Die Räuber/5. Akt

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[183]
Fünfter Akt.
________
Erste Scene.
Aussicht von vielen Zimmern.
Finstre Nacht.
Daniel kommt mit einer Laterne und einem Reisebündel.


Lebewol, theures Mutterhauß – Hab so manch guts und liebs in dir genoßen, da der Herr seeliger noch lebete – Tränen auf deine Gebeine du lange verfaulter! das verlangt er von einem alten Knecht – es war das Obdach der Waysen, und der Port der Verlaßenen, und dieser Sohn hats gemacht zur Mördergrube – Lebe wol du guter Boden! wie oft hat der alte Daniel dich abgefegt – Lebe wol du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt schweren Abschied von dir – es war dir alles so vertraut worden – wird dir weh thun, alter Elieser – Aber Gott bewahre mich in Gnaden vor dem Trug und List des Argen – Leer kam ich hieher – leer zieh ich wieder hin – aber meine Seele ist gerettet wie er gehen will kömmt

Franz im Schlafrock hereingestürzt.

Daniel. Gott steh mir bey! Mein Herr! Löscht die Laterne aus.

[184] Franz. Verrathen! Verrathen! Geister ausgespien aus Gräbern – Losgerüttelt das Todenreich aus dem ewigen Schlaf brüllt wider mich Mörder! Mörder! – wer regt sich da?

Daniel ängstlich. Hilf heilige Mutter Gottes! seyd ihrs gestrenger Herre, der so gräßlich durch die Gewölbe schreit, daß alle Schläfer auffahren?

Franz. Schläfer? Wer heißt euch schlafen? Fort zünde Licht an Daniel ab, es kommt ein andrer Bedienter. Es soll niemand schlafen in dieser Stunde. Hörst du? Alles soll auf seyn – in Waffen – alle Gewehre geladen – Sahst du sie dort den Bogengang hinschweben?

Bedienter. Wen gnädiger Herr?

Franz. Wen, Dummkopf, wen? So kalt, so leer fragst du, wen? hat michs doch angepackt wie der Schwindel! wen, Eselskopf! wen? Geister und Teufel! wie weit ists in der Nacht?

Bedienter. Eben izt ruft der Nachtwächter zwey an.

Franz. Was? will diese Nacht währen bis an den jüngsten Tag? hörtest du keinen Tumult in der Nähe? Kein Siegsgeschrey? Kein Geräusch galoppirender Pferde? wo ist Kar – der Graf, will ich sagen?

Bedienter. Ich weis nicht, mein Gebieter.

Franz. Du weists nicht? Du bist auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen [185] stampfen! mit deinem verfluchten: ich weis nicht! Fort, hole den Pastor!

Bedienter. Gnädiger Herr!

Franz. Murrst du? zögerst du? Erster Bedienter eilend ab. Was? auch Bettler wider mich verschworen? Himmel, Hölle! alles wider mich verschworen?

Daniel kommt mit dem Licht. Mein Gebieter –

Franz. Nein! ich zittere nicht! Es war ledig ein Traum. Die Toden stehen noch nicht auf – wer sagt, daß ich zittere und bleich bin? Es ist mir ja so leicht, so wol.

Daniel. Ihr seyd todenbleich, eure Stimme ist bang und lallet.

Franz. Ich habe das Fieber. Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich will morgen zur Ader lassen, sage dem Pastor.

Daniel. Befehlt ihr, daß ich euch Lebensbalsam auf Zucker tröpfle?

Franz. Tröpfle mir auf Zucker! der Pastor wird nicht sogleich da seyn. Meine Stimme ist bang und lallet, gib Lebensbalsam auf Zucker!

Daniel. Gebt mir erst die Schlüssel, ich will drunten holen im Schrank –

Franz. Nein, nein, nein! Bleib! oder ich will mit dir gehn. Du siehst, ich kann nicht allein seyn! wie leicht könnt ich, du siehst ja – unmächtig – [186] wenn ich allein bin. Laß nur, laß nur! Es wird vorübergehen, du bleibst.

Daniel. Oh ihr seyd ernstlich krank.

Franz. Ja freylich, freylich! das ists alles. – Und Krankheit verstöret das Gehirn, und brütet tolle und wunderliche Träume aus – Träume bedeuten nichts – nicht wahr Daniel? Träume kommen ja aus dem Bauch, und Träume bedeuten nichts – ich hatte so eben einen lustigen Traum er sinkt unmächtig nieder.

Daniel. Jesus Christus! was ist das? Georg! Conrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine Urkund von euch! Rüttelt ihn. Maria, Magdalena und Joseph! so nimmt doch nur Vernunft an! So wirds heissen, ich hab ihn tod gemacht! Gott erbarme sich meiner!

Franz verwirrt. Weg – weg! was rüttelst du mich so, scheußliches Todengeripp? – die Toden stehen noch nicht auf –

Daniel. O du ewige Güte! Er hat den Verstand verloren.

Franz richtet sich matt auf. Wo bin ich? – du Daniel? was hab ich gesagt? merke nicht drauf! ich hab eine Lüge gesagt, es sey was es wolle – komm! hilf mir auf! – es ist nur ein Anstos von Schwindel – weil ich – weil ich – nicht ausgeschlafen habe.

[187] Daniel. Wär nur der Johann da! ich will Hülfe rufen, ich will nach Aerzten rufen.

Franz. Bleib! sez dich neben mich auf diesen Sopha – so – du bist ein gescheuter Mann, ein guter Mann. Laß dir erzählen!

Daniel. Izt nicht, ein andermal! ich will euch zu Bette bringen, Ruhe ist euch besser.

Franz. Nein, ich bitte dich, laß dir erzählen, und lache mich derb aus! – Siehe mir dauchte, ich hätte ein königlich Mahl gehalten, und mein Herz wär guter Dinge, und ich läge berauscht im Rasen des Schloßgartens, und plözlich – es war zur Stunde des Mittags – plözlich, aber ich sage dir, lache mich derb aus! –

Daniel. Plözlich?

Franz. Plözlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr, ich taumelte bebend auf, und siehe da war mirs, als säh ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder, wie Wachs im Ofen zerschmolzen, und eine heulende Windsbraut fegte von hinnen Meer Himmel und Erde – da erscholls wie aus ehernen Posaunen: Erde gib deine Toden, gib deine Toden, Meer! und das nakte Gefild begonn zu kreisen, und aufzuwerfen Schedel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber, und daher strömten unübersehlich, ein lebendiger Sturm: [188] Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fus des donnernden Sina, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Bergs auf drey rauchenden Stühlen drey Männer, vor deren Blick flohe die Kreatur –

Daniel. Das ist ja das leibhafte Konterfey vom jüngsten Tage.

Franz. Nicht wahr? das ist tolles Gezeuge? Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar! Es ist nur Eine Wahrheit, es ist nur Eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweiffelnden Wurme! – da trat hervor ein Zweyter, der hatte in seiner Hand einen blizenden Spiegel, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: Dieser Spiegel ist Wahrheit; Heucheley und Larven bestehen nicht – da erschrack ich und alles Volk, denn wir sahen Schlangen und Tyger und Leoparden Gesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen Spiegel. – Da trat hervor ein Dritter, der hatte in seiner Hand eine eherne Wage, die hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: tretet herzu, ihr Kinder von Adam – ich wäge die Gedanken in der Schaale meines Zornes! und die Werke mit dem Gewicht meines Grimms! –

[189] Daniel. Gott erbarme sich meiner.

Franz. Schneebleich stunden alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeglicher Brust. Da war mirs, als hört ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begonn die Waage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hangenden Schaale, und eine nach der andern warf eine Todsünde hinein –

Daniel. Oh Gott vergeb euch!

Franz. Das that er nicht! – die Schaale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere voll vom Blut der Versöhnung hielt sie noch immer hoch in den Lüften – zulezt kam ein alter Mann, schwer gebeuget vom Gram, angebissen den Arm von wütendem Hunger, aller Augen wanden sich scheu vor dem Mann, ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schaale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schaale der Versöhnung flatterte hoch auf! – Da hört ich eine Stimme schallen aus dem Rauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! du allein bist verworfen! – Tiefe Pause. – Nun, warum lachst du nicht?

[190] Daniel. Kann ich lachen, wenn mir die Haut schaudert? Träume kommen von Gott.

Franz. Pfui doch, pfui doch! sage das nicht! Heis mich einen Narren, einen aberwitzigen, abgeschmackten Narren! Thu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte mich tüchtig aus!

Daniel. Träume kommen von Gott. Ich will für euch beten.

Franz. Du lügst, sag ich – geh den Augenblik, lauf, spring, sieh, wo der Pastor bleibt, heiß ihn eilen, eilen, aber ich sage dir, du lügst.

Daniel im Abgehn. Gott sey euch gnädig!

Franz.

Pöbel-Weisheit, Pöbelfurcht! – Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen – hum, hum! wer raunte mir das ein? Rächet denn droben über den Sternen einer? – Nein, nein! Ja, ja! Fürchterlich zischelts um mich: Richtet droben einer über den Sternen! Entgegen gehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch! Nein! sag ich – Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit verstecken will – öd, einsam, taub ists droben über den Sternen – wenns aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht! wenns aber doch wäre? Weh dir, wenns nachgezählt worden wäre! [191] wenns dir vorgezählt würde diese Nacht noch! – warum schaudert mir so durch die Knochen? – Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben dem Rächer droben über den Sternen – und wenn er gerecht ist, Waisen und Wittwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht ist? – warum haben sie gelitten, warum hast du über sie triumphiret? –

Pastor Moser tritt auf.

Moser. Ihr ließt mich holen, gnädiger Herr. Ich erstaune. Das erstemal in meinem Leben! Habt ihr im Sinn über die Religion zu spotten, oder fangt ihr an vor ihr zu zittern?

Franz. Spotten oder zittern, je nachdem du mir antwortest. – Höre Moser, ich will dir zeigen, daß du ein Narr bist, oder die Welt fürn Narren halten willst, und du sollst mir antworten. Hörst du? Auf dein Leben sollst du mir antworten.

Moser. Ihr fordert einen höheren vor euren Richterstul. Der höhere wird euch dermaleins antworten.

Franz. Izt will ichs wissen, itzt, diesen Augenblick, damit ich nicht die schändliche Thorheit begehe, und im Drange der Noth den Götzen des Pöbels anrufe, ich habs dir oft mit Hohnlachen beym Burgunder zugesoffen: Es ist kein Gott! – Izt red ich im Ernste mit dir, ich sage dir: es ist [192] keiner! du sollst mich mit allen Waffen widerlegen, die du in deiner Gewalt hast, aber ich blase sie weg mit dem Hauch meines Mundes.

Moser. Wenn du auch eben so leicht den Donner wegblasen könntest, der mit zehntausendfachem Centner-Gewicht auf deine stolze Seele fallen wird! dieser allwissende Gott, den du Thor und Bösewicht mitten aus seiner Schöpfung zernichtest braucht sich nicht durch den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er ist eben so gros in deinen Tyranneyen, als irgend in einem Lächeln der siegenden Tugend.

Franz. Ungemein gut Pfaffe! So gefällst du mir.

Moser. Ich stehe hier in den Angelegenheiten eines grössern Herrn, und rede mit einem, der Wurm ist wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freylich müßt ich Wunder thun können, wenn ich deiner halsstarrigen Bosheit das Geständniß abzwingen könnte, – aber wenn deine Ueberzeugung so fest ist? warum liessest du mich rufen, sage mir doch, warum liessest du mich in der Mitternacht rufen?

Franz. Weil ich lange Weile hab, und eben am Schachbrett keinen Geschmack finde. Ich will mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeissen. Mit dem leeren Schrecken wirst du meinen Muth nicht entmannen. Ich weis wol, daß derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz [193] gekommen ist: aber er wird garstig betrogen. Ich habs immer gelesen, daß unser Wesen nichts ist als Sprung des Geblüts, und mit dem lezten Blutstropfen zerrinnt auch Geist und Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er nicht auch aufhören bey seiner Zerstörung? nicht bey seiner Fäulung verdampfen? Laß einen Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine plötzliche Pause, die zunächst an das Nichtseyn gränzt, und ihre Fortdauer ist der Tod. Empfindung ist Schwingung einiger Saiten, und das zerschlagene Klavier tönet nicht mehr. Wenn ich meine sieben Schlösser schleifen lasse, wenn ich diese Venus zerschlage, so ists Symmetrie und Schönheit gewesen. Siehe da! das ist eure unsterbliche Seele!

Moser. Das ist die Philosophie eurer Verzweiflung. Aber euer eigenes Herz, das bey diesen Beweisen ängstlich bebend wider eure Rippen schlägt, straft euch Lügen. Diese Spinnweben von Systemen zerreißt das einzige Wort: du must sterben! – ich fordere euch auf, das soll die Probe seyn, wenn ihr im Tode annoch feste steht, wenn euch eure Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so sollt ihr gewonnen haben; wenn euch im Tode nur der mindeste Schauer anwandelt, weh euch dann! ihr habt euch betrogen.

[194] Franz verwirrt. Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?

Moser. Ich habe wol mehr solche Elende gesehen, die bis hieher der Wahrheit Riesentroz boten, aber im Tode selbst flattert die Täuschung dahin. Ich will an eurem Bette stehn, wenn ihr sterbet – ich möchte so gar gern einen Tyrannen sehen dahinfahren – ich will dabeystehn, und euch starr ins Auge fassen, wenn der Arzt eure kalte nasse Hand ergreift, und den verloren schleichenden Puls kaum mehr finden kann, und aufschaut, und mit jenem schröcklichen Achselzucken zu euch spricht: menschliche Hülfe ist umsonst! Hütet euch dann, o hütet euch ja, daß ihr da ausseht wie Richard und Nero!

Franz. Nein, nein!

Moser. Auch dieses Nein wird dann zu einem heulenden Ja – ein innerer Tribunal, den ihr nimmermehr durch skeptische Grübeleyen bestechen könnt, wird izo erwachen, und Gericht über euch halten. Aber es wird ein Erwachen seyn, wie des lebendig begrabenen im Bauche des Kirchhofs, es wird ein Unwille seyn wie des Selbstmörders, wenn er den tödtlichen Streich schon gethan hat und bereut, es wird ein Bliz seyn, der die Mitter-Nacht eures Lebens zumal überflammt, es wird Ein Blick seyn, und wenn ihr da noch feste steht, so sollt ihr gewonnen haben!

[195] Franz unruhig im Zimmer auf und abgehend. Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!

Moser. Izt zum erstenmal werden die Schwerder einer Ewigkeit durch eure Seele schneiden, und izt zum erstenmal zu spät. – Der Gedanke Gott wekt einen fürchterlichen Nachbar auf, sein Name heißt Richter. Sehet Moor, ihr habt das Leben von tausenden an der Spize eures Fingers, und von diesen tausenden habt ihr neunhundert neun und neunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das römische Reich, und nur Peru zu einem Pizarro. Nun glaubt ihr wol, Gott werde es zugeben, daß ein einziger Mensch in seiner Welt wie ein Wütrich hause, und das oberste zu unterst kehre? Glaubt ihr wol, diese neunhundert und neun und neunzig seyen nur zum Verderben, nur zu Puppen eures satanischen Spieles da? Oh glaubt das nicht! Er wird jede Minute, die ihr ihnen getödtet, jede Freude, die ihr ihnen vergiftet, jede Vollkommenheit, die ihr ihnen versperret habt, von euch fodern dereinst, und wenn ihr darauf antwortet, Moor, so sollt ihr gewonnen haben.

Franz. Nichts mehr, kein Wort mehr! willst du, daß ich deinen schwarzlebrigen Grillen zu Gebot steh?

Moser. Sehet zu, das Schicksaal der Menschen stehet unter sich in fürchterlich schönem Gleichgewicht. Die Waagschaale dieses Lebens sinkend [196] wird hoch steigen in jenem, steigend in diesem wird in jenem zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Leiden war, wird dort ewiger Triumf, was hier endlicher Triumf war, wird dort ewige unendliche Verzweiflung.

Franz wild auf ihn losgehend. Daß dich der Donner stumm mache, Lügengeist du! Ich will dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reissen!

Moser. Fühlt ihr die Last der Wahrheit so früh? Ich habe ja noch nichts von Beweisen gesagt. Laßt mich nur erst zu den Beweisen –

Franz. Schweig, geh in die Hölle mit deinen Beweisen! zernichtet wird die Seele, sag ich dir, und sollst mir nicht darauf antworten!

Moser. Darum winseln auch die Geister des Abgrunds, aber der im Himmel schüttelt das Haupt. Meynt ihr, dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? und führet ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet ihr euch in der Hölle, so ist er wieder da! und sprächet ihr zu der Nacht: verhülle mich! und zu der Finsterniß: birg mich! so mus die Finsternis leuchten um euch, und um den Verdammten die Mitternacht ragen – aber euer unsterblicher Geist sträubt sich unter dem Wort, und siegt über den blinden Gedanken.

Franz. Ich will aber nicht unsterblich seyn – sey es, wer da will, ich wills nicht hindern. Ich [197] will ihn zwingen, daß er mich zernichte, ich will ihn zur Wuth reizen, daß er mich in der Wuth zernichte. Sag mir, was ist die gröste Sünde, und die ihn am grimmigsten aufbringt?

Moser. Ich kenne nur zwo. Aber sie werden nicht von Menschen begangen, auch ahnden sie Menschen nicht.

Franz. Diese zwo! –

Moser sehr bedeutend. Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere – Was macht euch auf einmal so bleich?

Franz. Was Alter? Stehst du mit dem Himmel oder mit der Hölle im Bündnis? Wer hat dir das gesagt?

Moser. Wehe dem, der sie beyde auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser, daß er nie geboren wäre! Aber seyd ruhig, ihr habt weder Vater noch Bruder mehr!

Franz. Ha! – was, du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals – Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammnis schwebt auf dem Laut deines Mundes – keine einzige drüber?

Moser. Keine einzige drüber.

Franz fällt in einen Stul. Zernichtung! Zernichtung!

Moser. Freut euch, freut euch doch! preißt euch doch glücklich! – Bey allen euern Greueln seyd ihr noch ein Heiliger gegen den Vatermörder. [198] Der Fluch, der euch trift, ist gegen den, der auf diesen lauert, ein Gesang der Liebe – die Vergeltung –

Franz aufgesprungen. Geh in tausend Grüfte, du Eule! wer hies dich hieher kommen? geh, sag ich, oder ich stos dich durch und durch!

Moser. Kann das Pfaffengewäsche so einen Philosophen in Harnisch jagen? Blaßt es doch weg mit dem Hauch eures Mundes! geht ab.

Franz wirft sich in seinem Sessel herum in schröcklichen Bewegungen, tiefe Pause.

Ein Bedienter eilig.

Bedienter. Amalia ist entsprungen, der Graf ist plözlich verschwunden.

Daniel kommt ängstlich.

Daniel. Gnädiger Herr, jagt ein Trupp feuriger Reuter die Staig herab, schreyen Mordjo, Mordjo – das ganze Dorf in Allarm.

Franz. Geh laß alle Glocken zusammenläuten alles soll in die Kirche – auf die Knie fallen alles – beten für mich – alle Gefangnen sollen los seyn und ledig, ich will den Armen alles doppelt und dreyfach wiedergeben, ich will – so geh doch [199] – so ruf doch den Beichtvater, daß er mir meine Sünden hinwegseegne – bist du noch nicht fort? Das Getümmel wird hörbarer.

Daniel. Gott verzeih mir meine schwere Sünde! Wie soll ich das wieder reimen? Ihr habt ja immer das liebe Gebet über alle Häusser hinausgeworffen, habt mir so manche Postill und Bibelbuch an den Kopf gejagt, wenn ihr mich ob dem Beten ertapptet –

Franz. Nichts mehr davon – Sterben! siehst du! Sterben! – Es wird zu spät man hört Schweizern toben. Bete doch! Bete!

Daniel. Ich sagt’s euch immer – ihr verachtet das liebe Gebet so – aber gebt acht, gebt acht! wenn die Noth an Mann geht, wenn euch das Wasser an die Seele geht, ihr werdet alle Schäze der Welt um ein christliches Seufzerlein geben – Seht ihrs? Ihr verschimpftet mich! Da habt ihrs nun! Seht ihrs?

Franz umarmt ihn ungestüm. Verzeih lieber, goldner Perlendaniel verzeih – ich will dich kleiden von Fuß auf – so bet doch – ich will dich zum Hochzeiter machen – ich will – so bet doch – ich beschwöre dich – auf den Knien beschwör ich dich – Ins T–ls Namen! so bet doch! Tumult auf den Strassen, Geschrey – Gepolter –

[200] Schweizer auf der Gasse. Stürmt! Schlagt tod! Brecht ein! Ich sehe Licht! dort muß er seyn.

Franz auf den Knien. Höre mich beten Gott im Himmel! – Es ist das erstemal – soll auch gewiß nimmer geschehen – Erhöre mich Gott im Himmel.

Daniel. Mein doch! Was treibt ihr? Das ist ja gottloß gebetet.

Volksauflauf.

Volk. Diebe! Mörder! wer lärmt sogräßlich in dieser Mitternachtsstunde!

Schweizer immer auf der Gasse. Schlag sie zurük Kamerad – der Teufel ists und will euren Herrn holen – wo ist der Schwarz mit seinem Hauffen? – Postir dich ums Schloß Grimm – Lauf Sturm wider die Ringmauer!

Grimm. Holt ihr Feuerbrände – wir hinauf oder er herunter – Ich will Feuer in seine Sääle schmeißen.

Franz betet. Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen mein Herrgott – hab mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben mein Herrgott –

[201] Daniel. Gott sey uns gnädig. Auch seine Gebete werden zu Sünden. Es fliegen Steine und Feuerbrände. Die Scheiben fallen. Das Schloß brennt.

Franz. Ich kann nicht beten – hier hier! Auf Brust und Stirn schlagend, Alles so öd – so verdorret steht auf. Nein ich will auch nicht beten – diesen Sieg soll der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht anthun die Hölle –

Daniel. Jesus Maria! helft – rettet – das ganze Schloß steht in Flammen!

Franz. Hier nimm diesen Degen. Hurtig. Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, daß nicht diese Buben kommen und treiben ihren Spott aus mir. Das Feuer nimmt überhand.

Daniel. Bewahre! Bewahre! Ich mag niemand zu früh in den Himmel fördern, viel weniger zu früh er entrinnt.

Franz ihm graß nachstierend, nach einer Pause.

In die Hölle wolltest du sagen – Wirklich! ich wittere so etwas – wahnsinnig. Sind das ihre hellen Triller? hör ich euch zischen ihr Nattern des Abgrunds? – Sie dringen herauf – Belagern die Thüre – warum zag ich so vor dieser bohrenden Spize? – die Thüre kracht – stürzt – unentrinnbar [202] – Ha! so erbarm du dich meiner! er reißt seine goldene Hutschnur ab, und erdrosselt sich.

Schweizer mit seinen Leuten.

Schweizer. Mordkanaille wo bist du? – Saht ihr wie sie flohen? – hat er so wenig Freunde? – Wohin hat sich die Bestie verkrochen?

Grimm stößt an die Leiche. Halt! was liegt hier im Weeg? Zündet hieher –

Schwarz. Er hat das Prevenire gespielt. Stekt eure Schwerder ein, hier liegt er wie eine Kaze verreckt.

Schweizer. Todt! was? todt? ohne mich todt – Erlogen sag ich – Gebt acht wie hurtig er auf die Beine springt? – rüttelt ihn. Heh du! es gibt einen Vater zu ermorden.

Grimm. Gib dir keine Müh. Er ist maustodt.

Schweizer tritt von ihm weg. Ja! Er freut sich nicht – Er ist maustodt – Gehet zurück und saget meinem Hauptmann: Er ist maustodt – mich sieht er nicht wieder. Schießt sich vor die Stirn.

[203]
Zweyte Scene.
Der Schauplatz, wie in der lezten Scene des vorigen Akts.
Der alte Moor auf einem Stein sitzend., Räuber Moor gegenuber. Räuber hin und her im Wald.


R. Moor. Er kommt noch nicht? schlägt mit dem Dolch auf einen Stein daß es Funken giebt.

D. a. Moor. Verzeihung sey seine Strafe – meine Rache verdoppelte Liebe.

R. Moor. Nein, bey meiner grimmigen Seele. Das soll nicht seyn. Ich wills nicht haben. Die große Schandthat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüber schleppen! – Wofür hab ich ihn dann umgebracht?

D. a. Moor in Tränen ausbrechend. O mein Kind.

R. Moor. Was? – du weinst um ihn – an diesem Thurme?

D. a. Moor. Erbarmung! o Erbarmung! Heftig die Hände ringend. Izt – izt wird mein Kind gerichtet!

R. Moor erschrocken. Welches?

D. a. Moor. Ha! was ist das für eine Frage?

[204] R. Moor. Nichts. Nichts.

D. a. Moor. Bist du kommen Hohngelächter anzustimmen über meinem Jammer?

R. Moor. Verräthrisches Gewissen! – Merket nicht auf meine Rede.

D. a. Moor. Ja ich hab einen Sohn gequält, und ein Sohn mußte mich wieder quälen, das ist Gottes Finger – o mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst im Gewand des Friedens. Vergib mir. Oh vergib mir!

R. Moor schnell. Er vergibt euch. Betroffen. Wenn ers werth ist euer Sohn zu heissen – Er muß euch vergeben.

D. a. Moor. Ha! Er war zu herrlich für mich – Aber ich will ihm entgegen mit meinen Tränen, meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Knie will ich umfassen – rufen – laut rufen: Ich habe gesündigt im Himmel, und vor dir. Ich bin nicht werth, daß du mich Vater nennst.

R. Moor sehr gerührt. Er war euch lieb euer andrer Sohn?

D. a. Moor. Du weist es o Himmel. Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen Sohnes bethören? Ein gepriesener Vater gieng [205] ich einher unter den Vätern der Menschen. Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber – o der unglückseligen Stunde! – der böse Geist fuhr in das Herz meines zweyten, ich traute der Schlange – verloren meine Kinder beyde. Verhüllt sich das Gesicht.

R. Moor geht weit von ihm weg. Ewig verloren.

D. a. Moor. Oh ich fühl es tief was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem Munde. Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn, vergebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem Bette steht –

Räuber Moor reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht.

D. a. Moor. Wärst du meines Karls Hand! – Aber er liegt fern im engen Hause, schläft schon den eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers – weh mir! Sterben in den Armen eines Fremdlings – Kein Sohn mehr – kein Sohn mehr, der mir die Augen zudrücken könnte –

R. Räuber in der heftigsten Bewegung. Izt muß es seyn – izt – verlaßt mich zu den Räubern. Und [206] doch – Kann ich ihm denn seinen Sohn wieder schenken? – Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr schenken – Nein! Ich wills nicht thun.

D. a. Moor. Wie Freund? Was hast du da gemurmelt?

R. Moor. Dein Sohn – Ja alter Mann – stammelnd. Dein Sohn – ist – ewig verloren.

D. a. Moor. Ewig?

R. Moor in der fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend. O nur dißmal – Laß meine Seele nicht matt werden – nur dißmal halte mich aufrecht!

D. a. Moor. Ewig sagst du?

R. Moor. Frage nichts weiter. Ewig, sagt ich.

D. a. Moor. Fremdling! Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Thurme?

R. Moor. Und wie? – Wenn ich jezt seinen Seegen weghaschte – haschte wie ein Dieb, und mich davonschlich mit der göttlichen Beute – Vaterseegen sagt man, geht niemals verloren.

D. a. Moor. Auch mein Franz verloren? –

R. Moor stürzt vor ihm nieder. Ich zerbrach die Riegel deines Thurms – Gib mir deinen Seegen.

[207] D. a. Moor mit Schmerz. Daß du den Sohn vertilgen mußtest, Retter des Vaters! – Siehe die Gottheit ermüdet nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer gehen schlafen mit unserm Groll legt seine Hand auf des Räubers Haupt. Sei so glücklich, als du dich erbarmest.

R. Moor weichmüthig aufstehend. O – wo ist meine Mannheit? Meine Sehnen werden schlapp, der Dolch sinkt aus meinen Händen.

D. a. Moor. Wie köstlich ists wenn Brüder einträchtig beysammen wohnen, wie der Thau der vom Hermon fällt auf die Berge Zion – Lern diese Wollust verdienen junger Mann,[WS 1] und die Engel des Himmels werden sich sonnen in deiner Glorie. Deine Weißheit sei die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz – dein Herz sey das Herz der unschuldigen Kindheit.

R. Moor. O einen Vorschmack dieser Wollust. Küße mich göttlicher Greiß!

D. a. Moor küßt ihn. Denk es sei Vaterskuß, so will ich denken ich küße meinen Sohn – du kannst auch weinen?

R. Moor. Ich dacht, es sei Vaterskuß! – Weh mir, wenn sie ihn jetzt brächten!

[208]
Schweizers Gefährten treten auf im stummen Trauerzug, mit gesenkten Häuptern, und verhüllten Gesichtern.
R. Moor. Himmel! tritt scheu zurück, und sucht sich zu verbergen. Sie ziehen an ihm vorüber. Er sieht weg von ihnen. Tiefe Pause. Sie halten.

Grimm mit gesenktem Ton. Mein Hauptmann. R. Moor antwortet nicht und tritt weiter zurück.

Schwarz. Theurer Hauptmann. Räuber Moor weicht weiter zurück.

Grimm. Wir sind unschuldig mein Hauptmann.

R. Moor ohne nach ihnen hinzuschaun. Wer seid ihr?

Grimm. Du blikst uns nicht an. Deine Getreuen.

R. Moor. Weh euch wenn ihr mir getreu wart!

Grimm. Das lezte Lebewol von deinem Knecht Schweizer – er kehrt nie wieder dein Knecht Schweizer.

R. Moor aufspringend. So habt ihr ihn nicht gefunden?

[209] Schwarz. Tod gefunden.

R. Moor froh empor hüpfend. Habe Dank Lenker der Dinge – Umarmet mich meine Kinder – Erbarmung sei von nun an die Loosung – Nun wär auch das überstanden – Alles überstanden.

Neue Räuber. Amalia.

Räuber. Heysa, heysa! Ein Fang, ein superber Fang!

Amalia mit fliegenden Haaren. Die Toden schreyen sie, seyen erstanden auf seine Stimme – mein Oheim lebendig – in diesem Wald – wo ist er? Karl! Oheim! – Ha! Stürzt auf den Alten zu.

D. a. Moor. Amalia! Meine Tochter! Amalia! Hält sie in seinen Armen gepreßt.

R. Moor zurückspringend. Wer bringt dis Bild vor meine Augen?

Amalia entspringt dem Alten und springt auf den Räuber zu, und umschlingt ihn entzückt. Ich hab ihn, o ihr Sterne! Ich hab ihn! –

Moor sich losreissend, zu den Räubern. Brecht auf ihr! Der Erzfeind hat mich verrathen!

Amalia. Bräutigam, Bräutigam, du rasest! Ha! Vor Entzückung! Warum bin ich [210] auch so fühllos, mitten im Wonnewirbel so kalt?

D. a. Moor sich aufraffend. Bräutigam? Tochter! Tochter! Ein Bräutigam?

Amalia. Ewig sein! Ewig, ewig, ewig mein! – Oh ihr Mächte des Himmels! Entlastet mich dieser tödtlichen Wollust, daß ich nicht unter der Bürde vergehe!

R. Moor. Reißt sie von meinem Halse! Tödtet sie! Tödtet ihn! mich! euch! alles! Die ganze Welt geh zu Grunde! Er will davon.

Amalia. Wohin? was? Liebe Ewigkeit! Wonn Unendlichkeit, und du fliehst?

R. Moor. Weg, weg! – Unglückseeligste der Bräute! – Schau selbst, frage selbst, höre! – Unglückseeligster der Väter! Laß mich immer ewig davon rennen!

Amalia. Haltet mich! Um Gottes willen, haltet mich! – Es wird mir so Nacht vor den Augen – Er flieht!

R. Moor. Zu spät! Vergebens! Dein [211] Fluch, Vater, – frage mich nichts mehr! – ich bin, ich habe – dein Fluch – dein vermeynter Fluch! – Wer hat mich hergelockt? Mit gezogenem Degen auf die Räuber losgehend. Wer von euch hat mich hieher gelockt, ihr Kreaturen des Abgrunds? So vergeh dann, Amalia! – Stirb, Vater! Stirb durch mich zum drittenmal! – Diese deine Retter sind Räuber und Mörder! Dein Karl ist ihr Hauptmann. Der alte Moor gibt seinen Geist auf.

Amalia steht stumm, und starr wie ein Bildsäule. Die ganze Bande in fürchterlicher Pause.

Räuber Moor wider eine Eiche rennend. Die Seelen derer, die ich erdrosselte im Taumel der Liebe – derer, die ich zerschmetterte im heiligen Schlaf, derer, – hahaha! Hört ihr den Pulverthurm knallen über der kreisenden Stülen! Seht ihr die Flammen schlagen an den Wiegen der Säuglinge? das ist Brautfackel, das ist Hochzeitmusik – oh er vergißt nicht, er weis zu knüpfen – darum von mir die Wonne der [212] Liebe! darum mir zur Folter die Liebe! das ist Vergeltung!

Amalia. Es ist wahr! Herrscher im Himmel! Es ist wahr. – Was hab ich gethan, ich unschuldiges Lamm? Ich habe diesen geliebt!

R. Moor. Das ist mehr als ein Mann erduldet. Hab ich doch den Tod aus mehr denn tausend Röhren auf mich zupfeiffen gehört, und bin ihm keinen Fusbreit gewichen, soll ich izt erst lernen beben wie ein Weib? beben vor einem Weib? – Nein, ein Weib erschüttert meine Mannheit nicht – Blut, Blut! Es ist nur ein Anstos vom Weibe – Blut mus ich saufen, es wird vorübergehen. Er will davon fliehn.

Amalia fällt ihm in die Arme. Mörder! Teufel! Ich kann dich Engel nicht lassen.

Moor schleudert sie von sich. Fort falsche Schlange, du willst einen rasenden höhnen, aber ich poche dem Tyrannen-Verhängniß – was, du weinest? Oh ihr losen boshaften Gestirne! Sie thut als ob sie weine, als ob um mich eine Seele weine. Amalia fällt ihm um den Hals. Ha was ist das? Sie speyt mich nicht an, stößt mich nicht von sich – Amalia! Hast du vergessen? weist du auch, wen du umarmest, Amalia?

[213] Amalia. Einziger, unzertrennlicher!

Moor aufblühend in ekstatischer Wonne. Sie vergibt mir, sie liebt mich! Rein bin ich wie der Aether des Himmels, sie liebt mich. – Weinenden Dank dir, Erbarmer im Himmel! Er fällt auf die Knie und weinet heftig. Der Friede meiner Seele ist wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle ist nicht mehr – Sieh, o sieh, die Kinder des Lichts weinen am Hals der weinenden Teufel – aufstehend zu den Räubern. So weinet doch auch! weinet, weinet, ihr seyd ja so glücklich – O Amalia! Amalia! Amalia! Er hängt an ihrem Mund, sie bleiben in stummer Umarmung.

Ein Räuber grimmig hervortretend. Halt ein Verräther! – Gleich laß diesen Arm fahren – oder ich will dir ein Wort sagen, daß dir die Ohren gellen, und deine Zähne vor Entsetzen klappern! Strekt das Schwerd zwischen beyde.

Ein alter Räuber. Denk an die böhmischen Wälder! Hörst du, zagst du? – an die böhmischen Wälder sollst du denken! Treuloser, wo sind deine Schwüre? Vergißt man Wunden so bald? da wir Glück, Ehre und Leben in die Schanze schlugen für dich? Da [214] wir dir standen wie Mauren, auffiengen wie Schilder die Hiebe, die deinem Leben galten, – hubst du da nicht deine Hand zum eisernen Eid auf, schwurest, uns nie zu verlassen, wie wir dich nicht verlassen haben? – Ehrloser! Treuvergessener! Und du willst abfallen, wenn eine Mäze greint?

Ein dritter Räuber. Pfui, über den Meineid! der Geist des geopferten Rollers, den du zum Zeugen aus dem Todenreich zwangest, wird erröthen über deine Feigheit, und gewafnet aus seinem Grabe steigen, dich zu züchtigen.

Die Räuber durcheinander, reissen ihre Kleider auf. Schau her, schau! Kennst du diese Narben? du bist unser! Mit unserem Herzblut haben wir dich zum Leibeigenen angekauft, unser bist du, und wenn der Erzengel Michael mit dem Moloch ins Handgemeng kommen sollte! – Marsch mit uns! Opfer um Opfer! Amalia für die Bande!

R. Moor läßt ihre Hand fahren. Es ist aus! – Ich wollte umkehren und zu meinem Vater [215] gehn, aber der im Himmel sprach, es soll nicht seyn. Kalt. Blöder Thor ich, warum wollt ich es auch? Kann denn ein grosser Sünder noch umkehren? Ein grosser Sünder kann nimmermehr umkehren, das hätt’ ich längst wissen können – Sey ruhig, ich bitte dich, sey ruhig! so ists ja auch recht – Ich habe nicht gewollt, da er mich suchte, izt da ich ihn suche, will Er nicht, was ist billiger? – Rolle doch deine Augen nicht so – er bedarf ja meiner nicht. Hat er nicht Geschöpfe die Fülle, Einen kann er so leicht missen, und dieser Eine bin nun ich. – Kommt Kameraden!

Amalia reißt ihn zurück. Halt, halt! Einen Stoß! einen Todesstoß! Neu verlassen! Zeuch dein Schwerd, und erbarme dich!

R. Moor. Das Erbarmen ist zu Bären geflohen, – ich töde dich nicht!

Amalia seine Knie umfassend. Oh um Gotteswillen, um aller Erbarmungen willen! Ich will ja nicht Liebe mehr, weis ja wol, daß droben unsere Sterne feindlich von einander [216] fliehen, – Tod ist meine Bitte nur. – Verlassen, verlassen! Nimm es ganz in seiner entsezlichen Fülle, verlassen! Ich kanns nicht überdulden. Du siehst ja, das kann kein Weib überdulden. Tod ist meine Bitte nur! Sieh, meine Hand zittert! Ich habe das Herz nicht zu stosen. Mir bangt vor der blizenden Schneide – dir ists ja so leicht, so leicht, bist ja Meister im Morden, zeuch dein Schwerd, und ich bin glücklich!

R. Moor. Willst du allein glücklich seyn? Fort, ich töde kein Weib!

Amalia. Ha Würger! du kannst nur die Glüklichen tödten, die Lebenssatten gehst du vorüber. Kriecht zu den Räubern. So erbarmet euch meiner, ihr Schüler des Henkers! – Es ist ein so blutdürstiges Mitleid in euren Blicken, das dem Elenden Trost ist – euer Meister ist ein eitler feigherziger Praler.

R. Moor. Weib, was sagst du? Die Räuber wenden sich ab.

[217] Amalia. Kein Freund? auch unter diesen nicht ein Freund? Sie steht auf. Nun denn, so lehre mich Dido sterben! Sie will gehen, ein Räuber zielt.

R. Moor. Halt! Wag es – Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben! Er ermordet sie.

Die Räuber. Hauptmann, Hauptmann! Was machst du, bist du wahnsinnig worden?

Moor auf den Leichnam mit starrem Blick. Sie ist getroffen! Dis Zucken noch, und dann wirds vorbey seyn – Nun, seht doch! habt ihr noch was zu fordern? Ihr opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das schon nicht mehr euer war, ein Leben voll Abscheulichkeit und Schande – ich hab euch einen Engel geschlachtet. Wie, seht doch recht her! Seyd ihr nunmehr zufrieden?

Grimm. Du hast deine Schuld mit Wucher bezahlt. Du hast gethan, was kein [218] Mann würde für seine Ehre thun. Komm izt weiter!

Moor. Sagst du das? Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelme, es ist ungleicher Tausch? – O ich sage euch, wenn jeder unter euch aufs Blutgerüste gieng, und sich ein Stück Fleisch nach dem andern mit glühender Zange abzwicken lies, daß die Marter eilf Sommertäge dauerte, es wiege diese Tränen nicht auf. Mit bitterem Gelächter. Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja ja! Dis mußte freylich bezahlt werden.

Schwarz. Sey ruhig, Hauptmann! Komm mit uns, der Anblick ist nicht für dich. Führe uns weiter!

R. Moor. Halt – noch ein Wort eh wir weiter gehn – Merket auf ihr schadenfrohe Schergen meines barbarischen Winks – Ich höre von diesem Nun an auf euer Hauptmann zu seyn – Mit Schaam und Grauen leg ich hier diesen blutigen Stab nieder worunter zu freveln ihr euch berechtiget wähntet, und mit [219] Werken der Finsterniß dieß himmlische Licht zu besudeln – Gehet hin zur Rechten und Linken – Wir wollen ewig niemals gemeine Sache machen.

Räuber. Ha Muthloser! Wo sind deine hochfliegende Plane? Sinds Saifenblasen gewesen, die beym Hauch eines Weibes zerplazen?

R. Moor. O über mich Narren, der ich wähnete die Welt durch Greuel zu verschönern, und die Geseze durch Gesezlosigkeit aufrecht zu halten. Ich nannte es Rache und Recht – Ich maßte mich an, o Vorsicht die Scharten deines Schwerds auszuwezen und deine Parteylichkeiten gut zu machen – aber – O eitle Kinderey – da steh ich am Rand eines entsezlichen Lebens, und erfahre nun mit Zähnklappern und Heulen, daß zwey Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden. Gnade – Gnade dem Knaben, der Dir vorgreiffen wollte – Dein eigen allein ist die Rache. Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Freylich stehts nun in meiner Macht nicht mehr [220] die Vergangenheit einzuholen – schon bleibt verdorben, was verdorben ist – was ich gestürzt habe steht ewig niemals mehr auf – Aber noch blieb mir etwas übrig, womit ich die beleidigte Geseze versönen, und die mißhandelte Ordnung wiederum heilen kann. Sie bedarf eines Opfers – Eines Opfers, das ihre unverletzbare Majestät vor der ganzen Menschheit entfaltet – dieses Opfer bin ich selbst. Ich selbst muß für sie des Todes sterben.

Räuber. Nimmt ihm den Degen weg – Er will sich umbringen.

R. Moor. Thoren ihr! Zu ewiger Blindheit verdammt! Meynet ihr wol gar eine Todsünde werde das Aequivalent gegen Todsünden seyn, meinet ihr die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? Wirft ihnen seine Waffen verächtlich vor die Füße. Er soll mich lebendig haben. Ich geh, mich selbst in die Hände der Justiz zu überliefern.

[221] Räuber. Legt ihn an Ketten! Er ist rasend worden.

R. Moor. Nicht, als ob ich zweifelte sie werde mich zeitig genug finden, wenn die obere Mächte es so wollen. Aber sie möchte mich im Schlaf überrumpeln, oder auf der Flucht ereilen, oder mit Zwang und Schwerd umarmen, und dann wäre mir auch das einige Verdienst entwischt, daß ich mit Willen für sie gestorben bin. Was soll ich gleich einem Diebe ein Leben länger verheimlichen, das mir schon lang im Rath der himmlischen Wächter genommen ist?

Räuber. Laßt ihn hinfahren. Es ist die Groß-Mann-Sucht. Er will sein Leben an eitle Bewunderung sezen.

R. Moor. Man könnte mich darum bewundern. Nach einigem Nachsinnen. Ich erinnere mich einen armen Schelm gesprochen zu haben als ich herüberkam, der im Taglohn arbeitet und eilf lebendige Kinder hat – Man hat [222] tausend Louisdore geboten, wer den grossen Räuber lebendig liefert – dem Mann kann geholfen werden.

Er geht ab. 


De Schiller Die Räuber Illustration 07.jpg



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