Die Sagen von dem Geldkeller auf dem Löbauer Berge

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die Sagen von dem Geldkeller auf dem Löbauer Berge
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 177-182
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[177]
784) Die Sagen von dem Geldkeller auf dem Löbauer Berge.

Nr. I mitgetheilt von Julius Schanz. Nr. II v. Pescheck b. Büsching, Wöchentl. Nachr. f. Freunde d. Gesch. Bd. II. S. 105. sq. u. b. Borott a. a. O. S. 39 sq. Nr. III bei Büsching Bd. III S. 337. sq. Daraus von Willkomm im Leipz. Generalanz. 1845 Nr. 1. Preusker, Blicke in die Vaterl. Vorz. Th. I S. 78. sq. Nr. IV b. Gräve S. 108 sq. S. a. Winter in d. Const. Zeit. 1854 Nr. 24. sq.

I. Von der höchsten Spitze des Löbauer Berges führt nach Norden der sogenannte Prinzensteig an einem Felsen vorbei, der im Volke allgemein der Geldkeller genannt wird[1]. Das Thor desselben ist geschlossen und nur an hohen Festtagen und zu bestimmten Stunden war es Einzelnen vergönnt, in’s Innere der Höhle zu treten und sich dort Schätze zu holen. Einst sollen arme Kinder hier Holz gesammelt und eine von ihnen noch nie bemerkte Höhle gesehen haben. Neugierig kletterten sie an den Rand derselben, um hineinzublicken. Da entführte der Wind den Hut des einen Kindes in das Innere der Höhle und dieses jagte ihm keck nach, um ihn zu erhaschen. Plötzlich sieht es sich vor einer schwarzbehangenen Tafel, an der ernste und bleiche Männer sitzen, welche mächtige Haufen Geldes zählen. Freundlich winken sie dem zitternden Knaben und geben ihm seinen verlorenen Hut mit Gold gefüllt zurück. Er verläßt die Höhle und eilt mit seinem Schatz nach Hause. Umsonst suchte man später nach dem Eingange derselben, er aber ist verschlossen und hat sich nie wieder geöffnet. Im Volke ist der Glaube verbreitet, daß verstorbene Bürgermeister von Löbau in dem Felsen einen Schatz hüten, mit dem sie die Stadt einst, wenn sie in Noth ist, unterstützen werden.

[178] II. Zwei Knaben spielten einst auf dem Löbauer Berge und zwar in der Gegend des sogenannten Geldkellers. Dem einen von ihnen entnahm der Wind sein leichtes Strohhütchen und führte es in die Tiefe einer Felsenkluft. Der Knabe weinte und schrie, doch dadurch gelangte er immer noch nicht wieder zu seinem Eigenthum. Aus Furcht vor Strafe, die er mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten hatte, wenn er ohne sein Hütchen nach Hause kehren wollte, gab er sich nun alle mögliche Mühe, es wieder aufzufinden, kletterte und kroch von einem Steine auf den andern und gelangte endlich in die Tiefe der Kluft, ohne aber sein liebes Hütchen ausfindig zu machen. Jetzt entdeckte er eine in den Fels hineingehende Höhle, hier glaubte er nun das Gesuchte finden zu müssen und gerieth so, ohne daß er es dachte, von Tiefe zu Tiefe, bis sich endlich ein ungeheuerer und weiter Felsenkeller seinen staunenden Blicken eröffnete. Hier sah er nun zwar immer wieder noch nichts von seinem Hütchen, wohl aber erblickte er eine ganze Gesellschaft Herren, die um einen großen Tisch herumsaßen und zu spielen schienen, kein lautes Wort aber von sich hören ließen. Im Hintergrunde des Kellers aber standen ganz unermeßliche Braupfannen voll von blanken Thalern und Goldstücken. Die stummen Herren winkten dem Knaben freundlich, sich von den aufgehäuften Schätzen zu nehmen und einzustecken; doch ein gräßlich feuerschnaubender Hund vertrat ihm furchtbar den Weg, daß er fast allen Muth verlor; von Neuem aber winkten die Herren und der furchtbare Hund zog sich etwas zurück. Auf dringendes und wiederholtes freundliches Zureden wagte es endlich der Knabe, sich heranzuschleichen, ging dann hart bei dem Hunde vorbei, so daß er fast über ihn hinwegsteigen mußte und steckte sich von den blanken Thalern und Goldstücken so viel ein, als nur in seinen kleinen Taschen Platz hatte. Nun schon dreister gemacht, da Alles ohne Gefahr für ihn abgelaufen war, machte er sich auf den Rückweg, der ihm auch weder von dem feuerschnaubenden Hunde noch von den stummen Herren an dem großen runden Tische streitig gemacht wurde. Froh über sein [179] unverhofftes Glück, das ihm statt seines strohenen Hütchens einen so großen Schatz finden ließ, stieg er nun wieder in der Felsenkluft empor, war ohne viele Mühe und ehe er es dachte, wieder oben auf dem Berge und eilte darauf mit seiner Baarschaft vergnügt nach Hause. Der andere Knabe, der mit diesem auf dem Berge war, hatte mit Ungeduld auf die Rückkunft seines Gesellen aus der Felsenkluft geharrt und beinahe schon gefürchtet, daß er wohl unglücklich gewesen sein könne. Doch als er ihn nun, nicht nur gesund und wohlbehalten, sondern sogar mit reichen Schätzen beladen, wiederkehren sah, und es obendrein diesen erzählen hörte, wie leicht und ohne Gefahr er dazu gelangt sei, so stieg auch in ihm der Gedanke auf, sein Glück bei jenen unterirdischen Schatzmeistern zu versuchen. Um auf ähnliche Art sich einen Weg dahin zu bahnen oder wohl gar seine Ankunft in jenem Unterreiche zu verkünden, warf er absichtlich sein Hütchen in die Felsenkluft hinab. Endlich nach langem beschwerlichen und gefährlichen Klettern gelang es auch ihm, den Eingang in den beschriebenen unterirdischen Felsenkeller wirklich zu entdecken. Doch nicht so günstig war sein Empfang, wie er nur kurz zuvor seinem Genossen zu Theil geworden war. Denn mit bösen und zürnenden Mienen sahen ihn die stummen Herren an dem großen runden Tische an und bedrohten ihn auf’s Strengste, wenn er es wagen wollte hineinzukommen, auch der feuerschnaubende Hund bewieß ihm schon von Weitem seinen ganzen Grimm. Eiligst und so geschwind als er nur konnte, machte der Knabe daher sich wieder auf die Beine und war nur froh, mit heiler Haut und lebendig davon gekommen zu sein. Nur mit Mühe konnte er aber den Weg rückwärts finden und die steile Höhe wieder erklimmen, von wo er nun noch obendrein ohne Hut nach Hause kehren mußte.

Ueberhaupt hat die Erfahrung gelehrt, daß diejenigen, die diesen Berg mit Willen aufsuchten und ihre Habsucht mit den darinnen befindlichen Schätzen recht geflissentlich zu befriedigen hofften, nie so glücklich waren, die sich zugeeigneten Schätze mit sich nach Hause zu nehmen. Ja ein Löbauer [180] Bürger mußte sogar einst sieben Jahre lang in dem Berge bleiben und in Geduld harren, bis sich ihm der Berg von selbst wieder aufthat, denn aus übergroßer Begierde, sich von den erblickten Schätzen so viel als nur möglich zu eigen zu machen, hatte er ganz vergessen, daß der Berg nur eine Stunde lang offen sei und dann Jahre lang sich ihm zuschließen würde. Gern ließ er dann alle Schätze und die, welche er sich sogar schon zugeeignet hatte, in Stich und war zufrieden, nur seine Freiheit wieder erlangt zu haben.

III. Es begab sich einst, daß eine arme Frau auf dem Löbauer Berge die Thüre des Goldkellers gewahrte, wie sie offen stand. Die Zeit aber, wo solches geschah, war an einem Charfreitag Morgens früh, als man eben vom Chore die Passion absang. Neugierig und hoffend, einen Schatz und somit ihr Glück darin zu finden, so wie schon mancher Anderer vor ihr, ging sie hinein, obschon sie einen größern Schatz, nämlich ihr einziges Kind, auf den Armen trug. Ueberall glänzten ihr gleich hellen Karfunkeln, die Gold-, Silber- und Schaustücke entgegen, die in großen mächtigen Braupfannen links und rechts aufgehäuft dastanden. Niemand aber und nirgend wo war ein Wächter dieser Schätze zu sehen, ein runder Tisch nur stand unfern vom Eingange, und einige Aepfel, so frisch, wie sie nur in Herbstzeit auf den fruchttragenden Bäumen prangen mögen, lagen darauf. Auf diesen Tisch nun setzte sie das Kindlein nieder, damit es spielen möge mit den herrlichen Früchten, sie aber scharrte und sammelte so viel des blanken Geldes und Goldes in ihre Schürze, als sie nur ertragen konnte und trug es fürbaß aus dem Keller hinaus. Alsbald nun kehrte sie wieder um, daß sie auch ihr Kindlein sich nachholen möge, was sie versäumt hatte über dem unterirdischen Mammon. Aber o Jammer! nimmer und nirgends konnte sie jetzt die Thüre des Kellers wieder gewahren, zu der sie doch nur eben hinausgetreten war, und weder Weinen noch Greinen, noch Klagen und Zagen mochten ihr helfen, denn schier nicht eine einzige Spur konnte sie noch wahrnehmen. Gar gern hätte sie nun all’ ihre blanken [181] Schätze, die sie gewonnen, dahin gegeben für den einzigen Schatz, den sie verloren. Und ob sie auch ihr gehabtes Unglück denen anzeigte, die zu Rathe sitzen, so konnten sie ihr doch nicht rathen und helfen, ja alles Nachforschen und Suchen und Graben war sonder Nutzen, so viel dessen auch auf gemeiner Stadt Kosten veranstaltet und vorgenommen werden mochte. Was aber jene schmerzlich betrübte Mutter durch alle ihre Sorgfalt und Mühe nicht zu erlangen vermochte, das konnte Geduld und Zeit ihr gewähren, denn als nun endlich wieder die Zeit der Ostern herbeigekommen war und die Stunde, wo man vom Chore herab die Passion absang, ging das Weib abermals hinaus, die Stelle zu suchen, wo sie vor einem Jahr so glücklich und doch so unglücklich gewesen, und siehe, da öffnete sich mit einem Male wieder jene unterirdische Pforte mit ihren Karfunkeln gleich blitzenden Schätzen. Sie aber, thränend und sehnend, sieht nichts denn ihr Kindlein, das immer noch auf jenem runden Tische sitzend, wohin sie es einst gesetzt, munter spielte mit den frischen Aepfeln und freundlich die Arme ihr entgegenstreckte. Gar gern wählte sie diesmal für alle die todten Schätze den lebenden, doch als sie mit ihm das Sonnenlicht erblickte, erblich das Kind ihr in den Armen[2]. Nach einem andern Berichte hätte jedoch das Kind nur eine dreitägige Ohnmacht befallen, und da ein Jeder an dem Schicksale der unglücklichen Mutter Theil nahm, so habe auch ein wunderthätiger Mann der Gegend davon gehört, es sei ihm gelungen, dem Kinde wiederum Leben und Gesundheit zu schenken und zwar mittelst heilsamer Kräuter, die nicht weit von jenem Goldkeller wuchsen, weshalb auch eine Stelle daselbst bekanntlich der Kräutergarten heißt. Der darauf munter gewordene Knabe war aber nie mehr auf den Berg zu bringen, mochten seine Gespielen auch noch so fröhlich dahin eilen, und als er zum Jüngling herangewachsen und [182] die Mutter verstorben war, ging er in die weite Welt und hat da durch Fleiß und Rechtschaffenheit sein Glück gemacht, mochte aber nie von dem Glück etwas wissen, welches nur durch Schätze in den Geisterbergen und auf ähnliche Art leicht zu erwerben sei.

IV. Nach einer andern Volkssage soll sich der Geldkeller allemal am Johannistage Mittags um 12 Uhr öffnen und sich des Nachts wiederum um dieselbe Stunde schließen. Wer nun zur angeführten Zeit in selbigen eintritt und desselben labyrinthische Gänge durchwandelt, wird an deren Ende Haufen von Gold- und Silbermünzen finden, von denen er sich nach Belieben, so viel er davon will, einstecken kann. Am Johannistage 1516 hatte ein Bauer das Glück, den Eingang geöffnet zu finden, er ging hinein und erblickte mit offenen nüchternen Augen den unermeßlichen Schatz. Zuerst unschlüssig, was er thun oder lassen sollte, entschloß er sich endlich, seine Taschen und Mütze zu füllen und belastet mit der köstlichen Beute den Rückweg anzutreten. Allein vorher schon durch das viele Hin- und Hergehen zweifelhaft gemacht und nunmehr ob seines Glückes trunken, verirrte er sich in den Kreuzgängen und die verhängnißvolle Stunde, mit welcher sich der Eingang schloß, ertönte. Von Grabesnacht umdustert sah sich nun der Arme, Klagen, Rufen und Weinen half nichts, da ihn Niemand hörte. Endlich versank er in einen tiefen Schlaf, aus welchem er erst das kommende Jahr, am Johannistage, wieder erwachte, allein Taschen und Mütze leer fand. Durch Erfahrung klug geworden, wollte er die unterirdische Wanderung nicht wieder von Neuem beginnen, sondern verließ die Höhle ebenso arm, als er sie vor Jahresfrist betreten hatte.


  1. Von unbekannter Hand ist an demselben eine Stelle aus der Bibel, Hiob VII. 9, angeschrieben, welche also lautet: „Eine Wolke vergehet und fähret dahin; also wer in die Hölle hinunter fährt, kommt nicht wieder herauf.“
  2. Ganz ähnliche Sagen knüpfen sich an den vermeintlichen Goldkeller im Kottmarberger und im Falkenberge bei Neustadt bei Stolpen, an die Landskrone in Görlitz und an den Meisengrund bei’m Tollenstein in Böhmen