Die Perle der Sächsischen Schweiz

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Autor: –h.
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Titel: Die Perle der Sächsischen Schweiz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 591–599
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Perle der Sächsischen Schweiz.

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Schandau an der Elbe.

Ein wunderbar lieblicher Flecken Erde ist es, den der deutsche Schriftstellerverband für den diesjährigen Schriftstellertag ausersehen hat, das Städtchen und der Badeort Schandau. Mit vollem Rechte wird die kleine Stadt als die Perle der Sächsischen Schweiz bezeichnet, denn wie eine Perle liegt sie da an dem Ausgange des lieblichen Kirnitzschthales, in ihrem Rücken prächtig bewaldete Berge, zu ihren Füßen den Elbstrom, der so majestätisch ruhig vorüber fließt und doch so viel Leben auf sich trägt. Rings von Bergen umgeben, ist ihre Lage eine ungemein geschützte, und durch den Fluß gemildert und geregelt, gleicht ihr Klima dem südlicher Gegenden. – Schandau hat als Bade-Ort durch seine Eisenquellen, durch die Eisen-, Sool-, Kiefern-, Moor-, Dampf- und Kaltwasserbäder und durch die vorzügliche Leitung all seiner Bade-Einrichtungen sich einen geachteten Namen erworben. Tausende suchen und finden dort alljährlich Heilung oder Linderung ihrer Leiden, aber unendlich wichtiger ist Schandau als klimatischer Sommercurort, als Zufluchtsstätte für abgearbeitete Geister und abgequälte Nerven, die zu ihrer Heilung nichts weiter bedürfen, als eine milde, reine Luft, eine erquickende Umgebung und ein aufheiterndes und doch nicht aufregendes [592] Leben. Das finden sie dort so, wie sie es nur wünschen können. Die kleine Stadt und die prächtige Umgebung erscheint wie geschaffen für das „dolce far niente“. Wer hierher auch kommen mag, mit Sorgen beladen und geistig ermüdet, die Luft weht die Last von der Brust, das Auge blickt frischer und die Nerven gewinnen neue Spannkraft zu dem Kampfe mit dem Leben und dessen Anforderungen. Es wirkt wunderbar beruhigend, wenn man auf erhöhtem Ufer vor einem der großen Hotels oder auf der Terrasse der prächtigen Villa Quisisana sitzt und hinblickt auf den breiten Strom, auf die am gegenüber liegenden Ufer sich hinziehende Eisenbahn und die noch etwas höher gelegene Fahrstraße. Das sind die Stränge der großen Verkehrsader, welche das Leben zwischen zwei Kaiserreichen, zwischen Deutschland und Oesterreich, vermitteln. Man sieht, wie die Schaufelräder der stromauf- und abwärts gehenden Dampfschiffe sich durch die Fluthen durcharbeiten, Eisenbahnzüge rollen in kurzen Zwischenräumen vorüber, große Frachtkähne werden langsam durch den Wind und die Strömung dahingetragen. Die Arbeit unzählbarer Menschenhände, die Schätze der Erde und Felder tragen sie aus dem einen Lande in das andere, wir glauben den Pulsschlag dieses großartigen Verkehrs zu fühlen und zu hören, und doch sind wir außerhalb seiner Strömung, wir sind nur die in behaglicher Ruhe dasitzenden Zuschauer, für kurze Zeit gleichsam losgelöst und befreit von dem Kampfe um’s Dasein.

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Aussicht von „Villa Quisisana“ in Schandau.
Originalzeichnung von R. Püttner.

Wenige Orte erfreuen sich neben so prächtiger Lage so außerordentlich günstiger Verkehrsverhältnisse. Nach Norden und Schlesien hat Schandau Verbindung durch die Sebnitzer Bahn, nach Osten durch die böhmischen Anschlußbahnen und nach Westen durch die sächsischen Staatsbahnen. In wenigen Stunden Fahrzeit ist es von Prag zu erreichen, in fünfzig Minuten von Dresden, in vier Stunden von Leipzig und in fünf Stunden von Berlin. Inmitten der Sächsischen Schweiz gelegen, ist es zu Ausflügen vorzüglich geeignet, denn die schönsten Punkte des Gebirges lassen sich in wenigen Stunden oder in einer Tagespartie besuchen.

Ueberall hin führen bequeme gutgepflegte Promenadenwege zu wunderbaren, herrlichen Aussichtspunkten. Die Schloßbastei am Kieferichtsberg, das Zaukenhorn, die Schillershöhe, der Friedensplatz sind Punkte von entzückender Schönheit, die kaum von dem berühmten Plätzchen der Ostrauer Scheibe übertroffen werden.

Doch auch an erschütternden Erinnerungen, die sich an unglücksvolle Vorgänge in diesem lieblichen Thale knüpfen, fehlt es nicht. Feuersbrünste und Ueberschwemmungen haben zahlreiche Spuren hinterlassen, und manches Unglück ist in den Annalen der Steinbrüche mit blutigen Lettern verzeichnet, mancher Bericht aber auch von wunderbaren Rettungen aus der Gefahr. Unsere Leser werden sich noch des entsetzlichen Bergsturzes vom Jahre 1862 (vergl. „Gartenlaube“ 1862, S. 152 folg.) erinnern, der 24 Arbeiter unter seinen einstürzenden Trümmern begrub. 56 Stunden lagen die Verschütteten lebendig begraben, ehe die angestrengtesten Rettungsarbeiten sie alle wohlbehalten wieder dem goldigen Lichte des Tages zurückgaben, ohne daß auch nur einem Einzigen durch diese Felsenlast von über 200,000 Centnern ein Haar gekrümmt worden wäre.

Nicht weit von der Stadt ist dieser denkwürdige Punkt gelegen. Wandelt man gemächlich am rechten, waldigen Ufer der Elbe stromaufwärts, so erreicht man bald eine links in die Felswände hineinschneidende enge Schlucht, die wegen irgend eines bevorzugten besonders guten Stoffes, der in einem der naheliegenden Dörfer vielleicht vor grauen Jahren gebraut wurde, im Volksmunde den drolligen Namen „Zum guten Bier“ führt. Hier erheben sich hohe Wände von trefflichem Gestein, das in mächtigen Brüchen verarbeitet wird, und hier war es, wo 1862 eine mächtige Wand niederging und wo jene wunderbare Rettung stattfand, von der Kinder und Kindeskinder in alle Zukunft noch erzählen dürften.

Es ist unmöglich, an dieser Stelle die lohnenden Ausflüge in die Umgebung auch nur herzuzählen; jeder derselben lockt und fesselt den Besucher, an diesem köstlichen Erdenwinkel zu verweilen.

Dazu kommt, daß die Einwohner Schandaus Alles aufbieten, um den Gästen den Aufenthalt möglichst angenehm und bequem zu gestalten. In dieser Beziehung gebührt dem unermüdlich thätigen und unternehmenden Rudolf Sendig, dem Besitzer der sechs größten Hôtels: „Forsthaus“, „Deutsches Haus“, „Villa Königin Carola“, „Villa Quisisana“, „Curhaus“ und „Bad“, das größte Lob. Er allein bietet Raum für 500 Personen. Die beiden reizenden Hôtels „Villa Quisisana“ und „Königin Carola“ mit dem sie umgebenden prächtigen und in seiner ganzen Anlage großartigen Parke sind wohl unstreitig die schönstgelegenen in ganz Deutschland. Hier ist Alles der wunderbaren und großartigen Umgebung angepaßt. Beruhigt gleitet das Auge über große grüne Rasenplätze mit den prächtigsten Rosen zu dem still vorüberziehenden blauen Strome, und wenn es sich erhebt, schaut es auf grüne Berge. Rechts blicken der Königstein und Lilienstein grüßend herüber, links winken die Höhen des großen Winterberges. Hier treffen sich die Gäste aus allen Ländern. Wie an den Hauptpunkten der Schweiz klingen in die Unterhaltung deutsche, englische, französische, russische Laute. Der Ruf Schandaus und der prächtigen „Quisisana“ ist längst über das Meer gedrungen, denn auch Amerika sendet seine Gäste und Bewunderer.

Und an diesem herrlichen Orte wird der deutsche Schriftstellertag vom 6. bis 9. September tagen. In dem Saale des „Curhauses“ wird er berathen und Abends in dem herrlichen Königsparke der „Villa QUisisana“ sich des heiteren Zusammenseins erfreuen. Die Stadt Schandau, von der die Einladung zum Schriftstellertage ausging, wird die Männer der Feder auf das freundlichste empfangen, denn schon seit Wochen hat sie sich dazu gerüstet und seit Monaten darauf gefreut.

Möge denn der Schriftstellertag an dem schönen Orte ein geistig sonniger sein, und mögen diese Tage wiederum Bausteine liefern, um den großen nationalen Verband der deutschen Schriftsteller zu festigen; mögen die ernsten Berathungen, welche diesen Festtagen vorausgehen, auf’s Neue bestätigen, daß diejenigen, welche berufen sind, dem geistigen

Leben des deutschen Volkes Ausdruck und Leitung zu geben, voll und ernst ihrer Aufgabe sich bewußt sind, die edelsten Güter der Nation zu hegen und zu pflegen!
–h.