Die Lisetante

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Textdaten
Autor: Karl Reinecke-Altenau
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Titel: Die Lisetante
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Quelle: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Schaltjahr 1932
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Die Lisetante.
Von Reinecke-Altenau.


     Das Kirchenbuch des Bergstädtchens ist eine treulich geführte Chronik. Jedes Bergkindes Namen steht darin und alle die Tage, die ihm als Christenmenschen Meilensteine waren im sonnigen oder sonnenlosen Lauf seines Lebens, – bis zu dem letzten, darauf ein schwarzes Kreuz gemalt ist.

     Für den wißbegierigen freilich wären solche Auskünfte ein wenig mager geblieben. Denn von der Mamsell Brinkmann zum Beispiel wußte das Kirchenbuch wohl zu berichten, an welchem Tage sie geboren, getauft und konfirmiert war, wann sie Hochzeit hatte und wann sie starb. Was für ein Kleid aber die Mamsell Brinkmann an ihrem Hochzeitstage trug, wieviel Marienthaler Mitgift sie in die Ehe brachte und wieviel Glück Kuhvieh ihr Vater dazumal im Stall hatte: solche weltbürgerlichen Wichtigkeiten hätte die kirchliche Chronik als für das Seelenheil unwesentlich gehalten. Es wäre auch kein Raum gewesen in der engen Spanne zwischen Stern und Kreuz. Wer über diese Dinge Bescheid haben wollte, der mußte schon zur Lisetante gehen.

     Die Lisetante wußte alles.

     Ihr Gedächtnis konnte sich bis dritthalb Menschenalter zurückkrafpeln. Ihre ersten und fernsten Erinnerungen waren das Lächeln der Kinderzeit, da die Mädels Fichtenwurzeln in ihre Röcke spannten und die beiderwandene Armseligkeit zur Königlichkeit jener für Holzhauer- und Bergmannskinder so unerreichbar vornehmen Reifröcke umzauberten, wie sie die Frau Bergrätin und die Frau Rentmeisterin trugen und mit denen die Töchter vom Reitenden Förster spazieren gingen. Seit dieser Zeit gab es kein Geschehnis im Bergstädtchen, das nicht sonnenklar und sauber in das Gedächtnis der Lisetante hineingeschmolzen worden wäre. Und ebenso hätte in dem engmaschigen Beziehungs- und Verwandtschaftsgewebe [31] der Bergstadtleute kein Faden so fein gesponnen sein können, den sie nicht mit spitzen Fingern herauszuknoten verstand, an richtiger Stelle anknüpfte, durch krauses Gewirr hindurchhaspelte und mit der Zuverlässigkeit des Standesamtsregisters dort festhäkelte, wohin ihn Schicksal oder Liebe bestimmten.

     Die Lisetante wußte noch auf Tag und Stunde genau, wann der Rosenhöfer Schacht einstürzte, wann der Biewends-Ludel beim Baumfällen erschlagen wurde und wann sich der Kuhhirte Meinhardt die Schlagader durchschnitt, als er Pflöcke für die Glockenbügel schnitzte. Sie wußte noch, wann das Krauskopfs-Haus abbrannte, wann der fahrende Kaninchenfresser die Bergstadtleute nasführte und welchen Spruch der Dachdecker hergesagt hatte, als der neue Messingknopf auf den Kirchturm gesetzt wurde. Sie wußte, warum sich der Müller Bornemann aufgehängt hatte und weshalb der Bergmann Mathias nach Amerika auswanderte. Ein Brudersohn von dem Ausgewanderten hatte zuerst das Treckermädel vom Brink heiraten wollen. Er freite aber schließlich doch dem Hüttenmann Mengler – dem Mengler-Schorsche unten im Loch! – seine Tochter. Der ihre Mutter war eine geborene Hirschhausen. Dem alten Hirschhausen sein Großvater hat bei den Cambridge-Dragonern gedient und soll bei Waterloo . . . .

     Solche Auskünfte also, die immer mehr wußten als man wissen wollte und die sich ins Endlose verästelten wie eine Korallenkrone, hätte sich einer von der Lisetante holen können.

     Aber das glückliche Gedächtnis war nicht ihre einzige Gabe. Wer sich ein wenig auf Ausdruckskunde verstand, der hätte im Gesicht der Lisetante mancherlei Glücksgüter entdeckt, die ihr das Schicksal in die Wiege legte als goldenen Ausgleich für ein armes Leben, das aus Zuppelsrock und Beiderwandschürze nicht herauswachsen sollte.

     Wenn sie ihren Kopf zurückbog, bohrten sich ihre Pupillen wie mit einem Sattlerort gestochen durch die Augengläser. Dann sagte jeder Blick: Lieber Freund, du machst mir keine Wippchen vor! Wenn sie aber den Kopf nach vorn neigte, hupfte aus wasserklarem Blau ein Schelm über die stählernen Brillenbogen. Die schmalen Lippen und die gerade Linie des Mundes sprachen von Gleichmut und einem auskömmlichen Pfündlein Seelenruhe. Die feinen Fältchen jedoch, die sich um die Mundwinkel schwangen, waren körperlich festgehaltener Ausdruck von Humor und Spott und lachender Lebensverachtung, die zuweilen ein wenig mit Vitriol gäätzt und zu beißendem Sarkasmus werden konnte.

     Indessen hätte solche Ausdrucksstudien, die am Aeußeren haften bleiben, das Bild der Lisetante lückenhaft gelassen. Es mußte einer schon zu ihr in die Flickstube gehen, wenn er das unterhaltsame Buch ausstudieren wollte, das da hieß: Elisabeth Frohgemut, Hüttenmannswittfrau und Flickerin zu Grünewies im Oberharz.

     Es gab in den Häusern hin und her mancherlei Handschläge zu tun an zerrissenen Hosenböden, Hemden, Unterröcken und Schürzen. Für alle großen und kleinen Kleidernöte war die Lisetante Helferin in der Not. Und Strümpfestopfen erst! Du lieber Gott, wieviel Berge von Strümpfen warteten auf sie. Schtrimpe schtoppen, wos wollter? Dos häßt mer echt Lochschtickerei!

     Wenn die Lisetante zum Flicken bestellt war, knickerte ihr eine fröhliche Erwartung voraus. Man wußte, daß es lustig werden würde. Denn die Flickfrau Frohgemut pflegte in ihrem Nähbeutel nicht nur das nüchterne Handwerkszeug mitzubringen. Neben Schere, Fingerhut und Nadelkissen staken viele schöne Dinge in ihm. Zunächst waren, säuberlich aufgerollt wie das Bandmaß, alle Neuigkeiten des Tages hineingepackt? Hahn Se❜s denn all gehärt, Frau Nappern? ❜s Miller-Mining hot heite Morring wos klänes gekrehng. ❜n Mädel. – Daneben aber barg er für die Großen einen unerschöpflichen Schatzkasten Frohsinn, aus dem die Lisetante mit vollen Händen Schnurren und Schnickschnack hervorholte und darin zu unterst auch die lästerliche Buttermilchpredigt eingewickelt lag. Für die Kleinen hingegen hielt sie eine goldene Zaubertruhe von Märchen, Reimen und Liedern bereit.

     Der Liederkranz der Lisetante war von unbekümmerter Buntfarbigkeit. Es hätte keiner sagen können, daß es aus lauter Rosen gewunden gewesen wäre. Bergblumen staken dazwischen, aus denen der herbe Ruch von Arnika und Thymian herwehte. Neben Immortellen prunkten Papierblumen, die ohne Schaden hätten fortbleiben können. Aber dieses farbige Gemisch von Feinduft, Herzhaftigkeit und Gassenluft, darin zuweilen ein Lüftlein Anrüchigkeit zu wittern war, war Eigenatmosphäre der Lisetante und spiegelte das Bild einer vielseitigen Seele wieder, die mit gleicher Andacht auf Wolkensäumen wie in dem Irrgarten der Allzumenschlichkeit zu luftwandeln liebte.

     So sah das Gesangbuch der Lisetante aus wie die seltsame Generalpartitur eines setsam zusammengesetzten Orchesters. Je nach Stunde und Stimmung konnte es wie Orgelklang und Glockenläuten darin tönen. Oder die Harzzither konnteeine feine Begleitung schlagen, wenn das Heimwehlied vom Vaterhaus im schönsten Wiesengrunde erklang. Oder Hirtenflöten düdelten:

Schöner Mai, holder Mai,
Winters Herrschaft ist vorbei.

Die Altstimme der Lisetante floß wie Cellostrich in die Melodie und verband die Pausen mit weichem Mezzopiano:

Schöner – schöner Mai,
Holder – holder Mai . . .

Wie Schmalz und Butter war das, und schöner hätte es in keinem Liederbuch stehen können! [32]      Im Orchester der Lisetante durfte die Ziehharmonika nicht fehlen. Der „Blasebalg“ jürkelte zum Wilddiebslied, zum Lied vom Bergmann, der das Leder vorm Ichdarfsjanichtsagen trägt und nörgelte sein herrlichstes Solo, wenn das Fuhrmannslied an die Reihe kam. Der Rhythmus dieses Liedes holperte wie ein Bollerwagen auf der Bergstraße. Doch wenn der Kehrreim klang:

Schwingt er seine Peitsche so,
Klitschi – klatschi – hihaho,
Klitschi – klatschi – hier,
Klitschi – klatschi – her, –

fühlte jeder Junge den Schwippenstiefel in der Hand und hörte Peitschenknallen und Fuhrmannsjuchzer im Wald.

Dann wieder fing irgendwann ein dürrstimmiger Leierkasten zu nudeln an von Malchens Liebesleid:

Ich kann nicht mehr tanzen,
Nich fröhlich mehr sein . . .

Oder er gassenhaerte die grausliche Moritat von Julchen, der der Tod ihres Mannes den Maskenball verdirbt:

Zum Ball will Julchen gehn,
Gebrannt sind schon die Locken . . .

Trompeten räterten dazwischen. Und schließlich setzten die Geigen ein zum lustigen „Hackenschpitzer“;

Hiehfte wull, do kimmtr,
Gruße Schritte nimmtr . . .

Oder begannen ein verwegenes Hochzeitsständchen aufzuspielen, zu dem die Kontrabässe die düstere Entgegnung brummten:

Hunger und Kummer wärd ahch noch kumme.
Wärscht dann Jammer noch kriehng . . .

Es ging bund und lustig her in dem Liederbuch der Lisetante. Die Kinder taten die Mäuler auf vor Bewunderung. Vergötterung aber wuchs das Staunen, wenn die Sängerin ihr berühmtes russisches Lied anstimmte.

Zischik – zischik –jettepo,
Oker – Radau – Wortkrawall,
Wieberg – krimker – wieberg wach,
Raschau – minau – chalawa.

Wie prachtvoll seltsam dieses „chalawa“ aus dem Grunde des Kehlkopfes hervorquoll, – nein, nein, was die Liesetante alles konnte! –

     Liesetante, nu verzähl uns was!

     Die Kindermünder bettelten. Doppelt so viele Kinderaugen bettelten mit, und gebeselig ließ die Lisetante einen Wunderbaum aufwachsen, der zwischen Nadelgeflister und Nähmaschinenrasseln goldene Blüten trieb im Märchenland Flickstube. Hänsel und Gretel traten herein. Auf dem Thron der Fußbank schlief Dornröschen hundert Jahr. Rotkäppchen und Schneewittchen guckten durchs Fenster. Ganz grausig schnarchte der Wolf, der Großmutter und sieben Geißlein gefressen hatte. Im Fingerhut wisperte der Däumling. Däumelinchen turnte durch die Nadelöhre. Auf dem Holzkastenrand saß das arme Aschenputtel und weinte sich die Augen rot. In der Schrankhöhle schluchzte Genoveva, und der Hahn draußen auf dem Holzbanke krähte ganz wahrhaftik: Kikeriki, unsere Goldmarie ist wieder hie.

     Hei, und wie lustig wurde es in der Flickstube, wenn erst die Lisetante ihr eigenes Märchenbuch aufschlug, daraus es wie Harzluft und Fichtennadeln duftete. Vom Brocken polterten Berggeister her. Der wilde Jäger brauste über den Bruchberg. Auf Besenstiefeln und Heuforken ritten Moorhexen herein. Verwunschne Harzgrafenkinder nahmen würdevoll Platz. Auf dem Tritt der Nähmaschine schaukelten sich Alraunenmännlein, und Waldgeister trieben zwischen Hosenflicken, Stoffgarn und Zwirnsrollen heimlichen Spuk. Hu und dann die bösen Räuber! Kennt ihr den Riesewampel, der auf dem Dachboden sitzt und Hede zupft? – Er hat Augen wie ein paar Taubennester . . . Und eine Nase wie ein Wasserstunzen. Und sein Mund ist so groß wie ein Schweinetrog.

     Die Kinderaugen wurden weit und blank, wenn der Märchenbrunnen sprudelte. Wie aus einem Bergquell kam das alles, den Fichten überschatten und an dessen Säumen Moospolster grünen. Ungezählte Kinderherzen haben Freude aus diesem Born getrunken, der sein Kristall spendete ungebeten, ungedankt, unermüdlich, unerschöpflich.

     Als der dennoch zu versiegen begann, ahnte jeder, daß in den Tiefen, daraus er hervorquoll, ein Stollen zu Bruch gegangen sein mußte.

     Der Krieg mit seinen Nöten hatte auch die Lisetante weiß und stumpf gemacht.

     Wißt ihr, was hölternes Schmalz ist?

     Kein anderer als die Lisetante hätte die trockene Kriegsmarmelade so bildhaft umtaufen können. Das hölterne Schmalz taugte nicht dazu, verfallene Kräfte aufzuhalten. Der Lisetante wurden die Röcke zu weit. Mit dem goldenen Gleichmut, mit dem sie im Leben Nadel und Schere, Holzart und Säge und die Deichsel ihres Holzwägelchens zu führen verstand, wartete sie auf den Tod. Still und klagelos ging sie hinüber. Auf ihren Lippen wurde ein Wort spottender Todesverachtung starr. Es wäre wert, ob seiner derben Absonderlichkeit, überliefert zu werden. Aber die Lisetante würde über den Brillenrand hergucken und mit dem Finger drohen: Pfu, schamt eich wos! Sune Wärter namm ich net in dr Mund . .

     Und das wäre wieder ganz Lisetante gewesen.