Die Offenbarung Johannis/Die ausgebildete Rekapitulationstheorie bis Coccejus

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Die Offenbarung Johannis
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13. Die ausgebildete Rekapitulationstheorie bis Coccejus[1]

Unter den deutschen Gelehrten gewinnt in der späteren Zeit die von Joachim stammende Rekapitulationstheorie großen Einfluß. Der erste, der in dieser Richtung einen systematischen Versuch machte, war Nicolaus Collado[2]. Er läßt in den Siegeln, Posaunen und Schalen immer wieder rekapitulationsweise über die Kirche verhängte Strafe geschildert werden. Auch in der Auslegung bespricht er immer je ein Siegel zusammen mit der entsprechenden Posaune und Schale. Apk 10-11,14 schiebt er hinter dem sechsten Siegel ein und findet hier die Predigt des Evangeliums unter der[96] Herrschaft des Papsttums. In der Deutung des Kap. 13 schließt er sich eng an Luther an. (Kap. 11-14 nennt er eine Digression.) Da man sich bei dieser Rekapitulationstheorie an die Zeitfolge überhaupt nicht mehr gebunden erachtete, so wird in derselben das Raten immer willkürlicher und wilder.

Dem Collado folgte Dav. Pareus, in divinam apoc. Joh. comm. 1618[3]. Pareus hat unter den Evangelischen neben Calov und Hoe den gelehrtesten Kommentar zur Apk geschrieben. Er kennt bereits den Alcasar und hat sich dessen Gelehrsamkeit zunutzen gemacht. In der Einteilung bleibt er bei der partitio recepta. Alle Auslegungsmethoden zu besprechen ist ihm zu langweilig. Er bekennt namentlich von Bullinger und Brightmann gelernt zu haben. Aber in der Rekapitulationstheorie schließt er sich dem Nicolaus Collado an, nur daß er die sieben Schalen auf die Plagen der letzten Zeit bezieht. So findet sich denn hier wie dort für die sechs Siegel und sechs Posaunen dieselbe Erklärung. Die Todeswunde des Tieres Kap. 13 wird auf die durch die Reformation dem Papsttum beigebrachte Niederlage bezogen, die jedoch jetzt schon wieder zu heilen beginne. In Kap. 12, 17 und 20 werde Vergangenes gedeutet. Außerdem ist zu unterscheiden zwischen visiones universales und particulares (nach Luther und Clüver vgl. S. 95). Mit Brightmann läßt P. bei Apk 12 einen neuen Abschnitt beginnen. Endlich teilte er den Verlauf der geweissagten Geschichte in vier Perioden (Constantin, Beginn des Papsttums um 600, Reformation, Ende der Welt). So trägt seine Auslegung einen ungemein willkürlichen und verwickelten Charakter. Das hielt ihn nicht ab, gegen die Deutungen Alcasars aufs heftigste zu polemisieren[4].

Eine neue und konsequent durchgeführte Rekapitulationstheorie[5] vertritt Johannes Coccejus, Cogitationes de apoc. St. Joannis Lugd. Bat. 1668. In immer wiederholten sieben Perioden verläuft für ihn die Geschichte. Auch die sieben Sendschreiben zog er mit in den Parallelismus hinein, während er freilich die Schalen nicht die ganze Kirchengeschichte umfassen läßt. C. findet in den auf einander folgenden Zeichen, 1) die erste Verkündigung des Evangeliums, 2) die Vernichtung des Judentums, 3) die Zeit der Häretiker von Arius bis Muhamed, 4) die Zeit der inneren Kirchenwirren (Entstehung des Papsttums), 5) die Spaltung der Kirche in der Reformationszeit, 6) die Zeiten des dreißigjährigen Krieges. Mit Coccejus gewinnt die [97] Theorie von den sieben Perioden der Kirche (Coccejus deutete das 1000jährige Reich noch immer auf die Vergangenheit, Holtzmann² 285) wieder eine gewisse kirchengeschichtliche Bedeutung. Und es ist interessant zu beobachten, wie hier die joachimitische Betrachtungsweise der Apk noch einmal ihre Blüten treibt. Scharfsinnig hat Johannes Marck, der Gegner des Coccejus (s. u.), die Zusammenhänge und Linien, die von Joachim zu Coccejus hinüberlaufen, nachgewiesen.

Als entschiedener Gegner des Coccejus sei hier dann der eben schon vielfach erwähnte Joannes Marck(ius), in apoc. commentarius (Trajecti ad Rhenum 1699) zu nennen. Sein Werk ist eine große Polemik gegen das System des Coccejus. Seine Auslegung bedeutet im großen und ganzen eine Rückkehr zur altlutherischen Auslegungsweise, die gegenüber der eben geschilderten einen besonnenen und nüchternen Eindruck macht. Trotz der Bekämpfung des Coccejus ist auch er ein Anhänger einer besonnenen Rekapitulationstheorie. Der Kommentar ist klar geschrieben und reich an Material zur Geschichte der Exegese. Daß M. die tausend Jahre wieder in alter dogmatischer Weise auslegt, kann nicht wundernehmen[6].


  1. Man vergleiche zu diesem Abschnitt: Joannis Marckii in apocalypsin Joh. commentarius Praefatio: de septem Novi Testamenti Periodis (gegen Coccejus).
  2. Methodus facillima ad explicationem sacrosanctae apocalyseos 1581. Vielleicht wäre vor ihm schon Alphonsus Conradi, in apoc. J. ap. commentarius, zu erwähnen (Basel 1560: Walch 769; Lücke 1017). Auch Joannes Saskerides der in belgischer Sprache einen Traktat „über die sieben Zeiten der heiligen Kirche“ 1555 schrieb, trägt nach Marck (Einleitung, Abschn. IX) eine ausgebildete Rekapitulationstheorie vor. — Ferner sind hier Jacobus Brocardus (interpretatio et paraphrasis lible apoc. Lugdun. Bat. 1580) zu nennen. Wenn er (nach Marck Einl. XI) von einem secundus status filii redet und diesen in septem aetates einteilt, wenn er von einer sexta aetas novorum prophetarum redet [in die septima aetas fällt natürlich die Reformation], so meint man noch direkt Joachim zu hören. Auch Carolus Gallus (clavis prophetica nova apoc. Antverp. 1592) scheint hierher zu gehören (Marck X).
  3. Opera exegetica theologica Genev. 1642-50, II 1071 ff.
  4. Dem Pareus folgte Henricus a Diest, analysis apocalypseos exegetica ex commentario Dav. Parei comprimis contexta. Arnhemiae 1663 (Walch). Eine ziemlich streng durchgeführte Rekapitulationstheorie entwickelt Matthäus Hofmann, Chronotaxis apocalyptica Jena 1658. Von H. ist wieder abhängig Caspar Heunisch’ synopsis chronotaxeos apoc. Joh. Jena 1678; ein Hauptschlüssel der Offenbarung Johannis, Schleusingen 1684. [Gewöhnliche Jahre sind nach Heunisch verschieden von prophetischen Jahren (vgl. Bengel); Perioden der Kirchengesch. von 343 Jahren (Napeir); Berechnung des Weltendes auf 2010.] An Heunisch scheint sich Schindler, Delineation des ganzen Buches der Offenb. Joh. Brunswigae 1670, anzuschließen.
  5. Unter den unmittelbaren Vorgängern des Coccejus nennt Marck (Abschn. XV) den Bonner Theologen Ludovicus Crocius in seinem Syntagma Theologiae 1635.
  6. WS: Fußnotenanker fehlt im Text. An Coccejus schließen sich an: Biermann, clavis apocalyptico-prophetica hoc est septem ecclesiarum ac totidem sigillorum, tubiciniorum et phialarum explicatio, earundem cum prophetis veteris Test. collatio atque ad suas historias applicatio 1702 (Walch 775). Henricus Groenewegger, kette prophetischer gottesgelehrtheit beweisende, daß die auslegung der offenbahrung Joh. ein wahrer schlüssel der weissagung, aus einer vollkommenen übereinstimmung der offenbahrung mit dem hohenlied Salomonis und einiger sonderbarester prophezeyungen. Francof. 1711 (Walch 777). Ruart Andala, exegesis illustrium locorum sacrae scripturae. Accedit clavis apocalyptica. Franecker 1720; verklaaring van de openbaringe van Joannes. Leovardiae 1726 (Walch 777); nach Walchs (781) Beschreibung auch wohl noch: B. Seb. Cremer, fata ecclesiae Romanae — sive commentaria in Apocalypsin. Zutpaniae 1757; endlich wie es scheint auch Melchior Kromeyer, Kirchenchronikon 1708; G. F. Schweizer, prophetischer Offenbarungsschlüssel 1709 (Walch 766f.). Gegen Coccejus schrieb: O. H. Brinck, ontschakelinge van het genaemde Keten der prophetische Godgeleerdheit ofte schriftmatige Verdediginge der Uitlegginge over de Openbaringe van Bullengerus, Pareus, Junius, Gomarus, Rivetus tegen de Nieuwigheden en On gerijmtheden van J. Coccejus en H. Groenewegger.
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