Die Sövenbröderen

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Textdaten
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Autor: Ernst Deecke
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Titel: Die Sövenbröderen
Untertitel:
aus: Lübische Geschichten und Sagen, S. 78–82
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: Carl Boldemann
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Erscheinungsort: Lübeck
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Quelle: Google, Commons
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[78]
44. Die Sövenbröderen.

Um diese Zeit ungefähr lag in der Tilgenstraße ein großes wüstes Haus: da war es nicht ganz richtig, denn man hörte bei nächtlicher Weil ein Seufzen, Stöhnen, Heulen und Zähnklappen darin und sah helle Flammen aufschlagen, so daß man’s nur die Hölle nannte. Ein ehrlicher Mann aber, der zu des Raths Reitern gehörte und im Kampf mit den Straßenräubern sich tapfer bezeigt, hatte auf einem Schloß, das die Lübschen zerstört, sieben unschuldige Knäblein gefunden und an sich genommen, die man nur die Sövenbröderen (sieben Brüder) hieß, weil man’s nicht anders wußte. Dem gab Ein Rath das Haus ein, damit er die Knaben in Ehren erziehn und zu ehrlichen Dienern und Gesellen machen sollte. Da hörte zwar der Höllenspuk auf; aber weil sie Tag aus Tag ein mit Reiten und Turnieren, Hauen und Stechen umgingen, war das Getös eben so arg denn zuvor, daß man’s darum ferner die Hölle hieß.

Nun war nebenan auch ein sehr großes Haus, das einem Rathsherrn gehörte, welcher in der Stadt Geschäften lange Jahre abwesend war. Dem hatte sein Weib sieben Töchter verlassen, da sie starb; die ließ er durch eine treue Schaffnerin aufziehn und hatte sie einem alten Priester befohlen. Dieser aber war geizig und trachtete [79] danach, wie er des Rathsherrn große Güter der Kirche zuwenden möchte. Er wollte deßhalb, daß die sieben Mädchen geistlich beschlossene Jungfern würden, und übte sie ohn Aufhören in allerlei Gottesdienst, daß man sie allezeit nur singen und beten hörte. Davon hieß das Haus Himmelreich. Damit aber die guten Kinder nicht weltlich würden, ließ der Priester ihre Wohnung fest verwahren, und sie nur in einem Rosengarten spazieren gehn, den er mit einer hohen Mauer verschließen lassen. Da hörten sie nun den Lärm in der Hölle.

Es ging aber an der Mauer ein schöner starker Rosenstock in die Höhe, in dem wilde Tauben nisteten. Die machten den Mörtel los, daß eines Tages ein Stein hinabfiel, und eine Oeffnung entstand, dadurch man sehn konnte, wie es in der Hölle zuging. Das jüngste Mägdlein aber war neugierig, und sah heimlich durch. Da saßen die sieben Brüder still im Grünen, denn sie mußten jeglicher auf sein Glück hinausziehn und sich in der Welt was versuchen, und waren traurig, daß sie einander verlassen sollten; aber es mochte nicht anders sein. Nun winkt das Mägdlein seinem Geschwister und zeiget’s ihnen; sie alle aber haben ihr Gefallen daran, rufen die Gesellen zu sich und verehren jeglichem einen schönen Goldpfennig mit ihres Geschlechtes Waffen. Danach gingen sie zurück, weil der Priester kam; aber so viel sie auch weiterhin Verlangen trugen, die Reiter wieder zu sehn, gab es [80] ihnen Gott doch nicht. Denn diese waren am anderen Morgen früh in alle Winde fortgezogen: die Jungfern aber blieben beschlossen wie zuvor.

Die Sövenbröderen aber, wie sie sich genannt, weil sie ihren eigentlichen Namen nicht gewußt, dienten als ehrliche Kriegsmänner in Reußland, Polen, Welschland, Frankreich, Hispanien und Engelland, und wurden angesehene Hauptleute in verschiedenen Städten und Reichen. Nun traf es sich, daß ein großer Schluß und mächtiges Verbündniß gegen die Räuber gemacht werden sollte, wozu die meisten Länder und Oerter ihre Verordneten nach Brügge geschickt. Wie der Tag nun gehalten wird, treten sämtliche sieben Brüder in ihrer Rüstung und Zier auf; da sich denn befunden, daß sie von ihren Fürsten und Herren gen Brügge verordnet sind, um der Sachen dort auf’s beste wahrzunehmen. Da war die Freude groß, und des Erzählens viel; es trug aber jeglicher von ihnen das Mägdlein heimlich im Herzen, welches ihm daheim zu Lübeck den Goldpfennig verehrt.

Der lübische Rathsherr nun, welcher dem Contor der Hansischen zu Brügge vorgestanden, war jener Mägdlein Vater; und verwundert sich höchlich, wie er seines Geschlechtes Waffen von ihrem Hals hängen sieht, da sie den Goldpfennig an einer güldnen Kette, die sie sich ehrlich erworben, getragen. Er tritt also zu ihnen, fragt sie höflich, thut sich ihnen auch kund, und erfährt, wie sich alles begeben.

[81] Deß ist er hocherfreut, und zweifelt nicht lange, was er anrichten müsse. Weil seine Zeit, da er außen bleiben sollen, um war, und ohnedieß die gute Stadt Lübeck täglich tapferer Hauptleute bedürftig, bittet er sie, mit ihm zu reisen: er wolle sie schon versorgen. Als er aber angekommen, läßt er sie ohne alles Geräusch in die Hölle ziehn, nimmt jedoch von ihnen die Goldpfennige samt den güldnen Kettlein, mit Verabredung was sie thun sollen, und zieht in sein Haus.

Da nun seine Töchter groß und schön geworden, und er sie eines guten Mannes werth geachtet, dankt er dem frommen Priester alsbald und verehrt ihm ein großes Gut für seine Kirche. Dann geht er in den Rosengarten, als wenn er alles besehn wollen, merkt fleißig auf das Löchlein in der Mauer, das inmittels um ein Ziemliches größer worden, und erzählt den Kindern: wie es ihm begegnet, daß er auf einmal sieben gefährliche Räuber gefangen, deren jeglicher zu seiner nicht geringen Bestürzung einen Goldpfennig mit ihres Geschlechtes Waffen an einem güldenen Kettlein vom Hals getragen; die nun hätte er ihnen zum Geschenk mitgebracht.

Die Töchter sehn die Pfennige an und sind verwirrt; außer der jüngsten, die sich alsbald heimlich an die Mauer macht und durch den Riß guckt: – da sitzen die sieben im Gras, wie vor Jahren am Tag ihres Abschieds: die sind denn wohl gefangen gewesen.

[82] Also ist die Hölle in ein Himmelreich verwandelt, denn die Ehen werden im Himmel geschlossen.

Die Sövenbröderen aber haben in den beiden großen Häusern bei einander gewohnt lange Jahre. Drei derselben sind nach einander zu Rath gekoren, als: Herr Rikbade, Herr Volquin und Herr Segebade, und haben der Stadt große Dienste geleistet: aber alle, außer dem jüngsten, sind unbeerbt verstorben. Dessen einer Sohn hat auch zu Rath gesessen, und ist der letzte seines Geschlechts in Lübeck gewesen; der andere ist Bischof in Schleswig geworden.

Bemerkung

[390] Als erster dieses Geschlechts wird hier Wichard um 1227 genannt. Rabodo und Volquin saßen im 13. Jahrh. zu Rath. Die letzten S. scheinen im 14. Jahrh. sich nach Hamburg gewandt zu haben. Die Sage nach mündlicher Ueberlieferung, besonders aber schriftlicher Privatverzeichnung.