der jetzigen gereizten Stimmung sein Bedenkliches, zumal wenn die Köpfe erhitzt sind.“

Dem Freiherrn schien das Gespräch lästig zu sein; er hörte kaum darauf und war offenbar von ganz anderen Gedanken in Anspruch genommen, als er gleichgültig erwiderte: „So, meinen Sie das?“

Der Oberst sah ihn befremdet an. „Aber, Excellenz, das müssen Sie doch am besten wissen. Wir sprachen ja erst gestern ausführlich darüber, und es ist leider kein Geheimniß, daß die allgemeine Aufregung sich in erster Linie gegen Sie richtet. Hofrath Moser sagte mir vorhin, Sie hätten kürzlich wieder einen Drohbrief erhalten.“

Der Gouverneur zuckte verächtlich die Achseln. „Ich habe ein halbes Dutzend davon in meinem Papierkorbe. Man sollte doch nun endlich einsehen, daß ich solchen Albernheiten nicht zugänglich bin.“

Wilten warf einen Blick umher: sie standen am Ende des Saales, und es befand sich augenblicklich Niemand nahe genug, um das Gespräch hören zu können. Der Oberst fuhr in leiserem Tone fort:

„Sie sollten aber doch die Gefahr nicht geradezu herausfordern. Es ist allzu unvorsichtig, daß Sie ohne jede Begleitung und Sicherheitsmaßregeln zu Fuß durch die Stadt gehen. Ich habe Sie schon neulich bitten wollen, das zu unterlassen. Wer weiß, ob der Pöbel nicht systematisch gegen Sie aufgehetzt wird; die ganze Bürgerschaft steht ja in geschlossener Opposition Ihnen gegenüber.“

„Desto besser,“ sagte Raven mechanisch. Seine Augen wichen nicht einen Moment lang von einem gewissen Punkte des Saales.

Der Oberst trat einen Schritt zurück. „Excellenz!“

Sein Erstaunen brachte den Freiherrn zur Besinnung. Er wendete sich rasch um.

„Verzeihen Sie! Ich bin zerstreut. Ich – hörte nicht recht, was Sie sagten. Wovon sprachen wir doch?“

[256] „Ich bat Sie, etwas mehr Rücksicht auf Ihre persönliche Sicherheit zu nehmen.“

„Ja so! Sie müssen es schon entschuldigen, daß ich unaufmerksam war. Wer wie ich täglich von hundert verschiedenen Seiten in Anspruch genommen wird, der kann sich nicht einmal an einem Festabende, wie der heutige, mit seinen Gedanken frei machen.“

„Es ist aber auch eine allzu große Arbeitslast, die Sie auf Ihre Schultern genommen haben,“ meinte der Oberst. „Selbst die ausdauerndste Kraft muß schließlich den Anstrengungen erliegen, wie Sie sich Tag für Tag zumuthen. – Sehen Sie die beneidenswerthe Jugend dort, die von solchen Sorgen keine Ahnung hat! Das tanzt und lacht und plaudert und ist glücklich mit einander.“

„Und ist glücklich!“ wiederholte Raven. „Ja wohl!“

Es lag eine tiefe Bitterkeit in den Worten, und doch bot der Saal einen ungemein heiteren und belebten Anblick. Der weite, prächtige Raum mit den strahlenden Kerzen, der rauschenden Musik und all den jugendlich blühenden Gestalten, die dort auf- und niederschwebten, konnte wahrlich nicht zur Bitterkeit stimmen. Soeben flog Gabriele mit ihrem Tänzer vorüber. Der Oberst hatte Recht; ihre Schönheit war noch nie so siegreich zur Geltung gekommen, wie hier im Tanze, dem sie sich mit leidenschaftlichem Vergnügen hingab. Ringsum heller Kerzenglanz, rauschende Musik, festlich geschmückte Räume – das war die Umgebung, der Rahmen, der allein für diese Gestalt paßte, das eigentliche Element, in dem sie athmete, und ihre glühenden Wangen und strahlenden Augen zeigten, wie völlig sie darin aufging. Ihr ganzes Wesen war wie verklärt, wie sonnig durchleuchtet von Freude und Glück, als sie so in Georg’s Armen dahinschwebte. Auch er schien die ganze Umgebung vergessen zu haben; ihm ging alles Andere unter in der Nähe, in dem Anblicke der Geliebten. Ein Strahl unendlichen Glückes leuchtete in seinen Augen, als ihr Arm in dem seinigen lag und ihr Athem an seiner Wange hinstreifte – diese Augen sprachen nur zu verräterisch das Geheimniß seines Herzens aus. Das junge Paar war so glücklich in diesem Augenblicke, daß es jede Vorsicht vergaß, und ein scharfer Beobachter konnte wohl ahnen, daß es noch etwas Anderes war, als die Freude am Tanzen, was aus dem Antlitze der Beiden sprach. Der romantische Zauber der ersten Jugendliebe umfloß sie wie ein verklärender Hauch.

Und jener Beobachter war in der Nähe. Raven behauptete noch immer seinen Platz am Ende des Saales; er stand jetzt in einem Kreise von Herren, die sich zu ihm und dem Oberst gesellt hatten, und nahm anscheinend lebhaft an der Unterhaltung Theil, aber dabei haftete sein Blick wie festgebannt auf den Tanzenden. Sein Blick wurde immer glühender, immer durchbohrender; es mußte eine magnetische Gewalt darin liegen, denn als Gabriele jetzt zum zweiten Male den Saal umkreiste, wandte sie langsam, wie von einer geheimnißvollen Macht angezogen, das Haupt nach jener Richtung. Einen Moment lang begegnete ihr Auge dem ihres Vormundes – dann floß urplötzlich eine dunkle Gluth über das Antlitz des jungen Mädchens, und der Blick des Freiherrn flammte auf, furchtbar und unheildrohend; er wandte sich mit einer heftigen Bewegung ab.

Mit der Beendigung des Tanzes trat eine größere Pause ein, die für das Souper bestimmt war. Man verließ den Ballsaal, wo die Hitze nachgerade unerträglich zu werden begann, und suchte die angrenzenden kühleren Räume und die Buffets auf. Die Gesellschaft vertheilte sich zwanglos in den größeren und kleineren Gemächern, wo sich überall plaudernde Gruppen zusammenfanden. Jetzt endlich kam auch der so lang ersehnte unbewachte Augenblick, wo Georg und Gabriele einige vertrauliche Worte wechseln konnten, die ersten an diesem Abende. Bisher hatten die Augen der ganzen Versammlung auf ihnen geruht und jede Verständigung unmöglich gemacht.

In einem der entfernteren Zimmer, das augenblicklich leer war, während im Nebengemache eine lebhafte Unterhaltung geführt wurde, stand die junge Baroneß Harder am Kamin und ihr gegenüber Assessor Winterfeld. Beide schienen im ruhigen, absichtslosen Gespräche begriffen, für den zufällig Eintretenden wenigstens, aber es war etwas Anderes als Gesellschaftsphrasen, was sie wechselten.

„Endlich eine Minute des Alleinseins!“ flüsterte Georg leidenschaftlich. „Die erste seit Wochen! Ich habe es mir leichter gedacht, Dir stets so nahe und zugleich so fern zu sein.“

„Du hattest Recht,“ sagte Gabriele, gleichfalls in leisem Tone. „Wir sind, uns hier unendlich fern, obwohl Du täglich im Schlosse bist. Ich hoffte immer, Du würdest Mittel finden, die Schranken zu durchbrechen, die uns trennen.“

„Habe ich nicht das Möglichste versucht? Du weißt ja, wie meine Annäherung von Deiner Mutter aufgenommen wurde. Sie empfing mich freundlich, aber sie sprach auch nicht ein einziges Wort, das als Einladung gedeutet werden konnte. Ich darf den Besuch nicht wiederholen, wenn man mir so entschieden zeigt, daß er nicht gewünscht wird.“

Auf der klaren Stirn der jungen Dame kräuselte sich eine Falte des Unmuthes.

„Mama trägt keine Schuld daran; sie würde Dich hier ebenso gern empfangen wie früher; mein Vormund war es, der die Einladung verhinderte. Ich veranlaßte Mama, ihm von Deinem Besuche und unserer Bekanntschaft zu sprechen, denn ich selbst –“ sie stockte.

„Du wagtest nicht – –“

„Ich wage alles Mögliche,“ erklärte Gabriele, ein wenig gereizt, aber Onkel Arno’s Blick auszuhalten, wenn man etwas vor ihm zu verbergen hat, das gehört entschieden nicht zu den Möglichkeiten. Genug, er sprach sich mit der größten Bestimmtheit gegen die beabsichtigte Einladung aus; das galt nicht Dir persönlich, denn er ahnt ja nichts von unserem Einverständnis, aber er will keinen Verkehr mit den jüngeren Beamten überhaupt, und wir mußten uns fügen.“

„Ich wußte es,“ sagte Georg. „Ich kenne meinen Chef. Er und die Seinigen bleiben unnahbar für Alles, was er unter sich glaubt, und selbst sein Machtwort könnte uns kaum mehr trennen, als es diese letzten Wochen gethan haben. Ich durfte Dich ja immer nur aus der Ferne sehen, und wenn uns wirklich einmal eine Begegnung vergönnt ist, wie die heutige, so müssen wir kalt und gleichgültig scheinen. Ich muß es mit ansehen, wie Du umschwärmt und gefeiert wirst, wie Jeder sich Dir nahen darf, nur ich, der das erste, das alleinige Recht auf Dich hat, bin zu dem Schweigen und der Zurückhaltung eines Fremden verurtheilt – Gabriele, das ertrage ich nicht länger.“

Gabriele hob das Auge zu ihm empor; es spielte ein reizendes Lächeln um den kleinen Mund, als sie neckend erwiderte:

„Ich glaube nicht, daß der ‚Fremde‘ so sehr zu beklagen ist. Er weiß es ja doch, daß ich ihm allein angehöre.“

„An einem Festabende, wie der heutige, gehörst Du mir nicht,“ entgegnete Georg mit leiser Bitterkeit. „Da gehörst Du der Freude, dem Tanze, den Huldigungen, die Dir von allen Seiten gebracht werden – nur mir nicht. Ich habe in der ganzen langen Zeit vor dem Walzer vergebens gesucht, einen Blick von Dir zu erhalten. Du hattest im Kreise Deiner Bewunderer keine Augen für mich.“

Der Vorwurf traf, und eben deshalb verletzte er, aber die junge Dame war nicht gewohnt, Vorwürfe von dieser Seite zu hören, und fand es höchst grausam und ungerecht, daß man ihr das heutige Vergnügen verkümmern wollte. Das Lächeln verschwand und machte einem sehr ungnädigen Ausdrucke Platz; es schwebte augenscheinlich eine heftige Erwiderung auf ihren Lippen, als Lieutenant Wilten an der Thür erschien.

„Mein gnädiges Fräulein,“ sagte er sich eilfertig nähernd. „Sie werden im Saale vermißt. Excellenz und die Frau Baronin haben schon verschiedene Male nach Ihnen gefragt. Ich erlaubte mir, Sie aufzusuchen – darf ich Sie zu den Ihrigen führen?“

Gabriele würde unter anderen Umständen den Störenfried wohl haben fühlen lassen, wie unwillkommen er war, jetzt aber war sie gereizt, ungerechter Weise verletzt, wie sie meinte, und durchaus nicht gesonnen, das geduldig hinzunehmen. Sie neigte daher das Haupt mit kühlem Gruße gegen Georg und nahm mit großer Freundlichkeit den Arm des jungen Baron an, der sie aus dem Zimmer führte, während er einen triumphirenden Blick auf den zurückbleibenden Assessor warf.

Georg sah mit finsterer Stirn den Beiden nach. Diese kindische Rache kränkte ihn tiefer, als er sich eingestehen wollte, und wieder regte sich der alte quälende Zweifel, ob er denn Recht thue, dieses reizende, aber so ganz oberflächliche Wesen der [257] Atmosphäre von Glanz und Schimmer zu entreißen, für die es so augenscheinlich geboren war, um es an ein ernstes, arbeitsvolles Leben zu ketten. Gabrielens Liebe gab ihm freilich ein Recht auf ihren Besitz, aber konnte sie denn überhaupt tief und ernst lieben? War ihr Gefühl für ihn nicht ebenso spielend und vergänglich, wie ihre ganze Schmetterlingsnatur? Wenn sie nun unglücklich wurde an seiner Seite, oder wenn er es war im Besitz einer Frau, die all seiner heißen Liebe und Aufopferung nur Kinderlaunen entgegenbrachte? Vielleicht bezahlten sie Beide den kurzen Liebestraum mit einem ganzen Leben voll Elend und Reue.

Der junge Mann fuhr heftig mit der Hand über die Stirn; er wollte nicht hören, was der Verstand ihm zuflüsterte, der so grausam in die Regungen des Herzens eingriff. Fast gewaltsam schüttelte er die quälenden Gedanken ab und war eben im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Hofrath Moser in Begleitung des Polizeidirectors eintrat. Der Erstere trug heute zu Ehren des Tages eine ganz neue Halsbinde von schneeiger Weiße, aber so riesigen Dimensionen, daß es ihm kaum möglich war, den Kopf zu bewegen, wodurch seine Haltung allerdings noch an Steifheit und Feierlichkeit gewann. Die beiden Herren waren in lebhaftem Gespräch begriffen, verstummten aber so plötzlich, als sie des Assessor Winterfeld ansichtig wurden, daß dieser nicht mit Unrecht vermuthete, er sei der Gegenstand der Unterhaltung gewesen. Die Bestätigung dieser Annahme schien auch in dem scharfen Blicke zu liegen, mit dem der Polizeidirector den jungen Beamten musterte, während der Hofrath sofort auf diesen zuschritt.

„Gut, daß ich Sie finde, Herr Assessor!“ begann er ohne alle Einleitung. „Ich wollte Sie ersuchen, einen Auftrag zu übernehmen.“

Georg verneigte sich leicht. „Mit Vergnügen – ich stehe zu Diensten.“

„Ihr Freund, der Herr Doctor Brunnow,“ der Hofrath betonte die Worte, als ob jedes derselben eine hochnothpeinliche Anklage enthielte, „hat sich ohne mein Wissen und Willen zu meinem Hausarzte aufgeworfen. Er hat Krankheitsberichte angehört, Verordnungen gegeben und mir sogar seinen wiederholten Besuch angedroht. Ich wußte damals noch nicht, wie die Sache zusammenhing –“

„Es war ein Mißverständniß,“ fiel Georg ein. „Max hat mir davon erzählt. Er glaubte wirklich, daß sein ärztlicher Rath verlangt werde, und hatte keine Ahnung, in wessen Hause er sich befand.“

„Nun, so weiß er es jetzt,“ sagte Moser mit Nachdruck, „und ich bitte Sie, ihm mitzutheilen, daß ich ein für alle Mal auf den Rath eines Arztes verzichte, der einen so bedenklichen Namen trägt und einen so staatsgefährlichen Vater hat. Sagen Sie ihm, er möge sich für seine demagogische Umtriebe einen anderen Ort wählen, als das Haus des Hofraths Moser, der von jeher seinen Stolz darein gesetzt hat, der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains zu sein. Es giebt Menschen – sogar Beamte – die sich an solchen Gesinnungen ein Beispiel nehmen könnten. Es stände besser um den Staat und die Gesellschaft, wenn sie es thäten.“

Damit neigte der Hofrath den Kopf, oder vielmehr er machte den Versuch, es zu thun, da seine Halsbinde dieser Absicht Grenzen setzte, und schritt aus dem Zimmer, in dem erhebenden Bewußtsein, geradezu vernichtend gewesen zu sein. Der Polizeidirector, der bisher ein stummer Zuhörer gewesen war, trat jetzt näher.

„Sie scheinen bei unserem loyalen Hofrath ja vollständig in Ungnade gefallen zu sein,“ bemerkte er in scherzendem Tone. „Er erzählte mir soeben ein Langes und Breites von Ihren staatsgefährlichen Verbindungen. Ich will doch nicht hoffen –?“

„Der Herr Hofrath irrt sich,“ versetzte Georg mit ruhiger Bestimmtheit. „Es ist eine ganz harmlose Universitätsfreundschaft, die er mir zum Vorwurf macht, und die mit der Politik durchaus nichts zu thun hat. Ich kann Ihnen versichern, daß mein Freund, den eine einfache Erbschaftsangelegenheit herführt, und der durch ein sehr drolliges Mißverständniß in die Moser’sche Wohnung gerieth, weder dort noch anderswo demagogische Umtriebe im Sinne hat, und daß er Ihnen auch nicht den geringsten Anlaß geben wird, sich mit seiner Person zu beschäftigen.“

Der Polizeidirector lachte. „Ich hoffe das gleichfalls. Hofrath Moser ist bisweilen geradezu beängstigend mit seiner Loyalität und sieht an allen Ecken und Enden Gespenster. Wenn er eine Ahnung davon hätte, daß sein eigener Chef einst der Jugend- und Universitätsfreund desselben Doctor Brunnow war, den er für so staatsgefährlich erklärt! Sie wissen das vermuthlich?“

„Allerdings,“ sagte Georg überrascht. Diese genaue Kenntniß so weit zurückliegender Verhältnisse befremdete ihn doch.

„Wie seltsam und schroff sich doch bisweilen die Lebenswege solcher Jugendgefährten trennen!“ warf der Andere hin. „Der Gouveneur Arno von Raven und ein Flüchtling, der im Exil lebt – es giebt keine größeren Gegensätze. Man behauptet zwar, auch der Freiherr habe in seiner Jugend sehr extravaganten politischen Ansichten gehuldigt.“

Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten, aber vergebens. Assessor Winterfeld hörte schweigend zu.

„Es heißt sogar, Herr von Raven sei auf irgend eine Weise in den Proceß verwickelt gewesen, der damals den Doctor Brunnow und dessen Genossen auf die Festung brachte. Ich habe das freilich nur als unbestimmtes Gerücht gehört. Sie sind durch Ihren Freund und dessen Vater wohl genauer unterrichtet?“

„Keineswegs – wir haben nie eingehend davon gesprochen. Uebrigens würde eine etwaige Beziehung des Freiherrn zu jenem Proceß sich ja leicht aus den Acten ergeben.“

Der Polizeidirector warf dem jungen Manne einen Blick zu, der zu sagen schien: Wenn das der Fall wäre, so würde ich meine Mühe nicht an einen solchen Starrkopf verschwenden; laut aber erwiderte er:

„In den Proceßacten kommt der Name des Freiherrn überhaupt nicht vor. Wenn er wirklich zu der Sache in Beziehung stand, so ist sie zwischen ihm und seinen nachmaligen Schwiegervater, dem Minister, allein erledigt worden. Es muß ihm wohl gelungen sein, sich diesem gegenüber vollständig zu rechtfertigen, denn gerade von jenem Zeitpunkte an datirt seine so überaus glänzende Carrière.“

„Das ist sehr wahrscheinlich,“ stimmte Georg mit kühler Zurückhaltung bei. „Aber diese Ereignisse, die um mehr als zwanzig Jahre zurückliegen, sind Ihnen geläufiger als mir. Sie standen damals wohl schon im Beginn Ihrer amtlichen Thätigkeit, während ich noch ein Knabe war.“

Der Polizeidirector sah ein, wie wenig Geneigtheit hier vorhanden war, ihn über das aufzuklären, was er zu wissen wünschte. Er gab den Versuch auf, und nachdem sie noch einige gleichgültige Worte gewechselt hatten, trennten sich die beiden Herren.

Nur ein einziges Mal während des Abends fand Georg noch Gelegenheit, sich Gabrielen zu nähern, oder vielmehr, sie selbst war es, die ihm diese Gelegenheit gab. Beim Cotillon, dem er zusah, ohne sich daran zu betheiligen, kam sie leicht und lustig wie eine Elfe herangeflattert, um ihn zum Tanz zu holen. Als er mit ihr den Saal umkreiste, begegneten sich die Augen Beider; in den seinigen war die Düsterheit bereits geschmolzen, und um ihre Lippen spielte wieder das reizende Lächeln, das seine Worte vorhin verscheucht hatten.

„Bist Du noch eifersüchtig auf den Tanz?“ flüsterte Gabriele, mit einem entzückenden Gemisch von Schelmerei und Abbitte. Georg hätte nicht jung sein und nicht lieben müssen, um diesen Worten und diesem Lächeln zu widerstehen. Er war bereits überzeugt, daß er Unrecht habe, der Geliebten ihre strahlende Heiterkeit zum Vorwurf zu machen; sie war ja so harmlos glücklich darin, und er liebte ja gerade dieses heiter strahlende Kind mit all seinem Uebermuth und seinen Launen.

„Meine Gabriele!“ sagte er leise, aber es lag eine grenzenlose Zärtlichkeit in dem einen Worte. Ein leiser Druck ihrer Hand antwortete dem seinigen – die Versöhnung war geschlossen.

Das Fest nahm seinen Fortgang und verlief äußerlich in gewohnter glänzender Weise. Mitternacht war bereits vorüber, als die Gäste aufbrachen und die Säle sich leerten. Die Baronin Harder, sehr zufrieden mit der Rolle, die sie heute gespielt hatte, stand im Begriff, sich zurückzuziehen. Sie hatte sich bereits von ihrem Schwager verabschiedet, und gab nur noch den Dienern einige Anweisungen, während Gabriele sich dem Freiherrn näherte, um ihm gleichfalls gute Nacht zu wünschen. Raven sah, wie sie ihm die Hand reichen wollte, aber er stand mit fest verschränkten [258] Armen da und auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer kalten Strenge, als er halblaut sagte:

„Ich habe im Laufe des Abends eine eigenthümliche Entdeckung gemacht, Gabriele. Zwischen Dir und dem Assessor Winterfeld scheint eine Vertraulichkeit zu herrschen, die sich weder mit seiner Stellung verträgt, noch mit der Deinigen in meinem Hause. Ich will hoffen, daß es nur Deine Unerfahrenheit ist, die ihm dergleichen Freiheiten gestattet, jedenfalls wirst Du mir Aufklärung darüber geben, wie weit Eure Bekanntschaft eigentlich geht.“

Das Antlitz des jungen Mädchens war wieder in dunkle Gluth getaucht, wie vorhin beim Tanze, als sie dem Blick ihres Vormundes begegnete, aber der ganz ungewohnte Ton aus seinem Munde ließ ihren Trotz aufflammen; sie richtete sich sehr entschieden auf.

„Wenn Du wünschest, Onkel Arno –“

„Jetzt nicht!“ unterbrach er sie mit einer abwehrenden Handbewegung. „Es ist allzu spät heute, und ich wünsche Deine Mutter nicht zum Zeugen der Unterredung. Ich erwarte Dich morgen früh in meinem Arbeitszimmer; da wirst Du mir auf meine Fragen Rede stehen – gute Nacht!“

Er wandte sich ab, ohne ihr die Hand zu reichen oder ihr Zeit zur Erwiderung zu lassen, und schritt nach dem anderen Ende des Saales. Gabriele stand stumm und betreten da; es war das erste Mal, daß die Strenge und Schroffheit des Freiherrn sich gegen sie kehrte, und zum ersten Male fühlte sie, daß die unvermeidliche Katastrophe nicht so leicht vorübergehen werde, wie sie bisher in ihrer Sorglosigkeit geglaubt. Erst als die Mutter nach ihr rief, fuhr sie aus ihrem Nachdenken auf und eilte an deren Seite.

Raven folgte ihr mit den Augen; seine Lippen waren fest zusammengepreßt, wie im verhaltenen Zorn oder Schmerz, und auf seiner Stirn lag es finster, wie eine Wetterwolke.

„Ich muß die Wahrheit wissen,“ murmelte er. „Freilich, was wird es sein – eine Kinderthorheit! eine flüchtige Reisebekanntschaft, die sich die Beiden mit der nöthigen Romantik ausgeschmückt haben und die in einigen Wochen vergessen ist. Gleichviel, ich werde dafür sorgen, daß es von Blicken nicht zu Worten kommt und daß der Sache bei Zeiten ein Ende gemacht wird.“

Der nächste Morgen brach trübe und sonnenlos an. Er brachte einen nassen, kalten Septembertag, der mit vollem Nachdruck ankündigte, daß es nun mit der Herrlichkeit des Sommers vorbei sei und der Herbst seinen Einzug halte. Ein feiner Staubregen sprühte nieder; die Berge verschwanden hinter einem dichten Nebelschleier, und im Schloßgarten jagte der Wind die ersten Blätter von den Bäumen.

Freiherr von Raven befand sich allein in seinem Arbeitszimmer. Das mittelgroße Gemach mit der hoch gewölbten Decke und der tiefen Nische des einzigen breiten Bogenfensters machte in der That einen düsteren Eindruck. Es war nicht minder prachtvoll eingerichtet als die übrigen Räume des Schlosses, aber diese Pracht wirkte hier entschieden als Einfachheit. Die kostbare Holzbekleidung der Wände, die schweren geschnitzten Eichenmöbel, die reichgewirkten Vorhänge – das alles war durchweg in dunklen Farben gehalten, und der alterthümliche Kamin von schwarzem Marmor schloß sich dieser Einrichtung an, die absichtlich das Glänzende zu vermeiden schien. Der Schreibtisch mit seiner Last von Papieren und Schriften, die Bücher an den Wänden ringsum, in denen alle Gebiete des Wissens vertreten waren, und die Karten, Pläne und Zeichnungen, die auf den Tischen lagen, gaben ein Bild all der hundert verschiedenen Interessen und Anforderungen, die hier ihrer Erledigung harrten. Dieses Zimmer war nicht zum behaglichen Wohnen oder stillen Ausruhen geschaffen; alles darin trug den Stempel ernster, unausgesetzter Arbeit und Thätigkeit.

Raven arbeitete sonst viel in den Morgenstunden; heute saß er am Schreibtische, den Kopf in die Hand gestützt, ohne einen Blick auf die zahlreichen Briefe und Eingaben, Berichte und Verfügungen zu werfen, die vor ihm lagen. Auf seinem Antlitze lag jene Blässe, welche eine durchwachte Nacht anzudeuten pflegt, und der strenge Ausdruck trat deutlicher als je hervor; sonst waren die Züge eisern und unbewegt wie gewöhnlich. Er schien ganz in finsteres Nachsinnen verloren zu sein und sah nicht auf, als die Thür des Arbeitszimmers geöffnet wurde. Der da eintrat, war der Diener, den er nach den Zimmern der Baronin gesandt hatte, um sein Mündel rufen zu lassen, und der jetzt meldete, daß die junge Baroneß sogleich erscheinen werde. In der That folgte sie schon nach wenigen Minuten.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 17, S. 271–274
Fortsetzungsroman – Teil 9


[271] Gabriele schloß die Thür hinter sich und trat ein. Sie war im einfachen weißen Morgenkleide, aber weder diese Einfachheit, noch das graue, trübe Licht des Herbsttages vermochten es, den Liebreiz ihrer Erscheinung zu beeinträchtigen. Das gestrige Fest hatte bei ihr auch nicht die geringste Spur hinterlassen; ihre elastische Jugend kannte noch keine Müdigkeit und Abspannung. Das Gesicht war so blüthenfrisch wie immer, und jetzt lag noch die leise Röthe der Erregung darauf, denn es war für das junge Mädchen kein Geheimniß mehr, was in dieser Unterredung zur Sprache kommen sollte. Es war, als fiele mit der hellen, leichten Gestalt ein Sonnenstrahl in das düstere Gemach; es schien auf einmal lichter darin zu werden.

Auch der Freiherr mußte einen ähnlichen Eindruck empfangen haben. Er stand auf und ging der Eintretenden einige Schritte entgegen. Der Ausdruck seiner Züge milderte sich bei ihrem Anblicke, und seine Stimme klang wohl noch ernst, aber nicht mehr streng, als er sagte:

„Ich habe verschiedene Fragen an Dich zu richten, Gabriele. Ich gab Dir schon gestern Andeutungen darüber und erwarte die volle, uneingeschränkte Wahrheit von Dir zu hören.“

Er bot ihr einen Sessel und nahm ihr gegenüber Platz. Die Haltung der jungen Dame zeigte weit mehr Zuversicht als Bangigkeit. Es war ihr freilich gestern Abend klar geworden, daß sie diesmal ihren Willen nicht mit bloßem Trotz und einigen Thränen durchsetzen werde, wie es der Mutter gegenüber stets geschah; dennoch war sie entschlossen, ihre Liebe offen zu bekennen und sich in der Vertheidigung derselben höchst energisch und heldenhaft zu zeigen. Der Freiherr zweifelte ja mit derselben beleidigenden Consequenz wie Georg an ihrer Charakterfestigkeit, und seltsamer Weise gewährte es ihr eine viel größere Genugthuung, den Vormund davon zu überzeugen, als den Geliebten. Vorläufig stand das Romantische der Situation für sie im Vordergrunde und überwog jede Besorgniß vor der kommenden Katastrophe.

„Meine Frage betrifft den Assessor Winterfeld,“ begann der Freiherr. „Du hast ihn in der Schweiz kennen gelernt, wie ich von Deiner Mutter höre. Er kam öfter in Euer Haus, und Du hast vermuthlich viel und zwanglos mit ihm verkehrt.“

„Ja,“ sagte Gabriele, etwas enttäuscht. Die Sache ließ sich vorläufig weder romantisch noch dramatisch an; der Vormund sprach im ruhigsten Tone.

„Hast Du ihn seit Deinem Aufenthalte in R. öfter gesehen und gesprochen?“

„Nur zweimal; das erste Mal, als er der Mama und mir einen Besuch machte, und dann bei dem gestrigen Feste.“

„Sonst niemals?“

„Nein.“

Ein tiefer, erleichternder Athemzug hob die Brust des Freiherrn. „Der junge Mann widmet Dir offenbar eine Aufmerksamkeit, die über die gewöhnliche Galanterie hinausgeht,“ fuhr er fort. „Und Du scheinst das nicht allein zu dulden, sondern ihn sogar zu ermuthigen.“

Gabriele schwieg.

„Ich erwarte Antwort, Gabriele.“

Sie hob das Auge empor: es sprach nicht die mindeste Furcht daraus, wohl aber ein entschiedener Trotz. „Und wenn das nun der Fall wäre?“ fragte sie.

„So wäre es die höchste Zeit, dieser Kinderthorheit ein Ende zu machen,“ entgegnete Raven scharf. „Du wirst Dir doch wohl selber sagen, daß sie unter keinen Umständen eine ernste Wendung nehmen darf.“

Die junge Dame warf sehr beleidigt, aber zugleich sehr entschlossen das blonde Köpfchen zurück. Jetzt war die Entscheidung da; jetzt galt es, sich heroisch zu zeigen und dem Vormunde Respect einzuflößen; er hatte ja noch gar keine Ahnung von dem Ernst der Sache und behandelte sie wie eine flüchtige Tändelei.

„Es ist keine Kinderthorheit,“ versetzte sie mit der größten Bestimmtheit. „Georg Winterfeld liebt mich.“

Das Auge des Freiherrn flammte auf; er erhob sich heftig und kreuzte dann die Arme, wie um sich zur Ruhe zu zwingen, aber seine Stimme klang dumpf und drohend, als er fragte:

„Hat er Dir das schon gestanden? Vielleicht gestern beim Tanze?“

„Er hat mir schon in der Schweiz gesagt, daß er mich liebe,“ erklärte Gabriele.

Raven lachte laut auf; es war ein kurzes, herbes Lachen. „Dachte ich es doch!“ sagte er mit bitterem Sarkasmus. „Also einen förmlichen Roman habt Ihr Beide mit einander gespielt, und das unter den Augen Deiner Mutter, ohne daß sie eine Ahnung davon hatte. Freilich, das sieht ihr ähnlich. Ich bin nicht so leicht zu täuschen – wenn Ihr das beabsichtigtet, so mußtet Ihr Eure Blicke besser hüten; sie sprachen gar zu beredt am gestrigen Abend. Ich halte Deiner Jugend und Unerfahrenheit viel zu Gute, Gabriele; es ist leicht, einem siebenzehnjährigen Mädchen mit einigen Gefühlsphrasen den Kopf zu verrücken,

[272] aber diese romantische Spielerei ist denn doch zu gefährlich, als daß ich sie Dir länger gestatten könnte. Ich werde den Herrn Assessor Winterfeld an die Schranken erinnern, die ihn von der Baroneß Harder und der Nichte seines Chefs trennen, und zwar in einer Weise, daß er sie nicht zum zweiten Mal vergessen soll. Du wirst ihn von jetzt an weder sehen noch sprechen; ich verbiete Dir das hiermit ein für alle Mal.“

Er strebte vergebens, den sarkastischen Ton festzuhalten, die furchtbare Gereiztheit, die sich dahinter barg, brach doch bisweilen durch. Gabriele freilich entging das; sie vernahm nur den schonungslosen Spott in seinen Worten. Sie hatte sich auf Vorwürfe, auf Zornausbrüche des Vormundes gefaßt gemacht, denn sie wußte, wie sehr eine solche Verbindung seinem Stolze widerstrebte, und statt dessen behandelte er sie und Georg wie ein paar Kinder, die wegen einer begangenen Unart mit gebührender Strenge bestraft werden. Er sprach in der verächtlichsten Weise von Spielerei, von Gefühlsphrasen und wollte mit einem einfachen Verbote das Lebensglück zweier Menschen vernichten. Das war zuviel; die junge Dame erhob sich gleichfalls – in vollster Entrüstung.

„Das kannst Du nicht, Onkel Arno,“ sagte sie heftig. „Georg hat Rechte auf mich, die er unter allen Umständen behaupten wird. Er hat mein Wort und die Zusage meiner Hand – ich bin seine Braut.“

Sie hatte das Geständniß ohne Zögern ausgesprochen und erwartete nun den kommenden Sturm, aber vergebens. Raven erwiderte kein Wort; auf seinem Gesichte lag eine fahle Blässe, und seine Hand umfaßte mit krampfhaftem Drucke die Eichenlehne des Stuhles, neben welchem er stand, während er einen seltsamen Blick auf Gabriele heftete. Sie schwieg betroffen; es war nicht eigentlich Furcht, was sie empfand, aber ein geheimes, unerklärliches Bangen, das unter jenem Blicke aufwachte, und das sie vergebens zu bekämpfen suchte. Es war wie die dunkle Ahnung eines kommenden Unheils.

Nach einer minutenlangen Pause nahm der Freiherr wieder das Wort. „Das geht allerdings weiter, als ich je geahnt habe. Und Du hast für gut befunden, mir und Deiner Mutter ein Geheimniß daraus zu machen?“

„Wir fürchteten, daß man uns trennen würde, wenn man unsere Liebe entdeckte,“ sagte Gabriele leise.

„So! Und was glaubst Du denn, was jetzt geschehen wird?“

„Ich weiß es nicht, aber ich bin entschlossen, Georg um jeden Preis anzugehören, denn ich liebe ihn.“

Das Wort schien endlich den bisher zurückgehaltenen Sturm zu entfesseln; mit einer wilden Bewegung stieß Raven den Stuhl zur Seite und trat dicht vor das junge Mädchen hin.

„Und das wagst Du mir zu sagen?“ brach er los. „Du wagst es, ohne mein Wissen und Willen Dein Jawort zu geben, wo Du weißt, daß ich mein entschiedenes Nein dagegen setzen werde, und trotzest mir ganz offen? Du bauest auf die Güte und Nachsicht, die ich Dir stets gezeigt habe? Sie ist zu Ende mit dem heutigen Tage. Fordere mich nicht heraus, Gabriele – Du könntest es bitter bereuen. Ich habe Mittel, den Trotz eines eigensinnigen Kindes zu brechen, und ich werde sie schonungslos gebrauchen, gegen Dich und ihn. Winterfeld soll mir Rede stehen über den sogenannten Liebesroman, mit dem er Dich hinter dem Rücken der Deinigen bethörte, um Dir ein Versprechen abzulocken, das null und nichtig ist, denn Du hast noch nicht über Dich zu verfügen. Er rechnet auf die Hand der vermeintlichen Erbin, um durch sie zu Reichthum und Einfluß zu gelangen – er könnte sich täuschen. Ich allein habe über Deine Zukunft zu beschließen, die ganz in meinen Händen liegt. Von mir hängt Deine künftige Lebensstellung ab, und wenn ich sie glänzend gestalte, so erwarte ich auch unbedingten Gehorsam dafür. Von einer solchen Verbindung kann nie und unter keinen Umständen die Rede sein. Ich versage meine Einwilligung, und Du hast Dich meinem Willen zu beugen.“

Gabriele war einen Schritt zurückgewichen vor diesem Zornesausbruch, aber sie hielt ihm nichtsdestoweniger Stand. Das „Kind“ war doch nicht so unselbstständig und unfähig zu jedem Kampfe, wie Raven voraussetzte; es ließ sich weder durch seine herrischen Worte, noch durch seine Drohblicke einschüchtern und antwortete mit einer ganz ungewohnten Energie:

„Du hast keine anderen Rechte über mich, als die des Vormundes, und die sind zu Ende mit meiner Mündigkeit. Meine Zukunft und Lebensstellung ist Georg’s Sache; ich nehme sie aus seinen Händen, wie sie auch ausfallen mögen. Er hat nicht daran gedacht, irgend eine Berechnung an seine Liebe zu knüpfen; Georg ist –“

Der Freiherr stampfte wüthend mit dem Fuße.

„Georg und immer nur Georg! Ich verbiete Dir, diesen Winterfeld in meiner Gegenwart so zu nennen. Du wirst niemals seine Gattin, nie, sage ich Dir – wenigstens nicht, so lange ich lebe.“

Das junge Mädchen richtete sich mit blitzenden Augen empor, mehr empört als erschreckt durch diese maßlose Heftigkeit.

„Onkel Arno, Du bist grenzenlos ungerecht, Du –“ sie verstummte urplötzlich, ihr Auge haftete an dem seinigen, und der heiße, verzehrende Strahl darin traf sie wie mit versengender Gluth. Das war nicht Haß und Zorn, was in diesem Blicke loderte; das war ein qualvolles Weh, ein wilder, bis zur Raserei gesteigerter Schmerz – Gabriele preßte beide Hände gegen die Brust, in der alles Blut auf einmal nach dem Herzen drängte; ihr war zu Muthe, als stockten ihr Athem und Besinnung, und dann schlug es wie ein Blitz in ihre Seele und blendend und betäubend zuckte die Wahrheit auf; sie wurde todtenbleich und griff nach der Lehne des Sessels, als wolle sie eine Stütze suchen.

Diese Bewegung gab dem Freiherrn einigermaßen die Fassung zurück. Er sah ihr Erbleichen und mußte es wohl der Furcht vor seiner Heftigkeit zuschreiben. Der an so strenge Selbstbeherrschung gewöhnte Mann hatte sich, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, über alle Schranken hinwegreißen lassen; er fühlte das und versuchte mit Aufbietung aller Willenskraft seine Aufregung niederzukämpfen. Während der nächsten Minuten herrschte ein banges, tiefes Schweigen, das auf Beide mit gleicher Schwere lastete, und doch wagte Keiner, es zu brechen. Raven war an das Fester getreten und blickte, die heiße Stirn gegen die Scheibe gedrückt, in die Nebellandschaft hinaus. Gabriele stand noch regungslos an ihrem Platze.

„Ich habe Dich erschreckt mit meiner Heftigkeit,“ sagte der Freiherr endlich, ohne sich umzuwenden. „Solche Dinge wollen ruhig besprochen sein, und dazu sind wir Beide jetzt nicht in der Stimmung. Morgen – vielleicht später – verlaß mich, Gabriele!“

Sie gehorchte und schritt wortlos mit gesenktem Haupte nach der Thür, da aber hielt sie inne. Wie gestern, mitten im Tanze, fühlte sie den Blick, der wieder auf ihr ruhte, ohne ihn zu sehen, und wie damals folgte sie der geheimnißvollen Macht, die sie zwang, diesem Blicke zu begegnen. In der That hatte sich Raven umgewendet und folgte ihr mit den Augen.

„Noch eins,“ sagte er; er beherrschte seine Stimme wieder völlig, aber sie war klanglos. „Kein Wort, keine Zeile an ihn! Ich werde mit ihm sprechen.“

Gabriele verließ das Gemach und kehrte in die Zimmer ihrer Mutter zurück. Die Baronin, welche gewohnt war, sehr lange zu schlafen, war soeben erst mit ihrer Morgentoilette fertig geworden. Beim Eintritt in das gemeinschaftliche Frühstückszimmer vermißte sie ihre Tochter, die sich gewöhnlich schon dort befand, und wollte eben deswegen eine Frage an den Diener richten, als die junge Baroneß selbst eintrat.

„Aber Kind, wo bleibst Du nur?“ rief ihr die Mutter entgegen. „Ich will doch nicht hoffen, daß Du es versucht hast, bei diesem Wetter in’s Freie zu gehen? Du würdest Dich zu Tode erkälten in dem leichten Morgenanzuge – und wie siehst Du denn aus? Ganz bleich und verstört! Ist irgend etwas vorgefallen?“

„Nein, Mama,“ sagte das junge Mädchen mit halb erstickter Stimme.

Die Baronin sah sie besorgt an. „Du bist sicher unwohl. Da warst gestern Abend noch so erhitzt vom Tanze, als wir durch den kalten Corridor gingen. Nimm ein wenig heißen Thee! Das wird Dir gut thun.“

Gabriele lehnte die dargebotene Tasse ab. „Ich danke, Mama; ich möchte lieber auf mein Zimmer gehen und noch etwas zu ruhen versuchen.“

„Aber der Onkel ist es gewohnt, Dich am Frühstückstische zu sehen.“

[273] „Sage ihm, daß ich nicht wohl bin; er wird mich heut nicht vermissen. Ich kann nicht bleiben.“

Damit ging sie. Die Baronin blieb sehr befremdet zurück; sie war diese seltsame Verschlossenheit bei ihrer Tochter so wenig gewohnt, wie die Blässe auf deren blühendem Gesicht. Gleich darauf kam auch noch der Diener des Freiherrn mit der Meldung, Excellenz ließen sich entschuldigen und würden heut nicht zum Frühstück erscheinen. Frau von Harder schüttelte den Kopf, aber eine besondere Combinationsgabe war ihre Sache nicht, und überdies wußte sie nichts von der Unterredung, die im Zimmer ihres Schwagers stattgefunden hatte; es fiel ihr daher auch nicht ein, irgend einen Zusammenhang zu suchen. Sie ließ die Sache vorläufig auf sich beruhen und nahm etwas verstimmt ihren Platz am Frühstückstische allein ein. –

In der Kanzlei wartete man vergebens aus das Erscheinen des Chefs. Er pflegte sonst stets in den Morgenstunden zu kommen, heut aber blieb er in seinem Arbeitszimmer und ließ das Nothwendigste durch den Hofrath Moser erledigen. Der Hofrath, der einige dringliche Sachen vorzulegen hatte, kam mit wichtiger Miene zurück und verkündete, daß „Excellenz äußerst ungnädig seien“. In der That hatte der Freiherr mit großer Ungeduld und augenscheinlicher Zerstreutheit die Berichte angehört, mit einer bei ihm ganz ungewohnten Hast die nöthigen Weisungen gegeben und den Hofrath so schnell wie möglich entlassen. Dieser, der sich stets den Anschein gab, mehr zu wissen als Andere, sprach von wichtigen Regierungsdepeschen, die wahrscheinlich eingetroffen seien, die Beamten steckten die Köpfe zusammen und ergingen sich in allerlei Vermuthungen.

Bald darauf wurde Assessor Winterfeld zum Gouverneur gerufen. Das war nichts Auffallendes, denn er hatte am heutigen Vormittage Vortrag zu halten, und daß der Ruf früher als zur bestimmten Stunde erfolgte, erklärte sich durch anderweitige dringende Beschäftigung des Freiherrn. Der junge Mann betrat daher ganz ahnungslos und nur seinen Vortrag im Kopfe das Arbeitszimmer, ordnete seine Papiere und wartete auf das Zeichen zum Beginnen.

„Lassen Sie das!“ sagte Raven. „Der Vortrag fällt heute aus. Ich habe von anderen Dingen mit Ihnen zu reden.“

Georg blickte erstaunt auf; er gewahrte erst jetzt die völlig veränderte Haltung seines Chefs. Die vornehme Ruhe, mit welcher dieser sonst seine Beamten empfing, war heute einer eisigen Kälte gewichen. Er stand an den Schreibtisch gelehnt und maß den vor ihm Stehenden von oben bis unten, als sähe er ihn zum ersten Male. Es war ein finsteres Forschen, das jeden einzelnen Zug zu prüfen und bis in’s Innerste zu dringen schien, aber es sprach eine unverhüllte Feindseligkeit daraus, wie überhaupt aus seiner ganzen Haltung.

Georg sah das mit einem einzigen Blicke, und es erklärte die Bedeutung der Worte, die ihm im ersten Augenblicke räthselhaft geblieben waren. Er begriff sofort, daß die „Ungnade Seiner Excellenz“ ihm allein galt, und errieth auch den Grund davon. Die längst erwartete Katastrophe war hereingebrochen, und der junge Mann machte sich bereit, ihr mit ruhiger Entschlossenheit die Stirn zu bieten.

„Ich habe heute Morgen eine Unterredung mit meinem Mündel, der Baroneß Harder, gehabt, in der Ihr Name genannt wurde,“ begann der Freiherr. „Es bedarf keiner Erklärung Ihrerseits; ich weiß bereits, was geschehen ist, und möchte Sie zur Rede stellen über die Art, wie Sie die junge Dame verleiteten, die Aufrichtigkeit und Rücksicht, die sie den Ihrigen schuldet, in so unverzeihlicher Weise zu verletzen.“

Georg senkte das Auge, sein peinliches Ehrgefühl empfand den Vorwurf als nur zu sehr begründet.

„Ich habe vielleicht Unrecht gethan, bis heute zu schweigen,“ erwiderte er. „Meine einzige Entschuldigung dafür liegt in meiner Stellung, die es mir noch nicht gestattete, mit einer offenen Werbung hervorzutreten.“

„Wirklich! Ich sollte meinen, was Ihnen die Werbung nicht gestattete, mußte Ihnen auch die Erklärung verbieten.“

„Wenn sie beabsichtigt gewesen wäre, gewiß, Excellenz! Aber das war nicht der Fall. Ein unbewachter Augenblick entriß mir das Geständniß. Erst als es gehört und angenommen war, trat die Ueberlegung in den Vordergrund, und da mußte ich mir sagen, daß ich noch nichts geltend machen konnte, was mich zu der entscheidenden Bitte an die Frau Baronin berechtigte.“

„Es ist gut, daß Sie sich das selbst sagen,“ bemerkte der Freiherr mit vernichtendem Hohne. „Ich wäre sonst in die Nothwendigkeit versetzt worden, es Ihnen klar zu machen. Wenn Fräulein von Harder Ihnen Versprechungen gegeben hat, so ist das selbstverständlich ohne jede Bedeutung, da es ohne mein und der Mutter Vorwissen geschah, und es wäre einfach lächerlich, wenn Sie irgend eine Hoffnung daran knüpfen wollten. Romanideen gehören in das Gebiet des Romans. Ich bedaure es, daß meine Nichte solchen Ueberspanntheiten zugänglich gewesen ist, aber Sie werden mir hoffentlich nicht zumuthen, in Wirklichkeit mit denselben zu rechnen.“

Das Gesicht des jungen Mannes begann sich zu röthen bei dem verächtlichen Tone, und die aufsteigende Erregung verrieth sich in seiner Stimme, als er erwiderte:

„Ich weiß nicht, ob eine ernste, reine Neigung, die sich nie auch nur eines unwürdigen Gedankens bewußt war und ihren Gegenstand stets heilig und hoch gehalten hat, nur Spott und Hohn verdient. Ich habe bisher ein Geheimniß daraus gemacht und auch Fräulein von Harder veranlaßt, dies zu thun, weil ich wußte, daß es der Zeit und der Arbeit meinerseits bedurfte, um die Hindernisse wegzuräumen, die mir entgegenstehen, weil ich voraussah, daß man Alles aufbieten werde, um uns zu trennen. Das ist meine einzige Schuld; sie mag Tadel und Vorwurf verdienen – wer die Liebe kennt, wird sie nicht allzu hart verdammen. Ich war aber nicht darauf gefaßt, unsere beiderseitige Neigung als eine bloße Romanidee verurtheilt zu sehen.“

„Und wofür wollen Sie denn sonst, daß ich sie nehmen soll?“ fragte Raven in ironischem Tone. „Ich dächte, Sie hätten allen Grund, mir dankbar zu sein, wenn ich die Sache in dieser Weise auffasse, denn das allein läßt eine mildere Beurtheilung zu. Wüßte ich, daß Sie und Gabriele im vollen Ernste an eine Verbindung denken, so –“ er vollendete nicht; sein Blick ergänzte die Worte in unheilvollem Sinne.

„Würden Excellenz es vorgezogen haben, wenn wir uns geliebt hätten, ohne an eine Verbindung für das Leben zu denken?“ fragte Georg ruhig.

„Herr Assessor Winterfeld, Sie vergessen sich,“ brauste der Freiherr auf. „Nicht auf meine Nichte, auf Sie allein fällt die Schuld dieses heimlichen Einverständnisses. Das junge Mädchen war noch nicht im Stande, dessen Tragweite zu ermessen und die trennenden Schranken zu erwägen. Sie aber konnten es, und von Ihnen fordere ich Rechenschaft. Sie sind einer meiner jüngsten Beamten, ohne Namen und Rang, ohne Vermögen und Aussichten; mit welchem Rechte wagen Sie es, nach der Hand der Baroneß Harder zu trachten, die an glänzende Verhältnisse gewöhnt und zu Umgebungen und Lebenskreisen berechtigt ist, die weitab von den Ihrigen liegen?“

„Mit demselben Rechte, das Freiherr von Raven geltend machte, als er unter ganz ähnlichen Verhältnissen um die Tochter des Ministers warb, die später seine Gemahlin wurde,“ erwiderte Georg mit Festigkeit, „mit dem Rechte der Zukunft.“

Raven biß sich auf die Lippen. „Sie scheinen eine Laufbahn, wie die meinige, auch für die Ihrige als selbstverständlich vorauszusetzen. Es ist doch gewagt von Ihnen, sich so ohne Weiteres mit mir in eine Reihe zu stellen. Uebrigens trifft der Vergleich von damals nicht zu. Ich gehörte längst zu dem intimen Kreise des Ministers, ehe ich sein Sohn wurde; ich wußte, daß er meine Werbung begünstigte, und hatte mir sein Jawort gesichert, ehe ich das seiner Tochter forderte. Das ist der einzige ehrenvolle Weg bei solchen Dingen. Merken Sie sich das, Herr Assessor!“

„Excellenz haben jedenfalls concreter und überlegter gehandelt, als ich es gethan habe, aber – ich liebte Gabriele.“

Das Auge des Freiherrn sprühte in wilder Gereiztheit auf den Verwegenen nieder, der es wagte, ihn daran zu erinnern, daß seine eigene Vermählung nur das Werk der Berechnung gewesen war.

„Ich ersuche Sie, in meiner Gegenwart nur von der Baroneß Harder zu sprechen,“ sagte er in dem schroffsten Tone, der ihm zu Gebote stand. „Was übrigens die Selbstlosigkeit Ihrer Liebe betrifft – sollte es Ihnen so ganz unbekannt geblieben sein, daß meine Nichte allgemein als meine Erbin angesehen wird?“

„Nein! Aber ich setze voraus, daß etwaige Bestimmungen [274] in dieser Hinsicht zurückgenommen werden, sobald die junge Baroneß ohne Einwilligung ihres Vormundes eine Verbindung eingeht.“

„Die Voraussetzung ist sehr richtig. Und Sie besitzen wirklich Egoismus genug, einem Wesen, das Sie zu lieben behaupten, Alles zu rauben, was Geburt und Verwandtschaft ihm verheißen, um es an Ihrer Seite einem Leben preiszugeben, das nur eine fortgesetzte Kette von Entsagungen wäre? Eine sehr aufopfernde Liebe in der That! Zum Glücke ist Gabriele Harder nicht geschaffen, eine solche Entsagungsidylle zu verwirklichen und ich werde dafür sorgen, daß sie nicht das Opfer einer Jugendthorheit wird, die sie bald genug mit der bittersten Reue bezahlen würde.“

Georg schwieg. Das war der wunde Punkt in seinem Innern. Er hatte es ja oft genug selbst empfunden, was der Freiherr aussprach. Gabriele war am wenigsten für eine „Entsagungsidylle“ geschaffen.

„Kommen wir zu Ende!“ sagte Raven, sich mit einer gebieterischen Bewegung emporrichtend. „Ich gestehe meiner Nichte unter keinen Umständen das Recht zu, ohne meine Einwilligung über ihre Zukunft zu entscheiden, und verweigere jedes Eingehen auf Wünsche und Hoffnungen, die für mich nicht existiren. Sie wissen, daß das Recht des Vormundes so unbeschränkt ist, wie das des Vaters, und werden sich demgemäß fügen. Ich erwarte von Ihrer Ehre, daß Sie nicht versuchen hinter meinem Rücken ein Einverständniß fortzusetzen, das ganz geeignet ist, den Ruf der jungen Dame zu schädigen wie es schon ihr Verhältniß zu den Ihrigen getrübt hat. Sie werden mir Ihr Wort darauf geben, nicht etwa heimlich eine Annäherung zu versuchen, die ich offen verbiete.“

„Wenn es mir erlaubt ist, Baroneß Harder noch einmal zu sehen und zu sprechen, sei es auch in Gegenwart der Frau Baronin.“

„Nein!“

„So kann ich das geforderte Versprechen nicht geben.“

„Besinnen Sie sich, wem Sie trotzen, Herr Assessor!“ mahnte der Freiherr; es lag eine unzweideutige Drohung in den Worten.

Das schöne, klare Auge des jungen Mannes begegnete furchtlos dem seines Chefs, und doch hätte die düstere Gluth, die sich darin malte, ihn schrecken sollen. Die beiden Männer maßen sich wie zwei Gegner, die vor dem Kampfe ihre Kräfte prüfen. Die Haltung des Jüngeren war entschlossen, aber ruhig, die des Aelteren verrieth eine furchtbare Bewegung.

Ich trotze nur einem harten und ungerechten Spruch,“ sagte Georg, die letzten Worte wieder aufnehmend. „Excellenz haben die Macht, die Trennung über uns zu verhängen, und wir fügen uns einer Nothwendigkeit, gegen die wir Beide waffenlos sind. Daß Sie uns aber eine Unterredung versagen, die vielleicht auf Jahre hinaus die letzte ist, das – ich wiederhole es – ist hart und ungerecht. Ich weiß nicht, in welcher Weise auf Fräulein von Harder eingewirkt wird, in welcher Weise man ihr mein gezwungenes Fernbleiben darstellt; ich muß ihr wenigstens sagen, daß ich mein Recht auf ihre Hand unter allen Umständen behaupte und Alles daran setzen werde, diese Hand einst zu verdienen – und das werde ich mündlich oder schriftlich versuchen, mit oder ohne den Willen Euer Excellenz.“

Er verbeugte sich und ging, ohne das übliche Zeichen der Entlassung abzuwarten. Raven warf sich in einen Sessel. Die Unterredung hatte einen ganz anderen Verlauf genommen, als er erwartete. Er hatte bisher nur amtlich mit Winterfeld verkehrt und ihn wohl für talentvoll und tüchtig in seinem Berufe gehalten, ihm jedoch nie eine hervorragende Bedeutung beigelegt; die Verschiedenheit der Stellung schloß da jedes nähere Interesse aus. Heute zum ersten Male stand nicht der Untergebene dem Vorgesetzten sondern der Mann dem Manne gegenüber, und heute entdeckte der Freiherr, daß sich hinter dieser ruhigen Bescheidenheit und dieser klaren, sanften Stirn eine Energie barg, die der seinigen nichts nachgab. Er war gewohnt, mit der bloßen Macht seiner Persönlichkeit jeden Widerstand zu brechen; hier rief er vergebens diese Macht und die ganze Ueberlegenheit seiner Stellung zu Hülfe; es gelang ihm nicht, den Gegner herabzusetzen oder einzuschüchtern; er mußte ihn in mehr als einer Hinsicht als ebenbürtig anerkennen. Gabriele hatte ihre Liebe keinem Unwürdigen geschenkt, und daß sie es nicht gethan, das eben wühlte in dem Inneren des Mannes, der in dumpfem Brüten in seinem Sessel lag. Er hätte viel darum gegeben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, diese Neigung wirklich als eine Kinderthorheit zu verurtheilen und die Beiden mit Fug und Recht aus einander zu reißen. Jetzt blieb ihm nur der armselige Vorwand der Standes- und Vermögensunterschiede, und er selbst hatte einst gezeigt, wie leicht diese Schranken zu durchbrechen sind, sobald ein energischer Wille sich dagegen auflehnt, wenn ihn auch freilich ganz andere Beweggründe leiteten.

Das schönste und heiligste Vorrecht der Jugend, eine glühende, ideale Leidenschaft, die nicht nach Schranken und Möglichkeiten fragt, hatte Arno Raven nie gelernt und nie geltend gemacht. Er hatte den Traum von Liebe und Glück nicht träumen wollen, als er dazu berechtigt war – seine ehrgeizigen Pläne ließen ihm keine Zeit dazu. Jetzt, im Herbste seines Lebens, schwebte der Traum herab, goldig und verklärend; er umgab ihn mit schmeichelndem, trügerischem Schimmer und nahm seine beste Kraft gefangen, bis er jäh daraus erwachte. Die Jugend folgte der Jugend, und der alternde Mann stand allein auf der Höhe seiner Erfolge und seiner Macht, mit der öden Einsamkeit um sich her. Vielleicht hätte er in dieser Stunde Macht und Erfolge hingegeben, um noch einmal wieder jung zu sein.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 18, S. 291–294
Fortsetzungsroman – Teil 10


[291] Doctor Max Brunnow hatte aus dem Munde seines Freundes das Verbannungsurtheil des Hofraths Moser entgegengenommen, war aber leider wenig davon berührt worden.

„Ich wäre wahrhaftig wieder hingegangen,“ sagte er lachend. „Dieser vortreffliche Hofrath mit seiner bureaukratischen Majestät und der ewigen weißen Halsbinde ist eine kostbare Figur, und das junge Mädchen bedarf dringend einer vernünftigen ärztlichen Behandlung. Ich begreife es freilich, daß der ‚allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains‘ den Sohn meines Vaters von seiner Schwelle bannt, aber es ist schade, daß meine Praxis hier in R. ein so schnelles Ende nimmt. Sie versprach, wenn auch nicht besonders einträglich, so doch amüsant zu werden.“ –

Es sollte sich indessen bald eine andere Praxis für den jungen Arzt finden, die zwar noch weniger einträglich zu werden versprach, ihm aber das vermißte „Amüsement“ in ganz ungeahntem Maße verschaffte. Georg hatte seinen Freund gebeten, die kranke Frau eines Copisten zu besuchen, der bisweilen Abschriften für den Assessor besorgte und dem dieser auch schon öfter Beschäftigung bei dem Regierungsbureau verschafft hatte. Die Frau litt bereits seit längerer Zeit an einer zehrenden Krankheit; der Arzt, den man herbeirief, war nur selten gekommen, hatte achselzuckend erklärt, daß da nicht viel mehr zu helfen sei, und schließlich die Besuche in der Familie aufgegeben, die in ärmlichen Verhältnissen lebte und nicht bezahlen konnte. Max war sofort bereit, der Aufforderung nachzukommen, und betrat schon am nächsten Tage das bezeichnete Häuschen, das in der Vorstadt dicht am Fuße des Schloßberges lag.

Ein kleines Mädchen von etwa zehn Jahren öffnete dem jungen Arzte die Thür der ziemlich dürftig eingerichteten Wohnung, wo zwei jüngere Kinder den fremden Herrn mit großen Augen anstarrten, während die Mutter, von Kissen und Decken umhüllt, in einem alten Lehnstuhle saß. Max war in Begriff, näher zu treten, hielt aber überrascht inne, denn neben der Kranken bemerkte er ein junges Mädchen in nonnenhaft dunkler Kleidung, mit sehr blassem Gesicht und schlichtgescheiteltem Haar, das aus einem Buche vorlas, welches der Goldschnitt und das Kreuz auf dem Deckel unzweifelhaft als Gebetbuch kennzeichneten. Es war die Tochter des Hofraths Moser, die ihre Vorlesung abbrach und sich sehr verlegen erhob, als sie den Eintretenden erkannte.

„Guten Tag, mein Fräulein!“ sagte Max ruhig. „Verzeihen Sie, daß ich störe, aber ich komme als Arzt zu einer Kranken und bin diesmal wirklich der Erwartete, ohne jedes Mißverständniß.“

Das junge Mädchen wurde blutroth und zog sich einige Schritte zurück. Sie erwiderte nichts. Doctor Brunnow nannte sich jetzt der Kranken, die bereits auf sein Kommen vorbereitet war und ihn erwartete. Er begann sofort, ohne viele Umstände, seine Fragen zu stellen und den Krankheitszustand zu prüfen. Er that es nicht besonders verbindlich oder rücksichtsvoll; er ließ sich auf Tröstungen gar nicht ein, gab nicht einmal bestimmte Hoffnungen, aber die kurze, klare Entschiedenheit all seiner Bemerkungen und Anordnungen hatte etwas ungemein Beruhigendes.

Agnes Moser war inzwischen im Hintergrunde geblieben und hatte sich mit den Kindern beschäftigt. Sie schien nicht recht zu wissen, ob sie bleiben oder gehen sollte, entschied sich aber endlich für das Letztere. Sie setzte ihren Hut auf und verabschiedete sich von der Kranken, die sich in lebhaften Dankesäußerungen über die Güte des Fräuleins erging. Wenn Agnes aber glaubte, dadurch einem längeren Zusammensein mit dem Doctor Brunnow zu entgehen, so irrte sie sich; dieser empfahl nur noch in kurzen Worten die genaue Befolgung seiner Verordnungen, verhieß am nächsten Tage wiederzukommen und schloß sich dann mit der allergrößten Unbefangenheit dem jungen Mädchen an.

„Ich darf Sie also nicht mehr als meine Patientin betrachten, mein Fräulein,“ eröffnete er das Gespräch, als sie draußen im Freien waren. „Ihr Herr Vater scheint mir die Schuld an einem Mißverständniß beizumessen, zu dem ich doch wahrlich nicht den Anlaß gegeben habe. Er ließ mir in der unzweideutigsten Weise eröffnen, daß meine ferneren Besuche ihm nicht erwünscht seien.“

Agnes senkte in peinlicher Verlegenheit die Augen. „Ich bitte um Verzeihung, Herr Doctor,“ entgegnete sie. „Es war meine Schuld allein – ich hätte nach Ihrem Namen fragen sollen. Seien Sie überzeugt, daß es nicht Mißtrauen in Ihre ärztliche Kunst ist, die meinen Vater bestimmt, auf Ihren Rath zu verzichten! Gründe anderer Art –“

„Ich weiß, politische Gründe!“ fiel Max mit unverhehlter Ironie ein. „Der Herr Hofrath verabscheut den revolutionären Namen, den ich trage, und beharrt darauf, in mir einen staatsgefährlichen Demagogen zu sehen. Ich bin weit entfernt, ihm oder Ihnen meinen Rath aufzudringen, möchte mich aber doch

[292] nach dem Schicksal meines Receptes erkundigen. Sie haben es jedenfalls nicht benutzt?“

„Doch!“ erwiderte Agnes leise. „Ich habe die Arzenei genommen.“

„Mit irgend einem Erfolge?“

„Ja, ich befinde mich weit besser seitdem.“

„Das freut mich. Ist denn aber mein Herr College, der Sie jetzt behandelt, damit einverstanden, daß Sie den Verordnungen eines Anderen folgen?“

„Mich behandelt augenblicklich Niemand,“ gestand das junge Mädchen. „Herr Doctor Helm, der ursprünglich gerufen war, hat das Mißverständnis sehr übel genommen. Ich mag ihn wohl etwas verlegen und zweifelnd empfangen haben, denn er entfernte sich sofort, als er bereits ein Recept vorfand, und nahm auch die nachträgliche Entschuldigung meines Vaters sehr kühl auf. Da ich mich nun schon am nächsten Tage besser befand – – so meinte ich – nun, so bin ich vorläufig bei Ihren Verordnungen geblieben.“

„Bleiben Sie nur dabei!“ sagte Max trocken. „An der Arzneiflasche wenigstens haftet nichts Staatsgefährliches; das wird wohl auch der Herr Hofrath einsehen.“

Sie hatten jetzt den Schloßberg erreicht, und Agnes blieb stehen in der sicheren Voraussetzung, daß ihr Begleiter sich nun entfernen werde, er bemerkte aber nur: „Sie gehen wahrscheinlich durch die Anlagen des Schloßberges – das ist auch mein Weg,“ und blieb an ihrer Seite mit einer Miene, als sei dies die einfachste und natürlichste Sache von der Welt.

Das junge Mädchen sah ihn scheu und ängstlich an. Ihre Schüchternheit erlaubte ihr nicht, die Begleitung abzuschlagen; so ergab sie sich denn in das Unvermeidliche, und sie schritten zusammen vorwärts.

„Was meine gegenwärtige Patientin betrifft,“ nahm der Arzt wieder das Wort, „so ist ihr Zustand allerdings sehr bedenklich, aber nicht durchaus hoffnungslos. Vielleicht ist es mir möglich, sie ihrer Familie zu erhalten. Ich entnahm aus den Dankesworten der Frau, daß auch Sie sie schon öfter besucht haben.“

„Wir hörten von der bedrängten Lage der Familie,“ erklärte Agnes. „Mein Vater kennt den Mann, der bisweilen Arbeiten für die Kanzlei liefert, als fleißig und ehrlich, und so entschloß ich mich, die Kranke zu besuchen, um ihr wenigstens geistlichen Trost zu spenden.“

„Der geistliche Trost ist vorläufig ganz überflüssig,“ sagte Max in seiner rücksichtslosen Weise. „Kräftige Bouillon und stärkende Weine sind weit nothwendiger.“

Fräulein Agnes schien wieder in Begriff, eine ihrer Rückzugsbewegungen auszuführen, mit denen sie schon bei der ersten Begegnung ihr Entsetzen vor den gottlosen Aeußerungen des Doctors documentirte; diesmal besann sie sich aber und hielt Stand; ihre sanfte, leise Sprache gewann sogar eine Beimischung von Schärfe, als sie antwortete:

„Auch dafür habe ich die Mittel gebracht und werde es noch ferner thun, so weit es in meinen Kräften steht. Ich hielt es aber zugleich für dringend nothwendig, die Schwerkranke auf den Himmel vorzubereiten, der vielleicht bald ihrer wartet.“

„Das ist eine eigenthümliche Beschäftigung für junge Damen Ihres Alters,“ bemerkte Max. „In Ihren Jahren pflegt man sich noch vorzugsweise mit der Erde zu befassen und die himmlischen Freuden auf sich beruhen zu lassen.“

Agnes war offenbar beleidigt durch den Spott; sie ließ sogar ihre gewohnten Sanftmuth fahren und erwiderte in etwas gereiztem Tone:

„Ich habe der Welt bereits entsagt und bereite mich mit solchen frommen Diensten nur auf meinen künftigen Beruf vor. Ich werde in wenigen Monaten den Schleier nehmen.“

Max blieb stehen und sah seine Begleiterin mit dem Ausdruck der höchsten Betroffenheit an. „Das geht nicht,“ sagte er plötzlich.

„Herr Doctor, ich bitte Sie,“ mahnte das junge Mädchen, aber der Herr Doctor nahm gar keine Notiz von diesem Protest gegen seine unbefugte Einmischung.

„Ein für alle Mal: das geht nicht,“ wiederholte er mit Entschiedenheit. „Sie sind kränklich, sind überhaupt von sehr zarter Constitution und bedürfen der größten Schonung, wenn Sie dauernd genesen wollen. Das Klosterleben mit seinen strengen Vorschriften, seiner Abgeschlossenheit und den anstrengenden und aufregenden Bet- und Bußübungen ist für Sie ganz und gar nicht geeignet. Es bringt Ihnen ohne Frage ein Brustübel – die Schwindsucht – den Tod.“

Der junge Arzt warf das alles mit einer Unfehlbarkeit hin, als habe er in eigener Person das angedrohte Schicksal zu verhängen, und seine Worte verfehlten auch nicht ihre Wirkung. Agnes sah ihn ganz erschrocken mit ihren dunklen Augen an, dann aber neigte sie ergebungsvoll das Haupt und versetzte kaum hörbar:

„Ich habe nicht geglaubt, daß mein Leiden so ernster Natur sei.“

„Es ist gar nicht ernst, wenn Sie eine vernünftige und naturgemäße Lebensweise führen,“ rief Max im vollsten Aerger, „aber das Klosterleben ist der Gipfel aller Unnatur und Unvernunft, und Sie vollends werden schon in den ersten Jahren daran zu Grunde gehen.“

Agnes überlegte augenscheinlich, ob sie schleunigst diesen Doctor fliehen sollte, dessen Gottlosigkeit sich eben wieder so unzweideutig zeigte, aber sie zog es vor, sich einen noch tieferen Einblick in seine Verderbtheit zu verschaffen, und fragte nun ihrerseits:

„Sie hassen also die Klöster?“

„Es ist mein Beruf, allerlei Leiden und Plagen des Menschengeschlechtes zu bekämpfen,“ versetzte der junge Arzt mit malitiöser Aufrichtigkeit.

„Und Sie hassen auch die Religion?“

„Je nach dem – es kommt darauf an, was man so nennt – übrigens sind Kloster und Religion ganz verschiedene Dinge.“

Das war zu viel für die angehende Nonne; sie beschleunigte ihren Schritt, um aus dieser gefährlichen Nähe fortzukommen, aber das half ihr durchaus nichts. Max fiel augenblicklich in das gleiche Tempo, und sie blieben nach wie vor bei einander.

„Sie sind natürlich anderer Ansicht,“ fuhr er fort, da er keine Antwort erhielt. „Sie sind aber auch in ganz anderen Umgebungen und Anschauungen erzogen als ich. Was mich betrifft, so möchte ich alle Klöster –“

„Vom Erdboden vertilgen?“ fiel das junge Mädchen mit zitternder Stimme ein.

„Das gerade nicht,“ sagte der praktische Max. „Es wäre ja schade um die schönen Gebäude. Man könnte sie nutzbringend verwerthen, und auch für die Insassen würde sich irgend eine Bestimmung finden. Die Nonnen zum Beispiel könnte man verheirathen.“

„Ver–heirathen!“ wiederholte Agnes, den Sprechenden in starrem Entsetzen anblickend.

„Ja, warum nicht?“ fragte er in größter Seelenruhe. „Ich glaube nicht, daß man da auf allzu häufigen Widerspruch stoßen würde. Es wäre wirklich das Beste, sämmtliche Nonnen zu verheirathen.“

Fräulein Agnes mußte wohl eine dunkle Furcht hegen, das ihren künftigen Mitschwestern angedrohte Schicksal könne sich ganz urplötzlich an ihr vollziehen, denn sie fing förmlich an zu laufen, aber vergebens; denn Max lief mit.

„Die Sache ist gar nicht so schlimm, wie Sie sich vorstellen,“ sagte er. „Jeder vernünftige Mensch heirathet und die Meisten befinden sich sehr wohl dabei. Es ist wirklich unverzeihlich, einem jungen Mädchen eine solche Abneigung gegen Dinge einzuflößen die sich ganz von selbst verstehen und – ja, mein Fräulein, nun müssen wir aber ausruhen – ich bin zu Ende mit meinem Athem. Gott sei Dank! Ihre Lunge ist noch kerngesund, sonst hätten Sie diesen Sturmlauf nicht ausgehalten.“

Agnes blieb gleichfalls stehen, denn auch ihr versagte jetzt der Athem. Ihre sonst so blasser Wangen waren von der Anstrengung geröthet, und diese Röthe stand dem feinen Gesichtchen allerliebst. Doctor Brunnow sah das, aber es machte durchaus keinen mildernden Eindruck auf ihn; er griff vielmehr mit strafender Miene nach dem Puls des jungen Mädchens.

„Wozu nun wieder diese ganz unnöthige Erhitzung! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie sich schonen müssen. Sie werden jetzt im langsamsten Schritt nach Hause gehen, und ich [293] bitte mir aus, daß Sie künftig bei Ihren Spaziergängen eine wärmere Umhüllung wählen, als dieses leichte Mäntelchen. Die Arzenei, die ich Ihnen verschrieben habe, nehmen Sie fortgesetzt und im Uebrigen kann ich nur meine früheren Verordnungen wiederholen: Luft, Bewegung, Zerstreuung! Werden Sie das alles pünktlich befolgen?“

„Ja,“ versicherte Agnes, völlig eingeschüchtert durch den Commando-Ton des jungen Doctors, der sich trotz des hofräthlichen Verbotes nach wie vor als Hausarzt benahm und dabei immer noch ihre Hand festhielt.

„Ich verlasse mich darauf. Was meine Kranke betrifft, so können wir uns ja in die Behandlung theilen. Bereiten Sie die Frau in Gottes Namen auf den Himmel vor; ich werde mein Möglichstes thun, sie dem Himmel so lange wie möglich vorzuenthalten, und ich glaube, der Mann und die Kinder werden mir dankbar dafür sein. – Ich empfehle mich Ihnen, mein Fräulein.“

Damit zog er den Hut und schlug die Richtung nach der Stadt ein, während Agnes den Weg nach Hause fortsetzte. Sie hielt dabei gehorsam den vorgeschriebenen langsamen Schritt inne, innerlich aber war sie empört über den Doctor Brunnow. Er war jedenfalls ein ganz entsetzlicher Mensch, ohne Religion, ohne Grundsätze, voll Spott und Hohn über die heiligsten Dinge und dabei von einer unglaublichen Rücksichtslosigkeit. Freilich, was konnte man Anderes von dem Sohne eines Mannes erwarten, der den Staat und die Regierung hatte umstürzen wollen und seinen Kindern ähnliche verderbliche Neigungen einflößte! Der Hofrath hatte das seiner Tochter in den schwärzesten Farben ausgemalt, sie war vollkommen mit ihm einverstanden, daß die beiden Brunnows, der Vater wie der Sohn, zu verabscheuen seien – und im Uebrigen nahm sie sich vor, morgen wieder zu der Kranken zu gehen, denn es war selbstverständlich ihre Pflicht, dem Einflusse eines Arztes entgegenarbeiten, der seine Patienten vielleicht gesund machte, aber zugleich ihr Seelenheil gefährdete, indem er den geistlichen Trost für überflüssig erklärte.




In dem Zimmer der Baronin Harder hatte soeben eine längere Unterredung stattgefunden. Der Freiherr hatte seiner Schwägerin rückhaltlos eröffnet, in welchen Beziehungen Gabriele zu dem Assessor Winterfeld stand, und die Baronin war außer sich darüber. Sie hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung von dem Sachverhalte gehabt, es war ihr nie eingefallen, daß der junge, bürgerliche und vermögenslose Assessor die Augen zu ihrer Tochter erheben, oder daß diese eine solche Neigung erwidern könne. Gabrielens dereinstige Vermählung war in den Augen der Mutter stets mit dem Begriffe von Glanz und Reichthum verknüpft gewesen. Eine Verbindung, wie die in Rede stehende, schien ihr ebenso unmöglich wie lächerlich, und sie erging sich in den heftigsten Aeußerungen über den unverzeihlichen Leichtsinn ihrer Tochter und die „Tollheit des jungen Menschen“, der da glaubte, daß eine Baroneß Harder so ohne Weiteres für ihn erreichbar sei. Raven hörte finster und schweigend zu, endlich aber schnitt er der erzürnten Dame das Wort ab.

„Lassen Sie endlich diese Erörterungen, Mathilde, die an dem Geschehenen auch nicht ein Jota ändern! Sie haben am wenigsten Grund, so außer sich zu gerathen über Dinge, die sich unter Ihren eigenen Augen zutrugen. Daß es überhaupt bis zur Erklärung und zum Einverständnisse zwischen den Beiden kommen konnte, setzt doch mindestens eine grenzenlose Unaufmerksamkeit von Ihrer Seite voraus. Jedenfalls muß jetzt irgendetwas geschehen, und darüber wollte ich Rücksprache mit Ihnen nehmen.“

„O, ich bin froh, Sie zur Seite zu haben,“ rief die Baronin, welche die Ausfälle ihres Schwagers gegen ihre eigene Person stets grundsätzlich ignorirte. „Ich weiß es ja, daß ich Gabriele von jeher zu viel nachgegeben habe; jetzt glaubt sie sich mir gegenüber Alles erlauben zu dürfen. Sie haben zum Glück mehr Autorität. Greifen Sie mit voller Strenge ein, Arno! Ich bitte Sie selbst darum. Setzen Sie der Anmaßung dieses verwegenen jungen Meschen einen Damm entgegen! Ich werde es versuchen, meiner Tochter begreiflich zu machen, wie sehr sie sich und ihre Stellung vergaß, als sie solchen Anträgen Gehör schenkte.“

„Sie werden Gabrielen keine Vorwürfe machen,“ sagte der Freiherr mit Bestimmtheit. „Sie hat von mir bereits gehört, welchen Standpunkt Sie und ich zu der Sache einnehmen, und das ist genug. Vorwürfe und Quälereien würden sie nur mehr in den Trotz hineintreiben. Uebrigens ist ihre Neigung weder so lächerlich noch der junge Mann so unbedeutend, wie Sie annehmen; die Sache ist im Gegentheile sehr ernst und erfordert ein sofortiges energisches Eingreifen; hoffentlich ist es noch Zeit dazu.“

„Gewiß, gewiß,“ stimmte Frau von Harder bei. „Es ist ja unmöglich, daß meine kindische, flatterhafte Gabriele so tief und ernst gefesselt sein sollte. Sie hat sich von äußeren Eindrücken bestechen, von einer schwärmerischen Liebeserklärung blenden lassen. Junge Mädchen ihres Alters übersetzen ja so gerne die Romane, die sie lesen, in die Wirklichkeit. Sie wird zur Besinnung kommen und einsehen, zu welcher Thorheit sie sich hat fortreißen lassen.“

„Das hoffe ich,“ sagte Raven, „und darauf hin habe ich bereits meine Maßregeln genommen, um eine Begegnung der Beiden in Zukunft zu verhindern. Ihre Sache ist es, dafür zu sorgen, daß kein Briefwechsel stattfindet, und ich bin überzeugt, Mathilde, Sie werden etwaigen Bitten und Thränen unzugänglich sein und sich einzig von der Rücksicht auf die Zukunft Ihrer Tochter leiten lassen. Sie werden begreifen, daß meine testamentarischen Verfügungen nur dann in Kraft bleiben, wenn ich über Gabrielens Zukunft und Vermählung bestimme. Ich bin nicht geneigt, die offenbare Auflehnung gegen meinen Willen durch jene Verfügungen zu sanctioniren, und am allerwenigsten gesonnen, mit meinem Vermögen dereinst dem Herrn Assessor Winterfeld zu Reichthum und Ansehen zu verhelfen. Gabriele ist noch viel zu jung und unerfahren, um solchen Erwägungen überhaupt zugänglich zu sein. Sie überschauen die Verhältnisse, und ich darf daher wohl Ihrer Unterstützung gewiß sein.“

Der Freiherr wußte, was er that, als er diese ganz unzweideutige Drohung aussprach. Er kannte die unbeschränkte Macht Gabrielens über ihre Mutter und die Charakterlosigkeit der Baronin, die heute eine Sache in der heftigsten Weise verdammte und sich morgen von Trotz und Thränen zur Nachgiebigkeit bewegen ließ. Seine Drohung schob jeder etwaigen Schwäche einen Riegel vor und machte die Mutter zur aufmerksamsten Hüterin der Tochter. Frau von Harder war in der That ganz bleich geworden, als sie von Testamentsänderung hörte.

„Ich werde meine Mutterpflicht im vollsten Maße erfüllen,“ versicherte sie. „Seien Sie überzeugt, daß ich mich nicht zum zweiten Male täuschen lasse!“

Der Freiherr stand auf. „Und nun wünsche ich Gabriele zu sehen. Sie hat sich zwar seit unserer gestrigen Unterhaltung für krank erklärt, ich weiß aber, daß das nur ein Vorwand ist, um mir auszuweichen. Sagen Sie ihr, daß ich sie hier erwarte!“

Die Baronin kam dem Wunsche ihres Schwagers nach; sie ging und kehrte schon nach wenige Minuten in Begleitung ihrer Tochter zurück.

„Darf ich Sie bitten, uns zu verlassen, Mathilde?“ sagte Raven.

„Sie wünschen –?“

„Daß Sie mich und Gabriele auf eine Viertelstunde allein lassen. Ich ersuche Sie darum.“

Die Baronin vermochte kaum, ihre Empfindlichkeit zu verbergen. Sie hatte doch ohne Zweifel das nächste und erste Recht, der nun folgenden Gerichtsscene beizuwohnen, und jetzt sandte der Freiherr sie mit seiner gewohnten Rücksichtslosigkeit fort und behielt sich die entscheidende Unterredung allein vor, ohne ihre Mutterrechte im Geringsten zu respectiren. Hätte die Dame nicht eine so große Furcht vor ihrem Schwager gehegt, sie würde sich diesmal gegen seinen Willen aufgelehnt haben, aber sein Ton und seine Haltung zeigten ihr, daß er heute weniger als je Widerspruch vertrug, und so fügte sie sich denn oder vielmehr, wie ihre eigene Meinung lautete: sie wich mit tiefverletzten Gefühlen dieser unerhörten Tyrannei und verließ das Zimmer.

Der Freiherr war allein mit Gabriele, aber diese blieb im Hintergrunde des Gemaches stehen. Er erwartete vergebens eine Annäherung.

„Gabriele!“

Sie that einige Schritte ihm entgegen, hielt dann aber mit sichtbarer Scheu inne. Raven trat jetzt zu ihr.

[294] „Fürchtest Du Dich vor mir?“ fragte er.

Sie machte eine verneinende Bewegung.

„Nun, weshalb denn dieses scheue, stumme Abwenden? Bin ich so hart gegen Dich gewesen, daß Du nicht einmal wagtest, mir wieder vor Augen zu treten?“

„Mir ist wirklich nicht wohl gewesen,“ versetzte Gabriele leise.

Der Blick des Freiherrn streifte das jugendliche Antlitz, das in der That nicht so rosig und frisch wie sonst erschien. Es lag etwas darüber wie ein Schatten, wie ein Hauch von Schmerz oder Unruhe, der diesen heiteren, lächelnden Zügen sonst ganz fremd war.

Raven nahm die Hand des jungen Mädchens; er fühlte, wie diese Hand bebte und es versuchte, sich der seinigen zu entziehen. Er hielt sie trotzdem fest, aber ohne jeden Druck, und seine Stimme klang kalt und ruhig, als er sagte:

„Ich weiß, was Dich bei unserer letzten Unterredung so erschreckt hat, und alles Verhüllen wäre hier nutzlos, aber Du brauchst nichts mehr zu fürchten – es ist bereits vorüber. Ich verlange von Dir die Bekämpfung einer Jugendthorheit und muß Dir doch vor allen Dingen das Beispiel geben, wie man solche Aufwallungen niederkämpft. Ich konnte auf Augenblicke meine Jahre und die Deinigen vergessen. Du hast mich zur rechten Zeit daran erinnert, daß die Jugend einzig zu der Jugend gehört, und ich bin Dir dankbar für diese Erinnerung. Vergiß, was ein unbewachter Augenblick Dir enthüllte! Es soll Dich nicht wieder schrecken. Ich habe schon Ernsteres und Tieferes niedergezwungen, und ich bin es gewohnt, meine Empfindungen meinem Willen unterzuordnen. Der Traum ist zu Ende, denn – er soll zu Ende sein.“

Gabriele hatte schon, als er zu sprechen begann, das Auge zu ihm emporgehoben; es lag noch immer eine bange Frage darin, indeß erwiderte sie nichts, und ihre Hand glitt widerstandslos nieder, als er sie aus der seinigen ließ.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 19, S. 307–310
Fortsetzungsroman – Teil 11


[307] „Und nun fasse wieder Vertrauen zu mir, Kind!“ fuhr Raven fort. „Wenn ich jetzt streng gegen Dich und Deine Liebe bin, so sieh darin nur die Pflicht des Vormundes, der für ein junges, ihm anvertrautes Wesen einzustehen hat. Willst Du mir das versprechen?“

„Ja, Onkel Arno.“ Der Name kam doch seltsam zögernd und gezwungen von den Lippen des jungen Mädchens. Die Unbefangenheit, mit der sie einst dem „Onkel Arno“ entgegengetreten, war unwiederbringlich dahin.

„Ich habe mit dem Assessor Winterfeld gesprochen,“ nahm Raven wieder das Wort, „und ihm gleichfalls mitgetheilt, daß ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit ihm auf das Entschiedenste versage. Es bleibt bei meinem Nein, denn ich weiß, daß eine solche Verbindung nach kurzer Täuschung für Dich nur eine Quelle der Sorgen und Thränen werden würde, und um Deiner selbst willen muß ich sie verhindern. Du bist in aristokratischen Anschauungen und Gewohnheiten erzogen, an Reichthum und Ueberfluß gewöhnt und wirst Dich nie in einer anderen Sphäre zurechtfinden. Was Dir Winterfeld bieten kann, ist im besten Falle die einfachste Häuslichkeit mit den bescheidensten Mitteln. Mit jener Heirath trittst Du in ein Leben von Dunkelheit und Entbehrungen und mußt Alles zurücklassen, was Dir lieb und nothwendig ist. Es mag Charaktere geben, die solchen fortwährenden Aufopferungen und Entsagungen gewachsen sind – Du bist es nicht; Du müßtest denn Deine ganze Natur ändern, und ich habe es dem Assessor fühlen lassen, welchen Egoismus er bekundet, wenn er Dir dergleichen Opfer zumuthet.“

„Er muthet sie mir nur für wenige Jahre zu,“ fiel Gabriele ein. „Georg Winterfeld steht ja erst im Anfange seiner Laufbahn, und wir vertrauen auf die Zukunft. Er wird sich emporarbeiten, wie Du selber es gethan hast.“

Raven zuckte die Achseln. „Vielleicht – vielleicht auch nicht! Jedenfalls ist er keine von den Naturen, die sich ihre Zukunft im Sturme erringen und erobern; er gewinnt sie höchstens mit ruhiger, steter Arbeit. Aber dazu gehören lange Jahre, und dazu gehört vor Allem, daß er frei und auf sich selbst gestellt bleibt, wie jetzt. Die Sorge für eine Familie, die tausend Bande und Rücksichten, mit denen sie ihn fesselt, wird ihm keinen Raum mehr zur Entfaltung seines Ehrgeizes lassen und ihn in die Bahn der Alltäglichkeit lenken, wo man nur noch arbeitet, um zu leben. Dann ist er verloren für jedes höhere Ziel, und Du bist es mit ihm. Du weißt freilich noch nicht, was es heißt, mit der ganzen Existenz auf eine Summe angewiesen zu sein, wie sie jetzt Dein Toilettengeld bildet. Ich möchte Dich davor bewahren, es zu erleben, wie das Ideal von der Hütte und dem Herzen in Wirklichkeit aussieht.“

In Gabrielens Auge schimmerte eine Thräne, als der Vormund ihr mit fester, grausamer Hand das Zukunftsbild zeichnete, aber sie vertheidigte sich muthig.

„Du glaubst an keine Ideale mehr,“ entgegnete sie. „Du hast es mir ja selbst gesagt, daß Du die Welt und das Leben verachtest. Wir glauben noch daran, und darum wird es für uns auch noch Liebe und Glück geben. Georg hat nie daran gedacht, mir jetzt schon seine Hand zu bieten; er weiß, daß dies nicht möglich ist, aber in vier Jahren bin ich mündig, und er hat eine höhere Stellung erreicht, dann gehöre ich ihm, und dann hat Niemand mehr das Recht uns zu trennen, Niemand auf der Welt.“

Sie warf die Worte mit einer ganz ungewohnten Hast und Leidenschaftlichkeit hin, aber es war darin nicht der frühere Trotz und Eigensinn. Es war vielmehr ein halb unbewußtes, angstvolles Sträuben gegen jene Empfindung, der Gabriele schon im Anfange ihres Hierseins Worte geliehen, als sie der Mutter gestand, es sei ihr, als gehe von dem Freiherrn irgend eine geheime Macht aus, die sie quäle und gegen die sie sich wehren müsse um jeden Preis. Auch heute flüchtete sie sich in ihre Liebe zu Georg, und das allein war es, was die Heftigkeit ihrer Antwort verschuldete.

Um Raven’s Lippen spielte ein bitteres Lächeln. „Du scheinst ja sehr genau zu wissen, bis zu welcher Grenze meine Macht reicht,“ erwiderte er. „Man wird Dir das wohl oft genug klar gemacht haben; wofür ist man denn Jurist! Nun gut, so lassen wir die Sache ruhen bis zum Tage Deiner Mündigkeit. Wiederholst Du mir dann die heutigen Worte, so kann und werde ich Dich nicht mehr hindern, wenn unsere Wege sich auch fortan trennen. Bis dahin aber soll kein übereiltes Versprechen und keine eingebildete Fessel Dich binden, und deshalb wird Winterfeld Dir von jetzt an fern bleiben. Inzwischen bist Du frei, für die Bewerbung eines Jeden, dessen Lebensstellung und Persönlichkeit ihn dazu berechtigt. Ich werde einer ebenbürtigen Vermählung meine Einwilligung nicht versagen – das war es, was ich Dir mittheilen wollte.“

Er hatte ernst und kalt gesprochen; nicht das geringste Beben der Stimme, nicht das leiseste Zucken der Lippen verrieth, daß

[308] die letzte Verheißung ihm schwer werde. Der Traum sollte ja zu Ende sein, und Arno Raven schien ganz der Mann, dieses Wort wahr zu machen. Er zwang sich selbst mit der gleichen despotischen Gewalt, die er gegen Andere ausübte.

Er öffnete die Thür des Nebenzimmers, in dem sich die Baronin befand, die zu ihrem großen Leidwesen auch nicht ein Wort der Unterredung hatte auffangen können, da die schweren Portièren jeden Schall dämpften.

„Wir sind zu Ende, Mathilde,“ sagte der Freiherr. „Ich übergebe Ihre Tochter jetzt Ihrer Obhut, aber noch einmal – keine Vorwürfe! Ich will es nicht. Leb’ wohl, Gabriele!“




„Jetzt fange ich aber wirklich an, die Geduld zu verlieren,“ sagte Max Brunnow, als er in die Wohnung seines Freundes trat. „Ich glaube, alle Welt hat sich in die Ansicht des Hofrathes Moser verrannt, daß ich nothgedrungen staatsgefährlich sein müsse, weil ich den Namen Brunnow trage. Ueberall sieht man mich mit verdächtigen oder hochachtungsvollen Blicken an, je nach der Parteistellung. Es ist diesen Menschen schlechterdings nicht beizubringen, daß ich ein friedfertiger Arzt bin, der nicht daran denkt, Revolutionen anzuzetteln und Regierungen zu stürzen, sondern im Gegentheil die vortrefflichsten Anlagen zu einem ganz musterhaften Staatsbürger hat. Aber das glaubt mir Niemand, und nun bin ich mit meiner verhängnißvollen Familientradition auch noch in dieses aufgeregte R. gerathen, das fortwährend die krampfhaftesten Versuche macht, seinen Gouverneur abzuschütteln und sich dabei äußerst revolutionssüchtig zeigt. Aber Seine Excellenz sitzen fest im Sattel und setzen dem widerspänstigen Roß bei jedem Sprunge, den es macht, die Sporen tiefer in die Seiten. Der ist Euch Allen gewachsen.“

Assessor Winterfeld, der in der Sopha-Ecke lehnte, hatte ganz gegen seine Gewohnheit den Freund nicht begrüßt. Er achtete kaum auf dessen Worte und sagte jetzt in mattem gedrücktem Tone:

„Gut, daß Du kommst, Max! Ich wollte Dich soeben aufsuchen, um Dir eine Neuigkeit mitzutheilen.“

Max wurde aufmerksam. „Was giebt es denn? Ist Dir etwas Unangenehmes widerfahren?“

„Ja. Ich verlasse R. – wahrscheinlich auf immer.“

„Um Himmelswillen, was ist denn vorgefallen? Du willst fort?“

„Ich will nicht – ich muß. Heute Morgen habe ich die Nachricht von meiner Versetzung nach der Residenz und an das Ministerium erhalten.“

„An das Ministerium?“ wiederholte Max. „Ist das eine Beförderung oder –“

„Nein, es ist ein Gewaltschritt des Gouverneurs,“ brach Georg mit Bitterkeit aus. „Ich soll fort aus Gabriele’s Nähe; es soll uns in Zukunft jede Begegnung unmöglich gemacht werden. Raven hat es mir ja angekündigt, daß er seine Macht schonungslos gebrauchen werde. Er macht die Drohung nur zu bald wahr.“

„Du glaubst, daß diese Schritte gegen Dich von Deinem Chef ausgehen?“ fragte der junge Arzt, der jetzt auch ernst geworden war.

„Es ist sein Werk allein. Er ist einflußreich genug in der Residenz, um mich in eine der dortige Vakanzen einzuschieben, noch dazu, wenn es unter dem Vorwande der Verwendung für einen strebsamen jungen Beamten geschieht, dem man vorwärts helfen möchte. Ich weiß, daß von meiner Versetzung nie die Rede gewesen ist, sie trifft mich jetzt wie ein Blitzstrahl. Freilich, ich hätte den Freiherrn kennen sollen. Er droht nie, aber er weiß zu treffen. Seit unserer letzten Unterredung habe ich kein Zeichen seines Unwillens empfangen. Er vermied den Verkehr mit mir, und wenn er mir hin und wieder einige Worte sagen mußte, so geschah es kühl und geschäftsmäßig, aber ohne die geringste Hindeutung auf das Vorgefallene. Ebenso kühl und geschäftsmäßig kündigte er mir heute Morgen in der Kanzlei meine neue Bestimmung an. Er fügte sogar einige anerkennende Worte über einen Bericht hinzu, den ich für das Ministerium ausgearbeitet habe, und der ihm wahrscheinlich den Vorwand lieferte, die Sache einzuleiten. Das Ganze ließ sich wie eine besondere Bevorzugung an, und die Collegen gratulirten mir denn auch zu den brillanten Aussichten, die sich mir in der Residenz eröffnen.“

„Da haben sie ganz Recht,“ bemerkte Max, der jetzt, wo die erste Ueberraschung vorbei war, die Sache wie gewöhnlich von der praktischen Seite nahm. „Dein Chef mag persönliche Gründe gehabt haben; allzu schlimm ist er gerade nicht mit Dir verfahren, als er Dir die Residenz und das Ministerium öffnete. Das ist der Boden, aus dem er seine eigene glänzende Carrière gemacht hat. Was hindert Dich, es ihm nachzuthun?“

„Was hilft es mir,“ rief Georg mit Heftigkeit, indem er aufsprang, „wenn ich mich dort emporringe und emporarbeite, während mir hier Alles genommen wird, was mir das Leben und die Zukunft theuer macht? Ich weiß, daß ich Gabriele verliere, wenn sie all den feindseligen Einflüssen, die unsere Liebe bedrohen, hier jahrelang preisgegeben bleibt. Eine Natur wie die ihrige kann da nicht Stand halten, und ich ertrage es nicht, sie zu verlieren.“

Der junge Arzt hatte in aller Ruhe die leer gewordene Sopha-Ecke eingenommen und schien die Erregung seines sonst so besonnenen Freundes sehr wenig zu begreifen.

„Du bist ja ganz außer Dir,“ sagte er. „Was meint denn Fräulein von Harder zu der Trennung? Ist sie überhaupt schon davon unterrichtet?“

„Das weiß ich nicht. Mir ist ja jeder Verkehr mit ihr abgeschnitten, aber ich muß sie vor meiner Abreise noch einmal sehen und sprechen, ich muß, koste es was es wolle! Wenn mir kein anderer Ausweg bleibt, so gehe ich geradewegs zu der Baronin Harder und erzwinge mir den Abschied von meiner Braut.“

Max zuckte die Achseln. „Nimm es mir nicht übel, Georg, das ist eine unsinnige Idee. Die Baronin steht zweifellos unter dem Einfluß ihres Schwagers, und der läßt sich sicher nichts abtrotzen. Laß uns die Sache einmal vernünftig überlegen! Vor allen Dingen – wann mußt Du fort?“

„Schon in den nächsten Tagen, man hat selbstverständlich für einen Posten gesorgt, der sofortige und dringende Vertretung erfordert.“

„So ist keine Zeit zu verlieren. Du warst ja wohl erst kürzlich bei dem Hofrath Moser?“

„Ich habe ihm selbst einige Acten zurückgebracht, die ich mit nach Hause genommen hatte.“

Max sann nach. „Gut, so hast Du einen Vorwand, das zum zweite Male zu thun. Nimm meinetwegen das dickste Actenheft mit, das Du in Deiner Kanzlei auftreiben kannst, aber richte Dich so ein, daß Du den Hofrath verfehlst! Das ist die Hauptsache.“

Georg, der unruhig im Zimmer auf und nieder ging, blieb überrascht stehen. „Aber was soll denn das alles heißen?“

„Geduld – ich habe einen ganz vorzüglichen Plan. Fräulein Agnes Moser ist mit Baroneß Harder bekannt, allerdings nur oberflächlich. Der Hofrath hat seine Tochter den Damen vorgestellt, und die jungen Mädchen haben sich einige Male gesehen und gesprochen.“

„Woher weißt Du denn das alles?“ fiel Georg ein. „Ich denke, Du hast Fräulein Moser nur ein einziges Mal gesehen, bei jener irrthümlichen Visite?“

„Bitte um Entschuldigung; ich sehe und spreche sie fast täglich bei meiner Patientin, die ich auf Deinen Wunsch behandele; sie arbeitet an dem Seelenheil der Kranken und ich an deren leiblichem Wohle. Die Theilung der Arbeit geht ausgezeichnet von Statten.“

„Aber Du hast mir ja niemals eine Silbe davon erzählt.“

„Wozu das? Du bist verliebt, und verliebte Leute haben selten Interesse für vernünftige Dinge.“

Winterfeld überhörte die Bosheit, die in diesen Worten lag; der Gedanke an ein Wiedersehen mit Gabriele beschäftigte ihn vollständig.

„Und Du glaubst, das junge Mädchen, das, wie es heißt, in streng klösterlichen Umgebungen und Grundsätzen erzogen ist, werde sich zur Vermittlerin hergeben?“ fragte er.

„Mühe genug wird es kosten,“ antwortete der junge Arzt bedenklich. „Indeß, ich will es versuchen. Im schlimmsten Falle lasse ich mich einmal ordentlich bekehren; dann denkt sie an nichts weiter, als meine Seele dem Himmel zu retten, und willigt in Alles. Du mußt nämlich wissen, daß ich jetzt nach allen Regeln bekehrt werde.“

[309] Georg mußte trotz seines Kummers lächeln. „Du armer Max!“ sprach er mitleidig.

„Höre, Georg,“ sagte dieser ganz ernsthaft, „das ist auch so eine von den vorgefaßten Meinungen, daß man glaubt, das Bekehren müsse immer langweilig und trübselig sein, es ist bisweilen auch recht angenehm. Ich sage Dir, mir fehlt ordentlich etwas, wenn ich einmal nicht zu meiner Patientin komme, wo die üblichen Bekehrungsversuche mit mir angestellt werden.“

„Von Deiner Patientin?“

„Warum nicht gar! Von Agnes Moser. Bis jetzt hält sie mich allerdings noch für einen verstockten Sünder und verabscheut mich demgemäß, trotzdem sind wir schon ziemlich weit vorwärts gekommen. Die heilige Sanftmuth zum Beispiel, die mich im Anfange oft genug zur Verzweiflung brachte, habe ich ihr gründlich abgewöhnt. Sie kann jetzt schon ein ganz hübsches Trotzköpfchen aufsetzen, und wir zanken uns oft in einer herzerquickenden Weise.“

Georg’s Auge ruhte forschend auf dem Gesichte seines Freundes. „Max,“ sagte er plötzlich, ohne jeden Uebergang, „so viel ich weiß, besitzt Herr Hofrath Moser gar kein Vermögen.“

„Was in aller Welt geht das mich an?“

„Nun, ich meine nur wegen Deines Heirathsprogramms. Paragraph eins: Vermögen.“

Doctor Brunnow fuhr aus seiner Sopha-Ecke in die Höhe und starrte den Freund mit großen Augen an.

„Was fällt Dir denn ein? Agnes Moser will ja Nonne werden.“

„Ich habe auch davon gehört, und die Klostererziehung paßt nun allerdings nicht zu dem bequemen Leben, das Du in Deiner Ehe beanspruchst. Zartheit kannst Du bei Deiner Frau ohnehin nicht brauchen, und was die praktischen Hausfrauen-Eigenschaften und die blühende Gesundheit betrifft –“

„Das brauche ich nicht erst von Deiner Weisheit zu hören; das kann ich mir allein sagen,“ brauste Max im vollsten Aerger auf. „Ich begreife wirklich nicht, wie Du zu solchen ganz grundlosen Folgerungen kommst. Du meinst wohl, alle Welt müsse sich lieben, weil Du und Deine Gabriele es thun? Wir denken nicht daran, aber das hat man davon, wenn man sich als Freund in der Noth erweist. Die reinsten Absichten werden verdächtigt. Ich und Agnes Moser – lächerlich!“

Winterfeld hatte Mühe, seinen höchst aufgebrachten Freund zu besänftigen; endlich gelang es ihm. Der Herr Doctor ließ sich herab, die lächerliche Idee zu vergessen, mit der man ihn beleidigt hatte, und versprach seine Hülfe. Er trat denn auch bald darauf den gewohnten Weg zu seiner Patientin an. –

Die Kranke befand sich in der That ganz vortrefflich bei dem Eifer, mit dem man sich von zwei verschiedenen Seiten um ihr Wohl bemühte. Die Cur ihres Arztes hatte einen Erfolg, den dieser selbst im Anfange kaum zu hoffen wagte. Die Krankheit nahm die entschiedenste Wendung zum Besseren; es war gegründete Hoffnung zur vollen Genesung vorhanden, und heute hatte die Patientin bereits bei dem warmen Sonnenschein eine halbe Stunde in dem kleinen Garten zubringen können, der das Haus umschloß.

In diesem Gärtchen nun spazierten Doctor Brunnow und Fräulein Moser dem Anscheine nach ganz friedfertig auf und nieder. Es hatte sich in den wenigen Wochen ihrer Bekanntschaft ein Verkehr zwischen ihnen herangebildet, dessen Unbefangenheit hauptsächlich in der felsenfesten Ueberzeugung wurzelte, daß sie gar nichts für einander fühlten. Agnes hegte wirklich die ernstliche Absicht, den tief in Weltlichkeit und Unglauben versunkenen jungen Arzt für den Himmel zu retten, und sie wiederholte diese Versuche um so hartnäckiger, je vergeblicher sie sich erwiesen. Daß diese Seelenrettung auch für sie selber schließlich etwas bedenklich werden könne, fiel ihr gar nicht ein. Man hatte ihr jede Gefahr, die ihrem Herzen etwa von der Männerwelt drohen könne, unter dem Bilde der Schmeichelei, der Artigkeit und Liebenswürdigkeit dargestellt. Hätte sie etwas dergleichen entdeckt, sie würde sich erschreckt und eiligst zurückgezogen haben, aber Doctor Brunnow war und blieb rücksichtslos; er konnte unter Umständen sogar recht grob werden, und einzig diesen vertrauenerweckenden Eigenschaften dankte er es, daß das junge Mädchen ihn für vollständig ungefährlich hielt. Was ihn selbst betraf, so war er durchaus nicht verliebt, wenigstens war die Entrüstung, womit er gegen eine solche Zumuthung protestirte, vollkommen aufrichtig gemeint. Sein Heirathsprogramm enthielt bekanntlich sehr viel nützliche Paragraphen, aber nichts von dem unpraktischen Idealismus der Liebe. Da Agnes Moser’s Persönlichkeit nun durchaus nicht diesem Programm entsprach, so konnte von einer Neigung natürlich gar nicht die Rede sein.

Uebrigens hatte der junge Arzt entschiedenes Glück mit seinen Curen, denn auch Agnes hatte sich im Laufe der letzten Wochen außerordentlich erholt, jedenfalls nur in Folge der Gewissenhaftigkeit, mit der sie die ärztlichen Vorschriften befolgte. Auf ihren sonst so blassen Wangen zeigte sich eine leise Röthe; das Auge war belebter, die Haltung kräftiger, und ihr Wesen hatte viel von seiner Schüchternheit verloren, wenigstens dem Doctor Brunnow gegenüber. Seine Gottlosigkeit und ihr Bekehrungseifer begegneten sich so oft und sie vertieften sich so häufig in dieses interessante Thema, daß sie nothgedrungen vertrauter mit einander werden mußten. Auch heute hatte die junge Dame ihren Begleiter wieder gehörig abgekanzelt, der letztere sah aber durchaus nicht zerknirscht aus; seine Miene verrieth im Gegentheil das außerordentliche Behagen, das diese theologischen Streitigkeiten ihm gewährten.

„Jetzt aber, mein Fräulein, bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit für ewige irdische Dinge,“ sagte er, eine Pause des Gespräches benutzend. „Die Angelegenheit, die ich Ihnen mittheilen will, ist jedoch Geheimniß, und ich rechne auf Ihr unbedingtes Schweigen, gleichviel, ob Sie meine Bitte gewähren oder nicht.“

Das junge Mädchen machte große Augen bei dieser feierlichen Einleitung, verhieß aber zu schweigen und hörte gespannt zu.

„Sie kennen Fräulein Gabriele von Harder,“ fuhr Max fort, „und auch mein Freund, der Assessor Winterfeld, ist Ihnen bekannt. Ich weiß aus seinem Munde, daß er bereits einmal das Vergnügen hatte, Sie in Ihrer Wohnung zu sehen.“

„Ich erinnere mich; er war bei meinem Vater.“

„Nun wohl, Baroneß Harder und der Assessor lieben sich.“

„Lieben sich!“ wiederholte Agnes, mit einem Gemisch von Bestürzung und Verlegenheit. Sie schien den Gegenstand der Unterhaltung sehr unpassend zu finden.

„Ja, sie lieben sich ganz bedeutend,“ sagte Max mit Nachdruck. „Der Vormund der jungen Dame aber, Freiherr von Raven, und die Baronin Harder widersetzen sich der beabsichtigten Verbindung, weil Georg Winterfeld seiner dereinstigen Gattin keinen Rang und Reichthum bieten kann. Was mich betrifft, so bin ich von Anfang an der Schutzengel dieser Liebe gewesen.“

„Sie, Herr Doctor?“ fragte das junge Mädchen, den Schutzengel mit sehr kritischen Blicken ansehend.

„Sie meinen wohl, daß ich nicht viel Engelhaftes an mir habe?“ fragte Max nun seinerseits.

„Ich meine, daß es unter allen Umständen Sünde ist, sich gegen den Willen der Eltern zu lieben,“ lautete die ein wenig scharfe Antwort.

„Das verstehen Sie nicht, mein Fräulein,“ belehrte der junge Arzt. „Danach wird bei der Liebe gar nicht gefragt, und hier ist das junge Paar vollends in seinem Rechte. Was soll man denn anfangen, wenn die Eltern und Vormünder aus bloßem Vorurtheil und äußeren Rücksichten zwei eng verbundene Herzen trennen?“

„Man soll gehorchen,“ erklärte Agnes mit einer Feierlichkeit, die ihr in diesem Augenblicke eine gewisse Aehnlichkeit mit ihrem Vater gab.

„Das sind ganz veraltete Ansichten,“ sagte Max ungeduldig. „Im Gegentheil, man rebellirt und heirathet sich doch.“

Fräulein Agnes hatte seit den letzten Wochen offenbar schon bedeutende Fortschritte gemacht. Sie setzte den verwerflichen Ansichten des Doctor Brunnow durchaus kein resignirtes Schweigen mehr entgegen; sie hatte es wirklich schon gelernt, ein ganz hübsches Trotzköpfchen aufzusetzen, und machte jetzt von dieser neuen Errungenschaft Gebrauch, als sie erwiderte: „Das haben Sie gewiß dem Herrn Assessor angerathen.“

„Keineswegs! Ich habe im Gegentheil alle Hände voll zu thun, um ihn nur einigermaßen bei Vernunft zu erhalten.“ „Genug, mein Freund verläßt R. schon in den nächsten Tagen, und man geht so weit, ihm sogar den Abschied von seiner Braut zu verweigern. Er will und muß sie aber noch einmal sehen, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen. Fräulein Agnes –“ der Redende [310] machte hier eine äußerst wirkungsvolle Pause – es ist etwas Schönes, der Schutzengel einer reinen und wahren Liebe zu sein. Ich muß das wissen, ich habe es lange genug durchgemacht.“

„Was meinen Sie denn eigentlich, Herr Doctor?“ fragte das junge Mädchen, das jetzt Verdacht schöpfte und sehr eilig vorwärts zu schreiten begann.

„Das will ich Ihnen erklären,“ rief Max, und schloß sich ihr augenblicklich mit der gleichen Geschwindigkeit an.

Agnes blieb stehen, sie wußte aus Erfahrung, daß das Davonlaufen hier nichts half; dieser unverwüstliche Doctor hielt jedes Tempo von Schritten aus. Sie fügte sich also und hörte zu.

„Sie erzählten mir, daß Baroneß Harder bereits einmal bei Ihnen gewesen sei,“ nahm Max wieder das Wort. „Wenn das nun wieder geschähe und zufällig zu derselben Zeit Assessor Winterfeld –“

„Ohne Wissen der Frau Baronin?“ fuhr Agnes entrüstet auf. „Niemals!“

„Aber so bedenken Sie doch –“

„Niemals! Das ist ein Unrecht, eine Sünde. Solch einen Plan konnten nur Sie ausdenken, aber ich werde mich nie zur Mitschuldigen dabei machen. Ich will nicht.“

Fräulein Agnes war purpurroth vor Erregung und Entrüstung und traf den Doctor Brunnow mit einem so strafenden Blicke, daß er eigentlich die Augen hätte niederschlagen müssen. Aber Max war und blieb verstockt; er blickte das junge Mädchen mit ganz unzweideutigem Wohlgefallen an.

„Sieh den Trotzkopf!“ sagte er bei sich selber. „Ich wußte es ja, die ganze gottselige Ergebung und fromme Lammesgeduld ist nur angelernt, und sobald diese verwünschte Klostererziehung in den Hintergrund tritt, kommt etwas ganz Erträgliches zum Vorschein. Ich werde die Taktik ändern müssen. – Sie willigen also nicht ein?“ setzte er laut hinzu.

„Nein,“ erklärte Agnes mit einem Tone, in dem zwanzig Proteste lagen.

Max nahm eine resignirte Miene an. „So mag das Unglück denn seinen Lauf nehmen! Ich habe alles versucht, meinen Freund von verzweifelten Schritten zurückzuhalten, und ich hoffte das mit Ihrer Hülfe auch zu thun, indem ich ihm wenigstens den Abschied von seiner Braut ermögliche. Wird ihm dieser letzte Trost geraubt, so stehe ich für nichts mehr ein. Er nimmt sich wahrscheinlich das Leben.“

„Er wird doch nicht!“ meinte Agnes unruhig.

„Ich bin leider davon überzeugt. Was Fräulein von Harder betrifft, so wird sie seinen Tod schwerlich überleben; sie stirbt ebenfalls vor Gram und Kummer.“

„Kann man denn wirklich vor Kummer sterben?“ fragte das junge Mädchen, das sichtlich ängstlich geworden war.

„Ich habe in meiner Praxis bereits mehrere derartige Fälle erlebt,“ log der gewissenlose Doctor. „Ich zweifle gar nicht daran, daß ein solcher auch hier eintreten wird. Die Baronin und Freiherr von Raven werden ihre Härte zu spät bereuen, und auch Sie, mein Fräulein, werden dies thun, denn in Ihrer Hand lag es, zwei brechende Herzen vor der Verzweiflung zu bewahren.“

Agnes hörte mit tiefem Mitleid, aber auch mit steigender Verwunderung zu; sie hatte den Doctor Brunnow gar nicht für so gefühlvoll gehalten, aber dieser war jetzt einmal in das Rührende gerathen, und da ihm dies zu seiner eigenen höchsten Verwunderung so ausgezeichnet glückte, griff er zu einem kühnen Schlußeffect. Es kam ihm dabei gar nicht darauf an, den Selbstmord und den Tod aus Kummer, woran vorläufig noch Niemand dachte, als bereits geschehen anzunehmen.

„Und ein solches Ende muß ich erleben!“ sagte er melancholisch. „Ich, der ich gehofft hatte, meinen Freund und dessen Erwählte in die Kirche und zum Altare zu geleiten!“

„Das würden Sie schwerlich gethan haben,“ warf das junge Mädchen ein. „Sie haben mir ja selbst gesagt, daß Sie niemals in die Kirche gehen.“

„Ich werde es in Zukunft thun, wenn das Unglück abgewendet wird,“ erklärte Max. „Uebrigens ist eine Hochzeit eine Ausnahme.“

Fräulein Agnes spitzte bei den ersten Worten die Ohren. Sie war viel zu eifrig im Bekehren, um sich nicht schleunigst der Handhabe zu bemächtigen, die sich ihr so unerwartet darbot.

„Ist das Ihr Ernst?“ fragte sie hastig. „Wollen Sie wirklich in die Kirche gehen?“

„Wollen Sie meine Bitte erfüllen und nur auf eine einzige Viertelstunde meine Schutzengelrolle übernehmen?“

Agnes überlegte; es war ohne Frage ein schweres Unrecht, eine Zusammenkunft zu begünstigen, die der Vormund und die Mutter verboten hatten, aber andererseits galt es, eine Seele dem Himmel zu retten, und dieser letzte Beweggrund besiegte alle Bedenken. Der jesuitische Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heilige, richtete auch hier wieder Unheil an.

„Morgen ist Sonntag,“ sagte das junge Mädchen zögernd. „Wenn Sie – wenn Sie die Vormittagspredigt im Dome besuchen wollten –“

„Die Frühmesse,“ verbesserte Max, der eine dunkle Idee davon hatte, daß diese Ceremonie die kürzeste zu sein pflegte.

„Die Vormittagspredigt!“ sagte Agnes so diktatorisch, als hätte sie dem Doctor Brunnow den Ton, in welchem er seine Verordnungen zu geben pflegte, förmlich abgelernt. Sie traute ihm offenbar noch nicht recht; jedenfalls wollte sie den betreffenden Kirchgang erst controlliren, ehe sie sich zur Gegenleistung entschloß; sie setzte deshalb hinzu. „Aber die ganze Predigt, von Anfang bis zu Ende.“

Max stieß einen Seufzer aus. „Wenn es nicht anders geht – in Gottes Namen!“

Das war endlich eine fromme Aeußerung, wie Fräulein Agnes mit Wohlgefallen bemerkte. Sie gab sich der gegründeten Hoffnung hin, daß die Predigt den so mühsam gewonnenen Grund für die rechte Gläubigkeit weiter bearbeiten werde, und in der Freude darüber reichte sie ihrem Widersacher, der jetzt ihr Bundesgenosse geworden war, die Fingerspitzen, bereute dies aber sofort wieder, denn Max machte es wie der Teufel im Sprüchwort; er nahm die ganze Hand, die er in der herzhaftesten Weise drückte und schüttelte.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 20, S. 323–326
Fortsetzungsroman – Teil 12


[323] Am nächsten Morgen, als die Glocken des Domes läuteten, schritt Hofrath Moser, seine Tochter am Arme, langsam und würdevoll nach der Kirche, um dort seinen gewohnten Platz einzunehmen. Die Aufmerksamkeit des frommen alten Herrn war natürlich nur auf den Gottesdienst gerichtet, und deshalb bemerkte er nicht, daß Agnes nicht wie sonst mit niedergeschlagenen Augen andachtsvoll im Kirchstuhl saß, sondern halb ängstlich und halb erwartungsvoll umherspähete. Sie brauchte nicht allzu lange zu suchen; kaum zwölf Schritte von ihr entfernt, in der Nähe der Kanzel, stand Doctor Brunnow und spähete gleichfalls erwartungsvoll umher. Die beiden Augenpaare, die sich mit solchem Eifer suchten, mußten sich nothgedrungen begegnen. Das geschah denn auch, und als Max sah, wie das blasse, zarte Gesichtchen in freudigster Ueberraschung aufleuchtete und von einer förmlichen Rosengluth übergossen wurde bei seinem Anblick, als er einen dankbar innigen Blick der dunklen Augen auffing, die ihm noch nie so ausdrucksvoll erschienen waren, wie heute, da dachte er weder an sein Programm noch an dessen Paragraphen; er dachte nur, daß dieser Kirchenbesuch doch auch seine großen Annehmlichkeiten habe, und setzte sich mit einer Energie nieder, die seinen Entschluß, die ganze Predigt von Anfang bis zu Ende auszuhalten, auf das Deutlichste bekundete.

Er hörte nun allerdings die Predigt, ob mit oder ohne Andacht, mochte dahingestellt bleiben, aber dafür hatte er einer der eifrigsten Kirchgängerinnen alle Andacht geraubt. Es ließ sich wirklich schwer entscheiden, wer von den Beiden eigentlich der Bekehrte war. –

Am Nachmittage desselben Tages fand nun wirklich die beabsichtigte Zusammenkunft statt, die der Zufall außerordentlich begünstigte. Hofrath Moser hatte die Einladung eines Collegen angenommen und befand sich in der Stadt. Frau Christine war gleichfalls ausgegangen; es bedurfte also nicht einmal eines Vorwandes, und der Besuch Gabrielens bei Agnes Moser einerseits und das Eintreffen des Assessor Winterfeld, der seinen Vorgesetzten verfehlte, andererseits machten sich so zwanglos, daß beides immerhin für einen Zufall gelten konnte.

„Verzeih, daß ich zu diesem Mittel griff!“ sagte Georg hastig, sobald er sich mit Gabriele allein sah. „Mir blieb keine Wahl, und ich habe es dem Freiherrn offen erklärt, daß ich es auch gegen seinen Willen versuchen werde, Dich noch einmal zu sehen und zu sprechen. Ich komme, Dir Lebewohl zu sagen – vielleicht auf Jahre.“

Gabriele war bleich geworden, und ihre Augen hafteten mit dem Ausdruck des Schreckens auf dem Redenden.

„Um Gotteswillen – was ist geschehen?“

„Nichts von meiner Seite, was Dich beunruhigen könnte. Es ist die Hand Deines Vormundes, die uns so unerbittlich trennt. Er kündigte mir gestern meine Versetzung nach der Residenz und an das Ministerium an. Du siehst, wie weit sein Einfluß reicht und wie er ihn zu brauchen weiß, wenn es gilt, uns von einander zu reißen.“

„Nein, nein, Du darfst nicht fort,“ rief Gabriele angstvoll und schmiegte sich, wie Schutz suchend, an ihn. „Du darfst mich jetzt nicht verlassen, Georg. Nur jetzt laß’ mich nicht allein!“

„Weshalb nicht?“ fragte er betroffen. „Quält man Dich so sehr um meinetwillen? Freilich, ich hätte es ahnen können! Raven ist hart und rücksichtslos bis zur Grausamkeit, sobald man sich gegen seinen Willen auflehnt. Du wirst mit Vorwürfen, mit Quälereien und Drohungen verfolgt, nicht wahr, Gabriele? Man bietet Alles auf, Deinen Widerstand zu brechen? Sprich, ich muß die Wahrheit wissen.“

Das junge Mädchen machte eine matte, verneinende Bewegung.

„Du irrst, davon ist keine Rede. Mein Vormund hat seit jenem Tage, wo er mir erklärte, daß er unwiderruflich bei seinem Nein bleibe, Deinen Namen nicht wieder genannt und auch die Mama veranlaßt, mich mit den Vorwürfen zu verschonen, mit denen sie anfangs auf mich einstürmte, aber er geht seitdem mit einer Eiseskälte an mir vorüber, und ich – Georg, ist es denn nicht möglich, daß Du in meiner Nähe bleibst?“

„Ich kann nicht,“ sagte Georg, der selbst nur mit Mühe seine tiefe Erregung beherrschte. „Ich muß dem Rufe folgen; es ist unmöglich, ihn abzulehnen. Unter anderen Umständen würde ich diese neue Lebensrichtung ja mit Freuden begrüßen; sie eröffnet mir eine ganz andere Zukunft als meine Stellung hier in R., wo das Uebergewicht, das der Freiherr nach allen Richtungen hin ausübt, jede selbstständige Regung und jedes eigene Streben unterdrückt, aber ich weiß nur zu gut, daß diese sogenannte Beförderung nur den Zweck hat, mir mein Höchstes, Theuerstes, Deine Liebe, zu rauben und Dich mir auf immer zu entreißen. Dein Vormund hat zwei mächtige Bundesgenossen zu Hülfe gerufen, die Zeit und die Entfernung. Vielleicht verhelfen sie ihm doch zum Siege.“

[324] „Niemals!“ brach Gabriele leidenschaftlich aus. „Er soll und wird nicht siegen. Ich habe es Dir versprochen, ich halte Wort.“

Georg hörte nicht die verhaltene Angst, die auch jetzt wieder in dem Tone lag; er hörte nur die ungewohnte Willenskraft darin, und trotz der Abschiedsstunde leuchtete in seinem Antlitz ein Strahl des Glückes auf. Er hatte nur zu sehr gefürchtet, die Geliebte auch jetzt wieder so kindisch, so sorglos und gleichgültig gegen die Trennung zu finden, wie einst, wo sie seinem Schmerz auch nicht das mindeste Verständniß entgegenbrachte. Es beseligte ihn unendlich, daß auch sie seine Trennung so schmerzlich empfand, daß sie ihn so angstvoll zurückzuhalten strebte, und ihr leidenschaftlich gegebenes Versprechen erfüllte ihn mit nie gekanntem Entzücken. Im überströmenden Gefühl beugte er sich nieder und küßte ihre Hand.

„Ich danke Dir,“ sagte er innig. „Aber Du bist seltsam verändert, seit wir uns nicht gesehen haben. Wo ist denn die sonnige Heiterkeit meiner Gabriele geblieben, die sonst, noch mit der Thräne im Auge, schon wieder lächeln konnte? Einst sagtest Du mir im Scherze: ‚Du kennst meine eigentliche Natur noch gar nicht.‘ Ich habe sie wirklich nicht gekannt – das fühle ich in diesem Augenblicke.“

Das junge Mädchen blieb die Antwort schuldig, aber die rosigen Lippen hatten in der That das Lächeln verlernt; sie schienen ein geheimes Weh zu verschließen, das sich nicht in Worten erleichtern konnte.

„Verzeih, wenn ich Dich verkannte!“ fuhr Georg mit steigender Zärtlichkeit fort. „Ich bekenne es – ich habe oft an Dir gezweifelt und mit Bangigkeit der Stunde entgegengesehen, die den unausbleiblichen Kampf mit Deiner Familie bringen mußte. Jetzt sehe ich, daß Du auch tief und ernst empfinden kannst, und jetzt glaube ich an Dich und Deine Liebe, auch wenn ein Raven mit seinem Machtgebote dazwischen tritt.“

Gabriele zuckte bei den letzten Worten zusammen; sie hob das gesenkte Auge empor. Es war ein Blick, den Georg nicht zu enträthseln vermochte, ein Blick voll Angst, Schmerz und rührender Bitte, aber schon im nächsten Momente wurde das Alles verdunkelt von einem Thränenstrom, der unaufhaltsam hervorstürzte.

„Meine arme Gabriele,“ flüsterte der junge Mann zu ihr niedergebeugt. „Du bist so wenig an Leid und Kummer gewöhnt, und gerade ich muß es sein, der sie Dir bringt. Aber wir waren ja darauf gefaßt, für unsere Liebe zu kämpfen; jetzt ist die Zeit da; wir müssen ertragen und überwinden. Vielleicht bereut Freiherr von Raven es doch noch einmal, in solcher Weise die Vorsehung gespielt zu haben. Er entläßt einen Feind mehr in die Welt und keinen so unbedeutenden, wie er glaubt.“

Gabrielens Thränen stockten; sie entzog dem Sprechenden die Hand, die er noch in der seinigen hielt. „Ihr seid – Feinde geworden?“

„Ich bin längst der Gegner Ravens gewesen. Frage mich nicht weshalb! Dir gegenüber kann und will ich Deinen Vormund und Verwandten nicht anklagen; das gehört vor ein anderes Forum. Aber glaube mir, er hat viel Haß und Feindschaft herausgefordert, hat seine Macht oft genug in einer Weise gebraucht, die unheilvoll geworden ist für seinen Wirkungskreis und einst noch unheilvoll für ihn selber werden wird. Er that nicht gut daran, mich mit eigener Hand aus dem Bannkreise seiner Persönlichkeit zu stoßen, der mich, wie so viele Andere, gefesselt hielt und dem ich mich nicht entziehen konnte, obgleich ich fühlte, daß er meine Willenskraft lähmte. Doctor Brunnow warnte mich nicht umsonst vor der dämonischen Macht dieses Mannes; auch mich hat sie oft bewundern gelehrt, wo ich hätte verurtheilen sollen. Jetzt ist der Bann gebrochen, und dort in der Residenz fallen auch die Rücksichten, die mich meinem unmittelbaren Vorgesetzten gegenüber banden.“

„Was meinst Du?“ fragte Gabriele unruhig. „Ich verstehe Deine Andeutungen nicht.“

„Du sollst sie auch nicht verstehen,“ sagte Georg fest, „aber versprich mir eins! Was Du auch hören magst, glaube nicht, daß persönliche Feindschaft oder niedrige Rache für einen versagten Wunsch mich zum Handeln treibt. Ich hatte längst beschlossen, den Kampf mit dem Gouverneur unserer Provinz aufzunehmen, weil er angenommen werden mußte und weil sich sonst Niemand fand, der es wagte, dem allmächtigen Raven die Stirn zu bieten. Ich hatte meine Waffen bereit – da lernte ich Dich kennen und erfuhr, daß der Mann, den ich auf Tod und Leben bekämpfen wollte, mein ganzes Lebensglück in Händen hielt, und da sank mir der Muth. Es mag unrecht, mag feige gewesen sein, aber ich möchte den sehen, der an meiner Stelle anders gehandelt, der es vermocht hätte, sich selbst all die Liebes- und Lebenshoffnungen zu zerstören, die ihm eben erst erblüht waren. Jetzt sind sie zerstört. Dein Vormund hat mir mit grenzenloser Härte auch für die Zukunft Deine Hand versagt, er, der nicht mehr wie ich zu bieten hatte, als er um die Tochter des Ministers warb. Wir sind als offene Gegner geschieden; jetzt werde ich mich nur noch von dem leiten lassen, was ich für Pflicht anerkenne. Und nun – lebe wohl!“

Gabriele hielt ihn zurück. „Georg, so darfst Du nicht von mir gehen, nicht mit diesen dunklen Drohungen, die mich namenlos ängstigen. Was hast Du vor? Ich will und muß es wissen.“

„Erlaß mir das!“ sagte der junge Mann, sanft, aber entschieden ablehnend. „Um Deiner selbst willen darf ich Dir die Mitwissenschaft nicht auferlegen. Du bist nicht frei wie ich. Du bleibst hier in der Nähe Deines Vormundes, im täglichen Verkehr mit ihm. Du würdest es wie eine Schuld empfinden, hättest Du auch nur in Gedanken Antheil an irgend Etwas –“

„Das ihn bedroht?“ fiel Gabriele mit so eigenthümlich vibrirender Stimme ein, daß Georg stutzte.

„Den Freiherrn von Raven meinst Du?“ sagte er langsam. „Traust Du mir irgend etwas Ehrloses zu?“

„Nein, nein – aber ich fürchte – für Dich, für uns Alle.“

„Sei ruhig, ich kämpfe mit offenem Visir und spreche im Namen von Hunderten, die nicht zu sprechen wagen. Der Gouverneur von R. mag antworten, wie es ihm gut dünkt. Er ist der Mächtige, dessen Stimme vor allem gehört wird; die Gefahr ist allein auf meiner Seite, aber auch das Recht. – Und nun laß uns scheiden! Wenn es irgend möglich ist, so erhältst Du Nachricht von mir aus der Residenz, aber wenn auch keine einzige Zeile bis zu Dir gelangen sollte, Du weißt es ja, daß Du allein mein ganzes Denken und Streben ausfüllst und daß ich mein Recht auf Deine Hand nicht fahren lasse, ich müßte denn aus Deinem eigenen Munde hören, daß Du mich aufgiebst.“

Er zog sie in seine Arme, zum ersten Male wieder seit jenem Tage, wo er ihr seine Liebe gestanden hatte. Der Abschied war kurz und schmerzvoll; noch ein paar innig und leidenschaftlich geflüsterte Worte, ein letzter Händedruck – dann riß sich Georg los und ging.

Gabriele war auf einen Sessel niedergesunken und hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Thräne auf Thräne tropfte zwischen den Fingern nieder, und doch galt dieses leise, halb unterdrückte Weinen nicht der Trennung allein. Es war noch ein anderes, unnennbares Weh, das durch die Seele des jungen Mädchens zog und mit geheimnißvoller, aber furchtbarer Gewalt die ganze Vergangenheit auszulöschen drohte. Georg hatte Recht; er kannte Gabrielens eigentliche Natur bisher wirklich noch nicht, wenn diese Natur sich aber auch jetzt entschleierte – er war es nicht, der sie geweckt hatte.




Die letzten Wochen im Raven’schen Hause waren allerdings nichts weniger als angenehm gewesen. Zwar hatte sich dort im äußeren Leben nichts geändert; man sah und sprach sich nach wie vor bei Tische und bei gesellschaftlichen Veranlassungen, aber die frühere Unbefangenheit des Verkehrs hatte einer Gezwungenheit Platz gemacht, die wie ein schwerer Druck auf jedem Einzelnen lastete. Die Baronin fand sich in ihrer gewohnten Oberflächlichkeit noch am leichtesten damit ab. Sie begriff gar nicht, wie ein unbedeutender und flüchtiger Liebesroman, der ja nicht viel mehr als eine Kinderei war, den Freiherrn so tief und nachhaltig verstimmen konnte. In ihren Augen war die Sache mit dem energischen Verbot ihres Schwagers und der Entfernung des Assessor Winterfeld aus R. vollständig zu Ende und Gabriele mußte jetzt zweifellos zur Besinnung kommen. Die Mutter hatte ein, wie sie meinte, unfehlbares [325] Mittel in Bereitschaft, um jenen romantischen Jugendtraum bei ihrer Tochter in den Hintergrund zu drängen – die Bewerbung des jungen Lieutenant Wilten, der mit seinen Absichten jetzt deutlicher hervortrat.

Oberst Wilten hatte seit jenem Festabende, wo er bemerkte, wie sehr sein ältester Sohn von dem Anblicke und den Reizen der jungen Baroneß Harder gefesselt war, den Plan einer Verbindung festgehalten. Da der Freiherr sich den ersten Andeutungen gegenüber sehr unzugänglich zeigte, so wandte der Oberst sich an die Baronin, die er denn auch seinen Wünschen geneigter fand. In der That ließ sich nicht viel gegen die Partie einwenden, die selbst einer anspruchsvollen Mutter genügen konnte. Die Wilten gehörten einem altaristokratischen Geschlechte an und waren mit den vornehmsten Familien des Landes verwandt oder verschwägert. Sie waren allerdings nicht reich, aber dieser Mangel wurde durch Gabrielens Mitgift und dereinstiges Vermögen abgeglichen, wenn, wie es zu erwarten stand, der Freiherr die Verbindung genehmigte. Albrecht von Wilten war ein junger, hübscher Officier, dem die Uniform vorzüglich stand und der ebenso vorzüglich ritt und tanzte. Er war ein liebenswürdiger Cavalier, wußte angenehm zu unterhalten und schien Gabriele wirklich tief und aufrichtig zu lieben. Kurz, er besaß alle Eigenschaften, welche Frau von Harder von ihrem künftigen Schwiegersohne verlangte, und der Oberst und dessen Gemahlin, denen die präsumtive Erbin des Freiherrn von Raven als Schwiegertochter sehr erwünscht war, überhäuften Mutter und Tochter mit Aufmerksamkeiten.

Die Baronin sondirte zuvörderst bei ihrem Schwager. Sie machte freilich die unangenehme Entdeckung, daß Gabriele durch ihren Trotz und Eigensinn das frühere Wohlwollen des Vormundes vollständig verscherzt hatte, denn er nahm den ganzen Plan mit eisiger Gleichgültigkeit auf. Er erklärte zwar, daß er nichts dagegen einzuwenden habe, verweigerte aber jedes Eingreifen seinerseits und überließ Alles der Mutter allein. Diese gewann indeß die tröstliche Ueberzeugung, daß ihre Tochter als Baronin Wilten im ungeschmälerten Besitz all’ der Rechte bleiben werde, die das Testament des Freiherrn ihr verhieß, und damit fiel auch das letzte Bedenken. Gabriele durfte allerdings von dem Plane noch nichts wissen; sie schien den jungen Officier nicht ungern zu sehen, verhielt sich aber ihm gegenüber ziemlich kühl und zurückhaltend und legte seinen Huldigungen offenbar keine tiefere Bedeutung bei. Sie weigerte sich deshalb auch nicht, die Mutter zu begleiten, als diese eine Einladung nach dem Wilten’schen Landsitze annahm, der einige Meilen von der Stadt entfernt am Fuße des Gebirges lag. Die kränkliche Gattin des Obersten pflegte dort den Sommer zuzubringen; sie war noch nicht wieder nach R. zurückgekehrt, und da der Herbst noch schöne, sonnige Tage versprach, so ruhte Lieutenant Wilten nicht, bis er die Zusage eines Besuches erhielt. Er nahm natürlich sofort Urlaub, um den Damen bei diesem Herbstaufenthalt Gesellschaft zu leisten, und auch der Oberst machte sich auf kurze Zeit von den Pflichten seines Dienstes frei. Die Sache war also angeknüpft, und man beschloß, das Weitere den jungen Leuten selbst zu überlassen.

Der Freiherr, dem die Einladung gleichfalls galt, hatte sich mit der Ueberhäufung von Geschäften und der Nothwendigkeit entschuldigt, bei der fortgesetzt unruhigen Stimmung, die in der Stadt herrschte, auf seinem Posten zu bleiben. Die Damen reisten also allein ab, und Gabriele athmete auf, als der Wagen aus dem Portal des Regierungsgebäudes rollte. Sie hatte unter den Erlebnissen der letzten Wochen am schwersten gelitten, und doch hatte Raven Wort gehalten; kein Blick, kein Laut erinnerte sie mehr an jenen „unbewachten Augenblick“, den sie vergessen sollte, wie er ihn vergessen zu haben schien. Er nannte den Namen Georg Winterfeld’s nicht wieder seit dem Tage, wo er dem jungen Mädchen ankündigte, daß der Assessor R. verlassen habe, um seine Stellung in der Residenz anzutreten, doch der Freiherr selbst war seitdem noch verschlossener und unzugänglicher, als sonst. Er beherrschte und leitete Alles mit gewohnter Energie, aber zwischen ihm und Gabriele schien sich eine endlose Kluft aufgethan zu haben, die jede Möglichkeit der Annäherung oder Versöhnung ausschloß. Es lag eine Eiseskälte in seinem Benehmen gegen sie, und sie griff mit einer förmlichen Hast nach dem Vorschlage der Mutter, nur um auf kurze Zeit einem Zusammenleben zu entgehen, das mit jedem Tage unerträglicher wurde. Auch Raven schien die Trennung zu wünschen, denn er hatte nichts gegen den Ausflug einzuwenden und gab sofort seine Einwilligung, als die Baronin ihn auf volle vierzehn Tage ausdehnte.

Es war am letzten Tage dieses Aufenthaltes, als der Gouverneur nach dem Wilten’schen Landsitze hinausfuhr, um die Damen abzuholen. Die Baronin hatte sich eine Erkältung zugezogen und wagte es nicht, bei der ziemlich rauhen Witterung eine Fahrt von mehreren Stunden zu unternehmen. Sie wollte erst am nächsten Tage in Begleitung des Obersten und seiner Gattin nach der Stadt zurückkehren während Gabriele den Vormund schon heute zurückbegleiten sollte. Raven, der in den Vormittagsstunden gekommen war, wollte gleich nach Tische wieder fort, und Oberst Wilten bemühte sich vergeblich, ihn gleichfalls zum Bleiben zu bewegen.

„Ich kann nicht,“ sagte der Freiherr, während Beide, im Gespräch begriffen, im Gartensalon auf und nieder schritten. „Ich darf unter den jetzigen Umständen die Stadt nicht auf länger als höchstens einige Stunden verlassen und habe selbst für diese kurze Abwesenheit Anordnungen getroffen, um sofort erreichbar zu sein, wenn irgend etwas vorfällt.“

„Ist die Lage so bedrohlich?“ fragte der Oberst, der seit acht Tagen auf seinem Gute war.

„Bedrohlich?“ Raven zuckte die Achseln. „Man schreit und lärmt noch ärger als sonst und giebt mir durch gelegentliche Krawalle das Mißfallen der guten Stadt R. an meiner Person und meinem Regiment hinreichend zu erkennen. Ich habe einige der ärgsten Schreier, die in offener Versammlung die Nothwendigkeit meiner Absetzung decretirten, ergreifen und dingfest machen lassen, und darüber giebt es nun Empörung an allen Ecken und Enden. Der Bürgermeister war selbst bei mir, um im Namen der Gerechtigkeit die Freilassung der Verhafteten zu verlangen. Ich war genötigt, dem Herrn bemerklich zu machen, daß meine Geduld jetzt erschöpft sei, und daß ich in anderer Weise eingreifen werde, als es bisher geschehen ist.“

Die Worte verrieten trotz ihres sarkastischen Anfluges doch eine tiefe Gereiztheit, auch Wilten war ernst geworden.

„Es gährt schon seit Monaten,“ bemerkte er. „Wenn der drohende Ausbruch bisher vermieden wurde, so danken wir das nur dem äußerst taktvollen Benehmen des Polizeidirectors.“

„Er und seine Beamten werden aber der wachsenden Aufregung nachgerade machtlos gegenüber stehen; der Polizeidirector liebt viel zu sehr die halben Maßregeln, als daß ich mich ernstlich auf ihn verlassen könnte. Was ich auch befehlen und anordnen mag, ich finde stets ein gefügiges Entgegenkommen, aber sobald es sich um die Ausführung handelt, giebt es Hindernisse und Zögerungen ohne Ende, und wir kommen nicht von der Stelle. – Es ist mir lieb, daß Sie morgen ohnehin nach der Stadt zurückkehren; ich hätte Sie sonst ersucht, Ihren Urlaub abzukürzen. Sie sind Commandant der Garnison, und ich weiß nicht, ob und wie bald ich das Militär brauchen werde.“

„Excellenz, das sollten Sie lieber vermeiden,“ sagte der Oberst eindringlich. „Das sind Gewaltschritte, die nicht mehr zurück gethan werden können, und Sie wissen, meine Instructionen –“

„Weisen Sie an, die Garnison zu meiner Verfügung zu stellen!“ fiel der Freiherr ein.

„Nein, sie weisen mich nur an, Ihnen im äußersten Nothfalle meine Unterstützung zu leihen,“ entgegnete der Oberst, gereizt durch den herrischen Ton, „und man wünscht beim Armeecommando ernstlich, daß dieser Fall vermieden werde. Es läßt sich da wirklich kaum eine Grenze ziehen, wo Ihre Verantwortung aufhört und wo die meinige beginnt. Ich würde Bedenken tragen, jetzt schon das Militär eingreifen zu lassen.“

„Das ist natürlich,“ sagte Raven kurz. „Sie sind Soldat und gewohnt, sich der Disciplin zu beugen; ich habe mir von jeher in meiner Stellung die Freiheit und Unabhängigkeit des Handelns gewahrt. Seien Sie indeß überzeugt, daß ich thun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihnen das Bedenken zu ersparen!“

„Wir wollen hoffen, daß es nicht zum Aeußersten kommt,“ lenkte der Oberst ein, der nichts weniger wünschte, als den Freiherrn zu erzürnen. Er rechnete gerade jetzt sehr auf dessen Freundschaft, und da er voraussah, daß das bisherige Gesprächsthema [326] nur Gelegenheit zu neuer Reizung geben werde, ließ er es fallen und ging zu einem anderen über, das ihm nahe am Herzen lag.

„Ich kehre jedenfalls morgen auf meinen Posten zurück,“ begann er wieder. „Mein Albrecht ist schon seit einigen Tagen wieder in der Stadt; es ist ihm freilich schwer genug geworden, sich loszureißen und den Pflichten seines Dienstes zu folgen. Er liegt ganz und gar in den Fesseln einer gewissen jungen Dame.“

Raven schwieg; er blieb wie zufällig an der Balconthür stehen und blickte halb abgewendet in den Garten hinaus.

„Ich darf wohl annehmen, daß Ihnen die Wünsche und Hoffnungen meines Sohnes nicht mehr unbekannt sind,“ fuhr Wilten fort, „Wünsche, die meine Frau und ich im vollsten Maße theilen. Wenn wir dabei auch auf Ihre Unterstützung rechnen dürften –“

„Hat sich Lieutenant Wilten bereits erklärt?“ unterbrach ihn der Freiherr, noch immer in seiner Stellung verharrend.

„Noch nicht! Fräulein von Harder nahm eine etwas zurückweisende Haltung an, und Albrecht wagte es daher nicht, sogleich mit seiner Bitte hervorzutreten. Ihnen gegenüber wird er das aber schon in den nächsten Tagen thun. Er darf doch wohl auf Ihre Fürsprache rechnen, das Wort eines Vaters ist ein mächtiger Beistand.“

„Eines Vaters!“ wiederholte Raven; es klang wie die herbste Ironie.

„Nun, oder dessen, der die Stelle des Vaters vertritt. Auch die Frau Baronin meint, daß Ihre Autorität bei ihrer Tochter schwer in’s Gewicht fallen werde.“

Raven fuhr mit der Hand über die Stirn und wandte sich langsam um.

„Sobald Lieutenant Wilten sich mir erklärt hat, werde ich Gabrielen seinen Antrag mittheilen und ihre Antwort fordern. Beeinflussen kann und will ich mein Mündel nicht.“

„Davon ist ja auch keine Rede,“ fiel der Oberst ein. „Wenn die junge Baroneß aber einwilligt, so handelt es sich doch vor allen Dingen um die Zustimmung des Vormundes. Die Frau Baronin hat meinem Sohne Hoffnung darauf gemacht.“

„Ich habe meiner Schwägerin bereits erklärt, daß ich nichts einzuwenden habe,“ sagte der Freiherr, dessen Lippen zuckten, als erduldete er eine innere Marter, während seine Stimme die gewohnte Ruhe behielt. „Die Entscheidung aber hängt einzig und allein von Gabriele ab. Will die Mutter sie beeinflussen, so mag sie es thun – ich enthalte mich jedes persönlichen Eingreifens.“

Der Oberst schien betroffen und ein wenig beleidigt durch diese kühle Aufnahme seiner Pläne, aber er schrieb sie der Verstimmung zu, in welche die Ereignisse in der Stadt den Gouverneur versetzt hatten. „Ich begreife, daß Sie jetzt den Kopf voll von ganz anderen Dingen haben,“ erwiderte er. „Aber wenn solch ein junger Hitzkopf, wie mein Albrecht, verliebt ist, so fragt er nicht viel darnach, ob Zeit und Umstände seiner Werbung auch günstig sind, und will sich durchaus nicht zum Warten bequemen. – Um aber wieder auf die Abreise zu kommen; wäre es nicht besser, Sie ließen die Damen noch eine Zeitlang hier? Der Aufenthalt in R. ist jetzt nicht angenehm, und meine Frau würde sich mit Freuden entschließen, um ihrer lieben Gäste willen den Landaufenthalt zu verlängern.“

„Ich danke,“ lehnte Raven ab. „Es soll nicht heißen, daß meine Verwandten der Stadt fern bleiben, weil ich die Lage für bedrohlich erachte. Dergleichen Gerüchte sind bereits aufgetaucht, und es ist die höchste Zeit, daß sie widerlegt werden.“

Oberst Wilten sah ein, daß er diesem Grunde weichen müsse, und fügte sich. Es blieb also bei der beschlossenen Abreise, und einige Stunden später kehrte der Freiherr mit Gabriele nach der Stadt zurück, wo der Oberst mit den beiden anderen Damen am nächsten Mittag eintreffen wollte.

Es war ein kühler, etwas stürmischer Herbsttag, wo Regenschauer und Sonnenblicke beständig abwechselten. Die ersteren hatten zwar gegen Mittag aufgehört, aber die jetzt schon sinkende Sonne kämpfte noch immer mit dem Gewölk, das den ganzen Himmel umzogen hielt. Raven war trotz der wenig einladenden Witterung, seiner Gewohnheit gemäß, im offenen Wagen gekommen, und die schönen, in ganz R. wegen ihrer Schnelligkeit berühmten Pferde trugen das leichte Gefährt wie im Fluge dahin. Von Seiten der beiden Insassen wurde die Fahrt größtenteils schweigend zurückgelegt. Der Freiherr schien ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, und Gabriele sah gleichfalls stumm in die Gegend hinaus. Der Wind blies schärfer von den Bergen her, und das junge Mädchen zog den Mantel fester um die Schulter. Raven bemerkte es.

„Dich friert,“ sagte er. „Ich hätte bedenken sollen, daß Du bei solcher Witterung nicht an die Fahrt im offenen Wagen gewöhnt bist. Ich werde das Verdeck schließen lassen.“

Er wollte dem Kutscher einen Befehl geben, aber Gabriele hielt ihn zurück. „Ich danke. Ich ziehe selbst diese rauhe Luft dem geschlossenen Wagen vor, und der Mantel schützt mich ja vollkommen.“

„Wie Du willst.“ Der Freiherr beugte sich nieder; er hob die Wagendecke empor, die herabgeglitten war, und legte sie um die schlanke Gestalt seiner jungen Begleiterin, die jetzt leise und beinahe scheu sagte: „Onkel Arno, ich habe eine Bitte an Dich.“

„Ich höre,“ versetzte er einsilbig.

„Wenn dieser enge Verkehr mit der Familie des Oberst Wilten auch in der Stadt fortgesetzt werden soll, so erlaß wenigstens mir die Betheiligung daran!“

„Weshalb?“

„Weil ich während unseres Landaufenthaltes entdeckt habe, daß die Mama einen ganz bestimmten Plan verfolgte, als sie die Einladung annahm, einen Plan, den auch Du begünstigt.“

„Ich begünstige nichts!“ sagte Raven kalt. „Deine Mutter handelt ganz nach eigenem Wunsche und auf eigene Verantwortung. Ich stehe der Sache vollständig fern.“

„Man wird aber Deine Entscheidung fordern,“ erwiderte Gabriele. „Wenigstens hat mir die Mama angedeutet, daß Albrecht von Wilten nächstens eine Bitte an Dich richten wird, die –“

„Dich betrifft,“ ergänzte Raven, als sie inne hielt. „Das ist allerdings wahrscheinlich, aber darüber hast Du allein zu entscheiden, und ich werde den jungen Baron auf Deine Antwort verweisen.“

„Erspare ihm und mir das!“ fiel das junge Mädchen hastig ein. „Es würde für ihn ebenso kränkend sein, ein Nein aus meinem Munde zu hören, wie es mir peinlich wäre, es auszusprechen.“

„Du bist also entschlossen, seinen Antrag zurückzuweisen?“

Sie schlug das Auge groß und vorwurfsvoll auf. „Das fragst Du noch? Du weißt ja, daß ich einem Anderen mein Wort gegeben habe.“

„Und Du weißt, daß ich jenes übereilte Versprechen nicht als eine Fessel anerkenne, die Dich binden könnte. Weil ich einem Anderen mein Wort gegeben habe! – das klingt sehr pflichtgemäß. Früher sagtest Du: ‚Weil ich einen Anderen liebe!‘“

Die Bemerkung mußte wohl treffen, denn in dem Antlitz Gabrielens stieg eine dunkle Röthe auf und sie umging die Antwort.

„Albrecht von Wilten war mir bisher gleichgültig,“ entgegnete sie. „Seit ich weiß, daß seine Hand mir aufgedrungen werden soll, habe ich einen Widerwillen gegen ihn gefaßt. Ich werde nie seine Gattin werden.“

Die Brust des Freiherrn schien sich unter einem tiefen Athemzuge zu erweitern, aber er versetzte in dem eisigen Tone, den er während des ganzen Gespräches festgehalten hatte:

„Ich will Dich zu einer Wahl weder zwingen noch überreden. Wenn Du wirklich fest entschlossen bist, dem jungen Wilten ein Nein zu geben, so ist es allerdings besser, sein Antrag unterbleibt überhaupt. Ich werde dem Oberst mittheilen, daß er sich keine Hoffnung machen darf; es soll schon morgen geschehen.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 21, S. 339–342
Fortsetzungsroman – Teil 13


[339] Raven lehnte sich in den Sitz zurück, und das frühere Schweigen trat wieder ein. Auch Gabriele schmiegte sich fester in die Wagenecke; sie, die es sonst nicht vermocht hatte, auch nur eine Viertelstunde zu fahren, ohne sich in allen möglichen Plaudereien zu ergehen, zeigte jetzt nicht die mindeste Neigung, das Gespräch wieder anzuknüpfen. Es war eine mächtige und tiefgreifende Veränderung mit ihr vorgegangen, die nicht erst von der Entfernung Georg’s datirte; schon früher, viel früher war jenes räthselhafte Etwas aufgewacht, gegen das sie vom ersten Augenblicke an gekämpft und das sie so lange für Furcht und Scheu gehalten hatte. Es hatte ja so gar nichts gemein mit jener frohen, beglückenden Empfindung, die wie Sonnenschein durch die Seele des jungen Mädchens floß, als Georg ihr seine Liebe gestand, als er mit der ganzen Innigkeit seines Wesens um ihre Gegenliebe bat und sie lächelnd und erröthend das ersehnte Ja aussprach. Sie rief oft genug das Andenken an jene Stunde zurück, wie man eine schützende Macht anruft, aber oft vergeblich. Es wich in solchen Momenten das Bild Georg’s, das sie festzuhalten strebte, in weite Ferne zurück, und bisweilen verblaßte es ganz. Wenn es nur die Trennung war, die das verschuldete, warum erwies sich diese Trennung denn machtlos jenem anderen Bilde gegenüber, das sich so ernst und düster erhob und immer deutlicher hervortrat, je mehr das erste sich verschleierte? Es hatte Gabriele nicht verlassen in diesen ganzen vierzehn Tagen; weder die schmeichelnden Huldigungen des jungen Officiers noch der Gedanke an den fernen Geliebten hatten die Erinnerung verscheuchen können, die alles Denken und Fühlen gewaltsam an sich riß. Es war, als habe eine dämonische Macht die ganze Natur des jungen Mädchens in Fesseln geschlagen; Frohsinn, Uebermuth, Kinderlaunen, das Alles war dahin, und was an dessen Stelle trat, diese dunklen und räthselhaften, mehr dem Schmerze als der Freude verwandten Regungen, dieses Auf- und Abwogen von Empfindungen, die sie nicht verstand, beängstigte und peinigte Gabriele unendlich. Noch kämpfte sie halb unbewußt dagegen, noch ahnte sie nicht, wollte nicht ahnen, welche Gefahr es war, die ihrer Liebe und dem Glücke Georg’s drohte; sie fühlte nur, daß Beides bedroht war, und daß die Gefahr nicht von außen kam.

Die Fahrt ging ununterbrochen in der gleichen Eile vorwärts, der Stadt zu, die nebelumflort noch in ziemlicher Entfernung lag. Das weite Thal mit seinem Bergeskranze trug schon das Gewand des Herbstes, der hier in der Nähe des Hochgebirges seine Herrschaft früher antrat, als drunten in der Ebene. Noch standen die Bäume und Gebüsche ringsum im vollen Blätterschmucke, aber sein frisches Grün war längst geschwunden. Ueberall entfaltete sich das herbstlich bunte Farbenspiel, vom dunkelsten Braun bis zum hellsten Gelb, und dazwischen flammte es oft mit hellem Roth oder dunklem Purpur und täuschte das Auge, als seien es Blumen, die dort blühten – und es war doch nur sterbendes Laub mit seinem letzten trügerischen Schimmer, eine Beute des Windes, der in den Wäldern rauschte und mit scharfem Hauche über die kahlen Wiesen und Felder strich. Der Fluß tobte, vom Regen geschwellt, und wälzte seine trüben Fluthen in rasender Eile vorwärts. Das Gebirge hatte sich in seinen Nebelschleier gehüllt, der, flatternd und zerrissen, die zackigen Gipfel bald auftauchen, bald verschwinden ließ. Tiefer unten an den niederen Waldbergen trieben die Wolken ihr phantastisches Spiel, in endlosem Wechsel aus den gährenden Schluchten emporsteigend und wieder darin versinkend, und im Westen ging die Sonne nieder, von düsterem Stürmgewölke umlagert, das sie wohl glühend zu durchleuchten, aber nicht zu durchbrechen vermochte.

Dieselbe Landschaft, hatte einst in ganz anderem Lichte vor den Beiden gelegen, die jetzt so fremd und stumm neben einander saßen. Damals breitete sich das Thal vor ihnen aus, von Sonnenglanz überfluthet, von Sonnenduft erfüllt, mit seinen blauen Bergen und seiner schimmernden Ferne, die „ein ganzes Eden von Glückseligkeit“ zu bergen schien, und in dem tiefen, kühlen Schatten der alten Linden sprühte der helle Strahl des Nixenbrunnens und spann mit seinem Rieseln und Rauschen die süßen, gefährlichen Traumgebilde – heute tönte nur das Brausen des Flusses, an dessen Ufer die Fahrt entlang ging; die Ferne verschleierte sich in dichtem Nebel; die Berge blickten wolkenumhüllt, sturmdrohend herüber, und die Sonne hatte weder Strahlen nach Wärme mehr, nur das flammende blutige Abendroth, das sie als Abschiedsgruß über die Erde sandte. –

Das Auge des Freiherrn haftete düster und unverwandt auf der sinkenden Sonne und den kämpfenden Wolkenmassen; endlich schien er sich fast gewaltsam seinen Gedanken zu entreißen und brach das lange Schweigen.

„Der Himmel deutet auf Sturm,“ sagte er, sich zu seiner jungen Begleiterin wendend. „Es bricht aber jedenfalls erst in der Nacht los, und ich hoffe, wir sind noch vor Anbruch der Dunkelheit in R.“

[340] „Es soll ja jetzt sehr unruhig in der Stadt sein,“ bemerkte Gabriele, indem sie selbst einen ängstlich fragenden Blick auf ihren Vormund richtete, welchen dieser jedoch nicht zu bemerken schien.

„Es hat allerdings einige lärmende Demonstrationen gegeben,“ erwiderte er. „Die Sache ist aber ohne ernstere Bedeutung und wird bald zu Ende sein. Du brauchst Dich in keiner Weise zu ängstigen.“

„Man behauptet aber, daß die ganze Bewegung sich gegen Dich allein richtet,“ sagte Gabriele mit stockender Stimme.

Raven runzelte die Stirn. „Wer behauptet das?“

„Oberst Wilten ließ öfter Andeutungen darüber fallen. Ist es wahr, daß man Dir in der Stadt so feindlich gesinnt ist?“

„Ich bin in R. niemals populär gewesen,“ erklärte der Freiherr mit vollkommener Gelassenheit. „Gleich in der ersten Zeit, als ich hierher berufen wurde, galt es, der drohenden Rebellion den Zügel anzulegen. Das ist mir allerdings gelungen, aber man liebt gewöhnlich nicht Den, dem so etwas gelingt. Ich weiß am besten, wie viel Haß und Feindschaft mir mein damaliges Vorgehen geschaffen hat und wie hartnäckig man daran festhält, in mir den Unterdrücker zu sehen, trotz Allem, was ich für die Stadt und die Provinz gethan habe. Wir sind stets im Kriegszustande mit einander gewesen, aber ich habe noch immer die Oberhand behalten, und das wird auch diesmal geschehen.“

Gabriele dachte an die räthselhaften Worte Georg’s, für die ihr noch immer keine Erklärung geworden war. Er wich damals ihrem Andringen so entschieden aus, und der Abschied kam so plötzlich und unerwartet. Es waren ihnen ja nur Minuten zum Lebewohl vergönnt, dann mußte der junge Mann sich losreißen, aber er ließ Gabriele in marternder Angst zurück. Sie wußte doch jetzt, daß irgend etwas dem Freiherrn drohte, und sie beschloß auf alle Gefahr hin, ihn wenigstens zu warnen.

„Du stehst aber ganz allein gegen eine Menge von Feinden,“ sagte sie. „Du kannst nicht wissen, nicht einmal ahnen, was sie im Geheimen gegen Dich unternehmen. Wenn es nun etwas Gefährliches ist!“

Raven sah sie mit dem Ausdrucke unverhehlten Erstaunens an. „Seit wann kümmerst Du Dich denn um solche Dinge? Dergleichen lag Dir doch früher unendlich fern.“

Das junge Mädchen versuchte zu lächeln. „Ich habe in der letzten Zeit so Manches gelernt, was mir früher fern lag. Hier handelt es sich aber um ganz bestimmte Andeutungen –“

„Die Dir zugekommen sind?“

„Ja.“

Der Freiherr stutzte; sein Blick gewann wieder die durchbohrende Schärfe, die ihm bisweilen eigen war, als er rasch und hastig fragte:

„Du stehst in Verbindung mit der Residenz?“

„Ich habe keine einzige Zeile, überhaupt kein Lebenszeichen von dort erhalten.“

„Nicht?“ sagte Raven milder. „Ich vermuthete es, weil Assessor Winterfeld sich gegenwärtig im Ministerium befindet, wo er mit seiner Ansicht, daß ich ein Tyrann ohne Gleichen sei, wohl Gesinnungsgenossen finden dürfte. Ihm persönlich nehme ich diese Meinung durchaus nicht übel, denn ich war genöthigt, ihm und seinen Wünschen in einer Weise entgegenzutreten, die ihn immerhin berechtigt, mich zu hassen und sich an mir zu rächen, wenn das überhaupt in seinen Kräften stehen sollte.“

„Er wird niemals etwas thun, was unedel oder niedrig ist,“ fiel Gabriele ein.

Der Freiherr lächelte verächtlich. „Ich kann Dir versichern, daß ich auf den Haß und die Feindschaft des Herrn Assessor Winterfeld sehr wenig Gewicht lege. Ich habe wohl bedeutendere Gegner gehabt als ihn und bin mit ihnen fertig geworden. – Wenn übrigens jene Andeutungen nicht aus der Residenz gekommen sind, so kann ich nur annehmen, daß die albernen Gerüchte, welche ganz R. durchschwirren, auch ihren Weg nach dem Wilten’schen Landsitze gefunden haben. Es fehlt ihnen aber jeder thatsächliche Anhalt. Ich zweifle durchaus nicht daran, daß man etwas gegen mich unternehmen möchte, man wird sich aber hüten, den Gedanken zur That zu machen, denn man kennt mich hinreichend und weiß, daß ich etwaigen Angriffen gewachsen bin. Wäre die Lage wirklich so drohend, so würde ich Dich und Deine Mutter nicht zurückkommen lassen. Ihr werdet allerdings in den nächsten Tagen die Ausfahrten unterlassen müssen, aber das dauert hoffentlich nicht lange, und jedenfalls seid Ihr im Regierungsgebäude und in der Wohnung des Gouverneurs sicher vor etwaigen Pöbelexcessen.“

„Aber Du bist es nicht,“ rief Gabriele in ausbrechender Angst. „Der Oberst behauptet, Du setztest Dich rücksichtslos jeder Gefahr ab und hörtest niemals auf irgend eine Warnung.“

Raven wandte langsam und finster das Auge auf sie. „Nun, das geht doch wohl nur mich allein an, oder – ängstigst Du Dich um meinetwillen?“

Sie wagte nicht zu antworten, aber die Antwort lag in ihrem Auge, das bittend, flehend dem seinigen begegnete. Der Freiherr beugte sich zu ihr nieder, und jetzt klang es wie athemlose Erwartung in seiner Stimme, als er wiederholte:

„Sprich, Gabriele – ängstigst Du Dich um meinetwillen?“

„Ja!“ kam es bebend von ihren Lippen. Es war nur ein einziges Wort, aber es übte eine verhängnißvolle Wirkung. Gabriele sah wieder den Flammenblitz aufleuchten der sie schon einmal getroffen. Dieser Blick voll lodernder Gluth brach den Eispanzer, mit dem der stolze, starre Mann sich umgeben hatte. Ein einziger Augenblick vernichtete, was eine wochenlange Selbstbeherrschung so mühsam geschaffen hatte, der Traum war nicht zu Ende – das verrieth dieses jähe Auflodern.

Neben ihnen brauste der Fluß, und drüben in den herbstlichen Wäldern rauschte es stärker. Die Wolkenwand, die sich immer drohender im Westen erhob, zerriß, und die Sonne zeigte noch einmal voll und klar ihr glühendes Antlitz. Einige Minuten lang standen Gebirge, Wald und Strom in purpurnem Lichte; wie ein Verklärungsschein floß es über die Erde hin, und das ganze weite Thal erglühte in überirdischer Pracht – aber es waren nur Minuten. Dann verschwand das leuchtende Gestirn; der verklärende Schimmer erlosch, und es blieb nur die abendliche Herbstlandschaft mit ihrem Sturmgewölk und fern am Horizont das letzte Abendroth. Es ging ein halb wehmüthiger, halb unheimlicher Zug durch die ganze Natur, wie Todesahnen.

„Du hast mich in diesen letzten Wochen wohl auch für einen Tyrannen gehalten?“ sagte Raven in gedämpftem Tone, aber jedes Wort verrieth seine innere Erregung. „Vielleicht dankst Du es mir noch einst, daß ich Dich vor einer Uebereilung bewahrte. Du kanntest Dich selbst und Dein eigenes Herz noch nicht und wolltest Dich schon für das ganze Leben binden. Winterfeld war der Erste, der Dir entgegentrat, als Du aufhörtest Kind zu sein, der Erste, der Dir überhaupt von Liebe sprach, und Du träumtest Dich in eine Neigung hinein, die nie bestanden hat. Es war ein Kindertraum, nichts weiter.“

„Nein, nein!“ wehrte Gabriele ab und versuchte ihre Hand frei zu machen, aber vergebens – der Freiherr hielt sie mit eisernem Drucke fest, während er fortfuhr:

„Du fühlst die Wahrheit dessen, was ich sage, sträube Dich nicht dagegen! Ein Versprechen kann gelöst, ein Wort zurückgegeben werden –“

„Niemals!“ stieß das junge Mädchen leidenschaftlich heraus. „Ich liebe Georg, ihn allein und keinen Andern. Ich werde sein Weib werden.“

Raven ließ plötzlich ihre Hand fahren; der Strahl in seinem Auge erlosch, und der alte eisige Ausdruck legte sich wieder über seine Züge. Seine Stimme hatte eine grenzenlose Härte und Bitterkeit, als er erwiderte:

„So laß auch künftig die Angst und Sorge um mich – ich will sie nicht.“

Sie fuhren weiter, ohne daß ferner zwischen ihnen ein Wort gewechselt wurde. Die Schatten des Abends senkten sich allmählich herab; das Gebirge umschleierte sich vollständig, und der Nebel, der über den Feldern lagerte, begann dichter zu werden. Es dämmerte schon, als man endlich R. erreichte, war aber noch so hell, daß man selbst in einiger Entfernung die Gegenstände unterscheiden konnte. Der Wagen hatte bereits die Vorstadt passirt und bog jetzt in die breite Straße ein, die nach dem Schloßberge führte. Am entgegengesetzten Ende derselben lag einer der größeren Plätze der Stadt, wo es sehr unruhig herzugehen schien, denn von dort scholl wüstes Lärmen und Toben herüber, und man unterschied trotz der Dämmerung deutlich wogende Menschenmassen, die den ganzen Platz bedeckten. Der Freiherr stutzte, als die ersten Töne des Lärmes an sein Ohr [341] schlugen; er beugte sich weit aus dem Wagen und sah scharf nach jener Richtung; dann warf er einen schnellen, unruhigen Blick auf seine Begleiterin.

„Das kommt ungelegen,“ sagte er halblaut. „Ich hätte besser gethan, Dich bei Deiner Mutter zu lassen.“

„Was giebt es dort? Eine Gefahr?“ fragte Gabriele erbleichend; sie erinnerte sich der Aeußerungen des Oberst Wilten über die Rücksichtslosigkeit, mit welcher der Gouverneur sich und seine Sicherheit bei solchen Gelegenheiten auf’s Spiel zu setzen pflegte. Raven sah ihr Erschrecken, schrieb es aber nur ihrer eigenen Angst zu.

„Es scheint Lärm vor dem Stadtgefängnisse zu geben,“ erwiderte er. „Ich setzte allen Anzeichen nach voraus, daß es heute ruhig bleiben werde, sonst wäre ich nicht fortgefahren, aber sei unbesorgt, Du sollst nicht in Gefahr kommen. Ich muß Dich freilich verlassen –“

„Um Gotteswillen nicht!“ rief Gabriele. „Wohin willst Du?“

„Wohin meine Pflicht mich ruft – nach dem Schauplatze der Unruhen.“

„Und ich?“

„Du kehrst allein noch Hause zurück. Dich wird Niemand behelligen. Halt an, Joseph!“

Der Kutscher gehorchte; er zog die Zügel an, und der Freiherr erhob sich von seinem Sitze.

„Joseph, Du fährst Fräulein von Harder sofort und so schnell wie möglich nach dem Schlosse. Es hat keine Gefahr; die Schloßstraße ist vollkommen sicher.“

Er öffnete den Wagenschlag, aber das junge Mädchen hielt wie in Todesangst seinen Arm umklammert.

„Laß mich nicht allein! Nimm mich wenigstens mit Dir.“

„Thorheit!“ sagte Raven, mit Entschiedenheit seinen Arm frei machend. „Du fährst nach dem Schlosse. Ich komme nach, sobald der Lärm vorüber ist.“

Er war ausgestiegen und wollte die Wagenthür schließen, aber in dem gleichen Augenblick sprang Gabriele mit einer raschen Bewegung hinaus und stand an seiner Seite.

„Gabriele!“ rief der Freiherr – es war ein Ausruf halb des Schreckens und halb des Unwillens; doch das junge Mädchen schmiegte sich nur fester an seine Seite.

„Ich lasse Dich nicht allein in der Gefahr, und ich fürchte nichts, gar nichts, wenn Du bei mir bist. Laß uns zusammen gehen!“

Raven’s Auge flammte auf, wie vorhin im Wagen, aber diesmal war es ein Blitz des Entzückens, des leidenschaftlichen Triumphes.

„Du kannst mich nicht begleiten,“ sagte er; es war wieder jener seltsam verschleierte Ton, den Gabriele nur einmal von seinen Lippen gehört hatte – damals am Nixenbrunnen. „Du begreifst es doch, daß ich Dich nicht mitnehmen kann in jenes wüste Toben, wo mir jede Möglichkeit fehlt, Dich zu schützen. Es ist ja nicht das erste Mal, daß ich solchen Scenen entgegentrete; ich weiß, wie man die Menge zügelt, aber mir würde die gewohnte Energie versagen, wüßte ich Dich nicht in voller Sicherheit. Versprich mir, ruhig nach Hause zurückzukehren und mich dort zu erwarten! Ich bitte Dich, Gabriele – Du wirst mir meine Pflicht nicht schwer machen wollen.“

Er umfaßte sie und hob sie wieder in den Wagen; Gabriele ließ es widerstandslos geschehen; sie wußte ja selbst, daß sich eine Frau nicht in jenes rohe Gewühl wagen konnte und durfte. Es war nur die Todesangst, die ihr den Gedanken eingegeben hatte, und diese Angst sprach jetzt so deutlich aus ihren Zügen, daß auch Raven’s Festigkeit wankte. Er fühlte, daß er sich eilig losreißen müsse, wollte er nicht der stummen Bitte dieser Augen erliegen.

„Ich muß fort,“ sagte er hastig. „Leb’ wohl, auf Wiedersehen!“

Er warf den Schlag zu und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Weiterfahren. Gabriele sah noch, wie die hohe Gestalt sich umwandte und mit raschen, festen Schritten die Richtung nach dem Platze einschlug. Dann zogen die Pferde an, und der Wagen flog mit verdoppelter Eile dem Schlosse zu.




Mehr als eine Stunde war vergangen, und noch immer war der Gouverneur nicht zurückgekehrt. Man fing im Schlosse an, wegen seines Ausbleibens besorgt zu werden, denn der Kutscher, der allein mit Baroneß Harder zurückgekehrt war, hatte berichtet, daß sein Herr sich auf dem Schauplatz der Unruhen befinde. Man wußte allerdings im Regierungsgebäude von den letzteren, hatte aber noch keine näheren Nachrichten darüber, denn die Dienerschaft hatte ein für alle Mal Befehl, das Schloß bei solchen Gelegenheiten nicht zu verlassen, und von den Beamten, die dort wohnten, wagte sich Niemand in den immerhin gefährlichen Tumult. Nur Hofrath Moser, der sich zufällig in der Stadt befand, schien dort festgehalten zu werden. Auch er war noch nicht zurückgekehrt und wartete wahrscheinlich auf die Wiederherstellung der Ruhe, um die Straßen ungefährdet zu passiren.

Das Arbeitszimmer des Freiherrn war bereits erleuchtet. Die von der Decke herabhängende Lampe goß ihr helles Licht über das ganze Gemach aus, das selbst jetzt seinen ernsten, düsteren Charakter nicht verlor. Nur die tiefe Nische des Bogenfensters lag im vollen Schatten, und dort, halb verborgen hinter den schweren Vorhängen, stand Gabriele. Es litt sie heute nicht in der Wohnung ihrer Mutter, die nach der andern Seite hinauslag; sie hatte das Arbeitszimmer ihres Vormundes aufgesucht, das sie sonst nie ohne besondere Veranlassung betrat, denn es bot den vollen Ueberblick über die Stadt. Die hereinbrechende Dunkelheit setzte freilich bald jeder Beobachtung ein Ziel; das Schloß lag überhaupt viel zu weit vom Mittelpunkte der Stadt entfernt, als daß man irgend etwas, was dort vorging, hier hätte bemerken können, aber man übersah vom Fenster aus doch wenigstens den erleuchteten Weg, der auf den Schloßberg führte; man gewahrte jeden Kommenden schon in der Entfernung, und darum wich das junge Mädchen nicht von diesem Platze.

Es war freilich nicht mehr die frühere Gabriele Harder, die da so stumm und bleich mit krampfhaft verschlungenen Händen am Fenster lehnte und hinausblickte, als könne und müsse ihr Auge die Dunkelheit durchdringen. Dieses angst- und verzweiflungsvolle Harren vollendete, was die letzten Wochen begonnen hatten, das Erwachen aus dem Kindestraume, mit dem das junge Mädchen so lange sich und Andere getäuscht hatte. In ihr und um sie her war ja Alles Sonnenschein gewesen bis zu dem Momente, wo ein einziger Blick ihr die Tiefe einer bis dahin ungeahnten Leidenschaft enthüllte. Da war der erste Schatten auf ihren Weg gefallen, der nicht wieder weichen wollte. Die „Schmetterlingsnatur“, die einst spielend an Allem vorüberflatterte, was Leib und Kummer hieß, verschwand, als der Sonnenschein aus ihrem Leben wich, und was sich unter dem Bann jenes Blickes emporrang, das war ein heiß und leidenschaftlich empfindendes junges Wesen, dem sein Antheil am Kampf und Schmerz auch nicht erspart blieb. Jetzt, wo Gabriele zum ersten Male um ein Leben zitterte, das sie bedroht wußte, fühlte sie auch, was dieses Leben ihr war. Es war umsonst, sich noch länger darüber zu täuschen.

Auch die zweite Stunde war schon zur Hälfte verflossen, und noch immer traf weder der Gouverneur selbst, noch irgend eine Nachricht von ihm ein. Gabriele hatte das Fester geöffnet, in der Hoffnung, den Wagen zu hören, der den Erwarteten bringen mußte, aber der Weg lag einsam und öde da, und die Flamme der Laternen flackerten in dem immer heftiger werdenden Winde unruhig auf und nieder.

Da endlich ließ sich der ersehnte Laut vernehmen, zwar kein Rädergerassel, aber Stimmen und Fußtritte mehrerer Personen, die jetzt auch aus der Dunkelheit auftauchten. Sie kamen näher, die Stimmen wurden deutlicher, und ein halb unterdrückter Aufschrei der Freude entrang sich Gabrielens Lippen; sie hatte die Gestalt Raven’s erkannt, der in Begleitung mehrerer Herren zu Fuß den Weg heraufkam und wenige Minuten später in den hellen Lichtkreis des Portals trat.

„Ich danke Ihnen, meine Herren,“ sagte er, stehen bleibend. „Sie sehen, es war unnöthig, daß Sie mir Ihre Begleitung aufdrangen; wir sind auf dem ganzen Rückwege nicht belästigt worden. Ich sagte es Ihnen ja, der Tumult ist vollständig vorüber – für heute.“

„Ja, Excellenz allein haben ihn durch Ihr rechtzeitiges Erscheinen [342] zersprengt,“ tönte die Stimme des Hofrath Moser, der neben seinem Chef stand. „Man war am Begriff, das Stadtgefängniß zu stürmen und die Verhafteten zu befreien, als Sie so unerwartet eintrafen. Ich habe mit Bewunderung gesehen, wie Excellenz durch die bloße Autorität Ihrer Persönlichkeit die rebellische Menge bezähmten und zur Ordnung brachten, nachdem der Herr Polizeidirector mit seinem ganzen Beamtenpersonal es vergebens versucht hatte.“

Der Polizeidirector, der sich gleichfalls in der Begleitung des Gouverneurs befand, schien die Bemerkung übel zu nehmen, denn er entgegnete mit unverkennbarer Bosheit:

„Sie konnten das allerdings vom Fenster aus am besten beurtheilen, Herr Hofrath, und hatten überdies noch das angenehme Gefühl, in vollster Sicherheit zu sein, während Freiherr von Raven und ich uns mitten im ärgsten Tumult befanden.“

„Ich sah die Unmöglichkeit ein, zu meinem Chef zu gelangen,“ erklärte der Hofrath, „sonst hätte ich sicher versucht –“

„Nicht doch!“ fiel ihm der Freiherr in’s Wort. „Von Ihrer Seite wäre es ein ganz unnöthiges Wagniß gewesen, während es für mich und den Polizeidirector Pflicht war. – Es bleibt also bei den besprochenen Maßregeln,“ wandte er sich an den Letzteren. „Ich hoffe, sie werden für die Nacht ausreichen. Morgen kommt Oberst Wilten zurück, und ich werde sofort Rücksprache mit ihm nehmen damit der Wiederholung solcher Scenen ein für alle Mal vorgebeugt wird. Für den Augenblick ist alles Nothwendige geschehen. Sollten sich die Excesse wider Erwarten an irgend einem Punkte der Stadt wiederholen, so benachrichtigen Sie mich! – Guten Abend, meine Herren!“

Er verabschiedete sich mit kurzem Gruße von seinen Begleitern und trat in das Portal. Gabriele schloß leise das Fenster; sie wollte das Zimmer verlassen; der Freiherr sollte sie nicht hier finden, aber es war zu spät. Er mußte in stürmischer Eile die Treppe erstiegen haben, denn sie hörte bereits seinen Schritt in einem der Nebengemächer und hörte ihn auch zugleich fragen:

„Wie? Baroneß Harder ist nicht in ihrer Wohnung?“

„Das gnädige Fräulein ist im Arbeitszimmer Eurer Excellenz,“ erwiderte die Stimme des Dieners, „und wartet dort schon seit länger als einer Stunde.“

Es erfolgte keine Antwort, aber der Schritt kam mit verdoppelter Eile näher; die Thür wurde aufgerissen und Raven trat ein. Sein erster Blick fiel auf Gabriele, welche die Fensternische verlassen hatte und jetzt, bebend an allen Gliedern, dastand. Er errieth, weshalb sie gerade hier auf ihn gewartet, und war im nächsten Augenblicke an ihrer Seite.

„Ich wollte Dich drüben in Deinen Zimmern aufsuchen und hörte, daß Du hier seiest,“ sagte er – seine Stimme klang athemlos, gepreßt. „Es war mir nicht möglich, Dir eine beruhigende Nachricht zu senden, der Tumult ist erst jetzt bezwungen worden. Für den Augenblick ist Alles ruhig. Ich bin sofort hierher geeilt.“

Gabriele wollte antworten, aber die Stimme versagte ihr; sie brachte keinen Laut über die Lippen. Raven sah in das holde, blasse Antlitz, aus dem die Qual dieser letzten Stunden noch deutlich genug zu lesen war. Er machte eine Bewegung, als wolle er das junge Mädchen an seine Brust reißen, aber noch siegte die gewohnte Selbstbeherrschung. Er ließ den Arm wieder sinken, nur ein tiefer Athemzug entrang sich seiner Brust.

„Und nun, Gabriele,“ sagte er, wiederhole mir die Worte, „mit denen Du mich vorhin im Wagen von Dir stießest!“

„Welche Worte?“ fragte Gabriele beklommen.

„Die Unwahrheit, mit der Du Dich und mich zu täuschen versuchtest! Wiederhole es mir jetzt, Auge in Auge, daß Du Winterfeld liebst, ihn allein, daß Du ihm angehören willst! Wenn Du das kannst, so sollst Du kein Wort, keine Bitte weiter von mir hören, aber – sprich es noch einmal aus!“

Das junge Mädchen wich zurück. „Laß mich! Ich – laß mich, um Gotteswillen!“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 22, S. 355–358
Fortsetzungsroman – Teil 14


[355] „Nein, ich lasse Dich nicht, Gabriele!“ brach Raven mit vollster Leidenschaft aus. „Einmal muß es ja doch ausgesprochen werden, was Du längst weißt und was ich wußte, von dem Tage an, wo ich zum ersten Male in diese sonnigen Kinderaugen blickte. Aber ich hörte ja aus Deinem eigenen Munde, daß Du einen Andern liebtest. Der dreißig Jahre ältere Mann, mit ergrauendem Haar und den unerwiderten heißen Gefühlen wäre dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen, wenn er Dir die Wahrheit eingestanden hätte, und ich, beim Himmel, ich wollte nicht lächerlich sein. Aber heut sah ich, wie Du zittertest um meinetwillen, wie Du Dich mitten in die Gefahr werfen wolltest, die mich bedrohte, um mir zur Seite zu bleiben, und jetzt wagst Du es nicht, jene Worte zu wiederholen, weil Du fühlst, daß es eine Lüge ist, die wir Beide mit unserem Glücke bezahlen. Jetzt endlich muß es klar werden zwischen uns. Ich liebe Dich, Gabriele, und habe gegen diese Liebe gekämpft mit dem ganzen Aufgebot meiner Kraft und meines Stolzes. Der Traum sollte zu Ende sein! – Das vermessene Wort hat sich schwer genug an mir gerächt. In dem Augenblicke, wo ich sie niederzwingen wollte, erhob sich die Leidenschaft in ihrer ganzen Riesengewalt und lehrte mich ihre Macht kennen. Ich hüllte mich in Schroffheit und Eiskälte Dir gegenüber. Ich suchte Rettung in der Trennung, in der Arbeit, im Kampfe mit den feindlichen Elementen, die sich jetzt von allen Seiten gegen mich erheben – es war vergebens. Von Dir hatte ich mich losgerissen, und Dein Bild stand vor mir im Wachen wie im Traume; es drängte sich in die einsamste Arbeitsstunde hier und in die wildbewegteste Thätigkeit draußen, und wenn ich im Kampfe meinen Gegnern die Stirn bot, dann brach es wie Sonnenschein durch das Sturmgewölk, das mich umgab, und riß all mein Denken und Fühlen zu Dir zurück, zu Dir allein. Du mußt mein werden oder ich muß Dich von mir lassen auf ewig; jedes Dritte würde uns Beiden nur Verderben bringen. Antworte, Gabriele, wen liebst Du? Wem galt die Angst und Zärtlichkeit, die ich in Deinen Blicken las? Ich warte auf die Entscheidung.“

Er stand vor ihr, als erwarte er wirklich eine Entscheidung über Tod und Leben. Gabriele hörte halb betäubt dem Ausbruch einer Leidenschaft zu, die ein nur zu lautes Echo in ihrer eigenen Brust fand. Was Raven aussprach, das war ja nur der Wiederhall ihrer eigenen Gefühle. Auch sie hatte gekämpft und gerungen mit ihrer Liebe; auch sie hatte versucht, einer Macht zu entfliehen, aus deren Bereich es kein Entfliehen gab. Vor dieser Flammengluth, die mit elementarer Gewalt aus dem Innern des sonst so kalten, ernsten Mannes hervorbrach, sank Alles zusammen, was dem jungen Mädchen bisher Leben und Lieben geschienen, auch der Jugendtraum, der einst das ganze Leben auszufüllen versprach. Es war eben nur ein Traum gewesen, mit traumhaft dunklen Regungen und Ahnungen, die erst jetzt Form und Gestalt gewannen. Gabriele war erwacht; sie schaute der echten vollen Leidenschaft in’s Antlitz, und wenn sie auch fühlte, daß jene vulcanische Natur mit ihren düsteren Tiefen und ihrem lodernden Feuer weit eher vernichten als beglücken konnte, sie bebte nicht mehr davor. Was sie bisher Glück genannt, verblaßte und verschwand wie ein matter Schemen vor dem Flammensturme, der ihr hier entgegenwogte.

Das junge Mädchen machte noch einen letzten Versuch, sich an die Vergangenheit zu klammern.

„Georg – er liebt mich und vertraut mir – er wird namenlos unglücklich, wenn ich ihn verlasse.“

„Nenne den Namen nicht!“ fuhr Raven auf; sein Auge sprühte im wildesten Hasse. „Erinnere mich nicht immer wieder daran, daß dieser Mann allein es ist, der zwischen mir und meinem Glücke steht! Es könnte verhängnißvoll für ihn werden. Wehe ihm, wenn er es versuchen sollte, Dich bei Deinem übereilten Worte zu halten! Ich werde Dich davon lösen, sei es mit Güte oder Gewalt. Was bist Du diesem Winterfeld, was kannst Du ihm sein? Er mag Dich lieben in seiner Weise, aber er wird Dich hinabziehen in das Alltagsleben und Dir nur die Alltagsliebe geben, nichts weiter. Wenn er Dich verliert, so wird er es verschmerzen und in seiner Zukunft, seinem Berufe, in einer anderen Neigung Ersatz dafür finden. Solche leidenschaftslose Naturen wissen ja nicht, was Verzweiflung ist; die schleudert nichts aus ihrer Bahn; die gehen ruhig und pflichtgemäß ihren Weg weiter. Ich,“ hier sank die Stimme des Freiherrn; der Haß verschwand aus seinen Zügen und der herbe Ton milderte sich mehr und mehr, bis er endlich zur vollsten Weichheit überging, „ich habe nie geliebt, habe nie gewußt, was Schwärmen und Träumen ist. In dem rastlosen Jagen nach Macht und Ehre ist mir die Sehnsucht nach dem Glücke verloren gegangen, die nun so spät noch in mir erwacht. Jetzt, im Herbste meines Lebens, zerreißt der Schleier und zeigt mir, was ich verlor, ohne es je besessen zu haben. Soll ich es wirklich auf immer verlieren? Fürchtest Du die Kluft der Jahre, die zwischen uns liegt? Ich kann Dir keine Jugend mehr entgegenbringen; sie ist dahin, aber [356] was aus der Seele des Mannes Dir entgegenflammt, das ist weit heißer, mächtiger, als alle Jünglingsschwärmereien, das erlischt erst mit dem Leben. – Sage, daß Du mir angehören willst, und ich will Dich mit Allem umgeben, was die Liebe, die Vergötterung nur zu schaffen vermag. Ich will jeden Kampf für Dich bestehen, jeden Schmerz von Deinem Haupte abwenden, und wenn wirklich ein Sturm uns droht, Dich soll er nicht berühren; meine Arme sind stark genug, ein geliebtes Wesen zu schützen. Du sollst nur der Sonnenstrahl meines Lebens sein, sollst nur leuchten und beglücken. Was ich bisher auch erstrebte und errang, der Strahl hat mir gefehlt, und nun er mir einmal geleuchtet hat, kann ich das Auge nicht wieder davor verschließen. Gabriele, sei mein Weib, mein Glück – mein Alles!“

Es wehte eine grenzenlose Zärtlichkeit aus diesen Worten. Die stürmische Gluth verlor sich in weichen bebenden Lauten, wie sie wohl noch nie von den Lippen Arno Raven’s gekommen waren, und dabei umschlang sein Arm fest und fester die zarte Gestalt und zog sie leise und unwiderstehlich an sich. Gabriele ließ es geschehen. Es umspann sie wieder süß und beängstigend, wie einst beim Rauschen des Quells, und wie damals, ließ sie sich widerstandslos fortziehen aus dem hellen Sonnenlicht, in dem sie bisher geathmet, in unbekannte Tiefen. Ihr war, als müsse sie versinken darin, und als sei es eine Seligkeit zu versinken und zu vergehen, von diesem Arme umschlungen. –

Ein Klopfen an der Thür schreckte Gabriele und den Freiherrn empor. Es mochte sich wohl schon einige Male wiederholt haben, ohne gehört worden zu sein, denn es tönte ungewöhnlich laut und scharf und drängte sich wie ein schneidender Mißton in das kurze Glück dieser Stunde.

„Was giebt es?“ rief Raven auffahrend. „Ich will nicht gestört sein.“

„Excellenz verzeihen,“ ließ sich die Stimme des Dieners draußen vernehmen. „Soeben ist ein Courier aus der Residenz angelangt. Er hat Befehl, seine Depeschen nur Euer Excellenz persönlich zu übergeben, und verlangt augenblicklich vorgelassen zu werden.“

Der Freiherr ließ langsam das junge Mädchen aus seinen Armen. „So werde ich aus meinen Liebesträumen geweckt,“ sagte er bitter. „Nicht einmal diese wenigen Minuten sind mir vergönnt. Es scheint, als dürfte ich überhaupt nicht träumen und lieben. – Der Courier soll einige Minuten warten,“ fügte er dann laut hinzu. „Ich werde ihn rufen lassen.“

Der Diener entfernte sich. Raven wandte sich wieder zu Gabriele, aber er sah sie betroffen an. „Was hast Du denn? Du bist ja auf einmal todtenbleich geworden. Es ist irgend eine wichtige Botschaft aus der Residenz, die mich allein angeht, eine Amtssache, nichts weiter. Sie hätte freilich zu einer andern Zeit eintreffen können.“

Gabriele war in der That sehr bleich geworden. Jenes Klopfen, gerade in dem Momente, wo das entscheidende Ja auf ihren Lippen schwebte, durchzuckte sie wie die Ahnung irgend eines Unheils. Sie wußte selbst nicht, warum sie bei der Meldung gerade an Georg und seine Abschiedsworte denken mußte. Er war ja jetzt in der Residenz, und dort war etwas gegen den Freiherrn im Werke.

„Ich werde gehen,“ sagte sie hastig. „Du mußt den Courier empfangen. Laß mich fort!“

Raven umfaßte sie von Neuem. „Und Du willst ohne Antwort von mir gehen? Soll ich noch länger zweifeln und fürchten, daß jener Andere wieder zwischen uns tritt? Geh, aber laß mir Dein Ja zurück. Es ist ja in einer einzigen Secunde ausgesprochen. Nur dieses eine Wort – dann halte ich Dich nicht länger.“

„Laß mir Zeit bis morgen!“ die Stimme des jungen Mädchens klang in bangem, rührendem Flehen. „Fordere jetzt keine Entscheidung von mir, erzwinge sie nicht! Arno, ich bitte Dich.“

Ein Aufleuchten des Glückes flog über das Antlitz des Freiherrn, als er zum ersten Mal aus ihrem Munde seinen Namen hörte, ohne jedes andere Wort, das dem Verwandten, dem Vormunde galt. Er drückte rasch und heftig seine Lippen auf ihre Stirn.

„Es sei, ich will von Dir nichts erzwingen. Ich will allein dem glauben, was mir Deine Augen sagen. Bis morgen also, bis dahin – lebe wohl, meine Gabriele!“

Er geleitete sie zum zweiten Ausgange des Gemaches, der in seine Bibliothek führte. Von dort gelangte man auf den Corridor, und das junge Mädchen hatte den letzteren kaum verlassen, als im Arbeitszimmer des Freiherrn auch schon die Klingel ertönte, die den Courier herbei rief. Arno Raven hatte in der That wenig Zeit, sich seinen Liebesträumen hinzugeben; er wurde unerbittlich wieder in die Wirklichkeit zurückgerissen.

Gabriele hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Noch war das entscheidende Wort nicht ausgesprochen, aber die Entscheidung selbst war bereits gefallen. Die eben durchlebte Stunde hatte die Brücke zu der Vergangenheit abgebrochen, es gab keine Rückkehr mehr. Und wäre jetzt Georg selbst dazwischen getreten, um seine Rechte zu wahren und zu behaupten – es war zu spät, er hatte sie bereits verloren. Was dem Jünglinge mit all seiner Schwärmerei und Innigkeit nicht möglich gewesen war, das hatte der ältere Mann mit seiner späten, aber um so glühenderen Leidenschaft erreicht. Er hatte die ganze Seele des jungen Mädchens an sich gekettet; es war kein Raum mehr darin für einen Andern. Arno Raven allein beherrschte alle Gedanken und Empfindungen Gabrielens, und er beherrschte auch ihre Träume, als sie endlich, lange nach Mitternacht, einen kurzen, unruhigen Schlaf fand. Georg’s Bild tauchte nicht aus diesen Träumen empor, in denen die Ereignisse der letzten Stunden sich wirr und phantastisch durcheinander drängten. Es war nur eine einzige Gestalt, die im Vordergrunde stand, und mit ihr verwebte sich die Erinnerung an die heutige Fahrt durch die dämmernde Landschaft im Herbstabend, Sturmgewölk und fern am Himmel ein flammendes Abendroth.




„Das ist unerhört. So etwas ist noch nicht dagewesen; ich wollte meinen eigenen Augen nicht glauben. Das untergräbt ja jede Autorität, erschüttert die Regierung, rüttelt an den Säulen des Staates – es ist schrecklich.“

Es war Hofrath Moser, der im höchsten Pathos diese Worte dem Polizeidirector entgegen rief. Der Letztere war bei dem Gouverneur gewesen und kam soeben die Treppe herunter.

„Sie meinen die Unruhen in der Stadt?“ fragte er mit einem leisen, etwas hohnvollen Lächeln. „Ja, es ging etwas arg zu am gestrigen Abende.“

„Wer spricht davon!“ rief der Hofrath. „Das sind Pöbelexcesse, die man zügeln und bewältigen wird, nöthigenfalls mit militärischer Hülfe. Aber wenn die Revolution bis in die Kreise der Beamten dringt, wenn Männer, die berufen sind, die Regierung zu vertreten und zu stützen, sie in solcher Weise angreifen, dann hört alle Ordnung auf. Wer hätte das dem Assessor Winterfeld zugetraut, der stets für das Muster eines Beamten galt! Freilich, mir war er von jeher verdächtig. Sein Mangel an Loyalität, seine Hinneigung zur Opposition, seine staatsgefährlichen Verbindungen flößten mir längst Besorgniß ein, und ich sprach das verschiedene Mal gegen Seine Excellenz aus, aber der Freiherr hörte nicht darauf. Er hatte eine Vorliebe für den Assessor, er öffnete ihm ja erst kürzlich durch die Versetzung in die Residenz die glänzendsten Aussichten, und nun lohnt ihn dieser Verräther mit so schwarzem Undank.“

„Sie sprechen von der Flugschrift Winterfeld’s,“ fragte der Polizeidirector. „Haben Sie die Broschüre schon in Händen? Sie kann erst heute Morgen in R. angelangt sein.“

„Ich erhielt sie durch Zufall, durch einen Collegen, dem sie gleich beim Eintreffen in die Hände fiel. Ein ganz entsetzliches Machwerk. Das ist ja die offenbare Rebellion. Es werden Seiner Excellenz Dinge darin gesagt. Dinge – ich bitte Sie, wie konnte so etwas nur gedruckt und verbreitet werden! Haben Sie denn noch keine Schritte zur Unterdrückung gethan?“

„Ich habe dazu weder einen Befehl, noch irgend eine Veranlassung,“ erklärte der Polizeichef, dessen kühle Ruhe einen seltsamen Gegensatz zu der Aufregung Moser’s bildete. „Die Broschüre ist an der Residenz erschienen, und es dürfte wohl zu spät sein, ihre Verbreitung zu hindern. Ueberhaupt – man unterdrückt nicht mehr so ohne Weiteres mißliebige Aeußerungen, wie das wohl früher geschah; die Zeiten haben sich doch einigermaßen geändert. Was aber die Schrift selbst betrifft, so bin ich vollkommen Ihrer Meinung. Es ja wohl das Stärkste, was einem Vertreter der Regierung je in’s Antlitz gesagt worden ist.“

[357] „Und das hat ein Beamter gethan, der in meiner Kanzlei, unter meinen Augen arbeitete,“ rief der Hofrath verzweiflungsvoll. Aber er ist verführt, mißleitet worden. Ich habe es ihm immer gesagt, daß die Verbindung mit der schweizer Demagogengesellschaft ihn in’s Verderben bringen werde. Ich weiß, wer hinter der ganzen Sache steckt, wer allein die Schuld daran trägt – jener Doctor Brunnow, der unter dem Vorwande einer Erbschaftsangelegenheit sich nun schon wochenlang hier aufhält und noch immer nicht abreisen will.“

„Weil man ihm endlose Schwierigkeiten und Weitläufigkeiten bei der Erhebung seiner Erbschaft macht. Die Herren vom Gericht lassen es ihn wirklich mehr als nöthig entgelten, daß er der Sohn seines Vaters und in diesem Falle sein Vertreter ist; dafür ist er ihnen aber auch kürzlich in einer so drastischen Weise zu Leibe gegangen, daß sie ganz verblüfft waren und jetzt wirklich Miene machen, die Sache zu beeilen. Sie haben ein Vorurtheil gegen den jungen Arzt, Herr Hofrath. Er ist wirklich nicht so schlimm, wie Sie glauben.“

„Dieser Brunnow ist sehr schlimm,“ sagte der Hofrath, bei dem jetzt wieder die gewohnte Feierlichkeit zum Durchbruche kam. „Ich wußte es vom ersten Tage an, wo ich ihn sah, und ich habe einen untrüglichen Scharfblick in solchen Dingen. Seit er hier ist, haben wir die Unruhen in der Stadt, die offene Auflehnung gegen die Behörden und jetzt wieder dieses gedruckte Attentat gegen Seine Excellenz. Ich bleibe dabei, dieser Mensch ist nach R. gekommen, nur um von hier aus die Stadt, die Provinz, ja das ganze Land in Aufruhr zu versetzen.“

„Warum nicht lieber ganz Europa!“ rief der Polizeidirector ärgerlich. „Sie täuschen sich vollständig. Man hat den jungen Mann schon seines Namens wegen nicht aus den Augen gelassen, aber ich versichere Ihnen, daß er auch nicht den geringsten Anlaß zu solchen Vermuthungen giebt. Er hat weder politische Beziehungen angeknüpft, noch sich direct oder indirect an den Unruhen betheiligt und geht einzig und allein seinen Privatangelegenheiten nach. Wenn ich als Polizeichef ihm ein solches Zeugniß ausstelle, so können Sie mir wohl Glauben schenken.“

„Er ist aber der Sohn eines alten Revolutionärs,“ beharrte der Hofrath, „und der intime Freund des Assessor Winterfeld.“

„Das ist kein Beweis für seine Staatsgefährlichkeit. Sein Vater war auch einst der intimste Freund des Gouverneurs.“

„Wa– was?“ rief Moser zurückprallend. „Excellenz von Raven und jener Rudolph Brunnow –“

„Waren Universitäts- und Jugendfreunde, sehr innige sogar; ich weiß das aus sicherster Quelle. Hoffentlich werden Sie den Freiherrn von Raven nicht demagogischer Neigungen beschuldigen. Aber meine Zeit ist gemessen. Adieu, Herr Hofrath!“

Damit ließ der Polizeidirector den ganz verblüfften Hofrath stehen und verließ das Regierungsgebäude. – Auf dem Rückwege nach der Stadt traf er mit dem Bürgermeister zusammen.

„Sie kommen aus dem Schlosse?“ fragte dieser. „Sie waren bei dem Gouverneur? Was hat er beschlossen?“

Der Gefragte zuckte die Achseln. „Was er bereits gestern drohte – das unnachsichtlichste Vorgehen. Sobald sich die Unruhen wiederholen, greift das Militär ein. Die Vorbereitungen dazu werden soeben getroffen. Gerade als ich ging, kam Oberst Wilten an, um persönliche Rücksprache zu nehmen, und das Resultat der Conferenz kann nicht zweifelhaft sein. Sie kennen den Freiherrn, er schreckt vor keinem Gewaltschritt zurück, wenn es gilt, seinen Willen durchzusetzen.“

„Das darf nicht sein,“ sagte der Bürgermeister unruhig. „Die Erbitterung ist zu groß, als daß das Ausrücken des Militärs eine bloße Demonstration bleiben könnte. Es kommt zum Widerstande, zum Blutvergießen. Ich hatte mir freilich vorgenommen, das Schloß nicht wieder zu betreten, wenn mich nicht die Nothwendigkeit dazu zwänge, jetzt aber möchte ich doch noch einen letzten Versuch machen, um das Aeußerste zu verhüten.“

„Unterlassen Sie das lieber!“ rieth der Polizeidirector. „Ich kann es Ihnen vorhersagen, daß Sie nichts erreichen. Der Freiherr ist heut nicht zur Nachgiebigkeit gestimmt; er hat Nachrichten erhalten, die ihm die Laune auf Wochen hinaus verderben werden.“

„Ich weiß,“ fiel der Andere ein. „Die Schrift des Assessor Winterfeld. Ich erhielt sie heut Morgen aus der Residenz.“

„Also auch Sie haben schon Kenntniß davon? Nun, die Anstalten für die Verbreitung scheinen ja vorzüglich getroffen worden zu sein. Man scheint eine Unterdrückung zu fürchten und sich zu beeilen zuvorzukommen. Ich glaube aber, daß das eine unnöthige Besorgniß ist; es sieht aus, als wäre man in der Residenz gewillt, der Sache ihren Lauf zu lassen.“

„Wirklich? Und was sagt Raven selbst dazu? Ihm kam sie doch schwerlich so ganz unerwartet; er muß doch vorher irgend einen Wink erhalten haben.“

„Ich fürchte, er hat ihn nicht erhalten; sein ganzes Wesen verrieth, daß die Sache ihn überrascht hat. Er hüllte sich zwar in seine gewohnte Unzugänglichkeit, konnte es aber doch nicht ganz verbergen, wie furchtbar gereizt und erregt er war. Meine Andeutungen über diesen Punkt wurden mit einer Schroffheit aufgenommen, daß ich es für besser hielt, ihn fallen zu lassen. – Der Angriff ist freilich unerhört und dabei grenzenlos unvorsichtig. So etwas, wenn es denn durchaus unter die Leute soll, schickt man doch anonym in die Welt hinaus, man läßt wenigstens den ersten Sturm austoben, ehe man sich nennt, läßt sich suchen und errathen und tritt erst im äußersten Nothfall aus seiner Verborgenheit hervor – der Assessor unterzeichnet sich mit seinem vollen Namen und läßt die Welt und den Gouverneur auch nicht einen Augenblick in Zweifel darüber, wer der Angreifer ist. Ich begreife nicht, wo er den Muth hergenommen hat, seinem ehemaligen Chef in solcher Weise gegenüberzutreten. Er wirft ihm ja vor dem ganzen Lande den Handschuh hin; die Schrift ist eine einzige Anklage von Anfang bis zu Ende.“

„Und eine einzige Wahrheit von Anfang bis zu Ende,“ fiel der Bürgermeister ein. „Der junge Mann beschämt uns Alle. Was er jetzt wagt, das mußte längst gewagt und gethan werden. Wenn der Widerstand einer ganzen Stadt, wenn alle Vorstellungen bei der Regierung vergebens bleiben, muß der Streit vor das Forum des Landes gebracht und dort entschieden werden. Winterfeld hat das mit klarem Blicke erkannt und muthig das erste Wort gesprochen. Jetzt, wo die Bahn einmal gebrochen ist, wird ihm Alles folgen.“

„Er setzt aber dabei sich und seine ganze Existenz auf’s Spiel,“ warf der Polizeidirector ein. „Seine Schrift wagt zu viel, und so glänzend sie auch geschrieben ist, sie wird dem Verfasser theuer zu stehen kommen. Raven ist wahrlich nicht der Mann, der sich ungestraft beleidigen und angreifen läßt. Der kecke Herausforderer kann das Opfer seiner Verwegenheit werden.“

„Oder er bringt endlich einmal die Allmacht des Gouverneurs zum Scheitern. Aber wie die Sache auch enden mag, sie wird jedenfalls ungeheures Aufsehen erregen und hier in R. ist sie nun vollends der Funke im Pulverfaß.“

„Das fürchte ich auch,“ stimmte der Polizeichef bei. „Es läßt sich begreifen, daß der Freiherr jetzt Alles daran setzt, um der Situation Herr zu bleiben. Nun, was er auch thun mag, er thut es auf seine Gefahr.“ –

Während die beiden Herren ihren Weg fortsetzten, hatte im Arbeitszimmer des Gouverneurs in der That die erwähnte Conferenz zwischen diesem und dem Oberst Wilten stattgefunden. Der Inhalt des Gesprächs mußte wohl von ernster Natur gewesen sein, denn auch der Oberst sah sehr ernst aus. Raven war dem äußeren Anscheine nach unbewegt, nur die fahle Blässe, die auf seinem Antlitze lag, und die tiefgefurchte Stirn verriethen, daß irgend etwas Außergewöhnliches ihn berührt hatte; er beherrschte Haltung und Sprache, wie immer.

„Es bleibt dabei,“ sagte er. „Sie halten das Militär verfügbar zum sofortigen Eingreifen und gehen schonungslos vor, sobald man Ihnen Widerstand entgegensetzt. Ich nehme die Verantwortung und alle etwaigen Folgen auf mich allein.“

„Wenn es sein muß – allerdings,“ entgegnete der Oberst zögernd. „Sie kennen meine Bedenken, und ich verhehle Ihnen nicht, daß ich mich eintretenden Falles mit Ihrer Verantwortung decken werde.“

„Ich vertrete die Maßregel in ihrem ganzen Umfange. Dieses rebellische R. soll und muß gebändigt werden um jeden Preis. Ich habe jetzt mehr als je Grund, meine unbedingte Autorität aufrecht zu erhalten; man soll nicht glauben, daß sie unter dem heimtückischen Schlage wankt, der gegen mich geführt wird.“

[358] „Welcher Schlag?“ fragte der Oberst.

„Sie kennen noch nicht die Neuigkeit aus der Residenz?“

„Nein, Sie wissen ja, daß ich erst seit einigen Stunden hier bin.“

Raven erhob sich und durchmaß mit raschen Schritten das Zimmer. Als er zurückkehrte und vor dem Obersten stehen blieb, sah man es doch, wie die Aufregung in ihm wühlte, trotz all seiner Anstrengung, sie niederzuhalten.

„So empfehle ich Ihnen, die Flugschrift des Asssessors Winterfeld zu lesen,“ sagte er in einem Tone, der sarkastisch sein sollte, aber auf’s Aeußerste gereizt klang. „Er fühlt sich berufen, mich vor dem ganzen Lande als einen Despoten hinzustellen, der weder nach Recht noch nach Gesetzen fragt und der für die ihm anvertraute Provinz ein Unglück und ein Unheil geworden ist. Es ist ein ganzes Sündenregister, was mir da vorgehalten wird. Uebergriffe, Willkür, Gewaltacte und wie die Schlagworte alle heißen. Es lohnt wirklich der Mühe, das Machwerk zu lesen, und wäre es auch nur, um sich drüber zu wundern, was einer meiner jüngsten und untergeordneten Beamten sich gegen seinen früheren Chef herausnimmt. Bis jetzt haben nur einige Wenige die Broschüre in Händen; morgen wird die ganze Stadt sie kennen.“

„Aber mein Gott, warum lassen Sie das denn so ruhig geschehen?“ rief der Oberst. „Dergleichen kann doch nicht plötzlich ohne jede Vorbereitung auftauchen, Sie müssen doch Nachrichten darüber erhalten haben.“

„Gewiß, ich erhielt sie gestern Abend, ungefähr zu derselben Zeit, wo die Residenz bereits mit der Broschüre überschwemmt wurde und diese auf dem Wege hierher war. Der Courier überbrachte mir zugleich das ‚aufrichtige Bedauern‘ des Ministers, daß man die Verbreitung nicht habe verhindern können, daß die Sache überhaupt nicht mehr zu unterdrücken sei.“

„Das ist seltsam,“ sagte Wilten befremdet.

„Mehr als seltsam. Man pflegt sonst in der Residenz sehr genau unterrichtet zu sein über Alles, was die Presse verläßt, und läßt nicht leicht etwas in die Welt hinaus, was gefährlich werden könnte. Bei dieser Schrift vollends wäre es ein Leichtes gewesen, die gegen mich geschleuderten Beleidigungen auf die Regierung selbst zu übertragen und darauf hin das Ganze zu unterdrücken. Es scheint aber, man hat das diesmal nicht gewollt, und da man mein energisches Dringen fürchtete, so zog man es vor, mich in vollständiger Unwissenheit zu lassen, und gab mir erst im letzten Augenblicke Nachricht als es zu spät war.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 23, S. 371–374
Fortsetzungsroman – Teil 15


[371] Der Oberst sah nachdenkend zu Boden. „Sie haben wenig Freunde in der Residenz und bei Hofe. Ich sagte es Ihnen schon vor Monaten: es wird dort fortwährend gegen Sie gewühlt und intriguirt, und man bietet Alles auf, Ihren Einfluß zu untergraben. Wenn sich noch dazu ein geeignetes Werkzeug findet – Assessor Winterfeld ist ja wohl gegenwärtig im Ministerium?“

„Ja wohl,“ sagte der Freiherr mit Bitterkeit. „Ich habe ihm die Pforten dazu geöffnet – ich selbst habe meinen Denucianten nach der Residenz geschickt.“

„Man wird sich des jungen Mannes bemächtigt haben, weil man wußte, daß er direct aus Ihrer Kanzlei kam. Er leiht vielleicht nur den Namen her zu einem Angriff, der von ganz anderer Seite ausgeht.“

Raven schüttelte finster den Kopf. „Der ist kein Werkzeug in fremden Händen; der handelt aus eigenem Antriebe; auch kann die Schrift nicht erst in den wenigen Wochen entstanden sein, die seit seiner Entfernung verstrichen sind. Sie ist das Resultat von Monaten, von Jahren vielleicht. Hier in meiner Kanzlei, fast unter meinen Augen, ist der Anschlag geplant und entworfen worden. Jedes Wort zeigt, daß er lange und sorgfältig vorbereitet wurde.“

„Und der Assessor hat sich niemals Ihnen oder Anderen gegenüber verrathen?“ fragte Wilten. „Er muß doch Umgang, muß doch Vertraute gehabt haben.“

Die Lippen des Freiherrn zuckten, und sein Blick heftete sich auf die Fensternische, aus der ihm gestern Gabriele entgegengetreten war.

„Einen seiner Vertrauten wenigstens kenne ich,“ sagte er dumpf, „und der soll mir Rede stehen. Was ihn selbst betrifft – nun, das wird sich finden. Zwischen uns beiden kann nur von einer Auseinandersetzung die Rede sein, für den Augenblick aber habe ich mit anderen Feinden abzurechnen. Es kommt wenig darauf an, ob ein Assessor Winterfeld in tugendhafter Entrüstung mich für einen Tyrannen und meine Amtsführung für ein Unglück erachtet; das haben Andere auch gethan. Aber daß er es wagen darf, das in alle Welt hinauszuschreien, und daß dieses Wagniß geduldet, vielleicht sogar begünstigt wird – das ist es, was der Sache Ernst und Bedeutung giebt. Ich werde unverzüglich die vollste Genugthuung von der Regierung verlangen, die mit mir und in mir angegriffen ist, und wenn man Miene machen sollte, sie zu verweigern, so werde ich sie mir zu erzwingen wissen. Es ist nicht das erste Mal, daß ich genöthigt bin, mit den Herren in der Residenz die Sprache des Entweder – Oder zu reden. Ich habe mir schon öfter gewaltsam Luft schaffen müssen, wenn die Intriguen von dort mich auf’s Aeußerste brachten.“

„Sie nehmen die Angelegenheit zu ernst,“ beruhigte der Oberst. „Sie setzten ja sonst allen Angriffen eine unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit entgegen. Warum lassen Sie sich diesmal durch Lügen und Verleumdungen aus der Fassung bringen?“

Der Freiherr richtete sich mit seinem ganzen Stolze auf. „Wer sagt denn, daß es Lügen sind? Die Schrift strotzt von Feindseligkeit, Unwahrheiten aber enthält sie nicht, und ich denke nicht daran, auch nur eine der darin behauptete Thatsachen in Abrede zu stellen. Was ich gethan habe, werde ich zu vertreten wissen, aber nur denen gegenüber, denen es zusteht. Rechenschaft von mir zu verlangen, nicht gegen den ersten Besten, dem es einfällt, sich zu meinem Richter aufzuwerfen. Ihm und seinen Genossen werde ich allein die Antwort geben, die sie verdienen.“

Das Gespräch wurde hier unterbrochen; man überbrachte dem Gouverneur eine Meldung, die der Polizeidirector soeben aus der Stadt heraufschickte. Oberst Wilten stand auf.

„Ich gehe jetzt, die verabredete Maßregeln zu treffen. – Die Frau Baronin ist doch glücklich angelangt? Sie kam mit uns zur Stadt, wollte aber meine fernere Begleitung bis zum Schlosse nicht annehmen. Und wie geht es Fräulein von Harder? Sie hat ja die ganze gestrige Unruhe mit durchmachen müssen.“

„Ich weiß es nicht,“ sagte Raven kurz, beinahe rauh. „Ich habe sie heut’ noch nicht gesehen und war auch zu beschäftigt, um meine Schwägerin empfangen zu können. Ich werde später hinübergehen.“

Er reichte dem Oberst die Hand, und dieser entfernte sich, während der Freiherr an seinen Schreibtisch zurückkehrte, auf dem noch die gestrige Depesche lagen, um sofort einen Brief an den Minister zu beginnen.

Die Baronin Harder war in der That vor einigen Stunden angelangt, aber nur von ihrer Tochter empfangen worden, was die Dame sehr übel vermerkte. Sie fand es äußerst rücksichtslos von ihrem Schwager, daß er sich nicht wenigstens einige Minuten von den Geschäften losriß, um sie zu begrüßen. Im Uebrigen war die Erkältung, an der Frau von Harder bereits seit einigen Tagen litt, durch die heutige Fahrt noch verschlimmert worden; sie erklärte sich für sehr leidend und angegriffen und zog sich

[372] sobald wie möglich in ihr Schlafzimmer zurück, um die ungestörteste Ruhe zu genießen, zur großen Erleichterung ihrer Tochter, die sich nun wieder selber überlassen blieb.

Gabriele hatte es wirklich kaum vermocht, ihre Aufregung und Unruhe vor der Mutter zu verbergen. Der Freiherr war heute vollständig unsichtbar für sie geblieben und hatte sich sogar beim Frühstück entschuldigen lassen. Sie wußte freilich, daß er in Folge der gestrigen Ereignisse vom frühen Morgen an von allen Seiten in Anspruch genommen war, daß sich die Meldungen, Audienzen und Conferenzen in seinem Arbeitszimmer drängten, aber sie wußte auch, daß er trotz alledem Zeit finden würde, Zeit finden mußte, um zu ihr zu kommen, wenn auch nur auf Minuten. „Bis morgen!“ Das Wort mit seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit klang noch in ihrer Seele wieder. Der Morgen, der Vormittag waren gekommen und gegangen – Raven kam nicht, sandte auch kein Wort, keine Zeile, und es lag wie Bergeslast auf der Brust des jungen Mädchens. Was war geschehen?

Es war inzwischen Mittag geworden. Gabriele befand sich allein in dem kleinen Salon ihrer Mutter – da endlich vernahm sie im Vorzimmer den raschen festen Schritt, den sie heute wohl schon hundertmal zu hören geglaubt hatte. Sie athmete tief; sie lauschte dem Kommenden entgegen, und ihre eben noch so bleichen Wangen erglühten plötzlich in dunkler Röthe. Angst, Sorge, Unruhe, das Alles war vergessen in dem Augenblicke, wo die Thür sich öffnete und der Freiherr eintrat.

„Ich habe mit Dir zu sprechen,“ begann er ohne jede Einleitung. „Sind wir allein?“

Gabriele machte eine bejahende Bewegung; sie hatte ihm entgegen eilen wollen, hielt aber inne, betroffen von dem Tone, der so fremd und rauh ihr Ohr berührte. Sie gewahrte jetzt erst die seltsame Veränderung in den Zügen des Eintretenden. Das war nicht der Arno Raven mehr, der sie gestern in den Armen gehalten und ihr eine Leideschaft bekannt hatte, die das ganze Wesen des strengen kalten Mannes in Gluth und Zärtlichkeit umzuwandeln schien. Heute stand er finster, eisig vor ihr. Die Lippen, denen jene heiße Liebesworte entströmten, waren fest zusammengepreßt; in dem starren düsteren Antlitz zeigte sich keine Spur mehr von dem, was sich gestern darin geregt hatte, und die Augen flammten drohend und unheilvoll dem jungen Mädchen entgegen.

„Du hast mich vielleicht früher erwartet,“ nahm der Freiherr wieder das Wort. „Ich bedurfte einiger Zeit, um mich mit gewissen – Neuigkeiten vertraut zu machen, und zu unserer heutigen Unterredung kommen wir immer noch früh genug. Es ist wohl überflüssig, Dir zu erklären, was ich meine, denn wenn Du auch sonst mit meinen Amtsangelegenheiten nicht vertraut bist, diesmal weißt Du vermuthlich so gut wie ich, um was es sich handelt.“

„Ich? Nein,“ sagte Gabriele mit stockendem Athem. „Was soll ich wissen?“

„Willst Du es etwa leugnen? Doch davon sprechen wir später; vor allen Dingen möchte ich Dich fragen, was Dich veranlaßt hat, eine so erbärmliche Komödie mit mir zu spielen, in der mir die lächerliche Rolle zuertheilt wurde. Aber nimm Dich in Acht, Gabriele! Ich sagte es Dir schon gestern – ich habe wenig Talent für eine solche Rolle. Ein Mann, der sich verhöhnt und verrathen sieht, bleibt nur lächerlich, so lange er es geduldig erträgt. Ich bin nicht gesonnen, das zu thun. Das Spiel, das Du mit mir getrieben, kann verhängnißvoll werden für Dich und noch für einen Anderen.“

„Aber was meinst Du denn? Ich verstehe Dich nicht,“ rief das junge Mädchen, dessen Angst sich bei diesen räthselhaften Andeutungen von Minute zu Minute steigerte. Raven trat dicht vor sie hin, und sein Blick heftete sich durchbohrend auf ihr Antlitz.

„Was sollen die Warnungen bedeuten, die Du mir gestern während der Fahrt zuflüstertest? Woher wußtest Du überhaupt, daß mich irgend etwas bedrohte, und weshalb schrakst Du so zusammen und wurdest todtenbleich, als der Courier aus der Residenz gemeldet wurde? Sprich! Ich will Antwort haben auf der Stelle.“

Gabriele hörte mit wachsender Bestürzung zu; sie begann zu ahnen, was diese Fragen bedeuteten, aber der Zusammenhang blieb ihr noch völlig dunkel. Raven mußte es wohl sehen, daß sie ihn nicht verstand, denn er zog eine Broschüre aus seiner Brusttasche und warf sie auf den Tisch.

„Sollte diese Schrift hier nicht Deinem Gedächtniß zu Hülfe kommen? Der schmählichste, unerhörteste Angriff, der je gegen mich geschleudert wurde! Du hast ihn vermuthlich nur im Entwurfe gelesen; vollendet wurde er wohl erst in der Residenz, im Ministerium. So sieh mich doch nicht an, als ob ich in einer fremden Sprache redete! Oder kennst Du den Namen nicht, der da auf dem Blatte steht?“

Gabriele hatte mechanisch die Broschüre in die Hand genommen; ihr Auge fiel auf das bezeichnete Blatt, auf den Namen, der dort stand, sie zuckte zusammen.

„Von Georg? Er hat also Wort gehalten.“

„Wort gehalten!“ wiederholte Raven mit bitterem Auflachen. „Er gab Dir also sein Wort darauf? Du warst seine Vertraute, warst im Einverständniß mit ihm? Freilich, wie konnte ich denn auch noch zweifeln! Es war ja sonnenklar vom ersten Momente an.“

Das junge Mädchen war zu verwirrt und betäubt, um sich mit Nachdruck zu vertheidigen. Der unglückselige Ausruf, der ihr entfuhr, mußte den Freiherrn nur in dem Verdachte bestärken, daß sie Mitwisserin sei.

„Ich ahnte irgend ein Unheil,“ entgegnete sie, ihren ganzen Muth zusammenraffend, „aber ich wußte nichts Bestimmtes. Ich glaubte –“

Raven ließ sie nicht ausreden; seine Hand umschloß die ihrige krampfhaft.

„Hattest Du wirklich keine Ahnung davon, daß irgend etwas gegen mich im Werke war? Waren Deine gestrigen Andeutungen ganz zufällig und absichtslos? Dachtest Du, als uns die Nachrichten aus der Residenz so plötzlich aufschreckten, mit keiner Silbe daran, daß man ‚Wort gehalten haben könnte‘? Sieh mir in’s Auge und sage Nein – so will ich versuchen, Dir zu glauben.“

Gabriele schwieg; sie konnte darauf nicht mit Nein antworten, und der Gedanke, daß sie ja in der That wenigstens um die Absicht Georg’s gewußt, raubte ihr die Fassung. Die wenigen Worte, die Georg beim Abschiede zu ihr gesprochen, wurden verhängnißvoll für diese Stunde; sie drückte das junge Mädchen wie eine schwere Schuld zu Boden.

Raven’s Auge war nicht von ihrem Antlitz gewichen. Jetzt lösten sich seine Finger langsam von den ihrigen; er ließ ihre Hand fallen und trat zurück.

„Du wußtest es also,“ sagte er. „Und mit diesem Bewußtsein hast Du neben mir gestanden und ruhig zugesehen, wie ich mit einer unsinnigen Leidenschaft rang, wie ich ihr schließlich unterlag. Du ließest mich an eine Erwiderung meiner Gefühle glauben und stacheltest mich damit bis zum Wahnsinn, während Du heimlich die Tage und Stunden zähltest, bis zu dem Zeitpunkte, wo ein Deiner Meinung nach tödtlicher Schlag mich treffen mußte. Mit dieser Gewißheit lagst Du gestern in meinen Armen und hörtest mein Geständniß. Beim Himmel, das ist zu viel – zu viel.“

Seine Stimme klang noch dumpf und verhalten, aber es verrieth sich schon der nahende Ausbruch darin. Gabriele fühlte es, wie machtlos sie diese Anklage gegenüberstand; dennoch machte sie einen Versuch, sich dagegen zu erheben.

„Höre mich, Arno! Du bist im Irrthum; ich habe Dich nicht getäuscht, nicht verrathen. Wenn ich etwas wußte –“

„Schweig’!“ unterbrach er sie mit furchtbar ausbrechender Heftigkeit. „Ich will nichts hören; ich weiß genug. Dein Verstummen vorhin sprach deutlicher als alle Worte. Rechtfertige Dich bei ihm, bei Deinem ‚Georg‘, daß Du es nicht vermochtest, sein Geheimniß bis zum letzten Augenblicke zu bewahren! Vielleicht verzeiht er Dir. Die Warnung wäre ja doch zu spät gekommen. Ihm freilich habe ich Unrecht gethan als ich ihn für einen Alltagsmenschen erklärte. Er versteht es, aus dem gewöhnlichen Geleise zu treten und Dinge zu unternehmen, die vor ihm Niemand gewagt hat und nach ihm so leicht Keiner wagen wird. Vielleicht macht er Carrière damit, der Herr Assessor, den gestern noch Niemand kannte und dessen Name morgen in Aller Munde sein wird, weil er die Kühnheit besaß, mich anzugreifen. Aber er wird sie theuer bezahlen – ich gebe Dir mein Wort darauf. Noch habe ich keinen Kampf und keinen Gegner [373] gescheut, und auch diesem wäre ich unbewegt entgegengetreten, aber daß Du, Du im Einverständnisse warst, daß Du mich verriethest, das hat meinen Feinden den Triumph verschafft, mich auch einmal – fassungslos zu sehen.“

Seine Stimme schwankte bei den letzten Worten. Mitten durch den Zorn und Haß des Mannes, der sich in seiner Ehre, wie in seiner Liebe gleich tödtlich verletzt sah, brach es wie ein heißer Schmerz, und der Ton ließ Gabriele alles Andere vergessen. Sie flog auf den Freiherrn zu, legte beide Hände auf seinen Arm und wollte sprechen, bitten, aber es war umsonst – mit einer wilden Bewegung rang er sich von ihr los und stieß sie zurück.

„Geh’! Ich bin einmal ein Thor gewesen; jetzt ist die Täuschung zu Ende. Zum zweiten Male lasse ich mich nicht wieder umstricken von diesen Augen, die mir gelogen haben mit ihrer Angst und Zärtlichkeit. Sage Deinem Georg, er habe es doch wohl nicht bedacht, was es heiße, mich zum Kampfe herauszufordern, er werde es kennen lernen. – Du und ich, wir sind zu Ende miteinander, für immer.“

Er ging. Die Thür fiel schmetternd hinter ihm zu. Gabriele blieb allein. Sie blickte auf die Broschüre nieder, die noch auf dem Tische lag, auf den Namen, der dort stand, und sah doch nichts von beiden. In ihrem Innern halten nur die letzten Worte nach. Ja wohl, es war zu Ende, für immer. –

Die Befürchtungen, welche man auch heute für die Ruhe der Stadt hegte, sollten sich nur zu bald erfüllen. Die militärischen Maßregeln wurden absichtlich mit der größten Offenheit getroffen, weil man Einschüchterung davon erwartete, aber sie hatten die entgegengesetzte Wirkung und steigerten nur die allgemeine Erbitterung gegen den Gouverneur. Es gährte freilich schon seit Monaten, aber diese Gährung hatte erst in den letzten Tagen einen wirklich bedrohlichen Charakter angenommen. Bis dahin hatte es freilich an feindseligen Kundgebungen nicht gefehlt, war aber noch nicht zur offenen Auflehnung gekommen. Man war in R. zu lange gewohnt gewesen, sich dem Willen des Gouverneurs zu beugen, als daß man sich so schnell von dieser Gewohnheit hätte losmachen können. Man kannte den Freiherrn und wußte, daß von ihm keine Schwäche und Nachgiebigkeit zu erwarten war; deshalb blieb es wochenlang bei dem Grollen und Murren. Die Autorität eines energischen, unbeugsamen Charakters bewährte sich auch hier. Raven hatte bisher noch immer den drohenden Sturm beherrscht; noch gestern war der Macht seiner Persönlichkeit die Menge gewichen, freilich in einer Weise, die auch ihm zeigte, daß es mit dieser Macht zu Ende ging.

Jetzt aber schien die Sache an einem Wendepunkte angelangt zu sein. Die Verhaftungen, die vor einigen Tagen auf Befehl des Freiherrn vorgenommen wurden und bei denen man mit vollster Härte und Rücksichtslosigleit zu Werke ging, fachten das schon längst glimmende Feuer zu heller Flamme an. Der gestrige Tumult hatte dem Versuch gegolten, die Freilassung der Verhafteten zu erzwingen, und als der Versuch scheiterte und der Gouverneur auch jetzt noch allen Vorstellungen und allem Drängen ein unbeugsames Nein entgegensetzte, brach die nur für den Augenblick beschwichtigte Aufregung mit verdoppelter Macht los.

Der Abend war herangekommen. Im Regierungsgebäude herrschte überall Unruhe und Aufregung. Die sämmtlichen Eingänge bis aus das Hauptportal waren verschlossen und bewacht; die Dienerschaft drängte sich in ängstlicher Erwartung auf den Treppen und Corridoren, und draußen vor den Fenstern blitzten die Bajonnette der Soldaten. Eine starke Militärabtheilung hielt den Schloßberg besetzt; sie war gerade zu rechter Zeit gekommen, um zu verhindern, daß man das Schloß selbst bedrohte. Das war allerdings abgewendet und die Menge zurückgedrängt worden, aber dafür wogte der Tumult in den nächstgelegenen Straßen um so heftiger, und es stand jeden Augenblick ein Zusammenstoß zu erwarten.

In den Zimmern des Gouverneurs ging es sehr lebhaft zu. Dort jagte eine Meldung die andere: Polizeibeamte und militärische Ordonnanzen kamen und gingen. Hofrath Moser war an die Seite seines Chefs geeilt, den er nun einmal bei jeder Gefahr als den Hort der Sicherheit betrachtete; auch Lieutenant Wilten, der einen Theil der Besatzung des Schlosses commandirte, befand sich bei dem Freiherrn und vor wenigen Minuten war auch der Bürgermeister angelangt, der sich nun doch zu diesem letzten Versuche entschloß, den er heute Morgen unterlassen hatte.

Raven selbst stand kalt und unbewegt inmitten all dieses Drängens und Treibens. Er hörte die Meldungen an und gab die Befehle, ohne auch nur einen Augenblick seine Ruhe zu verleugnen, aber die Umgebung hatte sein Antlitz noch nie so hart und eisern gesehen, wie an diesem Abende. Vielleicht hatten die Stürme der letzten vierundzwanzig Stunden die Härte verschuldet, die jetzt in seinen Zügen eingegraben stand, aber was er seit gestern Abend auch durchgekämpft hatte, fremden Augen gegenüber war und blieb er der stolze, unerschütterliche Freiherr von Raven, an dem Alles abglitt, was Andere fast zusammenbrechen ließ.

„Ich bitte und fordere zum letzten Male, daß Sie es nicht zum Aeußersten kommen lassen,“ sagte der Bürgermeister. „Noch ist es Zeit; noch ist es nicht zum Blutvergießen gekommen; in der nächsten Viertelstunde möchte es zu spät sein. Es heißt, Sie hätten Befehl zum schonungslosen Vorgehen gegeben. – Ich kann und will das nicht glauben –“

„Sollte ich vielleicht das Schloß einem Angriffe preisgeben?“ unterbrach ihn der Freiherr. „Sollte ich abwarten, bis man den Eingang stürmte und mich hier in meinen Zimmern beleidigte? Ich glaube hinreichend gezeigt zu haben, daß ich es nicht liebe, mich und meine Person mit Sicherheitsmaßregeln zu umgeben, aber ich habe noch für Andere einzustehen und vor allen Dingen das Regierungsgebäude zu sichern. Das ist einfach meine Pflicht, der ich nachkommen werde.“

„Es handelt sich um eine Demonstration, nicht um einen Angriff,“ erklärte der Bürgermeister. „Doch gleichviel – das Schloß mußte unter allen Umständen gesichert und die Menge zurückgedrängt werden. Das ist aber jetzt geschehen, der ganze Schloßberg ist besetzt, und damit kann es genug sein. Der Tumult da unten ist unschädlich und wird sich zerstreuen, wenn man ihm seinen Lauf läßt.“

„Oberst Wilten wird die Straßen räumen lassen,“ sagte Raven kalt. „Und wenn man ihm Widerstand dabei entgegensetzt, so wird er von den Waffen Gebrauch machen.“

„Das giebt ein unberechenbares Unglück. Das Militär hält die Zugänge der Schloßstraße besetzt. Die Menge ist von beiden Seiten eingekeilt und hat nicht einmal Raum zur Flucht. Lassen Sie das nicht geschehen, Excellenz! Es handelt sich um das Leben von Hunderten.“

„Es handelt sich um die Ruhe und Sicherheit der Stadt, die nicht länger durch eine Pöbelrotte bedroht werden darf –“ die Stimme des Freiherrn hatte den Klang eiserner Entschlossenheit. „Ich habe lange genug mit dieser Maßregel gezögert, nun sie aber einmal beschlossen ist, wird sie auch ihren Lauf nehmen. Werden die Straßen ohne Widerstand geräumt, so ist kein Grund zur Besorgniß vorhanden im anderen Falle – die Folgen auf das Haupt der Empörer!“

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und der Polizeidirector trat ein. Raven ging ihm entgegen. „Nun, wie steht es?“

„Ich habe meine Leute von den Hauptpunkten zurückgezogen,“ versetzte der Gefragte. „Wir können nichts mehr thun; der Tumult wächst mit jeder Minute; es scheint, man macht sich zum Widerstande bereit. – Ich lasse soeben einige Verwundete in das Schloß bringen, es ist nicht möglich, sie jetzt nach der Stadt zu transportiren, sie müssen vorläufig hier Aufnahme finden.“

„Hat es bereits Verwundete gegeben?“ fiel der Bürgermeister ein. „Vor zehn Minuten, als ich den Schloßberg passirte, war es noch zu keinem Zusammenstoß gekommen.“

„Es war vorhin, kurz vor dem Anrücken des Militärs, als wir noch allein den Anprall der ganzen Menge auszuhalten hatten,“ entgegnete der Polizeidirector. „Zwei meiner Leute sind dabei ziemlich arg verletzt worden. Leider auch noch ein Dritter, gänzlich Unbetheiligter, ein Arzt, der uns zu Hülfe eilte und die Verwundeten verband. Er war gerade auf dem Rückwege begriffen, als einer der zahlreichen Steinwürfe ihn traf und er leblos niederstürzte. Es ist der Doctor Brunnow, von dem wir heute Morgen sprachen,“ fügte der Redende halblaut zu dem Hofrath Moser gewendet hinzu.

„Wer?“ fragte Raven, der den Namen gehört hatte, mit Lebhaftigkeit.

[374] „Ein junger Arzt, der sich seit einigen Wochen hier aufhält. Max Brunnow ist sein Name. Sein Vater lebt in der Schweiz, wohin er wegen Betheiligung an der Revolution flüchten mußte.“

Der Polizeidirector warf diese Worte ruhig und scheinbar absichtslos hin, aber sein Auge ruhte dabei forschend auf den Zügen des Freiherrn; er allein sah das fast unmerkliche Erbleichen darin und hörte die Erregung in der Frage: „Ist der junge Mann schwer verwundet?“

„Ich fürchte es, vielleicht sogar tödtlich. Er liegt besinnungslos da, der Steinwurf hat ihn gerade am Kopfe getroffen.“

„Es wird Alles zur Pflege der Verwundeten geschehen. Ich werde selbst –“ der Freiherr that einen Schritt nach der Thür hin, besann sich aber und blieb stehen. Der befremdete Blick des Bürgermeisters und der scharf beobachtende des Polizeidirectors mochten ihn wohl daran erinnern, daß diese Theilnahme in zu grellem Gegensatze zu der Gleichgültigkeit stand, die er soeben erst gegen fremdes Leben gezeigt. „Ich werde selbst dem Haushofmeister die nöthigen Weisungen geben,“ fügte er langsamer hinzu und legte die Hand an die Klingel.

„Der Haushofmeister trifft bereits mit großer Umsicht alle Anstalten,“ erklärte der Polizeichef. „Es ist nicht nöthig, daß Sie sich selbst bemühen, Excellenz.“

Der Freiherr schwieg und trat an das Fenster. War es eine Warnung, die ihm gerade in diesem Augenblicke den Namen des Jugendfreundes in das Gedächtniß rief, eine Erinnerung daran, daß Arno Raven auch einst zu jenen „Empörern“ gehörte, die der Gouverneur Freiherr von Raven niederschießen lassen wollte – es war eine lange verhängnißvolle Pause, welche die nächsten Minuten ausfüllte.

„Ich kehre nach der Stadt zurück,“ brach der Bürgermeister endlich das Schweigen. „Soll ich wirklich jene Worte als letzten Entschluß Euer Excellenz mit mir nehmen?“

Der Freiherr wandte sich um. Es lag etwas wie innerer Kampf in seinen Zügen, als er erwiderte: „Oberst Wilten hat das Commando in der Stadt. Ich kann in seine Maßregeln nicht eingreifen; die militärischen Dispositionen sind seine Sache.“

„Der Oberst handelt auf Ihre Weisung. Ein Wort von Ihnen, und er enthält sich wenigstens des directen Eingreifens. Sprechen Sie dieses Wort aus! Wir warten Alle darauf.“

Wieder vergingen einige Secunden. Die Stirn des Gouverneurs zog sich in finstere Falten; plötzlich richtete er sich empor und rief den jungen Officier an seine Seite.

„Herr Lieutenant Wilten, können Sie Ihren Posten hier im Schlosse auf eine Viertelstunde verlassen? Ich möchte Sie ersuchen, Ihrem Vater selbst –“

Er hielt inne und horchte auf. Von der Stadt her klang es herüber, entfernt zwar, aber mit furchtbarer Deutlichkeit, ein nicht mißzuverstehender Laut – das Knattern von Gewehren.

„Mein Gott – das sind Schüsse,“ rief Hofrath Moser aufschreckend, während der Bürgermeister und der Polizeidirector zum Fenster eilten. Die Dunkelheit erlaubte freilich nicht, irgend etwas zu sehen, aber dessen bedurfte es auch nicht mehr. Es krachte zum zweiten, zum dritten Male – dann war alles still.

„Die Botschaft würde nichts mehr nützen,“ sagte der junge Officier leise zu dem Freiherrn. „Man schießt bereits.“

Raven erwiderte keine Silbe; er stand unbeweglich da, die Hand auf den Tisch gestützt, das Auge nach dem Fenster gerichtet; erst als die anderen Beiden von dort zurückkehrten, wandte er sich zum Bürgermeister:

„Sie sehen, es ist zu spät. Ich kann nicht mehr eingreifen, selbst wenn ich wollte.“

„Ich sehe es,“ sagte der Angeredete mit schneidender Bitterkeit. „Sie haben jetzt das Blut zwischen sich und uns gestellt, und da ist jedes fernere Wort überflüssig. Ich habe nichts mehr zu sagen.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 24, S. 387–390
Fortsetzungsroman – Teil 16


[387] Wenn irgend Jemand Veranlassung hatte, über das seltsame Spiel des Zufalls Betrachtungen anzustellen, so war es sicher der Hofrath Moser, denn gegen ihn hatte sich der Zufall eine Malice erlaubt, wie sie ärger gar nicht gedacht werden konnte. Er, der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains, der Inbegriff aller Loyalität, der geschworene Feind aller revolutionären und demagogischen Elemente, er mußte es jetzt erleben, daß unter seinem Dache, in seiner Wohnung der Sohn eines Hoch- und Staatsverräthers gepflegt wurde, und was das Schlimmste war, die Unvorsichtigkeit und Uebereilung der eigenen Tochter hatte dieses Schicksal über das Haupt ihres Vaters gebracht.

Es war nicht zu leugnen, daß Agnes Moser allein die Schuld daran trug, wenn sie dabei auch zweifellos von den frömmsten Motiven geleitet wurde. Agnes hatte von jeher die kurze Zeit, die sie noch im Hause ihres Vaters zubringen sollte, ehe sie der selbstgewählten Bestimmung folgte, als eine Vorbereitung für diese betrachtet. Die kranke Frau des Copisten war nicht die Einzige, die sich ihrer Sorgfalt erfreute. Wo es im Schlosse oder in der näheren Umgebung nur irgend etwas zu trösten oder zu pflegen gab, erschien das junge Mädchen, das sonst niemals zum Vorschein kam, um seine stille, aufopfernde Thätigkeit zu beginnen, und was bei einer Andern befremdlich erschienen wäre, galt hier als selbstverständlich. Man wußte ja allgemein, daß die Tochter des Hofraths den Schleier nehmen werde; man sah in ihr bereits die künftige Nonne, und dies im Verein mit ihrer Bereitwilligkeit, überall zu helfen, wo Hülfe nothwendig war, verschaffte ihr bei sämmtlichen Bewohnern des Schlosses einen Respect, der sonst siebenzehnjährigen jungen Mädchen selten zu Theil wird. Man fand es daher sehr natürlich,

[388] daß an jenem Abende, als die Verwundeten in das Schloß gebracht wurden, auch Fräulein Moser sich an den Hülfeleistungen betheiligte, und kam ihr auf das Bereitwilligste entgegen, als sie den Vorschlag machte, den am schwersten Verletzten, den Doctor Brunnow, in die Wohnung ihres Vaters zu bringen, wo sie ihn selbst pflegen werde. Der Gouverneur hatte befohlen, auf’s Beste für die Verwundeten zu sorgen, besonders für den jungen Arzt, dem die Ausübung seiner Pflicht beinahe das Leben gekostet hatte; einer besseren Pflege aber konnte man diesen gar nicht anvertrauen. Er mußte seines bedenklichen Zustandes wegen vorläufig im Schlosse bleiben, während die beiden Sicherheitsbeamten, die leichtere Wunden davongetragen hatten, am nächsten Tage nach der Stadt gebracht werden konnten. Der Haushofmeister war sehr erfreut, den Befehlen seines Herrn so pünktlich nachkommen zu können; er unterstützte das Fräulein nach Kräften in ihrem von der christlichen Barmherzigkeit eingegebenen Vorhaben und hatte die Genugthuung, zu sehen, daß der Freiherr, dem er diese Wendung der Sache meldete, außerordentlich zufrieden damit war.

Um so weniger zufrieden aber war der Hofrath. Er gerieth förmlich außer sich, als er bei der Rückkehr diesen „staatsgefährlichen“ Patienten in seiner Wohnung fand, und verlangte entschieden die Entfernung desselben, stieß aber hier auf einen ebenso entschiedenen Widerstand. Die sanfte, stille Agnes zeigte zum ersten Male in ihrem Leben Festigkeit und Energie, als sie sich weigerte, dem Vater zu gehorchen, und da sich auch die resolute Frau Christine auf die Seite ihres Fräuleins schlug, so wurde Moser überstimmt. Man machte ihm begreiflich, daß man den Schwerkranken nicht wieder fortschaffen könnte, ohne sein Leben zu gefährden und sich geradezu zu seinem Mörder zu machen. Der Hofrath sah das schließlich ein, aber es minderte nicht seine Verzweiflung; er lief gleich am nächsten Morgen zu seinem Chef, um ihm die Schreckenskunde zu überbringen und sich feierlichst gegen jede Mitschuld zu verwahren, aber er erhielt statt des gehofften Machtwortes, das ihn von dem aufgedrungenen Gaste befreien sollte, den Rath, sich dem eigenmächtigen Verfahren seiner Tochter zu fügen, das der Freiherr im höchsten Grade zu billigen schien. Doch er verhieß, dafür zu sorgen, daß der Vorfall zu keinem Zweifel an der Loyalität des Hofrathes Veranlassung gebe, und erklärte sogar, seinen eigenen Hausarzt senden zu wollen. Man sei durchaus verpflichtet, sich des jungen Arztes anzunehmen, der sich so aufopfernd bewiesen habe. Dieser Autorität fügte sich der Hofrath denn endlich, aber es geschah mit schwerem Herzen. Er konnte es seiner Tochter nicht verzeihen, daß sie die Barmherzigkeit gegen ihre leidenden Mitmenschen so in’s Extrem trieb, und wenn er auch an der vollendeten Thatsache nichts ändern konnte, so betrachtete er sie doch täglich mit neuem Entsetzen und neuer Entrüstung. –

Es war am dritten Tage nach der Verwundung Max Brunnow’s. Der Arzt, welcher ihn behandelte, hatte soeben die Moser’sche Wohnung betreten. Es war ein kleiner schmächtiger Herr mit hellblondem Haar, milden Augen und einer sehr sanften Stimme; er sprach mit dem Hofrath, der sich eben in seine Kanzlei begeben wollte.

„Nein, Herr Hofrath, ich habe wenig oder eigentlich gar keine Hoffnung mehr, den Patienten zu retten. Es steht schlecht mit ihm, sehr schlecht; wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“

„Sie haben ihn heute noch nicht gesehen,“ sagte der Hofrath. „Meine Tochter sagte mir, er habe die ganze Nacht ruhig geschlafen.“

Der kleine Herr zuckte die Achseln. „Das ist Schwäche, Betäubung. Der Blutverlust war sehr stark, und nach diesem heftigen Wundfieber mußte nothgedrungen eine um so größere Erschöpfung eintreten. Ich sage Ihnen, es ist vorbei – ganz vorbei!“

„Das thut mir leid,“ entgegnete der Hofrath. Im Angesichte des Todes wich denn doch sein Groll und machte dem Mitleid Platz. „Und auch meiner Tochter wird es leid thun. Sie hat sich mit so großem Eifer der Pflege angenommen und ist fast nicht von dem Krankenbette gewichen. Ich fürchte, Agnes überanstrengt sich dabei, denn ich habe sie noch nie so blaß gesehen wie jetzt. Heute Morgen mußte ich sie beinahe zwingen, einige Stunden zu ruhen, nachdem sie die ganze Nacht gewacht hatte.“

„Ja, Fräulein Moser widmet sich mit einer wahren Leidenschaft der Krankenpflege,“ meinte der Arzt bewundernd. „Sie bringt eine unendliche Hingebung für ihren künftigen Beruf mit und wird sehr segensreich darin wirken. Hier freilich wird ihre Thätigkeit bald zu Ende sein. Ich fürchte, die Stunden des Armen sind gezählt; er wird kaum den Abend erleben.“

Er schüttelte melancholisch den Kopf und verabschiedete sich, um zu dem Kranken zu gehen. Der Hofrath blieb zurück, gleichfalls sehr melancholisch, aber aus anderen Gründen. Das fehlte noch. Nun gar ein Todesfall im Hause, nachdem man zwei Tage lang all die Angst und Sorge durchgemacht hatte! Und wie schrecklich, wenn in den Zeitungen zu lesen stand: „Der Sohn des aus der Revolutionszeit hinreichend bekannten Doctor Brunnow ist in R. im Hause des Hofrath Moser gestorben, nachdem er bei einem Straßenauflauf schwer verwundet worden war.“ Diese rücksichtslosen Zeitungen pflegten solche Nachrichten ja immer nur ganz kurz und trocken zu bringen, ohne Erklärungen und Auseinandersetzungen. Der Hofrath sandte einen anklagenden Blick zum Himmel. Er, der pflichttreueste, gewissenhafteste Beamte, mußte einem solchen Schicksal verfallen; er senkte den Kopf tief auf die weiße Halsbinde nieder, als er endlich den Weg nach seiner Kanzlei antrat.

Der Arzt hatte sich inzwischen in das Krankenzimmer begeben. Er trat sehr leise, sehr vorsichtig ein, wie man das bei Sterbenden zu thun pflegt. Frau Christine, die auf kurze Zeit ihr Fräulein in der Pflege abgelöst hatte, saß am Bette. Der Doctor tauschte flüsternd einige Worte mit ihr aus und sandte sie dann fort, um neue Compressen zu holen. Er selbst trat an das Bett und beugte sich über den Kranken, der jetzt erwachte und, wie es schien, mit voller Besinnung die Augen aufschlug.

„Wie befinden Sie sich?“ fragte der kleine Arzt in sehr sanftem Tone den Patienten.

„Ich danke, ganz leidlich,“ erwiderte dieser, dessen Augen irgend etwas zu suchen schienen. „Was ist denn eigentlich mit mir vorgegangen?“

„Sie sind sehr schwer verwundet, aber beruhigen Sie sich! Ich werde mein Möglichstes thun. Sie sind in den besten Händen.“

Max, dessen Blick mittlerweile das ganze Zimmer durchforscht hatte, ohne zu finden, was er suchte, begann jetzt den Redenden zu mustern.

„Vermuthlich ein Herr College?“ sagte er. „Mit wem habe ich denn die Ehre –?“

„Mein Name ist Berndt,“ versetzte der Herr College. „Seine Excellenz der Gouverneur, der große Theilnahme bei Ihrer Verwundung zeigte, wollte Ihnen seinen eigenen Hausarzt senden. Der Herr Medicinalrath ist aber leider erkrankt, und so habe ich, sein Assistent, die Behandlung übernommen. – Aber Sie dürfen nicht reden, sich überhaupt nicht regen. Beantworten Sie meine Fragen durch Zeichen, wenn Ihnen das Sprechen schwer fällt! Sie sind so unendlich matt und angegriffen und bedürfen der äußersten –“

Er hielt erschrocken inne, denn der dem Tode Geweihte richtete sich urplötzlich mit einem kräftigen Rucke empor und setzte sich aufrecht, während er mit einer nichts weniger als matten Stimme fragte:

„Wo ist denn meine Pflegerin geblieben? Sie war doch sonst immer an meiner Seite.“

„Fräulein Moser, meinen Sie? Sie ruht ein wenig, nachdem sie die ganze Nacht an Ihrem Krankenbette gewacht hat. Sie haben eine sehr aufopfernde Pflegerin gefunden; das Fräulein ist ein Engel der Barmherzigkeit.“

„Barmherzigkeit?“ wiederholte Max in gedehntem Tone. „Ja freilich, die intime Bekanntschaft mit den Pflastersteinen Ihrer liebenswürdigen Stadt hat mich auf die Barmherzigkeit der Menschen angewiesen. Es ist eine ganz verwünschte Benutzung des Straßenpflasters, wenn man es den Leuten an die Köpfe wirft.“

„Regen Sie sich nicht auf, bester Herr College!“ bat Doctor Berndt sanft. „Nur ja keine Aufregung! Nur Ruhe, Stille, Schonung! Aber da Sie doch wieder bei klarer Besinnung sind, möchte ich fragen, ob Sie noch irgend einen Wunsch, irgend ein Verlangen haben.“

[389] Der Ausdruck seines Gesichtes zeigte deutlich, daß er nichts Geringeres, als eine letztmalige Verfügung erwartete. Statt dessen erwiderte der Patient mit der größten Seelenruhe:

„Gewiß, ich habe ein sehr dringendes Verlangen etwas zu essen.“

„Zu essen?“ fragte der Doctor, auf’s Höchste betroffen. „Nun, wenn Sie es wünschen, können wir ein wenig Bouillon versuchen.“

„Ein wenig genügt nicht,“ erklärte Max. „Es muß sehr viel sein. Ueberhaupt bedarf ich etwas Consistenteres, als bloße Bouillon. Ein Beafsteak – ich würde deren auch zwei essen.“

„Um Gotteswillen!“ rief Doctor Berndt entsetzt und griff wieder nach dem Puls, da er der Meinung war, der Kranke phantasire, dieser aber zog ärgerlich die Hand zurück.

„So machen Sie doch nicht so viel Aufhebens von dem Loch in meinem Kopfe! Das heilt in acht Tagen. Ich kenne meine Natur.“

Der kleine Arzt blickte mit kummervollem Ausdruck auf den Ahnungslosen. „Sie täuschen sich vollständig über Ihren Zustand, Herr College. Sie sind schwer krank, trotz dieses Aufflackerns Ihrer Lebenskraft. Sie lagen zwei Tage lang im heftigsten Wundfieber.“

„Das ist kein Grund, daß ich mich nicht am dritten Tage, wenn das Fieber vorbei ist, ganz wohl befinden sollte. – Aufflackern der Lebenskraft? Bilden Sie sich etwa ein, daß ich in Lebensgefahr schwebe?“

„Das bilde ich mir nicht blos ein – das ist Thatsache,“ sagte Doctor Berndt etwas pikirt. „Ich fürchte im vollen Ernste –“

„Fürchten Sie gar nichts!“ unterbrach ihn Max. „Ich habe noch nicht die mindeste Lust, nach dem Jenseits abzureisen. Jetzt aber haben Sie die Güte, mir zu sagen, wie ich eigentlich behandelt worden bin!“

Die so unzweideutig kund gegebene Lebenslust seines Patienten, dem er das Leben mit solcher Entschiedenheit abgesprochen hatte, schien den Doctor völlig aus der Fassung gebracht zu haben. Er schwieg und sah ganz verdutzt aus; erst als die Frage mit hörbarer Ungeduld wiederholt wurde, ließ er sich zu der gewünschten Auseinandersetzung herbei und zählte mit großem Selbstgefühl sämmtliche Maßregeln auf, die er ergriffen hatte, um den Kranken dem Tode zu entreißen.

Max hörte mit geringschätziger Miene zu. „Verehrtester Herr College, da hätten Sie etwas Besseres thun können,“ sagte er in seiner rücksichtslosen Weise. „Ich bin gar nicht für solche Gewaltmittel; ich pflege sie niemals bei leichten Fällen anzuwenden und lasse dort hauptsächlich die Natur walten, um sie dann nach Kräften zu unterstützen.“

„Es war aber kein leichter Fall,“ rief der kleine Arzt, der trotz seiner Sanftmuth jetzt gereizt zu werden begann. „Ich sage Ihnen, Ihr Zustand war äußerst gefährlich; er ist es noch, und Sie werden das bald genug erfahren, wenn die augenblickliche Erregung vorüber ist.“

„Und ich sage Ihnen, daß ich mich ganz wohl befinde,“ rief Max noch lauter, „und daß von Lebensgefahr überhaupt gar nicht die Rede ist. Ich bin ein entschiedener Gegner dieser Behandlungsart; ich halte sie für nutzlos, ja für schädlich. Sie können Gott danken, daß meine kräftige Natur diese Experimente ausgehalten hat, sonst hätten Sie den Tod eines Collegen auf dem Gewissen.“

Doctor Berndt wurde purpurroth vor Entrüstung. „Es ist die Behandlungsart des Herrn Medicinalraths, die ich anwende. Der Herr Medicinalrath ist eine Autorität allerersten Ranges; er nimmt die bedeutendste Stellung an der hiesigen Universität ein und hat die großartigsten Erfolge.“ Dabei erhob der kleine Arzt seine sanfte Stimme so laut und schrill, wie er nur konnte, aber es war vergebens, denn Max mit seiner kräftigen Lunge überschrie ihn.

„Der Herr Medicinalrath geht mich gar nichts an. Wir haben an unserer Universität in Z. noch viel bedeutendere Autoritäten und viel großartigere Erfolge. Aber wir stecken nicht mehr in der Tradition, wie die Herren hier in dem patriarchalischen R. –“

Die beiden Mediciner geriethen in einen Berufsstreit, der so heftig wurde, daß Frau Christine erschrocken aus dem Nebenzimmer herbeistürzte, aber sie blieb starr vor Verwunderung auf der Schwelle stehen bei dem Anblicke, der sich ihr darbot. Doctor Brunnow, der von Rechtswegen auf dem Sterbebette liegen sollte, saß aufrecht im Bette und überschüttete in höchst energischer Ausdrucksweise seinen Collegen mit einer wahren Fluth von medicinischen Behauptungen, Gründen und Beweisführungen. Der Herr College aber, der vor kaum zehn Minuten förmlich in das Zimmer geschwebt war, um den Todtkranken nicht zu stören, stand in höchster Aufgeregtheit vor demselben und focht mit beiden Armen in der Luft herum, während er vergebens versuchte, zu Worte zu kommen. Als ihm dies durchaus nicht gelingen wollte, ergriff er endlich seinen Hut und rief wüthend:

„Wenn Sie denn doch Alles besser wissen, Herr College, so behandeln Sie sich gefälligst selbst! Ich soll dem Gouverneur Nachricht von Ihrem Befinden bringen; ich werde Seiner Excellenz aber sagen, daß mir solch ein Patient noch nicht vorgekommen ist, der gestern noch für todt daliegt und heute mir und der ganzen hiesigen Facultät die größten Grobheiten an den Kopf wirft. Sie haben ganz Recht, eine Natur wie die Ihrige existirt nicht zum zweiten Male. Sie machen ja jede Diagnose zu Schanden – ich empfehle mich Ihnen!“

Damit verließ er das Zimmer. Frau Christine, die nicht ein Wort von der ganzen Sache begriff, sah ihm verwundert nach und näherte sich dann dem Kranken.

„Aber was ist denn vorgefallen? Der Herr Doctor läuft in voller Wuth fort und Sie –?“

„Lassen Sie ihn nur laufen!“ sagte Max, sich ruhig zurücklehnend. „Dieser Mensch und College will durchaus einen Todescandidaten aus mir machen und hätte mich beinahe umgebracht mit seinen unsinnigen Anordnungen. Jetzt werde ich meine Behandlung in die Hand nehmen und gleich damit den Anfang machen. – Beste Frau Christine, ich bitte Sie dringend und freundschaftlichst, bringen Sie mir irgend etwas zu essen!“ –

Es mochte eine Stunde später sein, als Agnes Moser nach einer kurzen und nur allzu nothwendigen Ruhe sich anschickte, ihren Platz am Krankenbette, von dem sie während der letzten Tage kaum gewichen war, wieder einzunehmen. Doctor Brunnow war inzwischen seiner ersten eigenen Verordnung mit einer Pünktlichkeit nachgekommen, die nichts zu wünschen übrig ließ, zur großen Freude der Frau Christine, welche fand, daß der Doctor sich ganz ausgezeichnet behandle. Sie redete ihm indeß vergebens zu, jetzt wieder zu schlafen; Max behauptete, daß dies gar nicht nöthig sei, und unterhielt sich ausschließlich damit, die Thür anzusehen, durch welche Agnes eintreten mußte. Er gab dabei sehr unzweideutige Zeichen von Ungeduld, und als er sich beikommen ließ, in einer Viertelstunde drei Mal zu fragen, wo denn seine Pflegerin eigentlich bleibe, wurde auch Christine ungeduldig. Sie faßte den Patienten scharf in’s Auge und fragte ohne alle Umschweife:

„Herr Doctor, was ist das eigentlich mit Ihnen und Fräulein Agnes? Die Sache ist nicht richtig – das habe ich längst gemerkt.“

Max zog es vor, gar keine Antwort zu geben, aber das half ihm wenig; die Sprechende fuhr in ihrer derben Weise fort:

„Geben Sie sich nur keine Mühe, mir etwas weiß zu machen! Ich bin nicht umsonst hier im Krankenzimmer ab- und zugegangen und habe es mit angesehen, wie das arme Kind sich fast zu Tode ängstigte, und wie Sie sich benahmen, sobald Agnes nur in Ihre Nähe kam. Ich weiß Bescheid, ganz genau Bescheid – das versichere ich Ihnen.“

„Frau Christine, Sie sind eine äußerst kluge Frau,“ sagte der junge Arzt. „Sie erzählen mir da Dinge, von denen ich selbst bis vor drei Tagen noch nicht das Geringste wußte und Fräulein Agnes ebenso wenig. Aber Sie haben leider Recht; die Nemesis hat mich ereilt – ich bin hoffnungslos verliebt.“

Christine nickte. „Das habe ich längst gewußt. Aber was denn nun? Ich habe bisher noch nicht viel über die Sache nachgedacht, da Doctor Berndt Ihnen so entschieden das Leben abgesprochen hatte. Dann wäre ja doch Alles zu Ende gewesen. Da aber, wie es jetzt scheint, vom Sterben vorläufig noch keine Rede ist –“

„Gar keine Rede!“ schaltete der Patient ein.

[390] „So möchte ich Sie doch fragen, was denn nun eigentlich aus Ihnen und dem Fräulein werden soll?“

„Ein Ehepaar!“ versetzte Max lakonisch. „Was denn sonst?“

Wider Erwarten entsetzte sich Frau Christine gar nicht über diese Antwort. Sie war, wie der Hofrath ihr oft genug vorwarf, ein Freigeist. Obgleich selbst Katholikin, war sie doch die Wittwe eines Protestanten und hatte im Laufe ihrer Ehe verschiedene ketzerische Grundsätze eingesogen, wozu unter Anderem auch eine entschiedene Abneigung gegen das Klosterleben gehörte. Sie hatte jenen Entschluß des jungen Mädchens nie mit günstigen Augen betrachtet und zog es unbedingt vor, ihr Fräulein im Myrthenkranze statt im Nonnenschleier zu sehen. Das Vorhaben des Doctor Brunnow, der ihr vom Anfang an gefallen hatte, erfreute sich also durchaus ihres Beifalls, dennoch schüttelte sie bedenklich den Kopf.

„Aber das geht nun und nimmermehr. Vergessen Sie denn ganz, daß Fräulein Agnes in’s Kloster gehen will?“

„Daraus wird nichts,“ entschied Max. „Sie ist noch nicht drinnen, und ich werde schon dafür sorgen, daß sie nicht hinein kommt. Vor allen Dingen sagen Sie dem Fräulein noch nicht, daß ich mich besser befinde, und verschweigen Sie ihr auch den Streit mit meinem Herrn Collegen und den vortrefflichen Appetit, den ich vorhin entwickelt habe! Ich werde ihr das selbst erzählen.“

Christine stutzte ein wenig bei dieser Weisung.

„Herr Doctor, Sie werden doch nicht so gewissenlos sein, und denn armen Kinde eine Komödie vorspielen?“ fragte sie.

„Ich bin in solchen Dingen schrecklich gewissenlos,“ erklärte der Herr Doctor mit Seelenruhe. „Uebrigens verlange ich Ihr Schweigen nur so lange, bis ich Fräulein Agnes selbst gesprochen habe, dann wird sich das Weitere schon finden.“

Das geforderte Versprechen konnte nicht mehr gegeben werden, denn Agnes trat in diesem Augenblicke ein. Sie sah in der That sehr blaß aus, und der trübe fragende Blick, den sie auf Christine richtete, verrieth ihre ganze Hoffnungslosigkeit. Mit leisem Schritt trat sie an das Bett des Kranken, beugte sich über ihn und fragte mit bebender Stimme, wie er sich befinde.

Herr Doctor Brunnow hütete sich wohlweislich, die frischen Lebensgeister zu zeigen, die sich vorhin bei dem medicinischen Streite in ebenso überraschender, wie erfreulicher Weise geregt hatten. Er fand für gut, statt aller Antwort dem jungen Mädchen nur mit einer matten Bewegung die Hand entgegen zu strecken. Max wußte sehr genau, welchen mächtigen Bundesgenossen er in der vermeintlichen Todesgefahr hatte, und da er seinem eigenen Geständnisse nach „schrecklich gewissenlos“ war, so besann er sich keinen Augenblick, die Situation praktisch auszunützen.

Frau Christine fand allerdings, daß der Doctor ein ganz abscheulicher Mensch sei, aber sie war viel zu sehr mit dem Endzwecke dieser Abscheulichkeit einverstanden, um sich dagegen aufzulehnen. Sie berichtete daher nur, daß der Arzt dagewesen sei, aber keine neuen Verordnungen getroffen habe, und ergriff dann die erste Gelegenheit, das junge Paar allein zu lassen.

Agnes hatte ihr Amt am Krankenbette wieder angetreten.

„Nehmen Sie die Arznei!“ bat sie. „Doctor Berndt hat mir die größte Pünktlichkeit darin anempfohlen; er hat erst gestern diese neue Verordnung getroffen.“

„Doctor Berndt giebt mich ja doch so wie so auf,“ entgegnete Max. „Also ist es ganz unnöthig, daß ich seine Arznei nehme.“

„Nein, nein, gewiß nicht!“ beschwichtigte Agnes, deren angstvolle Züge freilich ihre Worte Lügen straften. „Er sprach nur von einer Gefahr, die möglicher Weise eintreten könnte –“

„Ich habe ihn heute Morgen selbst gesprochen,“ unterbrach sie der junge Arzt, „und aus seinem eigenen Munde sein Urtheil gehört. Er hält meine Wunde für tödtlich.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 25, S. 405–408
Fortsetzungsroman – Teil 17


[405] Agnes setzte die Arzneitasche nieder und verbarg das Gesicht in den Händen; man hörte ein halbersticktes Schluchzen.

„Agnes – würde es Ihnen wehe thun, wenn ich stürbe?“ Die Frage kam mit einer ganz eigenthümlichen Weichheit von den Lippen des Doctor Brunnow, zu dessen Eigenschaften die Weichheit sonst durchaus nicht gehörte. Er erhielt keine Antwort, aber das Schluchzen wurde heftiger und leidenschaftlicher; jetzt ergriff er die Hände des jungen Mädchens und zog sie von dem thränenüberströmten Antlitze, während er fortfuhr:

„Ich fürchte, ich habe Ihnen bereits so viel verrathen, daß Sie sich nicht scheuen dürfen, mir einzugestehen, wem diese Thränen gelten. Freilich weiß ich erst seit den letzten drei Tagen unter Ihrer Pflege, wie es eigentlich um mich steht, oder darf ich sagen – um uns Beide?“

Das junge Mädchen war an dem Bette auf die Kniee gesunken und drückte das Gesicht in die Kissen. Statt zu antworten, weinte sie nur immer trostloser und verzweiflungsvoller, aber sie ließ es ruhig geschehen, daß der Kranke den Arm um sie legte und sie leise an sich zog. Und jetzt geschah das Unerhörte – Max Brunnow erging sich, mit schnödester Verleugnung seines Programms und seiner sämmtlichen Paragraphen, in einer Liebeserklärung, die von Wärme und Innigkeit überströmte und nur den einen Fehler hatte, daß sie in dieser Form und Lebendigkeit unmöglich aus dem Munde eines Todtkranken kommen konnte.

Die arme Agnes freilich war viel zu erregt, um darüber auch nur nachzudenken, und überdies hatte Doctor Berndt ihr die Hoffnungslosigkeit des Falles so nachdrücklich eingeprägt, daß sie gar nicht mehr wagte, dem Gedanken an Hoffnung Raum zu geben. Sie hielt die Lebhaftigkeit des Patienten für fieberhafte Aufregung und glaubte gleichfalls nur ein letztes Aufflackern der Lebenskraft vor dem Erlöschen zu sehen.

„Ich werde Sie nie vergessen,“ schluchzte sie. „Was ich Ihnen im Leben nie eingestehen durfte, das darf ich jetzt im Angesichte des Todes bekennen, eine ewige, unaussprechliche Liebe über das Grab hinaus. Es ist ja keine Sünde, an einen Abgeschiedenen zu denken und mit den Gebeten auch die Grüße in das Jenseits hinüberzusenden – und das werde ich Tag für Tag thun, wenn die stillen Klostermauern mich umfangen.“

So innig und rührend dieses Geständniß auch klang, so wenig zufrieden war Max damit. Es lag durchaus nicht in seinen Wünschen, blos als abgeschiedener Geist geliebt zu werden, und die Grüße und Beziehungen in das Jenseits hinüber waren nun vollends nicht nach seinem Geschmacke.

„Das wäre für den Fall meines Todes,“ sagte er. „Wie nun aber, wenn ich am Leben bliebe?“

Agnes hob die dunklen thränenvollen Augen mit dem Ausdrucke der höchsten Betroffenheit zu ihm empor. Sie hatte offenbar an diese Möglichkeit noch gar nicht gedacht.

„Ich glaube, das wäre Ihnen gar nicht einmal recht,“ rief Max ärgerlich.

„Mir? – o mein Gott!“ brach das junge Mädchen aus. „Ich würde ja gern mein eigenes Leben hingeben, um das Ihrige zu retten, wenn es möglich wäre.“

„Das Leben hinzugeben ist gar nicht nöthig,“ erklärte Max, dem jetzt doch das Gewissen schlug, als er den Schmerz des armen Mädchens gewahrte. „Sie sollen nur eine thörichte, unsinnige Idee aufgeben, die uns Beide unglücklich machen wird, wenn Sie darauf beharren. Agnes, Sie täuschen sich, wenn Sie meinen Zustand für hoffnungslos halten. Er ist kaum jemals gefährlich gewesen, und seit heute Morgen ist nun vollends jedes Bedenken geschwunden. Wenn ich Sie noch eine Viertelstunde lang in Ihrem Irrthume ließ, so geschah es, weil ich um jeden Preis das Geständniß Ihrer Gegenliebe haben wollte. Der Genesende hätte es nie erhalten – das wußte ich. Er hat es aber nun einmal gehört und hält Sie fest bei Ihrem Worte. Es nützt Ihnen gar nichts, wenn Sie jetzt zurücknehmen und widerrufen wollen. Sagen Sie mir zehnmal Nein, es hilft Ihnen nichts – Sie werden doch meine Frau.“

Agnes fuhr erschrocken auf. „Niemals! Davon kann nie die Rede sein. Ich gehöre ja dem Kloster an; ich werde in Kurzem dahin zurückkehren.“

„Das werde ich mir verbitten,“ fiel der junge Arzt ein. „Das Kloster hat gar nichts dareinzureden. Noch sind Sie zum Glücke vollkommen frei. Sie haben noch kein Gelübde abgelegt.“

„Ich habe es mir selbst abgelegt. Ich habe es der Aebtissin und meinem Beichtvater versprochen, und dieses Versprechen bindet mich so fest, wie nur irgend ein Schwur am Altare.“

„Ich bin ganz damit einverstanden, daß ein Schwur am Altare geleistet wird,“ versetzte Max, „aber ich muß dabeisein und ich schwöre mit, wie das bei Trauungen üblich ist. Wenn die Frau Aebtissin und der Herr Beichtvater dazwischen kommen wollen, so haben sie es mit mir zu thun. Ich werde schon

[406] mit ihnen fertig werden; ich fahre zwischen die ganze geistliche Gesellschaft, daß –“

„Um Gottes willen werden Sie nicht so heftig!“ bat das junge Mädchen mit einer wahren Herzensangst. „Die Aufregung kann Ihnen ja gefährlich, tödtlich werden. Werden Sie ruhiger! Ich beschwöre Sie.“

„Erst müssen wir im Klaren mit einander sein,“ erklärte Doctor Brunnow in seiner alten dictatorischen Weise, und nun drang er auf Agnes mit ebenso viel Behauptungen und Gründen ein, wie vorhin auf seinen Collegen, und bewies ihr so sonnenklar, sie sei seine Braut und müsse unter allen Umständen seine Frau werden, daß das arme Mädchen, ganz verwirrt und betäubt, schließlich anfing zu glauben, er habe Recht, und die Sache verhalte sich wirklich so. Es hätte auch einer energischeren Natur bedurft, um hier Widerstand zu leisten, wo der vermeintlich Sterbende, von dem man eben erst Abschied für das Leben genommen und mit dem man höchstens noch Beziehungen im Jenseits unterhalten wollte, urplötzlich mit einem höchst irdischen Heirathsantrage herausrückte und einen wahren Sturmlauf auf das Jawort unternahm, das man ihm versagen wollte. Agnes weinte zwar noch immer; sie blieb bei ihrem Nein und bei der Erklärung, daß sie in’s Kloster gehen wolle, als Max sich aber nicht im Mindesten daran kehrte, sondern sie in seine Arme zog und küßte, ließ sie sich das ganz geduldig gefallen, und Max selbst schien überhaupt gar keinen Zweifel mehr an seinem Siege zu hegen, denn er sagte halblaut mit einem tiefen Athemzuge: „Das wäre glücklich durchgesetzt. Gesegnet sei die Dummheit meines Herrn Collegen!“




Doctor Brunnow sollte leider bald genug die Erfahrung machen, daß diese gepriesene Eigenschaft des Herrn Collegen auch zu ernsteren Verwickelungen führen konnte. Der Tag verging vollkommen ruhig, und der Patient befand sich trotz aller vorhergegangenen Aufregung so vortrefflich, daß auch Agnes anfing, an die noch immer bezweifelte Thatsache seiner Rettung zu glauben.

Es war gegen Abend und draußen dunkelte es bereits, als das junge Mädchen mit einer Lampe, deren Licht sorgfältig gedämpft war, in das Zimmer trat und Max benachrichtigte, es sei soeben ein älterer Herr, ein gewisser Doctor Franz erschienen, der sich angelegentlich nach seinem Befinden erkundige und ihn zu sehen verlange. Er komme im Auftrage eines Collegen und wolle sich unter allen Umständen persönlich von dem Zustande des Doctor Brunnow überzeugen, dem er hier einige Worte sende. Max nahm die übersandte Karte, die nur wenige, mit Bleistift geschriebene Worte enthielt, und sagte gleichgültig:

„Doctor Franz? Ich glaube, mein verehrter College kann den unerhörten Fall von heute Morgen nach immer nicht begreifen und läßt ein förmliches Protokoll darüber aufnehmen. Ich werde den Herrn“ – er hielt plötzlich inne. In dem Moment, wo sein Auge auf die Handschrift fiel, zuckte er zusammen und der Ausdruck eines tödtlichen Schreckens prägte sich in seinen Zügen aus, während er die Karte krampfhaft in der Hand zusammendrückte. Agnes, die soeben den Schirm von der Lampe gehoben hatte, um das Lesen zu ermöglichen, und ihn jetzt wieder senkte, wurde aufmerksam.

„Was ist denn?“ fragte sie unbefangen. „Kennst Du diesen Doctor Franz?“ Man war nämlich trotz aller Klosterideen doch im Laufe des Tages glücklich bei dem Du angelangt.

„Ja! Ich kenne ihn von früher her,“ erklärte Max, sich gewaltsam fassend, aber es gelang ihm nicht, seiner Stimme die gewohnte Festigkeit zu geben. „Ich will ihn jedenfalls sprechen, augenblicklich, aber – noch eine Bitte, Agnes! Laß uns allein, so lange er bei mir ist, und sorge dafür, daß wir nicht gestört werden!“

Agnes sah etwas betreten aus. Max hatte sie während des ganzen Tages kaum eine Minute von seiner Seite lassen wollen und jetzt sandte er sie fort. Zum Glück war das Licht im Zimmer zu gedämpft, als daß sie die mühsam verhaltene Aufregung des jungen Mannes hätte wahrnehmen können; sie beruhigte sich daher bei dem Gedanken, daß es sich hier jedenfalls um eine ärztliche Besprechung handele, und ging hinaus, um dem Ankömmlinge mitzutheilen, daß er erwartet werde.

Gleich darauf trat der Fremde ein, eine hagere, etwas gebeugte Gestalt mit grauem Haare. Er schloß rasch die Thür hinter sich und eilte dann mit einer fast stürmischen Bewegung auf den Kranken zu, der sich aufgerichtet hatte und ihm beide Hände entgegenstreckte.

„Papa! Um Gotteswillen, wo kommst Du her? Wie konntest Du ein solches Wagniß unternehmen!“

Doctor Rudolph Brunnow legte statt aller Antwort den Arm um die Schulter seines Sohnes und musterte mit angstvollem Forschen dessen Züge.

„Es geht Dir wieder besser? Ich hörte es schon draußen – Gott sei Dank!“

„Aber woher weißt Du denn von meiner Verwundung?“ fiel Max ein. „Du solltest ja überhaupt nichts davon erfahren, bis Alles glücklich vorüber war. Ich wollte Dich nicht nutzlos ängstigen.“

„Ich erhielt gestern ein Telegramm Deines Arztes. Er theilte mir mit, Du seiest schwer verwundet, Dein Zustand höchst bedenklich; ich müsse mich auf das Schlimmste gefaßt machen – eine Stunde darauf war ich unterwegs und bin mit dem nächsten Courierzuge hierher geeilt.“

„Dieser verwünschte College!“ fuhr Max wüthend auf. „Ist es nicht genug, daß er mich und meine ganze Umgebung mit diesem Unsinn gequält hat, muß er auch Dich noch damit hierherjagen? Hätte ich nur heute Morgen eine Ahnung davon gehabt, ich hätte ihn noch ganz anders in’s Gebet genommen.“

Doctor Brunnow sah seinen Sohn mit sprachlosem Erstaunen an, dann aber athmete er tief und freudig auf.

„Nun, wenn Du noch so losbrechen kannst, dann wird es hoffentlich nicht allzu schlimm stehen. Ich fürchtete, Dich ganz anders zu finden. Ist denn die Gefahr so schnell beseitigt worden?“

„Es ist ja gar keine Gefahr dagewesen. Ein etwas heftiges Wundfieber, einige Schwäche in Folge des Blutverlustes – das war das Ganze. Jetzt aber sage mir, Papa –“

„Später! Erst will ich Deine Wunde untersuchen,“ unterbrach ihn der Vater, noch immer in sichtbarer Aufregung. „Ich bin nicht eher ruhig, bis ich mich selbst überzeugt habe.“

Er löste den Verband und begann die Wunde zu besichtigen. Während der Untersuchung hellte sich seine Stirn immer mehr auf, und endlich schüttelte er leise den Kopf.

„Du hast Recht. Die Wunde ist ziemlich tief und mag im Anfange einige bedenkliche Erscheinungen gezeigt haben; lebensgefährlich ist sie nicht. Ich begreife Deinen Arzt nicht.“

„Gnade Gott den Patienten, die dem in die Hände fallen!“ sagte Max nachdrücklich. „Aber ich begreife nicht, wie Du Dich trotz dieses unglückseligen Telegramms zum Kommen entschließen konntest. Du weißt ja doch, daß Du hier geächtet bist, daß die damalige Verurtheilung noch in voller Kraft besteht. Sobald man Dich erkennt, wirst Du verhaftet und wieder auf die Festung gebracht.“

„So beruhige Dich doch nur!“ beschwichtigte Brunnow. „Es ist durchaus keine Entdeckung zu fürchten; ich habe die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ich bin als Doctor Franz in einem Gasthofe der Vorstadt abgestiegen und bin überdies ganz fremd hier in der Stadt. Es kennt mich Niemand persönlich, ausgenommen –“ sein Antlitz verfinsterte sich, „ausgenommen der Gouverneur, und mit dem werde ich schwerlich zusammentreffen. Wir haben alle Ursache uns zu meiden.“

„Gleichviel! Mit jeder Stunde, die Du hier zubringst, setzest Du Deine Freiheit, Deine ganze Existenz auf das Spiel. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, als Du diese Reise wagtest?“

„Nein!“ entgegnete Brunnow, dessen Stimme in tiefer, innerer Bewegung bebte. „Ich hörte, daß mein einziger Sohn dem Tode nahe sei, und sagte mir als Arzt, daß ich vielleicht noch eine Möglichkeit finden würde, ihn zu retten – da hatte ich keine Zeit an meine eigene Sicherheit zu denken.“

Max schloß die Hand des Vaters fest in die seinige, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er antwortete:

„Ich glaubte nicht, daß ich Dir so viel gelte. Verzeih, Papa! Aber ich zweifelte bisweilen an Deiner Liebe zu mir und habe es nicht um Dich verdient, daß Du Dich so aufopferst. Ich habe Dir Sorge und Aerger genug gemacht mit meinem Starrkopfe, der sich der väterlichen Autorität längst nicht mehr beugen wollte.“

Der Vater machte eine abwehrende Bewegung. „Laß das ruhen, Max! Wir wollen vergessen, was bisher zwischen uns lag. [407] Mir haben diese letzten vierundzwanzig Stunden mit ihrer Todesangst gezeigt, was es heißt, das Einzige zu verlieren, was mir von allen Lebenshoffnungen und Lebensfreuden noch übrig geblieben ist. Klage Dich nicht an! Auch ich bin oft ungerecht gegen Dich gewesen und habe es nie begreifen wollen, daß Deine Natur so ganz anders geartet ist, als die meinige. Ich denke aber, diese Stunde hat Dir trotz alledem gezeigt, was Du Deinem Vater bist. – Werde mir nur gesund, dann ist ja Alles gut.“

Er beugte sich nieder und drückte seine Lippen auf die Stirn des Sohnes, eine Zärtlichkeit, die seit langer, sehr langer Zeit nicht mehr zwischen ihnen üblich war. Max hatte seit seinen Knabenjahren kaum jemals eine Liebkosung des Vaters empfangen, und er erwiderte sie jetzt mit der wärmsten Herzlichkeit.

„Du sollst in Zukunft nicht mehr über den Starrkopf, den Realisten zu klagen haben,“ sagte er leise. „Ich vergesse es nie, Papa, was Du um meinetwillen gewagt hast. Jetzt aber versprich mir, auf der Stelle wieder abzureisen. Du hast Dich ja nun überzeugt, daß für mich keine Gefahr vorhanden ist, aber über Deinem Haupte schwebt sie fortwährend, so lange Du diesseits der Grenze bist. Ich bitte Dich nochmals, kehre zurück, sobald wie möglich!“

„Ich reise morgen, erklärte Brunnow, aber ich komme jedenfalls in der Frühe noch einmal, um Dich zu sehen. Keine Einwendungen, Max! Quäle Dich doch nicht mit nutzlosen Sorgen! Ich sage Dir ja, daß keine Entdeckung zu fürchten ist. Für jetzt freilich werde ich Dich verlassen. Du bedarfst dringend der Ruhe und hast Dich schon mehr aufgeregt, als für Deinen Zustand gut ist.“

„Pah, mir schadet das nichts; ich habe eine ausgezeichnete Natur,“ versetzte Max. Er dachte daran, daß er heute schon ohne allen Schaden eine erbitterte medicinische Fehde und eine Verlobung durchgemacht hatte, zog es aber vor, dem Vater für jetzt noch nicht von seinen Herzensangelegenheiten zu sprechen, und fuhr daher fort: „Du warst wohl nicht wenig überrascht, mich hier im Regierungsgebäude aufsuchen zu müssen?“

„Allerdings, und der Name des Hofrath Moser, der, wie ich höre, ein Beamter der Regierungskanzlei ist, war mir völlig unbekannt. Vermuthlich hast Du während Deines hiesigen Aufenthaltes die Bekanntschaft dieses Herrn gemacht und bist mit ihm befreundet?“

„Befreundet sind wir gerade nicht allzusehr,“ meinte der junge Mann in etwas trockenem Tone. „Dieser Hofrath ist ein wahres Prachtexemplar von Loyalität, das Ideal eines Bureaukraten. Er bekommt schon Nervenzufälle, wenn er nur das Wort ‚Revolution‘ hört, und wies mir gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft die Thür, weil ich einen staatsgefährlichen Namen trage.“

„Um so mehr ist es anzuerkennen, daß er Dich trotzdem in seinem Hause aufnahm. Wir sind ihm Beide tief verpflichtet. Leider kann ich ihm nicht persönlich danken –“

„Um des Himmels willen nicht! Er wittert alles Revolutionäre aus zehn Schritt Entfernung, und obgleich er Dich nicht kennt, würde sein Loyalitätsinstinct ihm untrüglich verrathen, daß ein Hochverräther in seiner Nähe ist.“

„Max, sprich nicht in solchem Tone von dem Manne, der Dir Aufnahme und Pflege gewährte!“ sagte Brunnow verweisend. „Du bist und bleibst der Alte. Bei alledem hast Du eine wahre Riesennatur, die wohl auch einen Erfahreneren als Deinen bisherigen Arzt in Erstaunen setzen kann. Wenn Deine Wunde auch nicht gerade das Leben bedroht, so ist sie doch immerhin ernst genug, um jedem andere Patienten die Lust am Sprechen vollständig zu vertreiben, und Du ergehst Dich in Malicen gegen Deinen Gastfreund.“

Max dachte bei sich selber, daß er die Aufnahme wohl anderen Einflüssen verdankte, als dem Willen des Hofraths, sprach das aber nicht aus, sondern trieb mit einer leicht begreiflichen Unruhe den Vater zum Gehen und zur größten Vorsicht. Doctor Brunnow, der selbst einsah, daß sein längeres Bleiben auffallen müsse, gab dem Wunsche nach. Er nahm eine kurzen herzlichen Abschied von seinem Sohne und ging dann.

Er war soeben im Begriff die Moser’sche Wohnung zu verlassen, als ihm draußen im Entréezimmer der Hofrath selbst entgegentrat. Er näherte sich ruhig dem Fremden und sagte dann in fragendem Tone:

„Herr Doctor Franz?“

Brunnow machte eine bejahende Bewegung. „Das ist mein Name – und ich habe wohl das Vergnügen, den Herr Hofrath Moser zu sehen?“

„Allerdings,“ versetzte dieser mit einer steifen Neigung des Hauptes. „Meine Tochter sagt mir, Sie seien Arzt und kämen im Auftrage des Doctor Berndt, und da möchte ich von Ihnen hören, ob es wahr ist, was die Frauen behaupten. Der Zustand des Patienten soll sich im Laufe des Tages bedeutend gebessert haben und Hoffnung auf Genesung geben. Nach den heutigen Auslassungen Ihres Herrn Collegen scheint mir das ganz unmöglich zu sein.“

„Die Gefahr ist in der That vorüber,“ sagte der Gefragte. „Ich zweifle durchaus nicht mehr an der Rettung des Doctor Brunnow. Er verdankt sie freilich zum großen Theil der schnellen und aufopfernden Hülfe, die ihm in Ihrem Hause zu Theil wurde. Sie hatten in den letzten Tagen manches Schwere deswegen durchzumachen.“

„Ja wohl, sehr viel Schweres!“ seufzte der Hofrath, der nicht recht wußte, ob er sich freuen oder ärgern sollte, daß der gefürchtete Todesfall von seinem Hause abgewendet war. Es war am Ende ebenso schlimm, wenn in den Zeitungen zu lesen stand: „Der Sohn des aus der Revolutionszeit her bekannten Doctor Brunnow ist in dem Hause des Hofraths Moser von seiner schweren Verwundung glücklich genesen.“ Brunnow dagegen blickte voll Theilnahme auf den alten Herrn, der so sichtbar gedrückt und bekümmert schien. Der Doctor wußte nichts von Agnes eigenmächtigem Eingreifen; er sprach das ganze Verdienst an der Pflege seines Sohnes dem Hofrath selbst zu, und nach den Andeutungen, die Max ihm über dessen Charakter gegeben, sah er in diesem einen Mann, der mit hochherziger Verleugnung seiner persönliche Ansichten und Sympathien einen politischen Gegner bei sich aufgenommen.

„Doctor Brunnow,“ sagte er mit der überströmenden Dankbarkeit des Vaterherzens, „wird hoffentlich bald im Stande sein, Ihnen selbst seinen Dank auszusprechen, aber auch ich, der ich ihm von früher her befreundet bin, möchte dies in seinem Namen thun. Ich – wir danken Ihnen, Herr Hofrath, von ganzem Herzen danken wir Ihnen für das, was Sie gethan haben.“

„Es war Christenpflicht,“ erklärte der Hofrath, sehr angenehm berührt von diesen Worten, die so deutlich die tiefste Empfindung verriethen. „Es wäre unter allen Umständen geschehen, aber man freut sich dennoch, wenn es von den Betreffenden in solchem Maße anerkannt wird.“

„Glauben Sie mir, wir erkennen es im vollsten Maße an!“ versicherte Brunnow mit Lebhaftigkeit. „Wir wissen es, was ein Mann in Ihre Stellung und von Ihren Grundsätze dabei zu überwinden hatte. Es war eine That der edelsten Selbstverleugnung.“ Damit streckte er, von seine Empfindung fortgerissen, dem alten Herrn die Hand entgegen.

Der arme Hofrath! Sein von Max so gerühmter Loyalitätsinstinct ließ ihn in diesem Augenblicke völlig im Stich. Keine innere Stimme warnte ihn, als er die Hand des Hochverräthers ergriff und freundschaftlich drückte. Es that ihm so wohl, endlich einen Menschen zu finden, der seine unglaubliche Aufopferung in dieser fatalen Angelegenheit nach Gebühr zu würdigen wußte, denn Agnes und Frau Christine thaten ja, als verstände sich die Sache von selbst. Dieser Fremde allein hatte das richtige Verständniß und gewann dadurch auf der Stelle das höchste Wohlwollen des Hofraths.

„Wollen Sie nicht auf einige Minuten in das Wohnzimmer treten?“ fragte er. „Ich würde mich freuen –“

„Ich danke,“ lehnte Brunnow ab, der sich jetzt erst erinnerte, daß er keine allzu große Dankbarkeit und Theilnahme zeigen durfte. „Ich kann unmöglich länger verweilen; mich ruft noch eine ärztliche Pflicht. Ich komme aber morgen früh noch einmal, den Patienten zu sehen, wenn Sie es gestatten.“

„Mit dem größten Vergnügen!“ rief der Hofrath. „Ich werde erfreut sein, Sie wiederzusehen – bitte, geben Sie Acht! Der Gang draußen ist nur unvollkommen erleuchtet.“

Er hatte dem Gaste selbst die Thür geöffnet, dieser aber blieb unschlüssig stehen.

Muß ich die Treppe zur Rechten oder die zur Linken [408] nehmen, um hinauszugelangen?“ fragte er. „Ich kam in einiger Eile und habe nicht auf den Weg geachtet.“

„Ich werde Sie begleiten,“ sagte Moser artig. „Man verirrt sich nur allzu leicht in diesen weitläufigen Gängen und Corridoren, wenn man sie nicht genau kennt. Ich zeige Ihnen den Hauptausgang.“

Doctor Brunnow, der in der That den Weg nicht mehr zu finden wußte und dem es durchaus nicht wünschenswerth war, sich in den Gängen und Höfen zu verirren, nahm das Anerbieten an, und sie schritten zusammen durch den Corridor. Dieser verband den Seitenflügel, in welchem die Moser’sche Wohnung lag, mit dem Hauptgebäude und führte direct in das Vestibül des Schlosses. Dort lagen die Eingänge zu der Kanzlei und den übrigen Bureaux, und dort mündete auch die große Haupttreppe, welche zu der Wohnung des Gouverneurs führte. Die beiden Herren traten soeben aus dem halb dunklen Corridor in das hell erleuchtete Vestibül, als Brunnow auf einmal zusammen zuckte und eine jäh zurückweichende Bewegung machte. Es schien fast, als wolle er umkehren, aber es war zu spät – er und sein Begleiter standen bereits dicht vor dem Gouverneur.

Der Freiherr schien soeben erst angelangt zu sein, draußen am Portal hielt noch sein Wagen, und er selbst sprach mit dem Polizeidirector, der im Begriff stand, sich zu verabschieden. Raven’s Stirn war finster umwölkt; sie erhellte sich indeß flüchtig, als er den Hofrath erblickte. Sein Gespräch unterbrechend, fragte er mit offenbarer Theilnahme:

„Ist es denn wahr, Herr Hofrath, was mir Doctor Berndt berichtet? Der junge Doctor Brunnow soll gänzlich außer Gefahr sein. Nach den früheren Nachrichten hat mich das vollständig überrascht.“

„Ich bin nicht weniger davon überrascht worden als Excellenz,“ versicherte der Hofrath. „Ich wollte es anfangs nicht glauben, aber es wird mir noch von anderer Seite bestätigt, hier durch Herrn Doctor Franz, der mit dem Kranken befreundet ist und soeben von ihm kommt.“

Raven wandte sich zu dem seitwärts Stehenden, den er bisher nicht beachtet hatte und auf den jetzt das volle Licht des großen Treppencandelabers fiel. Einige Secunden lang stand der Freiherr starr, wie an den Boden gewurzelt, und sein Auge bohrte sich tiefer und tiefer in das Antlitz des Fremden. Dann flog ein ein jähes Erbleichen über seine Züge, und seine Lippen preßten sich zusammen, als müßten sie den Aufruf verschließen, der sich aus ihnen emporringen wollte.

Raven’s Fassungslosigkeit dauerte freilich kaum eine Minute; schon in der nächsten hatte er seine ganze Selbstbeherrschung wieder, und eine Bewegung des Polizeidirectors erinnerte ihn schnell genug daran, daß er beobachtet wurde. Er ließ den Hofrath ruhig ausreden und wandte sich dann an dessen Begleiter.

„Es wäre mir lieb, auch von Ihnen die Bestätigung zu hören,“ sagte er. „Ich hatte dem Patienten meinen Hausarzt gesandt, der Medicinalrath erkrankte aber schon am ersten Tage der Behandlung, und so mußte sein Assistent sie übernehmen. Der Bericht, den Doctor Berndt mir heute Morgen abstattete, war indeß so unklar, daß ich Sie um eine Ergänzung ersuchen möchte. Begreiflicher Weise nicht hier im Treppenflur; ich bitte Sie auf einige Minuten bei mir einzutreten.“

Brunnow war es weniger gewohnt, seine Empfindungen zu unterdrücken, als der Freiherr, und wenn es ihm auch gelang, Gesicht und Stimme einigermaßen zu beherrschen, den Blick beherrschte er nicht. Seine Augen hafteten glühend, mit einem Gemisch von Haß und Schmerz auf dem Redenden, als er entgegnete:

„Interessiren Sie sich so sehr für den jungen Arzt, Excellenz?“

„Allerdings. Ich und der Herr Polizeidirector –“ Raven legte einen leisen, aber doch merklichen Nachdruck auf das Wort, während er auf den Genannten wies – „wir sind ihm beide verpflichtet. Sie kennen vermuthlich den Anlaß seiner Verwundung; er erlitt dieselbe bei Ausübung seiner ärztlichen Pflicht, als er den Untergebenen dieses Herrn zu Hülfe eilte. Sie begreifen daher wohl, daß mir eine ausführlichere Auskunft über seinen Zustand erwünscht ist.“

Brunnow verstand den Wink; er sah die klugen scharfen Augen des Polizeidirectors, der scheinbar ganz absichtslos und ruhig zuhörte, aber ihn und den Freiherrn unverwandt beobachtete, und begriff die ganze Gefahr seiner Lage. Trotzdem zögerte er noch einen Moment lang und schien mit sich selber zu kämpfen.

„Ich stehe zu Diensten,“ sagte er endlich kurz.

„So bitte ich, mich zu begleiten.“ Raven wandte sich mit einigen flüchtigen Abschiedsworten an die beiden anderen Herren und stieg dann mit dem Arzte die Treppe hinauf, die zu seiner Wohnung führte.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 26, S. 421–424
Fortsetzungsroman – Teil 18


[421] „Wer ist dieser Herr eigentlich?“ fragte der Polizeidirector, den beiden sich Entfernenden nachblickend.

„Ein sehr angenehmer Mann,“ entgegnete der Hofrath wichtig. „Ein College des Doctor Brunnow, mit dem er wohl eng befreundet sein muß, denn er nimmt großen Antheil an ihm.“

„So, ein Freund des Doctor Brunnow! Ich glaubte, der junge Arzt habe seit der Abreise des Assessor Winterfeld gar keine näheren Bekanntschaften hier am Orte. Ist dieser Herr – Doctor Franz nennt er sich ja wohl? – schon öfter bei dem Kranken gewesen?“

„Nein, er erschien heute zum ersten Male, will aber morgen wiederkommen. Ueberdies dankte er mir mit der größten Wärme für meine Aufopferung und deutete sehr zart und rücksichtsvoll auf die Verlegenheiten hin, die mir aus dem allerdings unfreiwilligen Aufenthalte dieses jungen Demagogen in meinem Hause erwachsen. Eine That der edelsten Selbstverleugnung nannte er mein Benehmen. Wirklich ein höchst angenehmer Mann, und jedenfalls auch ein tüchtiger Arzt. Ich sehe das gleich bei der ersten Begegnung; ich habe einen ganz untrüglichen Scharfblick in solchen Dingen.“

„Daran zweifle ich durchaus nicht,“ erklärte der Polizeidirector, um dessen Lippen ein halb spöttisches, halb mitleidiges Lächeln spielte. „Dieser ‚höchst angenehme Mann‘ scheint bei dem Gouverneur ein ebenso plötzliches Wohlwollen erregt zu haben, wie bei Ihnen. Es ist sonst nicht die Art des Freiherrn, den ersten Besten ohne alle Ceremonie mit sich in seine Gemächer zu nehmen. Vielleicht wünschte er den Doctor Franz auch meiner Gesellschaft zu entziehen.“

„Weshalb denn das?“ fragte der Hofrath ahnungslos. „Excellenz wünschen ja nur nähere Auskunft über den Doctor Brunnow.“

„Ganz recht, und die wird ihm wohl an vollsten Maße zu Theil werden. – Guten Abend, Herr Hofrath! Gehen Sie nicht allzu weit in der Selbstverleugnung! Man könnte Ihnen am Ende doch allzu viel davon zumuthen.“

Mit diesem Rathe entfernte sich der Polizeidirector, und der Hofrath, der ihn durchaus nicht verstand, schüttelte würdevoll das Haupt über die seltsamen Reden und kehrte mit seinem „ganz untrüglichen Scharfblicke“ in seine Wohnung zurück. – –

Der Gouverneur und sein Begleiter hatten inzwischen die Wohnung des Ersteren betreten. Raven winkte ungeduldig den herbeieilenden Dienern, sich zu entfernen, befahl kurz, ihn unter keiner Bedingung zu stören, und trat dann mit Brunnow in sein Arbeitszimmer.

Noch war kein Wort zwischen ihnen gefallen, und auch jetzt, wo sie allein waren, herrschte noch ein minutenlanges Schweigen; es war, als scheue sich Jeder, das erste Wort auszusprechen. Zum ersten Male seit mehr als zwanzig Jahren sahen die einstigem Jugendfreunde sich wieder. Damals waren sie Jünglinge gewesen, in denen noch das ganze Feuer und die ganze Begeisterung der Jugend loderte; jetzt standen sich die Männer gegenüber, von denen jeder inzwischen ein halbes Menschenalter durchlebt hatte. Der Eine, noch in vollster Lebens- und Manneskraft, mit der hohen, gebietenden Gestalt und der stolzen Haltung, die deutlich genug die Gewohnheit des Herrschens und Befehlens verrieth; das volle dunkle Haar zeigte noch keine Silberfäden, das eherne Antlitz noch keinen einzigen Zug des Alters – und dagegen der Andere! Kaum ein Jahr älter und doch schon ein Greis dem Aussehen nach. Die Gestalt gebeugt, das Haar ergraut, in dem Antlitz die tiefen Furchen, die Sorge und Leiden darin gegraben hatten. Nur in dem Auge loderte noch etwas von dem einstigen Feuer, der letzte Ueberrest einer längst entschwundenen Zeit.

„Rudolph!“ sagte der Freiherr endlich; es war ein Ton mächtiger, mühsam zurückgehaltener Bewegung, und es schien fast, als wolle der Sprechende sich dem ehemaligen Freunde nähern, aber dieser trat zurück und fragte eisig:

„Was befehlen Excellenz?“

Die Stirn Raven’s verfinsterte sich. „Was soll das zwischen uns? Willst Du mich nicht kennen? Ich erkannte Dich im ersten Moment an Deinen Augen. Sie sind noch dieselben geblieben, wenn auch sonst Vieles – Alles an Dir anders geworden ist.“

Sein Blick glitt dabei langsam über das Gesicht Brunnow’s; Dieser lächelte mit unendlicher Bitterkeit.

„Ich bin vor der Zeit alt geworden. In der Verbannung, im täglichen Kampfe mit den Sorgen und Bitterkeiten des Lebens conservirt man sich schlecht. Freiherr von Raven hat diesen Kampf besser ausgehalten. Freilich, jene Sorgen und Erbärmlichkeiten reichen nicht hinauf zu der Höhe, wo Sie stehen, Excellenz.“

„Ich bitte Dich nochmals, Rudolph, laß den Ton!“ sagte der Freiherr ernst und bestimmt. „Ich weiß, was zwischen uns liegt, und ich denke nicht daran, eine Verständigung zu suchen, die hier nicht mehr möglich ist. Wir sind Gegner geworden, aber es ist eine kleinliche Rache, wenn Du mir mit diesem hohnvollen Nachdruck einen Titel anzuhören giebst, auf den ich nicht mehr

[422] Gewicht lege, als Du es thust. Wie wir uns auch gegenüberstehen mögen, für Dich bleibe ich Arno Raven – nenne mich, wie Du nach stets genannt hast!“

Brunnow erwiderte nichts; er sah finster vor sich nieder.

„Ich ahne, was Dich herführt,“ fuhr Raven fort, „aber das mindert nicht das Tollkühne und Gefährliche dieses Schrittes. Du weißt doch am besten, was Dir droht, sobald Du die Grenze überschreitest – und Dein Sohn ist außer Gefahr.“

„Ich glaubte ihn noch gestern auf dem Todtenbette. Da konnte meine eigene Sicherheit nicht mehr in Frage kommen. Ich mußte zu ihm, um jeden Preis.“

Der Freiherr hatte keine Antwort auf diese Erklärung; er mochte sich wohl sagen, daß er in dem gleichen Falle nicht anders gehandelt haben würde.

„Du begreifst wohl, weshalb ich auf Deine Begleitung drang,“ nahm er wieder das Wort. „Unsere Begegnung ist nicht ohne Zeugen gewesen. Der Polizeidirector beobachtete uns; mir scheint, er hat bereits Argwohn geschöpft. Es galt, Dich einem aufkeimenden Verdachte zu entziehen, und davor schützt Dich eine längere Unterredung mit mir.“

„Gewiß, denn man setzt voraus, daß der Gouverneur von R. jeden Verdächtigen sofort der Polizei übergeben würde. Ich war darauf gefaßt, als Du mich erkanntest.“

„Mäßige Dich, Rudolph,“ warnte Raven in drohendem Tone, aber Jener fuhr unbeirrt fort:

„Und ich weiß in der That nicht, welcher Laune ich meine Rettung verdanke. Aber offen gestanden, Arno, ich sehnte mich danach, Dir noch einmal im Leben Auge in Auge gegenüber zu stehen, sonst hätte ich mich auf der Stelle den Häschern überliefert, ehe ich Dir gefolgt wäre.“

Raven biß sich auf die Lippen. „Du hast Dich seit unserer Trennung so offen und rückhaltlos als meinen Feind bekannt, daß ich auf ein derartiges Auftreten gefaßt sein mußte. Du wirst Dich aber noch aus unserer Jugendzeit erinnern, daß ich Beleidigungen nie ertragen habe, und ich bin im Laufe der Jahre nicht fügsamer geworden. Also mißbrauche nicht Deine augenblickliche Lage, die jede Genugthuung Deinerseits ausschließt, und laß mir wenigstens die Möglichkeit, mit Dir zu verkehren!“

Die Worte machten wenig oder gar keinen Eindruck auf den Arzt; seine Haltung wurde womöglich noch feindseliger, als er entgegnete:

„Ich sehe, Du hast den Ton des Herrschers nicht verlernt. Ich kenne ihn noch von früher her. Schon damals wich Jeder, der sich gegen Deinen Willen aufzulehnen suchte, schließlich diesem Herrschertone. Ich vollends unterwarf mich Dir willenlos, obgleich ich doch wahrlich nicht zu den sklavischen Naturen gehöre. An Dir aber hing ich mit blinder Vergötterung; Dir folgte ich, wohin Du mich führtest, denn Du konntest ja nur zum Höchsten, Besten führen – bis mir eines Tages mein angebetetes Ideal in Staub und Trümmer sank. Versuche es nicht, die alte Macht wieder geltend zu machen! Ich beugte mich Dir nur, so lange ich an Dich glaubte. Das ist längst vorbei, aber Du, bei dem stets der Ehrgeiz die Stelle des Herzens vertrat, Du ahnst nicht, was ich mit jenem Glauben verlor.“

Es folgte eine lange drückende Pause. Raven hatte sich abgewendet, endlich sagte er: „Wenn Du mich einst liebtest, so hassest Du mich dafür jetzt um so glühender.“

„Ja!“ war die kurze energische Antwort.

„Ich habe Beweise davon,“ meinte Raven. „Bis vor Kurzem fragte ich mich noch, woher einer meiner jüngsten und untergeordnetsten Beamten den Muth genommen habe, mir vor aller Welt die unerhörtesten Beleidigungen in das Gesicht zu schleudern – ich vergaß, daß er in Deiner Schule gewesen ist. Winterfeld war ja in Deinem Hause, er ist der Freund Deines Sohnes und der Deinige, und er hat sich als gelehriger Schüler gezeigt. In den Streichen, die er gegen mich führt, verräth er, welcher Meister ihn unterwies.“

„Du irrst. Georg Winterfeld zeigt nur seine eigene Kraft, allerdings eine bewundernswerthe Kraft, die auch mich in Erstaunen setzt. Ich ahnte nichts von seinem Vorhaben; er hat auch mir ein Geheimniß daraus gemacht, und seine Schrift, die er mir vorgestern zusandte, war mir eine Ueberraschung. Aber ich leugne nicht, daß jedes Wort darin mir aus den Seele geschrieben ist, mir und noch tausend Anderen. Sei auf der Hut, Arno! Das ist der Erste, der es wagt, gegen den allmächtigen Freiherrn von Raven aufzutreten, der erste Sturm, der Deine bisher unnahbare Höhe bedroht. Es werden ihm andere folgen, und sie werden so lange den Boden erschüttern auf dem Du stehst, bis er wankt und bricht und Du so tief niedersinkst, wie Du hoch emporgestiegen bist.“

„Meinst Du?“ fragte der Freiherr verächtlich. „Du solltest mich doch besser kennen. Ich kann stürzen und im Sturze mich und Andere zerschmettern – das Sinken ist meine Sache nicht, und so weit sind wir überhaupt noch nicht. Ich kenne die feindseligen Gewalten, welche jener Angriff entfesseln wird, sie haben längst auf einen solchen Anlaß gewartet, aber sie sollen nicht den Triumph genießen, mich von einem Platze weichen zu sehen, den ich so lange behauptet habe und freiwillig niemals räumen werde. Freilich, die Menschen verzeihen nicht leicht eine Laufbahn, wie ich sie mir schuf.“

„Um hohen Preis!“ sagte Brunnow kalt. „Du hast sie mit Deiner Ehre bezahlt.“

„Rudolph!“ fuhr der Freiherr mit furchtbarer Heftigkeit auf.

„Mit Deiner Ehre – ich wiederhole es. Muß ich Dich an den Tag erinnern, wo unsere Verbindungen verrathen, unsere Papiere mit Beschlag belegt, wir selber ergriffen und in das Gefängniß geschleppt wurden? Muß ich Dir sagen, wer der Verräther war, dem wir dies alles dankten und den man nur der Form wegen mit verhaftete? Ich und die Anderen wurden vor Gericht gestellt, uns traf Verurtheilung und Kerker, aus dem mich später nur eine tollkühne Flucht befreite; Dich ließ man nach kurzer Haft wieder frei, ohne auch nur eine Anklage gegen Dich zu erheben. Aus dem Sturme, der seinen Freunde und Gesinnungsgenossen Freiheit und Existenz kostete, ging Arno Raven als der Secretär, der Vertraute und künftige Schwiegersohn des Ministers hervor und begann seine glänzende Carrière im Dienste der Sache, der er Haß und Kampf geschworen hatte für immer. Das war das Ende all der Freiheitsträume und Jugendschwärmereien.“

Aus dem Antlitz des Freiherrn war jeder Blutstropfen gewichen; seine Brust hob und senkte sich in kurzen heftigen Athemzügen, und seine Hände ballten sich krampfhaft.

„Und wenn ich Dir nun sage, daß dieser sogenannte Verrath nur eine Unvorsichtigkeit war, ein unglückseliges Mißverständniß, das ich theuer genug gebüßt habe? Wenn ich Dir sage, daß Ihr selbst mit Eurem voreiligen Verdammungsurtheil, mit Eurem wahnsinnigen Mißtrauen mich in die Reihe Eurer Feinde getrieben habt?“

„So würde ich Dir antworten, daß Du das Recht auf Glauben verwirkt hast.“

„Reize mich nicht, Rudolph!“ stieß Raven hervor, der kaum mehr Herr seiner selbst war. „Du weißt, daß ich das von keinem Anderen ertragen hätte. Ich habe Dir mein Wort gegeben, und Du wirst mir glauben.“

„Nein, Arno!“ Die Stimme Brunnow’s klang in vernichtender Härte. „Wärst Du damals, als ich im Gefängniß saß und es nicht fassen konnte, nicht fassen wollte, daß Du der Verräther sein solltest, vor mich hingetreten und hättest zu mir gesprochen wie jetzt, Dein Wort hätte mir mehr gegolten als das Zeugniß der ganzen Welt, als die sonnenklaren Beweise. Die zwei Jahrzehnte, die dazwischen liegen, haben mich eines Anderen belehrt. Dem Freiherrn von Raven, dessen Name obenan steht unter den Feinden und Verfolgern jener Sache, der er einst sein Leben geweiht hatte, dem Gouverneur von R., dessen eisernes despotisches Regiment allem Recht und allen Gesetzen Hohn sprach, der noch vor wenigen Tagen auf das Volk schießen ließ, in dessen Reihen er selbst einst gestanden – dem glaube ich nicht.“

Der Mann, gegen den all diese vernichtende Beschuldigungen geschleudert wurden, stand finster schweigend da, den Blick auf den Boden geheftet; noch arbeitete es gewaltsam in seinen Zügen, aber es ließ sich nicht enträthseln, ob es Scham, Zorn oder Schmerz war, was dort zuckte. Bei den letzten Worten aber richtete er sich plötzlich zu seiner vollen Höhe auf, und aus seinen Augen flammte wieder der stolze unbeugsame Trotz, als er rauh entgegnete:

„So ist es unnöthig, noch ferner ein Wort darüber zu verlieren. Meine Erklärung galt nur jener Katastrophe. Du willst [423] sie nicht hören – gut, wir sind fertig damit. Was nachher geschehen ist, das war meine eigene Wahl und mein Entschluß. Wie ich dazu getrieben worden bin, das kommt hier nicht in Betracht. Ich verlange keine Milderungsgründe; genug, es war mein Wille, und ich nehme die That und all ihre Folgen auf mein Haupt allein. Seit dem Tage, der jene Kluft zwischen uns aufriß, sind unsere Wege so endlos weit aus einandergegangen, daß wir jetzt vergebens versuchen würden, sie auch nur zu begreifen. Was ist einem Idealisten wie Dir der Begriff der Macht und des Ehrgeizes? Vielleicht nur der Keim zu einem Verbrechen, denn er begründet sich ja aus die Unterdrückung Anderer. Ich war nun einmal nicht geschaffen, im Exil zu verkümmern und nach über all die gescheiterten Hoffnungen, über all die nutzlos vergeudeten Kräfte mit dem Gedanken zu trösten, daß ich meinem ‚Ideal‘ treu geblieben sei. Verdamme mich, wenn Du willst! Als meinen Richter erkenne ich auch Dich nicht an.“

Es erfolgte keine Erwiderung. Nach einem secundenlangen Schweigen wandte sich Brunnow ohne alle Antwort zum Gehen. Raven trat ihm in den Weg.

„Was soll das?“ fragte der Arzt. „Du hast es ja ausgesprochen; wir sind fertig mit einander, und jedes fernere Wort zwischen uns ist überflüssig. Laß mich gehen!“

„Noch nicht – es handelt sich um Deine Sicherheit. Du reisest doch auf der Stelle wieder ab?“

„Ich reise erst morgen; ich habe es meinem Sohne versprochen, ihn noch einmal zu sehen.“

„Das ist eine ganz unnöthige Verzögerung,“ sagte der Freiherr. „Du hast Dich selbst überzeugt, daß für Deinen Sohn nichts zu fürchten ist, und erst jenseits der Grenze hört die Gefahr für Dich auf. Um Mitternacht geht der Courierzug. Bleibe so lange hier in meiner Wohnung und fahre dann in meinen Wagen nach dem Bahnhofe! Was man dann auch ahnen und vermuthen mag, es wird Niemand wagen, Dich zu behelligen.“

„Und wenn man später entdecken sollte, daß der Gouverneur selbst dem ‚Hochverräter‘ fortgeholfen hat?“

„Das ist meine Sache. Ich werde es vertreten.“

„Ich danke,“ sagte Brunnow in schneidendem Tone. „Ich bleibe bis morgen und gehe nach dem Bahnhofe, ohne mich durch die freiherrlich Raven’sche Livree decken zu lassen. Du wirst begreifen, daß ich selbst eine mögliche Gefahr Deinem Schutze vorziehe.“

„Rudolph, nimm Vernunft an!“ mahnte der Freiherr. „Der unselige Starrsinn kann Dir Deine Freiheit kosten.“

„Was kümmert das Dich? Wir sind ja Feinde und sind es nach dieser Stunde mehr denn je. Wir werden uns schwerlich im Leben wieder begegnen, aber denke an meine Worte, Arno! Noch stehst Du fest und sicher auf Deiner schwindelnden Höhe; noch blickst Du verächtlich herab auf die Gefahren, die Dir drohen. Es wird ein Tag kommen, wo Alles um Dich her wankt und bricht, wo Alles Dich verläßt, und dann“ – hier richtete sich auch die gebeugte Gestalt Brunnow’s voll und mächtig auf – „dann wirst Du einsehen, daß es doch noch etwas werth ist, an seine Ideale und an sich selber zu glauben. Mich hat dieses Bewußtsein aufrecht erhalten bis auf diese Stunde. Du hast keinen Halt mehr, wenn das glänzende Gebäude Deines Ehrgeizes zusammenstürzt – Du hast Dich selbst verloren. Leb’ wohl.“

Er ging. Raven blickte ihm düster und unbeweglich nach. „Mich selbst verloren!“ wiederholte er dumpf. „Er hat Recht.“




In der Stadt war es ruhig. Die „energischen Maßregeln“ hatten ihre Wirkung gethan, wenn sie auch nicht in dem Umfange zur Ausführung gekommen waren, wie es anfangs den Anschein hatte. Oberst Wilten, der sehr wohl wußte, daß trotz aller Vertretung von Seiten des Gouverneurs doch ein Theil der Verantwortlichkeit auf ihm haften bleiben werde, hatte an jenem Abende Befehl gegeben, beim ersten Commando nicht auf die Menge selbst, sondern in die Luft zu feuern. Er rechnete auf den blinden Schrecken, den man empfinden werde, wenn man sah, daß wirklich von den Waffen Gebrauch gemacht werde, und diese Berechnung täuschte ihn nicht. Die Schüsse riefen eine ganz grenzenlose Angst und Verwirrung hervor, die noch durch die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit begünstigt wurde. Niemand hatte Ruhe und Besonnenheit genug, sich zu überzeugen, wer denn eigentlich gefallen sei. Es erhob sich ein wildes Getümmel, aber der gefürchtete Widerstand blieb aus, und nach einem kurzen, planlosen Hin- und Herwogen wandte sich Alles zur Flucht. Der Oberst hatte das vorhergesehen und seine Anstalten derartig getroffen, daß den Fliehenden im entscheidenden Augenblick Raum gegeben werden konnte. Es gelang einer Militärabtheilung ohne allzugroße Schwierigkeit die dichtgedrängte Menge zu zerstreuen und vor sich herzutreiben. Einmal zersprengt, vermochte diese sich nicht wieder zu sammeln, da die sämmtlichen Hauptpunkte besetzt waren. Nach einigen Stunden war die Ruhe wieder hergestellt und zwar – dank der Vorsicht und Mäßigung des Commandirenden – ohne eigentliches Blutvergießen. Es hatte zwar im Getümmel selbst Verwundungen und Verletzungen genug gegeben, aber es war doch nicht zum wirklichen Kampfe gekommen, und jedenfalls hatte das Einschreiten des Militärs seine Wirkung gethan. Die unruhigen Elemente der Stadt waren vollständig eingeschüchtert; die Excesse wiederholten sich nicht, und während der folgenden Tage wurde die Ruhe nirgends gestört. Man schien der Gewalt zu weichen; der Gouverneur hatte wieder einmal die Oberhand behalten. –

Es war am Morgen nach jener Unterredung mit Rudolph Brunnow, als der Freiherr in das Zimmer seiner Schwägerin trat. Bei der Baronin hatte jene Erkältung doch ernstere Folgen gehabt; sie war krank, oder behauptete wenigstens, es zu sein, und hatte seit ihrer Rückkehr nach der Stadt kaum das Bett verlassen. Der Freiherr sandte jeden Morgen herüber, um sich nach ihrem Befinden erkundigen zu lassen; er selbst hatte weder sie noch Gabriele seit den letzten Tagen gesehen, da das junge Mädchen die Krankheit der Mutter zum Vorwande nahm, um nicht bei Tische zu erscheinen. So war denn eine Begegnung zwischen ihnen seit jener stürmischer Unterredung noch vermieden worden.

Die Baronin lag mit sehr leidender Miene auf dem Sopha, als ihr Schwager eintrat. Er schien Gabriele, die sich gleichfalls im Zimmer befand, nicht zu bemerken, sondern trat sofort zu ihrer Mutter und fragte in jenem gleichgültigen Tone, mit dem man einer bloßen Form genügt, wie sie sich befinde.

„O, ich habe schlimme Tage verlebt,“ seufzte die Baronin. „Ich befinde mich sehr schlecht, und die Angst und Aufregung an jenem entsetzlichen Abende, wo man das Schloß stürmen wollte, hat mich vollends krank gemacht.“

„Ich ließ Ihnen ja eigens melden, daß alle Maßregeln zur Sicherheit des Schlosses getroffen seien,“ sagte Raven ungeduldig. „Sie wären überhaupt niemals in Gefahr gekommen; die ganze stürmische Demonstration galt mir allein.“

„Aber der Lärm, das Anrücken des Militärs, das Schießen in der Stadt!“ klagte die Dame, „das alles regte meine Nerven furchtbar auf. Hätte ich doch dem Wunsche des Oberst Wilten nachgegeben und wäre noch einige Tage auf seinem Landsitze geblieben! Freilich, wie die Dinge jetzt stehen, konnte ich nicht daran denken. Gabriele martert mich förmlich mit ihrem Trotz und Eigensinn. Sie erklärt auf das Bestimmteste, daß sie niemals dem jungen Baron Wilten ihre Hand reichen werde, und droht mir, ihm ein unverhülltes Nein zu geben, wenn ich es bis zu einem Antrage kommen lasse.“

Raven’s Blick streifte das junge Mädchen, das stumm und bleich, den Kopf in die Hand gestützt, in einiger Entfernung saß, er richtete aber auch jetzt nicht das Wort an sie.

„Ich bin in der grenzenlosesten Verlegenheit,“ fuhr die Baronin fort. „Ich habe dem Oberst ganz bestimmte Zusicherungen gegeben, die unmöglich zurückgenommen werden können. Er und sein Sohn werden außer sich sein. Gabriele behauptet, bereits mit Ihnen darüber gesprochen zu haben, Arno. Sind Sie denn wirklich mit diesem Nein einverstanden?“

„Ich?“ fragte der Freiherr kalt. „Ich habe mich jedes Einflusses auf Ihre Tochter begeben.“

„Mein Gott, was ist denn vorgefallen?“ fragte die Baronin, sich erschrocken aufrichtend. „Hat Gabriele auch Ihnen gegenüber ihren Starrsinn gezeigt? Ich will doch nicht hoffen –“

„Lassen wir das!“ schnitt ihr der Freiherr das Wort ab. „Die Angelegenheit mit Wilten muß ich allerdings erledigen, schon wegen meiner eigenen Stellung zu dem Oberst. Er würde es mir nie verzeihen, wenn ich seinen Sohn der Kränkung aussetzte, ein Nein zu erhalten, wo er mit Sicherheit auf ein Ja rechnet. Uebrigens ist das Ihre Schuld allein, Mathilde. Sie [424] werden sich erinnern, daß ich Ihren Plänen von Anfang an fern geblieben bin. Sie hätten sich der Fügsamkeit Ihrer Tochter versichern sollen, ehe Sie bestimmte Versprechungen gaben. Jedenfalls muß die Sache jetzt zur Sprache gebracht werden. Ich fahre von hier aus zu Wilten und werde bei unserer heutigen Conferenz Gelegenheit nehmen, ihm Gabrielens Weigerung mitzutheilen. – Jetzt aber zu dem eigentlichen Zwecke meines Kommens! Sie sind leidend?“

„Ja wohl, sehr leidend!“ flüsterte die Baronin, indem sie mit dem Ausdrucke der größten Mattigkeit wieder in die Kissen zurücksank.

„So möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Der Arzt spricht von nervösen Zuständen und empfiehlt nur Luftveränderung, um so mehr, als der Herbst bei uns sehr rauh und unfreundlich zu sein pflegt. Ueberdies ist bei den jetzigen Zuständen in der Stadt an irgend ein Gesellschaftsleben für die nächste Zeit nicht zu denken. Ich rathe Ihnen daher, die Einladung Ihrer Freundin der Gräfin Selteneck, anzunehmen, von der Sie mir neulich sprachen, und auf einige Wochen mit Ihrer Tochter nach der Residenz zu gehen.“

Gabriele, die das Gespräch verfolgte, ohne sich daran zu betheiligen, bebte bei den letzten Worten zusammen, und ein unwillkürlicher Ausruf entfuhr ihren Lippen:

„Nach der Residenz?“

„Ja,“ sagte Raven, sich zum ersten Male zu ihr wendend, mit herber Ironie. „In Deinen Wünschen liegt das doch gewiß.“

Das junge Mädchen schwieg, aber die matten Züge der Baronin belebten sich plötzlich.

„Wie? Sie wären mit diesem Besuche einverstanden?“ fragte sie. „Ich leugne es nicht, daß ein kurzer Aufenthalt in der Residenz und ein Wiedersehen mit meinen dortigen Freunden und Bekannten mir sehr erwünscht wäre, aber die Rücksicht auf Ihre Wünsche, meine Pflichten als Repräsentantin Ihres Hauses –“

„Binden Sie in diesem Falle durchaus nicht,“ fiel der Freiherr ein. „Ich wiederhole Ihnen, daß unter den jetzigen Verhälnissen von Festlichkeiten keine Rede sein kann. Es läßt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, ob die Unruhen sich nicht doch wiederholen, und ich möchte Sie nicht zum zweiten Male einer so gefährlichen Angst und Aufregung aussetzen. Ich bitte Sie daher, so bald wie möglich die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. Wenn Sie zurückkehren, ist hoffentlich Alles geordnet.“

„Ich füge mich, wie immer, Ihren Wünschen,“ erklärte die Baronin, der die Fügsamkeit diesmal außerordentlich leicht wurde. „Wir werden in Kurzem reisefertig sein, und auch auf Gabriele, hoffe ich, wird die Zerstreuung wohlthätig wirken; sie ist jetzt so bleich und still, daß ich wirklich anfange, für ihre Gesundheit zu fürchten.“

Raven schien die letzte Bemerkung zu überhören; er erhob sich. „Das wäre also abgemacht. Was Sie etwa noch für die Reise nothwendig halten sollten, steht zu Ihrer Verfügung. Jetzt aber muß ich Sie verlassen, Mathilde; mein Wagen wartet bereits.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 27, S. 446–450
Fortsetzungsroman – Teil 19


[446] Raven ging. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als Frau von Harder mit großer Lebhaftigkeit rief:

„Das ist doch endlich einmal eine vernünftige Idee meines Schwagers! Ich fürchtete schon, er würde uns zumuthen, in dieser aufgeregten Stadt zu bleiben, wo man nicht einmal seines Lebens sicher ist und bei jeder Ausfahrt fürchten muß, von dem Pöbel insultirt zu werden. Mich wundert nur, daß Arno sich um meine Nerven und die Verordnungen des Arztes kümmert. Er pflegt sonst sehr rücksichtslos in solchen Dingen zu sein. Meinst Du nicht, Gabriele?“

„Ich meine, daß er uns entfernen will um jeden Preis,“ erwiderte Gabriele, ohne sich umzuwenden.

„Nun ja,“ sagte die Baronin unbefangen. „Er sieht es ein, daß R. jetzt kein angenehmer Aufenthalt ist, zumal für Damen. Ich sprach ihm allerdings nicht ohne Absicht von der Einladung der Gräfin; ich hoffte, er würde darauf eingehen, aber damals schwieg er hartnäckig, und so wagte ich es nicht, die Sache weiter zu verfolgen. Wie sehne ich mich, die Residenz wieder zu sehen und all die früheren Beziehungen wieder anzuknüpfen! Hier ist und bleibt man doch nun einmal in der Provinz trotz all des großstädtischen Ansehens, welches die Stadt sich geben möchte. Aber jetzt müssen wir vor allen Dingen Musterung über unsere Toilette halten. Komm’, mein Kind! Wir wollen überlegen.“

„Verschone mich damit, Mama!“ bat das junge Mädchen in mattem, gedrücktem Tone. „Ich habe jetzt keinen Sinn dafür. Bestimme, was Dir gut dünkt! Ich füge mich in Alles.“

Die Baronin sah ihre Tochter mit unverhehltem Erstaunen an; diese Gleichgültigkeit überstieg alle Begriffe. „Keinen Sinn dafür?“ wiederholte sie. „Gabriele, was ist eigentlich mit Dir vorgegangen? Ich habe diese Veränderung schon während unseres Landaufenthaltes bemerkt, aber seit den letzten Tagen erkenne ich Dich gar nicht wieder. Ich fürchte, es ist auf der Rückfahrt irgend etwas zwischen Dir und dem Onkel vorgefallen, was Du mir verschweigst. Er zürnt Dir offenbar; er hat Dich ja vorhin kaum angeblickt. Wann endlich wirst Du es lernen, die nöthigen Rücksichten gegen ihn zu beobachten?“

„Du hörst es ja, er schickt uns fort,“ sagte Gabriele mit aufquellender Bitterkeit. „Er will allein sein, wenn eine Gefahr ihn bedroht, wenn ein Unglück ihn trifft – ganz allein!“

„Ich begreife Dich nicht,“ erklärte die Mutter ärgerlich. „Was soll denn dem Onkel drohen? Ich dächte, er hätte die Empörungsversuche energisch genug niederschlagen, und im schlimmsten Falle ist ja das Militär zu seinem Schutze da.“

Gabriele schwieg, sie hatte nicht an die Gefahr gedacht, aber trotz ihrer Unerfahrenheit in solchen Dingen fühlte sie doch, daß ein Angriff wie der Winterfeld’s nicht unbemerkt vorübergehen konnte, und ahnte den heranziehenden Sturm. Sie und die Mutter sollten freilich davor geborgen werden. Deutlicher konnte der Freiherr ihr nicht sagen, daß Alles zwischen ihnen zu Ende sei, als indem er sie nach der Residenz sandte, wo Georg jetzt weilte und wo eine Begegnung mit ihm leicht zu ermöglichen war. All die Härte und Heftigkeit, mit der sich Raven dieser Verbindung widersetzte, hatte das junge Mädchen nicht so geschmerzt, als dieses Aufgeben seines Widerstandes dagegen. Er zeigte ihr, daß er jeden Einspruch fallen ließ, daß er ihr volle Freiheit gab, und sie kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß die vermeintliche Verrätherin bei ihm nie auf Verzeihung rechnen konnte. Vielleicht hätte Gabriele versucht, ihn zu überzeugen, wie unrecht er ihr mit diesem Verdachte that; sein Eisesblick hatte sie zurückgescheucht. Der Blick sagte ihr, daß sie doch keinen Glauben finden werde, und bei diesem Gedanken flammte auch ihr Stolz und Trotz empor. Sollte sie es zum zweiten Male ertragen, daß ihre Vertheidigung nicht gehört, daß sie selbst zurückgestoßen wurde, wie es schon einmal geschehen war? Nun und nimmermehr!

Die Baronin war weit entfernt, diesen Gedankengang ihrer Tochter zu ahnen. Sie dachte nicht einmal daran, daß sich Assessor Winterfeld in der Residenz befand und daß man ihn eigens

[447] dorthin gesandt hatte, um eine Annäherung zu verhindern. Die Dame hatte jetzt wichtige Dinge im Kopfe, und da sie bei Gabriele so gar kein Verständniß für die Toilettenangelegenheiten fand, klingelte sie ihrer Kammerjungfer und begann eine ausführliche Berathung mit derselben. Es war merkwürdig, wie sehr diese Reise die Lebensgeister der Baronin anzuregen vermochte ihre Krankheit und Mattigkeit schienen auf einmal verschwunden; sie traf die nöthigen Anordnungen mit einem Eifer und einer Lebhaftigkeit, die schon jetzt den besten Erfolg von dieser „Luftveränderung“ hoffen ließ.

Der Freiherr war unmittelbar, nachdem er seine Schwägerin verlassen hatte, zu dem Oberst Wilten gefahren. Er hatte von jeher freundschaftlich mit ihm verkehrt, und in der letzten Zeit war dieser Verkehr noch enger und vertrauter geworden, wenigstens von Seiten der Wilten’schen Familie, die mit vollem Eifer die Verbindung zwischen dem Sohne des Hauses und der jungen Baroneß Harder anstrebte. Heute aber lag in dem Empfange und der ganzen Haltung des Obersten eine gewisse Gezwungenheit, die er sich zwar Mühe gab zu verbergen, indem er lebhafter und angelegentlicher sprach, als es sonst seine Art war. Der Freiherr achtete nicht darauf; er war von ganz anderen Gedanken erfüllt und nicht in der Stimmung, auf solche Dinge Gewicht zu legen. Er wollte eben das Gespräch auf die Sicherheitsmaßregeln in der Stadt lenken, die noch größtentheils in den Händen des Militärs lagen, als Wilten ihm zuvorkam und mit einer gewissen Hast fragte:

„Haben Sie schon nähere Nachrichten aus der Residenz erhalten? Sie erwarten ja wohl Antwort auf Ihren Brief hinsichtlich der Winterfeld’schen Broschüre.“

Die Stirn des Freiherrn verfinsterte sich auffallend bei der Frage, und es vergingen einige Secunden, ehe er antwortete.

„Ja,“ sagte er endlich. „Die Antwort ist heute Morgen eingetroffen.“

„Nun?“ fragte der Oberst in größter Spannung.

Raven lehnte sich in den Sessel zurück, und in seiner Stimme lag ebenso viel Spott wie Bitterkeit, als er erwiderte:

„Man scheint in der Residenz vollständig zu vergessen, daß ich als Vertreter der Regierung in ihrem Namen gehandelt habe, und daß man mein Wirken jahrelang mit allen Kräften unterstützte. Sie hatten Recht, mich vor den Intriguen zu warnen, die dort gegen mich gesponnen werden. Ich sehe es erst jetzt, wie unterwühlt der Boden ist, auf dem ich stehe. Vor wenigen Monaten noch hätte man es nicht gewagt, wir eine solche Antwort zu geben.“

„Wie, man hat doch nicht etwa versucht, Ihnen anzudeuten –?“ der Oberst hielt inne, er mochte den Satz nicht aussprechen.

„Man hat mir sehr Vieles angedeutet. Allerdings in verbindlichster Form und mit einem ungemeinen Aufwande von Redensarten, aber die Sache selbst bleibt die gleiche. Ich glaube, es wäre den Herren in der Residenz nicht unlieb, wenn ich ginge. Es giebt dort verschiedene Persönlichkeiten, denen ich sehr im Wege bin und die jeden Angriff nach Kräften gegen mich ausbeuten werden. Ich bin aber vorläufig noch nicht gesonnen, ihnen Platz zu machen.“

Oberst Wilten schwieg und sah vor sich nieder.

„Auch die jüngsten Ereignisse hier in der Stadt geben Anlaß zu ernstlichen Differenzen,“ fuhr Raven fort. „Ich habe deswegen einen lebhaften Depeschenwechsel mit der Residenz gehabt. Man begreift durchaus nicht, daß das Einschreiten des Militärs nothwendig war. Man giebt mir Allerlei anzuhören, von schwerer Verantwortlichkeit, maßloser Erbitterung der Bevölkerung und dergleichen mehr. Ich habe einfach geantwortet: Aus der Ferne lasse sich dergleichen nicht beurtheilen. Ich sei zur Stelle und wisse, was Noth thue, und ich würde genau dasselbe thun, wenn die Unruhen auf’s Neue ausbrechen sollten.“

In dem Gesichte des Obersten zeigte sich wieder jene Gezwungenheit, die im Laufe des Gespräches allmählich gewichen war.

„Das dürfte kaum möglich sein,“ bemerkte er. „Es ist wahr, die Erbitterung ist größer, als wir anfangs glaubten, und ich sagte es Ihnen ja schon früher, man wünscht bei solchen Anlässen die militärischen Maßregeln durchaus zu vermeiden.“

„Es kommt nicht darauf an, was man wünscht, sondern auf das, was nothwendig ist,“ erklärte der Freiherr mit jener Schroffheit, die bei ihm stets eine große innere Gereiztheit barg.

„So wollen wir hoffen, daß die Nothwendigkeit nicht wieder eintritt,“ sagte Wilten, „denn ich bin leider – ich wäre gezwungen – mit einem Worte, ich müßte Ihnen meinen Beistand versagen, Excellenz.“

Raven fuhr auf und richtete einen funkelnden Blick auf den Sprechenden.

„Was soll das heißen, Herr Oberst? Sie kennen doch meine Vollmachten? Ich kann Ihnen versichern, daß sie noch in ihrem vollem Umfange bestehen.“

„Daran zweifle ich nicht, aber die meinigen sind beschränkt worden. Ich habe künftig nur den Weisungen meiner Vorgesetzten zu folgen.“

„Sie haben Gegenbefehl?“ fragte der Freiherr rasch und heftig.

„Ja,“ war die etwas zögernde Antwort.

„Seit wann?“

„Seit gestern.“

„Darf ich die Ordre sehen?“

„Ich bedaure, sie ist nur für mich allein bestimmt.“

Raven wendete sich ab und trat an das Fenster; als er sich nach wenigen Minuten wieder umwandte, lag eine fahle Blässe auf seinem Gesichte.

„Das heißt also, man bindet mir vollständig die Hände. Wenn die Revolte sich wiederholt und die Polizei zu deren Bewältigung nicht ausreicht, so bin ich machtlos und die Stadt ist preisgegeben.“

Wilten zuckte die Achseln. „Ich bin Soldat, Excellenz, und muß gehorchen.“

„Allerdings, Sie müssen gehorchen – ich sehe das ein.“

Es folgte eine sehr unbehagliche Pause. Der Oberst schien nach irgend einer Ablenkung zu suchen, aber Raven kam ihm zuvor.

„Wenn die Sache so steht, ist die Rücksprache, die ich mit Ihnen nehmen wollte, überflüssig,“ sagte er mit erzwungener Ruhe. „Bitte, keine Entschuldigung, ich begreife, daß es Ihnen persönlich sehr peinlich ist, aber Sie können es nicht ändern, also brechen wir davon ab! – Ich möchte noch eine Privatangelegenheit mit Ihnen besprechen. Sie bereiteten mich darauf vor, daß Ihr Sohn eine Bitte an mich richten würde. Lieutenant Wilten hat sich allerdings noch nicht erklärt, und das war in dieser Zeit der Unruhe und Aufregung auch wohl nicht möglich.“

„Ganz unmöglich,“ stimmte der Oberst bei. „Ich habe es Albrecht begreiflich gemacht, daß es ein Mangel an Zartgefühl wäre, wenn er Sie jetzt, wo so Vieles auf Sie einstürmt, mit solchen Dingen behelligen wollte. Er ist auch meinen Gründen gewichen; überdies muß er morgen abreisen.“

„So plötzlich?“ fragte Raven befremdet. „Wohin denn?“

„Er geht in einer dienstlichen Angelegenheit nach M. und wird voraussichtlich mehrere Wochen dort bleiben,“ entgegnete der Oberst, der unter dem finsteren, forschenden Blicke des Freiherrn sichtlich verlegen wurde. „Ich hatte zwar ursprünglich einen anderen meiner Officiere dazu bestimmt, aber ich kann diesen jetzt nicht entbehren, und mein Sohn als der Jüngste ist am leichtesten abkömmlich. Die besprochene Sache kann also vorläufig ruhen; später, nach Albrecht’s Rückkehr, wird sich ja wieder daran anknüpfen lassen.“

Um Raven’s Lippen legte sich ein sehr herber Ausdruck, als er erwiderte:

„Ich wünsche im Gegentheil diese Sache jetzt ein für alle Mal zu erledigen. Meine Schwägerin ist leider nicht im Stande, die Hoffnungen zu erfüllen, die sie dem jungen Baron gemacht hat. Sie hat sich überzeugt, daß ihre Tochter doch nicht genug Neigung für ihn besitzt, um sich zu dieser Verbindung zu entschließen, und weder sie noch ich werden irgend einen Zwang auf Gabriele ausüben.“

„Das würden wir auch niemals zugeben,“ fiel Wilten eifrig ein. „Nur keinen Zwang, nur keine Ueberredung in solchen Dingen! Mir freilich wird es sehr schwer, die langgehegte Hoffnung aufzugeben, und mein Sohn vollends wird außer sich sein, aber wenn er auf keine Gegenliebe hoffen darf, so ist es besser, er entsagt bei Zeiten seiner Neigung. Ich werde ihm ernstliche Vorstellungen deswegen machen.“

[450] „Thun Sie das!“ sagte der Freiherr, dem weder der Eifer noch das erleichterte Aufathmen des Obersten bei der Absage entgangen war. „Ich bin überzeugt, Sie werden einen gehorsamen Sohn finden.“

Er wandte sich zum Gehen. Der Oberst begleitete ihn artig bis zur Thür und wollte ihm dort in gewohnter Weise die Hand zum Abschiede reichen, aber Raven zog die seinige zurück, verneigte sich kühl und verließ das Zimmer. Draußen auf der Treppe blieb er einen Moment lang stehen und warf einen Blick zurück, während er halblaut sagte:

„Also so weit ist es bereits gekommen! Man sucht die Verbindungen mit mir zu lösen – es müssen doch eigenthümliche Nachrichten sein, die Wilten empfangen hat.“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 28, S. 466–467
Fortsetzungsroman – Teil 20


[466] Als der Gouverneur aus dem Hause trat und im Begriff war in seinen dort wartenden Wagen zu steigen, bemerkte er den Polizeidirector, der soeben die Straße passirte und sich ihm jetzt näherte.

„Soeben wollte ich mich zu Ihnen begeben, Excellenz,“ sagte er, den Freiherrn begrüßend. „Ich glaubte Sie in dem Schlosse zu finden.“

„Ich fahre dorthin,“ erwiderte Raven auf den Wagen deutend. „Darf ich Sie bitten, mich zu begleiten?“

Der Polizeidirector nahm die Einladung an, und die beiden Herren stiegen in den Wagen, der den Weg nach dem Schlosse einschlug. Der Freiherr hörte zerstreut auf die Mittheilungen seines Begleiters. Der stolze Mann ertrug mit verbissenem Grimme diese erste Demüthigung, die ihm auferlegt wurde. Man hatte ihn bisher unumschränkt walten lassen und ihm eine Macht eingeräumt, wie sie kein Gouverneur vor ihm besaß, und jetzt, wo er dieser Macht mehr als je bedurfte, jetzt sah er sich auf einmal in all seinen Entschlüssen gehemmt und gebunden. Man entzog ihm den Beistand, auf den er sich stützte und, nachdem er einmal so weit gegangen war, stützen mußte; man ließ ihn absichtlich allein im Kampfe mit der rebellischen Stadt – Raven wußte sich dieses Symptom zu deuten.

Der Polizeidirector hatte einige Minuten lang von verschiedenen

[467] ziemlich unwichtigen Vorfällen gesprochen, die sich im Laufe des gestrigen Tages ereignet hatten. Jetzt aber fuhr er fort: „Und nun noch eine Mittheilung, die auch Sie überraschen wird, Excellenz. Sie nehmen ja doch Antheil an dem jungen Doctor Brunnow.“

Raven wurde aufmerksam: „Gewiß, was ist mit ihm?“

„Die Sache betrifft ihn allerdings nicht persönlich, geht ihn aber leider nahe genug an. Sie erinnern sich des Herrn, den uns Hofrath Moser gestern Abend als einen Doctor Franz vorstellte; Sie hatten ja sogar eine längere Unterredung mit ihm. Ist Ihnen dabei nichts aufgefallen?“

Der Freiherr richtete sich schnell empor; die Andeutung genügte, um ihm zu zeigen, daß seine Befürchtungen eingetroffen waren und Brunnow sich in Gefahr befand. Es galt jetzt, Ruhe zu zeigen, um diese Gefahr vielleicht noch abzuwenden. Raven nahm seine ganze Kraft zusammen und antwortete mit einem kalten unbewegten „Nein“.

„Mir desto mehr,“ sagte der Polizeidirector. „Ich hatte schon bei jener flüchtigen Begegnung meine Bedenken, die durch einige unabsichtliche Aeußerungen des Hofrathes zum Verdachte wurden, und hielt es für nöthig, Nachforschungen anzustellen. Jetzt, wo nur wenige Fremde in der Stadt sind, war es eine leichte Mühe, das Absteigequartier des angeblichen Doctor Franz aufzufinden. Er war erst vor zwei Stunden in einem Gasthofe der Vorstadt angelangt, hatte sich in größter Unruhe und Aufregung nach dem jungen Arzte erkundigt und war sofort zu ihm geeilt. Der unvorsichtiger Weise im Gasthofe zurückgelassene Koffer trug die Bezeichnung Z. als Abgangsstation; andere dringende Verdachtsmomente kamen hinzu – kurz es ist kein Zweifel mehr, daß wir es mit dem Vater des Verwundeten, mit Rudolf Brunnow zu thun haben.“

Das alles wurde in demselben ruhigen Geschäftstone berichtet, wie die früheren Mittheilungen, und auch Raven versuchte es, den gleichen Ton festzuhalten, als er erwiderte:

„Das ist vorläufig nur eine Annahme, deren Bestätigung doch erst abgewartet werden muß. Sie können daraus allein nicht gegen den Fremden vorgehen.“

„Die Bestätigung haben wir bereits,“ sagte der Polizeidirector. „Doctor Brunnow hat sich bei seiner Verhaftung zu seinem Namen bekannt.“

„Bei seiner Verhaftung!“ fuhr der Freiherr auf. „Sie haben ihn verhaften lassen? Ohne mich vorher davon zu benachrichtigen, ohne mir auch nur einen Wink zu geben?“

Der Polizeichef sah ihn mit gutgespielter Verwunderung an. „In der That, Excellenz, ich begreife nicht – so viel ich weiß, gehören dergleichen Maßregeln ausschließlich in mein Ressort. Wenn ich jedoch gewußt hätte, daß eine vorherige Mittheilung Ihnen erwünscht, so würde ich sie Ihnen unbedingt haben zugehen lassen.“

Raven drückte krampfhaft den Handschuh zusammen, den er noch in der Rechten hielt. „Und ich würde Ihnen unbedingt von dieser Verhaftung abgerathen haben. Dachten Sie denn gar nicht an das Aufsehen, das sie nothgedrungen erregen muß, an die unausbleiblichen Folgen? Gerade jetzt, wo die Regierung nur auf das Einlenken, nur auf die Versöhnung bedacht ist, wo ihr alles daran liegt, populär zu sein, und sie beinahe ängstlich jedem Conflicte aus dem Wege geht, gerade jetzt ist nicht die Zeit, diese alten, halbvergessenen Erinnerungen an die Revolution so schonungslos wieder an das Tageslicht zu ziehen.“

Der Polizeidirector zuckte die Achseln. „Ich habe meine Pflicht gethan, nichts weiter. Doctor Brunnow war zu langjähriger Festungshaft verurtheilt und hat sich derselben durch die Flucht entzogen. Er weiß, daß er bei seiner Rückkehr dem Gesetze verfällt. Er ist dennoch gekommen und muß die Folgen tragen.“

„Ich dächte, Sie wären lange genug im Amte, um zu wissen, wie oft der Buchstabe des Gesetzes der Nothwendigkeit des Augenblickes geopfert wird,“ sagte Raven mit steigender Heftigkeit. „Weshalb ist der Flüchtling denn zurückgekehrt? Die öffentliche Stimme wird in der entschiedensten Weise Partei nehmen für den Mann, der in der Todesangst um das Leben seines einzigen Sohnes, in der Hoffnung, ihn durch seine ärztliche Kunst vielleicht noch zu retten, der eigenen Gefahr trotzte. Brunnow wird zum Märtyrer, dem die Sympathie des ganzen Landes gewiß ist. Glauben Sie, daß uns dergleichen erwünscht ist? Sie handelten auf einen rein persönlichen Verdacht hin. Sie werden sich wenig Dank damit in der Residenz verdienen.“

Die Heftigkeit dieser Worte ließ sie fast beleidigend erscheinen, aber der Polizeidirector entgegnete ruhig und artig:

„Das müssen wir abwarten. Ich habe nach bestem Ermessen gehandelt und bedauere nur, daß meine Maßregel so wenig Beifall findet. Auf eine Mißbilligung Ihrerseits war ich am wenigsten gefaßt, denn gerade Sie, Excellenz, haben jene Zurückhaltung von Seiten der Regierung, jene Scheu vor Conflicten von jeher als Schwäche verurtheilt und zeigen es jetzt eben wieder der Stadt gegenüber, daß Sie nur von einem rücksichtslosen und energischen Vorgehen Erfolg erwarten.“

Der Freiherr biß sich auf die Lippen. Er fühlte, daß er sich allzu weit habe fortreißen lassen, und fragte abbrechend: „Doctor Brunnow hat sich also zu seinem Namen bekannt?“

„Ja. Er war allerdings sehr bestürzt, als man ihm die Verhaftung ankündigte, faßte sich aber sofort wieder und leugnete nichts ab. Es wäre in diesem Falle auch nutzlos gewesen. Ich habe dafür gesorgt, daß sein Sohn für’s Erste noch nichts von dem Vorfalle erfährt, wenigstens hat mir Hofrath Moser versprochen, zu schweigen. Der arme Hofrath! Er bekam beinahe einen Ohnmachtsanfall, als ich ihm entdeckte, wer der vorgebliche Doctor Franz sei. Er, der so ängstlich jede illoyale Berührung vermied, wird nun ganz ohne sein Verschulden in solche Beziehungen förmlich hineingerissen.“

„Ich hoffe wenigstens, daß Sie Ihrem Gefangenen die möglichste Rücksicht angedeihen lassen,“ sagte Raven, ohne auf die letzten Worte zu achten. „Die Veranlassung zu seiner Rückkehr und die Aufopferung seines Sohnes für Ihre Beamten geben ihm den vollsten Anspruch darauf.“

„Ohne Zweifel,“ stimmte der Polizeidirector bei. „Doctor Brunnow wird sich über nichts zu beklagen habe. Er ist vorläufig in einem Zimmer des Stadtgefängnisses, und ich habe auch die Vorkehrungen zu seiner Bewachung mit der größten Schonung getroffen. Streng muß diese Bewachung allerdings sein; es könnte sonst eine nochmalige Flucht oder – Befreiung versucht werden.“

Raven’s Auge heftete sich voll und finster auf das Gesicht seines Begleiters. Der leise Hohn, der um dessen Lippen spielte, sagte dem Freiherrn, daß seine Beziehungen zu dem ehemaligen Jugendfreunde kein Geheimniß mehr seien, und daß der Schlag nicht gegen Brunnow, sondern gegen ihn selber geführt wurde. Zu welchem Zwecke, das errieth er im Augenblicke noch nicht, aber der Polizeidirector war nicht der Mann, der sich einer Uebereilung schuldig machte oder Dinge unternahm, die ihm eine ernste Verantwortlichkeit auferlegten. Er wußte immer, was er that.

„Flucht! Befreiung!“ wiederholte Raven mit Bitterkeit. „Dafür möchte es wohl zu spät sein.“

„Ich hoffe das auch, will aber doch nicht die nöthige Vorsicht versäumen. Man kann nie wissen, wie weit die Verbindungen dieser Flüchtlinge reichen. – Das waren die Mittheilungen, um deren willen ich Sie aufsuchen wollte. Jetzt möchte ich Sie nicht länger in Anspruch nehmen. Wir kommen sogleich an meinem Bureau vorüber – darf ich bitten, dort anhalten zu lassen? Es wartet wahrscheinlich wieder eine ganze Fluth von Geschäften auf mich.“

Nach kaum zehn Minuten hielt der Wagen vor dem Polizeibureau, und der Chef desselben verabschiedete sich in verbindlichster Weise von dem Freiherrn, der nach dem Schlosse weiterfuhr. Endlich waren ihm einige Minuten des Alleinseins vergönnt. Seit heute Morgen traf ihn Schlag auf Schlag. Erst der Brief des Ministers, dann die Eröffnung des Oberst Wilten, endlich die Nachricht von der Verhaftung Brunnow’s. Die drohenden Anzeichen mehrten sich, und Rudolph’s Prophezeiung war vielleicht ihrer Erfüllung näher, als er selbst glaubte. Der Boden unter dem Mächtigen begann zu wanken und zu weichen, und zum ersten Male blickte er von seiner schwindelnden Höhe nieder mit dem Gedanken, wie tief wohl der Sturz sein könne. Aber Arno Raven erbleichte nicht vor solchen Gedanken. Der stolze, energische Trotz in seinen Zügen zeigte, daß er nicht gesonnen war, der drohenden Gefahr auch nur einen Schritt zu weichen. Wenn sie auch jetzt von allen Seiten gegen ihn heranzog, er wollte nicht unterliegen, und mit diesem unbeugsamen Willen, dessen Macht sich so oft schon bewährt hatte, trat er auch jetzt dem Sturme entgegen.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 29, S. 485–488
Fortsetzungsroman – Teil 21


[485] Im Schlosse war es einsam und öde geworden. Die Baronin Harder war mit ihrer Tochter nach der Residenz abgereist, und wenn die Dame selbst mit ihren Launen, Ansprüchen und sonstigen wenig liebenswürdigen Eigenschaften von der Dienerschaft nicht vermißt wurde, so vermißte man um so mehr die junge Baroneß, der sich die Herzen Aller zugewendet hatten. Mit ihr war der Sonnenschein in das Haus gekommen. Sie hatte während der wenigen Monate, die sie dort verweilte, Licht und Leben in die düstere und todte Pracht jener Räume gebracht, selbst der Freiherr war in dieser Zeit um so Vieles milder und zugänglicher gewesen, daß man oft den strengen Gebieter gar nicht wiedererkannte. Jetzt war Gabriele fort, ihr Zimmer verschlossen, und Jeder, von dem alten Haushofmeister an bis zum letzten Diener herab, fühlte die Leere, die zurückgeblieben war.

[486] Freiherr von Raven allein schien die Abwesenden nicht zu vermissen, wenigstens äußerte er niemals etwas darüber, und man wußte ja auch, daß er jetzt nicht viel Zeit hatte, sich um Familienbeziehungen zu kümmern. Die Umgebung war es gewohnt, ihren Herrn stets ernst, verschlossen und unberührt von äußeren Ereignissen zu sehen, sie sah ihn auch jetzt nicht anders, und doch wußte Jeder, welche Wetterwolke sich über seinem Haupte zusammenzogen. Das war längst kein Geheimniß mehr.

Die Unruhen in der Stadt hatten sich auch im Lauf der nächsten Wochen nicht wiederholt, und der Polizeidirector mit seinen Beamten war vollständig Herr der einzelnen Ausbreitungen geblieben, die noch hin und wieder vorkamen. Die schlimmeren Elemente der Bevölkerung waren eingeschüchtert, die besseren zur Besinnung gekommen. Die letzten Ereignisse hatten Jedem gezeigt, daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen konnte und durfte. Der Bürgermeister zumal bot seinen ganzen Einfluß auf, um die Wiederkehr solcher Scenen zu verhindern. Er hatte nicht umsonst die Erfahrung gemacht, daß in dem Conflicte, wo er als erster Gegner dem Freiherrn gegenüberstand, die Zügel seinen Händen entglitten und der Streit durch das Hereindrängen wüster und gefährlicher Elemente in eine förmliche Revolte ausartete. Man hatte allseitig eine Warnung erhalten, und sie hatte gefruchtet. Aufgegeben war der Kampf deswegen freilich noch nicht; er wurde im Gegentheil nur nachdrücklicher, wenn auch ruhiger geführt, und die Stadt R. hatte die Genugthuung, daß er einen Widerhall in der Residenz, ja im ganzen Lande fand. Die Flugschrift Winterfeld’s hatte in der That ein ungeheures Aufsehen erregt und ging in ihrer Wirkung weit über die ursprüngliche Absicht hinaus, denn sie fand in den maßgebenden Kreisen einen Boden, wie es Niemand, am wenigsten der Assessor selbst, vorausgesetzt hatte.

Freiherr von Raven war in jenen Kreisen nichts weniger als beliebt. Ein Mann, der, wie er, sich aus den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen zu einem der höchsten Staatsämter emporgeschwungen, mußte naturgemäß den Neid und das Uebelwollen derer wachrufen, die er überholte und so weit hinter sich zurückließ, und sein stolzes, gebieterisches Wesen, die Verachtung, mit der er überall Unfähigkeit oder Erbärmlichkeit bei Seite schob, dienten nicht dazu, ihn beliebter zu machen. Es gab in jenen Kreisen nur Allzuviele, die seine glänzende Laufbahn und die hohe Stellung, welche er gegenwärtig einnahm, als einen Raub an ihren eigenen Standesprivilegien betrachteten, die ihm die Art, wie er den vornehmsten Persönlichkeiten gegenübertrat, nicht verzeihen konnten und nur auf eine Gelegenheit warteten, dem verhaßten Emporkömmling die verdiente Demüthigung zu bereiten. Bisher war das Alles noch unschädlich an dem Freiherrn abgeglitten. Die Regierung stützte ihn mit voller Macht, überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen und schwieg zu seinen Uebergriffen, die ihr keineswegs verborgen blieben. Sie bedurfte gerade für den Posten in R. eines Vertreters, der mit so rücksichtsloser Energie und eiserner Consequenz ihre Autorität geltend machte und die gährenden, gefährlichen Elemente der Provinz so unbedingt im Zaume zu halten wußte, wie Raven. Die Unentbehrlichkeit des Gouverneurs überwog all jene Einflüsse, welche sich gegen ihn geltend machten.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Schon seit Jahresfrist war ein Umschwung eingetreten, der für die Stützen der bisherigen Regierung verhängnißvoll zu werden drohte. Ein Theil derselben versuchten einzulenken und der neuen Zeitströmung zu folgen; ein anderer machte sich bereit, mit allen äußeren Ehren von dem Schauplatz abzutreten, auf dem die Rolle vorläufig ausgespielt war. Sie alle hatten Freunde und Verbindungen, die ihnen das ermöglichten – Arno Raven stand völlig allein da, und was er jemals an Haß und Feindschaft wach gerufen, das erhob jetzt drohend gegen ihn das Haupt.

Zu jeder andern Zeit wäre eine Schrift, wie die Winterfeld’s, unterdrückt worden und der Verfasser hätte sie mit dem Verluste seiner Stellung büßen müssen; jetzt bemächtigte man sich mit Eifer dieses Angriffes als einer Waffe gegen den längst Gehaßten, und der junge Beamte, der den willkommenen Anlaß gegeben, wurde förmlich auf den Schild gehoben. Georg’s Name, noch vor Kurzem ganz unbekannt und unbeachtet, war jetzt in Aller Munde; er selbst wurde aufgesucht, bevorzugt und bewundert wegen seines Muthes, das so kühn auszusprechen, was freilich Jeder gewußt hatte. Man fand, daß die Broschüre wahrhaft glänzend geschrieben sei, daß sie eine ungewöhnliche Fülle von Kenntnissen und Fähigkeiten verrathen und ein unbestechlich klares Urtheil voraussetze, und wirklich fehlte der Schrift alles, was sie zum Pamphlet hätte erniedrigen können. Die großen Eigenschaften des Gouverneurs wurden vollständig anerkannt; jedes Persönliche war auf das Strengste vermieden; die ganze Anklage stützte sich nur auf Thatsachen, aber diese Thatsachen wurden mit einer so unerbittlichen Klarheit und Schärfe beleuchtet und einer so vernichtenden Kritik unterzogen, daß eine Antwort darauf nothgedrungen erfolgen mußte.

Für die –sche Provinz und deren Hauptstadt war jene Flugschrift nun vollends, wie der Bürgermeister sich ausdrückte, der „Funke in’s Pulverfaß“ gewesen, denn hier gab sie der allgemeinen Stimmung einen Ausdruck, wie er nicht schärfer und treffender gefunden werden konnte. Die lähmende Furcht und Scheu vor der Allmacht des Gouverneurs war jetzt gebrochen; man sah, daß auch er angreifbar und verwundbar sei, wie andere Sterbliche, und nun brach die langgenährte Erbitterung gegen ihn in einer wahrhaft zügellosen Weise hervor. Niemand dachte mehr daran, was die Stadt und die Provinz trotz alledem der mächtigen Thatkraft des Freiherrn verdankten. Auch nicht eine Stimme erhob sich, die daran erinnerte; der Haß gegen das despotische Regiment, unter dem man so lange geseufzt, hatte jetzt allein das Wort, und wie es gewöhnlich im Leben zu gehen pflegt, waren auch hier diejenigen, welche aus persönlichen Interessen sich bisher zu den Anhängern des Gouverneurs bekannt hatten, die ersten, welche den Stein auf ihn warfen, als dies ungestraft geschehen konnte.

Ein Anderer würde wahrscheinlich gegangen sein und einen Platz verlassen haben, den zu behaupten kaum mehr möglich schien. In der That wurde es dem Freiherrn auch von der Residenz aus nahe gelegt, seine Entlassung zu nehmen, aber sein ganzer Stolz empörte sich dagegen, jetzt zu weichen, wo man ihn zum Weichen zwingen wollte, und vor all den Anklagen und Angriffen, die man gegen ihn schleuderte, die Flucht zu nehmen. Er wußte, daß sein Gehen in einem solchem Augenblicke ein Unterliegen war. Jenen Andeutungen aus der Residenz gegenüber hatte er nur die hochmüthige Antwort, er sei durchaus nicht gesonnen, dauernd zu bleiben, aber erst wolle er den Kampf ausfechten, seine Gegner niederwerfen und ihre Angriffe zum Schweigen bringen, wie damals beim Antritt seines Postens in R., wo sich ein ähnlicher Sturm gegen ihn entfesselte, dann werde er gehe – eher nicht! Vielleicht hätte der Freiherr weniger Starrsinn gezeigt, wenn nicht gerade der erste Angriff, das erste Signal zu dem allgemeinen Ansturm gegen ihn von Georg Winterfeld ausgegangen wäre. Der Gedanke, von dem Manne gestürzt zu werden, den er von allen Mensche am glühendsten haßte, weil er zwischen ihm und Gabriele stand, brachte Raven auf das Aeußerste und raubte ihm sogar seine sonst so klare Urtheilskraft.

Der Ausgang war freilich noch keineswegs entschieden. Noch stand der Freiherr fest und unerschütterlich selbst auf dem wankenden Boden. Er konnte sich darauf berufen, daß Alles, was er gethan hatte, offen vor aller Welt, daß es mit Vollmacht der Regierung geschehen war, und diese scheute sich doch, den Mann, der so lange in ihrem Namen gehandelt hatte, ohne Weiteres fallen zu lassen. Die von Raven so oft verurtheilte Schwäche und Halbheit zeigte sich auch hier. Man hatte den Angriff gegen ihn zugelassen, sogar begünstigt, und als er ihm unerwartet Stand hielt, wagte man es weder den Angegriffenen preiszugeben noch ihn zu stützen.

Jedenfalls nahm die Angelegenheit das allgemeine Interesse so vollständig in Anspruch, daß alles Andere davor in den Hintergrund trat. Dies war auch theilweise mit der Verhaftung des Doctor Brunnow, der sich noch immer im Stadtgefängnisse von R. befand, der Fall, obgleich sie nicht verfehlt hatte, ein peinliches Aufsehen zu erregen. Man wußte ja, daß das Gesetz die Ergreifung des zurückgekehrten Flüchtlings verlangte, aber man fand es trotzdem hart und grausam, daß ein Vater, der an das Krankenbett seines Sohnes geeilt war, das im Kerker büßen sollte, fand es um so härter, als jene Verurtheilung um so viele Jahre zurücklag.

Es war an einem Vormittage zu noch ziemlich früher Stunde, als der Polizeidirector selbst bei dem Verhafteten erschien. [487] Seine Haltung und Begrüßung hatten jedoch durchaus nichts Amtliches; sie waren höflich und zuvorkommend, als handele es sich um einen einfachen Besuch.

„Ich komme, Herr Doctor, um Ihnen den Besuch Ihres Sohnes anzukündigen,“ begann er. „Sie hatten ja regelmäßige Nachrichten über sein Befinden und wissen, daß er weit genug hergestellt ist, um ohne jede Gefahr den Ausgang unternehmen zu können. Er wird um zwölf Uhr bei Ihnen sein. Ich wollte es mir nicht versagen, Ihnen das selbst mitzutheilen.“

„Sie sind in der That sehr gütig,“ entgegnete Brunnow gleichfalls höflich, aber etwas einsilbig und mit offenbarer Zurückhaltung.

„Ich wünschte mich gleichzeitig zu überzeugen, ob meine Anordnungen auch in vollem Maße erfüllt worden sind,“ fuhr der Polizeidirector fort. „Es ist Ihnen doch jede Erleichterung gewährt worden, welche die Haft nur irgend zuließ? Oder haben Sie sich über irgend etwas zu beklagen?“

„Durchaus nicht! Es wäre mir im Gegentheil interessant, zu erfahren, wem ich die ganz ungewöhnliche Rücksicht und Schonung verdanke, die mir vom ersten Augenblicke meiner Gefangenschaft an zu Theil geworden ist.“

„Nun, doch wohl zunächst der eigenthümlichen Veranlassung zu Ihrer Rückkehr. Man ehrt die Sorge des Vaters um den Sohn.“

„Sollte das der alleinige Grund sein?“ fragte der Doctor, mit einem forschenden Blick. „Ich weiß von meinem früheren Aufenthalte in den Staatsgefängnissen her, wie wenig solche persönliche Rücksichten dort maßgebend sind. Ich hatte Gelegenheit, ganz andere und schlimmere Erfahrungen zu machen.“

„Das hat sich geändert,“ meinte der Polizeichef unbefangen, ohne den bitteren Ton bemerken zu wollen. „Es liegt eine ganze Reihe von Jahren zwischen dem Damals und dem Jetzt, und eben diese Jahre dürften auch eine günstige Rückwirkung auf Ihr Schicksal selbst äußern.“

„Ich wußte, was ich bei meiner Rückkehr wagte, und mache mir keine Illusionen über mein Schicksal,“ fiel Brunnow beinahe schroff ein. „Sie sind vermuthlich gekommen, um mir anzukündigen, daß ich mich zur Abführung nach der Festung bereit halten soll?“

„Sie irren, es ist noch nichts darüber bestimmt. Das befremdet Sie? Es ist allerdings auffallend, daß man so lange mit der Entscheidung zögert, ich halte es aber für ein günstiges Zeichen. Ich möchte Ihnen keine voreilige Hoffnungen erwecken, aber es wäre immerhin möglich, daß man mit Rücksicht auf die ganz besonderen Umstände Sie amnestirte.“

Brunnow richtete sich mit größter Lebhaftigkeit auf. „Sie meinen –?“

„Es ist das vorläufig nur meine persönliche Ansicht,“ beeilte sich der Andere hinzuzusetzen. „Ich glaube aber, daß an entscheidender Stelle die Stimmung für Sie eine durchaus günstige ist. Es käme vielleicht nur darauf an, daß Sie auch Ihrerseits die geeigneten Schritte thäten. Ich bin überzeugt, daß ein Begnadigungsgesuch nicht zurückgewiesen würde, wenn Sie sich dazu entschließen könnten.“

„Nein!“ sagte Brunnow mit vollkommener Festigkeit.

„Herr Doctor, bedenken Sie, es handelt sich um Ihre Freiheit. Sie hängt vielleicht an einem einzigen Worte Ihrerseits!“

„Gleichviel, ich bettele nicht um Gnade. Dieses Wort wäre das Eingeständniß einer Schuld, die ich nicht anerkenne, und selbst um meiner Freiheit willen opfere ich nicht die Grundsätze meines Lebens. Mag man mich begnadigen oder nicht, ich werde niemals darum bitten.“

Der Polizeidirector verwünschte innerlich den „hochmüthigen Starrkopf dieses alten Demagogen“. Ein Begnadigungsgesuch desselben wäre so unendlich gelegen gekommen für die Concession, die man nun einmal entschlossen war der öffentlichen Meinung zu machen, aber es war leider nicht zu erreichen. Der erste Theil der Mission war gescheitert, und der Herr Director ging nunmehr zu dem zweiten über. Er gab sich auch hier natürlich nicht die Miene, im Auftrage zu sprechen, sondern hielt den Ton eines ganz absichtslosen Privatgespräches fest.

„Das hängt allerdings von Ihnen allein ab,“ nahm er wieder das Wort. „Sie erschweren aber dadurch Ihren Freunden, für Sie thätig zu sein, und es werden doch ganz ungewöhnliche Anstrengungen zu Ihre Gunsten gemacht.“

„Von wem?“ fragte der Doctor auf das Aeußerste befremdet. „Ich habe keine Freunde, die in Regierungskreisen auch nur den mindesten Einfluß besitzen.“

„Vielleicht bessere, als Sie glauben. Sollten Sie es wirklich nicht wissen, daß der Gouverneur selbst Alles aufbietet, um Ihre Begnadigung zu erlangen?“

„Arno Raven – so?“ fragte Brunnow langsam.

„Ja, der Freiherr von Raven. Er war es auch, der mir, als ich ihm die Nachricht Ihrer Verhaftung brachte, die größte Rücksicht gegen Sie zur Pflicht machte.“

Brunnow schwieg. Der Polizeidirector, der vergebens auf eine Antwort wartete, fuhr nach einer kurzen Pause fort:

„Er scheint sich noch immer für Sie zu interessiren. Es ist freilich natürlich, daß ihm das Schicksal des einstigen Jugendfreundes nicht gleichgültig ist.“

Der Doctor blickte finster auf. „Weiß man das hier schon? Seine Excellenz der Gouverneur hat doch schwerlich davon gesprochen.“

„Er selbst allerdings nicht. Sie werden es wohl begreiflich finden, daß ein Mann in der Stellung des Freiherrn nicht öffentlich Jugendbeziehungen eingestehen kann, die einen so schroffen Gegensatz zu seiner eigenen Lebensrichtung bilden.“

„Zu seiner späteren Lebensrichtung, meinen Sie;“ die Stimme Brunnow’s klang scharf und hohnvoll. „Mit der früheren waren jene Beziehungen allerdings mehr im Einklange.“

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Herr von Raven habe jene Bestrebungen gekannt, die Sie auf die Anklagebank führten?“ fragte der Polizeidirector mit einem Lächeln, das darauf berechnet war zu reizen, und diesen Zweck auch erreichte, denn Brunnow begann sichtlich erregt zu werden.

„Ich behaupte nicht allein, daß er sie gekannt, sondern daß er sie im vollsten Maße getheilt hat,“ entgegnete er heftig.

„Ja, ich erinnere mich, er wurde damals auch verdächtigt,“ warf der Andere mit demselben ungläubigen Lächeln hin. „Aber das war Verleumdung. Es gelang dem Freiherrn, sich vollständig von dem Verdachte zu reinigen, denn er wurde in Freiheit gesetzt und erhielt sogar eine Genugthuung für die unschuldig erlittene Haft, die Stelle als Secretär des Ministers.“

„Als Preis seines Verrathes!“ brach der Doctor aus, der keine Ahnung davon hatte, daß man ihn planmäßig in eine immer größere Gereiztheit und Erbitterung hineintrieb, und der es nicht vermochte, länger an sich zu halten. „Es war die erste Stufe jener Leiter, auf welcher er zu seiner jetzigen Höhe emporstieg. Er erkaufte sie mit dem Fall seiner Freunde, mit dem Verrath an seiner Ueberzeugung und seiner Ehre.“

„Herr Doctor, mäßigen Sie sich!“ ermahnte der Polizeichef mit entrüsteter Miene. „Das ist ja eine furchtbare Beschuldigung, die Sie gegen den Gouverneur schleudern. Es kann nur ein Irrthum oder eine Unwahrheit sein.“

„Eine Unwahrheit?“ rief Brunnow, in vollster Leidenschaft auflodernd. „Ich sage Ihnen, daß es die Wahrheit ist, aber Sie halten natürlich den Freiherrn von Raven dessen nicht fähig. Sie halten mich eher für einen Lügner, einen Verleumder.“

„Ich habe nichts dergleichen andeuten wollen, aber ich möchte doch ernstlich daran zweifeln, daß Sie es wagen würden, das eben Geäußerte vor Anderen zu wiederholen.“

„Ich würde es nöthigenfalls vor der ganzen Welt wiederholen. Ich würde es Raven selbst in’s Antlitz schleudern, wie ich das schon einmal that, als –“ Brunnow hielt plötzlich inne, die gar zu lebhafte Spannung auf dem Gesichte seines Zuhörers brachte ihn zur Besinnung. Er vollendete den Satz nicht, sondern wendete sich unmuthig ab.

„Sie wollten sagen –“ half der Polizeidirector ein.

„Nichts, gar nichts!“ war die störrische Antwort.

„Ich begreife Sie wirklich nicht. Wenn die Sache sich so verhält, so haben Sie doch nicht den mindesten Grund, den Gouverneur zu schonen.“

„Ich schone ihn nicht,“ sagte Brunnow finster, aber ich will an dem, den ich einst Freund genannt habe, nicht zum Denuncianten werden. Wenn ich diese Waffen überhaupt gegen ihn hätte brauchen wollen, so wäre es längst geschehen. Sie treffen sicherer und tödtlicher als der Angriff eines Winterfeld, [488] denn sie sind in Gift getaucht – aber eben deshalb ist es nicht meine Art sie zu führen.“

„Das ist ohne Zweifel sehr edel gedacht, außerordentlich edel, aber ich meine doch –“

„Ich bitte, berühren wir die Sache nicht weiter!“ unterbrach der Doctor den Sprechenden. „Wozu diese längstvergangenen Dinge an das Tageslicht ziehen? Mögen sie begraben bleiben!“

Dieses plötzliche Abbrechen war nun allerdings nicht nach dem Sinne des Polizeidirectors. Er hätte gern das Gespräch fortgesetzt, sah aber, daß man ihm nicht ferner Rede stehen werde. Die Hauptsache war jedoch erreicht, er wußte, was er wissen wollte, und deshalb kostete es ihn keine allzugroße Ueberwindung, auf andere Dinge überzugehen und sich alsdann zu verabschieden. Brunnow blickte ihm unruhig nach. „Kam er wirklich nur, um mich zu dem Begnadigungsgesuch zu veranlassen?“ sagte er halblaut, „oder fand das Verhör Raven’s wegen statt? Ich fürchte es beinahe, das gespannte Aufhorchen dieses Polizeimenschen war mir verdächtig. Ich wollte, ich hätte mich ihm gegenüber nicht so fortreißen lassen.“




In den Straßen der Residenz wogte trotz der Abendstunde und der unfreundlichen Herbstwitterung noch das unruhige, rastlose Treiben der Großstadt. Die Wagen rollten und jagten nach den verschiedensten Richtungen hin, die Fußgänger drängten sich auf den Trottoirs und an den hellerleuchteten Kaufläden und nur in den vornehmeren Stadtvierteln, die abseits von den eigentlichen Haupt- und Verkehrstraßen lagen, herrschte Ruhe und Stille.

In dem Zimmer, das sie gegenwärtig im Selteneck’schen Hause bewohnte, saß Gabriele Harder allem und ganz jenem trüben Nachdenken hingegeben, das ihr jetzt so oft nahte und aus dem übermüthigen, lebensprühenden Mädchen eine völlige Träumerin zu machen drohte. Sie war bereits in voller Toilette, da man heute Abend in die Oper fahren wollte, aber sie dachte offenbar nicht daran und zerdrückte, in einen Fauteuil geschmiegt, achtlos die Spitzen ihres Kleides.

Wenn irgend etwas Gabriele hätte zerstreuen können, so wäre es dieser Aufenthalt in der Residenz gewesen, wo sie und ihre Mutter mit großer Liebenswürdigkeit empfangen wurden. Die Gräfin Selteneck war eine intime Freundin der Baronin; sie hatten früher viel im Harder’schen Hause verkehrt und war auch nach dem Tode des Barons mit dessen Wittwe in stetem Briefwechsel geblieben. Das Wiedersehen war für beide Damen ein gleich großes Vergnügen, und die Gräfin, die selbst keine Kinder besaß, verwöhnte und verzog die reizende Tochter ihrer Freundin in jeder nur möglichen Art.

Die Baronin hatte erst hier von dem gegen Raven geschleuderten Angriffe erfahren, aber sie war viel zu oberflächlich, um den Ernst und die Bedeutung der Sache zu würdigen, die in ihren Augen eine vorübergehende Verdrießlichkeit war, wie etwa die Revolution in R. Es fiel ihr nicht im Entferntesten ein, daß die Stellung des Freiherrn dadurch bedroht werden könnte; seine Angelegenheiten interessirten sie überhaupt nur insofern, als ihre eigene Zukunft dabei in Frage kam. Frau von Harder hegte bekanntlich nicht die mindeste Sympathie für ihren Schwager, sie fürchtete ihn höchstens. Allerdings war sie empört über die „Unverschämtheit“ dieses Winterfeld, in dessen Benehmen sie nur einen Act persönlicher Rache für die empfangene Zurückweisung sah, aber sie zweifelte nicht daran, daß der Freiherr dem Verwegenen die verdiente Züchtigung werde zu Theil werden lassen. Im Uebrigen sah sie keine Veranlassung, sich mit diesen unerquicklichen Dingen zu plagen, die jedenfalls längst abgethan waren, wenn man nach Hause zurückkehrte. Die Herbstmoden, die Soiréen und Opernvorstellungen waren weit interessanter.

Daß ihre Tochter es nicht wagen würde, nach der Beleidigung, die Assessor Winterfeld dem Freiherrn zugefügt hatte, die Beziehungen zu dem Ersteren wieder anzuknüpfen, galt der Baronin als ausgemacht. Ihre Sorge richtete sich nur darauf, eine zufällige Begegnung zwischen den Beiden zu verhindern, was in der That nicht schwer war. Georg verkehrte nicht in den Selteneck’schen Kreisen, und Gabriele war sich hier in den fremden Umgebungen nie allein überlassen. Sie hatte auch wirklich keinen Versuch gemacht, dem jungen Manne Nachricht von ihrem Hiersein zu geben, bebte sie ja doch selbst vor diesem Wiedersehen zurück. Wie sollte sie Georg entgegen treten, mit der Liebe zu einem Andern im Herzen! Was sich auch in der letzten Zeit zwischen sie und Arno gedrängt hatte, selbst seine Härte und Ungerechtigkeit vermochten es nicht, sein Bild zu bannen, und der Gedanke an die Gefahr, die ihn bedrohte, hob dieses Bild nur immer deutlicher hervor. Gabriele konnte besser als ihre Mutter die ganze Tragweite jenes Angriffs ermessen; sie folgte schon seit Wochen mit fieberhaftem Interesse der Entwickelung. Sie, die sonst kaum einen Blick in die Zeitungen that, suchte jetzt nach jeder Notiz, haschte im Gespräch nach jeder Bemerkung, die den Freiherrn betraf.

Winterfeld’s Schrift mit ihren Anklagen entrollte auch dem jungen Mädchen das wahre Bild Raven’s, das sie in jedem Zuge anerkennen mußte, enthüllte ihr all die Schattenseiten seines Charakters, und dem gegenüber erhob sich Georg’s Gestalt, so rein, so fest und edel in der muthigen Aufopferung einer ganzen Zukunft für das, was ihm Pflicht und Gewissen hieß – aber was half das alles! Die ganze Seele Gabrielens flog dem finsteren, despotischen Manne zu, stand an seiner Seite im Kampfe, bangte und ängstigte sich um seinetwillen, und gegen Georg regte sich ein Gefühl der Erbitterung, denn er war es ja gewesen, der den Geliebten angegriffen und beleidigt hatte.

Der Schlag der Uhr auf dem Kamin weckte Gabriele aus ihren Träumereien und erinnerte sie daran, daß es Zeit sei, sich für die beabsichtigte Fahrt nach dem Theater fertig zu machen. Sie warf das Spitzentuch um, zog die Handschuhe an und ging nach dem Salon hinüber, wo sich ihre Mutter bereits mit der Gräfin Selteneck befand.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 30, S. 499–502
Fortsetzungsroman – Teil 22


[499] Die Gräfin Selteneck stand ungefähr in dem gleichen Alter wie die Baronin, sah aber bedeutend jünger aus als diese, vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nicht so ängstlich Mühe gab, noch die jugendliche Frau herauszukehren. Ohne schön zu sein, fesselte sie doch durch eine angenehme Erscheinung und ein klares bestimmtes Wesen. Beide Damen waren schon in voller Abendtoilette.

„Ich begreife es,“ sagte die Gräfin, „wie sehr Du unter dem Zwange der Verhältnisse im Hause Deines Schwagers leidest, Mathilde, aber was thut man nicht um seines Kindes willen! Gabrielens ganze Zukunft liegt doch nun einmal in seinen Händen, und sie wird als seine Erbin dereinst über ein beinahe fürstliches Vermögen verfügen. Dein Schwager hat Dir doch bestimmte Versprechungen in dieser Hinsicht gegeben?“

„Jawohl,“ versetzte die Baronin. „Es geschah schon bei meiner Ankunft in seinem Hause, aber ich fürchte, dieser unglückselige Zwischenfall mit dem Assessor Winterfeld stellt das alles wieder in Frage.“

„Der Assessor,“ meinte die Gräfin abbrechend, „ist übrigens eine überaus gewinnende Erscheinung. Ich sagte Dir ja, daß ich ihn vor einigen Wochen auf einer Soirée kennen lernte, wo er, die Wahrheit zu sagen, den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses bildete.“

„Der Assessor Winterfeld?“ fragte die Baronin, halb ungläubig, halb verächtlich.

„Allerdings. Er ist ja gewissermaßen eine Berühmtheit geworden und wird im Ministerium außerordentlich protegirt. Man zieht ihn in die besten Kreise und begegnet ihm überall mit Auszeichnung.“

„Aber das ist ja unerhört,“ rief Frau von Harder. „Man ist doch verpflichtet, die Beleidigung des Gouverneurs von R. zu strafen, und kann unmöglich den Beleidiger auszeichnen.“

„Es geschieht aber dennoch – und wie ich fürchte, absichtlich, aus Opposition gegen den Freiherrn. – Ich sehe überhaupt nicht ein, Mathilde, weshalb Dir und Deinem Schwager der Antrag des Assessors so unerhört erschien. Statt ihn abzuweisen und ihn dadurch zu diesem verzweifelten Schritte zu treiben, hättet Ihr ihm Hoffnung geben sollen.“

„Hoffnung geben?“ wiederholte die Baronin. „Ich bitte Dich, Therese – er ist ja bürgerlich.“

„Das ist kein unübersteigliches Hinderniß,“ erklärte die Gräfin, die sich als weltkluge, praktische Frau sehr wenig von Standesvorurtheilen beeinflussen ließ und offenbar ganz von der Persönlichkeit Georg’s eingenommen war. „Wozu giebt es denn Adelsdiplome? Raven war auch bürgerlich, als Deine Schwester sich mit ihm verlobte.“

„Das war ein Ausnahmefall, und Assessor Winterfeld –“

„Wird eine ganz ähnliche Carrière machen. Sieh mich nicht so erstaunt an! Ich spreche nur die allgemeine Annahme aus. Nach jenem allerdings sehr kühnen Schritte, der die Augen des ganzen Landes auf ihn gerichtet hat, darf er nicht mehr fürchten, übersehen zu werden. Hätte er sich nun vollends noch mit einer altaristokratischen Familie, wie es die Deinige ist, verbunden, so fehlte ihm nichts mehr auf dem Wege zu einer Höhe, wie Freiherr von Raven sie erreichte.“

Frau von Harder war sehr nachdenkend geworden. Sie war gewohnt, sich dem Urtheil der ihr geistig überlegenen Freundin unterzuordnen, und nach deren Schilderung erschien ihr Winterfeld in einem ganz anderen Lichte. Es fehlte nicht viel, so regte sich wieder die Vorliebe, die sie im Anfange der Bekanntschaft für Georg hegte.

Der Eintritt des Grafen Selteneck machte dem Gespräch ein Ende. Er wollte die Damen nach der Oper begleiten, hatte aber noch einen Besuch gemacht, von dem er jetzt erst zurückkehrte. Man begrüßte sich und tauschte einige gleichgültige Fragen und Erwiderungen aus. Die Gräfin meinte, daß es nun wohl Zeit sein dürfte, aufzubrechen, und wollte nach dem Wagen klingeln, aber ihr Gemahl hielt sie zurück.

„Einen Augenblick, Therese!“ sagte er leichthin. „Ich möchte vorher noch eine Kleinigkeit mit Dir besprechen. Die Frau Baronin entschuldigt uns wohl auf einige Minuten.“

Die Baronin bat, sich ihretwegen nicht stören zu lassen, und der Graf trat mit seiner Frau in das Nebenzimmer.

„Was ist denn vorgefallen?“ fragte diese unruhig.

„Ich habe Nachrichten erhalten,“ entgegnete der Graf halblaut,

[502] „die Frau von Harder sehr peinlich berühren werden. Sie betreffen ihren Schwager, den Freiherrn von Raven.“

Er hatte die Thür nach dem Salon geschlossen, aber das Zimmer hatte noch einen zweiten Ausgang, der nur durch eine Portière verdeckt war. Die Sprechenden blieben in unmittelbarer Nähe desselben stehen, gerade in dem Augenblicke, wo Gabriele eintreten wollte, um sich nach dem Salon zu begeben. Sie vernahm die letzten Worte und den Namen des Freiherrn, und das war genug, sie unbeweglich an den Platz zu fesseln, wo sie stand. Hinter der Portière verborgen, lauschte sie athemlos.

„Der Gouverneur hat doch nicht etwa seine Entlassung genommen?“ fragte die Gräfin.

„Davon ist jetzt nicht mehr die Rede,“ sagte Selteneck. „Wäre dem so, nun, so theilte er das Schicksal mancher hohen Staatsbeamten, die nur zeitweise vom Schauplatz abtreten. Was ich soeben bei meinem Bruder hörte, ist so ernster Natur, daß, wenn es sich bestätigt – und es stammt direct aus dem Ministerium – der Freiherr ein für alle Mal unmöglich geworden ist.“

Die Gräfin sah ihren Gemahl erschrocken an; er fuhr in gedämpftem, aber für Gabriele deutlich vernehmbaren Tone fort:

„Die erste Zeitung von R. hat einen Artikel gebracht, der eine geradezu vernichtende Anklage gegen den Gouverneur enthält. Man sprach wohl hin und wieder davon, daß auch Raven nicht ganz unbetheiligt an der früheren revolutionären Bewegung gewesen sei, aber wie Viele haben sich damals nicht fortreißen lassen! Das sind Jugendextravaganzen, auf die man kein Gewicht legt, wenn sie bloße Ideen bleiben. In jenem Artikel wird aber behauptet, der Freiherr sei ein Mitglied, ja einer der Führer jener Verbindung gewesen, deren Haupt man in dem Doctor Brunnow – demselben, dessen Wiederverhaftung kürzlich so großes Aufsehen machte – verurtheilt zu haben glaubte. Es wird behauptet, Raven habe in der ehrlosesten Weise seine Freunde verrathen und die sämmtlichen Papiere und Beweismittel ausgeliefert; seine Anstellung im Ministerium sei der Preis dieser Infamie gewesen. Die Beschuldigung ist mit einer Bestimmtheit und Rücksichtslosigkeit ausgesprochen worden, die kaum noch daran zweifeln läßt, und man beruft sich auf das Zeugniß Brunnow’s selbst.“

„Und was hat Raven geantwortet?“ fiel die Gräfin hastig ein.

„Er erklärte Alles für Lüge – das gebietet ihm einfach die Pflicht der Selbsterhaltung, von Gegenbeweisen aber verlautet noch nichts. Gelingt es ihm nicht, die Sache aufzuklären und sich von dem Verdachte zu reinigen, so ist seine Rolle ausgespielt.“

„Die arme Mathilde!“ rief die Gräfin.

Der Graf zuckte die Achseln. „Wollen wir ihr die Vorgänge einstweilen noch verschweigen?“

„Nein,“ erwiderte die Gräfin, sie erfährt sie morgen durch die Zeitungen. „Man muß ihr Alles sagen.“

Beide kamen überein, die beabsichtigte Fahrt nach der Oper aufzugeben und kehrten in den Salon zurück. Gabrielens Antlitz war geisterbleich, als sie ihren Platz verließ und in ihr Zimmer zurückkehrte. Sie täuschte sich keinen Augenblick über die wahre Bedeutung des eben Gehörten. Der Instinct der Liebe lehrte sie den Charakter Raven’s besser beurtheilen, als es der erfahrenste Menschenkenner vermocht hätte. Sie wußte, daß der Freiherr jedem Kampfe, jedem Schicksalsschlage gewachsen war, nur dem Einen nicht, das sich Schande und Demüthigung nannte, und gerade dieses Eine hatte man jetzt über ihn heraufbeschworen.

Während die Gräfin Selteneck der Baronin die peinliche Neuigkeit mittheilte, warf das junge Mädchen am Schreibtische mit fieberhafter Eile einige Zeilen auf das Papier. Es waren nur wenige Worte, und die Adresse lautete an den Assessor Winterfeld. Der Brief fand ihn sicher im Ministerium. Er enthielt nichts weiter, als die Nachricht von ihrem Hiersein, die Bitte, sie morgen im Selteneck’schen Hause aufzusuchen – kein Wort weiter. – –

Am Nachmittage des nächsten Tages trat Georg Winterfeld in den Salon der Gräfin. Gabriele trat auch schon nach wenigen Minuten ein, und Georg eilte ihr mit stürmischer Freude entgegen.

„Gabriele, meine Gabriele, endlich sehen wir uns wieder.“

Er fühlte in seinem Entzücken gar nicht, daß ihre Hand regungslos in der seinigen lag, ohne deren Druck zu erwidern, und daß die ganze Antwort auf seine zärtliche Begrüßung nur in einem matten, traurigen Lächeln bestand. Er fuhr in derselben freudigen Erregung fort:

„Aber was bedeutet das Alles? Ich glaubte Dich noch in R. und erfahre jetzt erst, daß Du hier in der Residenz, in meiner Nähe, weilst. Und wie soll ich mir den Brief erklären, der mich zu Dir ruft? Weiß Deine Mutter von dieser Einladung?“

„Nein,“ sagte Gabriele mit ungewohnter Entschiedenheit. „Sie ist mit der Gräfin Selteneck ausgefahren. Bei ihrer Rückkehr werde ich ihr aber mittheilen, daß und warum ich Dich hergerufen habe. Sie würde diese Unterredung nicht gestattet haben, und ich mußte Dich sprechen.“

Georg sah sie ein wenig erstaunt an. Ein solcher entschlossener Schritt war sonst Gabrielens Sache nicht.

„Auch ich sehnte mich unendlich, Dich zu sprechen,“ erwiderte er. „Es war mir nicht möglich, Dir Nachricht zu geben. Ich kann und darf keine Beziehungen mit dem Hause des Gouverneurs unterhalten, am wenigsten gegen seinen Willen. Du weißt ja, wie ich ihm jetzt gegenüberstehe.“

„Ich habe es von – Anderen hören müssen. Du gingst von mir mit dunklen Andeutungen, die ich kaum verstand. Du ließest die Wahrheit ganz unvorbereitet über mich hereinbrechen.“

Georg verstand den Vorwurf. „Verzeih!“ bat er innig. „Es geschah einzig und allein um Deinetwillen. Ich durfte Dich nicht zur Mitwisserin eines Vorhabens machen, das gegen den Mann gerichtet war, in dessen Hause, unter dessen Schutze Du lebst. Zürnst Du mir deswegen? Du ahnst nicht, wie viele Kämpfe ich mit mir selbst zu bestehen hatte, ehe ich mich zu diesem Schritte entschloß.“

„Er hat Dir ja Glück gebracht –“ die Stimme des jungen Mädchens hatte einen seltsamen, beinahe hohnvollen Klang – er hob Dich mit einem Schlage aus der Verborgenheit empor: „Dein Name wird jetzt überall genannt.“

Das schöne, ernste Antlitz Winterfeld’s verdüsterte sich. „Es drückt mich schwer genug, daß es durch eine solche Veranlassung geschieht. Ich hatte auf diesen Erfolg am wenigsten gerechnet. Oder zweifelst Du an dem, was ich Dir bei unserer Trennung sagte? Zweifelst Du daran, Gabriele, daß kein persönliches Rachegefühl gegen den Freiherrn mich antrieb und daß jene Schrift entstand, ehe wir uns kannten? Ich war darauf gefaßt, daß sie mir verhängnißvoll werden würde, denn ich kannte den Gegner, den ich reizte. Meine Stellung, meine ganze Zukunft vielleicht standen auf dem Spiele, aber es galt, die tyrannische Macht eines Mannes zu brechen, an den sich Niemand wagte. Ich wagte es und war bereit, die Folgen zu tragen, doch wenn je eine Sache eine unerwartete Wendung nahm, so war es diese. Ich wurde von allen Seiten gedeckt und gestützt, und der Gouverneur wurde preisgegeben. Ich hatte keine Ahnung davon, welche mächtige Strömung gerade in den Kreisen, die ich am meisten fürchtete, mein Auftreten begünstigte.“

Er hatte klar und ruhig gesprochen, aber in seinem Auge lag eine unruhige und schmerzliche Frage, welche die Lippen verschwiegen. Er konnte sich in das Wesen der Geliebten nicht finden; sie stand ihm so fremd, so kalt gegenüber, ohne ein Zeichen der Theilnahme. Kein Wort der Zärtlichkeit fiel bei diesem Wiedersehen nach wochenlanger Trennung; statt dessen wurden Dinge erörtert, die Gabrielen einst unendlich fern lagen und jetzt ihr alleiniges Interesse zu fesseln schienen. Was war mit ihr vorgegangen?

„Noch eine Frage, Georg!“ nahm sie wieder das Wort. „Jener letzte Angriff, jene schändliche Verleumdung, welche die Zeitungen brachten – hast Du irgend einen Antheil daran.“

„Nein, die plötzliche Enthüllung überraschte mich nicht weniger als Andere, und ich weiß nicht, von wem sie stammt. Ich kämpfe nicht mit anonymen Beschuldigungen, die sich an eine längst entschwundene Vergangenheit heften. Wenn ich jene Thatsache für meine Schrift hätte verwerten wollen, so wäre der Sturz des Gouverneurs längst entschieden, denn ich kannte sie schon seit Monaten.“

„Die Thatsache?“ fuhr Gabriele auf. „Es ist eine Lüge. Wie kannst Du nur einen Augenblick daran zweifeln?“

„Es ist eine Thatsache,“ sagte der junge Mann ernst. „Ich weiß sie aus dem Munde eines Mannes, dem es schwer genug wurde, als Ankläger gegen seinen einstigen Freund aufzutreten. Es ist der Vater Max Brunnow’s.“

[502] „Und ich sage Dir dennoch: es ist Verleumdung,“ rief Gabriele mit flammenden Augen. „Arno kann keine Ehrlosigkeit begehen und hat sie nicht begangen. Er erklärt es für eine Lüge; folglich ist es eine Lüge, und wenn die ganze Welt ihn anklagt, ich glaube ihm allein.“

„Arno? – Du glaubst ihm allein?“ wiederholte Georg langsam. „Was – was soll das heißen?“

„Alles verläßt ihn jetzt,“ fuhr Gabriele in ausbrechender Leidenschaft fort, „Alles stürmt auf ihn ein. So lange er hoch und mächtig dastand, wagte es Niemand, ihn anzurühren, aber seit Du das Signal zum Angriff gegeben hast, wird er von allen Seiten verfolgt und zum Untergange gehetzt. Und wenn er trotz alledem Stand hält, so greift man zu dem letzten Mittel und verwundet ihn tödtlich an seiner Ehre. O, ich weiß nur zu gut, weshalb er mich fortsandte. Er ahnte, was bevorstand; er wollte allein sein in seinem Sturze.“

Georg war todtenbleich gewordenen; seine Augen hafteten starr und angstvoll auf dem Gesicht des glühend erregten Mädchens. Diese Heftigkeit verrieth zu viel, und das Herz des jungen Mannes zog sich krampfhaft zusammen. Er ahnte den Tod seines Glückes.

„Was ist zwischen Dir und dem Freiherrn vorgegangen?“ fragte er. „So vertheidigt man nicht einen Vormund, einen Verwandten; so hättest Du von mir sprechen müssen, wenn mich eine Gefahr bedrohte. Was ist geschehen während unserer Trennung? Gabriele – nein, es ist unmöglich – Du kannst diesen Raven nicht lieben.“

Sie gab keine Antwort, aber sie sank auf den Sessel und brach, das Gesicht in den Händen verbergend, in lautes Weinen aus. Einige Minuten lang herrschte ein banges Schweigen, das nur von dem Schluchzen Gabrielens unterbrochen wurde. Georg stand regungslos da; er bedurfte keiner anderen Antwort, aber die Entdeckung kam zu jäh, zu unerwartet.

„Du liebst ihn also,“ sagte er endlich tonlos. „Und er – jetzt begreife ich seinen Haß gegen mich, seine wilde Gereiztheit, als er meine Liebe entdeckte. Darum also riß er uns so unerbittlich von einander; darum nahm er mir jede Hoffnung auf Deinen Besitz. Daß er mir auch Deine Liebe nehmen würde, das – habe ich nicht geglaubt.“

Gabriele trocknete ihre Thränen und richtete sich empor. „Verzeih’ mir, Georg! Ich fühle die ganze Schwere meines Unrechtes gegen Dich, aber ich kann nicht anders. Ich habe die Liebe nicht gekannt, als ich Dir mein Wort gab; ich lernte sie erst kennen, als Arno mir entgegentrat, und jetzt wäre es Verrath gegen Dich, wollte ich Dir noch länger die Wahrheit verschweigen. Ich habe gekämpft, so lange der Kampf überhaupt möglich war; noch gestern schwankte und zweifelte ich, da kam jene Nachricht, und da war es vorbei mit jedem Zweifel. Ich weiß jetzt, wo allein mein Platz ist, und werde ihn behaupten, aber zuvor mußtest Du Alles wissen. Gieb mir mein Wort zurück! Ich bitte Dich – ich kann es Dir nicht halten.“

Der junge Mann stand im heftigsten Kampfe da.

„Hast Du mich gerufen, um mir das zu sagen?“ fragte er.

„Ja,“ war die kaum hörbare Antwort.

„Du bist frei in dem Augenblicke, wo Du frei sein willst,“ sagte Georg mit tiefster Bitterkeit. „Ich gelobte Dir, daß nichts auf der Welt mich bewegen werde, auf Deine Hand zu verzichten, ich müßte denn aus Deinem eigenen Munde hören, daß Du mich aufgiebst. Ich habe es gehört – lebe wohl!“

Er wandte sich ab und schritt nach der Thür. Gabriele eilte ihm nach und legte die Hand auf seinen Arm.

„Geh’ nicht so von mir, Georg! Sage, daß Du mir verzeihst! Reiße Dich nicht in Haß und Bitterkeit von mir los! Ich ertrage es nicht, wenn Du mir zürnst.“

Das war wieder der alte süße Ton, der so oft seine bestrickende Macht geübt hatte, er hemmte auch jetzt den Schritt des jungen Mannes, und als das holde thränenfeuchte Antlitz sich so angstvoll stehend zu ihm emporhob, da wollte auch sein tief verletzter Stolz nicht mehr Stand halten. Er umfing die noch immer so leidenschaftlich Geliebte.

„Muß ich Dich denn verlieren?“ fragte er in bebendem Tone. „Besinne Dich, Gabriele! Opfere nicht so schnell unser Glück und unsere Liebe! Die Leidenschaft Raven’s hat Dich berückt, geblendet; er versteht es, mit dämonischer Gewalt die Herzen an sich zu ketten, aber er wird nie und nimmermehr ein Weib beglücken können. Du mit Deiner klaren, sonnigen Natur wirst vergehen an der Seite dieses Mannes. Du kennst ihn noch nicht; er verdient Deine Liebe nicht.“

Gabriele machte sich sanft aus seinen Armen los. „Suche ich denn Glück an Arno’s Seite? Ich will ja nur bei ihm sein, wenn Alles ihn verläßt. Ich will sein Schicksal theilen, will mit ihm untergehen, wenn es sein muß. Das ist das einzige Glück, das ich erwarte, und dies eine wenigstens will ich mir nicht nehmen lassen.“

Es lag eine hingebende Zärtlichkeit in diesen Worten, und Georg’s Blick ruhte mit düsterem Schmerze auf dem jugendlichen Wesen, das so schnell die volle aufopfernde Hingebung des Weibes gelernt hatte. So, gerade so hatte er sich seine Gabriele geträumt, als er das frohe, übermüthige Kind zum Ideale seines Lebens erhob, freilich nur geträumt; er hoffte ja nie, daß sie sich zu jener Höhe emporschwingen werde. Jetzt stand dieses Ideal verkörpert vor ihm, und in demselben Augenblicke erfuhr er, daß es ihm auf immer verloren sei.

„So laß uns scheiden!“ sagte er, seine ganze Fassung zusammenraffend. „Du hast Recht, mit dieser Alles überfluthenden Leidenschaft für einen Anderen im Herzen kannst Du nicht die Meine werden. Auch ohne Deine Bitte hätte ich Dich freigegeben nach diesem Geständniß. Weine nicht, Gabriele! Ich habe ja keinen Haß, keinen Vorwurf gegen Dich, nur gegen ihn, der Dich mir raubte. Du warst das Glück, der Inhalt meines Lebens. Wie ich es tragen werde, wenn Du darin fehlst, weiß ich nicht. Leb’ wohl!“

Er zog sie noch einmal an sich, drückte noch einmal seine Lippen auf die ihrigen und eilte dann fort aus dem Hause, das er mit so frohen Hoffnungen betreten hatte und nun mit einem vernichteten Lebensglücke verließ. Gabriele blieb allein zurück, sie weinte nicht mehr, aber es war ein unnennbares Weh, das jetzt ihr Inneres durchzuckte. Sie fühlte, daß mit der Liebe Georg’s das Beste und Edelste aus ihrem Leben geschieden war.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 31, S. 512–514
Fortsetzungsroman – Teil 23


[512] „Nun, Gott sei Dank, daß die unselige Geschichte ein so glückliches Ende genommen hat! Es brachte mich fast zur Verzweiflung, daß ich die Veranlassung dazu sein mußte. Ich gratulire Dir von Herzen zu Deiner Befreiung, Papa.“

Mit diesen Worten umarmte Max Brunnow herzlich seinen Vater, der mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte:

„Die Sache kam mir nicht ganz unerwartet. Ich hatte schon vor einiger Zeit einen ziemlich deutliche Wink erhalten und zwar vom Polizeidirector selbst.“

„Die Presse hat sich aber auch wacker Deiner angenommen.“ sagte Max. „In allen Zeitungen wurde der Ruf nach Begnadigung laut und das Publicum hatte nun vollends vom ersten Tage an leidenschaftlich Partei für Dich genommen.“

Dieses Gespräch fand in der ehemaligen Wohnung des Assessor Winterfeld statt, die dieser bei der schnellen und unerwarteten Abreise von R. seinem Freunde überlassen hatte. Max war unmittelbar nach seiner Genesung wieder dorthin zurückgekehrt und hatte vor einigen Stunden den Vater bei dessen Entlassung aus der Haft abgeholt. Die von allen Seiten erwartete Begnadigung Brunnow’s war nun wirklich erfolgt und mit allgemeiner Genugthuung begrüßt worden. Man hatte schließlich über den Starrsinn des Doctors hinweggesehen, der sich zu keiner Bitte und keinem Schritte seinerseits verstehen wollte; er war vollständig amnestirt worden. Trotzdem sah er düster und niedergeschlagen aus. Er war blaß und offenbar angegriffen. Max dagegen war völlig unverändert. Seine kräftige Natur hatte, wie er vorausgesehen, ungemein rasch die Folgen der Krankheit überwunden, nur die frische Narbe auf der Stirn erinnerte noch daran. Im Uebrigen aber war das sonst ziemlich rücksichtslose Benehmen des jungen Mannes der rücksichtsvollsten Herzlichkeit dem Vater gegenüber gewichen. Er empfand tief die Aufopferung desselben, und auch Brunnow fühlte jetzt erst, was der Sohn ihm werth war. Jene Stunde am Krankenbette hatte das einst so gespannte Verhältniß zwischen den Beiden in das innigste Einverständniß gewandelt.

„Nun aber zu andere Dingen!“ sagte Max abbrechend. „Ich habe Dir ein Geständniß zu machen. Sieh mich einmal an, Papa. Bemerkst Du gar nichts Außergewöhnliches an mir?“

Brunnow musterte ihn etwas verwundert vom Kopfe bis zu den Füßen. „Nein, Ich finde nur, daß Du Dich außerordentlich schnell erholt hast; sonst bemerke ich nichts.“

Max richtete sich würdevoll empor, trat dicht vor seinen Vater hin und erklärte mit Selbstgefühl:

„Ich bin Bräutigam.“

„Bräutigam – Du?“ wiederholte der Doctor überrascht.

„Schon seit mehreren Wochen. Es stand in der letzten Zeit allzuviel für uns auf dem Spiele, als daß ich Dich mit meinen Herzensangelegenheiten hätte behelligen können. Jetzt aber, wo Du frei und gerettet bist, bitte ich um Deine Zustimmung. Du kennst meine Braut bereits; es ist Hofrath Moser’s Tochter.“

„Wie, doch nicht etwa das junge Mädchen, das mir Auskunft über Dein Befinden gab? Unmöglich!“

„Weshalb unmöglich? Mißfällt Dir Agnes?“

„Das nicht, aber diese zarte, blasse Erscheinung, mit den schwärmerisch dunklen Augen ist doch sicher nicht Dein Geschmack. Und dann diese seltsame nonnenhafte Kleidung; ich glaubte eine barmherzige Schwester zu sehen, die man zu Deiner Pflege hergerufen hatte.“

„Sie will auch in’s Kloster gehen,“ sagte Max. „Ich werde mich wohl noch mit der Frau Aebtissin, dem Herrn Beichtvater und einem halben Dutzend Hochwürdigen herumschlagen müssen, ehe es zur Trauung kommt.“

„Aber Max!“ fiel der Vater ein.

„Agnes ist ausnehmend zart und auch kränklich,“ fuhr Max fort, „aber es ist nichts Gefährliches, nur nervöse Ueberreizung. Ich werde sie schon gesund machen, wofür bin ich denn Arzt? Vom Hauswesen versteht sie allerdings leider gar nichts.“

„Da Du Dein Heirathsprogramm so ausgezeichnet inne hältst,“ spottete Brunnow, „wie steht es denn mit dem ersten und Hauptparagraphen desselben, mit dem Vermögen, das Du für unerläßlich erklärtest?“

Der junge Arzt machte ein ziemlich verlegenes Gesicht.

„Pah, ich habe eingesehen, daß es gar nicht darauf ankommt. Traust Du mir nicht die Fähigkeit zu, meine Frau und meinen Hausstand allein zu erhalten? Auf Vermögen kann ich allerdings nicht rechnen.“

„Nun, das muß man sagen, Du gehst consequent zu Werke,“ brach der Vater aus. „Das läuft ja Alles auf das directe Gegentheil Deiner früheren Ansichten hinaus. Was ist denn eigentlich mit Dir vorgegangen?“

Max seufzte tief auf. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube, der Idealismus ist jetzt auch bei mir zum Durchbruch gekommen. Du hast Dir Dein Lebenlang umsonst Mühe gegeben, ihn mir beizubringen. Agnes ist das in wenigen Woche gelungen, und da Du diese Eigenschaft stets bei mir vermißt hast, so hoffe ich, Du wirst darüber entzückt sein.“

Der Doctor sah nichts weniger als entzückt aus. Er betrachtete den so plötzlich ausgebrochenen Idealismus seines Sohnes mit offenbarem Mißtrauen.

„Aber Max, das geht nimmermehr,“ sagte er kopfschüttelnd. „Ein junges Mädchen, in Klosterideen erzogen, zur religiösen Schwärmerei geneigt, die Tochter eines Bureaukraten vom reinsten Wasser, willst Du in unsere Lebenskreise und Lebensanschauungen verpflanzen? So bedenke doch –“

„Ich bedenke gar nichts, sondern ich heirathe,“ unterbrach ihn Max. „Alles, was Du mir da einwirfst, habe ich mir hundertmal selbst vorgehalten, es hat aber nichts geholfen. Ich muß Agnes haben, und sollte ich alle Hindernisse, inclusive den Papa Hofrath und seine weiße Halsbinde, im Sturme nehmen.“

„Ja, der Hofrath,“ fiel Brunnow ein. „Was sagt er denn zu der Sache?“

„Vorläufig noch gar nichts, denn er weiß noch nichts davon. Ich konnte ihn begreiflicher Weise nicht um die Hand seiner Tochter bitten, während Du als ehemaliger Hochverräther im Gefängnisse saßest, jetzt aber werde ich mit meinem Antrage nicht länger zögern. Er wird mich zur Thür hinauswerfen, wenigstens wird er die freundliche Absicht äußern, es zu thun, aber ich bin nicht so leicht von einem Platze fortzubringen, den ich behaupten will. Ich halte Stand. – Sieh nicht so bedenklich aus, Papa. Ich versichere Dir, wenn Du Agnes erst kennst, so wirst Du zugeben, daß diese Verlobung der gescheiteste Streich meines ganzen Lebens war.“

Der Doctor mußte wider Willen lächeln. Wir wollen es abwarten. Wenn Du aber, wie vorauszusehen, einen längeren Widerstand bei dem Vater Deiner Braut zu überwinden hast, so werde ich sie für jetzt kaum sehen und sprechen können. Ich reise ja schon übermorgen nach Hause.“

„So gieb doch endlich diese Idee auf!“ bat Max. „Weshalb willst Du nicht warten, bis ich Dich begleite? Unsere Erbschaftsangelegenheit ist zwar glücklich beendigt, aber es ist noch so Manches zu erledigen. So hat sich zum Beispiel ein Käufer für das Gut des Vetters gefunden, und es wäre wohl am besten, wenn er persönlich mit Dir Rücksprache nehmen könnte.“

„Nein, nein!“ wehrte Brunnow ab. „Du hast ja hinreichende Vollmacht und erledigst dergleichen praktische Dinge viel besser, als ich selber. Ich will fort, so bald wie möglich.“

„Ich begreife Dich wirklich nicht,“ meinte Max, „Du hast Dich so oft noch dem Vaterlande gesehnt, und jetzt, wo es Dir wieder offen steht, fliehest Du es förmlich.“

Brunnow hatte sich niedergesetzt und stützte den Kopf in die Hand; der schmerzliche, gramvolle Zug in seinem Antlitz trat deutlicher als je hervor, als er entgegnete:

„Ich bin fremd geworden in meinem Vaterlande. Und glaubst Du, es macht mir Freude, wenn ich bei den Enthüllungen über die Vergangenheit Raven’s als Zeuge aufgerufen werde? Ich muß antworten, wenn man mich fragt, und ich will nicht gefragt sein, wenigstens hier nicht.“

[513] „Warum nicht?“ warf Max ein, „Du hast Dich stets mit der größten Erbitterung gegen das unheilvolle Regiment des Freiherrn ausgesprochen, hast seinen Sturz als eine Nothwendigkeit bezeichnet, und jetzt, wo dieser Sturz allen Anzeichen nach bevorsteht, willst Du nicht die Hand dazu bieten?“

„Laß das, Max,“ sagte der Doctor finster. „Du weißt nicht, was es heißt, einen tödtlichen Schlag gegen den zu führen, den man einst geliebt hat mit der ganzen Gluth seiner Seele. Ich hoffte, Winterfeld würde mit seinem Angriffe durchdringen, ich hätte Arno Raven besser kennen sollen. Er hielt auch diesem Gegner Stand – zu seinem Unglück. Damals hätte er noch weichen, zurücktreten können, jetzt fällt er, fällt als ehrloser Verräther, gebrandmarkt mit der Schande der Verachtung, und das ist für eine Natur wie die seinige zehnfacher Tod. Ich –“ hier erhob sich Brunnow mit Heftigkeit – „ich will ihm nicht auch noch den letzten Stoß versetzen. Mögen die, welche das Werk begonnen haben, es auch vollenden! Es bleibt dabei; ich reise übermorgen.“

Max drang nicht weiter in den Vater. „Ich werde Dir wohl erst in einigen Wochen folgen können,“ bemerkte er nach einer kurzen Pause. „Ich verlasse R. nur als erklärter Bräutigam, wenn ich die Einwilligung des Hofraths und überdies die Gewißheit habe, daß Agnes vor etwaigen Einflüsterungen und Quälereien der geistlichen Vormundschaft sicher ist. Aber vor allen Dingen – darf ich auf Deine Zustimmung rechnen?“

Er hielt dem Vater bittend die Hand hin, und dieser legte ohne Zögern die seinige hinein.

„Ich habe Deine Braut nur einmal gesehen,“ sagte er, „und gerade weil ihr Anblick mich so sympathisch berührte, glaubte ich nicht, daß sie im Stande wäre, Dich zu fesseln. Wir waren bisher sehr verschieden in unseren Neigungen. Meine Bedenken gelten einzig der Verschiedenheit Eurer Erziehung und Charaktere; wenn Du glaubst, das überwinden zu können, mein Sohn – ich will Dich nur glücklich wissen.“

Ein herzlicher Händedruck besiegelte die Worte, und Max rief triumphirend: „Jetzt gehe ich stehenden Fußes zu dem Hofrath und jage den allergetreuesten Unterthan seines allergnädigsten Souverains in Entsetzen mit der Aussicht auf einen demagogischen Schwiegersohn. Ich darf Dich doch auf eine Stunde allein lassen, Papa? Du brauchst ohnehin Ruhe nach all den Glückwünschen und Antheilbezeigungen, mit denen man Dich heute Morgen überschüttet hat. Auf Wiedersehen – ich laufe Sturm auf meinen künftigen Schwiegervater.“ – –

Der Hofrath Moser saß ohne jede Ahnung dessen, was ihm bevorstand, in seinem Wohnzimmer und las die Zeitungen; sie verdarben ihm seinen Kaffee und seine Ruhe. Der Hofrath las natürlich nur die Regierungsblätter, aber auch diese vermochten es nicht mehr, die traurige Thatsache zu verschleiern, daß es rettungslos abwärts ging mit dem Staate, immer weiter auf der abschüssigen Bahn des Liberalismus. Und nun vollends die Nachrichten aus R., die jetzt eine stehende Rubrik in den größeren Journalen bildete! Moser hatte längst mit Erstaunen und Befremdung bemerkt, daß die gesammte Regierungspresse, statt in der nachdrücklichsten Weise für den Gouverneur der -schen Provinz Partei zu nehmen, sich zu der ganzen Angelegenheit sehr lau und gleichgültig verhielt, ihr Verhalten den letzten Vorgängen gegenüber aber überstieg alle Begriffe. Keine energische Vertheidigung des Freiherrn, keine Empörung über die schändliche Anklage, nichts von Maßregeln gegen die verleumderische Zeitung! Man sprach von einer „unglaublichen Beschuldigung“, hoffte, daß es dem Gouverneur gelingen werde, sich davon zu reinigen und deutete an, daß im andere Falle seine Entlassung unvermeidlich sei; man gab also doch die Möglichkeit jener Thatsache zu. Und unmittelbar unter diesem Artikel stand die Nachricht, daß der ehemalige Hochverräther, Doctor Rudolph Brunnow, vollständig begnadigt und heute aus der Haft entlassen worden sei. Der Hofrath versank in finstere Gedanken.

Er ging schon seit längerer Zeit mit dem Entschlusse um, sich pensioniren zu lassen. Seiner Pflicht gegen den Staat hatte er in beinahe vierzigjährige Dienste Genüge geleistet. Seine Tochter, das einzige Kind einer spät geschlossenen und früh durch den Tod zerrissenen Ehe, verließ ihn schon im nächsten Monat, um als Novize in ein Kloster zu treten; er selbst war alt und der Ruhe bedürftig. Auch seine Stellung, einst sein höchster Stolz, machte ihm keine Freude mehr. Der neue Geist, der jetzt durch das Land wehte, drang selbst bis in die geheiligten Räume der Regierungskanzlei. Noch hielt die eiserne Hand des Freiherrn die Zügel straff, aber Moser dachte mit Schrecken daran, was geschehen werde, wenn diese Hand nun wirklich niedersank. Er glaubte kein Wort von den Lügen, die man überall ausstreute. Der Gouverneur konnte und mußte sie zu Boden schmettern, aber nach der unerhörten Behandlung, die er von der Regierung selbst erfuhr, entschloß er sich schwerlich zum Bleiben. Der Hofrath fühlte, daß seine Zeit vorbei sei, und war fest entschlossen, dem Beispiele seines Chefs zu folgen, wenn dieser seine Entlassung nahm.

Das Oeffnen der Thür weckte Moser aus seinen Grübeleien. Christine meldete den Herrn Doctor Brunnow, und gleich darauf trat dieser ein. Der Hofrath stand auf und ging dem Gaste mit steifer Höflichkeit entgegen.

„Ich hoffe, Sie werden es nicht mißdeuten, Herr Hofrath, daß ich in den letzten beiden Wochen Ihrem Hause fern geblieben bin,“ begann Max nach der ersten Begrüßung, indem er den angebotenen Platz einnahm. „Es war nur die Rücksicht auf Sie und Ihre Stellung. – – Jetzt, da mein Vater – –“

„Ich weiß bereits von seiner Begnadigung,“ fiel der Hofrath ein, ohne seine Förmlichkeit fahren zu lassen. „Unser allergnädigster Souverain hat verziehen.“

„Ja, und damit ist das Vergangene vollständig ausgeglichen,“ sagte Max mit Beziehung. „Was meinen Vater betrifft, so wird er allerdings nicht von der Erlaubniß Gebrauch machen, in seinem Vaterlande zu bleiben.“

„Nicht?“ fragte Moser sichtlich erleichtert. Der Gedanke, daß er dem ehemaligen Hochverräther freundschaftlich die Hand gedrückt hatte, lastete noch immer auf seinem Gewissen.

„Nein, er kehrt nach der Schweiz zurück, die ihm wie mir eine zweite Heimath geworden ist,“ erklärte der junge Arzt. „Wir werden auch künftig dort leben. Zuvor aber drängt es mich, Ihnen nochmals meinen Dank auszusprechen für Alles, was ich in Ihrem Hause Gutes empfangen habe. Ich werde es nie vergessen.“

Der Hofrath neigte zustimmend das Haupt; er fand diesen Dank ganz in der Ordnung.

„Sie kommen also, um Abschied zu nehmen?“ fragte er. „Ich freue mich aufrichtig, Sie wieder so völlig kräftig und lebensfrisch zu sehen, und auch meine Tochter wird erfreut sein, wenn ich es ihr mittheile.“

Diese Mittheilung war nun gerade nicht nöthig, denn Agnes wußte sehr genau, wie es mit ihrem früheren Patienten stand. Seit er das Haus ihres Vaters verlassen hatte, sah sie ihn regelmäßig bei ihrem beiderseitige Schützlinge, der Frau des Copisten. Diese war zwar vollständig wieder hergestellt und bedurfte weder des ärztlichen Beistandes noch des geistlichen Trostes mehr, aber Arzt und Trösterin setzten mit rührender Ausdauer ihre Besuche fort.

„Dem Fräulein,“ entgegnete Max, „bin ich noch ganz besonderen Dank schuldig. Sie allein – ihre aufopfernde Pflege hat mich dem Leben zurückgegeben, und Sie gestatten es daher wohl, daß ich in Bezug auf Fräulein Agnes noch eine Bitte ausspreche.“

Moser nickte zum zweiten Male; er war geneigt die Bitte zu gewähren, die jedenfalls auf die Erlaubniß hinausging, sich auch von Agnes verabschieden zu dürfen.

Aber Max erhob sich und sagte ohne alle Ceremonie: „Ich bitte um die Hand Ihrer Tochter.“

Der Hofrath, der eben im Begriff war, zum dritten Male zu nicken, hielt inne und saß mit offenem Munde da. Im ersten Augenblicke faßte er überhaupt nicht, wovon die Rede war, dann erhob er sich gleichfalls, aber nicht stürmisch, sondern langsam, feierlich. Die lange Gestalt wuchs immer höher aus dem Lehnstuhle empor, wurde immer länger und unheimlicher, bis sie endlich in ihrer vollen Größe dastand und über die hohe weiße Halsbinde hinweg vernichtend auf den jungen Arzt herniederschaute, der jedoch dadurch nicht im Mindesten aus der Fassung gebracht wurde.

„Ich – ich hörte wohl nicht recht?“ sagte der alte Herr endlich. „Sie meinten –?“

„Ich halte um die Hand Ihrer Tochter an,“ versetzte Max mit Seelenruhe.

„Sind Sie von Sinnen?“ fragte Moser, noch immer erstarrt, denn wenn ihm auch das Unglaubliche wiederholt wurde – begreifen konnte er es nicht.

[514] „Durchaus nicht, ich befinde mich in vollkommen normalem Zustande,“ versicherte Max, und fuhr dann in einem Zuge zu reden fort, ohne seinen Zuhörer zur Besinnung kommen zu lassen: „Was nun meinen Antrag betrifft, so gründet er sich auf die innigste gegenseitige Zuneigung. Die Einwilligung Ihrer Tochter habe ich bereits. Agnes hat mir Herz und Hand gegeben, natürlich unter Vorbehalt Ihrer Zustimmung. Ich bitte hiermit darum und gebe mich der frohen Hoffnung hin, daß es mir vergönnt wird, den Vater meiner Braut auch als den meinigen umarmen zu dürfen. Also, mein theurer Schwiegervater –“

Er ging mit ausgebreitete Armen auf den Hofrath zu, aber dieser rettete sich durch einen Sprung vor der beabsichtigten Umarmung. Das schreckliche Wort „Schwiegervater“ riß ihn aus seiner Erstarrung. Mit einer bloßen Ueberrumpelung war der alte Bureaukrat denn doch nicht zu erobern.

„Sie sprechen in vollem Ernste von einer Heirath?“ rief er. „Von einer Heirath mit meiner Tochter, deren Bestimmung für das Kloster Sie doch kennen? Und das wagen Sie, der Sohn eines Staatsverbrechers – – eines Staatsverräthers?“

„Mein Gott, ich suche ja keine Staatsanstellung, sondern eine Frau,“ vertheidigte sich der junge Arzt. „Ich begreife wirklich nicht, weshalb Sie sich über meinen Antrag so entsetzen.“

„Das fragen Sie noch? Ihr Vater hat die Regierung umstürzen wollen.“

„Nun, ich habe nicht dabei geholfen, und das wäre auch nicht gut möglich gewesen, da ich damals soeben erst das vierte Lebensjahr erreicht hatte. Uebrigens sind das alte, längst vergessene Geschichten; mein Vater ist anmestirt worden.“

„Revolutionär bleibt Revolutionär!“ erklärte der Hofrath mit Nachdruck. „Die Amnestie kann wohl die Strafe abwenden, aber sie kann niemals die Vergangenheit auslöschen.“

Max nahm eine entrüstete Miene an. „Wie, Herr Hofrath – das muß ich von Ihnen hören? Sie, der sich stets rühmte, der loyalste Unterthan seines Souverains zu sein, Sie weigern sich jetzt, dessen Beschlüsse anzuerkennen? Der allergnädigste Souverain hat verziehen, sagen Sie selbst; er will, daß das Vergangene vergessen und ausgelöscht sein soll. Sie wollen das nicht, Sie erlauben sich einen Eingriff in die allerhöchsten Entschließungen, eine Auflehnung gegen die Autorität des Landesherrn. Das ist Opposition, Rebellion mit einem Worte – Hochverrath.“

Diese wunderbare Beweisführung wurde mit einer solchen Geläufigkeit und Sicherheit gegeben, daß es unmöglich war, ein Wort dazwischen zu werfen oder darüber nachzudenken. Der Hofrath war denn auch vollständig verblüfft. Er starrte den Sprechenden ganz fassungslos an und fragte endlich kleinlaut:

„Meinen Sie das wirklich?“

„Es ist meine unumstößliche Meinung. Um nun aber wieder auf meinen Heirathsantrag zu kommen –“

„Kein Wort davon!“ unterbrach ihn Moser. „Es ist Beleidigung. Meine Tochter ist die Braut des Himmels.“

„Ich bitte um Entschuldigung, sie ist meine Braut,“ behauptete Max. „Der Himmel kann warten, ich aber nicht. Nach fünfzigjähriger glücklicher Ehe habe ich nichts dagegen, ihm Agnes abzutreten, bis dahin aber nehme ich sie für mich ganz allein in Anspruch.“

„Wollen Sie etwa die heilige Bestimmung meines Kindes verspotten?“ rief der Hofrath, von Neuem in Wuth gerathend. „Ich weiß es längst, Sie sind ein Ungläubiger, ein Gottesleugner, ein –“ die Stimme versagte ihm, er rang nach Athem und griff mit beiden Händen nach seiner Halsbinde.

„Regen Sie sich nicht auf!“ warnte der junge Arzt. „Solche heftige Erregungen können in Ihrem Alter und bei Ihrer Constitution gefährlich werden. Sie neigen entschieden zu Schlagflüssen.“ Die lange, hagere Gestalt Moser’s widersprach auf das Entschiedenste dieser Annahme, aber das kümmerte den Doctor Brunnow nicht, der ruhig fortfuhr: „Nebenbei gesagt, es ist bei einer solchen Constitution von unglaublichem Vortheil, einen Schwiegersohn zu haben, der Arzt ist und selbstverständlich mit großer Sorgfalt über das Leben und die Gesundheit seines Schwiegervaters wachen würde. Wie gesagt, Sie dürfen sich nicht aufregen.“

Sie regen mich auf,“ rief der Hofrath, der bei dieser fortwährenden Betonung des schwiegerväterlichen Verhältnisses ganz wild wurde. „Sie werden mir einen Schlaganfall zuziehen mit Ihren abscheulichen Behauptungen. Ich fühle mich schon ganz unwohl – das Blut steigt mir nach dem Kopfe; ich brauche Luft –“ damit sank er in den Lehnstuhl zurück und faßte wieder nach seiner Halsbinde. Max kam ihm freundschaftlich zu Hülfe und löste den Knoten.

„Wir wollen vor allen Dingen dieses weiße Ungethüm entfernen,“ sagte er. „Dann wird Ihnen leichter werden. Ich habe ein unfehlbares Mittel gegen Congestionen und werde es Ihnen sogleich verschreiben. Dergleichen Zufälle sind bedenklich, – wir müssen vorsichtig sein.“

Moser sah mit Wehmuth seine geliebte Halsbinde in den Händen des Doctors, der sie säuberlich zusammenfaltete und auf den Tisch legte. Mit der Entfernung des „weißen Ungethüms“ schien aber wirklich die Heftigkeit von dem alten Herrn gewichen zu sein, und die Drohung wegen des Schlaganfalls hatte ihn ängstlich gemacht. Er sah geduldig zu, wie sein Quälgeist an den Schreibtisch ging, ein Recept – ein ganz unschädliches nervenstillendes Mittel – verschrieb und mit dem Papier in der Hand zu ihm zurückkehrte.

„Sechs Tropfen in einem Glase Wasser,“ sagte er mit ungemeiner Wichtigkeit.

„Wie oft?“ brummte der Hofrath.

„Dreimal täglich.“

„Ich danke Ihnen.“

„Gar keine Ursache.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 32, S. 534–536
Fortsetzungsroman – Teil 24


[534] Der Hofrath glaubte jetzt den unverwüstlichen Freier los zu werden, aber er irrte sich, der letztere zog, statt zu gehen, einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber.

„Sie willigen also in die Verbindung Ihrer Tochter mit mir?“ begann Max wieder.

Moser wollte von Neuem auffahren, besann sich aber, daß er ja sehr zu Schlaganfällen neige und jede Aufregung vermeiden müsse; er erwiderte daher mit möglichster Ruhe:

„Nein und abermals nein! Ich glaube es nicht, daß Agnes sich so weit vergessen kann, Sie zu lieben. Sie hat den Klosterberuf aus freiem Antriebe erwählt; sie ist eine gehorsame Tochter, eine fromme Katholikin.“

„Und wird eine ganz vorzügliche Gattin werden,“ vollendete Max. „Uebrigens bin ich auch Katholik.“

Moser faltete die Hände. „Ja, aber was für einer!“

„Ich meine nur, die Confession würde kein Hinderniß sein. Meine Verhältnisse sind für den Augenblick allerdings noch etwas bescheiden, aber sie würden einer Frau mit nicht allzu hohen Ansprüchen genügen. Was endlich meine Persönlichkeit betrifft, so würde mein Schwiegervater – –“

„Hören Sie auf mit Ihrem ewigen Schwiegervater!“ stöhnte der Hofrath. „Ich will das nicht hören. Sie sind ein entsetzlicher Mensch.“

„Sie werden sich an mich gewöhnen,“ versicherte der junge Arzt. „Ich darf doch morgen wiederkommen um Sie und meine Braut zu sehen?“

Der alte Herr antwortete nicht, um die Unterredung nicht zu verlängern; er wollte den Plagegeist vor allen Dingen aus dem Hause haben. Morgen wollte er sich einschließen, verriegeln; Max schien auch einzusehen, daß er seinem armen Schwiegervater für heute genug zugesetzt habe, denn er ging wirklich, wandte sich aber an der Thür noch einmal um.

„Herr Hofrath!“

„Was wollen Sie denn noch?“ fragte dieser verzweiflungsvoll.

„Wenn Sie mit Agnes die Sache besprechen, vermeiden Sie jede Aufregung dabei! Sie wissen ja, wie gefährlich das ist. Sechs Tropfen von der Arznei in einem Glase Wasser, dreimal täglich, und vor allen Dingen Mäßigung und Ruhe! Ich würde untröstlich sein, wenn meinem lieben Schwiegervater irgend etwas zustieße.“

Damit ging er endlich. Der Hofrath sank wie zerbrochen in seinen Lehnstuhl zurück; jetzt, wo er sich allein überlassen war, wurde ihm erst klar, wie unerhört man ihn behandelte, und er durfte sich nicht einmal ärgern, er mußte sich ja vor Schlaganfällen hüten. – –

Doctor Brunnow hatte übrigens keineswegs so schnell die Wohnung verlassen, wie Moser voraussetzte. Er stand noch draußen im Vorzimmer und hatte den Arm um Agnes gelegt, als ob sich das ganz von selbst verstände und er bereits anerkannter Bräutigam sei. Das junge Mädchen forschte ängstlich nach dem Inhalt der Unterredung und wollte wissen, was der Vater geantwortet habe.

„Für jetzt sagt er noch Nein,“ erklärte Max, „aber sei ohne Sorge! Er wird schon Ja sagen. Ich rechnete auch gar nicht darauf, daß sich die Festung sogleich ergeben würde; sie muß regelrecht belagert werden. Im Ganzen bin ich mit dem Resultat dieses ersten Sturmlaufes zufrieden; es ist bereits Bresche geschossen, und morgen rücke ich weiter vor.“

„Ach, Max,“ flüsterte Agnes unter Thränen, „was steht uns noch alles bevor! Mir sinkt der Muth im Angesichte all dieser Hindernisse. Ich werde sie nie überwinden.“

„Das ist auch nicht nöthig; das ist meine Sache,“ tröstete der junge Arzt. „Ich bleibe hier, bis alles geordnet und unser Hochzeitstag bestimmt ist. Vorläufig hat Dein Vater Zeit, sich mit der Sache vertraut zu machen, und inzwischen werde ich der Frau Aebtissin und dem Herrn Beichtvater, die Du so sehr fürchtest, hochachtungsvoll und ergebenst unsere Verlobung anzeigen.“

Agnes machte eine Bewegung des Schreckens.

„Einen Theil des Sturmes wirst Du freilich auch aushalten müssen,“ fuhr Max fort, „die Hauptsache aber nehme ich auf mich allein. Sei standhaft, meine Agnes! Ich gebe Dir mein Wort darauf: Dein Vater segnet uns noch höchsteigenhändig.“ Und mit diesen Worten und einem Kusse nahm er Abschied von seiner Braut.




Es war in den Morgenstunden des nächsten Tages. Freiherr von Raven befand sich wie gewöhnlich in seinem Arbeitszimmer, und der Polizeidirector war bei ihm. Der Letztere betrat jetzt nur selten das Regierungsgebäude; einerseits machte die vollständig wieder hergestellte Ruhe in der Stadt die häufigen Meldungen und Conferenzen mit dem Gouverneur überflüssig, andrerseits hatte dieser seit der Verhaftung Brunnow’s eine so zurückweisende Kälte angenommen, daß der Polizeichef die Begegnung mit ihm möglichst vermied. Heute aber führte ihn eine nothwendige Besprechung über amtliche Maßregeln her, und der Gegenstand wurde von beiden Herren so kurz und geschäftsmäßig erledigt, wie es nur möglich war.

Trotzdem behielt der Polizeidirector seine gewohnte verbindliche Art bei, wenn er auch nach dem Beispiele des Gouverneurs gleichfalls sehr zurückhaltend war. Er erlaubte sich keine einzige Hindeutung auf die Vorgänge der letzten Tage. Die Haltung des Freiherrn war stolzer als je, aber es lag etwas in dem Wesen Raven’s, was an das zu Tode gehetzte Wild mahnte, das sein nahes Zusammenbrechen fühlt und, noch einmal die letzten Kräfte zusammenraffend, sich seinen Verfolgern stellt. Die Energie, welche noch immer ungebrochen aus der ganzen Erscheinung des Mannes leuchtete, war vielleicht nicht mehr ein Ausfluß der Kraft, sondern nur der Verzweiflung.

Der Polizeidirector hatte einen Theil seines Vortrages beendet. Er sprach von den neuesten Verfügungen, die ihm zugegangen waren, und berührte dabei auch die Freilassung des Doctor Brunnow, als der Freiherr ihm in die Rede fiel:

„Seit wann ist Brunnow aus der Haft entlassen?“

„Seit gestern Mittag.“

„So?“ bemerkte Raven einsilbig.

„Wie ich höre, beabsichtigt der Doctor morgen schon unsere Stadt zu verlassen,“ fuhr der Polizeidirector fort, „er will aber sofort nach der Schweiz zurückkehren und gedenkt auch den Rest seines Lebens dort zuzubringen.“

„Er thut Recht daran,“ sagte der Freiherr. „Wer so lange Jahre im Exil gelebt hat, findet sich selten oder nie wieder in der Heimath zurecht. Das Adoptivvaterland behauptet schließlich seine Rechte.“

Er sprach das gleichgültig, als handelte es sich um einen völlig Fremden, von dessen Begnadigung er zufällig hörte. Der Polizeidirector ließ sich freilich durch diese Gleichgültigkeit nicht täuschen, aber auch ihm war es, trotz seiner scharfen Beobachtungsgabe, noch nicht gelungen einen Blick in dieses streng verschlossene Innere zu thun und zu entdecken, welche Stellung der Freiherr jener Beschuldigung gegenüber eigentlich einzunehmen beabsichtigte.

Das Gespräch wurde unterbrochen; man brachte dem Gouverneur eine Depesche, die soeben aus der Residenz angelangt war ein großes amtliches Schreiben. Er winkte dem Diener,

[535] sich wieder zu entfernen, und erbrach das Siegel, während er flüchtig sagte:

„Entschuldigen Sie mich nur eine Minute lang!“

„Bitte, Excellenz, legen Sie sich meinetwillen keinen Zwang auf!“ entgegnete der Polizeidirector, aber es war ein ganz eigenthümlicher Blick, mit dem sein Auge bei diesen Worten erst das Schreiben und dann den Empfänger streifte.

Raven entfaltete die Depesche, aber er hatte kaum einen Blick auf den Inhalt geworfen, als er zusammenzuckte. Sein Antlitz wurde erdfahl, und seine Rechte zerknitterte krampfhaft das Papier, während die Linke sich ballte. Ein Beben der Wuth oder des Schmerzes erschütterte die ganze mächtige Gestalt, und einen Augenblick schien sie zusammenbrechen zu wollen.

„Sie haben doch nicht unangenehme Nachrichten erhalten?“ fragte der Polizeichef im Tone unbefangener Theilnahme.

Der Freiherr sah auf. Sein Auge heftete sich durchbohrend auf das Gesicht des Mannes, dessen Rolle er seit der Verhaftung Brunnow’s klar durchschaute, und der Ausdruck eines leisen Hohnes in den Zügen seines Gegenüber verrieth ihm, daß der Polizeidirector den Inhalt des Schreibens bereits kannte – das gab ihm Kraft und Besinnung wieder.

„Ueberraschende Nachrichten wenigstens,“ sagte er, die Depesche bei Seite legend. „Doch dafür findet sich noch später Zeit – bitte, fahren Sie fort!“

Der Angeredete zögerte; diese unglaubliche Selbstbeherrschung imponirte ihm doch. Er war Zeuge davon gewesen, wie furchtbar jener Schlag getroffen hatte, aber es wurde ihm nicht gegönnt, die Wunde bluten zu sehen. Der Getroffene drückte die Hand darauf und stand fest wie zuvor. War denn der Trotz und Hochmuth dieses Raven nie zu brechen?

„Die Hauptsachen haben wir ja bereits besprochen,“ meinte der Polizeidirector mit einer gewissen Verlegenheit. „Wenn Sie anderweitig in Anspruch genommen sind – ich möchte nicht stören.“

„Ich bitte Sie fortzufahren,“ die Stimme des Freiherrn war tonlos, aber fest.

Der also Aufgeforderte sah, daß jede Schonung hier als Beleidigung empfunden werde; er sprach also weiter. Die Bemerkungen, die Raven am Schlusse hinwarf, waren vollkommen zutreffend, aber sie klangen rein mechanisch, und ebenso mechanisch erhob er sich, als der Polizeidirector aufstand, um zu gehen.

„Sonst haben Excellenz keine weiteren Anordnungen zu treffen?“

„Nein,“ entgegnete der Freiherr kalt. „Ich kann Ihnen nur den Rath geben, Ihren Instructionen so pünktlich wie bisher nachzukommen. Dann wird Ihnen die Anerkennung sicher nicht fehlen.“

Der Polizeidirector fand für gut, den Erstaunten zu spielen. „Ich verstehe Sie nicht, Excellenz. Welche Instructionen meinen Sie?“

„Die, welche Sie aus der Residenz mit hierher brachten als Ihnen mit dem Posten in R. zugleich eine – Ueberwachung anvertraut wurde.“

„Die Ueberwachung der Stadt meinen Sie? Ich glaube in dieser Hinsicht meine Schuldigkeit gethan zu haben. Uebrigens sind die Unruhen ja jetzt vorüber, und Alles ist zu Ende.“

„Ja wohl,“ erwiderte Raven verächtlich, „und auch wir sind zu Ende mit einander. Sie begreifen das wohl.“

Er kehrte ihm, ohne ein Wort weiter zu verlieren, den Rücken und trat an das Fenster. Das war eine offenbare Beleidigung, aber der Polizeidirector wollte jetzt nicht beleidigt scheinen; das konnte zu unangenehmen Verwickelungen führen. Er verabschiedete sich daher mit einem Gruße, der nicht erwidert wurde, und verließ das Zimmer.

Draußen athmete er erleichtert auf. Es war ihm peinlich, daß der Freiherr ihn so vollständig durchschaute, um so peinlicher, als er keine Veranlassung hatte, dessen persönlicher Feind zu sein. Er hatte ja nur im „höheren Auftrage“ gehandelt, als er der Vergangenheit Raven’s nachspürte und sich des Schlüssels zu dieser Vergangenheit, des Doctor Brunnow, bemächtigte, um das endlich aufgefundene Geheimniß der Welt preiszugeben. Es wurde ihm nicht eben allzu schwer, sich mit einigen Sophismen über die zweideutige Rolle zu trösten, die er von Anfang an dem Freiherrn gegenüber gespielt hatte, und jetzt hatte diese Rolle ja auch ihr Ende erreicht.

Raven war allein geblieben. Er stand am Schreibtische und durchlas noch einmal das verhängnißvolle Schreiben – seine Entlassung. Sie war ihm in der schroffsten, beleidigendsten Form ertheilt worden. Man forderte keine Erklärung, keine Vertheidigung des so schwer angegriffenen Mannes; man ließ ihm überhaupt nicht Zeit, sich zu erklären oder zu vertheidigen. Er wurde verurtheilt, ohne auch nur gehört worden zu sein. Nicht einmal den gewöhnlichen Ausweg ließ man ihm offen, seine Entlassung zu nehmen; sie wurde ihm gegeben, in einer Form gegeben, die nur für Schuldige da war und die Welt auch nicht einen Augenblick in Zweifel darüber ließ, daß die Regierung sich auf Seiten der Anklage stellte und ihren bisherigen Vertreter für überführt erachtete.

Der Freiherr schleuderte die Depesche von sich und ging in stummem Kampfe im Zimmer auf und nieder. Seine Lippen zuckten; seine Augen flammten.

Auf einmal blieb er, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, stehen und trat dann langsam zu einem Seitentischchen, auf dem ein Kasten von nur geringer Größe stand. Ein Druck an der Feder ließ den Deckel aufspringen und zeigte ein Paar vorzüglich gearbeitete Pistolen. Der Freiherr nahm deren eine heraus und untersuchte sorgfältig, ob sie sich noch in vollkommener Ordnung befinde. Einige Minuten lang hielt er die Waffe in der Hand und blickte, in düsteres Nachsinnen verloren, darauf nieder; dann legte er sie wieder an ihren Platz zurück und richtete sich mit einer raschen Bewegung empor.

„Nein!“ sagte er halblaut. „Das würde für Feigheit, für ein Eingeständniß der Schuld gelten. Es wird wohl noch einen anderen Ausweg geben – den Triumph wenigstens sollen sie nicht haben.“

Er warf den Deckel des Kastens zu und wandte sich ab, und wieder begann die stumme ruhelose Wanderung, das finstere Brüten über irgend einem Entschlusse. Der Ausweg mußte gefunden werden. – –

Inzwischen war Doctor Brunnow in der Wohuung seines Sohnes mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigt, die auf morgen festgesetzt war. Max hatte ihn verlassen, um die gestern begonnene „Belagerung“ fortzusetzen Er befand sich wieder bei dem Hofrath Moser und führte seinem „lieben Schwiegervater“ noch ausführlicher als gestern zu Gemüthe, welchen ausgezeichneten und ganz unübertrefflichen Schwiegersohn er in dem Doctor Max Brunnow erhalten werde. Gegen die Beharrlichkeit dieses Freiers half kein Einschließen und kein Verriegeln.

Der Vater ließ ihn gewähren; er kannte Max und wußte, daß dieser schließlich seinen Willen durchsetzen werde. Er selbst wäre am liebsten schon heute abgereist, wenn ihn das dem Sohne gegebene Versprechen nicht bis morgen gehalten hätte. Ihm brannte wirklich der Boden unter den Füßen, und alle die Antheilbezeigungen und Glückwünsche wegen seiner Befreiung schienen ihm den Aufenthalt nur noch mehr zu verleiden.

Brunnow hatte soeben einen Brief beendigt, der seine bevorstehende Ankunft zu Hause anzeigen sollte, und stand im Begriffe, ihn der Aufwärterin zu übergeben, als diese ungerufen, aber in größter Eile eintrat und ganz athemlos meldete: „Herr Doctor – Seine Excellenz!“

„Wer?“ fragte Brunnow zerstreut, indem er das Couvert schloß.

„Seine Excellenz, der Herr Gouverneur!“

Brunnow wendete sich rasch um; sein Blick fiel auf den Freiherrn, der bereits eingetreten war und im Nebenzimmer stand. Er näherte sich jetzt und sagte in völlig fremdem Tone:

„Ich wünsche Sie auf einige Minuten zu sprechen, Herr Doctor.“

„Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Excellenz,“ versetzte Brunnow, den das verwunderte Gesicht der Aufwärterin daran mahnte, daß er seine Ueberraschung nicht zeigen dürfe. Er übergab der Frau rasch den Brief und sandte sie damit fort.

Als sie ohne Zeugen waren, ließ Raven die angenommene Fremdheit fallen.

„Mein Kommen befremdet Dich?“ sagte er. „Bist Du allein?“

„Ja, mein Sohn ist ausgegangen.“

„Das ist mir lieb, denn unsere Unterredung verträgt keinen Zeugen. Du hast wohl die Güte, die Thür abzuschließen, damit wir ungestört bleiben.“

[536] Der Doctor kam schweigend der Aufforderung nach. Er schob den Riegel vor die Eingangsthür und kehrte dann in das zweite Zimmer zurück. Sein unruhiger Blick schien zu fragen, was dieser seltsame Besuch bedeute. Die beiden Männer standen sich einige Secunden lang stumm, aber ebenso feindselig gegenüber, wie neulich bei ihrer ersten Begegnung.

Der Freiherr nahm zuerst das Wort. „Du hast wohl nicht erwartet, mich bei Dir zu sehen?“

„Ich wüßte in der That nicht, was den Gouverneur von R. zu mir führen sollte,“ war die Antwort.

„Ich bin nicht mehr Gouverneur,“ sagte Raven kalt.

Brunnow richtete einen schnellen, forschenden Blick auf ihn. „Du hast also Deine Entlassung genommen?“ fragte er.

„Ich trete von meinem Posten ab,“ entgegnete er gepreßt. „Ehe ich aber die Stadt verlasse, wünsche ich Auskunft über jenen Zeitungsartikel, der sich so eingehend mit meiner Vergangenheit beschäftigt. Du kannst mir diese Auskunft wohl am besten geben, und deshalb komme ich zu Dir.“

Der Doctor wendete sich ab. „Der Artikel stammt nicht von mir,“ sprach er nach einer kurzen Pause.

„Das ist möglich, jedenfalls hast Du ihn aber veranlaßt. Du und ich, wir sind jetzt die einzigen noch lebenden Theilnehmer jener Katastrophe; die anderen sind todt oder verschollen. Nur Du warst im Stande, jene Enthüllungen zu geben.“

Brunnow schwieg; er erinnerte sich nur zu gut des Tages, wo das geschickte Manöver des Polizeidirectors ihm die Aeußerungen abgerungen hatte, die nun in solcher Weise preisgegeben wurden.

„Ich wundere mich nur, weshalb Du diese Vorgänge nicht früher verwerthet hast,“ fuhr Raven fort. „Du oder die Anderen!“

„Beantworte Dir die Frage selbst!“ sagte Brunnow finster. „Uns fehlten die Beweise. Wenn wir die unumstößliche Ueberzeugung Deiner Schuld hatten, so war das eben unsere Sache. Die Welt verlangt Thatsachen, und die konnten wir ihr nicht geben. Weshalb sich nicht früher eine Stimme gegen Dich erhob, fragst Du? Du weißt doch am besten, daß in der Zeit, die jetzt hoffentlich für immer hinter uns liegt, jede Stimme erstickt wurde, die man nicht hören wollte. Und Arno Raven wurde ja in kürzester Frist der einflußreichste Freund und Günstling des Ministers, den er bald darauf Vater nennen durfte. Der Freiherr von Raven war später die mächtigste Stütze der Regierung, die ihn nicht entbehren konnte. Man hätte keine Anklage gegen Dich zugelassen; es wäre Lüge, Verleumdung gewesen und als solche unterdrückt worden. Das wußten wir Alle und darum schwiegen die Anderen. Mich banden diese Rücksichten nicht, aber ich – wollte Dich nicht anklagen und habe es auch jetzt nicht gethan. Einige Aeußerungen während meiner Haft, die mir, wie ich fürchte, absichtlich abgelockt wurden, können allein den Anlaß zu den Enthüllungen gegeben haben. Der Polizeidirector hat jedenfalls die Hand dabei im Spiele. Er ist Dein Feind.“

„Nein, nur ein Spion!“ sagte Raven verächtlich, „und deshalb verzichte ich darauf, von ihm Rechenschaft zu verlangen. Ueberdies war er nicht verpflichtet, zu verschweigen, was ihm mitgetheilt wurde. Du hast jene Aeußerungen gethan – Du wirst mir Genugthuung dafür geben.“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 33, S. 547–550
Fortsetzungsroman – Teil 25


[547] Brunnow trat zurück. „Ich Dir Genugthuung geben? Was soll das heißen?“

„Was das heißen soll? Ich dächte, das bedürfte keiner Erklärung. Die Beleidigung, die Du mir zugefügt hast, läßt nur eine Sühne zu. Du wirst sie mir doch nicht verweigern?“

Ueber die Lippen des Doctors kam kein Wort.

„Schon als wir uns das erste Mal wiedersahen,“ fuhr der Andere fort, „an jenem Abende in meinem Arbeitszimmer, sprachst Du Worte, die mein Blut sieden machten. Damals warst Du ein Flüchtling, warst heimlich an das Krankenlager Deines Sohnes geeilt, und jede Stunde des Aufenthaltes hier brachte Dir Gefahr. Damals war keine Zeit, Erklärung von Dir zu fordern. Jetzt bist Du frei – bestimme Zeit und Waffen!“

„Ich soll mich mit Dir schlagen?“ brach Brunnow aus.

„Nein, Arno, das kannst, das darfst Du nicht verlangen.“

„Ich bestehe darauf – Du wirst meine Forderung annehmen.“

„Nein.“

„Rudolph, ich sage Dir, Du wirst es thun.“

„Und ich sage Dir nochmals: nein! Mit jedem Anderen will ich mich schlagen, wenn es sein muß, aber mit Dir nicht.“

Zwischen den Augen des Freiherrn zeigte sich eine tiefe Falte. Aber er kannte den einstigen Jugendfreund, der sich trotz seiner grauen Haare noch den alten Feuerkopf bewahrt hatte und dessen Leidenschaftlichkeit, einmal gereizt, ihn über alle Besinnung und alle Schranken hinwegriß. Es galt, den verwundbaren Punkt zu treffen.

„Ich habe nicht geglaubt,“ entgegnete Raven mit unverhaltenem Hohn, „daß Du seit unserer Trennung zum Feigling geworden.“

Das traf – der Doctor fuhr auf und seine Augen begannen zu funkeln.

„Nimm das Wort zurück!“ rief er drohend. „Du weißt es, daß ich kein Feigling bin; ich brauche es Dir nicht erst zu beweisen.“

„Ich nehme nichts zurück,“ erklärte Raven. „Du hast eine entehrende Anklage gegen mich ausgesprochen, hast sie einem Fremden gegenüber wiederholt, von dem Du wußtest, daß er sie der Welt preisgeben würde, und willst Dich jetzt der Rechenschaft entziehen – nenne Du’s, wie Du willst – ich nenne es Feigheit.“

Es war um Brunnow’s Fassung geschehen, als ihm abermals das verhängnißvolle Wort entgegengeschleudert wurde.

„Halte ein, Arno!“ stieß er hervor. „Ich ertrage das nicht.“

Der Freiherr schien völlig unbewegt; nicht eine Muskel seines Gesichtes zuckte. Mit eisiger Ruhe stand er da und reizte seinen Gegner, den er Schritt für Schritt vorwärts trieb, bis zum Aeußersten.

„Das also ist Deine Rache!“ sagte er im Tone der Verachtung. „Zwanzig Jahre lang hast Du den Streich zurückgehalten. So lange ich hoch und mächtig dastand, wagtest Du es nicht, mich zu treffen. Freilich, dem Manne, dem der Sturz droht, ist leichter beizukommen. Winterfeld war wenigstens ein ehrlicher Gegner. Er griff mich an, aber er bat mir offen den Kampf und trat mir Auge in Auge gegenüber. Du zogst es vor, mich aus dem Hinterhalte zu verwunden, und brauchtest fremde Hände dazu. Du bedachtest Dich nicht, dem Polizeidirector und den Zeitungen die Waffen gegen mich zu liefern, aber Dich meiner Waffe zu stellen, die den Schimpf rächen soll – dazu fehlt Dir der Muth. Wahrlich, Rudolph, ich habe Dich einer solchen Niedrigkeit und Erbärmlichkeit nicht fähig gehalten –“

„Genug!“ unterbrach ihn Brunnow mit halb erstickter Stimme. „Kein Wort weiter! Ich nehme Deine Forderung an.“

Seine Brust hob sich in kurzen, stürmischen Athemzügen, er war leichenblaß geworden und stützte sich, bebend am ganzen Körper, auf die Lehne des nächsten Stuhles. In dem Auge des Freiherrn schimmerte etwas wie Mitleid mit dem furchtbar erregten Manne, den er vor eine so schreckliche Wahl gestellt hatte, aber seine Stimme verrieth auch nicht den leisesten Anklang dieser Empfindung, als er erwiderte:

„Gut. Ich werde Oberst Wilten, den Commandanten der hiesigen Garnison, ersuchen, mein Secundant zu sein; er wird mit dem Deinigen das Nöthige ordnen.“

Brunnow machte nur eine zustimmende Bewegung. Der Freiherr nahm seinen Hut vom Tische und trat dann nochmals vor den Doctor hin.

„Noch Eines, Rudolph!“ sagte er langsam, aber mit Nachdruck. „Die Sache ist mir blutiger Ernst, und ich erwarte, daß Du den Zweikampf, der nach dem, was Du mir zugefügt hast, auf Tod und Leben gehen muß, nicht etwa zu einer Komödie gestaltest. Du wärst im Stande, in die Luft zu schießen. Zwinge mich nicht, das, was ich Dir soeben sagte, vor unseren Zeugen zu wiederholen. Mein Wort darauf: ich thue es, wenn Dein Schuß absichtlich fehl geht.“

Brunnow hatte sich emporgerichtet, und aus seinen Augen flammte jetzt nur wilder, glühender Haß.

„Sei ruhig,“ antwortete er. „Was Du mir vorhin anzuhören gabst, begräbt den letzten Rest der Jugenderinnerungen. Du hast Recht, wir Beide können uns nur noch auf Tod und Leben gegenüber stehen. Auch ich weiß einen Schimpf zu rächen.“

Beide standen einen Moment lang Blick in Blick. Sie redeten eine stumme, aber furchtbare Sprache; dann wandte sich Raven zum Gehen.

„Auf morgen denn! Ich gehe, den Oberst aufzusuchen.“

Er schob den Riegel von der Thür zurück und verließ das

[548] Zimmer. Draußen athmete er tief, tief aus, als sei eine Last von seiner Brust gesunken, und schlug dann mit raschem Schritte den Weg nach der Wohnung des Oberst Wilten ein.




Der Spätherbst war auch diesmal in R. und dessen Umgebung so rauh und unfreundlich gewesen, wie er in der Nähe des Hochgebirges meist zu sein pflegt. Jetzt aber, wo er Abschied nahm, schien sich das schwindende Leben der Natur noch einmal aufzuraffen. Die letzten Tage waren ungewöhnlich klar und mild gewesen, sodaß man sich um Monate zurückversetzt glaubte. Die Erde träumte noch einen letzten kurzen Traum von Sonnenglanz und Sommerluft, ehe sie sich den eisigen Banden des Winters gefangen gab.

Es war Nachmittag geworden. Freiherr von Raven saß am Schreibtische, mit der Durchsicht seiner Papiere beschäftigt. Seine testamentarischen Verfügungen waren zwar schon seit längerer Zeit getroffen, aber es gab doch noch so Manches zu ordnen. Oberst Wilten hatte sich mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt. Wenn ihm auch eine Verbindung seines Sohnes mit der Raven’schen Familie jetzt nicht mehr wünschenswerth erschien, so drückte ihn doch das kalte, gezwungene Verhältniß, das seit jener Erklärung zwischen ihm und dem Freiherrn waltete, und er ergriff mit Eifer die Gelegenheit, diesem einen Dienst zu leisten. Er hatte versprochen, alles Nöthiage abzumachen und selbst die Nachricht über die näheren Bestimmungen des Duells zu bringen, das auf morgen früh festgesetzt war.

Raven hatte soeben einem Brief beendigt und schrieb jetzt die Adresse: Doctor Rudolph Brunnow. Seine düstere Stirn furchte sich noch tiefer, als er mit sicheren und festen Schriftzügen den Namen auf das Papier warf.

„Ich konnte es Dir nicht ersparen, Rudolph,“ sagte er dumpf. „Du wirst nie die unglückselige Stunde verwinden, in der wir uns so gegenüberstehen, aber es gab keinen anderen Ausweg.“

Er legte den Brief bei Seite und ergriff von Neuem die Feder, aber diesmal schien sie seiner Hand nicht gehorchen zu wollen. Es dauerte Minuten, ehe er die ersten Zeilen schrieb, dann hielt er plötzlich inne – begann von Neuem – stockte wieder und zerriß endlich das Blatt. Wozu denn auch noch ein Lebewohl! Jedes Wort war ja doch in Bitterkeit gemacht. Der Brief konnte nur zu einem ewigen Vorwurf für die werden, an die er gerichtet war.

Der Freiherr warf die Feder von sich und stützte den Kopf in die Hand. Er hatte nicht umsonst den Augenblick gefürchtet, wo die einzige Empfindung, die ihn jemals schwach gesehen und die er tief in den Hintergrund zurückgedrängt hatte, sich wieder Bahn brechen werde. Es war ihm gelungen, während der letzten Stunden ruhig zu erscheinen, obgleich Haß, Empörung und tief gedemüthigter Stolz seine Seele tausendfach zerrissen, die gewohnte strenge Pünktlichkeit hatte ihn auch beim Ordnen seiner Angelegenheiten nicht verlassen. Jetzt war Alles geordnet, Alles beendigt, bis auf eins – jetzt brach dieses Bitte wieder hervor, mit der alten widerstehlichen Gewalt, und mit ihm brach die Fassung des sonst so eisernen Mannes zusammen.

Freilich waren es keine weichen und zärtlichen Regungen, die ihn erfüllten. Die Natur Arno Raven’s war nicht darnach geartet, zu entsagen oder zu verzeihen, wo er sich verrathen glaubte. Sein eigener Wille hatte die Trennung verhängt und Gabriele fortgesandt, und er bereute dies nicht. Entweder – oder war von jeher der Wahlspruch seines Lebens gewesen; auch die Geliebte hatte er entweder ganz und ungeteilt besitzen oder verlieren wollen. Nun wohl, er hatte sie verloren, an einen Anderen verloren, der das mächtige Recht der Jugend und der ersten Liebe geltend zu machen wußte. Der Freiherr zweifelte nicht daran, daß die Beziehungen zu Winterfeld in der Residenz wieder aufgenommen wurden. Der tyrannische Vormund, der so lange trennend zwischen dem jungen Paare gestanden trat ja nun zurück und gab ihnen volle Freiheit, sich wieder einander zu nähern, und die Baronin war viel zu charakterlos, um sich dauernd den Wünschen ihrer Tochter zu widersetzen, wenn die Furcht vor dem Schwager sie nicht länger gefesselt hielt. Ueberdies nahm Winterfelds Laufbahn ja jetzt einen so ungeahnten Aufschwung, und damit fiel das größte Hinderniß dieser Verbindung. Es ging Alles seinen natürlichen, längst vorgezeichneten Weg, den eine unsinnige Leidenschaft vergebens zu kreuzen suchte. Wie konnte denn auch ein Wesen wie Gabriele eine solche Leidenschaft verstehen und erwidern! Es mochte sie geblendet und ihrer Eitelkeit geschmeichelt haben, der Gegenstand derselben zu sein. Von tieferen Empfindungen war dabei keine Rede, und als es sich um eine Wahl handelte, da wandte sich das aufblühende Mädchen dem zu, der ihr Jugend und Glück zu bieten hatte. Dieses holde, sonnige Geschöpf gehörte nicht in die dunkle Stunde, wo die Ehre und das Leben eines Mannes zusammenbrachen.

Der schöne, aber kurze Herbsttag neigte sich zu Ende, und die Strahlen der Abendsonne suchten und fanden ihren Weg in das Zimmer. Durch das Bogenfenster wogte ein breiter, goldiger Lichtstrom in das Gemach und erfüllte es mit seltsam verklärendem Schimmer. Raven’s Blick haftete düster auf diesem Lichtglanz. So war der Sonnenstrahl auch in sein Leben gedrungen, hatte eine kurze Zeit lang alles in Gluth und Verklärung getaucht und war dann erloschen, um ihn in Nacht und Einsamkeit zurück zu lassen. Vergebens suchte er sich von der Erinnerung loszureißen oder sie in Bitterkeit zu ersticken, es führte ihn ja doch Alles wieder auf Gabriele zurück; jeder Gegenstand, jeder Gedanke gewann Bezug auf sie. Er hatte abgeschlossen mit der Vergangenheit, mit der Welt und dem Leben, aber die wilde, Alles überfluthende Sehnsucht nach dem einzigen Wesen, das er je geliebt, hielt ihn fest an der Schwelle dieses Lebens. Ein schwerer, qualvoller Athemzug rang sich wie ein Stöhnen aus seiner Brust empor. Er war ja jetzt allein und brauchte die Maske stolzer unnahbarer Ruhe nicht mehr; sie jetzt noch festzuhalten ging über Menschenkräfte. Er preßte die Hand gegen die glühende Stirn und schloß die Augen.

Ewige Zeit war so in dumpfem Hinbrüten vergangen, da wurde leise, fast unhörbar die Thür geöffnet und ebenso leise wieder geschlossen. Raven bemerkte es nicht und regte sich nicht, bis das Rauschen eines Frauenkleides ihn aufschreckte. Er wandte sich um und zuckte zusammen, aber der Aufschrei, der sich seinen Lippen entringen wollte, erstarb und keines Wortes mächtig starrte er die Erscheinung an, die doch nur ein Gebilde seiner Phantasie sein konnte. Ihm gegenüber, mitten in dem Lichtstrome, stand Gabriele, so regungslos, so goldig umwogt von den Strahlen, als sei sie wirklich nur eine Erscheinung, die die glühendste, leidenschaftlichste Sehnsucht herangezwungen hatte, und die in der nächsten Minute so spurlos wieder verschwand, wie sie gekommen war.

Der Freiherr hatte sich erhoben.

„Du – Du bist es,“ sagte er endlich mit stockendem Atem. „Ich glaubte Dich weit entfernt.“

„Ich habe heute Morgen die Residenz verlassen,“ erwiderte das junge Mädchen leise. „Ich bin soeben erst angekommen. Man sagte mir. Du seist in Deinem Zimmer.“

Raven antwortete nicht; sein Blick hing noch immer an der zarten, lichten Gestalt, als könne er nicht an die Wirklichkeit ihrer Nähe glauben. Er wußte nur, daß sie da war – wie, warum, darnach fragte er im Augenblicke nicht. Gabriele schien dieses Schweigen zu mißdeuten; sie stand scheu und ängstlich da, als wage sie es nicht, ihm zu nahen; endlich faßte sie Muth und kam langsam näher.

„Wirst Du mich wieder von Dir weisen, Arno, wenn ich Dir sage, daß Du mir Unrecht gethan hast mit Deinem Verdachte? Ich hätte es längst thun sollen, aber Du stießest mich so rauh, so hart zurück – Du wolltest mich nicht einmal anhören. Da regte sich auch mein Trotz; ich wollte nicht um den Glauben bitten, den Du mir versagtest. Ich,“ sie stand jetzt dicht an seiner Seite und sah bittend zu ihm auf, „ich wußte nichts von jenem Angriff. Erst in der Abschiedsstunde sagte mir Georg, daß er in einen Kampf gegen Dich gehe. Ich drang vergebens in ihn; er wollte sich nicht näher erklären, und wenige Minuten darauf mußten wir uns trennen. Seitdem erfuhr ich kein Wort, keine Silbe weiter, bis zu der Stunde, wo Du mir die Schrift vor Augen hieltest. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, Du hättest es erfahren. Ich habe Dich nicht verrathen, Arno – gewiß nicht!“

Ihr Antlitz und ihre Stimme trugen deutlich genug den Stempel der Wahrheit. Raven ergriff mit einer heftigen Bewegung ihre Hand. Noch lag die wilde, forschende Unruhe in seinen Zügen, als er Gabriele an sich zog und, ohne ein Wort [550] zu sprechen, ihr in das Auge sah, das mit feuchtem Schimmer, aber klar und fest dem seinigen begegnete. Einige Secunden lang dauerte dieses stumme unverwandte Anschauen; dann beugte der Freiherr sich plötzlich nieder und drückte seine Lippen auf die Stirn des jungen Mädchens.

„Nein, Du nicht!“ sagte er tief aufathmend. „Ich glaube Dir.“

Seine Hand umschloß fester die ihrige. Er sah erst jetzt, daß Gabriele in voller Reisekleidung war, nur ohne Hut und Mantel, die sie bereits abgelegt hatte. Noch war er weit entfernt, die Wahrheit zu ahnen; das bewies seine nächste Frage.

„Wo ist Deine Mutter? Und was veranlaßte Euch zu dieser plötzlichen Rückkehr? Ich erwartete Euch erst in einigen Wochen.“

In dem Gesichte des jungen Mädchens stieg langsam eine tiefe Röthe auf. „Mama ist in der Residenz zurückgeblieben. Ich habe mir die Erlaubniß zu dieser Reise von ihr erzwingen müssen. Sie gab erst nach, als sie sah, daß es doch unmöglich war, mich zu halten. Ich bin nur in Begleitung unseres alten Dieners gekommen.“

Raven folgte ihren Worten in athemloser Spannung; es überkam ihn wie die Ahnung eines grenzenlosen, unaussprechlichen Glückes, aber in demselben Augenblicke trat auch wieder der alte Schatten dazwischen.

„Und Winterfeld?“ fragte er in beinahe schneidendem Tone.

Gabrielens Blick sank zu Boden, und ihre Stimme bebte in schmerzlicher Erregung.

„Ihm habe ich wehe thun müssen, bis in das innerste Herz hinein,“ antwortete sie, „aber er mußte die Wahrheit erfahren, ehe ich zu Dir ging. Georg weiß jetzt, wem meine Liebe allein gehört. Er hat mir mein Wort zurückgegeben; ich bin frei –“

Sie konnte nicht vollenden. Arno hatte sie bereits an seine Brust gepreßt; sie fühlte sich von seinen Armen umfangen, fühlte seine Lippen auf den ihrigen, und alles Andere, auch der Gedanke an Georg’s Schmerz, ging unter in der Seligkeit dieser Minute. Endlich richtete sich Raven wieder empor, aber ohne die Geliebte aus seinen Armen zu lassen.

„Und weshalb eiltest Du gerade jetzt zu mir?“ fragte er. „Du wußtest ja nicht, konntest nicht wissen, was inzwischen geschehen ist.“

Gabriele blickte unter Thränen lächelnd zu ihm auf. „Ich wußte nur, daß eine neue, schwere Gefahr Dir drohte – und da wollte ich bei Dir sein.“

Es klang so einfach und selbstverständlich dieses „da wollte ich bei Dir sein“, aber Raven verstand die ganze unendliche Hingebung, die in den wenigen Worten lag. Er blickte schweigend nieder auf das junge Wesen, das er eben noch so bitter angeklagt, für so schwankend und unselbstständig gehalten hatte und das sich jetzt so entschlossen allen Banden entriß, um an seine Seite zu eilen und mit ihm unterzugehen. Mitten durch all die Nacht, die ihn umgab, brach es wie ein strahlender Triumph, sich so geliebt zu wissen.

Der goldene Lichtstrom verschwand allmählich, als die Sonne tiefer sank, nur einzelne Strahlen suchten sich noch ihren Weg durch das Fenster, endlich erloschen auch diese und nur ein matter, röthlicher Schimmer erfüllte das Gemach, der Abglanz der Abendröthe. Arno und Gabriele achteten nicht darauf. Er hatte sie an seine Seite gezogen und sprach zu ihr, aber nicht von Gefahr oder Untergang – sie hatten beide vergessen, daß so etwas existirte, sie dachten nicht mehr daran. Zum ersten Male lag kein Schatten, kein Mißverständniß zwischen ihnen; zum ersten Male konnten und durften sie einander angehören. Vergangenheit und Zukunft versanken ihnen in diesem Bewußtsein; sie fühlten nur, daß sie sich liebten und daß sie grenzenlos glücklich waren.

„Herr Oberst Wilten,“ meldete der eintretende Diener in gewohnter förmlicher Weise.

Raven sah auf, als werde er aus einem Traume geweckt, und fuhr mit der Hand über die Stirn.

„Oberst Wilten?“ wiederholte er langsam. „Ja so – das hatte ich vergessen.“

Gabriele wurde aufmerksam. „Mußt Du den Oberst heute noch sprechen?“ fragte sie, wie von einer unbestimmten Ahnung ergriffen. „Deine Empfangsstunden sind ja längst vorüber.“

Der Freiherr stand auf. Der eben noch so strahlende Ausdruck seiner Züge war verschwunden.

„Ich habe ihn erwartet; es handelt sich um eine nothwendige Besprechung. – Ich lasse den Herrn Oberst bitten, mich im Salon zu erwarten. Ich bin sogleich bei ihm.“

Der Diener entfernte sich. Ich muß Dich verlassen, Gabriele; „Du weißt nicht, was es mich kostet, Dich jetzt auch nur eine Minute lang von meiner Seite zu lassen,“ sagte er gepreßt, „aber was mir Wilten bringt, muß erledigt werden, wenn ich für den Abend frei sein will. Dann gehören wir uns allein, und dann soll Niemand uns stören. Komm’! Ich geleite Dich in Dein Zimmer!“

Er nahm ihren Arm und führte sie durch die Bibliothek und über den Corridor nach dem anderen Flügel hinüber. Wenige Minuten später trat er in den Salon, wo der Oberst ihn erwartete. Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit. Nach kaum einer Viertelstunde verließ Wilten wieder das Schloß, und der Freiherr zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, wo er sich von Neuem an den Schreibtisch setzte. Er hatte die Wahrheit gesagt: es kostete ihn unendlich viel, Gabriele auch nur auf Minuten zu entbehren, und doch entzog er sich ihr auf eine volle Stunde. Sie konnte doch nicht an seiner Seite sein, während er den Abschiedsbrief an sie schrieb. –

Im Schlosse hatte die unerwartete Ankunft der Baroneß Harder allerdings Befremden erregt, um so mehr, als sie ohne ihre Mutter eintraf, aber der alte Diener, der sie begleitete, gab die nöthige Auskunft darüber. Der Freiherr hatte seine Schwägerin und deren Tochter brieflich zu sich gerufen. Die Frau Baronin war aber leider wieder erkrankt und noch zu angegriffen, um die Reise zu unternehmen; sie hatte deshalb das Fräulein vorausgesandt und wollte in einigen Tagen nachkommen. Die Baronin hatte dieses Auskunftsmittel ergriffen, als sie die Unmöglichkeit einsah, ihre Tochter zu halten. Sie selbst war in der That nicht wohl, die Nachrichten des Grafen Selteneck hatten ihr einen erneuten Nervenanfall zugezogen, der sie hinderte, zu reisen, zur großen Erleichterung Gabrielens, die nur zu gut wußte, wie unwillkommen ihre Mutter dem Freiherrn in solchen Stunden war. Sie fügte sich geduldig dem Vorwande, und die einfache, natürliche Erklärung ihrer Abreise fand dort wie hier Glauben.

Der Abend war inzwischen hereingebrochen. Gabriele befand sich allein in ihrem Gemache und harrte auf die besprochene Rückkehr Arno’s. Der Besuch des Oberst Wilten fiel ihr nicht besonders auf, denn vor ihrer Abreise hatten ja so häufig Conferenzen zwischen ihm und dem Freiherrn stattgefunden. Sie hatte das Fenster geöffnet. Träumend lehnte sie in der Fensterbrüstung, als endlich der ersehnte Schritt sich hören ließ. Sie flog dem Kommenden entgegen, und er schloß sie in die Arme, als sei diese Stunde eine endlose Trennung gewesen.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 34, S. 561–563
Fortsetzungsroman – Teil 26


[561] „Jetzt bin ich frei!“ sagte der Freiherr eintretend. „Ganz frei, meine Gabriele. Jetzt gehöre ich Dir allein.“

Gabriele sah zu ihm auf. Sein Antlitz war bleicher als sonst, aber es lag eine tiefe, ernste Ruhe darauf.

„Der Oberst hat Dir doch nichts Unangenehmes gebracht?“ fragte sie besorgt.

„Nein, nur etwas Nothwendiges!“ erwiderte Raven mit vollster Gelassenheit, aber zugleich entzog er sich, wie zufällig, dem hellen Lichtkreise der Lampe und trat mit dem jungen Mädchen an das Fester. Die Luft wogte herein, kühl zwar, aber mild wie an einem Frühlingsabende, und draußen lag die Gegend im hellsten Mondlichte.

„Ich habe das Fenster geöffnet,“ sagte Gabriele. „Es war so dumpf im Zimmer, und der Abend ist so schön.“

„Ja, sehr schön!“ wiederholte der Freiherr, in Gedanken verloren hinausblickend, dann wandte er sich plötzlich wieder zu seiner jungen Gefährtin. „Du hast Recht, man fühlt sich heute so beengt und gedrückt in den geschlossenen Räumen. Es drängt mich förmlich, einmal draußen im Freien aufzuathmen. Wollen wir hinunter in den Schloßgarten?“

Gabriele willigte sofort ein. Der Freiherr nahm ihren Reiseshawl, der noch auf dem Sopha lag, und hüllte ihn sorgfältig um die schlanke Gestalt; dann verließen sie beide das Zimmer.

Im Schloßgarten herrschte, wie gewöhnlich, Einsamkeit und Stille, aber seine Sommerpracht war längst dahingeschwunden. Das dichte Blätterdach, das ihn sonst in tiefen Schatten hüllte, hatte sich gelichtet; die mächtigen Linden standen halb entlaubt, und das Mondlicht lag voll und klar auf den Rasenflächen. Noch rauschte der Nixenbrunnen und warf unermüdlich die weißen Wasserschleier empor, und die Beiden, denen sein Rauschen so verhängnißvoll geworden war, standen jetzt wieder an seinem Rande, umsprüht von dem fallenden Tropfenregen.

Raven blickte mit einem seltsamen Gemisch von Zärtlichkeit und Düsterheit auf seine Begleiterin nieder. „Die ‚Nixenrache‘ hat mich doch erreicht,“ sagte er halblaut. „Warum wagte ich es auch, der Nixen und ihres Zaubers zu spotten! Ich habe den Ort seit jenem Tage nicht wieder betreten, heute aber zog es mich unwiderstehlich hierher. Einmal noch mußte ich den Quell sehen.“

Gabriele schreckte bei den letzten Worten empor. „Einmal noch? Was heißt das, Arno? Was willst Du damit sagen?“

Es lag eine ahnungsvolle Angst in der Frage. Arno lächelte und strich beruhigend mit der Hand über das blonde Haar des jungen Mädchens.

„Sei doch nicht so schreckhaft! Es heißt nur, daß ich das Schloß und die Stadt in den nächsten Tagen verlassen werde. Der Schlag, von dem Du meintest, daß er nur drohte, ist bereits gefallen – seit heute Morgen habe ich aufgehört, Gouverneur der Provinz zu sein.“

„Also haben sie Dich doch bis zum Aeußersten getrieben,“ sagte Gabriele leise. „Du hast Deine Entlassung genommen?“

„Nein – erhalten!“ Die Lippen des Freiherrn zuckten, aber er vermochte es doch jetzt, das Wort auszusprechen, das eine so grenzenlose Demüthigung für ihn einschloß.

„Erhalten?“ wiederholte Gabriele. „Ohne daß Du darum nachsuchtest? Das ist ja –“

„Beleidigung!“ vollendete Raven, als sie inne hielt. „Oder Verurtheilung, wie Du es nehmen willst. Man läßt dem Gestürzten sonst wenigstens der Welt gegenüber den Ausweg, seinen Abschied selbst zu verlangen. Mir ist auch das versagt worden.“

„Und was wirst Du nun thun?“ fragte Gabriele nach einer Pause.

„Nichts!“ entgegnete der Freiherr kalt. „Meine öffentliche Laufbahn ist zu Ende. Ich werde auf meine Güter gehen und dort – weiter leben.“

„Wirst Du es können, Arno? Du selbst sagtest mir einst, daß Wirken und Herrschen Lebensbedingungen für Dich seien, daß Du ein zweckloses Dasein in dem ruhigen, immer gleichen Kreise des Alltagslebens nicht ertragen würdest.“

„Vielleicht lerne ich es. Es lernt sich ja so Manches im Leben. Ich muß es wenigstens versuchen.“

„Und ich gehe ja mit Dir,“ flüsterte Gabriele mit vollster Innigkeit. „Ich bleibe an Deiner Seite, für immer.“

„Ja wohl – für immer!“ Raven lächelte, wie vorhin, aber er vermied es, Gabrielens Blicken zu begegnen. Er umfaßte sie sanft und zog sie nach der Bank in der Nähe der Fontaine. Dort warf die größte der Linden, die noch zur Hälfte ihren Blätterschmuck trug, ihren Schatten, und dort verrieth das helle Mondlicht nicht jede Bewegung der Züge. Der Freiherr konnte den besorgten, beobachtenden Augen nicht länger Stand halten. Sie waren gefährlich, diese Augen, die mit dem Instincte der Liebe durch alle Schleier hindurchsahen und denen doch etwas verschleiert werden mußte.

Arno saß eine Zeitlang schweigend an Gabrielens Seite. Er empfand den ganzen Frieden dieser Umgebung nach all den Stürmen der letzten Wochen und Monden. Auch in seinem Inneren hatte es ausgestürmt. So lange es noch etwas zu bekämpfen und zu vertheidigen gab, hatte er auf dem Kampfplatze gestanden, äußerlich unbewegt. Wie es in seiner Seele aussah, in dieser furchtbaren Zeit, wo die beiden vorherrschenden Leidenschaften seines Lebens, Stolz und Ehrgeiz, Tag für Tag verwundet, gemartert und durch tausende von Demüthigungen und Quälereien endlich bis zu Tode getroffen wurden – das wußte nur er allein. Jetzt waren Kampf und Qual zu Ende, und die Ruhe eines letzten unabänderlichen Entschlusses nahm auch der Erinnerung ihren schärfste Stachel.

„Gabriele, Du hast noch nicht einmal gefragt, was mich stürzte,“ begann der Freiherr endlich wieder, „und doch kennst Du die Anklage. Glaubst Du daran?“

„Wozu sollte ich erst fragen? Ich wußte ja, daß es nur Lüge und Verleumdung war.“

[562] „Also Du wenigstens glaubst noch an mich!“ sagte Raven mit einem tiefen Athemzuge.

„Ich habe nie auch nur einen Augenblick an Dir gezweifelt. Aber weshalb schweigst Du zu jener Anklage? Weshalb trittst Du ihr nicht mit voller Macht entgegen? Schon um Deiner selbst willen mußt Du sie niederwerfen.“

„Ich habe die Beschuldigung öffentlich für eine Lüge erklärt – Du siehst es, welchen Glauben mein Wort gefunden hat, und Beweise stehen mir so wenig zu Gebote, wie denen, die mich anklagen. Es gab nur Einen, welcher mich von dem Verdachte hätte reinigen können, Deinen Großvater, und den deckt längst das Grab.“

„Meinen Großvater?“ fragte Gabriele überrascht. „Er starb, als ich noch ein Kind war, aber ich hörte von meinen Eltern, daß Du sein Liebling und Vertrauter gewesen.“

Raven blickte, in düsteres Nachsinnen verloren, vor sich hin. „Er war eine durchaus ungewöhnliche Natur. Vielleicht war das der Grund, weshalb wir Beide uns stets verstanden, denn auch ich habe nicht die Alltäglichkeit zur Richtschnur meines Denkens und Handelns gemacht. Er war freilich auf den Höhen des Lebens geboren, die ich erst erklimmen mußte. Aristokrat durch und durch, besaß er doch Gerechtigkeit genug, um Begabung und Charakter anzuerkennen, auch wenn sie sich außerhalb seiner Sphäre regten, das habe vor Allen ich erfahren. Es war keine Kleinigkeit für den reichen, stolzen Grafen, für den allmächtigen Minister, die Hand seiner Tochter einem jungen bürgerlichen Beamten zuzusagen, der sich seine Zukunft erst erobern sollte. Dein Großvater wußte es freilich, daß ich sie mir erobern werde, und einem Andern meines Standes hätte er nie seine Tochter vermählt. Ihm verdanke ich alles, was ich geworden bin; er ist mir bis zu seinem Tode ein Freund und Vater gewesen, und doch wollte ich, seine Hand hätte damals nicht in mein Leben eingegriffen und mich gewaltsam auf eine andere Bahn gerissen. Sie führte nach empor zu der erträumten Höhe – aber der Preis, den ich dafür zahlen mußte, war zu hoch.“

Er schwieg und sah wieder in die duftverschleierte Ferne hinaus. Gabriele legte bittend die Hand auf seinen Arm.

„Arno, ich weiß es längst, daß irgend etwas Dunkles, Bitteres in Deinem Leben liegt, und ich weiß auch, daß es ein Unglück und keine Schuld ist. Willst Du es mir nicht enthüllen? Ich habe jetzt doch wohl ein Recht darauf.“

„Du hast es,“ sagte Raven ernst. „Du sollst es erfahren.“

Gabriele blickte in banger Erwartung zu ihm empor. Er legte den Arm um ihre Schulter und zog sie näher zu sich.

„Du weißt, daß ich aus den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen hervorgegangen bin. Der frühe Tod meiner Eltern lehrte mich, früh für mich selber einzustehen. Ich war in den Staatsdienst getreten und mußte meine Laufbahn von unten auf beginnen. In jener Zeit, wo der Sturm der Revolution durch das Land tobte und die Hauptstadt sich in offener Empörung, im Kampfe mit der Regierung befand, war ich in eine abgelegene kleine Provinzialstadt festgebannt, und das allein bewahrte mich vor der Theilnahme an jenen Bestrebungen, denen ich aus voller Ueberzeugung anhing. Schon im nächsten Jahre wollte der Zufall, daß ich nach der Residenz versetzt wurde; ich kam in nähere Berührung mit meinem Chef, der damals soeben erst das Ministerium übernommen hatte und die Reactionsperiode einzuleiten begann. Er mußte wohl entdeckt haben, daß ich mit einem anderen Maße gemessen werden durfte, als seine übrigen Beamten, denn er bevorzugte mich entschieden, und ich fühlte, daß er mich und meine Leistungen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte. Noch fehlte mir freilich jede Gelegenheit, mich auszuzeichnen. In der Residenz fand ich Rudolph Brunnow, meinen intimen Freund von der Universität, wieder. Noch gährte es überall, wenn man auch der Bewegung selbst Herr geworden war, und all die gewaltsam unterdrückten Elemente, die sich nicht mehr offen regen durften, fanden sich im Geheimen zusammen. Auch ich wurde durch Brunnow, der ein leidenschaftlicher Revolutionär war, in die Kreise gezogen, denen ich längst durch meine Ueberzeugung angehörte. Er stand an der Spitze einer geheimen Verbindung, deren Mitglied auch ich wurde. Wir glaubten an Ideale, Unmöglichkeiten, die in der Wirklichkeit nie eine bleibende Stätte gefunden hätten, aber wir hätten eher unser Leben hingegeben, als davon gelassen.“

Raven schwieg einen Moment lang. Die Erinnerung schien ihn tief zu erschüttern.

„Da kam die Katastrophe,“ fuhr er dann leidenschaftlicher fort, „wir wurden beargwöhnt und beobachtet, ohne daß wir es ahnten, bis der Minister selbst eingriff. Er mußte voraussetzen, daß ich irgendwie betheiligt sei, denn er ließ mich eines Tages rufen und stellte mich zur Rede, aber nicht wie einen Verbrecher, den man überführen will. Es geschah in gütiger, beinahe väterlicher Weise, und das entwaffnete mich. Ich kannte ihn damals noch zu wenig, um zu wissen, welch ein starrer, unversöhnlicher Gegner der Revolution er war; ich ließ mich, wie so Viele, durch die Mäßigung und Vorsicht täuschen, die er im Anfange zeigte. Ich ließ mich hinreißen, meine politischen Ansichten offen zu bekennen und zu vertheidigen – an dieser Stelle zu vertheidigen!

Es war eine schwere Uebereilung, und ich habe sie furchtbar büßen müssen. Zwar fiel kein Wort über das Geheimniß, das ich zu wahren hatte, und der Minister machte auch keinen Versuch, es von mir zu erfahren. Er kannte mich und wußte, daß mir weder Versprechungen noch Drohungen einen Verrath entreißen würden, aber mein leidenschaftliches Aufflammen selbst, meine unvorsichtige Parteinahme für jene Ideen zeigten dem erfahrenen Staatsmanne, wo die längst gesuchte Spur zu finden sei. Er entließ mich scheinbar wohlwollend, aber kaum hatte ich meine Wohnung wieder betreten, so wurde ich verhaftet; meine Papiere wurden mit Beschlag belegt und mir jede Möglichkeit genommen, meinen Freunden eine Nachricht zukommen zu lassen. Das nächste Opfer war Rudolph, den man als meinen Freund und Vertrauten kannte. Bei ihm fand man die Correspondenzen unserer Verbindung und damit den Schlüssel zu allem Uebrigen. Noch vier unserer Gefährten theilten unser Schicksal; der Schlag kam so unerwartet, daß Keiner sich zu retten vermochte.

Die Anklage lautete auf Hochverrath – wir mußten auf Alles gefaßt sein. Da, nach kurzer Zeit, wurde ich wieder zum Minister geführt, der mir ankündigte, daß ich meiner Haft entlassen sei. Er habe sich überzeugt, daß ich nur der Verführte, das Opfer Brunnow’s und seiner Genossen gewesen sei, und wolle das Geschehene verzeihen, sobald ich mein Ehrenwort gebe, ein- für allemal mit den revolutionären Bestrebungen zu brechen. Ich starrte meinen Chef wie betäubt an. Kannte er meine Stellung zu der Sache wirklich nicht, oder wollte er sie nicht kennen? Mein Name war allerdings nirgends genannt worden. Rudolph galt als unser Haupt, aber ein so scharfblickender Mann wie der Minister mußte wissen, daß die passive, unselbstständige Rolle eines blos Verführten meinem ganzen Charakter widersprach. Ich ahnte damals noch nicht, daß er blind sein wollte, um verzeihen zu können. Ich verweigerte entschieden das geforderte Versprechen, weil es Verrath an meiner Ueberzeugung sei, und erklärte, das Schicksal meiner Freunde theilen zu wollen.

Der Minister behielt seine unerschütterliche Ruhe und wiederholte sein Anerbieten. ‚Ich gebe Ihnen vier Wochen Bedenkzeit,‘ sagte er. ‚Ich setze zu viel Hoffnungen auf Sie und Ihre Zukunft, um Sie in diesem wüsten Demagogentreiben zu Grunde gehen zu lassen. Ihr Kopf kann dem Staate bessere Dienste leisten, als sich auf einer Festung oder im Exile mit unfruchtbaren Verschwörungsplänen abzumühen. Sie sind nicht der Erste, der einen begangenen Irrthum einsieht und später zum eifrigsten Verfechter der Sache wird, die er einst bekämpfte, und gerade der Trotz, mit dem Sie jetzt die gebotene Rettung von sich stoßen und die Umkehr verweigern, zeigt mir, daß ich die Verantwortung übernehmen darf, Ihnen wieder den Staatsdienst zu öffnen, wenn Sie wirklich umkehren. Noch hat Sie Niemand angeklagt, und es hängt von Ihnen ab, ob die Anklage überhaupt erhoben werden soll. Die wenigen Beweise, welche Sie compromitiren sind in meinen Händen und werden vernichtet, sobald ich Ihr Wort habe. In vier Wochen erwarte ich Ihre Entscheidung. Vorläufig sind Sie frei und haben die Wahl zwischen einer ehrenvollen, vielleicht glänzenden Laufbahn und dem Untergange‘ – damit entließ er mich.“

„Und Du hast die Wahl getroffen?“ fragte Gabriele.

„Ich – nein!“ entgegnete Raven bitter. „Für mich gab [563] es überhaupt keine Wahl mehr; man hatte dafür gesorgt, daß sie mir erspart blieb. Meine ersten Schritte galten dem Versuche, zu erfahren, wie viel von unserer Sache verloren, wie viel davon gerettet war. Ich suchte meine Freunde auf und fand einen Empfang, auf den ich nun freilich nicht vorbereitet war. ‚Verrath!‘ schrie man mir entgegen; ‚Verrath!‘ tönte es von allen Seiten, wo ich mich nur blicken ließ. Haß, Empörung, Abscheu wogten mir in allen Tonarten entgegen. Im ersten Augenblicke begriff ich nicht, was das zu bedeuten habe – ach, es wurde mir nur zu bald klar.

Man hielt mich für den Verräther, der die Entdeckung herbeigeführt hatte. Meine amtliche Stellung, die offenbare Gunst meines Chefs hatten schon früher Anlaß zum Mißtrauen gegen mich gegeben; jetzt lag es klar am Tage: Ich war das Werkzeug, der Spion des Ministers gewesen; ich hatte ihm unsere Geheimnisse preisgegeben und verkauft. Meine eigene Verhaftung, so folgerte man, war nichts als eine Komödie, ein abgekartetes Spiel, um mich der Rache der Verrathenen zu entziehen, und meine Freilassung bewies ja sonnenklar, daß ich mit den Feinden im Bunde sei – ich erkannte es jetzt, daß die Großmuth meines Chefs keine so unbedingte war, wie ich glaubte. Er hatte sich gesichert, als er mich freiließ, und mir die Rückkehr in das ‚Demagogentreiben‘ ein für alle Mal verschlossen.

Anfangs stand ich fassungslos vor der furchtbaren Anklage, dann erhob ich mich mit vollster Empörung gegen dieselbe. Ich gestand offen meine Unvorsichtigkeit ein, die einzige Schuld, die ich mir beimessen konnte. Ich erzählte meine Unterredung mit dem Minister – es war umsonst, man hielt das für leere Ausflüchte. Das Verdammungsurtheil über mich war einmal ausgesprochen und wurde nicht zurückgenommen. Ein Einziger hätte mir vielleicht geglaubt – Rudolph Brunnow! Ihn traf der Schlag am schwersten und doch, hätte ich vor ihn hintreten können, Auge in Auge, und ihm sagen: ‚Es ist eine Lüge, Rudolph, ich bin kein Verräther!‘ er hätte mir die Hand gereicht und mit mir vereint die Verleumdung bekämpft. Aber er war im Gefängnisse. Ich konnte nicht bis zu ihm dringen. Ich gab den Uebrigen mein Ehrenwort, aber man antwortete mir, daß ich keine Ehre mehr zu verlieren habe, und verweigerte mir sogar die Genugthuung für diesen Schimpf, denn mit Spionen schlage man sich nicht. – Die verfolgten, gehetzten und bis zum Wahnsinn gereizten Menschen waren keines unbefangenen Urtheils fähig, und ich fürchte, ihr Verdacht ist absichtlich auf mich gelenkt worden. Erfahren habe ich es freilich nie, aber meine Begnadigung drückte das Siegel auf den Verdacht.

Nach vier Wochen stand ich wieder vor dem Minister. Ich hatte Alles versucht, mich von dem schändlichen Verdachte zu reinigen, und Alles war gescheitert. Ich blieb ausgestoßen, gemieden, verfehmt von meinen Parteigenossen, aber auch ich war jetzt fertig mit ihnen. Bis hierher war ich ohne Schuld. Noch lag ein letzter Ausweg vor mir: ich konnte mein Vaterland verlassen und anderswo ein neues Leben beginnen, um meiner Ueberzeugung treu zu bleiben, wie Rudolph es später that, als er frei wurde. Das hätte mich schließlich doch gerechtfertigt, wenn auch erst nach Jahren, aber für den Heroismus des Märtyrerthums habe ich nie Verständniß besessen. Auf der einen Seite stand das Exil, mit all seinen Entsagungen und Bitterkeiten, auf der anderen eine Laufbahn, die meinem Ehrgeiz volle Befriedigung verhieß. Ich täuschte mich nach den letzten Vorgängen nicht mehr darüber, was von mir verlangt wurde, wenn ich das Anerbieten meines Chefs annahm, aber Alles in mir gährte auf in glühendstem Hasse gegen die, welche mich verurtheilten, ohne mich auch nur zu hören. Der erlittene Schimpf, die Ungerechtigkeit der ehemaligen Freunde trieben mich geradewegs in das Lager der Feinde hinüber. Ich wußte, daß der Preis meiner neuen Laufbahn meine Ueberzeugung war, und – ich brach mit meiner Vergangenheit und leistete das geforderte Versprechen.“

Die Stimme des Freiherrn, seine kurzen, heftigen Athemzüge verriethen, wie furchtbar diese Erinnerungen in ihm wühlten. Gabriele hörte in angstvoller Spannung zu, aber sie wagte es jetzt nicht, ihn mit einer Frage zu unterbrechen. Er hatte sie aus seinen Armen gelassen, und sein Ton klang matt und dumpf, als er fortfuhr:

„Von diesem Augenblicke an kennst Du und die Welt meine Laufbahn. Ich wurde der Secretär des Ministers, wurde sein Freund und Vertrauter, schließlich sein Schwiegersohn. Sein mächtiger Einfluß räumte all die Hindernisse fort, die dem bürgerlichen Emporkömmlinge im Wege standen, und als die Bahn erst einmal frei war, da brauchte ich nur meine eigenen Kräfte zu regen. Daß meine ganze Vergangenheit dabei venichtet und verleugnet werde mußte, war selbstverständlich; ich hatte es ja gewußt und es lag nicht in meinem Charakter, irgend etwas halb zu thun. Meine Natur neigte ohnehin zum Despotischen, Macht und Herrschaft hatte stets für mich einen beinahe dämonischen Reiz gehabt, jetzt lernte ich sie kennen und eine unglaublich schnelle Carrière und glänzende äußere Erfolge halfen mir schneller, als ich glaubte, über die alten Erinnerungen hinweg. Der stete Einfluß meines Schwiegervaters, den ich aufrichtig verehrte, die Kreise, in denen ich fortan lebte, thaten das Uebrige. Ich mußte vorwärts, ohne umzublicken, und ging vorwärts. Der Weg führte freilich über die Trümmer meiner einstigen Ideale, aber ich erreichte das Ziel – um so zu enden!“

„Aber es ist ja nur eine Verleumdung, eine Lüge, die Dich stürzt!“ fiel Gabriele ein. „Das wird und muß doch offenbar werden.“

Raven schüttelte finster das Haupt. „Kann ich die Welt zu dem Glauben zwingen, den sie mir versagt? Ich habe es ja bereits aus dem Munde Rudolph Brunnow’s hören müssen, daß ich das Recht auf Glauben verwirkt habe. Er freilich kann jeder Anklage entgegentreten mit seiner reinen Stirn, seine Vertheidigung würde nicht ungehört verhallen, denn seine Vergangenheit, sein ganzes Leben zeugt für ihn – die meinige verurtheilt mich. Wer seine Ueberzeugung abschwor, der kann ja wohl auch seine Freunde verrathen haben. Der Fluch jener unseligen Stunde, in der ich mir selbst untreu wurde, fällt jetzt auf mich und macht mich ohnmächtig, der Verleumdung zu begegnen, die mich stürzt.“

„Und wer stürzt Dich?“ rief Gabriele aufwallend. „Die, um deren willen Du das Alles gethan, denen Du Alles geopfert hast. O, welche Undankbarkeit!“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 35, S. 582–584
Fortsetzungsroman – Teil 27


[582] „Undankbarkeit? Habe ich denn ein Recht, Dankbarkeit von jenen Menschen zu verlangen?“ fragte Raven mit ruhiger Bitterkeit. „Zwischen uns hat nie irgend ein Band des Vertrauens existirt. Sie brauchten mich zur Ausführung ihrer Pläne, und ich brauchte sie um emporzusteigen. Es war ein ewiger Kriegszustand, ein ewiges Abwägen der gegenseitigen Kräfte. Ich habe sie oft genug die Macht des gehaßten Empörkömmlings fühlen lassen; jetzt, da die Macht in ihren Händen ist, stürzen sie mich. Ich konnte und durfte nichts Anderes erwarten, aber ich fühle jetzt, daß Rudolph Recht hat. Es ist doch etwas werth, an sich selber und an seine Ideale zu glauben. Wer mit und für seine Ueberzeugung fällt, der kann auch den Fall ertragen. Wer wie ich die besten Kräfte seines Lebens an eine Sache setzte, der er kein Herz entgegenbrachte und die er im Grunde seiner Seele anklagen und verachten mußte, dem bleibt nichts, woran er sich im Sturze halten kann.“

„Und ich?“ sagte Gabriele vorwurfsvoll.

„Ja Du!“ rief der Freiherr mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit aufflammend. „Du bist mir noch allein geblieben. Ohne Dich hätte ich dieses Ende nicht ertragen.“

„Wirst Du es denn überhaupt ertragen?“ fragte das junge Mädchen beklommen. „Ach, Arno, mir ist, als könnte auch ich Dich nicht mit einer Zukunft versöhnen, in der alles fehlt, was Dein eigentliches Leben ausmacht. Du wirst Dich verzehren in der Einsamkeit, auch wenn ich an Deiner Seite bin.“

„Laß das jetzt!“ sagte Raven sanft ablenkend. „Davon sprechen wir später. Ich habe den Schleier von meiner Vergangenheit gezogen; Du solltest sie und mich ganz kennen lernen. Jetzt aber ist es genug mit den düsteren Erinnerungen; sie sollen uns nicht länger diese Stunde trüben.“

Er richtete sich empor mit einem Ausdruck, als wolle er alles Quälende weit hinter sich werfen. Sie war in der That schön, diese Stunde in der mondbeglänzten Einsamkeit des Gartens. Die halbentlaubten Bäume, die blumen- und duftlose Erde, all die traurigen Zeugen des Herbstes schienen ihren längst verlorenen Reiz zurückzugewinnen in dem geisterhaften Lichte, das so mild verschleierte, was ihnen die Herbststürme geraubt hatten, und sie in seinen verklärenden Glanz tauchte.

In träumender Stille lag der Schloßgarten und die weite Landschaft, auf die er den Blick eröffnete. Jetzt leuchtete sie freilich nicht mehr in der goldigen Klarheit des Sommertages; heut ruhte das Thal halb verborgen im duftigen Schimmer der Mondnacht. Vom Fuße des Schloßberges her blinkten die Lichter der Stadt herauf, deren Dächer und Thürme sich hellbeschienen in die Nachtluft emporhoben. Deutlich standen die nächsten Berggipfel da; die zackigen Felshäupter schienen sich von der dunklen Masse Gebirges loszulösen, aber weiterhin wurden die Linien zarter, unbestimmter und die ferneren Höhenzüge verschwanden ganz im bläulich schimmernden Duft. Das bleiche Licht überströmte wie mit unendlichem Frieden all die Wälder, die Höhen und Ortschaften ringsum. Unten im Thale, auf den Wiesen und Feldern regte sich geheimnißvolles Nebelweben, nur hier und da blitzte eine der Windungen des Flusses auf. Hoch oben wölbte sich der Himmel in seiner Sternenpracht, und über dem Allen lag es wie ein zarter, durchsichtiger Schleier, aus Mondesstrahlen und Nebelduft gewoben – es war ein Bild von traumhafter Schönheit und tiefer unaussprechlicher Ruhe.

Auch hier oben schwebte der Nebelduft über dem Rasen, und der Mondesstrahl webte ringsum seine phantastischen Gebilde. Die grauen, moosbewachsenen Gestalten des Nixenbrunnens schienen Leben zu gewinnen in diesen Strahlen; es war, als regten sie sich unter dem feuchten Wasserschleier, der, voll und ganz von dem weißen Lichte getroffen, wie ein funkelnder Silberregen aussprühte und wieder niedersank. In sein Rieseln und Rauschen mischten sich all die Stimmen, die nur in der Sage der Nacht aufwachen, dunkel und räthselhaft wie die Nacht selbst. Der Wind ruhte; die Luft war völlig unbewegt, und doch regte sich oft ein Flüstern und Wehen das wie Geisterhauch vorüberzog und dahinstarb.

Der Abend war so mild und klar, daß man sich in den Frühling zurückträumen konnte, und es war auch ein Frühlingstraum, der jetzt durch die Seele Raven’s zog. Freilich ein später, kurzer Traum, aber für ihn drängte sich darin doch alle Seligkeit zusammen, welche die Erde nur zu geben vermag, und dies Geständniß strömte jetzt heiß und innig über seine Lippen, während er das holde junge Wesen in den Armen hielt, das ihn Liebe und Glück kennen gelehrt hatte. Wer Arno Raven in dieser Stunde sah und hörte, der begriff es, daß er trotz seiner Jahre und seiner strengen Verschlossenheit, trotz all der Schattenseiten seines Charakters doch Sieger bleiben mußte gegen jeden Andern, wo er wirklich liebte. All die lang zurückgehaltene Gluth und Zärtlichkeit flammte wieder in ihm auf, jedes Wort, jeder Blick sprach von einer Leidenschaft, die in solcher Macht und Tiefe in keiner Jünglingsbrust, sondern nur in der Seele des Mannes lodern kann. Das fühlte auch Gabriele, als sie, dicht an ihn geschmiegt, das Haupt an seine Schulter gelehnt, mit glückseligem Lächeln zu ihm empor sah. Die trüben beklemmenden Ahnungen hielten nicht Stand vor dem Zauber, den die Nähe des Geliebten ausübte, und in seine Worte hinein klang wieder das Rieseln des Quells, die einförmig süße Melodie, unter der diese Liebe aufgewacht war. Das „Eden von Glückseligkeit“, das einst in der schimmernden Ferne, weit hinter den blauen Bergen zu liegen schien, war jetzt herangeschwebt und umschloß die Beiden. Es war eine Stunde so vollen, reinen Glückes, wie sie das Leben nur einmal geben kann – sie wog aber auch ein ganzes Leben auf.

Unten in der Stadt verkündeten die Uhren langsam und deutlich die elfte Stunde. Der Freiherr zuckte leise zusammen bei dieser Mahnung, dann erhob er sich rasch, wie mit einem gewaltsamen Entschlusse.

[583] „Wir müssen in das Schloß zurückkehren,“ sagte er. „Die Nacht wird kühl, und Du bedarfst der Ruhe nach Deiner schnellen und anstrengenden Reise. Komm, Gabriele!“

Sie legte ohne Widerspruch ihren Arm in den seinigen und folgte ihm. Sie schritten an dem Nixenbrunnen vorüber und verließen den Garten. Die Thür schloß sich hinter diesem mondbeglänzten Frieden, hinter dieser Stunde des Glückes – der Frühlingstraum war zu Ende.

Oben im Schlosse, in dem Corridor, der zu den Zimmern der Baronin Harder führte, blieb der Freiherr stehen. Versagte auch ihm die eiserne Kraft? Sein ganzes Wesen bäumte sich auf im wilden Schmerze des Scheidens, aber er hatte nicht umsonst die ahnungsvollen Fragen Gabrielens gehört. Er wußte, daß die geringste Unvorsichtigkeit seiserseits ihr Alles verrathen und sie einer nutzlosen Todesangst preisgeben würde. Der Schlag mußte nun einmal fallen; besser er traf sie unerwartet.

„Gute Nacht!“ sagte Gabriele ahnungslos, ihm die Hand reichend. „Wir sehen uns ja morgen wieder.“

„Morgen!“ wiederholte Raven schwer. „Ja, gewiß.“

Er hob sanft das Haupt des jungen Mädchens empor, so daß es voll von dem Lichte der herabhängenden Lampe beleuchtet wurde, und sah lange in das holde Antlitz, das jetzt wieder von dem rosigen Hauche des Glückes unflossen war, in die klaren, sonnigen Augen – so lange und tief, als wolle er dieses Bild für ewig festhalten. Dann beugte er sich nieder und küßte sie.

„Lebe wohl, meine Gabriele – gute Nacht!“

Gabriele entzog sich leise seinen Armen und ging. Auf der Schwelle ihres Zimmers blieb sie noch einmal stehen und warf einen letzten Gruß zurück; dann schloß sich die Thür hinter ihr. Arno stand regungslos und blickte auf die Stelle, wo sein „Sonnenstrahl“ verschwunden war. Seine Stimme bebte, als er halblaut sagte:

„Armes Kind, wie wirst Du erwachen!“




Der nächste Tag begann mit einem trüben, dichtverschleierten Nebelmorgen, wie ihn der Spätherbst häufig bringt. Es war noch sehr früh, und draußen war es eben erst hell geworden, als Oberst Wilten das Schloß betrat. Er kam zu Fuße und wurde von einem Diener, der bereits Weisung erhalten hatte, sofort in das Zimmer des Freiherrn geführt. Gleich darauf erschien dieser selbst. Er war bereits fertig, aber in seinen Zügen deutete auch nicht die leiseste Spur auf eine unruhige oder durchwachte Nacht hin. Er hatte in der That tief und fest geschlafen, bis zu dem Augenblicke, wo sein Diener ihn weckte, und begrüßte jetzt mit ruhigem Ernst den Oberst. Man wechselte einige Bemerkungen über den Nebel, über die Fahrt, über Ort und Stunde der verabredeten Zusammenkunft. Dann zog Raven den Schlüssel zu seinem Schreibtische hervor und übergab ihn dem Oberst.

„Ich möchte Sie ersuchen, für den Fall meines Todes die ersten und nothwendigsten Anordnungen zu übernehmen,“ sagte er. „Meine Papiere sind geordnet. Dort in jenem Fache liegt mein Testament nebst einigen persönlichen Verfügungen, die ich gestern noch getroffen habe. Sie werden dort auch einen Brief finden, den ich bitte, unverzüglich an seine Adresse – Doctor Rudolph Brunnow – zu befördern.“

„An Ihren Gegner?“ fragte Wilten, auf’s Aeußerste befremdet.

„Ja. Es handelt sich um eine Erklärung, die ich ihm schuldig bin, die ich ihm aber unmöglich vor dem Duell geben konnte. Er findet sie in jenem Schreiben. Und nun noch Eins! –“ der Freiherr hielt einen Augenblick inne und zog dann langsam einen zweiten Brief aus seiner Brusttasche hervor. „Diese Zeilen sind für mein Mündel, Gabriele von Harder, bestimmt. Ich möchte aber nicht, daß sie den Brief unvorbereitet empfängt oder unvorbereitet von einem – Unglück hört; sie würde tödtlich erschrecken. Ich bitte Sie daher, den Brief selbst in ihre Hände zu geben, aber dabei mit Vorsicht zu Werke zu gehen – mit der äußersten Vorsicht. Ein so zartes junges Wesen, wie Gabriele, bedarf der Schonung. Wenn die Nachricht sie jäh und plötzlich träfe, könnte sie ihr erliegen.“

Wilten verbarg mit Mühe seine Ueberraschung bei diesen Worten, die ein halbes Geständniß enthielten. Es begann ihm jetzt klar zu werden, weshalb sein Sohn eine Abweisung erhalten hatte.

„Ich habe also Ihr Versprechen?“ fragte der Freiherr.

„Für den Fall Ihres Todes wird Baroneß Harder den Brief nur aus meinen Händen empfangen, und ich selbst werde ihr so schonend wie möglich die Nachricht überbringen. Mein Wort darauf!“

„Ich danke Ihnen,“ sagte Raven sichtlich erleichtert. „Und nun werden wir wohl aufbrechen müssen. Mein Wagen hält bereits unten. Darf ich Sie bitten, allein voraus zu fahren und an der Rückseite des Schloßberges halten zu lassen? Ich möchte bei diesem frühen Aufbruche jedes Aufsehen vermeiden und deshalb nicht am Hauptportal einsteigen. Ich komme durch den Schloßgarten.“

Oberst Wilten fand diese Anordnung ein wenig seltsam, fügte sich aber schweigend. Raven klingelte nach Hut und Mantel, und nachdem der Diener ihm beides gebracht hatte, verließen die beiden Herren das Zimmer, um sich erst unten an der Treppe zu trennen.

Als der Freiherr über den Schloßhof schritt, begegnete er dem Hofrath Moser, der soeben aus seiner Wohnung kam und sehr verwundert aussah, als er seinen Chef zu so ungewohnter Stunde erblickte. Raven blieb stehen.

„Sieh da, Herr Hofrath! Wollen Sie so früh schon ausgehen?“

„Ich sah nur nach dem Wetter,“ erklärte der Hofrath. „Ich pflege sonst täglich einen Morgenspaziergang zu unternehmen, aber bei diesem kalten, feuchten Nebel ziehe ich es doch vor, zu Hause zu bleiben“

„Da thun Sie recht,“ meinte der Freiherr. „Das Wetter ist nicht einladend.“

„Und Excellenz wollen doch ausgehen?“ fragte Moser.

„Ich habe einen nothwendigen Gang, der sich nicht aufschieben läßt. Adieu, lieber Hofrath!“

Damit reichte der Freiherr ihm die Hand, die der alte Herr bestürzt und ehrfurchtsvoll ergriff. Er hatte zwar von seinem Chef schon viele Beweise des Wohlwollens, aber noch kein einziges Zeichen der Vertraulichkeit erhalten. Diese ungewohnte Freundlichkeit ermuthigte den Hofrath zu einer Aeußerung, die er schon lange auf dem Herzen hatte.

„Wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte,“ begann er schüchtern. „Man spricht davon – es war wenigstens gestern Abend in der Stadt das Gerücht verbreitet, Excellenz beabsichtigten Ihren Posten zu verlassen. Ist das wahr? Wollen Sie wirklich gehen?“

„Ja, ich gehe,“ sagte Raven mit ruhiger Bestimmtheit, „und zwar bald.“

Der Hofrath senkte traurig den Kopf. „Dann werde auch ich wohl nicht mehr lange bleiben,“ entgegnete er leise. „Ich habe längst daran gedacht, mein Abschiedsgesuch einzureichen.“

Der Freiherr blickte ihn schweigend an. Die Anhänglichkeit des alten Mannes rührte ihn; Moser allein hatte stets treu und fest zu ihm gehalten und war der Einzige gewesen, der sich durch keine gegen Raven ausgesprengte Verleumdungen beirren ließ.

„Gehen Sie in das Haus zurück, lieber Moser!“ sagte Raven freundlich. „Sie werden sich erkälten in der scharfen Morgenluft und in Ihrem leichten Hausanzuge. Nochmals – Adieu!“

Er reichte ihm noch einmal die Hand, diesmal mit einem kurzen herzlichen Drucke, und ging dann.

Der Hofrath blieb stehen und sah ihm nach. Er, der sonst so ängstlich jede Erkältung scheute, vergaß jetzt völlig, daß er ohne Ueberrock und Kopfbedeckung war. Der Händedruck hatte ihn ganz verwirrt gemacht und das „Adieu!“ hatte ihm so seltsam geklungen. Es war ihm, als müsse er seinem Chef nacheilen und noch irgend eine Frage an ihn richten, nur um noch einmal sein Gesicht zu sehen und seine Stimme zu hören, und nur der Gedanke an das Unpassende eines solchen Benehmens hielt ihn zurück. Erst als Jener verschwunden war, ging er wieder nach seiner Wohnung, aber ein schwerer Seufzer entwand sich seiner Brust, als er die Treppe hinaufstieg. Es war also doch geschehen. Der Gouverneur hatte seine Entlassung genommen.

Raven schritt inzwischen langsam durch den Schloßgarten. Er hatte dem Wunsche nicht widerstehen können, ihn noch einmal zu betreten, und eine Verzögerung war das kaum. Der Garten stand durch eine kleine Mauerpforte in directer Verbindung mit dem Schloßberge. Von dort führte ein Fußpfad in wenigen Minuten nach der Stadt. Der Gouverneur hatte stets diesen Weg benutzt, wenn er irgendwo durch sein Kommen überraschen, und nicht erst das Hauptportal und die Militärposten passiren [584] wollte. Er kam wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Wagen an, der einen Umweg machen mußte.

Am Nixenbrunnen verweilte der Freiherr einige Minuten lang. Was war aus dem mondbeglänzten Eden von gestern Abend geworden! Die Morgennebel hielten alles dicht umzogen. Der Rasen schimmerte weiß unter der Reifdecke, die sich darauf gelagert hatte, die mächtigen Linden, mit ihrem spärlichen Laub, standen dunkel und unheimlich in dem feuchten Dunst, und die fallenden Blätter deckten welk und naß den Boden. Der Nixenbrunnen rauschte noch, aber seine Wasserstrahlen waren jetzt nur ein trüber und farbloser Regen, der sich über graue, halbverwitterte Steinfiguren ergoß, und sein Nieseln klang so unsagbar traurig. Das verklärende Licht, das die ganze Umgebung in seinen Glanz getaucht hatte, war geschwunden, und nur die Wirklichkeit blieb zurück – der Herbst in seiner ganzen trostlosen Oede.

Raven zog den Mantel fester um die Schultern, der Morgenwind strich eisig an ihm vorüber. Er wandte sich nach der Mauerbrüstung, wo sich sonst die weite Landschaft öffnete. Gestern lag das Thal dort, so zauberhaft schön im duftigen Schleier der Mondnacht; heute war alles erfüllt von unruhig wogenden Nebelmassen. Nur einzelne Thürme der Stadt tauchten undeutlich daraus hervor; das Thal, die Berge und die Ferne waren völlig verhüllt. Der Blick des Freiherrn streifte über die Stadt hin, die er so lange beherrscht hatte, und verlor sich dann in jenem gährenden Nebelmeer. Was mochte sich dahinter bergen? Ein goldener Sonnentag oder düsteres Nebelgrauen?

Noch ein letzter Blick flog hinaus zu den Mauern des Schlosses, aber er blieb nicht dort haften. Gabrielens Zimmer lagen nach der anderen Seite hinaus, man konnte von hier aus ihre Fenster nicht sehen. Raven öffnete die Mauerpforte und trat in’s Freie. Er kam fast gleichzeitig mit dem Wagen unten an; in der nächsten Minute saß er an der Seite des Oberst Wilten und bald lag die Stadt hinter ihnen.

Die Fahrt ging rasch vorwärts, an dampfenden Wiesen vorüber, an dem brausenden Flusse entlang, dem Gebirge zu. Nach einer halben Stunde war das Ziel erreicht, die Waldungen, welche hier begannen. Der Freiherr und sein Begleiter verließen den Wagen und gingen zu Fuß weiter nach dem Orte der Zusammenkunft, der in ewiger Entfernung am Rande des Waldes lag. Die Gegenpartei war schon dort eingetroffen, Doctor Brunnow, mit seinem Secundanten und seinem Sohne, welcher der Verabredung gemäß den ärztlichen Beistand leisten sollte. Die Herren grüßten sich schweigend, nur die beiden Secundanten hatten eine kurze Besprechung mit einander und schritten dann sofort zu den Vorbereitungen.


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 36, S. 595–600
Fortsetzungsroman – Teil 28


[595] Max stand neben seinem Vater, dessen bleiches Antlitz und brennende Augen eine durchwachte Nacht verriethen und der sich vergebens bemühte, seine fieberhafte Erregung zu verbergen. Seine Lippen waren fest zusammengepreßt, und durch seine Hand, die in der des Sohnes lag, flog bisweilen ein nervöses Zucken.

„Fassung, Papa!“ flüsterte Max ihm zu. „Deine Hand ist so unsicher; Du wirst kaum abdrücken können.“

„Sei ruhig! Ich werde es können,“ versetzte der Doctor, gleichfalls in gedämpftem Tone und mit einem Blicke auf die Waffen, welche soeben von den Secundanten geladen wurden.

„Oberst Wilten ist bereits aufmerksam geworden,“ sagte Max bedeutsam. „Soll er glauben, daß es die Furcht vor der Kugel ist, die Dich so erregt?“

Brunnow machte eine heftige Bewegung des Unwillens.

„Du hast Recht. Die Fremden könne ja nicht ahnen, was in mir wühlt. Sie sollen mich wenigstens nicht für einen Feigling halten.“

Er raffte sich zusammen, und es gelang ihm auch wirklich, ruhiger zu erscheinen, aber er vermied es, nach der Stelle zu blicken, wo der Freiherr stand. In seiner gewohnten stolzen Haltung, mit der kalten Festigkeit in den Zügen, schien Raven völlig unbewegt von dem Kommenden.

Der Nebel begann allmählich zu fallen; schon traten die Berggipfel und die höher gelegenen Ortschaften daraus hervor, und die Sonne mußte soeben aufgegangen sein, denn der ganze östliche Horizont schimmerte in rothem Lichte, wenn die Strahlen es auch noch nicht vermochten, sich durchzukämpfen. Die Stadt lag noch in einen weißen Dunstschleier gehüllt, aber das Schloß auf der Höhe war bereits sichtbar, zwar noch undeutlich, wie ein Nebelbild, aber es trat mit jeder Minute klarer und deutlicher durch den Nebel hervor. Dort träumte Gabriele ahnungslos und glücklich dem Morgen entgegen, und hier fiel indessen die blutige Entscheidung auch über ihr Schicksal.

[598] Oberst Wilten verkündete, daß jetzt Alles bereit sei, und die beiden Gegner traten auf den Kampfplatz. Raven stand hochaufgerichtet da, das Auge klar und voll aufgeschlagen und die Waffe lag so fest und sicher in seiner Hand, als könne sie ihr Ziel gar nicht verfehlen. Brunnow’s Fassung war augenscheinlich eine gewaltsam erzwungene. Wenn der Augenblick der Entscheidung und die Furcht vor Mißdeutungen ihm auch seine Haltung zurückgaben, seine Hand war doch unsicher und bebte leise, als er das tödtliche Geschoß auf die Brust des einst so leidenschaftlich geliebten Freundes richtete.

Wilten gab das Zeichen. Die beiden Schüsse krachten gleichzeitig, und einen Augenblick lang standen beide Gegner noch fest auf ihrem Platze. Dann entfiel dem einen die Waffe; er preßte die Hand auf die Brust, trat einen Schritt zurück und stürzte dann lautlos zusammen. Arno Raven lag am Boden, und der weiße Reif auf dem Rasen ringsum begann sich dunkel zu färben.

Max überzeugte sich hastig, daß sein Vater unverletzt sei, und eilte dann zu dem Verwundeten, an dessen Seite sich bereits der Oberst befand. Brunnow stand regungslos da, die Pistole noch krampfhaft festhaltend; er blickte mit starren Augen zu jener Gruppe hinüber. Sein Secundant trat an seine Seite.

„Was soll denn das bedeuten?“ fragte er leise. „War es denn nicht der Freiherr, der Sie forderte? Er hat in die Luft geschossen.“

Das Wort schien die Erstarrung zu lösen, welche Brunnow gefesselt hielt. Er warf die Pistole weg und stürzte hinüber.

„Arno!“ rief er aus – es war ein Schrei der wildesten Verzweiflung. Max machte soeben den Versuch, das Blut zu stillen, aber der Vater drängte ihn ungestüm zurück, als habe er allein ein Recht auf diesen Platz, entriß ihm das Tuch und drückte es auf die Wunde. Der junge Mann zog sich schweigend zurück, während er dem Oberst und dem anderen Secundanten, die betreten dieser Scene zuschauten, einen Wink gab, mit ihm seitwärts zu treten.

„Können Sie dem Freiherrn keine Hülfe leisten?“ fragte der Oberst halblaut.

„Hülfe ist nicht mehr möglich.“ versetzte Max. „Der erste Blick auf die Wunde zeigte mir, daß sie tödtlich ist. Es handelt sich nur noch um Minuten, und da wird mein Vater das Nöthige thun. Bitte, lassen Sie ihn allein mit dem Sterbenden!“

„Es fiel überhaupt nur ein Schuß, der tödlich werden konnte,“ sagte der Secundant Brunnow’s bedeutsam.

Der Oberst nickte. „Ich habe es gleichfalls gesehen. Raven wandte im letzten Moment die Pistole – seltsam!“

Die drei Männer sahen sich schweigend an; sie begannen zu ahnen, weshalb dieses Duell provocirt worden war, aber Keiner lieh seinen Gedanken Worte. Sie fühlten, daß dort drüben, wo der Gegner an der Seite des Gefallenen kniete, sich etwas vollzog, was von den gewöhnlichen Vorfällen bei einem Duell weit abwich, und die Bitte des jungen Arztes ehrend, blieben sie in einiger Entfernung stehen.

Brunnow hielt mit dem linken Arme den Verwundeten umfaßt, dessen Haupt an seiner Brust ruhte, während er mit der Rechten das Tuch auf die Wunde preßte. War es der Schmerz dieser Berührung oder der Aufschrei: „Arno!“ der dem Ohnmächtigen das Bewußtsein zurückgab – er schlug die Augen auf und machte eine matte, abwehrende Bewegung.

„Laß das!“ sagte er. „Du hast gut getroffen – ich wußte es.“

„Arno, warum hast Du mir das gethan!?“ stöhnte Brunnow. „Warum mußte es gerade meine Hand sein? O, ich weiß es jetzt, weshalb Du mich gezwungen hast.“

Es lag ein so qualvoller Schmerz in diesen Worten, daß sie selbst den tödtlich Verwundeten erschütterten; er versuchte es, dem Sprechenden die Hand zu reichen.

„Verzeih’, Rudolph!“ sagte er kaum hörbar. „Mache Dir keine Vorwürfe! Ich danke Dir.“

Die Stimme versagte ihm, aber er richtete sich mit einer letzten Anstrengung halb empor, und sein Blick schien in der Ferne irgend etwas zu suchen. Brunnow stützte ihn; er versuchte mit Todesangst, das Blut zu hemmen, den rothen Lebensstrom, den seine eigene Hand entfesselt hatte, und der Arzt wußte doch, daß es hier nichts mehr zu hemmen, zu retten gab. Soeben brach die Sonne durch den Nebelschleier; drüben stand das Schloß auf seiner Höhe in leuchtender Morgengluth. Seine Mauern und Thürme schimmerten in rothem Lichte, und seine Fenster schienen Flammenblitze wie Grüße herüberzuwerfen. Arno’s Auge hing unverwandt an diesem einen Punkte; sein letzter Blick wandte sich dem „Sonnenstrahl“ zu, der ihn von dort her grüßte. Dann begann es zu dämmern; das leuchtende Bild wich weit und weiter zurück, und endlich versank es ganz. Es legte sich um den Sterbenden wie düstere Schatten, wie kühle Wasserschleier und er wurde fortgezogen, weit fort, in geheimnißvoll dämmernde Tiefen, wohin kein Laut des Lebens mehr drang, wo alles Ringen und Sehnen, alles Glück und Weh in einem tiefen Traum erstarb, und in den Traum verflocht sich ein fernes Rieseln, das leise geisterhafte Singen eines Quells, das wie aus endloser Ferne herniedertönte. –

Brunnow legte den Körper des Todten sanft nieder. Er wollte sich erheben, aber die Kraft versagte ihm, und fassungslos brach er an der Leiche des Jugendfreundes zusammen.




Eine neue Zeit war für das Land angebrochen. Die letzten vier Jahre hatten viel, beinahe Alles geändert; die einst verfolgte und unterdrückte Partei stand jetzt an der Spitze der Regierung, und mit diesem Umschwunge vollzogen sich auch tief eingreifende Veränderungen in allen Kreisen des öffentlichen Lebens. Bestrebungen, die einst gehemmt und bekämpft wurden, durften sich jetzt frei und offen regen, und mit den neuen Verhältnissen traten auch neue Persönlichkeiten auf den Schauplatz.

Unter denen, welche die jetzige politische Richtung ungewöhnlich schnell emportrug, befand sich auch Georg Winterfeld. Er nahm als Ministerialrath bereits eine für seine Jahre sehr bedeutende Stellung ein. Der Gouverneur, welcher gegenwärtig an der Spitze der -schen Provinz stand, war in allen Dingen das Gegentheil seines Vorgängers, liberal, nachsichtig und ohne jede Hinneigung zum Despotismus; ein energisches Durchgreifen war seine Sache nicht, und doch that dies bisweilen noth.

Brunnow hatte unmittelbar nach jener Katastrophe die Stadt verlassen. Er gab den dringenden Bitten seines Sohnes nach, sich nicht einer neuen Haft auszusetzen, der er nach den Duellgesetzen des Landes verfallen war, und die der alternde, durch die letzten Vorfälle so schwer gebeugte Mann wohl kaum ertragen hätte. Der Doctor war ja ohnehin entschlossen, sein Vaterland für immer zu verlassen. Noch ehe das Duell in der Stadt bekannt geworden war, kehrte er nach der Schweiz zurück, trat aber von dort aus öffentlich mit mit vollem Nachdrucke für das Andenken des Gefallenen ein. Er erklärte, unter dem Einfluß eines Irrthums gestanden zu haben und durch eine letzte Eröffnung Raven’s darüber aufgeklärt worden zu sein. Jene Beschuldigung sei unwahr und ein schweres Unrecht gegen den Todten. Dieses Zeugniß des Gegners, von dessen Hand der Freiherr gefallen war, fiel natürlich schwer in’s Gewicht, wenn auch die Sache jetzt so wenig erwiesen werden konnte wie früher. Der Tod erwies sich auch hier als der beste Vertheidiger. Was man dem Lebenden nie geglaubt haben würde, das glaubte man dem Todten, der gewissermaßen noch mit seinem letzten Atemzuge die ihn schändende Verleumdung für eine Lüge erklärt hatte.

Raven hatte seine Dienerschaft mit sehr reichen Legaten bedacht; im Uebrigen fiel sein ganzes Vermögen nach dem Testamente der jungen Baroneß Harder zu. Gabriele war nach dem Tode des Freiherrn lange und schwer krank gewesen und erholte sich nur sehr langsam. Gegenwärtig lebte sie mit ihrer Mutter in der Residenz, wo sie das Ziel unausgesetzter Bewerbungen war, aber sie schien den Gedanken an eine Vermählung weit von sich zu weisen, zur Verzweiflung der Baronin, die oft ihre ganze Beredsamkeit erschöpfte, nur die Tochter umzustimmen. Gabriele war vor Kurzem mündig und damit freie Herrin ihres Vermögens geworden; es war also nach Ansicht ihrer Mutter die höchste Zeit, ihre Wahl zu treffen. – –

Hofrath Moser hatte schon vor vier Jahren seinen Abschied genommen. Einerseits bestimmte ihn der Tod seines Chefs dazu, diese langgehegte Absicht auszuführen; andererseits ging es nicht gut an, im Staatsdienste zu bleiben, wenn man sich mit einer Demagogenfamilie verschwägerte, und dieses Schicksal hatte den Hofrath nun doch ereilt. Er sträubte sich zwar mit Händen und Füßen dagegen, aber das half ihm nichts; Max Brunnow lief so lange Sturm gegen ihn, bis er sich ergab. Dieser unverwüstliche [599] Freier erschien nämlich Tag für Tag, mit der größten Regelmäßigkeit, um seinem lieben Schwiegervater mitzutheilen, wie sehr er sich darauf freue, sein Schwiegersohn zu werden, und daß ein besserer Schwiegersohn überhaupt gar nicht in der Welt sei. Wenn der alte Herr zornig auffahren wollte, so drohte der gewissenlose Doctor mit Schlaganfällen und verschrieb Beruhigungstropfen. Wenn Jener ihm das Haus verbot, so erklärte Max, er könne den Anblick seiner Braut nicht entbehren, und kam am nächsten Tage eine Stunde früher. Der Hofrath ergab sich endlich in sein Schicksal; er gehörte zu den Naturen, die, wenn man ihnen täglich dasselbe sagt, es zuletzt glauben, und da er alle Tage hören mußte, daß dieser Schwiegersohn ebenso unabwendbar wie vortrefflich sei, so glaubte er es schließlich und nahm beides als eine unumstößliche Thatsache hin.

Einen etwas schwereren Stand hatte man mit der „geistlichen Vormundschaft“, die natürlich die Verlobung nicht anerkennen wollte und Himmel und Hölle dagegen in Bewegung setzte. Man drohte dem jungen Bräutigam mit der Hölle; er drohte dagegen mit der Presse und erklärte, er werde die ganze Stadt zur Vertrauten seiner Herzensangelegenheit machen und in sämmtlichen Zeitungen Lärm darüber erheben, daß man ihm seine Braut entreißen wolle, um sie wider ihren Willen in das Kloster zu sperren. Das erregte denn doch Bedenken. Man hatte bei dem Sturze des Gouverneurs gesehen, was Zeitungsartikel anrichten konnten.

Man gab nach. Die feindliche Partei zog sich zurück, und Max behauptete triumphirend das Feld. Er war klug genug, die Hochzeit so rasch wie möglich zu betreiben, und entführte seine junge Frau schon nach wenigen Monaten nach der Schweiz. Brunnow, der durch die Erbschaft seines Vetters völlig unabhängig geworden war, bestand darauf, daß Sohn und Schwiegertochter vorläufig in seinem Hause wohnten, da Max bei seiner schnellen Heirath nicht Zeit gefunden hatte, sich zuvor eine Praxis zu gründen. Dies geschah nun zwar in kürzester Frist; trotzdem wurde aber das Zusammenleben beibehalten. Das Verhältniß zwischen Vater und Sohn war ein durchaus anderes geworden, seit jener Scene am Krankenbette des Letzteren, und wenn einmal eine Differenz vorkam, so trat Agnes mit ihrer sanften Vermittelung dazwischen. Die junge Frau hatte in Kurzem das ganze Herz des Schwiegervaters gewonnen. Der Hofrath dagegen lebte nach wie vor in R. unter dem Scepter der Frau Christine, aber er befand sich wohl dabei und kam jeden Sommer, um seine Kinder zu besuchen. – –

Es war wieder Sommer geworden. Der See und die Stadt an seinen Ufern lagen im hellsten Sonnenschein, und das Gebirge erhob sich duftumhüllt und nur zur Hälfte sichtbar in der Ferne. Die einst so kleine und bescheidene Besitzung Rudolph Brunnow’s zeigte jetzt ein weit stattlicheres Aussehen. Der Garten hatte durch Ankauf der benachbarten Grundstücke fast das Doppelte an Raum gewonnen, und auch das Wohnhaus war umgebaut und bedeutend vergrößert worden, da es jetzt Platz für zwei Familien gewähren mußte. Der junge Doctor Brunnow pflegte sonst die Vormittagsstunden zu Besuchen bei seinen Patienten zu benutzen, heute aber war die gewohnte Ausfahrt unterblieben, und Max befand sich im Garten, mit einem Gaste, der erst vor einer halben Stunde eingetroffen war.

„Jetzt kommst Du aber mit mir, Georg, damit ich Dich auch einmal für mich allein habe!“ sagte er nachdrücklich. „Papa läßt Dich sonst gar nicht aus den Händen, und Dein Besuch gilt doch vor allen Dingen mir. Das war eine Ueberraschung! Ich ahnte gar nicht, daß Du in der Schweiz seiest.“

„Es war eine Dienstreise,“ versetzte Georg. „Ich mußte zu unserer Gesandtschaft nach B. Meine Aufträge waren schneller erledigt, als ich glaubte, und da konnte ich es mir nicht versagen, auf der Rückreise Dich zu überraschen.“

Winterfeld hatte sich in den letzten vier Jahren kaum verändert. Er war nur reifer, männlicher geworden, und seine Haltung hatte an ruhiger Sicherheit noch gewonnen. Die frühere durchsichtige Blässe aus seinen Zügen war längst der Farbe der Gesundheit gewichen, aber aus der einst so klaren Stirn lag ein Schatten, und die schönen blauen Augen, die sonst nur ernst blickten, hatten jetzt etwas entschieden Düsteres. Der kaum zweiunddreißigjährige Mann mit seiner so viel verheißenden Lebensstellung schien irgend etwas mit sich herumzutragen, was ihm die Freude am Leben nahm. Max Brunnow’s Aussehen dagegen entsprach vollständig seiner Behauptung, daß er sich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz vortrefflich befinde, und war überdies ein glänzendes Zeugniß dafür, daß Frau Agnes die Hausfrauentugenden sich zu eigen gemacht hatte.

„Sage einmal, Georg,“ fragte Max im Laufe des Gesprächs, „wie lange dauert es denn noch eigentlich, bis Du Minister wirst?“

Georg lachte. Wahrscheinlich noch eine ganze Reihe von Jahren. „Vorläufig bin ich Ministerialrath.“

„Und die rechte Hand des Ministers, die Seele der ganzen Verwaltung. O, wir wissen ganz genau, wie es in Eurer Residenz zugeht. Ich höre oft genug davon durch meinen Schwiegervater. Die gute Stadt R. muß nun einmal opponiren, das bringt die lange Gewohnheit so mit sich. Der neue Gouverneur ist die Liberalität und Menschenfreundlichkeit selbst; sie finden eigentlich nichts an ihm auszusetzen und das gerade ärgert sie.“

„Was man vermißt,“ sagte Georg, „ist die mächtige Persönlichkeit Raven’s, die selbst den Feinden Bewunderung abzwang. Der jetzige Gouverneur ist redlich und wohlwollend, aber er ist durchaus keine hervorragende Natur und vielleicht nicht ganz einem so wichtigen und verantwortungsreichen Posten gewachsen. – Der Hofrath lebt also noch immer in R.? Ich glaubte, er würde sich endlich zu einer Uebersiedelung zu seiner Tochter entschließen.“

„Welche beleidigende Idee!“ spottete Max. „Mein Schwiegervater, der Inbegriff aller Loyalität, sollte einer schnöden Republik den Besitz seiner Person gönnen? Er lebt und stirbt unter den Fittigen seines allergnädigsten Souverains. Hier würde sich übrigens das Zusammenleben des alten Herrn mit meinem Vater auf die Dauer doch sehr unerquicklich gestalten. Sie sind zu schroffe Gegensätze, um je mit einander auszukommen.“

Winterfeld warf einen Blick nach dem Hause zurück. „Max, ich habe Deinen Vater doch recht gebeugt und gealtert gefunden.“

Max zuckte die Achseln. „Er kann den Tod Raven’s nicht verwinden. Ich glaubte, die Zeit würde den Schmerz mildern – leere Hoffnung! Als Arzt muß ich mir sagen, daß wir ihn nicht mehr lange besitzen werden. Ich kenne die Symptome.“

Er war ernst geworden bei den letzten Worten, und der gleiche Ausdruck legte sich auf Georg’s Gesicht.

„Er kann sich nicht losreißen von dem Gedanken an das, was er einst geliebt hat,“ sagte er, „er geht zu Grunde an der Erinnerung – ich verstehe das.“

„Ja, Du scheinst mir auch nicht übel Lust zu haben, an solch einem ‚Gedanken‘ zu Grunde zu gehen,“ fiel der junge Arzt mit aufflammendem Aerger ein. „Als wir uns das letzte Mal sahen, wolltest Du mir durchaus nicht Rede stehen, jetzt aber siehst Du noch elegischer aus als damals. Beichte einmal!“

Georg machte eine abwehrende Bewegung. „Erlaß mir das! Du weißt es ja, ich bin unverbesserlich, und in dem Punkte verstehst auch Du mich nicht.“

„Natürlich, ich werde als unverbesserlicher Realist gar nicht in dem Heiligthum Deiner Gefühle zugelassen.“

Winterfeld runzelte die Stirn und wandte sich ab, aber Max fuhr unbekümmert fort:

„Dieses ängstliche Zögern und Fliehen vor einem Glücke, das Du mit einem kecken Griffe vielleicht noch erreichen könntest, dieses zartsinnige Schwanken und Bedenken wird so lange dauern, bis irgend ein Anderer, der nicht so zartfühlend ist, Dir zuvorkommt, und dann hast Du zum zweiten Male das Nachsehen. – Ja, das verletzt Dich nun wieder, ich sage Dir aber: Alldieweil und sintemal Du über diese unvernünftige Liebe nicht herauskommen kannst, so mußt Du heirathen, – Punctum!“

„Du sprichst allerdings aus Erfahrung,“ sagte Georg mit einem erzwungenen Lächeln. „Du hast dieses Mittel bei Dir selbst versucht und mit dem glücklichsten Erfolge. Deine Frau ist eine allerliebste Erscheinung.“

„Nicht wahr, sie macht meiner Behandlung Ehre?“

Sie hatten inzwischen ihren Rundgang durch den Garten vollendet und näherten sich wieder dem Hause. In der Veranda saß Doctor Brunnow mit seiner Schwiegertochter, die ihm aus der Zeitung vorlas. Der Doctor war allerdings sehr gealtert, und sein Aussehen zeigte, daß er auch körperlich leidend sei. Seine frühere Reizbarkeit war verschwunden und hatte einer matten Theilnahmlosigkeit Platz gemacht, aus der nur selten noch ein Funke der einstigen Leidenschaft emporflammte. Aus Agnes dagegen [600] war eine blühende junge Frau geworden, die mit der früheren Sanftmuth jetzt eine gewisse Haltung und Würde verewigte. Ein etwa zweijähriger Knabe spielte zu den Füßen der Mutter; er erblickte kaum die beiden Kommenden, als er sich aufrichtete und noch etwas unbeholfen versuchte, dem Vater entgegenzulaufen. Mit einem Sprunge war Max die Stufen hinauf und hob den Kleinen empor.

„Sieh Dir diesen Jungen an!“ rief er, den derben, rothbackigen Buben mit vollem Vaterstolze seinem Freunde entgegenhaltend. Dann wandte er sich seiner Frau zu.

„Mein liebes Kind,“ sagte er, Georg bleibt vorläufig bei uns. „Er muß leider morgen schon wieder abreisen, bis dahin aber ist er unser Gast. Du bist wohl so gut, die nöthigen Anordnungen zu treffen.“

Die junge Frau war in der That allerliebst, als sie dem Freunde ihres Mannes ihre Freude an dem Besuche aussprach. Dann erhob sie sich, um nachzusehen, ob das Gastzimmer in Ordnung sei.

„Ich nehme den Kleinen mit mir,“ bemerkte sie. Er ist es gewohnt, Vormittags eine Stunde zu schlafen. „Du trägst ihn mir wohl nach dem Schlafzimmer hinauf?“

„Ich werde wohl bei Georg bleiben müssen,“ versetzte Max. „Der Junge muß es endlich lernen, die Treppe allein hinauf zu gehen; er ist groß genug.“

„Wie Du willst, lieber Max,“ erklärte Frau Agnes nachgiebig. „Aber Rudolph ist gewöhnt, von Dir getragen zu werden. Er wird weinen, wenn Du ihm nicht den Willen thust.“

„Das hat er von seiner Mutter!“ sagte Max.

Die junge Frau beugte sich mit unendlicher Sanftmuth nieder und nahm den Kleinen auf den Arm. Es war ein kräftiges Kind, aber doch keine allzuschwere Last; die Mutter schien es jedoch nur sehr mühsam zu tragen und an der Thür mußte sie sogar stehen bleiben, um Athem zu schöpfen, wobei sie einen halb vorwurfsvollen Blick zurücksandte. In der nächsten Secunde war Max an ihrer Seite.

„Wie oft habe ich Dir schon gesagt, daß Du Dich nicht so anstrengen sollst!“ sagte er in seinem alten Commandotone. „Gieb das Kind her! Ich werde es hinauftragen.“

Damit nahm er den Knaben von ihrem Arm und trug ihn wirklich nach dem oberen Stockwerke, wo sich die Wohnung des jungen Paares befand. Frau Agnes neigte gehorsam das Haupt und folgte – sie fügte sich jetzt wie immer dem Willen ihres Mannes.

Georg sah den Beiden mit einem gewissen spöttischen Zucken der Lippen nach.

„Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Sohne,“ sagte der alte Brunnow, „und machen Sie sich für Ihre dereinstige Ehe kein Programm und keine Paragraphen! Die Frau stellt sie doch insgesammt auf den Kopf.“

Die Worte sollten scherzhaft klingen, aber der Blick des Sprechenden weilte dabei forschend mit tiefem Ernste auf dem jungen Manne, der leise den Kopf schüttelte.

„Meine dereinstige Ehe?“ wiederholte er. „Ich werde mich nie vermählen. Sie kennen ja meinen Entschluß.“

„Ja, aber ich habe ihn stets bekämpft. In Ihrem Alter schließt man noch nicht für immer mit dem Glücke ab, und Sie gerade sind am wenigsten für das Alleinstehen geschaffen. Der Ehrgeiz wird nie Ihr ganzes Leben ausfüllen. Sie brauchen die Familienbande.“

Winterfeld antwortete nicht; er stützte sich auf das Gitter der Veranda und sah auf den See hinaus. Der Doctor legte die Hand auf seine Schulter.

„Georg, blutet die alte Wunde noch immer?“

Georg wandte sich um. In dem Blicke, der so düster dem seinigen begegnete, fand er eine verwandte Stimmung.

„Es giebt Wunden, die sich niemals schließen,“ versetzte er. „Ich konnte vielleicht nicht so leidenschaftlich aufflammen wie Andere, was ich aber einmal mit ganzer Seele umfasse, das halte ich auch für immer fest. Ich kann mich nicht davon losreißen, und ich will es auch nicht.“

„Haben Sie Gabriele in der letzten Zeit wiedergesehen?“ fragte Brunnow nach einer Pause.

„Ja, und viel öfter, als für meine Ruhe gut ist. Ich verkehre ja jetzt viel in den Kreisen wo sie lebt, und in der Residenz läßt sich ein unerwartetes Zusammentreffen nicht vermeiden. Oft steht sie mitten in irgend einem glänzenden Gewühl von Gästen vor mir, und wir müssen Beide der Begegnung Stand halten, wenn wir auch fliehen möchten, so weit als möglich. Hätte ich sie nicht wiedergesehen seit dem Tage, wo ich sie verlor, es wäre besser gewesen. Diese fortwährenden Begegnungen wühlen immer wieder von Neuem die Vergangenheit auf und rauben mir Kraft und Selbstbeherrschung. Ich leide furchtbar darunter.“

„Es war also doch nur der Zufall, der Sie herführte? Ich dachte es.“

Winterfeld sah den Doctor erstaunt an. „Sie hören ja, daß ich mich auf einer Dienstreise befinde und Sie und Max überraschen wollte.“

„So hat Ihnen Max noch nicht gesagt, daß die Harder’schen Damen hier sind?“


Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum Anfang
Autor: W. Heimburg
Titel: Um hohen Preis
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 37, S. 614–616
Fortsetzungsroman – Teil 29


[614] „Wer ist hier?“ fuhr Georg auf. „Gabriele?“

„Mit ihrer Mutter. Sie wohnen schon seit einigen Wochen drüben in jener Villa. Die Baronin ist etwas leidend und hat sich der Behandlung eines unserer berühmtesten Aerzte anvertraut. Die Anknüpfung eines näheren Verkehrs zwischen uns und den beiden Damen ist natürlich unterblieben. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welche Erinnerung Gabriele abhält, das Haus zu betreten, in dem ich weile.“

„So ist es gut, daß ich morgen schon abreise,“ sagte Georg in gepreßtem Tone. „Vielleicht wäre mir auch hier eine Begegnung nicht erspart geblieben, und gerade hier, wo meine Liebe und mein Glück begann, hätte ich das nicht ertragen.“

„Sie wollen also keine Annäherung versuchen? Bedenken Sie, Georg, es handelt sich um Ihr Lebensglück. Ich an Ihrer Stelle würde dieses ungeahnte Zusammentreffen gerade für einen Wink des Schicksals nehmen und noch einmal die entscheidende Frage stellen. Die Lebensstellung und noch mehr die Zukunft, welche Sie zu bieten haben, bewahrt Sie vor jeder Demüthigung, selbst wenn Sie um die Hand einer reichen Erbin werben. Sie hatten einst weniger in die Wagschale zu legen, als Sie der Baroneß Harder Ihre Liebe erklärten.“

„Damals war ich geliebt,“ rief Winterfeld mit aufquellender Bitterkeit, „oder ich glaubte wenigstens, es zu sein. Jetzt liegt die Abschiedsstunde zwischen uns, in der mir jener Traum vernichtet wurde, und Gabriele wird ihn am wenigsten zurückrufen wollen. Ich sah es oft genug an ihrem scheuen, ängstlichen Ausweichen, wie sehr sie eine Annäherung meinerseits fürchtet.“

„Und gerade diese Scheu sollte Sie ermutigen,“ warf Brunnow ein. „Nur an dem Gleichgültigen geht man kalt und fremd vorüber. Wagen Sie es wirklich nicht –?“

„Niemals!“ unterbrach ihn Georg ungestüm. „Soll ich wieder vor sie hintreten, um zum zweiten Male aus ihrem Munde zu hören, daß ihre Liebe einem Anderen gehört, daß sie selbst über das Grab hinaus nichts weiter kennt und liebt, als nur ihn allein? Einmal habe ich es ertragen, und das ist genug. – Lassen Sie uns abbrechen, Herr Doctor! Sie sehen es, ich bin nicht ruhig genug, über diesen Gegenstand zu sprechen.“

Brunnow schwieg. Das Gespräch wurde unterbrochen; denn Max trat ein, um den Freund wieder in Beschlag zu nehmen. Der Doctor ließ die Beiden allein und zog sich in sein Studirzimmer zurück. Wohl eine Viertelstunde lang ging er dort schweigend in tiefem Nachdenken auf und nieder, dann nahm er seinen Hut und verließ das Haus. –

Die Villa, welche Frau von Harder und ihre Tochter gegenwärtig bewohnten, war um Vieles prachtvoller und glänzender eingerichtet, als das kleine Landhaus, das ihnen bei ihrem ersten Hiersein zum Aufenthalte diente. Die Baronin hielt es für unumgänglich nothwendig, jetzt überall das standesmäßige Auftreten zu entfalten, das sie einst so schmerzlich vermißt hatte, und Gabriele fügte sich in allen Aeußerlichkeiten gleichgültig ihren Wünschen. Man hatte auch hier Equipage und Dienerschaft mitgebracht, und Frau von Harder war soeben zur Stadt gefahren, während ihre Tochter sich allein zu Hause befand.

Gabriele stand auf der Terrasse, die nach dem See hinausging. Die schlanke Gestalt mit dem blonden Haar und der hellen Kleidung lehnte leicht an der Balustrade. Die zarte knospenhafte Erscheinung des jungen Mädchens hatte sich in den vier Jahren zur vollsten Blüthe entfaltet. Es war noch das rosige Antlitz mit seinem bestrickenden Reize, aber dieser Reiz war ein anderer geworden. Man suchte vergebens den neckischen Uebermuth, die strahlende Heiterkeit; sie waren verschwunden, wie das sorglose Kinderglück, das einst aus den sonnigen braunen Augen lachte, aber dafür hatte dieses Antlitz gewonnen, was ihm einst fehlte, das Seelenvolle. Ob es in dem leisen Schmerzenszuge lag, der selbst bei dem Lächeln nicht weichen wollte, oder in dem Schatten, der tief im Auge weilte – genug, es war da und lieh der ganzen Erscheinung erst den vollen Zauber.

Gabriele blickte wie in Träume verloren in die Landschaft hinaus; sie wandte sich halb unwillig um, als der Diener erschien und ihr eine Karte überreichte; kaum war ihr Blick auf den Namen gefallen, so erbleichte sie, und die Karte zitterte in ihrer Hand.

„Der Herr bittet, die gnädige Baroneß in einer dringenden Angelegenheit sprechen zu dürfen,“ berichtete der Diener.

„Führen Sie ihn in den Salon!“ befahl sie und verließ die Terrasse, um den Besuch zu empfangen. Gleich darauf trat Doctor Brunnow in den Salon.

Ewige Secunden lang standen sich Beide schweigend gegenüber. Sie sahen sich zum ersten Male im Leben und wußten doch so viel von einander, als hätten sie sich jahrelang gekannt. Der alternde gebeugte Mann und das junge blühende Mädchen waren sich bis zu dieser Stunde fremd gewesen, und doch knüpfte ein Name – der Name eines Todten – ein unsichtbares Band zwischen ihnen.

Der Doctor verneigte sich und trat näher. Gabriele wich unwillkürlich vor ihm zurück. Er bemerkte es und blieb stehen.

„Sie erwarteten wohl nicht, daß ich Ihnen nahen würde, mein Fräulein,“ begann er. „Ich that es auf die Gefahr, zurückgewiesen zu werden. Mein Name hat eine unheilvolle Bedeutung für Sie gewonnen.“

Gabriele stand mit mühsam erzwungener Fassung da, die Farbe war noch nicht wieder in ihre Wange zurückgekehrt und ihre Stimme schwankte, als sie erwiderte:

„Ihr Kommen überrascht mich allerdings, Herr Doctor. Ich glaubte nicht, daß mich der Mann aufsuchen würde –“

„Von dessen Hand Arno Raven fiel,“ vollendete Brunnow. „Sie haben Recht, wen Sie vor dem zurückweichen, der ihm den Tod gab, aber glauben Sie mir, mein Fräulein, ich hätte lieber das tödtliche Geschoß auf meine eigene Brust gerichtet, als ihn fallen sehen.“

„Er hat Sie zu dem Duell gezwungen?“ fragte das junge Mädchen leise. „Ich ahnte es längst.“

„Ja, und in eine Weise gezwungen, die mir keine Wahl ließ. Hätte ich gewußt – – aber seine Waffe war so fest auf mich gerichtet! Wie konnte ich ahnen, daß er sie im entscheidenden Moment wenden würde! Meine Hand bebte und suchte unsicher den Ort, wo sie nur verwunden konnte, und dieses Beben wurde zum Verhängniß – ich traf mitten in das Herz des einstigen Freundes!“

Gabriele zuckte zusammen, aber der dumpfe Schmerz, der in jenen Worten zitterte, entwaffnete sie.

„Arno hat keinen Haß gegen Sie getragen,“ entgegnete sie. „Als er mir wenige Stunden vor seinem Tode seine ganze Vergangenheit enthüllte, da erfuhr ich auch, was Sie ihm gewesen sind. Vielleicht ebenso viel, wie er Ihnen war.“

„Und doch hat er mir das gethan!“ sagte Brunnow mit der tiefsten Bitterkeit. „Er wollte sterben, aber warum wählte er denn gerade die Hand des Jugendfreundes? Das war hart, viel härter, als mein Mißtrauen es verdient hat. Er mußte es wissen, welch eine Last er damit auf den Rest meines Lebens wälzte. Ich erliege ihr.“

Gabriele blickte in das bleiche, gramdurchfurchte Antlitz des Sprechenden, das deutlicher als alle Worte verrieth, was er gelitten hatte und noch litt. Sie fühlte, wie tief und heiß der Verlorene hier geliebt worden war, und das riß alle Schranken nieder; in ausbrechender Empfindung streckte sie dem Doctor ihre Hand entgegen.

„Ich wußte es, daß ich hier verstanden würde,“ sagte er, die Hand in die seinige schließend. „Arno hat Sie ja geliebt; das war mir genug.“

Auch sein Auge hing jetzt fest an den holden Zügen des jungen Mädchens, als suche er darin die Spuren des Vergangenen.

„Ich komme mit einer Bitte,“ nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort. „Mit einer Bitte, die vielleicht kein Anderer aussprechen dürfte, ohne Sie zu verletzen. Ich habe Ihnen soeben bekannt, was mir Arno war, und eben deshalb werde Sie es nicht mißdeuten, wenn ich Ihnen sage, was mich herführt. Mein Sohn hat einen Freund –“

[615] Gabriele erbebte; sie zog die Hand zurück.

„Einen Freund, den auch Sie kennen, dem Ihre Jugendliebe galt; sie mußten vor den Flammenblitzen einer mächtigeren Leidenschaft erbleichen, diese Jugendliebe. Für mich bedarf das keiner Erklärung oder Rechtfertigung. Ich weiß am besten, wie mächtig Arno zu fesseln verstand, wo er fesseln wollte. Jetzt ist er todt – und Sie sind frei, Gabriele. Spricht in Ihrer Seele keine Stimme mehr für den Jugendgeliebten?“

„Sie hat nie aufgehört für ihn zu sprechen, selbst da nicht, als man mich von ihm losriß, und doch opferte ich ihn und sein Glück, mußte es opfern, weil eine andere Stimme noch lauter sprach. – Ich kann Arno nicht vergessen.“

„Vergessen?“ wiederholte Brunnow mit schwerer Betonung. „Nein, das können Sie nicht, und so wie ihn können Sie auch keinen Anderen lieben. – Ich glaube es Ihnen.“

„Nein,“ sagte Gabriele fest. „Und eben deshalb kann ich nicht Georg gehören.“

„Muß man denn immer selbst glücklich sein?“ fragte Brunnow düster. „Es ist ja ein Großes, glücklich zu machen. Winterfeld ist bei meinem Sohne. Ein Zufall führte ihn her; er ahnte nichts von Ihrer Nähe, bis ich ihm Nachricht davon gab. Da brach sein Schweigen und seine Zurückhaltung, und ich habe einen Blick gethan in die Tiefe seiner Liebe, die Ihnen noch immer so heiß und voll entgegenströmt wie einst. Er wird nie in anderen Banden Ersatz finden; ich kenne ihn. Er wird einsam durch das Leben gehen, und mitten in all den Erfolgen, die seiner warten, nur die Leere fühlen, welche jene Abschiedsstunde zurückließ. Sie sind noch so jung, Gabriele, Sie haben noch ein ganzes Leben einzusetzen. Setzen Sie es für ihn ein! Er verdient es.“

Sie wandte sich heftig ab. „Nicht weiter, Herr Doctor! Verschonen Sie mich mit diesen Erinnerungen! Wenn Sie in Georg’s Namen sprechen –“

„Er weiß nichts von meinem Hiersein,“ unterbrach sie der Doctor. „Er würde mich im Gegentheil zurückgehalten haben. Glauben Sie nicht, daß Georg Ihnen je wieder freiwillig nahen wird! Er wies den Gedanken daran mit vollster Heftigkeit zurück, und er hat Recht. Sie haben ihn damals gehen heißen – Sie müssen ihn auch wieder zurückrufen.“

Gabriele preßte im heftigsten Kampfe beide Hände gegen die Brust, als müsse sie dort etwas niederzwingen. „Ich kann nicht, kann nicht! – Und Georg wird die Liebe nicht wollen, die ich ihm jetzt noch bieten kann.“

„Er wird es, denn er ist einer von den selbstlosen Charakteren, die stets mehr geben als sie empfangen.“

Gabriele hob das Auge zu dem Sprechenden empor – es stand ein ernster, trauriger Vorwurf darin.

„Und das alles sagen Sie mir? Sie, der Freund Arno’s, wollen einen Andern an seine Stelle setzen?“

„Nein, beim Himmel, das will ich nicht,“ rief Brunnow auflodernd. „Die Stelle bleibt ihm, und die kann ihm kein Winterfeld rauben. Jene edlen idealen Menschen, die so ruhig ihre Bahnen gehen, denen kein Schatten und kein Makel anhaftet, die bewundert man und stellt man hoch. Naturen wie die Arno Raven’s können kein Glück geben; sie bedrohen selbst das Geliebte mit dem Schatten, der auf ihnen liegt, und doch ist es mehr werth, mit ihnen und für sie zu leiden, mit ihnen unterzugehen, als an der Seite jener Anderen glücklich zu sein. Nicht wahr, Gabriele, das haben Sie auch erfahren?“

Die alte Gluth loderte wieder aus der Asche empor. Die gebeugte Gestalt Brunnow’s hatte sich aufgerichtet, als er leidenschaftlich die Worte herausschleuderte, und in seinen Augen flammte einen Moment lang wieder das Feuer der Jugend. Gabriele hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und weinte – weinte, als ob ihr das Herz brechen sollte.

„Und nun lassen Sie mich nicht ohne Antwort gehen,“ sagte der Doctor nach einer Pause. „Ich habe so selten in meinem Leben Glück bringen können; ich möchte es noch einmal thun, ehe ich – gehe, und ich werde bald gehen. Darf ich Georg eine Hoffnung bringen? Wollen Sie ihn wiedersehen?“

„Ich will es versuchen!“ sagte sie leise. – – –

In dem Brunnow’schen Hause ging es am Nachmittage ein wenig wunderlich zu. Zuerst hatte der Doctor in seinem Studirzimmer eine Unterredung unter vier Augen mit seinem Sohne, die jedenfalls auf Max einen ganz überwältigenden Eindruck machte; denn er überfiel seinen Vater mit einer ebenso stürmischen Umarmung, wie einst den Papa Hofrath. Darauf hatte der junge Arzt in seinem Wohnzimmer ein Gespräch, ebenfalls unter vier Augen, mit seiner Frau, von dem Beide etwas erregt zurückkamen. Dann verschwand Frau Agnes und kam vorläufig nicht wieder zum Vorschein, während Max sich seines Freundes bemächtigte, dem er jetzt überhaupt nicht mehr von der Seite ging. Unter anderen Umständen würde Georg wohl errathen haben, daß irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe, aber die Nachricht von heute Morgen raubte ihm alle Unbefangenheit, er hatte Mühe, seine Fassung zu behaupten. Leider trug Max dieser „elegische Stimmung“ durchaus keine Rechnung, obgleich er den Grund derselben kannte. Er war im Gegentheil vollständig rücksichtslos, plagte den Freund mit allen möglichen Fragen und Einfällen und schleppte ihn endlich unter allerlei Vorwänden wieder in den Garten.

„Aber was soll ich denn eigentlich in dem Gartenhause?“ fragte Georg beinahe unwillig. „Ich war ja schon heute Morgen dort und habe die Aussicht bewundert.“

„Diesmal sollst Du ein Arrangement meines Papa bewundern,“ erklärte Max. „Ein Arrangement, das er eigens Dir zu Ehren getroffen hat. Papa ist ausnahmsweise praktisch gewesen. Komm nur mit! Du wirst erstaunen.“

Das Gartenhaus, ein kleiner Pavillon, lag dicht am See und bot allerdings eine herrliche Aussicht.

„Es sind ja Damen dort,“ sagte Winterfeld, als sie sich dem Häuschen näherte.

„Ja wohl,“ versetzte Max gleichgültig. „Agnes hat Besuch bekommen. Ah, da ist sie ja.“

Frau Agnes erschien jetzt wirklich und wechselte einen schnellen Blick des Einverständnisses mit ihrem Manne, der in demselben Augenblicke ein ebenso hinterlistiges wie geschicktes Manöver ausführte. Er ließ den arglosen Freund vorantreten, schob ihn dann ohne Weiteres über die Schwelle und schlug die Thür hinter ihm zu. Dann wandte er sich triumphirend zu seiner Frau:

„So, jetzt sitzen sie in der Falle. Und gnade Gott dem Georg, wenn er nicht als Bräutigam wieder zum Vorschein kommt! Nun gilt es aber vor allen Dingen, eine etwaige Störung fern zu halten. Es schickt sich zwar durchaus nicht mehr für einen Ehemann und Vater, bei einer Liebeserklärung Schildwache zu stehen, aber in Anbetracht der ganz besondere Umstände will ich mich noch einmal dazu herablassen. Geh’ in das Haus, Agnes, und sage dem Papa, es wäre ausgezeichnet geglückt!“

Während Frau Agnes der Weisung ihres Gatten nachkam, spielte drinnen im Pavillon eine kurze, aber inhaltreiche Scene.

„Gabriele!“ rief Georg und machte eine Bewegung ihr entgegen zu stürzen, besann sich aber und blieb stehen. „Baroneß Harder!“

„Georg!“ sagte Gabriele mit sanftem Vorwurf.

„Verzeih’ – ich wußte nicht – ahnte nicht. Wie kommst Du hierher?“

Gabriele senkte die Augen ohne zu antworten, aber gerade in diesem Schweigen lag eine Verheißung, und sie wurde verstanden.

„Wie kommst Du hierher?“ wiederholte Winterfeld mit Leidenschaft. „Gabriele, sprich – wußtest Du, daß ich hier sei?“

„Ja,“ war die leise, aber feste Antwort.

Georg stand jetzt neben der Geliebten, aber er hatte noch nicht einmal ihre Hand erfaßt.

„Wie soll ich das deuten?“ fragte er mit forschender Unruhe und aufquellender Zärtlichkeit; „es ist ja nicht unser erstes Wiedersehen seit dem Tage, wo wir uns fremd wurden, aber Deine Augen haben mir stets gesagt, daß wir uns auch fremd bleiben müßten. Darf ich jetzt endlich etwas Anderes darin lesen?“

Er las es in der That in diesen Augen, die sich ihm voll und bittend zuwendeten. „Georg,“ sagte Gabriele innig, „ich habe Dir einst wehe gethan. Du weißt, was uns trennte, was noch Jahre lang zwischen uns lag. Ich vernichtete damals Dein ganzes Lebensglück; Du hattest keine Klage, kein Wort des Vorwurfs für mich und littest doch so schwer darunter. Ich möchte Dir jetzt so gern das Verlorene zurückgeben. Habe ich denn noch die Macht dazu?“

Es hätte dieser Frage nicht bedurft. Die glühende Innigkeit, mit der Georg die Geliebte an sein Herz schloß, gab ihr [616] die Antwort, noch ehe seine Lippen sie aussprachen. Sie lag wieder in seinen Armen und hörte das Geständniß seiner Liebe, wie einst vor Jahren. Damals freilich kannte sie noch nicht die stürmische, alles überfluthende Seligkeit, die sie einst in Arno’s Armen bis zur Sonnenhöhe des Daseins emporzutragen schien und ihr in wenigen kurzen Stunden das Glück eines ganzen Lebens gab, um sie dann auch den ganzen Schmerz des Lebens auskosten zu lassen – aber es strömte doch wieder warm und hell wie Sonnenschein durch ihre Seele. Gabriele hätte ja kein Weib sein müssen, wenn sie nicht freudig aufgeathmet hätte bei dem Gedanken, so treu und fest geliebt zu sein, und es ist ja auch ein Glück, Anderen das Glück zu geben.

Draußen lag die Landschaft im Sonnenglanze; der weite schimmernde See, die reichumkränzten Ufer und das blaue Gebirg in der Ferne – und vor den Beiden, die jetzt den Bund für das Leben schlossen, lag auch dieses Leben so weit und offen da, mit seinen reichen Hoffnungen, seiner lichten Zukunft, mit einer langen Reihe froher, glücklicher Tage. Es war ringsum Alles so klar, so sonnig und hell, und doch umwehte es die junge Braut wie Geisterhauch, wie das leise Grüßen einer Mondnacht und das ferne Rieseln eines Quells, und einen Moment lang verschwand all das goldene Sonnenlicht vor ihren Augen, verdunkelt von einer Thräne. Gabriele fühlte es ja, daß sie dem Leben und der Liebe zurückgegeben war, aber – um hohen Preis.