Die Räuber/4. Akt

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[133]
Vierter Akt.

Erste Scene.
Ländliche Gegend um das Moorische Schloß.
Räuber Moor. Kosinsky,
in der Ferne.


Moor. Geh voran, und melde mich. Du weist doch noch alles, was du sprechen must?

Kosinsky. Ihr seyd der Graf von Brand, kommt aus Mecklenburg ich euer Reutknecht – sorgt nicht, ich will meine Rolle schon spielen, lebt wol! ab.

Moor. Sey mir gegrüßt, Vaterlands-Erde! Er küßt die Erde. Vaterlands-Himmel! Vaterlands-Sonne! – und Fluren und Hügel und Ströme und Wälder! Seyd alle, alle mir herzlich gegrüßt! [134] – wie so köstlich wehet die Luft von meinen Heymath-Gebürgen! wie strömt balsamische Wonne aus euch den armen Flüchtling entgegen! – Elysium! dichterische Welt! Halt ein Moor! dein Fus wandelt in einem heiligen Tempel.

Er kommt näher. Sieh da auch die Schwalbennester im Schloßhof – auch das Gartenthürchen! – und diese Eke am Zaun, wo du so oft den Fanger belauschtest und nektest – und dort unten das Wiesenthal, wo du der Held Alexander deine Macedonier ins Treffen bey Arbela führtest, und neben dran der grasigte Hügel, von welchem du den persischen Satrapen niederwarfst – und deine siegende Fahne flatterte hoch! Er lächelt. Die goldne Mayenjahre der Knabenzeit leben wieder auf in der Seele des Elenden – da warst du so glücklich, warst so ganz, so wolkenlos heiter – und nun – da liegen die Trümmer deiner Entwürfe! Hier solltest du wandeln dereinst, ein großer, stattlicher, gepriesener Mann – hier dein Knabenleben in Amalias blühenden Kindern zum zweytenmal leben – hier! hier der Abgott deines Volks – aber der böse Feind schmollte darzu! Er fährt auf. Warum bin ich hiehergekommen? daß mirs gienge wie dem Gefangenen, den der klirrende Eisenring aus Träumen der Freyheit aufjagt – nein ich gehe in mein Elend zurück! – der Gefangene hatte das Licht vergessen, aber der Traum [135] der Freyheit fuhr über ihm wie ein Blitz in die Nacht, der sie finsterer zurückläßt – Lebt wol, ihr Vaterlandsthäler! einst saht ihr den Knaben Karl, und der Knabe Karl war ein glücklicher Knabe – jetzt saht ihr den Mann, und er war in Verzweiflung. Er dreht sich schnell nach dem äussersten Ende der Gegend, allwo er plötzlich stille steht und nach dem Schloß mit Wehmuth herüberblickt. Sie nicht sehen, nicht einen Blick? – und nur eine Mauer gewesen zwischen mir und Amalia – Nein! sehen mus ich sie – mus ich ihn – es soll mich zermalmen! Er kehrt um. Vater! Vater! dein Sohn naht – weg mit dir, schwarzes rauchendes Blut! weg hohler grasser zuckender Todesblick![WS 1] Nur diese Stunde laß mir frey! – Amalia! Vater! dein Karl naht! Er geht schnell auf das Schloß zu. – Quäle mich, wenn der Tag erwacht, laß nicht ab von mir, wenn die Nacht kommt – quäle mich in schröklichen Träumen! nur vergiffte mir diese einzige Wollust nicht! Er steht an der Pforte. Wie wird mir? was ist das, Moor? Sey ein Mann! – – Todesschauer – Schrecken Ahndung – –

Er geht hinein. 
De Schiller Die Räuber Illustration 04.jpg
[136]
Zweyte Scene.[WS 2]
Gallerie im Schloß.
Räuber Moor. Amalia treten auf.


Amalia. Und getrauten Sie sich wol sein Bildnis unter diesen Gemälden zu erkennen?

Moor. O ganz gewis. Sein Bild war immer lebendig in mir. An den Gemälden herumgehend. Dieser ists nicht.

Amalia. Errathen! – Er war der Stammvater des gräflichen Hauses, und erhielt den Adel vom Barbarossa, dem er wider die Seeräuber diente.

Moor immer an den Gemälden. Dieser ists auch nicht – auch der nicht – auch nicht jener dort – er ist nicht unter ihnen.

Amalia. Wie, sehen Sie doch besser! ich dachte, Sie kennten ihn –

Moor. Ich kenne meinen Vater nicht besser! Ihm fehlt der sanftmüthige Zug um den Mund, der ihn aus tausenden kenntlich machte – er ists nicht.

Amalia. Ich erstaune. Wie? Achtzehn Jahre nicht mehr gesehn, und noch –

Moor schnell, mit einer fliegenden Röthe. Dieser ists! Er steht wie vom Blitz gerührt.

Amalia. Ein vortreflicher Mann!

Moor in seinem Anblick versunken. Vater, Vater! [137] vergib mir! – Ja ein vortreflicher Mann! – Er wischt sich die Augen. Ein göttlicher Mann!

Amalia. Sie scheinen viel Antheil an ihm zu nehmen.

Moor. Oh ein vortreflicher Mann – und er sollte dahin seyn.

Amalia. Dahin! wie unsere besten Freuden dahingehn – sanft seine Hand ergreiffend. Lieber Herr Graf, es reift keine Seeligkeit unter dem Monde.

Moor. Sehr wahr, sehr wahr – und sollten Sie schon diese traurige Erfahrung gemacht haben? Sie können nicht drey und zwanzig Jahre alt seyn.

Amalia. Und habe sie gemacht. Alles lebt um traurig wieder zu sterben. Wir interessiren uns nur darum, wir gewinnen nur darum, daß wir wieder mit Schmerzen verlieren.

Moor. Sie verloren schon etwas?

Amalia. Nichts. Alles. Nichts – wollen wir weiter gehen, Herr Graf?

Moor. So eilig? weß ist dis Bild rechter Hand dort? mich deucht, es ist eine unglückliche Physiognomie.

Amalia. Dis Bild linker Hand ist der Sohn des Grafen, der wirkliche Herr – kommen Sie, kommen Sie!

Moor. Aber dis Bild rechter Hand?

Amalia. Sie wollen nicht in den Garten gehn?

[138] Moor. Aber dis Bild rechter Hand? – du weinst, Amalia?

Amalia schnell ab.

Moor.

Sie liebt mich, sie liebt mich! – ihr ganzes Wesen fieng an sich zu empören, verrätherisch rollten die Tränen von ihren Wangen. Sie liebt mich! – Elender, das verdientest du um sie! Steh ich nicht hier wie ein Gerichteter vor dem tödlichen Block! Ist das der Sopha, wo ich an ihrem Halse in Wonne schwamm? Sind das die väterlichen Säle? Ergriffen vom Anblik seines Vaters. Du, du – Feuerflammen aus deinem Auge – Fluch, Fluch, Verwerfung! – wo bin ich? Nacht vor meinen Augen – Schrecknisse Gottes – Ich, ich hab ihn getödtet! Er rennt davon.

Franz von Moor in tiefen Gedanken

Weg mit diesem Bild! weg, feige Memme! was zagst du und vor wem? ist mirs nicht die wenige Stunden, die der Graf in diesen Mauren wandelt, als schlich immer ein Spion der Hölle meinen Fersen nach – Ich sollt ihn kennen! Es ist so was groses und oft gesehenes in seinem wilden sonnverbrannten Gesicht, das mich beben macht – auch Amalia ist nicht gleichgültig gegen ihn! Läßt sie nicht [139] so gierig schmachtende Blicke auf dem Kerl herumkreuzen, mit denen sie doch gegen alle Welt sonst so geizig thut? – Sah ichs nicht, wie sie ein Paar diebische Tränen in den Wein fallen lies, den er hinter meinem Rüken so hastig in sich schlürfte, als wenn er das Glas mit hineinziehen wollte. Ja das sah ich, durch den Spiegel sah ichs mit diesen meinen Augen. Holla Franz! siehe dich vor! dahinter steckt irgend ein Verderben schwangeres Ungeheuer!

Er steht forschend dem Portrait Karls gegen über. Sein langer Gänsehals – seine schwarzen Feuerwerfenden Augen hm! hm! – sein finsteres überhangendes buschichtes Augenbraun. Plözlich zusammenfahrend – schadenfrohe Hölle! jagst du mir diese Ahndung ein? Es ist Karl! ja! izt werden mir alle Züge wieder lebendig – Er ists! truz seiner Larve! – Er ists! truz seiner Larve! – Er ists – Tod und Verdammniß! auf und ab mit heftigen Schritten. Hab ich darum meine Nächte verpraßt, – darum Felsen hinweggeräumt, und Abgründe eben gemacht – bin ich darum gegen alle Instinkte der Menschheit rebellisch worden, daß mir zulezt dieser unstete Landstreicher durch[WS 3] meine künstlichsten Wirbel tölple – Sachte! Nur sachte! Es ist nur noch Spielarbeit übrig – Bin ich doch ohnehin schon biß an die Ohren in Todsünden gewatet daß es Unsinn wäre zurükzuschwimmen, wenn das [140] Ufer schon so weit hinten liegt – Ans Umkehren ist doch nicht mehr zu gedenken – die Gnade selbst würde an den Bettelstab gebracht, und die unendliche Erbarmung, bankerot werden wenn sie für meine Schulden all gut sagen wollte – Also vorwärts wie ein Mann – Er schellt – Er versammle sich zu dem Geist seines Vaters und komme, der Toden spott ich. – Daniel! he Daniel! – Was gilts den haben sie auch schon gegen mich aufgewiegelt? Er sieht so geheimniß voll.

Daniel kommt.

Daniel. Was steht zu befehl, mein Gebieter?

Franz. Nichts. Fort, fülle diesen Becher mit Wein, aber hurtig! Daniel ab. Wart Alter! dich will ich fangen, ins Auge will ich dich fassen, so starr, daß dein getroffenes Gewissen durch die Larve erblassen soll! – Er soll sterben! – Der ist ein Stümper, der sein Werk nur auf die Helfte bringt, und dann weg geht, und müssig zugafft, wie es weiter damit werden wird.

Daniel mit Wein.

Franz. Stell ihn hieher! Sieh mir fest ins Auge! Wie deine Knie schlottern! Wie du zitterst! Gesteh Alter! Was hast du gethan?

Daniel. Nichts, gnädiger Herr, so wahr Gott lebt, und meine arme Seele!

[141] Franz. Trink diesen Wein aus! – Was? Du zauderst? – Heraus, schnell! Was hast du in den Wein geworfen?

Daniel. Hilf Gott! Was? Ich – in den Wein?

Franz. Gift hast du in den Wein geworfen! Bist du nicht bleich wie Schnee? Gesteh, gesteh! Wer hats dir gegeben? Nicht wahr, der Graf, der Graf hat dirs gegeben?

Daniel. Der Graf? Jesus Maria! der Graf hat mir nichts gegeben?

Franz Greift ihn hart an. Ich will dich würgen, daß du blau wirst, eisgrauer Lügner du! Nichts? Und was staket ihr denn so beysammen? Er und du und Amalia? Und was flüstertet ihr immer zusammen? Heraus damit! Was für Geheimnisse, was für Geheimnisse hat er dir anvertraut?

Daniel. Das weis der allwissende Gott. Er hat mir keine Geheimnisse anvertraut.

Franz. Willst du es läugnen? Was für Kabalen habt ihr angezettelt, Mich aus dem Weg zu räumen? Nicht wahr? Mich im Schlaf zu erdrosseln? Mir beym Bartscheren die Gurgel abzuschneiden? Mir im Wein oder im Chokolade zu vergeben? Heraus, heraus! – oder mir in der Suppe den ewigen Schlaf zu geben. Heraus damit! ich weis alles.

Daniel. So helfe mir Gott, wenn ich in Noth [142] bin, wie ich euch izt nichts anders sage, als die reine lautere Wahrheit!

Franz. Dismal will ich dir verzeihen. Aber gelt, er stekte dir gewis Geld in deinen Beutel? Er drükte dir die Hand stärker als der Brauch ist? so ungefähr, wie man sie seinen alten Bekannten zu drüken pflegt?

Daniel. Niemals, mein Gebieter.

Franz. Er sagte dir, zum Exempel, daß er dich etwa schon kenne? – daß du ihn fast kennen solltest? Daß dir einmal die Deke von den Augen fallen würde – daß – was? Davon sollt er dir niemals gesagt haben?

Daniel. Nicht das mindeste.

Franz. Das gewise Umstände ihn abhielten – daß man oft Masken nehmen müsse um seinen Feinden zuzukönnen – daß er sich rächen wolle, aufs grimmigste rächen wolle?

Daniel. Nicht einen Laut von diesem allem.

Franz. Was? Gar nichts? Besinne dich recht. – daß er den alten Herrn sehr genau – besonders genau gekannt – daß er ihn liebe – ungemein liebe – wie ein Sohn liebe –

Daniel. Etwas dergleichen erinnere ich mich von ihm gehört zu haben.

Franz. blaß Hat er, hat er wirklich? Wie, so laß mich doch hören! Er sagte, er sey mein Bruder?

Daniel betroffen Was, mein Gebieter? – [143] Nein, das sagte er nicht. Aber wie ihn das Fräulein in der Gallerie herumführte, ich puzte eben den Staub von den Rahmen der Gemälde ab, stand er bey dem Portrait des seeligen Herrn plözlich still, wie vom Donner gerührt. Das gnädige Fräulein deutete drauf hin, und sagte: ein vortreflicher Mann! ja ein vortreflicher Mann gab er zur Antwort, indem er sich die Augen wischte.

Franz. Höre Daniel! Du weist, ich bin immer ein gütiger Herr gegen dich gewesen, ich hab dir Nahrung und Kleider gegeben, und dein schwaches Alter in allen Geschäften geschonet –

Daniel. Dafür lohn euch der liebe Herr Gott! und ich hab euch immer redlich gedienet.

Franz. Das wollt ich eben sagen. Du hast mir in deinem Leben noch keine Wiederrede gegeben, denn du weist gar zu wohl, daß du mir Gehorsam schuldig bist in allem, was ich dich heisse.

Daniel. In allem von ganzem Herzen, wenn es nicht wider Gott und mein Gewissen geht.

Franz. Possen, Possen! Schämst du dich nicht? Ein alter Mann, und an das Weynacht-Mährgen zu glauben! Geh Daniel! das war ein dummer Gedanke. Ich bin ja Herr. Mich werden Gott und Gewissen strafen, wenn es ja einen Gott und ein Gewissen gibt.

Daniel schlägt die Hände zusammen. Barmherziger Himmel!

[144] Franz. Bey deinem Gehorsam! Verstehst du das Wort auch? Bey deinem Gehorsam befehl ich dir, morgen darf der Graf nimmer unter den Lebendigen wandeln.

Daniel. Hilf, heiliger Gott! Weswegen?

Franz. Bey deinem blinden Gehorsam! – und an dich werd ich mich halten.

Daniel. An mich? Hilf selige Mutter Gottes! An mich? Was hab ich alter Mann denn böses gethan?

Franz. Hier ist nicht lang Besinnszeit, dein Schicksaal steht in meiner Hand. Willst du dein Leben im tiefsten meiner Thürme vollends ausschmachten, wo der Hunger dich zwingen wird, deine eigene Knochen abzunagen, und der brennende Durst, dein eigenes Wasser wieder zu saufen? – Oder willst du lieber dein Brod essen im Frieden, und Ruhe haben in deinem Alter?

Daniel. Was Herr? Fried und Ruhe im Alter? und ein Todschläger?

Franz. Antwort auf meine Frage!

Daniel. Meine grauen Haaren, meine grauen Haare!

Franz. Ja oder Nein!

Daniel. Nein! – Gott erbarme sich meiner!

Franz im Begrif zu gehen. Gut, du sollsts nöthig haben. Daniel hällt ihn auf und fällt vor ihm nieder.

Daniel. Erbarmen Herr! Erbarmen!

[145] Franz. Ja oder Nein!

Daniel. Gnädiger Herr! ich bin heute ein und siebenzig Jahr alt, und hab Vater und Mutter geehret, und niemand meines Wissens um des Hellers Werth im Leben vervortheilt, und hab an meinem Glauben gehalten, treu und redlich, und hab in eurem Hause gedienet vier und vierzig Jahr, und erwarte izt ein ruhig seeliges Ende, ach Herr, Herr! Umfaßt seine Knie heftig und ihr wollt mir den lezten Trost rauben im sterben, daß der Wurm des Gewissens mich um mein leztes Gebet bringe, daß ich ein Greuel vor Gott und Menschen schlafen gehen soll? Nein, nein, mein liebster bester liebster gnädiger Herr, das wollt ihr nicht, das könnt ihr nicht wollen von einem ein und siebenzig jährigen Manne.

Franz. Ja oder Nein! was soll das Geplapper?

Daniel. Ich will euch von nun an noch eifriger dienen. Will meine dürren Sehnen in eurem Dienst wie ein Taglöhner abarbeiten, will früher aufstehen, will später mich niederlegen – ach und will euch einschliessen in mein Abend- und Morgengebet, und Gott wird das Gebet eines alten Mannes nicht wegwerfen.

Franz. Gehorsam ist besser, denn Opfer. Hast du je gehört, daß sich der Henker zierte, wenn er ein Urtheil vollstrecken sollte?

[146] Daniel. Ach ja wohl! aber eine Unschuld erwürgen – einen –

Franz. Bin ich dir etwa Rechenschaft schuldig? darf das Beil den Henker fragen, warum dahin und nicht dorthin? – aber sieh, wie langmüthig ich bin – ich biete dir eine Belohnung für das, was du mir huldigtest.

Daniel. Aber ich hoffte ein Christe bleiben zu dörfen, da ich euch huldigte.

Franz. Keine Wiederrede! siehe ich gebe dir einen ganzen Tag noch Bedenkzeit! Ueberlege es nochmals. Glück und Unglück – hörst du, verstehst du? das höchste Glük, und das äusserste Unglük! Ich will Wunder thun im Peinigen.

Daniel Nach einigem Nachdenken. Ich wills thun, morgen will ichs thun,                         ab.

Franz.

Die Versuchung ist stark, und der war wohl nicht zum Märtyrer seines Glaubens geboren – Wolbekomms dann, Herr Graf! Allem Ansehen nach werden sie morgen Abend ihr Henker Mahl halten! – Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt, und der ist ein Narr, der wider seine Vortheile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Bouteille Wein weiter getrunken hat, kommt der Kizel an – und draus wird ein Mensch, und der Mensch war gewis das lezte, woran bey [147] ganzen Herkules Arbeit gedacht wird. Nun kommt mich eben auch der Kizel an – und dran krepirt ein Mensch, und gewis ist hier mehr Verstand und Absichten, als dort bey seinem Entstehen war – Hängt nicht das Daseyn der meisten Menschen mehrentheils an der Hize eines Julius Mittags, oder am anziehenden Anblick eines Betttuchs, oder an der wagrechten Lage einer schlafenden Küchen-Grazie, oder an einem ausgelöschten Licht? – Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte wegen der Verneinung seiner Geburt sich einkommen lassen an ein bedeutendes etwas zu denken? Verflucht sey die Thorheit unserer Ammen und Wärterinnen, die unsere Phantasie mit schröklichen Mährgen verderben, und gräßliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkührliche Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten abergläubischer Finsterniß legen – Mord! wie eine ganze Hölle von Furien um das Wort flattert – die Natur vergas einen Mann mehr zu machen – die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden – der Vater hat in der Hochzeit Nacht glatten Leib bekommen – und die ganze Schattenspielerey ist verschwunden. Es war etwas und wird nichts – Heißt es nicht eben so [148] viel, als: es war nichts und wird nichts und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt – der Mensch entsteht aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gährt wieder zusammen in Morast, bis er zulezt an den Schuhsohlen seines Uhrenkels unflätig anklebt. Das ist das Ende vom Lied – der morastige[WS 4] Zirkel der menschlichen Bestimmung, und so mit – glükliche Reise, Herr Bruder! Der milzsüchtige podagrische Moralist von einem Gewissen mag runzlichte Weiber aus Bordellen jagen, und alte Wucherer auf dem Todesbett foltern – bey mir wird er nimmermehr Audienz bekommen.

Er geht ab. 



Dritte Scene.
Andres Zimmer im Schloß.
Räuber Moor. von der einen Seite. Daniel von der andern.


Moor hastig. Wo ist das Fräulein?

Daniel. Gnädiger Herr! Erlaubt einem armen Mann, euch um etwas zu bitten.

Moor. Es ist dir gewährt, was willst du?

Daniel. Nicht viel, und alles, so wenig und doch so viel – laßt mich eure Hand küssen!

Moor. Das sollst du nicht guter Alter! umarmt ihn. Den ich Vater nennen möchte.

[149] Daniel. Eure Hand, eure Hand! ich bitt euch.

Moor. Du sollst nicht.

Daniel. Ich muß! Er greifft sie, betrachtet sie schnell und fällt vor ihm nieder. Lieber, bester Karl!

Moor erschrickt, faßt sich, fremd. Freund, was sagst du? Ich verstehe dich nicht.

Daniel. Ja, läugnet es nur, verstellt euch! Schön, schön! Ihr seyd immer mein bester köstlicher Junker – Lieber Gott! daß ich alter Mann noch die Freude – dummer Tölpel ich, daß ich euch nicht gleich – ey du himmlischer Vater! So seyd ihr ja wiedergekommen, und der alte Herr ist unterm Boden, und da seyd ihr ja wieder – was für ein blinder Esel ich doch war, sich vor den Kopf schlagend daß ich euch nicht im ersten Hui – ey du mein! Wer hätte sich das träumen lassen! – um was ich mit Thränen betete, – Jesus Christus! Da steht er ja leibhaftig wieder in der alten Stube!

Moor. Was ist das für eine Sprache? Seyd ihr vom hizigen Fieber aufgesprungen, oder wollt ihr eine Komödien Rolle an mir probiren?

Daniel. Ey pfui doch, pfui doch! Das ist nicht fein, einen alten Knecht so zum besten haben – Diese Narbe! He, wißt ihr noch? – Großer Gott! Was ihr mir da für eine Angst einjagtet – ich hab euch immer so lieb gehabt, und was ihr mir da für Herzeleid hättet anrichten [150] können – ihr saßt mir im Schoos, – wißt ihr noch? – Dort in der runden Stube – gelt Vogel! Das habt ihr freylich vergessen – auch den Kukuk, den ihr so gern hörtet – denkt doch! der Kukuk ist zerschlagen, in Grunds-Boden geschlagen – die alte Susel hat ihn verwettert, wie sie die Stube fegte – ja freylich, und da saßt ihr mir im Schoos, und rieft hotto! und ich lief fort, euch den Hotto Gaul zu holen – Jesus Gott! Warum mußt ich alter Esel auch fortlaufen? – und wie mirs siedigheiß über den Bukel lief – wie ich das Zetergeschrey höre draussen im Oehrn, spring herein, und da lief das helle Blut, und laget am Boden, und hattet – heilige Mutter Gottes! War mirs nicht, als wenn mir ein Kübel eiskalt Wasser übern Naken sprizte – aber so gehts, wenn man nicht alle Augen auf die Kinder hat. Grosser Gott, wenns ins Aug gegangen wäre – Wars darzu noch die rechte Hand. Mein Lebens-Tag, sagt ich, soll mir kein Kind mehr ein Messer oder eine Scheere, oder so was spiziges, sagt ich, in die Hände kriegen, sagt ich, – war zum Glük noch Herr und Frau verreiset – ja ja, das soll mir mein Tag des Lebens eine Warnung seyn, sagt ich – Jemini, jemini! ich hätte vom Dienst kommen können, ich hätte, Gott der Herr verzeyhs euch, gottloses Kind – aber gottlob! es heilte glüklich, biß auf die wüste Narbe.

[151] Moor. Ich begreiffe kein Wort von allem, was du sagst.

Daniel. Ja gelt, gelt? Das war noch eine Zeit? Wie manches Zuckerbrod, oder Bisquit oder Makrone ich euch hab zugeschoben, hab euch immer am gernsten gehabt, und wißt ihr noch, was ihr mir drunten sagtet im Stall, wie ich euch auf des alten Herrn seinen Schweisfuchsen sezte, und euch auf der grossen Wiese ließ herumjagen? Daniel! sagtet ihr, laß mich nur einen grossen Mann werden, Daniel, so sollst du mein Verwalter seyn, und mit mir in der Kutsche fahren, – ja sagt ich und lachte, wenn Gott Leben und Gesundheit schenkt, und ihr euch eines alten Mannes nicht schamen werdet, sagt ich, so will ich euch bitten, mir das Häusgen drunten im Dorf zu räumen, das schon eine gute Weil leer steht, und da wollt ich mir ein Eimer zwanzig Wein einlegen, und wirtschaften in meinen alten Tagen. – Ja lacht nur, lacht nur! Gelt junger Herr, das habt ihr rein ausgeschwizt? – den alten Mann will man nicht kennen, da thut man so fremd, so fürnehm – o ihr seyd doch mein goldiger Junker – freylich halt ein bisgen luker gewesen – nimmt mirs nicht übel! – Wie’s eben das junge Fleisch meistens ist – am Ende kann noch alles gut werden.

Moor. fällt ihm um den Hals. Ja! Daniel ich wills nicht mehr verhehlen! Ich bin dein [152] Karl, dein verlorner Karl! Was macht meine Amalia?

Daniel fangt an zu weinen. Daß ich alter Sünder noch die Freude haben soll, – und der Herr seelig weinete umsonst! – Abe, abe, weiser Schedel! mürbe Knochen, fahret in die Grube mit Freuden! Mein Herr und Meister lebt, ihn haben meine Augen gesehen!

Moor. Und will halten, was er versprochen hat, – nimm das, ehrlicher Graukopf, für den Schweisfuchsen im Stall dringt ihm einen schweren Beutel auf nicht vergessen hab ich den alten Mann.

Daniel. Wie, was treibt ihr? Zuviel! Ihr habt euch vergriffen.

Moor. Nicht vergriffen, Daniel! Daniel will niederfallen. Steh auf, sage mir, was macht meine Amalia?

Daniel. Gottes Lohn! Gottes Lohn! Ey Herr Jerem! – Eure Amalia, oh die wirds nicht überleben, die wird sterben vor Freude!

Moor heftig. Sie vergaß mich nicht?

Daniel. Vergessen? Wie schwäzt ihr wieder? Euch vergessen? – da hättet ihr sollen dabey seyn, hättets sollen mit ansehen, wie sie sich gebehrdete, als die Zeitung kam, ihr wärt gestorben, die der gnädige Herr ausstreuen lies –

Moor. Was sagst du? mein Bruder –

Daniel. Ja euer Bruder, der gnädige Herr, [153] euer Bruder – ich will euch ein andermal mehr davon erzählen, wenns Zeit dazu ist – und wie sauber sie ihm abkappte, wenn er ihr alle Tage, die Gott schikt, seinen Antrag machte, und sie zur gnädigen Frau machen wollte. O ich muß hin, muß hin, ihr sagen, ihr die Bottschaft bringen will fort.

Moor. Halt, halt! sie darfs nicht wissen, darfs niemand wissen, auch mein Bruder nicht –

Daniel. Euer Bruder? Nein beyleibe nicht, er darfs nicht wissen! Er gar nicht! – Wenn er nicht schon mehr weißt, als er wissen darf – Oh ich sage euch, es gibt garstige Menschen, garstige Brüder, garstige Herren – aber ich möcht nun alles Gold meines Herrn willen kein garstiger Knecht seyn – der gnädige Herr hielt euch Tod

Moor. Hum! Was brummst du da?

Daniel leiser. Und wenn man freylich so ungebeten aufersteht – euer Bruder war des Herrn selig einziger Erbe –

Moor. Alter! – Was murmelst du da zwischen den Zähnen, als wenn irgend ein Ungeheuer von Geheimnis auf deiner Zunge schwebte, das nicht heraus wollte, und doch heraus sollte, rede deutlicher!

Daniel. Aber ich will lieber meine alte Knochen abnagen vor Hunger, lieber vor Durst mein eigenes [154] Wasser saufen, als Wohlleben die Fülle verdienen mit einem Todschlag.                schnell ab.

Moor auffahrend aus schröklichem Pausen.

Betrogen, betrogen! da fährt es über meine Seele wie der Bliz! – Spizbübische Künste! Himmel und Hölle! nicht du, Vater! Spizbübische Künste! Mörder, Räuber durch spizbübische Künste! Angeschwärzt von ihm! verfälscht, unterdrükt meine Briefe – voll Liebe sein Herz – oh ich Ungeheuer von einem Thoren – voll Liebe sein Vater-Herz – oh Schelmerey, Schelmerey! Es hätte mich einen Fusfall gekostet, es hätte mich eine Thräne gekostet – oh ich blöder, blöder, blöder Thor! Wieder die Wand rennend. Ich hätte glüklich seyn können – oh Büberey, Büberey! das Glük meines Lebens bübisch, bübisch hinwegbetrogen. Er läuft wütend auf und nieder Mörder, Räuber durch spizbübische Künste! – Er grollte nicht einmal. Nicht ein Gedanke von Fluch in seinem Herzen – oh Bösewicht! unbegreifflicher, schleichender, abscheulicher Bösewicht!

Kosinsky kommt.

Kosinsky. Nun Hauptmann, wo stikst du? Was ists? Du willst noch länger hier bleiben, merk ich?

Moor. Auf! Sattle die Pferde! Wir müssen vor Sonnen-Untergang noch über den Gränzen seyn!

[155] Kosinsky. Du spassest.

Moor Befehlend. Hurtig, hurtig! Zaudre nicht lang, laß alles da! und daß kein Aug dich gewahr wird.                Kosinsky ab.

Moor.

Ich fliehe aus diesen Mauren. Der geringste Verzug könnte mich wütig machen, und er ist meines Vaters Sohn – Bruder, Bruder! Du hast mich zum elendesten auf Erden gemacht, ich habe dich niemals beleidigt, es war nicht brüderlich gehandelt – Ernde die Früchte deiner Unthat in Ruhe, meine Gegenwart soll dir den Genuß nicht länger vergällen – aber gewis, es war nicht brüderlich gehandelt. Finsternis verlösche sie auf ewig, und der Tod rühre sie nicht auf!

Kosinsky.

Kosinsky. Die Pferde stehn gesattelt, ihr könnt aufsizen, wann ihr wollt.

Moor. Presser, Presser! Warum so eilig? Soll ich sie nicht mehr sehn?

Kosinsky. Ich zäume gleich wieder ab, wenn ihrs haben wollt, ihr hießt mich ja über Hals und Kopf eilen.

Moor. Noch einmal! ein Lebewohl noch! ich mus den Gifttrank dieser Seeligkeit vollends ausschlürfen, und dann – halt, Kosinsky! Zehn Minuten [156] noch – hinten am Schloßhof – und wir sprengen davon!


Vierte Scene.
Im Garten.
Amalia.


Du weinst, Amalia? – und das sprach er mit einer Stimme! mit einer Stimme – mir wars, als ob die Natur sich verjüngete – die genossenen Lenze der Liebe dämmerten auf mit der Stimme! Die Nachtigall schlug wie damals – die Blumen hauchten wie damals – und ich lag Wonne berauscht an seinem Hals – Ha falsches treuloses Herz! Wie du deinen Meineid beschönigen willst! Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevel-Bild! – ich hab meinen Eid nicht gebrochen, du einziger! Weg aus meiner Seele, ihr verrätherischen gottlosen Wünsche! im Herzen, wo Karl herrscht, darf kein Erdensohn nisten. – Aber warum meine Seele, so immer, so wider Willen nach diesem Fremdling? Hängt er sich nicht so hart an das Bild meines einzigen? Ist er nicht der ewige Begleiter meines einzigen? Du weinst Amalia? – Ha ich will ihn fliehen! – fliehen! – Nimmer sehen soll mein Aug diesen Fremdling!

[157]
Räuber Moor öfnet die Gartenthüre.

Amalia fährt zusammen. Horch! horch! Rauschte die Thüre nicht? Sie wird Karln gewahr, und springt auf. Er? – wohin? – was? – da hat michs angewurzelt, daß ich nicht fliehen kann – verlaß mich nicht, Gott im Himmel! – Nein, du sollst mir meinen Karl nicht entreissen! Meine Seele hat nicht Raum für zwey Gottheiten, und ich bin ein sterbliches Mädgen! Sie nimmt Karls Bild heraus. Du, mein Karl, sey mein Genius wider diesen Fremdling, den Liebestörer! dich, dich ansehen, unverwandt, – und weg alle gottlosen Blicke nach diesem sie sizt stumm – das Auge starr auf das Bild geheftet.

Moor. Sie da, gnädiges Fräulein? – und traurig? – und eine Träne auf diesem Gemälde? – Amalia gibt ihm keine Antwort. – Und wer ist der glückliche, um den sich das Aug eines Engels versilbert? darf auch ich diesen Verherrlichten – er will das Gemälde betrachten.

Amalia. Nein, ja, nein!

Moor zurükfahrend. Ha! – und verdient er diese Vergötterung? verdient er? –

Amalia. Wenn Sie ihn gekannt hätten!

Moor. Ich würd ihn beneidet haben.

Amalia. Angebetet, wollen Sie sagen.

Moor. Ha!

[158] Amalia. Oh sie hätten ihn so lieb gehabt – es war so viel, so viel in seinem Angesicht – in seinen Augen – im Ton seiner Stimme, das ihnen so gleich kommt – das ich so liebe –

Moor sieht zur Erde.

Amalia. Hier, wo sie stehen, stand er tausendmal – und neben ihm die, die neben ihm Himmel und Erde vergas – hier durchirrte sein Aug die um ihn prangende Gegend – sie schien den grosen belohnenden Blik zu empfinden, und sich unter dem Wohlgefallen ihres Meisterbilds zu verschönern – hier hielt er mit himmlischer Musik die Hörer der Lüfte gefangen – hier an diesem Busch pflückte er Rosen, und pflückte die Rosen für mich – hier hier lag er an meinem Halse, brannte sein Mund auf dem meinen, und die Blumen starben gern unter der Liebenden Fustritt –

Moor. Er ist nicht mehr?

Amalia. Er seegelt auf ungestümmen Meeren – Amalias Liebe seegelt mit ihm – er wandelt durch ungebahnte sandigte Wüsten – Amalias Liebe macht den brennenden Sand unter ihm grünen, und die wilden Gesträuche blühen – der Mittag sengt sein entblößtes Haupt, nordischer Schnee schrumpft seine Sohlen zusammen, stürmischer Hagel regnet um seine Schläfe, und Amalias Liebe wiegt ihn in Stürmen ein – Meere und Berge und Horizonte zwischen den Liebenden – [159] aber die Seelen versezen sich aus dem staubigten Kerker, und treffen sich im Paradiese der Liebe – Sie scheinen traurig, Herr Graf?

Moor. Die Worte der Liebe machen auch meine Liebe lebendig.

Amalia blaß. Was? Sie lieben eine andre? – Weh mir, was hab ich gesagt?

Moor. Sie glaubte mich tod, und blieb treu dem Todgeglaubten – sie hörte wieder, ich lebe, und opferte mir die Krone einer Heiligen auf. Sie weis mich in Wüsten irren und im Elend herumschwärmen, und ihre Liebe fliegt durch Wüsten und Elend mir nach. Auch heißt sie Amalia wie Sie, gnädiges Fräulein.

Amalia. Wie beneid ich ihre Amalia!

Moor. Oh sie ist ein unglückliches Mädgen, ihre Liebe ist für einen, der verlohren ist, und wird – ewig niemals belohnt.

Amalia. Nein, sie wird im Himmel belohnt. Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich wiedererkennen?

Moor. Ja, eine Welt, wo die Schleyer hinwegfallen, und die Liebe sich schröklich wiederfindet – Ewigkeit heißt ihr Name – meine Amalia ist ein unglückliches Mädgen.

Amalia. Unglücklich, und Sie lieben?

Moor. Unglücklich, weil sie mich liebt! wie, [160] wenn ich ein Todschläger wäre? wie mein Fräulein? wenn ihr Geliebter ihnen für jeden Kuß einen Mord aufzählen könnte? wehe meiner Amalia! Sie ist ein unglückliches Mädchen.

Amalia froh aufhüpfend. Ha! wie bin ich ein glükliches Mädgen! Mein einziger ist Nachstrahl der Gottheit, und die Gottheit ist Huld und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt er leiden sehen – Seine Seele ist so fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mittag von der Mitternacht ist.

Moor kehrt sich schnell ab, in ein Gebüsch, blikt starr in die Gegend.

Amalia singt und spielt auf der Laute.

Willst dich Hektor ewig mir entreissen,
Wo des Anaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schröklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?

Moor nimmt die Laute stillschweigend und spielt.

Theures Weib, geh, hol die Todeslanze! –
Laß – mich fort – zum wilden Kriegestanze –


Er wirft die Laute weg, und flieht davon.
[161]
Fünfte Scene.
Nahgelegener Wald. Nacht.
Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte.
Die Räuberbande gelagert auf der Erde.
Die Räuber singen.


Stehlen, morden, huren, balgen

Heißt bey uns nur die Zeit zerstreun,
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig seyn.

Ein freyes Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne.
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bey Sturm und Wind handthieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Merkurius ist unser Mann,
Der’s Prakticiren treflich kann.

Heut laden wir bey Pfaffen uns ein,
Bey masten Pächtern morgen,
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.

Und haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,

So machen wir uns Muth und Kraft,
[162]
Und mit dem Schwarzen Brüderschaft,

Der in der Hölle bratet.

Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezetter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus für unsre Trommelhaut!

Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber umfallen wie Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.

Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen,
So haben wir halt unsern Lohn,
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlükchen auf den Weg von heissen Traubensohn

Und hura rax dax! gehts, als flögen wir davon.

Schweizer. Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!

Razmann. Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bey uns einzutreffen.

Schweizer. Wenn ihm leides geschehen wäre – Kameraden! wir zünden an und morden den Säugling.

Spiegelberg nimmt Razmann beyseite. Auf ein Wort, Razmann.

[163] Schwarz zu Grimm. Wollen wir nicht Spionen ausstellen?

Grimm. Laß du ihn! Er wird einen Fang thun daß wir uns schämen müssen.

Schweizer. Da brennst du dich, beym Henker! Er gieng nicht von uns wie einer der einen Schelmenstreich im Schild führt. Hast du vergessen, was er gesagt hat als er uns über die Hayde führte? – „Wer nur eine Rube vom Acker stiehlt, daß ichs erfahre läßt seinen Kopf hier, so wahr ich Moor heiße.“ – Wir dörffen nicht rauben.

Razmann leise zu Spiegelberg. Wo will das hinaus – rede deutscher.

Spiegelberg. Pst! Pst! – Ich weis nicht, was du oder ich für Begriffe von Freyheit haben, daß wir an einem Karrn ziehen, wie Stiere, und dabey wunderviel von Independenz deklamiren – Es gefällt mir nicht.

Schweizer zu Grimm. Was wol dieser Windkopf hier an der Kunkel hat?

Razmann leise zu Spiegelberg. Du sprichst vom Hauptmann? –

Spiegelberg. Pst doch! Pst! – Er hat so seine Ohren unter uns herumlauffen – Hauptmann sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns gesezt, oder hat er nicht diesen Titel usurpirt, der von rechtswegen mein ist? – Wie? legen wir darum unser Leben auf Würffel – baden [164] darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am End noch von Glük sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu seyn? – Leibeigenen da wir Fürsten seyn könnten? – Bey Gott! Razmann – das hat mir niemals gefallen.

Schweizer Zu den andern. Ja – du bist mir der rechte Held, Frösche mit Steinen breit zu schmeissen – Schon der Klang seiner Nase, wenn er sich schneuzte könnte dich durch ein Nadelöhr jagen –

Spiegelberg zu Razmann. Ja – Und Jahre schon dicht’ ich darauf: Es soll anders werden. Razmann – wenn du bist wofür ich dich immer hielt – Razmann. – Man vermißt ihn – gibt ihn halb verloren – Razmann – Mich deucht, seine schwarze Stunde schlägt – wie? Nicht einmal röther wirst du, da dir die Gloke zur Freyheit läutet? Hast nicht einmal so viel Muth, einen kühnen Wink zu verstehen?

Razmann. Ha, Satan! worinn verstrikst du meine Seele?

Spiegelberg. Hats gefangen? – Gut! so folge. Ich habe mirs gemerkt, wo er hinschlich – Komm! Zwey Pistolen fehlen selten, und dann – so sind wir die erste die den Säugling erdrosseln. Er will ihn fortreissen.

Schweizer Zieht wütend sein Messer. Ha Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die Böhmischen Wälder! – Warst du nicht die Memme die anhub [165] zu schnadern, als sie riefen: Der Feind kommt? Ich hab damals bey meiner Seele geflucht – fahr hin Meuchelmörder Er sticht ihn Tod.

Räuber In Bewegung. Mordjo! Mordjo! – Schweizer – Spiegelberg – Reißt sie auseinander –

Schweizer Wirfft das Messer über ihn. Da! – Und so krepier du – Ruhig Kameraden – Laßt euch den Bettel nicht unterbrechen, – Die Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen, und hat keine Narbe auf ihrer ganzen Haut – Noch einmal, gebt euch zufrieden – ha! über den Raker – von hinten her will er Männer zu schanden schmeissen? Männer von hinten her! – Ist uns darum der helle Schweiß über die Baken gelauffen, daß wir aus der Welt schleichen wie Hundsvötter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch gebettet, daß wir zulezt wie Ratten verreken?

Grimm. Aber zum Teufel – Kammerad – was hattet ihr mit einander? – Der Hauptmann wird rasend werden.

Schweizer. Dafür laß mich sorgen – Und du heilloser zu Razmann du warst sein Helfershelfer, du! – Pak dich aus meinen Augen – der Schufterle hats auch so gemacht; aber dafür hängt er izt auch in der Schweiz, wies ihm mein Hauptmann prophezeyt hat – Man schießt.

[166] Schwarz aufspringend. Horch! ein Pistolschuß! Man schießt wieder. Noch einer! Holla! Der Hauptmann!

Grimm. Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schiessen Man hört noch einen Schuß.

Schwarz. Er ists! – Isto! – Salvier dich, Schweizer – laßt uns ihm antworten.

Sie schiessen.     
Moor. Kosinsky treten auf.

Schweizer. ihnen entgegen. Sey willkommen mein Hauptmann – Ich bin ein bischen vorlaut gewesen seit du weg bist Er führt ihn an die Leiche. Sei du Richter zwischen mir und diesen – von hinten hat er dich ermorden wollen.

Räuber Mit Bestürzung. Was? Den Hauptmann?

Moor. In den Anblik versunken, bricht heftig aus. O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! – Wars nicht dieser, der mir das Sirenenlied trillerte? – Weihe dis Messer der dunklen Vergelterin! – das hast du nicht gethan Schweizer.

Schweizer. Bey Gott! ich habs warlich gethan, und es ist beim Teufel nicht das schlechtste, was ich in meinem Leben gethan habe geht unwillig ab.

Moor Nachdenkend. Ich verstehe – Lenker im Himmel – ich verstehe – die Blätter fallen von [167] den Bäumen – und mein Herbst ist kommen – Schafft mir diesen aus den Augen Spiegelbergs Leiche wird hinweg getragen.

Grimm. Gib uns Ordre Hauptmann – was sollen wir weiter thun?

Moor. Bald – bald ist alles erfüllet – Gebt mir meine Laute – Ich habe mich selbst verloren, seit ich dort war – Meine Laute sag ich – Ich muß mich zurük lullen in meine Krafft – verlaßt mich.

Räuber. Es ist Mitternacht Hauptmann.

Moor. Doch warens nur die Tränen im Schauspielhauß – den Römergesang muß ich hören, daß mein schlafender Genius wieder aufwacht – Meine Laute her – Mitternacht sagt ihr?

Schwarz. Wohl bald vorüber. Wie Bley liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.

Moor. Sinkt denn der Balsamische Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet er mich? Ich bin nie ein Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl – Legt euch schlafen – Morgen am Tage gehen wir weiter.

Räuber. Gute Nacht Hauptmann Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein.

[168]
Tiefe Stille.
Moor. Nimmt die Laute und spielt.
Brutus.

Sey willkommen friedliches Gefilde,
 Nimm den Lezten aller Römer auf,
Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte
 Schleicht mein Gram gebeugter Lauf.
Kaßius, wo bist du? – Rom verloren!
 Hingewürgt mein brüderliches Heer,
Meine Zuflucht zu des Todes Thoren!
 Keine Welt für Brutus mehr.

Cesar.

Wer mit Schritten eines Niebesiegten
 Wandert dort vom Felsenhang? –
Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten?
 Das ist eines Römers Gang. –
Tybersohn – von wannen deine Reise?
 Dauert noch die Siebenhügelstadt?
Offt geweinet hab ich um die Wayse,
 Daß sie nimmer einen Cesar hat.

Brutus.

Ha! du mit der drei und zwanzigfachen Wunde!
 Wer rief Toder dich an’s Licht?

[169]

Schaudre rükwärts, zu des Orkus Schlunde,
 Stolzer Weiner! – Triumfire nicht!
Auf Philippis eisernem Altare
 Raucht der Freiheit leztes Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus Bahre,
 Brutus geht zu Minos – Kreuch in deine Flut!

Cesar.

O ein Todesstoß von Brutus Schwerde!
 Auch du – Brutus – du?
Sohn – es war dein Vater – Sohn – die Erde
 Wär gefallen dir als Erbe zu,
Geh – du bist der gröste Römer worden,
 Da in Vaters Brust dein Eisen drang,
Geh – und heul es biß zu jenen Pforten:
Brutus ist der gröste Römer worden
 Da in Vaters Brust sein Eisen drang;
Geh – du weists nun was an Lethes Strande
 Mich noch bannte –
Schwarzer Schiffer stoß vom Lande!

Brutus.

Vater halt! – Im ganzen Sonnenreiche
 Hab ich Einen nur gekannt,
Der dem großen Cesar gleiche
 Diesen Einen hast du Sohn genannt.
Nur ein Cesar mochte Rom verderben
 Nur nicht Brutus mochte Cesar stehn.

[170]

Wo ein Brutus lebt muß Cesar sterben,
 Geh du linkswärts, laß mich rechtswärts gehn.

Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder.

Wer mir Bürge wäre? – – Es ist alles so finster – verworrene Labyrinthe – kein Ausgang – kein leitendes Gestirn – wenns aus wäre mit diesem lezten Odemzug – Aus wie ein schaales Marionetenspiel – Aber wofür der heise Hunger nach Glückseligkeit? Wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit? Das Hinausschieben unvollendeter Plane? – wenn der armselige Druk dieses armseligen Dings Die Pistole vors Gesicht haltend. den Weisen dem Thoren – den Feigen dem Tapfern – den Edlen dem Schelmen gleich macht? – Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünfftigen seyn? – Nein! Nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht glüklich gewesen.

Glaubt ihr, ich werde zittern? Geister meiner Erwürgten! ich werde nicht zittern. Heftig zitternd. – Euer banges Sterbegewinsel – euer schwarzgewürgtes Gesicht – eure fürchterlich klaffenden Wunden sind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals, und hängen zulezt an meinen Feyerabenden, an den Launen meiner Armen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, [171] am Blut meiner Mutter – von Schauer geschüttelt. Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, daß die Menschheit in meinem glühenden Bauche bratet?

Er sezt die Pistolen an. Zeit und Ewigkeit – gekettet aneinander durch ein einzig Moment! – Grauser Schlüssel, der das Gefängniß des Lebens hinter mir schließt, und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht – sage mir – o sage mir – wohin – wohin wirst du mich führen? – Fremdes, nie umsegeltes Land! – Siehe, die Menschheit erschlappt unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasey, der muthwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor – Nein! Nein! Ein Mann muß nicht straucheln – Sei wie du willst namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu – Sei wie du willt, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme – Außendinge sind nur der Anstrich des Manns – Ich bin mein Himmel und meine Hölle.

Wenn Du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis allein liessest, den Du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht, und die ewige Wüste meine Aussichten sind? – Ich würde dann die schweigende Oede mit meinen Phantasien bevölkern, und hätte die Ewigkeit zur Muße, das [172] verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern. – Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schaupläze des Elends von Stufe zu Stufe – zur Vernichtung – führen? Kann ich nicht die Lebensfäden, die mir jenseits gewoben sind so leicht zerreissen wie diesen? – Du kannst mich zu nichts machen – Diese Freyheit kannst du mir nicht nehmen Er lädt die Pistole. Plözlich hält er inn. Und soll ich für Furcht eines qualvollen Lebens sterben? – Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? – Nein! ich wills dulden Er wirft die Pistole weg. Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich wills vollenden.

Es wird immer Finstrer.
Herrmann. Der durch den Wald kommt.

Horch! Horch! grausig heulet der Kauz – zwölf schlägts drüben im Dorf – wohl, wohl – das Bubenstük schläft – in dieser Wilde kein Lauscher. Trit an das Schloß und pocht. Komm herauf, Jammermann, Thurmbewohner! – Deine Mahlzeit ist bereitet.

Moor Sachte zurüktretend. Was soll das bedeuten?

Eine Stimme aus dem Schloß. Wer pocht da? He? Bist dus Herrmann mein Rabe?

Herrmann. Bins Herrmann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß. Eulen schreyen. Fürchterlich [173] trillern deine Schlafkammeraden Alter – dir schmekt?

Die Stimme. Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender fürs Brod in der Wüste! – Und wie gehts meinem lieben Kind, Herrmann?

Herrmann. Stille – Horch – Geräusch wie von schnarchenden! hörst du nicht was?

Stimme. Wie? hörst du etwas?

Herrmann. Den seufzenden Wind-laut durch die Rizen des Thurms – Eine Nachtmusik davon einem die Zähn klappern, und die Nägel blau werden – Horch noch einmal – Immer ist mir, als hört ich ein Schnarchen. – Du hast Gesellschaft, Alter – Hu hu hu!

Stimme. Siehst du etwas?

Herrmann. Leb wohl – leb wohl – Grausig ist diese Stätte – Steig ab ins Loch – droben dein Helfer, dein Rächer – verfluchter Sohn! –

Will fliehen. 

Moor Mit Entsezen hervortretend. Steh!

Herrmann Schreyend. Oh mir!

Moor. Steh, sag ich!

Herrmann. Weh! Weh! Weh! Nun ist alles verrathen!

Moor. Steh! Rede! Wer bist du? Was hast du hier zu thun? Rede!

Hermann. Erbarmen o Erbarmen gestrenger Herr! – Nur ein Wort höret an, eh ihr mich umbringt.

[174] Moor[WS 5] Indem er den Degen zieht. Was werd ich hören?

Herrmann. Wohl habt ihr mirs beym Leben verboten – Ich konnt nicht anders – durft nicht anders – im Himmel ein Gott – euer leiblicher Vater dort – mich jammerte sein – Stecht mich nieder.

Moor. Hier stekt ein Geheimniß – heraus! Sprich! Ich will alles wissen.

Die Stimme aus dem Schloß. Weh! Weh! Bist dus Herrmann der da redet? Mit wem redst du Herrmann?

Moor. Drunten noch jemand. – Was geht hier vor? Läuft dem Thurme zu. Ists ein Gefangener, den die Menschen abschüttelten? – Ich will seine Ketten lösen. – Stimme! noch einmal! wo ist die Thüre?

Herrmann. O habt Barmherzigkeit Herr – dringt nicht weiter, Herr – geht aus Erbarmen vorüber Verrennt ihm den Weeg.

Moor. Vierfach geschlossen! Weg da – Es muß heraus – Izt zum erstenmahl komm mir zu Hülfe, Dieberey, Er nimmt Brechinstrumente, und öffnet das Gitterthor. Aus dem Grunde steigt ein Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.

Der Alte. Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!

Moor Springt erschrocken zurück. Das ist meines Vaters Stimme!

[175] D. a. Moor. Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.

Moor. Geist des alten Moors! Was hat dich beunruhigt in deinem Grab? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die der den Eingang in die Pforten des Paradises verrammelt? Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heymath zu senden. Hast du das Gold der Wittwen und Waysen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternächtlichen Stunde heulend herumtreibt, ich will den unterirrdischen Schaz aus den Klauen des Zauberdrachen reissen, und[WS 6] wenn er tausend rothe Flammen auf mich speyt, und seine spizen Zähne gegen meinem Degen blekt, oder kommst du auf meine Fragen die Räthsel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht.

D. a. Moor. Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, oh ein elendes erbärmliches Leben!

Moor. Was? Du bist nicht begraben worden?

D. a. Moor. Ich bin begraben worden – das heißt: ein toder Hund ligt in meiner Väter Grufft; und ich – drey volle Monde schmacht ich schon in diesem finstern unterirrdischen Gewölbe, von keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen, und mitternächtliche Uhus heulen –

[176] Moor. Himmel und Erde! Wer hat das gethan?

D. a. Moor. Verfluch ihn nicht! – Das hat mein Sohn Franz gethan.

Moor. Franz? Franz? Oh ewiges Chaos!

D. a. Moor. Wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben – drey Monden schon hab ichs tauben Felsenwänden zugewinselt; aber ein hohler Wiederhall äffte meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast.

Moor. Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen!

D. a. Moor. Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte zu sammeln, so führte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgeborner sey gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwerd, gefärbt mit seinem Blut, und sein leztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf und Tod und Verzweifflung.

Moor Heftig von ihm abgewandt. Es ist offenbar!

D. a. Moor. Höre weiter! ich ward unmächtig bey der Bottschaft. Man mus mich für tod gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und ins Leichentuch [177] gewickelt wie ein Toder. Ich krazte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgethan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir, – Was? rief er mit entsezlicher Stimme, willst du denn ewig leben? – und gleich flog der Sargdekel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt, als ich wieder erwachte, fühlt ich den Sarg erhoben und fortgeführt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geöffnet – ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwerd von Karln gebracht hatte – zehnmal umfaßt ich seine Knie, und bat und flehte, und umfaßte sie und beschwur – das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein Herz – hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt, und hinab ward ich gestosen ohn Erbarmen, und mein Sohn Franz schlos hinter mir zu.

Moor. Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.

D. a. Moor. Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Noth. Auch hat keines Menschen Fustritt je diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher [178] Stunde ihr Todenlied raunen. Endlich hört ich die Thür wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir Brod und Wasser, und entdekte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurtheilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr seze, wenn es herauskäm, daß er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost – die faule Luft meines Unraths, – der gränzenlose Kummer – meine Kräffte wichen, mein Leib schwand, tausendmal bat ich Gott mit Tränen um den Tod, aber das Maas meiner Strafe mus noch nicht gefüllet seyn – oder mus noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht – Mein Karl! mein Karl! – und er hatte noch keine graue Haare.

Moor. Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr trägen fühllosen Schläfer! Auf! will keiner erwachen? Er thut einen Pistolschuß über die schlafenden Räuber.

Die Räuber aufgejagt. He, holla! holla! was gibts da?

Moor. Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde wach worden seyn! Schaut her, schaut her! die Geseze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwey, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.

[179] Die Räuber.[WS 7] Was sagt der Hauptmann!

Moor. Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! – der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich – worüber die Sünde roth wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Aeonen kein Teufel gekommen ist. – Der Sohn hat seinen eigenen Vater – oh seht her, seht her! er ist in Unmacht gesunken, – in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater – Frost, – Blöse, – Hunger, – Durst – oh seht doch, seht doch! – es ist mein eigner Vater, ich wills nur gestehn.

Die Räuber springen herbey und umringen den Alten. Dein Vater? dein Vater?

Schweizer tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füsse! du hast über meinen Dolch zu befehlen.

Moor. Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreis ich von nun an auf ewig das brüderliche Band, er zerreißt sein Kleid von oben an bis unten. So verfluch ich jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antliz des offenen Himmels! Höre mich Mond und Gestirne! Höre mich mitternächtlicher Himmel! der du auf die Schandthat herunterbliktest! Höre mich dreymalschröcklicher Gott, der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, [180] und feuerflammt über der Nacht! Hier knie ich – hier strek ich empor die drey Finger in die Schauer der Nacht – hier schwör ich, und so speye die Natur mich aus ihren Gränzen wie eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verleze, schwör ich das Licht des Tages nicht mehr zu grüssen, bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft.

Er steht auf. 

Die Räuber. Es ist ein Belials Streich! Sag einer, wir seyen Schelmen! Nein bey allen Drachen! So bund haben wirs nie gemacht!

Moor. Ja! und bey allen schröcklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche sturben, derer, die meine Flamme fraß und mein fallender Thurm zermalmte, – eh soll kein Gedanke von Mord oder Raub Plaz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des verruchten Blute scharlachroth gezeichnet sind – das hat euch wol niemals geträumet, daß ihr der Arm höherer Majestäten seyd? der verworrene Kneul unsers Schicksals ist aufgelößt! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet an vor dem, der euch dis erhabene Loos gesprochen, der euch hieher geführt, der euch gewürdiget hat die schröckliche Engel seines finstern Gerichtes zu seyn! Entblöset eure Häupter! Kniet hin in den Staub, und stehet geheiliget auf! sie knien.

[181] Schweizer. Gebeut Hauptmann! was sollen wir thun?

Moor. Steh auf Schweizer! und rühre diese heilige Locken an! er führt ihn zu seinem Vater und gibt ihm eine Locke in die Hand. Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reuter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zukte, und ich athemlos und erschöpft von der Arbeit in die Knie gesunken war? dazumal verhies ich dir eine Belohnung, die königlich wäre, ich könnte diese Schuld bisher niemals bezahlen, –

Schweizer. Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig meinen Schuldner nennen!

Moor. Nein, itzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden wie du! – Räche meinen Vater! Schweizer steht auf.

Schweizer. Grosser Hauptmann! Heut hast du mich zum erstenmal stolz gemacht! – Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn schlagen?

Moor. Die Minuten sind geweiht, du must eilends gehen – lies dir die würdigsten aus der Bande, und führe sie gerade nach des Edelmanns Schloß! zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft, oder in den Armen der Wollust ligt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß ihn vom Krucifix, wenn er betend vor ihm auf den Knien ligt! Aber ich sage dir, ich schärf es dir hart ein, [182] liefr’ ihn mir nicht tod! dessen Fleisch will ich in Stücken reissen, und hungrigen Geyern zur Speise geben, der ihm nur die Haut rizt, oder ein Haar kränkt! Ganz mus ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frey ausgehn, wie die weite Luft – hast du mich verstanden, so eile davon!

Schweizer. Genug Hauptmann – Hier hast du meine Hand darauf: Entweder, du siehst zwey zurückkommen, oder gar keinen. Schweizers Würgengel kommt ab mit einem Geschwader.

Moor. Ihr übrigen zerstreut euch im Wald – Ich bleibe.

De Schiller Die Räuber Illustration 06.jpg

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Todesblick!: Druckfehler in der Vorlage (Tode blick!) ausgebessert.
  2. Zweyte Scene.: Druckfehler in der Vorlage (Dritte Scene.) ausgebessert.
  3. durch: Druckfehler in der Vorlage (dnrch) ausgebessert.
  4. Vorlage: norastige
  5. Druckfehler Morr aus der Vorlage verbessert.
  6. und: Druckfehler in der Vorlage udd ausgebessert.
  7. Räuber: Druckfehler in der Vorlage (Ränber) ausgebessert.
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