Die Pilgerinn

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Gottfried Herder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Pilgerinn
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. 300-306
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
De Zerstreute Blätter VI (Herder) 355.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[300]

 Die Pilgerinn.

     Wenn Rom ersinken soll, so warte nicht,
Daß seine Wölfinn erst vom Jupiter
Ein Blitzstral treffe, daß das alte Erz
Der Tafeln schmelze, und die Sonne sich

5
Von West nach Osten wende, daß ein Stier

Gebähr’ und alle Götter fliehn; es heulen
In Tempeln Stimmen, und der Altar sinkt. –

     Der Altar sank, sobald ihn Frömmigkeit
Nicht stützte, wenn geheime Schand’ ihn schmäht,

10
Und Trug und Heuchelei ihn untergrub.

Die Götter flohn, sobald man sie verbannte

[301]

Aus Herz und Brust. Das eherne Gesetz
Zerschmolz in weichen Sitten; und ein Blitz
Trift auf die Wölfinn, weil sie Wölfinn ist.

15
     Wie eine Zahrszeit kommt die neue Zeit

Mit stillem Schritt. Die Erde wendet sich;
Die Luft wird wärmer; vor der Sonne schmilzt
Das Eis; es sproßen Saaten. – Schaut empor!
Die Lerche singt; die Mandel blüht; es knospet

20
Der Feigenbaum; und im belaubten Nest

Singt laut die Nachtigall: „der Lenz ist da!“ –

     Dann suche niemand in der neuen Zeit
Die alte wieder. Jede Tugend blüht
An ihrem Ort, und webet ihr Gewand

25
Vom Aether ihres Tages. Wenn in Rom

Der Römer Geist erstarb, das Capitol
Zum Christentempel ward, und neue Noth
Auch neue Sorge fodert; o so schone
Des frommen Wahnes! Statt Cornelien,

[302]
30
Die keinen Ort mehr hat, erblickest du

Paulla Romana.

 *     *     *

 Paulla konnte sich
Der Scipionen, Gracchen, Julier,
Ja des Geschlechts Aeneas rühmen; doch

35
Die Fromme rühmete sich dessen nicht.

Im tiefbedrängten Rom war einig nur
Ihr Stolz, ihr Schatz, ihr Capitolium
Der Armen Herz.

 Und als ihr Ehgemal

40
Verstarb (sie war nun ihrer Pflichten frei;)

Da, längst ermüdet von der Römer Pracht
Und Eitelkeit, von ihrem Neid’ und Haß,
Ging sie von Babel aus nach Nazareth.
Umsonst ereifert sich der Römer Stolz,

45
Entgegen ihr zu treten. „Wer ihr seyd,

Ihr seyd nicht Gracchen, Scipionen mehr,
Ich nicht Cornelia; gehabt euch wohl!“


[303]

     Sie suchte die Verbannten auf; sie zog
Durch Meer und Inseln gen Jerusalem,

50
Und sah das heilge Grab, und betete

Auf Golgatha, und stieg auf Sion, ging
Dann nach Aegypten und nach Nubien,
Stets eine helfende Wohlthäterinn
Der Armen. Endlich fand in Bethlehem

55
Sie ihre Ruhestäte. „Hier, wo einst

Der Welten Heil (sprach sie) gebohren ward,
Hier will ich sterben.“

 Und fortan ward sie
Im heiligen Lande aller Sittsamkeit,

60
Bescheidenheit und Wahrheit Bild. Sie stand

Mit Tagesfrühe auf, arbeitend stets
Und lernend;[1] stiftete der Andacht Viel,
Doch nicht zum Müßiggange. Sie ergriff
Der Unschuld Herzen, zähmete dann auch

[304]
65
Die frechsten Seelen, schonend keine Müh.

Und diese Lieb’ und Strenge flößte sie
All’ ihren Geistestöchtern ein, vor allen
Der eignen Tochter, die ihr Abbild war.

     Eustochium, (so hieß das holde Kind,

70
Paulla Romana an Gemüth und Herz,)

Saß an der Mutter Bette, als im Alter
Der Tod ihr nahte. Um sie knieeten
Die Heiligen und Schwestern. Lange schon
Lag Paulla mit geschloßnem Auge, stumm

75
Und kalt. Ihr Othem schwieg; man stimmete

Das Brautlied an, das Lied der Sterbenden:

          „Wohlauf, Geliebte! Meine Freundinn, auf!
     Der Winter ist vergangen!
     Die Regenzeit vorüber!

80
     Gekommen ist der Frühling,

     Die Blumen sprossen schon!“


[305]

Da richtet’ auf sich die Gestorbene,
Mit Himmelsglanz verklärt, und sang darein:

          „Ich sehe sie die Blumen,

85
     Die Blumen jener Welt!

     Ich höre süße Stimmen,
     Wie unaussprechlich süß!“ –

Und küssete ihr Kind Eustochium,
Und sank und war verschieden. –

90
 Ihre Hand

Zu küssen, die unzählbar Guts gethan,
Kam Jedermann, und alle Jungfraun kamen
Zu theilen, was mit unermüdetem
Kunstreichem Fleiß mildthätig sie gewebt. –

95
Aus allen Cellen kamen Heilige

Sie zu begleiten; da ertönte dann
In allen Sprachen ihr Triumphgesang.
Von ihrem Grab’ im Tempel, wo ihr Leib

[306]

Hoch über der Geburtsstatt Jesu ruht,

100
Kam lange nicht Eustochium, und ward

Ihr treues, ihr wohlthätigsanftes Bild.
In tausend Herzen lebete fortan
Paulla Romana. –


  1. Hieronymus, der ihr Leben geschrieben, weiß ihre Gelehrigkeit nicht gnug zu rühmen. Sie legte ihm oft Fragen vor, die er nicht zu beantworten wußte.