Die Krone

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
 
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Gottfried Herder
Titel: Die Krone
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. 296-299
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
De Zerstreute Blätter VI (Herder) 345.jpg
Bild
{{{EXTERNESBILD}}}
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[296]

 Die Krone.

Nicht im müßigen und stolzen Grübeln;
In Geschäftigkeit fürs Wohl der Menschen
Und in selbstvergeßner Demuth wohnen
Gottgefälligkeit und Zier und Weisheit.

5
     Pyoterius in seiner Celle

Dünkete vor Gott sich groß und herrlich,
Weil er über Thabors Glanz und alle
Seraphsflügel tief und viel nachdachte,

     Und den Denkenden umfing ein schwerer

10
Traum einmal. Es sprach zu ihm der Seraph:
[297]

Pyoterius, steh’ auf und eile
Nach Tabenna[1], wenn du Jene sehn willst,
Die mit seiner Krone Gott gekrönt hat.“

     Pyoterius stand auf und eilte

15
Nach Tabenna. Vor ihn traten alle

Heilge Jungfraun, Schwestern und die Mutter. -
Pyoterius sprach: „seid ihrs alle?
Denn mir mangelt unter euch noch Jene,
Die mir im Gesicht der Engel zeigte.“

20
     „Eine, sprach die Mutter, ist noch drunten,

Eine Alberne, fast unsre Schande. -
Unermüdlich im geringsten Dienste
Dient sie in- und außerhalb dem Kloster
Jedem Fremdling, sei es Jud’ und Heide.

25
Darum nennen wir sie so gewöhnlich

Die Wahnsinnige: denn fast antwortet

[298]

Sie uns nicht; ist aber immer fröhlich,
Und nie mehr, als wenn man sie verachtet.“

     „Laß sie kommen, damit ich sie sehe“

30
Sprach der Heilige; gezwungen kam sie. –


     Porphyrite, rein und schlecht gekleidet,
Lang das Haar, und ohne Nonnenkrone,
Um ihr Haupt nur eine schlichte Binde.

     Eilig sank vor ihr auf seine Kniee

35
Pyoterius: denn um ihr Antlitz

Leuchtete, was ihm der Engel zeigte,
Selbstvergessenheit und Lieb’ und Unschuld.
„Segne mich, so sprach er, heilge Jungfrau,
Die mit seiner Krone Gott gekrönt hat.“

40
     Plötzlich stralete mit hellen Stralen

Ihre Binde. Alle knieten nieder:
„Ach verzeih mir, daß ich dich verlachte!
Ach verzeih mir, daß ich dich verschmähte! –

[299]

Daß ich oft dich, ihnen zu Gefallen,

45
(Sprach die Mutter) wider mein Gewissen

Schalt, und du rechtfertigtest dich niemals.“ –

     Porphyrite war sogleich entwichen;
Ihr bedünkte diese Hochverehrung
Spott und Wahnsinn. Wohin sie gegangen?

50
Was sie ferner litt? wo sie gestorben?

Davon schweigt die Chronik unsres Klosters.

     Nur dem großen und vollkommnen Denker
Pyoterius entwich das hohe
Bild nicht ganz. Und wenn er über Thabors

55
Unerschaffnen Glanz und über alle

Seraphsflügel dachte, stand ihm plötzlich
Porphyrite da, die Selbstvergeßne,
Immer nur geschäftig für die Menschen,
Fröhlich stets und schweigend; nie vergnügter,

60
Als wenn sie verachtet und verkannt war.

Vor ihm stand sie mit der schlichten Binde,
Die mit seiner Krone Gott gekrönt hat.


  1. Eine Gegend in Aegypten, wo ein berühmtes Kloster und viele Cellen der Einsiedler waren.