Die Verbrüderungskanone

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Die Verbrüderungskanone
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, Achter Band, Seite 226–227
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[226] Die Verbrüderungskanone. – Mit diesem ungewöhnlichen Namen bezeichnet man ein Riesengeschütz, das einst der erste preußische König Friedrich I. im Jahre 1704 von dem Potsdamer Geschützgießer Johann Jakobi[1] herstellen ließ, und das zwar nie kriegerische Lorbeeren errungen, dafür aber bei einer besonderen Gelegenheit eine merkwürdige politische Rolle gespielt hat.

Diese kolossale Prunkkanone, deren über 15 Fuß langes Rohr mit künstlerischen, erhabenen Verzierungen reich geschmückt war, wäre fähig gewesen, Kugeln von 100 Pfund Gewicht fortzuschleudern. Dafür wog sie aber auch nicht weniger wie 370 Zentner. Zu ihrer Fortschaffung war eine Lafette von 27 Fuß Länge notwendig, deren Räder einen Durchmesser von 9 Fuß besaßen. Gekostet hat dieses für damalige Zeiten als Wunder angestaunte Ungetüm, dem der König den Namen „Asia“ gab, 17 828 Reichstaler. Friedrich I. beabsichtigte, noch zwei weitere Riesengeschütze von denselben Abmessungen gießen zu lassen, „Europa“ und „Amerika“, die dann alle drei vor dem Königlichen Zeughaus in Berlin aufgestellt werden sollten. Die „Europa“ aber ist, wie Dr. Weinitz nachgewiesen hat, nie ganz fertig geworden, und mit der Ausführung der „Amerika“ hat man überhaupt nicht begonnen. Der König hatte sich die Sache inzwischen anders überlegt, da ihm die Ausgaben für noch zwei Schaustücke dieser Art doch zu hoch erschienen.

Nur die „Asia“ fand also den ihr zugedachten Platz vor dem Zeughaus, wo sie nicht nur von den Berlinern, sondern auch von allen Fremden weidlich angestaunt wurde. Fünf Jahre stand sie dort stolz in einsamer Größe. Da trafen in der ersten Julihälfte des Jahres 1709 die Könige Friedrich IV. von Dänemark und August der Starke von Sachsen-Polen in Berlin ein, [226] um auch den Preußenkönig für ein Bündnis gegen Schweden zu gewinnen. Bei diesen politischen Verhandlungen war es, wo die „Asia“ eine besondere Verwendung fand.

Ein zeitgenössischer Bericht eines beim Berliner Hof beglaubigten auswärtigen Diplomaten schildert die eigenartige Szene folgendermaßen. „Vor dem Zeughaus waren die preußischen Truppen im Viereck aufgestellt. In der Mitte dieses stand das mächtige Geschütz, davor eine niedrige, mit kostbaren Stoffen bekleidete Treppe. Als die drei Monarchen erschienen, präsentierten die Truppen unter Trommelschlag. Sodann bestieg als erster August von Polen die Treppe und setzte sich auf das Rohr der Kanone. Ihm folgten der dänische und der preußische König. Nachdem die Herrscher also nebeneinander Platz genommen hatten, reichte der Oberhofmarschall dem preußischen König einen goldenen, mit Wein gefüllten Becher, aus dem Friedrich I. auf eine beständige und ewige Freundschaft mit seinen beiden lieben Vettern einen Schluck trank, worauf die beiden anderen ihm in derselben Weise Bescheid taten. Zum Schlusse reichten die drei Monarchen sich die Hände und versicherten mit lauter Stimme, daß das soeben geschlossene Bündnis unvergänglich sein solle wie das Erz des Geschützes, welches Zeuge dieser Abmachungen sei.“

Nun, was es mit solchen „ewigen Freundschaften“, die einen politischen Hintergrund haben, auf sich hat, zeigt uns die Geschichte der Völker an unzähligen Beispielen. Auch die Allianz Dänemark, Polen-Sachsen und Preußen hielt genau nur so lange vor, als sich keine widerstreitenden Interessen einstellten.

Die „Asia“ wurde am 11. Februar 1744 auf Befehl Friedrichs des Großen zerschlagen und das daraus gewonnene Metall zu Feldgeschützen umgegossen.

Eine genaue Abbildung der Verbrüderungskanone hängt im Berliner Zeughaus unter den Andenken an die Regierungszeit des ersten preußischen Königs.

W. K.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Näheres siehe auf Wikipedia unter w:Johann Jacobi (Erzgießer).