Die Temperenzbewegung in der nordamerikanischen Union

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Autor: Rudolf Doehn
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Titel: Die Temperenzbewegung in der nordamerikanischen Union
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 683–687
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Plädoyer gegen das Verbot von Alkohol und das Frauenwahlrecht
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[683]

Die Temperenzbewegung in der nordamerikanischen Union.

Es gehört zu den Eigenthümlichkeiten der sonst so praktischen Amerikaner, daß sie von Zeit zu Zeit an sensationellen Bestrebungen der widersinnigsten Art Geschmack finden und sich denselben mit einem Eifer hingeben, der einer bessern Sache würdig wäre. Zu diesen sich regelmäßig wiederholenden Sensationsgelüsten ist nun gegenwärtig die Temperenzbewegung zu rechnen, die seit einiger Zeit in verschiedenen Unionsstaaten Platz gegriffen hat und im öffentlichen Leben hochgehende Wogen aufwirft. Unter Temperenz verstehen aber jenseits des Oceans die Anhänger und Vertheidiger derselben nicht etwa blos ein vernunftgemäßes Maßhalten, also Mäßigkeit im gewöhnlichen Sinne des Wortes, wogegen kein verständiger Mensch etwas einzuwenden haben würde, sondern gänzliche Enthaltsamkeit von allen geistigen Getränken.

Als der eigentliche Herd des Temperenzunwesens dürfen die Neu-Englandstaaten angesehen werden, in denen das engherzige Puritanerthum am meisten in Blüthe steht. Der politische Unabhängigkeitssinn der Puritaner, ihr ausdauernder Fleiß und ihre gewandte Betriebsamkeit sind Tugenden, welche ihnen die unparteiische Geschichte nicht absprechen kann, allein zu diesen Tugenden gesellten sich schon in den ersten Zeiten der Colonialperiode grobe Fehler, so namentlich betrügerische Heuchelei und religiöser Fanatismus, der sich in blutigen Hexenverfolgungen äußerte und den edlen Roger Williams als einen Märtyrer religiöser Freiheit mitten im Winter in die Urwälder trieb.

Da nun im Laufe der Zeit das Yankeethum seine Vertreter in nicht geringer Anzahl auch über die anderen Theile der Union verbreitete, so ist es begreiflich, wenn wir die heuchlerische Temperenzelei und das scheinheilige Muckertum Neu-Englands in den verschiedensten Unionsstaaten Wurzeln schlagen sehen. Im Jahre 1851 gelang es der Temperenzpartei im Staate Maine, [684] die dortige Gesetzgebung so zu beeinflussen, daß sie ein Gesetz annahm, welches den Verkauf berauschender Getränke verbot. Von dieser Zeit an griff die genannte Bewegung immer weiter um sich; es erschienen mehrere ihren Grundsätzen gewidmete Journale, und einige religiöse Secten schlossen sich ihr vollständig an. Vorzüglich waren es ältere, meistens unverheirathete Frauen und frühere Trunkenbolde, welche die Temperenzlehren predigten.

Als einer der hervorragendsten Temperenzapostel jener Zeit kann z. B. ein gewisser Francis Murphy, von Geburt ein Irländer, bezeichnet werden, der weder ein ordentliches Gewerbe gelernt hatte, noch irgendwelche Bildung besaß. Als Trunkenbold und Vagabonde kam er in’s Gefängniß, wo er „innere Selbstschau“ hielt. Nachdem er seine Freiheit wieder erlangt hatte, widmete er sich in den Staaten Maine, New-Hampshire, Iowa, Illinois [685] und Pennsylvanien der Verbreitung von Temperenzlehren. Das Geschäft war lohnend, und so fand er denn auch bald Gehülfen und Nachfolger.

In neuester Zeit, etwa vor einem Jahre, wurde in den Staaten Kansas und Iowa in öffentlicher Abstimmung ein äußerst strenges Temperenzgesetz angenommen, dem gemäß nicht nur das Verschänken und der Verkauf, sondern auch die Zubereitung von Bier, von Branntwein und selbst von Wein, kurz von allen nur irgendwie berauschenden Getränken mit sehr hohen Steuern belegt wurde. In manchen Gegenden sollte es fast zur Unmöglichkeit werden, Bier und Branntwein herzustellen und zu verschänken, da nach dem sogenannten „Local-Option-Gesetz“ in einzelnen Districten oder Ortschaften nicht nur von den stimmberechtigten Männern, sondern auch von Frauen, die das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht hatten [686] sonst aber kein öffentliches Stimmrecht besaßen, darüber abgestimmt wurde, ob überhaupt die Schankgerechtigkeit verliehen werden sollte oder nicht.

In diesem Jahre hat nun die Temperenzbewegnng so große Dimensionen angenommen, wie nie zuvor, weshalb denn auch die beiden großen politischen Parteien der Vereinigten Staaten, die der Republikaner und die der Demokraten, davon nicht unberührt geblieben sind. In einer ganzen Reihe von Staaten, z. B. in Ohio, New-York, Pennsylvanien, Michigan, Illinois, Kansas, Missouri, Indiana, Vermont, Maine und Californien, werden im October und November dieses Jahres wichtige Staatswahlen stattfinden, die mit Recht als Vorläufer der im Jahre 1884 vorzunehmenden Präsidentenwahl angesehen werden. Fast überall kämpft das deutsche Element gegen die Temperenzbewegung; dasselbe wird sich daher von der republikanischen Partei, für die es bis dahin in seiner Mehrzahl einzutreten pflegte, lossagen, sobald diese Partei die Temperenzler unterstützt; es wird, so lange keine dritte große Partei in’s Leben gerufen ist, mit den Demokraten stimmen, wenn diese nur irgendwie ehrenhafte und fähige Candidaten für die öffentlichen Aemter in’s Feld stellen.

Die Temperenzfrage hat nun, wie theilweise schon aus dem Gesagten hervorgehen dürfte, nicht nur eine hohe sittlich-politische Bedeutung, insofern sie die individuelle und municipale Freiheit nahe berührt, sondern sie ist auch von großer finanzieller Wichtigkeit. Suchen wir diesen letzten Punkt durch wohlverbürgte statistische Angaben etwas näher zu begründen!

Die Ausgaben für die Verwaltung der Vereinigten Staaten, ohne die Abzahlung der Zinsen der öffentlichen Schuld der Union, betrugen im Jahre 1879 die Summe von 161,619,934 Dollars; im Jahre 1881 beliefen sie sich auf 178,204,146 Dollars; in dem am 30. Juni 1883 abschließenden Fiscaljahre endlich, für welches der letzte Congreß, der im August dieses Jahres aus einander ging, Verwilligungen gemacht hat, summiren sich die gewöhnlichen Ausgaben, die Zinsen auf die Nationalschuld immer abgerechnet, auf 294,513,639 Dollars. Das sind extravagante Verwaltungskosten, die, statt abzunehmen, stets größer wurden. Zur Bestreitung der für das Jahr 1879 genannten Verwaltungsausgaben zahlten nun die von den Temperenzlern bedrohten Getränke 63,299,605 Dollars; nehmen wir dazu die Eingangszölle etc. auf fremde Biere und Weine, so kommen wir zu einer Summe von mehr als[WS 1] 70 Millionen Dollars; mithin deckten die Steuern und Zölle auf Getränke im Jahre 1879 fast die Hälfte der Administrationskosten der Vereinigten Staaten. Aehnlich verhält sich dies im Jahre 1882, da nach uns vorliegenden officiellen Zahlen die Bierproduction in Amerika ganz bedeutend gestiegen ist. Falls nun die Temperenzbewegung in der ganzen Union siegte, so müßte der dadurch hervorgerufene Ausfall von Steuern durch anderweitige neue Steuern gedeckt werden, obgleich man schon jetzt mit Recht im Volke eine Herabminderung der Steuern verlangt. Aber hiermit nicht genug, auch eine ganze Reihe von Gewerbe- und Productionszweigen würde durch die Temperenzpolitik, wenn sie auch nur in mehreren Einzelstaaten der Union siegte, schwer leiden müssen: die Farmer, welche Gerste, Roggen, Mais, Hopfen, Wein etc. bauen, ferner die zahlreichen Inhaber von Brennereien, Destillerien, Hopfenhandlungen und Mälzereien, die Küfer, die Kupferschmiede, die Messinghändler, die Angehörigen der Baugewerke, der Eisgeschäfte, die Kohlen- und Holzhändler – alle diese Leute und zahllose Arbeiter, die in Brauereien und Brennereien beschäftigt sind, würden durch einen weitgreifenden Sieg der Temperenzler und ihrer Prohibitionspolitik, wenn nicht geradezu brodlos, so doch arg geschädigt werden. Mehr aber noch, als diese finanziellen und materiellen Schäden hat die Beschränkung der individuellen und municipalen Freiheit, hat ferner die Gefährdung der wahren Sittlichkeit durch das Temperenzunwesen zu bedeuten, und dies ist der Hauptgrund, weshalb das deutsche Element in den Vereinigten Staaten die Temperenzbewegung so bitter bekämpft.

Mit Recht sagte der alte, unlängst verstorbene Friedrich Münch, der in den dreißiger Jahren nach Amerika ausgewandert war, sich als Farmer und Weinbauer im Staate Missouri niedergelassen hatte, und während des Secessionskrieges dem Schreiber dieser Zeilen nahe befreundet wurde:

„Ein Volk, welches sich seiner Freiheit rühmt, muß auch bereit sein, den freiheitlichen Grundsatz folgerichtig, nicht etwa nur stückweise, zur Ausführung zu bringen. Der Bürger eines freien Gemeinwesens ist berechtigt, in allem seinem Thun sich selbst zu bestimmen, vorausgesetzt, daß er den Rechten keines Andern zu nahe tritt und daß er seine bürgerlichen Verpflichtungen erfüllt. Gegen die letztere Voraussetzung wird nicht dadurch verstoßen, daß ich mich kleide und bette, daß ich esse und trinke, wie ich will – dies ist allein meine eigene, keines Anderen Sache. Wo bliebe die Folgerichtigkeit und wo wäre die Grenze, wenn in diesen und ähnlichen Dingen der freie Bürger unter Bevormundung gestellt werden sollte? Freilich mag bei dieser Zwanglosigkeit manches Unerwünschte vorkommen, wie Verweichlichung, Prunksucht, Schlemmerei, Trunkenheit etc., aber der äußere Zwang bessert hier nicht das innere Wesen oder die sittliche Gesinnung, woraus unser Handeln fließen soll – er befördert vielmehr nur Heuchelei und heimliche Sünden.“

Und diese Heuchelei, diese heimlichen Sünden sind es gerade, welche die Deutschen in den Vereinigten Staaten gegenwärtig, wie sie es früher bei ähnlichen Gelegenheiten thaten, den Temperenzlern gegenüber bekämpfen, die sich namentlich auf den bigotten, frömmelnden Puritanismus des heuchlerischen Yankeethums stützen. Dazu kommt, daß mit diesem Yankeethum sich auch am liebsten das fremdenhasserische Knownothingthum (Nichtswisserthum) verbindet, welches nichts mehr haßt als den deutschen Freisinn und die deutsche Gradheit. Die Auswüchse der natürlichen Selbstbestimmung sollen und müssen beseitigt werden durch geistige und sittliche Emporhebung des ganzen Volkes, durch vernünftige Bildungs-, Erziehungs- und Unterrichtsanstalten, durch ein veredeltes Familienleben, durch Weckung des Pflichtgefühls, durch jede Art von wohlthätiger Anregung, nicht aber durch unsinnige Zwangsgesetze, welche verbieten wollen, daß man statt Wasser oder Buttermilch einmal ein Glas Wein oder Bier genießt. Eine heuchlerische Frömmigkeit, eine durch Staatsgesetze erzwungene Enthaltsamkeit hat so ganz und gar nichts mit wirklicher Religiosität und Sittlichkeit zu schaffen, da sie vielmehr häufig dazu beiträgt, dem Menschen das letzte Fünkchen gesunder Moral auszulöschen.

Treffend sagt der Berliner Professor Dr. Berner in seiner „Lehre von der Theilnahme am Verbrechen“:

„Wir finden noch täglich eine abergläubisch-pietistische Religiosität Arm in Arm verschlungen mit der größten Nichtswürdigkeit. Lebt doch die giftige Kröte des Pietismus und des Muckerthums nirgends lieber, als in dem versteckten, schlammigen Sumpfe der Unsittlichkeit. Das vernunftstrahlende helle Auge des Geistes, der das Maß der Dinge erkennen und bewahren soll, ist ja durch die dichten Nebel dieser unheimlichen Atmosphäre umnachtet und eine vollständige Erblindung desselben, eine klägliche Verwirrung der Begriffe von gut und böse, von heilig und unheilig ist das nothwendige Resultat eines längern Verweilens in diesen stehenden moralischen Pfützen.“

Eine Illustration zu diesen vielleicht harten, aber jedenfalls wahren Worten des genannten Rechtslehrers an der Universität zu Berlin lieferte in der im Juli dieses Jahres abgehaltenen Staatsconvention der demokratischen Partei in Missouri der frühere Sclavenhalter und heimliche Trunkenbold Henry Clay Dean. In der erwähnten Convention, deren Aufgabe es war, für die bevorstehenden Wahlen eine Principienerklärung abzufassen, kam auch die Temperenzfrage zur Sprache. Alsbald erhob sich ein heftiger Streit darüber, ob diese Frage politischer Natur sei oder ob sie nicht vielmehr dem Bereich der Moral angehöre, womit eine politische Partei als solche nichts zu thun habe.

Die Vertreter der Stadt St. Louis, der großen und reichen Metropole des Mississippithales, in welcher das Deutschthum durch Intelligenz, Handel und Industrie seit Jahren stark vertreten ist, sprachen sich dahin aus, daß man die Temperenzfrage fallen lassen solle, weil jeder Versuch, die Tugend der Mäßigkeit durch Zwangsmaßregeln zu erzwingen, die freiheitliche Basis einer weisen republikanischen Regierung untergrabe.

Da erhob sich der alte, aus dem Secessionskriege bekannte Rebell und heimliche Whiskyfreund Dean und erklärte unter Anderem:

„Wenn die demokratische Partei nichts weiter sein soll, als ein Bollwerk für das deutsche Votum, dann hat sie keinen Werth. Die Weigerung, für die Temperenzbewegung Partei zu ergreifen, soll nur dazu dienen, die Stimmen der deutschen Ungläubigen (Infidels) zu gewinnen. Wir haben lange Zeit ohne die deutschen Stimmen gelebt und werden es auch fernerhin können. Die [687] Deutschen haben stets mit den Republikanern gestimmt, jetzt aber kommen sie zu uns Demokraten und verlangen, daß wir ihnen eine Maßregel durchsetzen helfen, welche die Republikaner nicht durchführen wollen, eine Maßregel, bei der sie pecuniär interessirt sind. Ich sage: laßt sie gehen! Wir haben ohne dieses deutsche Votum gelebt, und wenn die Deutschen drohen, uns zu verlassen, falls wir ihnen nicht zu Hülfe kommen und das Temperenzgesetz nicht niederstimmen, dann laßt sie gehen und verdammt sein!“

Diese rohe und brutale Sprechweise wird ihre Früchte tragen. Der Rebellendemokrat Dean kann es den Deutschen nicht vergessen, daß sie unter der Präsidentschaft von Abraham Lincoln den Herrsch- und Sondergelüsten der Sclavendemokratie gegenüber für die Befreiung der Negersclaven und für die Einheit der Union in die Schranken traten; darum unterstützt er in seinem blinden Deutschenhasse die den Deutschen so verhaßte Temperenzbewegung, obschon er persönlich dem Trunke ergeben ist. Das Knownothingthum oder die Feindschaft gegen das eingewanderte Element, namentlich gegen die Deutschen, im Bunde mit den einer heuchlerischen Frömmigkeit ergebenen Temperenzlern wird und kann keiner politischen Partei in Amerika auf die Dauer von Nutzen sein.

Eine Verbindung solcher problematischen, keiner wahren Sittlichkeit und Religiosität huldigenden Elemente kann immer nur durch selbstsüchtige Motive der Furcht und der Herrschsucht, immer nur durch den Vortheil der Einzelnen, nicht der Gesammtheit einer Nation aufrecht erhalten werden; sie muß nothwendig zerfallen, sobald die Einzelnen nicht mehr ihren Vortheil darin finden. Das Wesen aller Schlechtigkeit ist die Lüge und die Selbstsucht.

Das Treiben pietistischer Politiker, deren Hauptziel nur der Besitz der Macht ist, steht warnend in der Geschichte da; es hat dem Staatsverbande, in welchem es, durch die Umstände begünstigt, zum vorübergehenden Siege gelangte, noch immer früher oder später die schwersten Wunden geschlagen. Wie in Missouri, so hat die demokratische Partei auch im Staate Indiana ein höchst dehnbares Parteiprogramm angenommen, welches den Temperenzlern nur von Vortheil sein kann. In der Staatsconvention der dortigen Demokraten hielten sogar zwei Frauen Reden, von denen die eine eindringlich ein strenges Temperenzgesetz empfahl, während die andere für das politische Wahlrecht der Frauen eintrat.

Aber auch die Partei der Republikaner ist nicht in allen Unionsstaaten gesund; wie sie z. B. in Kansas und Iowa den Temperenzleuten zum Siege verhalf, so hat sie sich auch in Ohio, in Pennsylvanien etc. zu Gunsten dieser heuchlerischen Fanatiker erklärt. Erfreulich ist es dagegen, daß fast alle bedeutenden deutsch-amerikanischen Blätter dem eigenthümlichen Kleeblatt, nämlich dem Knownothingthum, dem Temperenzunwesen und dem politischen Frauenstimmrecht, mit größter Entschiedenheit entgegengetreten sind und daß sie dabei von manchen der besten englisch-amerikanischen Zeitungen unterstützt werden.

Die Blüthezeit des Knownothingthums ist vorüber, und wenn vor dreißig Jahren noch an manchen Orten eine Fremden- oder namentlich eine Deutschenhetze möglich war, so ist dies in Folge der vor längerer Zeit stattgefundenen starken deutschen Einwanderung nicht mehr recht zu fürchten. Der bekannte Ausspruch: „Nur Amerikaner sollen in Amerika herrschen“, hat nicht mehr die Kraft, amerikanischen Bürgern deutscher Abkunft ihre Bürgerrechte zu entziehen. Mit wenigen Ausnahmen sind sämmtliche Bewohner der Vereinigten Staaten Nordamerikas Eingewanderte oder Abkömmlinge von Eingewanderten, und wie Heinrich Börnstein, seiner Zeit amerikanischer Consul in Bremen, etwas derb, aber mit Recht erklärte: „Die wirklich Eingeborenen in den Vereinigten Staaten sind die Indianer und die Büffelochsen; alle Anderen sind Eingewanderte“, so werden die Deutsch-Amerikaner der Union sich ihre Stellung als freie Bürger dieser Republik zu sichern wissen. Daß die deutsch-amerikanischen Bürger ihre Anhänglichkeit und Liebe für ihr Adoptivvaterland hinlänglich gezeigt haben, dafür lieferte der blutige Secessionskrieg, wo Tausende in besonderen Regimentern für die Einheit und Freiheit der Union in’s Feld zogen und Tausende sich in amerikanische Regimenter einreihen ließen, hinlängliche Beweise. Die Thaten der Deutschen gehören der Geschichte der Vereinigten Staaten an, und sie haben keine Ursache, sich derselben zu schämen. Wenn heute die Union auf dem europäischen Markte, ja, auf dem Weltmarkte eine Rolle spielt, so ist dieses Resultat nicht zum wenigsten den deutschen Farmern zu verdanken, welche aus der Wildniß blühende Felder und Gärten machten und selbst solche Landstrecken, die von den Amerikanern als unfruchtbar verlassen wurden, vortheilhaft zu verwerthen verstanden. Dies beweisen unter Anderem die früher kahlen Hügel am Ufer des Missouri bei der Stadt Hermann und am Ohio bei Cincinnati, wo deutscher Fleiß und deutsche Willenskraft die schönsten Weinberge geschaffen hat – und dieser Wein soll jetzt durch die Temperenzler werthlos gemacht werden? In allen größeren Städten des Landes haben sich der Fleiß, die Energie und die Kenntnisse der Deutschen in Fabriken und kaufmännischen Geschäften jeder Art bewährt; in den Schulen und Bildungsanstalten nehmen deutsche Lehrer hervorragende Stellen ein; in den Gesetzgebungen und auf den Richterstühlen erwerben sich Deutsche Achtung und Ehre – und sie sollen nicht gleiche Berechtigung mit ihren Mitbürgern amerikanischer Abkunft haben, weil sie das stärkende Bier dem berauschenden Whisky vorziehen?

In der Stadt St. Louis allein beträgt das in den dortigen Brauereien angelegte Capital mehr als 15 Millionen Dollars, und ähnlich ist es in vielen anderen Städten, z. B. in Milwaukee, Cincinnati, New-York etc.

Und wahrlich! Es erwächst daraus der Sittlichkeit kein Schaden; denn bei den von den Deutschen arrangirten Sänger- und Turnfesten, wo Bier getrunken wird, geht es ordentlicher und anständiger her, als in den Whiskykneipen der Amerikaner. Statistische Untersuchungen haben es festgestellt, daß in den Gegenden, wo das Bier den Whisky verdrängt hat, weniger Verbrechen und weniger Krankheiten des Körpers und des Geistes vorkommen, als dort, wo der sogenannte Bourbon-Whisky die Hauptrolle spielt. Mehr als unangenehm aber berührt es, wenn die Frauen sich in öffentlichen Versammlungen auf die Rednertribüne drängen, um dort den Männern vorzuschreiben, was sie thun und lassen sollen, oder um selbst die Rolle des Gesetzgebers zu spielen.

Unzweifelhaft haben die Amerikaner vieles Werthvolle selbst geschaffen; ihre Unabhängigkeitserklärung und der ruhmwürdige Kampf für dieselbe stehen leuchtend in der Geschichte da. Sie haben auch von den Errungenschaften der Alten Welt viel Gutes über den Ocean gebracht und fahren mit Recht fort, von den Bildungsmitteln der vorgeschrittensten Völker Gebrauch zu machen; sie haben sogar in manchen Dingen andere Nationen überflügelt; aber es ist eine lächerliche und verderbliche Anmaßung, wenn sie sich für berufen halten, das als schädlich und Verderben bringend über Bord zu werfen, was die Weisesten und Besten aller Zeiten und aller Völker nicht abgeschafft haben. Keinem Staatsmann, keinem Könige oder Kaiser im Abendlande der Alten Welt ist es jemals beigekommen, den Genuß anregender Getränke von Staatswegen verbieten zu wollen. Niemals hat sich auch selbst die größte Willkürherrschaft so weit verstiegen. Der hart Arbeitende muß seinen stärkenden Trank haben, wenn auch die Uebel des unmäßigen Bier- und Branntweintrinkens nicht zu leugnen sind. Man strafe die Gesetz und Ordnung störende Unmäßigkeit, lege aber darum dem gesitteten Menschen, hoch oder niedrig, keinen Zwang auf in Bezug darauf, was er trinken soll oder darf. Auch die von den Amerikanern, äußerlich wenigstens, dem weiblichen Geschlechte erwiesene Achtung ist gewiß nicht zu tadeln; wenn sie aber den Frauen erlauben oder sie gar dazu anreizen, Gesetze machen zu helfen, welche darüber Bestimmung treffen, mit welcher Art von Flüssigkeit der Mann sich erlaben soll, so treiben sie die Frauen aus der von der Natur ihnen angewiesenen Sphäre hinaus. Den öffentlichen Angelegenheiten des Vaterlandes gegenüber sollen sich auch die Frauen nicht gleichgültig verhalten, aber sie werden hier am besten und wirksamsten ihre Pflicht erfüllen durch die Erziehung ihrer Kinder, durch ein weises und verständiges Schalten und Walten am häuslichen Herde. Der dort von ihnen in der richtigen Art geübte Einfluß ist segensreich und nicht hoch genug anzuschlagen. Jede Art sinn- und geiststörender Frömmelei ist vom Uebel, am meisten aber diejenige, welche sich mit politischen und communalen Dingen befaßt und das Frauenelement dabei zu Hülfe ruft. Hoffentlich werden sich auch die jetzt jenseit des Oceans hochgehenden Temperenzwogen bald wieder legen; der Temperenzrausch wird in der großen transatlantischen Republik vorübergehen, ohne dem amerikanischen Gemeinwesen allzu großen Schaden bereitet zu haben.
Rudolf Doehn.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ols