Land und Leute/Nr. 51. Die Magdeburger Börde

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Textdaten
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Autor: Wilhelm Meyer-Markau
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Titel: Die Magdeburger Börde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 680–683
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 51
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[680] Land und Leute.

Rr. .^l. Die Magdebnrger Börde. Von Wilhelm Meper-Markan

icht ohne Berechtigung hat man die ..Magdeburger Börde“ eine srnchtbare Wüste genannt, in der das Auge zur Sommerzeit weit und breit nichts erblicke, als Himmel und Zuckerrüben. In der Dhat kann man jene eigen- thümliche Landstrecke tagelang durchwauderu, ohne Baum und Strauch auzutreffeu. Nur an den großsteinig gepstafterten Chauffeeu paradiren die ftereotypeu Baumreihen, welche das liebe Dentschland so langweilig durchziehen Aber .nicht die Pappel stüftert dafelbst mit ueugierigem Geplapper zu. Wanderer herunter, fondern breit- ästig, wie übermüdet von der alljährlich hervorgebrachten Last ihrer Früchte, verträumen Obstbäume hier im trägen Halbschlafe ihr einfames Dafein. ..Berdeiueu, wei mott'u verdeinen (verdieuen, wir müffeu verdieuen),“ scheinen sie stummen Muudes predigen zu wollen und sie sagen damit das, was eine große Auzahl von Bewohueru jeuer Gegeud als eiuzige Lebeusaufgabe betrachtet.

Die ..Magdeburger Börde“ '^ breitet sich am liukeu Elbufer von der Müudung der Saale bis zu derjeujgen der Ohre um die alte Feste Magdeburg aus, und wenn man den Fuß über das rechte Ufer des Stromes fetzt, so bestndet man sich gleich in ..des heiligen römischen Reiches tentscher Natiott Saudftreubüchfe“. Berg und Hügel, lauschige Wäldchen und faftig-grüne Wsesen oder gar Brachen, dsese Idyllen inmitten sprossender Getreidefelder, gehören nun sreslsch nicht zu. Dypus der Magdeburger Börde. So überaus muuter die Vode in fröhlicher Iugeudluft vom Brocken heruuter-

^ Das Wort „Börde“ wird von germanischen sprachkundigen erklärt

als „die sich hinziehende ebene, besonders an einem Flusse, also Fluß- ebene“. Man ist geneigt, es etymologisch aus das gleichbedeutende nieder- deutsche boerä^ zurück zu führen das von bora' „Rand“, attgewandt auf Flnßrand. stammen soll. Keltische Forscher leiten es vom irischen und gälischeu bu^r, „Bieh“, und vom irischen bn „Land“, her, wonach e.s also „Viehland“. das ist. fruchtbares, zur Viehzucht geeignetes Land heißen würde. Immer aber bedeutet Borde fruchtbares Felbland, und außer der Magdeburger Börde giebt es noch die Warburger, die Soester und unterhalb Bremens im Binnenlande die Lamstedter und die Bever- stedter Börde.

i hüpft, so altersträge schleicht sie durch dieses einförmige Flachland. ^ Sie scheint es selber einzuseheu, daß es verlorene Liebesmüh' ist, diese prosaische Gegend durch schmale, üppige Wiesenftreifen an ! ihrem Userrande verschöneru zu wollen Auch ihre Schwester, die Saale, hat in der Börde nicht jenen „kühlen Strand, an dem ^ Bnrgen stolz und kühn' stehen Kann somit die Magdeburger ^ Börde auf laudschaftliche Reize nicht Aufbruch erheben, so kann sie es mit vollstem Rechte auf landwirtschaftliche, deuu man braucht ^ nicht Bauersmauu zu sein, auch sein gauzes Lebeu laug nicht ein eiuziges Mal agrarische Auwaudelungen erduldet zu habeu, und doch muß Eiuem das Herz aufgehen, wenn man zur Frühlings- oder Sommerszeit durch die forgfältig beftellteu Ackerstächen an i den wogenden Getreidefeldern und den weiten Breiten kräftig ge- . blätterter Zuckerrübeu und Turuipfe (Ruukelrübeu) vorbei waudert.

Ift gerade ein erfrischeuder Regenschauer uiedergegangen und will ^ ein Fußwauderer mit einem für Ackerban gar zu weuig empfang- ^ lichen Gemüthe etwas übereilig vorbei an dem Segen, den die ^ Ratur so reichlich gefpeudet, so mahut ihn der fast moorig-schwarze Boden zu ruhigerem Naturgeuuffe, iudem er, ein settig - weicher Kleister, seine Füße an die Erde festzuheften facht.

„Borwärtsschreiten - Rückwärtsgleiten,“

heißt es dauu bei jedem Schritte. Zum Segen für Ritter auf ^ Schufters Rappeu ist iudesseu Regenwetter in der Börde etwas ^ Selteneres als in waldreichen Gegenden und in Flußuiederungen. ^ Dariu aber offenbart sich die Güte des Bodens so recht, daß auch ^ bei auhalteud trockener Witterung die Feldpstanzeu nicht so bald, vor Durst verwelkeud, Stengel und Blatt ueigen.

Wohl felteu hat eine Eulturpflauze auf Lebensweife und Be- schäftigung der Bewohner einer Gegend so großen Eiustuß ans- geübt, wie die Zuckerrübe in der Börde , deuu sie hat in einem Zeit- raume von wenig mehr als einem Bierteljahrhuudert die Phyfio- guontie derfelbeu völlig umgestaltet . in fast allen größeren Dörfern find zur Berarbeiwng dieser zuckerhaltigen Wurzelpstauze Fabrikeu eutftaudeu. Bauern, die in den fünfziger Jahren noch tief ver- schnldet waren oder ihr bares Bermögen nach Hnnderten, höchstens nach Taufenden zählten, beziffern es jetzt als Zuckerfabrikauten auf Hunderttaufende, ja, übersteigen damit mitmaer gar die Million Erhielt doch die Tochter eines folcheu Zuckerbaueru etwa vierzig Jahre uach der Bermählung uuferes Kaiferpaares dreimal so viel Mitgift, als die Kaiferiu dereinst als Heirathsgut bekommen alfo .^.l.'l^ Thaler. Daß verheirathete Töchter aus geschwifterreicheu Familieu zu Lebzeiteu ihrer Elteru jahrlich bis zu ll^.l^ Mark „Nadelgelder“ beziehen ist bort ebenfo wenig eine Seltenheit, wie ein Erbtheil von ^l.^l.l Mark, das auf jedes Kiud eiues verstorbnen Zuckerfabrikbefitzers eutfällt, der von seinen Eltern nichts weiter erbte, als einen nur ll!^ Morgen großen Ackerhos. Be- wsrthschaftet doch unter Anderem eine Fabrik, die in den fünfziger Jahren mit keinem einzigen Morgen eigeneu Ackerlaudes ihre Thätigkeit eröffnete, jetzt über ll^l.'l.l Morgen. Beifpiele von gleich großen Oekonomien bei einer Fabrik find übrigens nicht selten. So find z. B. auf einer Oekonomie für Infpeetoren und Berwalter alleiu ^'o Reitpferde in stetem Gebrauche. Es giebt einige Fabriken, welche im Durchschnitt täglich ^l.B bis l.il.^ Arbeiter, Mäuuer, Fraueu und Kinder, beschäfagen, und gauze Familien vom Eichsfelde und aus der Gegend von Laudsberg fteheu auf ihnen in Lohn und Brod. Für diese wurden eigens große Cafernen errichtet. Doch es würde uns zu weit führen wollteu wir hier über den Reichthum der Bodeuproduete dieses gefegueteu Land- ftrichs genauere volkswirtschaftliche Studieu anstellen und über [681] 

unlerer ^er wie das berühmte „Magde^

die verschiedensten^ Anbaumethoden der^^ ^ Rnnkelräbe be^ rechten. Vieles davon dnrfte ^ ^ ^

ubrrgens schon ebenso bekannt Sein bnrger Sauerkraut", die Eichorie und die Zwiebeln der Borde.

Der Werth von Grund und Boden ist hier ein besonders hoher, und wer in der Magde^ burger Borde t^ borgen Acker

den Durchschuitt der ^orgen.^ zahl eiues dortigen Bauerngutes ^- besitzt^ ist seinem Vermögen nach kaum mehr das, was man anderswo unter einem Bauer ver^ steht. Die Bordebanern wollen aber vielfach auch gar nicht Bauern oder Ackerlente seiu^ sie nennen sich^ Ackergutsbesitzer. Ich habe mich stets an dem erstannten Gesichte geweidet, das Fremde aufsteckteu , . wenn ich mit ihueu einem Bordebanern einen Besuch abstattete. „So wohnen hier zu Laude Bauern!.^" spracht da immer aus ihren verwunderten Mienen, und dabei sahen sie dann erstaunt um sich, wie ich es auch that, als ich ^ setbst Sohn eines Bauern, dessen ^wf aber leider nicht in der Borde liegt ^ zum ersten Mat ein solches Bauernhaus betrat. Pa^ läste, nicht Bauernhäuser sind das. Fehlt doch gar in mehreren nicht einmal ein großer Speisesaal. Es giebt Wohnhäuser aus Bauern^ hosen , in denen Deeoratious^ maler fast ein Jahr lang an der Ausschmückung gearbeitet haben. Für ein Fach Fenster hat man das Paar Vorhänge mitunter mit ^ Mark bezahlt, und manches

Nach der Natur ausgenommen von G. Snndblad.

Nun nst aber der Wohlstand ^ft ^eu1^ ^ ^ eigenartiger und markiger Volkskrast ^ und so lichtet sich denn auch in der Magde^ bnrger Borde um de^ zunehmenden Neichthume der Bewohuer

mehr und mehr der Stamm der'^ der, biederer Bauern von altem Schrot und Korn. Die herans wachsende männliche Generation ist vielfach ^wissenschaftlich" ge^ bildet, d. h. sie hat sich oftmals

von höheren Schulen eine ab^ geknickte ^uartauerbildung geholt, und die weibliche Iugeud bezieht ihren Bildungsbedarf aus einer „Beuehmigte^ ^Pensionat, An^

statt, in der man lernt, sich zu

benehmen^ in Magdeburg oder Gnadan, wobei sär Mägdelein wie Knäbelein gar ost die liebe Mntterfprache, das Platt, gänzlich verloren geht.

. und wie mit der Sprache, so ift^s auch mit der Kleidung. aus

den Straßen der BordedÖrfer

kann man die neuesten Moden und die thenersten Stoffe studireu, und dies um so besser, als das Auffassungsvermögen des Betracht teuden an dem sich überall anf^ drängenden Eontraste die beste ltnterstützu.g findet.

Ieder Frennd volkstümlichen Wesens muß mit uns tief be^ klagen, daß mit dem Zunehmen dieser Art von „Bildung" unter der bordischen Landbevölkerung eigenartige Sitten und Gebränche immer mehr schwinden. Nur eine einzige Volksfitte hat sich aus früherer Zeit ungeschwächt in die jetzige hiueiu gerettet, und auch sie hat gewiß diese Rettung allein ihrem realen tlntergruud zu dan^ ken. Bei„Schlachtefeften" oder bei

gräsliche Schloß hat in feinen Ge^

mächern nicht so ftattliche Mobel aufzuweiseu, wie dieZimmer in diesen wirklichen Festen schickt man nämlich seinen Nachbarn und Bekannten, Bauernwohnungen, deren Fußboden mit dicken Teppichen belegt sin^ Frennden und Verwandten die „Kenzeli^ über die man dann wohl noch kostspieligere Länser gebreitet sieht^

m ^ ^ ein Ge^ schenk vom geschlachteten Stäck Vieh oder vom srischen Festkuchem [682] ^ ^ ^-

Ueberhanpt werden die Familienfeste von den Bördebewohueru in fafhiouabler Weise begaugen. So hatteu z. B. zwölf Dekorateure ganze acht Tage zu arbeiteu,' um den Saal zu einer Baueru- hochzeit in Stand zu.fetzen und höchft kostbar wareu hei dem in Rede fteheudeu Feste die Gescheuke.

Mir liegen feruer wählerisch gedruckte Speife- und Weiukarteu und ebeufo ausgestattete Tauzorduungen von Bauernhochzeiten der Börde aus den ackerletzteu Jahreu vor.' Schade, daß man Sprach- laute nicht bildlich darfteckeu kann ! Sonst würde ich dem Lefer an dieser Stecke ein Bild liefern, wie die Hochzeitsgäfte Zungeu- verrenkungen übteu hei Bezeichuungen wie .Uonuck k.ck b^ oder ^ai^n^ ^ l'.^n.^sus.^ oder ^turck^ ist, ^u.uiU^ refp. .^usontba oder et.cko.^ nrn.^ ck^ ^susU^. Attf der Magdeburger Meffe hatteu Hochzeitgeber im Eirens künstlichen Schnee fackeu feheu, und so fehlte uatürlich in dem Hochzeitsprogramme die Eiulage „Schueewetter“ nicht. Als die Rockschlittschuhwuth am ärgfteu graffirte, konnte man auf Bauernhochzeiten in der Nähe Magdeburgs die gefammte geladeue Ingeud Fackübungen auf dem Skatiug-Riuk produeireu fehen.

Wie der Sinn .für moderne Enltnr, laut der mitgeteilten Beifpiele, in der Börde im Wachfen begrasen ist, so schwindet das Intereffe am Althergebrachten dort mehr und mehr. Sinn für Sagen und Bolksmärcheu e.riftirt in dieser Gegeud fast gar nicht mehr, und das Volkslied stndet außer in der Schule keine Pflege. Möchte man doch einfeheu, daß es hohe Zeit ist, die fpärlicheu Reste volkstümlicher Ueberlieferungen, der alleu Silteu und Gebräuche, Sprüchwörter und Redeusarteu vor Uutergaug ttud Bergeffeuwerdeu zu retteu! Lehrer und Geistliche habeu das zum Theil auch auerkaunt und find deshalb hier und da bereits au's Santmelu gegaugen , und daß dieses auch in der Börde sich noch lohut, mag der nachfolgeude Beleg aus dortigem Bolksmuude darthun, der eiugerntaßen an Ehamiffo's Riesenspielzeng erinnert.

Als der Magdeburger Dom erbaut wurde, half der große Halberftädter Rolaud, der ja noch bis auf den heutigen Dag am dortigen Rathhaufe steht, Steine herbei tragen. Eines Abends verfpätete sich der Riefe bei der Arbeit, und mußte er darum den Weg von Magdeburg uach Halberftadt in der Duukelheit zurück- legem Als er da über Egelu, eine kleine Stadt der Börde, hinwegschritt, gewahrte er die Thurmspitze nicht und stieß mit der kleineu Zehe seiues liukeu Fnßes dagegen. Die Zehe blutete ein wenig, und das Blnt trapste auf die Wiefen von Wefteregelu. Bau diefem Riefenblute uuu, das nach nnferen lickiputauischeu Begriffeu in Strömeu darauf hernieder floß, ist ackes Waffer und acker Badeu der Wiefeu dieses Darfes uach rötlich bis auf den heutigen Tag.^

Nach eine andere Sage!

Bei dem Dorfe Borne bestndet sich ein Hünengrab (vergl. nnfere Abbildung S. l^.l). Daffelbe ist noch jetzt, nachdem es von den dortigen Bauern - um mit eiuem nicht gerade schmeichel- haft gewählten Ausdrucke des ortsgeschichtskuudigen Pastors Wiuter zu reden - „vandalifirt“ worden ist, bei ^ bis .l.^ Fuß Höhe über t.t^ starke Mamtsschritte laug. Der Natur der Gegeud gemäß, welcher Kiefelfteiue und erratische Blöcke gänzlich abgehen, ist es von Erde hansdachartig mit einem Einschnitte am Südeude auf- geschüttet. Im Hütteugrabe haben, uach der Volksfage, Zwerge ihre Wohnftatt. Sie backen sich da uuteu felber ihr Brod, holeu aber den Teig dazu faihmorgeus von den Leuteu in Borue.

Eiu gut Stück Poesie fprttdelt übrigeus den Vörde-Bewohueru noch aus einem andern Born als aus dem der Bolksfage - uämlich aus den Kinderliedern, welche mit demfelben Rechte, kraft deffen man die Sprüchwörter die Weisheit der Gaffe uettut, wohl auf das Prädieat. Poefie der Gaffe Anfpruch erheben dürfen. Ans dem reichen Schatze, den wir in der Börde an Kinderliederu gehoben habeu, möge hier nur eine einzige Probe mitgeteilt werden .

„Puise lschlafe in der Wiege.', puise, Soldatettkiud, Schlaope, bet (bis.! Dien Vader kimmt! Bader sitt lsitzt) in Schenken Springt ätvtver lüber.. Disch und Vänken, Lett (läßt) de Gläser rttmmer lhernm) gahn Lett Dien Pttise (Wiegen stille stahtt.“

““ In der „Edda“ heißt es^

„Eiktlchruir heißt. der Hirsch. vor Heervaters Saal, Der an Lärad's Laube zehrte Vou seinem Horugeweih tropst es nach Hvergeltttir, Davon stammen alle Ströme.“

(Sintrock's Uebersetzu.g, Seite .t'.'.) '

Das überack verbreitete Bedürfniß kleinerer Ortschaften, sich unter einander zu ueckeu, scheiut in der Magdeburger Börde das Dorf Borue gauz ackeiu befriedigen zu müsfeu, wobei es aber nur eine paffive Nocke fpielt.

Au der Dorfstraße in Borne fprttdelt aus einer klaren Ouecke vortreffliches Trinkwaffer hervor. Die Ouecke ueuut man den Bornscheu Spring, und redet man feinem erfrechendem kühlen Waffer nach , daß es dumm mache. Weit und breit heißt es darum. „Iu Borue fiud sie dumm.“ Keiu Eiuwohuer des Ortes giebt sich draußen gern als folchen zu erkennen, und Ieder wick aus Bisdorf sein, welches mit Borne geographisch eine Ort- schaft bildet. Neuerdiugs scheiut man jedoch Bisdorf in Betreff dieses Bornscheu Erbübels in Mitleideuschaft gezogen zu habeu. Hörte ich doch jüugft die „ Kühlen“ (kleinen Kinder) Straße auf und ab gauz verguüglich fiugen..

„Rum, rum, rum!

Iu Vorue fiud sie dumm.

In Visdorf sind sie ganz verrückte

Da hat der Knecht den Herrn geschickt.“ Einige sprichwörtliche Redeusarteu der Bördedörfler fiud von erfrischeuder Natürlichkeit. Zum Beifpiel von eiuem Trägen fagt man t „Der deukt auch, uufer Herrgott guckt acke Jahre eiumal vom Himmel heruuter, und weu er dauu bei der Arbeit steht, der muß immer arbeiteu.“ Iu Gedanken fetzt man hinztt.

Darum arbeitet er an keinem einzigen Dage im Jahree nun mag

der Herrgott gucken waun er wick - ihn steht er dauu niemals an der Arbeit.“

Die Bördedörfer haben meist eine beträchtliche Einwohnerzahl, die sich felten unter Tanfend bewegt, meistens aber zwei, drei, ja vier Tanfend erreicht. Eigentümlich baut man in diesen Dörfern. da dort Holzarmuth herrscht, so fiud acke Häufer maffiv, und als Baumaterial hat. man früher fast ansschließlich Bruchsteine ver- wandt, die mit Kalk, oft recht primitiv, verputzt wordeu fiud. Bei den alten Häuscheu scheiut das Strohdach den wiuzigen grauweiß- licheu Uuterbatt jedeu Augenblick uiederdrückeu zu wockeu. Die ueuereu Gehöfte mit den pompöfen Eiufahrteu und den ftattlicheu Wohuhäufern hebeu sich dagegen vorteilhaft von den zufammeu- geklebten alten Gebäudeu und uiedrigen Häuscheu ab. Die Ort- schafteu fiud geschloffen. Nur an den alten großen Berkehrsftraßen, wie an der Magdeburg-Leipziger Ehauffee, fteheu Eiuzelgehöfte, in denen Gaftwirthschaft betriebeu wurde und hier und da noch be- trieben wird. Stuudeuweit fiud die Dörfer von eiuandereutferut, und wohl keine Gegend Deutschlauds hat bei gleich starker Bevölkerung so weit von einander liegende Dörfer, Flecken und Städte auf- zuweifeu. Aber auch hier war in früherer Zeit die weite Feld- mark mit Einzelgehöften in eben der Weise überfäet, wie noch heute in einem Theile von Westfalen und am Niederrhein. Die Be- wohner zogen im Laufe der Zeit näher zu eiuander, und es eut- stauben so kleiuere Dörfer.

Kaum irgendwo giebt es so viele wüste Dorfftätten wie hier e

studeu sich deren auf vieleu Feldmarken doch bis zu eiuem halbeu Dutzeud. Bei Borue ragt als solch ein eiufames Deukmal eiues uutergegaugeueu Dorfes der stark verwitterte Rest eiues Kirchthnrmes gegen .^o Fuß in die Höhe (vergl. das Iuitial am Aufaug dieses Artikels). Das Dorß zu dem^ er gehörte , hieß Nalbke und wird als wüste Stätte urkuudlich schou .l..^ erwähut. Auch kuüpfeu sich eiuige Sagen an diese Ruine . wer an dem Thnrm um Mitter- nacht der Jahresweude einen ganz schwarzen Kater trägt, der wird dort den leibhaftigen Gottfeibeiuus treffen. Der tauscht ihm dauu den Kater gegen ein blinkendes Geldstück um, welches für acke Zukuuft immer wieder fofort in die Tasche der betreffenden Perfon zu.ückwandern wird, mag sie es ansgeben, so oft sie wick. Leider ist das Geschäft mit dem „rothen Heinz“ aber nicht ohne Gefahr für Leib und Leben. Briugt ihm uämlich Iemaud einen Kater mit eiuem eiuzigen weißeu Härchen im Pelze, so ist's um den Hals des armeu Meuscheu gescheheu. - -

Aber nicht nur über der Erde bietet die Magdeburger Börde mauches iutereffaute Deukmal vergaugener Zeit - auch unter dem

Erdboden fand man dort Zeugen aus alten Tagen e denn während

man früher der Auficht war, die Börde sei an Deukmäleru der Eultur vergaugeuer Zeiteu vockftäudig arm', hat ein eifriger Sammler, Lehrer Rabe in Biere, auf der Berliner Alterthums- äusfteckung die Gelehrteu vom Gegeutheil überzeugt. Aus Kies- gruben der Umgegend Magdeburgs legte er Fuude vor, die uuftreitig [683] zu dem Aeltesten gehören, was in Deutschland an Alterthümern bis jetzt bekannt geworden ist: Messer, Sägen, Schaber, Bohrer, Polirer aus Feuerstein, sämmtlich nur geschlagen, nicht geschliffen, sämmtlich Spuren des Gebrauchs tragend, befinden sich darunter. Das Magdeburger Provinzialmuseum und das Museum in Quedlinburg weisen eine Anzahl dieser alten Geräthe aus den Sanddünen und Kiesgruben von Biere auf.[1]

Von historischem Interesse aus neuerer Zeit ist Dodendorf, eine Meile vor den Festungsmauern Magdeburgs.

„Bei Dodendorf färbten die Männer gut
Dan fette Land mit französischem Blut;
Zweitausend zerhieben die Säbel blank,
Die übrigen machten die Beine lang –“

singt Ernst Moritz Arndt in seinem „Lied von Schill“. Die Gemeinde Dodendorf hat dem Andenken jener Tapfern, die in der Schlucht des Hohlweges vor dem Dorfe den Heldentod fanden, ein schmuckloses Kreuz gestiftet, das auf der Vorderseite seines Sockels die Inschrift: „Dem Gedächtnisse der am 5. Mai 1809 hier gefallenen und in Gott ruhenden 21 Preußen vom Schill’schen Corps“ trägt, während auf der Rückseite zu lesen ist: „Gewidmet von der Gemeinde Dodendorf am 5. Mai 1859“ (vergl. unsere Abbildung S. 681).

Zum Schluß noch ein Wort über die Thierwelt der Börde! Hier muß vor Allem des Hamsters gedacht werden, welcher in den Getreidefeldern nicht geringen Schaden anrichtet. In einem Hamsterbau, der bis zu zwei Fuß Tiefe in der Erde mit mehreren Kammern ausgeschichtet ist, findet man mitunter einen ganzen Scheffel Gerste, Hafer oder Weizen, welches das gegen ¾ Pfund schwere Thierchen in seinen Backentaschen in emsiger Thätigkeit für die ungastliche Jahreszeit eingeheimst hat. Roggen verschmäht der Felddieb. Unter diesen Umständen ist der Hamsterjäger eine wichtige Persönlichkeit in der Reihe der Angestellten der Zuckerfabrik-Oekonomien. Er beginnt seine Thätigkeit, sobald „der erste Frühlings-Donnerschlag den Hamster aus dem Winterschlaf geweckt hat“, und setzt dieselbe fort, bis der Winter mit Schnee und Eis Einzug gehalten. Wie mir ein Hamsterjäger berichtete, hatte er noch drei Tage nach dem letzten Neujahrsfeste sieben Hamster gefangen; er hatte an dem Tage, an dem ich ihn besuchte, 107 Hamster erlegt, und der Durchschnitt des täglichen Fanges betrug bei ihm 60 Stück. Das Fell dieser Nager wird, nachdem es vom Weißgerber bearbeitet, zu Tafeln von einem Schock Häute an einander genäht und dann auf der Leipziger Messe als weiß Gott was für russisches Pelzwerk in den Handel gebracht. In rohem Zustande variirt der Preis für das Schock zwischen zwei und zehn Mark.

Fast nicht minder zahlreich als der Hamster ist Meister Lampe in der Börde vertreten.[2] Wer nicht Gelegenheit gehabt, sich durch Augenschein zu überzeugen, wird es für „Jägerlatein“ erklären, wenn man ihm erzählt, daß man auf Breiten von etwa 50 Morgen mitunter 60, 70, 80 Hasen hüpfen und spielen sehen kann. Solcher Hasenreichthum veranlaßt denn auch den Kaiser Wilhelm, in Barby fast alljährlich einer Jagd anzuwohnen.

Einen eigenartigen Reiz hat es, in dieser hasenüberfüllten Gegend „auf den Anstand zu gehen“. Man gräbt sich ein halbmannstiefes Loch mit Sitzvorrichtung und setzt sich bei Eintritt der Dämmerung in demselben auf Stroh nieder. Nicht lange, und den verborgenen „unterirdischen“ Jäger umhüpfen auf allen Seiten Häslein im harmlosen Spiel; er streckt ein „Häselein“ nach dem andern auf’s Gras respective auf den Schnee nieder. Bei eingetretener Dunkelheit kann ein solcher Jägersmann – wenn’s Glück gut war – bis zu 10 Hasen erlegt haben.

Von befiedertem Wilde ist neben Rebhuhn und Wachtel besonders die Trappe zu nennen. Diese Thiere leben bekanntlich in Schaaren. Auf dem Eickendorfer Felde zählte ich einst 104, die bei einander saßen. Beim Niederlassen wählen sie sich gern ein freies, blaches Feld, von dem aus sie weithin Auslug halten können, und damit nicht ein unliebsamer Störer ihrem friedlichen Beisammensein ein Ende mache, stellen sie stets eine Wache aus. Harmlos lassen sie sich dicht bei Feldarbeitern nieder, und Fuhrwerke und Pfluggespanne stören sie nicht im mindesten. Sobald aber ein Jäger naht, erheben sie sich mit mächtig rauschendem Flügelschlage und setzen sich vor mindestens einer halben Stunde Weges nicht nieder. Des Jägers List übertrifft denn aber doch mitunter der Trappe Klugheit. Auf Wagen, die mit Ochsen bespannt sind, oder als Frauen verkleidet, mit einer Tragkiepe auf dem Rücken, oder gar – wie ich es einmal sah – in einem Gestell verborgen, das äußerlich einem Ochsen ähnelt, nahen die Schützen den schlauen Thieren. Es bildet stets ein Ereigniß im Jägerleben, einen glücklichen Treffer auf Trappen gethan zu haben; von Nah und Fern wird Kunde davon getragen, und mit Festessen und Weintoasten wird ein solcher Held gefeiert. Selbstverständlich fehlt dabei der Trappenbraten auf der Tafel nicht, und einmüthiglich haben mir stets alle Schmauser versichert, nichts in der Welt schmecke besser als so ein Trappenbraten. Ich habe das aber nie recht finden können; mir hat’s immer scheinen wollen, als ob ein Stück gebratenes Trappenfleisch ebenso gut schmecke, wie nicht gerade allzu zähes Rindfleisch. Habe ich Recht? Mit dieser offenen Frage – alle Fragen des Geschmacks sind bekanntlich offene – schließe ich meine Schilderung aus der Magdeburger Börde.

Nicht war es einer jener „verlornen Winkel“ in deutschen Landen, zu dessen Durchwanderung ich den Leser einlud, nein, ein Landstrich an befahrenster Verkehrsstraße war es, ein Landstrich, der allerdings nicht dazu beiträgt, Deutschlands landschaftliche Schönheit zu erhöhen, der aber Deutschlands Nationalwohlstand stetig mitgehoben hat und mitheben wird. Möge dieser Vorzug der Magdeburger Börde den Leser mit dem Gedanken aussöhnen, sich ein Stündchen auf recht einförmigen Gefilden bewegt zu haben!


  1. Professor Klopffleisch in Jena arbeitet gegenwärtig an einem ausführlichen Berichte über diese Funde, denen Abbildungen beigegeben werden sollen.
  2. Bei Staßfurt wurden in einem einzigen Jagen gegen 400 Hasen geschossen. In Biere, dessen Jagdgebiet 3000 Morgen groß ist, erlegte man bei der Treibjagd im Herbste 1880 1000 Hasen. Der Hasenmenge auf den Gefilden entsprechen denn auch die Jagdpachte. So ist die Jagd einer 3400 Morgen großen Feldmark augenblicklich für 1300, eine andere 2300 Morgen große für 660, eine dritte, etwa 5000 Morgen große etwas höher als für 2000 und endlich eine vierte von 3000 Morgen gar für 10,000 Mark verpachtet worden.