Die Mission im Lichte des hohenpriesterlichen Gebetes Jesu

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Autor: Johannes Deinzer
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Titel: Die Mission im Lichte des hohenpriesterlichen Gebetes Jesu
Untertitel: Predigt über Joh. 17, 18–21 gehalten am Missionsfeste zu Nürnberg in der Kirche zu St. Lorenzen den 18. Juni 1889
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Verlag der Joh. Phil. Raw’schen Buchhandlung
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Die Mission im Lichte des hohenpriesterlichen
Gebetes Jesu.


Predigt
über
Joh. 17, 18-21
gehalten am
Missionsfeste zu Nürnberg
in der Kirche zu St. Lorenzen
den 18. Juni 1889
von
Johannes Deinzer
Missions-Inspektor
Neuendettelsau.




Nürnberg 1889.
Verlag der Joh. Phil. Raw’schen Buchhandlung
(C. A. Braun.)


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(Otto Tschopp, Nürnberg.)



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Evang. Joh. 17, 18–21:

 Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt: so sende Ich sie auch in die Welt. Ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiliget seien in der Wahrheit. Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, auf das sie alle eins seien, gleichwie Du, Vater, in mir, und Ich in dir; daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, Du habest mich gesandt.





 Teure Missionsgemeinde! Die gelesenen Textesworte sind dem Zusammenhang eines größeren Ganzen entnommen, das man mit Recht als „das Allerheiligste des ganzen Johannesevangeliums“ bezeichnet hat: dem hohenpriesterlichen Gebet Jesu. Was Ihm in jenen feierlichen Augenblicken, da Er im Begriff war aus dieser Welt zum Vater zu gehen, für die Seinen auf der Seele lag, die Bedürfnisse der einzelnen Gläubigen und die Anliegen der gesammten Christenheit: das hat er in dieser großen Stunde Seinem himmlischen Vater vorgetragen und an’s Herz gelegt. Und unter diesen großen Anliegen und Aufgaben der Christenheit findet in dem hohenpriesterlichen Gebet des Herrn auch diejenige ihre Stelle, die heute unsere Seele füllt und bewegt, der die Feier des Tages gilt: die hohe, weltumfassende Aufgabe der Mission. „Gleichwie Du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt“, so beginnt ja unser Text, und wir finden uns damit in demselben Gedankenkreis wieder, in den uns unser Fest versetzt: in dem Gedanken an die Mission.

 Geliebte in dem Herrn! Unwillkürlich werden wir bei diesen Eingangsworten unseres Textes an den Missionsbefehl des Herrn (Matth. am letzten) erinnert. Beide Herrenworte treten von selbst mit einander in Vergleich. Da und dort die gleiche Feierlichkeit des Augenblicks – es erteilt ein von der Erde Abschiednehmender seinen letzten Auftrag – da und dort die gleiche Aufgabe, da und dort dieselbe weltumfassende Weite des Gesichtskreises. Aber doch ist zwischen jener Stelle und unserm Text auch ein bedeutsamer Unterschied. Dort ist’s der Auferstandene, der da redet, der Leiden und Tod hinter sich, Welt, Teufel und Hölle unter sich, zu seinen Füßen liegen hat – hier ist’s der Erlöser, der noch vor Seiner Leidensaufgabe steht, der erst auf dem Gang zum Opfer begriffen ist. Dort überwältigt uns der Eindruck der gebietenden Majestät des Königs, der sein| Scepter ausstreckt über die Erde, der seine Knechte aussendet, die Welt für ihn zu erobern – hier fühlen wir den Herzschlag der Liebe des barmherzigen Hohepriesters, der mit ausgebreiteten Armen alle Menschen umfassen und zu sich ziehen, aller Welt die Frucht und den Segen seines Opfers zueignen möchte. Dort erscheint die Mission im Zusammenhang mit dem königlichen Amt, hier im Zusammenhang mit dem Hohepriestertum Jesu. Unter diesem Gesichtspunkt laßt sie uns heute anschauen.
Die Mission im Lichte des
Hohenpriesterlichen Gebetes Jesu

das sei der Gegenstand unserer Betrachtung in dieser festlichen Stunde.


I.

 Unser Text zeigt uns zunächst was aller Mission Grundlage und Voraussetzung ist.

 „Gleichwie Du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt: Und ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiligt seien in der Wahrheit“, so redet, so betet der Hohepriester des neuen Testamentes zu seinem himmlischen Vater. Ich heilige mich selbst für sie: was heißt das anders als: Ich weihe mich, ich bringe mich dar – zum Opfer. Sein Opfer, auf Golgatha vollbracht, ist die Grundlage aller Mission und Missionsthätigkeit. Sein Opfer ist die Versöhnung für die Sünde der Welt, sein Opfer ist die Erwerbung des Heils für die Welt, darum auch die Voraussetzung aller Heilsanerbietung für die Welt. Nun Sein Opfer vollbracht ist, können Seine Boten ausgehen, Seines Opfers Kraft und Segen der Menschheit anzupreisen, und alle Welt zum Mahl der Gnaden laden. Der Welt gehört Sein Opfer. Denn ob der Herr auch bei den Worten: „Ich heilige mich für sie“ zunächst von seinen Jüngern redet, so ist doch von irgend einer Einschränkung der Geltung und Wirkung seines Opfers kein Gedanke; er sendet ja die, für die er sich heiligt, in die Welt, mit einer Botschaft des Heils an die Welt. Die Elfe sind ja nur der engste, innerste Kreis der Gläubigen, der sich um Seine Person her schließt; aber um sie her soll sich in immer weiteren Kreisen reihen aus allen Völkern, Sprachen und Zungen die ungezählte Schaar derer, denen Sein Opfer auch zu gute kommen soll und die es sich auch zu ihrer Heiligung dienen lassen wollen. So weit daher der Geltungsbereich seines Opfers, so weit ist der Wirkungsbereich der Mission. Er ist für alle gestorben – darin liegt das Recht, ja die Pflicht der Mission begründet, aller Creatur, die unter dem Himmel ist, das Evangelium von| der Vergebung der Sünden in Seinem Blut zu predigen, Ihm Seine Erkauften aus allen Völkern, Sprachen und Zungen zu Hauf zu bringen und Ihm von allen Enden der Erde Seinen Schmerzenslohn einzusammeln. „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber – so sind wir nun Botschafter an Christi Statt, so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ Dieses Apostelwort zeigt uns in gleicher Weise wie unser Text den inneren Zusammenhang zwischen dem Opfer Christi und der Mission. In diesem Sinne ist Sein hohepriesterlich Opfer die erste Voraussetzung aller Mission. Die zweite aber ist: Das Dasein einer priesterlichen Gemeinde von Geheiligten.
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 „Ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ Das also war die Absicht, ja auch der wirklich erreichte Erfolg seiner Todesweihe, seiner Selbsthingabe zum Opfer: die Herstellung einer Gemeinde von Geheiligten, eines priesterlichen, gottgeweihten Volks, das, durch sein Opfer entsündigt, nun auch sich williglich Gott opferte im heiligen Schmuck. Nur eine solche Gemeinde ist tauglich die Heilsbotschaft auszurichten an die Welt. Geheiligte in der Wahrheit müssen es sein, die das Werk der Mission treiben wollen. Teure Missionsfreunde! Das ist ein ernstes Wort, das wie eine Prüfungsfrage an unser aller Gewissen pocht. In einer Zeit, wo die Mission nicht mehr blos das verwaiste Pflegekind kleiner Kreise von Gläubigen ist, wo die Kirche auf ihre Missionspflicht sich wieder besonnen hat, wo es fast zum christlichen Anstand gehört, Teilnahme für die Mission zu zeigen, wo auch in den Augen der Welt die Schmach Christi von der Mission genommen zu werden beginnt: da ist es wol doppelt und dreifach nötig, es zu betonen: daß die Mission sittliche Forderungen an den persönlichen Christenstand derer stellt, die sich mit ihr befassen. Nicht blos die hinausgesandt werden in die Welt, müssen geheiligte Persönlichkeiten sein – auch die Christenheit, die sie sendet, muß eine priesterliche Gemeinde von Geheiligten sein. Brauche ich das erst zu beweisen? Woraus soll denn der Missionstrieb entstehen, wenn nicht aus der Erfahrung von der sündentilgenden, rechtfertigenden, heiligenden Kraft des Blutes Christi am eignen Herzen? Was befähigt denn zur Fürbitte für das Heil der Welt, was begeistert denn zu Opfern, sachlichen und persönlichen, für das Reich Gottes als ein priesterlich Herz, das gleichgestimmt ist mit dem Herzen des ewigen Hohepriesters und das durch sein Opfer geheiligt auch im Opfer ihm nachzufolgen befähigt ist? Geliebte in dem Herrn! Wie weit der Stand der Christenheit von der Lebenshöhe, die der Herr hier voraussetzt, entfernt ist,| wie weit sie darum selber davon entfernt ist, eine Missionsgemeinde zu sein – so weit, daß sie selber Gegenstand einer auf sie gerichteten missionierenden Thätigkeit sein muß – das liegt leider am Tage. Es sind doch immer nur Einzelne, kleinere oder größere Kreise, die mit Bewußtsein und aus eignem Trieb das Werk der Mission fördern. Aber sie wenigstens, wir wenigstens, die wir unsre Missionspflicht anerkennen, wollen doch das Wort unseres Textes mit seinem ganzen beschämenden, strafenden und zur Heiligung spornenden Ernst uns in die Seele leuchten lassen, damit doch wenigstens in uns die Voraussetzung aller Missionsarbeit zu Stande komme: das Dasein einer priesterlichen Gemeinde geheiligter Seelen. Denn die Mission bedarf menschlicher Werkzeuge. Aber freilich die Kraft, durch welche die Aufgabe der Mission ausgerichtet wird, muß höheren als menschlichen Ursprungs sein.


II.
 Was ist denn aber diese Kraft? Das sagt uns unser Text zum andern. Die wirksame Kraft aller Mission ist das Wort. „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden“ sagt der Herr weiter in unserm Text. Er knüpft hiemit den Erfolg der Mission in der Welt an das Wort der Apostel. „Ihr Wort“ nennt er das Wort seiner Jünger, nicht als Menschenwort im Gegensatz zu Gottes Wort. Bei den Aposteln, als den inspirierten Werkzeugen des heiligen Geistes hebt ja ohnehin – wenigstens für ihre Predigt – sich der Unterschied von Gotteswort und Menschenwort auf. Gottes Wort ist ihr Wort und ihr Wort Gottes Wort. Aber auch bei den nachgebornen Geschlechtern der Boten des Evangeliums soll Gottes Wort ihr eignes Wort heißen können – im Sinne lebendiger Aneignung durch den Glauben. Gottes Wort muß mit uns verwachsen, unser innerstes Eigentum, die Substanz unseres geistlichen Menschen werden. Das von seinen Verkündigern im lebendigen Glauben angeeignete apostolische Wort – das ist das große Missionsmittel. Aber eben das apostolische Wort – nicht was sich als vermeintlich höhere Weisheit an seine Stelle setzen will. Das lautere apostolische Wort, nicht versetzt mit den Meinungen des Zeitgeistes, nicht seines Kernes beraubt durch eine das Mark des Christentums aushöhlende Theologie: das ganze reine unverfälschte Wort der Apostel soll die einzige Quelle und Richtschnur aller Predigt wie daheim in der Christenheit, so draußen in der Heidenwelt sein. Was sollen wir denn den Heiden sonst bringen? Etwa die europäische Bildung und Kultur? Aber für das was den heidnischen| Kulturvölkern notthut: Erneuerung durch die Lebenskräfte des Evangeliums bietet ihnen keine noch so hochentwickelte Bildung Ersatz, und für die Naturvölker ist ohnehin die unvermittelte Berührung mit der europäischen Civilisation wie ein tötender Hauch, vor dem sie verwelken und zerstäuben. Nein, es bleibt dabei, die wirksame Kraft aller Mission ist das Wort: das ist das Schwert des Geistes, mit dem wir in den heiligen Kreuzzug der Mission ziehen, das ist die Hirtenschleuder Davids, mit der wir den Riesen des Heidentums erlegen werden; das ist aber auch andrerseits für die verschmachtende Heidenwelt das Brot des Lebens, das allen Hunger der Seele stillt.
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 Aber, geliebte Missionsfreunde, wenn wir nun die Boten Gottes so hinausziehen sehen in die Heidenlande, ausgerüstet mit der guten Wehr und Waffe des Worts, beruhigen wir uns dann mit dem Gedanken, daß sie nun, wie man sagt, wohl selber fertig werden können? Oder fühlen wir doch ein Bedürfnis, eine Verpflichtung auch unsrerseits ihrer uns anzunehmen, fürbittende Hände für sie aufzuheben, den einsamen Streitern auf ihren Vorposten mitten in Feindesland das tröstliche, stärkende Bewußtsein zu verschaffen, daß hinter ihnen eine Beterschaar steht, die ihnen kämpfen, leiden, siegen hilft? Nun wer wirklich ein Missionsfreund ist, der wird den Missionaren die größte Wohlthat, nach der sie hungern und dürsten, gewiß nicht versagen: die Wohlthat der Fürbitte. Die Missionare draußen, ja auch daheim diejenigen, denen die Sorge und Verantwortung für das Werk der Mission aufliegt und oft schwer auf der Seele liegt, sie flehen Euch an um das Almosen der Fürbitte, sie danken Euch jedes Vater-Unser, ja jeden gläubigen Seufzer, den Ihr für sie zum Thron der Gnade schickt. Wenn wir nun aber schon um gläubige Fürbitte von Menschen so froh und dankbar sind, welche Freude, welche Herrlichkeit ist es dann, in unserm Text den ewigen Hohenpriester Selber zu sehen, wie Er in dieser feierlichen Stunde vor Seinem Scheiden Seine Hände aufhebt und zu Seinem himmlischen Vater betet – für das Werk der Mission, der Mission aller Zeiten. „Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden.“ Er betet für die, die Er sendet, und für die, so durch ihr Wort an Ihn glauben werden, Er betet für die Missionare und für die Mission. Er hat laut vor den Ohren seiner Jünger gebetet, damit sie’s hörten, damit sie’s aufzeichneten, damit wir’s wüßten, daß Er für die Mission gebetet, daß Er beim Antritt seines hohenpriesterlichen Amtes begonnen hat, was Er seitdem fortsetzt im ewigen Heiligtum: die Fürbitte auch für das Werk der Mission. O wie| beglückt es mich, allen Missionaren, die da sind und die da sein werden, zurufen zu können: Er hat auch für Euch und Euer Werk, Er hat auch für die Bekehrung der Heiden, zu denen ihr gesandt werdet, gebetet. Ihr habt nicht blos eine Schaar menschlicher Beter hinter euch, sondern einen göttlichen Fürbitter, einen betenden Hohenpriester über euch. Ihr habt Sein Wort, das ist die wirksame Kraft, ihr habt seine Fürbitte, das ist die tragende Kraft der Mission. Wo solche Himmelskräfte walten, da kann der Erfolg nicht ausbleiben. Und er bleibt nicht aus.

 Auch unser Text stellt uns ja


III.

den Erfolg und das Ziel aller Mission vor Augen. „Ich bitte auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden.“ „Ich bitte nicht für die Welt,“ hatte der Herr kurz vorher gesagt und wenn er hier Seine Bitte auf diejenigen beschränkt, die durch Seiner Jünger Wort an Ihn glauben werden, so liegt darin ja freilich etwas, was allzuhoch gespannte Hoffnungen herabstimmt, nämlich die Andeutung, daß die durch der Jünger Wort aus der Welt gewonnene Gemeinde sich nicht mit der Welt decken, daß die Kirche nicht die ganze Welt umfassen wird. Es gibt Welt, die Welt bleibt im Gegensatz zur Kirche, und die Kirche selbst ist und wird nichts anderes sein als die Sammlung der Gläubigen aus der Welt. Aber lassen wir uns über dieser betrübenden doch nicht die hoffnungsvolle, fröhliche Ansicht der Sache verkümmern. Das Wort des Herrn in V. 20 unseres Textes hat auch eine überaus tröstliche Seite: es weissagt uns den gewiß zu erwartenden, den mit unfehlbarer Sicherheit eintretenden Erfolg aller Mission. Es wird immer solche geben, die an das Wort der Boten Gottes glauben und hinzugethan werden zur Gemeinde der Auserwählten. O welch ein köstliches Wort ist das für den von Kleinmut und Verzagtheit angefochtenen Missionar, der da meint, er arbeite vergeblich und bringe seine Kraft unnützlich zu, weil er keine Saat des Wortes aufgehen oder die aufgegangene bei der ersten Sonnenhitze verdorren sieht, weil er sehen muß, wie die Unbeständigkeit der Neubekehrten, die Verführung des Teufels und der Welt ihn so oft der Früchte seiner mühevollen Arbeit beraubt. Welcher Trost für ihn, die göttliche Versicherung zu hören: Es wird der Mission nicht fehlen an Frucht ihrer Arbeit; es wird ihr nicht ausbleiben die Freudenernte von ihrer Thränensaat.

 Schon diese Aussicht ist lohnend, aber der Herr eröffnet uns einen noch viel herrlicheren Ausblick in die Zukunft. Er zeigt uns das Ziel| aller Missionsarbeit. Nicht die Gewinnung einzelner Seelen, sondern die Sammlung der Gewonnenen zu der Einen Heerde: die Einheit der Gläubigen, das irdische Abbild jener unaussprechlichen Einheit, die zwischen Vater und Sohn in Ewigkeit besteht: das ist das höchste Ziel, welches das Gebet des ewigen Hohepriesters sich steckt, welches die Entwicklung der Kirche erreichen und welches auch durch ihre Missionsarbeit mit herbeigeführt werden soll. Freilich was wir in der Gegenwart sehen und erleben ist das Gegenteil der von dem Herrn geweissagten Zukunft. Die Kirche des Herrn ist gespalten und ihre Gespaltenheit und Zerklüftung spiegelt sich nur zu getreu auch in ihrer Missionsarbeit wieder. Wir haben katholische, wir haben evangelische Missionen, und unter den nahezu hundert evangelischen Missionsgesellschaften sind nicht blos die beiden protestantischen Confessionen, sondern auch fast alle Schattierungen des protestantischen Sektenwesens vertreten. Die Einheit der Gläubigen, von der nach den Worten des Textes eine Wirkung auf die Welt ausgehen sollte, die sie zur Anerkennung des göttlichen Ursprungs und Wesens des Christentums bestimmt haben würde, ist dahin; an ihre Stelle ist eine Zerspaltung getreten, die nicht blos für die Welt ein Stein des Anstoßes, sondern auch für Christen oft eine nicht geringe Glaubensprüfung, ja Anfechtung ist, die insonderheit den Neubekehrten aus dem Heidentum an aller Wahrheit irre machen könnte. Und was bedeutet diese Zersplitterung der Kirche auch für die Mission für eine Kräftezersplitterung! Anstatt in einer geschlossenen Kolonne zu kämpfen, ist das Streiterheer Jesu in der Heidenwelt verzettelt in lauter kleine Abteilungen, ohne Zusammenhalt, ja fast ohne Fühlung mit einander. Und erst noch das Betrübendste von allem: die Reibungen und gegenseitigen Befehdungen der verschiedenen Confessionen auf dem Missionsgebiet, die Eingriffe in fremde Arbeitsfelder, um zu schneiden wo man nicht gesät hat, die Seelenfängerei und Seelenkäuferei, wofür die römische Missionspraxis noch neuerdings Beispiele aufzuweisen hat. Wem blutete das Herz nicht beim Anblick solchen Jammers!
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 Aber, teure Missionsfreunde, der Glaube muß dennoch über diesen Widerspruch der Gegenwart mit der verheißenen Zukunft triumfieren. Die Gestalt des Endes wird dennoch die von dem Herrn geweissagte sein. Und, mir scheint, gerade die Mission, die draußen in der Heidenwelt den Jammer der Zerrissenheit der Kirche am schmerzlichsten zu fühlen bekommt, kann auch an ihrem Teil beitragen zur Heilung des Schadens und mitarbeiten an der Anbahnung der verheißnen Zukunft und der Erreichung des großen Ziels: „Daß sie alle Eins seien.“ Wie und wodurch fragt Ihr? Nun,| die Mission legt ja doch für’s erste die draußen in der Heidenwelt die Völker noch ganz anders trennenden Schranken der Nationalität nieder, indem sie von einem Reiche Gottes unter und über allen Völkern predigt, in welchem die nationalen Gegensätze aufgehoben oder doch versöhnt sind. Sodann: es ist zwar das Christentum in der konfessionellen Bestimmtheit, das wir hinaustragen in die Heidenwelt – wir haben den Schatz der himmlischen Wahrheit nur im irdenen Gefäß der Konfession, wir kennen auch auf dem Missionsgebiet keine den Unterschied von Wahrheit und Irrtum vermischende Union – aber immerhin: Heiden gegenüber tritt in der Verkündigung der christlichen Wahrheit was die Konfessionen trennt, zurück, und die großen Grundwahrheiten des Evangeliums, in denen die christlichen Kirchen einig sind, treten in den Vordergrund. Ferner: die Sonderlehren der einzelnen Konfessionen verlieren in der religiösen Unterweisung der Heiden zwar nicht die Bedeutung von trennenden Lehrunterschieden, aber es haftet ihnen doch nicht wie bei uns die Schärfe von Gegensätzen an, die sich im heißen Kampf der Geister geschichtlich durchgesetzt und verfestigt haben; und die Folge davon muß doch eine unbefangenere Stellung der Christengemeinden aus den Heiden zu dem Streit der Konfessionen sein. Und die Kirchen der alten Heimat? Nun, die Begegnung in der Fremde bringt Die, die Eines Volkes und Stammes sind, näher als das Nebeneinanderwohnen in der Heimat. Sollte nicht auch Ähnliches von der Begegnung und Berührung der verschiedenen Missionsgesellschaften in der Fremde der Heidenwelt gelten? Und eine dort sich vollziehende Annäherung der Gemüter – sollte sie nicht auch in der Heimat das Bewußtsein von der Einen heiligen allgemeinen apostolischen Kirche stärken? Doch es ist dies alles ja freilich nur ein geringer Ansatz zur Verwirklichung der großen Verheißung des Herrn, an sich nicht hinreichend, um von dem Ufer der traurigen Gegenwart eine Hoffnungsbrücke zum Ufer der verheißenen Zukunft zu schlagen. Aber das Gebet des ewigen Hohenpriesters kann nicht unerfüllt bleiben, Seine Verheißung muß hinausgehen. Des trösten wir uns und warten sein in Geduld. Inzwischen gehen wir, auch durch das heut vernommene Gotteswort und die auch heute wieder gespürte Gemeinschaft der Heiligen gestärkt, mit neuem Mut und Eifer an das uns befohlene Werk: wir haben ja Seine Verheißung, die uns den Erfolg unsrer Arbeit verbürgt, wir haben Sein Wort, die wirksame, Sein Gebet, die tragende Kraft des Missionswerks; Sein Opfer, das für alle Welt gebracht auch aller Welt zu gut kommen soll, ist unser Recht und unsre Pflicht zur Mission an der Welt. Sorgen wir nur, daß die Bedingung, die nicht| ohne uns erfüllt werden kann, auch an und in uns verwirklicht werde: das Dasein einer geheiligten Gemeinde, durch welche allein der Segen des Opfers Christi übergeleitet werden kann auf die Welt. Der ewige Hohepriester aber heilige uns selbst je mehr und mehr in Seiner Wahrheit, dann helfen wir zum großen Ziel aller Wege Gottes, dann sind wir selbst auf dem Weg zu diesem Ziel: denn die Vollendung der Gläubigen in der Wahrheit und ihre Vollendung in der Heiligkeit führt von selbst zur Vollendung in der Einheit. Amen, Amen.




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Becker, A. W., Pastor zu Kiel. Predigt über Jes. 49, 3–6 gehalten am Missionsfeste zu Nürnberg den 12. Juni 1888. 4. Auflage. Preis 20 Pf.

Schick, Consist.-Rath Dr., in Bayreuth. Predigt über Evang. Matth. 11, 29. 30. gehalten am Missionsfeste zu Nürnberg den 14. Juni 1887. 3. Auflage. Preis 20 Pf.

Weitbrecht, Dekan in Stuttgart. Ein Wort des Herrn von der Missionsarbeit. Predigt über Ev. Joh. 12, 32 gehalten am Missionsfest zu Nürnberg den 22. Juni 1886. Preis 20 Pf.

Stählin, Dr. A. von Oberkonsistorialpräsident in München. Unsere Losung am Missionsfest. Predigt über Röm. 12, 12 gehalten am Missionsfest zu Nürnberg, den 16. Juni 1885. 3. Auflage. Preis 20 Pf.

Müller, Eph. P. Consist.-Rath. Predigt am Missionsfest zu Nürnberg den 21. Juni 1883 gehalten. 2. Auflage. Preis 20 Pf.

Schlosser, Gust., Pfarrer in Frankfurt a. Main. Predigt über Ezechiel 36, 22–27 gehalten am Missionsfest zu Nürnberg den 13. Juni 1882. 2. Auflage. Preis 20 Pf.

Burger, K. Ch. Const.-Rath. Die Siegeszuversicht, die uns bei der Arbeit und im Kampf der Mission begleiten soll. Predigt über I. Joh. 5, 4 gehalten am Missionsfeste zu Nürnberg den 14. Juni 1881. Preis 15 Pf.

Frommel, Max, Pfarrer. Das Ziehen des erhöhten Christus in der Mission. Predigt über Joh. 12, 32 am Missionsfest zu Castell den 22. Juni 1879 gehalten. 2. Auflage. Preis 20 Pf.

Zwölf Missionspredigten, gehalten in den Jahren 1855–1866 von Ahlfeld, Besser, Graul, v. Harles, Harnack, Langbein, Luthardt, Stählin, Thiele, Thomasius, v. Zezschwitz. I. Sammlung 8°. bcrabgesetzter Preis 1 Mk. 20 Pf.

Zwölf Missionspredigten, gehalten in den Jahren 1869–1880 von Auerochs, Frommel, Lehmann, v. Müller, Rutz, Seidel, Städelen, Stählin, Summa, Wiener, Zahn, v. Zezschwitz. II. Sammlung 8°. Preis 1 Mk. 20 Pf.

Zezschwitz, Prof. Dr. von, Universitätsprediger in Erlangen. Unser Glaubenstrost bei aller Trauer über die gegenwärtige Lage der Kirche. Predigt über Haggai 2, 4–6 zum Abendgottesdienst bei der allgem. lutherischen Konferenz zu Nürnberg am 25. Juni 1879. 2. Auflage. Preis 20 Pf.

Deinzer, J. Missions-Inspector in Neuendettelsau. Wilhelm Löhe’s Leben und Wirken auf dem Gebiete der inneren Mission und Diakonie. Vortrag am III. Adventssonntag 1887 in der Versammlung des Lokalvereins für innere Mission in der St. Moritzkapelle in Nürnberg gehalten und auf Verlangen dem Druck übergeben. 1888. Preis 20 Pf.

Döderlein, Jul., Pfarrer in Jochsberg. Wie sind die Kinder in die Bibel einzuführen? Vortrag gehalten bei der Generalversammlung des evangelischen Schulvereins in Bayern zu Nürnberg am 15. Juni 1887. Preis 15 Pf.

Seidel, L., Pastor und Vereinsgeistlicher in Dresden. Die Frauenfrage und die innere Mission mit besonderer Rücksicht auf die Frauen und Töchter des Arbeiterstandes. Vortrag gehalten auf der Konferenz für innere Mission zu „Nürnberg am 15. September 1885, 4. Auflage. 1885. Preis 15 Pf.

Stöcker, A., Hofprediger in Berlin. Die Bibel und die soziale Frage. Vortrag im evangelischen Arbeiterverein zu Nürnberg am 22. September 1879. 15. Aufl. Preis 20 Pf.

Weber, J. G., Dr. Martin Luther, der durch den Himmel fliegende Engel mit dem ewigen Evangelium. Ein Erinnerungsblatt an die segensreiche Ref[ormation.] 2. Auflage. 1888. Preis 5 Pf.

Zellfelder, Th., Pfarrer in Gunzenhausen. Vortrag über religiöse F[reikirchen] oder englisch-amerikanisches Sektenwesen in der deutsch-evangelisch[en Kirche,] gehalten am 24. November 1887 im Saal der Kleinkinderschnle zu [Gunzen]hausen. 1887. Preis 20 Pf.

Kalb, F., ev.-luther. Pfarrer in Buxach. Was die Irvingianer bieten. [An die] Adresse des Herrn Julius Wolf, Evangelisten der apostolisch-kathol[ischen Ge]meinde zu Augsburg. Preis 15 Pf.