Deutsches Frauenleben im Mittelalter (Die Gartenlaube 1878/27)

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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
1. Minnen und Werben.
2. Des Hauses Wirthin.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 444–446
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
Eine culturhistorische Studie von Fr. Helbig.

In’s Extreme gerathene Zeitrichtungen erzeugen meist die Sehnsucht nach dem Pole ihres Gegensatzes. So erwacht vielfach neben dem sehr stark in’s Materialistische gerathenen Zuge unserer Zeit das Interesse für die Zeit des ausgeprägtesten Idealismus. In Gustav Freytag, Victor von Scheffel und Richard Wagner erstanden ihm mächtige Bannerträger; Aufzügen und Festen leiht es die künstlerische Folie; in unseren modernen Villen an den Hängen der Berge, mit ihren Thürmen und Söllern, findet es ein bäuerisches Echo. Nicht ganz mit Unrecht bezeichnet ein älterer begeisterter Apostel jener Epoche, Vilmar, sie als „die eigentliche Jugendzeit des deutschen Volkes“, jene Zeit der ersten blöden, zurückhaltenden Liebe, „die mit den rothen Blumen aus dem Anger und der Haide erwacht, mit dem jungen Laube des Maienwaldes grünt und mit den Vöglein der Frühlingszeit jubelt und singt“. Gerade aber hierin liegt der beste Gegengrund gegen das romantische Streben unsere Verhältnisse, unser geistiges Sein in das Mittelalter zurückzuführen, als ob es im Leben des Einzelnen, das doch immer ähnlich verläuft wie dasjenige ganzer Völker, möglich und vergönnt sei, ein zweites Leben der Jugend herbeizuführen.

Wenn wir uns nun anschicken, das Leben der Frau in jener Zeit des Ritterthums und Minnesangs den Lesern der „Gartenlaube“ in einzelnen Zügen aufzurollen, so dürfen wir vielleicht hoffen, damit einigem Interesse zu begegnen, das durch die stille Vergleichung jener einfachen, natürlichen Verhältnisse und Anschauungen mit manchen complicirten, der Unnatur und Geschraubtheit zuneigenden der Jetztzeit eine besondere Nahrung erhält. Wir vertheilen dabei den reichen Stoff in die nachfolgenden, durch einzelne Phasen des Frauenlebens markirten Abschnitte.


1. Minnen und Werben.


Wie das beim Erwachen des Tages verloren gegangene Wort und Gebild eines wohlthuenden Traumes klingt in die Gegenwart hinein das Wort „Minne“. Längst hat es sein Existenzrecht im gewöhnlichen Verkehre der Geschlechter eingebüßt. Als seltenes und köstliches, aber im Laufe der Zeiten umodisch gewordenes Brocatgewand zieht es nur der Poet hie und da aus der bunten Truhe des Sprachschatzes wieder hervor. Im Uebrigen aber geizt der erwachsene Jüngling heutzutage nicht mehr nach „holder Jungfrau’n Minne“, sondern bemüht sich um die Neigung des „verehrten Fräuleins“, auch desjenigen, „welches Samstags seinen Besen führt“. Um so mächtiger war der Zauber, den das Wort einst in der Zeit seines Modegebrauchs in sich schloß. Während die hochclassige Schülerin der höheren Töchterschule jetzt sich über die Fragen des Materialismus und Pessimismus, über Elektricität und Spectralanalyse, alte und neue Geschichte u. dergl. zu unterrichten strebt, fragte die zur Jungfrau herangewachsene Tochter des Mittelalters wißbegierig und schämig zugleich die Mutter: „Was ist Minne?“

Und die Mutter nahm nicht Anstand, über diese wichtige Frage, die fast den ganzen Kreis des Wissens für die Tochter in sich barg, eine umfassende und eingehende Antwort zu geben.

„Tochter,“ entgegnet sie (nach Heinrich von Veldeck’ „Eneit“), „die Minne ist vom Anbeginn der Welt so gewaltig in ihr, daß Niemand ihr vermag zu widerstehen, zumal sie so geartet ist, daß man sie weder sieht noch hört.“

„Mutter, dann erkenne ich sie ja gar nicht.“

„Du sollst sie wohl erkennen noch,“ erwidert die tröstende Mutter und fährt weiter fort in der Erklärung des Wesens der Rätselhaften: „So beschaffen ist Minne, daß Niemand sie so recht dem Andern weisen kann, in dessen Herz sie nicht selbst schon Einkehr genommen. Wer ihr aber recht nachstrebt und sich innig zu ihr kehrt, den lehrt sie Vieles, was ihm seither unbekannt war. Dann betrübt sie ihm aber auch Herz und Leib, ändert seine Farbe, macht ihn erst kalt, dann wieder heiß, daß er sich schier kaum zu rathen weiß, benimmt ihm das Schlafen, das Essen und das Trinken und stürzt ihn in grübelnde, sorgende Gedanken.“

„Ach, Mutter, dann ist ja Minne ein Ungemach.“

„Nein, Tochter, sie ist gut, denn ihr Ungemach ist süß.“

„Gebe Gott, daß sie möge mich lange meiden, wer möchte sonst die Noth all leiden?“

Die Frau Mutter versenkt sich jedoch immer weiter in tröstende Auseinandersetzungen, nur den zagenden Muth der Tochter zu heben. Sie belehrt sie, wie die Minne die Wunden auch wieder heile, die sie erst geschlagen; wie die bleiche Farbe ja auch erst dem Lichte entstamme, und Furcht guten Trost verleihe, Darben aber das Herz bereichere; wie nach Leid und Ungemach Lust und Freude komme. Und als die Furcht vor der räthselhaften Erscheinung noch immer nicht ganz von ihr weicht, ruft sie zum Schluß der Zagenden zu:

„Ich weiß, daß Du noch minnen mußt,
Wie ungern Du’s auch jetzt noch thust.“

Man spielte mit dem Begriffe, wie das Kind mit einem Spielzeuge, dessen Wesen es ergründen möchte und das es darum hin und her wendet, auseinanderlegt und – zertrümmert. „Minne, bist du ein Er oder eine Sie? Fliegst du auf die Hand oder bist du wild?“ fragt da in des Herzens Einfalt die „holde Magd“ Sigune. Sie konnte sich darüber Raths erholen bei Walther von der Vogelweide, denn dieser singt:

Die Minne ist weder Mann noch Weib,
Sie hat nicht Seele, hat nicht Leib.
Irdisch Bildniß war ihr nicht beschieden;
Ihr Nam’ ist kund, sie selber fremd hienieden.

War sie, die Unergründliche, nun heimlich in des Mädchens Brust eingezogen, erkannt erst, als sie schon da war - so wurde sie nun auch dort auf das Heimlichste gehalten und gepflegt.

Der Abendstern, der holde, birgt sich,
So thu’ dies, schöne Frau, wenn Du siehst mich,
Laß Deine Augen gehn auf einen andern Mann,
So weiß es schwerlich Jemand, wie’s unter uns Zweien ist gethan.

Da erkennt die liebende Frau, wenn sie am späten Abend aus der Zinne des Burgthurms steht, wohl die Nähe des Geliebten an der Weise seines Gesanges. „Das ist des Kürnbergers Weise; so singt ein Mann, der muß von hinnen weichen oder ich muß mich ihm sonst geben zu eigen.“

So besteht auch in der ganze Minnepoesie durchgehends die Scheu, den Namen der besungenen Geliebten zu nennen, obwohl die Lieder fast in allen Fällen auf eine wirklich lebende Person zurückzuführen sind. Besonders aber spricht sich die süße Heimlichkeit und Weltentrücktheit der Minne in den Wächterliedern aus, in welchen die Liebende Klage erheben, daß der Wächterruf den Morgen und damit die Flucht der Nacht verkündet, in deren Schutze das Leben der Liebe blüht. „Wie kommst du Wächter schon so früh gegangen? Sieh, Wächter, ob des Mondes Schein trügt!“ erschallt die Klage. Die bekannte hochpoetische Balconscene in Shakespeare’s „Romeo und Julie“ ist eine Art Nachdichtung dieser mittelalterlichen Wächterlieder, gegossen in die Form des Zwiegesprächs.

Mit besonderem Nachdruck betont das Mittelalter die Treue, in welcher die Liebe durch alle Fahrnisse des Lebens hindurch bis zum Tode ausharrt. Sie bildet fast das beständige Grundthema aller Romane und Gedichte der Zeit, wie der Begriff der Treue damals als die wesentliche Unterlage des ganzen socialen Lebens erscheint und ihm sein eigenartiges Gepräge lieh. So ist bekanntlich unser zweites Nationalepos „Gudrun“ ein solches Hohes Lied der Treue. Sieben Jahre trägt Gudrun um den heißgeliebten Verlobten Schmach und Unbill, wie solche nur die gekränkte Eitelkeit der Mutter eines verschmähte Freiers ersinnen kann; sieben Jahre weist sie die Werbung des Letzteren zurück, welche ihr Freiheit und alles äußere Glück verheißt.

„In meinem ganzen Leben ich keines Mannes Liebe sonst begehre,“ ist der beständige Refrain ihrer Entgegnung.

Die Liebe Sigunens zu Schionatulander war so mächtig, daß sie sich auch noch auf dessen todten Leib übertrug. Lange Zeit noch führte Sigune ihn künstlich erhalten und einbalsamirt mit sich herum, bis sie dann in einsamer Klause bis zum Ende ihrer Tage lebend mit dem Todten wohnte. „Sie minnete,“ so meint der Dichter, „den todten Leib.“

[445] War nun die Minne in die verschlossene Mädchenbrust eingezogen, so fehlte es auch damals nicht an jenen süßen Boten der Liebe, die als „duftige Büchleins“ (Liebesbriefe) oder als Schärpenband, Schleife, oder auch nur eine „Handvoll Seidenfäden“ hin und wieder gingen. Auch der erfinderische Sinn bei deren Beförderung fehlte der Liebe nicht. Da schlüpfte wohl der liebedürstende Jüngling, wie es in einem Minnelied des Meister Johannes Hadlaub zu lesen, in ein Pilgergewand, schlich sich so an die aus der Mette kommende Geliebte heran und heftete ihr in der Dämmerung den an einem Haken befestigten Brief heimlich an’s Kleid. Oft entstand freilich um diese zarten Büchleins große Verlegenheit, denn weder der vornehme Ritter noch das edle Fräulein, jener meist noch weit weniger als dieses, konnten die zierliche Wiedergabe des Griffels auf dem Pergament-, Elfenbein- oder Wachsblatt entziffern, sondern mußten sich erst nach einem der Schrift und des Lesens kundigen Schreiber umthun. So trugen sie wohl harrend in Sehnsucht die räthselvollen Boten tagelang mit sich herum.

Endete Minnen und Werben mit wirklichem Verspruche, so wurde derselbe wesentlich beurkundet durch die Darreichung des Ringes, die bei feierlicher Werbung mittelst des Schwertes oder eines Stabes erfolgte. In ältesten Zeiten oder in den niederen Ständen genügte wohl schon ein Band oder bunter Faden, um den Schwur der Treue symbolisch zu bekräftigen. An die Ringgabe schloß sich Umarmung und Kuß. „Geruht Ihr mich zu minnen, viel schönes Mägdelein, mit allen meinen Sinnen will ich immer bei Euch sein.“ Mit diesen Worten leitete der Bräutigam wohl den Act ein, und die Braut erwiderte das überschwängliche Gelöbniß mit gleicher Münze, indem sie ihm gelobte: „Du sollst immer mit mir haben Wonne“ (Gudrun und Herwig). Als ein weiteres Symbol der Verlobung galt auch die Verabreichung von ein paar Schuhen als Bräutigamsgabe zum Zeichen des Eintritts der Braut in das „Mundium“, das heißt den Schutz und die Herrschaft des Mannes. In seltsamer Umkehr der Dinge verwandelte sich freilich oft genug das männliche Regiment der Schuhe in das gefürchtete Frauenregiment des Pantoffels.

Die Verlobung dauerte der Regel nach ein Jahr, und mit dem Ablaufe des zweiten Jahres verlor sie ihre Gültigkeit. Und wenn die Zeit des Herzensfrühlings vorbei war, kam der Regel nach im Herbst- oder Winterbeginn die Hochzeit. Den Hauptschmuck der Braut bildete das lange lose Haar, das – ein Zeichen jungfräulicher Reine – „frei und ungebunden den Rücken hinabwallte“. Der Brautkranz ist nicht deutschen Ursprungs; erst die Kirche führte ihn ein als eine Reliquie des classischen Heidenthums. Im dreizehnten Jahrhundert war er jedoch bereits vollständig im Gebrauch. An der Hochzeitstafel tranken die Brautleute gemeinsam aus einem Becher. Junker und Jungfrauen geleiteten, wie es im „Parcival“ heißt, die Liebenden zum Brautgemach.

Am Morgen aber nach der Hochzeit band sich die Braut das wallende Haar am Haupte auf und barg es züchtig unter einer Haube. Die Zeit ihres Magdthums war nun vorüber; sie war eine Frau.

2. Des Hauses Wirthin.


Die Frau des Mittelalters stand, wie wir bemerkten, rechtlich in der Herrschaft des Mannes, aber diese scheinbare Härte wurde ausgeglichen durch die hohe Verehrung, welche sie genoß im Leben und im Liede. Der Mund der Dichter floß über von ihrem Lobe.

Wer Tugend liebt und Ehre,
Der merke sich die Lehre:
Er soll zu allen Zeiten
Der Frauen Lob verbreiten.
Manch wonniglicher Segen
Beginnt wohl sein zu pflegen,
Wenn er sie fröhlich grüßt
Und fein die Rede süßt,
Nie kalt und nie verwegen,

singt Christian von Hamle, der besten Sänger einer. Allen aber thut es zuvor Walther von der Vogelweide, der weder „in Lüften, noch auf Erden, noch auf allen grünen Auen etwas Wonniglicheres weiß zu finden, als wie holde Frauen“. Und wenn Mann und Weib, nach den Worten Reinmar’s von Zveter, galten als: „Ein Herz, Eine Liebe, Ein Mund, Ein Muth und Eine Treue und Eine Liebe wohlbehut, wo Furcht entschleicht und Scham entweicht: Zwei Eins geworden ganz“ –, so trug diese schöne Anschauung wohl nicht am geringsten mit dazu bei, der Frau im Leben eine höhere Stellung zu verleihen, als sie es im Rechte besaß.

Zudem war sie in einem Theile des Hauses Alleinherrscherin, in der „Kemenate“, in den Frauen- und Mägdekammern, die bei größeren Gehöften zu einem eigenen Frauenhause sich erweiterten, das besonders umfriedet und geschützt war. Hier in der „Frauen Heimlichkeit“ befinden sich die Insignien ihres herrschenden Waltens: Webstuhl, Stickrahmen, Kunkel und allerlei Werkzeug. Hier bergen sich in mächtigen Truhen die Schätze des Hauses, „die schimmernde Wolle, der schneeige Lein“; hier hingen in besonderen Kammern auf langen Stäben gebreitet Kleider und Gewänder. Sie alle verdankten ihre Erzeugung meist vom ersten Faden an der spinnenden, webenden, nähenden und strickenden Hand der Hausfrau und ihrer weiblichen Genossinnen, denn noch gehörten Schneider, Putzmacherinnen und Nähmamsellen, wie Manufactur- und Modewaarenhandlungen zu den unbekannten Dingen. Zwar brachten wandernde Händler die Stoffe – namentlich Tuch, Sammet und Seide – in’s Haus; auch bildeten sich, besonders nach Erschließung des Orients, größere Stapelplätze, Messen und Märkte, trotzdem aber tanzte die kreisende Spindel selbst im fürstlichen Frauenhause noch durch das ganze Mittelalter hindurch, und die Hand „lind und weiß, daran gelegt war Gottes Fleiß“, zog den Faden noch emsig aus dem flachsenen Rocken. Und dann heischte das Anfertigen und Ausschmücken der Gewänder noch manch fleißiges Mühen. Dafür bestand aber auch die Mode noch nicht, dieses Geschöpf moderner Cultur, mit den tollen Sprüngen ihrer Laune. So konnte ein großer Theil der Gewandung mehrere Generationen hindurch im Schreine liegen, wobei eine inzwischen unbekannt gewordene Güte und Dauerhaftigkeit der Stoffe die Entwickelung ihres conservativen Charakters wesentlich begünstigte. Um so größer war da auch die Fülle des Vorhandenen, denn es handelte sich dabei nicht blos um die vielerlei Insassen des Hauses bis hinab zum Knappen und Troßbuben, auch für die Kleidung der Fremden, die gastliche Herberge nahmen, mußte vorgesorgt sein. Sie konnten auf der Reise nicht große Koffer mit sich führen. Auf dem schmalen Bug ihres Rosses war oft kaum Platz für einen bescheidenen Mantelsack. Dafür hatten der Staub und die Hitze der Landstraße ihnen weidlich zugesetzt. So war es eine der hausfraulichen Pflichten, die Ankömmlinge nach einem erquickenden Bade mit frischen Gewändern aus ihrem eigenen Vorrathe zu versehen. Vorher hatte sie gegenüber dem Gaste, dem sie wohl mit dem Herrn vom Hause bis vor die Thore der Burg oder des Hauses entgegengegangen war, noch eine andere hauswirthliche Pflicht zu erfüllen gehabt. Eine strenge Sitte, deren Vernachlässigung übel verargt worden wäre, gebot ihr, dem ebenbürtigen Ankömmling „den rothen Mund zum Willkommskusse“ zu reichen. Zeigte der Baum ihres Lebens schon reiche Jahresringe oder war die Natur ihr zur bösen Stiefmutter geworden, so lag die Herbe der Pflicht auf dem Gaste; war aber im Prangen der Schönheit und Jugend ihr „Mund noch heiß und rund und roth“, so „erging wohl ein Kuß, bei dem man das Maß des Begrüßungskusses ein wenig vergaß“, wie es einmal im „Parcival“ heißt, als Ritter Gawan bei der jungfräulichen Königin Antikonie im Lande Ascalon seine Einkehr hielt.

Das künstlerische Walten der Hausfrau machte sich überall im Hause geltend. Besonders häufig war dort die Verwendung von Teppichen. Sie bedeckten nicht blos den Estrich des Fußbodens, sondern wurden auch an den Wänden aufgehangen und über und vor die Polsterbetten gelegt, die als Ruhesitze rings an den Wänden herum standen, in so reicher Anzahl, daß der Dichter in dem Hofe des Königs Artus im Prunksaale deren Hundert aufzählt. In diese Teppiche stickte man mit bunter Wolle und Seidenfäden allerlei Muster und ganze Figuren, ja selbst vollständige Scenen und Bilder. Ueber die am Boden liegenden Teppiche streute man – wohl um der lieben Schonung willen? – Gras und Binsen („grün und thauig naß“, wie es im Liede heißt), im Sommer und an hohen Freudentagen nicht selten Blumen, besonders Rosen.

Auch gewirkte Wandtapeten gingen aus Frauenhänden hervor, oft fein durchschlungen von Seiden- und Goldfäden, zierliche Handtücher kunstvoll gestickt und bunt gerändert, die nach beendeter Tafel mit Wasser zum Waschen der Hände herumgereicht [446] wurden, blendend weiße Tischdecken, oft gar von gelber oder weißer Seide, denn schon in frühester Zeit bestand die Sitte, Tücher über die Tafeln zu breiten; bei den Franken kannte man sie schon im sechsten Jahrhundert. Auf Bildern des vierzehnten Jahrhunderts bemerkt man auf den Tafeln zwei Tischtücher: das obere, gelb gestreift, bedeckt die Tischplatte; das zweite ist am Rande angefügt und fällt in kunstreichen Falten bis zum Boden. Ein besonderer Reichthum entfaltet sich in den Schlafräumen. Anfänglich auf dem bloßen Boden bereitet, wurde die Lagerstätte mit der fortschreitenden Zeit immer höher gelegt, sodaß zuletzt sie nur auf Bänken erstiegen werden konnte oder besondere Stufen zu ihr hinauf führten. Da lagen denn auf flaumgefüllten Unterbetten (Plumiten) seidene Steppdecken (Kultern), darüber weißleinene Tücher (Leilaken), ein kleines Kopfkissen (Ohrkissen) und eine Decke (Cuvertüre) aus Fell oder Teppichstoff; davor auf Bank und Stufe gebreitet weiche Teppiche. Durch das Gemach aber zog sinnberauschend der Duft des Weihrauchs.

Denn wie dem Sinne des Geschmacks durch starke Würzen an Speis und Trank, so wurde auch dem Organe des Geruchs in grellen Effecten gehuldigt. In den Kaminen brannte wohlriechendes Holz (lignum aloë, „Parcival“ dritter Theil, zweites Buch); auf den Teppichen am Boden standen (wie es im „Parcival“ weiter heißt)

- in Muscheln, Büchsen, Töpfchen
Und serpentinenen Näpfchen
Die kostbarsten Aromata.
Es streuten Ambra und Theriak
Ihre Düfte; auf dem Boden lag
Cardamom, Jeroffel[1] und Muscat,
Daß man mit Füßen darauf trat,
Wodurch ihr Wohlgeruch sich mehrt.

Auch in den Kleidertruhen fehlte es nicht an allerlei Wohlgerüchen.

Unter der fleißig gerührten Nadel der Frauen gingen noch weiter hervor Altardecken, Gürtel, Hauben, Handschuhe, Decken für Roß und Reiter, Schärpen, Lanzenfähnchen u. dergl., nicht zu vergessen der „Docken“, eines schon früh beliebten Spielzeugs der Kinder.

Aber selbst das Gewerbe der Buchbinder, das der Bäcker und ein weiteres, von dem man wohl am wenigsten hätte glauben sollen, daß die Männerwelt es sich hätte entgehen lassen, das des Bierbrauens, fiel mit in den Kreis fraulicher Thätigkeit. Geschick im letzteren wurde in früherer Zeit als eine große Frauentugend besonders gerühmt.

Auch in Küche, Keller und Waschhaus herrschte noch überall die Frau vom Hause. Der mittelalterliche Speisezettel war bereits ein recht mannigfaltiger, dabei der Appetit sehr rege und der Geschmack nicht zimpferlich. Die zweimaligen Mahlzeiten des Tages (Frühmahl oder Imbiß und Spätmahl) setzten sich oft aus den heterogensten Dingen zusammen. Da gab’s Eiersuppe mit Saffran – der Saffran spielt in der mittelalterlichen Kochkunst als Zuthat eine große Rolle, wie heutzutage noch in vielen ländlichen Küchen – Pfefferkörnern und Honig, frische Bohnen in Milch gekocht, Kapaunen gefüllt mit Zucker, Mandeln und Gewürz, Stockfisch mit Oel und Rosinen oder gebratenen Aal mit Pfeffer und Senf, gebratene Gänse mit Aepfeln, Quitten und Knoblauch und andere tapfere Gerichte, die unserem cultivirten Geschmackssinne gelindes Gruseln verursachen. Und die Wäsche?! Karl Weinhold, ein bedeutender Specialist auf unserem Gebiete, sagt hierüber in seinem Buche „Die deutschen Frauen im Mittelalter“: „Königinnen selbst beschäftigten sich mit der Wäsche. Bis in die neueren Zeiten war der Waschtag auch für die Frauen der höheren Stände ein Tag lebendigster Geschäftigkeit.“

So war im Leben einer Hauswirthin des Mittelalters Arbeit die Parole des Tages und damit das Aufkommen jener Blasirtheit des Empfindens, an der die Frau der modernen Cultur so vielfach kränkelt, eine Unmöglichkeit.

  1. WS: Im Original Zeroffel